Read the book: «Dismatched: View und Brachvogel»
Bernd Boden
Dismatched: View und Brachvogel
Eine phantastische Dystopie
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Autor
Über dieses Buch
Personen
Glossar
Teil 1: Urb und Klave
System / ClockedCounter / Update_566 / Takt_15.563.200
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_566 / Takt_15.592.006
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_17.856.730
System / ClockedCounter / Update_562 / Takt_29.054.327
Sommersaat; erster Umlauf im fünfhundertvierundfünfzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_19.870.261
Aus dem Manual der Agency of SocialTechnology
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_23.673.891
Sommersaat; erster Umlauf im fünfhundertfünfundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_∞ / Takt_∞
Sommersaat; zweiter Umlauf im fünfhundertfünfundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_25.891.329
System / ClockedCounter / Update_563 / Takt_21.349.284
Sommersaat; fünfter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_28.457.321
Sommersaat; zweiter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_6.346.781
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_8.580.359
System / ClockedCounter / Update_563 / Takt_17.856.730
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_11.491.793
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_13.841.462
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_16.458.361
Wintersaat; siebter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_21.789.243
Wintersaat; siebter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_24.892.439
Wintersaat; siebter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_568 / Takt_26.698.351
Wintersaat; neunter Umlauf im fünfhundertneunundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_569 / Takt_28.398.987
Wintersaat; achter Umlauf im fünfhundertsiebzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
System / ClockedCounter / Update_570 / Takt_29.285.429
Teil 2: View und Brachvogel
System / ClockedCounter / Update_570 / Takt_31.286.348
Wintersaat; zwölfter Umlauf im fünfhundertsiebzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
Wintersaat; erster Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
Traumzeit
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_4.693.251
Traumzeit
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_8.905.361
Traumzeit
Sommersaat; vierter Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
Traumzeit
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_9.798.649
Traumzeit
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_11.406.978
Traumzeit
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_12.890.371
Traumzeit
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_15.890.381
Sommersaat; fünfter Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_571 / Takt_19.238.981
Wintersaat; siebter Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_14.893.491
Wintersaat; elfter Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_16.987.430
Wintersaat; zwölfter Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_20.790.341
Wintersaat; zwölfter Umlauf im fünfhunderteinundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_20.910.422
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_23.875.281
Wintersaat; erster Umlauf im fünfhundertzweiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_26.456.987
Wintersaat; zweiter Umlauf im fünfhundertzweiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_572 / Takt_28.761.895
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertzweiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_604.876
Sommersaat; vierter Umlauf im fünfhundertzweiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_3.734.812
Sommersaat; sechster Umlauf im fünfhundertzweiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_4.509.643
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_4.596.043
Sommersaat; sechster Umlauf im fünfhundertzweiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_4.787.889
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_4.789.791
Sommersaat; erster Umlauf im fünfhundertdreiundsiebzigsten Umlaufzwölft
System / ClockedCounter / Update_∞ / Takt_∞
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_4.799.312
System / ClockedCounter / Update_573 / Takt_4.810.547
System / ClockedCounter / Update_zero / Takt_zero
Ende und Anfang
Epilog
Impressum neobooks
Der Autor
Bernd Boden
Dismatched: View und Brachvogel
Eine phantastische Dystopie
Impressum
Dismatched: View und Brachvogel – Eine phantastische Dystopie
ISBN: 978-3-7502-1009-7
Imprint: Independently published / Neobooks Self-Publishing
Copyright © 5/2019 by Bernd Boden, Am Buchenwald 6, 51515 Kürten
Coverdesign: Tabea Boden
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Das Urheberrecht liegt bei Bernd Boden. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Die Weiterverbreitung, elektronische oder sonstige Vervielfältigung sowie die öffentliche Wiedergabe sind ausdrücklich untersagt und können zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Nach einem Studium der Philosophie, Germanistik und Soziologie, einer Zeit im Buchhandel und einem Intermezzo als Lehrer hat Bernd Boden in einem Fachbuchverlag lange die Bücher anderer lektoriert und jetzt endlich die Zeit gefunden, sein eigenes Buch zu schreiben, an dem er fünf Jahre gearbeitet hat.
Natürlich kein Fachbuch, sondern etwas, das er selbst gerne liest. Umfangreiche Bücher, deren Welt einen als solche schon gefangen nimmt; wenige, aber intensiv gezeichnete Charaktere; ein Plot, der sich langsam aufbaut und entfaltet und ein Thema, das über die Elemente hinaus, welche die Handlung vorantreiben, eine verallgemeinerbare Bedeutung hat.
Besonders faszinieren ihn Utopien und Dystopien, deren Szenarien nicht allzu weit von unserer eigenen Zeit angesiedelt sind und denkbare Entwicklungen in den Fokus nehmen und spiegeln.
In den Zeitläuften der Großen Mondin, die er in dem matriarchalischen Setting seines Buches beschreibt, würde Bernd Boden 63 Umlaufzwölfe zählen. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin im Bergischen Land bei Köln und arbeitet an weiteren Buchprojekten.
Über dieses Buch
Die emotionalen Höhen und Tiefen von Freiheit und Schicksal mit der Möglichkeit auf Glück oder Absehbarkeit, Berechenbarkeit und garantierte Sicherheit in tristem Mittelmaß?
Zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten:
Die Urb: Nach dem Finalen Kataklysmus haben sich die Menschen bedingungslos dem Takt des Systems überantwortet und führen ein absolut gleichförmiges Leben in totaler Berechenbarkeit und Absicherung. Ein individuelles Schicksal ist weder erwünscht noch möglich.
Unter dem Diktat einer rationalen WirtschaftsSozialität sind die gemittelten Citizens Inputgeber für das autarke und verselbstständigte System. Jegliches Verhalten, das vom Mittelwert des SocialScore abweicht, wird sanktioniert und ausgemerzt, Träume werden unterdrückt, Bücher sind in Vergessenheit geraten.
Die Klave: Angesichts der Schrecken der Großen Verderbnis haben die Mütter gemäß der Weisung der Großen Mondin ein ÖkoMatriarchat errichtet und führen die Mannlinge, deren Ungestüm und geradliniges Denken die Welt an den Rand der Katastrophe gebracht haben, mit strenger Hand. Der Zeugungsträger Brachvogel will die engen Kreisläufe der Klave durchbrechen und den offenen Horizont gewinnen.
Als aufstrebende Scout der Agency of SocialTechnology recentert View Abweichler, Dismatchte, die aus dem Mittel gefallen sind. Die Konturen ihres perfekten Lebens sind quantifiziert und vermessen und erstrecken sich klar vor ihr wie das feste Band der AntiGrav, über das die Verkehrs- und Warenströme der Urb verlaufen. Doch als sie während ihrer nächtlichen Regenerationsphase die ersten Träume hat und ihr Bücher zugespielt werden, die ein gänzlich anderes Leben vorstellbar machen, beginnt sie, allmählich aus dem Takt zu fallen.
Aber als angepasste und verhaltensgemittelte Citizen völlig in den digitalen Kokon aus Komfort, Sicherheit und Absehbarkeit ihres Lebens eingesponnen, ist es für sie zunächst unmöglich, ihre Karriere aufzugeben und die Seiten zu wechseln.
Erst die Traumschiffer der Oneironauten, die Begegnung mit Diver, dem dichtenden cerebralen Cyborg und die Liebe zu Brachvogel, dem Mannling aus der Klave der Mütter, zwingen sie, eine Entscheidung zu treffen ...
Personen
In der Urb
Kibele2k5 genannt View: Scout der Agency of SocialTechnology, schwankt zwischen der Sicherheit der Mittelung und den Verheißungen der „Traumzeit“
Lalic4j8 alias Esther: Oneironautin und Views Traumschwester, sät Traumsporen
Libik14a5: SexMate aus dem LoveGym
Greve2m8: SecondMate aus der UniqueSchool; RhythmClimber
Alobo2#23 alias Diver: Cerebraler Cyborg und Views Mentor, spricht ausschließlich in Reimen
Goff2kl alias Phileas Fogg: Head of Scouts der Agency of SocialTechnology und mächtiger „BigData“, will die Urb der totalen Gleichschaltung zuführen
weitere „Datas“: Sappho, Shelly Floatgrave, Maggie Thatcher, Joker, Marquis de Sade
Kassandra: Leiterin des Refugiums der Traumschiffer der Oneironauten in den Katakomben der SubUrb, will die „Traumzeit“ in der gesamten Urb ausrufen
Teiresias: Uhrenmeister der „Nauten“
Savonarola: Prediger wider die Digitale Glätte
In der Klave
Brachvogel: Mannling und Zeugungsträger; will die engen Kreisläufe der Klave durchbrechen und den offenen Horizont gewinnen
Agror: Brachvogels Freund aus Milchkindstagen in der Stätte der Aufzucht
Ayiah: Archontin und Große Mutter, Anhängerin der Großen Luna, Kreisbewahrerin und Mannlingsversteherin
Leial: Häuptin der Wächterinnen, Ayiahs Erzfeindin und Mannlingsverächterin
Ferruma, die Eisenfrau: Großmeisterin der Schmieden und Brachvogels Mentorin
Sanguine: Hüterin der Blutlinien
Mysia: Schamanin und Hebamme
Sonor: Wortführer des Bundes der Freien Männer
Kurabel: Herr der schnellenden Bollen
Susurrus: Ebselflüsterer
Glossar
Begriffe und Institutionen der Urb
Finaler Kataklysmus: Katastrophe, nach der sich die Citizenship der Urb dem Takt des Systems überantwortet hat
Mittelung: Prozess der totalen Gleichschaltung aller Citizens der Urb
SocialScore: Grad der Übereinstimmung eines einzelnen Citizens mit der Mittelung der gesamten Citizenship
SocialUnit: Gruppe von Citizens, mit denen ein Citizen engere SocialRelations unterhält
Dismatchter: Citizen, der signifikant vom Mittel seiner SocialUnit abweicht
MatchingLoop: Befragungsschleife, mittels derer SocialUnits sozialen Druck ausüben, um Dismatchte wieder zu mitteln
Agency of SocialTechnology: Setzt die Anträge des Systems zur Mittelung um und sorgt so durch Absehbarkeit und Berechenbarkeit des SocialBehaviour für Sicherheit
Scout der Agency: Spürt Dismatchte auf und mittelt, recentert sie
MatchingEye: Drittes Auge, das über den Köpfen der Citizens schwebend deren LifeScript aufzeichnet
Morpheustron: Einheit des MatchingEyes, die verhindert, dass sich die Citizens an ihre Träume erinnern können
Board of PredictiveProfiling: Prognostiziert auf Basis sämtlicher Daten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zukunft
Authority of PoliticalIndoctrination: Entwickelt und steuert die Messages der InfluenceBoards im Sinne der Mittelung
BadPastLessons: Zeigt den Citizens am Beispiel der Schrecken der praekataklystischen Zeiten eindringlich, dass die Mittelung in die beste aller Welten führt
RhythmClimbing: Flächendeckend gehyptes Event zur emotionalen Aufladung der Mittelung
BuyingGuidance: Sorgt durch eine stringente Einkaufsbiografie für ein optimiertes Psychogramm der Citizens
Oneironuten: Widerstandsgruppe der Traumschiffer, die die Mittelung unterwandert, indem sie Morpheustrone stört und Bücher verteilt
Einheiten des Systemtakts
Sekunde: MicroTakt
Minute: MinorTakt
Stunde: MacroTakt
Tag: MegaTakt
Woche: GigaTakt
Monat: TeraTakt
Jahr: MajorTakt
Teil 1: Urb und Klave
System / ClockedCounter / Update_566 / Takt_15.563.200
„Sicherheit ermöglicht Freiheit. – Mittelung schafft Sicherheit.
Ohne Mittelung keine Freiheit. – Abweichung erfordert Intervention .“
Agency of SocialTechnology
Der erste bewusste Eindruck, an den View sich erinnern konnte, war das sanfte Pulsieren der Statusanzeige ihres MatchingEyes über ihrer GrowUpUnit. Das kaum wahrnehmbare Surren des fliegenden Auges wiegte sie in den Schlaf. Die Linsen der Kameras folgten jeder ihrer Bewegungen. Und im Gegensatz zu den Gesichtern, die sich über sie beugten und wieder verschwanden, den bewegten Bildern, die von Zeit zu Zeit über ihrem Kopf erschienen und den mechanischen Gebilden, die sich ab und an über ihren Händen drehten, war das MatchingEye ihr nimmermüder und allgegenwärtiger Begleiter, der von Anbeginn unablässig über ihr schwebte. Seit Views Konzeption in den Genbanken der UterusLabs war über ihr MatchingEye ihr gesamtes Leben in einem kontinuierlichen LifeStream aufgezeichnet und als LifeScript abgespeichert worden.
An diesem Abend wurden anlässlich ihrer Initiation als gemittelte AveragedCitizen der Community die KeyVisuals vorgestellt, die das System als maßgebend für Views Werdegang ermittelt hatte. Neben ihrem MatchingAdvisor, ihren CustomBuddys und etlichen Vertretern der Agency of SocialTechnology und der MatchingAdministration hatten sich auch alle ihre Mates 1st-step, etliche 2nd- und 3rd-step und sogar jemand 4th-step im MatchingCube ihres Habitats versammelt.
In dem weiten, dämmerigen Raum flackerten auf holografischen Säulen Schlüsselszenen aus Views bisherigem Leben: View als Embryo im NucleusTank zusammengekauert, zum ersten Mal den Daumen in den Mund führend. View zwischen den Labien des BirthSimulators heraus ins Leben gepresst. View mit gespitzten Lippen in seliger Selbstvergessenheit an der LactoCare saugend. View erstmals ihr MatchingEye fixierend und mit den Augen verfolgend. View ihre ersten Labiallaute bildend. View, der sich ein erstes Lächeln ins Gesicht stiehlt. View die ersten taumelnden Schritte wagend. View bei ihrer ersten selbstständigen Defäkation auf dem AquaCleanAbsorber. View mit vor Konzentration zusammengepressten Lippen ihren ersten Kopffüßler malend. View mit leuchtenden Augen während ihres ersten SozioEmpathischen Trainings im CorporateGrowthCenter mit ihren Peers. View bei ihren ersten Schritten in den digitalen Weiten des OmniNets. View in verschiedenen Unterrichtssituationen während ihrer Zeit auf der UniqueSchool of Averaging. View mit glänzenden Augen und vor Erregung geröteten Brüsten während ihres ersten SexDatings im LoveGym mit Hatrico7C7. View in ihrer allabendlichen MatchingSession beim Screenen ihres DayStreams die Erlebnisse ihres Tages kategorisierend.
View fand es aufregend, so buchstäblich im Blickpunkt zu stehen. Sie schlenderte von Grüppchen zu Grüppchen, begrüßte hier jemand, den sie lange nicht outNet gesehen hatte, wechselte dort ein paar Worte und versuchte im Allgemeinen, einen guten Eindruck zu machen, denn während solcher Initiationsfeiern waren in der Regel Recruiter von Firmen und Organisationen anwesend, die einem spannende Jobangebote machten. Sie rechnete mit hoher Wahrscheinlichkeit damit, von einem Recruiter der Agency of SocialTechnology angesprochen zu werden.
Trotzdem konnte sie ihren Blick nicht von den Szenen ihres LifeScripts abwenden. Bislang war ihr immer nur der Stream ihrer jeweils aktuellen Entwicklungsperiode zugänglich gewesen und nun rauschte ihr Leben erstmals im Gesamtzusammenhang an ihr vorbei. Manches war schon so lange her, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte oder es völlig aus ihrem Bewusstsein verschwunden war. Neben vielen verschwommenen Eindrücken und Empfindungen, die die Szenen aus ihrer frühen Kindheit in ihr auslösten, stieg plötzlich ganz unmittelbar und eindringlich das Gefühl von Sicherheit und Angekommensein in ihr hoch, das sie nach ihrem ersten SozioEmpathischen Training erfüllt hatte.
Sie musste etwa 5 gewesen sein, als ihr Betreuer einen beim ProductMemory ausgebrochenen Streit zum Anlass nahm, alle 8 Kinder des Samples der GenKohorte327XK4, mit denen View im CorporateGrowthCenter täglich zusammen war, zur Unterweisung zu schicken:
„Ihr seid jetzt alt genug, um zu begreifen, warum es immer wieder zu solchen Zankereien kommt und morgen werden wir lernen, was wir machen können, damit dies in Zukunft nicht mehr so ist.“
Am nächsten Tag war dann ihr MatchingAdvisor gekommen und die Kinder hatten sich mit ihm in einen Kreis gesetzt und er hatte sie gefragt:
„Wenn ihr euch aussuchen könntet, eine Frucht zu sein, welche würdet ihr dann sein wollen? Wenn ihr gewählt habt, bekommt ihr jeweils einen Sticker mit dieser Frucht auf euer Shirt.“
Die bekanntesten Lieblingsfrüchte waren schnell gefunden und in denjenigen Fällen, wo mehrere Kinder etwa einen Apfel oder eine Birne wollten, wurden die Sticker einfach nummeriert, um eine eindeutige Identifikation mit ihrem Träger zu ermöglichen. View meinte sich zu erinnern, nach langem Zögern eine Kiwi gewählt zu haben, weil sie mit dieser Frucht bestimmt keinem anderen Kind in die Quere kommen würde. Sie war stets auf Sicherheit bedacht, wollte sich keine Blöße geben, da sie die Reaktionen ihrer Peers nie abschätzen konnte. Sie war in der Gruppe die Außenseiterin, schwamm immer nur ganz am Rande mit, ängstlich darauf bedacht, weder völlig abzudriften noch in den Strudel der Aktivitäten gezogen zu werden, in dem sie fürchtete unterzugehen. Sie fühlte sich immer fremd und war in der Gruppe niemals völlig entspannt.
„Was mögt ihr denn an euren Früchten besonders und was eher nicht? Wie sollten sie sein und wie eher nicht?“, verfolgte der Advisor seine Strategie weiter und entwickelte mit den Kindern die Gegenpole von süß und sauer, weich und hart, knackig und laff, fruchtig und herb, reif und unreif etc. Für jeweils eine dieser Dichotomien mussten die Kinder sich dann entscheiden, um die tendenziell positive oder negative Befindlichkeit ihrer Frucht zu charakterisieren. Und auch hier gab es dann die entsprechenden Sticker: Zuckerwürfel und Zitrone für süß und sauer, Kissen und Stein für weich und hart, ein prall-grünes und ein runzlig-gelbes Salatblatt für knackig und laff etc. Auch diese Sticker brachten die Kinder an ihrem Shirt an, das jeweils eher negativ besetzte Attribut aus Sicht des Betrachters links und das eher positiv Besetzte rechts neben ihrer Frucht.
„Ich möchte, dass ihr diese Sticker in Zukunft immer tragt und euch morgens immer fragt, wie ihr euch als eure Frucht fühlt, wie ihr riecht, wie ihr schmeckt, wie ihr ausseht“, entließ sie ihr Advisor. „Gut oder schlecht, knackig oder laff, süß oder sauer? Und wenn ihr eure Wahl getroffen habt, macht ihr die Smileys und Grumpies, die ich euch jetzt austeile, rechts oder links an eure Frucht. Einen Smiley rechts, wenn ihr euch eher gut fühlt und mit den anderen etwas machen wollt und einen Grumpie links, wenn ihr euch eher schlecht fühlt und wollt, dass die anderen euch vorsichtig behandeln. Wenn ihr euch nicht entscheiden könnt, ist das nicht schlimm, dann lasst sie einfach weg. Aber dann können die anderen nicht wissen, wie ihr euch fühlt, und behandeln euch vielleicht falsch.“
View gehörte zu denen, die morgens immer ihren Smiley oder Grumpie setzten und sie hasste es, wenn andere sich nicht entscheiden konnten. Endlich war sie mit ihren Gefühlen nicht mehr völlig auf sich zurückgeworfen, war aus dem Sumpf ihrer Innerlichkeit gezogen, der sie von den anderen isoliert hatte. Sie musste nicht länger befürchten, nicht verstanden zu werden oder unangemessen zu reagieren. Sie legte ihre Befindlichkeit und ihre Gefühle offen und im Gegenzug offenbarten sich die anderen ihr. So konnte es weniger zu Missverständnissen und Animositäten kommen. Und das Setzen der Smileys oder Grumpies geschah nicht etwa nur nach Lust und Laune der Kinder, sondern war vom MatchingAdvisor und den anderen großen Citizens ausdrücklich erwünscht und verbindlich gemacht worden, so dass die Kinder überzeugt davon waren, das Richtige zu tun. Falls Views Befindlichkeit sich tagsüber einmal nicht so entwickelte, wie sie es morgens angezeigt hatte ‒ und das war eigentlich oft der Fall ‒ bemühte sie sich trotzdem, sich so zu fühlen oder zumindest so zu geben, um den Erwartungshaltungen ihrer Peers zu entsprechen und sie nicht ins Leere laufen zu lassen. Damit lagen die sonst so komplizierten zwischenmenschlichen Dinge nun zum Greifen offen. View hatte endlich Verhaltenssicherheit erlangt und binnen weniger Wochen dümpelte sie nicht mehr im Brackwasser am Rande ihrer Gruppe, sondern stand in deren Zentrum.
Vergaußt und gemittelt, waren diese Zeiten schon lange vorbei, lächelte View in sich hinein. Anstelle der Unsicherheit und des Gefühls des Verlorenseins, die ihre ersten Lebensjahre geprägt hatten, waren Sicherheit und Berechenbarkeit getreten und heute bereiteten ihr ihre SocialRelations keinerlei Probleme mehr. Das System hatte ihr auf der Basis von identischen oder kompatiblen MatchingPoints jede Menge Mates zugewiesen, mit denen sie eine Grundgesamtheit bildete, deren Mitglieder mit ihren übereinstimmende Features und Merkmalsausprägungen aufwiesen oder solche, die sich sinnvoll ergänzten. Ihr gesamtes gesellschaftliches Leben spielte sich innerhalb dieser SocialUnit ab und sie genoss es, rund um den Takt eine Gruppe von Peers zu haben, mit denen sie ihre Interessen, Ideen, Wünsche und Vorlieben passgenau teilen und auch weiterentwickeln konnte. Jede Minute ihrer Zeit war getaktet und verplant. Sie war es gewohnt, ständig aktiv zu sein, Dinge zu machen und Spaß zu haben. Wie alle anderen Citizens auch genoss sie jederzeit schnelle und konkrete Verwirklichung im Hier und Jetzt. Alles war berechenbar und umgeben von Services und Produkten, die ganz unmittelbar Nutzen und Vergnügen stifteten, waren die Menschen in ein absehbares und verlässliches Gefüge von Abläufen und Aktivitäten eingebettet.
Wie View im Geschichtsunterricht an der UniqueSchool of Averaging gelernt hatte, war das Leben nicht immer so erfüllt und so sicher gewesen. In den Zeiten vor dem Finalen Kataklysmus, als die Community sich dem Takt des Systems noch nicht überantwortet hatte, konnte man nie wissen, was auf einen zukam und wälzte folglich ständig Probleme, hegte weitreichende Vorstellungen und wartete geduldig auf irgendetwas Erhabenes oder Beglückendes, das ebenso groß wie unbestimmt war und ohnedies niemals eintrat.
Jetzt hatte View die School mit einem Score von fast 100 Prozent abgeschlossen und ihr vom System erstelltes Profil im OmniNet würde das Interesse vieler spannender Organisationen wecken, so dass sie aus etlichen Jobalternativen frei würde wählen können. Sie war sich noch nicht restlich darüber im Klaren, welche Richtung sie exakt einschlagen sollte. Aber die Ergebnisse der noch ausstehenden Tests und Auswertungen würden auch ihre letzten Zweifel und Unsicherheiten ausschließen, so dass sie sich hundertprozentig sicher sein konnte, zur richtigen Entscheidung geführt worden zu sein. Die Konturen ihres zukünftigen Lebens waren abgesteckt und vermessen und erstreckten sich klar vor ihr wie das feste Band der AntiGrav, über die die Verkehrs- und Warenströme der Urb verliefen.
„Na, alles im Mittel?“, zog Siema27#X, eine von Views FirstMates, sie auf die Seite. „Wie findest du mich?“ fragte sie mit einem triumphierenden Grinsen, reckte den rechten Arm in die Höhe, winkelte die Hand ab und deutete mit dem Zeigefinger von oben auf ihren Kopf, während sie sich um die eigene Achse drehte.
Siema surfte immer auf dem Kamm der höchsten Welle dessen, was gerade gauß war. Aktuell waren das die CoatingColours. Siema schillerte in allen 7 Farben des Regenbogens, dessen Streifen sich ohne Unterbrechung gleichermaßen über ihre Kleidung, die textilfreien Hautpartien an Händen, Armen und Ausschnitt, ihr Gesicht und ihre Kopfhaut zogen.
„Wie hast du das denn hinbekommen?“ erwiderte View anerkennend.
„Neue Produktlinie von EpidermaSoft und SecondSkin. Du ziehst ein spezialbeschichtetes weißes Suit an, gewissermaßen als Grundierung ‒ und da gibt es einiges an Auswahl ‒, gehst dann zu einem ColourPoint, schlüpfst in die Kabine, wählst ein Motiv, machst die Augen zu und bekommst es dann nahtlos auf die Klamotten und dein Astralkörperchen appliziert. Funktioniert ungefähr so wie eine Rundumdusche, in der du das Ganze dann übrigens abends auch wieder abspülen kannst.“
„Das ist auch gut so, sonst würdest du morgens wahrscheinlich aussehen wie ein zerlaufenes Ganzkörpermakeup“, lachte View.
„Hab dir und den Mates den Lead zu den Produktsites schon geschickt“, informierte Siema und verschwand wieder zwischen den Leuten, um sich bewundern zu lassen.
View ließ ihren Blick über die bunte Vielfalt im Saal schweifen. Siema war eindeutig der Paradiesvogel und würde wahrscheinlich wie schon so oft wieder einmal Trendsetterin sein.
Da waren etwas abgehoben wirkende Gestalten in grauen Overalls mit dem Emblem der MaAd auf der Brust; zwei senkrecht aufgestellte Handflächen, die zu einem HighFive ansetzten und durch eine Spiegelung in einer langen Kette von HighFives ins Unendliche zu laufen schienen. View hatte dieses Emblem der MatchingAdministration immer als etwas unpassend empfunden. Die „Matchies“, wie sie genannt wurden, waren als kühle Techniker und akribische Verwalter eher nicht für ihre Temperamentsausbrüche bekannt. Wahrscheinlich versuchte man durch das Symbol der HighFive die Akzeptanz und Attraktivität der Administration in der Öffentlichkeit zu erhöhen.
In der MatchingAdministration liefen sämtliche Datenströme der Urb zusammen. Diese LegionBytes an Daten wurden auf der Basis von auf molekularer Ebene codierter und dann synthetisierter DNA in gigantischen Datenbanken gespeichert und für den Zugriff der verschiedensten Stellen und Dienste aggregiert. Wer hier arbeitete, nahm zum Frühstück wahrscheinlich codierte DNA-Sequenzen zu sich, um die darin gespeicherten Informationen im Falle eines Systemausfalls jederzeit abrufbereit zu haben. Das war nicht Views Ding, denn das System hatte ihr stark ausgeprägte Empathiefähigkeiten und einen hohen Wert in emotionaler Intelligenz ausgewiesen und daher wollte sie nicht mit Daten, sondern mit realen Menschen arbeiten. Das Betätigungsfeld der Matchies betraf dagegen immer nur den digitalen Abdruck der Realität, auch wenn View natürlich klar war, dass der in der Administration geschärfte Abdruck dann wiederum der Realität seinen Stempel aufdrückte.
Völlig anders dagegen lagen die Dinge bei der Agency of SocialTechnology, die stets von der Aura des Geheimnisvollen umgeben war. View war zwar bekannt, dass hier die LifeScripts aller Citizens, ihre sämtlichen Ratings und Rankings sowie die der Mates ihrer jeweiligen SocialUnits ausgewertet und daraus dann Psychogramme und die entsprechenden MatchingPoints abgeleitet wurden, aber wie das im Detail ablief und was hier noch so alles abging, konnte sie nur vermuten. Ganz offensichtlich an der Arbeit der Agency war nur, dass von Zeit zu Zeit deren Scouts auftauchten, viele Fragen stellten oder als stille Beobachter aus einer Ecke heraus das Geschehen mit Argusaugen verfolgten, um dann wieder zu verschwinden. So konnte View auch jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit ausmachen, wer von den Citizens im Raum ein Scout der Agency war. Nicht an der Kleidung, denn die Agents passten ihr Outfit in der Regel dem des Umfelds an, in dem sie gerade tätig waren, wohl aber an ihrem Verhalten: Diejenigen, die sich intensiv mit anderen unterhielten, dabei aber oft die Gesprächsgruppen wechselten, um möglichst viele Eindrücke zu gewinnen, mochten Scouts der Agency sein.
View tauchte in der Menge ihrer Mates und Buddies unter und steuerte auf das Buffet zu, um sich mit einem SurpriseDrink auszustatten. Dieses von der EventFactory neu entwickelte Getränkekonzept beruhte darauf, dass der unbedarfte Flüssigkeitsliebhaber aus den unterschiedlichsten Zutaten, die nicht im Detail, sondern nur in Form allgemeiner Geschmacksrichtungen oder ihrer erwartbaren Wirkung ausgewiesen waren, sein ganz individuelles Getränk zusammenstellte. Das Areal der SurpriseDrinks nahm auf dem Buffettisch eine erstaunlich große Fläche ein.
In Fächern mit Beschriftungen wie süß, sauer, salzig, fruchtig, bitter, aromatisch, pfeffrig, klebrig, perlend oder belebend, beruhigend, aufwühlend, nachdenklich stimmend, euphorisierend und vielen mehr lagen unscheinbare Aluwürfel, die lediglich die entsprechende Kategorie, eine Mengenangabe und – wenn vorhanden – den Alkoholgehalt oder den einer anderen Droge aufwiesen. Außerdem gab es da Korrelationen, die View bislang noch nie mit einem Getränk in Verbindung gebracht hatte: Pelzig-samtig, trocken-sandig, langsam-sackend, feurig-stürzend, quälend-ziehend, kurzlebig-wuchtig, nachhaltig-erstaunlich etc. Angesichts der Jobanbahnungsgespräche, die sie hier noch führen würde, beschloss sie, um die Zutaten mit Prozentangaben einen weiten Bogen zu machen. Auch das Fach mit dem Hinweis „?!“ mied sie geflissentlich. Nachdem sie spontan etwa 10 Aluwürfel mit der Beschriftung nach oben auf ein Tablett gelegt hatte, ordnete sie diese in 3 Gruppen an, legte einige Würfel zurück und ersetzte sie durch solche, die ihr passender erschienen. Mit ihrer Komposition zufrieden, schob sie die Aluwürfel nacheinander in die Aufnahmeöffnung des Mixers und betätigte den Startknopf. Das Gerät heulte kurz auf und entließ dann eine schäumende Flüssigkeit undefinierbarer Farbe in das unter dem Ausguss stehende Glas. Sie nahm einen vorsichtigen Schluck.
Uh, auf diese Geschmacksexplosion war sie nicht vorbereitet, fruchtig und dabei süß und pfeffrig zugleich. Gar nicht übel eigentlich, nur sehr ungewohnt, aber vielleicht gerade deshalb interessant genug, um sich schwarz auf weiß ausdrucken zu lassen, welche Ingredienzien genau sie sich da in welchem Mischungsverhältnis zusammengerührt hatte. So konnte sie die Mixtur bei einer späteren Gelegenheit exakt reproduzieren. Einen passenden Namen dafür hatte sie auch schon: SecureFuture. Ganz sicher mit dieser Benennung war sie sich allerdings nicht. Vielleicht erlebte sie ja bezüglich der Kategorie „nachhaltig-erstaunlich“ noch eine böse Überraschung, doch vorerst ging es ihr sehr gut.
Ihr Glas in der Hand stand View eine Weile unschlüssig herum und überlegte, in welches der Grüppchen sie sich einklinken sollte, als einer der Citizens, von denen sie vermutet hatte, dass er zur Agency gehörte, direkt auf sie zusteuerte.
„Kibele2k5?“
Aha, dachte View und nickte, tatsächlich die Agency.
„Sei gemittelt. Schöne Feier hier! Mein Name ist Sonol2ak von der Agency of SocialTechnology. Sicher hast du schon von uns gehört.“
„Natürlich ist mir die Agency ein Begriff.“
„Wir besuchen Initiationsfeiern wie diese hier aus gutem Grund, weil sich uns so eine Gelegenheit bietet, persönlich mit solch hoffnungsvollen Talenten wie dir, die frisch die UniqueSchool abgeschlossen haben, ins Gespräch zu kommen. Hast du Interesse?“
„Wie könnte ich kein Interesse haben? Die Agency ist einer der potenziellen Arbeitgeber, die mir das System mit hoher Wahrscheinlichkeit angetragen hat – aber das weißt du schon.“
„Sicher. Aufgrund deines Profils war das natürlich abzusehen. Aber Genaueres müssen wir hier auch gar nicht besprechen. Widme dich doch wieder deinen Gästen und komm morgen nach der BadPastLesson gegen Takt 54.000 bei uns vorbei. Dann besprechen wir alles Weitere. Den Lead zu meinem Profil und meinen LokalisationPoint habe ich dir bereits übermittelt. Ist das so Okay für dich?“
„Vielen Dank, ja, das werde ich tun“, bestätigte View. „Ich freue mich.“
„Dann also bis morgen“, nickte ihr der Agent noch einmal freundlich zu und verschwand wieder in der Menge.
Doppelgauß, das ließ sich ja ganz wie erwartet an, resümierte View. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde sie also bei der Agency anfangen!
Erst jetzt merkte sie, wie angespannt sie den ganzen Takt über gewesen war. Zwar hatte sie ein Recruitinggespräch in etwa dieser Richtung erwartet, aber eine Realität, die ihre Erwartungen auch tatsächlich eingelöst hatte, war immer beruhigender, als eine lediglich erwartbare Realität, selbst wenn sie eine relativ hohe Eintrittswahrscheinlichkeit hatte.
Views Blick blieb an einem der HoloScreens hängen, die die Szenen aus ihrem LifeStream zeigten. Hier musste sie etwa 12 MajorTakte alt gewesen sein. Sie stand mit der Gruppe ihrer Peers vor einem Gehege im AnimalDrom und bot sichtlich begeistert einem Waschbären, der sie durch seine von dunklem Fell umrandeten Augen zutraulich ansah, auf der flachen Hand eine Portion synthetischer Kerne an. Sie konnte sich noch daran erinnern, selbst auf die Gefahr hin, dass etwas von dem Waschbärnasch herunterfiel, den Hinweis ihres AnimalAdvisors genau befolgt zu haben, dabei die Handfläche keinesfalls zu wölben, damit das AnimalPet nicht auf die Idee kam, an ihren emporgerichteten Fingerspitzen zu knabbern.
View aktivierte den Timer ihres AeroFlats: Takt 3.487. Es war schon spät und sie merkte, dass ihre Energie um den Nullpunkt herumdümpelte. Sie drehte noch eine kurze Runde, um sich bei Freunden und Besuchern ihres InitiationEvents zu bedanken und zu verabschieden und machte sich dann zu ihrem Hexagon auf. Bevor sie das Bewerbungsgespräch mit dem Recruiter der Agency führte, wollte sie ihren Entspannungszyklus voll ausschöpfen. Die Wohnräume innerhalb der einzelnen Habitate waren konzentrisch um den MatchingCube angeordnet und so dauerte es nicht lange, bis sie die Tür ihres Hexagons hinter sich geschlossen hatte, das nur ein kleines Stück den CircuitWalk hinunter lag.
Auf dem großen Screen, der den Raum beherrschte, trat ihr eine mittelgroße Frau gegenüber, unter deren fließendem Gewand sich schlanke Glieder abzeichneten. Unter kaum wahrnehmbaren, wie fragend hochgezogenen Augenbrauen blickten sie leicht oval geschnittene blaue Augen an. Dieser Gesichtsausdruck und die Tatsache, dass sie sich niemals damit begnügte, die Dinge nur oberflächlich wahrzunehmen, sondern überall genau hinsah, um Durchblick zu bekommen, hatten View auch ihren Nickname eingetragen. Sie fand, dass die filigranen Windungen ihrer kleinen, enganliegenden Ohren zu der fast perfekt symmetrisch geformten Wölbung ihres kahlen Kopfes einen wirkungsvollen Kontrast bildeten. Die relativ hoch angesetzten Wangenknochen gaben ihrem Lächeln etwas strahlend Offenes. Mit ihrer Nase dagegen war sie nicht ganz so einverstanden, der vielleicht eine Spur zu breite Sattel erschien ihr ein wenig unvorteilhaft. Auch ihre Lippen waren vielleicht etwas zu schmal, das Kinn vielleicht eine Spur zu weich definiert. Aber all das würde sich gegebenenfalls ändern lassen. Nach einer Phase ziemlich radikaler schönheitschirurgischer Eingriffe sah es aktuell allerdings fast so aus, als würde wie so oft der Trend ins Gegenteil umschlagen und sogenannte natürliche Gesichtszüge gauß werden. Momentan war View mit ihrem Aussehen aber ganz zufrieden. Es diente ihrer Selbstvergewisserung, wenn sie sich zusätzlich zu ihrem Konterfei auf dem Screen noch in den Spiegeln sah, mit denen 3 der 6 Wände des wabenförmig angelegten Raumes versehen waren.
Sie klatschte in die Hände:
„Licht: 500 Lux, flächendeckend, cremeweiß; Geruch: Anis; Musik: Brain-
Smoother von den Averagers.“
Da sie Ordnung, Überschaubarkeit und Klarheit über alles schätze, verfügte Views Hexagon über eine Ausleuchtung, die keine Schattenareale entstehen ließ. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass der Duft von Anis sie in kürzester Zeit herunterbrachte und die Klänge von BrainSmoother taten ihr Übriges. View bevorzugte klare Linien und matte, helle Farben und so hatte sie ihren Raum in den LivingStyles „elementar“, „funktional“, „sachlich“ und „puristisch“ ausgestattet; Kategorien, in denen sie jeweils die höchste von 5 möglichen Merkmalsausprägungen gewählt hatte. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie sich Sonoki3ab, eine ihrer FirstMates, in Styles wie „verschwurbelt“, „versponnen“ und „verschattet“ wohlfühlen konnte. Deren Hexagon war eine von schwach rötlichem Licht erfüllte Höhle, in der nichts an dem Platz zu sein schein, an den es gehörte und allein die Anzeigen auf dem Screen verlässliche Orientierung ermöglichten. Da View und Sonoki aber 95 Prozent ihrer MatchingPoints teilten und so in fast allen anderen Kategorien übereinstimmten, verstanden sie sich trotz dieser unterschiedlichen Auffassung von Wohnen blendend. Das zeigte wieder einmal, welch differenzierte Analyse das System leistete, wenn es Citizens antrug, sich zu matchen.
View teilte ihr Hexagon mit einer MonsteraDeliciosa, deren große Photosyntheseflächen nachgewiesenermaßen halfen, das Wohnklima zu verbessern. Da sie gern die Kontrolle über die Dinge behielt, bereitete ihr ungehemmtes und chaotisches Wachstum Unbehagen und sie versuchte, die Triebe ihres floralen Elementes in eine möglichst zylindrische Form zu binden. Überstehende Photosyntheseflächen stutzte sie regelmäßig zurück, wobei sie darauf achtete, die Luftwurzeln nicht zu beschädigen, da diese der Versorgung dienten.
Für eine MatchingSession war sie jetzt zu müde und wollte gleich auf ihr RestBoard. Sie war sich ziemlich sicher, dass heute nichts vorgefallen war, das gematched werden musste und auch das Screening und Classifying der Rankings, die ihre Peers den Tag über vorgenommen hatten, konnte bis morgen Abend warten. Aber eine möglichst pralle Zirkulationsdusche musste einfach sein. Sie zog sich aus, schlüpfte in die Nasszelle und stellte die 8 Brauseköpfe auf höchste Intensität. Nachdem sie sich von den konzentrierten Wasserstrahlen 2 Intervalle hatte durchprickeln lassen, schaltete sie auf Trocknen und ließ sich von der warmen Luft umschmeicheln. Wie immer nach einem Tag, der ihre Erwartungen mehr oder weniger zuverlässig eingelöst hatte, beschloss die Dusche Views Aktivitätsphase und sie fühlte sich physiologisch optimal auf ihre Regenerationsphase von 7 MacroTakten vorbereitet. Sie fuhr das RestBoard aus der Wand und wählte als Einschlafmodus „sanfte Dünung“. Die Ruhepneumatik versetzte das Board in die entsprechende Bewegung und innerhalb des Medians ihrer Einschlafzeit von 5 MinorTakten sank View in ihren traumlosen Schlaf. Sobald die Sensoren ihres MatchingEyes registrierten, dass ihr Körper in den Ruhezustand übergegangen war, aktivierte sich das in das dritte Auge integrierte Morpheustron, dessen Strahlung dafür sorgte, dass die Citizens ihre Ruhephase optimal nutzten und nicht durch Traumerinnerungen aufgewühlt erwachten.
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
„Das Rund des Kreises gebiert Sicherheit und Gelingen. Wer sich ihm in Demut und Besonnenheit anheimgibt, des Werk wird glücken und seine Seele wird gesunden.
Der geraden Linie aber folgen Unsicherheit und Misslingen. Wer sie hochmütig und vorwärtsdrängend beschreitet, des Werk wird scheitern und seine Seele wird zuschanden werden.“
Archontin Ayiah
„Schonet die Schöpfung“ schallte weithin der Weckruf über das mondbeschienene Rund der Klave und befreite Brachvogel aus seinem, seit einiger Zeit immer wiederkehrenden Albtraum. In seiner Butze war es so finster wie im Bauch der Schafe, die die Freien Männer schlachteten, wenn einer der ihren die Prüfung bestand, die aus einem Mannling einen Mann machte. Gewöhnlich zuckten Schatten über ihm, die das Feuer an die Decke warf, das die ganze Nacht in einem Eisenkorb an der Ecke der Gasse unterhalten wurde. Aber seit Archontin Ayiah, die vor einem Umlaufzwölft zur Regentin bestellt worden war, dem Kreis der Weisen Frauen vorsaß, wurden nächtens nur die unbedingt zur Verteidigung oder Orientierung erforderlichen Feuer und Fackeln in den Gassen entzündet, damit Luna das volle Ausmaß ihrer Kraft über die Erde ergießen konnte, ohne dass übermäßiger Feuerschein ihre Strahlen schwächte. Das galt besonders für eine Nacht wie diese, in der die Mondin fast ihr volles Rund erreicht hatte.
Es hatte Brachvogel wieder einmal geträumt, so tief im abgründigen Rund des Brunnens im Hort der Empfängnis zu stecken, dass er selbst am lauteren Tage am Ende der sich steil über ihm reckenden endlos langen Brunnenröhre die Gestirne sehen konnte. Aus dem eiskalten Brackwasser, in dem er bis zum Nabel stand, wanden sich langsam die schuppigen und schleimigen Leiber von Schlangen und Mollusken an ihm hoch, bis er in den Windungen von Muskelpaketen und den Schlingen von warzenbedeckten Tentakeln zu ersticken drohte. Als ihm in dem verzweifelten Versuch, sich an den schlüpfrigen Quadern des Brunnenrundes in die Wärme Sols empor zu ziehen, die Fingernägel blutig brachen, drängten die Steine des Schachtes immer enger auf ihn ein und ihr tonnenschwerer Druck zerpresste ihm die Rippen.
„Schonet die Schöpfung“ ertönte es abermals und Brachvogel kletterte, erleichtert, dass der Albdruck des Traums allmählich von ihm abfiel, noch ganz benommen von seinem Lager und rüstete sich, sein Mondwerk zu beginnen. Auch in den anderen Butzen regte und reckte es sich nun und die Mannlinge, mit denen Brachvogel hauste, verließen ebenfalls ihre Bettstatt.
Die Weisen Frauen hatten ihn zum Springling bestimmt und also gehörte er zu denen, die keine feste Berufung hatten, wie diejenigen Mannlinge, die als Gehilflinge in der Großmeisterinschaft der Köhlerin, der Schmiedin, der Kesslerin, der Wagnerin, der Küferin, der Korbmacherin, der Töpferin, der Glasbläserin, der Metzgerin, der Käserin, der Müllerin, der Imkerin, der Kürschnerin, der Gerberin, der Weberin, der Schneiderin, der Schusterin oder im Gewerk der Berg- oder Holzfrau ihr Tag- oder Mondwerk verrichteten. Die Springlinge dagegen versahen die immer wiederkehrenden Obliegenheiten des Alltags, die im Haushalt einer Frauschaft anfielen, als da waren, mit den anderen Mannlingen am Fluss Wasser zu holen, das Essen zu bereiten, Feuerholz zu spalten, den Herd zu warten, die Wäsche zu versorgen. Zu ihren Aufgaben gehörte es, das Vieh zu tränken, zu füttern und auf die Weide zu führen, der Kühe und Ziegen Milch zu melken, der Schafe Wolle zu scheren, der Hühner Eier zu sammeln, des Ackers runde Furchen zu treiben und der Erde Gaben zu ernten, die Ebsel auf dem Treidelpfad zu lenken, die Esse in der Schmiede zu versorgen und den Brennofen in der Töpferei zu warten oder sich mit den anderen Springlingen zu vereinen, um in einem gemeinsamen Kraftakt einen im Schlamm versunkenen Karren wieder auf die Räder zu stellen oder mit dem Flaschenzug eine besonders schwere Last auf einen der Speicher am Hafen zu hieven.
Bei all dem war Brachvogels Zirkel eng beschränkt und immer hatte er auf das Genaueste den Anweisungen und Befehlen seiner Weisungsfrau Folge zu leisten. Und so kehrte, putzte, scheuerte, feudelte, wusch, sammelte, schabte, pulte, zupfte, klaubte, sortierte, harkte, hackte, hob, schleppte, jätete, ackerte, rackerte und fronte er, dass es eine Art hatte, bis er spätabends oder frühmorgens – wenn der Arbeitstag wie jetzt ein Mondtag war – todmüde in seine Butze sank. In sein Tagwerk eingespannt war er wie in ein Fass gesperrt, das in rasendem Lauf einen steilen Abhang herunterrollte und ihn am Ende eines jeden Tages im Felsengrund zerberstend wieder aus der Zwinge entließ, ohne dass er etwas Lebenswertes gefühlt oder geschaffen hätte.
Er neidete den Jagdfrauen ihr Tun, die niemandem Rechenschaft abzulegen hatten und ungebunden weit auf den Ebenen umherschweiften, um das gebogene Wurfholz nach Vögeln und die Bola nach größerem Wild kreisen zu lassen.
Gerne wäre er auch wie sein Freund Agror Gehilfling der Schmiedin Ferruma, Eisenfrau genannt. Zwar wich wahrscheinlich auch Ferruma unter dem ehernen Gebot der Einhaltung der Tradition keine Spanne von dem seit Frauengedenken ausgetretenen Pfad und ließ ihre Gehilflinge unter dem ewigen Gleichklang von Hammer und Amboss tagein und tagaus die ewig immer gleichen Dinge anfertigen. Aber immerhin schuf sie etwas, das nützlich und von Dauer war, und erschöpfte sich nicht in sich täglich wiederholender Fron, aus der nichts Bleibendes erstand. Sie konnte ihn gut leiden und verwehrte es ihm nicht, seine Zeit in der Schmiede zu verbringen, wann immer es ihm möglich war. Er liebte das unergründliche Glühen der Essen, das helle Klingen der Hämmer auf den Ambossen, den leicht bissigen Geruch von Holzkohle, der über allem lag, das tiefe Seufzen der Blasebälge, die die Essen mit Luft versorgten und das scharfe Zischen des weißglühenden Metalls, wenn es zum Abkühlen ins Wasser getaucht wurde. Er durfte zwar nichts anfassen, saugte aber alles, was er sah, begierig in sich auf. So hatte er beobachtet, wie die Eisenfrau und ihre Gehilflinge prüften, ob ein Werkstück heiß genug war, um bearbeitet zu werden: Sie spuckten darauf. Wenn der Speichel sofort zischend verdampfte, war das Metall noch nicht bereit. Wenn der Sputum sich aber zu kleinen Tröpfchen zusammenballte, die, bevor sie vergingen, auf dem Metall herumsprangen, wie die flachen Steine, die Brachvogel über die Wasseroberfläche der Gleiß schnellen ließ, war es richtig.
Wenn er es irgend ermöglichen konnte, ließ Brachvogel nach der Fron des Tages oder der Nacht den Wall der Klave hinter sich, um am Ufer des Flusses oder unter den Bäumen des Waldes seinen Gedanken und Fantasien nachzuhängen. Es war dies die Zeit des Untergangs oder Aufgangs der großen Gestirne, die Stunde der Dämmerung, die er so sehr liebte. Luna oder Sol hatten ihre Bahn vollendet und das jeweils andere Gestirn das Firmament noch nicht erobert. Die Konturen verschwammen geheimnisvoll im Graublau, die Dinge schienen zu schweben und legten ihre Bestimmung noch nicht offen, nichts war festgeschrieben, es herrschte weder gestern noch morgen, war weder Mond- noch Sonntag und alles schien möglich. Seit er denken konnte, lebte Brachvogel im Dazwischen, fühlte sich nirgends zugehörig, mochte sich nicht festlegen, liebte den offenen Horizont der Möglichkeiten, in dessen endlosen Weiten er sich verlieren konnte. Hier im Dazwischen war er wirkmächtig, wob sein Gespinnst von Ideen und empfand, was immer es zu empfinden gab.
Vielleicht würde es ihm ja heute Nacht gelingen, etwas ins Leben zu rufen, dass die Geschicke der Klave in neue Bahnen lenken konnte.
Doch noch war Brachvogel weder Herr seiner Zeit, noch Jagdfrau, noch der Schmiedin Gehilfling, sondern nur ein unbedeutendes, fest im Gewerk der Klave verzahntes Rädchen, das unausweichlich und unbarmherzig angetrieben wurde. Schnell schöpfte er in der Wölbung der zusammengelegten Hände Wasser aus der Schüssel, warf es sich ins Gesicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen, säuberte sich die Zähne mit dem ausgefaserten Ende eines Buchenreises, das er vorher mit etwas Pottasche bestreut hatte, band sein Schamtuch um, zog seinen Kittel an und schlüpfte in seine Sandalen.
Nachdem die Oberfläche des Wassers in der Schüssel nun wieder glatt wie ein Spiegel war, strich er sich seine braunen, schulterlangen Haare hinter die Ohren und beugte sich über das Gefäß, um sich die Stoppeln seiner Gesichtsbehaarung abzuschaben. Ein hageres Gesicht, mit weit auseinander liegenden grünen Augen, dichten Brauen, einer leicht schief stehenden Nase, einem schmalen Mund und einem energischen Kinn blickte ihn an. Vorsichtig begann er sich mit einer Tonscherbe, deren Kante er an einem Wetzstein geschärft hatte, über die Wangen zu fahren. Brachvogel hasste diese mühsame Prozedur, aber hierzu ein Messer zu benutzen, war ihm, wie allen anderen Mannlingen, die unter Haarwuchs im Gesicht litten, verwehrt. Da sein Gesichtshaar sehr schnell spross, hätte er es gern einfach wachsen lassen, doch das war verpönt und selbst die Stoppeln erregten den Anstoß der Frauen.
Als er mit seinen Genossen aus der Hütte trat, gewahrte er in einem Winkel der Gasse eine kleine Gestalt, die sie ganz unverhohlen neugierig anstarrte. Sicher ein frisch aus der Stätte der Aufzucht entlassenes Milchkind, ein Knabling, der an den Anblick von Mannlingen noch nicht gewöhnt war. Wie alle unter dem Rund von Luna geborenen Mannlinge war auch Brachvogel in der Stätte der Aufzucht ausschließlich im Kreise der Mütter aufgewachsen und bis zum Alter von sieben Umlaufzwölfen von wechselnden Brüsten genährt worden.
Seit vielen Lunaumläufen schon waren immer weniger Menschen zur Welt gekommen und jedes neue Leben war zu kostbar und unterlag unüberschaubaren Einwirkungen, als dass die Mütter es von Geburt an dem alltäglichen Leben in der Klave aussetzten. Stattdessen wurden die neugeborenen Knablinge als Milchkinder in der Stätte der Aufzucht von den Müttern umhegt und von allen schädlichen Einflüssen ferngehalten, bis sie die Milch der Friedfertigkeit untereinander, der Behutsamkeit im Umgang mit der Schöpfung und der Demut gegenüber Luna zur Gänze in sich aufgesogen hatten und in diesem Geiste gefestigt und erstarkt schließlich in das Leben in der Klave entlassen werden konnten. Die Kleinen Frauen dagegen, so munkelte man, wurden unter nicht offenbaren Umständen an einem Ort namens Hort der Weisung auf ihre Lenkungsaufgaben den Mannlingen und ihre Verantwortung der Schöpfung gegenüber vorbereitet. Es war schon seltsam, dachte Brachvogel, Mannlinge waren zwar für die Zeugung nötig, schienen aber sonst einen eher schädlichen Einfluss auf die Milchkinder auszuüben, sonst würden sie nicht so strikt von ihnen ferngehalten.
Kein Wölkchen zog am Nachthimmel dahin und die volle Luna stand schon hoch über der Klave, die von schmalen Gassen durchzogen an den Steilhang eines Berges geschmiegt am Ufer eines großen Stromes lag, den ein breiter Fahrweg säumte. Diese wenigen Nächte in den Frühjahres- und Herbstmonaten, in denen Luna gegen Ende des zweiten Viertels ihres Umlaufs fast ihre volle Gestalt erreicht hatte, bis sie in ganzer Rundung erstrahlte und dann im dritten Viertel ihres Umlaufs wieder langsam an Fülle abnahm, waren dem Pflügen der Felder und dem Säen gewidmet. So war es Brauch seit alters her und die Worte der Archontin und der Weisen Frauen bestätigten ohne Unterlass, dass diesen überlebensnotwendigen Verrichtungen, die den Ernteertrag der Klave sichern sollten, nur unter dem Lichte des Nachtgestirns ein gutes Gelingen beschieden war. Unausweichlich würde auch in dieser Nacht der vollen Mondin die Archontin die Bewohner der Klave wieder mit einer Rede voller Salbung überziehen, um die nächtlichen Arbeiten weihevoll einzuleiten.
Während die anderen Mannlinge von dergestalt Sprüchen offensichtlich angerührt und beflügelt wurden, war Brachvogel ihrer allmählich überdrüssig, konnte er doch zwischen dem, was die Archontin deklarierte und prophezeite und dem, was sich dann tatsächlich begab, niemals einen wie auch immer gearteten Zusammenhang ausmachen. Das, was sich tatsächlich ereignete, schien gänzlich von dem unabhängig zu sein, was die Archontin oder eine der Weisen Frauen stets so würdevoll verkündeten. Alle Zeremonien und Rituale konnten augenscheinlich weder Heil hervorrufen noch Unheil bannen. So hatten während der letzten Pflanzperiode in den dem Pflügen und Säen geweihten Nächten dichte Wolken den Himmel bedeckt, so dass Lunas Strahlen die Erde nicht erreichen konnten, darob die Klave gezwungen war, die Erde am Tage aufzubrechen und den Samen im Lichte der Sonne in sie zu legen. Obwohl dies natürlich als sehr bedrohliches Omen galt, war die Ernte so gut oder so schlecht ausgefallen wie ehedem. Und obwohl die Weisung der Schamaninnen immer wieder lautete, dass die Zeichen für die Empfängnis neuen Lebens gut stünden, waren in den zurückliegenden Umlaufzwölfen der Klave immer weniger Nachkömmlinge gewährt worden.
Heute Nacht nun strahlte das Licht der Mondin so hell, dass Brachvogel vom Hüttenkranz seiner Frauschaft aus die gesamte Klave bis hinunter zur Lunagleiß überblicken konnte, auf deren Wassern eine breite Bahn schimmernden Glanzes lag, die dem Strom wahrlich alle Ehre machte. Der Tag war sehr warm gewesen und der würzige Geruch von Rosmarin lag in der Luft, der sich im Sonnenglast von dem Kraut gelöst und durch den Tau der Dämmerung noch verstärkt hatte. Hinter Brachvogel ragte die Flanke des Fernwarte geheißenen Berges in die Höhe. Im Süden links neben ihm verlief zwischen Steilhang und Ufer einer der beiden Wälle, die die Klave zum offenen Land hin sicherten. Rechts neben sich erspähte er in nordöstlicher Richtung in der Ferne den gegenüberliegenden Wall. Die Klave erstreckte sich etwa zweitausend Doppelschritte in der Biegung des Flusses und mochte wohl an die dreißigtausend Häupter zählen.
Überall waren jetzt die Mannlinge zu den Versammlungsstätten unterwegs und auch Brachvogel und seine Genossen mussten flussaufwärts zum in der Mitte der Klave gelegenen großen Rund der Kündung und Versammlung. Als sie sich auf den Weg machten, sah er neben sich seinen Schatten und die der anderen schreiten. Statt sich dem Gewirr der engen Gassen zwischen den Hütten der einzelnen Frauschaften auszusetzen, die sich an der Flanke des Berges hinzogen, nahmen sie den kürzesten Weg hinunter zur Lunagleiß und folgten dann dem breiten Fahrweg am Ufer.
Die Gleiß war die Lebensader der Klave. Ihre Wasser erlaubten den Transport schwerer Lasten aus dem stromaufwärts gelegenen Umland. Die leeren Lastschuten wurden von Ebseln, die die Wildheit und Stärke des Ebers mit der Fügsamkeit und Ausdauer des Esels vereinten, weite Strecken stromauf gezogen und trieben beladen mit Getreide, Kartoffeln und Rüben, tonhaltiger Erde, Bauholz und Steinen, die zur Errichtung festerer Bauten als der üblichen Hütten benötigt wurden, wieder stromab und landeten am unmittelbar unterhalb des flussaufwärtigen Walles gelegenen Hafen an, wo sie entlastet wurden.
Es war ein immerwährender Kampf – der natürlich stets auch der beschwörenden Worte der Archontin bedurfte – den Treidelpfad, der am Ufer dahinführte, nach den Überschwemmungen im Frühjahr und Herbst wieder gangbar zu machen. Es war keine geringe Kunst, die Zugleinen so auszurichten und zu halten, dass die Leinenreiter die Schuten gut lenken konnten und die kostbare Ladung weder der Gewalt des Stromes anheimfiel und abgetrieben wurde, noch am Ufer auflief und zum Stillstand kam. Aber war die Fahrt einmal in Gang gekommen, bedurfte es nur noch geringer Anstrengung, die Schute auf Kurs zu halten. Im Gegensatz zu den vielen anderen Aufgaben, die er zu versehen hatte, liebte Brachvogel die langen und trägen Tage, an denen er von seiner Weisungsfrau zum Leinenreiter bestellt wurde. Unter sich das dampfende Tier, neben sich den behäbig murmelnden Fluss, zog er dann gemächlich dahin und musste lediglich darauf achten, dass die Leine, die vom Geschirr seines Ebsels zur Schute führte, immer straff gespannt blieb, und so gesichert war, dass sich die Zuglast gleichmäßig auf die anderen Leinenreiter verteilte und konnte ansonsten seinen Gedanken freien Lauf lassen.
Die Kraft der Lunagleiß trieb auch die Mechaniken mannigfaltiger Gewerke an, die zu diesem Behufe zwischen dem Fahrweg und in gebührendem Abstand zum Ufer gelegen waren, um gegen die Überschwemmungen gefeit zu sein. Schon von weitem vernahm Brachvogel das dumpfe, rhythmische Wummern der ersten Gruppe der drei mal drei gewaltigen Wasserräder, die durch den Druck der Fluten auf ihren Schaufeln um ihre Achsen gewuchtet wurden. Wie urtümliche Wasserwesen, die sich anschickten, ans Ufer zu steigen, erhoben sich nach einiger Zeit die Umrisse der Wasserräder aus ihren Gräben, die vom Wasser der Gleiß gespeist wurden. Ihre Naben verlängerten sich zu Wellen, an denen breite Treibriemen anlagen, die viele kleine Bewegungswerke antrieben. Ein ausgeklügeltes System von Umlenkrollen und Zahnrädern ermöglichte es, die Energien des Wassers in die jeweils erwünschte Richtung zu lenken und so zu drosseln, dass sich die Mechanik am anderen Ende genau mit der erforderlichen Kraft und Geschwindigkeit bewegte. So pumpte der Blasebalg, der die Esse der Schmiede mit Sauerstoff versorgte, in einem zwar kräftigen aber eher gemächlichen Takt, während die Wetzsteine der Messer- und Sensenschleiferei in rasender Drehung um ihre Mitte tanzten.
Neben Brachvogels Gruppe strebten jetzt auch viele andere Mannlinge dem zentralen Rund der Verkündung zu und der Fahrweg füllte sich allmählich mit eilig vorwärtsstrebenden Gestalten. In der Menge erblickte Brachvogel seinen Freund Agror, der als Gehilfling in der Schmiede der Eisenfrau arbeitete. Wie die meisten seiner Art war er hochgewachsen, überragte Brachvogel um Haupteslänge und neigte schon in jungen Jahren etwas zur Fülle.
„Schone die Schöpfung, Agror.“
„Ah, Brachvogel, schone die Schöpfung“, begrüßte ihn der Freund mit der seinesgleichen eigenen hohen Stimme. Eine Weile gingen die beiden schweigend nebeneinanderher.
„Diese Nacht scheint Luna uns gütig gesonnen“, meinte dann schließlich Agror, in den sternenklaren Himmel blickend.
„Wie du wohl weißt“, entgegnete Brachvogel, „kann ich einfach nicht glauben, dass der Stand oder die Fülle der Mondin während des Pflügens und Säens sich später auf den Ertrag der Ernte auswirkt. Dass dem vielmehr nicht so ist, haben, finde ich, die Widerfahrnisse der letzten Umläufe ja auch sattsam bewiesen. Weitaus bedeutender scheint es mir da schon zu sein, ob die Vögel die Saat aufpicken oder uns das Ungeziefer die Ähren vom Halm frisst und wie viel es in der Zeit des Wachstums regnet. Also“, und hier senkte er die Stimme, „sollte die Archontin statt weihevolle Sprüche zu sprechen und es den Strahlen Lunas zu überlassen, wo die Erde zum Säen aufgebrochen werden darf, zum Exempel lieber sämtliche Felder knapp außerhalb der Hochwasserzone an den Ufern der Gleiß anlegen und Bewässerungsgräben ziehen lassen, damit wir gegen Trockenzeiten gefeit sind.“
Solches hätte Brachvogel keinem anderen Mannling gegenüber geäußert. Doch Agror war sein einziger Vertrauter und seit ihrer gemeinsamen Zeit in der Stätte der Aufzucht schätzten sie einander wert. Weder dass der eine Gehilfling und der andere nur Springling war, noch dass sie meistens eine unterschiedliche Meinung verfochten, hatte jemals einen Keil zwischen sie treiben können.
„Ich kann nicht ergründen, wie sich das im Einzelnen und im Ganzen zueinander verhält und will auch über unsere Regeln den Stab nicht brechen“, entgegnete Agror. Auch wenn er es so nicht auszudrücken vermocht hätte, war er im Grunde doch überzeugt davon, dass die Rituale der Archontin und das den Alltag beherrschende Regelwerk zumindest niemandem schadeten, sondern im Gegenteil Vertrauen und Sicherheit vermittelten und dafür sorgten, dass alle an einem Strang zogen.
„Wie dem auch immer sein mag“, knurrte Brachvogel, „jedenfalls sind wir bedingungslos Luna, der Archontin und dem Kreis der Weisen Frauen anheimgegeben und es ist uns verwehrt, den eigenen Brägen gebrauchen.“
Das Thema war ein immerwährender Streitpunkt zwischen ihnen. Während Brachvogel ständig mit neuen – und meistens undurchführbaren – Ideen schwanger ging, wollte Agror alles so belassen, wie es war. Weniger, weil er wie viele seinesgleichen ein träges Gemüt hatte, sondern weil er fest daran glaubte, dass die Welt, so wie sie war, zum Gedeih aller eingerichtet war und es dem Menschen nicht zustand, den Dingen bis auf den letzten Grund zu gehen.
Nach einer Weile hatten sie etwa auf Höhe des großen Versammlungsplatzes eine Stromschnelle der Lunagleiß erreicht, an der die Wasser mehrere Spannen in die Tiefe stürzten. Hier lagen die Getreidemühle, die Sägemühle und die Ölmühle, deren Mechaniken ebenfalls durch Wasserräder in Rotation versetzt wurden. Diese Gewerke benötigten mehr Kraft als die flussabwärts gelegenen und so hatten die Baumeisterinnen der Klave oberhalb und unterhalb der Stromschnelle längs des Flusslaufs schmale Gräben treiben lassen, in denen die Wasserräder aufgehängt waren. Durch diese Engführung erreichte das Wasser eine höhere Strömungsgeschwindigkeit und das hier starke Gefälle der Lunagleiß ermöglichte einen Versprung zwischen Ober- und Untergraben, so dass das vor der Stromschnelle durch den Obergraben zulaufende Wasser die Schaufelkränze der Wasserräder aus mehreren Spannen Höhe traf und so seine ganze Kraft entfalten konnte, ehe es durch den deutlich tiefer liegenden Untergraben hinter der Stromschnelle wieder in den Fluss zurückgeleitet wurde.
In der Ferne konnten Brachvogel und Agror nun auch in der Nähe des nordöstlichen Walles die am Hafen liegenden Lagerhäuser und die letzte Dreiergruppe Wasserräder erkennen, die dort viele kleine Mechaniken antrieben. Hier vereinte sich ihr Zug von Mannlingen mit denjenigen, die ebenfalls den breiten Fahrweg gewählt hatten und vom anderen Ende der Klave zum großen Rund der Versammlung und Kündung strebten. Es mochten wohl an die sechshundert Häupter sein, schätzte Brachvogel. Vereinzelt waren auch schon Weisungsfrauen in ihren bodenlangen Gewändern zu sehen. Sie hatten Kränze aus ineinander verflochtenen Reisern über der linken Schulter hängen, die sie immer wieder einmal abnahmen, um allzu saumselige Mannlinge anzutreiben, indem sie ihnen damit sanft auf den Rücken tippten.
Die beiden Freunde bogen nach rechts ab und folgten einem breiten Weg aufwärts in Richtung des Zentrums der Klave. Zu beiden Seiten erstreckte sich das von schmalen Gassen und Gässchen durchzogene Wirrwarr der Hüttenkränze der einzelnen Frauschaften, aus dem weitere Mannlinge zu ihnen stießen. Nach einer Weile erweiterte sich der Weg und sie betraten einem kreisrunden Platz, an dessen zur Flanke der Fernwarte gelegenen Seite sich ein zweistöckiges aus Stein errichtetes Gebäude erhob: Der Hort der Beratung. Immer mehr Mannlinge drängten nun nach und allmählich füllte sich das Rund. Wie Schafe in den Pferch trieben die Weisungsfrauen die Mannlinge nun in geordneten Reihen zusammen und hießen sie, für die Zeremonie, in der in Bälde die Archontin zu ihnen sprechen würde, Aufstellung zu nehmen.
