Read the book: «Die Laternenwald-Expedition»
Die Lanthorn-Chroniken Teil 1
Die Laternenwald-Expedition
Benjamin C. Stutz
Roman
Ungekürzte Ebook -Fassung
Januar 2022
Texte: © 2021 Copyright by Benjamin Christoph Stutz
»Die Laternenwald-Expedition« ist Teil 1 der Trilogie: »Die Lanthorn-Chroniken«
Teil 2: »Die Sternenwald-Expedition« (vsl. 2023)
Teil 3: »Die Götterwald-Expedition« (vsl. 2025)
Erste Auflage
Deutsche Originalausgabe
Umschlaggestaltung: © 2021 Copyright by Stephanie Stutz
https://www.artstation.com/stephaniestutz
Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Auch als Hörbuch erhältlich
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Neues »Altes Sonnenlicht«
Das wundersame Unlicht
Die drei Botschafter von Lichterloh
Tiefschwarzer Abgrund
Gilbert, der Serau
Das Tal des Ewigen Regens
In der dunkelsten Schwärze
Genius Loci – Die Magie eines Ortes
Lux
Unerwartete Festlichkeiten
Attentat
Beeren, Pilze, Pappelpflaumen
Der Wahrheit auf der Spur
Querfeldein ist auch ein Weg
Der Weg des Lebenskollektivs
Die Unendlichkeit naht
Epilog – Ankunft
Prolog
Es herrschte völlige Finsternis. Das rhythmische Geräusch schwerer Tropfen, die auf hartem Grund aufschlugen, hallte durch die Dunkelheit. Jasmin wusste nicht, wo sie war, doch die rätselhaften Laute kamen aus unmittelbarer Nähe und erinnerten an eine Kalksteinhöhle, in der die Tränen vergangener Epochen auf Stalagmiten zerbarsten und als Echo verebbten. Nur in der weiten Ferne entdeckte sie ein kaum wahrnehmbares saphirblaues Brillieren im klaffenden Schwarz. An diesem Ort gab es weder Wind, noch Hitze oder Kälte. Jasmin verspürte keine Angst. Sie vermutete, dass dies ein verrückter Traum sein musste, oder – war sie etwa tot? Instinktiv berührte sie ihr Gesicht. Es fühlte sich glatt und makellos an. Ihre Fingerspitzen wanderten weiter und ertasteten den Ansatz ihres langen blonden Haares, das sich ihr vertraut um die Schultern schmiegte.
Sie sah sich um, doch schien es hier tatsächlich nur diese eine, ferne Lichtquelle zu geben. Dann, ganz allmählich, schien sich der Takt, der von den Tropfen vorgegeben wurde, von ihr wegzubewegen, in die Richtung, wo der blaue Schein ins makellose Schwarz gezeichnet war. Jasmin konnte nicht sagen, wie weit das mysteriöse Farbenspiel entfernt lag, aber sie fühlte ein tiefes Verlangen, sich diesem zu nähern.
Intuitiv entschied sie sich, den Lauten zu folgen, um deren Geheimnis auf den Grund zu gehen. Als sie ihre Beine in Bewegung setzte, bemerkte sie sofort, dass sie auf etwas Weichem ging. Die Masse unter ihren Füßen fühlte sich samtig an und erweckte beinahe den Eindruck, als ob sie auf Wasser wandeln würde. Mit bedachten Schritten folgte sie den vorauseilenden Tropfen, die unterdessen kaum noch zu hören waren.
Obwohl das blaue Licht in der Ferne nur schwächlich schimmerte, fühlte es sich dennoch stärkend an. Je näher Jasmin ihm kam, desto mehr gewann der Blauton an Kraft.
Für eine ganze Weile streifte sie durch den scheinbar leeren Raum, dann endlich kam sie den Tropflauten wieder näher. Das undeutliche Leuchten nahm nun zusehends Gestalt an: Es war – ein Fluss? Als Jasmin sich dem durchscheinenden Gebilde noch weiter näherte, erstarb der wegweisende Takt mit einem lauten »Blob«.
Der letzte Tropfen hatte kreisförmige Wellen auf der zuvor stillen Oberfläche des Flusses aufgescheucht, die dessen Strom in Bewegung setzten. Die Wellen breiteten sich aus und gewannen rasch an Höhe. Jasmin schaute dem Spektakel verwundert zu. Einen solchen Traum hatte sie wahrlich noch nie gehabt.
Plötzlich schreckte sie zurück. Unter der merkwürdigen, nebligen Wasseroberfläche kamen die Umrisse durchsichtiger Gestalten zum Vorschein, die der Bewegung der Wellen folgten und in Rückenlage mit dem Wasserlauf dahintrieben. Jasmin stockte der Atem. Sie fragte sich, ob das Geister waren. Der Traum ließ nicht zu, dass Jasmin Angst empfand, auch weil keine Gefahr von den Erscheinungen auszugehen schien – und dennoch war ihr bewusst, dass dies ein sehr, sehr seltsamer Traum war.
Als die ersten der Gestalten an ihr vorbeizogen, erkannte Jasmin, dass deren Augenlider geschlossen waren und deren Hände auf den Brustkörben gefaltet lagen; fast so, als würden sie beten. Der Fluss nahm an Breite zu, und immer mehr dieser sonderbaren Erscheinungen zogen, aus dem Nichts auftauchend, friedlich und still in die unendliche Weite davon. Jasmin überlegte, was dieses Schauspiel bedeuten könnte und weshalb sie trotz der Skurrilität keinen Unmut empfand.
Gedankenverloren wich sie ein paar Schritte zurück, um der sich füllenden Geisterbahn Platz zu machen. Nach einiger Zeit war das Flussbett so breit geworden und dicht bevölkert, dass Jasmin das schwarze Ufer auf der gegenüberliegenden Seite nicht mehr zu erkennen vermochte.
Noch immer blickte sie unentwegt auf die nun zu Hunderttausenden an ihr vorbeitreibenden, höchstwahrscheinlich toten Menschen und Tiere. Jäh verspürte sie den Drang, die trübblaue Oberfläche des Flusses mit den Fingern zu berühren. Nach kurzem Zögern näherte sie ihren Zeigefinger dem treibenden Strom. Sie tippte die leuchtende Masse nur ganz kurz mit der Fingerspitze an.
Zuerst schien es, als würde nichts geschehen, dann hob sie den Blick und entdeckte zu ihrer Überraschung ihre Mutter. Sie hatte die Augen weit geöffnet und lächelte Jasmin zu. Mit den Lippen formte sie Worte, aber die Laute schienen nicht durch die makellose Wasseroberfläche dringen zu können. Wie gebannt sah Jasmin ihr hinterher. Dann glitt ihr Vater vorbei. Er lächelte ebenfalls herzlich und winkte ihr freudig zu. Jasmin konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte. Was war das nur für ein bizarrer Traum – und warum konnte sie diesem Drama beiwohnen, ohne dabei vor Trauer zusammenzubrechen?
Als letztes zog ihr jüngerer Bruder vorüber, der begeistert mit den Händen fuchtelte. Jasmin war inzwischen dermaßen konsterniert, dass sie begann, am Flussufer entlangzulaufen, um auf Höhe ihrer Familienmitglieder zu bleiben. Wenn ihre Familie schon dahinschied, dann würde sie mit ihnen gehen. Sie erhöhte ihr Tempo, doch vergebens; sie rannte schneller und schneller, flog förmlich dahin, bis der Verlauf des Stroms jäh steil anstieg, als ob die Geistererscheinungen allesamt dem letzten Gericht im Himmel entgegensteuern würden.
Eine laute, undefinierbare Stimme, die von allen Seiten zugleich zu kommen schien, verkündete: »SEI BEREIT.«
Jasmin war schweißgebadet, ganz anders als noch vor einigen Augenblicken im Zwielicht des Geisterflusses. Sie setzte sich auf. Ihr Kopfkissen war nass vor Tränen und ihr blondes Haar völlig zerzaust. Hart schlug sie mit der Faust gegen das Kissen, um die Spannung in ihrem Inneren abzubauen.
»Was für ein bescheuerter Traum«, murmelte sie dumpf in ihre zitternde Hand, mit der sie sich Schweiß und Tränen vom Gesicht wischte. Nach einem tiefen Atemzug machte sie die Lampe auf dem Nachttischchen an, die das kleine Schlafzimmer ausreichend beleuchtete. Sie war erst kürzlich nach Kobe gezogen, um ihren ersten Job anzutreten, und demensprechend war die Einzimmerwohnung auch noch nicht fertig eingerichtet. Eigentlich hatte Jasmin die meisten Umzugskartons noch nicht einmal ausgepackt.
Überzeugt, nicht mehr einschlafen zu können, zog sie sich eine Jacke über, schob ihr Smartphone in die Hosentasche und griff nach dem Schlüsselbund auf dem Tisch. Sie musste an die frische Luft. Jasmin schloss die Eingangstür hinter sich, nahm den Lift ins Erdgeschoss und trat durch die automatisierte Schiebetür hinaus auf die leere Straße.
Es war 2 Uhr morgens. Sie atmete begierig die kühle Nachtluft ein und begann raschen Schrittes, auf dem Bürgersteig entlang zu gehen. Es war zum ersten Mal seit drei Tagen nachts wieder einigermaßen dunkel, da gewaltige Gewitterwolken aufgezogen waren. An der ersten Kreuzung bog sie links ab. Nun waren die waldbewachsenen Gipfel des Rokko-Hügelzugs über den Dächern Kobes zu erkennen. Eine dünne Nebelschicht lag über ihnen, wobei das Licht der Stadt in einem orangen Farbton an den Schleiern hängen blieb.
Jasmin ging oft in diesen Wäldern spazieren – wobei sie stundenlang über ihre Lebensentscheidungen nachdachte –, und genau da wollte sie jetzt hin.
Obwohl es mitten in der Nacht war, ließen die Straßenlaternen und Werbetafeln die Verkehrsadern der japanischen Großstadt in buntem Farbtreiben erstrahlen. Japanische Städte waren generell sehr sicher und hell beleuchtet, und deshalb wagte sich Jasmin auch nachts allein hinaus. Ein paar angetrunkene Männer in Businessanzügen torkelten fröhlich schwatzend an ihr vorbei.
Jasmin wollte in Ruhe über alles nachdenken. Was hatte der Traum bloß zu bedeuten? Oder war es einfach nur ein Albtraum gewesen? Vielleicht sollte sie ihre Mutter anrufen. Jasmin warf einen Blick auf ihr Smartphone. In der mitteleuropäischen Zeitzone war es noch immer früher Abend. Oder vielleicht wäre es besser, ihrem Freund Masayuki eine Nachricht zu schicken? Nein – morgen war Samstag und sie planten zusammen einen Ausflug auf den berühmten Berg Fuji. Ihn jetzt aus dem Schlaf zu scheuchen wäre taktlos. Sie würde ihm morgen alles in Ruhe erzählen, wenn sie sich im Shizuoka-Bahnhof in der Nähe des berühmtesten aller Vulkane Japans treffen würden.
Der Weg verengte sich und begann leicht anzusteigen. Ein schwacher Nieselregen hinterließ seine feuchten Spuren auf Jasmins Wangen und kündigte das bevorstehende Unwetter an. Sie hielt inne und dachte für einen Moment ans Umkehren – doch dann erschien ihr wieder ihre Abschied nehmende Familie vor ihrem geistigen Auge, und dieser Anblick trieb sie weiter.
»Nun sei bereit – bereit wofür?«, flüsterte Jasmin in nachdenklicher Zwiesprache.
Ein durchdringendes Donnergrollen fegte in aufwallenden Schüben über das Bergmassiv vor ihr.
Was sollte das bedeuten? Und wem hatte die Stimme gehört? Es hatte fast so geklungen, als wären die Worte von außerhalb des Traumes zu ihr hindurchgedrungen. Gedankenversunken erreichte Jasmin den Waldrand. Die Abstände zwischen den Laternen wurden immer grösser und der Nebel verschluckte unterdessen den größten Teil der trüben Lichtstrahlen zwischen ihnen. Trotz des Dunstvorhangs und der zunehmend beunruhigenden Düsternis ging Jasmin auf den steinernen Tunnel vor sich zu. Hier war sie schon mehrmals durchgekommen. Die Tunnelwände waren übersät mit Liebesbekenntnissen von Pärchen, die hier massenweise vorbeikamen, um die Aussicht auf den Panoramaplattformen weiter oben zu genießen.
