Read the book: «Älterwerden ist nichts für Anfänger»

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Bernard S. Otis

Älterwerden ist nichts für Anfänger

Warum jeder Augenblick zählt und was ich gern früher gewusst hätte

E-Book (epub): ISBN 978-3-86374-557-8

(Druckausgabe: ISBN 978-3-86374-555-4, 1. Auflage 2020)

Mankau Verlag GmbH

D-82418 Murnau a. Staffelsee

Im Netz: www.mankau-verlag.de

Internetforum: www.mankau-verlag.de/forum

Übersetzung: Theresia Übelhör, Heidelberg

Lektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg

Endkorrektorat: Susanne Langer-Joffroy M. A., Germering

Cover/Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Innenteil/Layout und Satz: Lydia Kühn, Aix-en-Provence, Frankreich

Energ. Beratung: Gerhard Albustin, Raum & Form, Winhöring

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Die Originalausgabe ist im Verlag Incorgnito Publishing Press,

LLC 1651 Devonshire Lane, Sarasota, FL 34236 U.S.A., unter dem Titel

»How to Prepare for Old Age« erschienen.

Vermittlung durch Wittmann Agency, International & Foreign Rights Agency, Lutherstadt Wittenberg, www.the-wittmann-agency.com

Alle Rechte der deutschsprachigen Ausgabe:

© 2020, Mankau Verlag GmbH, Murnau

Wichtiger Hinweis des Verlags: Der Autor hat bei der Erstellung dieses Buches Informationen und Ratschläge mit Sorgfalt recherchiert und geprüft, dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr; Verlag und Autor können keinerlei Haftung für etwaige Schäden oder Nachteile übernehmen, die sich aus der praktischen Umsetzung der in diesem Buch dargestellten Inhalte ergeben. Bitte respektieren Sie die Grenzen der Selbsthilfe, und suchen Sie bei Erkrankungen einen Arzt oder Therapeuten auf.

Inhalt

Widmung

Vorwort

Mein Name ist Bernard Otis. Und wie heißen Sie?

1 Behandeln Sie jeden als ebenbürtig.

2 Sprechen Sie mit Ihren Kindern. Sie werden es Ihnen später danken.

3 Bewahren Sie sich Ihre Gesundheit, damit Sie aktiv und kreativ bleiben können. »Ruhestand« bedeutet nicht, das Leben aufzugeben.

4 Die Zeit fliegt dahin. Sorgen Sie dafür, dass jeder Augenblick zählt.

5 Das Leben ist kein Kampf; es ist eine Reise, und wenn Sie jede Etappe gut vorausplanen, werden Sie triumphieren.

6 Das Sehvermögen wirkt sich auf alles aus, was wir tun.

7 Sterben Sie nicht, bevor Sie sterben müssen.

8 Es ist zwar das Beste, andere Ihren Charakter beurteilen zu lassen, aber es ist ebenso wichtig, nach innen zu blicken und das eigene Handeln abzuschätzen, wenn Sie anderen helfen; auf diese Weise bleiben Sie Ihren eigenen Bemühungen treu.

9 Der größte Mythos überhaupt: »Ich habe das alles allein geschafft.«

10 Geben Sie niemals auf; entscheiden Sie sich für das Leben.

11 Das Leben ist eine lohnenswerte Herausforderung.

12 Egal, wie alt Sie sind, das Leben endet, wenn Sie aufhören zu leben.

13 Beziehungen zählen zu unseren kostbarsten Schätzen.

14 Die Bedeutung unserer Familie, wenn wir älter werden — Ich bin der Hüter meines Bruders.

15 Schieben Sie Ihre alten Angehörigen nicht ab.

16 Helfen Sie stets anderen, ein glückliches Leben zu führen.

17 Gemeinschaft und Liebe sind nicht nur für die Jungen da.

18 Die Erkenntnis, dass wir unsere Unabhängigkeit aufgeben müssen.

19 Beim Umgang mit den Problemen von uns Alten oder Schwerkranken brauchen unsere Familien uns ebenso, wie wir sie brauchen.

20 Pflegeeinrichtungen und worauf man achten sollte.

21 Jeder alternde Mensch braucht einen Fürsprecher.

22 Medizinische Alarmsysteme sind für die Sicherheit von Senioren unverzichtbar.

23 Der Umgang mit dem Sehverlust.

24 Die Erkenntnis des Lebenssinns trägt zu einer glücklichen Reise bei.

25 Die Erkenntnis des Lebenssinns, Teil 2.

26 Meditation und Achtsamkeit können die Lebensreise erfüllender machen.

27 Lassen Sie nicht zu, dass die Technik Ihr Leben bestimmt.

28 Entscheidungen, die unser Glück beeinflussen können.

29 Lassen Sie nicht zu, dass Kleinigkeiten Beziehungen zerstören.

30 Rechtzeitige Vorbereitungen für das Ende der Reise machen die Ankunft deutlich angenehmer.

31 Der Verlust eines lieben Angehörigen sollte zu einer Feier seines Lebens führen.

32 Die Zeit zwischen Geburt und Tod sollte mit Freude und Glück erfüllt sein — auch wenn wir unterwegs mit Schmerzen und Herausforderungen konfrontiert sind.

Eine Botschaft an meine Leser

Danksagungen

Über den Autor

Register

Widmung


Anna Patricia Otis (3. April 1941 – 8. Oktober 2012)

Am 8. Oktober 2012 verlor Anna, meine Partnerin, mit der ich nahezu dreißig Jahre verheiratet gewesen war und der ich alles verdanke, was ich in meinem Leben erreicht habe, den Kampf gegen den Krebs.

Im Lexikon finden sich nicht genügend Wörter, die beschreiben könnten, wie viel sie mir bedeutet hat und wie sehr wir uns seit dem Augenblick, als wir uns 1983 kennenlernten, geliebt haben.

Anna war liebenswert, freundlich, fürsorglich, verständnisvoll, und sie unterstützte mich bei meinen Bemühungen, beruflich voranzukommen. Ihr Einfluss auf mich kann mit Worten gar nicht ausgedrückt werden.

Sie war eine international anerkannte Lehrerin für sehbehinderte und blinde Senioren und wurde von Familienangehörigen, Freunden, Mitarbeitern und allen verehrt, die sie kannten oder mit ihr in Berührung kamen.

Keinen meiner Erfolge, die ich seit unserem Kennenlernen verzeichnen konnte, hätte ich ohne Anna und die Rolle, die sie in meinem Leben gespielt hat, erreicht.

Sie hat mich geliebt. Und das war mit Sicherheit nicht einfach! Dennoch werde ich die Erinnerung an sie immer in meinen Gedanken und meinem Herzen mit mir tragen, und …

Einen Augenblick, bitte! Nur eine Minute. Darauf möchte ich näher eingehen.

Ich möchte noch ein wenig bei dieser Widmung verweilen. Warum? Weil Anna meine geliebte Frau war. Sie ist der Grund, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe, und ein paar kernige Sätze reichen einfach nicht aus, um weder ihr noch unserer fast dreißig Jahre währenden Liebe gerecht zu werden.

Ich bin 85 Jahre alt. Ich habe mir das Recht erworben, Regeln zu brechen und bei einem Thema zu verweilen, wenn ich es will. Außerdem ist das mein Buch …

Und ich weiß, dass Anna nicht wirklich weg ist. Lesen Sie bitte weiter.

Dieses Buch ist die beste, wenn auch schwache Form, ihrer auf eine Weise zu gedenken, die sie verdient hat, und ich werde diese Gelegenheit voll ausnützen.

In diesem Sinne …

Am Sonntag, den 25. August 2013, enthüllten wir im Beisein der Familie und einiger Freunde Annas schönen Grabstein. Das war weder eine religiöse Zeremonie noch eine traurige Angelegenheit, sondern vielmehr eine Feier ihres Lebens und all dessen, was sie für uns bedeutet hat.

An diesem Tag weinte ich nur kurz, weil ich instinktiv wusste, dass wir bald wieder miteinander kommunizieren würden, und dieser Gedanke tröstete mich.

Und dieser Tag kam am 30. Dezember 2013.

Ich bin immer traurig, wenn ich über einen Friedhof gehe und so viele Grabsteine von dort ruhenden Menschen sehe, die aber keinerlei Angaben machen, wer diese Person wirklich war oder wie sie zur Verbesserung der Gesellschaft beigetragen hat. Und obwohl ich mich als recht religiösen Mann betrachte, habe ich es immer als etwas mangelhaft empfunden, wenn ein Geistlicher eine kürzlich verstorbene Person pries, einen Menschen, dem er nie begegnet war. Selbstverständlich hatte die Familie den Geistlichen mit Informationen versorgt, aber für mich gibt es nur einen Weg.

Und dieser ist, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, so, wie ich es tat, als ich das Bestattungsinstitut anwies, dass Annas Grabstein aus Bronze und mit weißen Blumen verziert sein sollte.

Am 30. Dezember 2013, als ich auf Annas Grab zuging – und an vielen schwarzen und grauen Grabsteinen vorbeikam –, begannen die Tränen zu fließen, die ich am Tag von Annas Beerdigung zurückgehalten hatte.

Die Sonne schien, dennoch gab es da diesen besonderen Strahl, der mir zu folgen schien. Als ich die ganze Strecke zurückgelegt hatte und schließlich an Annas Grab ankam, traf der Lichtstrahl auf den bronzenen Grabstein, wurde davon reflektiert und fiel direkt auf mich.

Ich war überzeugt, dass dieser Lichtstrahl meine geliebte Anna war. Meine Liebste …

Das war das Unglaublichste, was ich in all meinen 85 Lebensjahren erlebt habe. Und als ich mehr als eine Stunde lang schluchzend dastand, erzählte ich ihr von diesem Buch. Während ihr Lichtstrahl auf mich fiel, versprach ich ihr, dass sie stolz auf mich sein würde. Wir sprachen wieder miteinander.

Seitdem habe ich keine Angst mehr vor dem Tod. Überhaupt keine.

Und ich habe auch nicht mehr geweint, weil ich weiß, dass es Anna gut geht und dass ihr Geist in mir lebt.

Dabei will ich es belassen. Während Annas Geist für immer nicht nur in meinem Herzen und meinen Gedanken weiterleben wird, sondern natürlich auch in denen unserer Familienangehörigen und vieler anderer, die sie gekannt haben, wird die Inschrift auf ihrem rosafarbenen Grabstein mit den weißen Blumen für immer an ihre Güte und das Glück erinnern, die sie auf diese Welt gebracht hat.