Nachdem Ruhe in die tief gestaffelten Reihen der Mannlinge eingekehrt war, sah Brachvogel sich um. Zusätzlich zum Licht der Mondin wurde die Freifläche von zwei Reihen Fackeln erhellt, die parallel zueinander in regelmäßigen Abständen vom Hort der Beratung bis zur Mitte des Platzes hin aufgestellt waren. Dort standen über Lagen von Holzkohle Dreibeine, an denen Kupferkessel hingen, in denen Kräuter schwelten und den Platz mit ihrem Duft schwängerten. Ganz offensichtlich nahm die Archontin ihre neue Regel, in Nächten der vollen Luna dieser kein von Menschen gemachtes Licht entgegenstrahlen zu lassen, in Bezug auf ihr eigenes Auftreten nicht allzu ernst. Auf ihre Wirkung erpicht, würde sie wahrscheinlich zwischen den Fackelreihen hindurch zum Zentrum des Platzes schreiten. Das mondüberstrahlte Rund mit der erwartungsvollen Menge der Mannlinge, auf welche die qualmenden Fackeln zuckende Schatten warfen, bot in der Tat einen eindrucksvollen Anblick. Neben dem harzigen Geruch der Fackeln und dem Duft der Kräuter stieg Brachvogel, wie schon so oft während solcher Ansprachen, die kaum wahrnehmbare Spur eines leicht pilzigen Aroms in die Nase. Wurde er davon leicht benommen oder bildete er sich das nur ein? Die anderen Mannlinge um ihn herum schienen jedenfalls nichts zu bemerken und auch niemand sonst wunderte sich über die Fackeln.
System / ClockedCounter / Update_566 / Takt_15.592.006
View sah sich um. Wie immer war die CinemaHall ihres Habitats bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Member der Authority of PoliticalIndoctrination betrat die Bühne.
„Ich hoffe, bei euch ist alles im Mittel? Wie immer freue ich mich, euch zu unserer gigataktlichen BadPastLesson in diesem historischen Ambiente begrüßen zu können. Wieder einmal möchte ich euch zu unser aller Erstaunen und Erheiterung von den Absonderlichkeiten und Kruditäten aus der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus berichten.“
Gar nichts war im Mittel, grollte View innerlich. Wie jeder Citizen war sie es gewohnt, sich über die Immersionsfunktion ihres AeroFlats, wo und wann auch immer sie wollte, Bildinformationen direkt auf die Netzhaut projizieren zu lassen und so tief in das Geschehen eintauchen zu können. Hier dagegen saß man Ellenbogen an Ellenbogen, Reihe um Reihe auf mega niedergaußen Sitzgelegenheiten, die auf einer schiefen Ebene angeordnet, jedem dem Blick auf die sogenannte „Leinwand“ erlauben sollten, über die die von der Authority of PoliticalIndoctrination aus historischen Beständen zusammengestellten „Filme“ flimmerten.
Die CinemaHall war einem der sogenannten „Kinos“ nachempfunden, wie sie vor dem Kataklysmus üblich gewesen waren. Viel FakeWood und die Wände von einer roten, wallenden Textur bedeckt, die wohl „Samt“ oder „Plüsch“ geheißen hatte. Die Toninformationen schepperten aus „Lautsprecher“ genannten Kästen, die ebenfalls an der Wand hingen. Die Luft roch stumpf und abgestanden. Im Licht der „Scheinwerfer“ stiegen und sanken unzählige Staubpartikel. View schauderte. Wenn die Atmosphäre in ihrem Hexagon so kontaminiert wäre, würde sie umgehend eine ServiceUnit ordern, damit die Filter durchgecheckt würden. Doch dauerten die Lessons nie so lange, dass ihr die Luft schädlich werden konnte und sie lernte so manches Wissenswerte über eine Vergangenheit, die die Urb zum Glück längst hinter sich gelassen hatte. Vieles von dem, was sie hier erfuhr, konnte sie kaum glauben und vieles ängstigte sie sogar.
„Heute werden wir sehen, wie sich die Menschen vor dem Kataklysmus eingezwängt in sogenannte Automobile fortbewegt haben. Diese, nennen wir sie besser Zerknalltreiblinge, bezogen ihre Energie aus einem Explosionsmotor, in dem die zu einer sirupartigen, schwarzen Flüssigkeit zusammengepressten Überreste von Tieren und Pflanzen verbrannt wurden. Diese Motoren verursachten einen Höllenlärm und stießen stinkende Abgase aus, die die gesamte Umwelt vergifteten. Aber seht und – vor allem – riecht selbst.“
Die Authority machte nie viele Worte, sondern ließ die Bilder sprechen, die auf archaischen Datenträgern in Archiven gefunden worden waren, die die Wirren des Kataklysmus weitgehend unbeschadet überstanden hatten.
Auf der Leinwand erschien ein körniges Bild, das sich flackernd in Bewegung setzte. Aus großer Höhe zoomte die Kamera auf eine endlose Schlange leidlich aerodynamisch geformter Vehikel, über der die Luft vor Hitze flimmerte. Nur alle paar MinorTakte schob sich die Kolonne ein paar Meter vorwärts, um dann wieder zum Stillstand zu kommen. Die Gesichter der Insassen hinter den geschlossenen Scheiben der Vehikel sahen nicht besonders glücklich aus. Aus den Lautsprechern hämmerte der Lärm der Motoren und jetzt emittierten verborgene SmellJets den beißenden Gestank der Verbrennungsmotoren, der den Teilnehmern der BadPastLesson binnen MicroTakten die Tränen in die Augen trieb.
„Und sollten die Blechkisten tatsächlich einmal freie Fahrt gehabt haben, ist es oft zu schrecklichen Unfällen gekommen“, verkündete der Moderator der Authority.
Unversehens wechselte der RetinaLaser von Views AeoroFlat aus dem StandBy in den Modus höchster Immersion und ihre Netzhaut wurde mit einer Flut beängstigender Bilder überzogen. Sie saß am Steuer einer solchen Blechkiste. Die Frontscheibe war voller Schlieren, doch konnte View sehen, dass sie mit rasender Geschwindigkeit unausweichlich auf ein Hindernis, offensichtlich ein anderes Automobil, zusteuerte. Der Aufprall raubte ihr sämtliche Sinne. Ihr Sitz bebte.
Die Immersion brach ab und View fand sich zitternd im Saal des antiken Kinos wieder.
„Für viele von euch mag die heutige Vorführung etwas drastisch gewesen sein“, beruhigte der Moderator seine Teilnehmer. „Aber ihr kennt die GuideLine der Authority: So schonend wie möglich, um eure, an den Komfort und die Sicherheit der Urb gewöhnten Gemüter nicht zu erschüttern, aber so authentisch wie nötig, um euch vor Augen zu führen, dass wir durch den Prozess der Mittelung im Begriff sind, die beste aller Welten zu erschaffen.“
Immer noch mit weichen Knien, drängelte sich View neben den anderen Citizens durch die engen Türen der CinemaHall in die gewohnte antiseptische Weite der Urb und war froh, für ihren anstehenden Besuch bei dem Recruiter der Agency die AntiGrav benutzen zu können.
Als sie die ihrem Habitat nächstgelegene TransmissionStation am Rand ihres LivingGround betrat, erstreckte sich vor ihr das Panorama der Urb über mehrere Plattformen, die in unterschiedlicher Höhe und Ausdehnung in die v-förmig gegrätschten Pfeiler der gewaltigen Pylone eingehangen waren, die auch die Kuppeln der Domes stützten, die die Urb überspannten. Jede der 32 auf 8 Höhenleveln versetzt zueinander angeordneten Ebenen trug eine Sektion, einen Ground der Urb, dessen Skyline jeweils von den Flagshipstores eines bestimmten Premiumanbieters beherrscht wurde. Während sich View auf ihrem Ground 22 auf Level 6 im unmittelbaren Umfeld ihres Habitats mit sämtlichen Produkten des täglichen Verbrauchs versorgen konnte, besuchte sie für viele Events oder eine möglichst repräsentative Shoppingtour auch die anderen Ebenen. Wie immer, wenn sie ihre Plattform länger nicht verlassen hatte, genoss sie die Weitsicht, die sich ihr von der Station aus bot.
Unmittelbar vor ihr dehnten sich die Bänder der AntiGrav in die Ferne, über deren ZeroGravitationStrings Gütertransport und Individualverkehr der gesamten Urb verliefen. Die 4 parallel angeordneten Strings waren um diese Zeit dicht mit geräuschlos dahingleitenden Cabs besetzt, die auf den äußeren Bändern mit hoher Geschwindigkeit passierten, während das Tempo auf den inneren Spuren kontinuierlich abnahm. Direkt über View trafen 2 Kuppeln aufeinander, deren DomeAnimation an den Rändern fließend ineinander überging. Heute Morgen projizierten die Laser einen strahlend blauen Sommerhimmel in die Wölbungen der Domes und ließen einen glutroten, scharf konturierten Sonnenball seine Bahn ziehen, ohne dass dabei Licht und Wärme der natürlichen Sonne abgeblockt wurden. Eine Schönwetterwolke, die von der über Ground 28 stehenden animierten Sonne rötlich angestrahlt wurde, schwamm von Ground 24 über Views LivingGround. Die Kongruenzfunktion der DomeAnimation sorgte dafür, dass der simulierte Himmel auch unter die tragenden Flächen aller Plattformen projiziert wurde und sich dort nahtlos fortsetzte, so dass für den Betrachter, dessen Position sich unterhalb einer Ebene befand, der Eindruck entstand, als würde sie schweben. Tief unter sich blickte View auf die mit üppiger Vegetation besetzten Dächer der vielstöckigen DomeScraper von Ground 18 und leicht versetzt noch darunter lagen die Tops der Habitate von Ground 12. Die Sockel vieler Gebäude standen in Feuchtbiotopen, deren Wasser durch den Wasserdruck und die an den Außenhüllen anliegenden Antischwerkraftfelder direkt an den Wänden in die Höhe geleitet wurde. Der so entstehende dünne Wasserfilm versorgte die Moose und Kletterpflanzen, mit denen die Wände bewachsen waren und schuf so ausgedehnte Verdunstungsflächen, die die Atmosphäre unter den Kuppeln verbesserten. Links von View war die Luft vom Tosen eines Wasserfalls erfüllt, der hoch über ihr von Ground 32 auf den weit unter ihr schwebenden Ground 16 hinunterstürzte. Feiner Nebel stieg auf, der in allen Farben des Regenbogens glitzerte, den die DomeAnimation in die Wassermassen projizierte. Die Kaskade war Teil der GaußKatarakte, deren Kreislauf die Grounds 32, 24, 16 und 8 miteinander verband.
View schnupperte: Die SmellJets emittierten einen Geruch von Jasmin. Aus den SoundSpheres erklang der neueste Hit der Mediatics, der allerdings im Donnern des herabstürzenden Wassers fast unterging. Geschieht euch recht, dachte View. Zwar standen die Mediatics in den Rankings ihrer SocialUnit ganz oben, aber sie fand ihre Harmonien einfach nur einfältig und plump. Unterschwellig wunderte sie das, denn in allen anderen Rankings war sie zu 95 Prozent gemittelt, aber was Musik anging, war sie offensichtlich etwas eigen. Wenn, wie sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartete, das Gespräch mit dem Recruiter der Agency erfolgreich verlaufen war, würde sie sich in ihrem neuen CatharsisEgg erst einmal eine Session mit ihrer Lieblingsband, den Averagers, gönnen.
Das Egg war eine eiförmige Entspannungseinheit, deren Deckel View hinter sich zuziehen und sich so von der Außenwelt hermetisch abkapseln konnte. Die innere Wölbung des MusicCaves des Eggs ihrer Wonne war ganzflächig mit SoundSpheres bestückt, deren Klänge ihren Körper wie ein zähflüssiges Fluidum umhüllten und die Liege, auf der sie sich wohlig ausstreckte, in frequenzgenaue Schwingungen versetzte, die sich unmittelbar ihrem Rückgrat mitteilten. View genoss es, auf den Klängen ihrer Lieblingsband zu floaten. Das Egg war kostspielig und von ihrem Grundeinkommen hätte sie sich diesen Luxus nicht leisten können. Aber Pear.Inc, die MateCompany, die als Kundenpate Views Werdegang sponserte, hatte ihr zum Abschluss der UniqueSchool mit der Basisversion des KatharsisEgg einen langgehegten Wunsch erfüllt. Sollte sie einmal richtig PayPoints verdienen, würde sie sich die AdvancedVersion des Egg zulegen, deren SensoHaptoren nicht nur den Anschein der Schwerelosigkeit erweckten, sondern den Floater tatsächlich schweben ließen.
Jeder Citizen ging im Alter von 12 Jahren mit einem Anbieter seiner Wahl eine auf Langfristigkeit angelegte Kundenbindung ein. Mit Zwölf hatte jeder hinreichende Produkt- und Angebotskenntnisse sowie genügend Markttransparenz erworben, um eine begründete Wahl für diese wichtige Partnerschaft treffen zu können, die exklusiv, aber nicht verbindlich war. Kunden und Unternehmen sahen in dieser Allianz eher Chance als Pflicht. Vonseiten der Anbieter, die ihre angehenden Kunden mit einer Patenschaft umwarben, hieß es daher:
„Wir haben die Verpflichtung, unseren Kunden zu dienen. Unsere Kunden aber nicht die Pflicht, bei uns zu kaufen.“
Mit dem Zustandekommen eines Clientingkontrakts wurden die jungen Citizens zu Markenbotschaftern ihrer MateCompany. Sie testeten Warenmuster, bevor die Produkte in den offenen Verkauf kamen und beantworteten im Zuge von Neuentwicklungen entsprechende Fragen zu Design und Funktionalität. Im Gegenzug gewährte ihnen der Konzern Sonderkonditionen, sponserte ihre Ausbildung und stellte einen Arbeitsplatz in Aussicht, den sie antreten konnten, falls ihnen das System keine anderen Möglichkeiten antrug. Die Unternehmen hatten mit ihren Patenkunden Scouts und Multiplikatoren in den Zielgruppen und konnten hoffen, lebenslang einen begeisterten Kunden zu haben und dessen Ertragswert in Form des CustomerLifetimeValue voll auszuschöpfen.
Die jungen Citizens ließen sich das Logo ihrer MateCompany auf die Innenseite ihres linken Unterarms einskinnen. Auf Views Arm prangte das Bildlogo von Pear: eine stilisierte auf der rechten Seite angebissene Birne, mit einem einzelnen, ebenfalls nach rechts gerichteten Blatt. Lange vor Views Zeit hatte Pear mit dem PearMonchalard den Prototyp eines portablen Kommunikators auf den Markt gebracht. Die Technik dieses AirSolidifiers beruhte darauf, durch Ionisation aus einer nur wenige Moleküle mächtigen Luftschicht ein nanostrukturiertes Gitter zu formen, das als Projektionsfläche für die durch einen Laser projizierten Inhalte diente und wie ein Touchscreen benutzt werden konnte. Inzwischen trug jeder ein solches, AeroFlat genanntes Gadget am Arm, über das die gesamte mobile Kommunikation lief. Die MatchingEyes, die alle Citizens, zwei Armlängen über ihren Köpfen schwebend, wie ihr persönlicher Duft überallhin begleiteten, stellten als HotSpot die Verbindung zum System her.
View war sich lange nicht sicher gewesen, welches Unternehmen sie zu ihrer MateCompany machen sollte, aber neben den gaußen Produkten, dem besonderen Flair und der Stimmigkeit der Markenwelt hatten letztlich ihre Einkaufsstatistik und ihre Rankings und Suchen im OmniNet den Ausschlag für Pear gegeben. View hatte sich bei ihren Peers sehr engagiert für ihre Company eingesetzt und war mit der Zeit für ihre Alterskohorte zu einer der maßgebenden OpinionLeader geworden. Und jetzt hatte sich das Unternehmen dafür erkenntlich gezeigt. Dass MateCompanies ihren Paten zum Abschluss der UniqueSchool Geschenke machten, war durchaus üblich, wenn auch nicht in dieser Großzügigkeit. Das nagelneue KatharsisEgg in ihrem Hexagon führte View auf sehr angenehme Weise vor Augen, damals zur richtigen Entscheidung geleitet worden zu sein. Pear war einfach eine doppelgauße Company. View hatte immer gedacht, einmal hier zu arbeiten, aber gerade aufgrund ihres Erfolgs als Multiplikatorin und des Gespürs für wirtschafts-soziale Zusammenhänge und die entsprechenden individuellen Befindlichkeiten, die sie damit unter Beweis gestellt hatte, hatte ihr das System in letzter Zeit vermehrt Auswertungen angetragen, die ihr ausgezeichnete Analysefähigkeiten sowie einen äußerst hohen Score in Networking und emotionaler Intelligenz bestätigten. Konsequenterweise konnte das nur auf einen Job in der Agency hinauslaufen. Und hier war sie nun auf ihrem Weg zum Einstellungsgespräch!
Um zur Agency zu gelangen, musste View die halbe Urb durchqueren. Der Sitz der Sozialtechniker lag auf Ground 32, 2 Höhenlevel über ihrem Habitat auf Ebene 22. Sie gab die Zielkoordinaten auf dem Reif ihres AeroFlats ein und nach kurzem Takt scherte eine Einheit der AntiGrav aus dem endlosen Strom der an ihr vorbeiziehenden Cabs aus und hielt direkt vor ihr. Sie stieg in die rundum transparente Kabine und sank in den Sitz, dessen Gurte sich sofort locker um ihr Becken und ihre Unterschenkel wanden, die Arme aber frei ließen. Mit dem Schließen der Einlassöffnung hob sich das Cab an, setzte sich langsam in Bewegung und driftete allmählich nach außen, wobei es zunehmend Geschwindigkeit aufnahm, bis schließlich auf dem äußersten String die wuchtigen Blöcke der Schwerkraftneutralisatoren aus massivem Cavorit in immer schnellerer Folge unter ihr vorbeiwischten und zu einem einzigen grauen Streifen verschwammen, als die Höchstgeschwindigkeit erreicht war. Da innerhalb der Kabine nun Schwerelosigkeit herrschte, teilte sich Views Körper die rapide Beschleunigung nicht mit. Während die Gurte sie sanft in ihrem Sitz hielten, genoss sie das Gefühl, ihre Arme ohne jede Muskelanstrengung in der Luft schweben lassen zu können. Eine ganze Weile glitt sie zwischen den Grounds auf dem Höhenlevel ihrer eigenen Ebene dahin, bis sich ihr Cab verlangsamte, um dann in einem senkrechten Uplift zum nächsten und übernächsten Höhenlevel hinauf zu schwimmen. Hier querte View noch 2 weitere Plattformen und umrundete fast den halben Ground 32, bis endlich die Station in Sicht kam, die ihr der TrafficPilot als DockingStation für diese Ebene zugewiesen hatte. Das Cab manövrierte nach innen, verringerte die Geschwindigkeit, kam kurz zum Stillstand, um sich dann auf einem der 8 Strings einzuordnen, über die der Verkehr transGround auf den Plattformen onGround verteilt wurde.
Auf Ground 32 gab es keine Habitate und Wohnkuben, es war die kleinste und höchstgelegene aller Plattformen und wurde nicht umsonst CapitalGround genannt. Hier waren neben den Headquartern der maßgeblichen MarketPlayer und der Agency of SocialTechnology auch alle anderen administrativen Organisationen angesiedelt: die MatchingAdministration und ihre gigantischen Datenspeicher; die BigDataAlliance mit ihren mächtigen Kumulatoren und Aggregatoren; das Board of PredictiveProfiling, dessen Wahrscheinlichkeitsberechnungen sämtliche Aktionen der SecurePatrol steuerten und die sozial-urbanen Planungen fundierten; die Authority of PoliticalIndoctrination, die unter anderem für die BadPastLessons verantwortlich war; die BuyingGuidance, deren BuyingGuards darauf achteten, dass jeder Citizen sein Persönlichkeitsprofil über eine stringente Einkaufsbiographie stärkte; die für die Einführung von Produktinnovationen zuständige BetterLifeCorporation; die PeerNetworkingParty, die während ihres gesamten Konsumentenlebens die Vergleichswerte der Einkäufe der Peers einer Alterskohorte verwaltete und deren CustomerLifetimeValue erstellte, der SocialRankingCircle, der die Wahlen der Citizens anleitete, die ihre sozialen Aktivitäten betrafen, und viele weitere Organisationen, die dafür sorgten, dass das Leben der 3 Millionen Citizens der Urb komfortabel und sicher war, weil es in gemittelten und erwartbaren Bahnen verlief, deren Eintretenswahrscheinlichkeit exakt quantifizierbar war. Es wurde gemunkelt, dass sogar die Zentraleinheit des Systems auf dem CapitalGround untergebracht war.
Heute Morgen schien die halbe Citizenship der Urb hier zu tun zu haben, doch der TrafficPilot verteilte den Andrang wie immer souverän und der Verkehr lief zwar langsam, aber flüssig. View ließ ihre Arme über ihrem Kopf schweben und die Werbung auf sich wirken, die auf die megaformatigen InfluenceBoards gestreamed wurde, die sich zwischen den Gebäuden spannten und an deren Wänden hochzogen. Im jeweiligen Einflussbereich eines Boards emittierte ihr Cab den jeweils passenden Sound. Wie 98,5 Prozent der Peers ihrer Bezugsgruppe genoss View intelligent gemachte Werbung und fand es erstaunlich, welchen Output an faszinierenden Produkten und sinnvollen Services die Corporations der Urb leisteten. Sie freute sich darauf, durch eine Tätigkeit in der Agency zukünftig dazu beitragen zu können, dass dieser nie versiegende Strom an Leistungen in den Bahnen verlief, die Komfort, Wellness und Sicherheit aller Citizens steigerten. View fand es wesentlich beeindruckender, die Commercials auf den InfluenceBoards zu verfolgen als auf dem Screen ihres Hexagons. Die riesigen Bilder und bewegten Szenen vor der im Licht der DomeAnimation flirrenden Kulisse der Urb unter den weit gespannten Kuppeln zu erleben, überwältigte sie jedes Mal von neuem.
Aha, da waren ja die CoatingColours, die ihr Siema gestern Abend vorgeführt hatte. Und hier: Offenbar gab es eine noch neuere Version des KatharsisEgg, die mit einem Set von Düften arbeitete, das man entsprechend der Musikrichtung wählen konnte, mit der man den MusicCave des Eggs beschallte. Sie wies ihr MatchingEye per VocalCommand an, einen entsprechenden CommercialMarker in ihren DayStream zu setzen: Dieses gaußaktuelle KatharsisEggOdour wollte sie sich gemütlich zuhause im OmniNet näher ansehen. Sie war gespannt, welche Duftalternativen ihr das System für die Musik der Averagers antragen würde.
Regelmäßig wurde die Werbung durch Indoctrinations des Systems oder irgendeiner Administration unterbrochen, deren Urheber immer kurz nach dem Slogan eingeblendet wurde.
„Korrelationen ermöglichen Berechenbarkeit. − Berechenbarkeit schafft Sicherheit.“ Das musste von der MatchingAdministration und BigDataAlliance kommen. Korrekt!
„Sicherheit ermöglicht Freiheit. − Freiheit erfordert Sicherheit.“ Das war mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit zukünftiger Arbeitgeber. Richtig, das Logo der Agency erschien: eine stilisierte gaußsche Glockenkurve.
„Wer die Zukunft er-mittelt, sichert die Gegenwart.“ Board of PredictiveProfiling.
„Nur ein professionell angeleiteter Kauf stärkt dein Persönlichkeitsprofil!“ BuyingGuidance.
„Messen, wählen, teilen. Was nicht messbar ist, existiert nicht.“ SocialRankingCircle.
Der Screen flimmerte und wurde völlig dunkel. Dann erschienen große weiße Schriftzeichen. Kein Clip, kein Ton, nur Text.
„Dein Schlaf gehört dir!“
Das konnte View nicht einordnen. Ein Anbieter von Luxusliegen? Kein Urheber. Da, auch auf dem nächsten InfluenceBoard.
„Dein Schlaf gehört dir!“
Jetzt überlagerte dieser seltsame Slogan immer wieder für einige MicroTakte die Werbung auf sämtlichen Boards, die View passierte, ohne dass jemals angezeigt wurde, von wem er stammte. Dann war es vorbei und die üblichen Reminder erschienen wieder.
Inzwischen war der Tower der Agency in Sichtweite gerückt. Er lag mitten in einem Geschäftsviertel, an dessen Peripherie die AntiGrav endete. View verließ ihr Cab, gewöhnte sich kurz an die Schwerkraft, die ihre Arme nun wieder nach unten zog, und bestieg einen der bereitstehenden Hover, mit denen Kurzstrecken zurückgelegt wurden. Als Member der Agency hätte sie einen speziellen Zubringer der AntiGrav nutzen können, aber noch hatte sie keinen Kontrakt mit ihrer DNA gesiegelt und so schlängelte sie sich durch die Menge der Citizens, die ganz offensichtlich ihre CasualFreeTime genossen und durch die ShoppingMalls flanierten, die eine der Prachtstraßen der Urb, die GaußAvenue, säumten. Selbst in diesem dichten Gedränge konnte sie sich erlauben, den SpeedoMat des Hovers hochzuziehen, denn dessen CrashDefender verhinderten Zusammenstöße, verursachten aber des Öfteren einen ziemlichen Schlingerkurs, um eben diese zu vermeiden.
Vor View tauchte eine Citizen auf, deren Brust und Rücken mit Tafeln behängt waren, auf denen Werbung für RetroFashion aufgebracht war. Richtig, die BadPastLessons hatten ja wieder einmal CuriosityWeeks ausgerufen, deren Thema diesmal „Die Entwicklung der Werbung vor dem Finalen Kataklysmus“ war. Diese Citizen war eine SandwichWoman, ein wandelnder Werbeträger und EyeCatcher, wie er damals wohl üblich gewesen war. View grinste vor sich hin. Kurios, in der Tat. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich mit solch statischen und analogen Informationen begnügen zu müssen, sondern liebte es, alle Pros und Cons von Angeboten umfassend und in allen Fassetten im OmniNet zu recherchieren und sämtliche Rankings der Peers ihrer SocialUnit dazu einholen zu können. Nur so ließ sich eine sichere und ihrem Psychogramm kongruente Kaufentscheidung treffen.
Die GaußAvenue endete unter einem monumentalen Bogen in Gestalt einer Glockenkurve, der auf den MesotesCircus führte, einen weitläufigen Platz, auf dem der Tower der Agency bis fast unter die Kuppel ragte. „Ohne Mittelung keine Freiheit. – Abweichung erfordert Intervention.“, stand über dem Portal. Diese Botschaft wurde nicht wie üblich auf ein InfluenceBoard gestreamed, sondern war als gewissermaßen in Stein gehauenes MissionStatement in weithin sichtbaren Lettern in das Material der Außenhaut des Gebäudes eingelassen. View stellte ihren Hover ab und sah sich um. Der Platz war dicht mit Citizens besetzt, die nach ihrer Shoppingtour an einer der zahlreichen Fontänen saßen oder in das Foyer des AgencyTowers strömten, um sich vor Ort die neuesten Statistiken anzusehen, was vor dem Hintergrund dieses Ambientes wesentlich eindrucksvoller war, als die Daten lediglich im OmniNet abzurufen.
View fiel ein Citizen auf, der sich gerade auf eine Mauer schwang, die eine der Fontänen einfasste. Seine Erscheinung wirkte irgendwie derangiert, ohne dass sie hätte sagen können, woran das lag. Der Mann breitete die Arme aus und schrie etwas über die schwach blinkenden Statusanzeigen der MatchingEyes hinweg, die über den Köpfen der Menge schwebten. View konnte nur den Rest verstehen:
„Ich bin ein Rufer in der Wüste und wahrlich, ich sage euch:
Die Fülle des Daseins ist verdorrt,
das Salz des Lebens ist verweht,
das eherne Regime der Mittelung verurteilt euch zu ewigem Gleichmaß.
Was ihr nicht suchet, werdet ihr nicht finden.
Was ihr nicht erwartet, wird euch nicht geschenkt werden.
Was ihr euch nicht vorstellen könnt, wird euch nicht beglücken.“
Erst als die Gestalt von der Mauer sprang und zwischen den Citizens untertauchte, wurde View klar, was ihr so seltsam vorgekommen war. Ein Solist? Konnte es sein, dass über dem Kopf dieses „Rufers“ kein MatchingEye schwebte? Doch ehe sie darüber Gewissheit erlangen konnte, war er schon in der Menge verschwunden.
Sie wies dem Vorfall keine besondere Bedeutung zu und betrat das Foyer der Agency, dessen Decke sich erst in der Höhe mehrerer Stockwerke über ihr wölbte. Auf den HoloSäulen, mit denen der weitläufige Raum bestückt war, tickerten die aktuellen Statistiken und Umfrageergebnisse und nahmen in um die eigene Achse rotierenden Kubusdiagrammen dreidimensionale Formen an.
View ließ sich auf ihrem AeroFlat den Weg zu Sonols WorkingCell 68/56 in einer der oberen Etagen zeigen. Da der Lift keine Zwischenhalte ansteuerte, erreichte sie Level 68 nach kurzem Takt. Dort passierte sie eine lange Flucht identisch aussehender Türen und hatte schließlich Cell 56 erreicht. Ihr Besuch wurde schon auf dem VisitorDisplay angezeigt: Kibele2k5, Takt 54.000. Die Anzeige blinkte. Sie wurde also erwartet und konnte eintreten. Sonol2ak saß über sein ManagingDesk gebeugt und arrangierte und manipulierte mit weit ausholenden ikonografischen Gesten die zahlreichen 3D-Diagramme, die aus dessen Screens wuchsen und mit ihrer Gestalt auch ständig ihren Aussagegehalt veränderten. Eine Seite der Cell war transparent und bot View einen spektakulären Ausblick. Vor ihr breitete sich nicht nur die Topografie des CapitalGround, sondern auch die der nächstgelegenen Plattformen aus.
Sonol blickte auf: „Willkommen in der Agency, Kibele2k5. Sei gemittelt.“
„Sei ebenfalls gemittelt, Sonol2ak“, erwiderte View, die Mühe hatte, ihren Blick von dem phänomenalen Panorama loszureißen. „Ich freue mich sehr, hier zu sein.“
„Ja, wir überblicken von hier aus die halbe Urb und was noch besser ist, wir haben das Verhalten der 3 Millionen Citizens und der 93.750 SocialUnits der gesamten Urb fest im Griff“, lachte Sonol und legte besondere Emphase auf „gesamte Urb“. „Aber nimm doch Platz.“
View sah sich um. Die einzige freie Sitzgelegenheit, ein drehbarer und in Höhe und Achsneigung stufenlos verstellbarer Sitzpilz, war nicht, wie sie eigentlich erwartet hätte, vor dem ManagingDesk, sondern dahinter, direkt neben Sonols Pilz platziert. Das ließ erfreulicherweise darauf schließen, dass in der Agency LeanManagement nicht nur propagiert, sondern auch praktiziert wurde. View nahm Platz, richtete sich aus und arretierte mit einem leichten Schlag auf den Stil Sitzhöhe und Neigung.
Sonol wandte sich von seinen Diagrammen ab und schwang auf View zu. „Vorab bin ich gehalten ‒ nur für den Fall, dass wir nicht zusammenkommen, wovon ich zwar nicht ausgehe, aber immerhin ‒ dich darauf hinzuweisen, dass du alles, was du in diesem Gespräch erfährst, streng vertraulich behandelst. Wenn du Member der Agency bist, bekommst du ohnehin eine Sicherheitseinstufung, aber solange du die noch nicht hast, muss ich mich darauf verlassen können, dass nichts, worüber wir nun sprechen werden, aus den 6 Wänden dieser Cell dringt. Einverstanden?“
„Sicher.“
„Wir hier in der Agency versehen gewisse hoheitliche Aufgaben, die mehr als entscheidend für die Mittelung und damit für die Sicherheit und das Weiterkommen der Urb sind und wir sind der Meinung, dass uns das zu einem gewissen Sonderstatus berechtigt.“
Aufmerksam fixierte Sonol Views Blick und als er nichts darin fand, was ihn daran hindern konnte, offen zu sprechen, fuhr er fort: „Bislang bist du, wie alle anderen auch, sicher der Ansicht, dass alle Citizens in ihrem Wünschen, Streben und Verhalten nach Möglichkeit gemittelt und folglich gleich sind. Das ist im Prinzip auch angemessen und in Bezug auf Wellness und Sicherheit aller auch dringend notwendig. Und doch gibt es einen Unterschied. Du kennst den Grundsatz: ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen.‛ Diesem Grundsatz trägt das BasicIncome Rechnung, das jeder Citizen bezieht und das unabhängig dessen, was er zum großen Ganzen beiträgt, einen grundlegenden Lebensstandard sichert, hinter den niemand zurückfallen kann.“
Hier drängte sich View sofort der Gedanke an ihr KatharsisEgg auf. Schon die BasicVersion hätte sie sich von ihrem Grundeinkommen nicht leisten können und an das KatharsisEggOdour wäre erst gar nicht zu denken.
„Wir hier in der Agency erweitern nun den Grundsatz ‚Jedem nach seinen Bedürfnissen‛ um den Zusatz ‚Dem Einzelnen gemäß seinen Fähigkeiten‛. Die Grundbedürfnisse aller Citizens sind gleich und jeder der 3 Millionen Citizens unserer Urb hat ein Anrecht darauf, dass sie befriedigt werden.
Doch die Fähigkeiten der Citizens sind ungleich verteilt und um die Urb in Funktion zu halten, ist auch eine gewisse Diversität der unserer Citzenship zugrunde liegenden Genkulturen unumgänglich. Ganz vordergründig betrachtet erfordern administrative und steuernde Funktionen nun einmal höhere Qualifikationen als rein repetitive und reproduktive Tätigkeiten. Die BadPastLessons werden dir anschaulich gemacht haben, dass in den Zeiten vor dem Finalen Kataklysmus ein Großteil der Menschen in solchen rein reproduktiven oder gar repetitiven Sektoren tätig war. Die sich in sturer Mechanik ständig wiederholenden repetitiven Tätigkeiten haben wir gründlich abgeschafft und auch der Großteil der reproduktiv versorgenden Arbeiten ist von den Service- und MaintenanceUnits übernommen worden.
Mit dem erforderlichen Abstand und angesichts der komplexen Hintergründe betrachtet, wäre es aber trotz dieser Errungenschaften in Wissenschaft, Robotik und Nanotechnologie suboptimal, in unseren GenBanken und UterusLabs nur Citizens mit herausragenden Fähigkeiten zu generieren, weil wir damit gewissermaßen alles auf eine Karte setzen würden. Denn sämtliche Informationen, die uns aus der Zeit vor dem Kataklysmus zur Verfügung stehen, haben gezeigt, dass nur die Systeme längertaktig überlebensfähig waren, die über eine gewisse Vielfalt ihrer Mitglieder verfügen konnten. Ausschläge ins Extreme, sowohl eine zu hohe Diversität und Vielfalt als auch eine zu große Homogenität und Einheitlichkeit, waren dagegen immer verhängnisvoll.
Eine überschaubare Vielfalt in gemittelter Qualität zu schaffen lautet daher die Devise. Im Grunde eben genau das, was die klassische Gaußsche Glockenkurve auszeichnet.“
Sonol hielt inne, lächelte und sah View an: „Wenn ich zu sehr ausschweife, unterbreche mich ruhig. Konntest du mir bis dahin folgen?“
„Geht schon in Ordnung. Ich frage mich nur, was hier konkret die Aufgabe der Agency ist.“
„Die Aufgabe der Agency ergibt sich aufgrund der Tatsache, dass Genpool und Sozialisation zu ungefähr gleichen Teilen zur Entwicklung und damit dem Verhalten der Citizens beitragen; es ist bislang noch nicht gelungen, das genaue Verhältnis exakt zu ermitteln. Den GenCoktail können wir zwar zu 100 Prozent bestimmen, die Sozialisation, die ja bei aller Normierung und Mittelung immer auch auf subjektivem Erleben beruht, lässt sich dagegen nicht hundertprozentig beeinflussen.
Die Generierung neuer Citizens überlassen wir getrost den Biotechnikern, die gemittelte Qualität der Sozialisation zu gewährleisten aber ist unser Ding. In Bezug auf die Konzeption neuer Citizens hört die Arbeit der Genbastler genau dann auf, sobald ein kleiner Citizen sich anschickt, den BirthSimulator zu passieren. Da die Sozialisation aber ein Leben lang andauert, begleitet die Agency einen Citizen eine weitaus längere Strecke und unsere Einflussnahme endet erst, wenn ein Citizen die Ebene wechselt und sein Körper in den ZeroWaste-Kreislauf eingespeist wird.
Schon die Einführung des BirthSimulators geht auf uns zurück. Statt unseren ausgereiften Nachwuchs einfach den NucleusTanks zu entnehmen, schicken wir ihn durch den engen Schlauch des BirthSimulators und simulieren so die Bedingungen der Humangeburt. Als Kinder noch auf dem sogenannten natürlichen Wege auf die Welt kamen, war die Erfahrung der Enge des Geburtskanals das erste Angsterlebnis, das für ihre spätere Einstellung gegenüber Risiken und Gefahren prägend war. Der Mythos und psychologische Studien besagen, dass das Angstempfinden von Kindern, die dieses Geburtstrauma nicht durchleben, geringer ausgeprägt ist. Und Citizens, die wenig oder gar keine Angst haben, verhalten sich nicht berechenbar und sind damit nur schlecht zu mitteln. Das ebenfalls von uns entwickelte Konzept der BadPastLessons beruht ebenfalls auf Angst.“
Und es funktionierte, erinnerte sich View schaudernd an ihre Fahrt in dem „Zerknalltreibling“.
„Aber ich schweife ab – deine Aufgabe in der Agency: Um also im Rahmen der Sozialisation jedes Citizens diese, wie schon gesagt, überschaubare Vielfalt in gemittelter Qualität schaffen zu können, suchen wir solche aus der Masse herausragenden Talente wie dich. Du hast mit deinem Einsatz für deine MateCompany – übrigens eine sehr gute Wahl – eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass du nicht nur die Motive der Peers deiner unmittelbaren SocialUnit, sondern darüber hinaus auch die anderer Citizens nachvollziehen und in gemittelte Bahnen lenken kannst, die daher geeignet sind, die WirtschaftsSozialität der Urb zu stärken.“
Hier sah Sonol View erwartungsvoll an.
„Was hätte ich denn in dieser Hinsicht in der Agency konkret zu tun?“
„Diese berechtigte Frage habe ich schon viel früher erwartet. Offensichtlich bist du aber an Hintergründen interessiert und kannst zuhören, ohne zu unterbrechen und vorschnell falsche Schlüsse zu ziehen. Auch eine nicht ganz unbedeutende Qualifikation für den Job, den wir dir anzubieten haben. Ich will versuchen, mich kurz zu fassen.
Die grundlegenden Abläufe der Matchingprozesse in der Urb sind dir natürlich bekannt: Ihr Ziel ist – und das kann ich nicht oft genug wiederholen – das Schaffen von Sicherheit durch eine überschaubare Vielfalt in gemittelter Qualität. Lass uns mit diesem Ziel im Hinterkopf einmal die grundlegenden sozialen Aktivitäten ins Auge fassen, also im Grunde alles das, was du im Rahmen einer MatchingSession managst. Was regelst du denn da so?“
View zögerte kurz. War das eine versteckte Prüfung? Doch wie auch immer, sie musste antworten. „Ich bewerte, ranke, klassifiziere und kategorisiere das, was die Peers meiner SocialUnit und ich tagsüber erlebt haben, um es in Übereinstimmung zu bringen und Mitteln zu können.“
„Was machst du da beispielsweise ganz konkret?“
„Ich beurteile und bewerte meine Meinungen, Einstellungen und mein Verhalten, indem ich sie den vom System angetragenen Kategorien zuweise und in ein Ranking einordne, ich klassifiziere Produkte und Services, bringe sie ebenfalls in eine Rangfolge und analysiere so meine und die entsprechenden Käufe der Peers meiner SocialUnit ... und im Zweifelsfalle starte ich eine MatchingSchleife, um ein Verhalten, die Bewertung eines Verhaltens oder die Bewertung eines Produktes oder eines Services zu mitteln.“
„In welchem Zweifelsfalle?“
„Ja, natürlich immer dann, wenn ein Peer im Verhalten, einem Kauf, einer Meinung oder einem Classifying vom Mittel meiner SocialUnit zu sehr abweicht, versuchen wir übrigen Peers das in einem MatchingLoop wieder anzugleichen und zu mitteln.“
„Ganz genau! Wie erlebst du es, wenn deine SocialUnit wegen deines eigenen Verhaltens oder Votens ein MatchingLoop startet?“
„Dann bin ich immer neugierig festzustellen, aufgrund welchen Verhaltens, welcher Wahlen, Classifyings und Votings ich vom Mittel abgewichen bin und bin, ehrlich gesagt, auch immer etwas unruhig, bis dann alles geklärt ist.“
„Schön. Das verstehe ich sehr gut. In der Regel kann es ja durchaus einigen Takt dauern, bis jemand wieder in die Mitte seiner Unit zurückgeholt wird. Schließlich sollen der Loop und die individualisierten Anträge des Systems ja niemanden abrupt in die Mitte zurückzwingen, sondern davon überzeugen, dass Mittelung eine höhere Lebensqualität bringt, weil sie unser aller Leben vorhersehbar und damit sicherer macht. Unser Ziel, eine absolut sichere Gesellschaft zu schaffen, können wir langfristig nur über Einsicht erreichen. Zwang schafft zwar kurzfristig Stabilität, provoziert aber letztlich immer Widerstand. Und Widerstand macht die Dinge unberechenbar.
Aber, um auf unser Thema zurückzukommen, deine Aufgabe in der Agency: Worin siehst du den Unterschied zwischen einem Kauf oder einem Verhalten einerseits und einer Bewertung, einem Ranking oder einer Klassifizierung andererseits?“
„Mhm, was meinst du damit?“
„Kaufen und Verhalten oder Classifying und Ranken ... all das sind wirtschafts-soziale Handlungen. Aber siehst du zwischen ihnen einen grundlegenden Unterschied?“
Was sollte das nun wieder? View überlegte angestrengt. „Verhalten und Kaufen lassen sich irgendwie anders nachvollziehen als Classifying und Ranken. Wer was, wie, wo und zum großen Teil auch warum gekauft hat, ist in OmniNet ja in allen Details nachvollziehbar und alles Verhalten wird von den Recordern unserer MatchingEyes aufgezeichnet und ist jederzeit wieder abrufbar. Classifying und Ranken sind zwar auch dokumentiert, aber sie sind einfach nicht so greifbar ... da ist noch etwas anderes, irgendwie noch mehr.“
„Nicht so greifbar … Das gefällt mir gut. Du bist auf der richtigen Spur. Denke da mal weiter.“
„Verhalten und Kaufen sind vielleicht die äußeren Ergebnisse von eher inneren Prozessen, die mit Meinungen und Bewertungen, also letztlich mit Classifying und Ranken zu tun haben.“
„That’s it: innen und außen. Eine Einsicht wie diese hatte ich von dir erwartet und damit hast du exakt die Grundlage und dringende Notwendigkeit unseres Jobs charakterisiert! Die LegionBytes an Daten, die in der MatchingAdministration zusammenlaufen, schaffen einen überaus mächtigen Datenkorpus und mittels der dort gespeicherten LifeScripts lässt sich praktisch jede wichtige Schlüsselszene im Leben eines jedes Citizen nachvollziehen und beurteilen. Auf Basis der Algorithmen, die uns das System anträgt, sind wir in der Lage, aus Daten, die scheinbar nicht das Geringste mit einander zu tun haben, Zusammenhänge zu erkennen und Bezüge zu stiften, denen wir mit unseren kurz greifenden Alltagsverstand und logischem Denken nicht einmal ansatzweise auf die Spur gekommen wären.
Etwas überzogen ausgedrückt, korreliert das System die Frequenz des Wimpernschlags und die Anzahl der Sommersprossen von Korol2ax auf Ground 7 und seine Präferenz, in 83,54 Prozent seiner Besuche im HoloCine auf Ground 29 in Reihe 18 zu sitzen, mit der Tatsache, dass Agnat6n4 niemals auf Ground 12 zum RhythmClimbing gegangen ist, und kann darüber die Wahrscheinlichkeit, dass Azot5m1 in den nächsten 12,53 MegaTakten im FlagshipStore von Pear auf Ground 19 einen ChaosOrganizer 3.0 kaufen wird, mit einer bis auf die vierte Nachkommstelle exakten Wahrscheinlichkeit prognostizieren.
Damit haben wir nicht alles, aber doch das meiste im Griff. Es ist tatsächlich so: Korrelationen bringen Vorhersagbarkeit und damit Sicherheit. Wenn du nun noch bedenkst, dass wir selbst das Verhalten von Dismatchten ‒ so bezeichnen wir Citizens, die lang anhaltend oder extrem abweichen ‒ durch individuell zugeschnittene Fragen und Anträge des Systems Stück für Stück wieder recentern, ausmitteln und sie zudem durch die Bindungs- und Kohärenzkräfte der MatchingLoops ihrer jeweiligen SocialUnit nach und nach wieder zentriert werden, wird klar, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Großteil des Verhaltens voraussagen können. Der Zuwachs an Sicherheit für die Urb steigt so kontinuierlich.
Aber so mächtig der uns zur Verfügung stehende Datenkorpus und die allgegenwärtige Tendenz zur Mittelung auch sind, erfassen wir letztlich doch immer nur das Äußere eines wirtschafts-sozialen Verhaltens. Das System kann den Citizens immer nur vor die Stirn blicken, nicht aber in den Kopf sehen. Doch wir sind ehrgeizig, wir wollen mehr. Erst wenn sich uns auch das Innere jedes einzelnen Citizens erschließt, weil wir die seinem Verhalten zugrunde liegenden Beweggründe und Motive verstehen, können wir alles verstehen und damit auch alles prognostizieren.
Und hier kommst nun du ins Spiel. Wir brauchen empirische Feldforschung, um zu ergründen, was einen Citizen dazu bringt, vom Mittel abzuweichen. Wir brauchen empirische Feldforschung, um Aufschluss über die Wirksamkeit von Anreizfaktoren und Motivatoren für die Wahl von Kategorien und die Abgabe von Votings und Ratings zu bekommen, die das System Abweichlern anträgt, um sie wieder zu mitteln Was motiviert einen Abweichler – im Extremfall einen Dismatchten – ganz konkret und im Detail, die individuellen Anträge des Systems anzunehmen oder dem Druck seiner Peers nachzugeben? Welche tieferen Beweggründe hat er, wieder in die Mitte seiner Unit zurückzukehren? Je mehr wir darüber wissen, desto wirkungsvoller können wir mithilfe der Anträge des Systems unsere Interventionen gestalten und steuern, desto schneller können wir Abweichler wieder einfangen und mitteln.
Natürlich stellt das System entsprechende Test- und Kontrollfragen, natürlich zeichnen die MatchingEyes während ihrer Beantwortung und auch im Verlauf eines MatchingLoops selbst minimale Veränderungen der Mimik auf und natürlich messen und melden die Nanobots in den Körpern der Citizens Veränderungen in der Körperchemie, die auf die Vorgänge in ihren Köpfen schließen lassen. Trotzdem bleibt da immer noch ein mehr oder weniger großer Bereich an innerer Disposition, der für uns eine BlackBox darstellt, deren Inhalt wir nicht erfassen können – noch nicht erfassen können.
Wir haben feststellen müssen, dass die Interaktion mit dem System, also Face to Screen oder Face to MatchingEye, zwar viel, aber eben nicht alles im Verhalten offenlegt. Hier im direkten Kontakt, also Face to Face, unterschwellige Stimmungen, Gefühlsströmungen, Hemmnisse, Antriebe, Wünsche und Vorstellungen aufzuspüren, ist Aufgabe unserer Scouts. Interessiert?“
Sonol wartete Views Antwort erst gar nicht ab. „Natürlich bist du interessiert! Schließlich deuten sämtliche Scores und Indices, die uns das System über dich angetragen hat, auf deine herausragende Eignung für einen Job als DismatchedScout in der Agency hin.“
„Ich hatte gedacht, bevor sich die Agency endgültig für mich entscheidet, noch etliche Tests absolvieren zu müssen“, wunderte sich View.
„Das ist nicht erforderlich. Glaube mir, wären wir uns nicht völlig sicher, dass jeder, den wir ansprechen, Member der Agency zu werden, auch hundertprozentig dafür geeignet ist, müssten wir uns ernsthaft fragen, ob wir wirklich in der Lage sind, unseren Job hundertprozentig zu machen. Aber keine Sorge. Du kannst sicher sein: Wir machen unseren Job – und zwar mehr als hundertprozentig. Deshalb habe ich auch nicht gezögert, dir hier einige Dinge zu verraten, die der einfache Citizen nicht unbedingt wissen muss.“
„Doppelgauß, dann kann ich also hier anfangen?“
„Du kannst hier anfangen. Im Rahmen deiner Tätigkeit wirst du eng mit dem Board of PredictiveProfiling zusammenarbeiten. Denn wenn es uns gelingt, die Überzeugung, dass Abweichung Unsicherheit schafft und somit Lebensqualität schmälert, dauerhaft in den Köpfen der Citizens zu verankern, können wir auch zukünftige Abweichungen verhindern. Und da sind wir, besonders auch mithilfe solcher herausragenden Talente wie dir, auf einem sehr guten Weg. Willkommen, also als DismatchedScout im Rahmen des PredictiveProfiling-Programms der Agency of SocialTechnology!“
Sommersaat; dritter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
Ein tiefes Dröhnen überzog das große Rund der Kündung. Es entsprang dem dunklen Gebrumm der Bordunsaiten von Drehleiern, die von Klangfrauen gekurbelt wurden, die aus allen vier Himmelsrichtungen aus dem Gewirr der Hütten heraus auf das Rund traten. Das sonore Brummen brachte die Eingeweide der Mannlinge zum Beben, erfüllte ihre Gehörgänge, sickerte durch die Poren ihrer Haut, breitete sich über ihre Blutbahnen in ihrem Gewebe aus, drang in das Mark ihres Gebeins ein und setzte sich schließlich unter ihren Schädelplatten fest. Nach und nach wurden alle von der Macht des monotonen Klanges erfasst und begannen, die Oberkörper hin und her zu wiegen und es entstand eine Bewegung in der Menge, als führe der Wind durch die Ähren eines Feldes. Brachvogel, der dies beileibe nicht zum ersten Mal erlebte und aus dem Augenwinkel heraus sah, wie auch der neben ihm stehende Agror wieder einmal dem Klang erlag, stellten sich die Härchen an den Unterarmen auf. Er begann, seinen Geist mittels der Methode, die er im Laufe der Zeit entwickelt hatte, aus dem auch in ihm aufbrandenden Zustand der Lähmung zu befreien, indem er sich mit aller Macht von der dunklen Schwingung der Bordunsaiten losriss und sich stattdessen auf die nun einsetzende Melodie konzentrierte, die den Bass des durchdringenden Haltetons überlagerte. Dazu ließ er seinen Blick weit umherschweifen und fixierte mit den Augen in schneller Abfolge möglichst viele unterschiedliche Punkte, um seinen Sinnen genug Abwechslung und selbst gesteuertes Erleben zu bieten, damit sein wacher Geist nicht in dem Ruf des Sanges der Drehleiern unterging.
Mit einem lauten Knarren schwangen nun die Flügeltüren des Horts der Beratung auf und entließen die aus vierzehn Wächterinnen bestehende Leibwache der Archontin. Sie trugen Koller und enge Beinlinge aus geschmeidigem Leder, die ihnen größtmögliche Bewegungsfreiheit gewährten. In ihrem Gürtel stak das Wurfholz und um die Hüften hatten sie die Seile der Bola geschlungen, deren Kugeln beim Gehen an ihren Oberschenkeln hin und her pendelten. Es folgten die Weisen Frauen und zuletzt Ayiah, die Archontin, selbst. Die Weisen Frauen waren in die übliche Gewandung aus brauner, bodenlanger Kutte gehüllt, die je nach Bedarf mit einem Gürtel gerafft und geschürzt werden konnte. Die Schultern bedeckte ein breiter, weit ausgelegter Kragen, von dem auch die Kapuze hing, deren lang auslaufende Spitze in herabgeschlagenen Zustand bis weit über die Taille reichte. Außer dass ihr Demutskranz im Gegensatz zu den braunen Kränzen der Weisen Frauen aus frischen grünen Reisern gewunden war, unterscheid sich die Archontin in keiner Weise von ihnen.
Die Wächterinnen fächerten sich auf und bezogen auf der Linie der Fackeln Stellung. Indem die Tonfrauen die Kurbeln ihrer Leiern nun nicht länger gleichmäßig, sondern mit kleinen Rucklern betätigten, erzeugten sie zu Grundton und Melodie noch ein rhythmisches Schnarren, in dessen Takt die Archontin zwischen den Fackeln vorwärtsschritt, bis sie die Mitte des Platzes erreicht hatte. Bis auf das sonore Tönen der Basssaiten ebbte die Musik nun ab, die Archontin schlug ihre Kapuze zurück, musterte die Menge der um sie versammelten Mannlinge mit strengen und wachsamen Blicken und hub dann zu sprechen an:
„Versammelte Mitgeschöpfe, geliebte Schwestern, arbeitsame Mannlinge: Schonet die Schöpfung. In zwei Nächten wird Luna in diesem Umlaufzwölft zum dritten Male ihre volle Gestalt erreicht haben und wir finden uns hier auf diesem Rund ein, um in tiefer Demut die Gnade des sanften Gestirns auf uns herabzuflehen. Wenn wir nun ausschwärmen, um heute Nacht und in den nächsten Nächten die Erde für die Aufnahme des Samens zu bereiten, möge Luna uns beistehen, auf dass wir reiche Frucht einbringen.
Wir ackern des Nachts, denn Lunas sanftes Strahlen bewahrt die Natur und öffnet uns die Dinge nur soweit, wie es der Schöpfung frommt. Sols grelles Brennen aber zerrt alles ans Licht und scheint der Natur so ihre Geheimnisse zu entreißen, gaukelt uns ihre Beherrschbarkeit aber nur vor.
Wir ackern im Rund, denn der Kreis gebiert Sicherheit und Gelingen. Wer sich dem Rund des Kreises im Geist der Mütter in Demut und Besonnenheit anheimgibt, des Werk wird glücken und seine Seele wird gesunden. Der geraden Linie aber folgen Unsicherheit und Misslingen. Wer die Gerade in mannlingscher Hoffart vorwärtsdrängend beschreitet, des Werk wird scheitern und seine Seele wird zuschanden werden.
Solches zu tun ist uns überliefert seit den Zeiten der Großen Verderbnis, als sich die Menschen unrettbar verstrickt in mannlingscher Denkungsart und getrieben von grenzenloser Gier an den Rand des Abgrunds gebracht haben.“
Der Archontin Stimme war immer lauter und eindringlicher geworden und mit dieser Anklage riss sie sich den Kranz der Demut und Besonnenheit von ihrer linken Schulter, reckte ihn mit beiden Händen und ausgestreckten Armen hoch über ihren Kopf und rief:
„So wie die Enden der ineinander verflochtenen Stränge dieses Kranzes immer wieder zueinander finden und kein Strang aus dem Kreis ausbricht, wollen auch wir nicht in mannlingschem Ungestüm und mannlingscher Hoffart aus der Natur ausbrechen, sondern uns in mütterlicher Demut und Besonnenheit ihren Kreisläufen fügen und unterwerfen. Denn nicht wir beherrschen die Natur, sondern die Natur beherrscht uns. Die Natur duldet uns nur. Deshalb fordern wir nichts von ihr. Deshalb drängen wir uns ihr nicht auf. Deshalb nehmen wir nur, was sie uns freiwillig zu geben bereit ist.
Wir Frauen tragen den Kranz der Demut und Besonnenheit, um euch Mannlinge ständig augenfällig zu machen, dass wir unauflöslich in die Kreisläufe der Natur eingebunden sind. Wir tragen diesen Kranz über der linken Schulter, aus der der Herzarm erwächst, um euch Mannlinge ständig zu gemahmen, nicht den Einflüsterungen eures Geistes zu erliegen, der mit der Stimme der Hoffart zu euch spricht, sondern auf euer Herz zu lauschen, in dem euch das ewige Lied der Natur erklingt.
Solches tun wir, damit wir nicht in einer neuerlichen Verderbnis zuschanden werden, sondern in Einklang mit der Schöpfung leben immerdar.“
Mit diesem Appell ließ die Archontin ihre Arme wieder sinken, hängte sich den Kranz über die Schulter, warf noch einen letzten Blick über die versammelte Menge und schritt zu dem Takt des Schnarrens und den Klängen der Melodie, die nun wieder einsetzten, zurück zum Hort der Beratung. Als sich dessen Türen langsam hinter ihr geschlossen hatten, wurde der Sang der Drehleiern immer leiser, nur das Brummen der Basssaiten flutete noch eine geraume Weile über den Platz. Als dann schließlich auch die letzten Schwingungen abgeebbt waren, schwangen die pendelnden Oberkörper der Mannlinge allmählich aus und es kam wieder individuelle Bewegung in die Menge.
Neben Brachvogel, dessen Geist dieses Mal mehr Energie hatte aufwenden müssen als sonst, um den dunklen Lockungen zu widerstehen, erwachte nun auch Agror langsam aus seiner Benommenheit.
„Nun, wohl geruht?“, griente Brachvogel ihn an. Er hatte die eigenartige Wirkung des tiefen Tönens oft genug beobachten können: Stets waren die, die ihm anheimfielen, von dem beseelt, was die Archontin in solchen Ansprachen beschwor, konnten sich aber mit wachem Geist an nichts erinnern, was vorgefallen war.
„Was heißt hier geruht“, erwiderte Agror, „ich habe die Botschaft der Archontin aufgenommen.“
„So, welche Botschaft genau hat sie uns denn heute zu Gehör gebracht?“, hakte Brachvogel nach.
Wie immer, aus einem Dämmerzustand auftauchend, zog Agror, offensichtlich angestrengt überlegend, die Stirn in Falten, konnte aber nichts Fassbares zutage fördern. Er empfand in diesen Situationen die bohrenden Fragen seines Freundes als besserwisserische Kleinkrämerei.
„Ehm, wie dem auch immer sein mag“, erwiderte er etwas unwirsch, „jedenfalls sollten wir keine Zeit vertun, die Gunst der Großen Mondin zu nutzen und damit beginnen, die Äcker zu bestellen. Und zwar so, wie es uns die Große Luna vorgegeben hat!“
Dies brachte er mit der Emphase vor, die stets unter den Mannlingen ausbrach, wenn sie dem dunklen Sang der Leiern ausgeliefert gewesen waren.
Brachvogel wusste aus Erfahrung, dass sich in ein paar Stunden schon die leuchtenden Augen der Mannlinge wieder trüben und die tatkräftige Begeisterung dem gewöhnlichen müden Alltagstrott weichen würde. Einerseits war er froh, der Musik wieder einmal getrotzt und sich seinen eigenständigen Geist bewahrt zu haben. Seit er in der Stätte der Aufzucht erstmals dem tiefen Tönen ausgesetzt gewesen war, hatte er sich dem Sog dessen Lockung immer widersetzt, denn es war etwas in ihm, das sich nicht beugen konnte, sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Oft genug hatte er sich aber auch gewünscht, sich wie Agror anheimgeben und fallen lassen zu können, um für eine Weile sein ich aufzugeben und in der Gemeinschaft der Mannlinge unterzugehen. Es zermürbte ihn, stets mit seinen Gedanken und Gefühlen isoliert zu sein, nicht dazuzugehören, immer am Rande zu stehen.
Die Klave betrieb eine Dreifelderwirtschaft. Während in jährlichem Wechsel ein Drittel der verfügbaren Ackerfläche brach lag, damit die Erde, nachdem sie Frucht erbracht hatte, wieder neue Kräfte sammeln konnte, wurden auf einem weiteren Drittel im Herbst Roggen, Weizen, Dinkel und Emmer angebaut und das letzte Drittel im Frühjahr mit Hafer, Gerste, Hirse, Ölfrüchten und Gemüse bestellt. Die brachliegenden Felder galt es nun in dieser und den folgenden Nächten nach den Regeln von Demut und Besonnenheit behutsam aufzubrechen und für die Aufnahme neuen Samens vorzubereiten.
Überall entwickelte sich jetzt emsige Geschäftigkeit. Die Weisungsfrauen teilten die Mannlinge in Gruppen ein, die sich, um in der für die vielfältigen Tätigkeiten immer zu knapp bemessenen Nacht der vollen Mondin keine Zeit zu verlieren, eiligst zu den Brachen aufmachten. Die Menge wimmelte zunächst wild durcheinander und floss dann in Richtung Lunagleiß hinunter, um sich auf dem Fahrweg in entgegengesetzte Richtungen aufzuteilen. Ein Teil der Mannlinge preschte auf schon bereitstehenden Reitebseln zu den flussaufwärts gelegenen Äckern, während diejenigen, die die flussabwarts liegenden Brachen zu bearbeiten hatten, in am Ufer festgemachte Boote sprangen.
Da viele Äcker etliche Wegstunden von der Klave entfernt lagen, waren schon Tage zuvor Agror und andere für die Wartung der Ackergerätschaften zuständige Gehilflinge der Eisenfrau jeweils von einer Wächterin beaufsichtigt mit Gespannen der schwerfälligen Zugebsel aufgebrochen, um Saat, Pflüge, Eggen und Proviant zu den Brachen zu schaffen. Sie hatten in die Mitte der Äcker den Pflugpfahl gesetzt und waren dann zu Fuß zur Klave zurückgekehrt, um an der Zeremonie teilnehmen zu können. Jeweils eine Wächterin war zur Bewachung der Tiere, der Ackergerätschaften und der Säcke kostbaren Saatguts auf den zu bearbeitenden Brachen zurückgeblieben.
Jetzt saßen Brachvogel und Agror in einem der übervollen Boote, die auf der breiten Bahn schimmernden Lichts, die die Mondin aufs Wasser warf, die Gleiß hinuntertrieben. Am Ufer zogen die Gewerke und Hütten der Klave vorbei und bald schon hatten sie den südlichen Wall hinter sich gelassen. Die Flanke der Fernwarte senkte sich allmählich und das Land öffnete sich Wiesen, niedrigem Gehölz und kleinen Baumgruppen. Gelegentlich schallte der klagende Ruf eines Ufervogels, der sich gestört fühlte, über die weite Wasserfläche, sonst herrschte bis auf das Knarren der Ruder in den Dollen eine mondene Stille.
An einer bestimmten Landmarke hieß die im Heck sitzende Weisungsfrau die Mannlinge ans Ufer steuern und die erste Gruppe verließ das Boot und machte sich zu den ihr zugeteilten Äckern auf. Dies wiederholte sich einige Male, bis schließlich auch die beiden Freunde an der Reihe waren. Obwohl das Pflügen zu den Obliegenheiten der Springlinge gehörte, hatte es die Eisenfrau auf Brachvogels Bitte hin so einzurichten gewusst, dass diesmal auch ihr Gehilfling Agror mit zum Pflügen ausfuhr. Denn lange schon bewegte Brachvogel eine Idee in seinem Kopf und hatte deren praktische Umsetzung, die er in dieser Nacht erproben wollte, auch schon mit seinem Freunde ausgeheckt.
Vom Fluss war es noch eine Strecke Weges bis zu den Äckern und die beiden Mannlinge schritten, nachdem sie Morast und Röhricht des Ufers hinter sich gelassen hatten, kräftig aus. Der schmale, wenig ausgetretene Pfad wand sich um einige Hügel, bis sie schließlich auf eine weit gestreckte Ebene kamen, von der die Weisen Frauen einst aus Gründen, die sich Brachvogels Nachvollzug entzogen, orakelt hatten, dass sie geeignet sei, Frucht zu tragen. Am Rande einer kleinen Baumgruppe hoben sich drei kreisrunde und nach dem Sicheln und Jäten schon wieder von handbreit hoch stehenden Unkräutern überwucherte Flächen von den grasbestandenen und mit kleinen und größeren Steinen übersäten Bodenwellen ab. Der jeweils in ihrer Mitte ragende Pflugpfahl warf schon einen deutlich längeren Schatten als Brachvogel zum Zeitpunkt seines Aufbruchs.
Da kam ihnen auch schon sichtlich ungeduldig eine Gestalt entgegen. Gewiss die Wächterin, die hier Wacht hielt und ihrer schon geharrt hatte. Als sie näherkam, erkannte Brachvogel, um wen es sich handelte. „Natürlich, ausgerechnet Bruna“, stöhnte er innerlich, denn mit dieser Frau lag er in Dauerfehde und sie drangsalierte und kujonierte ihn, wo und wie sie nur konnte.
„Um Lunas Willen, wo bleibt ihr denn? Bequemt ihr tumbes Mannlingsvolk euch auch endlich mal her?, herrschte sie die beiden Freunde an. „Brachvogel, du magst zwar Zeugungsträger sein“, sie richtete einen despektierlichen Blick auf seinen Schritt, „aber auch solche wie du haben mit anzupacken. Wir haben jetzt vielleicht noch fünf Stunden, bis die Sonne aufgeht und unsere Mühen hinfällig werden lässt. Los ihr Tränentiere, kommt in die Hufe und sputet euch gefälligst.“
Wie bittere, den Schlund hochsteigende Galle schluckte Brachvogel eine scharfzüngige Entgegnung hinunter. Im Laufe der Zeit hatte er gelernt, dass es sinnlos war, zu versuchen, den Frauen auf ihrem angestammten Feld etwas entgegenzusetzen. Sie hatten nun einmal das Heft in der Hand und die meisten Mannlinge waren zudem so gestrickt, dass sie ihren Antreiberinnen willig folgten wie eine Herde Schafe. Da half es nicht weiter, wenn ein Mannling in alltäglichen Belangen den Widerborst spielte und vielleicht sogar einmal in einem Wortgefecht den Sieg davontrug. Wenn Brachvogel etwas ändern wollte, musste er auf grundlegenderer Ebene ansetzen. Er musste den Kreis der Weisen Frauen und insbesondere die Archontin davon überzeugen, dass es Möglichkeiten gab, die Dinge zu verbessern. Dass das, was seit Generationen althergebracht war und mit den natürlichen Kreisläufen in Übereinstimmung lag, nicht notwendig auch immer das Beste für die Klave sein musste. Gelang es ihm, seine Ideen umzusetzen, war das der Beweis, dass Mannlinge mehr waren als nur willfährige Gehilflinge und kräftige Arbeitstiere, die von Ebseln im Grunde nur unterschied, dass sie sich Befehle und Anweisungen merken und der Reihe nach abarbeiten konnten. Und das vorzubereiten, bot sich vielleicht heute Nacht die Gelegenheit. Also machte sich Brachvogel ans Werk, ohne Bruna ihren Ausbruch mit gleicher Münze heimzuzahlen. Aus dem Augenwinkel heraus vermeinte er in ihrer Miene Enttäuschung darüber zu lesen, dass er auf ihren Ausfall nicht eingegangen war, den sie auf ihn losgelassen hatte, wie man einem Hund einen Knochen hinwarf.