Doch dies kümmerte Jasmin jetzt nur wenig. Wollte Gott oder irgendein Geist ihr vielleicht etwas Bestimmtes mitteilen? War der Traum womöglich eine Art Vision? Vor einiger Zeit hatte sie mal einen Traum gehabt, in dem ganz am Ende ihr Name gerufen worden war. Daraufhin war sie abrupt aufgewacht. Viel mehr jedoch hatte jener Nachtmahr damals nicht bewirkt.
Der Tunnel lag nun einige Schritte hinter ihr. Jasmin blickte sich um. Bisher war ihr entgangen, dass es hier oben auf den Waldstraßen mit fortschreitendem Anstieg immer weniger Straßenbeleuchtung gab.
Nach kurzem Umsehen erkannte sie, wo sie sich befand. Der Weg vor ihr würde sie zu einer Aussichtsplattform hochführen. Rechterhand allerdings fiel ihr Blick auf eine schmale, geteerte Straße, die sich im Schein der fernen Weglampen nur undeutlich zu erkennen gab. Es hatte sich Laub auf der Einfahrt angesammelt, als wäre hier schon länger niemand mehr durchgekommen.
Jasmin erinnerte sich, wie sie von viel weiter oben einmal einem steilen Waldpfad hinab gefolgt war, der sie durch das Dickicht auf diesen Weg hier hinuntergeführt hatte. Ihr fiel jäh wieder ein, wie sie damals auf ihrem Weg ein unheimliches, vergittertes Loch im Berg erspäht hatte. Wozu jener Stollen diente, hatte sie nie herausgefunden, aber er war riesig gewesen und mit einem dicken Metallgitter unzugänglich gemacht worden. Jasmin dachte schaudernd an jenen Moment zurück, als sie ihr Smartphone als Taschenlampe benutzt hatte, um durch die Gitterstäbe hindurch zu leuchten. Dahinter war ein Tunnelschacht gelegen, der tief in das Herzen des Berges hinein zu führen schien. Dazumal war sie mit einem flauen Gefühl nach Hause gegangen. Sie hatte sich seither oft gefragt, wofür der Tunnel gebaut worden war.
Damals war es Mittag und hell gewesen; jetzt war es stockdunkel, neblig und der Regen gewann rasch an Stärke. Jasmin hatte keinen Schirm mitgenommen, und auf der Aussichtsplattform würde sie ohnehin nichts sehen können. Sie dachte erneut ans Umkehren, als rechts von ihr in der Düsternis, dort wo sie den Eingang jenes unheimlichen Bergwerks vermutete, ein bläulicher Lichtkegel aufflackerte.
Jasmin erschrak so sehr, dass sie rücklings auf die klitschnasse Straße fiel und sich die Hände aufschürfte. Das Licht war nur für einen kurzen Augenblick zu sehen gewesen und bereits wieder erloschen. Es hat verdammt viel mit dem blauen Fluss in ihrem Traum gemein, schoss es ihr durch den Kopf.
Sie richtete sich mühsam auf. Völlig durchnässt und von Angst erfüllt, war sie schon dabei, auf dem gleichen Weg zurück in die Stadt zu laufen. Doch dann kam ihr ein anderer Gedanke: Was, wenn dies ein Zeichen war? Was – wenn eine höhere Macht ihr den Weg weisen wollte?
Ihr Kopf riet ihr, sich so rasch wie möglich aus dem Staub zu machen, aber die anschwellende, furchtgetriebene Neugier in ihrem Herzen hielt sie an Ort und Stelle zurück.
Unterdessen hämmerten schwere Regentropfen auf ihren Kopf. Aus dem Wald brauste eine frische, nach Grün riechende Böe heran und zerrte an ihrer Windjacke. Jasmin holte tief Luft; sie hatte sich entschieden. Sie musste wissen, was es mit diesem Licht auf sich hatte.
Geduckt und bemüht, möglichst kein Geräusch zu verursachen, bog sie in die dunkle Straße ein. Ihr Smartphone hielt sie fest umklammert, für den Fall, dass sie es brauchen würde. Der Wald um sie herum wurde dichter, wobei die letzte Straßenlaterne hinter ihr kaum noch Licht spendete. Nach etwa einer Minute hatte sie die Dunkelheit gänzlich verschluckt. Fast blind tappte Jasmin nun den vom nassen Laub glitschigen Weg entlang.
Wie weit war es noch bis zum verbarrikadierten Tor? Vom Wind gehetzte Blätter raschelten unheimlich über den Teer. Nach einer weiteren Minute war sie gezwungen, sich der Taschenlampe am Smartphone zu bedienen, obwohl sie Angst hatte vor dem, was sie erblicken mochte. Mit zitterndem Finger fuhr sie über die Oberfläche des nassen Geräts. Der Lichtstrahl leuchtete auf und erhellte schlagartig die Umgebung vor ihr.
Zu ihrer Überraschung war der Stolleneingang nur einen Steinwurf entfernt und das Tor – stand offen. Rasch hob Jasmin die andere Hand vor das Mobilgerät, um gerade genug Licht durchzulassen, damit sie etwas sehen konnte. Der wütende Wind fegte nun kräftig über die Baumwipfel und der Regen schien sich dem aufbrausenden Tosen nach seinem Höhepunkt zu nähern.
Mit zügigen Schritten machte Jasmin einen kleinen Bogen und trat dann vorsichtig von der Seite her an den Rand des Toreingangs heran. Die schaurigen Echos des heulenden Windes wurden bis tief in den Berg hineingesogen. Jasmin spreizte ihre Finger rund um das Telefon, um ein bisschen mehr Licht hindurchzulassen. Spinnweben tanzten an der gewölbten Decke und es roch modrig wie in einem Sumpf.
Auf einmal hörte Jasmin ein Geräusch aus dem Tunnelinneren, das sie nicht zuordnen konnte. Es hörte sich an wie ein Knurren oder Brummen. Dann sah sie das bläuliche Licht in einiger Entfernung erneut aufflackern. Zuerst war es nur ein kleiner Punkt, doch schon begann es, sich rasend schnell auf sie zuzubewegen. Jasmin schreckte zurück, stolperte aus dem Tunneleingang und hechtete kopfüber in den dichten Wald. Klitschnass und schwer atmend spähte sie durch die Zweige eines Strauchs und hörte mit Entsetzen, wie das brummende Geräusch lauter wurde. Die blauen Strahlen erhellten nun den ganzen Bereich vor dem Tunnel, und eine Sekunde später kam die Schnauze eines großen Fahrzeugs zum Vorschein. Jasmin konnte nur vage erkennen, dass es sich um einen Militärjeep handelte, der geradewegs auf die breite Straße, die zur Stadt hinunterführte, zuraste. Ein weiteres Gefährt kam herausgeschossen und dann noch eines. Danach kamen große gepanzerte Fahrzeuge und Lastwagen, die mit allen möglichen Rohren und Militärausstattung beladen waren, durch den Torbogen gebraust.
Jasmin traute ihren Augen nicht. Ungläubig starrte sie die immer länger werdende Fahrzeugkarawane an. Nach geschlagenen zehn Minuten war das Spektakel endlich vorbei. Der letzte Militärjeep legte einen kurzen Stopp vor dem Tor ein, das sich automatisch schloss, dann fuhr das Fahrzeug von dannen. Nun war es wieder fast stockdunkel.
Von weither konnte Jasmin nun das Aufheulen mehrerer Sirenen wahrnehmen. Sie war sich sicher, dass der Lärm vom Militärkonvoi stammte. Wo sie wohl alle so eilig hinwollten um diese Zeit?
Panik mischte sich mit Jasmins ohnehin schon zermürbender Angst. Ihr wurde übel. Was war hier los? War das alles ein Zufall? Der Traum, die Stimme und jetzt ein ganzer Militärtrupp, der um halb drei Uhr morgens aus einem augenscheinlich lange unbenutzten Bergstollen herausgeschossen kam. Sie musste von hier verschwinden. Was auch immer das alles zu bedeuten hatte, und ob es zwischen dem Traum und den letzten Geschehnissen eine Verbindung gab, sei dahingestellt – sie musste in ihre Wohnung zurück, wo sie ungestört mit ihrer Mutter telefonieren konnte. Ihre Kleider und Schuhe waren unterdessen komplett vom nicht versiegen wollenden Regen durchtränkt.
So leise es ging, schlich sie aus ihrem Versteck. Mit den Händen hielt sie das Smartphone immer noch fest umklammert. Sie stand vor dem nun geschlossenen Gittertor und war bereits auf dem Weg zurück zur Weggabelung, als sie sich noch einmal umwandte.
Da war etwas. Eine glühende Stelle – ein bläulicher Schein, der klar und deutlich im Inneren des Tunnelschachts aufloderte wie eine Wunderkerze –keine zehn Schritte jenseits der Gitterstäbe. Jasmin hatte das Gefühl, als würde ihr Herz augenblicklich stehenbleiben. Sie konnte sich nicht bewegen. Was auch immer da kommen mochte, diesmal war es zu spät, um sich zu verstecken. Jasmin verharrte wie angewurzelt an Ort und Stelle, während die kristallblaue Lichtkugel mit einem raschelnden Geräusch und etwa eineinhalb Meter über dem Boden schwebend auf das Sperrgitter zugeglitten kam.
Zuerst dachte Jasmin, es wäre der Lichtkegel einer Taschenlampe, doch als sie blinzelte und genauer hinsah, erkannte sie, dass da gar niemand war, der sie hätte tragen können. Die glühende Sphäre glitt gleichmäßig und ohne Widerstand durch das Gitter hindurch und auf den geteerten Weg heraus. Dann machte sie etwa einen Meter vor Jasmin Halt und eine undefinierbare Stimme, die aus allen Richtungen zugleich zu kommen schien, erklang: »ERKLIMME DEN BERG«.
Die strahlende Kugel verweilte noch einen Moment bei ihr, dann erlosch sie und Jasmin fand sich wieder allein in der düsteren Nacht. Seltsamerweise waren die Panik und die Angst, die sie noch vor einigen Augenblicken verspürt hatte, komplett verraucht. Tiefer Frieden breitete sich in ihrem Inneren aus. War sie nun verrückt geworden?
Ganze fünf Minuten blieb sie wie angewurzelt im Dunkeln stehen und lauschte dem Geräusch der großen Wassertropfen, die sich im Astwerk der hohen Bäume gesammelt hatten und nun in unregelmäßigen Abständen auf die Straße klatschten. Das Gewitter war vorüber. Ein Blick auf ihr Smartphone verriet Jasmin, dass es drei Uhr morgens war. Ungewöhnliche, golden schimmernde Strahlen bahnten sich nun einen Weg durch die sich auflösenden Wolken bis auf die Dächer der Millionenmetropole hinab. Durchnässt wie sie war, verwirrt und ziemlich müde, machte sich Jasmin auf den Weg zurück in die Stadt. Im Hauptkreis Sannomiya, wo ihre Wohnung lag, war es ruhig geworden. Nur das widerhallende Echo unzähliger Sirenen war aus weiter Entfernung zu vernehmen. Jasmin hatte keine Energie mehr übrig, um über das seltsame Wetterphänomen nachzugrübeln, das schon eine ganze Weile lang für Schlagzeilen sorgte und die nächtliche Stadt seit Tagen in mysteriöses Dämmerlicht tauchte. Sie bog ein letztes Mal rechts ab und stand dann wieder vor ihrem Wohnkomplex. Sie nahm den Lift in den achten Stock, schloss die Wohnungstür auf, ließ sich aufs Bett fallen und schlief sofort ein.