Anna Patricia Otis

International anerkannte Blindenlehrerin

Geliebt von ihrem Ehemann und ihrer Familie und allen, die sie kannten

1941–2012

Ich kann mich als sehr, sehr glücklichen Mann schätzen. Meine liebe Anna, ich werde dich immer lieben …

Wenn meine Erfahrung rund um Annas Tod etwas Gutes hatte – aber verstehen Sie mich nicht falsch, der Tod eines geliebten Menschen ist nichts, was man verstandesmäßig begreifen kann –, dann war es die Tatsache, dass ich 83 Jahre alt war, als sie starb, und endlich verstehen konnte, was mir andere in der Vergangenheit gesagt hatten: Tragödien führen gute Menschen zusammen.

Vorwort

Wenn junge Menschen und Leser mittleren Alters dieses Buch nicht zur Hand nehmen, dann habe ich vielleicht meine Zeit vergeudet – und das in meinem hohen Alter! Darüber muss ich ein bisschen nachdenken.

Das ist die Krux an der Sache: Trotz meines Aussehens, der Witze, der Fragen, des Mitleids … Auch ich war einmal jung. Alles war gut, Sie wissen schon.

Aber es gibt einen weiteren Haken: Schwere Krankheiten und Todesfälle treffen leider nicht nur alte Menschen.

Wenn ich meine Aufgabe so gut mache, wie ich hoffe (ich bin jetzt 85 Jahre alt, schreibe dies in einem Seniorenheim und gebe mein Bestes), dann werden Sie mit nützlichen Einblicken in den Alterungsprozess ausgestattet, den ich am liebsten als Die Reise des Lebens bezeichne. Diese Einblicke werden es Ihnen nicht nur ermöglichen, richtig für die Zukunft zu planen (falls Sie ein junger Leser sind), sie werden Ihnen, falls Sie bereits älter sind, helfen, sich mit den zahlreichen altersbedingten Problemen auseinanderzusetzen.

Ich bitte Sie ungeachtet Ihres Alters um Folgendes: Bleiben Sie für neue Ideen aufgeschlossen, seien Sie nicht starrköpfig. Lernen Sie aus Ihren Fehlern. Teilen Sie anderen Ihre gewonnene Weisheit mit. Bleiben Sie ein Individuum, und leisten Sie Ihren Beitrag, wie nur Sie ihn leisten können. Gehen Sie vertretbare Risiken ein. Hören Sie mehr zu, als Sie sprechen, und predigen Sie nicht – Sie würden diejenigen, die Sie belehren wollen, nur verprellen.

Beenden Sie das Spiel auf Ihre Weise.

Habe ich etwas vergessen?

Irgendjemanden?

Also dann …

Ich hoffe, Ihnen gefällt mein Buch, und ich vertraue darauf (und hoffe), dass Sie es sehr informativ und inspirierend finden werden.

Wie Die Reise des Lebens ist auch mein Buch eine Reise mit mehr Drehungen und Wendungen, Tragödien und Triumphen, als jeder Kinofilm oder Roman je aufbieten könnte. Wenn es nur so einfach wäre.

Leiten Sie an, predigen Sie nicht

Erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen. Ich habe sie einmal von einer jüngeren Frau gehört. Sie war damals etwa 81 Jahre alt.

»Also Bernard …«

»Nenn mich Bernie.«

»Also … Bernard. Ein älterer Mann – etwa 87, 88 Jahre alt – fuhr mit einem großen Auto über einen verkehrsreichen Highway, auf dem Beifahrersitz saß eine 83 Jahre alte Frau. Sie waren beide ziemlich klein und konnten kaum über das Armaturenbrett schauen. Haben Sie mich soweit verstanden?«

»Alles klar.«

»Glückwunsch! Als sie an eine Kreuzung kamen, überfuhr der Fahrer eine rote Ampel. Die Beifahrerin wollte ihn nicht verletzen, deshalb sprach sie mit sich selbst. Wissen Sie, was sie sagte?«

»Keine Ahnung.«

»Dachte ich mir. Sie flüsterte sich selbst zu – der Fahrer war ohnehin ein wenig schwerhörig, wissen Sie: ›Ich glaube, wir haben gerade eine rote Ampel missachtet. Ich hoffe natürlich, dass ich mich täusche.‹ Sind Sie noch bei mir?«

»Noch stehe ich da, nicht wahr?«

»Stehen? Nicht mehr lange, glauben Sie mir. Jedenfalls nicht ohne Hilfsmittel …«

»Nicht?«

»Nein. Also dieser Fahrer und seine Beifahrerin – und Bernard, bitte unterbrechen Sie mich nicht mehr – kamen an eine weitere Kreuzung. Und der Fahrer missachtete wieder die rote Ampel. Dieses Mal meinte die Beifahrerin, dass sie sich das nur einbildete, deshalb sagt sie nichts. Sie richtete sich jedoch auf, so gut es ging, und sah genau hin. Und er tat es wieder.«

»Noch mal?«

»Noch einmal! Bernard, bitte! Deshalb meldet sie sich zu Wort. Und sie sagt zu ihrem Freund, dem Fahrer:›Weißt du, dass du jetzt drei Mal über rote Ampeln gefahren bist?‹ Und, Bernard, was glaubst du, hat er geantwortet?«

»Ich habe nicht die geringste …«

»Er sagte: ›Willst du damit etwa sagen, dass ich fahre?‹«

Ich erinnere mich an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen. Sie musste so sehr lachen, dass sie ins Krankenhaus gebracht wurde, weil sie gar nicht mehr aufhören konnte zu keuchen.

Sie lacht noch immer. Sie ist noch am Leben. Und sie erzählt mir diesen Witz jedes Mal, wenn ich sie sehe! So, als hätte sie ihn mir noch nie erzählt. Aber sie lacht, sie lebt und ist glücklich.

Irgendwo besteht da ein Zusammenhang.

Da ich schon einmal beim Thema bin, halte ich es für einen guten Zeitpunkt, für einen Augenblick auf das Thema Gedächtnis einzugehen. Wir werden uns später noch ausführlicher damit befassen …

Das Gedächtnis lässt mit zunehmendem Alter ein bisschen nach.

Das wird Sie wohl kaum überraschen.

Abraham Lincoln sagte einmal: »Man kann der Verantwortung für morgen nicht entkommen, indem man ihr heute ausweicht.«

Das Problem der Verantwortung und der Planung für die Zukunft werden das Hauptthema dieses Buches sein. Daran sollten Sie sich jetzt schon gewöhnen, weil Sie sich in der Zukunft vielleicht nicht mehr an Ihre Verantwortlichkeiten erinnern werden.

Beachten Sie, dass ich »vielleicht« gesagt habe, nicht, dass es so kommen muss. Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Zum Glück ist mein Gedächtnis (noch) gut. Ich sage »zum Glück«, denn wenn ich an die vielen Gründe dafür denke, dieses Buch zu schreiben, ist der vorrangige Grund, dass ich es zu Ehren meiner geliebten Anna tue.

Sie war bis in ihre letzten Jahre, bis die Krankheit zuschlug, voller Lebendigkeit.

Und dann war ich allein. Das war für mich eine neue Erfahrung, nachdem wir so lange verheiratet gewesen waren. Am Tag ihres Todes war ich am Boden zerstört. Bei ihrer Beerdigung feierte ich ihr Leben.

Und mir wurde klar, dass ich nicht sterben wollte, solange die Musik des Lebens in mir erklang.

Mein Leben hat sich nach Annas Tod verändert. Ich möchte, dass Sie alle über diese intimen Details Bescheid wissen. So lernen Sie mich als Individuum kennen und verstehen mich, und ich kann Ihnen umso klarer machen, dass meine Lebensumstände keineswegs ungewöhnlich sind.

Danach werden wir uns dem eigentlichen Thema dieses Buches zuwenden: unserer Reise von A bis Z – von der Geburt bis zum Tod.

Im Mai 2010 kam der Arzt, der bei Anna gerade eine Not-Blinddarmoperation durchgeführt hatte, um 6 Uhr 30 aus dem Operationssaal. Die OP war erfolgreich verlaufen, doch er informierte mich, dass sie während des Eingriffs bei ihr eine seltene Krebsart entdeckt hatten.

»Bernie … es tut mir leid. Sie hat keine zwei Jahre mehr zu leben«, sagte er.

Das war alles. Nachdem ich diese schockierende Nachricht aufgenommen und dem Arzt ein paar Fragen gestellt hatte, trat ich selbstverständlich in einer höchst emotionalen Gemütsverfassung die Heimfahrt an. In den folgenden Stunden und Tagen beschäftigten mich vor allem drei Fragen:

1. Was musste ich tun, um sicherzustellen, dass Anna die beste zur Verfügung stehende medizinische Behandlung erhielt?

2. Welche Veränderungen musste ich in meinem Leben vornehmen, um zu gewährleisten, dass ich während ihrer Behandlung und Betreuung immer an ihrer Seite sein konnte?

3. Mit wem musste ich Kontakt aufnehmen, um Informationen über eine namhafte Agentur für häusliche Krankenpflege zu erhalten, die uns unterstützen konnte?

Ich war nicht bereit. Ich war nicht vorbereitet.

Ich brauchte Hilfe und lernte schnell. Und ich hatte insofern Glück, als ich in diesem Bereich bereits einige Erfahrungen gesammelt hatte. Das hat nicht jeder. Dennoch konnte ich nicht anders, als mir Gedanken zu machen, warum ich nicht besser vorausgeplant hatte …

Interessanterweise erhielt ich die Antworten auf meine drei Fragen schnell, weil ich auf meine langjährige Erfahrung im Umgang mit unheilbar Kranken zurückgreifen konnte, aber auch auf die mir bekannten Ressourcen. Für mich stand fest, dass ich nichts weiter zu tun brauchte, als gelassen und organisiert zu bleiben, dann würden unsere Bedürfnisse schon erfüllt werden.

Am nächsten Tag, als Anna sich von der Operation erholte, traf ich mich mit meinem guten Freund, unserem Hausarzt Dr. Jonathan Matthew, der mir ausführlich erklärte, was medizinisch getan werden musste. Er überwies mich an Dr. Omar Shaye und Dr. Ashkan Laskari, zwei renommierte Onkologen, denen ich sofort vertraute. Und in den folgenden zweieinhalb Jahren sollte sich zeigen, wie klug diese Wahl gewesen war.

Langsam begann ich, mich von meiner aktiven Berufslaufbahn zurückzuziehen und mich ganz meiner schönen und begabten Frau zu widmen.

Meine Verwandten, Michelle und Michael Ginsburg, lieferten die Antwort auf meine dritte Frage, als sie mir eine Person vorstellten, mit der sie auf dem Gebiet der häuslichen Pflege zusammengearbeitet hatten.