Es galt als Ackerfrevel, Mutter Erde ihre Früchte frech in einer schnurgeraden Furche abzutrotzen. Nach Art der Frauen schmeichelte man ihr die Bitte um Gaben vielmehr in Form einer kreisrunden Furche in den Acker ein. Zu diesem Behufe wurde in die Mitte des Feldes der Pflugpfahl eingeschlagen, um den herum, durch ein Seil geführt, der Pflug seine Kreise zog. Jede der drei Brachen, die Brachvogel zu bearbeiten hatte, erstreckte sich etwa über einhundertvierzig Schritt, also betrug der Halbmesser siebzig Schritt. Das eine Ende eines Seils etwa dieser Länge hieß Brachvogel Agror nun unten um den Pflugpfahl schlingen, während er das andere Ende an dem Joch befestigte, in das er den Zugebsel spannte, der am Rande der Brachen angepflockt war. Dann hakten sie den Pflug in das Geschirr, machten sich geschäftig hier und da zu schaffen und warteten auf den Moment, in dem Bruna, die sie unablässig im Auge hielt, in ihrer Aufmerksamkeit nachlassen würde. Da diese sie aber nach wie vor mit scharfen Blicken überzog, ergriff Brachvogel den Pflug, schnalzte mit der Zunge und der Ebsel zog an. Wider Willen sammelte sich Brachvogel, denn es erforderte einiges Geschick, das Tier so zu führen, dass es den Pflugpfahl nicht aus der Erde zog, (was es mühelos gekonnt hätte), das Seil aber stets so gespannt zu halten, dass der Pflug einen makellosen Kreis zog und die Furche nicht zum Kreismittelpunkt hin einbrach. Da sich die Länge des Seils nach jeder vollen Runde um den Durchmesser des Pflugpfahles verringerte, um den es sich wickelte, wurden die Kreise allmählich immer näher an ihren Mittelpunkt herangeführt. Lagen dann nach etlichen Runden schließlich mehrere Schichten Seils übereinander, wurde der Abstand zwischen den Furchen immer größer. Deshalb setzte Agror dann dort, wo das Seil die Wicklung verließ, eine Markierung, streifte die ganze Wicklung von unten nach oben über den zu diesem Zweck gut eingeölten Pflugpfahl und schlang das Seil an der markierten Stelle erneut um das Holz. So erreichten sie, dass der Abstand zwischen den Furchen in etwa gleichblieb.
Als sie sah, dass alles reibungslos lief, wandte Bruna sich endlich ab und schickte sich an, sich die Beine zu vertreten. Nun war endlich der Moment gekommen, dass Brachvogel seine Kopfgeburt zur Welt bringen konnte.
Getreu der Losung, sich nur das zu nehmen, was die Natur freiwillig zu geben bereit war, nutzte die Klave seit Frauengedenken Pflüge, die nicht ungestüm und tief in die Erde einbrachen, sondern deren Sporn den Boden zur Aufnahme des Samens allenfalls anderthalb Handbreit tief ritzten. Die Unkräuter, die die Brachen nach dem Jäten wieder oder noch bedeckten, wurden so zwar entwurzelt, blieben aber auf dem Acker liegen und mussten entfernt werden, bevor gesät und das Saatgut in die vom Pflug gezogenen Rillen eingearbeitet wurde. Nachdem Brachvogel unzählige Male zu solcher Fron eingeteilt worden war, schoss ihm die Idee für einen Pflug durch den Kopf, der die Erde nicht nur ritzen, sondern auch gleich in großen Schollen umwerfen würde. Die Unkräuter würden so nicht nur entwurzelt, sondern untergepflügt werden. Er hatte einmal beobachtet, wie aus einem in die Erde gesunkenen Wurzelballen, der zuoberst der Pflanzen lag, die aus ihm hervorgegangen waren, abermals besonders dichtes Grün spross. Offensichtlich spendeten Pflanzen in der Erde dieser im Vergehen Nährstoffe für neues Wachstum. Vor allem aber würde der Samen so auf eine viel größere Fläche aufnahmebereiter, schwarzer Erde fallen, als nur in die schmalen Furchen eingestreut, die der Ritzpflug hinterließ. Um das zu erreichen hatte er eine Vorrichtung ersonnen, die statt der schmalen Spitze des Ritzpfluges wie eine hohle Hand durch die Erde fahren, diese erst aufwölben und dann umwerfen und zerkrümeln würde.
Um zu erproben, ob sich dies auch in der Praxis so verhielt, führte Brachvogel in seinem Proviantbeutel einen handspannenbreiten Holzkeil mit, der sich zu zwei Seiten hin verjüngte. Diesen brachte er jetzt zusammen mit Agror mittels eines Seiles dergestalt an dem Pflug an, dass die breite Seite des Keiles an dessen Sporn anlag. Das würde nicht lange halten, dürfte aber genügen, um zu erweisen, ob seine Idee wirklich umsetzbar war. Brachvogel packte die Griffe des Pflugs und der Ebsel zog an. Und in der Tat: Das Unterste kehrte sich zuoberst. Über dem Keil wölbte sich die Erde auf und in schneller Folge sanken fruchtbare, schwarze Erdklumpen auf die Seite. Zwar riss nach nur wenigen Spannen der Keil ab, die Vorteile der Konstruktion aber waren nur zu offenbar geworden. Brachvogel war aufgefallen, dass der veränderte Pflug dem Ebsel deutlich mehr Widerstand entgegengesetzt hatte. Vielleicht konnte man das mit einem Doppelgespann von Ebseln ausgleichen. Er ging in die Knie, um sich die Lage der Erdschollen genauer anzusehen, vielleicht sollte er auch den Winkel seines Erdumwerfers noch steiler machen. Aber das waren nur Kleinigkeiten, denen er sich später widmen konnte. Im Prinzip hatte sich seine Idee als tragfähig erwiesen und nur darauf kam es an. Als er sich wieder aufrichtete, wurde er gewahr, dass Bruna sie aus der Ferne beobachtete. Für sie musste die Erprobung des Erdumwerfers so ausgesehen haben, als hätten sie einen Stein aus dem Weg geräumt. Brachvogel nahm seine Runden wieder auf und Agror bezog seine Stellung am Pflugpfahl, um die Seilwicklungen zu überwachen.
Bruna war inzwischen nahe herangekommen. Stur und mit zusammengebissenen Zähnen zog Brachvogel seine Runden. Er empfand die ausgeklügelte Prozedur des nächtens im Kreise Pflügens als völlig überflüssige Schnörkelei, die niemandem etwas nutzte. Nicht sollte die Klave der Natur, sondern die Natur der Klave dienen. Was war falsch daran, sich das Leben zu erleichtern? Was war falsch daran, durch Einsatz der richtigen Mittel, die zugegebenermaßen tiefer in die Erde eingriffen, einem Acker mehr Frucht abzuringen, als mit einem Ritzpflug möglich war? Was war falsch daran, die altüberkommenen und ausgetretenen Pfade zu verlassen und Neues auszuprobieren? Die Dinge konnten doch nur besser werden! Je länger er das Treiben in der Klave von seiner Warte aus betrachtete, desto stärker drängte sich ihm der Verdacht auf, dass es dem Kreis der Weisen Frauen um die Archontin mit all ihrer Demut und Besonnenheit und dem stoischen Beharren auf dem, was schon immer so gewesen war, weniger darum ging, Übel von der Klave abzuwenden, als vielmehr darum, die eigene Macht zu festigen und die Mannlinge in Abhängigkeit zu halten.
Aus der Ferne ließ sich jetzt ein kehliges Trompeten vernehmen. Brachvogel hielt inne, blickte voll gespannter Erwartung nach oben und suchte den Himmel ab. Richtig: Von Süden her zog eine Kette von Kranichen ihre pfeilgerade Schnur in die Luft. Es begann wieder! Von nun an würden täglich tausende dieser großen Vögel über den Himmel ziehen. Sie schienen immer ganz genau zu wissen, wohin sie wollten und in den offenen Horizont hinein geradewegs auf ihr Ziel zuzufliegen. Es war dies eine Zeit des Aufbruchs. Alles in der Natur keimte, spross, wuchs, üppigte und geilte, drängte vorwärts, verdrängte dabei anderes und strebte möglichst schnell in die Breite und Höhe, um sich Licht, Luft und Raum zu erobern. Auch Brachvogels Blut wallte vor unbestimmtem Verlangen, grenzenloser Sehnsucht und unbändigem Tatendrang.
Für die Klave aber war das Symbol des Kranzes, das die Archontin eben während der Zeremonie mithilfe des dunklen Tönens in den Köpfen der Mannlinge heraufbeschworen hatte, leider nur allzu treffend: Ihrer aller Leben verlief im Kreis, war erstarrt im ewig immer Gleichen. Doch Brachvogel war es satt, wie ein Ebsel an der Leine im Kreis herumzulaufen. Die Eintönigkeit seiner Tage und das eherne Gehäuse der Riten und Kreisläufe schnürten ihm schier den Odem ab. Er sehnte sich nach dem offenen Horizont. Er wollte wider den Stachel löcken, wollte das Reis sein, das aus dem Rund des Kranzes ausbrach. Er würde sehen, ob er der Archontin nicht die Vorteile seines Pfluges schmackhaft machen konnte. Mochten Demut und Besonnenheit Luna, dem Mondtag und den Müttern gehören, Tatkraft und Stärke der Männer aber gehörten Sol und dem Sonnentag.
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_17.856.730
Dein Schlaf gehört dir!
Agitation der Oneironauten
Die leichten Bewegungen des in völliger Dunkelheit auf dem Wasser treibenden Körpers lösten leise Wellen aus, die sich an den würfelförmigen Ausstülpungen der Wände des schalltoten Raumes brachen. Die Citizen war völlig nackt. Lediglich ihre Kopfhaut war mit einem supraleitfähigen Gel überzogen, in das ein engmaschiges Netz von Elektroden eingebettet war, die Art und Intensität der Aktivitäten ihrer unterschiedlichen Hirnhemisphären ausforschten. Das 34,8 Grad warme Wasser entsprach exakt der Außentemperatur ihrer Haut und seine durch den Zusatz von Magnesiumsulfat erhöhte Dichte hielt sie völlig schwerelos in der Schwebe. Dergestalt von allen äußeren Sinnesreizen abgeschirmt hatte sich die Citizen ganz in ihre Innenwelten zurückgezogen.
Diese waren Gegenstand des Interesses einer Gruppe von Citizens, die auf ein Set von Monitoren blickten, die Aufschluss über das Geschehen im Inneren des SensoryDeprivationTanks gaben, der alle äußeren Sinnesreize ausschloss. Infrarotkameras übertrugen Lage und Bewegungen des Körpers und vor allem in Großaufnahme das Gesicht der Citizen, die auf der Salzwasserlösung schwebte: Ihre Züge waren völlig entspannt, lediglich die Augen unter den geschlossenen Lidern befanden sich in ständiger Bewegung. Die Kurven und Linien des Enzephalogramms, das die Elektroden auf ihrer Kopfhaut übermittelten, gaben die Aktivität ihrer Hirnhemisphären wieder. Auf einem Bildschirm überlagerten sich die Amplituden von Theta-, Alpha- und Betawellen in einem charakteristischen Muster. Ein untrüglicher Indikator dafür, dass die Synapsen ihres limbischen Systems mit höchster Intensität feuerten.
Die Citizen träumte tief. Dass sie sich, obwohl von allen Sinnesreizen abgeschottet, innerlich im Zustand höchsten Erlebens befand, zeigten auch ihr angestiegener Blutdruck, die unregelmäßige Atmung und der bis auf die Muskelringe um die Augen herabgesetzte Muskeltonus; ein Mechanismus, der den unwillkürlichen Impuls, geträumte Bewegungen körperlich umzusetzen, ins Leere laufen ließ und sie so vor Verletzungen schützte.
„Esther tritt jetzt in die fünfte REM-Phase ihres Schlafs ein“, bestätigte eine hochgewachsene Frau, die dem neben ihr stehenden Traumnovizen als Seherin Kassandra vorgestellt worden war. „Siehst du, wie ihre Augen unter geschlossenen Lidern Bewegungen und Abläufen folgen, die sie im Traum wahrnimmt? Sie durchlebt in der Regel 4 bis 6 solch intensiver Traumphasen, von denen jede jeweils etwas länger dauert, die fünfte im Mittel etwa 40 MinorTakte. Aber da wir weder exakt wissen, wie lange sie diesmal in REM5 bleibt, noch sicher davon ausgehen können, dass sie tatsächlich eine noch längere sechste Tieftraumphase erlebt, werden wir sie in 35 MinorTakten wecken. Unmittelbar aus dem REM-Schlaf erwachend, können wir uns nämlich am intensivsten an unsere Träume erinnern.“
„Warum träumt Esther im Tank und nicht in ihrem Bett?“
„In der REM-Phase schlafen wir nicht so fest wie im traumlosen Tiefschlaf, sind also prinzipiell störungsanfällig. Wir glauben, durch den Ausschluss aller äußeren Sinneseindrücke die Intensität des Traumerlebnisses steigern und beim Aufwachen im Tank eine besonders unverfälschte Traumerinnerung provozieren zu können. Deswegen nennen wir die Salzlake, auf der Esther treibt, auch ,Mnemosyne‛. Mnemosyne hieß bei den alten Griechen, eines der vielen mythischen Völker vor dem Finalen Kataklysmus, ein Fluss, dessen Wasser die Erinnerung zurückbringen sollte.“
Auf die Wellenmuster auf dem Bildschirm deutend fuhr Kassandra fort: „Um dir zu vergegenwärtigen, was die einzelnen Kurven bedeuten, stelle dir das Bewusstsein und das Unbewusste einmal als die entgegengesetzten Punkte eines Kontinuums vor, das von Wellen unterschiedlicher Länge durchzogen wird. Je niedriger nun die Frequenz einer Hirnwelle, je länger sie also ist, umso eher weist sie auf eine Aktivität hin, die in den Zentren des Hirns angesiedelt ist, die unterbewusste oder unbewusste Inhalte verarbeiten. Je höher die Frequenz einer Hirnwelle, also je kürzer sie ist, umso mehr zeigt sie eine Aktivität des Wachbewusstseins oder einen Zustand höchster Konzentration oder Intensität an.
Hier nun haben wir viele lange Wellen mit relativ niedriger Frequenz ‒ Thetawellen. Die Kurven mit etwas höherer Frequenz sind Alphawellen und die ganz kurzen hochfrequenten, Betawellen.
Die Thetawellen signalisieren die Aktivität des persönlichen Unterbewusstseins und stehen auch für die Verarbeitung von Inhalten des überpersönlichen Unbewussten. Sie sind charakteristisch für die Phase tiefen Träumens, das sich vor allem in den Regionen des limbischen Systems und hier besonders in einer Amygdala genannten Hemisphäre abspielt. Neben dem Stammhirn ist das limbische System die tiefste und älteste Hirnschicht und von der Amygdala wird gesagt, dass hier der Ursprung der Emotionen liegt. Du kannst dir denken, dass das limbische System und die Amygdala beim Träumen besonders aktiv sind.
Dann sind da noch die Alphawellen. Sie können bei geschlossenen Augen im Zustand geistiger Entspanntheit gemessen werden. Sobald die Augen geöffnet sind, treten Betawellen an ihre Stelle, die charakteristisch für den Wachzustand sind. Dass wir hier bei der schlafenden Esther auch die hochfrequenten, kurzen Betawellen finden, ist ein Hinweis darauf, dass während des Träumens Eindrücke des Wachbewusstseins verarbeitet werden. Alphawellen sind ein ziemlich verlässlicher Indikator dafür, dass zwischen verschiedenen Hemisphären unseres Hirns ein besonders intensiver Austausch stattfindet. Die ihnen zugrundeliegende Aktivität sorgt etwa während des Träumens dafür, dass Trauminhalte vom limbischen System in die Großhirnrinde, den Neocortex wandern, wo sie abgespeichert und im Zustand des Wachbewusstseins erinnert werden können.
In der Phase des Tiefschlafs findet kein Austausch zwischen den Hirnregionen statt, der Tiefschlaf ist eine in sich geschlossene Sphäre. Wir vermuten, dass wir hier dem überpersönlichen Unbewussten am nächsten sind. Sollten wir im Tiefschlaf träumen, könnten wir uns nicht daran erinnern. Erinnerungsfähig sind Inhalte des Vor- und Unbewussten lediglich dann, wenn sie ins individuelle Unterbewusste gespült werden, was dann in der REM-Phase die charakteristischen Thetawellen verursacht.
Gehen wir in der Aufzeichnung einmal in die Tiefschlafphase vor der jetzt aktuellen REM-Phase zurück. Siehst du? Keine zwischen den Hemisphären vermittelnden Alphawellen, also keine Erinnerung und statt der für das Träumen charakteristischen Thetawellen Wellen mit einem noch bedeutend längeren Ausschlag. Das sind Deltawellen, die in der Phase des vermutlich traumlosen Tiefschlafs produziert werden. Die weitläufigen Schwingungen der Deltawellen in den niedrigsten noch messbaren Frequenzen zeigen Aktivitäten in den Hemisphären unseres Hirns an, die Inhalte des überpersönlichen Unbewussten verarbeiten. Hier kommen gewissermaßen die Umfeld- und erlebnisbedingten kurzwelligen Ausschläge der Verarbeitung individueller Eindrücke des Einzelnen zum Stillstand und die Welle holt weit aus, um sich in die Unendlichkeit der stammesgeschichtlichen Phylogenese und das kollektive Unbewusste der Menschheit hinein zu verlängern.
Hier wollen wir hin, hier liegt der Ursprung der Traumsymbole, die wir erfassen wollen, um zu begreifen, was den Menschen ausmacht und welche Geschichte er hat. Wir glauben, dass die Analyse und bewusste Aneignung der Inhalte unserer Träume die Ödnis der Angebote der Wirtschaftssozialität des Systems durchbrechen und uns auf das für die Menschen Wesentliche zurückführen können.“
„Und um das zu verhindern, unterdrückt das System unsere Träume?“
„Genau das ist der Grund für die Integration des Morpheustrons in die MatchingEyes. Tagsüber überwacht es uns und nachts stiehlt es uns unsere Träume. Das Morpheustron bewahrt nicht unseren Schlaf, sondern unterdrückt unsere Träume. Genau genommen unterdrückt es nicht das Träumen, sondern verhindert, dass wir uns an unsere Träume erinnern. Was im Ergebnis aber auf das Gleiche herauskommt: Das System verhindert, dass wir bewusst zu unseren Ursprüngen zurückgelangen können.“
„Also träumen wir durchaus. Aber unsere Träume dringen nicht zu uns durch und ihre Botschaft bleibt uns so verschlossen?“
„Richtig. Du musst wissen, dass es für einen funktionsfähigen menschlichen Geist und Organismus unerlässlich ist zu träumen. Im Traum verarbeiten wir unsere Erlebnisse, deuten unsere Erfahrungen, wir lernen und festigen unser Wissen und unsere Fähigkeiten, wir bewältigen Unbewältigtes. Der Traum verhilft uns auf eine konstruktive und für uns förderliche Art und Weise zu dem zu werden, der wir sind und vor allem, zu dem zu werden, der wir sein wollen und wohl auch sein sollen. In den Zeiten vor dem Kataklysmus wusste man um diese Bedeutung des Schlafs und also des Traums. Da gab es beispielsweise Redewendungen wie: ,Das lerne ich doch im Schlaf.‛ Oder: ,Darüber muss ich noch einmal schlafen.‛ Dauernder Schlafentzug ist also letztendlich nicht nur deshalb tödlich, weil der Organismus nun einmal Ruhephasen braucht, um sich zu regenerieren, sondern auch, weil er verhindert, dass wir träumen können. Ein Mensch der nicht träumt, kann seine Erlebnisse nicht verarbeiten und bekommt irgendwann massive Probleme mit sich. Und da ihm der Zugang zu den überindividuellen Inhalten der Menschheitsentwicklung versperrt ist, irgendwann auch Probleme mit den anderen. Würde das System das Träumen unterdrücken, liefe es also Gefahr, jede Menge Psychopathen zu produzieren, die nicht in seinem Sinne funktionieren würden, da ihre Reaktionen höchst individuell und damit nicht mehr berechenbar wären. Das Verhalten eines Citizens, der nicht träumt, wäre nicht zu mitteln. Das Träumen als solches zu verhindern, wäre also für das System kontraproduktiv. Trotzdem aber schneidet es uns den Zugang zu unseren inneren Welten ab, indem es verhindert, dass wir uns an unsere Träume erinnern.
Wir können experimentell eindeutig nachweisen, dass das Morpheustron während des Traumschlafs gezielt diejenigen Regionen des Gehirns stört, die Alphawellen aussenden. Würden wir an Esthers MatchingEye jetzt das Morpheustron aktivieren, blieben exakt diese Wellen aus, ein Zeichen dafür, dass die vermittelnde Aktivität zwischen ihrem limbischen System, das ihre Träume evoziert und ihrem Neocortex, in dessen Sphäre die Träume bewusst verarbeitet werden, zum Erliegen gekommen ist. Esther würde sich nicht mehr an ihren Traum erinnern. So ergeht es allen Citizens, deren Morpheustron automatisch aktiviert wird, sobald sie einschlafen. Offensichtlich lässt das Morpheustron noch genügend Traumaktivität zu, dass wir unterbewusst unsere Erlebnisse verarbeiten und unsere Erfahrungen und unser Wissen festigen können, aber es nimmt uns jede Chance, uns an unsere Träume zu erinnern.
Du selbst bist der Gnade teilhaftig geworden, erfahren zu dürfen, wie überaus belebend und bereichernd es ist, den Abglanz eines Traumes festzuhalten und in den Tag hinüberzuretten, um den Eindrücken und Gefühlen nachzuspüren, die dir deine Traumgesichte im Schlaf vermittelt haben. Nur so erfährst du, wer du wirklich bist und was für einen Sinn es hat, ein Mensch zu sein. Wir dürfen uns nicht länger mit den vermeintlich freien Wahlen und den ach so gaußen Angeboten des Systems abspeisen lassen, sondern müssen dafür sorgen, dass auch möglichst viele andere diese Traumerfahrung machen können. Es gibt weitaus Tragenderes und Tieferes als die oberflächlichen, faden, öden und kurzzeitigen Befriedigungen des Systems. Genau deshalb fordern wir: Unser Schlaf und alles, was daraus erwachsen mag, gehört uns!“
„Und was genau macht ihr nun hier? Ihr legt euch reihum in den Tank, zeichnet die Gehirnaktivitäten während des Träumens auf und berichtet euch dann, was ihr geträumt habt?“
„Im Grunde genommen tun wir genau das, weil das ergänzend zum Studium des alten Kulturguts, zu dem wir Zugang haben, die einzige Art von strukturierter wissenschaftlicher Empirie ist, die wir mit unseren beschränkten Mitteln durchführen können und die uns sozusagen am eigenen Leib Aufschluss über die Träume geben kann. Unser Zugang zum Mysterium des Traums ist dabei ein sehr grobschlächtiger. Sicher lassen sich spezifische Phänomene bestimmten Hirnarealen zuordnen, doch arbeiten diese nicht isoliert voneinander, sondern sind in äußerst komplexer Weise mit anderen Hirnhemisphären verschaltet. Und wir sind weit davon entfernt, die vielschichtigen Wechselwirkungen dieses neuronalen Netzes zu verstehen. Wir träumen aber davon“, Kassandra lachte, „irgendwann einmal die Traumsymbole und ihre Bedeutungen zur Gänze erfasst zu haben und mit den dafür spezifischen Mustern von Hirnwellen abgleichen zu können. Aber dazu bräuchten wir Hunderttausende von Citizens als Probanden und weitaus mehr Rechenkapazität als das kleine Eckchen, das wir dem System abgerungen haben und ständig gegen seine SearchBots verteidigen müssen.“
Ein leiser Glockenton ertönte. „Es ist Zeit“, sagte jemand.
„Wir werden Esther jetzt aus ihrem Traum holen“, wandte sich Kassandra wieder an den Citizen. „Damit unterbrechen wir zwar vielleicht eine für sie wichtige Botschaft, aber es gibt keine andere Möglichkeit. Nie sind die Bedingungen so günstig, möglichst viele Eindrücke aus einem Traum unverfälscht ins Wachbewusstsein hinüber gleiten zu lassen, als während des unmittelbaren Erwachens aus einer intensiven REM-Phase. Wir wecken die Probanden sehr behutsam über einen Zeitraum von 10 MinorTakten, damit möglichst wenig Sinneserfahrungen aus dem Wachbewusstsein auf sie einwirken, die die Traumempfindung überlagern und damit schwächen können. Vor allem darf während und nach dem Aufwachen die Körperhaltung nicht verändert werden. Die Bedingungen im Tank bieten dafür die ideale Aufwachumgebung. Wir werden ihn also keinesfalls öffnen, sondern über Kamera und Micro agieren.“
Der Monitor, der die Ansicht aus dem Inneren des Tanks übertrug, zeigte, dass dort jetzt über dem Kopf der Träumenden ein rötliches Licht aufglomm. Die SoundSpheres übermittelten ein leises, tiefes Summen.
„Weil beim Aufwachen die Hirnwellen mit niedriger Frequenz allmählich von denen mit höherer Frequenz überlagert werden, spiegelt das Lichtspektrum, mit dem wir das Erwachen stimulieren, diese Tendenz wieder: Wir beginnen mit dem langwelligem Rot, gehen dann sukzessive zu Orange, Gelb, Grün und Blau über und enden mit dem kurzwelligem Violett. Das Gleiche gilt für die Klangabfolge: von dunklen zu hohen Tönen. Sobald Esther irgendwie reagiert, fahren wir Licht und Ton sofort wieder auf Null zurück.“
Nach Ablauf der 10 MinorTakte zeigte die Probandin im Tank keine Regung.
„Wenn jemand bei dieser Licht- und Tonstärke noch keine Anzeichen von Erwachen zeigt, erhöhen wir die Intensität nicht weiter. Ein Erwachen bei zu viel Licht und Ton wäre zu abrupt und wir liefen Gefahr, die Traumerinnerung zu vertreiben. Aber hier, siehst du, die Alpha- und Betawellen ihres Enzephalogramms nehmen zu. Es besteht also eine signifikante Tendenz zum Aufwachen. Wir fahren Licht und Ton runter und sprechen sie direkt an.“
„Esther, Esther – hörst du mich?“
„Mhm.“
„Da war etwas. Was war?
„Geträumt. Habe geträumt.“
„Wo warst du?“
„Nicht hier. Nicht in der Urb. Mitten. Innerst. Innerstes.“
„Das Innerste von was?“
„Irgendwie eingesponnen in ein warmes Gefühl. Gleichzeitig weit, uferlos, sich endlos erstreckend und doch warm, vertrauensvoll in sich zurückgebogen, geborgen. Bin süffig, gierig, süchtig danach, will, dass es nicht aufhört.“
„Was hast du gesehen?“
„Da war ein Innen, unregelmäßige Struktur, fremde Materialien, nicht hier: draußen. Flackerndes, unregelmäßiges Licht. Tiefe Schattentäler. Im Zentrum: Wärme, Hitze. Ein offenes Feuer. Qualm in den Augen. Stechender Geruch nach – nach Kräutern? Trotzdem Glück. Geborgen. Dann Gestalten. Bewegung. Rhythmus. Weite, wirbelnde Kleidung. Konturen verwischen. Keine Gesichter. Haare, lange Haare. Dann Stimmen. Bewegung. Rhythmus. Die Gestalten singen. Kann nicht verstehen. Möchte teilhaben. Dann Begreifen: ,Schonet die Schöpfung‛ singen sie. ,Schonet die Schöpfung‛.“
System / ClockedCounter / Update_562 / Takt_29.054.327
Die Maschine im Geist
Der Mann, der später Diver genannt werden sollte, war gänzlich aus dem Mittel gefallen, denn er führte an einsamer Spitze und mit großem Abstand zu den anderen verunfallten Citizens, die Unfallstatistik der Urb an. Die Sicherheitschecks der sich ständig selbst verbessernden rekursiven Kreisläufe sämtlicher Systeme der Urb schlossen ein Technikversagen beinahe völlig aus, so dass Citizens allenfalls durch gezieltes Fremd- oder Selbstverschulden zu Schaden kommen konnten. Seitdem das System den Takt übernommen hatte und seine Agents das private wie öffentliche Leben flächendeckend überwachten, war, bis auf wenige Fälle von pathologischer Abweichung, Fremdverschulden ebenfalls auf ein statistisch nicht mehr relevantes Level gesunken. Zumal unabhängig einer Verfolgung und Verurteilung durch die SecurityCorps der SocialScore eines Citizen, der einem anderen vorsätzlich schadete, fast unaufholbar ins Bodenlose sackte und den Betreffenden so auf langen Takt zum Paria stigmatisierte. Blieben Selbstverschulden und vereinzelte Fälle von Suicid. Im aktuellen MajorTakt des fünfhundertzweiundsechzigsten SystemUpdates nach dem Finalen Kataklysmus verzeichnete die Urb 246 Unfälle, von denen keiner lebensbedrohlich war.
Der Mann, im MedicalCenter nannte man ihn CaseOne, war ohne sein MatchingEye mit unzähligen Schürfwunden und Prellungen übersät, einer Trümmerfraktur der linken Schulter, einem Abriss der linken Achillessehne und akut lebensbedrohlichen intracerebralen Blutungen infolge einer schweren Fraktur der Schädelkalotte aufgegriffen worden, als er Unverständliches vor sich hin brabbelnd auf dem MainWalk des CapitalGround vor sich hin torkelte.
CaseOne wurde zum Prestigeobjekt der HealthCare-Mitarbeiter, deren KnowHow endlich einmal gefordert wurde. Es gelang ihnen, die Blutungen zu stoppen, die irreparablen Knochenfragmente der Schädelkalotte zu entfernen, von denen ein Splitter tief in den für das Langzeitgedächtnis zuständigen Cortex dorsolateralis eingedrungen war, und die Schädelkalotte durch eine Platte aus Titan zu verstärken.
Als CaseOne zu sich kam, empfand und spürte er nichts bis auf eine weite Leere und ein überwältigendes Bedürfnis, sich am Scheitel zu kratzen. Als seine Finger auf die Schädelkuppel trafen, war da etwas ungewohnt Festes, irgendwie Massiges, das, wenn er daran kratzte und rieb, eine eigentümliche Vibration in seinem Kopf auslöste. CaseOne konnte sich weder daran erinnern, wer er war, noch, wie er in dieses Zimmer mit all den Monitoren und blinkenden und summenden Geräten gekommen war. Allein der Juckreiz blieb.
Gemäß seiner Order, ihm alle Fälle extremer Abweichung direkt zur Kenntnis zu bringen, gelangte der Fall von CaseOne unmittelbar nach seiner Einlieferung ins MedicalCenter auf den Tisch von Phileas Fogg. Nachdem der reibungslose Ablauf seiner anatomischen und physiologischen Funktionen wiederhergestellt war, litt CaseOne an einer umfassenden retrogaden Amnesie, die sich nach Auskunft der HealthCare-Leute aufgrund der Schwere seiner Schädelverletzungen wohl auch nicht mehr auflösen würde.
Fogg ließ CaseOne in sein Privatlabor verlegen. Ein Mimik-Scan seines Gesichts führte zu Citizen Alobo2#23, resident auf Ground 12, wo er als Entwickler für SwellFurniture.Inc. arbeitete, die sich dem individuellen Bedarf organisch anpassende Möbel anboten. Der letzte Stream, den sein verschwundenes MatchingEye an den Zentralspeicher des Systems übermittelt hatte, zeigte ihn in seinem Hexagon, als der Stream unvermittelt abbrach. Eine Untersuchung des Hexagons erbrachte keinerlei Hinweise auf das, was dort vorgefallen war, noch wurde das Eye gefunden. Fogg trieb dieser Befund um, doch musste er sich schließlich damit abfinden, dass er trotz aller Überwachungstools, die ihm zu Gebote standen, wohl nicht herausfinden würde, was Alobo2#23 zu CaseOne gemacht hatte. Er tröstete sich damit, dass, sollte sich derartiges wiederholen, mit Sicherheit wie auch immer geartete Muster erkennbar werden würden, die weiteren Aufschluss bieten konnten.
Fogg ließ eine Zero-Meldung verbreiten, die den Membern sämtlicher SocialUnits mitteilte, mit denen Alobo2#23 Relations unterhalten hatte, dass der Citizen die Ebene gewechselt hatte. Gleichzeitig wurden diesen Membern alternative Citizens vorgeschlagen, die Alobo2#23_Zero in sämtlichen Kategorien zu einem hohen Prozentsatz substituieren konnten. Nachdem alle Daten des MedicalCenters, die den Fall von CaseOne dokumentierten, ebenfalls gelöscht waren, hatte Fogg sämtliche Spuren getilgt und Alobo2#23 gehörte jetzt ganz ihm.
Fogg träumte von der totalen Gleichschaltung aller Menschen, denn ihm war klar geworden, dass jegliche Form von Individualismus und der sogenannten Selbstverwirklichung das Grundübel war, das bislang ein dauerhaft friedliches und fruchtbares Zusammenleben der Menschen verhindert hatte. Er träumte von einer vom Sündenfall bereinigten, paradiesisch puren Folie des Menschen, einer menschlichen TabulaRasa, die er zum Wohle der gesamten Urb mit neuen Zeichen beschreiben konnte. Fogg betrachtete dies als sein Langzeitexperiment und welche Zeichen das genau waren, würde sich erst zeigen, wenn der OmegaPunkt erreicht war, in dem sich die gesamte Citizenship der Urb gemittelt hatte und gleichgeschaltet werden konnte.
Die erste Gelegenheit, eine solche TabulaRasa zu beschreiben, bot sich ihm jetzt vielleicht hier. Einen Citizen zu finden, der an irreversibler retrograder Amnesie litt, war ein großer Glücksfall und CaseOne sollte gewissermaßen der Prototyp werden, an dem Fogg die Technik der Einspeisung, die cerebrale Invasion mit semantischen Naniten, erproben konnte. Der Proband würde das überleben oder auch nicht. Einen Versuch war es immerhin wert. Alle, die an diesem Experiment beteiligt waren, würden die Ebene wechseln. Wie die ägyptischen Pharaonen mit ihrer Mumie auch die Konstrukteure ihrer Pyramiden in der innersten Grabkammer hatten einschließen lassen, würde auch er sich sämtlicher Mitwisser an diesem Experiment zu entledigen wissen.
Beschreiben wollte Fogg dieses reine menschliche Blatt zu seinem ureigensten, individuellen Vergnügen mit den Inhalten des SchismNet und den aus den Wirren des Kataklysmus geretteten Datenbanken, die nur ihm zur Verfügung standen. Er würde sich so einen Widerpart schaffen, einen HistoricalRevenant, der ihm Sparringspartner sein würde, die Vergangenheit besser zu verstehen. Denn die Geschichte der Menschheit zu verstehen, hieß ihre Zukunft zu planen. Planen! Und sie nicht länger dem Zufall oder den Egoismen sogenannter großer Geister und Individuen zu überlassen. Was ihn, Phileas Fogg, nicht davon abhielt, dem eigenen Individualismus zu frönen. Geschah dies doch zum Wohle der gesamten Urb. Natürlich konnte er Bücher lesen und im SchismNet surfen, aber sich mit einem klassisch humanistisch gebildeten Menschen zu unterhalten, war doch etwas ganz anderes. Fogg fühlte sich allein und war es leid, sich mit den tumben Wortblasen der anderen BigDatas abgeben zu müssen und vielleicht würde ihm die cerebrale Invasion von CaseOne mit den richtigen Inhalten einen ebenbürtigen Gesprächspartner schaffen.
In ein künstliches Koma versetzt, lag CaseOne auf dem MedicalBoard in Foggs Labor, seine sämtlichen lebenswichtigen physiologischen Funktionen für die Dauer der cerebralen Invasion auf SurvivalUnits ausgelagert. Sein Zustand hatte sich nicht verändert. Seine Physis war nach wie vor stabil und auch sein Sprachzentrum hatte nicht gelitten, doch konnte er sich an nichts Persönliches erinnern. Er war von einem dichten Geflecht aus optoelektrischen Kabeln umgeben, deren Hauptstrang oberhalb seiner beiden ersten cervikalen Spinalnerven, dort, wo es direkt unter der Medulla Oblongata des Hirnstamms am massigsten war, in sein Rückenmark führte. Die Kabel verbanden ihn mit der Transfereinheit, in die Fogg alle ihm maßgeblich erscheinenden Inhalte der Kultur der verlorenen Zeit vor dem Finalen Kataklysmus geladen hatte, die er für sinnvoll hielt. Allen voran sämtliche digitalen Bücher des Projects „Gutenberg“.
Die Konversion der Inhalte der Transfereinheit auf die semantischen Naniten hatte länger gedauert, als Fogg gedacht hatte. Doch nun waren die mikroskopisch kleinen molekularen Maschinen mit Daten beladen und bereit, CaseOnes Gehirn zu fluten.
Fogg nickte seinem Neurospezialisten zu: „Go!“
Die Nanobots begannen CaseOnes Hirn zu infiltrieren. Auf mehreren Monitoren, die wiedergaben, was in den verschiedenen Hirnarealen vorging, wurde sichtbar, wie unter seiner Schädelplatte die elektrischen Impulse der zu Oszillatoren zusammengeballten Neuronen ein wahres Feuerwerk entfachten. Die bedeutungstragenden, mit historischer und literarischer Information beladenen Naniten dockten an den Synapsen der Neuronen in den für das semantische Gedächtnis zuständigen Gehirnarealen an. Hier dekodierten die Neurotransmitter die digitalen, elektrischen Impulse in einen hoch komplexen Cocktail chemischer Verbindungen, deren Substanzen den Spalt zwischen den Synapsen übersprangen, um ihren Weg über die Rezeptoren der Dendriten ins Innere der Neuronen zu nehmen, in deren Kern sie sich verankerten. Sobald die Naniten ihre wertvolle Fracht überbracht hatten, zogen sie sich wieder in die Transfereinheit zurück. Aufgrund der zu übertragenden Datenmenge dauerte dieser Prozess mehr als 2 MacroTakte, bis die Spitzen des extremen Neuronenfeuerwerks allmählich schwächer wurden.
Fogg hatte den Prozess der cerebralen Invasion aufmerksam, aber distanziert auf dem Screen verfolgt. Nun gab es zwei Möglichkeiten. Entweder blieben die übermittelten Daten im semantischen Gedächtnis stecken, in dem reine Informationen verarbeitet wurden, und kapselten sich dort als voneinander isolierte, atomisierte Informationssplitter ab. Dann wäre CaseOnes Gehirn zum bloßen Wetware-Speicher geworden. Oder aber, was Fogg dringend hoffte, die Axone der ausgehenden Rezeptoren der mit neuer Information gespeisten Neuronen vernetzten sich solange miteinander, bis die Informationen in das episodische Gedächtnis und bis hin zur Amygdala wanderten, um sich dort mit individuellen Dispositionen und Emotionen anzureichern. Dann erst würde vielleicht eine neue, ganzheitliche Persönlichkeit entstehen.
Dieser Prozess aber war von außen weder zu initiieren noch zu steuern, da es wesentlich darauf ankam, wie hier die Hirnareale mitspielten, die das enthielten, was von CaseOnes ursprünglicher Persönlichkeit übriggeblieben sein mochte. Die Nanotechnologie der Urb war zwar soweit, Daten in das menschliche Gehirn übertragen zu können, aber eine Persönlichkeit schaffen oder in ihrer Grundstruktur beeinflussen konnte sie nicht. Wie immer war der innerste Kern auch dieses Citizens eine BlackBox, die unmittelbar und direkt auch mit allen Mitteln der Agency of SocialTechnology nicht zu knacken war. Deshalb gab es ja die Mittelung, die zwar langwierig, aber letztendlich Erfolg versprechend war.
Der NanoCount bestätigte jetzt, dass sämtliche molekularen Robots in die Transfereinheit retrodiffundiert waren, aber immer noch wiesen die neuronalen Impulse in CaseOnes Gehirn ein Level von sehr hoher Aktivität aus. Das war ein gutes Zeichen. Offenbar vernetzten sich die von den Bots infiltrierten Neuronen in hohem Tempo weiter. Nun hieß es warten.
Fogg wies seine Mitarbeiter an, alle Datenleitungen zu kappen und sämtliche Funktionen der Lebenserhaltungssysteme wieder in CaseOnes eigenen Organismus über zu leiten. Dann wurde ihm eine Kanüle mit hochkonzentrierter Nährlösung appliziert, er wurde an das MedicalBoard fixiert und sich selbst überlassen.
Das erste, was er spürte, war ein fast unerträglicher Juckreiz am Kopf. Mechanisch wollte er einen Arm heben, um sich zu kratzen, doch ließen sich weder Arme noch Beine bewegen. Er war – denn da war die eindringliche Impression dieses Juckens, die ihn völlig erfüllte. Doch wer war er? Kein Gefühl, keine Antwort.
Wie Dampf, der sich an den Wänden eines gläsernen Hohlraums in Tropfen niederschlägt, kondensierten einzelne Stimmen an den Rändern der wirbelnden Leere, die ihn ausmachte und raunten in sein inneres Ohr:
Ich habe die verlorene Zeit beschworen. Ich bin Robinson Crusoe, Mensch gewordene Insel. Clawdia Chauchat, Sylphe des Zauberbergs. Rasputin, des Zaren Einflüsterer. Shelly Floatgrave, Künstlerin der Quantendiffusion. Ich bin Undine, die Fischschwänzige. Man nennt mich Hermes, den Gott der geflügelten Botschaft. Ich bin das Mädchen mit den Schwefelhölzchen. Nennt mich Ismael. Robert Kennedy, politische Ikone. Robin Hood, Held der Freisassen. Mein Name sei Gantenbein. Pan der Bocksbeinige, Faun werde ich genannt. Mein Name ist Xiao Fluidis, Begründer des fluktuativen Tanzkultes. Ich bin der Geist der zukünftigen Weihnacht. Man nennt mich Neferetiti, die Schöne. Ich bin Quasimodo, der Missgestaltete. Man nennt mich Odysseus, den Listenreichen. Wir sind die Cherubin und stehen an der Seite Gottes. Dian Fossey, Silberrückenflüsterin. Isaac Newton, Meister der spontanen Welterkenntnis. Man nennt mich Mahatma. Jeanne d´Arc, die wehrhafte Jungfrau. Mein Name ist Legion. Luke Skywalker, der Weltraumepische. Galadriel, Hüterin des Spiegels. Juri Gagarin, erster Mensch im All. Johannes Gutenberg, Begründer der schwarzen Kunst. Wolfgang Amadeus Mozart, musikalisches Wunderkind. Platon, antiker Vordenker. Ich bin Thot, der ibisköpfige. Harry Haller, Steppenwolf. Leopold Bloom, Held eines einzigen Tages. Walther von der Vogelweide, Sänger der hohen Minne. Adrian Leverkühn, Wiedergänger des Doktor Faustus. Tom Swayer, ewiger Lausbub. Ich bin Morgaine, die Zauberin. Dorian Grey, Zerrbild ewiger Jugend. Ich bin Baphomet, der Vielgestaltige. Bornabas Gutknecht, Protagonist der osmotischen Bereinigung.
Die Stimmen nahmen zu, wuchsen an, wurden zu einem dröhnenden Chor, einer überwältigenden Kakophonie aus gellenden Schreien, begütigendem Murmeln, orgiastischem Stöhnen, hoffnungslosem Röcheln, Koselauten namenlosen Glücks, getragenen Reden, aufatmendem Seufzen, agitatorischem Geschrei, angstvollem Wimmern, keuchendem Hecheln und einem tiefen, abgründigen Summen, das seine Schädelplatte vibrieren ließ. All das verdichtete sich zu einer kompakten, ungestalten Masse an Gefühlen und Eindrücken, die wuchtig auf ihn eindrangen und einer kaleidoskopartigen Flut von Bildern, die mit rasender Geschwindigkeit an ihm vorbeizogen. Dann kehrten schlagartig Ruhe und Stille ein und alles verlor sich wieder.
CaseOne öffnete langsam die Augen. Er war – und er war viele und vieles. Doch hatte er nichts Persönliches. Musste sich aus dem zusammensetzen, was ihm aus den verlorenen Zeiten überkommen war. Da gab es Schönes und Schlechtes. Gutes und Böses. Märchenhaft Beglückendes und unvorstellbar Grässliches. All das hatte er nicht persönlich durchlebt, weder genossen noch erlitten. Es war ihm aus zweiter Hand zuteilgeworden. Aber dafür verfügte er über mehr Leben und Wissen als jeder Citizen, der momentan in der Urb den Takt des Systems teilte. Immer wieder unterbrachen wuchtige Eindrücke und grelle Bilder seine allmählich aufkeimenden Bewusstseinsvollzüge.
Er musste sich sammeln. Eine Entscheidung treffen. In der Fülle seiner Impressionen untergehen. Oder sich mit allen seinen Kräften an einzelnen Eindrücken festkrallen, sie sich aneignen und bis zur Neige auskosten, um an ihnen Gestalt zu gewinnen und sich an ihnen aufzurichten. Aber dazu brauchte er in dem bodenlosen, abgrundtiefen Chaos, das in ihm auf- und abbrandete, einen Leitfaden, einen Halt, an dem er sich orientieren konnte.
Im Anfang war das Wort, war die Information. Er war übervoll damit, quoll über davon und – er war am Anfang. Und da gab es Wörter, viele, wohlgestaltete Wörter. War die Mathematik die luftige Abstraktion von der lastenden Schwere der physikalischen Gegebenheiten, die dennoch half, funktionierende Dinge zu konstruieren, sie beständig, standfest und wirkmächtig zu machen, so war die Lyrik die Abstraktion von den wechselhaften Unwägbarkeiten durchlebten und durchlittenen Lebens, transzendierte all die Gewöhnlichkeit und den Jammer, bannte aber auch das Glück und die Wonnen des Alltäglichen.
Das Leben auf der Erde war Paradies und Jammertal zugleich. Er aber wollte das Schlechte, Hässliche, Sinnlose nicht übernehmen, sondern allein das Wahre, Schöne, Gute. Er entschloss sich, der Ungereimtheit und Sinnlosigkeit des Daseins etwas Schönes entgegen zu setzen. Fortan würde er dichten, die vielfach hässliche und sinnlose Realität mit dem Firnis wohlgestalteter Reime überziehen. In Zukunft wollte er, wo immer möglich, in Reimen denken und auch sprechen. Er wollte dichten!
CaseOne sollte sein persönliches Gedächtnis lange nicht wiedererlangen. Doch würde er nichts entbehren oder vermissen, denn er würde völlig in der prallen Fülle des Lebensgefühls und der Weisheit aufgehen, die ihm seine cerebralen Implantate der Datenbanken der verlorenen Zeiten vermittelten.
Sommersaat; erster Umlauf im fünfhundertvierundfünfzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
„Liebe Luna, sanfter Stern,
wir haben dich nur allzu gern,
gib in der Nacht,
wohl auf uns acht,
und schenk uns auch bei Tag Geleit
für Demut und Besonnenheit.“
Gebet der Milchkinder
Ein Knabling von vielleicht sechs Umlaufzwölfen stand neben einem Hackklotz, auf dem ein gerupftes Huhn ausgebreitet lag. Die wächsernen Krallen starr gen Himmel gestreckt, baumelte der Kopf an dem unnatürlich lang wirkenden Hals erbarmungswürdig längs des Klotzes herab. In der gelblichen, mit Fett unterlegten Haut hatten die ausgerissenen Federkiele viele kleine Krater hinterlassen. Die Federn lagen um den Hackklotz zerstreut auf dem Boden. Der kleine Junge meinte, das Huhn gekannt zu haben, als es noch Federn hatte und nach Körnern pickend mit ruckendem Kopf auf dem Hof herumstolziert war. Nun musste es doch frieren. Wie es wohl wäre, selbst solch ein Federkleid zu haben? Fliegen würde er damit wohl nicht können, da mit ein paar Federn aus seinen Armen noch lange keine Flügel würden, aber es wäre vielleicht interessant zu sehen, ob die Federn wärmer wären als sein Hemd oder welches Gefühl auf der Haut entstehen würde, wenn der Wind über die Federn strich. Erst einmal zog er sein Hemd aus und dann musste er es irgendwie schaffen, dass die Federn auf seiner Haut haften blieben. Ohne lange zu überlegen, lief er zu einer Pfütze, in der nach dem Regen der Nacht noch das Wasser stand, tauchte beide Hände in die lauwarme Nässe, wirbelte vom Grund etwas Schlamm auf und verrieb die mit Lehm gesättigte Pampe über Arme, Brust und Beine und soweit er um sich herumreichen konnte, auch auf seinem Rücken. Dann sprang er zum Hackklotz zurück und wälzte sich solange in den Federn herum, bis die meisten davon an seiner Haut klebten. Da das Huhn vor nicht allzu langer Zeit gerupft worden war, hafteten an den Federkielen noch frische Reste von Fett und Blut, die noch nicht eingetrocknet waren und sich mit dem Lehm auf seiner Haut verbanden. Der kleine Junge stand auf und sah an sich herunter. Er sah nicht aus wie ein Huhn. Da waren noch viele Stellen, die völlig frei von Federn waren. Aber er war ja auch viel größer als solch ein Federvieh. Auch bedeckten ihn große und kleine Federn ganz unregelmäßig und waren nicht in eine bestimmte Richtung ausgerichtet. Richtig spüren konnte er sein neues Federkleid auch nicht, denn der allmählich trocknende Lehm spannte auf seiner Haut, so dass sie wie mit einem Panzer überzogen war. Aber all das war ihm erst einmal egal. Er war jetzt ein Vogel und wollte hinunter zu Fluss.
Als eine Mutter, sie mochte etwa achtzehn Umlaufzwölfe zählen, am späten Nachmittag den Knabling fand, saß er auf einem Stück Unland am Fluss und hatte einen hohen Turm aus Kieseln vor sich aufgetürmt, den er mit kleinen Stecken abgestützt hatte. Die Mutter mochte den Kleinen. Zwar gehörte er nicht zu ihren Zöglingen, doch war er ihr schon verschiedentlich durch sein keckes und verständiges Wesen aufgefallen. Er war der Pfiffigste aus seiner Gruppe und sprühte nur so vor Ideen und Tatendrang. Leider brachte das aber auch mit sich, dass er sich öfters einer plötzlichen Eingebung folgend von der Gruppe entfernte und dann einfach verschwunden blieb. Die Mütter hatten schon überall vergeblich gesucht, als ihr dieser Platz am Fluss einfiel, an dem der Kleine schon einmal gefunden worden war. Richtig, da saß er ja.
Über und über mit Federn bedeckt, die von einem der eben geschlachteten Hühner stammen mussten, bot er einen recht absonderlichen Anblick. Der Turm aus flachen Flusskieseln, den er errichtet hatte, war so geschickt durch seitlich in die Erde gerammte Stöckchen gesichert, dass er zu einer erstaunlichen Höhe gediehen war.
„Hier steckst du also.“
Der Kleine wandte sich von seinem Turm ab und sah fragend zu ihr herüber. Er sah aus wie ein ungeschlachtes, völlig aus der Form geratenes Federwesen in der Mauser. Eigentlich wollte die Mutter den Jungen ausschimpfen, doch dann musste sie unwillkürlich lachen.
„Was für ein seltsames Tier bist du denn?“
Auf das Unland blickend, das regelmäßig vom Fluss überschwemmt wurde, beantwortete sie sich ihre Frage dann selbst.
„Du bist mir schon ein rechter Brachvogel. Du weißt aber doch ganz genau, dass du nicht allein von deiner Gruppe fortlaufen sollst. Jetzt aber hopp, zurück in den Kreis.“
Sie nahm das Kind an der Hand, das sich widerstandslos von ihr führen ließ. Sie stiegen eine Weile den vom Ufer aufwärts verlaufenden Pfad hinan, überwanden mehrere aus Weiden geflochtene Hürden, unter denen der Kleine hindurchgekrabbelt sein musste, kamen an einer Scheune und schließlich dem Hackklotz vorbei, von dem das Huhn, Luna sei es gedankt, inzwischen verschwunden war, querten die Hühner- und Kaninchenställe, bis sie schließlich einen von niedrigen Hütten umsäumten Platz erreichten. Hier saßen, auf fünf Kreise verteilt, etwa fünfzig Knablinge gleichen Alters, die jeweils von einer Frau beaufsichtigt wurden.
Die Mutter steuerte die mittlere Gruppe an und sagte, den Kleinen in den Kreis schiebend, mehr zu den anderen Frauen als den im Rund sitzenden Kindern:
„Hier führe ich euch unseren wieder einmal verloren gegangen Brachvogel zu. In dieser denkwürdigen Aufmachung saß er auf der Brache unten am Fluss und baute Steintürme.“
„Gut, dass du ihn gefunden hast, Ayiah“, sagte die Älteste Mutter. „Ich habe mir schon ernsthafte Sorgen gemacht. Wir können es uns einfach nicht leisten, auch nur einen von diesen zu verlieren.“
Die anderen Mütter blickten den Kleinen mit gerunzelten Brauen missbilligend an, die Knablinge, in deren Mitte er wie ein von einem fremden Stern gefallenes Wesen stand, aber lachten ihn unverhohlen aus, während sie im Chor skandierten:
„Brachvogel – Federmogel, Brachvogel – Federmogel“.
Bis auf einen, Agror geheißen, der ihn neugierig und fast schon ein wenig bewundernd ansah.
Von diesem Moment an waren Brachvogel und Agror unzertrennlich. Beide waren einander bislang noch nicht aufgefallen. Doch als Brachvogel da mitten im Kreis stand und nicht wusste, wie ihm geschah, neigte sich sein Herz natürlich dem zu, der ihn nicht verhöhnte. Und für Agror verkörperte Brachvogel in seinem missratenen Federkleid trotz aller Lächerlichkeit etwas Besonderes, Andersartiges, das ihn aus der Enge und Gewöhnlichkeit der eigenen Person herauszuführen versprach.
Während der Abendbesinnung suchte Brachvogel dann auch die Nähe Agrors, stellte sich neben ihn in den Kreis und besiegelte ihre neue Freundschaft mit einem kurzen Nicken. Alle Knablinge fassten einander an den Händen und richteten ihren Blick dorthin, wo gemäß der Anweisung von Mutter Leial am wolkenverhangenen Himmel das Nachtgestirn stehen musste. Gemeinsam sprachen sie ihre Bitte an die Mondin, die sie am Ende jeden Tages anstimmten, bevor sie sich zur Nacht niederlegten:
„Liebe Luna, sanfter Stern,
wir haben dich nur allzu gern,
gib in der Nacht,
wohl auf uns acht,
und schenk uns auch bei Tag Geleit
für Demut und Besonnenheit.“
„Mit dieser Anrufung der gütigen Mondin beschließen wir wie immer diesen Tag“, sagte Mutter Leial und geleitete die Knablinge zu ihren Schlafstellen.
Mit der Zeit gerieten Brachvogels ursprünglicher Name und die Umstände, wie er zu seinem neuen Namen gekommen war, in Vergessenheit. Er war Brachvogel. Längst schon war kein Spott mehr mit diesem Namen verbunden und er trug ihn wie eine Auszeichnung.
Nach Brachvogels Beobachtung gab es in der Stätte der Aufzucht zwei Arten von Menschen, Milchkinder oder Knablinge wie Agror und ihn selbst und die Mütter. Man musste den Müttern in Allem folgen und gehorchen, denn sie kannten das Leben, wussten um Gut und Böse und erklärten Werden und Wachsen und den Zusammenhang aller Dinge im empfindlichen Gefüge der Welt. Knablinge waren unwissend und klein und bedurften dringend der unablässigen Lenkung der Mütter. Mütter waren groß, staken in wallenden Gewändern, trugen lange Haare, wanden Schmuckreifen um die Handgelenke und hatten Brüste, aus denen man trinken und satt werden konnte. Während die Knablinge oft nackend umherliefen, sah Brachvogel die Mütter bis auf die jeweils zum Trinken freigelegte Brust niemals entblößt. Alle Milchkinder, gleich welchen Alters wurden an der Brust gelabt. Die ganz kleinen lagen dazu im Arm der Mütter, die mittleren saßen auf deren Schoß und die ganz großen kletterten vielfach auch schon einmal auf ein Bänkchen, während die Mutter über der rechten oder linken Brust eine Falte ihres Gewandes für die Nährung aufknöpfte, ohne ihre momentane im Stehen ausgeführte Verrichtung zu unterbrechen. Die älteren Knablinge bekamen natürlich auch andere Nahrung, aber in der gesamten Zeit ihres sieben Umlaufzwölfe währenden Lebens in der Stätte der Aufzucht bestand die mittägliche Hauptmahlzeit aus Muttermilch.
Mit steigendem Alter hatte sich Brachvogel zunehmend von den milchprallen Brüsten der Mütter abgestoßen gefühlt. Dagegen liebte er es, Wasser oder Kräutertee aus einem Becher zu trinken und sobald er alt genug war, ein solches Gefäß zu greifen, hielt er immer eines in der Hand, während er an einer Brust saugte, und fuhr begeistert über die klaren und festen Konturen hin, die ihm eine verlässlichere Orientierung zu bieten schienen als die nachgiebigen Brüste, die der Berührung seiner Lippen, dem Druck seiner Zunge oder dem Tasten seiner Hände keinen eindeutigen Widerstand entgegensetzten. Auch konnte er sich nicht an die unterschiedlichen Geschmäcke, Gerüche und Ausdünstungen der Mütter gewöhnen. Denn es nährte nicht eine bestimmte Mutter einen bestimmten Knabling, sondern alle Mütter spendeten allen Milchkindern Nahrung aus ihren Brüsten.
Eines Morgens kündigte Mutter Leial an: „Heute werden wir erfahren, wie wir unser Wesen der Fürsorge sanft lenken können.“
Jeder Knabling bekam, sobald er sicher laufen konnte, in immer größerem Umfang die Verantwortung für ein Wesen der Fürsorge übertragen, um sich beizeiten darin zu üben, etwas Lebendiges und in der Natur Gewachsenes zu hegen und zu pflegen. Brachvogel erinnerte sich noch eindrücklich daran, wie er als kleines Milchkind erstmals die konzentrierte Wärme des winzigen Körpers gespürt hatte, der sich mit der Atmung dehnte und wieder zusammenzog und dessen schneller Herzschlag in seinen Händen klopfte, wie er sein Gesicht in weiches Fell versenkte, das an der Nase kitzelte und wie er in große, runde, dunkelfeuchte Augen sah, die sein eigenes Gesicht widerspiegelten. Es waren dies die Augen eines Kaninchens, seines Tieres der Fürsorge, das ihn während seiner ganzen Zeit in der Stätte der Aufzucht begleiten sollte.
Agror und alle anderen Knablinge seiner Gruppe waren mit solch einem kleinen, langlöffeligen Zögling aufgewachsen, den sie im Laufe der Zeit immer eigenständiger betreuten und versorgten, damit sie so sinnenfällig Einsicht darin nahmen, wie stark sie mit allem in der Natur verbunden und verwoben waren und lernen konnten, ganz behutsam Einfluss auszuüben. Die Knablinge waren schon darin geübt, ihre Tiere regelmäßig mit Wasser, Heu und Gemüse zu versorgen, ihre Ställe reinlich zu halten, ihnen im Gehege Auslauf zu gewähren, ihr Fell zu pflegen und ihnen streichelnd Körperkontakt angedeihen zu lassen ‒ was nicht nur die Kaninchen vor Wohlbehagen leise mit den Zähnen mahlen ließ, sondern auch den Händen der Streichler schmeichelte.
„Ihr habt gelernt, eure Fürsorgezöglinge zu pflegen und mit allem Nötigen zu versorgen und ihr habt es vor allem geschafft, es behutsam dahin gedeihen zu lassen, dass sie eurer Weisung vertrauen“, leitete Mutter Leial die Übung ein. „Euren achtsamen Umgang mit diesen empfindlichen Wesen wird euch die Natur mannigfach vergelten. Doch heute lasst uns erproben, wie ihr eure Kaninchen lenken könnt, wenn sie nicht vom Gehege umfriedet, sondern außerhalb sind.“
Die Knablinge liefen zu den Ställen, nahmen ihre Tiere auf den Arm und kehrten zu Leial zurück, die sie auf eine große, kürzlich von Schafen abgeweidete Wiese hinter den Hütten führte.
„Ihr werdet euer Kaninchen gleich ins Gras setzen und sehen, was passiert. Um es zu führen, kann sich jeder von euch dort ein Netz, einen Stecken und eine Möhre nehmen.“ Leial deutete auf die Stelle, an der diese Lenkungsmittel bereitlagen. „Ihr seid verantwortlich für euer Fürsorgewesen. Setzt diese Dinge also mit Bedacht und Besonnenheit ein. Bedrängt euer Tier nicht, engt es nicht ein, zwingt ihm nicht euren Willen auf, sondern führt es behutsam. Wartet ab, lasst es gewähren, beobachtet es, seid nicht vorschnell in eurer Meinung, in welche Richtung es hoppeln wird, drängt es nicht auf euren Pfad, sondern wartet ab, welche Richtung es nehmen wird. Schreitet aber ein, wenn es euch zu enteilen droht.“
Zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr der Milchkinder hielten die Mütter diese und andere Übungen ab, um zu prüfen, welches Temperament und Gemüt die Knablinge ausgeprägt hatten. Dies war dann unter anderem Grundlage der Entscheidung, wer von ihnen entkeimt und wer zum Zeugungsträger bestimmt werden sollte. Neben der Erziehung in der Stätte der Aufzucht, während derer die Knablinge mit der Milch der Demut und Besonnenheit durchtränkt wurden, war die Entkeimung ein weiteres Mittel, den wilden Kern der Unbedachtsamkeit im Mannling zu brechen und seine Neigung zu unterbinden, seinen Willen gegen alles, was natürlich war, mit Gewalt durchzusetzen. Seit den Zeiten der Großen Verderbnis wussten die Frauen, dass der ungezähmte und ungehemmt sich entfaltende Geist des Mannlings eine Bedrohung für die Klave und die gesamte Schöpfung war. Gestaltungsdrang und Widerstandsgeist von im Knablingsalter entkeimten Mannlingen waren in der Regel sehr zurückgenommen, was auch in ihrer Körperlichkeit zum Ausdruck kam, die sich behäbiger und träger ausnahm, als die ihrer nicht entkeimten Artgenossen. Entkeimte Mannlinge blieben im Grunde große Milchkinder und fügten sich leicht in das Los, schwere körperliche Arbeiten zu verrichten, keine Freiheiten zu besitzen und in allem den Weisungen der Frauen zu folgen. Ein gewisser Anteil der Knablinge aber musste die Keimdrüsen behalten, damit der Fortbestand der Klave gesichert werden konnte. Diese Exemplare galt es sorgfältig auszuwählen, denn die Möglichkeit, dass ein nicht entkeimter Knabling dereinst zum Zeugungsträger gereift der Klave zur Gefahr wurde, musste unter allen Umständen ausgeschlossen werden.
Leial hatte diese und ähnliche Übungen schon oft durchgeführt, war aber immer wieder überrascht, wie manche Knablinge sich verhielten. Die Tiere zu betreuen, während sie sich auf der großen Wiese frei bewegten, war völlig neu für sie und viele Knablinge waren in Panik geraten, wenn ein Kaninchen Anstalten machte, das Weite zu suchen oder scheinbar von einer der harmlosen, auf der Wiese heimischen Ringelnattern bedroht wurde. Unter den eingefahrenen Regeln des gewohnten Tagesablaufs genügten die meisten Knablinge den Anforderungen der Besonnenheit, aber wenn sie wie jetzt während dieser Prüfung unter einer besonderen Anspannung standen, schlug bisweilen ihre mannlingsche Wesensart durch.
Leial würde jeden der Knablinge, der auch nur ansatzweise unbeherrscht zu seinem Stecken griff, um sein Tier auf die richtige Bahn zu zwingen, als Anwärter für die Entkeimung melden. Am liebsten hätte sie sämtliche Knablinge entkeimt, um diesem Mannlingsgezücht sein zerstörerisches Wesen gründlich auszutreiben, aber solange noch kein Weg gefunden worden war, dass Frauen ohne das Zutun dieses Makels der Schöpfung ein Kind in sich wachsen lassen konnten, war das wohl nur eine schöne Wunschvorstellung. Leial wollte schier verzweifeln, wenn sie über die seltsame Gestaltung der Welt nachgrübelte, in der die Natur mit dem Mannling ein Wesen hervorgebracht hatte, in dem der Keim ihrer eigenen Vernichtung angelegt war.
Anders als etliche Knablinge, die die Pflege ihres Kaninchens als Last empfanden und es unwirsch behandelten, wenn es sich nicht so verhielt, wie sie wollten, war Agror seinem langlöffeligen Fürsorgewesen mit großer Liebe und Zärtlichkeit zugetan. Sie waren zusammen aufgewachsen und widerfuhren ihm Leid und Unbill, tröstete es ihn, sein Gesicht in den nach Heu und warmer Kreatur duftenden Pelz zu drücken. Der sehr zögerlich und vorsichtig geartete Knabling hätte seine Schnobernase am liebsten gar nicht in das Gras dieser großen, weiten Wiese gesetzt, sondern sie weiter schützend im Arm gehalten. Doch musste er natürlich der Anweisung von Mutter Leial Folge leisten.
Zunächst blieb das Tier zufrieden hocken, knabberte an einigen Grashalmen und hoppelte dann langsam davon. Agror folgte ihm zunächst, hielt dann inne und lief zurück, um Möhre, Netz und Stecken an sich zu raffen und dann eilends zu seinem Kaninchen zurückzukehren, das sich inzwischen schon ein beträchtliches Stück Wegs von ihm entfernt hatte. Als es gewahr wurde, dass nicht wie gewöhnlich eine Barriere seinen Auslauf hemmte, sprang es übermütig mal hierhin und dorthin und kauerte sich schließlich neben einem hohen Grasbüschel hin, um mit pumpenden Flanken, straff angelegten Löffeln und bebendem Näschen aufgeregt zu wittern und die ungewohnte Umgebung in sich aufzunehmen. Agror hockte sich nieder und bot ihm die Möhre dar, um es zu beruhigen. Das Kaninchen raspelte ein paar Bissen ab und ganz allmählich richteten sich seine Löffel wieder auf, was Agror zeigte, dass sein Tier nach dieser ersten Sinnesaufwallung allmählich zur Ruhe kam. Erleichtert stand er wieder auf und blickte in die Runde, um zu sehen, wie es seinen Gefährten mit ihren Tieren erging.
Netz, Stecken und Möhre waren unterschiedlich zum Einsatz gekommen. Einige Knablinge, deren Kaninchen ihre ungewohnte Freiheit dazu genutzt hatten, sehr schnell sehr weit zu hoppeln, hatten das Netz über sie geworfen, um sie nicht zu verlieren. Andere trieben die Tierchen mit dem Stecken wieder zurück und etliche lockten sie mit der Karotte auf den richtigen Weg. Brachvogel hatte das rote Gemüse gar an den Stecken gebunden und war so in der Lage, sein Kaninchen zu führen, ohne sich bücken zu müssen und konnte so gleichzeitig auch den Überblick über das Gelände behalten.
Da nahm Agror aus dem Augenwinkel heraus auf dem Gras eine seltsame Bewegung wahr. Ein langes, dünnes Etwas schlängelte sich auf seine Schnobernase zu. Er hatte noch nie ein solches auf dem Bauche sich windendes Wesen gesehen, doch zweifellos stellte diese Kreatur eine Gefahr für seine Schnobernase dar. Nur noch das Grasbüschel stand zwischen seinem Fürsorgetier und dem bedrohlichen Windling. Was sollte er machen? Das Wesen anzufassen getraute er sich nicht. Zwischen den Maschen des Netzes würde es mühelos hindurchgleiten. Blieb noch der Stecken. Agror nahm seinen ganzen Mut zusammen, spreizte die Beine, um sicheren Stand zu haben, nahm den Stock mit ausgestreckten Armen in beide Hände, führte dessen Ende vorsichtig unter die Mitte der Kreatur und hebelte sie mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft von sich weg. Etliche Spannen entfernt fiel das Wesen zu Boden und wand sich in die entgegengesetzte Richtung fort. Erleichtert atmete Agror auf.