Als Jasmin wieder aufwachte, schienen bereits heiße Mittagssonnenstrahlen durch das Fenster auf ihr schlaftrunkenes Antlitz. Sie hatte verschlafen! Hastig zog sie ihr Smartphone aus der Hosentasche, doch der Bildschirm wollte nicht aufleuchten. Sie hatte es, als sie in den Morgenstunden nach Hause gekommen war, vergessen aufzuladen. Wie sollte sie nun mit Masayuki Kontakt aufnehmen? Er war vielleicht bereits auf dem Weg nach Shizuoka. Sie entschied sich, zuerst kurz zu duschen und das Telefon in der Zwischenzeit wiederzubeleben. Um wacher zu werden, zog sie die Vorhänge im Zimmer auf, woraufhin blendende weißgoldene Lichtstrahlen in ihren Schlafraum fluteten.
Das Strahlen war ungewöhnlich hell, viel heller sogar als während der letzten Wochen und es schmerzte in ihren Augen. Von der kurzen Nacht benommen und von der Lichtflut überfordert, riss sie die Vorhänge wieder zu und begab sich in das recht dürftig eingerichtete Badezimmer. Während der erfrischenden Dusche dachte sie über die Geschehnisse der letzten Nacht nach. »Nun sei bereit … erklimme den Berg …« Ja, sie würde heute vielleicht einen Berg besteigen, aber ob das etwas miteinander zu tun hatte? Und wenn ja, inwiefern? Sie war sich sicher, sich die schwebende Sphäre vor dem Tunnel nicht eingebildet zu haben und auch, dass die Stimme absolut real gewesen war, obschon sie bestimmt keinem Menschen gehörte. Sie wusch die Pflegespülung aus ihrem langen Haar, schloss den Hahn und trocknete ihren schlanken Körper rasch mit einem Handtuch ab. Zurück aus dem Badezimmer prüfte Jasmin die Ladung des Akkus ihres Mobiltelefons; naja, es würde genügen, um Masayuki kurz Bescheid zu geben, dass sie sich verspäten würde. Als sie seine Nummer wählte, nahm dieser sofort ab.
»Hey du! Und – schon im Zug Richtung Shizuoka?«, fragte er mit gespieltem Spott.
Jasmin war gerade dabei, sich Socken über ihre Füße zu stülpen. »Hallo Masa. Weißt du was – ich habe verschlafen«, gab Jasmin in bitterem Tonfall zu.
Masayuki lachte herzhaft auf. »Das habe ich mir gedacht. Ich versuche dich schon seit acht Uhr zu erreichen, und jetzt ist es zwölf«, sagte er ohne angeschlagen zu klingen. »Dafür hatte ich Zeit, ein paar Sandwiches zu machen und drei, vier Bierchen habe ich auch noch aufgetrieben.«
Jasmin schämte sich, dass sie ihren Freund so lange hatte warten lassen. »Ich wäre jetzt bereit, falls du noch gehen möchtest«, bemerkte sie kleinlaut.
»Das Zimmer in der Herberge ist nach wie vor reserviert. Es hält uns nichts davon ab, die paar Stunden, die wir versäumt haben, heute Abend nachzuholen«, drang Masayukis kosende Stimme durch die Lautsprecher und Jasmins Herz machte einen Hüpfer.
»Okay – ich mach mich sofort auf den Weg. In zwanzig Minuten bin ich auf dem Bahnhof, dann bin ich um – 15 Uhr in Shizuoka.«
»Na, dann los!«, spornte Masayuki seine Freundin an.
Jasmin kramte ihre Siebensachen zusammen und stopfte diese, ohne viel Federlesens, in einen großen Rucksack. Dann eilte sie ungeschminkt und mit noch nassen Haaren aus der Wohnung. Die Geschehnisse der Nacht zuvor erschienen ihr plötzlich fern und verschwommen. Alles, worauf sie sich jetzt freute, war Masayuki wieder zu sehen und mit ihm gemeinsam eineinhalb romantische Tage zu verbringen.
Am Bahnhof Shin-Kobe angekommen, wurde Jasmins gute Laune jedoch schon zum ersten Mal auf die Probe gestellt. Obwohl sonst überfüllt mit Leuten aus aller Welt, war der Bahnhof heute seltsam leer. Vereinzelt sah sie Personen in grünen und blauen Uniformen umhergehen, aber sie hatte keine Zeit, sich die Sache näher anzusehen. Vor den Schaltern standen keine Leute an, also schritt sie gleich zur ersten Theke und fragte nach einer Retourfahrkarte nach Shizuoka-City. Der Beamte musterte sie sogleich mit einer entschuldigenden Miene und ließ sich verbeugend vernehmen: »Es tut uns schrecklich leid, aber sämtliche Züge werden bis frühestens morgen Abend von der Regierung in Anspruch genommen und stehen in der Zwischenzeit der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung.«
Jasmin sank das Herz in die Hose. Das konnte doch nicht wahr sein! Besetzt vom Staat – Hunderte von Schnellzügen, die jeden Tag fuhren? Jasmin konnte das weder glauben, noch akzeptieren und protestierte lauthals: »Wie kann denn jeder einzelne Zug restlos ausgebucht sein, wenn der ganze Bahnhof leer ist? Könnten Sie nicht bitte nochmal nachsehen, ob ein einziger Platz frei ist? Bitte!«, flehte sie in fließendem Japanisch. Der Beamte verbeugte sich nur noch tiefer und murmelte etwas, das sich wie endlose Entschuldigungen anhörte. Jasmin spürte eine glühende Wut in sich aufkochen. Dieses eine Wochenende ließ sie sich nicht vermasseln.
»Jetzt hören Sie mir mal zu. Ich habe heute seit einem Monat mein erstes Date und muss unbedingt nach Shizuoka, damit ich mit meinem Freund auf den Fuji-san steigen kann. Wenn Sie jetzt nicht sofort nachsehen, ob es noch einen einzelnen Platz in irgendeinem Zug Richtung Tokio gibt, dann – dann spalte ich Ihre Theke entzwei!«
Dem Beamten schienen die Augen herauszuquellen und sein Mund klaffte schräg offen. Er fasste sich allerdings nach einem schockerfüllten Augenblick wieder und begann wie ein Wahnsinniger, auf der Tastatur seines Computers herumzuhämmern. Nach gut zehn Sekunden kehrte derselbe Gesichtsausdruck noch einmal zurück ins Antlitz des Beamten, während er mit perplexem Blick seinen Bildschirm bestaunte. Dann stand er auf und verkündete, sich erneut übertrieben tief verneigend: »Eigentlich sind alle Züge von der Regierung bis auf Weiteres besetzt, aber Sie haben Glück. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wie es scheint, ist ein einziger Sitzplatz im Ein-Uhr-Zug verfügbar.«
Jasmins Herz kehrte augenblicklich an seinen beheimateten Platz zurück.
»Den nehme ich«, entgegnete sie zufrieden mit sich selbst. Was ein winziger Protest in diesem Land nicht alles in Bewegung setzen kann, dachte sie vergnügt. Das sollten sich die jungen Japaner auch angewöhnen, grinste sie vor sich hin und dachte an Japans stagnierende sozialwirtschaftliche Lage. Sie ging durch die Ticketbarrieren und begab sich mit den Rolltreppen hinauf zu den Gleisen.
Dort musste sie nicht lange warten, bis die Schnauze des schnellsten Expresszugs von Japan – des »Shinkansen« – angerollt kam. Jasmin hatte einen Fensterplatz abbekommen und freute sich, während der Fahrt die wald- und hügelreiche Aussicht auf die Kansai- und Chūbu-Gebiete genießen zu können. Die Tür des Abteils 6 öffnete sich und Jasmin machte Platz für aussteigende Passagiere – aber es trat niemand heraus. Dafür, dass alle Züge komplett ausgebucht waren, schienen aber beträchtlich wenige die kulinarische Weltstadt Kobe besuchen zu wollen. Und es war ihr auch erst jetzt aufgefallen, dass sich keine weiteren Personen auf dem Bahnsteig befanden.
Etwas verwundert stieg sie durch die weißen, automatisierten Türflügel und begab sich in das Abteil, das auf ihrer Fahrkarte beschrieben war. Jasmin stockte der Atem. Alle Wagons waren gefüllt mit Beamten in grünen und blauen Militäranzügen. Das hatte sie nicht erwartet. Die Soldaten starrten sie mit großen Augen an, aber keiner sprach ein Wort. Die Atmosphäre war angespannt und Jasmin hatte den Eindruck, dass diese Leute nicht zum Spaß unterwegs waren. Sie eilte die Sitzreihen entlang, bis sie zu der Reihe kam, über deren Fensterluke ihre Platznummer notiert war. Der Mann, der neben ihrem Fensterplatz saß, sprang erschrocken auf und ließ sie hindurch. Sie setzte sich und verstaute ihren Rucksack unter ihren Füßen. Der Zug setzte sich in Bewegung und die Landschaft vor dem quadratischen Fenster änderte sich in Minuten von grellgrauer Stadt zu grellgrünen Feldern und Wäldern, wobei die hellen Strahlen, die noch immer in blendendem Weißgold vom Himmel herabschienen, die Farbwelt draußen monoton übermalten. Jasmin zog den eingebauten Rollladen herunter und beäugte den Mann, der neben ihr saß, verstohlen aus den Augenwinkeln. Dieser saß mit starrer Miene da und bohrte seinen stoischen Blick hartnäckig in die Sitzreihe vor sich. Der Getränke- und Snackwagen kam vorbei, doch niemand kaufte irgendwas. Jasmin, die heute noch nichts gegessen hatte und von einem Höllenhunger geplagt wurde, ergatterte sich ein Bento: eine japanische Lunchbox mit Reis und verschiedenen Fleisch- und Gemüsebeilagen. Sie verschlang ihren Brunch mit großen Bissen. Der Mann neben ihr saß noch immer wie erstarrt da. Sie fand das schon merkwürdig; diese toternste Stimmung der Soldaten und auch die Fahrzeugkarawane, die sie bei den Rokko-Bergen letzte Nacht gesehen hatte. Zwischen ihnen musste es irgendeine Verbindung geben. Sie war sich sicher, dass diese Leute nach Tokio fuhren, in die Hauptstadt Japans und zur Endstation dieses Zuges – oder handelte es sich womöglich um einen bevorstehenden Ausbruch des Vulkans Fuji? Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und suchte das Internet nach Neuigkeiten ab. Sie fand nur eine Meldung, dass der Bahnverkehr landesweit vorübergehend ausfiel und einen kleinen Bericht über die anhaltenden Sonnenflares, die angeblich dafür verantwortlich waren, dass es seit einer Woche abends nicht mehr richtig dunkel wurde.
Jasmin schob den Rollladen einen Spaltbreit hoch und ließ ihren Blick mit zugekniffenen Augen über das Himmelszelt schweifen. Was da oben wohl vor sich geht?, fragte sie sich und gähnte herzhaft. Das üppige Bento hatte sie müde gemacht. Sie ließ nun verschlafen ihren Blick über die Berglandschaft schweifen, die sich vor dem Fenster des Zuges präsentierte. Japanische Berge waren grundsätzlich mit dichten Wäldern überzogen; darum mochte sie Jasmin auch so sehr. Die meisten Berggipfel in Europa waren ihrer Auffassung nach zu kahl und somit langweilig. Naja, in Japan gab es zwar auch Ausnahmen, wie zum Beispiel den berühmtesten aller Berge, den sie heute besteigen würde: der Vulkan Fuji. Aber sein kahles Haupt hatte er wohl auch dem Umstand zu verdanken, dass er zuletzt 1707 ausgebrochen war. Außerdem ragte er über 3700 Meter hoch über den Meeresspiegel auf, was die Waldgrenze weit überstieg. Jasmin überlegte, ob er vom Zugfenster aus wohl zu sehen sein würde. Ihre Augen huschten hin und zurück, an glühenden Reisfeldern und dichten Bambushainen vorbei und richteten sich dann wieder empor zum Himmelsdach, aus dem sich nach wie vor grässlich blendende Strahlen ergossen.
Wenn man den Nachrichten Glauben schenken wollte, war dies das Werk der Sonnenflares. Jasmin allerdings war den wissenschaftlichen Aussagen gegenüber kritisch gestimmt. Sie war der Überzeugung, Sonnenflares könnten elektronische Geräte außer Gefecht setzen und wären schädlich für die Haut – aber den Himmel erhellen, das war ihr neu. Dazu kam, dass es ja nun auch während der Nachtstunden hell war, obwohl die Sonnenflares zur Nachtzeit gleich wie die Sonnenstrahlen hinter der Erdkugel versteckt sein müssten. An der Geschichte war eindeutig etwas faul.