Aufgrund finanzieller Belastungen nach drei Familientragödien, die sich kurz zuvor ereignet hatten, waren wir finanziell nicht gut aufgestellt, doch über die Frage hinsichtlich der Kosten der Pflege von Anna machte ich mir überhaupt keine Gedanken. Schließlich hatten wir eine der besten zur Verfügung stehenden Versicherungen zur Kranken- und Medikamentenversorgung abgeschlossen und darüber hinaus das, was sich als eine der besten, wenn nicht die beste langfristige Pflegeversicherung entpuppte. (Falls Sie diese nicht haben, vergeuden Sie keine Zeit, und suchen Sie sich eine.) Zu meinem Glück liefen mein berufliches Leben, meine Karriere und mein erstes Buch gut, und das half uns, die finanzielle Last zu mindern.

Obwohl ich mein ganzes Leben lang ehrenamtlich in der Pflege gearbeitet hatte – quasi als Nebenjob zu meiner Arbeit im Gaststättenwesen –, fand ich leider bald heraus, dass ich jetzt auch Annas Pflegekräfte zu managen hatte, damit sie die bestmögliche Betreuung erhielt. Vor Annas Erkrankung konnte ich abends nach Hause gehen und die gelegentliche Traurigkeit im Schlaf verarbeiten. Ich wusste immer, dass ich gute Arbeit leistete, mich um andere kümmerte und darüber hinaus regelmäßig ehrenamtlich in Hospizen arbeitete. Doch wenn man ein Herz hat, nimmt einen die Arbeit manchmal mit. Verlust ist nie leicht zu verkraften. Und jetzt war ich zu Hause und konnte mir keine Auszeit nehmen. Die Pflege eines geliebten Menschen ist an sich schon eine Vollzeitbeschäftigung. Und die geistige und körperliche Belastung kann unglaublich hoch sein.

Und wieder: Man muss sich auf alle möglichen Ergebnisse vorbereiten.

Während dieser schwierigen Zeit vergaß ich wie so viele andere, auf mich selbst zu achten. Innerhalb von drei Monaten hatte ich fast sieben Kilogramm zugenommen, schlief lediglich fünf Stunden pro Nacht und war emotional überlastet.

Damals wusste ich nicht, was ich heute weiß: Dass Burn-out bei Pflegenden Realität ist und dass der Stress der Pflege wie ein frontaler Angriff wirken kann.

In meinem Fall sagten mir meine Familie und meine Freunde, dass man mir die Anstrengung am Gesicht ansehen könne. Bis Annas Leidensweg zu Ende war, fühlte ich mich manchmal, als könnte ich kaum atmen. Meine Anstrengungen wurden durch Schwierigkeiten mit den Krankenversicherungen und den täglichen langen Wartezeiten in Warteschleifen am Telefon erschwert, wie auch durch das Mailen und Faxen von Formularen und Dokumenten, die irgendwie unterwegs immer wieder verloren gingen.

Die Zeit verstrich. Anna wurde immer schwächer.

Und dann … starb sie.

Das war es. Ihre Lebensreise war zu Ende. Bis heute blicke ich zufrieden zurück, dass ich für meine geliebte Frau da sein konnte, als sie mich am meisten brauchte. Wenn ich irgendetwas bedauere, dann dass ich nicht gut vorbereitet war. Doch um mich zu wiederholen: Ich habe daraus gelernt. Seitdem habe ich für die Zukunft vorausgeplant. Und mein größter Wunsch ist, dass Sie das ebenfalls tun, wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben.

Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Reise ebenso wie meine von Gesundheit, Glück und vor allem Liebe erfüllt sein wird.

»Gevatter Zeit ist nicht immer ein strenger Vater,

und obwohl er sich mit keinem seiner Kinder lange aufhält,

legt er häufig die Hand sanft auf diejenigen, die ihm

von Nutzen gewesen waren; er lässt sie unerbittlich zu

alten Männern und Frauen werden, lässt ihre Herzen und

Geister aber jung und voller Kraft bleiben.

Bei solchen Menschen ist der graue Kopf nur Ausdruck

der Hand des alten Kerls, der sie segnet,

und jede Falte nur eine Kerbe im stummen Kalender

eines gut geführten Lebens.«

— Charles Dickens, Barnaby Rudge

Mein Name ist Bernard Otis. Und wie heißen Sie?

Wir wollen einander kennenlernen, nicht wahr? Jede gute Beziehung beginnt mit einem ersten Schritt. Einem Anfang. Was Sie also als Erstes über mich wissen sollten, ist die Tatsache, dass ich in eine große orthodoxe jüdische Familie in Detroit hineingeboren wurde.

Das Zweite – das vielleicht Ergebnis meiner Erziehung ist, wer weiß? – ist die Tatsache, dass mir immer wieder gesagt wird, ich hätte für einen 85-Jährigen einen ziemlich skurrilen Humor. Hier ein Beispiel:

Als Jason erfuhr, dass sein 95 Jahre alter Großvater gestorben war, ging er sogleich zu seiner 90 Jahre alten Großmutter, um sie zu trösten. Als er bei ihr ankam, fragte er, was denn passiert war.

Die Großmutter erklärte, dass ihr Mann gestorben war, während sie Sex gehabt hatten.

Jason war verdutzt und sagte seiner Großmutter, er sei schockiert darüber, dass sie in ihrem Alter Sex hatten. Er war der Meinung, das sei eine »wirklich schlimme Situation«.

Die Großmutter antwortete, sie und sein Großvater hätten vor einigen Jahren herausgefunden, dass es für Ältere sicher sei, Sex zu haben, während die Kirchenglocken läuteten.

Sie sagte, es gehe nur um den Rhythmus – es sei sehr entspannend und sicher, wenn man mit dem »Ding« hinein-, mit dem »Dong« herausgehe. Und dann fügte sie hinzu: »Wenn dieser dumme Eiswagen nicht vorbeigekommen wäre, würde Großvater heute noch leben.«

Tja.

Okay, weiter.

Wir lebten in einem vorwiegend jüdischen Viertel. Wir sprechen hier über einen Stadtteil, der von 75 Prozent Juden, 20 Prozent Katholiken und 5 Prozent von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit bewohnt wurde.

Ursprünglich wollte ich Architekt werden, doch dieses Ziel gab ich in meinem dreizehnten Lebensjahr wegen meiner schlechten Augen auf. Ich besuchte nicht die örtliche High School (Central High), sondern entschied mich für die Cass Tech, eine sehr angesehene technische Schule, die etwa elf Kilometer von meinem Zuhause entfernt war. Ich besuchte die Cass Tech sehr zum Verdruss meiner Eltern, die mir aber dennoch die Wahlfreiheit ließen. Mit der Straßenbahn und dem Bus fuhr ich hin und zurück – nur nicht an den Streiktagen der Transportgesellschaften, die es häufig gab.

In diesen Fällen musste ich zu Fuß gehen. Ich hatte keine andere Wahl.

Doch ungeachtet der gelegentlichen Unannehmlichkeiten erwies sich diese Entscheidung, die ich allein getroffen hatte, als großer Wendepunkt in meinem jungen Leben.

Die Schüler an der Cass Tech, welche in einem siebenstöckigen Gebäude in der Innenstadt von Detroit untergebracht war, waren junge Menschen, die nicht nur Architekt, sondern auch Künstler, Ingenieur, Musiker, Techniker, Konstrukteur, Chemiker und so weiter werden wollten.

Es waren alle Rassen, Glaubensrichtungen, Religionen, Ethnien, finanziellen Schichten und gesellschaftlichen Stellungen der Familien vertreten. Hier war ich zum ersten Mal in meinem Leben mit echten Wahlmöglichkeiten für meine Zukunft konfrontiert.

Und es war eine bunte Mischung von Menschen, die mich in die Lage versetzt hat, in meinem Leben jeden als ebenbürtig zu betrachten.

WEISHEITS ◇ NUGGET # 1

Behandeln Sie jeden als ebenbürtig.

Gewöhnen Sie sich an diese Weisheits-Nuggets. Ich habe jede Menge davon.

Jedenfalls hatte die Cass Tech ein riesiges Auditorium mit 3000 Plätzen, in dem häufig Weltpolitiker und kommunale Führungspersönlichkeiten Vorträge hielten. Als Vorsitzender der Schülervertretung hatte ich das Privileg, diese bei ihren Besuchen zu treffen, mit ihnen zu Abend zu essen und sie vorzustellen.

Zu den Persönlichkeiten, die ich kennen und respektieren lernte, zählten Walter und Victor Reuther – die Gründer der Gewerkschaft der United Automobile Workers und der Congress of Industrial Organizations -, Senator Hubert Humphrey, Eleanor Roosevelt und zahlreiche andere aus allen Schichten unserer Gesellschaft, darunter auch der interessante Igor Sikorsky, einer der maßgeblichen Luftfahrtpioniere und Entwickler des Hubschraubers. Ja, ich habe Eleanor Roosevelt kennengelernt. Ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich alt bin. Also tun Sie nicht so überrascht. Aber warten Sie ab, es kommt noch mehr!

Im Jahr 1946 bat mich der Direktor der High School, Bill Stirton (der später Dekan der Universität von Michigan werden sollte), in Vorbereitung für das Jubiläum anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Automobilindustrie bei der Koordination einer Hauptveranstaltung mitzuwirken, nämlich einer feierlichen Parade durch das Zentrum von Detroit.

Ich sollte mit dem Baseballstar Connie Mack und dem Autopionier Henry Ford zusammenarbeiten, die beide schon im fortgeschrittenen Alter waren, und einen Wettlauf über die Woodward Avenue, der Hauptstraße von Detroit, organisieren.

Was für eine aufregende Lernerfahrung für einen Teenager, dessen Leben gerade erst begann! Und das alles in einer Zeit, als die Weltwirtschaftskrise überwunden war und die Folgen des Zweiten Weltkriegs unsere Wirtschaft veränderten. Obwohl mir es zu dieser Zeit natürlich nicht klar war, wurden damals die Weichen für die Krise gestellt, mit der wir es heute in unserem Gesundheitswesen, bei den Lebenshaltungskosten und im Bildungssystem zu tun haben.

Ich versichere Ihnen, dass ich bald auf diese Themen zurückkommen werde.

Jeder, der, sagen wir, unter fünfzig Jahre alt ist, hat keine Ahnung, wie schnell das Leben vergeht. Die Vorrunde ist bereits vorüber. Sobald Sie diese Marke des halben Jahrhunderts erreicht haben, rasen die Tage nur so dahin. Glauben Sie mir!

Victor Hugo, der Autor von Les Miserables und Der Glöckner von Notre Dame, sagte einmal: »Vierzig Jahre sind das Alter der Jugend, fünfzig die Jugend des Alters.«

Er wusste Bescheid. Auch er wurde alt.

Und erlauben Sie mir, seine Feststellung zu ergänzen: »Und jede Minute danach? Ist ein Rennen gegen die Zeit.«

Ich bin jetzt 85 Jahre alt. Ich muss dieses Buch zu Ende schreiben. Ich muss meine Blogs pflegen, um für dieses Buch zu werben. Darüber hinaus muss ich meine Beratungsfirma weiterführen, und vor allem muss ich weiter meine Rechnungen bezahlen.