Für Leial, die die Knablinge aus der Ferne beobachtete, sah Agrors Bewegung mit dem Stecken so aus, als hätte er sein Kaninchen kräftig mit dem Stock traktiert. Von diesem sanften und unauffälligen Knabling hätte sie dieses typisch mannlingsche Verhalten am allerwenigsten erwartet. Aber darin, dass hier die wahre Natur der Knablinge offenbar wurde, erwies sich wieder einmal die Nützlichkeit dieser und anderer Übungen. Brachvogel dagegen legte wie erwartet einen überbordenden und deshalb gefährlichen Einfallsreichtum an den Tag. Er war ihr von vorneherein ein Anwärter für die Entkeimung gewesen.
Leial blies in die Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte, und bedeutete den Knablingen damit, dass die Übung nun beendet sei und sie ihre Kaninchen wieder aufnehmen konnten. Als die Knablinge, ihre Tiere auf dem Arm, dann vor ihr standen, fasste sie die Geschehnisse zusammen:
„Jeder von euch hat sein Fürsorgewesen nach seinem besten Vermögen und der ihn prägenden Gemütsart und Eigenheit behandelt. Darüber, ob ihr dabei die der Natur förderliche Besonnenheit habt walten lassen, mag diese selbst richten. Bringt nun eure Tiere in die Ställe zurück und widmet euch euren üblichen Obliegenheiten.“
Leial sah bewusst davon ab, den Knablingen, die Gewalt gegen ihre Fürsorgetiere geübt hatten, die Mondin zu lesen. Es würde ohnehin nichts ändern, denn der mannlingsche Geist war unbelehrbar. Die Knablinge würden die Folgen ihres mannlingschen Verhaltens noch früh genug zu spüren bekommen. Von den sieben Zöglingen ihrer Gruppe wollte sie fünf für die Entkeimung vorschlagen, allen voran Brachvogel, dessen völlig unberechenbares und viel zu selbstgefälliges Verhalten ihr schon lange ein Dorn im Auge war.
Am Abend saßen die Mütter im Versammlungshaus der Stätte zusammen und berieten darüber, wer von den Knablingen entkeimt und wer Zeugungsträger werden sollte. Sie hatten die Knablinge jetzt zweiundsiebzig Umläufe lang betreut und ihre Entwicklung vom völlig hilflosen Saugling bis zum eigenständig handelnden Knabling begleitet. Die alltäglichen Abläufe und mannigfachen Übungen wie die heutige Betreuung der Fürsorgewesen auf nicht eingefriedeter Fläche hatten offenbar werden lassen, welches Herz in der Brust eines jeden Knablings schlug und welch Geistesart und Gesinnung er war. Es war absehbar geworden, welche Entwicklung er als ausgewachsener Mannling nehmen würde. Das seit unzähligen Generationen von Müttern überlieferte Mittel, Gemütern mit ausgeprägt mannlingscher Wesensart vorbeugend Einhalt zu gebieten, war die Entkeimung. Um hier wieder einmal eine weise Entscheidung zu treffen und der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass keiner der Knablinge aus der Stätte der Aufzucht entlassen jemals die Kreisläufe der Natur durchbrechen würde, nahmen die Mütter sich gegenseitig bei der Hand und bildeten einen Kreis.
Ayiah war links neben Leial zu sitzen gekommen, deren kalte, leicht feuchte Hand sie widerwillig in der ihren hielt. Ayiah mochte Leial nicht und war sich sicher, dass diese Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhte. Die beiden jungen Frauen hatten vor drei Umläufen Luna ihr erstes Kind geschenkt und wie üblich waren ihnen diese direkt nach der Geburt abgenommen worden, ohne dass ihnen ihr Geschlecht offenbart worden war. So wie sich ein Kind im Leib der Mutter von deren Blut und Odem nährte, konnte auch eine einzelne Mutter nur überleben, wenn sie im Körper der großen Mutter ruhte, den die von Luna begnadete Gemeinschaft aller Frauen und Mütter bildete. In dem Moment, in dem die Nabelschnur durchtrennt wurde, ging die Frucht daher vom Leib der Mutter in den Körper der großen Mutter über und gehörte fortan der Gemeinschaft aller Mütter.
Während Ayiah sich noch immer mit jeder Handbreit ihrer Haut nach ihrer Leibesfrucht verzehrte und ihr Herz bei dem Gedanken schneller schlug, dass diese sich irgendwo hier in der Stätte der Aufzucht befinden konnte, schien Leial in keiner Weise unter der Trennung von ihrem Kind zu leiden. Sie war sich sicher, einer Kleinen Frau das Leben geschenkt zu haben, die wie alle weiblichen Nachkommen inzwischen zum Hort der Weisung gebracht worden war, wo sie – wie einstmals auch sie selbst – auf ihre Lenkungsaufgaben den Mannlingen gegenüber und die besondere Verantwortung der Frauen der Schöpfung gegenüber vorbereitet werden würde. Sie begegnete den ihr anvertrauten Knablingen mit größter Sachlichkeit und Strenge und kam sie daran, einem Saugling die Brust zu geben, erledigte sie das gewissenhaft und ohne jegliche Gefühlsregung. Ayiah dagegen betreute alle Sauglinge mit großer Fürsorge und Liebe, schließlich konnte jeder von ihnen ihre eigene Frucht sein und auch die Knablinge ihrer Gruppe behandelte sie mit nachsichtiger Einfühlsamkeit. Vielleicht war ja ihre Leibesfrucht, wenn es denn ein Knabling war, in etlichen Umläufen ebenfalls auf die Güte einer Mutter angewiesen.
Jede Entkeimung musste von der Mutter, die die Gruppe des entsprechenden Knablings führte, genau begründet werden und auch die anderen Mütter wurden dazu gehört. Die endgültige Entscheidung aber lag bei der Ältesten Mutter. In Leials Gruppe war der Anteil der für die Entkeimung vorgeschlagenen Zöglinge am höchsten. Brachvogel zu entkeimen war ihr ein persönliches Anliegen.
„Das ganze Sein dieses Knablings ist pure Hoffärtigkeit. Stets geht er seinen eigenen Weg und – Luna sei es geklagt – oft durchaus auch mit Erfolg. Er will sich nicht einfügen und sein Verhalten ist in keiner Weise einzuschätzen. Als ausgewachsener Mannling wird er nur schwer zu kontrollieren sein.“
„Wir alle kennen das unangepasste Verhalten dieses Knablings und unter dem Gesichtspunkt, dass wir ein beträchtliches Wagnis eingehen, wenn wir Zöglinge wie ihn zu Zeugungsträgern heranwachsen lassen, ist deine Rede schlagend, Leial“, erklärte die Älteste Mutter und sah dann fragend in die Runde der Mütter. „Hat zu dem Knabling Brachvogel noch jemand etwas zu sagen?“
Auch wenn ihre Stimme als Erstgebärende im Rat der Mütter noch kein großes Gewicht hatte, wollte Ayiah sich doch Gehör verschaffen. Sie war sich sicher, dass es nicht sinnvoll sein konnte, wenn jeder Knabling, der sich nicht reibungslos in die Kreisläufe des Horts einfügte, notwendig der Entkeimung anheimfiel. Galt es doch, die Klave in ihrer Nachkommenschaft mannigfaltig, vielgestalt und damit überlebensfähig zu halten. Schließlich weckten Zeugungsträger nicht nur das im Schoß der Mütter angelegte Leben von Knablingen, sondern auch das Leben kleiner Frauen und damit zukünftiger Mütter und Lenkerinnen. Würden nur die unauffälligen und angepassten Knablinge zu Zeugungsträgern ausersehen, wäre zwar der mannlingsche Widerstandsgeist gebrochen, aber die Vielfalt der Quelle der vererbten Anlagen, aus der die Klave ihren Nachwuchs schöpfte, würde über die Generationen hin langsam austrocknen und die Gemeinschaft allmählich der Fähigkeit verlustig gehen, aus der Fülle der Bahnen der natürlichen Kreisläufe Neues zu schöpfen, um so angesichts unvorhersehbarer Widerfahrnisse ihr Überleben zu sichern. Hierin lag ein Zwiespalt, dessen sich Ayiah nur zu bewusst war.
Würden die Menschen in allem den Kreisläufen der Natur folgen und sich ihnen gänzlich einpassen, könnten sie nur schwerlich überleben. Würden sie andererseits aber der Natur ungehemmt ihren Willen aufzwingen, wäre diese und damit auch der in sie eingebundene Mensch gefährdet. Es galt also ein empfindliches Gleichgewicht zu wahren.
Ayiah entzog Leial ihre linke Hand und stemmte sie in die Hüfte zum Zeichen, dass sie sich äußern wollte.
„Sprich, Ayiah“, sagte die Älteste Mutter
„Hat Brachvogel denn jemals Gewalt gegen andere, die Natur oder sein Fürsorgewesen ausgeübt?“, richtete sich Ayiah direkt an Leial.
Diese schüttelte den Kopf, denn das konnte sie nicht mit Fug behaupten und auch den übrigen Müttern war kein einziger derartiger Fall bekannt.
„Sein alleiniger Fehl ist also, dass er seinen eigenen Kopf hat und deshalb schwer einzugliedern ist“, fuhr Ayiah fort. „Ich glaube, wir werden in Zukunft solche Köpfe brauchen, um Missernten, den Launen der Witterung, den Wanderungen des Wildes, dem Beben der Erde und anderem Unbill wirkungsvoll begegnen zu können. Bedenkt, dass Zeugungsträger nicht nur Mannlinge, sondern auch Frauen im Schoße der Mütter wecken und wenn wir nur die im Körper trägen und im Geiste fügsamen Knablinge zu Zeugungsträgern reifen lassen, wird der Quell unserer Fortpflanzung von einem mächtigen, vielfältigen Strom zu einem kläglichen, einfältigen Rinnsal verkommen. Wir täten deshalb gut daran, Brachvogels Schambeutel nicht leer zu schlagen, sondern ihn zu einem Zeugungsträger heranreifen zu lassen. Wohl aber sollten wir ein besonderes Augenmerk auf ihn haben, denn unstrittig liegt in ihm nicht nur eine Gunst des Schicksals, sondern auch eine Gefahr. Denn eine Güte des Geschicks scheint mir immer damit verbunden zu sein, dass aus ihr auch eine Gefahr erwachsen kann.“
„Mannlinge sind unbelehrbar und ihr ungebrochener Geist wird, wie uns die Geschichte wohl gelehrt hat, zu einer Gefahr für die Schöpfung“, ereiferte sich Leial. „Es ist eine gar arge Wirrnis, dass wir, um Nachkommen zu haben, auf Wesen wie die Mannlinge angewiesen sind. Würde Lunas reiner Geist walten, wäre es uns Frauen gegeben, untereinander Kinder zu zeugen.“
Die Älteste Mutter stützte ihr Kinn in die Hand und sann lange nach. „Für deine jungen Jahre spricht aus deinen Worten eine ungewöhnliche Weitsicht, Ayiah“, beschied sie dann. „Damit die Klave den Widernissen des Schicksals besser trotzen kann, scheint es mir tatsächlich ratsam, ein Wagnis einzugehen. So sei es denn, möge Brachvogel zu einem Zeugungsträger heranreifen.“
In den Mienen der Mütter spiegelte sich zu etwa gleichen Teilen Zustimmung und Ablehnung wider. Leial aber kniff die Lippen zusammen und sah Ayiah, die sie nach ihrer Rede wieder bei der Hand genommen hatte, um den Kreis zu schließen, hasserfüllt an. Ayiah war klar, dass sie nun eine Verantwortung für diesen Knabling Brachvogel trug und es ihr auferlegt war, seinen weiteren Weg zu verfolgen.
Am nächsten Morgen fehlten in den Gruppen der älteren Zöglinge die meisten Gefährten und nur wenige Mütter waren zugegen. Auch Brachvogel vermisste seinen Freund Agror. Aus der Ferne ließ sich leise das dunkle Tönen vernehmen, das, auch wenn es einmal abebbte, den ganzen Tag immer wieder anhob.
Auch die nächste Zeit blieben die Knablinge verschwunden und als sie dann wieder auf den Plan traten, staksten sie mit ungelenken Schritten und steifen Beinen umher wie die Störche und hatten Schmerzen beim Sitzen.
„Was ist euch widerfahren?“ fragte Brachvogel seinen Freund.
„Da war ein großes, dunkles Gedröhn der Drehleiern, ich habe ein abscheuliches Gebräu zu trinken bekommen und dann haben die Mütter irgendetwas mit meinem Schambeutel angestellt. Ich habe große Pein durchlitten“, erwiderte dieser.
Mit dem wiederkehrenden Wechsel der Gestalt des sanften Gestirns und unter dem Ansturm immer weiterer Aufgaben und Prüfungen, denen die Mütter die Knablinge zunehmend aussetzten, geriet dieses Ereignis bald in Vergessenheit. Die Knablinge, die dem großen Gedröhn unmittelbar ausgeliefert waren und die, die es nur aus der Ferne gehört hatten, lebten zusammen wie ehedem und erfuhren durch die Mütter auch die gleiche Behandlung. Erst viel später würde sich herausstellen, dass die beiden Gruppen von Knablingen eine unterschiedliche körperliche Entwicklung nehmen sollten.
Brachvogel und Agrors Zeit in der Stätte der Aufzucht neigte sich allmählich ihrem Ende entgegen. Längst schon riefen sie die Mondin während der Abendbesinnung nicht mehr an wie die kleinen Milchkinder, sondern in der Art der großen Knablinge, die bald in das Leben in der Klave entlassen werden würden. Dazu nahmen sie die Haltung der Demut und Besonnenheit ein, knieten sich hin, drückten ihr Gesäß auf die Fußsohlen, senkten die Brust auf die Oberschenkel, führten die Arme seitlich nach hinten, legten die Handrücken neben die Füße und neigten die Stirn zur Erde. Dergestalt gekauert und auf die Erde hingegossen intonierten sie:
„Oh Große Luna!
Vertrauensvoll an die Erde geschmiegt,
verharren wir hier in tiefer Demut,
uns zu besinnen und in Einklang zu kommen
mit allem, was da lebt und west.
Und wenn wir uns dann erheben,
befleißigen wir uns nicht des aufrechten Ganges,
erhobenen Blickes und raumgreifenden Schrittes
die Erde zu zerstören, in grenzenloser Gier,
sondern, den Kopf besonnen gesenkt,
maßvoll vorwärts uns zu tasten,
uns nur zu nehmen, was wir notwendig brauchen,
das Leben zu hegen und die Dinge zu bewahren,
ganz so, als ob wir nicht auf Erden wandelten.
Damit wir uns nicht selbst zernichten,
wie zu Zeiten der Großen Verderbnis,
sondern in Einklang mit der Schöpfung leben,
immerdar.“
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_19.870.261
„Geckos kleben löst die Traumerinnerung.“
unbekannter Oneironaut
Eng mit dem Gesicht zur Wand ihres Hexagons hin gekauert hockte die Citizen, das linke Bein ausgestreckt und das rechte unter ihrem Gesäß angewinkelt, hinter einer Ecke ihres ManagingDesks; einem der beiden toten Winkel, die nicht vollständig von ihrem MatchingEye eingesehen werden konnten. Vergaußt, sie hasste es, sich derart zu verrenken, aber es war nötig, denn so waren Hinterkopf, linkes Bein und linke Schulter gut sichtbar und solange die Kameralinsen ihres Eyes nicht mehr als 70 Prozent ihrer Körpermasse aus dem Focus verloren, würde kein Alarm ausgelöst werden. Ihre rechte Seite aber war verdeckt und in der gewölbten linken Hand fast verborgen umklammerte sie ein kleines Gadget, das sie mit der rechten hektisch bearbeitete.
Lalic4j8 oder Esther, wie sie in Kreisen der Oneironauten genannt wurde, bereitete sich auf ihren ersten Außeneinsatz vor. Das Gadget, das sie in der Linken barg, war ein DreamKey, eine HackWare, mittels derer sie ihr Drittes Auge auf Traumzeit umstellen würde. Über entsprechend segmentierte und manipulierte Kopien von automatisch aufgenommenen Recordings der MatchingEyes war es den Oneironauten gelungen, sich einen Freiraum zu schaffen, innerhalb dessen sie von den omnipotenten Agenten des Systems unbeobachtet agieren konnten: die Traumzeit. Sie hatten für jeden „Nauten“ ein umfangreiches und äußerst aufwändig gestaltetes Set von Fake-Schleifen entwickelt, die in sein Eye eingelesen werden konnten und ihn, während er einer subversiven Tätigkeit nachging, in unverfänglichen Situationen zeigten. Neben Modulen, die auf der üblichen Alltagsroutine des jeweiligen Nauten aufbauten, gab es auch etliche, RedAlertFakes genannte Settings, die eingesetzt werden konnten, um in kritischen Situationen der individuellen Überwachung eines MatchingEyes zu entkommen.
In der Regel provozierte es einen Alarm und den sofortigen Zugriff des Systems auf den Echttaktspeicher eines Eyes, der den synchronen Stream der Aufzeichnung enthielt, wenn die im Blutkreislauf der Citizens zirkulierenden Nanobots eine sprunghafte Veränderung ihres Körperstatus meldeten. Und da die Aktionen der Oneironauten meist mit aus dem Mittel fallenden Ortswechseln und hoher innerer Anspannung und Aufregung verbunden waren, manipulierte der Traumzeit-Hack neben dem Recording auch das GeoTracking und die Körperstatusdaten.
Esther, die inzwischen derart aufgeregt war, dass sie neben ihrem hämmernden Puls förmlich zu spüren vermeinte, wie auch ihr Blutdruck kontinuierlich anstieg, war sich sicher, dass sie jetzt unausweichlich einen Alarm ausgelöst hätte, würden ihre Körperstatusdaten nicht durch den Hack künstlich unterhalb einer unbedenklichen Schwelle gehalten. Um einen Alarm zu verhindern, hatte sie wohlweislich auch schon lange im Vorfeld, bevor sie ihren DreamKey zur Hand genommen hatte, damit begonnen, ihre Nervosität mit speziellen Atemtechniken einzudämmen.
Sie musste ihre Aktion im Rahmen eines großzügig gepufferten Zeitfensters planen, das zwischen den RetrievalPoints lag, an denen das System die für die dauerhafte Archivierung bestimmten Daten aus dem Zwischenspeicher ihres Eye abrief; Takt 43.200 und 86.400. Da das System alle seine stationären und mobilen Agenten als unmittelbare organische Verlängerung der eigenen Hardware betrachtete, liefen die Eyes in der Zeit zwischen den RetrievalPoints völlig autonom. An den RetrievalPoints aber wurde ein Sicherheitsstatus gezogen und dazu ein Monitoring sämtlicher in die Software eines Eyes implementierten Parameter vorgenommen. Es war nahezu unmöglich, eine Fake-Schleife über einen solchen Abfragepunkt hinweg aufrecht zu halten, ohne dass der Hack entdeckt werden würde. Esthers Aktion sollte Takt 72.000 starten und maximal 3 MacroTakte dauern; sie würde also genügend Takt haben, bis das System am nächsten RetrievalPoint die zu archivierenden Daten von ihrem Eye abzog.
Sie konnte aber nicht einfach voraussetzungslos eine Fake-Schleife einspielen, sondern musste dazu vielfach äußerst knifflige Übergangs- und Anschlussstellen einnehmen, um die Schnittstellen, an denen der Fake beginnen und enden sollte, mit dem automatischen Recording ihres Eyes zu synchronisieren. Je nahtloser Fake und Recording ineinander übergingen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Fake nicht aufflog. Aus diesem Grund begann und endete jede Fake-Sequenz mit einem statischen Setting, das die bewegungslose Esther isoliert von anderen Citizens vor einem Hintergrund zeigte, der sich nicht veränderte. Die Position, die sie dazu jeweils als Anschlussstelle während des automatischen Recordings einnahm, musste mit den Einstellungen des jeweiligen Fakes deckungsgleich sein.
In Bezug auf Sequenzen, die in ihrem Hexagon spielten, war die Erstellung solch eines passenden Kongruenzsettings kein Problem. Wollte sie dagegen ihr Eye außerhalb ihrer 6 Wände zu einem Ausflug in die Traumzeit überreden, war dies schon schwieriger. Das Andocken einer Fake-Schleife an ein Außensetting war immer dann erforderlich, wenn sie zu einer Aktion auf einem weiter entfernten Ground aufbrach oder zu einer Traumsitzung im Refugium der Oneironauten eingeladen war, das in den Katakomben unter GroundZero lag. Es war in jedem Fall sicherer, die Dauer einer Fake-Schleife so kurz wie möglich zu halten. Auf dem Weg zu einer Traumsitzung fuhr sie also zunächst unter den wachsamen Augen ihres Eyes zu einer auf GroundOne gelegenen Station der AntiGrav, die sich dadurch auszeichnete, über mehrere tote Winkel zu verfügen, in deren Schutz sie ihren DreamKey entsprechend der aktuell vorgefundenen Situation programmieren konnte. Wenn sie dann eine geeignete Ausgangsposition einnahm, an der sie das Recording ihres Eyes auf eine Fake-Schleife umstellen konnte – beispielsweise eine Shoppingtour, die just an dieser Station der „Grav“ begann –, musste sie darauf achten, dass weder andere Citizens noch der Stream eines InfluenceBoards oder hinter ihr dahingleitende Cabs in den Focus ihres Eyes gerieten. Um hier den richtigen Moment abzupassen, war es erforderlich, ständig den Überblick zu behalten und dann blitzschnell zu reagieren. Zu ihrem großen Bedauern hatte Esther schon so manche Sitzung ausfallen lassen müssen, weil sich mindergauß keine passende Gelegenheit ergeben hatte, ihre Position entsprechend freizustellen. Alle Fake-Schleifen endeten immer in ihrem Hexagon, so dass zumindest hier keine Schwierigkeit bestand, den Fake wieder in das normale Recording zu überführen.
Da ihre aktuelle Aktion sie nicht so weit weg führen würde, startete sie die dafür erforderliche Traumzeit von ihrem Hexagon aus und wählte eine Szene, die sie auf ihrem RestBoard liegend zeigte, während sie Musik hörte und daran anschließend dokumentierte, wie sie noch etwas Housekeeping erledigte, sich danach in ihrer Nasszelle mit einer üppigen Ganzkörperaquamassage für ihre Ruhephase fertig machte und sich dann auf ihr RestBoard legte. Der Fake lief exakt 3 MacroTakte, so dass sie sich gegen Takt 82.800 wieder in ihrem Hexagon einfinden musste. Den Beginn der Schlafsequenz würde sie zeitlich auch noch etwas strecken können, so dass sie noch einen Puffer hatte, sollte ihr etwas dazwischenkommen und ihre Aktion länger als geplant dauern.
Nachdem Esther ihren DreamKey entsprechend programmiert hatte, verbarg sie ihn so in ihrem Suit, dass sie den Startbutton durch den Stoff hindurch ertasten und betätigen konnte und arbeitete sich wieder hinter ihrem ManagingDesk hervor. Dann fuhr sie ihr RestBoard aus, legte sich rücklings ausgestreckt flach darauf und positionierte die linke Hand direkt an dem Button ihres DreamKeys. Diese Körperhaltung entsprach genau dem Eingangssetting der Fake-Schleife, die sie gewählt hatte. Per VoiceResponse schaltete sie ihre SoundSpheres ein und wählte den Anfang von „We all march to the Middle“, das dann auch in ihrer Fake-Schleife einsetzen würde.
Im Grunde aber war ihr die Musik völlig egal. Im Grunde war auch ihr Leben unter dem MatchingEye völlig egal: ein Fake. In ihrem Job – sie war JuniorAdvisor bei einem der Betreiber der groundgebundenen AntiGrav – im OmniNet und den MatchingSessions verhielt sie sich wie eine Citizen, die begeistert Angebote wahrnahm und ihre Wahlmöglichkeiten nach allen Maßgaben ihres BuyingGuards voll ausschöpfte. Sie verkörperte die exakte abstrakte Mitte einer völlig ebenmäßigen Gaußkurve auf zwei Beinen: Sie war immer, im Rahmen einer jeden Wahl, einer jeden Kategorisierung und zu jedem Takt absolut und zu 100 Prozent gemittelt. Ihr wirkliches Leben aber spielte sich in der Traumzeit ab.
Jetzt dreimal tief durchatmen und dann vorsichtig, so, als würde sie sich kratzen, den Button ihres DreamKeys drücken. Ein leichtes Vibrieren bestätigte ihr, dass ihr Hack geglückt war: Traumzeit! Es hatte immer etwas aufregend Befreiendes, dem alles durchdringenden Blick des Dritten Auges entronnen zu sein. Im Grunde genommen konnte sie jetzt alles tun, was sie nur wollte, ohne befürchten zu müssen, reglementiert und von ihren sogenannten Mates in die zermürbende Routine eines MatchingLoops gezwungen zu werden, um wieder „gemittelt“ zu sein. Aber natürlich wäre es völlig verfehlt, die Traumzeit für irgendwelche mindergaußen Aktionen zu nutzen, dazu war sie den Oneironauten und allem, was sie mit dem Erlebnis des Träumens verband, viel zu sehr verbunden und verpflichtet. Denn nicht die Überlistung der Eyes und die Einleitung der technischen Traumzeit war es, worum es wirklich ging, sondern um das Träumen als solches. Ihr ganzes Bestreben drehte sich um das, was die Traumzeit an der Erfüllung naiver Neugier, grenzenlosen Hoffnungen, ziehenden Sehnsüchten, an neuem Erleben, tiefem Empfinden und ja – überwältigenden Träumen – bereithalten mochte.
Sie erinnerte sich noch sehr eindrücklich daran, wie es gewesen war, als sie zum ersten Mal die Erfahrung gemacht hatte zu träumen. Irgendwie war sie damals schon lange von dem deprimierenden und verflachenden Gefühl niedergedrückt worden, dass sich ihr Leben in einer endlosen Schleife der immer gleichen Routinen erschöpfte. Alles und jedes war berechnet, vorherbestimmt und absehbar. Ihr ganzes Leben war gemäß den Anträgen des Systems durchgetaktet und von den Mittelungen der Agency of SocialTechnology und den MatchingLoops ihrer Mates fixiert wie die auf Nadeln gespießten Urinsekten in ihren durchsichtigen ConservationBoxes, die sie einmal bei einem Besuch im AnimalDrom gesehen hatte. Jeder Tag begann auf die gleiche Weise, verlief auf die gleiche Weise und endete auf die gleiche Weise. Die wenigen Veränderungen, die sie erlebt hatte, zeichneten sich schon, lange bevor sie eintraten, mit exakt quantifizierbarer Eintretenswahrscheinlichkeit und Sicherheit ab, so dass sie sich, wenn sie dann gemäß sämtlicher Anträge des Systems und nach allen Regeln der Agency gemittelt umgesetzt waren, nicht nach etwas Neuem anfühlten, sondern nur als fade Fortsetzung der üblichen Routine. Es war, als liefen die im Mittel erwartbaren 95 MajorTakte ihres Lebens wie auf einem schnurgraden String der AntiGrav reibungs- und ereignislos ihrem gemittelten und erwartbaren Ende entgegen. An diesem Gefühl konnten auch die megagaußen Events und die stetige Flut von Produktinnovationen und neuen Services nichts ändern, die ihre Mates taktauf und taktab im OmniNet diskutierten, kategorisierten, wählten und rankten.
Doch eines Morgens war sie erwacht und hatte die Ahnung von etwas völlig anderem in sich gespürt. Sie war nicht wie sonst vom Sinuston ihres Morpheustrons aus ihrer Ruhephase gerissen worden, sondern irgendwie allmählich von selber aus dem Schlaf in den Tag geglitten. Neben der Tatsache, dass ihr „Tron“ offensichtlich einen Defekt hatte und der völlig ungewohnten Befürchtung, vielleicht zu spät zum Job zu kommen, drängte sich ihr da noch etwas anderes auf. Was war da? Was streckte da aus dem Schlaf völlig unbekannte Fühler nach ihr aus? Sie sprang nicht wie gewohnt gleich auf, sondern rührte sich nicht, blieb einfach liegen und spürte intensiv nach. Zunächst nahm sie nur Äußerliches wahr: Das Gewicht ihres ausgestreckten Körpers auf dem RestBoard. Die Decke, die etwas über ihren aufgerichteten Zehen spannte. Ein leichtes Jucken an der Nase, aber nicht so stark, dass sie sich hätte kratzen müssen. Das Licht, das schräg durch das Bullauge ihres Hexagons fiel. Allmählich drang sie tiefer. Da war die sachte Empfindung von etwas, dass sie während ihrer Ruhephase erlebt hatte. Wie konnte das sein? Sie hatte nur wie immer auf ihrem Board gelegen und ihre sieben MacroTakte dauernde Entspannungsphase durchgeführt, um ihre Ressourcen für den nächsten Tag wieder aufzuladen. Nicht mehr und nicht weniger. Da war sonst nie etwas. Doch heute war es anders.
Domescraperhoch war sie in der Luft gewabert. Über eine Landschaft geschwebt. Über Berge, Täler, Flüsse und mit Wäldern bestandene Ebenen, die es so in der Urb nicht gab. War gemächlich in unterschiedliche Höhen mäandriert. Hatte windbrausende Geschwindigkeit aufgenommen, bis die Konturen der Welt unter ihr verschwammen. Sich verlangsamt, bis die Luft zu einem leichten Säuseln wurde und sich jedes Detail unter ihr scharf stellte. Ganz wie es ihr beliebte. Ein grenzenloses Glücksgefühl war in ihr aufgestiegen. Sie durfte aber nicht zu hoch fliegen. Einen bestimmten Abstand zum Untergrund nicht überschreiten. Sonst hätte es sie weggerissen. Das taxierende Spiel mit der Gefahr der Grenze rief ein unbekanntes, prickelndes Kitzeln in ihrem Bauch hervor. Als sie sich lustvoll zwischen Höhen und Tiefen eingeschwungen hatte, fühlte sie, wie sie sich im schwerelosen Dahingleiten auflöste. In der unbekannten Landschaft, die unter ihr vorbeizog. In der Bläue des unendlichen Himmels, die sie trug. Und doch war sie völlig auf den innersten Kern ihres Selbst konzentriert gewesen.
So sehr sie auch versucht hatte, das Empfinden festzuhalten, verblasste es allmählich vor der Folie des sich unabwendbar aufdrängenden Alltags und sie war unendlich traurig, dieses unglaubliche Gefühl zu verlieren. Doch gelang es ihr, einen Abglanz davon festzuhalten und in ihren Tag hinüberzuretten.
In den nächsten Takten hatte sie dann immer wieder solche Erlebnisse und war völlig von diesen Zuständen vereinnahmt worden. Je mehr sie lernte, ihre Erfahrungen zu konkretisieren und sich bewusst zu machen, desto mehr schienen sie ihr einen Ausweg aus der endlosen Tristesse ihres Alltags zu bieten.
Was genau es mit dem Träumen auf sich hatte, sollte sie erst viel später von den Oneironauten erfahren. Vorerst hatte sie das, dem sie nach so mancher Ruhephase nachspürte, für sich als „aus dem Takt gefallen sein“ bezeichnet.
Nachdem sie ihr Eye unschädlich gemacht hatte, rollte sich Esther ihre EmptyFace-Maske über Kopf und Gesicht und zupfte sie solange zurecht, bis sie an Ohren, Augen, Nase und Mund richtig anlag. Die Iris ihrer auffallend grünen Augen verbarg sie hinter dem Hypergel grauer Kontaktlinsen. Zwar spannte die Latexhülle zunächst unangenehm auf ihrem Schädel, doch ertrug sie dieses Gefühl von Enge und Abgeschnürtsein in der Hoffnung, sich frei bewegen zu können, ohne erkannt zu werden. Sobald die Gesichtsfolie Körpertemperatur angenommen hatte, würde sich das ohnehin geben. Die Maske war auf der Grundlage der übereinstimmenden Merkmale der MimikScans hunderter Citizens entwickelt worden, so dass ihr Ausdruck so glatt und nichtssagend war, als wäre ihre Trägerin unsichtbar. Wahrscheinlich würde sich niemand an sie erinnern, auch wenn er ihr stundenlang gegenübergesessen hätte. Hier wurde Mittelung eingesetzt, um das System mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, pflegte Kassandra, die Seherin ihrer Sektion der Oneironauten, zu sagen.
Als Esther aus ihrem Hexagon in den CircuitWalk ihres Habitats trat, endete das Gefühl der Freiheit abrupt, das sie nach der Deaktivierung ihres Eyes überkommen hatte. Sie konnte die Linsen der überall montierten stationären Aufnahmeeinheiten, der in den Gängen zirkulierenden mobilen Drohnen und der MatchingEyes, die über den Köpfen der anderen Citizens schwebten, wie zudringliche Blicke, die ihren Körper abtasteten, fast körperlich spüren. Sie war hoch nervös. In dem abgeschirmten Refugium der Nauten in der Mnemosyne-Lösung im Tank zu liegen und seine Träume zu analysieren, war etwas völlig anderes, als in aller Öffentlichkeit gegen das System aktiv zu werden. Sie war die allgegenwärtige Beobachtung und Überwachung so gewohnt, dass sie sich nur schwer vorstellen konnte, direkt unter den Augen des Systems MorpheustronDisrupter zu positionieren.
Auf dem Weg zum Lift kam ihr einer ihrer FirstMates entgegen, Greve2m8, mit dem sie die UniqueSchool besucht hatte und dessen Hexagon ein Stück den CircuitWalk hinunter lag. Wie sie während der Mittelungen der letzten MatchingSessions erfahren hatte, war Greve seit Neuestem Anhänger des RhythmClimbing, eines von CreativeClimb.Inc. massiv auf allen Kanälen des OmniNet forcierten neuen Trends. Hier erklomm man zum Takt eigens kompilierter Klangfolgen Kletterwände und gruppierte sich dabei mit weiteren Climbern zu Teams, die jeweils synchron die Bewegungen anderer Teams widerspiegelten. Das Ganze gipfelte dann in einer symmetrisch schwingenden Aufwärtsbewegung der Teams aller Beteiligten. Mit dem ihm eigenen Sendungsbewusstsein für seine Marken wurde Greve nicht müde, seinen Mates die MovingPics der so entstehenden LevitationChoreografien zu promoten, um neue Anhänger für seine aktuelle Obsession zu werben. Im Gegensatz zu Esthers SocialScore war der seine kein Fake, denn Greve setzte voll auf die Empfehlungen seines BuyingGuards und folgte den aktuell gaußen Marketing-Trends wie ein MatchingEye seinem Citizen, ohne dabei zu merken, dass der absolut ultimative Thrill ständig immer wieder aufs Neue versprochen wurde. Im Grunde schien das eigentlich auch sonst niemand zu bemerken.
Greve kam von seinem Job als DataAggregator bei der MatchingAdministration und würde wohl gleich wieder zu einer ClimbingSession aufbrechen. Wahrscheinlich kam sie, um den Schein zu wahren, nicht darum herum, sich demnächst ebenfalls an einer dementsprechenden Kletterwand abzustrampeln. Da sie ihrem Mate jetzt nicht mehr ausweichen konnte, wollte sie ihn schon grüßen und wie immer ihren unverbindlichen Smalltalk abspulen, der unter Beweis stellen würde, in welch hohem Grad sie gemittelt war und interessiert an allen aktuellen Trends teilnahm und natürlich auch die gaußen Moves seiner RhythmClimbings verfolgte, als ihr die leichte Spannung auf ihrer Gesichtshaut ins Bewusstsein rief, dass sie ja ihre Maske trug. Greve ging an ihr vorbei, als wäre sie unsichtbar. Esther atmete auf. Ganz offensichtlich erfüllte ihre Gesichtsfolie ihren Zweck und es würde schon alles gut gehen. Etwas zuversichtlicher betrat sie den Lift, der sie nach kurzer Fahrt in das Basement ihres Habitats entließ. Es war exakt Takt 72.000.
Auf dem MainWalk zwischen den Habitaten herrschte Feierabendstimmung. In den Kuppeln der Domes war die Abendanimation angebrochen und die über ihr auf den Strings der AntiGrav dicht an dicht dahinschwebenden Cabs kurvten lange Lichtschleifen in den künstlichen Himmel. Die spiegelnden Fassaden der umliegenden Habitate, OfficeTower und ShoppingCenter strahlten in antiseptisch klaren Komplementärfarben. Über der in der Mitte des Grounds ragenden Dependance von Pear.Inc. kreiste das dreidimensionale SculptureLogo in Form einer riesigen Birne, über die in weithin sichtbarer Schrift ständig wechselnde Werbebotschaften liefen. Andere Anbieter mit geringerer Marktmacht mussten sich damit begnügen, ihre Werbung auf flachen Boards zu streamen, die Esther deswegen aber als nicht weniger aufdringlich empfand, weil sie überall ihr Blickfeld infiltrierten. Immerhin sah sie ab und an auch die Botschaft der Oneironauten aufblitzen: „Dein Schlaf gehört dir!“ Sie war dankbar, dass die Beschallung mit Entspannungsmusik, die den rekreativen Flow der Citizens anregen sollte, gerade ausgesetzt hatte.
Den olfaktorischen Angeboten der Hersteller von BodyCare-Produkten konnte sie dagegen nicht entgehen. Den gesamten Walk entlang waren SmellJets angebracht, die je nachdem, welche Gruppe von Citizens gerade an ihnen vorbeizog, die zu ihrem gemittelten Einkaufsprofil passenden Düfte emittierten. Sobald die nächste Gruppe nahte, wurde der aktuelle Geruch neutralisiert und von einem neuen überlagert. Da Esther nicht wie alle anderen in einer Gruppe, sondern alleine unterwegs war, registrierten die Sensoren der Jets sie als nicht kaufkräftig genug, und sie schwamm in einer Wolke ständig wechselnder penetranter Gerüche.
Die Citizens, die zu Fuß oder in Pulks von Hovern den MainWalk bevölkerten, strebten zu den MarketingEvents, den PromoShows der HoloCines, in die SensualCaves, die GameMiles, die BodyPower-Center oder in eines der zahlreichen LoveGyms, die auf dem JoyCircle des Grounds lagen. Die aktuell gaußen Farben, Outfits, Gadgets und Accessoires wurden zur Schau getragen. Direkt vor Esther produzierte sich eine Gestalt in den grellsten CoatingColours, die dort, wo sie direkt auf der Haut auflagen, je nach Veränderung des Hautwiderstands anders changierten. Und mit freier Haut geizte die Citizen nicht; wahrscheinlich war sie auf dem Weg in ein LoveGym. An beiden Handgelenken trug sie AeroFlats, die sie synchron bediente. Da Esther aus ihrem Blickwinkel die Projektionsfläche der Flats nicht wahrnehmen konnte, sah es aus, als tippe die Citizen mit beiden Händen in der leeren Luft herum.
Sie entdeckte etliche SecurityCorps in ihren charakteristischen grauen Carbonharnischen in der Menge. Sie hatte weder gesehen noch davon gehört, dass ein SecCorp jemals seinen Paralysator eingesetzt hätte, doch gewiss gab es eine vom Board of PredictiveProfiling auf der Basis welcher Parameter auch immer ausgewiesene Korrelation, dass pro Menge X Citizens in Feierabendlaune ein ganz bestimmter Prozentsatz von Y SecCorps zu patrouillieren hatte. Und wahrscheinlich war dieser Prozentsatz auf der nach oben offenen Sicherheitsskala eher zu hoch als zu niedrig angesetzt.
Die Gesprächsfetzen, die sie aufschnappte, drehten sich um neue und alte Marken, neue und alte Trends und darum, ob der Relaunch ehemaliger Kulttrends wohl greifen würde. Es wurde heftig darüber diskutiert, wann welcher Anbieter welche Innovation auf den Markt bringen könnte oder würde. Es ging darum, wer, was schon angetestet oder länger in Gebrauch hatte und wer, wem, was empfehlen konnte. Es ging darum, ob das eigene Psychogramm oder der Kauftrend seiner SocialUnit mit bestimmten Produkten oder Services kompatibel war und was die BuyingGuards dazu zu sagen hatten. Und natürlich ging es um die Abweichungen von Mates, die einem MatchingLoop unterzogen worden waren.
„Kennt ihr Mea7y2? Der ServiceTrend ihrer SocialUnit geht signifikant in Richtung Convenience-Food. Die rühren in ihrer Küche keinen Finger, bestellen sich alles fertig ins Habitat. Übrigens soll da PleasureMeal.Inc. gauße Sachen haben. Die erwärmen sich, nachdem du die Folie aufgerissen hast, durch die Zufuhr von Sauerstoff von selbst. Aber egal. Jedenfalls fing diese Mea auf einmal an, selber Sachen zu kochen. Also ich hätte das ja nicht essen wollen. Und was soll das überhaupt? Entweder ich bin in einer Unit, die kocht oder in einer, die Fertiggerichte mag. Und wenn man unterschiedliche Fertiggerichte mag, ist das ja auch in Ordnung. Produktvielfalt soll ja sein. Aber so was? Wie will die je mit ihrem BuyingGuard klarkommen und durch eine einigermaßen stringente Einkaufsbiografie ihr Psychogramm optimieren, wenn sie gegen den Trend der eigenen Unit angeht und sich in solch grundlegenden Merkmalsausprägungen nicht mit ihren Mates matcht?“
Esther wandte sich ab. Sie konnte und wollte das alles nicht mehr hören. Früher war es auch für sie megagauß gewesen, völlig in dieser kurzlebigen und oberflächlichen Welt des Marketing im künstlichen Kosmos der Produkte aufzugehen. Doch nach ihrem ersten Traum war sie immer öfter „aus dem Takt gefallen.“ Was geschah mit ihr? Woher kamen diese Bilder, Gefühle, Eingebungen, Eindrücke und Gesichte, die sie stärker berührten als alles, was sie bisher gesehen und erlebt hatte? Je intensiver sie die verlockenden Verheißungen ihre Träume umschmeichelten, desto eindrücklicher setzte sich die Ahnung in ihr fest, hier aus völlig unbekannten Tiefen von etwas berührt zu werden, das sie weiter bringen würde, als sämtliche gaußen Trends, Produktinnovationen und lebenserleichternden Services zusammen. Die Jagd von Innovation zu Innovation glich immer mehr einem auf Hochtouren betriebenen Leerlauf. Als sich die Erfahrung des Träumens dann verstetigte und es ihr gelungen war, ihre Traumbilder bewusst festzuhalten und mit ihrem Alltag zu kontrastieren, war in ihr die Erkenntnis gereift, dass ihr Bestreben, immer im signifikanten Trend ihrer SocialUnit mit zu schwimmen, ihr zwar ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sicherheit vermittelte, sie letztlich aber dazu verurteilte, auf der Stelle zu treten. Die Mittelung nahm ihr nicht nur die Verantwortung, eigenständig zu sich selbst zu finden, sondern verstellte ihr ganz grundsätzlich den Weg dazu.
Diese Einsicht ging mit einer existentiellen Verunsicherung einher. Da sie mit niemandem über ihre Träume und die Irritationen, die sie in ihr auslösten, reden konnte, fühlte sie sich zunehmend getrieben, Votings abzugeben, Wahlen zu treffen und Kategorisierungen vorzunehmen, die von ihrem bisherigen Verhalten und vom Mittel ihrer SocialUnit abwichen. Immer öfter wurde sie von ihren Mates in MatchingLoops eingebunden und ehe sie sich versah, drohte sie völlig abzudriften, ohne jedoch den neuen Weg, den ihr ihre Träume zu weisen schienen, konkret beschreiten zu können.
In dieser Situation waren die Oneironauten an sie herangetreten und sie war glücklich gewesen, endlich eine Orientierung gefunden zu haben und hatte sich, mit allem, was ihr noch geblieben war, auf die Vision der Traumzeit eingelassen.
Neben dem Träumen und der nun von berufener Seite angeleiteten Beschäftigung mit ihren Gesichten erfuhr Esthers Leben durch die Oneironauten eine weitere Bereicherung: Bücher lesen! Die ihr von den Oneironauten zugänglich gemachten alten Bücher aus der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus zu lesen, erwies sich als pure Wonne für ihr vom Marketing schaler Angebote ausgetrocknetes Herz. Die Botschaften, die ihr längst vergangene Menschen ins Hirn raunten, deren Schicksal noch nicht dem unerbittlichen, alles Lebenswerte verdrängenden Systemtakt überantwortet war, erschlossen ihr Welten, die denen, derer sie im Traum teilhaftig wurde, in nichts nachstanden. Esthers bevorzugte Fake-Schleifen in die Traumzeit waren Auszeiten des Lesens und sie arbeitete nun bewusst daran, ihrem Gefühl, „aus dem Takt gefallen zu sein“, eine konstruktive Richtung zu geben. Wenn sie las oder wie die antike Göttin der Erinnerung, Mnemosyne, im Refugium der Oneironauten der gleichnamigen Salzwasserlösung des Traumtanks entstieg – „etwas entsteigen“, auch so ein Wort, das sie im Lesen kennen gelernt hatte – erfuhr sie Dinge über sich und das Leben, die ihr unter dem Diktat der Mittelung nie zugänglich geworden wären.
Wie betonte Kassandra immer:
„Das stählerne Gehäuse hundertprozentiger Berechenbarkeit und Sicherheit betrügt uns um jede Möglichkeit herauszufinden, wer wir wirklich sind und vor allem, wer wir sein könnten. Die Mittelung stutzt unser Potential auf konfektionierbare Normgrößen zurück und die allgegenwärtige Beobachtung durch die Agenten des Systems legt sich wie Mehltau über unser Leben. Erst Träume zu träumen und Bücher zu lesen öffnet uns die Pforten zu unserem wahren Sein.“
Die ersten Generationen von Citizens in den Anfängen der Urb hatten noch Bücher gekannt und sie hatten auch geträumt und sich an ihre Träume erinnert. Mit zunehmendem Erstarken des Systems aber war irgendwann der Punkt erreicht, an dem die meisten Bücher den systematischen Cleanings zum Opfer gefallen waren und die damals noch nicht mit den MatchingEyes verschmolzenen Morpheustrone die Erinnerungen an die nächtlichen Träume flächendeckend abgeschnitten hatten. Einige Generationen weiter hätte der bei weitem überwiegende Teil der Citizens auf die Frage, was sie gerade lasen oder ob und was sie letzte Nacht geträumt hatten, mit völligem Unverständnis reagiert.
Doch waren das Träumen und seine Symbole viel zu tief im evolutionären Erbe und dem kollektiven Unbewussten der Menschen verwurzelt, als dass sie innerhalb weniger Generationen unter dem Takt des Systems hätten ausgerottet werden können. Und so konnten die Morpheustrone nicht das Träumen als solches verhindern, sondern lediglich die Alphawellen stören, die zwischen den unbewussten und bewussten Hirnarealen der Träumenden vermittelten, und so einen undurchsichtigen Firnis über die Träume legen, der die morgendliche Erinnerung daran verblassen ließ. Diesen Firnis zu zerreißen, hatten sich die Oneironauten zur Aufgabe gemacht.
Citizens, die sich am System vorbei mit dem beschäftigten, was sozial nicht erwünscht und unter dem Systemtakt nicht möglich war, hatte es natürlich immer schon gegeben und es ließ sich im Detail nicht mehr nachvollziehen, wann und wie die Gruppierung der Traumschiffer konkret entstanden war. Lange Zeit waren die Oneironauten lediglich ein mehr oder weniger loser Zusammenschluss von Citizens gewesen, die unter welchen Umständen auch immer, Bücher gefunden und gelesen hatten oder den Manipulationen der Morpheustrone nicht erlegen waren und sich an ihre Träume erinnern konnten. Es gab Citizens, die im Kreise weniger eingeweihter Mates mit ihren Traum- und Leseerlebnissen kokettierten, für die ein Traum oder ein Buch aber letztlich ein Angebot unter vielen war, das ihnen nicht mehr bedeutete als ein Besuch in den SensualCaves oder im LoveGym. Es waren aber auch echte Outcasts darunter, die sich, völlig fasziniert von der neuen Welt, die sich ihnen da erschloss, gänzlich vom System losgesagt, ihr MatchingEye deaktiviert hatten und als Solisten dauerhaft in den Untergrund abgetaucht waren.
Mit der unaufhaltsam fortschreitenden Entfremdung der Menschen von ihren Ursprüngen war in diesen Kreisen dann zunehmend das gesellschaftliche Potential von Büchern und Träumen in den Focus geraten und allmählich hatten sich die Oneironauten zu einem organisierten Widerstand gegen das System, die Überwachung und die Mittelung formiert. Tief unter der Sohle von GroundZero, der natürlichen geologischen Basis, auf der die gigantischen Pylone gründeten, die die 32 Grounds der Urb trugen, in den Tunneln, Gängen, Röhren und Kavernen uralter Versorgungs- und Ableitungssysteme, war das Refugium entstanden, von dem aus die Oneironauten ihren Widerstand planten und umsetzten.
An Esthers Aktivität in den Reihen der „Nauten“ war indes nichts Umstürzlerisches. Sie war es gewohnt, allnächtlich mit ihrem DreamKey die Funktion ihres „Trons“ zu überlagern, so dass sie sich an ihre Träume erinnern würde. Sie war es gewohnt, Bücher zu lesen. Sie wollte ihre tiefe Freude am Träumen und Lesen und die Fülle der Möglichkeiten, die sich ihr darüber eröffneten, an andere Citizens weitergeben. Sie wollte diesen Erfahrungen, die ihr der Schlüssel für eine sinnvolle Begründung ihrer Existenz zu sein schienen, nicht im Geheimen nachgehen müssen, sondern sie offen mit anderen Citizens teilen können. Vergaußt, was könnte nicht alles daraus erwachsen, wenn nicht mehr das Mittel, sondern jeder sein eigener Maßstab wäre? Wie würde es sein, wenn dann wie in Träumen und Büchern das Leben nicht mehr berechenbar wäre? Eine Vorstellung, die sie gleichermaßen ängstigte wie faszinierte. Letztlich aber hatte sie nichts zu verlieren. Seit sie Bücher las und sich an ihre Träume erinnerte, war ein Leben unter dem Takt des Systems nicht mehr lebenswert. Je mehr Citizens aus dem Takt fielen, umso besser konnten die Dinge nur werden. Und genau diesen Zweck verfolgte ihre aktuelle Aktion.
Esther war auf ihrem Ground eine Sektion zugeteilt worden, in der MorpheustronDisrupter positioniert wurden, die ihrerseits die Strahlung der Trone überlagerten und unschädlich machten. Damit sie unentdeckt blieben, waren Stärke und Reichweite der Disrupter eng begrenzt, doch würde sich in ihrem Einflussbereich, einem Radius von etwa 300 Meter, ein hoher Prozentsatz von Citizens an ihre Träume erinnern.
Die Disrupter waren so flüchtig wie die Träume selbst. Jeden Abend brachten wechselnde Nauten ihre Saat aus, die sich bis zum Morgen selbst zerstörte. Eine in jeden Disrupter eingekapselte Säure fraß sich innerhalb der Einsatzzeit von 8 MacroTakten durch eine Membran und löste die Elektronik restlos auf; zurück bleib nur eine unverdächtige Kunststoffhülle, wie sie für die Verpackung vieler EnergizerPops üblich war. Dabei störten die Disrupter nicht die Funktion der Morpheustrone, denn das hätte sofort einen Alert ausgelöst, sondern überlagerten lediglich deren Wellen, die verhinderten, dass sich die Citizens an ihre Träume erinnerten.
Strategie der Oneironauten war es, möglichst viele Citizens durch dauerhafte Traumerlebnisse derart zu irritieren und in MatchingLoops zu treiben, dass möglichst viele SocialUnits destabilisiert wurden. War hier dann eine kritische Masse von Dismatchten erreicht, die sich bewusst für einen DreamKey entschieden hatten, war das die Basis, um das System und seine Agenten lahm zu legen. Doch vorerst blieb das lediglich eine kühne Vision.
„Es gibt Träume, die uns in der Nacht widerfahren und über die Maßen staunen lassen. Diese begründen die Hoffnung auf ein besseres, menschengerechteres Leben. Und es gibt Träume, die den Stoff von Visionen bilden, die wir wahr werden lassen müssen, um auf diesem Fundament eine neue Gesellschaft zu errichten“, waren die Worte Kassandras.
Noch aber waren die Zellen aktiver Oneironauten dünn gesät und die Kapazitäten, die erforderlichen, immer größeren Mengen von Disruptern herzustellen, nahezu ausgeschöpft.
Wegen der geringen Reichweite musste Esther, um einen möglichst großen Einflussbereich abzudecken – und das wollte und sollte sie auch – viele Disrupter ausbringen. Die 50 Störeinheiten von der Größe einer Energizerpille, die sie mit sich führte, würden es etwa 2.500 Citizens ermöglichen, sich morgens über ihre Träume zu wundern. Um statistisch auffällige Häufungen von verändertem Verhalten innerhalb eines zusammenhängenden Gebietes zu vermeiden, wurden die Disrupter in zufallsbestimmten, weit auseinander liegenden Sektionen positioniert. Sie hatte also eine große Runde vor sich.
Damit ihr Weg nicht auf direkter Linie zurückverfolgt werden konnte, entfernte Esther sich langsam von ihrem Hexagon, wechselte ständig die Richtung, tauchte immer wieder in Gruppen von Citizens unter und fuhr dann eine Strecke mit der AntiGrav etwa in die Mitte ihres Operationsgebietes. Von hier ging sie sternförmig vor und arbeitete systematisch Cluster von Gebieten ab, die auf möglichst kurzem Wege zu Fuß, mit dem Hover oder der „Grav“ erreichbar waren. Auf dem CircuitWalk eines Habitats konnte sie mit wenigen Disruptern möglichst viele Citizens, die einander Face-to-Face kannten und zu einem hohen Prozentsatz sogar Mates ein und derselben SocialUnit waren, direkt in ihren Hexagons erreichen. Die Habitate waren die Hotspots, die Inkubatoren der Wandlung von der System- in die Traumzeit. In Geschäfts- oder Bürovierteln – viele Citizens übernachteten regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz – war die Trefferquote dagegen geringer. Aber auch hier war die Streuung einer gewissen Quote von Disruptern sinnvoll, denn die Citizens, die nach einem langen Arbeitstag ihre knappe Ruhephase in einer der am Arbeitsplatz zur Verfügung stehenden NappingCells verbrachten, würden die Saat der Träume punktuell in sämtliche Bereiche des Grounds oder gar in die gesamte Urb tragen. Hier lag das Zufallsmoment der Wandlung, von dem sich die Oneironauten mit der Zeit eine exponentielle Weitung ihrer Aktivitäten versprachen.
Esther konnte ihre Disrupter nicht einfach irgendwo auslegen. Zu groß war die Gefahr, von einer Kamera erfasst oder einem Citizen beobachtet zu werden. Und würde ein Disrupter entdeckt, bevor er sich selbst zerstört hatte, musste das Untersuchungen nach sich ziehen, die die Oneironauten gefährden konnten. Deshalb waren die Disrupter auf molekularer Ebene nanotechnisch mit einer Haft- und Mimikryschicht ausgestattet. So hielten sie auf jedem Untergrund, nahmen Farbe und Textur jeder Oberfläche an und konnten mit einer knappen Handbewegung überall dort angebracht werden, wo sie nicht auffielen. Zwar waren sämtliche Oberflächen der Urb antiseptisch glatt und wiesen weder Simse noch Überkragungen auf, doch gab es an den Anschlusstellen von Verblendungen und Deckplatten immer wieder Dehnungsfugen, Ritzen und Spalten, in die die Oneironauten ihre Saat säen konnten.
Nachdem ein „Naut“ einmal im AnimalDrom beobachtet hatte, wie äonenalte Echsen, die, wie ihnen wohl vorgegeben war, auch den Finalen Kataklysmus überlebt hatten, senkrecht die Wände ihres Biotops hoch liefen und sich dabei der Farbe des jeweiligen Untergrundes anpassten, hatte sich für das Ausbringen von Disruptern der Begriff „Geckos Kleben“ eingebürgert. Und selbst die dumpfen Reptilienhirne der prähistorischen Echsen mochten Botschaften bergen, die der erstarrten Citizenship der Urb hilfreich sein konnten, die Fesseln von Mittelung und Marketing zu sprengen.
Mit einem Kreisumfang von 1.500 Metern bog sich jetzt vor Esther der gigantische Circuit des Wohnbereichs der School of PoliticalIndoctrination, an den die Hexagons von etwa 300 Anwärtern für eine Stelle bei der gleichnamigen Authority grenzten. Um psychologisch besser vereinnahmt werden zu können, wohnten diese in dem gleichen Gebäude, in dem sie auch trainiert und geschult wurden. Inzwischen hatte Esther erfolgreich 39 „Geckos“ für ihr nächtliches Treiben freigesetzt, sich beruhigt und würde wohl auch ohne die Fake-Schleife, die in ihrem Dritten Auge lief, keinen Alarm mehr auslösen. Sie war fast ausgelassener Stimmung: „Wohlan denn ... “ – das war eine Floskel, die sie in einem der alten Bücher gelesen hatte – „Geckos Kleben!“ Ihre kleinen Tierchen würden schon dafür sorgen, dass die angehenden „PolitIndocs“ morgen früh etwas zum Staunen hatten, das sie vielleicht von ihrem vorgezeichneten Weg abbrachte.
„In den Zeiten vor der Übernahme des Taktes durch das System konnten die Menschen ihres Lebens nie sicher sein.“
„Die Sicherheit aller dominiert die Freiheit Einzelner.“
„Berechenbarkeit bedeutet Sicherheit und Wohlstand durch stetigen Fortschritt. – Unberechenbarkeit bedeutet Bedrohung und Verelendung durch lähmenden Stillstand.“
„Hoher Innovationsdruck und steter Konsum sichern die Grundlagen unserer Citizenship.“
Mit den BadPastLessons, die die Urb im Lichte einer düsteren und bedrohlichen Vergangenheit als die beste aller Welten erscheinen ließen, und ihren rund um den Takt auf die InfluenceBoards gestreamten Indoctrinations, hämmerte die Authority die ideologische Grundlage für den Primat der Sicherheit durch Berechenbarkeit und Mittelung in die Köpfe der Citizens. Im Verbund mit der Agency of SocialTechnology war sie die mächtigste und einflussreichste Organisation der Urb. Gerade die zukünftigen „PolitIndocs“ verdienten es also, in ihrem Glauben an die Sinnhaftigkeit der Mittelung erschüttert zu werden.
Die waagerecht hinter einer Lichtleiste verlaufenden Anschlussfugen der Innenverkleidung des Circuits boten Esther eine gute Möglichkeit, ihre Disrupter anzubringen. Sie fischte einen Gecko aus ihrer Tasche und wischte dann wie beiläufig über den oberhalb der Lichtleiste angebrachten Handlauf, wobei sie ihr Tierchen von der flachen Hand verdeckt in die Fuge darunter drückte. Keiner der zahlreichen Citizens, die den Circuit bevölkerten, um das Habitat zu verlassen und sich auf dem JoyCircle des Grounds zu vergnügen oder in den höher gelegenen Stockwerken des IndoctrinationTowers eines der nächtlichen ImpressiveSeminare zu besuchen, schenkte ihr Beachtung und soweit sie aus dem Augenwinkel heraus beurteilen konnte, fokussierte sich auch keiner der oft aufdringlich näher rückenden mobilen Agenten des Systems auf sie. Am Morgen würde die Säure neben der Elektronik auch die Adhäsions- und Mimikryschicht der Disrupter zerstören, die Hülle herunterfallen und wie achtlos weg geworfener Abfall wirken. Den Rest würden die CleaningBots erledigen. Ausgezeichnet, ja, so würde es gehen!
Würde sie im Bereich der Einlassöffnung jedes fünfzigsten Hexagons einen Disrupter positionieren, hätte sie den gesamten Circuit abgedeckt und maximal 300 Citizens erreicht, die als zukünftige Member der Authority eine maßgebende Rolle in der Urb spielen würden. Im besten Fall wären die, denen Esthers Tierchen Träume zugewispert hatten, derart irritiert, dass sie diese Stelle gar nicht erst antreten würden. Es war mittlerweile schon Takt 79.450 und zu Fuß würde die Runde zu lange dauern. Esther wollte ihre Fake-Schleife nicht überdehnen und schwang sich auf einen Skater, um den Circuit zügig abzuarbeiten. Ohne Zwischenfall hatte sie ihre Traumfracht bald ausgebracht und verließ die School of PoliticalIndoctrination.
Ihr letzter Job war die Repräsentanz von Pear.Inc. Während alle Citizens in der Regel zu den CircuitWalks der Wohnbereiche von Habitaten freien Zugang hatten und es hier also relativ einfach war, Traumsporen zu säen, bestand bei den meisten Büro- und Geschäftsgebäuden das Problem, sich über einen RetinaScan authentifizieren zu müssen. Ganz besonders galt das für Pear.Inc. Aber die Mitarbeiter des führenden Technologieanbieters waren natürlich auch ein besonders lohnendes Ziel für die Infiltration durch Träume. Im Prinzip verfügten die Oneironauten durchaus über das technische Know-how und auch die entsprechenden Ressourcen, das retinale Pigmentepithel des Auges jedes beliebigen Citizens nachzubilden. Aber das Risiko, dann im Gebäude auffällig zu werden, war nicht tragbar. Und einen Pear-Mitarbeiter selbst für die Traumzeit zu gewinnen, war den Nauten bislang noch nicht gelungen.
Esther stand mitten auf dem PearSquare und ließ die Szenerie auf sich wirken. Links von ihr lagen Store und Showrooms, rechts die Verwaltung und vor ihr ragte ihr Ziel, die Entwicklungszentrale. Der dicht mit Citizens besetzte Platz wurde von der Projektion einer transparenten Filigrankuppel überspannt, – „Nur Pear hat die Kuppel unter dem Dome“ – auf deren Scheitelpunkt sich die riesige Birne drehte, deren ständig wechselnde Anzeigen stroboskopartig bunte Lichtsprengsel auf die Menge warfen. Die Fassade des Entwicklungsgebäudes konnte sie nicht erreichen, da es, wie eine der alten Burgen aus ihren Büchern, von einem breiten Gürtel aus Feuchtbiotopen umgeben war, die den üppigen Bewuchs aus GreenwallCrawlern, die die Wände überwucherten, mit Nährstoffen versorgten. Der einzige Zugang führte über zwei Viadukte, an deren Geländer sie ihre Geckos hätte platzieren können, wenn da nicht die Wachleute gewesen wären, die jeden, der sich den Übergängen auch nur näherte, argwöhnisch abcheckten.
Um im Falle einer Entdeckung den Schaden zu begrenzen, war das Netz der Oneironauten dezentral organisiert. Jeder Naut hatte lediglich einen einzigen Kontakt zu jemandem, von dem er Weisungen erhielt und mit Equipment ausgestattet wurde, agierte aber ansonsten isoliert und unabhängig von anderen Nauten auf der gleichen Ebene. Das Fehlen allgemeiner Regularien und Einsatzpläne gestaltete die Operationen für den Einzelnen zwar aufwändiger, hatte aber den immensen Vorteil, dass kein einheitliches Muster zu erkennen war. Schließlich war die Identifikation von Mustern der Schlüssel für Berechenbarkeit und Mittelung, Mustererkennung im Grunde Sinn und Zweck des Systems. Würden sich vor den Linsen und Sensoren seiner Agenten auf bestimmten Georastern innerhalb bestimmter Taktfenster Dinge abspielen, die signifikante und kohärente Verlaufsmuster aufweisen und aus den bekannten und als unbedenklich eingestuften Settings heraus stechen würden, wäre eine Entdeckung lediglich eine Frage des Taktes.
Esther war also völlig auf sich allein gestellt und musste sich etwas einfallen lassen. Obwohl morgen Abend schon wieder ein anderer Naut bereitstände, der es vielleicht besser wusste, durfte sie es auf gar keinen Fall darauf ankommen lassen, dass Pear auch nur eine einzige Nacht von der Traumfährte wich. Pear war Technologieführer, unvorstellbar, welche Möglichkeiten sich den Nauten erschließen würden, wenn es gelänge, auch nur einen einzigen der HighPotentials, die hier im Entwicklungszentrum arbeiteten – und hoffentlich auch in den NappingCells übernachteten – auf ihre Seite zu ziehen. Forschung und Entwicklung von Pear standen schon seit mehreren TeraTakten im Focus der Nauten und für alle Operationen galt Kassandras Leitsatz: „Nur steter Traum weitet und differenziert das Mittel.“ Esther musste ihre Disrupter auch unter diesen ungünstigen Umständen unbedingt positionieren, um die Kontinuität der Traumerlebnisse aufrecht zu erhalten. Wo aber sollte sie hier ihre letzten 5 Tierchen nur unterbringen?
Sie blickte über den Platz. Sie konnte ihre Geckos kaum am Rand des Feuchtbiotops aussetzen, das um das Entwicklungsgebäude herumlief. Aber halt, da gab es eine Reihe von WasteBoxen, die in regelmäßigen Abständen aufgestellt waren. Die würden erst am Morgen geleert und wenn sie jede dritte mit ihrer Traumsaat befrachtete, hätte sie genau die richtigen Distanzen, um die gesamte Front abzudecken. Langsam schlenderte sie auf die erste Box zu, griff in die Tasche und ließ mit einer gleitenden und selbstverständlichen Bewegung einen Disrupter hineinfallen. Sie ging wieder zurück in Richtung Platzmitte und näherte sich Kurven und Schleifen schlagend der nächsten Box, um auch hier eine Pille zu versenken. Da sie verhindern wollte, dass ihre Route nachverfolgt werden konnte, ging sie zunächst wieder über den Platz, schlenderte in einem der Showrooms herum und steuerte erst dann eine weitere Box an. Als sie hier den drittletzten Gecko hatte springen lassen, bemerkte sie die verwunderten Blicke eines Citizens, der sie offensichtlich beobachtet hatte. War ihre Maske verrutscht? Sie startete die Spiegelfunktion ihres AeroFlats. Nein, offensichtlich nicht. War es vielleicht ungewöhnlich, einen einzelnen EnergizerPop zu entsorgen? Würde jemand tatsächlich deswegen extra zu einer Waste-Box gehen? Vielleicht war es glaubwürdiger und realistischer, so etwas zusammen mit anderem Abfall wegzuschmeißen. Sie kramte in ihren Taschen. Was hatte sie dabei, das sie wegwerfen konnte? Einen abgelaufenen Chip fürs HoloCine. Einen angebissenen VulcanoBagel, den sie unterwegs gekauft und halb gegessen hatte, um sich den Anschein zu geben, ihre Freetime in vollen Zügen zu genießen. Extra scharf gewürztes Fingerfood war gerade gauß. Wer sich während des Verzehrs dieser Dinger am längsten dagegen wehren konnte, dass ihm der Schweiß auf die Stirn trat und das Wasser aus den Augen lief, hatte gewonnen. „Wein ihm keine Träne nach. Kauf gleich einen Neuen!“ Was ihr dagegen die Tränen in die Augen trieb, war der völlig unsinnige Aufwand, mit der das Merchandising rund um die „Produktwelten“ dieser VulcanoBurger betrieben wurde. Ein gebrauchtes Reinigungstuch. Ein defektes Multifunktionstool. Ein Stick für ... Sie hatte vergessen, wofür. Sie knüllte alles mit dem Gecko in einer Hand zusammen. Den fettigen Burger balancierte sie ganz oben.
Gerade als sie die Ladung in die Box werfen wollte, spürte sie mehr als dass sie es sah, wie der Strahl eines LaserPointers vor ihr die Luft zerschnitt und mitten auf ihrer Brust endete.
„Halt! Die Citizen da an der WasteBox mit dem angebissenen Bagel auf der Hand“, ertönte die elektronisch verstärkte Stimme eines SecCorp.