Rechts neben ihr gab es nun aber doch Bewegung. Ein etwas älter wirkender Mann in blauem Anzug und weinroter Kommandantenmütze auf dem kahl rasierten Schädel kam durch das Abteil geeilt. Er blieb vor dem Mann stehen, der neben Jasmin saß. Seine Augen schweiften nur flüchtig über Jasmins Profil, dann sagte er in scharfem Flüsterton: »Stabsoffizier Kanda, die Lage hat sich geändert. Wir steigen in Tokio in die Maboroshi-Line um. Im Untergrundsitz wartet Mr. Cadec mit der amerikanischen Delegation auf uns.« Er schielte nochmals kurz zu Jasmin herüber, als ob er prüfen wollte, ob sie etwas aufgeschnappt hatte. Doch wie so viele Japaner glaubte er offensichtlich, dass eine blonde Ausländerin der japanischen Sprache kaum mächtig sein konnte. Damit hatte er unrecht, doch das war Jasmin mittlerweile egal. Sie hatte es aufgegeben, den Japanern klar zu machen, dass ihre Sprache grammatikalisch gesehen eine der einfachsten der Welt war und jeder sie lernen konnte.
»Den Rest wissen Sie. Erstatten Sie den Unteroffizieren unverzüglich Bericht«, fügte der Mann schließlich hinzu.
»Jawohl, Herr Kommandant«, antwortete Stabsoffizier Kanda, und beide tauschten eine salutierende Geste aus. Der Kommandant drehte sich auf dem Absatz um und hastete zurück in das Abteil, aus dem er gekommen war. Stabsoffizier Kanda erhob sich und schritt in das gegenüberliegende Abteil.
Jasmin hatte noch nie von einer Maboroshi-Line gehört, geschweige denn von einer solchen in Tokio. Maboroshi bedeutete Phantom oder Illusion in der japanischen Sprache. Sie hatte schon von geheimen Untergrundlinien gelesen, die nur dem Staatswesen vorbehalten sein sollen. Wenigstens hieß dies, dass es sich vermutlich nicht um einen fatalen Ausbruch des Fuji-san handelte, wenn die Soldaten alle nach Tokio fuhren. Jasmin zückte ihr Smartphone ein weiteres Mal aus ihrer Tasche und schrieb Masayuki eine kurze Nachricht: »In zehn Minuten bin ich da.« Wenige Augenblicke später kam ein: »Cool! Ich warte bei der Bushaltestelle auf dich«, und ein grinsender Smiley zurück.
Als der Schnellzug am Bahnhof Shizuoka ankam, war Jasmin froh, dass sie der sich in Tristesse suhlenden Männerhorde endlich entfliehen konnte. Stabsoffizier Kanda war noch immer nicht zurückgekehrt, doch das interessierte sie jetzt nicht mehr. Durch die Barrieren rennend und mit einem etwas steifen Rücken entdeckte sie an einer Zeittafel der Busstation lehnend den hochgewachsenen und sonnengebräunten Masayuki mit seinen zum Kamm aufgestellten blondgefärbten Haaren schon von weitem. Sie fielen einander mit einem herzlichen Aufprall in die Arme. Masayuki streichelte sanft über ihr leicht welliges, heute luftgetrocknetes Haar.
»Ich habe dich vermisst«, schnurrte Jasmin zärtlich.
»Ich dich auch – das kannst du mir glauben. Und, bereit für ein Abenteuer nur für uns zwei?«
Im Bus setzten sie sich in die hinterste Reihe. Eine Gruppe junger Leute, die vor allem aus Pärchen nicht japanischer Abstammung zu bestehen schien, stieg nach und nach in das Fahrzeug ein. Ein Zweiergespann, das sich eine Reihe vor ihnen niedergelassen hatte, war dem englischen Akzent zufolge amerikanischer Herkunft: der Mann hatte kurzes, blondes Haar und einen dichten Dreitagebart, die Frau dagegen dunkle Haut und seidige, kastanienrote Locken. Ein weiteres Pärchen sprach Deutsch, soweit Jasmin ihren Sprachkenntnissen trauen konnte. Der Mann jenes Paares schien arabische Wurzeln zu haben, und seine Partnerin hatte südostasiatische Gesichtszüge. Der Bus holperte mittlerweile eine steile Waldstraße entlang.
»Echt schön, dich zu sehen«, erfreute sich Masayuki und tätschelte Jasmin den Kopf. »Wie schlägst du dich mit deiner neuen Knochenarbeit in Kobe?«
»Naja, Knochenarbeit kann man es noch nicht nennen. Wie du ja weißt, bin ich noch immer im Training. Aber Kobe ist eine schöne Stadt. Ich mag die Balance zwischen Meer und Bergen«, erklärte Jasmin und packte Masas neckende Hand. Sie musste unwillkürlich an die letzte Nacht denken.
»Dann hast du dich also schon gut eingelebt? Freut mich zu hören«, gab sich Masayuki etwas steif.
Jasmin wusste, dass Masayuki mit der Situation nicht glücklich war. Er war eigentlich dafür gewesen, dass sie sich eine Stelle in Tokio suchte, was sie auch versucht hatte. Doch wie das Schicksal es nun mal wollte, fand sie ihr Glück in Kobe, dessen japanische Silben schicksalsgetreu »das Tor der Götter« hießen. Sie beide hatten Politikwissenschaft studiert und zwei Jahre lang – bis vor vier Wochen – gemeinsam in einem kleinen Apartment in Tokio gelebt. Masayuki ließ einen tiefen Seufzer hören.
»Ich weiß, es ist nicht einfach«, begann Jasmin zögernd und legte Masas Hand auf ihren Schoss, »aber wir werden eine Lösung finden. Ganz bestimmt«, schloss sie aufmunternd.
»Ja – ich weiß, ich weiß«, seufzte Masayuki und stierte dabei mit trüber Miene aus dem Panoramafenster.
Jasmin ärgerte sich ein wenig, dass sie sich bereits zu diesem Zeitpunkt mit diesem schwierigen Gesprächsthema auseinandersetzen mussten. Es gab momentan einige Dinge, die ihr im Kopf herumschwirrten und über die sie sich gerne mit Masayuki beraten wollte, wie zum Beispiel ihr verwegener Traum und die Soldaten im Shinkansen. »Offenbar hat die Regierung heute und morgen die ganze Shinkansen-Strecke von Fukuoka bis nach Tokio komplett für sich reserviert. Ich hatte Glück, dass ich überhaupt einen Platz ergattern konnte. Weißt du etwas darüber?«
Masayuki schien verdutzt. »Im Bahnhof Tokio war die Hölle los. Es war fast kein Durchkommen. Überall waren Militärtrucks und Leute der Selbstverteidigungsstreitkräfte mit Gewehren. Aber der Zug nach Shizuoka war praktisch leer«, erwiderte er.
»Das habe ich mir gedacht, denn im Shinkansen habe ich mitbekommen, dass sie alle nach Tokio fahren, um dort in die Maboroshi-Line umzusteigen. Keine Ahnung, was das bedeuten soll, aber es hat sich nicht nach einem positiven Anlass angehört.«
Masayuki zuckte mit den Schultern. »Uns geht es jedenfalls nichts an, sonst würde ja etwas in den Nachrichten stehen.«
Diese Art des Denkens ist typisch japanisch, dachte Jasmin verbissen, sagte aber nichts. Wenn eine Katastrophe bevorstand und die Bevölkerung nicht gewarnt wurde, ging es sie dennoch etwas an.
Der Bus stoppte abrupt – sie hatten ihr Ziel erreicht. Die Passagiere, die vor ihnen gesessen hatten, stiegen aus und traten voran. Jasmin, die noch nie hier gewesen war, hatte keine Ahnung, wo sie waren oder welchen Weg sie nun einschlagen mussten. Masayuki jedoch hatte den Berg Fuji schon zweimal bestiegen. Einmal mit seinem Vater und einmal mit seinen Kollegen aus der Uni.
»Sicherheitshalber habe ich einen unserer Atlanten eingepackt«, sagte Masayuki grinsend.
»Gott sei Dank. Ich hätte nämlich keine Ahnung, wo es langgeht«, gab Jasmin wahrheitsgemäß zu.
Masayuki arbeitete zurzeit in einer Firma, die moderne Karten für GPS-Geräte und klassische Weltatlanten traditionsgemäß aus Papier herstellte. Er war ein ausgesprochener Kartenfreak und hatte demnach oft dicke Wälzer dabei, die mit Koordinaten und unzähligen Symbolen vollgedruckt und für den einfachen Bürger praktisch ungebräuchlich waren. Jasmin hatte sich inzwischen damit abgefunden, auf das GPS in ihrem Smartphone zu verzichten, wenn sie mit Masa unterwegs war, denn er bestand stets darauf, ihr gemeinsames Ziel nur mit seinen Karten zu finden.
Zuerst folgte das Wanderduo einer geteerten Straße, die quer durch eine Wiese mit Sträuchern führte. Der Weg war bereits ziemlich steil und mit einem Rucksack auf dem Rücken und schwülen dreißig Grad war der Aufstieg von Anfang an eine Reise, die in Erinnerung bleiben würde.
»Ich dachte, wir wären auf einem Berg. Wie kann es denn so heiß sein auf dieser Höhe?«, beklagte sich Jasmin schon nach wenigen Minuten außer Atem.
Obwohl Masas Gepäckstück verglichen mit ihrem etwa den dreifachen Durchmesser aufwies, ihr Mittagessen, vier Dosen Bier und einen riesigen Wälzer beinhaltete, schienen ihm weder die Hitze noch die Steigung etwas anzuhaben. Er lachte hämisch. »Das ist erst der Anfang. Warte nur, bis wir über die Strauchgrenze kommen, dann gibt es nicht mal mehr einen richtigen Weg, und Schatten kannst du auch vergessen. Das nennt man wandern.«
Jasmin zog eine gequälte Grimasse, und Masayuki lachte nur noch lauter. Sie mochte es, wenn Masa lachte. Es hatte etwas Herzhaftes und Aufrichtiges an sich.
»Was hast du eigentlich in deinen überdimensionalen Rucksack gepackt?«, fragte sie keuchend.
»Ach, nichts Besonderes. Nur ein paar Notfallrationen, zwei Regenmäntel, ein Messer und eine Taschenlampe. Man weiß ja nie, wann man was braucht.«
»Notfallrationen! Das klingt nach etwas Essbarem.«
Masayuki warf ihr einen vielversprechenden Blick über die Schulter zu. »Naja, ich hatte am Morgen etwas Zeit, wie du ja weißt.« Jasmin schnitt erneut eine Grimasse.
»Ich dachte mir, wir könnten die Sandwiches, wenn wir oben sind, unter den Sternen genießen. Ein paar Bierchen und Snacks habe ich auch noch im Angebot.«
»Genial – kann es kaum erwarten. Aber glaubst du, die Sterne werden sich heute Abend zeigen?«, argwöhnte Jasmin heftig atmend.
»Da bin ich mir auch noch nicht so sicher. Dann sehen wir eben Sonnenflares – klingt fast genauso romantisch, nicht?«, witzelte Masayuki und grinste dabei breit.
Jasmin erwiderte seinen Scherz, indem sie ihm einen Klaps auf den Hintern verabreichte. »Übrigens, nochmals sorry für die Verspätung. Ich hatte einen üblen Traum und konnte lange nicht schlafen.«
»Mach dir nichts draus. Ehrlich gesagt habe ich auch schlecht geschlafen und hätte beinahe verpennt.«
»Du auch?«, fragte Jasmin aufmerksam.
»Ja, ich habe schlecht geträumt. Um was ging es denn in deinem Traum?«
»Ich muss dir etwas gestehen«, begann Jasmin mit ernster Stimme.
»Was – hast du geträumt, dass dir deine Arbeit gekündigt wurde?«, warf Masayuki zynisch ein.