Genau wie Sie. Bis ich es irgendwann nicht mehr tun kann. Egal, wie alt Sie sind, Sie und ich, wir unterscheiden uns eigentlich gar nicht so sehr.

Und so sieht meine Realität ansonsten aus: Ich bin zwar 85 Jahre alt, aber ich fühle mich wie mit 25. Mein Geist und mein Herz sind denen eines durchschnittlichen 25 Jahre alten Amerikaners sehr ähnlich. Aber der Körper … den kann man vergessen!

WEISHEITS ◇ NUGGET # 2

Sprechen Sie mit Ihren Kindern. Sie werden es Ihnen später danken.

Genug der Spielereien. Es ist Zeit, zum Wesentlichen zu kommen. Sie wussten ja, dass es irgendwann so weit sein würde.

Ab einem gewissen Punkt muss ich zum Ernst der Sache und sogar auf einige hässliche Realitäten zu sprechen kommen. Das Älterwerden ist nicht allzu schön. Doch Ihre zukünftige Lebensqualität hängt von den Entscheidungen ab, die Sie jetzt treffen.

Für meine Leser, die den fünfzigsten Geburtstag noch vor sich haben, sei gesagt, dass es schon bald so weit sein wird. Und warum?

»DIE ZEIT VERGEHT SCHNELL!«

Bevor Sie also den fünfzigsten Geburtstag feiern, würde ich Ihnen gern das Versprechen abnehmen, dass Sie nach mehr streben. Nach dem, was ich als eine siegreiche Reise bezeichne. Lockern Sie Ihre Schultern. Entspannen Sie sich. Gestern ist vorbei; es ist Zeit für einen neuen Tag. Bringen Sie das Blut in Wallung (solange Sie es noch können)!

»Ich kann jedem beibringen, wie er das erhält,

was er im Leben haben will. Das Problem ist nur,

dass ich niemanden finden kann, der weiß, was er will.«

— Mark Twain

Vor vielen Monaten, kurz nach dem Tod meiner schönen Anna, ging ich zur gewohnten Zeit zu Bett: um 22 Uhr. Und dann geschah etwas Seltsames.

Ich war fünf Jahre alt und lebte in Detroit, Michigan. Das konnte mit Sicherheit kein Traum sein – dafür war es viel zu lebendig. Die Szenen, die Geräusche … Ich war zurück. Wieder in meiner Kindheit angelangt, zurück an einem Tag, der, wie ich mich erinnere, größtenteils glücklich und erfüllend war. Ich begleitete meinen Vater, als er sich für 750 Dollar einen Plymouth Baujahr 1935 kaufte. Ein Vater-Sohn-Tag! Wie musste ich solche vermisst haben, als ich in meine Träumerei fiel. Mein Dad war überglücklich und grinste über das ganze Gesicht. (He, das ist mein Buch und mein Klischee; ich bin fast 86 Jahre alt, ist doch in Ordnung, oder?) Nach dem Autokauf spendierte er mir ein Eis, und für mich war die Welt in bester Ordnung.

Doch später …

Was für ein Spaß, dachte ich, als wir an diesem Abend nach Hause fuhren. Ich war mir sicher, dass unsere ganze Familie vor der Haustür warten würde, um uns nach unserem perfekten Tag zu begrüßen, doch meine 73 Jahre alte Großmutter (im jüdischen Sprachgebrauch Bubby genannt), war erkrankt, und alle Tanten und Onkel waren bei uns zu Hause und warteten auf den Arzt (damals machten Ärzte noch Hausbesuche).

Zur damaligen Zeit war man mit 73 Jahren wirklich alt, und in unserem Viertel wohnten viele wirklich alte Menschen. Viele dieser Männer und Frauen waren Einwanderer, die nie richtig Englisch gelernt hatten, und inzwischen hatten die meisten von ihnen Gedächtnisprobleme, die man als Alterserscheinung bezeichnete.

Ich konnte nie verstehen, warum sie nicht hörten, was ich zu ihnen sagte, oder warum sie mir so komische Antworten gaben. Und viele von ihnen konnten kaum gehen.

Damals gab es nur sehr wenige Altenheime, und die meisten dieser wirklich alten Menschen wohnten bei ihren Familien und wurden von ihnen gepflegt. Häufig wurden sie in einem Schlafzimmer vor dem Rest der Welt verborgen. Und dann schienen diese betagten Nachbarn mit alarmierender Häufigkeit plötzlich zu verschwinden.

»Ma?«, fragte ich.

»Bernard?«

»Was ist mit Mrs. Lefkowitz passiert?«

»Ach, Bernard …«

»Ja?«

»Bernard, sie ist gestorben.«

»Gestorben? Was ist ›gestorben‹?«

»Darüber können wir jetzt nicht sprechen. Wenn du ein bisschen älter bist …«

»Darf ich noch was fragen?«

»Bernard?«

»Was ist mit Mr. Bernescu passiert? Dem Besitzer des Fotogeschäfts? Ich habe ihn seit etwa zwei Wochen nicht mehr gesehen.«

»Ach, er ist vor zwei Wochen gestorben.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Wenn du älter bist, wirst du es verstehen. Jetzt brauchst du dir um solche Dinge keine Sorgen zu machen.«

»Und was ist mit Mrs ….?«

»Bernard!«

Nach dieser Unterhaltung fragte ich jeden, den ich kannte, was »gestorben« bedeutete. Schließlich erfuhr ich von einem netten älteren Mann, der an einer Straßenecke saß und eine Konservendose mit ein paar Pennys in der Hand hielt, dass das Wort, nach dem ich suchte, Tod lautete.

Als ich meine Mutter nach dieser unkonventionellen Belehrung mit meiner Erkenntnis konfrontierte, sagte sie: »Bernard, wie gut für dich, dass du wissbegierig bist, das wird dir in deinem Leben von großem Nutzen sein.«

Das war alles.

Um aber fair zu sein: Zu jener Zeit schwiegen die meisten Eltern, wenn es um dieses Thema ging.

Ich habe es nie ganz verstanden. Wovor wollten sie uns schützen? Gott behüte, dass wir Kinder in so jungen Jahren von Dingen wie dem Tod erfuhren! Und die Feststellung, dass ich mir »jetzt über solche Dinge keine Sorgen zu machen brauchte?« Wie bedauerlich! Wir müssen mit unseren Kindern schon in jungen Jahren über den Tod und die Bedeutung sprechen, die er in unserem Leben hat. Es ist ein gutes Wort, weil der Tod real ist, und wenn wir begreifen, was er mit unserer Lebensreise zu tun hat, kann diese Reise deutlich glücklicher verlaufen, weil unser Fokus während der Reise darauf liegen wird, jeden Tag zu einem glücklichen Erlebnis zu machen.

Übrigens stellte ich meinem Vater, dem klugen Mann, die gleiche Frage, nachdem ich die Antwort bereits erhalten hatte. Ich dachte mir, Ma müsste ihm etwas davon erzählt haben, aber ich wollte seine Antwort unbedingt hören: »Dad, was bedeutet ›gestorben‹?«

Er runzelte die Stirn, dachte nach und sagte schließlich: »Lies die Zeitungsseite mit den Witzen.«

»Aber …«

»Glaub mir. Du erfährst mehr über das Leben und … anderes, wenn du die Witzseite liest.«

Mein Dad liebte die Witzseite – die Comics in der Zeitung. Er hatte Humor. Würde er heute noch leben, dann würde er mich immer noch auffordern, die Antworten auf alle großen Lebensfragen auf den Comicseiten zu suchen.

Später, als ich im Alter von 14 Jahren von meiner ersten Beerdigung zurückkam, fragte ich meinen Vater erneut. Er forderte mich auf, mich hinzusetzen, und schlug die Seite mit den Todesanzeigen der Detroit News auf. Er sagte: »Sohn, ich möchte, dass du dir jeden dieser Namen ansiehst und schaust, was über den Tod dieser Menschen gesagt wird.«

Dann deutete er auf die zahlreichen Anzeigen und las Dinge vor wie: »Dieser Mann ist an einer Lungenentzündung gestorben.« – »Dieser an Krebs.« – »Dieser hatte einen Herzinfarkt.« Er sagte, dies seien alles natürliche Todesfälle gewesen. Doch in keiner der Anzeigen stand, dass der Betroffene aufgrund seiner schweren Arbeit gestorben war.

Wir sprachen darüber, wie ihre Familien und Freunde ihnen wohl während der letzten Phase beigestanden hatten. Und dann sagte er: »Sohn, denk immer daran, dass unsere Hauptaufgabe im Leben darin besteht, anderen zu helfen, einen guten Weg zu finden, denn egal, wie rein und selbstlos deine Absichten sind, der Mensch, dem du helfen willst, könnte deine Motive aus unterschiedlichen Gründen für eigennützig halten.«

Das waren tiefgründige Worte, an die ich mich bis heute erinnere.

Wenn wir schon beim Thema sind. Das Folgende ist ein Zitat einer Achtzigjährigen: »Wenn du stirbst, kümmert Gott sich um dich, wie es deine Mutter getan hat, als du am Leben warst, nur brüllt er dich nicht ständig an.«

Das nur so nebenbei.

Weiter geht es. Beziehungsweise zurück zu meinem Traum. Es war mitten in der Weltwirtschaftskrise, und viele unserer Familienangehörigen und Freunde waren sehr arm. Häufig teilten wir uns die Wohnungen und die Lebensmittel, und wir machten unsere eigenen Späße.

Hier ein interessanter Gegensatz:

Heute leben wir in einer Welt von Gewaltvideos und brutalen Videospielen.

Mit den Jahren scheint unsere Gesellschaft zu vergessen, wie viel Gewalt und wie viele Morde sich damals, zur Zeit meiner Kindheit, ereigneten, und zwar aufgrund der wirtschaftlichen Probleme, mit denen wir zu kämpfen hatten, aber auch aufgrund des wachsenden religiösen Hasses in jener Epoche. Mein Vater hatte das Glück, eine sehr gute Anstellung in der Lebensmittelindustrie zu haben, die eine schwierige Phase durchmachte, weil das Land wirtschaftlich zu kämpfen hatte, aber auch, weil einige Gewerkschaften nicht vor Mord und Einschüchterung zurückschreckten, um Arbeiter und Firmen zu zwingen, sich ihnen anzuschließen. Ich kann mich noch immer daran erinnern, jeden Abend um 18 Uhr in unserer Wohnung am Fenster gestanden zu haben, die Nase in der Hoffnung gegen die Scheibe gedrückt, dass mein Vater sicher von der Arbeit nach Hause kommen würde.

Ich habe bereits erwähnt, dass dies für mich eine äußerst glückliche und erfüllende Zeit war, aber auch eine sehr beängstigende.