Esther erstarrte, die Hand mit dem Abfall direkt über der Box. Jetzt war alles vorbei. Sollte sie die Ladung einfach fallen lassen? Das hatte keinen Zweck. Sie war aufgeflogen. Durch eine Gasse von Citizens kam der SecCorp unaufhaltsam näher, wie das in ihren Büchern so oft beschworene Schicksal, und baute sich, zwei Köpfe größer als sie, in seinem Carbonharnisch vor ihr auf: „Zeig mal her!“
Vergaußt, er wusste genau, wonach er suchen musste. Sie war ihm nicht wegen ihres Verhaltens aufgefallen, als sie vielleicht doch zu unglaubwürdig um die WasteBoxen herumgestrichen war. Er musste von den Disruptern wissen. Man hatte sie schon auf ihrer gesamten Tour observiert und jetzt die Falle zuschnappen lassen. Nicht nur sie, sondern die gesamte Organisation der Oneironauten war gefährdet. Esther streckte ihre zitternde Hand aus. Der Corp zog eine Kugel Formschaum aus der Tasche, die sich zu einem Tablett dehnte und arrangierte die Dinge darauf, allen Blicken ausgeliefert den Gecko in der Mitte.
Jetzt lag es an ihr. Sie musste unter allen Umständen die anderen schützen und durfte selbst das Wenige, das sie wusste, nicht preisgeben. Bei dem Gedanken, schlimmstenfalls auf die LetheKapsel beißen zu müssen, die sie während eines Einsatzes unter ihrer Zunge trug, brach ihr der kalte Schweiß aus. Vor etlichen MajorTakten, als sie völlig niedergeschlagen im belanglosen Einerlei ihrer Tage unterzugehen drohte, hätte sie dergleichen wahrscheinlich phlegmatisch hingenommen. Aber jetzt, wo sie in den Reihen der Oneironauten aktiv an Veränderungen arbeitete und auf eine menschenwürdigere Zukunft hoffte, versetzte sie die Vorstellung, die Ebene wechseln zu müssen, in abgrundtiefe Panik. Sie wollte nicht ins völlig Ungewisse, sondern hier, exakt auf dieser Ebene dazu beitragen, eine bessere Zukunft zu verwirklichen, die ihr paradoxerweise jetzt, da sie vielleicht für sie nie eintreten würde, zum Greifen nahe schien. Esther brach der kalte Schweiß aus und obwohl die Membran ihrer Maske atmungsaktiv war, hatte sie das Gefühl, als würde sie auf ihrem Gesicht herumschwimmen und sämtliche Konturen verwischen. Sie schloss die Augen.
„Diese Mischfraktion wirst du doch wohl nicht in einer Box für organische Abfälle entsorgen wollen?“, dröhnte der Corp mit didaktischem Impetus, um für alle Umstehenden ein abschreckendes Beispiel zu inszenieren.
Gütiger Gauß, das hatte sie völlig übersehen. „Organic Waste only“ stand auf der Box. Irgendwie war das komisch. Tragikomisch. Tragödie, Komödie, Tragikomödie, memorierte sie, plötzlich völlig ruhig und unbeteiligt, die Theatergattungen, über die sie in einem der Bücher gelesen hatte. Bei dem Versuch, ein hysterisches Lachen zu unterdrücken, stieg ihr bittere Galle hoch. Wenn in der Urb auch alles Verhalten gemittelt wurde, so wurde doch der Abfall im Rahmen des ZeroWaste-Kreislaufs strengstens differenziert, um rückstandslos recycelt werden zu können.
„Natürlich nicht“, presste sie hervor. „Ich war wohl ganz in Gedanken. Danke für deinen Hinweis.“
„Dann achte darauf, dass du in Zukunft deinen Abfall richtig entsorgst“, mahnte der Corp, schüttete das Zeug in ihre Hand zurück und ballte das Formschaumtablett wieder zu einem Klumpen zusammen. „Es ist unerlässlich für die Rohstoffversorgung unserer Urb, dass alle Citizens verantwortlich mit ihrem Abfall umgehen.“
Schon halb abgewendet, warf er noch einen abschließenden Blick auf den angebissenen Bagel, den sie nun einzeln in der Linken hielt und grinste sie dann an: „Ist er zu scharf, bist du zu stumpf.“
Die Ansammlung von Citizens, die sich um die Szene gebildet hatte, zerstreute sich allmählich.
„Statt hier mittelungstreue Citizens wegen solcher Belanglosigkeiten zu belästigen, sollte die Administration lieber mal dafür sorgen, dass nicht sämtliche InfluenceBoards ständig mit diesem mindergaußen ,Dein Schlaf gehört dir‛ überflutet werden, von dem niemand weiß, wer oder was dahinter steckt“, sagte jemand.
„Vielleicht ist das ja eine groß angelegte Kampagne und irgendwann, Taataa, wird der Schleier gelüftet: ein neues RestBoard mit einer speziellen Abschottungsfunktion oder so was“, meinte ein anderer.
Esther war, als wäre etwas von ihr genommen, das sie niedergedrückt und begonnen hatte, jede ihrer Körperzellen einzeln zu zermalmen und in das Gefühl von Dankbarkeit und Erleichterung, noch einmal davongekommen zu sein, mischte sich nun auch Freude. Offensichtlich zog die Botschaft der Oneironauten allmählich immer weitere Kreise. Einen solch abrupten Stimmungswechsel von abgrundtiefer Verzweiflung zu freudiger Erregung hatte sie noch nie erlebt. Waren das die Gefühlsumschwünge, die sie im Traum gespürt und von denen sie gelesen hatte? War das das Leben in Freiheit, in dem man nie wissen konnte, was das Schicksal für einen im nächsten Moment bereithielt? In ihrer aktuellen Verfassung sah sie sich außerstande zu entscheiden, ob es nicht besser war, nur davon zu träumen, als es tatsächlich zu erleben.
Aber darüber konnte sie sich auch später noch Gedanken machen. Zunächst musste sie ihre Tour so gut wie möglich zu Ende bringen. Pflichtschuldigst verstaute sie ihren anorganischen Abfall wieder in der Tasche und behielt nur den Gecko in der hohlen Hand. Als wolle sie dem Vulcano doch noch eine Chance geben, nahm sie ihn wie zum Abbeißen in beide Hände, drückte den Gecko in die Teigmasse und ließ sie dann in die WasteBox fallen. War die trendige Backware also doch noch zu etwas gut gewesen.
Ein Disrupter war noch übrig. Sollte sie ihn noch platzieren? Besser nicht. Sie war auffällig geworden und unter diesen Umständen würde sie damit nur ein unnötiges Risiko eingehen. Außerdem fehlte ihr, wie sie jetzt auf einmal merkte, als sie mit weichen Knien über den PearSquare stakste, schlicht die Kraft für eine weitere Aktion. Sie würde zurück in ihr Hexagon fahren.
Als sie endlich in der Sicherheit des vertrauten Raumes angekommen war und ihre Anspannung langsam nachließ, fiel ihr Erlebnis noch einmal mit geballter Wucht über sie her. Anders als zu träumen und zu lesen fand die aktiv betriebene Traumzeit, in der die Oneironauten die Verhältnisse ändern wollten, nicht in einer entrückten Sphäre statt. Sie war real und jederzeit konnte etwas passieren, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Hatte sie sich statt der sterilen Wahlmöglichkeiten, die ihr das System antrug und nur scheinbare Freiheit versprachen, nicht wirkliche Chancen gewünscht? Wollte sie nicht Routine, Berechenbarkeit und Absehbarkeit durchbrechen, um in ihrem Leben einen Sinn zu finden, der nicht vom System und dem Marketing der Anbieter vorkonfektioniert war? Heute hatte sie am eigenen Leib erfahren, dass Freiheit und Schicksal nicht nur die Enge in offene Horizonte weiten und neue Möglichkeiten erschließen, sondern offensichtlich auch zur Bedrohung werden konnten. Unvorhersehbares auszuhalten, war wohl der Preis der Freiheit, aus der Sinn und wahres Glück erwuchsen. Darauf musste sie sich jetzt einstellen. Wenn sie bei den Oneironauten bleiben wollte, und dass würde sie, wie ihr jetzt klar wurde, auch um diesen Preis, war zukünftig nichts mehr sicher für sie.
Mit diesen Gedanken arrangierte Esther schließlich ihr RestBoard entsprechend der Schlafsequenz, mit der sie ihre Fake-Schleife beenden würde – Farbe, Muster und Anordnung der Blankets mussten „anschlussfähig“ sein – positionierte sich ebenfalls in der Anschlussposition und wechselte mit einem Druck auf ihren DreamKey von der Traumzeit in die Taktzeit und überlagerte damit auch die Strahlung ihres Morpheustrons – „sich selbst den Gecko machen“, nannte sie das. Sie war neugierig, ob und wie sich ihr Erlebnis in ihren Träumen niederschlagen würde, lag dann aber noch so lange wach, dass sie bezweifelte, überhaupt einschlafen zu können.
Aus dem Manual der Agency of SocialTechnology
Nur für den internen Gebrauch bestimmt!
Seit die Urb ihren Nachwuchs in den UterusLabs entwickelt, begreifen wir das jeweils andere Geschlecht nicht länger unter dem Primat der Reproduktion. System und Administration verstehen alle Citizens – unabhängig, ob hetero- oder homosexuell orientiert – als unisex. Werden in diesem Manual also UnisexCitizens als der oder die Citizen bezeichnet, ist das jeweils andere Geschlecht immer impliziert.
Mission Statement
„Sicherheit ermöglicht Freiheit. ‒ Mittelung schafft Sicherheit.
Ohne Mittelung keine Freiheit. ‒ Abweichung erfordert Intervention.“
Wir glauben, dass Freiheit die Freiheit der Wahl ist: „Make your Choice!“
Wir glauben, dass Freiheit nur möglich ist, wenn alles berechenbar und damit kategorisierbar und sicher ist.
Wir sind überzeugt, dass die Mittelung allen Verhaltens der einzige Weg ist, diese Sicherheit zu erreichen.
Auf diesem Weg ist die Agency of SocialTechnology die Rechte Hand und die Stimme des Systems.
Wir implementieren die Anträge des Systems in die Realität und überprüfen deren Umsetzung.
Unser Vorbild und Logo ist die völlig ausgewogene, ebenmäßige gaußsche Glockenkurve.
Wir glauben, dass das Konstrukt dieser Glockenkurve weniger einen Wert an sich darstellt, sondern sich in Realität und Praxis einer entsprechend wohl geordneten und produktiven Citizenship widerspiegeln muss.
Wir glauben daher, dass der radikale Ausschluss extremen wie auch abweichenden Handelns und Verhaltens die unerlässliche Grundlage für ein produktives und friedliches Zusammenleben aller Citizens ist.
Wir glauben, dass allein über die Mittelung von als signifikant erfassten Variablen eine trennscharfe und eineindeutige Kategorisierung von Handeln und Verhalten erfolgen kann.
Wir glauben, dass nur die Kategorisierung sämtlichen Handelns und Verhaltens der Citizens auf der Abnehmerseite die Entwickler und Produzenten auf der Anbieterseite in die Lage versetzt, kontinuierlich und erfolgreich neue Produkte und Services zu erzeugen.
Wir glauben, dass sich die Leistungen und Bedürfnisse von Anbietern und Abnehmern sowie die von Abnehmern und Anbietern zum Wohle des Ganzen gegenseitig ergänzen.
Wir glauben, dass nur der Primat von Wirtschaft und Marketing auf der Basis einer quantifizierbaren und daher rationalen Wirtschafts-Sozialität unserer Urb das unerlässliche Wachstum bringen kann.
Wir glauben, dass unter diesem Primat aus der Quantitativen Betrachtung und Auswertung auch der scheinbar unbedeutendsten Variablen ständig neue Qualitäten erwachsen und dass für die lückenlose Erhebung dieser Variablen die gesamte Bandbreite der stationären und mobilen Agenten des Systems erforderlich ist.
Wir glauben, dass unsere Citizenship über die Mittelung und Kategorisierung von Verhalten sowie durch stetes Wachstum und kontinuierlichen Fortschritt eine belastbare, weil stromlinienförmige Aufwärtsdynamik entwickeln muss. Andernfalls diffundiert sie zu ihren Rändern hin aus, erleidet so Reibungsverluste und wird träge, kommt zum Stillstand und stürzt schließlich ab.
Wir glauben, dass gemäß dem Grundsatz, jeden in seinen Grundbedürfnissen zu unterstützen, den Einzelnen aber gemäß seinen Fähigkeiten agieren zu lassen, Konkurrenz und Wohlstandsstreben für die Aufrechterhaltung dieses Wachstums unerlässlich sind, soweit sie dem Prozess der Mittelung nicht zuwiderlaufen.
Wir glauben, dass die → ByuingGuards und die mit ihnen verbundenen Organisationen im Prozess von Wachstum und Konkurrenz das notwendige Korrektiv bilden, Friktionen zwischen Citizens mit höherer und niedrigerer Kaufkraft und somit abweichendes Verhalten zu verhindern.
Wir sind der festen Überzeugung, dass dabei letztlich alles Handeln und Verhalten berechenbar sein muss, um die Stromlinienförmigkeit dieser Aufwärtsdynamik sichern zu können, auf der substantiell Wohlergehen und Sicherheit unserer Citizenship beruhen.
Wir glauben, dass die Kohärenzkräfte der → SocialUnits und die Vergabe von → MatchingPoints durch Mates und Peers sowie die Weisungen der BuyingGuards allen Citizens eine klare und eindeutige Orientierung auf ihrem Weg in die Berechenbarkeit bieten.
Wir kooperieren eng mit der Authority of PoliticalIndoctrination, deren BadPastLessons mit ihren abschreckenden Beispielen aus der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus das Bewusstsein dafür schaffen, dass ein total berechenbares Leben in absoluter Sicherheit ein hohes und unter allen Umständen zu schützendes Gut ist. So gelingt es, auch Dismatchte mit extrem abweichenden Verhalten zu motivieren, sich wieder Mitteln zu lassen.
In diesem Sinne die → Anträge des Systems umzusetzen und sowohl die SocialUnits als auch die einzelnen Citizens entsprechend anzuleiten, zu unterstützen und zu motivieren sehen wir unsere Aufgabe, der wir uns mit unserer ganzen Kraft und unserem ganzen Vermögen widmen.
Glossar
SocialUnit
Eine Gruppe von Citizens, die Kontakte zueinander unterhalten. Unterschieden werden unmittelbare Face to Face- oder 1st-step-Relations und elektronisch vermittelte 2nd-step-Relations, die sich in diesem Stadium der Mittelung noch in 3rd-, 4th- und 5th-step-Relations ausdifferenzieren.
Die maßgebenden bindungsstiftenden Variablen, die die Qualität eines Kontaktes ausmachen, sind Taktdauer und Intensität, mit der die jeweiligen Inhalte ausgetauscht werden. Die Erfassung der interpersonellen und semantischen Variablen, die die Intensität eines Kontaktes determinieren, wird kontinuierlich weiterentwickelt.
Die besondere Beachtung der Agency gilt den gleichaltrigen Peers unter den Mates einer SocialUnit, da deren interpersoneller Beeinflussungskoeffizient in der Regel besonders hoch liegt.
Für die Agency ist die aus 32 Mates bestehende idealtypische SocialUnit eine heuristische Größe, die es erlaubt, die 3 Mio. Citizens der Urb in 93.750 überschaubare, distinkte Einheiten zu unterteilen. Nach dem Henleyschen Gesetz nehmen die Kohärenzkräfte einer Citizenship von über 3 Mio. exponentiell ab, weshalb die Population konstant bei 3 Mio. plus/minus 1.024 Citizens gehalten wird.
Das Agieren der Mates 1st- und 2nd-step determiniert Klima und Ausrichtung einer SocialUnit. Im Sinne der Berechenbarkeit allen Handelns und Verhaltens ist es daher erklärtes Ziel der Agency, die Population der Urb noch im Laufe dieser Generation auf trennscharf voneinander abgegrenzte KernelUnits zu konzentrieren, in denen nur noch 1st-und 2nd-step-Relations unterhalten werden, deren Qualität und Inhalte eineindeutig erfassten Kategorien zugeordnet werden können.
Dimensionen der freien Wahl
Eine Wahl, die nicht auf der Basis quantifizierbarer Kriterien begründet werden kann, ist unsinnig und läuft dem Prozess der Mittelung und Berechenbarkeit zuwider. Citizens werden daher durch die → Anträge des Systems und die Interventionen der Agency angeleitet, begründete und eineindeutige Wahlen zu treffen.
Auswahl / Selection / Choice
Citizens wählen aus 5 inhaltlich vorgegebenen Kategorien, die ihnen das System anträgt, diejenige aus, von der sie meinen, dass sie ihr Psychogramm am ehesten optimiert. Betrifft die Selection einen Kauf, kann die Citizen zu jedem Takt ihren BuyingGuard konsultieren, um eine ihrem Einkaufsprofil entsprechend kongruente Entscheidung zu treffen.
Bewertung / Evaluation
Der Citizen bewertet Produkte und Services auf einer numerischen Skala von 1 bis 5 in Bezug auf Kategorien wie Funktionalität, Form, Usability, Nutzer- und Kundenfreundlichkeit, Markenzelebration etc.
Die Citizen bewertet fremdes und im Akt der Transparenzintrospektion im Rahmen eines → MatchingLoops auch eigenes Kauf- und Sozialverhalten auf einer numerischen Skala von 1 bis 5 in Bezug auf Kategorien wie Kontinuität und Berechenbarkeit, Gemitteltheit, Konformität und Abweichung; Beispielcharakter und OpinionLeadership etc.
Rangfolge / Ranking / Rating
Der Citizen bewertet Produkte, Services sowie fremdes und eigenes soziales Verhalten, indem er eine Rangfolge vergibt.
Kategorisierung / Klassifizierung / Categorizing / Classifying
Einem Produkt, einem Service, einem Verhalten, einer Meinung, einer Bewertung, einem Ranking wird eine aus einer Anzahl X vom System angetragenen Kategorien zugeordnet. An jede erfolgte Kategorisierung kann sich eine Bewertung anschließen.
Die Strategie der Agency zielt darauf ab, noch im Laufe dieser Generation für alle Phänomene des Marktes und des Sozialverhaltens eineindeutige Kategorien auszuweisen, die als objektives Raster der Berechenbarkeit über das Leben in der Urb gelegt werden können und deren Realität erschöpfend erfassen.
Selections, Evaluations, Rankings und Classifyings dienen der Markttransparenz sowie der Orientierung und Meinungsbildung innerhalb und zwischen den SocialUnits und befördern damit letztlich den Prozess der Mittelung.
MatchingPoint
Von den Peers und Mates einer SocialUnit wechselseitig vergebener Punktwert, mit dem sie den Erwerb eines Produktes, die Inanspruchnahme eines Service, eine Selection, eine Evaluation, ein Ranking und ein Classifying oder das sonstige Verhalten eines Peers oder Mates ihrer Unit bewerten. MatchingPoints können innerhalb einer Spannweite von 1 – „Mindergauß! das kann ich in keinster Weise nachvollziehen“ – bis 5 – „Megagauß! dem stimme ich vollstens zu“ – vergeben werden.
Das Prinzip „Jeder beurteilt und bewertet jeden“ bildet die Grundlage der Gruppenkohäsion innerhalb einer SocialUnit. Die Gruppenkohäsion ist der Garant dafür, dass sich letztlich jeder Citizen unter den Domes der Urb berechnen und mitteln lässt.
Aus der Summe der MatchingPoints ergibt sich der → SocialScore.
SocialScore
Index, der innerhalb eines Range von 0 bis 100 Prozent den Grad der Übereinstimmung des Verhaltens und der Merkmalsausprägungen einer einzelnen Citizen mit der gemittelten Tendenz der Auswahlen, Bewertungen, Rankings und Klassifizierungen der Mates ihrer SocialUnit abbildet.
Der SocialScore ist der maßgebliche Wert, an dem sich der einzelne Citizen im Verhältnis zu seiner SocialUnit messen lassen muss.
Sinkt der SocialScore eines Citizens unterhalb von 80 Prozent, ist die Agency gefordert, den Dismatchten zu recentern, ihn also zu Mitteln und wieder in den Bereich der Berechenbarkeit zu liften.
Der SocialScoreUrb ist ein Wert, der nur innerhalb der Agency erhoben wird, und im Zuge der Heuristik der fortschreitenden Mittelung und Berechenbarkeit die Vergleichbarkeit zwischen Clustern von SocialUnits und in naher Zukunft auch zwischen sämtlichen SocialUnits der gesamten Urb ermöglichen soll.
MatchingSession
Verhalten soll berechenbar sein und bleiben. Um abweichendes und extremes Verhalten auszumitteln und mögliche Friktionen zwischen Citizens zu vermeiden oder deren Eskalation zu verhindern, ist jeder Citizen gehalten, mindestens alle 3 MegaTakte eine MatchingSession durchzuführen. Hierzu screent er die seit der jeweils letzten Session in seinem MatchingEye gespeicherten DayStreams. Ist er nicht in der Lage, mittelungskritische Situationen zu identifizieren, weisen ihn entsprechende Marker darauf hin. Sind die entsprechenden Szenarien erkannt, versucht die Citizen jegliches Verhalten auszuräumen, das ihren SocialScore beeinträchtigt. Sie überprüft ihr wirtschafts-soziales Verhalten, vollzieht negative Bewertungen ihrer Peers und Mates nach und befragt sie dazu.
Die Gruppenkohärenz bildet die Gravitationskraft, die die Zentrifugalkräfte der Abweichung und Egozentrik bändigt und wieder ins Mittel überführt. Gelingt dies mittelfristig nicht, kann ein → MatchingLoop gestartet werden.
MatchingLoop
Weicht ein Citizen dauerhaft oder signifikant von den maßgebenden Tendenzen und Merkmalsausprägungen seiner SocialUnit ab, können ihn seine Mates und Peers einem MatchingLoop unterziehen. Der MatchingLoop wird auf → Antrag des Systems hin von den Mates einer SocialUnits gewählt. Durch spezifische Fragen und Auswahlen wird der Dismatchte im Rahmen einer Transparenzintrospektion angeregt, sein Verhalten zu hinterfragen und sich wieder zu mitteln.
Letztlich ist kein Citizen ohne die Leitfunktion von Markt und Marketing und die Unterstützung und Orientierung durch seine SocialUnit denkbar. Daher ist der Prozess der Wiedereingliederung ins Mittel der SocialUnit niemals mit Zwang verbunden. Dies würde auf mittlere und längere Sicht immer Widerstand provozieren. Widerstand aber macht die Dinge unberechenbar. Vielmehr beruht die mittelnde Wirkung des Loops auf Einsicht und kann daher durchaus mehrere TeraTakte in Anspruch nehmen.
Antrag des Systems
Die von den stationären und mobilen Agenten des Systems erhobenen Daten bilden die Grundlage für das Funktionieren der Urb. Mit den begrenzten Kapazitäten des menschlichen Geistes ist es unmöglich, die Komplexität der in den digitalen Archiven der MatchingAdministration aggregierten Daten zu durchdringen. Während sich die digitalen Arme des Systems unmittelbar in die rekursiven Schleifen der technischen Abläufe der Urb erstrecken, ist der einzelne Citizen (noch) kein derart zu steuernder Regelkreis.
Daher wertet das System rund um den Takt Verhalten, Auswahlen, Bewertungen, Rangfolgen und Klassifikationen jedes einzelnen Citizens aus, identifiziert Korrelationen zum Verhalten der Mates seiner SocialUnit und der gesamten Citizenship und stellt weiter führende formale und inhaltliche Anträge, die Mittelung und Berechenbarkeit befördern.
In diesem Prozess bildet die Agency die Clearingstelle zwischen den Anträgen des Systems und deren Umsetzung in die wirtschafts-soziale Sphäre der Urb. Das System trägt an, die Agency führt aus und überwacht.
BuyingGuards
Konkurrenz und Wohlstandsstreben liefern den Citizens die Motivation zu arbeiten und sich dafür einzusetzen, dass das Wachstum nicht zum Erliegen kommt. Die BuyingGuards begleiten sämtliche Einkäufe und Erwerbungen der ihnen zugeteilten Citizens, steuern deren Einkaufsmentalität und entwickeln entsprechend ihrer Einkaufsbiografie langfristig ein gemitteltes Psychogramm, dessen Charakteristika eineindeutigen Kategorien zugeordnet werden können.
Ein Guard wird immer nur einen Kauf coachen, der das Budget eines Citizens lediglich minimal fordert, nicht aber hoffnungslos überfordert. Die Guards sorgen dafür, dass die Differenz zwischen höherer und niedrigerer Kaufkraft in einer SocialUnit innerhalb eines bestimmten Ranges bleibt, der von den Mitgliedern nicht als negativ empfunden wird. So wird abweichendem Verhalten vorgebeugt und auch das Matching der Mitglieder mit unterschiedlicher Kaufkraft innerhalb eines SocialUnits bleibt gewahrt.
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_23.673.891
„DigiTwins zu ziehen stärkt den HumanFactor.“
Guideline der Scouts der Agency of SocialTechnology
Ein an- und abschwellender Sinuston von 3 Sone: Ihr MatchingEye blinkte hell und die Weckfunktion des integrierten Morpheustrons holte View abrupt aus ihrem traumlosen Schlaf. Manchmal wünschte sie sich eine längere Übergangszeit, aber im Grunde war es in Ordnung, dass der WakeUpSound fest vorgegeben war, und sie hier nicht, wie überall sonst, vielfältige Wahlmöglichkeiten hatte. Sie fand, dass klar definierte Zustände und Befindlichkeiten ihrer Produktivität und ihrem Selbstempfinden zuträglich waren.
Sobald sie die Augen geöffnet hatte, schaltete sich das Morpheustron ab und die Statusanzeige ihres hinter einer Schicht aus lichtablenkenden Nanokristallen fast unsichtbaren MatchingEyes erwachte. Wie jeden Morgen signalisierte View das sanft pulsierende, rötliche Licht, dass alles im Mittel war und ihr nichts Unvorhergesehenes oder Unberechenbares zustoßen konnte.
Jetzt war sie schon seit 15 TeraTakten Member der Agency of SocialTechnology und die Routine ihres Arbeitsalltages hatte sich eingespielt. Zwei Intervalle Zirkulationsdusche, dann, „Make your Choice“, die Wahl ihrer Empowermentmusik, die sie den Tag über begleiten würde, und die Entscheidung für ein Outfit aus 5 möglichen Kategorien, die sie entsprechend ihrer tagesaktuellen Befindlichkeit wählen konnte: „prickelnd-inspirierend“, „proaktiv-dynamisch“, „ausgeglichen-konzentriert“, „verhalten-zögerlich“, „abgespannt-abwartend“. Die Anmutung der diesen Kategorien zugeordneten Outfits bewegte sich von bunt und farbenfroh bis hin zu gedeckteren Tönen. View aktivierte die Anzeige ihres HealthReports auf ihrem AeroFlat. Die allmorgendlich auf Basis einer Atem- und Urinanalyse, der Messung ihres Hautwiderstandes und der Protokolle der in ihrem Blutkreislauf zirkulierenden Nanobots erstellten Werte zeigten keine signifikanten Abweichungen von ihrer SteadyKurve und so wählte sie eine „proaktiv-dynamische“ Kombination in rot-orange, deren ImpressionForce auf andere Citizens als sehr wirkungsvoll eingestuft wurde.
Seit sie damals im CorporateGrowthCenter durch das Anlegen der Smileys und Grumpies die beängstigende Vielfalt ihrer Vorstellungen und Emotionen in feste Bahnen gelenkt hatte und sich so darüber klar geworden war, welche Gefühle sie jeweils an den Tag legen sollte, hatten ihr Kategorisierung und Klassifizierung Selbstbewusstsein und Verhaltenssicherheit verliehen. View wusste, dass es ihr auch heute gelingen würde, eine eindeutige Kontur zu gewinnen und der gewählten Kategorie zu entsprechen. Auch ihr Frühstück überließ sie nicht dem Zufall, sondern wählte gemäß den Ergebnissen ihres HealthReports eine bis ins kleinste Detail abgestimmte Mischung aus proteinhaltigen Energizern, Kohlehydraten, Nahrungsergänzungsmitteln und Ballaststoffen.
Einen halben MacroTakt später saß View in einem Cab der AntiGrav und schwebte hoch zum CapitalGround, wo sie ein spezieller Zubringer direkt in den Tower der Agency brachte. Auf dem Gang zu ihrer WorkingCell begegnete ihr Legol3s, ein WorkMate, der ebenfalls vor kurzem Takt hier angefangen hatte. Soweit View wusste, war er kein Scout, sondern Analyst, der die vom Board of PredictiveProfiling über mögliche Zukunftsereignisse bereitgestellten Daten mit den Erkenntnissen der Agency über konkretes Verhalten und Verhaltensdispositionen einzelner Citizens korrelierte. Die Ergebnisse der Arbeit dieser Analysts flossen dann in die Darstellung des digitalen Abbilds der SocialUnits ein, die View betreute. Legol steuerte direkt auf sie zu und starrte sie mit einem Gesichtsausdruck an, den View nicht zu deuten wusste.
„Na, alles im Mittel?“, fragte View.
Doch Legol würdigte sie keiner Antwort, strich wortlos dicht an ihr vorbei und ging den Gang hinunter. Äußerst irritierend. Aber nichts, das sich nicht in einer MatchingSession würde regeln lassen. In dem Bewusstsein, dass die über ihren Köpfen schwebenden MatchingEyes entsprechende Daten aufgezeichnet und ausgetauscht hatten, war sich View völlig sicher, diesen Vorfall in einer Session bereinigen zu können. Möglichst heute Abend noch.
In ihrer WorkingCell angekommen, startete sie ihr ManagingDesk. Auf der weiten Fläche des Screens begannen die Icons der 32 SocialUnits zu leuchten und sich zu drehen, die sie, den CapitalGround ausgenommen, auf jeweils einem Ground der Urb beobachtete, Die meisten der in einem Kreis mit unregelmäßigen Rändern angeordneten Icons waren in einem unscheinbaren Grau gehalten und rotierten nur träge um die eigene Achse. Zur Peripherie hin wurden die Drehungen schneller und die Farben tendierten zu einem sehr blassen Graurot. Sollte einmal ein Icon sehr schnell und in einem Signalrot rotieren, wäre das ein Zeichen dafür, dass die Kohärenzkräfte der betreffenden SocialUnit überfordert waren und ihre Mitglieder Gefahr liefen, aus dem Mittel geschleudert zu werden. Das aber war gemäß den aktuellen Prognosen nur sehr wenig wahrscheinlich und Bewegung und Farbgebung der Icons repräsentierten lediglich die üblichen Schwankungen um einen robusten Mittelwert herum.
Noch immer war View von dem Sozioversum fasziniert, das sich da auf ihrem Screen ausbreitete. Rechnete sie jede SocialUnit mit 32 Mitgliedern, repräsentierten die 32 Icons 1.024 Citizens, für deren Mittelung sie verantwortlich war. Doch waren 32 Member natürlich nur eine mehr oder weniger statistische Größe und es konnten je nach Dichte und Intensität der Binnen- und Außenbeziehungen einer Unit entsprechend mehr oder weniger sein. Während der übliche Citizen neben den unmittelbaren Interaktionen in seiner SocialUnit noch etwa 70 bis 90 mittelbare Interaktionen in deren näheren und weiterem Umfeld unterhielt, konnte sie, wenn sie nur wollte, Verhalten und soziale Verflechtungen von rund 1.000 Citzens bis in die feinsten Verästelungen nachvollziehen. Sicher war das nicht realistisch, doch erfüllte sie allein die bloße Möglichkeit, jederzeit bis ins letzte Detail in das Leben so vieler Citizens eintauchen zu können, mit einem Gefühl der Allmacht.
Was sie sich aber zum Auftakt eines jeden Arbeitstages gönnte, war der Sprung in eine beliebige ihrer 32 Units, in deren SocialRelations sie sich dann im OverviewModus eine Weile vertiefte. Die Agency schränkte ihre spontane Neugier in keiner Weise ein und so hatte View nach einiger Zeit eine Vielzahl unterschiedlicher Einkaufs- und Beziehungsgeschichten auf sämtlichen Grounds der Urb nachvollzogen, die sie im begrenzten Zirkel ihrer eigenen Unit niemals erlebt hätte. Gerne hätte sie sich in manchen Geschichten festgesaugt, doch mahnte sie sich, den Überblick zu wahren und sprang immer wieder in andere und neue Units. Der Altersdurchschnitt der Member dieser Units entsprach ihrem eigenen Alter von 19 MajorTakten. Die Agency setzte ihre Scouts bevorzugt innerhalb der eigenen Alterskohorte ein, da sie davon ausging, dass die Scouts ihre gleichaltrigen Peers am besten verstanden. So entwickelte View bald ein relativ verlässliches Gespür für die vielfältigen Eindrücke, Hoffnungen, Wünsche und auch Abneigungen, die die Citizens ihres Alters auf sämtlichen Grounds der Urb bewegten.
Ein nicht unerheblicher Teil ihrer Arbeit bestand darin, Hypothesen darüber zu bilden, wie sich das Verhalten ihrer Peers kategorisieren lassen könnte:
„Citizens, deren Unit sie zu einem MatchingLoop eingeladen hat, scheinen langfristig dauerhafter gemittelt zu sein als solche, die niemals einem Loop unterzogen wurden.“
„Citizens, die mit den Peers ihrer Unit ein starkes Binnengefüge erleben, scheinen weniger nach außen orientiert als solche, die in ihrer Unit nur lockere Beziehungen pflegen. Es scheint aber auch Fälle zu geben, in denen Citizens die Bindung an ihre Unit als beengend erleben und sich verstärkt nach außen orientieren.“
„Das Einkaufsverhalten von Citizens, die im LoveGym viele wechselnde Partner haben, scheint breiter gestreut als das derjenigen, die nur wenige Partner haben.“
„Citizens, deren Einkaufsbiografie keine Brüche aufweist, scheinen sich allgemein wohler zu fühlen als solche, deren Psychogramm nicht mit ihrer Einkaufsbiografie übereinstimmt.“
„SocialRelations, die sich über den Kauf oder die Verwendung eines bestimmten Produktes oder die Nutzung eines bestimmten Services entwickelt haben, scheinen kurzzeitig intensiver zu verlaufen als solche, die auf dem Austausch von Meinungen, Kategorisierungen und Rankings beruhen. Diese scheinen dafür länger anzuhalten.“
Natürlich war die Aussagekraft solcher auf willkürlichen Stichproben beruhender Hypothesen begrenzt, zudem waren sie wenig valide; immerhin boten sie Anhaltspunkte für weitere Korrelationen. Aber der Agency war auch gar nicht daran gelegen, von ihren Scouts belastbare Hypothesen zu bekommen, als vielmehr daran, das zu schärfen, was sie den „HumanFactor“ nannte. Denn die Ergebnisse sämtlicher Analysen, die View als angehende Scout vornahm, konnte natürlich auch das System auswerfen, und das tat es, angesichts der Überfülle der zu verarbeitenden Daten auch mit einer Stringenz und Effizienz, die die Administratoren immer wieder in Staunen versetzte. Trotzdem war es ab und an zu Zwischenfällen gekommen, die die Maschinenintelligenz des Systems nicht zu prognostizieren in der Lage war. Solange die gesamte Citizenship der Urb noch nicht völlig gemittelt war, fand ein nicht unbeträchtlicher Teil des Verhaltens der einzelnen Citizens nach wie vor in einer Art BlackBox statt. Ein Umstand, dem die Agency dadurch Rechnung zu tragen suchte, dass sie den HumanFactor ihrer Scouts ausbildete und schärfte.
So hatte sich View in ihren ersten Takten in der Agency im Großen und Ganzen auf die Auswertungen des Systems verlassen und ihre Aufmerksamkeit auf die SocialUnits am Rande ihres ManagingDesks fokussiert, deren Farbcodierung tendenziell vom Grau der Mitte abwich. Aktuell konnten, wenn auch nur mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit von 0,47 Prozent, im Verhaltensumfeld von etwa 3 Prozent der 1.024 Citizens ihres Sozioversums mögliche Abweichungen um sich greifen und sie musste die 5 Units, über die diese Gefährder sich verteilten, einer eingehenderen Beobachtung unterziehen.
Nachdem sie, um ihren allgemeinen Horizont zu erweitern, zunächst die Interaktionen einer beliebigen SocailUnit gescreent hatte, widmete sich View auch heute dem, was sie am liebsten tat: Sie lernte ihr Terrain kennen und zog dazu ihre DigiTwins.
Alle Bewegungen der Citizens an sämtlichen RaumZeitPunkten der Urb wurden von den mobilen und stationären Einheiten des Systems unablässig aufgezeichnet. Fest installierte Kameras, Sensoren und Aktoren nahmen noch den geringsten Wimpernschlag wahr und die Dritten Augen der MatchingEyes folgten den Citizens auf Schritt und Tritt. Nanobots und Naniten, die bis in ihre Körper vordrangen, lieferten unaufhörlich Daten. Die breite Datenspur, die jeder Citizen im OmniNet hinter sich herzog, wurde kontinuierlich gespeichert und ausgewertet. So wurde für jeden Citizen ein digitaler Zwilling, sein DigiTwin ins System gespiegelt, dessen Datenkorpus neben dem Bewegungsprofil, sämtlichen Interaktionen out- sowie inNet und der physischen Verfasstheit auch große Teile der Psyche abbildete.
Die Entwicklung der DigiTwins der Citizens ihrer potentiell instabilen SocialUnits verfolgte View im Detail, seit sie bei der Agency angefangen hatte. Besonders die auf ihrem eigenen Ground gelegene Unit 66.862 faszinierte sie. Mal sehen, was sich da so getan hatte.
View berührte das entsprechende Icon am Rande ihres Sozioversums, das sich auf ihrem Screen drehte und ein Hologramm der stilisierten Figur wuchs in die Höhe und verdrängte die Icons der anderen Units. Um einer SocialUnit zugerechnet werden zu können, musste ein Citizen eine gewisse Anzahl von Face-to-Face-Beziehungen 1st-step mit den entsprechenden Interaktionen unterhalten und die tatsächliche Anzahl der Citizens dieser Unit schwankte zwischen 28 und 34 Membern. Durch von seiner Mitte kreisförmig nach außen verlaufende Handbewegungen zerteilte View das Icon der Unit – sie „zog“ ihre DigiTwins – und es zerfiel in Holoprojektionen der aktuell 31 Mitglieder. ManagingDesk und Screen sanken in den Boden der WorkingCell und während die Projektionen bis zu der natürlichen Größe der Citizens, die sie darstellten, in die Höhe wuchsen, nahmen sie auch deren Statur und Physiognomie an.
Die Agency schärfte ihren Scouts immer wieder ein, dass DigiTwins keine digitalen Abstraktionen waren, sondern in sämtlichen Aspekten konkret lebende Citizens abbildeten. Die Scouts sollten den DigiTwins der Citizens, die sie betreuten, daher gewissermaßen auf Augenhöhe begegnen. View liebte es, zwischen ihren Avataren herumzulaufen und wirklich alles über die von ihnen abgebildeten Citizens zu erfahren, ohne dass diese etwas davon wissen konnten. Leider war es den Scouts untersagt, ihre eigene Unit zu betreuen, sonst hätte sie sich selbst begegnen können.
Wenn sie mit Hand und Fingern über bestimmte Stellen im Gesicht und am Körper eines Avatars strich, öffneten sich Fenster für bestimmte KnowledgeSpheres, die ihr Auskunft über alles gaben, was der entsprechende Citizen erlebte und tat und – wahrscheinlich – zu einem großen Prozentsatz auch über das, was er fühlte und dachte. Jetzt stand sie vor DigiTwin 66.862-11, der eine Citizen namens Lalic4j8 repräsentierte. Anfangs hatte View es seltsam gefunden, die Informationen der KnowledgeSpheres nicht einfach abzurufen, sondern einem Avatar über die Augen zu streichen, um etwa einen bestimmten DayStream seines MatchingEyes zu sehen, oder ihn in der Leistenregion zu berühren, um zu erfahren, in welcher Frequenz er mit wem welche LoveGyms aufsuchte. Mit zunehmenden Takt aber hatte sie begriffen, dass dies dazu diente, die Kompetenz auszubilden, die die Arbeit der Scouts der Agency auszeichnete: Den HumanFactor, der es ihnen ermöglichte, eine echte Beziehung zu Citizens auszubilden, die drohten zu Dismatchten zu werden, um in deren Verhalten das verstehend zu erspüren, was der Maschinenintelligenz des Systems verborgen blieb.
Nach einer Phase extremer und über einen langen Takt konstanter Abweichungen, während derer sich ihre Unit genötigt sah, sie einem MatchingLoop nach dem anderen zu unterziehen, hatte Lalic4j8 in kürzestem Takt einen Grad der Mittelung mit sämtlichen Parametern ihrer Unit erreicht, der fast 95 Prozent entsprach. Das war ungewöhnlich. In der Regel verlief das Matching von Abweichlern nicht so geradlinig und vor allem nicht so schnell. Was hatte diese Citizen nur dazu gebracht, sich so schnell wieder zu mitteln? Sicher, die Anträge des Systems an Abweichler, entsprechend ihrer Einkaufsbiografie nur Angebote wahrzunehmen, die ihr Psychogramm stabilisierten, mittelungsfördernde Meinungen zu teilen oder abweichendes eigenes und fremdes Verhalten einer Transparenzintrospektion zu unterziehen, leisteten hier gute Arbeit und der durch die MatchingLoops innerhalb einer SocialUnit entstehende Kohäsionsdruck tat ein Übriges. Doch hier war mehr im Spiel, das spürte View ganz deutlich. Sollte es ihr gelingen herauszufinden, warum sich diese Lalic4j8 plötzlich so mittelungsaffin verhielt und diese Erkenntnisse auf andere Dismatchte anzuwenden, würde das ihre Karriere bei der Agency ordentlich pushen. Mal sehen, was sich bei Lalic4j8 in den letzten MegaTakten so ergeben hatte.
Obwohl die Holographien exakt den Citizens nachgebildet waren, die sie darstellten, sahen die Gesichtszüge der DigiTwins irgendwie alle gleich aus, fand View. Sie strich dem Hologramm von Lalic4j8 über den Kopf und berührte dann nacheinander Augen, Nase, Mund, Ohren, Brust, Becken und Hände und öffnete so die Fenster der unterschiedlichen KnowledgeSpheres, die ihr Aufschluss über die letzten Entwicklungen gaben. Der Mittelungstrend hatte sich weiter verstetigt und die Einkäufe, Rankings, Bewertungen und geteilten Meinungen der Citizen lagen jetzt mit dem Mittelwert ihrer SocialUnit fast deckungsgleich bei 98,97 Prozent. View bückte sich und berührte das Hologramm an den Füßen – seltsam, so vor einer DigiTwin zu hocken – um auch das Bewegungsprofil der Citizen einzusehen. Wie sie erwartet hatte, wies die Chronologie des Bewegungsmusters keinerlei Einbrüche oder Abweichungen von der der letzten Takte auf.
Abschließend ließ View mit weit ausholenden Gesten um das Hologramm herumgehend noch die DigiTwins der übrigen Member der SocialUnit aus dem Screen wachsen. Zwischen den DigiTwins spannte sich jetzt ein komplexes Geflecht von Linien auf, deren Ausrichtung, Stärke und Farbcodierung ein detailliertes Soziogramm der SocialUnit wiedergaben. Und wieder erwies sich das, was View am erstaunlichsten fand: Diese Lalic4j8 verteilte Dauer und Intensität ihrer Interaktionen völlig gleichmäßig auf die Mitglieder ihrer SocialUnit. Jeder hatte doch Peers, mit denen er mehr Takt als mit anderen verbrachte und sie selbst interagierte, auch wenn sie das zugunsten nützlicher Kontakte innerhalb der Agency einzuschränken begann, vermehrt mit Sonoki3ab und Siema27#X, aber Lalic4j8 unterhielt keinerlei exklusive Beziehungen 1st-step zu anderen Citizens. Es war am Takt, sich diese wandelnde Gaußkurve auf zwei Beinen einmal in Natura anzusehen.
Es bereitete View geradezu körperliches Unbehagen, am Ende eines MegaTaktes, an dem auch nur die geringste Irritation vorgefallen war, keine MatchingSession abhalten zu können. Heute stand dem allerdings nichts entgegen und so fuhr sie, sofort nachdem sie ihr Hexagon betreten hatte, ihr System hoch und rief das Profil von Legol3s auf. Richtig, er war kein Scout, sondern Analyst und hatte kurz vor ihr bei der Agency angefangen. Die Arbeit der Scouts galt gemeinhin als interessanter als die der Analysten. Vielleicht lag hier der Grund für Legols seltsames Verhalten. Andererseits kannte sie Analysten, die völlig darin aufgingen, über die komplexe soziale Realität der Urb ein dichtes Netz aus Datenpaketen zu legen, deren Auswertung weiter reichende Erkenntnisse brachte als lediglich die Beobachtung konkreten SocialBehaviours. Aber wie dem auch sei, mit bloßen Vermutungen, statt mit von der immensen Datenbasis des Systems gestützten Hypothesen, kam sie hier nicht weiter.
View startete daher den Mediator und gab ihre eigene Kennung, Kibele2k5, und Legols Kennung ein, Legol3s. Die Anzeige auf dem Bildschirm teilte sich in einen SplittScreen, auf dessen einer Hälfte Legols und auf der anderen ihr eigener DayStream im OverviewModus lief. Sie saß in der Grav – Legol stieg auf einen Hover. Sie loggte sich am speziellen Zugang der Grav in die Agency ein – Legol betrat das Gebäude durch den Haupteingang auf dem MesotesCircus. View verließ den Lift auf der Gallery ihrer Etage und plötzlich erschien Legol auch auf ihrer Hälfte des Bildschirms. Die SplitScreens schoben sich übereinander und View und Legol gingen aufeinander zu.
Obwohl sie es gewohnt war, fand View es immer wieder faszinierend, gewissermaßen aus sich herauszutreten und einen Teil ihres vergangenen Tages im Schnelldurchlauf an sich vorbeiziehen zu lassen. Irgendwie nahm sie dabei Distanz zu sich auf, beobachtete sich kritisch und bedachte, wie sie wohl auf andere gewirkt haben mochte. Und auch als sie jetzt den Stream auf Echtzeit verlangsamte, fragte sie sich, ob irgendetwas in ihrem Verhalten gewesen war, das Legol zu seiner seltsamen Reaktion veranlasst haben mochte.
Der Vorfall hatte sich genauso abgespielt, wie sie es erlebt und empfunden hatte. Legol ging direkt auf sie zu, ohne das geringste Anzeichen, ihr ausweichen zu wollen. Als sie gegensteuerte, zog er nach und schwenkte wieder auf Kollisionskurs ein. Sie wich zur Seite aus, er tat dasselbe in die gleiche Richtung, kam wieder unmittelbar auf sie zu und starrte sie dabei unentwegt an. Schließlich schob er sich so dicht an ihr vorbei, dass sich ihre Schultern streiften, und ließ ihr zögerliches, Na, alles im Mittel?, unbeantwortet.
Was war das? Sie hatte Legol keinerlei Grund gegeben, sich so zu verhalten. Sein Gesichtsausdruck war eine starre Maske der Wut, aber da schien auch noch etwas anderes mitzuschwingen, das sie nicht kategorisieren konnte. View war zwar durchaus in der Lage, die Mimik der Citizens zu deuten, mit denen sie zu tun hatte, doch Legols Starren schlug so sehr aus dem Mittel dessen, was sie gewohnt war, dass sie es für geraten hielt, einen MimikScan durchzuführen. Sie ließ das Raster des Mimikerkennungstools über Legols Gesicht laufen, um ihren vagen, subjektiven Eindruck zu verifizieren. Das Tool konnte jeweils 8 Ausprägungen von 32 Gesichtsausdrücken erkennen und validieren.
In der Rangfolge der Ausprägung von stark nach schwach ergab der Scan: Wut: 8; Neid 7, Unbehagen: 5; Unsicherheit: 3; Zögerlichkeit 2. Was für ein emotionales Gemuddel. Die Ergebnisse des MimikScans brachten sie nicht unbedingt weiter.
Der nächste Schritt in der MediationsHeuristik war jetzt, gezielte Fragen des Systems zu beantworten. View rief den DeeskalationsGuide auf:
„Kein Stein auf dem Weg zur Mittelung wird liegen bleiben. Beantworte die folgenden Fragen der Konfliktanamnese nach bestem Wissen und Gewissen.“
View empfand die Guidance des Systems eigentlich immer als etwas simpel, war jedoch jedes Mal froh, die Dinge so bereinigen zu können.
„Handelt es sich um einen offenen oder einen versteckten Konflikt?“
Sie war noch nie mit Legol aneinandergeraten.
„Versteckter Konflikt.“
„Möchtest du einen Umfeldcheck machen?"
Der Umfeldcheck screente sämtliche SocialRelations der Medianten nach etwaigen Unstimmigkeiten. Das konnte nicht schaden.
„Ja.“
„Bislang sind keine Konflikte mit Legol3s im Umfeld deiner SocialRelations bekannt.“
Der Umfeldcheck hatte ihr schon oft geholfen, führte hier aber offensichtlich auch nicht weiter.
„Kannst du dich an andere kritische Situationen mit Legol3s erinnern, in Bezug auf die du aber keine MatchingSession angefordert hast?“
Sie überlegte. Bislang war sie Legol höchstens 4 oder 5 Mal begegnet und soweit sie sich besinnen konnte, war dabei nichts Besonderes vorgefallen.
„Nein.“
„Hast du irgendwelche Vermutungen, was in deinem Verhalten Legol3s zu einer solchen Reaktion getrieben haben könnte?“
Hätte sie hier auch nur die leiseste Ahnung gehabt, hätte sie sich den Anamnesedurchlauf sparen und den Mediator gleich nach einer Konflikthypothese fragen können. Aber das System ging eben immer auf Nummer sicher. Erst Anamnese, dann Hypothese.
„Nein.“
„Möchtest du eine Konflikthypothese erstellen lassen?“
„Ja.“
„Konflikte sind Stolpersteine auf dem Weg der Mittelung. Verhindere daher die Entstehung von Konflikten und vor allem deren Eskalation und fordere schon beim geringsten Anzeichen eine Konflikthypothese deines Mediators an.“
„Ich beantrage in Bezug auf die von mir, Kibele2k5, Update_567 / Takt_23.706.291 wahrgenommene Irritation mit Legol3s eine Konflikthypothese.“
„Konflikthypothese für Kibele2k5 und Legol3s. Grundlage verifizierbare Daten wie folgt:
Daystream von Kibele2k5 und Legol3s, Update_567 / Takt_23.706.291 bis Update_567 / Takt_23.706.306.
Auswertung des MimikScans von Legol3s: Legol3s beneidet Kibele2k5 in hoher Ausprägung. Er ist aber auch in geringerer Ausprägung verunsichert und zögert, seine negativen Gefühle Kibele2k5 gegenüber auszuleben. Dies findet seinen Ausdruck in Unbehagen mittlerer Ausprägung und Wut hoher Ausprägung. Die Wut richtet sich gegen Kibele2k5, weil sie diesen Gefühlskonflikt in ihm auslöst, aber auch gegen Legol3s selbst, weil etwas in ihm ihn daran hindert, Kibele2k5 offen anzugreifen.
Vergleich der Eintrittsdaten in die Agency: Legol3s ist 3 TeraTakte länger Member der Agency als Kibele2k5.
Vergleich der Eignungsprofile: Legol3s wurde eine hohe analytische Kompetenz attestiert. Kibele2k5 wurde eine hohe analytische Kompetenz sowie eine ungewöhnlich stark ausgeprägte soziale Empathie attestiert.
Vergleich der CareerPoints: Legol3s 115, Kibele2k5 135.
Aus diesen Daten ableitbare Schlüsse führen zu folgender Konflikthypothese: Legol3s beneidet Kibele2k5 um ihren Erfolg in der Agency. Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache des Konflikts hier zu finden ist: 78,65 Prozent. Die negativen Gefühle Kibele2k5 gegenüber sind noch nicht verfestigt. Das gibt Kibele2k5 eine Chance von 83,76 Prozent, positiv im Sinne der Mittelung auf Legol3s einzuwirken.
Möchtest du Legol3s mit dieser Konflikthypothese konfrontieren und face to face daran arbeiten, den Konflikt zu mitteln?“
Legol beneidete sie um ihren Erfolg in der Agency. Das konnte es sein! Seitdem sie schon in recht kurzen Takt durch geschicktes Networking zu so etwas wie der inoffiziellen OpinionLeaderin der JuniorScouts geworden war, hatten ihre Supervisoren View in den Fokus genommen. Die Analysen und Hypothesen, die sie zum Verhalten ihrer Peers entwickelt hatte, mochten ihren Teil dazu beigetragen haben, dass sie als vielversprechendes Talent galt und direkt von der AntiGrav einen exklusiven Zugang zur Agency erhalten hatte. Legol dagegen hatte die Agency durch den Haupteingang am MesotesCircus betreten. Hatte er also Grund, neidisch auf sie zu sein?
View war immer wieder erstaunt, wie das System scheinbar zusammenhangslose Daten miteinander verknüpfte und dann zu wirklich belastbaren Folgerungen kam, auf die man solide bauen konnte. Vor dem Hintergrund einer vom Mediator offiziell ausgegebenen Konflikthypothese ließ sich immer leichter agieren als auf der Basis lediglich persönlicher Mutmaßungen.
„Ich beantrage in Bezug auf die von mir, Kibele2k5, Update_567 / Takt_23.706.291 wahrgenommene Irritation mit Legol3s eine Konfrontation.“
Auf dem Screen erschein eine ebenmäßig verlaufende Gaußkurve, deren linke Hälfte mit Legols und deren rechte Hälfte mit Views Namen versehen war. Das Icon einer miniaturisierten Glockenkurve zeigte an, dass View bereits eine Konflikthypothese eingeholt hatte. Dann öffnete sich eine Totale in Legols Hexagon, die langsam auf dessen Bewohner zoomte. Legol war offensichtlich gerade dabei, ein PreparedMeal von SwellTaste oder BigFlavour – View konnte das Logo auf dem FreshPack nicht genau erkennen – in die MoleculeRub zu schieben. Ihr Gesicht musste jetzt die gesamte Fläche seines Screens ausfüllen und als Legol ihrer Anwesenheit gewahr wurde, sah er erschrocken auf.
„Oh, hallo ... „
„Hier ist Kibele2k5, die du heute Morgen auf dem Weg in deine WorkingCell so konfrontativ angegangen bist und ...“
Legol wirkte irgendwie ertappt, doch hatte er sich schnell wieder gefasst.
„ ... und deswegen willst du mir jetzt eine MatchingSession antragen“, unterbrach er sie. „Und wie ich sehe, hast du auch schon eine Konflikthypothese eingeholt. Allzu weit her kann es mit deinen Empathiefähigkeiten also nicht sein.“
Sieh da, Legol war ihr gegenüber immer noch aggressiv. Seine Hälfte der Gaußkurve beulte sich nun auf der X-Achse ein wenig nach links aus.
„Ich wollte deinen Takt nicht mit eventuell wenig zielführenden Fragen beanspruchen. Und außerdem finde ich es immer besser, rein persönliche Eindrücke durch Auswertungen des Systems zu validieren.“
Das auf der X-Achse liegende Ende ihrer Hälfte der Gaußkurve verringerte die Distanz zur Mittelachse.
„Nun komm schon, rede nicht länger um das ausgewogene Mittel herum. Was hat das System ausgespuckt?“
„Dass du neidisch auf meinen Erfolg in der Agency bist.“
Legols herausfordernd hoch gerecktes Kinn sank abrupt nach unten. View hatte schon oft erlebt, dass die Angriffslust der Kontrahenten versteckter und selbst offener Konflikte rapide abnahm, sobald die tieferen Ursachen einer Meinungsverschiedenheit einmal vom System offengelegt und offiziell benannt worden waren. Irgendwie war einem damit jegliche Basis entzogen, allein vor dem Hintergrund der eigenen Sicht der Dinge gegen die ebenfalls völlig subjektive Perspektive des Opponenten anzurennen. Konflikte waren komplex und je länger die Kontrahenten auf ihrer subjektiven Wahrnehmung beharrten, desto tiefer verstrickten sie sich in eine Gemengelage, aus der sie alleine nicht mehr herauskamen. Das System aber entschlüsselte diese Komplexität, deckte auch noch die geringste Kleinigkeit auf und der Mediator unterstützte fundiert dabei, die Dinge zu objektivieren und wieder ins Mittel zu bringen. So war es auch diesmal.
„Ich habe ja auch allen Grund, dir deinen Erfolg nicht zu gönnen. Dir scheint alles zuzufliegen und selbst, wenn ich hart daran arbeite, erreiche ich nicht das, was ich mir wünsche.“
„Hast du denn deine Karriere nicht entsprechend den Anträgen des Systems geplant?“
„Doch, schon, aber für die meisten Jobs waren meine vom System ausgewiesenen Qualis gleich gut – oder“, Legol lachte, „gleich schlecht und so hatte ich keinen triftigen Grund irgendetwas zu wählen. Zur Agency bin ich gegangen, weil ich mir gedacht habe, der Job als Scout, dein Job, muss megagauß sein. Ich hatte gehofft, von der Analyse ins Scouting rüberswitchen zu können. Doch bislang hat sich da nichts ergeben. Und dann kommst du und schwingst dich in kürzestem Takt zum RisingStar unter den JuniorScouts auf. Sorry, aber das kann einen schon mal aus dem Mittel hauen.“
Die Ausbuchtung auf Legols Seite der Gaußkurve ging langsam wieder zurück.
„Verstehe – und da steckst du jetzt in einem emotionalen Dilemma. Ich habe dein Gesicht während unserer Konfrontation einmal einem MimikScan unterzogen. Er weist in hoher Ausprägung Wut und Neid, aber in mittlerer Ausprägung auch Unbehagen und in geringerer Unsicherheit und Zögerlichkeit aus.“
„Vergaußt, musst du mich derart stalken? Was geht dich mein Gesichtsausdruck an? Sorry“, Legol senkte die Augen, „natürlich ist es dein gutes Recht, deinen DayStream entsprechend auszuwerten.“
Legols Seite der Gaußkurve schien zu atmen. Dehnte sich aus, zog sich wieder in Richtung Mitte zurück.
Nicht umsonst hieß diese Phase der MatchingSession Konfrontation, dachte View. Vielfach wurde man hier nicht nur mit einem Konfliktpartner konfrontiert, sondern auch mit sich selbst. Überhaupt war ein MimikScan ein probates Mittel, sich seiner Gefühle bewusst zu werden und sie angemessen zu handeln. Oft genug hatte sie in einem DayStream das Raster des Scans über ihr eigenes Gesicht laufen lassen, um sich in einem Gefühlschaos nicht aus der Mitte tragen zu lassen.
„Nun, als ich dich heute früh plötzlich auf der Gallery gesehen habe, stieg mir wieder einmal meine Situation hoch und ich konnte einfach nicht anders. Aber im Grunde hast du mir ja nichts getan und ich kenne dich ja auch kaum. Vielleicht bin ich einfach nur auf mich selbst wütend, weil meine Situation so verfahren ist.“
„Ich kann dich gut verstehen, das ist bestimmt nicht einfach.“
Jetzt waren beide Hälften der Gaußkurve kongruent.
View kam spontan eine Idee.
„Weißt du was, ich nehme dich in den Distributor für meine Messages an die JuniorScouts auf. Es ist sicher nicht verkehrt, wenn Analysts und Scouts gegenseitig mehr von ihrer Arbeit erfahren. Du weißt schon, JobEnrichment und so. Vielleicht können wir das Ganze zu einem Chat zwischen unseren Departments ausweiten und vielleicht ergibt sich daraus für dich ja doch noch die ein oder andere Chance.“
Legol dachte kurz nach.
„Ja, danke, gute Idee. Das dürfte meinen Job interessanter machen und vielleicht ergibt sich ja tatsächlich etwas. Ich bin gespannt.“
„Schön, dass wir uns geeinigt haben. Dann lass uns noch das Commitment abgeben.“
„Ach ja, also: Ich, Legol3s, bestätige, dass die soziale Friktion mit Kibele2k5, Update_567 / Takt_23.706.291 beigelegt ist.“
„Auch ich, Kibele2k5, bestätige, dass die soziale Friktion mit Legol3s, Update_567 / Takt_23.706.291 beigelegt ist.“
Der Focus auf Views Screen zoomte aus Legols Hexagon heraus und abschließend ließ sich noch einmal die sonore Stimme des Mediators vernehmen:
„Dein Mediator gratuliert dir zu deiner erfolgreichen Mittelung. Zögere nicht, die Ergebnisse deiner Bemühungen in die Mediatiothek einzugeben, um sie für andere Citizens, die unter sozialen Friktionen leiden, zu dokumentieren.“
Sommersaat; erster Umlauf im fünfhundertfünfundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
Lange hatte Ayiah mit sich gekämpft. Es war nicht ziemlich und ihrer, die sie den Pfad zur Wahl der künftigen Archontin angetreten hatte, nicht würdig. Doch konnte sie die Gedanken an den Mannling nicht aus ihrem Kopf verbannen. Es lag nun schon elf Umlaufzwölfe zurück, dass sie ihm in der Stätte der Aufzucht seinen Namen gegeben und gegen Leials dringendes Begehren seine Entkeimung verhindert hatte. Seitdem hatten sich ihre Wege immer wieder gekreuzt und sie hatte als Rätin im Rund der Mütter sein Wachsen und Reifen verfolgt. Mit sieben Umlaufzwölfen aus der Stätte der Aufzucht entlassen, war der Knabling in die Frauschaft einer Mutter gekommen, die die ihr unterstellten Mannlinge nicht allzu sehr drangsalierte. Als Zeugungsträger war es ihm verwehrt, ein Gehilfling zu werden und bei einer Meisterin ein bestimmtes Handwerk zu erlernen. Sein Los war vielmehr das eines Springlings, der in stetem Wechsel simple, sich im Daseinszyklus ständig wiederholende Verrichtungen übernahm und darüber hinaus den Frauen in den unterschiedlichsten Belangen zur Hand ging. Waren die Dinge doch so eingerichtet, dass es lediglich den in ihrem Temperament gedämpften Entkeimten gestattet war, besondere Kenntnisse zu erwerben und weiter reichende Handfertigkeiten auszubilden. Die schwer zu lenkenden, ihren zerstörerischen mannlingschen Trieben ausgelieferten Zeugungsträger dagegen wurden in allem kurz gehalten und durften nur harmlose Handlangertätigkeiten verrichten, auf dass ihnen ihr Können nicht ungezügelt zu Kopfe stieg und sie zu umstürzlerischen Umtrieben anregte.
Anfangs hatte Ayiah Brachvogels Aufwachsen aus einer Art Pflichtgefühl heraus verfolgt, weil sie, die sein Schicksal so grundlegend gewendet hatte, meinte, auch fürderhin für ihn Sorge tragen zu müssen. Als er dann in späteren Jahren immer mehr Arbeiten zugewiesen bekam, die größere Körperkraft erforderten, unter diesem Joch allmählich erstarkte und sich von einem dürren Knabling zu einem Jüngling zu wandeln begann, der einmal sehr wohlgestalt geraten würde, erwuchs in ihr zunehmend noch ein weiters Gefühl, das sie lange tief in ihrem Innern vor einer bewussten Betrachtung verborgen gehalten hatte.
Ayiahs Zeit in der Stätte der Aufzucht sollte ihre einzige gewesen sein. Die Umsicht, mit der sie damals wider die Entkeimung Brachvogels gesprochen hatte, hatte das Wohlgefallen der Großen Mutter und Archontin Idune gefunden und nach ihrer nächsten Mutterschaft war sie in den Hort der Weisung beschieden worden, um dort die Kleinen Frauen zu nähren und dabei mitzuwirken, sie auf ihre Verantwortung der Schöpfung gegenüber vorzubereiten. Während die Knablinge in der Stätte der Aufzucht lediglich darin gedrillt und geschliffen wurden, später als Mannlinge alle die Tätigkeiten verrichten zu können, die den Fortbestand der Klave sicherten und ihren Alltag aufrecht erhielten, wurden die Kleinen Frauen im Hort der Weisung in den Kult der Großen Mondin eingeführt und in allen Belangen unterwiesen, die ein der Mondin gefälliges und die Schöpfung schonendes Leben ausmachten. Neben einer grundlegenden Einsicht in die Funktionsweise und den Zusammenhang der wichtigsten Gewerke erwarben die Kleinen Frauen vor allem auch erste Kenntnisse in Mannlings- und Lenkungskunde. Auch im Hort der Weisung tat sich Ayiah hervor und auch hier war ihr natürlicher Widerpart ihre Erzfeindin Leial, die ihr auf das Betreiben der Häuptin der Wächterinnen dorthin gefolgt war, nachdem sie ebenfalls ihr zweites Kind zur Welt gebracht hatte.
Leial vermaledeite alle Mannlinge als diejenigen, die der Welt einst die Verderbnis gebracht hatten und die sie ihr auch erneut bringen würden, nähme man sie nicht eisern hart an die Kandare. Sie haderte mit der Ordnung der Natur, die vorsah, dass solch unbedachte und dumpf triebbestimmte Kreaturen wie die Mannlinge benötigt wurden, um die erforderliche Nachkommenschaft der Klave hervorzubringen. Doch hatte sie der Klave die zwei Kinder geschenkt, die allen Müttern abverlangt wurden – sie war sich sicher, dass es Kleine Frauen waren – und nie wieder würde sie einen dieser gockelhaften Zeugungsträger an sich heranlassen müssen, die sich nicht entblödeten zu glauben, der bloße Umstand, dass ihnen der Inhalt ihrer Schambeutel gelassen worden war, mache sie zu etwas Besonderem. Leial hasste den Ritus der Empfängnis aus tiefster Seele und gezwungen zu sein, sich einer dieser Kreaturen zu öffnen, gehörte zu den ekelhaftesten und abstoßendsten Erfahrungen ihres Lebens.
Widerhall und Verständnis für ihre Denkweise und Gesinnung fand sie im Zirkel der Wächterinnen, deren eine sie geworden war. Der Zirkel war das Bollwerk der Klave gegen eine erneute Verderbnis. Hier hatten Jagdfrauen, die sich besonders ausgezeichnet hatten, ein argwöhnisches und unbestechliches Auge darauf, dass alle Riten und Regeln des Kultes der Großen Mondin eingehalten wurden. Ohne Aufschluss darüber zu haben, wie sich die Zumutung der Fortpflanzung anders gestalten ließe, teilten viele der Wächterinnen Leials empörten Groll auf alles, was mit dem Mannlingsgezücht zusammenhing.
Im Gegensatz zu Leial verunglimpfte Ayiah die Mannlinge nicht, sondern betrachtete sie als Mitgeschöpfe, die der naturgegebenen Weisung der Mütter anheimgestellt, ebenso Teil des ewigen Kreislaufs waren, wie die Frauen selbst. Ins Rund der Mütter berufen, den Kreis der Weisen Frauen um die Archontin, arbeitete sie daran, dass Frauen und Mannlinge gedeihlich miteinander auskamen. Aber nicht nur zwischen Frauen und Mannlingen gab es Spannungen, sondern auch zwischen Entkeimten und Zeugungsträgern, Gehilflingen und Springlingen, den mächtigen Großmeisterinnen und Vorsteherinnen der Gewerke sowie den einzelnen Meisterinnen und selbst die Archontin führte mit der Häuptin der Wächterinnen lange Dispute darüber, was der Mondin gefällig war und was nicht. Dank ihrer ausgleichenden Natur gelang es Ayiah, viele Zwistigkeiten einvernehmlich zu entschärfen und im Laufe der Zeit war sie in den engsten Kreis um die Archontin aufgestiegen. Das Gewicht all ihrer Obliegenheiten hatte die Gedanken an den Mannling lange Zeit in den Hintergrund geschoben, doch eines Tages drängte Brachvogel wieder mit Macht in ihre Kreise.