»Nein – natürlich nicht. Es war – eine Art Albtraum, oder sowas Ähnliches.«
Masayuki schwieg, also fuhr sie fort: »Ich stand in der Dunkelheit und wusste nicht, wo ich war. Ich fühlte mich nicht fremd oder so. Ich war einfach nur da – und, da gab es ein Licht in der Ferne; ein blaues Licht. Also bin ich darauf zugegangen.« Eine Pause trat ein. Jasmin brauchte Luft. »Warte bitte kurz. Ich muss mal verschnaufen«, röchelte sie. Masayuki blieb stehen, war aber immer noch dem Berg zugewandt.
»Jasmin«, sagte er nach einer Weile. »War das Licht … war es ein Fluss?«
Jasmins Keuchen beruhigte sich langsam und ging wieder in ein unregelmäßiges Atmen über. Sie war in die Hocke gegangen und hob nun langsam den Kopf. Sie konnte nicht fassen, was ihr Freund da eben von sich gegeben hatte. Konnte es denn sein? Hatte er womöglich denselben Traum gehabt wie sie? Masayuki zitterte ein wenig. Er schob seine linke Hand vor sein Gesicht, mit der anderen setzte er seinen Rucksack ab. Jasmin konnte nicht erkennen, was er tat, aber sie verspürte plötzlich eine unbeschreibliche Nähe zu ihm, wie sie es noch nie für einen Menschen empfunden hatte. Sie trat auf ihn zu, umarmte ihn von hinten und legte behutsam den Kopf auf seinen Nacken.
»Da waren meine kleine Schwester und meine Eltern. Ich dachte, es wäre bloß ein blöder Traum«, stammelte Masayuki mit völlig aufgelöster Stimme. Jasmin streichelte ihm zärtlich über den Rücken. »Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht und konnte die ganze Nacht kein Auge mehr zu tun. Naja«, Masayuki schnäuzte sich die Nase, »wenigstens sind wir jetzt zusammen. Ich will dich nie mehr gehenlassen – ich möchte, dass du bei mir bleibst – für immer.«
»Das möchte ich auch, Masa, ich auch.«
Tief in ihrem Inneren spürten beide das Ausmaß an Bedeutung ihrer Träume, und dass diese gravierende Folgen für ihre Schicksale haben würden, auch wenn sie das Ganze zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht richtig einordnen konnten. Für eine Weile schwiegen sie in tiefer Verbundenheit, dann nahm Jasmin Masayukis Hand in ihre und gestärkt durch ihren verbindenden Händedruck stapften sie gemächlich auf dem Geröllpfad weiter. Jasmins Uhr zufolge war es fast halb sechs Uhr nachmittags. Der Himmel strahlte heller denn je. Die kleine Unterkunft, in der Masayuki ein Zimmer gebucht hatte, erreichten sie nach weiteren anstrengenden zwanzig Minuten, in denen sie sich durch ausgedehnte Geröllfelder und steile Abhänge gearbeitet hatten. Die Herberge stellte sich als eine hölzerne Hütte heraus, mit einer kleinen Terrasse, auf der drei Kunststofftischchen mit Stühlen standen. Eines der Pärchen, das mit ihnen im selben Bus angereist war, hatte sich auf den Stühlen niedergelassen. Sie trugen Sonnenbrillen und deuteten auf den Himmel, wobei sie sich auf Spanisch oder Portugiesisch verständigten.
Ob sie mit den Brillen wohl sehen können, was da oben vor sich geht?, fragte sich Jasmin, die sich etwas ärgerte, dass sie ihre eigene zuhause liegen gelassen hatte. Zwei weitere hochgewachsene Personen, die beide Kleider im Camouflage-Look trugen, standen im Türrahmen der Herberge und unterhielten sich mit jemandem, den Jasmin nicht sehen konnte.
»Mikael McLane haben Sie gesagt? Sind sie Amerikaner?«, krächzte eine raue Frauenstimme jenseits der Eingangstür. »Bitte hier entlang.«
Masayuki trat nun voraus in den Eingangsbereich des Gasthauses, in dem das englischsprechende Paar verschwunden war. Die Herberge war das einzige Gebäude weit und breit und von spitzen Felsen und schütteren Wiesenflächen umgeben. Nach gut zwei Minuten kündigte das Geräusch von Schritten auf ächzendem Holz an, dass jemand die alte Wendeltreppe, die in die Diele mündete, herunterkam. Eine uralte Frau in Pantoffeln und mit grau verfilztem Haarknoten tauchte vor ihnen auf. Auch sie hatte eine Sonnenbrille aufgesetzt, die ihr halbes Gesicht verdeckte und sie wie ein Wesen von einem anderen Stern aussehen ließ. Sie lächelte ihnen zu und sagte mit knorriger Stimme: »Das ist aber ein hübsches Mädchen.«
Masayuki erwiderte ihr Lächeln. An derartige Bemerkungen über Jasmins westliches Aussehen waren die beiden gewöhnt. »Wir haben für heute Nacht ein Zimmer gebucht.«
Die alte Frau verbeugte sich, soweit es ihr krummer Rücken billigte und wies sie mit einer Geste in den schmalen, hölzernen Korridor ein. Sie zogen die Schuhe aus, verstauten diese in einem Schuhregal an der Wand und folgten der Greisin die unter der Last knarzende Holztreppe hinauf. Jasmin blickte sich um und bemerkte mehrere alte Zimmertüren aus Holz, von denen eine einen Spaltbreit offenstand. Plötzlich hörte sie eine leise, knurrende Stimme sagen: »Lailac, sei still! Nein, das sind sie nicht.«
Ein braunes Auge starrte Jasmin an, welches umsäumt war von dunklem Fell. Jasmin erschrak, wich zurück und wäre schier in Masa geprallt.
»Was ist los?«, wollte dieser sofort wissen.
»Ich – ach nichts. Vergiss es«, gab sie zurück und machte eine nachdenkliche Miene. Sie war sich ziemlich sicher, was sie gesehen hatte, war ein Hundewesen gewesen – aber diese waren sehr selten und die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet auf dem Fuji-san einem über den Weg zu laufen, war äußerst klein. Doch es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon öffnete die alte Gastwirtin eine Holztür zu ihrer Rechten und verkündete: »Das ist Ihr Zimmer für heute Nacht. Wenn Sie etwas brauchen, ich bin im Erdgeschoß, erstes Zimmer links. Frühstück wird von sechs bis halb neun serviert. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
Nachdem die alte Frau die Tür hinter sich ins Schloss hatte fallen lassen und die beiden Reisegäste sich versichert hatten, dass die Wirtin, den die Wände durchdringenden Lauten zufolge wieder im Erdgeschoß angekommen war, ließen sich Jasmin und Masayuki auf das hölzerne Bett plumpsen, das mitleiderregend aufquietschte. Masayuki schob sich über Jasmins Brust und fixierte ihre Hände fest über ihrem flauschigen Haar. Er küsste sie mit lang gehegter Leidenschaft. Dann legte er ein Ohr auf ihre Brust und lauschte für eine Weile ihrem Herzschlag.
»Komm, lass uns auf den Berggipfel hochsteigen. Vielleicht wird es heute Abend wieder einmal richtig dunkel und wir können die Sterne bewundern«, schlug Masayuki auf einmal vor und begann, Jasmin ohne Vorwarnung am Bauch zu kitzeln.
Jasmin lachte auf und versuchte, Masayukis hinterhältige Kitzelattacke abzuwehren. Eigentlich fühlte sie sich nicht danach, gleich wieder aufzubrechen, aber als Masayuki ihr die Hand hinstreckte, packte sie diese und ließ sich von ihm hochziehen.
»Ich will wissen, was uns da oben erwartet«, unterstrich er sein Vorhaben und machte Anstalten, Jasmin zu küssen.
Diese ließ sich in seine kräftigen Arme gleiten, doch wich sie seinen zum Kuss geformten Lippen flink aus und gab ihm als Rache für die Kitzelattacke nur einen flüchtigen Schmatzer auf die Wange. Als die beiden wieder nach draußen traten, war das Pärchen auf der Terrasse verschwunden. Sie beschritten den steinernen Wanderpfad, der sich schlängelnd zum Gipfel emporwand. Es war nach wie vor ungewöhnlich hell und warm. Masayuki interpretierte die auffällige Wärme als Zeichen, dass sie bald am Krater des Vulkans ankommen mussten.
Das kann doch nicht sein, dachte Jasmin mit einem unbehaglichen Gefühl in der Magengrube. Der Berg Fuji war ein inaktiver Vulkan und konnte daher keinen Einfluss auf die Temperatur in der Umgebung ausüben. Das goldene Licht, welches das Himmelszelt über die Landschaft um das Bergmassiv herum verschüttete, war unterdessen so stechend hell geworden, dass keine Schatten mehr zu erkennen waren. Auch von der genialen Aussicht, von der Masayuki monatelang geschwärmt hatte, konnten sie so gut wie gar nichts ausmachen. Von weiter Ferne schallte das unverkennbare Geräusch von Sirenen zu ihnen hoch – und diesmal waren es keine Warnlaute von Fahrzeugen. Es waren Katastrophensirenen aus den Städten der Umgebung, die normalerweise dann zu hören waren, wenn ein Tsunami bevorstand.
»Hörst du die Lautsprecher?«, bemerkte Masayuki beunruhigt. »Ich glaube, sie sagen, dass man im Haus bleiben soll.«
»Ja, das höre ich auch. Aber es hat doch gar kein Erdbeben gegeben«, stellte Jasmin verwirrt fest.
»Wahrscheinlich ist es wegen der Sonnenflares, oder was auch immer das da oben für goldene Wolken sind.«
»Masa – das sind doch keine Sonnenflares. Die Sonne ist eben untergegangen, also kann es nichts sein, das von der Sonne her kommt.«
Jasmin kramte aufgewühlt in ihrer Tasche und zog ihr vibrierendes Handy heraus. Sie nahm sofort ab.
»Hallo, Jasmin?«, erklang die besorgte Stimme ihrer Mutter. Jasmin berührte kurz Masas Rücken, um ihm zu bedeuten, dass er anhalten sollte.
»Hallo, Mama – was ist denn los?«, fragte Jasmin verängstigt.
»Ich habe versucht, dich zu erreichen. Hast du die Nachrichten gesehen? Leute auf der ganzen Welt sind auf den Straßen und spielen verrückt. Niemand weiß, was es mit den goldenen Wolken auf sich hat – a-aber man munkelt, die Regierung würde etwas geheim halten. Manche behaupten sogar, die Welt würde – untergehen.«
Ein lauter Schluchzer war zu hören. Jasmin wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte. In diesem Augenblick wünschte sie sich verzweifelt, bei ihrer Familie zu sein, und doch klaffte eine Distanz von zehntausend Kilometern zwischen ihnen.
»Mama, soweit ich weiß, sind es nur Sonnenflares, und die sind nicht gefährlich«, versuchte Jasmin ihre Mutter zu beruhigen, obwohl sie genau wusste, dass dem nicht so sein konnte.
»Jasmin, ich habe Angst. Papa ist vor fünf Minuten nach Hause gekommen –«
Es gab eine kurze Unterbrechung, dann war die Stimme ihres Vaters zu vernehmen: »Jasmin! Bist du in Sicherheit? Bist du mit deinem Freund zusammen?«
Jasmin hatte einen Kloß im Hals, und der Schweiß tropfte ihr von der Stirn. »Wir sind auf dem Fuji-san. Du weißt doch, der große heilige Berg von Japan.«
»Ihr beide müsst euch unbedingt vor den Strahlen schützen!«, sagte ihr Vater atemlos. »An der Uni ist das Gerücht im Umlauf, dass die goldenen Wolken das Ergebnis zweier fusionierender schwarzer Löcher sind.«
Es gab wieder eine Pause. Jasmins jüngerer Bruder, Simon, hatte seinem Vater offenbar das Mobiltelefon aus der Hand gerissen.
»Simon?«, vermutete Jasmin.