Wegen des Jobs meines Vaters war unsere Wohnung jeden Freitagabend voll von armen Verwandten und Freunden. Ich beobachtete interessiert, wie meine Eltern ihnen Geld und Lebensmittel schenkten, die sie aufgrund von Vaters Arbeit erhalten hatten. Rückzahlungen akzeptierte mein Vater nie, und als ich ihn nach dem Grund fragte, wiederholte er die bereits erwähnten Worte, die ich nie vergessen werde: »Hilf anderen, einen glücklichen Weg zu finden.«

Mit einem Mal war die Welt in Ordnung. Alles war so »richtig« und »gut«, weil sowohl meine Mutter als auch mein Vater so großzügig waren, dass mir klar wurde, was für besondere Menschen sie waren.

Und schließlich begriff ich.

Sie beschützten mich nicht, sondern sorgten dafür, dass ich so sorgenfrei wie möglich aufwuchs, in einem glücklichen Zuhause, mit guten Werten. Damit konnte ich, als ich älter wurde, anderen den Weg aufzeigen.

Ich war nicht mit allem, was sie mir sagten, einverstanden, aber heute ist mir klar, was für ein Glück ich als Kind hatte. Und dann wachte ich im Augenblick meiner Erleuchtung plötzlich auf.

Was für ein Timing! Ich wollte die Wärme meines Elternhauses nicht verlassen. Ich hatte Tränen in den Augen. Die Erinnerung an meine Eltern, die so jung gestorben sind, beschäftigte mich. Erschreckt setzte ich mich im Bett auf, und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich selbst ein wirklich alter Mensch war – wie die meisten meiner Freunde. Ich unterschied mich nicht von den anderen Senioren, mit denen ich als kleines Kind zusammengelebt hatte.

Und ich fing an zu weinen …

WEISHEITS ◇ NUGGET # 3

Bewahren Sie sich Ihre Gesundheit, damit Sie aktiv und kreativ bleiben können. »Ruhestand« bedeutet nicht, das Leben aufzugeben.

Man braucht sich nicht zu bemitleiden, wenn die Jugend vorbei ist.

Großmutter Moses fing mit achtzig an zu malen. Ronald Reagan wurde erst mit 61 Jahren Gouverneur von Kalifornien. Mahatma Gandhi wurde erst im fortgeschrittenen Alter Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Charlie Chaplin, Clint Eastwood und andere arbeiteten mit über siebzig und darüber hinaus als Filmregisseure. Frank McCourt, der Autor des Weltbestsellers Die Asche meiner Mutter, begann erst mit über sechzig mit dem Schreiben. Leonardo da Vinci erstellte mit über sechzig Jahren Skizzen, Leo Tolstoi schrieb noch mit siebzig Romane. Anthony Burgess, der Autor von Uhrwerk Orange, begann erst mit über vierzig Jahren zu schreiben. Michelangelo fertigte noch im Alter von über achtzig Jahren Skulpturen an.

Marvis Lingren begann mit über sechzig, Marathon zu laufen, und nahm viele Jahre lang weltweit an Marathonläufen teil. Mit 103 Jahren stellte Ben Levinsen bei der Seniorenolympiade Weltrekorde im Kugelstoßen auf.

Bernard Herzberg legte mit über achtzig Jahren seinen Universitätsabschluss in Deutsch, der Sprache seiner Vorfahren, ab. Davor hatte er die Sprache nie gesprochen.

Für diese Erfolgsmenschen war der Ruhestand natürlich keine Option.

Ich proste ihnen mit einem Glas herrlichen Rotwein zu – der ist gut für den Blutdruck, Sie wissen schon.

Manchmal träume ich von meinen jungen Jahren, dann wache ich auf und bin nach dem Rückblick auf meine Jugend wieder alt und bemitleide mich. Und dann geht es wieder vorbei.

Haben Sie sich je bemitleidet? Ist es vorübergegangen? Selbstverständlich, so, wie Ihre Jugend vergangen ist. Und Ihre besten Jahre vergehen werden, und Sie eines Tages … Das ist ein kurzes Kapitel. Kurz wie das Leben.

WEISHEITS ◇ NUGGET # 4

Die Zeit fliegt dahin. Sorgen Sie dafür, dass jeder Augenblick zählt.

Hauptsächlich für meine Leser unter fünfzig sei wiederholt:

DIE ZEIT VERGEHT SCHNELL.

Es heißt, wir Älteren würden uns an nichts erinnern, aber ich wiederhole es, bis Sie es ebenfalls wiederholen:

DIE ZEIT VERGEHT SCHNELL.

In diesem Sinne: Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen, meinen Lesern, die Hand in Freundschaft reiche.

Weil man wirklich nicht weiß, was man nicht weiß, bis man es weiß (versuchen Sie, das dreimal schnell hintereinander zu sagen). Sie sind in Ihren besten Jahren. Glauben Sie mir, Sie werden es später merken.

Und ich habe die Weisheit erlangt, um Sie unbeschadet zu dieser Erkenntnis zu führen. Ein großer Vorteil, wenn man uralt ist.

Sie haben mich verstanden?

Der Kernspruch unter uns lautet, dass ein Mensch in dem Moment, in dem er geboren wird, zu sterben beginnt.

Sie werden in diesem Buch jede Menge augenzwinkernden Humor finden, aber lassen Sie uns für einen Moment ernst sein: Das Leben ist voller Herausforderungen. Es kann schwierig sein und die Menschen niederdrücken. Man muss stark sein. Aber ebenso wichtig ist es, klug zu sein.

Beispiele:

Dr. Nancy Snyderman, die Medizinredakteurin der NBC Nightly News, berichtete von ihren Erfahrungen, als sie sich plötzlich um ihre betagte Mutter kümmern musste. Und sie erzählte, dass sie trotz der langjährigen Berichterstattung über medizinische Themen schlecht darauf vorbereitet war, mit den organisatorischen Problemen des mütterlichen Alterns umzugehen. »Pflegende versorgen die Patienten im Durchschnitt zwanzig Stunden pro Woche«, sagte sie, »aber viele sind der Meinung, dass es sich nach mehr anfühlt. Und wie ich muss etwa die Hälfte der Betroffenen diese Verantwortung mit einem Vollzeitjob unter einen Hut bringen.« Zwar schicken uns unsere Versicherungsgesellschaften und die staatlichen Gesundheitsorganisationen jährlich dicke Hefter mit detaillierten Informationen über unseren aktuellen Versicherungsschutz zu, doch man müsste Jurist sein, um die zutreffenden Interpretationen einiger dieser Bestimmungen und Regulierungen herauszufinden – das heißt, es ist buchstäblich unmöglich.

Darüber hinaus führt die schlechte Kommunikation zwischen Arztpraxen und den Anbietern der für die Behandlung notwendigen Arzneimittel häufig zu massiven Zahlungen aus eigener Tasche, wenn man Behandlungsverzögerungen vermeiden will.

Und das geht so weiter, als wäre es nicht schwierig genug, mit dem bevorstehenden Tod eines geliebten Menschen umzugehen.

Als ich kürzlich einen 89-jährigen Ruheständler interviewte, fragte ich ihn, was er für den größten Fehler seines Lebens halte.

Er sagte mir, er bereue es sehr, nicht mehr Zeit zum Knüpfen persönlicher Beziehungen aufgewendet zu haben, um die Einsamkeit zu verhindern, die er nun spüre – obwohl er eine wunderbare Frau und Familie habe.

Es ist so traurig, ältere Menschen zu beobachten, die keine engen Freunde haben, die sie besuchen, mit denen sie ihre Lebenserfahrungen austauschen und denen sie vertrauen können. Das erinnert mich an folgende alte Geschichte:

Ein achtzigjähriger Mann sitzt auf einer Bank im Central Park. Es ist fünf Uhr am Nachmittag, und er weint. Eine junge Geschäftsfrau kommt auf ihrem Heimweg vorbei, geht zu ihm und erkundigt sich, was los sei und warum er weine.

Er antwortet: »Es ist schrecklich. Meine erste Frau ist genau heute vor einem Jahr gestorben, und ich erinnere mich, wie schwierig es für mich war, ihre Angelegenheiten zu regeln. Jetzt bin ich mit einer umwerfenden blonden und blauäugigen Frau verheiratet, die mich sehr gut versorgt. Sie ist so jung wie Sie. Sie kocht mir wunderbare Mahlzeiten und geht mit mir zum Essen, ins Theater und so weiter. Sie hält das Haus sauber, und wir führen eine schöne körperliche Beziehung.«

Die Frau ist erstaunt und sagt: »Und warum weinen Sie dann?«

Er antwortet: »Ich weiß nicht mehr, wo wir wohnen.«

Mit anderen Worten: Lieben Sie Ihre Angehörigen, und genießen Sie das Leben, solange Sie es können. Es geht schneller – viel schneller – vorbei, als Sie denken.

Laut eines Artikels in der New York Times kümmern sich fast 40 Prozent der US-Amerikaner um einen Angehörigen mit gravierenden gesundheitlichen Problemen. Diese Pflegenden, so hieß es in dem Artikel, »sind wahrscheinlich selbst in einem schlechten Gesundheitszustand und bringen sich um ihre eigene finanzielle Zukunft«.

Tatsächlich wachsen die Sorgen hinsichtlich der Zahl junger Männer und Frauen oder Menschen mittleren Alters, die nicht mehr in Voll- oder Teilzeitjobs arbeiten können, weil sie ihre alternden Familienangehörigen pflegen müssen. Und was dann?

Denken Sie über folgenden beängstigenden Bericht nach, der am 27. September 2013 in der Zeitschrift The Week erschien:

»In einer Umfrage wurden 2250 US-Amerikaner aufgefordert, ein Alter zu nennen, in dem sie für immer mit gutem Gesundheitszustand leben könnten. Das bevorzugte Alter lag im Durchschnitt bei fünfzig Jahren. Tatsächlich setzt etwa in diesem Alter in unseren Körpern und Gehirnen eine Beschleunigung des Alterungsprozesses ein, und wir sollten uns intensiv bemühen, die letzte Phase unseres Lebens zu planen … Allerdings sieht der Durchschnittsbürger das leider anders.«

Wir erwarten zwar alle, ein langes und erfülltes Leben zu führen, doch die Natur hat die Angewohnheit, die Lebensreise durch Unfälle, Krankheiten, Geburtsfehler, Verbrechen, Krieg, Terror und so weiter zu beeinträchtigen und zu verkürzen. Aber wir erfahren alle auch positive Dinge, und die Lebens- und Todeserfahrung als Ganzes sollte uns inspirieren, die Freude am Leben zu finden.

Sie glauben mir nicht? Dann lesen Sie weiter.

WEISHEITS ◇ NUGGET # 5

Das Leben ist kein Kampf; es ist eine Reise, und wenn Sie jede Etappe gut vorausplanen, werden Sie triumphieren.