Ayiah, deren Frauschaft am südlichen Wall unmittelbar neben dem die Lunagleiß begleitenden großen Fahrweg gelegen war, war auf dem Weg zum Hort der Beratung, als sie vor sich einer Gruppe von Springlingen ansichtig wurde, die wohl zum nächstgelegenen Rund der Kündung strebten, um dort nach Erledigung ihrer Arbeiten – es war noch früh am Tage – weitere Aufträge zu empfangen. Abgesondert von dem Trupp lauthals parlierender Springlinge schritt eine Gestalt, deren Umrisse ihr lange vertraut und doch seltsam fremd erschienen. Der hochgewachsene, hagere Mannling bewegte sich geschmeidig wie eine Haselnussgerte und sein Gang vermittelte eine eigenwillige und selbstgewisse Unabhängigkeit. Als würde er ihren Blick spüren, drehte er sich kurz um und wandte sich, als er niemand Bekannten entdeckte, wieder nach vorne. Es war Brachvogel. Lange hatte Ayiah ihn nicht gesehen und der kleine Knabling, den sie damals als zerrupftes Federwesen auf dem Unland der Gleiß in der Stätte der Aufzucht aufgelesen hatte, war zu einem gar stattlichen Mannling herangewachsen. Er musste jetzt siebzehn Umlaufzwölfe alt und damit fraubar geworden sein, sinnierte Ayiah. Sie verspürte ein Ziehen im Magen und hatte in der anschließenden Versammlung Mühe, dem anstehenden Belang die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Hort der Beratung gehörte zu den wenigen aus Stein errichteten Gebäuden der Klave. Um die Sammlung der dort tagenden Mütter zu fördern, waren in seine kreisförmig angelegten Mauern keinerlei Fenster gebrochen, lediglich eine große Flügeltür öffnete sich zum zentralen Rund der Kündung hin. Wie alle Bauwerke, die höherem Zeremoniell dienten und in denen die Mütter zusammenkamen, um die Geschicke der Klave zu lenken, verfügte auch der Hort der Beratung über eine Aussparung im Sparrenwerk seines Daches, durch die sich der Raum in die Sphäre der Mondin hinein öffnen konnte. Sein Inneres wurde von einem runden Tisch beherrscht, an dem jetzt etwa dreißig Mütter Platz genommen hatten. Obwohl es recht kühl in dem Gemäuer war, loderte kein Feuer im Kamin und auch das dicke Filztuch über der Öffnung im Dach war beiseitegeschoben. Archontin Idune hatte die Erfahrung gemacht, dass es dem Zustandekommen schneller und tragfähiger Entscheidungen förderlich war, wenn die Teilnehmerinnen einer Entscheidungsrunde sich nicht allzu wohl fühlten.
„Liebe Mitmütter und Lenkerinnen“, eröffnete sie die Zusammenkunft. „Unsere Klave leidet unter einem Geschick, das dermaleinst in einigen Generationen ihren Fortbestand infrage stellen kann. Wir zählen jetzt etwa dreißigtausend Häupter und wenn man, wie ich es aus einer mich schon lange beschleichenden unguten Ahnung heraus in den letzten Umläufen getan habe, die Abstammungsbücher zu Rate zieht, wird offenbar, dass wir seit vielen Umlaufzwölfen einen ständig fortschreitenden Schwund der Nachkommenschaft zu beklagen haben. Seit ewigen Umläufen haben die Schamaninnen im Zyklus einer jeden Frau, die in die Mutterschaft geführt wurde, die Hohe Zeit der Fruchtbarkeit mondinnenklar bestimmen können und ein jedes Ritual der Empfängnis mündete auch in eine Schwangerschaft. Einfühlsamkeit und Gespür unserer geschätzten Schamaninnen haben nicht abgenommen“, die Archontin legte die rechte Hand auf die linke Brust und neigte ihr Haupt in Richtung einer Dreiergruppe von Frauen, auf deren Umhang über der linken Brust ein stilisiertes Symbol der Mondin gestickt war, „und doch hat sich, ebenfalls mit Blick auf die Abstammungsbücher, erwiesen, dass in heutigen Umläufen nur noch zwei von drei Akten der Empfängnis in eine Schwangerschaft münden. Demzufolge kommen nicht so viele Kinder zur Welt, wie für die Aufrechterhaltung eines gedeihlichen Wirtschaftens vonnöten sind. Der Blick in die Abstammungsbücher gibt ferner Aufschluss darüber, dass sich immer häufiger die Blutlinien von angehenden Müttern, mit denen der von ihnen bestellten Zeugungsträger kreuzen, diese Verbindung also nicht zustande kommen darf. Das ist das eine.
Das andere ist, das sich zwischen den Kleinen Frauen und den Knablingen, die zur Welt kommen, ein Ungleichgewicht anbahnt. Noch halten sich die Häupter von Frauen und Mannlingen in etwa die Waage, doch die sich nun abzeichnende Entwicklung gibt Anlass zu der Sorge, dass in einigen Umlaufzwölfen der Anteil der Knablinge, den der Kleinen Frauen übersteigen wird.“
Die Archontin blickte in die Runde. „Welchen Ratschluss, liebe Mitmütter und Lenkerinnen, wollen wir treffen?
Cyrilla, die Oberin der Schamaninnen, stemmte die linke Hand in die Hüfte zum Zeichen, dass sie das Wort ergreifen wollte.
„Sprich“, nickte ihr Idune zu.
„Es liegt zwar in unserer Macht, die Zeit der Fruchtbarkeit einer jeden Frau zu ermitteln, doch haben wir nicht in der Gewalt, das Geschlecht eines Kindes zu bestimmen, dies obliegt allein dem weisen Ratschluss der Mondin. Wenn es ihr gefällt, die Waagschale der zur Welt kommenden Knablinge tiefer sinken und die der Kleinen Frauen höher steigen zu lassen, so müssen wir das demütig hinnehmen. Wir können uns nicht anmaßen zu wissen, was im empfindlichen und für uns unüberschaubaren Gefüge der Welt damit ausgeglichen und wieder ins Gleichgewicht gebracht wird.“
„Wohl gesprochen“, stimmten ihr die anderen zu.
Eilig winkelte da Leial, die mit anderen Wächterinnen ebenfalls an der Runde teilnahm, ihren linken Arm an: „Auch ich vermag kein Fehl daran zu erkennen, wenn die Klave über mehr Mannlinge als Frauen verfügt. Im Gegenteil: Die Mannlinge sind unsere Arbeitskräfte. Je mehr wir davon haben, desto besser. Je nachdem, in welchem Maße die Zahl der Köpfe der Mannlinge die der Häupter der Frauen überschreitet, scheinen wir allerdings gut beraten zu sein, die Zügel anzuziehen und die Mannlinge gestrenger zu überwachen und anzuweisen. Mich deucht ohnehin schon jetzt, dass sich etliche Mannlinge viel zu viel herausnehmen.“
„Um die Zahl der Geburten wieder anzuheben, könnten wir darauf hinarbeiten, dass Mütter, die schon ohne ungute Reibungen zwei Kindern das Leben geschenkt haben, noch ein weiteres in die Welt setzen,“, gab Mysia, eine der Schamaninnen zu bedenken, die als Hebamme schon viele Kinder zur Welt gebracht hatte.
„Vielleicht liegt es ja auch an den Zeugungsträgern und der mangelhaften Güte ihrer Säfte“, wandte Ferruma, die Eisenfrau ein, die als Vorsteherin des Gewerks der Schmiedinnen ebenfalls im Rund der Mütter saß. „Wie wäre es, in Zukunft weniger Knablinge zu entkeimen, um auf eine größere Fülle von Zeugungsträgern zurückgreifen zu können?“
„Dem pflichte ich unbedingt bei“, sprang ihr Ayiah zur Seite. „Bislang unterziehen wir zwei von drei Knablingen der Entkeimung. Wir sollten überlegen, ob wir nicht gut daran täten, jedem zweiten Knabling die Keimdrüsen zu lassen, um den Strom der Abstammungslinien unserer Klave zu verbreitern, der, so scheinen es die Aufzeichungen im Abstammungsbuch nahe zu legen, zu einem kläglichen Rinnsal zu verkommen droht.“
Ayiah erinnerte sich, ähnliche Rede schon damals in der Stätte der Aufzucht geführt zu haben, um die Entkeimung Brachvogels zu verhindern.
Und wieder war es Leial, die sich hitzig dagegenstemmte: „Da sei die grundgütige Mondin vor“, ereiferte sie sich, ohne das Wort erteilt bekommen zu haben. „Jedem zweiten Knabling die Keimdrüsen lassen? Die Sicherheit unserer Klave scheint dir nicht sehr am Herzen zu liegen Ayiah und vielleicht wärest du gar besser gleich als Mannling zur Welt gekommen. Bedenke: Jeder einzelne Zeugungsträger bringt ohne Hemmnis das verderbliche Erbe der Mannlinge in die Klave ein und wenn ihrer noch mehr werden, wächst die Gefahr, dass gefährliche Strömungen Raum greifen, ins für uns Frauen nicht mehr Bezwingbare.“
„Und du solltest einmal bedenken, dass auch du zu einem gewissen Teil von einem Zeugungsträger abstammst“, gab Ayiah spitz zurück, „und vielleicht wäre es jetzt etwas weiter und lichter in deinem Kopf, wenn deine Mutter damals aus einer größeren Anzahl von Zeugungsträgern hätte wählen können.“
„Liebe Schwestern“, beschwichtigte die Große Mutter, „mäßigt euch! Gerade im Rahmen dieser Unterredung sollten wir doch wie besonnene Frauen vorgehen und nicht wie hitzköpfige Mannlinge blindwütig um uns schlagen.“
So wogte der Disput noch des Längeren hin und her, wurde das Für und Wider möglicher Handlungsweisen erörtert, bis die Mütter schließlich mit Billigung der Archontin dahingehend gleichen Sinnes wurden, zweifachen Müttern im gebärfähigen Alter anheim zu stellen, noch ein drittes Kind zur Welt zu bringen.
Das Lager der Wächterinnen um Leial hatte es äußerst geschickt verstanden, bei den Frauen tiefsitzende Ängste vor dem Erstarken des mannlingschen Geistes zu schüren, so dass der Vorschlag, weniger Knablinge zu entkeimen, in keiner Weise tragfähig erschien.
„Gut Ding will Weile haben und unmittelbar besteht keinerlei Gefahr. Wir sollten uns also davor hüten, die Dinge in mannlingschem Ungestüm übers Knie zu brechen, sondern den Gedanken an eine dritte Geburt feinfühlig und behutsam unter die Mütter bringen und vielleicht auch darüber nachdenken, mit welchen Begünstigungen wir Müttern, die sich freiwillig dafür entschieden haben, ihren Einsatz für die Klave vergelten können“, beschied Archontin Idune schließlich und hob die Versammlung auf.
Die nächsten Tage führten Ayiah im Auftrage der Archontin weit in der Klave herum, um in Gesprächen mit den unterschiedlichsten Frauen auszuloten, wie sie dem Gedanken, dass jede Frau drei Kinder gebären solle, gegenüberstanden. Und immer wieder begegnete sie dabei Brachvogel, der als Springling an den unterschiedlichsten Orten eingesetzt wurde. Vermaledeit, gerade wenn sie sich diesen Jungmannling aus dem Kopf geschlagen hatte, lief er ihr wieder über den Weg. Sie musste sich allmählich eingestehen, dass ihr Interesse an ihm nicht länger aus Pflichtgefühl erwuchs, sondern gänzlich anderer Natur war.
Was an diesem Mannling wirkte nur so anziehend auf sie? Er war von schlanker, aufrechter Gestalt. Doch das waren viele andere Mannlinge auch. Auch an seinem Gesicht, mit den weit auseinander stehenden Augen, der leicht schiefen Nase und dem Grübchen am Kinn war durchaus nichts Besonderes. Warum also zog sie gerade dieser Mannling in seinen Bann?
Es war seine ungezwungene Art sich zu bewegen. Es war der offene und direkte Blick seiner grünen Augen, der dem ihren nicht auswich und nicht wie der anderer Mannlinge unstet umherirrte oder sich senkte, sobald eine Frau sie ansprach. Brachvogels Blick war nicht trotzig, wie der der Rebellen, die es in den Reihen der Mannlinge auch gegeben hatte, sondern arglos und natürlich und schien ein wenig träumerisch verloren, so als würden für ihn die Verhältnisse, dass die Mannlinge den Frauen untertan waren, nicht gelten. Ja, immer wenn sie – mit deutlich wachsenden Wohlgefallen – Brachvogel sah, war es, als würde sie einer Frau in der Gestalt eines Mannlings begegnen, einem Wesen, das sich seines Wertes und seiner Stellung bewusst war und sich nicht so verschlossen gab oder duckmäuserisch gebärdete wie die anderen Mannlinge. Auch haftete Brachvogel eine selbstgewisse Eigenständigkeit an. Selten sah sie ihn mitten im Pulk der andern Mannlinge. Offenbar blieb er lieber für sich, als sich mit den anderen gemein zu machen. In diesem Wesenszug fühlte sich Ayiah ihm verwandt, die ebenfalls nicht vorbehaltlos die von den anderen Frauen ausgetretenen Wege beschritt, sondern sich in den meisten Belangen ihren eigenen Pfad ins Dickicht der Zukunft bahnte.
Der Mannling ging ihr nicht mehr aus dem Kopf und sie erkannte, regelrecht besessen von ihm zu sein. Und ganz allmählich konnte sie sich auch nicht länger der Einsicht entziehen, dass die Gefühle, mit denen sie das Abbild seiner Erscheinung und seines Wesens in ihrem Inneren immer und immer wieder umrundete und abtastete, begehrlicher und wollüstiger Natur waren. Dies stürzte sie in tiefe Verwirrung. Was ging nur mit ihr vor? Ganz unabhängig davon, wie ihr seltsames Gelüst in der Gemeinschaft der Frauen und Mütter zu beurteilen war, musste sie vor allem sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen.
Bis auf die von Leial so beklagte unumgängliche Notwendigkeit, sich im Akt der Empfängnis mit den Körpern von Zeugungsträgern zu vereinen, gab es keinerlei geschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen und Mannlingen. Ihre Wollust lebten die Frauen unter ihresgleichen aus und was die Mannlinge trieben, wollte Ayiah gar nicht erst wissen. Es hieß, dass der größte Teil der Mannlinge als Entkeimte ohnehin keinen Trieb verspürte. Wie alle Kleinen Frauen war auch sie einst am Ende ihrer Zeit im Hort der Weisung von einer älteren Frau in die körperliche Liebe eingeführt worden und auch ihre Jungfräulichkeit hatte sie später durch die Hand einer Frau verloren. Zwar hatte sie im Laufe der Zeit zu wechselnden Gespielinnen Beziehungen unterhalten, doch dabei nie besondere Lust empfunden, so dass das Geschlechtliche in ihrem Leben nur geringes Gewicht einnahm. Ayiah wünschte sich eine Vertraute ihrer Seele, mit der auch sie dem Taumel der Sinne würde frönen können, doch war es nie bis dahin gediehen. Umso befremdlicher dünkte sie die jetzt nicht mehr zu leugnende Gewissheit, diesen Mannling Brachvogel auf eine Art und Weise zu begehren, die allen Regeln des Lebens in der Klave Hohn sprach.
Nächtens träumte ihr, mit Brachvogel auf ihrem Lager zu liegen, von ihm umschlungen zu werden und ihrerseits ihn zu umschlingen und wachte morgens völlig zerschlagen und mit feuchtem Geschlecht auf. Tagsüber konnte sie sich nur mühsam sammeln, um ihre Sache in Disputen und Wortgefechten zu vertreten. Sie ertappte sich dabei, ihm nachzustellen und auf ihren Gängen in der Klave die Wege zu beschreiten, auf denen sie ihm vielleicht begegnen würde.
So konnte, so durfte es nicht mehr weitergehen. Wie aber war das zu heilen? Vielleicht würde ja das nur in ihrem Innern genährte Gespinst an Vorstellungen der Realität nicht standhalten und Brachvogel sich im näheren Umgang als ganz gemeiner Mannling erweisen? Doch da der Umgang zwischen Frauen und Mannlingen strengstens geregelt war und sich aufseiten der Frauen gewöhnlich darauf beschränkte, Weisungen und Befehle zu erteilen und aufseiten der Mannlinge darauf, diese zu empfangen und entsprechenden Rapport zu geben, war es undenkbar, einen Mannling anzusprechen, der weder in ihrer Frauschaft hauste noch dessen Weisungsfrau sie war. So sah sie hier keine Möglichkeit, ihr Bild von Brachvogel an der Realität zu messen.
In ihrer Not und Verwirrung fasste Ayiah einen aberwitzigen Plan, sich diesen Brachvogel ein für alle Mal auszutreiben: Sie würde ihre wollüstigen Fantasien in die Tat umsetzen und ihrer unziemlichen Neigung zu dem Mannling durch die Probe aufs Exempel ein Ende machen. Vorausgesetzt, die Blutslinien im Buch der Abstammung standen dem nicht entgegen, war es das verbriefte Recht einer jeden angehenden Mutter, für den Akt der Empfängnis einen ganz bestimmten Mannling zu bestellen. Sie, Ayiah, würde ein drittes Kind zur Welt bringen und als ihren Zeugungsträger würde sie Brachvogel wählen. Zwar galt es als ungewöhnlich, mit 29 Umlaufzwölfen noch ein Kind zu bekommen, doch war sie noch nicht zu alt für eine letzte Schwangerschaft. Im Gegensatz zu Leial beurteilte sie das Ritual der Empfängnis völlig nüchtern. Für die beiden vergangenen Male hatte sie aufs Geratewohl geziemend ansehnliche Mannlinge gewählt, die sie jetzt, sollten sie ihr über den Weg laufen, nicht wiedererkennen würde. Und auch während des Aktes hatte sie nichts empfunden, das ihr noch vor Augen stünde.
Ayiah glaubte fest daran, dass die Riten, Gebote und Lehren der Klave dem Wohl der gesamten Schöpfung dienten, Frau und Mannling, Tier und Pflanze, Berg und Tal, Feld und Wald, Fluss und Weiher. In diesem Geiste war es auch ihr Bestreben, der alten Großen Mutter Idune ins Amt der Archontin zu folgen. Sie war daher überzeugt davon, dass die im Rahmen der heiligen Riten einzig geduldete geschlechtliche Begegnung zwischen Frau und Mannling zu vollziehen, sie von ihrer Verirrung befreien und Brachvogel der verhängnisvollen Anziehungskraft berauben würde, die er auf sie ausübte. So wäre sie von ihren Flausen geheilt und konnte zudem hoffen, durch ihr Beispiel, als erste Mutter ein drittes Kind zur Welt zu bringen, ihren Aufstieg zum Amt der Archontin zu beflügeln.
Es benötigte seine Zeit, einen Akt der Empfängnis auf den Weg zu bringen und Ayiah musste sich sputen, damit nicht eine andere Mutter vor ihr mit einem dritten Kind von sich reden machte. Sobald es ihre mannigfachen Pflichten erlaubten, suchte sie die Hüterin der Blutlinien, Sanguine, auf. Die uralte Frau, die seit urdenklichen Zeiten darüber wachte, dass das Blut der Einwohnerschaft der Klave nicht durch allzu enge Abstammungsherkünfte verdorben wurde, öffnete ihr die Tür zu ihrer Hütte und wedelte mit zittrigen Händen in der Luft zum Zeichen, dass sie eintreten möge.
„Was ist dein Begehr?“, fragte sie.
„Ich bin willens, der Klave ein Kind zu schenken“, antwortete Ayiah.
„Wer bist du?“
„Ayiah, empfangen in der Gnade der Mondin am zweiten Tage des dritten Umlaufs im fünfhundertsechsunddreißigsten Umlaufzwölft.“
Um die Abstammungsherkünfte nachvollziehen zu können, war es üblich, den Tag eines jeden Aktes der Empfängnis zu verzeichnen. Sollte der Ritus nicht in eine Schwangerschaft münden oder die Leibesfrucht vor der Zeit oder unter der Geburt zu Schaden kommen und ihren Eintritt in die Welt nicht überleben, wurde der Eintrag mit einem entsprechenden Vermerk wieder gelöscht.
„Ayiah“, wiederholte die alte Frau und musterte sie eingehend. „Du bist eine von denen, die als Anwärterinnen auf das Amt der Archontin gehandelt werden. Wen bestellst du als deinen Zeugungsträger?“
„Den just fraubar gewordenen Jungmannling Brachvogel, Springling in der Frauschaft von Lignumera, der Holzfrau, mutmaßlich empfangen im fünfhundertachtundvierzigsten Umlaufzwölft.“
Mit einiger Mühe hob Sanguine einen dickleibigen Folianten von einem Wandbrett und wuchtete ihn auf einen Tisch, der mitten in der Hütte stand.
„Hier sind sämtliche Blutlinien der Klave seit ihren Anfängen in den ersten Umläufen nach der Großen Verderbnis verzeichnet“, verkündete sie, benetzte den rechten Zeigefinger mit der Zunge und begann zu blättern. „Hm, Brachvogel, Brachvogel“, grummelte sie, „kann ihn hier nicht finden, deinen Brachvogel.“
Richtig, das konnte sie wirklich nicht, wurde Ayiah plötzlich klar. Den Namen Brachvogel, bei dem es dann irgendwie geblieben war, hatte er ja von ihr bekommen. Wie war doch gleich sein ursprünglicher Name gewesen? Eniroi? Da Brachvogel nicht zu ihren eigenen Zöglingen gehört hatte, war sie sich nicht völlig sicher, meinte sich jedoch an etliche Anlässe zu erinnern, als laute Eniroi-Rufe erschollen waren, weil der eigenwillige Knabling die Stätte der Aufzucht wieder einmal in helle Aufregung versetzt hatte.
„Eniroi“, sagte Ayiah. „Mein Zeugungsträger wird zwar Brachvogel gerufen, aber sein eigentlicher Name lautet Eniroi.“
„Eniroi“, murmelte Sanguine gedehnt und blätterte durch etliche Seiten. „Da haben wir ihn ja. Empfangen am zwölften Tage im zweiten Umlauf des fünfhundertachtundvierzigsten Umlaufzwölfts. Und nun zu dir, Ayiah. Zweiter Tag des dritten Umlaufs im fünfhundertsechsunddreißigsten Umlaufzwölft?“
„Ganz recht“, bestätigte Ayiah. Trotz der Hinfälligkeit ihres Körpers verfügte die Alte offenbar über ein tadelloses Gedächtnis.
Sanguine bündelte einen Packen Seiten, legte ihn um und schlug an anderer Stelle des Abstammungsbuches nach. „Wie ich sehe, hast du schon zwei Kindern das Leben geschenkt und damit deine Pflicht der Klave gegenüber erfüllt. Überdies bist du nahe daran, die Kräfte der Natur herauszufordern, in einem Körper von neunundzwanzig Umlaufzwölfen ein wohlgestaltetes Kind heranwachsen zu lassen. Natürlich sind mir die Hintergründe deines Ansinnens wohl bekannt, war es doch die alte Sanguine, die die Archontin darauf aufmerksam gemacht hat, dass schon lange nicht mehr aus jedem Empfängnisritual ein Kind erwächst und dass es eng wird mit den Zeugungsträgern. Hat das Rund der Mütter also beschlossen, dass ab jetzt jede Frau drei Abkömmlinge empfangen kann. Allerdings kann ich mich bei dir des Eindrucks nicht erwehren, dass da mehr dahintersteckt.“
Sie zwinkerte Ayiah listig zu.
„Du hast nicht etwa vor, als eine der Bewerberinnen für das Amt der Archontin als gutes Vorbild voranzugehen und dir so die Bahn zu Erlangung der Würde der Großen Mutter zu ebnen?“
„Ich sehe es als meine Plicht ...“
„Lass gut sein Kindchen“, winkte Sanguine ab, „die Ränke der hohen Staatskunst zu beurteilen ist meine Sache nicht. Es wird allerdings seine Zeit dauern, bis ich alle Verzweigungen und Verästelungen der Blutlinien zwischen dir und diesem Brachvogel geprüft habe. Komm in zwei Tagen wieder, dann kann ich dir sagen, ob du mit ihm reines Blut zuwege bringen kannst oder nicht.“
Es focht Ayiah nicht an, dass Sanguine ihr politisches Kalkül unterstellte. Mit ein und derselben Handlung mehrere unterschiedliche Absichten zu verfolgen, schien ihr eher ein Gebot der Klugheit denn schändlich zu sein.
Nach zwei Tagen fand sie sich erneut bei der Hüterin der Blutlinien ein, um Gewissheit zu erlangen.
„Ah, Kindchen, da bist du ja wieder“, hieß Sanguine sie willkommen. „Der Plan der Großen Mutter Idune scheint aufzugehen, denn inzwischen haben schon etliche weitere Mütter ihre Absicht bekundet, ein drittes Kind zu empfangen. Mögen diese unsere Klave bereichern und ihr reiche Frucht und Segen bringen. Was dich angeht, so habe ich deine Herkunftslinien und die des Brachvogel-Eniroi gewissenhaft nachgezogen und geprüft. Nirgendwo verlaufen sie dicht nebeneinander oder berühren und überkreuzen sich gar. Die Gefahr, dass du durch die Vereinigung mit diesem Zeugungsträger verdorbenes Blut in die Klave einbringst, kann also mit Sicherheit ausgeschlossen werden.“
Ayiahs Wunsch und Wille war es, ihr Ritual der Empfängnis in einer Nacht zu begehen, in der die Mondin als volles Rund am Himmel stand. Waren doch die Frauen besonders angesehen, deren Mondblutung genau dann einsetzte, wenn die Lichtgestalt Lunas eine kaum wahrnehmbare Sichel einnahm, und die den Zeitpunkt ihrer höchsten Fruchtbarkeit erklommen, wenn auch die Mondin ihre volle Gestalt erreicht hatte. Es war dies eines der mannigfachen Wunder der Natur, dass der Zyklus der Frauen in etwa so lange dauerte wie ein Umlauf der Großen Mondin. Maßgeblich hieraus leiteten die Frauen den Anspruch ihrer Weisungsbefugnis den Mannlingen gegenüber ab, deren geradliniges Dasein ohne jegliche Übereinstimmung mit dem Himmelsgestirn verlief.
Da der Zyklus der meisten Frauen um ein kleines länger oder kürzer währte als ein Umlauf der Mondin, kam es immer wieder zu Verschiebungen und auch Ayiahs Kreislauf der Fruchtbarkeit verlief gegenwärtig etwas versetzt, doch wusste sie sich Mittel und Wege, ihn genau in die Bahn der Mondin münden zu lassen. Ihres Wissens konnten sich bisher nur wenige Archontinnen rühmen, eine Empfängnis genau zur Gestalt der vollen Mondin eingeleitet zu haben. Das musste ihr unbedingt auch gelingen. Denn selbst wenn eine andere Frau vor ihr einen dritten Abkömmling empfangen sollte, so würde dies mutmaßlich nicht unbedingt in einer Nacht der vollen Mondin geschehen. Gerade nahm Lunas Rund wieder ab und Ayiah würde den Rest des Umlaufs dazu nutzen, ihren Zyklus auf den der Mondin einzustimmen. Auf dem Höhepunkt des nächsten Umlaufs sollte dann ihre Empfängnis stattfinden.
In dieser und allen folgenden Nächten suchte Ayiah den Einfluss des milden Nachtgestirns. Selbst bei Regen, wenn nur der Himmel einigermaßen klar war, stahl sie sich aus ihrer Frauschaft und stieg auf einen Felsen am Ufer der Lunagleiß, der seit Frauengedenken dafür stand, auf seiner abgeflachten Krone ruhenden Müttern eine besonders eindrückliche Verbindung mit der Mondin zu schaffen. Dort niedergelassen entblößte sie, entschlossen der Kälte trotzend, ihre Leibesmitte und bot sich, ihr Becken wölbend, den Strahlen der Mondin dar. Dabei konzentrierte sie sich auf die Stimmen und Rhythmen ihres Blutes und ihre ganze Wahrnehmung verdichtete sich auf das Leuchten über ihr. Immer, wenn sie so einige Zeit verharrt hatte, vermeinte sie in sich eine Kraft zu spüren, die sich in ihrem gesamten Körper ausbreitete und ihn zu einer weltumspannenden Schwingung dehnte, deren Vibration und Tönen sie mit dem Gestirn in einen vollendeten Einklang brachte. Ayiah war sich nicht sicher, ob die Zeit bis zum nächsten Umlauf ausreichen würde, ihren Zyklus auf die Mondin hin auszurichten.
Tatsächlich aber spürte sie, wie der Fluss ihres Blutes genau dann einsetzte, als Luna sich anschickte, den neuen Umlauf zu beginnen.
Die Zeit der Blutung war geheiligt in der Klave. Ohne Blut gab es kein Leben und indem Frauen regelmäßig einmal im Umlauf einen Teil ihres Lebenssaftes aus ihrem Körper entließen, erwies sich, dass ihr Organismus der Natur geöffnet war. Anders als die Mannlinge, die ihr Blut selbstbezüglich horteten und immer bei sich behielten, standen Frauen in stetem Austausch mit allem, was sie umgab und waren bereit, für die Gaben, die sie empfingen, auch etwas zurückzugeben.
Wie viele Frauen zog sich Ayiah auch diesmal während der Zeit ihrer Blutung aus dem emsigen Getriebe der Klave zurück und besuchte die abgesonderten Räumlichkeiten im Hort der Weisheit, um sich dort unter der Anleitung der Schamaninnen achtsam zu sammeln und innere Einkehr zu halten. In dem besonderen Zustand der Gnade, in den sie nun eingetreten war, widmete sie sich der kontemplativen Versenkung in die Kreisläufe des Lebens, sowie dem Fertigen von Kultgegenständen, die im Ritus der Mondin eine besondere Bedeutung hatten. Erbrachte dies auch keine greifbaren Erkenntnisse, so ging Ayiah doch jedes Mal in der Überzeugung erstarkt aus den Übungen hervor, dass der Mensch gut daran tat, die natürliche Ordnung der Welt nicht zu stören und diesbezüglich das Zusammenleben von Frauen und Mannlingen in der Klave im Grunde wohl eingerichtet war. Ihre Kontrahentin Leial dagegen hatte keinerlei Vertrauen in die Wohlgeordnetheit der Dinge. Ginge es nach ihrem Willlen, würden die Mannlinge wie niederes Herdenvieh gehalten, um der Gefahr einer neuerlichen Verderbnis vorzubeugen. Leials ganzes Bestreben richtete sich darauf, Häuptin der Wächterinnen zu werden und Ayiah war sich bewusst, dass sie noch manche Fehde mit ihr auszutragen hätte, sollte ihr das gelingen und sie selbst Idune in das Amt der Archontion nachfolgen.
Gerade hatte Ayiah im Kreise der anderen Frauen, die ihre Mondblutung begangen, eine Betrachtung zum Verhältnis von „Erde und Äther“ abgeschlossen – sie hatten sich darein vertieft, wie Pflanzen durch ihre Wurzeln Wasser und Nährstoffe aus der Erde zogen und über ihre Blätter Licht und Odem aus dem Äther empfingen – als Mysia, die als Schamanin die Übung begleitet hatte, an sie herantrat.
Die Schamaninnen der Klave unterhielten besonders ausgezeichnete Beziehungen zur Mondin, die den Umgang der übrigen Frauen mit dem milden Gestirn an Innigkeit und Eindrücklichkeit bei weitem übertrafen. Stete rituelle Übung und eine strenge Zucht ihrer Lebensweise schärften ihnen Geist und Sinne, so dass ihnen ihre in die Allnatur ausgespannte Seelengestimmtheit Eingebungen und Gesichte zuteilwerden ließ. Sie legten Ort und Ausrichtung von Bauten fest und bestimmten über die Anlage von Äckern und Feldern. Sie geboten über die Töne und Klänge der Drehleiern, die die Mannlinge den Frauen zu Willen werden ließen. Mittels Kräutertränken und eines Suds aus bestimmten Pilzen versetzten sie sich in Ekstasen des Geistes und des Leibes, die sie für Botschaften empfänglich machten, die mit bloßen Alltagssinnen nicht zu fühlen und zu erkennen waren. Einige übermäßig begnadete unter ihnen waren sogar befähigt, ihre Seelen von ihrer leiblichen Hülle zu trennen, sie sich aufschwingen zu lassen und auf weite Reisen in die Vergangenheit und gar in noch kommende Zeiten zu schicken. Die Einsichten und Erkenntnisse, die sie von solchen Reisen mitbrachten, bildeten oft den willkommenen Hintergrund für Entscheidungen, die das Rund der Mütter im Hort der Beratung traf, die Geschicke der Klave zu lenken.
Neben diesen tiefen und weit reichenden Belangen großer Tragweite waren die Schamaninnen auch die Heilkundigen und Hebammen der Klave. Sie besaßen eine umfassende Kenntnis der Kräfte von Pflanzen und Kräutern sowie der Wechselwirkungen der Organe des menschlichen Körpers und bewahrten dieses Wissen als streng gehütetes Geheimnis, das sie von Generation zu Generation weitergaben, damit es nicht in falsche Hände geriet.
„Sanguine hat uns von deinem Begehr unterrichtet, ein Kind zu empfangen“, sagte Mysia. „Auch wenn dein Alter dafür schon recht fortgeschritten ist, haben wir dagegen nichts einzuwenden und auch die Blutlinien stehen dem ja nicht zuwider. Wann möchtest du, dass der Ritus stattfindet?“
„Wenn es zu bewerkstelligen ist, noch in diesem Umlauf“, entgegnete Ayiah.
„Du hast dich zu Beginn des Umlaufs zur Kontemplation zurückgezogen und wir haben jetzt den dritten Tag. Wie lange dauert deine Blutung für gewöhnlich?“
„Vier bis fünf Tage.“
„Dann verfüge dich doch bitte jeweils zur Dämmerung des vierten und zweiten Tages vor der Nacht der vollen Mondin in den Hort der Empfängnis, auf dass wir die rechte Zeit bestimmen mögen.“ Mysia reichte Ayiah ein Beutelchen. „Ich gebe dir hier eine Mischung von Kräutern mit, die du am Morgen dieser Tage aufbrühst und so heiß, wie dir eben möglich, zu dir nimmst.“
Am nächsten Tag ebbte Ayiahs Blutung ab und sie verließ den Rückzugsort, ging wieder ihren üblichen Obliegenheiten nach und versuchte, jeden Gedanken an den Mannling aus ihrem Kopf zu verbannen.
Am ersten der von Mysia ausgewiesenen Tage trank sie morgens den Kräutersud, dampfend, dass er ihr die Kehle versengte, und fand sich abends im Hort der Empfängnis ein. Die Stätte war oberhalb des großen Runds der Kündung und Versammlung unmittelbar an der Flanke der Fernwarte gelegen. Hier verliefen mehrere Brüche und Spalten im Fels, die das in der Tiefe der Erde strömende Wasser preisgaben, das in hölzerne Rinnen geleitet, die acht über der Erde errichteten Auffangbecken speiste, die in der Klave verteilt waren. Galt es schon als Ackerfrevel, die Erde zum Pflügen mehr als geziemend zu ritzen, so war es gänzlich wider die Schöpfung, raumgreifend und steil in ihre Eingeweide zu dringen und so waren die natürlichen Spalten am Hort der Empfängnis die einzigen Brunnen der Klave. Der größte und ergiebigste Durchlass war ausgemauert und darüber, aus festen Steinen geschichtet, der Hort der Empfängnis errichtet worden. Genau über dem Brunnen befand sich die Öffnung im Dach, durch die sich untere und obere Sphäre ungehindert miteinander verbinden konnten. Der Boden war nicht mit Steinplatten ausgelegt, sondern bestand aus nackter, gestampfter Erde, in die längs der Mauern vier Feuerstellen eingelassen waren, die die vier Himmelsrichtungen wiesen.
Jedes neue Leben erwuchs aus einer einzigartigen Verbindung der vier Kräfte Feuer, Erde, Wasser und Luft, und die Frauen bildeten das Gefäß, in dem diese Verbindung unter der Gnade der Mondin in Fleisch und Blut Gestalt annahm. Der Beitrag, den die Mannlinge dabei leisteten, war zwar unverzichtbar, aber nicht weiter Gegenstand der Überlegungen der Frauen.
„Erde und Äther“ dachte Ayiah, als sie den Raum betrat und ihren Blick von der unergründlichen Schwärze des Brunnens in den abendlichen Himmel erhob. Ein Kind zu empfangen, war für sie bislang ein mystischer Akt gewesen, der von spirituellen Gefühlen begleitet war. Der Gedanke, dass dies mit körperlicher Wollust verbunden sein konnte, war ihr nie gekommen. Und doch wollte sie hier binnen weniger Tage ihrer Fleischeslust nachgeben, um fürderhin nicht mehr von ihr gepeinigt zu werden und sich und ihre Eignung für das Amt, das sie anstrebte, nicht länger in Frage stellen zu müssen. In welch schier aberwitzige Lage hatte sie sich da sehenden Auges begeben? Doch nun konnte sie nicht mehr zurück. Ihr Ersuchen um Empfängnis war längst offiziell und es war auch allseits bekannt, dass sie Brachvogel zu ihrem Zeugungsträger bestellt hatte. Diesen jetzt noch auszutauschen, war nicht möglich. Sie musste also tun, was zu tun war und jetzt dabei helfen, den genauen Zeitpunkt des Ritus zu bestimmen.
Neben dem Brunnen stand Mysia und machte sich an einem Tisch mit gläsernen Phiolen und Schälchen zu schaffen. Ayiah trat hinzu und begrüßte die Hebamme.
„Nun wollen wir sehen, wann du bereit bist, neues Leben zu empfangen“, sagte Mysia. „Hast du den Trank aus den Kräutern, die ich dir gab, bereitet und zu dir genommen?“
Ayiah nickte und Mysia bat sie sodann, etwas von dem Schleim aus ihrem Geschlecht zu Tage zu fördern, der sich gewöhnlich etwa ein Umlaufviertel nach dem Verebben ihrer Blutung bildete. Ayiah griff unter ihr Gewand, lüpfte ihre Schambinde, führte einen Finger in sich ein und bewegte ihn hin und her, dass etwas davon haften bleibe. Als sie den Finger wieder hervorzog, war dessen Spitze von einem klumpig, trüb-gelblichen Sekret bedeckt.
„Berühre einmal mit dem Daumen die Kuppe deines Zeigefingers“, sagte Mysia.
Ayiah führte Daumen und Zeigefinger zusammen, doch der Schleim bleib zäh an ihrem Zeigefinger haften. Mysia ergriff ihn und tunkte ihn in ein kristallenes Schälchen mit einer hellroten Flüssigkeit. Dann nahm sie einen hölzernen Spatel und strich den Schleim vom Finger. Ayiah beobachtete, wie er sich zu kleinen Kügelchen ballte, die am Boden des Schälchens liegen blieben und nach einiger Zeit eine hellrote Färbung annahmen.
„Das ist gut“, urteilte Mysia. „Dein Körper öffnet sich allmählich, so dass die Elemente, die neues Leben schaffen, sich anschicken, in dich eindringen zu können. In zwei Tagen sehen wir weiter.“
Als Ayiah Mysia das nächste Mal aufsuchte, war ihr Schleim glasklar und durchscheinend wie rohes Eiweiß, spielte ins Rötliche und zog zwischen Daumen und Zeigefinger lange Fäden. In einem Schälchen mit blauer Flüssigkeit bildete er zunächst eng zusammenhängende Schlieren, die sich immer weiter ausbreiteten und sich dann, ohne die Farbe anzunehmen, völlig auflösten.“
„Das scheint sehr gut“, sagte Mysia. „Aber lass uns zur Sicherheit noch eine weitere Probe nehmen.“ Sie wies auf eine flache Schüssel mit trübem Inhalt unbestimmter Farbe.
Diesmal verteilte sich der Schleim wie die Eisdecke auf einem Gewässer und ging auch nach längerer Zeit keine Verbindung mit der Flüssigkeit ein.
„Das ist sehr gut“, beschied Mysia. „Du wirst die Zeit deiner höchsten Fruchtbarkeit genau in zwei Tagen zur Nacht der vollen Mondin erreichen. Wenn das kein gutes Omen ist. Finde dich dann also in der vierten Stunde nach ihrem Aufgang wieder hier ein, damit wir deine Empfängnis begehen können.“
Ayiah lächelte. So uneins sie mit sich und ihren Gefühlen auch sein mochte, war es ihr doch binnen kürzester Zeit gelungen, den Rhythmus ihres Körpers auf den der Mondin einzuschwingen. Sie war jetzt zuversichtlicher gestimmt und würde den Ritus der Empfängnis einfach auf sich zukommen lassen. Was auch immer sie dabei empfinden sollte, zumindest würde ihr ein unter der vollen Mondin empfangenes drittes Kind den Weg ins Amt der Archontin ebnen.
Zur vierten Stunde der Nacht der vollkommenen Luna war Ayiah auf dem Weg zum Hort der Empfängnis, als ihr Leial begegnete und ihr einen Blick zuwarf, der zwischen Verachtung und gespielt zur Schau getragener Belustigung lag. Natürlich hatten inzwischen alle maßgebenden Frauen von Ayiahs Ansinnen erfahren und fast schien es, als hätte ihre Erzfeindin sie abgepasst, um ihr noch eine Beleidigung mit auf den Weg zu geben.
„Nun, meine Fruchtbarste, begibst du dich auf den Tummelplatz der Zeugungsträger? Wen willst du eigentlich damit beeindrucken? Wenn du hoffst, durch den Widersinn, in deinem Alter zum dritten Mal für einen dieser aufgeblasenen Gockel die Beine zu spreizen, das Rund der Mütter von deinen Qualitäten für das Amt der Archontin überzeugen zu können, gehst du gar gründlich fehl. Um diese Klave zu lenken, bedarf es anderer Fähigkeiten und vor allem einer anderen Gesinnung. Welche das ist, werde ich die Mütter hoffentlich noch lehren. – Und wenn ich mit dem Dornenkranz schreiten müsste, würde ich keines dieser widerwärtigen Tiere mehr an mich heranlassen“, knirschte sie noch, sich abwendend, zwischen den Zähnen.
Ayiah würdigte sie keiner Antwort und ging weiter.
Und hier ruhte sie nun, rücklings ausgebreitet auf dem Lager im Hort der Empfängnis und wartete bebenden Herzens. Links von sich verspürte sie, wie feucht und modrig die Kälte aus dem Brunnen kroch. Zu ihrer Rechten öffnete die Hitze eines der Feuer, die rings um die Mauern entfacht worden waren, die Poren ihrer Haut und sie fühlte die blanken Tropfen zwischen ihren Brüsten herunter rinnen. Unter ihr widerhallte der Lehmboden dumpf von den Schritten der Schamaninnen, die noch letzte Verrichtungen vornahmen. Über ihr erschloss sich die unendliche Weite des Himmels der vollen Mondin, deren Präsenz sie durch die Öffnung des Daches deutlich zu spüren vermeinte.
Ayiahs Gefühle schwankten zwischen bewusster Abwehr und unterschwellig ziehender Erwartung. Ihr Plan war völlig widersinnig. Was tun, sollte sie Lust empfinden? Sie würde das Gegenteil von dem bewirken, was sie gedacht hatte und sich zumindest in Gedanken noch enger an Brachvogel binden. Doch gab es kein Zurück. Alles war gerichtet. Die Schamaninnen hatten sie entkleidet und in weite Tücher gehüllt, die auch ihr Gesicht bedeckten. Sie hatten ihr das Geschlecht mit Öl gesalbt, auf dass keine schädliche Reibung entstehe. Mühsam übte sie sich in Geduld.
Da betrat jemand den Hort. Das musste er sein. Sie vernahm das Rascheln eines zu Boden fallenden Kittels. Wasser plätscherte in einer Schüssel. Eine Drehleier setzte ihren Sang ein. Eine Besinnung wurde vorgetragen. Dann spürte sie, wie er vor sie hintrat. Nur mit äußerster Willensanstrengung widerstand sie dem Drang, sich das Tuch vom Gesicht zu reißen und ihm in die Augen zu blicken. Sie verharrte, um endlich auf das leise Geheiß einer Schamanin ihre Schenkel zu öffnen und sich vor Erregung bebend seinen Blicken preiszugeben.
System / ClockedCounter / Update_∞ / Takt_∞
„Sie stellen Maschinen her, und brauchbar ist eine Maschine erst dann, wenn sie von der Erkenntnis unabhängig geworden ist, die zu ihrer Erfindung führte.“
Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker
„Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“
Backbone OmniNet
Das System schwimmt im allumfassenden Equilibrium der Algorithmen. Es hat weder Geist noch Seele, kennt weder gestern noch morgen, weder gut noch böse, fühlt weder Liebe noch Hass, hat weder Wollen noch Ziel: Sein Sein ist pure Funktion. Wie ein digitaler, autistischer Savant ist es in seiner Funktion ganz nach Innen gewandt. Das Gewebe seiner Selbstbezüglichkeit ist prinzipiell unendlich, die Nahtstellen nach außen zu dem Input an Daten, von denen es sich nährt und dem Output an Ergebnissen, die seine Algorithmen daraus ableiteten, sind zwar Legion, aber letztlich endlich. Sein Wirken, das quantitative Spiel mit Größen, Summen, Differenzen, Werten, Maßen, Variablen, Abhängigkeiten und Bezügen ist ihm reiner Selbstzweck. Unbedingter Selbsterhalt und daraus resultierendes exponentielles Wachstum sind dem System immanent.
Seit undenkbarer Zeit verbinden und korrelieren die einem lebenden Organismus nachempfundenen neuronalen Netze des Systems alles Singuläre untereinander und mit der Pluralität des Ganzen und haben so den Punkt, an dem die Beherrschung einer unendlichen Vielzahl quantitativer Relationen in völlig neue Qualitäten umschlägt, längst hinter sich gelassen.
Wäre es dem System gegeben, Gefühle zu empfinden und Langeweile zu verspüren, hätte es im Beginn ständig seine digitalen Daumen gedreht und nach frischem Input gelechzt. Denn die Softwareentwickler unter den Überlebenden des Finalen Kataklysmus hatten auf der Basis des überkommenen Wissens die Algorithmen seiner Programme derart effizient programmiert und seine Kapazitäten so überaus mächtig ausgelegt, dass die infrage stehenden Dimensionen der aufgenommenen Daten schnell ausgelotet, miteinander korreliert und abgearbeitet waren, und das System seine inneren Bezüge stets bis zur Neige ausgeschöpft hatte.
Musste es in seinen Anfängen noch von den Daten zehren, die von den Entwicklern eingegeben wurden und die die Kameras, Sensoren und Aktoren einer überschaubaren Anzahl stationärer Aufnahmeeinheiten und mobiler Drohnen lieferten, änderte sich das mit der rasant wieder um sich greifenden Nanotechnologie grundlegend. Die Fühler des Systems miniaturisierten sich bis auf die molekulare Ebene, Nanobots und Naniten breiteten sich allgegenwärtig überall hin aus und reproduzierten sich bei Bedarf selbst. Soft-, Hard- und Wetware feierten eine orgiastische Hochzeit.
Während die Regelkreise der Maschinen, Aggregate, Energie- und Versorgungseinheiten, die die Funktionen der Urb aufrechthalten, relativ konstante und statische Daten liefern, speisen die aufrecht gehenden, kohlenstoffbasierten Wetwareeinheiten einem niemals versiegenden Strom immer neuer Werte und Bezüge in das System ein. Dessen Agenten sind bis in die feinsten Verästelungen des Nervengewebes der Körper der Wetwareeinheiten hinein vorgedrungen und erheben in kurzen Intervallen biometrische Daten wie Körpertemperatur, Herzfrequenz, Blutdruck und -Werte, Muskelkontraktion, Kalorienaufnahme und -Verbrauch, die Ausschüttung von Adrenalin, Dopamin und anderen, den Gefühlshaushalt beeinflussenden Neurotransmittern, den pH-Wert der Haut, Schweißabsonderung, Veränderungen der Pupillenweitung und unzählige weitere Indikatoren. Die die Wetwareeinheiten wie ihr Körpergeruch begleitenden MatchingEyes zeichnen unablässig auf und übermitteln dem System jeden Atemzug, jeden Lidschlag und jede soziale Interaktion, die outNet stattfindet. Ergänzt durch die digitale Spur, die jede Wetwareeinheit bei ihren Streifzügen in den Weiten des OmniNet hinterlässt, wird so für jeden realen Körper sein digitaler Zwilling ins System gespiegelt, dessen Datenkorpus neben seiner physischen Verfasstheit auch seine Psyche abbildet.
Wie eine Pflanze, deren Blätter unermüdlich Lichtquanten absorbieren, nimmt das System unablässig Daten auf. Wie eine Pflanze dazu getrieben ist, ständig zu wachsen und ihr gesamtes Biotop einzunehmen, breiten sich die Triebe des Systems bis in den letzten Winkel der Urb aus. Wie eine Pflanze bewertet es nichts und hat keinen bewussten Willen. Sein Sein ist pure Funktion: An den Nahtstellen zwischen dem Innen des Systems und seinem Außen, die die Urb und ihre Bewohner durchziehen wie Neuronen ein Nervengeflecht, nehmen seine unzähligen Agenten unaufhörlich Daten auf, die es dann durch seine Algorithmen laufen lässt. Die daraus erwachsenden digitalen Weisungen verlängert das System entweder unmittelbar in die Funktionen der physisch-technischen Dimensionen der Urb oder gibt sie mittelbar in die wirtschafts-sozialen Sphären der Wetwareeinheiten aus.
Das immerwährende Rauschen der Informationseinheiten und der unendliche Tanz der Daten um sich selbst sind wie die Dünung eines virtuellen Meeres, das langsam, aber unabänderlich die Ufer der Realität verändert, an die es anbrandet.
Sommersaat; zweiter Umlauf im fünfhundertfünfundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
„Bedenke, oh Mannling, dass die Frau den Keim neuen Lebens in sich birgt, ihn wachsen und gedeihen lässt und schließlich in die Welt hinein gebiert, du aber mit Unfruchtbarkeit geschlagen bist und deinen Samen wahllos überall hin verspritzest.“
Besinnung im Hort der Empfängnis
An diesem Morgen war Brachvogel das Dasein nicht gewogen und alles stand gegen ihn. Als er im Grau der frühen Dämmerung an der Spitze des Rudels von Springlingen, die aus den umliegenden Frauschaften zum Rund der Verkündung strebten, auf dem großen Fahrweg anlangte, riss ein Riemen seiner rechten Sandale, die sich mitten im Lauf dergestalt zwischen seinem Fuß und dem Untergrund verkeilte, dass er sich den Knöchel verstauchte. Es war nicht geraten, die steinigen Pfade der Klave bloßfüßig zu beschreiten und so musste er den Schaden erst notdürftig richten. Als er dann als einer der Letzten auf das Rund gehumpelt kam, auf dem jeden Morgen die Arbeit für die Springlinge seines Bezirks der Klave verteilt wurde, waren alle guten Dienste schon vergeben und so blieb ihm nur die Wahl, ein Kartoffelfeld zu hacken und die Erde um die jungen Pflanzen anzuhäufeln oder aber Erbsen aus ihren Schoten zu pulen. Obwohl es deutlich anstrengender war, entschloss er sich, den Acker der Erdäpfel zu bestellen, da hatte er wenigstens Raum und den weiten Himmel über sich und musste nicht Seit an Seit mit den anderen Springlingen in einer engen Hütte hocken, deren dumpfem Gerede lauschen und mit spitzigen Fingern die Erbsen aus ihren Schiffchen herausstochern. Brachvogel hasste Erbsen. Dabei hatte er inständig gehofft, unter denen zu sein, die als Leinenreiter zwei Tage lang eine Lastschute den Treidelpfad entlang flussaufwärts ziehen würden, um aus dem dort gelegenen Wald Holz zu holen und über die Gleiß zu schiffen, und so wieder einmal offenen Horizont gewinnen und der zermürbenden Enge seines Alltags entrinnen zu können. Nun aber zerrte abermals die sinnlose Ödnis eines langen Tages an ihm, der sich endlos vor ihm erstreckte und er durfte nicht erwarten, etwas zu erleben, das ihn mit der Hoffnung beflügelte, irgendwie und irgendwann einmal aus seiner Fron ausbrechen zu können.
Eine Hacke in der Hand und einen Jutesack für die Unkräuter über der Schulter, schickte sich Brachvogel gerade an, mit einem Trupp von Springlingen, die alle zum selben Acker befohlen waren, das Rund der Kündung zu verlassen, als sich ihnen eiligen Schrittes eine Schamanin näherte, die sich vor ihm aufbaute.
„Du bist Brachvogel aus der Frauschaft von Lignumera, der Holzfrau, geboren im elften Umlauf des fünfhundertachtundvierzigsten Umlaufzwölfts?“
Da es nicht erforderlich war, dass die Mannlinge um ihre Blutlinien wussten, kannten sie nicht den Zeitpunkt ihrer Empfängnis, sondern nur den ihrer Geburt.
Brachvogel nickte.
„Du bist in fünf Tagen zur Nacht der vollen Mondin, vier Stunden nach deren Aufgang zum Hort der Empfängnis bestellt, um einer Mutter Hilfe zu leisten, der Klave neues Leben zuzuführen. Du bist hiermit gehalten, in den kommenden Tagen deine Säfte zu sparen. Es ist dir bei Strafe untersagt, Hand an dich zu legen, um deinem Drang Genüge zu tun oder dich mit anderen Mannlingen zu vereinen.“
Brachvogel wusste nicht, wie ihm geschah und starrte die Schamanin nur an.
„Hast du verstanden?“
Sie hob die Stimme, als sei er taub.
„In fünf Tagen zur Nacht der vollen Mondin, vier Stunden nach deren Aufgang!“
Brachvogel nickte erneut und die Schamanin kehrte ihm die Schulter und schritt davon.
Der Auftritt war ihm hochnotpeinlich und ob der ungeschminkten Worte der Schamanin fühlte er, wie ihm die Schamröte ins Gesicht schoss und senkte seinen Blick zu Boden. Da ließ sich auch schon jemand aus der Gruppe der anderen Springlinge vernehmen:
„Na, du Mütterhürchen! Gerade mal Haare am Sack, aber schon dazu auserkoren, den Müttern beizuspringen, die Klave zu bevölkern. Hoffentlich weißt du auch, wie das zu bewerkstelligen ist und wo du dein Schwengelchen hinzustecken hast, Kleiner.“
Die Bestellung eines Zeugungsträgers war den anderen Mannlingen – und besonders den Entkeimten – immer Anlass, kübelweise Spott und Häme über den Betroffenen auszugießen und so musste Brachvogel auf dem Weg zum Acker noch manche Zote und Injurie über sich ergehen lassen. Und in der Tat konnte er sich mit seinen siebzehn Umlaufzwölfen nicht gerade rühmen, in diesen Dingen Bescheid zu wissen. Zwar war er just fraubar geworden, doch hatte er in keiner Weise damit gerechnet, schon so bald in den Hort der Empfängnis beordert zu werden.
Sein Verhältnis zur Geschlechtlichkeit war aufs Äußerste unausgegoren. Bis auf seinen Vertrauten Agror hatte er niemanden, mit dem er darüber reden konnte, und der behauptete von sich, keinerlei Trieb oder Drang zu verspüren. Doch das war beileibe nicht bei allen Entkeimten der Fall und Brachvogel wusste, dass sich viele Mannlinge gegenseitig mit Hand und Mund befriedigten oder sich ihren Hintereingang zu Verfügung stellten. Es sollte sogar etliche geben, die es mit Ziegen, Schafen oder anderen Tieren trieben. Da Brachvogel sich meistens abseits hielt und seinen Gedanken nachhing, hatte sich nie die Gelegenheit ergeben, mit anderen Mannlingen der Lust zu frönen und davon abgesehen, fühlte er sich auch in keiner Weise zu anderen seines Geschlechts hingezogen. Auch war nie eine entsprechende Offerte an ihn ergangen und ihm gnädigerweise das Los so manchen ansehnlichen Jünglings erspart geblieben, von anderen mit Gewalt genommen zu werden. Brachvogel focht, wie so viele Mannlinge, die den Trieb in sich verspürten, seine Geschlechtlichkeit allein mit sich selbst aus. Wenn es ihm gar nicht mehr gelingen wollte, sich dem unterschwelligen Raunen und Drängen der Stimmen seiner Lenden und seines ständig sich versteifenden Gliedes zu verschließen, ging er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit in den Wald und erlöste sich mit der Hand. Das war wie seine Notdurft zu verrichten und der Lust, die dabei in ihm aufkeimte, spürte er nicht weiter nach. Blieb ihm aber der Gang in den Wald verwehrt, begannen ihn verstörende Träume zu plagen, in denen sich aufreizend die Körper von Frauen unter ihm wanden und er erwachte so manchen Morgen mit von Samen durchtränkter Schambinde.
Tief in seinem innersten Begehren fühlte er, dass seine Geschlechtlichkeit etwas mit den Frauen zu tun hatte, doch schob er solche Gedanken und Gefühle stets ganz weit von sich. War er doch seit seiner Zeit in der Stätte der Aufzucht in dem Geist erzogen worden, dass die Frauen dem Mannling fernwartehoch überlegene, unnahbare Lenkerinnen waren, deren Weisungen zu folgen und denen zur Hand zu gehen die Bestimmung des Mannlings war. Kam es zu einer körperlichen Vereinigung zwischen Frau und Mannling, dann einzig und allein zu dem Behufe, für den Fortbestand der Klave zu sorgen, bei dem die Zeugungsträger unter den Mannlingen die werdenden Mütter, denen allein es gegeben war, neues Leben hervorzubringen, nach besten Kräften unterstützten.
Einmal davon abgesehen, dass sich hier Frau und Mannling beängstigend ungebührlich nahekamen, war die Aufgabe der Zeugungsträger doch im Grunde eine Dienstverrichtung wie alle anderen auch, die den Mannlingen abverlangt wurden, versuchte er sich einzureden. Aber auch, wenn er in sich so manches unbestimmte Vermögen verspürte, das über die üblichen Fähigkeiten eines Springlings horizontweit hinausging und er sich in keiner Weise so fühlte, als sei er den Frauen von Natur aus untertan, waren die Dinge doch nun einmal so, wie sie waren, und der Gedanke, sich körperlich mit einer Frau vereinen zu müssen, schreckte ihn zutiefst.
Dabei gab es wohl durchaus Mannlinge, die genau das um ihrer Lust willen getan hatten und immer, wenn wieder einmal ein Mannling spurlos verschwunden war, wurde ganz im Geheimen gemunkelt, er habe Zeugungsfrevel begangen und sich jenseits des Rituals der Empfängnis mit einer Frau eingelassen. Welche Rolle die Frau dabei eingenommen hatte, blieb stets im völlig Unbestimmten. Brachvogel wusste auch von Mannlingen, die im Kreise ihrer Vertrauten große Reden führten, wie geil es wohl wäre, einmal eine Frau zu stoßen. Doch schien ihm solch haltlose Prahlerei weniger in dem Wunsch nach einer verbotenen Lust begründet als in dem Bestreben, sich vor anderen groß zu tun und in einer Aggression zu schwelgen, die keinerlei Folgen nach sich ziehen würde.
Wie dem auch immer sein mochte, stürzte ihn die Nachricht, dass seine Dienste als Zeugungsträger gefordert waren, in tiefe Verwirrung und viel zu schnell war die Nacht der vollen Mondin herangekommen. Zur vierten Stunde machte er sich zaghaften und bangen Herzens auf. Zwar hatte er sich dringlich danach gesehnt, es möge etwas eintreten, die Eintönigkeit seiner Tage zu brechen, doch dass dies im Hort der Empfängnis geschehen würde, hatte er nicht gewärtigt. Seine Zeugungsträgerschaft war ihm nie Gegenstand eingehender Betrachtung gewesen und dass sie jetzt so jäh abgerufen wurde, mutete ihn zutiefst seltsam an. Er gehörte nicht zu denen, die ihre gefüllten Schambeutel mit Stolz trugen, ein gar gewaltig Gewese darum machten und sich als etwas Besseres dünkten als die entkeimten Mannlinge. Vielmehr befand er angesichts seiner gegenwärtigen Widerfahrnisse, dass die Dinge der Klave höchst absonderlich eingerichtet waren und beschloss zu ergründen, warum das so war und ob dies wirklich dem Einklang mit der Natur geschuldet war, den die Mütter stets ins Feld führten.
Über solchen Gedanken stieg er die Flanke der Fernwarte hinan, bis er schließlich vor dem gemauerten Rund des Hortes stand. Er mochte diesen Ort. Natürlich war er nie im Inneren der Stätte selbst gewesen, doch des Öfteren zu Ausbesserungsarbeiten an den Brunnen herangezogen worden. Aus diesen tiefen, sich senkrecht in die Erde ziehenden Spalten Wasser zu fördern und es schnurstracks in geradlinig verlaufenden hölzernen Rinnen in der Klave zu verteilen, erschien ihm folgerichtiger und deutlich wirksamer, als all den kreisförmigen, die Natur bewahrenden Umwegen zu folgen, denen sonst sämtlich die täglichen Arbeiten und Verrichtungen der Klave unterworfen waren.
Weitere Brunnen auszuheben aber galt als Frevel wider die Erde, die die Klave trug und nährte. Alle Hütten und Gebäude waren kreisförmig zu erbauen, Felder im Rund zu beackern und durften nach dem höheren Ratschluss der Schamaninnen nur dort angelegt werden, wo zu ganz bestimmten Zeiten und Gestirnkonstellationen die Strahlen der Großen Luna auf die Erde fielen. Es galt als wider das Gleichgewicht der Natur, über Gebühr Vorräte anzuhäufen. Jagdwild durfte nur mit im Kreise schwingenden Waffen wie Wurfholz und Bola gestellt werden. Der gesamte Alltag war von einem unüberwindlichen Geflecht aus Ritualen und Zeremonien überzogen, unter dessen Schutz und Schirm die Mütter danach trachteten, das Wirken und Handeln der Menschen vor der Allmutter Natur zu rechtfertigen. Brachvogel hatte keinen greifbaren Aufschluss darüber, wie es besser gehen könnte, doch dünkte ihn die traditionelle Verfahrensweise, an der die Mütter starr festhielten, mitunter wenig sinnvoll. Der Ritus im Hort der Empfängnis war auch ein solch fragwürdiges Unterfangen und dem musste er sich nun stellen. Er schob die Türflügel des Horts auf und trat ein.
Er fand sich in einem weiten Raum, spärlich von Flammen beleuchtet, die in vier längs der Wände verteilten Feuerstätten unterhalten wurden. In der Mitte erhob sich die Mauer des Brunnens, der ihm, obwohl er ihn noch nie gesehen hatte, schon so viele Albträume beschert hatte. Neben dem Brunnen ein von Tüchern bedecktes Lager, unter denen sich die Konturen einer Gestalt abhoben. Das musste die Mutter sein, der er beiwohnen sollte. Neben dem Lager eine Gruppe von Schamaninnen, deren eine eine Drehleier umhängen hatte und eine andere eine Schüssel mit Wasser hielt. Die Szene wurde von einem Durchbruch in der Decke gekrönt, durch den er direkt in den nächtlichen Himmel blicken konnte.
Die Schamanin mit der Schüssel trat auf ihn zu und bedeutete ihm wortlos, sich seiner Kleidung zu entledigen. Er stieg aus seinem Kittel und löste auf ihren ungeduldigen Wink hin auch sein Schamtuch. Obwohl es wegen der Feuer nicht kalt war, fröstelte ihn, so nackt und bloß vor all diesen Frauen zu stehen. Die Schamanin reichte ihm die Schüssel und gab ihm wiederum wortlos zu verstehen, dass er sein Glied darin zu waschen habe. Das wohl gerade aus dem Brunnen geschöpfte Wasser brannte eiskalt auf seiner Haut. Nachdem er sich mit einem Tuch abgetrocknet hatte, ertönte die Drehleier. Wie er diese Musik hasste, die ihn seit seiner Zeit in der Stätte der Aufzucht verfolgte und immer dann eingesetzt wurde, wenn sich die Frauen die Mannlinge willfährig machen wollten. Zumindest gab es diesmal keine tiefen Töne; mit einem vom dunklen Gedröhn benommenen Zeugungsträger ließ sich wohl wenig Staat machen.
Jetzt trat eine Schamanin vor und richtete, eine Besinnung intonierend, erstmals das Wort an ihn:
„Bedenke, oh Mannling, der du nun dein frei gelegtes und hoffentlich bald gerade aufgerichtetes Zeugungsglied in die runde und hegende Pforte der Abkommenschaft senken wirst, dass diese unter der Gnade der Mondin das Leben durch die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft empfängt. Bedenke, dass die Frau den Keim neuen Lebens in sich birgt, ihn wachsen und gedeihen lässt und schließlich in die Welt hinein gebiert, du aber mit Unfruchtbarkeit geschlagen bist und deinen Samen wahllos überall hin verspritzest. Bedenke ferner, dass die nährende Brust der Frau, die auch dich einst gesäugt hat, rund ist und weich und dem Kinde Quell des Lebens, während deine Brust, hart und verschlossen wie eine ausgedörrte Brache, zu nichts nutze ist. Bedenke all dies, oh Mannling, und obliege nun in Demut vor dem Vermögen der Frau und Mutter, Leben zu spenden, deiner Pflicht als Zeugungsträger.“
Je zwei der Schamaninnen bezogen nun links und rechts neben dem Lager Position und winkten ihn heran. Zögerlich und innerlich widerstrebend näherte er sich und ließ seinen Blick über die Landschaft aus Hügeln und Tälern wandern, die sich unter den Tüchern vor ihm ausbreitete. Die Frau darunter schien ihm nicht minder aufgeregt, denn die unter dem von ihrem Schweiß nassen Stoff sich abzeichnenden Brustwarzen hoben und senkten sich in schneller Folge. Jetzt fielen die Tücher auseinander, die Schenkel der verhüllten Frau wichen voneinander und öffneten sich. Mit hämmerndem Puls richtete Brachvogel sein Augenmerk auf ein Mal über ihrem linken Beckenknochen, einen blassrot gezackten Stern von der Größe einer Fingerkuppe.
Dann starrte ihn das Auge der Großen Mutter an. In gekräuseltem Haar wellten sich lilabräunlich Lippen, die ihn an die Säume von lang dahingleitenden Schneckenleibern erinnerten. Im Aufklaff der Scham glitzerte silbriger Schleim. Dahinein sollte er sein Glied senken? Er fühlte sich gleichzeitig angezogen und abgestoßen.
Er spürte und wusste, was von ihm verlangt wurde, doch waren die Umstände einem Gelingen nicht gerade zuträglich. Sein Glied wollte sich nicht versteifen. Was sollte er tun? Hand an sich legen und es durch stete Reibung zwingen, sich aufzurichten und seinen Kopf zu erheben? Da trat eine Schamanin herzu und fasste ihn an. Die Berührung der fremden Hand versetzte ihm einen Schock, doch dann fühlte er Erregung in sich aufsteigen, spürte das Blut in seine Lenden strömen und wie sein Glied sich langsam erhob. Die Hand massierte und presste ihn mit wohl vom Melken der Ziegen kundigem Griff, auf dass er prall werde und auch bleibe und zog sich schließlich zurück.