»Jepp, hallo Jasmin. Papa und Mama sind ganz komisch. Alle quasseln vom Weltuntergang, aber niemand weiß, was wirklich los ist. Naja, uns geht es gut. Jedenfalls, wenn du das nächste Mal nach Hause kommst, bringst du mir ein cooles Game mit, ja?«
Jasmins Augen wurden feucht. Sie wollte etwas sagen, doch dann erklang wieder die Stimme ihrer Mutter: »Wir gehen jetzt … den Keller – und … weiß nicht wie lange die Verbindung noch hält«, kam es aus dem Lautsprecher. Ihre Stimme war nur noch schwach und stockend zu vernehmen. »Ihr müsst euch Schutz suchen! Versprich mir … wir uns wiedersehen. Jasmin, ich …«
Dann brach die Verbindung ab. Jasmin konnte nichts sehen, außer gleißendes, weißgoldenes Licht. Masayuki stand vor ihr und hielt ihre andere Hand fest umschlossen.
»Komm.«
Masayuki führte sie weiter den unsichtbaren Bergpfad hinauf. Jasmin wusste nicht weiter und ließ sich willenlos von ihm leiten. Ein seltsames, unirdisches Summen begann, die Atmosphäre zu schwängern und wurde immer lauter. Es übertönte Jasmins Schluchzen, die Lautsprecher und selbst die Sirenen in der Ferne. Furchtbare Trauer drückte Jasmin auf den Magen. Sie wollte zu ihrer Familie … Mama … Papa … Simon …
In ihrem Kummer blieb sie ruckartig stehen, wobei ihre Hand Masas Griff entglitt. Er drehte sich zu ihr um und schloss sie so innig in seine Arme, wie er es noch nie zuvor getan hatte. Es fühlte sich an, als würden sie verschmelzen.
»Es ist alles gut, Jasmin. Ich bin bei dir. Ich liebe dich.«
Das Summen war zu einem ohrenbetäubenden Lärm angeschwollen. Der Boden begann unheilvoll zu beben. Man konnte weder etwas sehen noch etwas klar vernehmen. Jasmin schmiegte sich so fest es ging an Masayukis Körper an.
Es gab einen gewaltigen Ruck, der die Erde heftig erbeben ließ. In diesem Moment durchdrang die weißgoldene Substanz, die sich vom Firmament her auf sie zubewegt hatte, den Leib der Welt. Zwei Universen verschmolzen zu einem. Ein Gefühl des unendlichen Glücks und der Vollkommenheit durchflutete die Körper aller Lebewesen auf der Erde. Mit einem weiteren heftigen Ruck waren das Licht und der Lärm urplötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Ein Erdbeben, wie es die Welt nie zuvor erlebt hatte, erschütterte das Land. Über ihnen grollte der Vulkan bedrohlich. Masayuki und Jasmin versuchten, sich zu ducken, doch der Tremor war so stark, dass sie aneinandergeklammert auf den harten Felsen geschmettert wurden. Auf den weiten Flächen Japans öffneten sich nun große Risse, die sich in alle Richtungen ausbreiteten. Die Klüfte dehnten sich aus und verschluckten ganze Wälder, Berge und Städte.
Auch am Himmelsdach ereignete sich ein seltsames Schauspiel. Die Atmosphäre wurde ganz allmählich in rote, blaue und grüne Farbtöne getränkt. Neben den goldenen Strahlen war auch das Abendrot, das noch vor wenigen Minuten den Himmel über dem Terrain im Westen erfüllt hatte, spurlos verschwunden. Drei gigantische, bunt brillierende Sphären verfärbten das Himmelsgewölbe und verliehen der Umgebung ein düsteres und mysteriöses Ambiente.
Jasmin und Masayuki lagen am Fuße einer Felsklippe. Fest umschlungen und mit zusammengekniffenen Augen warteten sie, bis das Beben abgeklungen war.
»J-Jasmin – l-leben wir noch?«, stockte Masayuki von heilloser Ungläubigkeit gepackt.
Jasmin brauchte noch eine ganze Weile, bis sie wieder zu ihrer Stimme fand: »Ich weiß es nicht – was ist nur geschehen?«, stieß sie durch ihre klappernden Zähne hervor und sah langsam auf. Sie fürchtete sich vor dem, was sie als nächstes erblicken würde. Jasmin lockerte die Umarmung. Auch Masayuki hob vorsichtig den Kopf – beide erstarrten augenblicklich in einer paralysierenden Trance. Das Spektakel, das sich ihnen bot, war mit einem einzigen Blick wohl nicht zu erfassen. Beide Überlebenden starrten mit Entsetzen auf die drei gewaltigen Lichtscheiben am Himmel, die einen geheimnisvollen, buntschimmernden Mischmasch von Farbtönen auf ihre Gesichter zurückwarfen.
»Was sind … Sind das Planeten? W-was sind das für merkwürdige Farben überall?«, raunte Masayuki, ohne die Augen vom glühenden Firmament abzuwenden.
»Öhm – ich äh, habe echt keine Ahnung – träumen wir?«, stotterte Jasmin, die drei kreisrunden Scheiben, die zusammen fast den ganzen Himmel abdeckten, fixierend.
Masayuki senkte langsam seinen Kopf und stupste Jasmin mit dem Ellbogen an. »Sieh mal«, sagte er gleichermaßen erstaunt wie entsetzt. Er zeigte zum Horizont, der sich kaum merklich auf und ab zu bewegen schien.
Jasmin erkannte nicht auf Anhieb, was sich vor ihren Augen abspielte. »Was ist das? Ist das etwa – eine Welle? Ein – ein Tsunami?« Sie hatte eine böse Vorahnung.
Masayuki blinzelte. In der pulsierenden Atmosphäre, in der sich die Farben überschlugen, konnte man nicht allzu viel erkennen. »Rein geographisch gesehen müsste eine Flutwelle aus dieser Perspektive und Entfernung ungefähr drei bis vier Kilometer hoch sein«, erklärte er langsam und berechnend.
Sie sahen der sich ausbreitenden Linie zu, wie sie näherkam und alles um sie herum verschluckte. Als die Wand das Festland erreicht hatte, erkannten sie, dass es sich in der Tat um einen Tsunami handelte – und was für einen! Die gigantische Wassermauer kam aus dem Pazifischen Ozean auf den heiligen Berg zu gekrochen und begann, ihn resolut zu umringen. Der Wasserspiegel stieg über eine Zeitspanne von einer Viertelstunde bedrohlich an. Jasmin und Masayuki waren zu verstört, um noch irgendetwas zu tun, außer dem Treiben der Naturkräfte zuzusehen. Etwa einen halben Höhenkilometer unter ihnen verlangsamte sich der Anstieg der im bunten Farbenspiel schimmernden Wasseroberfläche. Alles um sie herum hatte sich in einen Regenbogenozean verwandelt. Es war ein schlichtweg unfassbarer Anblick. Wie es aussah, hatte die Welle ein paar hundert Meter unter ihnen ihren Höhepunkt erreicht.
»Das müssen mindestens drei Kilometer über dem Meeresspiegel sein«, bemerkte Masayuki tonlos.
Jasmin sah mit fassungsloser Miene den Horizont entlang, bis sie hinter sich plötzlich eine gewaltige Lichtröhre entdeckte, die sich über den Felsspitzen des Vulkankraters gegen den Himmel erhob. Sie spürte, wie Masayuki sie energisch am Arm antippte. Ihr Blick richtete sich deshalb wieder gegen Osten, wo mehrere gewaltige, goldene Lichtsäulen aus dem Ozean empor- und dem glimmenden Himmel entgegenragten. Der Wasserpegel nahm nun rasch wieder ab. Mehrere Strudel, groß wie ganze Städte, bildeten sich dort auf der Ozeanfläche, wo eben gerade die Lichtröhren aufgetaucht waren. Jasmin kam es vor, als ob jemand im Bad den Stöpsel gezogen hätte.
Eine Weile lang sah das entsetzte Paar auf die bunte Wasserfläche hinaus und beobachtete, wie der Wasserpegel nach und nach wieder sank. Dann, ohne Vorwarnung, stieg keine fünf Schritte von ihnen entfernt eine bekannte, bläulich flackernde Lichtsphäre empor, die gemächlich auf sie zu geglitten kam. Wie hypnotisiert legte Jasmin einladend ihre Handflächen aneinander, um darauf die raschelnde Kugel in Empfang zu nehmen. Einen Augenblick später erklang eine mächtige, durchdringende Stimme aus deren Innerem:
»ES IST VOLLBRACHT. DIE UNENDLICHKEIT IST HERBEIGEFÜHRT. MEINER HINTERLASSENSCHAFT SOLL ES NACH MEINEM WEGGANG NICHT AN LAND UND MITTELN FEHLEN. DENN DIEJENIGEN, DIE NUN DAS ZEITALTER DER UNENDLICHKEIT EINLÄUTEN WERDEN, SIND AB SOFORT IHRES EIGENEN LEBENS SCHMIED. DIE UNENDLICHKEIT, DIE ES ZU ERSCHAFFEN GILT, WENN EIN WESEN HÖHERER MÄCHTE SEINE IHR VERPFLICHTETE RAUMZEIT VERLÄSST, KENNT ZWEI RICHTUNGEN: DEN WEG DES LEBENSKOLLEKTIVS, WELCHER DIE HARMONIE ALLEN LEBENS VERKÖRPERT UND MIT DEM EIN EWIGES STREBEN NACH SYMPATHIE UND ZUSAMMENHALT EINHERGEHT – ODER ABER DEN WEG DER EWIGEN LEERE, WELCHE SICH IN TATEN UND BEGEHREN VERGÄNGLICHER NATUR ABZEICHNET. IHR HABT DIE WAHL. TRAGET DIESE BOTSCHAFT IN EURE MITTE. MEINE AUFGABE IN DIESER RAUMZEIT IST ERFÜLLT. ICH WERDE NUN IN DIE NÄCHSTHÖHERE BEWUSSTSEINSEBENE HINÜBERSCHREITEN, WIE ES MIR OBLIEGT. GEHABT EUCH WOHL UND GEDENKT MEINER WORTE: LIEBET EUREN NÄCHSTEN, DENN ZUSAMMEN SEID IHR EINS – SARABA.«
Jasmin und Masayuki erschraken nicht. Es war eine sympathische Stimme, die ihnen sehr vertraut schien. Obwohl Jasmin eben noch einem Nervenzusammenbruch nahe gewesen war, nahm die Präsenz dieser größeren Macht ihr ihre Angst augenblicklich von der Seele. Sie wusste nun, dass der Traum über ihre Familie Wirklichkeit geworden war, und es war gut so. Es war vorbei. Tiefer Frieden überkam ihren Geist.
Nach unbestimmter Zeit des selbstversunkenen Daseins fühlte Jasmin plötzlich, wie Masayuki ihre linke Hand ergriff und sie behutsam zu sich hinzog. Zuerst erkannte sie nicht, was er tat, doch dann gab er ihren Fingern einen kurzen, zärtlichen Kuss und führte sie langsam vor Jasmins Augen. An ihrem Ringfinger brillierte ein Diamantring, der geheimnisvolle Lichtmuster in die felsige Umgebung zeichnete.
Einvernehmlich sahen sie sich in die Augen und nickten in einträchtiger Stille.
Neues »Altes Sonnenlicht«
Hildenberge war im Laternenwald unter anderem auch als »das Erfrorene Dorf« bekannt. Dieser ungewöhnliche Beiname stammte von einer viele Generationen zurückliegenden und verhängnisvollen Nacht her, in der die Siedlung von einem seltenen Wetterphänomen, einem Schneesturz, heimgesucht und dabei unter einer ewigen Schnee- und Eisdecke begraben wurde. Dies hatte zur Folge, dass die Gemeinde seither vor dem direkten Schein der himmlischen Scheiben verborgen blieb. Die Ortschaft bestand aus mehreren Dutzend uralter Holzbauten, die unter dem viele Meter dicken Gletschereis durch unzählige Eishöhlen und verschlungene Passagen miteinander verbunden waren.