In meinem ersten Jahr an der Universität von Michigan begann ich, mich für William Shakespeares Theaterstücke zu begeistern. In einem seiner bekanntesten Stücke, Wie es euch gefällt, zählt er auf, was er für die sieben Phasen des Lebens hält:

»Die ganze Welt ist Bühne

Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler.

Sie treten auf und geben wieder ab.

Sein Leben lang spielt einer manche Rollen

Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,

Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;

Der weinerliche Bube, der mit Bündel

Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke

Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,

Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied

Auf seiner Liebsten Braun; dann der Soldat,

Voll toller Flüch und wie ein Pardel bärtig,

Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,

Bis in die Mündung der Kanone suchend

Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter

Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,

Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,

Voll weiser Sprüch und Allerweltssentenzen

Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter

Macht den besockten, hagern Pantalon,

Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;

Die jugendliche Hose, wohl geschont,

’ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;

Die tiefe Männerstimme, umgewandelt

Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt

In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem

Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,

Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,

Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.«

— Übersetzung von August Wilhelm Schlegel

Diese weisen Worte sind heute noch so wahr wie damals, als sie geschrieben wurden, und wir sollten sie alle beherzigen, wenn wir unser Leben planen.

In den folgenden Kapiteln dieses Buches werden wir auf jede dieser Phasen eingehen und hoffentlich Einblicke in die Herausforderungen einer jeden gewinnen.

Dabei sollten Sie bitte Folgendes beachten:

Beginnen Sie früh, die Reise zu planen, und nehmen Sie mit fortschreitendem Alterungsprozess regelmäßig Anpassungen vor.

Bedenken Sie immer, welche Last Sie Ihren Angehörigen während des Alterungsprozesses aufbürden werden; dazu zählt auch die sehr schwierige Entscheidung, Ihre Unabhängigkeit teilweise oder ganz aufzugeben.

Ob Sie nun mit einer lebensbedrohlichen Krankheit oder lediglich mit fortschreitendem Alter konfrontiert sind, verweigern Sie sich der Wahrheit nicht. Arbeiten Sie daran, sich eine positive Einstellung zu bewahren, und sprechen Sie offen mit Ihrer Familie oder Freunden über alle mit der Alterung verbundenen Fragen.

Ein Artikel in der Los Angeles Times aus dem Jahr 2013 berichtete von einer Familie, deren religiöse Einstellung zu Folgendem führte: Als die Familie erfuhr, dass einer der Angehörigen an einer tödlichen Krankheit litt, instruierte sie die Ärzte des erkrankten Mannes und alle, die mit ihm zu tun hatten, ihm die Wahrheit nicht zu sagen. Tatsächlich sagten sie ihm, als er sie fragte, warum die Behandlung allem Anschein nach nicht anschlage, dass sie doch wirke und er wieder genesen werde.

Wie traurig ist es, einem sterbenden Menschen das Recht und die Chance vorzuenthalten, über seine oder ihre Zukunft zu entscheiden und die Gelegenheit zu bekommen, bis zum Ende mit hoher Lebensqualität zu leben. Noch trauriger ist es, dem Sterbenden das Recht zu verweigern, sich von seinen Lieben verabschieden zu können.

Hier eine lustige, aber wahre Geschichte:

Anlässlich ihrer goldenen Hochzeit wurden Martha und David (Namen geändert, um die gar nicht so Unschuldigen zu schützen), beide Ende achtzig, vom lokalen Radiosender interviewt. Der Reporter fragte sie: »Wenn Sie noch mal von vorn anfangen könnten, würden Sie sich noch einmal heiraten?«

Beide antworteten: »Ja, zweifellos.«

»Und wenn Sie noch einmal von vorn anfangen könnten, würden Sie den gleichen Lebensstil führen?«

Und wieder bejahten sie die Frage.

»Was ist mit Kindern? Wenn Sie es noch einmal zu entscheiden hätten, würden Sie Kinder bekommen?«

Ohne zu zögern, rief Martha aus: »Ja, aber nicht dieselben!«

Leben Sie! Planen Sie! Werden Sie alt! Und leben Sie weiter! Bis es vorbei ist. Hoffentlich bleibt Ihnen noch viel Zeit, bis dahin.

Sollen wir ins Detail gehen?

Falls ich Ihnen das erklären muss …

Leben Sie!

Ich habe einen guten Freund, dessen Vater im relativ jungen Alter von siebzig Jahren starb. Die beiden standen sich so nahe, wie sich Vater und Sohn nur stehen können. Mein Freund hat zwei Brüder, und seine Mutter ist zum Glück gesund.

Sein Vater pflegte zu sagen: »Das Leben geht so schnell vorbei. Wo sind nur all die Jahre hin?« Genau das sage ich auch immer.

Die Zeit wird kommen – gewöhnlich geschieht dies, statistisch gesehen, bei den meisten Menschen um das Alter von fünfzig Jahren herum -, in der einem plötzlich klar wird, dass man sich der letzten Lebensphase nähert.

Ab diesem Zeitpunkt folgt in der Regel ein wahres Rennen des Bedauerns, des Hetzens und der Planung der Liste von Dingen, die man vor dem Lebensende noch tun möchte. Und wie kämpfen wir gegen diesen plötzlichen Anfall von »Oh, verdammt!« an?

Leben Sie!

Leben Sie ein reiches und erfülltes Leben, und verbringen Sie Ihre Jahre so glücklich und gesund wie nur möglich. Es wird Hindernisse geben, aber sie werden wieder verschwinden. Machen Sie Ihre Reise so lohnenswert wie es geht.

Tun Sie es so gut wie möglich, aber achten Sie darauf, das Folgende zu berücksichtigen:

Falls Ihre Familie weit entfernt wohnt, stellen Sie sicher, dass Sie in Ihre Pläne auch Ihre Freunde und/ oder Gemeindemitglieder und/oder Organisationen und/oder Nachbarn etc. einbeziehen. Sie verstehen schon, was ich meine.

Beziehen Sie stets auch Ihre Pflegekräfte und Ärzte ein, weil diese für den Fall, dass etwas passiert, Ihre Kontaktpersonen kennen müssen.

Machen Sie es sich darüber hinaus zur Gewohnheit, so viele Artikel übers Älterwerden zu lesen wie nur möglich, damit Sie weiterhin über alle damit verbundenen Fragen informiert bleiben.

Planen Sie!

Weil eine gute Gesundheit der Schlüssel für ein gutes Leben ist …

Alle Erwachsenen müssen möglichst früh einen Plan zur Gesundheitsvorsorge aufstellen, in dem ihre Wünsche klar definiert werden, sollten sie schwer erkranken oder sollte ein tragisches Ereignis stattfinden, das sich auf ihre Lebenserwartung auswirkt.

Beides kann in Ihrem Leben durchaus der Fall sein. Ihr Plan sollte Folgendes umfassen: eine Patientenverfügung, eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungsverfügung.

In diesen wird angegeben, wer für Sie Entscheidungen treffen soll, falls Sie dazu nicht mehr in der Lage sind:

Es sollte auch eine Verfügung enthalten sein, welche minimale Lebensqualität Sie akzeptieren, wenn es um die Entscheidung der Beendigung lebensverlängernder Maßnahmen geht.

Es sollte klar definiert sein, wer, in absteigender Reihenfolge, für Entscheidungen in Ihrem Namen verantwortlich ist. Achten Sie darauf, dass die angegebene Person in der Nähe Ihres Wohnorts lebt. Sowohl Sie selbst als auch alle Familienmitglieder müssen besprechen und sich einigen, wer im Fall einer ernsten Erkrankung wofür verantwortlich ist. Dieser Prozess muss fortgesetzt und die Verfügungen regelmäßig aktualisiert werden. Im Fall von Meinungsverschiedenheiten könnten Sie einen erfahrenen Fachmann hinzubitten, der Ihnen bei diesem Prozess behilflich ist.

Bei der Planung der gesundheitlichen Bedürfnisse sollten Sie beachten, dass in den USA langfristige Gesundheitsversicherungen extrem teuer sind. Ein qualifizierter Finanzberater ist bei diesem Prozess ein Muss.

Harold Bermudez, der Geschäftsführer einer großen Pflegeeinrichtung in Südkalifornien, teilte mir kürzlich seine größte Sorge mit. Nämlich dass das Durchschnittseinkommen der meisten US-Amerikaner im Laufe der kommenden Jahre erneut deutlich sinken würde. Kosten für Weltereignisse wie Kriege müssten am Ende bezahlt werden und würden letztlich negative Auswirkungen auf den Geldbeutel der US-Bürger haben.

Bermudez erwartet eine wirtschaftliche Katastrophe, die sich wieder einmal auf unsere finanzielle Fähigkeit auswirken wird, in Langzeitpflegeeinrichtungen unterzukommen, und die den Druck auf die Familie und enge Freunde erhöhen wird, eine Möglichkeit für die Betreuung der Betagten in ihrem Zuhause zu finden.

Erlauben Sie mir, einen Augenblick zur Patientenverfügung zurückzukehren:

Sie müssen einen vollständigen, leicht zugänglichen Ordner mit Ihrer Krankengeschichte zusammenstellen, der medizinische Untersuchungsergebnisse und Behandlungen enthält (auch diejenigen, die Ihnen nicht geholfen haben). Stellen Sie auch sicher, dass Sie mit Ihrer Familie die Krankengeschichte der Familie besprechen und dokumentieren.

Dokumentieren Sie Ihre Wünsche für Ihre Beerdigung und/oder Ihre bevorzugten Pläne.

Investieren Sie frühzeitig in eine Versicherung für Ihre Langzeitversorgung. Sie könnte die beste Investition überhaupt sein.

Werden Sie alt!

Wenn Sie diese Empfehlungen befolgen, werden Sie sich später sehr viel Stress ersparen, und weniger Stress wird Ihnen helfen, in Würde zu altern.

Und zögern Sie nicht, soziale Kontakte mit Menschen zu pflegen, die jünger sind als Sie. Das Alter sollte niemanden davon abhalten, ein glückliches Leben zu führen. Das gilt für Jung wie für Alt.

Der Tod

Irgendwann wird es so weit sein.

In diesem Sinne freue ich mich darauf, Sie, meine Leser, auf der anderen Seite zu treffen. Wir werden uns bei meiner ersten Signierstunde im Himmel sehen – Adresse wird nachgereicht.

Aber denken Sie daran, zuerst zu leben. Ich liefere Ihnen den Strategieplan. Der Rest liegt bei Ihnen.

WEISHEITS ◇ NUGGET # 6

Das Sehvermögen wirkt sich auf alles aus, was wir tun.

Sagte der kleine Junge: »Manchmal lasse ich

meinen Löffel fallen.«

Sagte der alte Mann: »Das passiert mir auch.«

Der kleine Junge flüsterte: »Ich mache mir

manchmal in die Hose.«

»Das passiert mir auch«, lachte der kleine alte Mann.