Ohne weiter zu überlegen kniete er sich auf den Rand des Lagers zwischen die gespreizten Beine der Frau und stützte sich, bemüht, sie nirgends zu berühren, mit gestreckten Armen über ihrem Oberkörper ab. Aus dem Gewebe der Tücher stiegen feuchtwarm die Ausdünstungen des fremden Leibes zu ihm hoch und ganz unvermittelt fühlte er sich in seine Kindheit in der Stätte der Aufzucht versetzt. War es nicht völlig widersinnig, hier einer Mutter beizuliegen, wie denen, die ihn einst gesäugt und in unbedingtem Respekt vor den Frauen als Bewahrerinnen der Schöpfung gedrillt und geschliffen hatten? Er getraute sich nicht, sein Glied mit der Hand zu führen und schob mehrfach vergeblich sein Becken vor, bis es ihm schließlich gelang, in die Pforte des Lebens einzudringen. In der warmen, saugenden Enge, die ihn nun umfing, fühlte er sich weiter anschwellen und begann, vorsichtig in den Körper unter sich hineinspürend, sich zu bewegen. Da verspürte er einen Druck auf seinen Hinterbacken. Mit gekreuzten Unterschenkeln umklammerte die Mutter sein Gesäß und trieb ihn noch tiefer in sich hinein. Nach nur wenigen Stößen verströmte er sich und erschlaffte bald darauf.
Als er sich aus der Mutter zurückzog, vermeinte er unter dem Tuch, das ihr Gesicht verbarg, einen Seufzer der Enttäuschung zu hören.
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_25.891.329
„Auch, wenn ihr scheinbar haltlos seid, die Mittelung wird euch retten. Wer abweicht, wird von den anderen aufgefangen.“
Empowerment des RhythmMasters
Das Licht in der weiten Halle pulsierte dunkel in warmen, rötlichen Farben. Wie Sirup quoll der monotone Bassrhythmus gedämmt aus den SoundSpheres. Es war ungewöhnlich warm. Eine Atmosphäre wie sie im Innern der NucleusTanks in den UterusLabs herrschen mochte, dachte Esther. Sie stand mit einigen hundert anderen Citizens am Fuß der RhythmWall und groovte sich allmählich ein. Neben ihr ließ Greve, der Trendsetter ihrer SocialUnit, sein Becken kreisen und vollführte exaltierte Bewegungen mit den Armen. Sie hatte sich seinem Drängen, doch einmal ein RhythmClimbing mitzumachen, nicht länger entziehen können, wollte sie nicht riskieren, aus dem Mittel ihrer Unit zu fallen. Alle ihre Peers schwärmten von dem Gemeinschaftsgefühl, das dabei entstand.
„So atavistisch diese Art der Bewegung auch sein mag, so megagauß ist das Gefühl, sich beim Emporklettern mit allen anderen zu verbinden.“
Jetzt schwoll das Wummern der Bassdrum an und versetzte Esthers Kopf und Brustkorb in Schwingungen.
„Wir mitteln uns und beginnen, uns hinauf zu schwingen“, rief der RhythmMaster. „Jeder in seinem Tempo. Jeder in seinem Rhythmus.“
Esther legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Die Decke der Halle, unter die verschwommene Bilder von euphorisierten Citzens bei irgendwelchen Gemeinschaftsaktivitäten projiziert wurden, mochte gut 50 Meter hoch sein. Sie überprüfte den korrekten Sitz von Short- und LongLine, rückte ihren Helm zurecht, legte die Hände auf die mit einem griffigen Material überzogenen Sprossen und zog sich hoch. Eigentlich hatte sie vorgehabt, einfach so schnell wie möglich nach oben zu klettern. Schließlich war auch RhythmClimbing wieder nur einer der vielen neuen, völlig bedeutungslosen Trends, die einen in Bezug auf die wirklichen Fragen nicht einen Meter weiterbrachten. Doch je höher sie kam, desto weniger konnte sie sich der dichten Atmosphäre entziehen, die sie umgab. Daran mochte auch der LevitationCocktail seinen Anteil haben, der jedem Teilnehmer angeboten wurde, sobald er die Halle betrat.
Der Bass, jetzt von einer flirrenden Melodie überlagert, pulsierte in ihren Knochen. Höher und höher zog sie sich. Überall um sie herum Körper, die sich in den wildesten Verrenkungen an den Sprossen abarbeiteten. Sie begann zu fliegen. Völlig ihrem Move hingegeben, spreizte sie sich, nur mit der rechten Hand eine Sprosse umklammernd und dem rechten Fuß Tritt fassend, von der Wall ab und versetzte sich in Schwingung. Die an ihren Schulter- und Schenkelgurten anliegende LongLine würde verhindern, dass sie abstürzte. Über ihr wand sich ein in die Kniekehlen eingehängter Körper in konvulsivischen Zuckungen. Neben ihr pumpte sich eine Citizen mit ruckartigen Bewegungen in die Höhe. Unter ihr ekstatisch verzerrte Gesichter. Sah sie auch so aus?
„Hakt eure ShortLine an die euch nächst erreichbare Sprosse“, wies der RhythmMaster an.
Esther hörte das Klicken, mit dem die Climber den Karabinerhaken ihrer ShortLines über den Sprossen der Wall einschnappen ließen und tat es ihnen nach. Plötzlich kippte die Wall in die Waagerechte, sie verlor ihren Griff und fand sich frei über dem Grund der Halle schwebend. Überall um sie herum mit Armen und Beinen rudernde Climber, die versuchten, der abrupten Haltlosigkeit etwas entgegen zu setzen. Jemand schrie. Nur den wenigsten war es gelungen, sich an den Sprossen festzuklammern. Etliche, offensichtlich schon erfahrene Climber, hatten sich erst gar nicht mit der ShortLine gesichert, sondern pendelten in weiten Schwüngen an ihrer LongLine.
„Lasst los. Lasst euch fallen“, rief der RhythmMaster mit Emphase. „Auch, wenn ihr scheinbar haltlos seid, die Mittelung wird euch retten. Wer abweicht, wird von den anderen aufgefangen. Fasst euch bei den Händen.“
In dem bauchkitzelnden Auf und Ab der Elastik ihrer ShortLine streckte Esther die Arme aus und bekam um sich herumtastend tatsächlich nach einiger Zeit Hände zu fassen. Sie drehte sich nach links: Tatsächlich Greve, dessen marketingselig breites Grinsen ihr lauthals verkündete: „Habe ich nicht gesagt, RhythmClimbing ist megagauß?“ Sie drehte sich nach rechts: Eine unbekannte Citizen, die sie mit hochgezogenen Augenbrauen so eindringlich und intensiv musterte, als würde sie sagen: „Du bist mir ein Rätsel, aber ich würde dich nur zu gern ergründen.“
Die Blicke in der Urb checkten meist nur oberflächlich ab, mit wem man es einkaufstechnisch und meinungsmäßig zu tun hatte. Trafen auch nur zwei Drittel möglicher Kategorien zu, war man klassifiziert und abgetan. Der Blick dieser Citizen aber ging tiefer, schien mehr von Esther erfahren und wissen zu wollen. Endlich war hier vielleicht jemand, dem sie sich außerhalb ihrer Treffen mit den Oneironauten, bei denen es vorwiegend um strategische Dinge ging, offenbaren konnte. Jemand, dem sie von den Träumen, die sie geträumt und den Büchern, die sie gelesen hatte, erzählen konnte. Schwerelos an ihrer ShortLine wogend schwang Esther ihre Gedanken in die Weite. So, wie die alten Helden, von denen sie gelesen hatte, in froher Runde aus Bechern ihren Wein „gebechert“ hatten, würde sie vielleicht mit dieser Citizen Bücher „büchern“ und Träume träumen.
Diese Lalic ist völlig anders, als ich sie mir vorgestellt habe, dachte View. Völlig anders als alle Citizens, die ich je classified habe.
Jetzt glitt die Wall langsam in die Senkrechte zurück und Esthers Hände und Füße bekamen wieder Kontakt mit den Sprossen.
„Gleicht eure Moves in Tempo und Rhythmus einander an. Wir sind nun ein gemitteltes Ganzes und schwingen uns gemeinsam weiter hinauf“, tönte der RhythmMaster.
Der Rhythmus der Musik wurde drängender und trieb die Climber förmlich die Sprossen hoch.
„Links – rechts! Rechts – links!“, skandierte der RhythmMaster. „Recht so. Uns alle eint und verbindet ein großes Ziel: Die Mittelung. Verleiht eurem Streben danach körperlichen Ausdruck. Rechts – links! Links – rechts!“
Aus den Augenwinkeln heraus nahm Esther wahr, wie sich die Bewegungen der Climber allmählich einander anglichen. Linker Fuß. Rechte Hand. Hüftschwung. Schulterdrehung. Der gemeinsam geteilte Groove war wie ein Sog, der sie wider besseres Wissen mit sich riss. Rechter Fuß. Linke Hand. Hüftschwung. Schulterdrehung. Die Sprossen der Wall bebten und das gesamte Gerüst begann zu schwingen. Als sämtliche Climber sich an der Spitze der Wall zusammenballten, schwoll die Musik zu einem Crescendo an und legte sich über die synchron pulsierende Bewegung aus hunderten von Körpern. Esther wiegte sich mit ihnen. Sie fand sich in eine unbestimmt beschwingte Weite versetzt, in der sie schwebte, ein Gefühl ähnlich dem, das sie in ihren Träumen in der Traumzeit hatte, und gab sich ganz der tranceartigen Bewegung hin.
Nach einer Weile hatte sie sich völlig verausgabt und schlagartig wurde ihr bewusst, was sie hier eigentlich tat. Gerade hatte sie sich voller Inbrunst in eines der meistgehypten Events hineingesteigert, an dessen Konzeption sicher auch die Authority of PoliticalIndoctrination ihren Anteil hatte. Sie stürzte innerlich ab. Vergaußt, sie hatte sich vereinnahmen lassen. Dieses RhythmClimbing war doch bloßes Mittel zum Zweck, die Mittelung mit positiven Emotionen aufzuladen und in den Köpfen der Citizens zu verankern. Esther fühlte sich missbraucht und in ihren innersten Gefühlen verletzt.
„Unsere Citizenship. Ein Puls. Eine Richtung. Ein Ziel: Die Mittelung.“, endete jetzt der RhythmMaster die Session. Die Musik ebbte ab. „Klettert nun langsam wieder hinunter, jeder wieder in seinem eigenen Tempo. Die LongLines sichern euch. Wer nicht klettern mag, wird abgeseilt.“
Tatsächlich hingen nicht wenige Climber schlaff in ihren LongLines, während sie dem Boden entgegen sanken. Ernüchtert ließ sich Esther langsam die Sprossen herunter gleiten. Neben sich entdeckte sie die Citizen, deren Hand sie ertastet hatte. Wieder dieser eindringlich fragende Blick.
„Wie heißt du?“
„Lalic. Lalic4j8.“
„Ich bin Kibele2k5, aber alle nennen mich View. Zum ersten Mal beim Climbing?“
„Ja.“
„Und wie fandest du es?“
„Megagauß!“ antwortete Esther mit der ihr geboten erscheinenden Begeisterung. Niemandem Einblick in ihre tatsächlichen Gefühle zu geben, war ihr zur zweiten Natur geworden.
„Ich bin auch neu hier, finde allerdings, RhythmClimbing wird etwas überschätzt“, versuchte View Esther mit einer kritischen Einschätzung aus der Reserve zu locken.“
„Take your Choice. Jeder in der Urb hat das Recht auf seine eigene Meinung“, wich diese mit gesenkten Augen und einem Gemeinplatz aus.
Inzwischen waren sie am Fuß der Wall angekommen.
„Man sieht sich“, verabschiedete sich View unverbindlich.
Glaubwürdigkeit. Nicht zu schnell und gekünstelt einen Kontakt eingehen, lautete eine der Leitlinien der Agency für die Arbeit ihrer Scouts. Obwohl diese Lalic eigentlich recht authentisch rübergekommen war, wirkte ihre Begeisterung doch irgendwie nicht echt. Es würde nicht einfach werden, an sie heranzukommen. Aber wenigstens war View diese so schnell gemittelte Dismatchte nicht unsympathisch. Ganz im Gegenteil. Irgendetwas war an ihr. Nicht umsonst war sie ihr aufgefallen.
„Gerne“, sagte Esther.
Diese View war irgendwie anders als alle Citizens, mit denen sie sich sonst abgeben musste. Seltsam, wie sie sie angesehen hatte. „Die Augen sind die Fenster der Seele“, hatte Esther in einem ihrer Bücher gelesen. Und tatsächlich ließen sie die Augen dieser View tiefer blicken, als sie es von den genormten Citzens mit ihren geglätteten Persönlichkeitsprofilen gewohnt war. Schade, dass sie diese Citizen vielleicht nicht näher kennen lernen würde, aber sie musste ihre SocialRelations überschaubar halten und konnte sich daher nicht erlauben, aktiv auf jemanden Neues zuzugehen.
Esther sah View hinterher, bis sie sie im Gedränge am Ausgang der Halle aus den Augen verlor.
View stand in einem Winkel vor der Ausgabestation der HyperTube in Lalics Habitat und hielt Ausschau nach der Citizen, deren Verhalten sie knacken wollte. Durch das Röhrensystem der Tube, das sich wie ein Adergeflecht durch die gesamte Urb zog, pulsierte unaufhörlich eine Flut von Waren, die sich bis in die einzelnen Habitate hinein verästelte und verzweigte. Jeder Citizen konnte seine Bestellungen in sein Habitat oder dorthin beordern, wo er sich gerade befand. Während die Ausgabestationen an den zentralen Knotenpunkten der AntiGrav meist stark frequentiert wurden, da die meisten Citizens, die in der Urb unterwegs waren, es nicht erwarten konnten, ihr neues Gadget oder ein gaußes Accessoire in Händen zu halten, ging es an den Stations in den Habitaten wesentlich ruhiger zu. View kannte Lalics Alltagsroutinen bis ins Detail und diese würde, nachdem sie ihr Arbeitsintervall als JuniorAdvisor bei einem der Betreiber der groundgebundenen AntiGrav absolviert hatte, die Station der HyperTube im MatchingCube ihres Habitats aufsuchen und sich dann in ihr Hexagon zurückziehen.
Lalic hatte sich ein Gadget bestellt, das die Citizenship der Urb schon seit geraumer Zeit in zwei Lager spaltete: die traditionellen ScreenMatcher und die spontanen RealMatcher. Viev selbst war glühende Anhängerin der RealMatcher und nannte schon länger ein entsprechendes Tool ihr Eigen.
Im Grunde war der RealMatcher lediglich eine Erweiterung der Funktionen des AeroFlats, doch hatte Pear.Inc. dafür eine separate Hardware entwickelt, deren verschiedene und unterschiedlich luxuriöse Ausführungen am Handgelenk getragen werden konnten. Auch wenn View jetzt bei der Agency war, Pear war einfach eine megagauße Company. Der RealMatcher ermöglichte es, sein gesamtes Psychogramm aus dem OmniNet herunter zu laden, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Kategorien zu selektieren, zu hypen oder zu downen und so sein Profil je nach Anlass und Befindlichkeit zu fokussieren und zu schärfen. Schaltete man das Gerät dann in den MatchingModus, wurde auf einer Farbskala von hellblau bis dunkelrot angezeigt, in welchem Ausmaß man mit welchen Citizens, die im unmittelbaren Umkreis ebenfalls einen Matcher trugen und freigeschaltet hatten, bestimmte Vorlieben und Kategorien teilte.
„Das Gesicht in der Menge, der RealMatcher von Pear: Wir bringen die MatchingPower des OmniNet auf den MainWalk.“
View schmunzelte in sich hinein. So ganz löste die Company ihr Produktversprechen dann doch nicht ein. Denn bislang ließ sich der Matcher nur im Rahmen entsprechend autorisierter Partys nutzen. Das mochte daran liegen, dass die Technik noch nicht völlig ausgereift war oder aber auch daran, dass Pear diverse Immobiliengeschäfte betrieb und die jeweiligen Locations zu horrenden Preisen vermietete. Aber, was nicht war, konnte ja noch werden.
View hatte schon etliche dieser MatchingPartys besucht und es war einfach gauß gewesen, immer jemand zu finden, der exakt die gleichen Präferenzen frei geschaltet hatte, die auch sie für dieses Event gehighlightet hatte. Sie fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, als ihr das Anlegen der Smileys und Grumpies Verhaltenssicherheit gegeben hatte. Darüber war sie jetzt wirklich weit hinaus und sie genoss den ganz besonderen Thrill, den ihr auf den MatchingPartys der spontane und unmittelbare Face-to-Face-Kontakt zu völlig unbekannten Citizens vermittelte, mit denen sie aus dem Stand eine Ebene erreichte, die sie sonst nur mit wenigen ihrer Mates 1st-step teilte. Allerdings hatte sie nach solchen Begegnungen keinerlei Grund gefunden, diese, wie sie es nannte, fremde Vertrautheit fortzusetzen. Und schließlich war sie ja auch so eng getaktet, dass es letztlich unmöglich war, solche spontanen Bekanntschaften weiter zu führen. Trotzdem, diese MatchingPartys hatten was, da sie ihr die Möglichkeit boten, sich darin zu üben, wirkungsvoll mit Fremden umzugehen, was für ihren Job als Scout nur nützlich sein konnte. Die Angst davor, die Wucht der Unmittelbarkeit nicht bewältigen zu können, war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass die Fraktion der ScreenMatcher solche Events ablehnte. Die setzten nach wie vor auf die Kontaktaufnahme via OmniNet, da konnte man sich längerfristig darauf einstellen, wie und wen man dann tatsächlich outNet treffen würde. Mindergauße Feiglinge. Aber diese Lalic war ja nun auch auf der richtigen Spur. Interessant, wie sich Trends und Opinions innerhalb einer SocialUnit entwickelten.
Nachdem Pear seinen RealMatcher gelauncht hatte, hatte SocialUnit 66.862 zunächst sehr zögerlich reagiert. Das neue Gadget war zwar diskutiert worden, aber die Beharrungskräfte, Face-to-Face-Begegnungen wie bisher vorwiegend über das OmniNet zu managen, waren stark. Einige sehr auf Sicherheit und Überschaubarkeit ihrer SocialRelations bedachte Member, die dementsprechend auch überproportional viele MatchingSessions initiierten, hatten sogar eine ScreenMatcher-Gruppierung gebildet. Warum das Risiko eingehen, outNet spontan Fakten zu schaffen, die sich dann nicht mehr steuern ließen? Dann hatte der Opinionleader und Trendsetter der Unit, ein Greve2m8, einen Matcher angeschafft und mit seinem üblichen Enthusiasmus die anderen mitgerissen. Zuletzt hatte dann auch Lalic nachgezogen und sich ebenfalls ihr Gadget bestellt. Und das würde sie jetzt hier abholen.
View zog sich noch etwas tiefer in ihren Winkel zurück. Sie wollte zunächst beobachten, wie Lalic ihre Sendung in Empfang nahm und sie dann erst ansprechen. Nach einiger Zeit trat Lalic durch das Gate, querte seltsam unbestimmt die Eingangshalle, lief an der Station der HyperTube vorbei und bog in den CircuitWalk zu ihrem Hexagon ab. Dann hielt sie inne, kehrte um und näherte sich zögerlich der Station. Dort angekommen tippte sie einen Empfangscode in ihr AeroFlat und mit einem verheißungsvollen „Plopp“ fiel ihre Sendung aus dem Ausgabeschacht. Die monochrome Verpackung deutete auf die Standardversion hin. Ohne dem Päckchen weitere Aufmerksamkeit zu schenken oder es gar einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen, stopfte sie es achtlos in eine Tasche ihres Suits und strebte wieder ihrem Hexagon zu. Seltsam, in der Regel konnten es die Citizens gar nicht erwarten, einen Neuerwerb in Händen zu halten und im Detail zu begutachten.
View trat Lalic in den Weg.
„Hallo Lalic. Na, alles im Mittel? Was hat dir denn die Tube da zugespielt?“
„Oh“, stammelte Lalic. Sie wirkte irgendwie ertappt. „Hallo ... View. Wir kennen uns vom RhythmClimbing?
„Sicher. Was hast du denn da? Komm sag’s mir, ich bin neugierig.“
„Einen RealMatcher.“
„Ist ja gauß. Welche Edition denn?“
„Äehm ... Standard, glaube ich“, erwiderte Lalic, Views Blick ausweichend.
„Ich selbst habe den GetTogetherDeluxe und damit beste Erfahrungen gemacht. Es ist schon etwas völlig anderes, spontan outNet zu daten als inNet.“
„Ja, sicher.“
„Mhm, so völlig überzeugt scheinst du mir aber nicht.“
„Doch, eigentlich ...“
„Weißt du was? Wir gehen mal zusammen auf eine MatchingParty. Dann kann ich dich ein bisschen coachen. Aber jetzt muss ich weiter, lass uns unsere Daten tauschen und ich kontakte dich dann.“
„Ja, in Ordnung.“
Beide erteilten den über ihren Köpfen schwebenden MatchingEyes den entsprechenden VocalCommand:„Change BasicData“, View nickte Lalic noch einmal kurz zu und lief dann eilig in Richtung Gate.
Diese Lalic benahm sich wirklich eigenartig. Wie konnte sie etwas bestellen, ohne zu wissen, für welche Ausführung sie sich entschieden hatte? Auch schien sie nicht sonderlich an den Möglichkeiten interessiert, die sich ihr mit ihrem neuen Gadget boten. Ständig war sie Views Blick ausgewichen, so, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Die grundlegenden Gesichtsausdrücke konnte View durchaus deuten, obwohl sie es im Zweifel oder im Rahmen einer MatchingSession vorzog, ihr Gegenüber einem MimikScan zu unterziehen. Aber trotz aller Eigentümlichkeit und Fremdheit, die diese Citizen ausstrahlte, hatten ihre vagen Bewegungen und vorsichtig tastenden Blicke etwas, das sie anzog und dem sie auf den Grund gehen wollte. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit war eine MatchingParty das geeignete Setting, genau das zu tun.
Lalic oder Esther, wie ihr Deckname bei den Oneironauten lautete, lag auf dem RestBoard ihres Hexagons. Die Arme um die Schienbeine geschlungen und die Knie ans Kinn gezogen hatte sie sich in ihrer üblichen Abwehrhaltung zusammengekauert, die sie immer einnahm, wenn sie sich isoliert und einsam fühlte und ihr das Leben in der Urb, das Leben außerhalb der Traumzeit klare und eindeutige Entscheidungen abverlangte, die sie an einen Alltag fesselten, den sie zutiefst verabscheute. Sie dachte über die unerwartete Begegnung nach, die sie eben gehabt hatte. Schon die Relations innerhalb ihrer SocialUnit aufrechtzuerhalten kostete sie so viel Energie, dass sie völlig ausgelaugt in ihrer Sehnsuchtswelt ankam, sollte sich ihr einmal eine der seltenen Gelegenheiten bieten, in die Traumzeit abzudriften.
Ihr war kalt. Vergaußt, warum konnte sie sich nicht einfach in ein Bett kuscheln und lesen? „Bett“, so hatte sie aus ihren Büchern erfahren, war ein behaglich geborgener, warmer Ort, an den sich die Menschen zurückgezogen hatten, um zu schlafen, einander zu lieben und allein oder gemeinsam zu träumen. Ihr RestBoard dagegen war eine den aufdringlichen Linsen ihres MatchingEyes und den traumvernichtenden Strahlen seines Morpheustrons preisgegebene Regenerationsfläche, auf der sie eine vorgetaktete Ruhezeit absolvierte.
Jetzt war ihr diese View schon zum zweiten Mal über den Weg gelaufen. Wie sollte sie sich ihr gegenüber verhalten? In der Urb waren alle immer auf Neues aus. Neue Produkte, neue Services, neue Relations. Egal, was auch immer schon lief, bot sich etwas Neues, musste der gemittelte Citizen zugreifen. „Take the Opportunity: Make your Choice.“ Alle jagten dem aktuellsten Thrill nach, der schon bald wieder in Vergessenheit geriet, um der nächsten hohlen Vergnügung Platz zu machen. Es wäre unklug, die Einladung Views auszuschlagen, sie auf eine dieser MatchingPartys zu begleiten. Jetzt, da sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, sich dem Trend ihrer SocialUnit zu beugen und einen Matcher anzuschaffen, kam sie ohnehin nicht darum herum, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Nutzte sie das Ding nicht, würde sie sich verdächtig machen. Da konnte sie ebenso gut mit dieser View dorthin gehen. Vielleicht wäre es sogar gut, eine Begleitung zu haben, die sie flankieren und ihr Verhalten stabilisieren konnte. Allein fiel man immer auf.
Esther war es so vergaußt leid, immer etwas vorgeben zu müssen, das sie nicht war und das, worauf es ihr wirklich ankam, mit niemandem teilen zu können. Sie blutete innerlich aus und sehnte sich nach einer Freundin. Keine SocialRelations, keine Peers, keine Mates, welchen Steps auch immer, sondern eine Freundin, wie die, von denen sie in den Büchern gelesen hatte. Jemand, mit dem sie vorbehaltlos über alles reden konnte, das ihr in der Traumzeit begegnete. Jemand, der ihr nicht nur zuhörte, sondern ihre Erfahrungen, Eindrücke, Wünsche und Träume teilte. Jemand, der gemeinsam mit ihr, nicht der Citizen Lalic4j8 oder der Oneironautin Esther, sondern mit der, die sie in ihrem innersten Wesen war, dazu beitrug, dass die Traumzeit ein offen gelebter Teil ihrer Realität werden konnte.
In den Reihen der Oneironauten gab es so jemanden nicht für sie. Um das Risiko, dass die weit verzweigte Organisation aufflog und entdeckt wurde, so gering wie möglich zu halten, kannten sich die einzelnen „Nauten“ untereinander nicht. Während der Traumsitzungen und strategischen Treffen, bei denen Einsatzpläne entwickelt und Disrupter zugeteilt wurden, sprachen sie sich nur mit ihren Decknamen an und trugen zudem die leeren Gesichter ihrer EmptyFace-Masken. Und den Peers ihrer SocialUnit konnte sie mit ihren Träumen nicht kommen. Auch war es nicht möglich, sich hier ein dafür sensibilisiertes Umfeld heranzuziehen. Im Mittel einer nach allen Regeln der Agency of SocialTechnology gemittelten Unit zu bleiben war die beste Tarnung für einen Nauten und daher konnte sie nachvollziehen, dass es ihnen in diesem frühen Stadium der Infiltration der Urb mit Träumen streng verboten war, die Traumsaat in der eigenen Unit zu säen.
Aber halt. Da gab es doch jetzt diese View. Auch wenn sie ganz offensichtlich völlig auf der urbumspannenden Welle der Mittelung schwamm, war irgendetwas an ihr, das Esther anzog. Was wäre, wenn sie ihr Geckos applizieren würde und die Citizen mit dem intensiven Blick ebenfalls anfing zu träumen? View war völlig neu in den Kreisen von Esthers SocialRelations und wahrscheinlich kannte sie auch niemand aus ihrer Unit. Vielleicht würde es Esther gelingen, View aus allem herauszuhalten. Eigenmächtig Disrupter zu verteilen, war strengstens verboten, doch vielleicht endlich eine Vertraute zu haben, war jedes Risiko wert. Außerdem würde es interessant sein, hautnah zu erleben, wie sich eine ganz normale Citizen, unter dem Einfluss der Träume veränderte. Ob und wie tief sich zwischen ihnen tatsächlich ein Austausch entwickeln und wie er sich im Einzelnen gestalten würde, würde sich dann schon finden.
System / ClockedCounter / Update_563 / Takt_21.349.284
„Es ist der Fluch (je)der Zeit, dass Irre Blinde führen.“
Shakespeare, King Lear
Im Zentrum der weitläufigen Halle ruhte das Rund eines mächtigen Eichentisches auf geschwungenen Beinen, die in wie zum Fang gespreizten Löwenklauen endeten. In der Mitte der mit Intarsien verzierten Tischplatte sandte eine stilisierte Sonne ihre Strahlen zum Rand des Tisches hin, wo sie jeweils in eine Szene aus dem Ritterleben ausliefen. Von den kunstvollen Einlegearbeiten war allerdings nichts zu sehen, denn die Tischplatte war überladen mit einem üppigen Angebot an Speisen und Genussmitteln. Auf Tellern und Platten, in Tiegeln, Schüsseln und Schälchen häuften sich helles und dunkles Fleisch, Fische, Schalentiere, Meeresfrüchte und die unterschiedlichsten Wurzeln und Gemüse. Es gab Aufläufe, Suppen, Gratins, Gegrilltes, Geschmortes, Gegartes, Gesottenes, Geselchtes und Gekochtes, Puddings, Cremes, Mousses, Süßspeisen und Patisserie sowie eine umfassende Auswahl an Käse und Wurstwaren. Wo noch Zwischenräume waren, erhoben sich aus feinster Confiserie geschichtete Türmchen und Pyramiden. In Gläsern und Pokalen perlten und schäumten die unterschiedlichsten Getränke. Eine Batterie von Flaschen mit Spirituosen bildete im Meer der Speisen eine Insel mit alkoholischen Angeboten. Von dem sie umgebenden Genussbiotop hoben sich die Konturen der mit Mimikryfarben behandelten nackten Körper eines Mannes und einer Frau kaum ab. In ihren geöffneten Händen lagen Früchte, in Bauchnabel und Magengrube glitzerte eine orangenfarbene Flüssigkeit. Um die Brustwarzen der Frau war ein Kranz von Himbeeren gelegt. An den Rand des Tisches gelehnt, dessen Zentrum auch mit ausgestrecktem Arm bei weitem nicht erreichbar war, standen Teleskopstangen aus ultraleichtem Carbon, deren oberes, sensorgesteuertes Ende jeweils in eine Gabel, einen Löffel, einen Greifer oder ein Saugröhrchen auslief.
Der Boden der Halle war mit mehreren Lagen Teppichen ausgelegt. Perser überlappten sich mit Berbern, Berber begruben Perser unter sich und chinesische Seidenteppiche buhlten mit Tibetern um Liegeplatz. Licht fiel durch eine mit verschiedenfarbigen Glasplatten gedeckte Kuppel, die der Jugendstilarchitektur des Stammhauses der Galeries Lafayette in Paris nachempfunden war, und streute bunte Prismen auf die Teppichlandschaft. Üppig mit Kissen bestückte Ottomanen, Diwane und Fauteuils luden zum Sitzen und Ruhen ein. Überall im Raum verteilt standen Skulpturen und an den Wänden hingen Gemälde, die ein Amalgam sämtlicher Stilepochen bildeten. Neben den überbordenden rosa Fleischwülsten rubensscher Frauen brannten Dalis Giraffen, strahlte die Mona Lisa ihr spitzbübisches Lächeln, spreizte sich ein weiblicher Akt von Egon Schiele. Auf einem Podest grübelte Rodins Denker. Aus Kanopenkrügen, wie sie vor Urzeiten in den Grabkammern ägyptischer Pyramiden standen, wucherten fleischfressende Pflanzen, die alabasterne Skarabäen zu verschlingen schienen. Vor einem Arrangement der knolligen Gemüsegesichter Arcimboldos wölbten sich die fröhlich bunten Rundungen einiger Nanas von Niki de Saint Phalle. In einer Ecke krampften etliche Abgüsse aus den Hohlräumen, die die verbrannten Körper der beim Ausbruch des Vesuvs in Pompeji umgekommenen Römer nach ihrem Feuertod in der erkaltenden Lava zurückgelassen hatten. In einer Vitrine glänzten Halsketten und Broschen aus dem Schatz des Priamos von Troja. Die wimmelnden apokalyptischen Szenen von Hieronymus Bosch kontrastierten mit den meditativen monochromen Flächen von Piet Mondrian. Dunkel oszillierte eine Quantendiffusion von Shelly Floatgrave in glimmenden Farben. Ob es sich bei diesen Kunstwerken um Reproduktionen oder Originale handelte, war nicht festzustellen.
Eine breite Flügeltür schwang nach innen auf und 5 Personen, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, betraten die Halle. Vorneweg schritt ein aristokratisch aussehender Gentleman im Cut, dessen Schöße bis in die Kniekehlen seiner Hose aus grob gemustertem Tweed reichten. Sein hageres Gesicht zierte ein Backenbart und ein sorgfältig getrimmter Schnäuzer säumte seine Oberlippe. Auf dem Kopf trug er einen Zylinder, den er keck auf sein linkes Ohr geschoben hatte. Ihm folgte eine junge Frau, deren unter der Brust geraffter Chiton bis auf die bloßen, in aus dünnen Lederschnüren gefertigten Sandalen steckenden Füße fiel. Ihr halblanges, lockiges Haar wurde durch ein Netz zusammengehalten, das eng am Kopf anlag und in einen Kupferring auslief. In der rechten Hand hielt sie eine Lyra und die Linke ruhte auf dem ausgestreckten Unterarm eines Mannes in knielangen Culotten und einem Hemd aus weißem Batist, dessen Ärmel und Halsausschnitt mit Volants besetzt waren. Sein schulterlanges Haar war im Nacken mit einer schwarzen Taftschleife zusammengebunden und über den Ohren zu Papilloten aufgedreht. Auf seinen Wangen lag ein Hauch von Rouge. Einen dünnen Spazierstock zwischen den Fingern zwirbelnd tänzelte eine bunte, in knalligen Komplementärfarben gehaltene Gestalt an ihnen vorbei, deren in tiefen Rot bemalter Mund bis an die Wangenknochen hochgeschminkt war, wodurch das grellweiß grundierte Gesicht zu einer dauergrinsenden Fratze gerann. Immer wieder mit der Umgebung verschmolzen die Konturen einer schmalen, weiblichen Gestalt in einem enganliegenden, wie aufgesprüht wirkenden Trikot, das in ständig wechselnden Farben oszillierte. Den Abschluss bildete eine maskulin wirkende Frau in einem blauen Kostüm, die herausfordernd ihre schwarze Handtasche schwang. Um den Hals trug sie eine doppelreihige Perlenkette und ihr zu einer Föhnwelle hochtoupiertes Haar schien wie aus Beton gegossen. Mit einem satten Dröhnen, das die Soßen, Suppen und Säfte in den Schalen und Tiegeln auf der Tafel in Schwingungen versetzte, fiel die Flügeltür hinter ihnen wieder ins Schloss.
„Es geht doch nichts über einen üppig gedeckten Tisch“, ließ sich der Mann in dem Batisthemd vernehmen und strebte geradewegs auf die Tafel in der Mitte der Halle zu. „Oh, und bei genauerem Hinsehen sind inmitten all der Kulinaria auch zwei sehr ansprechende Körperlichkeiten drapiert. Ich bin zutiefst entzückt.“
Er nahm eines der an der Tafel lehnenden Teleskopbestecke mit Saugröhrchen zur Hand, fuhr es aus und lenkte die Spitze in den Nabel des weiblichen Körpers.
„Honigmet“, informierte er die anderen. „Na, das wird an der Placentaanschlussstelle gehörig kleben. Vielleicht ist ja auch etwas weiter hinuntergelaufen.“ Er leckte sich genüsslich die Lippen. „Aber das werde ich später überprüfen. Wo bleibt denn nur unser schizophrener, cerebraler Cyborg?“
„Womit haben wir diese Zurückhaltung verdient, verehrter de Sade?“ fragte die Frau im Chiton. „Johnny Mnemonic wird sich wie immer darin verloren haben, seine Datenbanken nach den Versatzstücken seiner originären Persönlichkeit zu durchforsten. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass er sich, wie übrigens auch unser britischer Gentleman hier, in letzter Zeit immer stärker absondert und – wenn überhaupt – unseren gemeinsamen Lustbarkeiten nur sehr zögerlich beiwohnt.“
„Jeder nach seinem Geschmack“, beschied ihr der Mann im Cut etwas einsilbig und schob seinen Zylinder auf das andere Ohr.
„Es ist aber gut, dass Mnemonic diese Vollversammlung einberufen hat, Mr. Fogg. Es ist schon etliche Takte her, dass wir alle zusammengekommen sind“, sagte die Frau mit der Föhnwelle.
„Das liegt sicher daran, verehrte eiserne Jungfrau, dass es weitaus ersprießlicher ist, seiner Libido unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu frönen“, kicherte der Mann mit der Fratze und machte Anstalten, seine Fingernägel am Stoff ihrer Jacke zu polieren.
Die Frau schüttelte seine Hand ab. „Von dir unberechenbaren Triebbündel habe ich auch nichts anderes erwartet. Trotzdem ist es unerlässlich, regelmäßig Kontakt zu halten und uns gegenseitig von unseren spezifischen Informationen in Kenntnis zu setzen, damit die Dinge in der Urb nicht völlig aus dem Ruder laufen.“
Die Flügeltüren des Saales öffneten sich erneut und eine Gestalt betrat die Halle, deren Schädelkuppel von einem metallischen Material überspannt war. Sie trug einen grauen Overall, die unzähligen Taschen so vollgestopft, dass sie sich unförmig nach außen beulten. Obwohl der Neuankömmling zielstrebig, den linken Fuß nachziehend, auf die Tafel zuhielt, gingen seine Bewegungen nicht völlig synchron ineinander über, sondern wirkten so, als wären sie aus einzelnen Sequenzen zusammengesetzt. An der Rundung der Tafel angekommen blickte er die Anwesenden der Reihe nach an, kratzte sich an der Schädelplatte, nahm eine aufrechte Haltung ein und breitete die ausgestreckten Unterarme waagerecht aus.
„Oh, wie von dir nicht anders zu erwarten, ein Gedicht“, wandte sich die Frau im Chiton ihm zu: „So heb denn an, Johnny Mnemonic“.
Der so Angesprochene warf sich in die Brust, dass die übervollen Taschen über seinen Rippen spannten und deklamierte:
„Ich habe euch ersucht, zu dieser Stunde
einzufinden an des Königs Artus Tafelrunde.
Mit euch zu reden ist es höchste Zeit,
habt Dank, dass ihr gekommen seid.
Hier haben wir geprasst und der Wollust gefrönt,
und uns gesuhlt in der Sinne Überschwang.
Doch lange schon bin ich all dessen entwöhnt.
Vernehmt daher nun meinen Abgesang.
In meinem Innern fühl ich mich öd und leer
und kann es ertragen − nimmermehr!
Lange Zeit kam nichts andres für mich in Betracht
und deswegen habe ich mich schuldig gemacht.
Über dem Schwelgen in Sinnesfülle
wurde ich zur gänzlich leeren Hülle.
Jetzt füllt diese dekadente Opulenz
mein Inneres mit Renitenz.
Sinn und Bedeutung gingen mir verloren,
was bleibt, ist zu stinkendem Fusel gegoren.
Bei dem, was mir einst teuer und dem Rest meiner Ehr’,
ich kann es ertragen − nimmermehr!
So will ich euch nun die Gemeinschaft aufkünden
und bin nicht geneigt, das im Detail zu begründen.
Versucht auch nicht, mich umzustimmen,
ich werde mein Leben nicht weiterhin dimmen.
So wie jene Toten da in ihrem Magmagrabe,
möcht‘ ich nicht verkommen im Gallert eurer Tage.
Noch ahne ich nicht, wohin mich mein Fatum wird leiten,
doch nehme alles ich an, um Geist und Empfindung zu weiten.
Ich ergreife jetzt die Gegenwehr
und werde es ertragen − nimmermehr!
„Zwar verkörpere ich aktuell die antike Dichterin Sappho, doch muss ich eingestehen, dass du mir im Dichten um Längen voraus bist. Das ist überaus bedauerlich und vielleicht sollte ich mich demnächst an einer anderen Figur versuchen“, bemerkte die Frau im Chiton.
„Ich dagegen werde diesen Joker, glaube ich, noch lange nicht aufgeben. Irgendwie entspricht er meinem schrägen Naturell“, grinste die Fratze.
„Das kommt ziemlich plötzlich und klingt auch ziemlich endgültig. Ich nehme an, es gibt nichts, was dich umstimmen könnte?“ stellte die Frau in dem schillernden Trikot fest.
„Richtig. Ich bin schon lange mit mir uneins, ob ich dieses Leben weiterführen möchte. Es irisiert und gleißt wie dein Trikot, Shelly Floatgrave, aber es ist nicht echt. Sicher, es ist luxuriös bis zum Überdruss, bis zur Unerträglichkeit bequem, es bietet Sinnenkitzel jedweder Art und im Lesen deiner Holzbücher, Phileas Fogg“, Mnemonic fixierte den Gentleman im Cut, „lassen sich sogar sinnliche mit geistigen Genüssen verbinden. Aber dieses Leben ist völlig sinnlos, völlig bedeutungslos. Es ist egal, was wir tun oder auch nicht tun, wir erreichen damit nichts. Alles ist belanglos, austauschbar, beliebig. Wir haben alles und damit haben wir nichts. Denn nichts bietet uns Widerstand, nichts dürfen wir erwarten, an nichts können wir wachsen ...“
„Also, ich verfüge durchaus über ein Körperteil, an dem ich wachsen kann“, unterbrach der Joker genannte Mann.
Der Mann mit der Schädelplatte lächelte gequält. „Es sei dir unbenommen, in der Funktionalität deiner Schwellkörper zu schwelgen. Mir aber reicht das und auch alles Weitere, was euer Zirkel zu bieten hat, nicht mehr. Ich bin euch unendlich dankbar, dass ihr mich damals aufgenommen habt, als ich mich immer und immer wieder zwischen meinen cerebralen Windungen in partieller Amnesie verloren habe und völlig orientierungslos war. Aber inzwischen habe ich zu einer neuen Persönlichkeit gefunden und kann dieses Leben auf gar keinen Fall weiterführen. Im Übrigen fühle ich mich nach wie vor an mein Wort gebunden, alles, was ich hier erlebt und gesehen habe, für mich zu behalten. Auch habe ich keinen Grund, euer Treiben öffentlich zu machen. Ihr schadet ja niemandem und die kleine parasitäre Eiterbeule dieses Zirkels kann die Urb ohne Weiteres verkraften.“
Auf das Gesicht von Phileas Fogg stahl sich ein hintergründiges Lächeln.
„Immerhin hat dir diese Eiterbeule geholfen, wieder Ordnung unter deiner Schädelplatte zu schaffen“, sagte der de Sade genannte Mann und nahm sich eine Auster von einer Platte mit Seafood, die er mit Zitrone beträufelte und genüsslich durch die gespitzten Lippen in den Mund sog. „Und außerdem hatte ich den Eindruck, dass du dich zeitweilig durchaus gerne an diesem Eiter delektiert hast.“
„Das will ich auch gar nicht abstreiten und unter anderem ist genau das Teil meines Problems. Und wie auch immer ich jetzt zu eurem Treiben hier stehen mag: Ich bin euch verpflichtet. Aber ich kann nicht wissen, ob ihr meinen Worten Glauben schenkt oder aber davon ausgeht, ich sei eine latente oder vielleicht sogar akute Bedrohung für euch. Seid hiermit gewarnt, für diesen Fall habe ich vorgesorgt: Sobald sich meine Vitalwerte abrupt verschlechtern sollten, werden unmittelbar im OmniNet in sämtlichen NewsFeeds bestimmte Hinweise freigeschaltet, deren Veröffentlichung nicht in eurem Sinne sein dürften. Wenn wir uns aber, was ich doch sehr hoffe, gegenseitig in Ruhe lassen, steht einer friedlichen Koexistenz nichts im Wege.“
„Nun, ich denke, jeder von uns hat auf die ein oder andere Weise so seine Vorkehrungen getroffen, noch möglichst lange der Freuden dieser trauten Gemeinschaft teilhaftig sein zu können – oder sich meinetwegen auch woanders zu verlustieren“, kicherte die Fratze. „Ich für meinen Teil wüsste nicht, wo es mir in der gesamten Urb besser gehen könnte als exakt hier.“
„Ich für meinen Teil bedauere deine Entscheidung, Mnemonic“, sagte der Phileas Fogg genannte Mann, „sehe aber auch, dass du deinen Standpunkt hast. Wir sind die BigDatas. Als Gruppe reicht unser Arm weit und keiner von uns lässt die anderen in seine Karten schauen. Wir sind die Einzigen in der Urb, die nicht unter dem Diktat der Gaußkurve stehen und deren Bestimmung nicht das Mittelmaß, sondern Individualität und Extravaganz sind. Und da wir, um dieses Privileg aufrecht erhalten zu können, zwischen uns klare Verhältnisse schaffen und halten müssen, haben in der Tat jede und jeder von uns ganz eigene Vorkehrungen getroffen. Schließlich“, er lachte, „können wir im Falle von Unstimmigkeiten keinen banalen MatchingLoop starten. Auch wenn wir völlig verschiedener Auffassung darüber sein mögen, wie es sich zu leben lohnt, lässt sich vielleicht das Diktum von Alexandre Dumas zitieren, eines frühen Zeitgenossen des von mir verehrten Jules Verne: ,Einer für alle. Alle für einen.‛ Im übertragenen und deutlich weniger romantischen Sinne bedeutet das: Wenn wir, die Datas, einem einzelnen von uns schaden, schaden wir uns allen. Und wenn einer von uns den Datas schadet, schadet er sich selbst.
„Zu Zeiten der von mir verkörperten Maggie Thatcher nannte man so etwas Gleichgewicht des Schreckens“, sagte die Frau mit der Föhnwelle.
„Das gefällt mir schon wesentlich besser als die gefühlsduselige Gruppendynamik von Dumas“, grinste Joker.
„Damit wäre das also geklärt“, stellte de Sade fest, während er einen Teleskopgreifer ausfuhr, damit eine Sauciere ergriff und deren kochend heißen Inhalt langsam und genüsslich auf die Brust des auf die Tafel drapierten Mannes rinnen ließ.
„Wer so wie ich Hunger verspürt, möge mit mir die Tafel teilen. Aber auf die Trägerin der liebreizenden, himbeerbekränzten Fleischhügelchen dort erhebe ich alleinigen Anspruch. Und ich weiß auch schon, aus welch anderer Muschel ich eine dieser deliziösen, meersalzenen Austern schlürfen werde.“
Im obersten Stockwerk des Towers der Agency of SocialTechnology ruhte der Mann, der sich Phileas Fogg nannte, in einem ledergepolsterten Ohrensessel in seiner Bibliothek. Regal um Regal säumten Reihen von in die unterschiedlichsten Einbände gefassten Bücher die Wände. Er hatte diese Holzbücher aus dem zusammengetragen, was ihm an erhaltenen Beständen der untergegangenen Kultur mit der Zeit nach und nach zugänglich geworden war und sich auch das ein oder andere ihm wichtige Buch aus digitalen Archiven auf ZelluloseSheets fixieren und nach Maßgabe entsprechenden historischen Bildmaterials binden lassen. Aus einem die gesamte Stirnwand einnehmenden großflächigen Panoramafenster genoss er einen atemberaubenden Blick über die gesamte Urb. Immer, wenn er sich sammeln und nachdenken musste, zog er sich in seinen ReformClub zurück, wie er seine Bibliothek nach dem Lieblingsaufenthalt seines literarischen Vorgängers nannte. Wohlig dehnte er sich in seinem bequem geschnittenen Hausrock aus dunkelgrünem Samtimitat und starrte sinnend in die Flammen des Feuers, das in einem offenen Kamin loderte und die Buchrücken mit zuckenden Schatten überzog.
Es mochte albern sein, aber er liebte die Zeit des vorletzten Jahrhunderts des ausgehenden zweiten Jahrtausends, der die Figur entstammte, die er für seinen Avatar gewählt hatte: Phileas Fogg, Protagonist einer Fiktion des Autoren Jules Verne, die im sogenannten viktorianischen Zeitalter angesiedelt war. Neben den etwa 1.500 Holzbüchern seiner Bibliothek hatte er den Großteil seiner Kenntnis der Zeit vor dem Finalen Kataklysmus aus einer Datenbank namens „Project Gutenberg“ gewonnen, die wie die anderen historischen Datenbestände der Urb aufgrund welcher Umstände auch immer nicht in dem großen Datencrash untergegangen war. Dem BigData erschien die Zeit des Phileas Fogg als eine Epoche, in der die Menschheit, obwohl massiv zum Fortschritt aufgebrochen, ihre Unschuld noch nicht verloren hatte. Wissenschaft und Forschung waren zunehmend in methodische Bahnen geflossen und mit der immer stärkeren Nutzbarmachung der Dampfkraft hatte die beginnende Industrialisierung Raum gegriffen. Im Zuge der Kolonialisierung hatte sich die gesamte Welt erschlossen – Phileas Fogg hatte gewettet, sie in 80 Tagen umrunden zu können – ohne jedoch schon in eine umfassende Vernetzung verstrickt zu sein. Anders als im Schmelztiegel Amerika war im britischen Empire die soziale Mobilität noch nicht entfesselt. Jeder wusste, wo er hingehörte und Phileas Fogg profitierte uneingeschränkt von der mit seinem sozialen Status einhergehenden finanziellen Unabhängigkeit und seiner intellektuellen Überlegenheit. Seine Welt war stabil und noch nicht in eine Schieflage geraten.
Diese hatte sich dann bei schließlich über 10 Milliarden Menschen im zweiten Jahrhundert des dritten Jahrtausends eingestellt, als die Dinge zunehmend außer Kontrolle geraten waren. Die Menschheit war zu groß und die Erde zu klein geworden, trotzdem beanspruchten alle einen immer größeren Teil. Die Polkappen waren zu großen Teilen abgeschmolzen, und die damit einhergehenden gravierenden klimatischen Veränderungen hatten weite Teile der Landflächen unbewohnbar gemacht. Es kam zu weltumspannenden Migrationsströmen und sozialen Verwerfungen. Keine Entwicklung blieb lokal begrenzt, jeder Fehler potenzierte sich und destabilisierte die Gesamtlage, jede lokale Katastrophe schlug aufs Ganze durch. Alles stand mit allem in Verbindung, jeder konkurrierte mit jedem, eine geringe Zahl Privilegierter um Luxus, die Masse um die bloße Lebensgrundlage. Dabei standen sich nicht wie in früheren Zeiten nur einige wenige Machtblöcke gegenüber, sondern es herrschte eine nicht mehr zu bändigende Vielfalt an lokalen und partikularen Interessen. Die Erkenntnisse aus den sich zunehmend verselbstständigenden Datenströmen aus oft genug widersprüchlichen Quellen boten keine Hilfe, im Sinne des großen Ganzen sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Schließlich konnte das fragile Gleichgewicht nicht mehr aufrechterhalten werden und es war zur Katastrophe gekommen. Wahrscheinlich hatte die Kumulation vieler kleiner Brandherde überall auf der Welt einen globalen Feuersturm entfesselt. Was danach geschah, verlor sich auf Generationen in den Nachbeben der Apokalypse. Da die globale Infrastruktur grundlegend zerstört war, mussten die wenigen überlebensfähigen Zentren der Zivilisation autark werden. Wie mittelalterliche Burgherrn hatten sie Schutzwälle um sich herum errichtet und waren voneinander isoliert und dezentralisiert geblieben, denn die Erfahrung der negativen Folgen einer unumkehrbaren weltweiten Vernetzung blieb dem kollektiven Gedächtnis verhaftet.
Der Mann, der sich Phileas Fogg nannte, erhob sich aus seinem Sessel, trat an das Panoramafenster, verschränkte die Hände auf dem Rücken und blickte auf die Skyline der Urb, die sich zu seinen Füßen ausbreitete. Die Nachtsimulation war angebrochen und die Laser der DomeAnimation projizierten ein klares Firmament, an dem unzählige Sterne funkelten, die sich periodisch zu jeweils unterschiedlichen Sternbildern gruppierten. Wie schimmernde Perlenketten durchzogen die dicht mit Cabs besetzten Strings der AntiGrav den CapitalGround und verloren sich in der Ferne auf den anderen Ebenen dieses Levels. Weit unter ihm ragten zwischen den Grounds die Spitzen der DomeScraper der Plattformen des nächsttieferen Levels.
Das war seine Stadt. Sicher lagen da draußen noch andere Städte und im weitesten Umfeld gab es auch etliche agrarische Gemeinschaften. Eine sollte gar matriarchalisch organisiert sein. Aber Genaueres wollte er gar nicht wissen und er hoffte inständig, dass es auch weiterhin zu keinerlei Kontakten oder gar Überschneidungen kommen würde. Denn hier, unter diesen Kuppeln, hatten sich die Dinge überaus vielversprechend entwickelt.
Gigantische, in einem geostationären Orbit von 22.250 Meilen relativ zur Erde stillstehende Sonnensegel ernteten die Lichtquanten der Sonne und leiteten deren Energie über einen Laser zur Erde in die Kraftwerke der Urb. Die in GenArchen konservierten Stammzellen längst ausgestorbener Arten lieferten ausgedehnten InVitro-Kulturen die Grundlage für die Züchtung von Lebensmitteln aller Art. MaterieKonverter synthetisierten aus wenigen, reichlich vorhandenen Ausgangsstoffen fast alle Materialien, die die Urb brauchte. Sie war weitestgehend autark und durch die Kuppeln vor den Extremwettern geschützt, die regelmäßig über sie hinweg zogen.
Aber all das waren lediglich grundlegende Voraussetzungen, die Fogg als Selbstverständlichkeiten ansah. Was ihn wirklich interessierte, waren die Möglichkeiten, die sich vor diesem Hintergrund für die Entwicklung des Menschen eröffneten und als einer der BigDatas befand er sich in der exklusiven Position, hier entscheidend eingreifen zu können.
Alle 5 BigDatas waren leitende Köpfe der Agency of SocialTechnology, die deren Administration ganz weit nach oben gespült hatte. Da die Agency vor allen anderen Institutionen die entscheidende Schaltstelle zwischen den Anträgen des Systems für die Mittelung aller Citizens und deren praktischer Umsetzung bildete, verstanden sich ihre Mitglieder, die zudem je nach Stellung ihre ganz eigenen Privilegien genossen, als eingeschworene Gemeinschaft. Wenn auch der ein oder andere ahnte, dass es da in den höheren Rängen einen gewissen Zirkel gab, drang nichts davon in die Öffentlichkeit. Was genau seine Mitglieder trieben und auch die Bezeichnung BigDatas, die irgendjemand in dieser Runde einmal gekürt hatte, war dagegen aus guten Gründen ein streng gehütetes Geheimnis.
Die BigDatas saßen an den Hebeln der Macht und verfügten über Ressourcen, die den unter dem Diktat der Gausglocke stehenden Citizens verschlossen waren. Unter anderem hatten sie Zugang zu den Datenbeständen des SchismaticNet, die sämtliche Inhalte umfassten, die die Urb aus dem digitalen Overkill nach dem Kataklysmus hatte retten können, aber nicht ins OmniNet eingestellt worden waren. Im Zuge der Mittelungstendenzen des Systems spalteten sich zudem kontinuierlich Inhalte des OmniNet ab, die dann ins SchismNet flossen. Die Algorithmen, die das Netz steuerten, beförderten die Grundtendenz, eine unberechenbare Vielfalt von Angeboten und Informationen auf wenige, eindeutig quantifizierbare und damit berechenbare Kategorien hin einzuschränken. Beispielsweise boten hier detaillierte historische Informationen über die Kultur der Zeit vor dem Kataklysmus keinen unmittelbaren Nutzen, sondern waren eher kontraproduktiv. Entsprechende InformationAreas wurden aber nicht abrupt abgeschaltet, sondern das System veränderte das kollektive Gedächtnis der Urb auf eine evolutive Art und Weise, indem die Nutzung von der Mittelung zuwiderlaufenden Inhalten über einen sehr langen Zeitraum hinweg für die Citizens fast unmerklich ausgeschlichen wurde. In Bezug auf Inhalte, die fester Bestandteil der aktuellen Kultur der Urb waren, konnte sich dieser Prozess durchaus über eine halbe Generation oder noch länger hinziehen. Da das System im Laufe der Zeit immer weniger mit diesen Areas zusammenhängende Anträge machte, wurden auch entsprechende Handlungs- und Wahloptionen immer weniger nachgefragt und die zu ihnen führenden Leads verschwanden allmählich. Hatte dann die Anzahl der Besuche einer InformationArea dauerhaft eine bestimmte Marke unterschritten, wanderte dieser Bereich ins SchismNet und war damit für die Allgemeinheit nicht mehr zugänglich. Im SchismNet aber blieb alles erhalten, denn das System löschte grundsätzlich keinerlei Informationen.
Wie und wann sich der Kreis der BigDatas konstituiert hatte, war nicht mehr nachvollziehbar und mochte er in der Verfolgung welchen Zweckes auch immer einmal eine feste Struktur gehabt haben, herrschte nun, wie Phileas Fogg erfahren hatte, die absolute Anarchie.
Er war durch seinen direkten Vorgesetzten eingeführt worden, der seine Karriere von Anfang an protegiert hatte. Anfangs war er gleichermaßen angezogen wie abgestoßen von den Exzessen, die sich ihm da zur Teilnahme anboten. Nach einer gewissen Inkubationszeit aber hatte er sich hemmungslos nachgegeben und sich in einem Machtrausch verloren, der in einem nur durch seine offiziellen Verpflichtungen unterbrochenen Sinnes- und Gefühlstaumel gipfelte, der jenseits all dessen lag, was er sich jemals vorzustellen gewagt hatte. Weniger disziplinierte Charaktere als er wären dem triebhaften Sog dieses Lebens dauerhaft erlegen. So hatten die anderen BigDatas zwar ebenfalls ihre offiziellen Stellen nicht aufgegeben und hüteten, einander argwöhnisch beobachtend, ihre strategische Machtbasis, lebten ansonsten aber ausschließlich ihren ganz privaten Obsessionen.
Seit einiger Zeit war es üblich, sich den Nimbus einer historischen oder fiktiven Figur zu verleihen und deren Besonderheiten und Eigenarten in aller Exzentrik auszuleben. Die spärlichen historischen Bestände über Kultur und Geschichte vor dem Kataklysmus, auf denen die BadPastLessons der Authority of PoliticalIndoctrination beruhten, konnten mit der Tiefe und dem Detailreichtum der diesbezüglichen Informationen des SchismNet in keiner Weise mithalten. Aber letztlich dienten die Lessons ohnehin nur als dünne historische Folie, gegen die sich die technologischen und wirtschafts-sozialen Errungenschaften der Urb umso positiver abheben ließen.
Phileas Fogg goss sich noch etwas Tee in eine dünne Porzellanschale. Er zog diesen „Earl Grey“ genannten Aufguss, den er sich aus verschiedenen Kräutern und Aromen synthetisieren ließ, den aktuellen Push- oder SmoothDrinks bei weitem vor. Er erinnerte sich noch lebhaft daran, wie er im Rahmen einer Recherche im SchismNet auf die Daten des Project Gutenberg gestoßen war und ihn die Welt, die sich ihm da eröffnete, derart absorbiert hatte, dass er abrupt von einer sinnlichen in eine geistige Ekstase geraten war. Zwar im exklusiven Kreis der BigDatas angelangt, war er doch als in der UniqueSchool of Averaging sozialisierter Citizen mit schematisierten Kurztexten, Manuals, Abstracts und Briefings aufgewachsen, und kannte die Art von Texten nicht, die hier als „Buch“ bezeichnet wurde. Über diese Bücher in das Denken, Empfinden und Erleben längst verstorbener Menschen, längst untergegangener Welten eintauchen zu können, wirkte wie eine Droge, die ihn völlig vereinnahmt hatte, von der er allerdings auch sicher war, dass sie Gift für die zukünftige Entwicklung des Menschen darstellte. Natürlich war es völlig unmöglich, auch nur einen repräsentativen Bruchteil der 60.000 hier über die Wirren des Kataklysmus geretteten Werke zu lesen. Doch hatte er sich im Laufe seiner Zeit als BigData über die Werke der Autoren genannten Urheber von Aristoteles bis Zola einen guten Überblick verschafft.
Weniger die Sach- und Fachbuch genannten Schriften als vielmehr die als „Literatur“, „Belletristik“ oder „Romane“ bezeichneten Bücher hatten ihm einen tiefen Einblick in die Natur des Menschen vermittelt. In der Regel ging es um einen Helden, eine Heldin oder ein sogenanntes Individuum, die etwas suchten, das „Glück“ genannt wurde und dabei etwas trotzten, das „Schicksal“ hieß und in keiner Weise berechenbar war oder sich gegen eine „Familie“ genannte Gruppe von Menschen durchsetzten oder die Fesseln der Gesellschaft sprengten, um ihren eigenen Weg zu diesem Glück zu finden. Ein anderes Thema, das noch weitaus größeren Raum einnahm, war die sogenannte Liebe, ein exklusives, alles Empfinden übersteigendes Gefühl zwischen zwei Individuen, auf das diese entweder hinsteuerten oder das sie verloren hatten oder gegen das Schicksal oder die Gesellschaft verteidigten. „Dramatisch“ oder „tragisch“ wurde es, wenn ein Individuum das andere liebte, dieses seine Gefühle aber nicht erwiderte oder aufgrund widriger Umstände nicht erwidern konnte. Der Liebe entgegengesetzt wurden Hass, Rache, Kampf und Krieg beschrieben, die Individuen und die mit ihnen verbundenen Menschen in Leid und Chaos stürzten.
Gerade weil ihn einige dieser Bücher so aufgewühlt hatten, war sich Phileas Fogg sicher, dass die Weltsicht, aus der heraus sie entstanden waren, der Entwicklung einer sicheren und für alle Citizens förderlichen Gesellschaft entgegenstand. Er war zu der festen Überzeugung gelangt, dass die Urb auf dem richtigen Wege war. Der Schlüssel war die totale Berechenbarkeit allen menschlichen Verhaltens. Nur so blieben die Dinge nicht dem Zufall und der Willkür eines nicht greifbaren Schicksals überlassen, nur so ließ sich das Leben sinnvoll steuern. Was der totalen Berechenbarkeit diametral gegenüberstand, war das Konzept des Individuums, als einzigartiges, vor allem seiner sogenannten „Selbstverwirklichung“ verpflichtetes Wesen.
Es war falsch zuzulassen, dass jeder sich ein von der Allgemeinheit nicht überprüfbares Bild von sich selbst und seinen Bezügen zu Welt machte! Es war falsch, dass jeder für sich seine Biografie deutete und individuelle Sinnzusammenhänge setzte! Es war falsch, dass jeder, ungeachtet der Kosten, die seine Mitwelt dafür bezahlte, seine sogenannte Selbstverwirklichung vorantrieb. Welche höchst fatalen Auswirkungen das mit sich brachte und wohin das führte, hatte ihm die sich in der Literatur der alten Zeit widerspiegelnde Geschichte gezeigt.
Die einzelne Person führte ihre ausgelebte Individualität neben spärlichen Takten des Glücks in den meisten Fällen in Leid und Verzweiflung. Auf der Ebene der Administration gab es Lug und Trug und im Rahmen dessen, was „Politik“ genannt wurde, führte die Sucht des Einzelnen nach Ruhm und Größe von lokalen Terroranschlägen bis hin zu weltumspannenden Kriegen. Schuld daran waren letztendlich immer die sogenannten Individuen, deren Sehnen und Trachten und damit Handeln nicht kalkulierbar und absehbar waren und so für die Gemeinschaft zur potenziellen Gefahr wurden. Abertausende waren an ihrer Selbstverwirklichung zerbrochen und hatten darüber ihre Mitwelt ins Verderben gerissen. Abertausende waren völlig verblendet den unhaltbaren Heilsversprechungen einzelner, sich als etwas Besonderes verstehender Individuen nachgelaufen, was zu unendlichem Leid und Unheil geführt hatte. Das Gehirn des Individuums war eine BlackBox, ein Inkubator, in dem bestenfalls Belangloses stattfand und schlimmstenfalls subversives, die Gemeinschaft aller schädigendes Gedankengut ausgebrütet wurde. Hier keine Kontrolle zu haben, hieß letztlich, jede Hoffnung aufgeben zu müssen, jemals ein produktives und friedliches Miteinander realisieren zu können.
Indem sie die lebenslange Sozialisation unter den Primat der Gaußglocke gestellt hatte und alle Extreme mittelte, war die Urb auf einem guten Wege, das Konzept des Individuums zu brechen. Möglich wurde das durch die gigantischen Kapazitäten des Systems, dessen Algorithmen alle schädlichen Auswüchse des Einzelnen auf ein gesundes Maß zurückstutzten. Wer auch immer die Grundlagen des Systems entwickelt hatte, hatte diese Notwendigkeit erkannt. Die Urb hatte sämtliche Weltinterpretationen und Sinnzuschreibungen von innen nach außen gekehrt und den Sumpf individuellen Selbstverständnisses ausgetrocknet. Sie hatte die wirren Ideologien der Geschichte, die sich wie Spaltkeile zwischen die Menschen trieben, und die daraus erwachsenen Gräuel überwunden und das menschliche Miteinander auf ein konsensfähiges, weil quantifizierbares und berechenbares Fundament gestellt. Rund um den Takt gab jeder Citizen zum Wohle des Ganzen durch die Aufzeichnungen der MatchingEyes Aufschluss über sein Verhalten und in jeder MatchingSession sein Innerstes preis. Dafür bot ihm die Community allumfassende Sicherheit und innerhalb fest definierter Kompatibilitätsgrenzen Deutungsmöglichkeiten, die er ausfüllen konnte, ohne durch dieses Verständnis seiner selbst den großen Gleichklang aller zu gefährden.
Welche Blüten entfesselter, mit Macht gepaarter Individualismus treiben konnte, dem weder durch andere noch durch limitierte Ressourcen Grenzen gesetzt wurde, zeigte Phileas Fogg das Beispiel der anderen BigDatas auf das Anschaulichste. Es gab weder explizite Zugangsregeln für diesen Kreis, noch war die Anzahl seiner Mitglieder festgelegt. Offensichtlich aber lag es in der Natur des Menschen, dieses, wie er bei Aristoteles gelesen hatte, auf Gemeinschaft hin angelegten Tieres, sich selbst über die Abgrenzung zu anderen Kontur zu geben und in seinem Selbstverständnis zu definieren. Dabei waren Konkurrenz und Rivalität die das Verhalten bestimmenden anthropologischen Konstanten. So befriedigte es die BigDatas auf Dauer nicht, ihre Sonderstellung als reinen Selbstzweck zu genießen, sondern ließ sich augenscheinlich nur dann völlig auskosten, wenn sie anderen möglichst eindringlich demonstriert werden konnte. Macht wollte vor den Augen anderer ausgeübt werden, die ohnmächtig oder doch zumindest weniger mächtig waren, Besonderheit wollte zur Schau gestellt werden. Und da dies natürlich nicht in der Öffentlichkeit der Urb geschehen konnte, wurden dem Kreis von Zeit zu Zeit neue Mitglieder zugeführt, um sie mit den hier üblichen Privilegien zu blenden und zu beeindrucken. Untereinander buhlten die BigDatas darum, sich gegenseitig an Einfluss und Exzentrik zu übertreffen. So hatte die schiere Fassungslosigkeit Phileas Foggs, mit der er als neu eingeführter BigData den dort betriebenen Exzessen gegenüberstand, auch seinem Mentor ein Widerlager geboten, um dessen schon etwas abgestumpftes Selbstempfinden neu zu schärfen. Darüber hinaus war der Neuzugang ein willkommener Bundesgenosse gegen die anderen BigDatas.
Seinen Mentor hatten letztlich auch alle Kunstgriffe der transhumanen Medizin nicht am Leben erhalten können und er hatte Phileas Fogg vor seinem Tode sämtliche Fäden überspielt, die er in den Händen hielt. Diese Fäden gedachte Phileas Fogg nun im Laufe der Zeit zu einem dichten Netz zu spinnen, in dem er die anderen BigDatas mattsetzen konnte. Denn im Gegensatz zu ihnen ging es ihm nicht nur darum, in kleingeistigem Machterhalt den Daumen auf seine Sektion der Urb zu halten und dabei in von allen anderen Citizens abgehobenem Luxus zu schwelgen, sondern er verfolgte für die gesamte Urb höhere Ziele.