Einst war das Bauerndorf von duftenden Wiesen und üppig bewaldeten Hügeln umsäumt gewesen, doch jene Zeit kannten die Einwohner Hildenberges nur noch aus den alten Sagen und Geschichten, die an besonders düsteren Abenden vom Familienältesten erzählt wurden. Es war eine alte Tradition, sich vor den wärmenden Kachelöfen in kuschelwarme Wolldecken einzuhüllen, an den geheimnisumwobenen Lippen des Familienoberhauptes zu hängen und in längst vergangenen Zeiten zu schwelgen. Auch war es Brauch, dem Knistern der emporsteigenden Funken zu lauschen, die im fast zwei Dutzend Meter langen Schornstein auftrieben und geheimnisvolle Melodien in den mächtigen Gletscher hinaustrugen.
Frierhütten wurden diese vom Eis verschlungenen Gebäude genannt, wobei jedes Haus über zwei Ein- und Ausgänge verfügte. Einerseits war es möglich, eine Frierhütte vom Dach aus über eine in den Gletscher eingelassene Treppe zu betreten und wieder zu verlassen. Dies allerdings nur, wenn das Bedürfnis bestand, sich an die Oberfläche der Eismassen hinaufzubegeben, was für die ältere Bevölkerung ein eher selteneres Unterfangen darstellte und mehr den Schneeballschlachten liebenden und leidenschaftlich Schneeburgen bauenden jungen Hildenberglern vorbehalten war. Andererseits, und viel häufiger, wurden die uralten, hölzernen Haustüren im Erdgeschoss benutzt, von denen aus man ganz gemütlich durch die Gletscherpassagen in die Dorfmitte gelangen konnte.
Da sich die Temperaturen im gesamten Laternenwald nicht nach Jahreszeiten änderten wie vor der Neuzeit, sondern diese durch den Höhengrad festgelegt waren, sah es im Erfrorenen Dorf das ganze Jahr über quasi gleich aus. Gleichwohl gab es Zeichen, die erkennen ließen, dass die Siedlung über den Wandel der Zeit nicht völlig erhaben war, denn die einst aus Buchenholz errichteten Frierhütten siechten seit vielen Generationen unter der Eisdecke dahin und bedurften einer niemals endenden Pflege und Instandhaltung durch ihre emsigen Bewohner. Auch gab es immer wieder Bürger, die ihr Schicksal herausforderten und ihr Glück in der Ferne suchten. Zuwanderer oder gar Touristen gab es wiederum kaum, dafür laufend lebhafte Feste in der Dorfmitte, an denen viel gegessen und getrunken wurde, und an denen sich die alteingesessenen Bürger mit viel Witz und Fantasie über die Zukunft der Gemeinde Gedanken machten.
Der Dorfälteste – ein uralter Mann mit langem Bart und täglich wechselnder Baskenmütze auf dem lichten Haupt – ermahnte die ansässigen Hildenbergler fortlaufend, sich der Folgen einer Umsiedlung des Dorfes bewusst zu werden. Er versicherte ihnen, es liege an einem geschützten Ort und könne sich auch bei politischen Spannungen zwischen den Präfekturen gut selbst versorgen, denn schließlich betrieb fast jede Familie einen eigenen beheizten Wintergarten, der auch bei den schlimmsten Wetter- und Wirtschaftsbedingungen genügend Nahrungsmittel abwarf. Eine endgültige Lösung fand man allerdings nie, und so vergingen die Jahre in Hildenberge mit schallendem Gehämmer, lebhaften Zusammenkünften und leidenschaftlichen Debatten – in fortwährendem Frieden.
Etwas mehr als ein Jahrtausend seit dem Beginn der Neuzeit war vergangen, als eines Tages der Wind besonders heftig über die Gletscherebene von Hildenberge fegte und dessen Einwohner und deren Frierhütten das erste Mal seit geraumer Zeit auf die Probe gestellt wurden. In einer einzigen Nacht fiel Schnee in unschätzbarer Menge, wobei die Schornsteine und Eistreppen an der Oberfläche komplett unter der weißen Pracht verschwanden. Unterhalb des Eises, das an den meisten Stellen nicht weniger als dreiundzwanzig Meter dick war, ließ sich nie gut erwägen, wie viel Neuschnee oben gefallen war. Doch an jenem Morgen war die Dunkelheit vollkommen, und die Dorfbewohner ahnten nichts Gutes, als sie aus ihren von Eis belagerten Fenstern emporspähten, um die Menge frischen Schnees einzuschätzen. Wie immer, nach einer niederschlagreichen Nacht, begannen die Bürger am folgenden Morgen, die unerwünschte Pulverwand von den Dachzugängen aus abzutragen, um sich mittels der Eistreppen wieder Zutritt an die Oberfläche zu verschaffen. An jenem Vormittag jedoch schien es aussichtslos. Soviel man auch nach oben grub, keine Familie schaffte es bis zum Mittag durch die verhängnisvolle Schneedecke. Zur Mittagszeit versammelten sich die gesprächigeren Dorfbewohner im Gemeindehaus in der bunt beleuchteten Dorfmitte und spekulierten zu einer heißen Tasse Holunderwein, ob die Gemeinde über die lange Eisrutsche, die durch den Gletscher hindurch ins Tal hinunterführte, allenfalls evakuiert werden sollte. Doch der vom Dorfältesten spendierte Holunderwein belebte Geist und Körper der Versammelten zweckgemäß, und mit berauschten Gemütern wurden sie sich schließlich einig, dass eben zu härteren Mitteln gegriffen werden müsse. Jetzt ins Tal zu flüchten und die Schneeschaufeln stehen zu lassen, wäre das Eingeständnis einer Niederlage gewesen, eine Schande, die das Andenken an ihre hartgesottenen Vorfahren besudeln würde. Diese hatten es damals ja auch geschafft.
Durch diese vom Dorfältesten nochmals untermauerten Stellungnahmen wuchs der Tatendrang im Dorf so stark an, dass ein regelrechter Wettkampf in die Gänge kam, welches Haus es nun als Erstes an die Oberfläche schaffen würde. Es wurde gehämmert, geschmolzen, gesägt und selbst mit Sprengen versuchte es der Bäcker nebenan. Beim Knall seiner selbstgebastelten Feuerwerkskörper schlug Loyd Lanthorn die Augen auf.
Loyd, ein schlanker junger Mann von 19 Jahren mit kurzem, schwarzem Haar und mit einem markant gezeichneten Gesicht, hatte bisher nichts mitbekommen von der verheerenden Nacht zuvor. Er drehte sich auf seinem bequemen Rundbett um, gähnte kurz genüsslich auf und schlief dann wieder ein.
Für ihn war es noch nicht Morgen oder gar Mittag, sondern noch immer mitten in der Nacht. Loyd war Student an der HHF, der weltberühmten Hochschule von Herbstfeld. Aber das tat momentan nichts zur Sache. Er hatte gerade Semesterferien und nie viel übrig fürs Aufwachen, wenn Kochen oder die Gemüseernte abseits des Dorfes auf der Tagesordnung standen. Wenn es aber darum ging, neue Weltabschnitte zu erkunden oder durch die geschwärzten Gassen Kaels zu ziehen, konnte er problemlos mehrere Tage ohne Schlaf auskommen. Loyd studierte Exploration: das Fach der Fächer, die Tugend der Neuzeit – das ultimative Abenteuer … Loyd warf sich abermals auf die andere Bettseite und schmatzte laut. Es war kurzum die beste Zeit seines Lebens, denn er tat derzeit genau das, wovon er schon immer geträumt hatte. Man könnte den Schwerpunkt des Explorationstudiums kurz als das Erkunden des äußeren Laternen- und Sternenwalds beschreiben, jener Regionen außerhalb der viereinhalb Präfekturen, von denen man sagte, sie würden sich in alle Richtungen in die Unendlichkeit erstrecken.
Diesen abenteuerlichen und mysteriösen Aspekt mochte Loyd besonders an seiner namhaften Ausbildung. Oft träumte er davon, neue, unberührte Gebiete auszukundschaften, die unbekannten Wesen dort zu studieren und zu benennen, und vielleicht sogar irgendwann, falls sich das Schicksal zu seinen Gunsten wenden sollte, eine Lösung für das berüchtigte Unlicht zu finden. Loyd war, schon seit er klein war, an Artefakten der alten Welt interessiert gewesen und buddelte, seit er von seinem Onkel in Lichterloh einen Metalldetektor zu seinem fünfzehnten Geburtstag bekommen hatte, leidenschaftlich gerne nach metallischen Gegenständen wie antiken Münzen, Stromartefakten, und anderen historischen Altertümern. Ohne das ungestüme Engagement, das er seither in sein Hobby gesteckt hatte, hätte Loyd sich das Studium nie leisten können, denn seine Eltern waren einfache Bauern hier in Hildenberge, die kaum Lichtbit besaßen.
Doch dann änderte sich alles: Vor zwei Jahren wurde Loyd, nachdem er der archäologischen Abteilung der HHF seine wichtigsten, historischen Funde rund um Hildenberge vorgelegt hatte, vom Prorektor der Hochschule persönlich in einen Studiengang eingeladen. Damals konnte er sein Glück kaum fassen, als ihm im Aufnahmegespräch mitgeteilt wurde, ihm würde ein nahezu kostenfreies, vierjähriges Explorationsstudium offeriert werden. Mit viel Glück, Aufwand und Unterstützung seiner Eltern, hatte er die Hürden bis zum Studienantritt überwunden und war nun seit etwas mehr als zwei Jahren stolzer Student und Schalträger der Explorationsakademie der HHF. Es konnte nicht mehr besser kommen …
Ein Poltern war zu hören, und diesmal schreckte Loyd gänzlich aus seinem selbstgefälligen Tagtraum hoch. Es klopfte abermals laut an der Zimmertür. Loyd hob den Kopf und spähte verärgert und mit zugekniffenen Augen durch den finsteren Raum. Wer konnte es wagen, ihn aus seinem wohlverdienten Schlummer zu reißen?
»Was ist denn los, ey?«, rief Loyd mit rauer Stimme in die schwarzblaue Atmosphäre hinein, die das schwache, gebrochene Licht durch das Eis vor den Fenstern versprühte.
Eine dumpfe Mädchenstimme antwortete: »Mach die Tür auf. Ich habe von einem Professor Ankerbelly eine Lichtmail bekommen, glaube aber, dass sie für dich ist. Und Mann, du wirst es nicht glauben – Schneesturzalarm! Wir sind komplett eingeschneit.«
Bei diesen Worten weiteten sich Loyds Augen schlagartig. Er sprang vom Bett, zog sich eine dicke Jacke über die Schultern und riss die Zimmertür auf. Vor ihm stand Keli, seine jüngere Schwester. Bis auf die Haarfarbe sahen sich die Geschwister nicht besonders ähnlich: Keli war einen Kopf kleiner, hatte buschiges, glänzend schwarzes Haar, ein rundliches Gesicht und große, dunkle, gutmütige Augen. Vor ein paar Tagen war sie dreizehn geworden. Sie strahlte Loyd an und streckte ihm ihre Handflächen entgegen. Eine eisblaue Lichtkugel schwebte darauf, von der ein Geräusch wie raschelnde Blätter ausging.
»Hey, was soll das? Warum hast du meine Nachricht empfangen? Gib sie sofort her«, fuhr Loyd seine Schwester an.
Loyd wedelte mit seiner vierfingrigen linken Hand über Kelis Handflächen, wobei die Sphäre auf die seinen überging und er sich die Botschaft ans Ohr hielt. Die besorgte Stimme von Professor Ankerbelly war zu vernehmen:
»Hallo, ich bin’s, Professor Ankerbelly von der Hochschule von Herbstfeld. Diese Nachricht ist streng geheim. Bitte erzähl niemandem davon. Ich bitte dich, unverzüglich zum Herbstfeld Campus zu kommen. Es geht um eine Expedition ins Geschwärzte Zentrum Kael und die Sicherheit des gesamten Laternenwalds. Wir haben auf den Überwachungsstrukturen im Zentrum etwas entdeckt, das wir dringend mit dir zusammen untersuchen müssen. Ich kann dir per Lichtmail nichts Genaueres mitteilen. Stiehl dich davon, wenn es nicht anders geht, aber komm so rasch wie möglich mit der Wasserbahn zur Uni, und erzähl niemandem davon! Ich warte im Büro B 100 im Hauptgebäude auf dich.«
Als Loyd die Nachricht zu Ende gehört hatte, spurtete er sofort los. Er stürmte an seiner Schwester vorbei, die ihm: »Hey, was ist los? War die Lichtmail tatsächlich für dich?«, nachrief, doch Loyd war bereits die alten, knorrigen Holzstufen nach oben gepoltert und raste den hölzernen Korridor bis zum Dachsteig entlang. Am Ende des Ganges, beim Übergang zur Eistreppe, entdeckte er seine Eltern.