Sagte der kleine Junge: »Ich weine oft.«

Der alte Mann nickte. »Ich auch.«

»Aber das Schlimmste von allem ist«, sagte der Junge,

»dass die Erwachsenen mich scheinbar gar

nicht beachten.«

Er spürte die Wärme einer faltigen alten Hand. »Ich weiß,

was du meinst«, sagte der kleine alte Mann.

— Shel Silverstein, The Boy and the Old Man

Die Bedeutung der Sinne – insbesondere des Sehvermögens – kann gar nicht genug hervorgehoben werden. Haben Sie jemals einen Raum voller Leute betreten, oder sind Sie in ein Meeting gegangen und hatten sofort einen Überblick über die dort Versammelten, der es Ihnen ermöglicht hat, die in diesem Umfeld herrschende Stimmung und Energie instinktiv zu spüren, zu sehen und zu erfassen?

Allzu oft sind wir nicht in der Lage, das zu erkennen, was wir direkt vor Augen haben. Eltern sind so sehr damit beschäftigt, den Lebensunterhalt zu verdienen, ihre Kinder großzuziehen und auszubilden und sich zugleich um ihre alternden Eltern zu kümmern, dass sie gar nicht lange genug innehalten, um zu erkennen, welche Sorgen ihre Kinder haben.

Unsere alternden Eltern wollen nicht erkennen, dass sie Probleme mit der Mobilität und andere körperliche Einschränkungen haben, die sie in Gefahr bringen könnten. Sie sehen nicht, dass sie ihre Unabhängigkeit aufgeben und anfangen müssen, sich auf andere zu verlassen.

Noch trauriger ist, wie häufig alle Beteiligten das Offensichtliche sehen, aber nicht über ihre Ängste sprechen. Man denke nur daran, dass eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen über sechzig Jahren Komplikationen nach Stürzen in den eigenen vier Wänden sind.

Welche Vorkehrungen haben Sie und Ihre Angehörigen getroffen, um sich vor der Gefahr zu schützen, in die Sie sich dadurch bringen, dass Sie sich weigern, das Offensichtliche zu sehen? Haben Sie sich mit Ihren Angehörigen hingesetzt, um offen und ehrlich über diese Themen zu diskutieren?

Es ist nie zu früh zu lernen, wie Sie dafür sorgen, dass Sie im fortgeschrittenen Alter angenehm und sicher leben können. Sie werden herausfinden, dass es auf unserer Lebensreise – von der Geburt bis zum Tod – viele gar nicht so offensichtliche Gefahrenzonen gibt, die wir lieber schon früh ins Auge fassen und deren Vermeidung wir planen sollten.

Ich erinnere mich daran, dass eines der größten Vergnügungen meiner Familie, als ich als kleines Kind in Detroit lebte, darin bestand, von unserem Haus im Nordwesten der Stadt zur Belle Island zu fahren, die viele Kilometer entfernt lag. (Zu jener Zeit gab es noch keine Autobahnen.)

Damals war es ein Ort, an dem alle möglichen Winter- und Sommeraktivitäten stattfanden – einschließlich Wassersport, Bootfahren, Schlittschuhlaufen und Feuerwerke vom Fluss aus. Außerdem gab es ein großes Amphitheater, in dem bekannte Persönlichkeiten auftraten. Besonders beeindruckt und fasziniert war ich vom großen Leonard Bernstein, der dort häufig auftrat.

Während meine Familie seine Darbietungen liebte, war ich von seiner Art zu dirigieren hingerissen. Er bewegte die Arme und Beine so harmonisch und schien einen geheimnisvollen Gesichtsausdruck zu haben.

Als ich dies den anderen gegenüber erwähnte, sagten sie, dass sie diese Dinge gar nicht bemerkt, weil sie sich auf die Musik konzentriert hätten. Ich habe diese Faszination nie vergessen, und einige Jahre später, nach Leonard Bernsteins Tod, erschien in The New York Times ein langer Artikel über ihn, in dem ein Musikkritiker schrieb, nur wenige Menschen hätten bemerkt, dass das, was Mr. Bernstein von anderen unterschied und zu einem solchen Meister hatte werden lassen, die ganze körperliche und geistige Hingabe beim Dirigieren des Orchesters gewesen sei.

Wie viel Zeit verbringen wir im Laufe des Lebens damit, unsere Freunde und Angehörigen zu beobachten? Erfassen wir wirklich, wie unsere alternden Eltern ihr Leben bewältigen, oder sind wir so froh zu sehen, wie sie ihren Alltag im Griff haben, dass wir nicht erkennen, wie unglücklich sie dabei sind?

Sind wir so mit anderen Dingen beschäftigt, dass wir uns nicht die Zeit nehmen, einen Schritt zurückzutreten und tatsächlich hinzuschauen und die Emotionen zu spüren, die in unserem Alltagsleben eine Rolle spielen? Ich glaube, es ist so.

Der Besitzer einer großen amerikanischen Möbelfabrik reiste nach Ungarn, um dort Material für seine Firma zu kaufen.

Als er ein Restaurant verließ, kam ihm eine sehr schöne Frau entgegen, die ihn anlächelte. Er erwiderte das Lächeln und versuchte, ihre Bekanntschaft zu machen, doch aufgrund der Sprachschwierigkeiten verstanden sie einander nicht.

Er zeichnete ein Auto, und sie nickte zustimmend, deshalb unternahmen sie eine Fahrt in seinem Wagen.

Er zeichnete eine Bar, und sie nickte zustimmend, deshalb gingen sie in eine Bar und nahmen ein paar Drinks. Er zeichnete ein tanzendes Paar, deshalb gingen sie zur Tanzfläche und tanzten.

Dann gab sie ihm zu verstehen, dass sie seinen Block und seinen Stift haben wollte, und sie zeichnete ein Himmelbett. Er war verwirrt und setzte sie an der Stelle ab, wo alles begonnen hatte.

Am nächsten Tag erzählte er einem Freund von seinem Erlebnis mit der schönen Frau und sagte: »Ich frage mich: Woher wusste sie, dass ich in der Möbelbranche tätig bin?«

Vor Kurzem ging ich mit der Familie einer an Alzheimer erkrankten Frau in eine Einrichtung für betreutes Wohnen, in der sie soeben untergekommen war. Unterwegs deutete eine Person aus unserer Gruppe auf die schönen Möbel, den hübschen Speisesaal und die kostbaren Gemälde an der Wand.

»Wie schön ist es, hier zu leben!«, rief sie aus. Und ich fragte sie: »Was ist mit den Menschen, den Bewohnern? Glauben Sie, dass sie es genauso sehen wie Sie?« Es verschlug ihr die Sprache, als ihr auf einmal klar wurde, dass wir von Männern und Frauen umgeben waren, die keine Gefühle zeigten, die in ihrer eigenen Welt verloren waren und für die kein Unterschied zwischen Buckingham Palace und den finsteren Seitengassen New Yorks bestand.

Nichts regt mich mehr auf, als von Familien gesagt zu bekommen, dass ich mir das wunderbare Heim ansehen müsse, das sie für ihre alternden Eltern ausgesucht haben, oder die schöne Schule, in die sie ihre Kinder schicken.

Was hat das mit der schlechten Lebensqualität zu tun, die ich bei ihnen beobachte, oder mit der Art und Weise, wie Eltern ihre schulpflichtigen Kinder behandeln, wenn sie die schöne Schule als Babysitter missbrauchen?

Eine meiner Familienangehörigen ist eine engagierte Lehrerin, die einige Kilometer von mir entfernt wohnt. Weil sie eine körperliche Beeinträchtigung hat, fällt es ihr schwer, weite Strecken mit dem Auto zurückzulegen. Ich besuche sie gern, und das war auch neulich wieder der Fall.

Die Schule war bereits aus, und sie hatte im Klassenzimmer für den nächsten Tag Vorbereitungen zu treffen, deshalb trafen wir uns in ihrer Schule und unterhielten uns, während sie noch ihre Arbeiten erledigte.

Vor dem Schulgebäude rannten viele Grundschüler unbeaufsichtigt herum, bewarfen sich gegenseitig mit Matsch, schrien, brüllten usw. – das alles auf dem Gelände einer schönen Schule in einem gehobenen Wohnviertel. »Warum?«, fragte ich sie. Die Antwort lautete, dass die Eltern diese Schüler eben noch nicht abgeholt hätten.

Sind wir so blind gegenüber den Bedürfnissen so vieler Menschen? Wollen wir nicht erkennen, wie sehr wir darin versagen, die wahren Probleme zu begreifen und zur Sprache zu bringen, die den von uns Abhängigen selbst das kleinste bisschen Glück verwehren?

Ja, meine lieben Freunde, wir müssen innehalten und nicht nur sehen, was um uns herum los ist, sondern es auch verstehen und Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass wir unsere Lieben in dem, was wir als schöne Einrichtung bezeichnen, verkümmern lassen.

»Das Verhältnis zwischen dem, was wir sehen, und dem,

was wir wissen, ist nie eindeutig. Wir sehen die Sonne

jeden Abend untergehen. Wir wissen, dass sich die Erde

von ihr wegdreht, doch das Wissen, die Erklärung,

passt nie wirklich zum Anblick.«

— John Berger, Ways of Seeing

Als meine Enkelin Julie ihren Abschluss an der Universität von Austin, Texas, machte, sagte ich ihr im Spaß, sie müsse einen guten Job finden, damit sie für mich sorgen könne, wenn ich älter würde. Schlagfertig antwortete Julie lachend: »Das ist die Aufgabe meines Vaters.«

Sie hatte recht. Aber ich dachte daraufhin lange darüber nach. Wie hatte das alles angefangen? Wann hatte ich begonnen, alt zu werden? Wer sollte hier eigentlich für wen sorgen?

Im Rückblick erkenne ich, dass es – zumindest in meinem Fall – mit einem Warnschuss angefangen hatte. Aber dazu später mehr. Zunächst möchte ich noch ein wenig allgemeiner bleiben.

Mit fortschreitendem Alterungsprozess gibt es häufig Anzeichen für möglicherweise zukünftige gravierende Probleme, die wir und unsere Angehörigen zu ignorieren versuchen und dabei so tun, als handele es sich lediglich um normale Aspekte des Lebens. Doch wenn Angehörige schnell und ernsthaft darauf reagieren, können sie eine solche Herausforderung minimieren und/oder beheben, bevor sie sich zu einem echten Problem entwickelt.

Meine lieben Freunde, die Ärzte Judy Freier und Ron Reiter, hielten vor einer kleinen Zuhörerschaft einen Vortrag über die Bedeutung der fünf Sinne. Auf einmal lenkte Ron unsere Aufmerksamkeit auf ein Bibelzitat, in dem es heißt, dass zwar alle Sinne wichtig sind, dass aber das Sehvermögen einen zusätzlichen Nutzen habe, der den anderen Sinnen fehle.