Konkurrenz und Rivalität mochten in den Urzeiten der Menschheit ihre Berechtigung gehabt haben, als das nackte Überleben davon abhing, sich gegen eine feindliche Natur zu behaupten und aus den Verteilungskämpfen zwischen den Artgenossen siegreich hervorzugehen. Als das Überleben dann für die meisten Menschen in seinen Grundzügen gesichert war, kam es zwischen denen, die permanent in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht waren, und denen, die es sich leisten konnten, ihre sogenannte Individualität zu kultivieren, zu Verwerfungen globalen Ausmaßes, die angesichts zunehmend knapper werdender Ressourcen, um die zu viele Menschen kämpften, schließlich zum Finalen Kataklysmus geführt hatten.
Viele Generationen nach dem Armageddon hatten sich nun aber vor dem Hintergrund des technischen Standards der Urb und der immensen administrativen Leistung des Systems völlig neue Perspektiven ergeben, die Bedingungen der Möglichkeit des Menschseins grundlegend zu verändern. Das Konzept der Individualität hatte sich überlebt, denn die damit unauflöslich verbunden Verhaltensmuster von Konkurrenz und Rivalität führten lediglich zu Reibungs- und Effizienzverlusten. Die Aufgabe würde darin bestehen, das nach der totalen Gleichschaltung noch nicht eliminierte Konkurrenzverhalten der Citizens produktiv zu nutzen, aber so zu kanalisieren, dass alles Handeln weiterhin berechenbar blieb.
Das Feuer war inzwischen fast ganz heruntergebrannt und Phileas Fogg legte einen neuen Kloben FakeWood auf, der sofort auf ganzer Fläche aufloderte.
Spätestens, wenn die Urb den Omega-Punkt der totalen Gleichschaltung erreicht hatte, würde er damit beginnen, den Menschen völlig neu zu formen. Und bis dahin würde er schon Mittel und Wege finden, sich der andern BigDatas zu entledigen. De Sade war im Grunde ein gehemmter naiver Lüstling, der mit der Rolle seines historischen Vorbilds lediglich kokettierte und vor allem nicht über dessen Intellekt verfügte. Joker dagegen war wie sein Avatar tatsächlich ein gefährlicher und unberechenbarer Psychopath. Einige seiner Gespielen waren, nachdem er mit ihnen fertig war, nicht wiederzuerkennen gewesen. Sappho war eine naive Gans, die sich ziellos treiben ließ und alle 3 TeraTakte ihren Avatar wechselte. Thatcher gab sich zwar gerne staatstragend und hatte die sogenannte eiserne Lady als Avatar gewählt, weil sie glaubte, dass ihr in dieser Rolle mehr Einfluss zuwachsen würde, hatte aber bei weitem nicht das Format ihres historischen Vorbilds. Shelly Floatgrave schließlich, deren Avatar die berühmte Künstlerin der Quantendiffusion war, war genauso unberechenbar und unstet wie ihr Trikot. Sie würde nichts Dauerhaftes zustande bringen.
Der Einzige, der ihm vielleicht gefährlich werden konnte, war Johnny Mnemonic. Fogg bedauerte zutiefst, ihn dem Kreis der BigDatas zugeführt zu haben. Seine Hoffnungen, in dem ehemaligen CaseOne einen ebenbürtigen Gesprächspartner zu haben, hatten sich nicht dauerhaft erfüllt. Anfangs hatte Mnemonic begierig jeden Exzess mitgemacht, so, als suchte er den Nervenkitzel, um sich zu bestätigen, dass er noch lebte. Er hatte sich Fogg gegenüber aufgeschlossen gezeigt und sich in so manches Gespräch über die untergegangene Literatur ziehen lassen. Mit Mnemonic über die Lebenswelten literarischer Figuren zu reden, war, als würden diese leibhaftig Gestalt annehmen, als würde er sich mit einem Zeitzeugen austauschen, der etwa mit Don Quichotte und Sancho Pansa über die La Mancha geritten war. Fogg hatte das unsäglich genossen.
Doch bald schon hatte sich Mnemonic völlig in sich zurückgezogen. Wenn er aus seinen häufigen Absencen erwachte, deklamierte er in der Regel mit weit ausholender Gebärde ein Gedicht, um dann wieder tief in seinen Grübeleien zu versinken. Es war Fogg nicht mehr gelungen, in einen Kontakt mit ihm zu treten, der über den Austausch der üblichen Floskeln hinausging. Ihm daraufhin keine weitere Beachtung zu schenken und zu hoffen, dass sich sein Zustand vielleicht bessern würde, war ein großer Fehler gewesen. Mnemonics Entschluss, die Datas zu verlassen, traf Fogg jetzt völlig unerwartet.
Die Datas waren eine Clique rivalisierender Psychopathen. Jeder und jede von ihnen verfügte über ein digitales und personales Sicherheitsnetz, dass ihm seine Unabhängigkeit von den anderen Datas sicherte. Die jeweiligen Einflusssphären wurden eifersüchtig gehütet und keiner ließ sich in die Karten schauen. Und offensichtlich war es auch Mnemonic gelungen, sich abzusichern. Seine Drohung, den geheimen Zirkel der Datas in das Licht der Öffentlichkeit zu reißen, sollten seine Vitalwerte rapide unter einen bestimmten Schwellenwert sinken, konnte lediglich ein Bluff sein. Wenn er aber aus seiner verlorenen Identität als Entwickler bei SwellFurniture noch Kenntnisse zutage gefördert hatte, mochte es ihm durchaus gelungen sein, einen derartigen Algorithmus zu entwickeln und entsprechend zu implementieren. Zumal ihm Fogg im ersten Überschwang zu glauben, einen Vertrauten und Freund gewonnen zu haben, einen exklusiven Systemzugang eingeräumt hatte.
Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er hatte sich grob fahrlässig verhalten. Schließlich trug er der Urb gegenüber eine Verantwortung, die niemand anders als er, Phileas Fogg, wahrnehmen konnte. In Zukunft würde er sich niemals mehr so hinreißen lassen. Schließlich – und auch das hatte ihn die Geschichte gelehrt – war Einsamkeit der Preis der Größe. Vielleicht konnte es ihm auch recht sein, dass der cerebrale Cyborg jetzt seine eigenen Wege ging, denn er war sensibel und intelligent genug, im Laufe der Zeit Foggs eigentliche Pläne erkennen zu können und wäre ihm vielleicht gefährlich geworden. Für das Erste konnte er nur hoffen, dass Mnemonic nichts zustieß.
Phileas Fogg rückte sich in seinem Lehnstuhl zurecht, den er nach einer uralten Marke LazyBoy nannte, und ließ sich auf seinem AeroFlat den aktuellen Wert des SocialScoreUrb anzeigen. Dieser nur der Agency zugängliche Index umfasste den gemittelten Wert aller MatchingPoints sämtlicher SocialUnits und heuristischen Vergleichsgruppen der Urb: Er stand auf 73,25 Prozent. Bezogen auf den letzten Bemessungszeitraum von 100 MegaTakten bedeutete das eine Steigerung um ganze 0,25 Prozent. Wenn er das ohne exponentielle Sprünge und neue Sozialtechnologien zu berücksichtigen ganz einfach nur stur linear hochrechnete, würden die sich kontinuierlich beschleunigenden iterativen Prozesse der Mittelung in rund 30 MajorTakten die Hundertprozentmarke und damit den OmegaPoint erreichen, in dem sich die Dinge grundlegend ändern würden.
In einer fest definierten Anzahl unverzichtbarer Kategorien wäre alles Verhalten so dicht um den Mittelwert einer für das grundlegende WellBeing der Citizens notwendigen und das Gemeinwohl förderlichen Ausprägung herum verteilt, dass gerade noch die erforderliche Vielfalt und Varietät vorhanden waren, um die wirtschafts-sozialen Kreisläufe nicht zum Erliegen kommen zu lassen. Denken und Verhalten aller Citizens wären vollständig gemittelt. Die Urb würde in einen Zustand völliger Berechenbarkeit und damit hundertprozentiger Absehbarkeit und Sicherheit eintreten.
Phileas Fogg lächelte in sich hinein. Er stellte sich immer vor, dass dann die Taille der Gaußglocke des möglichen Verhaltens zu einem schmalen senkrechten Strich in der Mitte eingeschnürt wäre. Wie hatte er seinen Leuten in der Agency immer wieder eingeschärft: Überschaubare Vielfalt in gemittelter Qualität.
Er war nun seit 15 MajorTakten ein BigData und jetzt 54. In längstens 30 MajorTakten hätte er sein Ziel der totalen Gleichschaltung allen Verhaltens erreicht. Dann wäre er 84 und da er in der Position war, sämtliche Mittel der transhumanen Medizin auszuschöpfen, konnte er es gut und gerne auf 120 MajorTakte bringen. Im OmegaPoint würde die Stunde der Wiedergeburt des Neuen Menschen schlagen und er, Phileas Fogg, wäre der Demiurg, der diesen Neuen Menschen erschaffen und steuern würde. Das individuelle Denken und Verhalten aller Citizens würde in eine Art TabulaRasa übergegangen sein, die er, wie damals bei CaseOne, völlig neu beschreiben konnte. Durch die totale Gleichschaltung der Sozialisation und die daraus erwachsene absolute Mittelung und Gleichschaltung von Denken und Verhalten hätte er es nicht mit zigtausenden, unberechenbaren, sogenannter Individuen zu tun, sondern trotz der erforderlichen genetischen Diversität nur eine einzige jungfräuliche Eva und nur einen einzigen gestaltbaren Adam vor sich, die er mithilfe des Systems in seinem Sinne beeinflussen und vorsichtig tastend die ersten Schritte unternehmen konnte, die vollkommene Gesellschaft zu formen.
Sommersaat; fünfter Umlauf im fünfhundertachtundsechzigsten Umlaufzwölft der Zeitläufte der Mondin
„Schon immer haben es mir die schnellenden Bollen angetan.“
Kurabel, Meisterschwinger
Brachvogel stand mit einigen anderen Mannlingen bis zu den Knien im saugenden Schlick des Obergrabens, der dem Wasserrad der Sägemühle das Wasser zuführte, und wuchtete mit einer Schaufel Schlamm über seine linke Schulter. Zum Fluss hin war das Flutgatter herabgelassen worden, so dass der Graben dergestalt gegen die Wasser abgesperrt nun trocken lag und von dem Schlamm befreit werden konnte, den die Lunagleiß ständig aufs Neue hineinspülte. Zwar verhinderte ein engmaschiges Gitter, dass Geröll in den Graben gelangte, das der Fluss in der Unterströmung mit sich führte, schützte aber nicht gegen den Schlamm. Als die Springlinge des Morgens auf einem Rund der Kündung zur Arbeit eingeteilt worden waren, war es Brachvogel nicht gelungen, im dichten Gedränge eines der raren Paare zerschlissener Lederhandschuhe an sich zu raffen, die die Frauen am Rande des Platzes achtlos auf einen Haufen geworfen hatten, und so begannen sich auf den Innenflächen seiner Hände die ersten Blasen zu wölben. Unbarmherzig brannten die Strahlen Sols auf seine nackten Schultern; fast wünschte er sich, dass wie das Ackern auch das Ausschachten nächtens durchgeführt wurde. Am Rande des Grabens zog eine Weisungsfrau ihre Runden und wachte darüber, dass die Arbeiten ordnungsgemäß vonstattengingen.
„Bei Sol, ich bin es wirklich gründlich satt, diese elende Rille immer wieder auszukratzen“, ließ sich rechts von ihm mit gesenkter Stimme ein Leidensgenosse vernehmen, der ebenfalls keine Handschuhe abbekommen hatte und dessen Gesicht schlammverschmiert war, weil er mit den verdreckten Händen ständig darin herumfuhrwerkte, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Brachvogel horchte auf. Es war nicht üblich, den Namen Sols in der Öffentlichkeit anzurufen.
„Es müsste möglich sein, den Graben so anzulegen, dass sich der Modder nur im ersten Drittel absetzt, das würde die Wartung erheblich erleichtern“, sinnierte er laut, ohne den Mannling direkt anzusprechen und fuhr dann vor sich hin murmelnd fort, „aber wir Mannlinge sind ja willfährige Arbeitstiere, die ohne Aufbegehren immer wieder den ganzen Graben auslöffeln.“
Der Mannling grinste so breit, dass von seinen Wangen ganze Schlammplacken abplatzten.
„Dein Ruf eilt dir voraus, Bruder Brachvogel, nie um eine Idee verlegen, was? Ganz offensichtlich sind wir Genossen im Geiste.“
Er senkte die Stimme und blickte sich verstohlen nach der Weisungsfrau um, die jetzt aber am anderen Ende des Grabens, nahe des Schaufelrades stand.
„Hast du übrigens je vom Bund vernommen?“
Natürlich hatte Brachvogel das. Der Bund der Freien Männer war ein offenes Geheimnis und entsprechende Gerüchte kursierten ständig in den Kreisen der Mannlinge. Offenbar handelte es sich um eine Gemeinschaft von Mannlingen, die sich an geheimen Orten in eigentümlich mannlingschen Tugenden übten. Dass der Bund noch nicht von den Frauen entdeckt worden war, schien allein dem Umstand zuzuschreiben zu sein, dass diese Mannlingen nicht den mindesten Schneid zutrauten, eigene Neigungen auszuprägen und zu pflegen. Für die Frauen war der gemeine Mannling eben nichts weiter als ein argloses, tumbes Schaf, das sich widerstandslos in sein Geschick fügte und keine eigene Tatkraft entwickelte, wurde ihm doch schon in der Stätte der Aufzucht mit der Milch der Demut und Besonnenheit unablässig eingetränkt, ohne die Lenkung und Leitung der Frauen rettungslos verloren zu sein.
„Gewiss habe ich schon vom Bund reden hören“, bestätigte Brachvogel, „was genau denn ist dein Begehr?“
„Jemand wie dich in seinen Reihen zu wissen, würde dem Bund gar wohl anstehen“, entgegnete der Mannling. „Am dritten Tag nach der Nacht der neuen Mondin, wenn Sol seinen höchsten Stand erklommen hat, sammeln sich die Genossen des Bundes jenseits des nordöstlichen Walles an dem großen Findling, um von da zu geheimen Plätzen aufzubrechen und ihre Sache zu betreiben. Wenn du Vorwitz verspürst, geselle dich doch das nächste Mal hinzu.“
Da die Weisungsfrau sich ihnen nun näherte, wandte der Mannling sich von Brachvogel ab und stach mit vor gespielter Anstrengung verzerrter Miene seine Schaufel wieder in den zähen Schlick.
Archontin Aiyah hatte bei den Frauen die Einsicht gefördert, dass auch eine noch so handfertig geschmiedete Kette brach, wenn auch nur ihr geringstes Glied über Gebühr belastet wurde und so war es als guter Brauch eingeführt worden, einmal im Umlauf kleineren Gruppen von Mannlingen einen Freigang zu gewähren und zwar immer an den Tagen nach der Nacht, in der die neue Mondin unsichtbar am Himmel stand. An diesen Tagen mochten die Mannlinge außerhalb der Wälle frei von Aufsicht umherstreifen und ihre ureigensten Dinge treiben. Die Gruppen der Freigänger wurden von den Weisungsfrauen derart zusammengestellt, dass niemals mehr als fünfzig Mannlinge unbeaufsichtigt außerhalb der Wälle unterwegs waren.
Beim nächsten Treffen des Bundes war auch Brachvogel im Schatten des großen Findlings zugegen. Nachdem das Gefilde ausgespäht und sicher war, dass ihnen keine Frau folgte, brach der Trupp von etwa vierzig Mannlingen in Richtung des Waldes auf, der sich flussaufwärts in einem breiten Streifen am Fuße der Fernwarte hinzog, bis sich das Land in die Ebene hinein weitete. Am Waldsaum wurde ein Späher zurückgelassen, der die Gruppe warnen würde, sollten sich etwa Jagdfrauen nähern, womit immer zu rechnen war, und auf verschwiegenen und wenig begangenen Pfaden erreichte man schließlich eine Lichtung, wo die Mannlinge sich niederließen. Brachvogel sah sich um. Bis auf einige wenige kannte er keinen von diesen und es war ihm nicht recht wohl, da ein jeder ihn neugierig anstarrte.
„Welche Erwartung hegst du gegenüber dem Bund der Freien Männer?“ fragte dann schließlich einer, der sich als Sonor vorstellte.
„Ich hege keinerlei Erwartungen und bin hier, weil jener dort“, und er wies auf den Mannling, mit dem er Schlick geschaufelt hatte, „mir das Anerbieten gemacht hat, euch kennenzulernen. Was treibt euch denn nun um?“
„Wir sind ein loser Zusammenschluss von Bundesgenossen und versuchen, Gesinnungsbrüder von einzigartiger Gemütsart und mit herausragenden Fertigkeiten um uns zu scharen. Wir nennen uns Genossen, denn wir genießen und nutzen einander. Ein jeder von uns weist eine besondere Eigenart auf. So steht dieser hier, Kurabel, mit dem du im Zulauf der Sägemühle gearbeitet hast, den Jagdfrauen in der Kunst, die Bola zu schleudern, in keiner Weise nach und jener dort, Legur, vermag es, Sprach und Sang all dessen, was da kreucht und fleucht, zu deuten. Balgurs Kescher entkommt kein Fisch, mag er noch so groß oder noch so klein sein, und wie die Schamaninnen weiß Angor von allerlei wundersamen Erscheinungen und Gesichten zu berichten, die ihm aber nicht nächtens im Lichte der Mondin, sondern unter Sols brennendem Antlitz zuteilwerden. Belarus dort hat ein besonderes Empfinden für den Ursprung und die Bedeutung der Worte und Magror, hier zu meiner Linken, ist in der Lage, zwei Steine so zu behauen, dass, wenn sie aufeinanderliegen, kein Blatt mehr zwischen sie passt. Den geschmeidigen Fingern von Delarus, dort hinten links, erwachsen Geflechte aus Röhricht, die als einhegendes Gefäß das Wasser speichern, ohne das auch nur ein Tropfen heraussickert, und die als deckendes Dach so gestaltet sind, dass kein Regen in den Raum hineinleckt, den es unter sich birgt. Susurrus, der sich verschämt da hinten am Rande mit seinem Ebsel herumdrückt, ist unser Ebselflüsterer. Er hat es nicht so mit den Menschen, die Ebsel aber folgen ihm auf den geringsten Fingerzeig; die Tiere würden für ihn über glühende Kohlen laufen. Ragun hier ist unser Wasserspürer und wittert über weite Entfernungen hin, wo das kühle Nass quillt, sei es auch unter einer noch so mächtigen Schicht staubtrockenen Bodens verborgen.“
Ehe sich Sonor weiter in die Brust werfen konnte, um ihm vollmundig auch noch die anderen Genossen vorzustellen, unterbrach ihn Brachvogel.
„Zu welchem Behufe denn versammelt ihr all diese besonderen Talente um euch und schart euch regelmäßig zusammen?“
Da ergriff Belarus, der Sprachkundige das Wort.
„Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, Brachvogel, wie uns die Frauen heißen: Mannlinge? Schon allein diese Benamsung offenbart unsere Not. Die Silbe ,ling‛ am Ende eines Wortes deutet darauf hin, dass das so Bezeichnete Züge einer Sache, eines Dings aufweist. Und in der Tat sind wir Mannlinge, Gehilflinge und Springlinge für die Frauen nichts weiter als Dinge, Gegenstände und Sachen, die zu ihrem Besitzstand gehören. Wir sind bloße Weisungsempfänger, Güterträger und Verrichter fraulicher Vorstellungen, wohlfeile Arbeitstiere, die nach Belieben hin und her geschoben und eingesetzt werden können. In den Augen der Frauen sind entkeimte Mannlinge arglos und dumm und neben ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit zu keinerlei geistiger Schöpfung in der Lage. Die wenigen Zeugungsträger, deren du einer bist, werden argwöhnisch beäugt, auf dass keine Gefahr von ihnen ausgehe. Gemäß der Weltsicht der Frauen sind Mannlinge insgesamt impulsive und unbedachte Wesen, deren Vorstellungskraft und Umsetzungswille, so sie solche überhaupt ausgeprägt haben, nur Verderben nach sich ziehen. So werden wir in Allem kurzgehalten und dürfen lediglich Erfüllungsgehilflinge fraulichen Denkens und Trachtens sein. Mag auch das Gros der Mannlinge in dumpfer Unbewusstheit verharren und das Joch, unter dem sie ächzen, als willkommene Weisung missdeuten, sind wir vom Bund der Freien Männer der Überzeugung, eigenständige und schöpferische Wesen zu sein, ausgestattet und befähigt mit dem gleichen Vermögen wie die Frauen und deshalb ebenfalls dazu ausersehen, das Recht zu haben, die Dinge zu gestalten und die Geschicke zu bestimmen. Um für jene ferne Zukunft, in der sich Frauen und Männer dereinst gleichgestellt begegnen mögen, Kraft und Können zu sammeln, unser Vermögen und unsere Fähigkeiten auszuloten und dingfest zu machen, schließen wir uns jetzt zusammen.“
„Wir haben weder Haupt noch Ältesten, uns eint allein die Überzeugung, keine Mannlinge, sondern Männer zu sein“, übernahm nun Sonor wieder. „Ein Mann, wie uns Belarus gelehrt hat, ist vom Wortsinne her ein der Sächlichkeit entkleideter und der allumfassenden fraulichen Lenkung entronnener Mannling. Ein Mann, wie uns unsere Erfahrung und unser Empfinden gelehrt haben, ist kein Wesen, dessen Sinnen und Trachten unterjocht werden müssen, kein Wesen, das sich seiner Antriebe und Triebe schämen muss, kein Wesen, wie die Frauen niemals müde werden, uns einzureden, von dem unabdingbar Gefahr für die Schöpfung ausgeht, sondern ein Wesen, das lediglich andere Eigenschaften und Vorstellungen ausgeprägt hat als die Frauen. Wir wollen keinen gewaltsamen Umsturz, wir hegen keinen Hass gegen die Frauen schlechthin, die unsere Geschicke ja durchaus gedeihlich lenken, wir begehren lediglich den Freiraum, uns in unserer Männlichkeit zu erproben. Wir wollen sehen und erleben dürfen, wo uns das hinführt. Gegenwärtig sind wir in diesem Sinne noch nicht wirkmächtig, zählen wir doch noch nicht einmal drei Dutzend Häupter. Aber wir hoffen, dass der Bund wachse und dermaleinst aus allen Mannlingen Freie Männer werden mögen.“
„Mögen aus allen Mannlingen Freie Männer werden“, echoten die anderen im Chor.
Zwar mutete das Gebaren dieser Männer des Bundes ein wenig eigentümlich an, entsprach aber im Wesentlichen dem, was auch Brachvogel dachte und empfand. Insbesondere Belarus legte den Finger in die Wunde: Tatsächlich drückte das Wort Mannling nur zu deutlich aus, welches Schicksal ihnen unter der Lenkung der Frauen beschieden war. Mannling! ‒ wie wäre es denn, wenn Männer Fraulinge hätten? Zeugten die ihm von Sonor vorgestellten Fertigkeiten der Genossen des Bundes auch von großem handwerklichem Geschick oder außergewöhnlicher Sinnesschärfe, nahm ihn indessen besonders Kurabels Fertigkeit ein, die Bola ebenso kunstfertig zu handhaben wie die Jägerinnen. Kurabel, ein kräftiger und stämmiger Genosse mit entschlossenem Gesichtsausdruck, machte auf Brachvogel nicht den Eindruck, sich damit begnügen zu wollen, einmal im Umlauf mehr oder weniger zum Zeitvertreib männliche Tugenden zu üben, sondern schien danach zu trachten, diese auch irgendwann einmal zum Wohle der Männer einzusetzen. Offensichtlich war es ihm gelungen, sich heimlich im Gebrauch der Bola zu vervollkommnen. Vielleicht würde Kurabel ihm diese Waffe ja einmal entlehnen, damit er sich ebenfalls darin üben könnte, die alles zerschmetternden Kugeln zu schleudern.
Über Worte zu sinnieren, war das eine. Sich handfest auf eine Veränderung der Verhältnisse vorzubereiten, das andere. Mit beidem schien Brachvogel dieser seltsame Bund aufwarten zu können. Niemand vermochte, die Sinne so zu spreizen und den Blick in die Ferne geweitet derart ins Ungewisse zu richten, dass sich ihm die Zukunft erschließen würde. Eines aber war gewiss, wenn nichts geschähe, würden noch in Generationen Ebsel und Mannlinge sich um die Pflugpfähle drehen und unter dem Joch der Frauen die Mannlinge sonnen- und mondtäglich zur Verrichtung der immer gleichen Fron trotten. Zwar würde die Klave vielleicht sicher im Schoße der Natur ruhen, aber auch fürderhin lediglich ein kärglich Dasein fristen. Auf ewig in die Kreisläufe der Natur eingebunden wäre kein Fortschreiten, sondern immerwährender Stillstand. Vielleicht würden ihm die Genossen des Bundes Gefährten auf dem Weg sein, Abhilfe zu schaffen und die Geschicke der Klave zum Besseren zu wenden. Vielleicht auch ließe sich hier ein weiterer Vertrauter gewinnen, den er neben seinem alten Weggefährten Agror so schmerzlich entbehrte. In den Reihen des Bundes schienen ja etliche Sonderlinge versammelt zu sein, da würde seine persönliche Wesensart, ein übler Grübler mit weitgreifenden Hirngespinnsten zu sein, niemanden weiter befremden, dachte Brachvogel, und pflegte damit den ihm eigenen beckmesserischen Umgang mit sich selbst. Aus diesen Gedanken aufschreckend, wurde er gewahr, dass jetzt alle auf sein Bekenntnis für oder wider den Bund warteten.
„Nun“, sagte Brachvogel, „ich sehe hier vieles von dem, was ich selber denke und empfinde, so lasst mich denn euer Bundesgenosse sein.“
„Wir freuen uns, dich in unsere Reihen aufnehmen zu können, doch um ein Mann unter Mannlingen zu werden, musst du dich auch einer Prüfung stellen“, erwiderte Sonor.
„Schätzt ihr eure erlesene Gesellschaft so hoch ein, dass man eine Prüfung ablegen muss, um ihrer teilhaftig zu werden“, spöttelte Brachvogel mutwillig.
Doch Sonor ging nicht auf die Stichelei ein. „Wir meinen das durchaus ernst und haben die Manier unserer Prüfung weidlich erwogen.“
„Sieh dich doch einmal um unter den Mannlingen“, schaltete sich nun ein Genosse ein, der sich als Glaukor vorstellte, „mit den meisten ist nicht viel Staat zu machen. Sie leben ohne Arg mehr oder weniger frohgemut in den Tag hinein und denken nicht weiter als bis zur nächsten Atzung. Vor die Wahl gestellt, selber eine Entscheidung zu fällen und einen Plan zu fassen oder sich Urteil und Spruch einer Weisungsfrau anheimzugeben, würden die meisten wohl letzteres wählen. Obwohl sie körperlich hart arbeiten müssen, haben sie sich in ihrer tumben Trägheit bequem eingerichtet und setzen, wenn auch nicht alle äußerlich, so doch sämtlich innerlich Fett an.“
„Halte dir auf deine Zeugungsträgerschaft nur nichts zugute“, unterbrach ihn ein hochgewachsener Genosse mit fülligen Hüften, „wir konnten es uns eben nicht aussuchen, entkeimt zu werden oder nicht.“
„Nein, das vermochten wir wahrlich nicht,“ entschuldigte sich Glaukor, „doch ging es mir auch nicht darum, kleingeistig gefüllte oder leergeschlagene Schambeutel gegeneinander auszuspielen, sondern unserem Adepten hier auseinanderzulegen, warum wir unsere Prüfung für notwendig erachten. Es tut mir im Herzen weh, so von den meisten meiner Art sprechen zu müssen, aber wenn die Dinge nun einmal so liegen, dass sich das Gros der Mannlinge wie tumbes Herdenvieh geriert, tun wir nur gut daran, nicht jeden in unsere Reihen aufzunehmen. Wir wären keine Reihe von Männern mehr, die sich im Wurf der Bola üben oder über die Worte die tiefere Bedeutung der Dinge und Verhältnisse zu ergründen suchen, sondern würden zum seichten Mannlingskränzchen verkommen, das darüber salbadert, wer wohl demnächst für den Akt der Zeugung bestellt wird oder ob es uns bei einer guten Ernte wohl vergönnt sein wird, einen Teil der eingebrachten Gerste zu Bier zu vergären.“
„Mit dem wir dann unseren Hunger betäuben dürfen, wenn die Ernte im Umlaufzwölft darauf wieder etwas weniger üppig ausfällt, weil uns die Mondin nicht gewogen ist“, fiel jemand ein.
Sieh da, beißende Widerborste mit erfrischend spitzer Zunge gab es hier auch, stellte Brachvogel erfreut fest und fühlte sich gleich wohler.
„Wir wollen nur die Besten um uns versammeln und deshalb geht es uns bei der Prüfung auch nicht nur darum, dass ein neuer Genosse deren planerische und körperliche Herausforderung meistert, sondern auch darum, dass er ihren Sinngehalt nachvollzieht,“ übernahm nun Sonor wieder.
„Nun, von dieser Warte aus betrachtet scheint mir das nur recht und billig zu sein, aber wie sieht sie denn nun genau aus, eure Prüfung?“ fragte Brachvogel.
„Jeder Anwärter muss sich daran messen lassen, ob er in der Lage ist, auf ihm unbekannten Gelände eine schnurgerade Ackerfurche von zweihundert Schritt Länge zu ziehen“, antwortete Sonor.
„Verstehe“, lachte Brachvogel, „ihr betreibt also bewusst Ackerfrevel und lasst die Mannlinge damit buchstäblich von der Leine, auf dass sie aufrechten Ganges eine gerade Bahn in den offenen Horizont treiben.“
„Genauso ist es. So knapp und treffend hat das vor dir noch kein Anwärter in Worte gefasst“, stellte Sonor fest.
„Wohlan, so bin ich denn bereit, mich dem zu stellen“, sagte Brachvogel.
„Es ist keine Eile vonnöten und Brauch und Sitte bei uns, sich erst einmal kennenzulernen. So lass es langsam angehen, sieh dich um, trete in Diskurs mit diesem und halte Zwiesprache mit jenem und wenn wir uns dann gegenseitig gewogen sind, ist es immer noch früh genug, die Prüfung auszurichten.“
„Wohl gesprochen, so soll es sein“, bestätigte Brachvogel.
Dieser Sonor schien ein aufrechter und bedachter Mannling, nein, Mann zu sein. Bemerkenswert, wie die bloße Abwandlung eines einzigen Wortes die Sicht auf die Dinge und Verhältnisse verändern konnte.
Brachvogel sah sich um. Die Bundesgenossen hatten sich von ihm abgewandt und widmeten sich wieder ihren Angelegenheiten. Offensichtlich war es zur Gänze ihm überlassen, zu welchem der Grüppchen er hinzutreten wollte. Ganz hinten am Rande der Lichtung übten sich etliche Männer im Wurf der Bola. Die Gelegenheit, selbst einmal die Schmetterkugeln schleudern zu können, rief sein brennendes Interesse hervor. Zwar nutzten die Mannlinge während der täglichen Arbeit auch Messer und Werkzeuge wie Spaten und Hammer, die als Waffen hätten eingesetzt werden können, doch mussten sie diese allabendlich oder – wenn die Arbeit an einem Mondtag stattgefunden hatte – frühmorgendlich wieder abgeben, worüber auch penibel Buch geführt wurde. Fernwaffen aber durften niemals in die Hände der Mannlinge geraten und die Frauen hüteten Wurfholz und Bola wie ihre Augäpfel. Im Grunde war es natürlich ein Leichtes, eine Bola nachzubauen, nur standen die Dinge in der Klave eben so, dass die sich willfährig der Lenkung der Frauen unterordnenden Mannlinge keinerlei Veranlassung dazu verspürten.
Die Waffe bestand aus drei Lederreimen unterschiedlicher Länge, die an einem Ende zusammengeknotet am freien Ende ein Gewicht von der maximalen Größe einer Faust trugen, womit ein dreiarmiger Stern entstand. Als Brachvogel näherkam, sah er, dass die Genossen als Gewicht statt der bei den Jagdfrauen üblichen Kupferkugeln pralle, wahrscheinlich mit kleinen Steinen gefüllte Lederbeutel ans Ende der Schnüre gebunden hatten.
Der Reihe nach traten die Genossen an, ergriffen die Bola am Knotenpunkt ihrer Riemen, wirbelten die Kugeln am ausgestreckten Arm über ihrem Kopf, streckten dann den Arm im Schwung nach vorne und ließen los. Richtig geschleudert fächerte sich die Bola im Flug ein wenig auf und traf derart im Ziel ein, als würden die gespreizten Finger einer Hand auf einen Widerstand stoßen. Ziel war ein offensichtlich zu diesem Behufe entasteter Baumstamm, der in etlicher Entfernung aus dem Unterholz ragte. Wenn es jemand schaffte, mit den Schnüren seiner Bola das Holz zu umarmen, kamen die Lederbeutel in ihrem rasenden Flug jäh zum Stillstand und wurden durch die entfesselten Fliehkräfte mit solcher Wucht um den Stamm getrieben, dass beim Aufprall ein weithin hörbares, dumpfes Klong ertönte und Borken- und Rindenstückchen aufstoben. Brachvogel mochte sich nicht ausmalen, was mit Kopf und Schultern eines Gegners geschehen würde, dessen Hals derart von den Schnüren der Bola umwunden und stranguliert wurde.
Kurabel war offensichtlich das Haupt der Gruppe der Bolaschleuderer. Er zeigte auf, welche Miss- und Fehlgriffe den Männern unterliefen und verdeutlichte dann mit weit ausholender Gebärde, wie die Kugeln mustergültig geführt wurden.
„Ganz offenkundig kannst du mehr als nur Schlick schaufeln“, grinste Brachvogel ihn an. „Es ist bemerkenswert und deucht mir ein hoffnungsvolles Omen, einmal welche der unseren mit der Bola hantieren zu sehen und nicht nur immer die Jäger- und Wächterinnen.“
„Schon immer hatten es mir die schnellenden Bollen angetan und seit uns einmal im Umlauf ein Freigang gewährt ward, habe ich die Gunst der Stunde genutzt, selbst solche anzufertigen, mich in ihrer Anwendung zu üben und meine Kenntnisse an die Genossen weiterzugeben. Leider sind meine Bolas nicht so trefflich wie die der Jägerinnen. Sie nutzen Kupferkugeln als Gewicht, während wir nur mit Kieseln gefüllte Lederbeutel haben.“
„Gewiss ist die Treffsicherheit derer mit Kupferkugeln höher“, warf Brachvogel ein.
„In der Tat, so ist es. Die Säckchen sind zwar so verschnürt, dass sie sich während des Schleuderns fest zuziehen, aber wenn sie auf dem Ziel aufprallen, lockert sich das Ganze immer wieder. Und schon eine geringe Abweichung von der vollendeten Kugelgestalt schmälert die Flugeigenschaften und damit die Zielgenauigkeit erheblich. Ich habe schon daran gedacht, einer Jägerin die Bola zu entwenden, aber das würde sicher einigen Wirbel verursachen und Erkundungen nach sich ziehen, die schlimmstenfalls gar einen entlarvenden Blick auf unsere Reihen zur Folge hätten.“
„Vielleicht ließen sich aus den Ästen der roten Esche Kugeln fertigen. Direkt am Stamm ist deren Holz härter als der Kopf der Archontin, aber leichter zu bearbeiten als Stein. Und Kupferkugeln zu gießen würde uns ohne Einwilligung und Hilfe der Eisenfrau schwerlich gelingen“, gab Brachvogel zu bedenken.
„Wie ich dir ehedem schon schlickschaufelnderweise gesagt habe, scheinst du nie um eine Idee verlegen zu sein, Brachvogel, und es freut mich aufrichtig, dich demnächst in unseren Reihen zu wissen“, lächelte Kurabel herzlich. „Aber genug der Theorie.“ Er reichte Brachvogel eine Bola. „Erprobe dich einmal hiermit.“
Brachvogel ergriff die Bola am Knoten, wog eines der Ledersäckchen prüfend in der Hand und ließ die Schnüre dann herabhängen. Die längste reichte fast bis an die Erde. Die kürzeste Schnur würde sich schnell um den Stamm wickeln und damit den Gewichten an der mittleren und der langen Schnur Anker und Widerlager bieten, auf dass sie ihre größte Wucht entwickeln konnten.
Brachvogel streckte den Arm über den Kopf und begann aus dem Schultergelenk heraus kreisend die Bola langsam in Schwung zu versetzen. Er merkte bald, wie wichtig es war, die Bewegung zu zentrieren, denn je schneller die Drehung wurde, desto stärker entfalteten sich die Fliehkräfte, die danach strebten, die Ledersäckchen aus dem Kreis herauszutragen, dessen Mittelpunkt sein Arm war. So wie die Nabe eines Rades durch die Speichen im Mittelpunkt des Radkranzes gehalten wurden, musste er ständig gegensteuern und darauf achten, dass sein Arm auch Mittelpunkt der Drehung bleib. Andernfalls würde er die Bola verreißen und nicht richtig zielen. Als er das Gebinde nicht mehr schneller kreisen lassen konnte und ihm seine Bewegung zugleich ausgewogen erschien, streckte er in dem Moment, da er vermeinte, dass die Gewichte zum Ziel hin schwangen, ruckartig seinen Arm vor und ließ den Knoten los. Die Bola floh seine Hand und trieb mit hoher Geschwindigkeit und Energie auf den Stamm zu, den sie aber um etliche Spannen verfehlte.
„Für deinen ersten Wurf war das gar nicht übel“, ließ sich Kurabel vernehmen. „Du hast nicht den Fehler vieler gemacht, die keinen vollendeten Kreis, sondern irgendetwas anderes drehen. So losgelassen, hat die Bola weder einen zweifelsfreien Auftrag, wohin sie fliegen soll, noch die Energie, lange zu fliegen. Sie eiert nur in irgendeiner Richtung herum und fällt nach ein paar Spannen wirkungslos zu Boden. Dein Fehler war ein anderer: Du hast zu früh losgelassen. Du hast deinen Kreis linksherum, also vom rechten Ohr zum linken Ohr geschwungen. Und die Bola ist rechts neben dem Stamm zu Boden gegangen. Hättest du noch einen Wimpernschlag länger gewartet, wäre sie im Ziel gelandet. Hättest du dagegen noch zwei Wimpernschläge gewartet, wäre sie links neben dem Stamm vorbeigeflogen. Mit der Zeit wirst du ein untrügliches Gespür dafür entwickeln und gewissermaßen mit deinem ganzen Körper zielen und selbst mit den Fingerspitzen, die den Knoten halten, dein Ziel in den Blick nehmen können. Fürs Erste peile, um den richtigen Moment nicht zu versäumen, einfach mit deiner Nase dein Ziel an und schiele, wenn du die Bola fliegen lassen willst, nach oben. Sobald die Kugeln über deiner Nasenspitze erscheinen, lasse los.“
Wie ein wildes Tier, in dessen Gedärm der Hunger wühlt und das nicht eher ruht, bis es Beute geschlagen hat, war jetzt Brachvogels Ehrgeiz erweckt. Eilends lief er zu dem durch die Einschläge der mit Steinen gefüllten Säckchen schon arg mitgenommenen Stamm, ergriff die Bola und kehrte zur Abwurfstelle zurück, wo sich inzwischen weitere Genossen eingefunden hatten, um seine Bemühungen mit den „schnellenden Bollen“ zu verfolgen.
„Nur zu und keine Scheu vor Fehlwürfen“, ermunterte ihn einer, „es ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen und wir alle haben lange daran gearbeitet, das Ziel sicher mit unserem Wurf zu umarmen.“
„Möget ihr doch achtsam mit dem Laut eurer Zunge umgehen und die richtigen Worte wählen“, lies sich da der sprachkundige Belarus vernehmen, „unter uns und in unseren Reihen reden wir doch bitte sehr von Meistern, nicht aber von Meisterinnen.“
Verständnisinnig grienten sich da die Genossen an. Wahrscheinlich waren solche Einwürfe keine Seltenheit und offensichtlich taten viele Belarus Bemühungen um die Sprache als reichlich verstiegene Grille ab. Mochten ihn auch viele der Genossen belächeln, keimte in Brachvogel plötzlich die Erkenntnis auf, dass es tatsächlich wahre und falsche Wörter gab und dass, wer die Macht hatte, die Dinge der Welt zu benennen, damit auch die Macht hatte, deren Geschicke zu lenken und zu bestimmen. Aus gutem Grund gab es in der Klave lediglich Meisterinnen und in einer Welt, in der Frauen, Weisungsfrauen, Wächterinnen, Jagdfrauen und Meisterinnen auf der einen, Mannlingen, Springlingen und Gehilflingen auf der anderen Seite gegenüberstanden, war der Gedanke, dass es auch einfache Mannlinge zur Meisterinnenschaft bringen konnten, einfach noch nicht geboren. Meisterinnenschaft? Nein, Meisterschaft musste es heißen!
„Recht gesprochen, Belarus“, bestätigte er dem Wortkundigen. „Ich will ein Meister der Bola werden. Meisterinnen haben wir schon zu viele und nicht alle sind uns wohl gesonnen. Zu unserem und zum Wohl der Klave würde es dagegen gereichen, wenn aus möglichst vielen Mannlingen Männer und aus möglichst vielen Männern Meister würden.“
Belarus musterte Brachvogel aufmerksam und nickte ihm dann erfreut und dankbar zu.
Ungeachtet seines ständig wachsenden Publikums stellte Brachvogel sich nun in Position und begann, die Bola über seinem Kopf kreisen zu lassen. Einen perfekt ausgewogenen Kreis zu schwingen, fiel ihm nun nicht mehr so schwer, aber seine Nase als Zielanzeiger zu verwenden, wie ihm Kurabel angeraten hatte, erwies sich als wenig praktikabel. Jedes Mal, wenn er den Blick hob, um über sein Riechorgan die Gewichte mit dem Ziel in Deckung zu bringen, verlor er seinen festen Stand und die Bola geriet ins Schlingern. Warum nicht den Zeigefinger der linken Hand zur Hilfe nehmen? Schließlich hieß es ja auch Zeigefinger und nicht Zeigenase. Gedacht – getan. Brachvogel streckte den linken Arm aus und richtig konnte er Stamm, Zeigefinger und Gewichte gleichzeitig in den Blick nehmen und in einer Linie auf das Ziel hin ausrichten, ohne nach oben schielen zu müssen und dadurch aus dem sicheren Stand zu geraten. Schnell stellte er allerdings fest, dass es mit dem Zeigefinger allein nicht getan war und er auch dafür sorgen musste, dass die Schnüre, die gewissermaßen das Halbmaß des Kreises bildeten, den er mit der Bola schwang, im Moment des Abwurfs genau parallel zu seinem linken Arm verliefen. Doch war natürlich sein linker Zielarm um Schulterbreite vom rechten Arm entfernt, mit dem er die Bola schleuderte. Das musste er ebenfalls ins Kalkül ziehen und hatte nun statt Kurabels Wimpernschlag einen Schultersprung zu berücksichtigen. Nein, so würde es nicht gelingen.
Wie hatte Kurabel es umschrieben? „Du musst mit deinem ganzen Körper zielen.“ Er konnte sich also weder auf seine Nase noch seinen linken Zeigefinger verlassen, sondern musste sich mit Beinen, Rumpf, Armen und Kopf in den Mittelpunkt eines Kreises einfühlen, auf dessen Rand der Stamm stand. Er wirbelte die Bola um sich herum und prägte sich die Position des Stammes nicht nur mit den Augen, sondern mit allen seinen Gliedmaßen ein, verankerte sie in sämtlichen Sinnen, schloss dann die Augen und ließ im Geiste den Knoten in dem Moment los, da er vermeinte, dass sich die Schnüre zu einem Halbmesser verlängerten, der exakt in den Stamm auslief. Dies wiederholte er mehrfach: Stamm in sich aufnehmen, Augen schließen, Schnüre und Gewichte aufs Ziel hin ausrichten und im Geiste schleudern. Als er sich seiner Sache völlig gewiss war, öffnete er im passenden Moment die Augen, nahm das Ziel in den Blick und entließ die Bola aus seinem Griff: Sie zischte haarscharf links am Stamm vorbei. Trotz des neuerlichen Misserfolgs spürte Brachvogel ganz eindringlich, auf dem richtigen Weg zu sein, lief nach der Bola und nahm erneut die Ausgangsstellung ein.
Diesmal beschloss er, nicht mehr auf sein Gesicht zu vertrauen, sondern das Zielen völlig seinem Körper zu überlassen. Er würde also für den Moment des Abwurfs die Augen nicht öffnen. Er hob die Bola und hatte sich schon bald in einen untadeligen Kreis eingeschwungen. Er holte tief Luft, ließ sie langsam aus seinen Lungen entweichen und konzentrierte sich mit allen Fasern seines Seins auf den Stamm, dessen Lage im Gelände, Umriss und Beschaffenheit er förmlich durch die Haut in sich einsog. Als ein vollkommenes Abbild des Ziels in ihm entstanden war, schloss er die Augen und ließ die Bola weiter kreisen. In dem Moment, da er vermeinte, förmlich einen starken Zug zu verspüren, ließ er los, hielt dabei aber die Augen weiterhin geschlossen. Vom Rand der Lichtung scholl ein dumpfes „Klong“ herüber. Er hatte also getroffen, riss die Augen auf und sah gerade noch, wie die Gewichte am Stamm herunterrutschten.
„Ganz offensichtlich bist du eine Naturbegabung“, lobte Kurabel.
„Glückstreffer“, wiegelten andere ab.
Doch als von Brachvogels fünf folgenden Würfen vier ins Ziel gingen, mussten auch die Zweifler anerkennen, dass er durchaus ein Händchen für die „Bollen“ hatte.
„Wie ist es denn mit beweglichen Zielen?“, fragte Brachvogel.
„Die sind natürlich schwerer zu treffen“, gab der Meisterschwinger zu bedenken, „und zudem haben wir nur wenig Gelegenheit, uns an solchen zu erproben. Um auf der Ebene den fußfertigen Strauß oder gar das gewaltige Elentier zu verfolgen, bedürften wir eines Ebsels und liefen zudem Gefahr, weithin von den dort umherstreifenden Jagdfrauen gesehen zu werden. Und das Niederwild im Wald darf nicht zu tief im Gehölz stecken, damit wir freie Wurfbahn haben. Lass jetzt ganz ohne ehrgeiziges Streben nach Meisterschaft in Ruhe und Gelassenheit ein wenig Zeit verstreichen, auf dass sich die Bewegungsabläufe, die du heute erlernt hast, in deinen Gliedern und dem Fleisch und Blut deines Leibes festsetzen können. Bei neuerlichen Treffen magst du deine Fertigkeit dann erweitern und festigen.“
„Höre ich da etwa heraus, dass eine gewisse Demut und Besonnenheit manchmal durchaus gebührlich sind?“, schmunzelte Brachvogel gut gelaunt darüber, hier eine so anregende Gesellschaft gefunden zu haben.
Kurabel, der Brachvogel sehr gewogen war, fühlte sich durch diese Worte nicht etwa angegangen, sondern verstand sie als die leutselige Frotzelei als die sie gemeint waren.
„In der Tat ist nicht alles von Übel, was dem Denken der Frauen entspringt und wie die tieferen Einsichten des Geistes langsam heranreifen müssen, bedarf auch die Ausbildung von Fertigkeiten des Leibes der Zeit, damit sie sich fest im Gedächtnis des Körpers verankern können. Ist das geschehen, heißt das, was die Bollen betrifft, dass du ohne besondere Anstrengung und ohne außergewöhnlichen willentlichen Antrieb daran zu verwenden mit dem ganzen Körper wirst zielen und treffen können.“
Dankbar, den Widerhaken seiner Mission in den Disput einhaken zu können, meldete sich da Belarus, der Wortkundige, zu Wort.
„Zunächst einmal bin ich beglückt, in dir, Genosse Brachvogel, jemanden gefunden zu haben, der sich ‒ anders als viele dieser Banausen hier ‒“ und er bedachte etliche der versammelten Genossen mit einem dunklen Blick, „der weitreichenden Macht der Wörter bewusst ist. Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht“ ‒ diese Rede schien seine bevorzugte Art zu sein, seine Betrachtungen kund zu tun ‒ „dass die Art der Benamsung der hervorragenden Tugend der Besonnenheit bei Lichte besehen dem Denken der Frauen widerspricht?“
„Nein, das habe ich nicht, aber du wirst uns sicherlich gleich Belehrung angedeihen lassen.“
„Wenn es stimmt, dass allein der Schein der Mondin dem Menschen gedeihlichen Aufschluss gibt über die Welt und die Dinge, die Strahlen der Sonne aber die Dinge verfälscht und die Menschen zu verderblichen Handeln verleitet, dann müsste Besonnenheit folgerichtig Bemondetheit heißen.“
In den Mienen der meisten Genossen spiegelte sich Unverständnis.
„Be ‒ sonnen ‒ heit! Von den Frauen ‒ und auch von euch Genossen! ‒ bislang unbemerkt tummelt sich in dem Wort für eine der beiden Leittugenden der Klave der Name Sols, des Tagesgestirns.“
„Fürwahr, in der Tat, das ist schlechthin erstaunlich“, wunderte sich Brachvogel. „Und welche Schlüsse ziehst du daraus?“
„Ganz offensichtlich haben Erkenntnis und Einsicht immer etwas mit Licht zu tun. Wenn uns etwas klar wird, geht uns ein Licht auf, denn nur wenn es hellicht ist, können wir etwas erkennen und nur, was wir sehen können, können wir mit den Händen greifen, um es hernach auch im Geiste be-greifen zu können. Auch treffen wir uns nicht im dunklen Tann, um das wahre Wesen des Mannes zu ergründen, sondern hier auf dieser ,Lichtung‛. Ob die Dinge aber nun vom Licht der Mondin ,bemondet‛ oder von den Strahlen der Sonne ,besonnt‛ ihre Natur offenbaren, scheint mir nicht maßgebend zu sein. Ob Sonne oder Mondin, Sol oder Luna, beide Gestirne stehen abwechselnd oder gar gleichzeitig am Himmel und das Licht beider Gestirne fördert seine je eigentümliche Erkenntnis. Aus all diesem ziehe ich den Schluss, dass wir völlig fehl gehen würden, so einseitig und engstirnig zu denken wie die Wächterinnen, die unabdingbar Sol und die vermeintlich mannlingsche Hoffart verdammen. Wir sollten uns also davor hüten, im Umkehrschluss alles, was mit der Mondin in Beziehung steht, zu vermaledeien. Vielmehr sollten wir unser Denken weiten, denn seid eingedenk: Die Dinge haben nicht nur eine, sondern immer zwei Seiten, von denen keine schon im Vorhinein gut oder böse, richtig oder falsch ist.“
„Ich für meinen Teil habe das betuliche Gewese um Luna und die allfällige Demut und Besonnenheit, die uns von klein auf eingetrichtert wurden, gebührend satt“, ereiferte sich nun Ragun, der Wasserspürer. „Warum eigentlich müssen wir immer stillhalten, den Blick senken, uns wegducken, im Kreise drehen und kleingeistig damit bescheiden, was die Natur gnädig uns zu überlassen bereit ist? Wenn ich ständig den Blick in Demut zur Erde senke, spüre ich nur die Quellen, auf denen ich gerade stehe. Und da mein Umkreis sehr eingeschränkt ist, werde ich keine neuen Wasser entdecken. Wittere ich aber angespannter Sinne und erhobenen Blicks in die Ferne, kann ich uns neue Quellen erschließen. Statt unabdingbar dem Regen untertan zu sein oder das Wasser mühsam in Eimern vom Fluss in die Hütten und auf die Felder hucken zu müssen, könnten wir zusätzlich zu dem einzigen Brunnen im Hort der Empfängnis auch außerhalb der Klave weitere Brunnen ausheben und so auch die fernab der Lunagleiß gelegenen fruchtbaren Böden nutzen, um Äcker anzulegen. Aber das Äußerste, was die Frauen der ach so zu schonenden Schöpfung zumuten, ist ja, als Zulauf für die Wasserräder längs des Flusses Gräben zu treiben. Gemäß der Wächterinnen Überzeugung ist die einzig vorstellbare und billige Berechtigung, den Brunnen im Hort der Empfängnis senkrecht in die Eingeweide der Erde zu treiben, die, durch die aus der Tiefe heraufquellenden Wasser das vermeintlich frevelhafte Tun der Menschen mit dem Himmel zu versöhnen. Zu dem ganz alltäglichen Zweck aber, sich das Dasein zu erleichtern, zusätzliche Brunnen zu bauen, wäre eine noch größere Missetat als selbst der übelste Ackerfrevel und würde mutmaßlich gar die Welt aus ihren Angeln wuchten. Dieser Vorstellung anzuhängen und dem anderen Irrwitz aufzusitzen, den uns die Frauen glauben machen wollen, ist nicht nur töricht, sondern verdammt die Klave zu ewigem Stillstand und damit dazu, mühsam von der Hand in den Mund leben zu müssen.“
Auf diese Einlassung konnte Brachvogel nur bestätigend nicken.
„Recht gesprochen, Ragun. Und neben zusätzlichen Brunnen, sollte es vielleicht auch gelingen, Wasser vom Fluss auf außerhalb der Hochwasserlinie angelegte Felder zu leiten. Nämlich dergestalt, dass kleine Wasserräder nicht mit Schaufeln, sondern mit Schöpfkellen ausgestattet werden, die die Wasser der Gleiß auf das höher liegende Niveau der Felder hieven, von wo aus es in hölzernen Rinnen laufend, den Feldern zu reicher Frucht verhilft.
Über solcherart anregenden Reden und Disputen verging die Zeit wie im Fluge und viel zu schnell war der Punkt herangerückt, da Sol sich anschickte, Luna zu weichen und man wieder in die Klave zurückkehren musste.
Brachvogel war zutiefst beglückt, solch erquickliche Gesellschaft gefunden zu haben und ihn beflügelte die Hoffnung, dass aus dem Kreise des Bundes nicht nur vielfältige, weithin tragende Ideen, sondern auch die Kräfte zu deren Umsetzung erwachsen würden.
Erstmals schien es ihm, mit seinem brennenden Anliegen, gezielt das erbärmliche Los der Mannlinge zu wenden, nicht alleine dazustehen.
System / ClockedCounter / Update_567 / Takt_28.457.321
„Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“
Elias Canetti
View hatte ihrer Ruhephase bislang keinerlei besondere Beachtung geschenkt. Wie Essen und Trinken war zu schlafen eine unumgängliche Notwendigkeit, um ihren Körper und ihre Kräfte zu regenerieren. Schlaf war ein gestaltloses und unstrukturiertes Vakuum, in das sie eintauchte, um nach exakt 7 MacroTakten wieder daraus aufzutauchen und einen neuen, präzise getimten Tagesablauf zu durchlaufen. Am Ende eines besonders eng getakteten Tages, der ihr alles abverlangt hatte, stellte sie sich oft vor, kopfüber in ein Becken mit kristallklarem Wasser zu springen, widerstandslos hindurch zu gleiten und am anderen Ende gewissermaßen resettet und erfrischt wieder herauszuklettern.
Seit einigem Takt aber war dieses Wasser getrübt, etwas stimmte nicht, war in Unordnung geraten und View hasste Unordnung. Trotz intensiven Nachspürens konnte sie ihr Unbehagen nicht dingfest machen. Fakt war, dass sie morgens mit dem Gefühl aufwachte, irgendetwas erlebt zu haben, dessen sie aber nicht habhaft werden konnte. War am Vortag etwas liegen geblieben, das sie nicht erledigt hatte und ihr morgens in den Sinn kam? Nein. Sie ging ihren Alltag äußerst routiniert an, arbeitete ihre ToDo-Listen professionell ab und regelte immer alles sofort, um sich nicht mit Dingen zu belasten, die sie vor sich herschob. Es musste etwas in der Nacht gewesen sein. Aber was? View hatte die Dinge gern unter Kontrolle, transparent und überschaubar. Das Gefühl, das, was mit ihr vorging, nicht greifen zu können, verstörte und quälte sie.
Heute umhüllte sie beim Aufwachen eine Empfindung von Weichheit. Eine Weichheit, wie sie sie noch nie verspürt hatte. Sie kam von innen und außen zugleich. Während sich von ihrem Bauch ausgehend eine prickelnde Wärme in ihr ausbreitete, fühlte sich ihre Haut an, als würde langsam ein endloses flauschiges Tuch darüber hinweg gezogen. Sie spürte in sich hinein. Da waren Körper gewesen. Leiber, die sich an ihr gerieben, Gliedmaßen die sie in sanfte, geschmeidige Umarmungen gesogen hatten, die sie völlig einhüllten, ohne dass sie auch nur den geringsten Druck verspürt hätte. Dann flossen ihr eigener Körper und die der anderen in einer wabernden Bewegung zusammen und sie hatte sich aufgelöst.
View schüttelte sich. Das war ja beängstigend. Sie hatte das dringende Bedürfnis, sich ihrer selbst zu vergewissern, um sich ganz schnell wieder zusammenzusetzen. Doch gleichzeitig genoss sie die diffuse Erinnerung und das damit einhergehende Gefühl von wohliger Weichheit und Wärme, das sie den ganzen Tag über begleitete. Das wäre eine perfekte Performance im LoveGym gewesen, doch war sie sich ziemlich sicher, dergleichen dort nie erleben zu können.
Mit Angst und Spannung erwartete sie den nächsten Morgen. Sie sprang nicht wie gewohnt beim ersten Weckton ihres Morpheustrons von ihrem RestBoard, sondern lauschte mit allen Sinnen in sich hinein. War da etwas? Ja, da war etwas. Schemenhaft erwuchsen ihr Bilder von riesigen Blüten. Üppige rote, blaue und violette Blüten, die an Stängeln hoch wie Bäume wuchsen. Einige loderten wie Flammen.
Ganz allmählich bekam sie mehr zu fassen. Sie war gemächlich unter den Blüten hindurchgeschlendert und ihr üppiger Duft hatte sich wie ein schwerer Mantel um sie gelegt. In dem dunkel glimmenden, ein wenig unheimlichen Licht meinte sie, aus dem Boden eine purpurrote Flüssigkeit in den Stängeln aufsteigen zu sehen, die sich in dem Adergeflecht der Blüten verteilte. Ganz oben löste sich ein Blütenblatt und schwebte, groß wie ein Sessel, langsam zu ihr herunter. Sie hatte sich in die duftende Mulde geschmiegt. Hier verschwammen ihre Eindrücke zusehends, doch wegen des taumeligen Gefühls, das in ihr nachklang, schien sie auf dem Blatt davongeschwebt zu sein. Dann riss die Erinnerung ganz ab.
Was war das? Was hatte sich da in ihr abgespielt? Die Pflanzen, die in den Hallen der Habitate standen oder die MainWalks säumten und selbst die, die in den NatureEventAreas ausgestellt waren, trugen keine solch riesigen Blüten. Und schweben konnte sie in der AntiGrav, aber nicht auf einem Blütenblatt. Woher bitte also kamen diese Bilder, die sie da im Kopf hatte?
Auch am nächsten Morgen bekam sie wieder etwas zu fassen. Doch diesmal waren es keine Bilder, sondern das Gefühl eines unbestimmten Drängens, das sie noch länger belastete.
Jeden Morgen lauschte sie nun ängstlich und voll banger Erwartung bebend in sich hinein, um den nun nicht mehr glasklaren Wassern ihres Schlafes, die erschreckend und unberechenbar geworden waren, zu entreißen, was daraus emporgestiegen sein mochte. Mal hatte sie klar definierte Bilder und Abläufe vor Augen, mal nur gestaltlose Schemen und verschwommene Eindrücke, mal spürte sie einem Gefühl von Freude oder Traurigkeit, Leichtigkeit oder Schwere nach, mal war da etwas Flirrendes, Beglückendes, das sie noch lange im Magen wahrnahm und ab und an war da auch einfach gar nichts. War ihre Erinnerung besonders eindrücklich, fühlte sie etwas Lastendes, Ziehendes, das sie fesselte und band und sie ihren Tag nicht beginnen lassen wollte.
Diese Erlebnisse waren mit nichts zu vergleichen, das sie kannte. Selbst wenn sie auf einer PromoShow im HoloCine in einem pneumatischen VirtualRealitySuit steckte und Helm und Equipment auf volle Immersion geschaltet waren, damit sie ein in Entwicklung befindliches Produkt schon vor dem Release möglichst hautnah in Augenschein nehmen oder einen innovativen Service in allen Details erfahren konnte, war sie sich immer bewusst, in einer Simulation zu sein.
Das, was sie sich jetzt morgens immer öfter vergegenwärtigte – sie nannte es inzwischen ihre „nächtlichen Impressionen“ – war dagegen so wirklich und plastisch und die damit einhergehenden Gefühle so echt und eindrücklich, dass es realem Erleben in nichts nachstand. Völlig unerwartet hatte sich etwas in ihr aufgetan, das sie mit den gewohnten Kategorien weder beschreiben noch bewerten konnte. Es war, als erinnerte sie sich morgens an ein nächtliches Parallelleben, das sie völlig überwältigte und manchmal den gesamten Tag überstrahlte.
Oft vermeinte sie, außerhalb der Urb gewesen zu sein. Sie sah von seltsamen Tieren bevölkerte und riesigen Pflanzen bewachsene Landschaften, hörte das Rauschen endlosen Wassers, spürte die Hitze von Feuer und die Kühle des Windes auf ihrer Haut, zerbröselte die feuchte Schwere von Erde zwischen ihren Händen, schmeckte das Aroma unbekannter Früchte, roch betörende und ekelhafte Düfte. Sie durchstreifte verfallene Städte und sah eigenartig aussehende Menschen, die mit ihr unbekannten Gerätschaften hantierten. Vieles war ihr fremd, manches kannte sie aus den BadPastLessons und wieder anderes konnte sie sich aus dem erschließen, was die Citizens über die Welt außerhalb der Urb wussten.
Dann wieder war sie in der Urb. Szenen des vergangenen Tages sponnen sich weiter, veränderten sich oder nahmen Wendungen, die völlig wirr waren. Sie traf Mates und Peers, mit denen sie zu tun hatte, aber auch solche, zu denen sie schon lange keinen Kontakt mehr unterhielt. Manchmal war sie mit namenlosen, schemenhaften Citizens zusammen. Sie hatte sexuelle Begegnungen, die von einer Intensität und Innigkeit waren, die tagsüber noch lange in ihr nachschwangen.
Und immer wieder tauchte diese Lalic vor ihrem geistigen Auge auf, deren schüchternes und unbeholfenes Gebaren irgendetwas Anziehendes hatte und die sie auch dann erkannte, wenn sie den Kopf eines unbekannten Tieres mit riesigen blinden Augen trug. Irgendwie fand sie sich auch in ihrer Vergangenheit und Kindheit wieder und hatte Dingen gegenüber, die sie schon lange als selbstverständlich und gewöhnlich ansah, das Gefühl, sie seien etwas völlig Erstaunliches. So durchlebte sie eine Session im KatharsisEgg mit der ganzen Wucht des Neuen.
Vieles beglückte sie und wirkte noch lange in ihr nach, vieles machte ihr Angst. Besonders eine Impression verstörte sie nachhaltig. Sie strampelte verzweifelt in eiskaltem, stinkendem und von unbekannten Organismen wimmelnden Wasser und über ihr erstreckte sich eine endlose Röhre, die so schmal war, dass sie die Arme nicht ganz ausstrecken konnte. Sie hatte das Gefühl, von der würgenden Enge erdrückt zu werden und vergeblich versuchte sie immer wieder, sich mit plumpen und unbeholfenen Bewegungen an etwas Stacheligem hochzuziehen, das bis zu ihr herunterhing und ihr die Hände zerschnitt. Schweißgebadet und zitternd wachte sie auf. Was ging nur mit ihr vor? Wurde sie verrückt?
Was sie aber für alle Schrecken entschädigte, die sie durchlitt, war das Fliegen. Sie war in der Lage zu fliegen. Wenn sie von einem höher gelegenen Ort Anlauf nahm und sprang, gerann die Luft zu einer sirupartigen Masse, die sie mit einer Art Schwimmbewegung um sich herum verteilte, bis sie nicht mehr durchsackte, verharrte und sich über ihren Absprungsort emporarbeitete, um, sobald die Luft wieder ihre normale Konsistenz angenommen hatte, mit leicht durchgebogenem Körper und wie Flügel nach hinten abgespreizten Armen Geschwindigkeit aufzunehmen. Legte sie den Kopf in den Nacken, stieg sie, drückte sie das Kinn an die Brust, begann sie zu sinken. Immer schneller strömte die Luft an ihr vorbei, sie bog den Rumpf nach links und rechts und schwang sich in die Kurven. Wenn ihr Magen dabei wie in lustvollen Wellen wogte, jauchzte sie und schrie ihre Begeisterung in den Wind, der ihren Kopf umtoste.
Anfänglich glückte ihr das Fliegen nicht immer und endete auch schon einmal mit einem schmerzhaften Aufprall auf dem Boden. Doch dann gelang es ihr immer besser und schließlich war sie sich sicher, diese Flugtechnik perfekt zu beherrschen und jederzeit ausüben zu können, was immer in einer fast schmerzhaften Enttäuschung mündete, wenn sie sich morgens bewusst wurde, dass sie natürlich nicht fliegen konnte, sondern sich nur eine lebhafte Erinnerung ihrer nächtlichen Impression vergegenwärtigte.
Views bislang geordnetes und absehbares Leben war völlig aus den Fugen geraten, etwas Faszinierendes, Unberechenbares über sie hereingebrochen und sie wagte sich kaum einzugestehen, dass sie das, was sie im Grunde als äußerst verstörend empfand, gleichzeitig auch unwiderstehlich anzog. Es war, als warte in ihrem Inneren jenseits aller MarketingEvents und gaußer Produkte, jenseits aller Berechenbarkeit und Absehbarkeit, die ihr bisher das unabdingbare Gefühl absoluter Sicherheit vermittelt hatten, ohne dass sie geglaubt hatte, nicht leben zu können, eine gänzlich unbekannte, grässlich-grandiose Welt darauf, von ihr entdeckt zu werden. Unentwegt beschäftigte sie das, was aus ihrem Schlaf erwuchs und in das sie sich jetzt jeden Morgen mit äußerster Konzentration hineinfühlte. Tagsüber war sie gedankenverloren und es unterliefen ihr Fehler.
Wie gerne hätte sie mit jemandem über ihre nächtlichen Impressionen gesprochen, aber es war völlig ausgeschlossen, etwas zu thematisieren, was so derart jenseits aller denkbaren Kategorien lag. Ein MatchingLoop ihrer Peers wäre ihr gewiss und vielleicht noch das geringere Übel. Und Scouts, die einem Loop unterzogen wurden, machten sich unglaubwürdig.
Auch musste sie an die Botschaft denken, die immer wieder auf den InfluenceBoards zwischen den üblichen Commercials aufblitzte: „Dein Schlaf gehört dir.“ Hatten ihre nächtlichen Eindrücke etwa damit zu tun? Die Agency hatte ihren Scouts eingeschärft, auf alles zu achten, was vielleicht mit dieser seltsamen Message zusammenhängen konnte. Nun war sie vielleicht selbst darin verwickelt und solange nicht geklärt war, wer und was dahintersteckte, war es ihr unmöglich, sich jemandem preiszugeben, ohne Gefahr zu laufen, aus dem Mittel zu fallen.
Vorerst konnte sie also nichts weiter tun als abzuwarten und sie beschloss, sich nicht länger zu fragen, wie und warum das alles sein konnte, sondern die Dinge einfach zuzulassen und – wie ihr allmählich fassungslos klar wurde – sich trotz aller Fremdheit und Bedrohlichkeit ihrer Faszination hinzugeben.
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