Als die Gruppe fragte, welcher das sei, wies Ron darauf hin, dass es die Fähigkeit sei, die Dinge zu sehen und eine bessere Übersicht darüber zu behalten. So können Sie zum Beispiel in eine Menschenmenge blicken und jemanden sehen, der Ihre Aufmerksamkeit erregt, oder Sie können ein Kunstwerk betrachten, das Sie emotional anspricht. Sie können auf einen Berggipfel steigen und die Schönheit der Täler usw. betrachten.

Als ich 1983 an einem Geschäftstreffen in Kalifornien teilnahm, blickte ich durch den Speisesaal und sah meine zukünftige Frau Anna zum ersten Mal. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Ich kann kein besseres Beispiel dafür anführen als das Gedicht »Playing with Three Strings«, das mein Freund und Mentor, Rabbi Harold Schulweis – in der jüdischen Gemeinde eine Legende – über den berühmten Geiger Itzjak Perlman verfasste:

»Wir haben Itzhak Perlman gesehen,

der die Bühne mit zwei Krücken und Beinschienen betritt.

Er setzt sich, öffnet die Schnallen an seinen Beinen, schiebt ein Bein zurück, streckt das andere aus, legt seine Krücken ab und schiebt sich die Geige unter das Kinn.

Bei einer Gelegenheit riss eine der Saiten seiner Geige. Die Zuhörer hielten den Atem an, aber der Geiger verließ die Bühne nicht.

Er machte dem Dirigenten ein Zeichen, und das Orchester begann mit seinem Part, der Geiger spielte mit Kraft und Intensität

mit nur drei Saiten.

Mit drei Saiten modulierte, veränderte und komponierte er das Stück, das er im Kopf hatte, um.

Er stimmte die Saiten neu, um unterschiedliche Töne zu erzeugen, verschob sie nach oben und unten.

Das Publikum schrie vor Begeisterung und tat seine Wertschätzung durch Applaus kund.

Später danach gefragt, wie ihm das gelungen sei, antwortete der Geiger:

Es ist meine Aufgabe, Musik mit dem zu machen, was bleibt.

Musik mit dem zu machen, was bleibt, ist ein größeres Vermächtnis als ein Konzert. Beenden wir das Lied, das uns zu singen bleibt, transzendieren wir den Verlust, spielen wir mit Herz, Seele und Macht – mit all der in uns verbliebenen Kraft.«

Was für eine schöne Art, unser Leben zu leben, bis der Tod uns scheidet.

Wir leben das Leben wie ein Künstler vor unserem Publikum. Wir sehen unser Publikum, wie es uns sieht.

Unsere Familien und die uns Nahestehenden sind die wichtigsten Personen in unserem Publikum. Wir alle können die Symptome sehen, die uns sagen, dass unsere Angehörigen Probleme haben, auf die wir reagieren müssen, aber wir verschließen die Augen und tun so, als gäbe es sie nicht. Wir müssen uns das Konzert anhören, damit wir das Ergebnis beklatschen können. Als ich noch den Anfang dieses Kapitels schrieb, sprach ich mit einer Frau, die mich fragte, ob ich jemanden kennen würde, der gegen Kost und Logis in das Haus ihres 93 Jahre alten Vaters einziehen würde. Sie sagte, dass sie jemanden bräuchte, der sich um ihn kümmerte.

Als ich ihr die rechtlichen und anderen Folgen erläuterte, die eine Einstellung einer nicht ausgebildeten und nicht staatlich zugelassenen Pflegekraft mit sich brachte, antwortete sie schlicht: »So weit ist er noch nicht.«

Wie können wir nur übersehen, dass ein Mensch dieses Alters mehr als »so weit ist«?

Die Bedeutung der Sehkraft zeigt sich deutlicher, als uns klar ist, weil wir, wenn wir die Augen offen und nicht geschlossen halten, die Anzeichen möglicher Alterungsprobleme leicht erkennen und entsprechend handeln können.

Zeichen starken Alterns

Verwirrtheit und ungewöhnliches Verhalten. Betreuungspersonen sollten ruhig bleiben und versuchen, die Ursache dieses Verhaltens herauszufinden.

Plötzliche Wutausbrüche, die von Schreien und Brüllen begleitet werden.

Die Person könnte Schmerzen haben, vielleicht an einer Gehirnschädigung leiden, sich einsam fühlen, verängstigt, gelangweilt, wegen ihres nachlassenden Gedächtnisses besorgt oder von zu viel Lärm irritiert sein.

Wenn die Person nach jemandem aus ihrer Vergangenheit ruft, versuchen Sie, mit ihr darüber zu sprechen, um sie zu beruhigen. In jedem Fall sollten Sie den Hausarzt der Person wegen dieser Probleme zurate ziehen.

Wiederholte Fragen, ungewöhnliches Handeln oder Bewegungen.

Langeweile oder das Bedürfnis nach mehr Kontakt mit anderen könnte die Ursache sein. Es könnte das Ergebnis vieler Auslöser sein, darunter auch Stress, ein lautes Umfeld, Unbehagen und so weiter.

Stellen Sie sicher, dass es der Person nicht zu heiß oder zu kalt ist, dass sie keinen Hunger oder Durst hat oder an Verstopfung leidet. Außerdem wäre es ratsam, ihren Hausarzt zu kontaktieren, um herauszufinden, ob irgendwelche Probleme mit Schmerzmitteln oder anderen Medikamenten vorliegen.

Demenz

– Verstecken oder Verlegen von Gegenständen

– Belästigung von Menschen und ständige Telefonanrufe

– Unsicherheit und Stürze

– Nächtliches Herumwandern

– Vergesslichkeit und Reizbarkeit

Viele oder alle diese Probleme könnten mit einer Alzheimer-Erkrankung oder anderen fortschreitenden Alterserscheinungen in Verbindung stehen, mit denen man, wenn man sie frühzeitig erkennt und entsprechend handelt, auf ruhige Art umgehen kann, anstatt dass man so lange wartet, bis sie schwierig zu lösen sind.

Wenn Sie allein leben (oder auch, wenn Sie mit Familienmitgliedern zusammenwohnen), ist es wichtig, dass alle um Sie herum darüber Bescheid wissen und diese Probleme ansprechen und nicht etwa so tun, als wäre alles in bester Ordnung.

Außerdem müssen wir, wenn wir älter werden, dafür sorgen, dass die Umgebung, in der wir leben, so sicher wie möglich gemacht wird. Wenn man bedenkt, dass jedes Jahr jeder dritte Mensch im Alter von über 65 Jahren stürzt, und dass nahezu 70 Prozent aller Todesfälle nach Unfällen bei Senioren die Folge eines Sturzes sind, dann wird einem klar, wie ernst das Problem ist.

Stürze führen zu Todesfällen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Notwendigkeit, in eine Pflegeeinrichtung eingewiesen zu werden, zu gravierenden Hüftschädigungen und dem Beginn aller möglicher Arten von lebensbedrohlichen Erkrankungen sowie zum Verlust der Mobilität.

Ich wiederhole: Schauen Sie hin! Die Anzeichen des Alterns dürfen nicht ignoriert werden.

Stürze

Das US-amerikanische Gesundheitsministerium schätzt, dass die mit Stürzen von Senioren verbundenen Kosten jährlich 27 Milliarden Dollar betragen und im Jahr 2020 bei über 43 Milliarden Dollar liegen werden.

Hier folgt eine Liste von Maßnahmen, die man ergreifen sollte, um die Gefahr eines lebensbedrohlichen Sturzes zu minimieren:

Bringen Sie in Ihrem Badezimmer Haltegriffe und eine Toilettensitzerhöhung an, kaufen Sie rutschfeste Badematten, einen Badewannensitz oder -hocker und eine Handbrause für die Dusche.

Entfernen Sie alle Teppiche aus Ihrer Wohnung. Sie sind Gefahrenquellen.

Stellen Sie sicher, dass aller Krimskrams, einschließlich herumliegender Stromkabel, entfernt wird und dass sämtliche Bereiche, in denen Sie herumgehen, frei sind, um keine gefährlichen Situationen heraufzubeschwören.

Achten Sie darauf, dass alle Treppen sicher sind und dass die Stufen mit reflektierendem Klebeband versehen werden, um das Treppensteigen so einfach wie möglich zu machen.

Installieren Sie in allen Zimmern Nachtlichter.

Vergewissern Sie sich, dass alle Stühle, einschließlich derjenigen auf Rollen, stabil sind und man sich sicher hinsetzen und wieder aufstehen kann. Barhocker und alte Küchenstühle sind besonders problematisch.

Hohe Bücherregale sind gefährlich, und Dinge, nach denen Sie regelmäßig greifen, sollten auf den unteren Regalbrettern aufbewahrt werden.

Vermeiden Sie es, lange, flatternde Gewänder und ausgetretene Hausschuhe zu tragen, weil man damit leicht stolpert.

Überlegen Sie sich gründlich, ob Sie einen Gehstock verwenden wollen, aber seien Sie beim Kauf wählerisch. Achten Sie darauf, dass er sehr stabil ist, die richtige Höhe hat und leicht auszubalancieren ist. Nicht alle Stöcke sind für Senioren geeignet.

Eine wichtige Anmerkung: Falls Sie erst kürzlich begonnen haben, Medikamente gegen hohen Blutdruck einzunehmen, haben Sie aufgrund von Schwindel und/oder einer Ohnmacht beim Stehen ein erhöhtes Risiko zu stürzen und sich den Oberschenkelhals zu brechen. Rufen Sie sofort Ihren Arzt an, wenn Sie solche Probleme feststellen. Bedenken Sie, dass Senioren, die zum Beispiel aufgrund einer Lungenentzündung für längere Zeit in ein Krankenhaus eingewiesen werden, ein erhöhtes Risiko haben, nach ihrer Entlassung ihre Unabhängigkeit aufgeben zu müssen und unter anderem aufgrund von Gedächtnisverlust, Stürzen und Depressionen zukünftig vielleicht in ein Pflegeheim oder eine andere Pflegeeinrichtung eingewiesen zu werden.

Während ich dieses Buch geschrieben habe, habe ich mit Betroffenen, Familienangehörigen von Senioren, Ärzten und anderen gesprochen, die wegen einer Erkrankung oder eines Sturzes im Krankenhaus oder in verschiedenen Einrichtungen waren, und sie haben mir alle berichtet, dass nach ihrer Rückkehr nach Hause viele oder alle der oben erwähnten Symptome aufgetreten sind.

Es hat den Anschein, als habe die Inaktivität während des langen Krankenhausaufenthalts und der Rekonvaleszenz bei älteren Menschen zahlreiche Auswirkungen.

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Volume:
233 p. 6 illustrations
ISBN:
9783863745578
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Bookwire
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