»Morgen, Loyd«, grüßte ihn sein Vater amüsiert.
Er war ein kleiner, hagerer Mann, der seine allmählich ergrauenden Haare wie Loyd ganz kurz trug. Zudem hatte er eine knollige Nase und war, trotz seiner schmächtigen Statur, mit einer tiefen, fülligen Stimme gesegnet.
»Sorry Paps, keine Zeit. Ich habe eine eilige Nachricht von der Uni erhalten und muss sofort los. Es scheint um das Geschwärzte Zentrum zu gehen, und eine Probenexpedition ist, glaube ich, auch geplant. Was ist hier eigentlich passiert?«
»Schneesturz«, meldete sich Loyds Mutter mit verschränkten Armen. Sie war so groß wie Loyd und hatte langes, dunkelbraunes Haar.
»Das haben wir noch nie erlebt; so viel Schnee in einer Nacht. Wir haben nicht die leiseste Ahnung, wie viel da oben noch auf uns wartet. Der reinste Albtraum.«
»Arika, Liebes, wir kriegen das schon wieder hin. Stell dir nur vor, wie schwer unsere Urururgroßeltern es hatten, als das Dorf das erste Mal im Schnee begraben wurde«, sagte Toss, Loyds Vater, mit unterdrückter Freude.
Toss war ein Unwetterfanatiker und immer aus dem Häuschen, wenn das Wetter sich in irgendeiner Weise »wüst« verhielt. Dazu kam, dass er bei der Versammlung einer jener unerschrockenen Dorfbewohner gewesen war, die den Wettstreit gegen die Natur bei einer Tasse Holunderwein angenommen hatten.
»Verdammt, ich würde euch ja sofort helfen, aber ich muss dringend los!«, sagte Loyd mit sich überschlagender Stimme und biss sich dabei auf die Unterlippe.
»Ich bin mir nicht sicher, ob du mit der Rutsche zurzeit überhaupt ins Tal runterkommst. Die Talstation könnte auch zugedeckt sein«, bemerkte Toss nachdenklich.
»Was hast du eben gesagt?«, entfuhr es Loyds Mutter plötzlich, als hätte sie erst jetzt realisiert, was ihr Sohn eben von sich gegeben hatte. »Du gehst auf eine Abenteuerreise? Heute? Kommt gar nicht in Frage!«
»Aber –«, warf Loyd schnell ein, doch seine Mutter schnitt ihm das Wort ab.
»Erstens: Wir brauchen dich hier in deinen Ferien. Weißt du noch? Die Gemüseernte erledigt sich nicht von selbst, und mit unseren alten Knochen schaffen wir das auf die Dauer nicht mehr allein.«
»Ja, aber –«
»Wer hat behauptet, er würde die Kosten für das Zimmer im Studentenheim mit vollem Einsatz zurückzahlen? Dieser Doktor Ankerbelly oder wie dein hochverehrter Lehrer heißt, wird während den Semesterferien auch ohne dich auskommen. Es gibt schließlich genug Explorationsstudenten.«
»Nun ja, aber –«
»Und zweitens ist es zurzeit einfach zu gefährlich, überhaupt irgendwo hinzugehen, solange wir nicht wissen, wie viel Neuschnee der Schneesturz gebracht hat.«
Loyds Mutter sah ihn mit strenger Miene an. Einen Moment lang quoll eine Welle von Ärger in Loyd auf, dann schlug er mit der Faust gegen die Holzwand neben der Dachtreppe und sagte mit zusammengebissenen Zähnen: »Verdammt. Na gut. Ja – ich hab’s versprochen. Aber wenn die Welt wegen euch untergeht, ist es nicht meine Schuld!« Er funkelte seine Eltern mürrisch an. »Ich gehe aber, sobald der Schnee geschmolzen und die Ernte erledigt ist, ok? Nun, lasst mich mal durch.«
Er schob seine Eltern beiseite und begab sich vorsichtig den Dachabsatz hinauf, bis er am Fuß der verstopften Eistreppe ankam. Er steckte die Hand in seine Hosentasche, zog einen kleinen schwarzen Beutel heraus, schüttelte sich einen hell leuchtenden Kristall auf die Hand und strich sich diesen über die Handfläche seiner Linken. Sofort begann heißer Dampf, von seinen Händen aufzusteigen. Diese setzte er an die blauglänzende Schneewand, wo bereits seine Eltern versucht hatten, die Stufen auf traditionelle Weise, per Schaufel, wieder freizumachen und begann mit der Schneeschmelze.
Überall im Dorf waren die Leute mit Schmelzen beschäftigt. Man traf sich auf mittlerem Wege in den Eispassagen oder auf dem Gemeindeplatz. Man lachte, man argwöhnte, und doch hörte man bis zum Abend von nirgends über den schwer erhofften Durchbruch. Auch am nächsten Tag und am Tag darauf gab es keine Erfolgsbekundungen. Dafür versammelten sich die Einwohner im Rathaus und verteilten heiße Suppe aus dem Tal, die per unterirdischer Eisrutsche heraufgebracht worden war.
Von der Zuversicht, dass man es in den kommenden Tagen endlich nach oben schaffen würde, war nicht mehr viel zu spüren. Skepsis breitete sich unter den Bürgern aus und das Thema, das Dorf doch lieber durch die Eisrutsche zu evakuieren, schlich sich langsam wieder in die nicht mehr ganz so gesprächigen Runden.
Dann geschah etwas, mit dem nicht einmal der Dorfälteste gerechnet hatte. Durch das Dauerschmelzen des Eises und Schnees, hatte sich am Grund der Siedlung ungewöhnlich viel Wasser angesammelt. Auf dem gesamten Gelände unterhalb des Gletschers drohte eine Überschwemmung, während über ihnen die Ein- und Ausgänge der Frierhütten nach wie vor verstopft waren. Der Dorfälteste ordnete deshalb am Abend des zweiten Tages nach dem Unwetter an, mit dem Schmelzen aufzuhören. Zu diesem Zeitpunkt war das Erdgeschoß der meisten Häuser bereits mit eisigem, knöcheltiefem Wasser durchflutet. Manche Familien brachten es zustande, das Wasser mit Altem Sonnenlicht, wie es Loyd besaß, von ihren Hauswänden abzuweisen. Doch trotz sofort eingeleiteter Maßnahmen stieg der Wasserpegel weiter an, bis der Dorfälteste am Ende des dritten Tages nach dem Schneesturz alle Familienoberhäupter zu einer erneuten Versammlung im Rathaus einberief.
Am Abend vor der Zusammenkunft, als Loyd, Keli und deren Eltern in der warmen Stube im ersten Stock ihrer großen Frierhütte saßen und versuchten, ihren alltäglichen Beschäftigungen nachzugehen, nahm das Leben der Familie Lanthorn einen unvorhergesehenen Lauf. Ein unheimliches Ächzen und Knarzen war von unter dem Fußboden, sowie über der Stubendecke zu vernehmen. Das Geräusch schien nicht aus unmittelbarer Nähe zu kommen, aber es ließ erahnen, dass es die umliegenden Gletscherschichten waren, die sich aneinander rieben. Selbst für die Einwohner Hildenberges, die an Geräusche aus dem Eis gewöhnt waren, stellten diese keine üblichen Laute dar. Loyd, der am Esszimmertisch über drei Lehrbüchern zugleich gebrütet hatte, hob den Kopf bei dem Lärm. Seine scharfen Augen fixierten zuerst die Holzdecke des Zimmers, an der ein warmes, rotes Licht brannte, dann sank sein Blick auf seine Mutter, die zeitgleich ihre Augen von der Decke abwandte, während ihr Mund halb offenstand. Loyds Vater, der gerade dabei gewesen war, das abgewaschene Geschirr abzutrocknen, fand als erster zu seiner tiefen Stimme zurück, die nun sehr ernst klang: »Das hört sich gar nicht gut an. Ich glaube, das alte blaue Eis steht durch den vielen Neuschnee ziemlich unter Druck. Bin mir nicht sicher, ob es nicht besser wäre, zur Talstation hinunterzurutschen, die Bahn nach Lichterloh zu nehmen und nicht auf die morgige Versammlung zu warten.«
Arika war ans Fenster des Esszimmers getreten und spähte in die nachtblaue Eiswand hinein, die von den beleuchteten Fenstern der umliegenden Frierhütten erhellt wurde. Keli und Loyd standen beide auf und taten es ihr gleich. Das Poltern wurde lauter, dann wieder leiser – dann plötzlich fing der Boden an zu beben und das Ächzen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Donnern an. Loyds Vater schob den Teller, den er eben abgetrocknet hatte, in den hölzernen Geschirrschrank neben dem Herd und rief, mit raschen Schritten zur Esszimmertür eilend: »Kommt, wir packen unsere Sachen. Wir haben keine Ahnung, was da oben vor sich geht. Es ist besser, wenn wir sofort aufbrechen. Ich schick eine Nachricht zu Onkel Nonpe. Wir holen noch unsere Eltern, dann brechen wir sofort auf. Los jetzt!«
Alle hasteten in ihre Zimmer und fingen an, ihre Habseligkeiten zusammenzuraffen. Loyd klemmte seine wichtigsten Bücher unter den Arm und stopfte diese, seinen Studentenschal, sämtliche Laborutensilien und den Metalldetektor in seine Schultertasche und begab sich daraufhin vor das Zimmer seiner Schwester nebenan. Währenddessen sprach er eine Lichtmail für Ankerbelly, in der er ihm flüchtig die Umstände in Hildenberge erläuterte. Seine Eltern waren noch immer oben in ihrem Schlafzimmer.
»Keli, bist du bereit? Lass das Blattspiel liegen! Das kannst du unmöglich mit nach Lichterloh nehmen.«
»Du verstehst das nicht«, erwiderte Keli knapp, wobei sie fieberhaft versuchte, hunderte Spielkarten, die überall auf dem Zimmerboden verteilt lagen, zu bündeln und in eine kleine Stofftasche zu stopfen. »Dafür habe ich mein ganzes Leben lang gespart.«
Plötzlich gab es einen markerschütternden Knall, und das ganze Haus erbebte bedrohlich.
»Ach du zwickendes Schmelzwasser!«, entfuhr es Loyd mit panischer Stimme.
Das Geräusch von zerberstendem Holz war zu hören, und Wasser fing an, durch Risse an der Decke zu strömen.
»MAM, PAPS, NEIN!«, brüllte Keli und stürmte Richtung Treppe los, die ins obere Geschoss führte. Doch Loyd war schneller. Im Bruchteil einer Sekunde signalisierte sein ausgeprägter Überlebensinstinkt, was zu tun war, und gerade noch rechtzeitig konnte er seine Schwester von hinten packen. Er umklammerte sie um die Hüfte und, obwohl Keli wie verrückt zappelte, hob Loyd sie auf und bugsierte sie grob die Treppe ins Erdgeschoß hinunter. Kelis halb gefüllter Rucksack und Loyds Unitasche waren im mittleren Stock liegen geblieben. Nun sprudelte auch schon eisiges Wasser durch alle möglichen Rinnen und Öffnungen ins Erdgeschoß hinunter. Loyd stieß mit dem Fuß die hölzerne Haustür auf, worauf eine eiskalte, kristallblaue Wasserwelle über sie hinwegbrandete. Nach der ersten Flut war der Wasserstand noch kniehoch. Vor ihnen erstreckte sich der altbekannte unförmige Eistunnel, der nach ein paar Metern nach links weg bog. Loyd warf Keli, die wild um sich schlug, vor sich ins Wasser. Keli sprang sofort wieder auf. Sie wollte zurück ins Haus jagen und rammte Loyd dabei in die Bauchgegend, woraufhin dieser ihr einen zünftigen Haken verpasste. Keli flog rücklings ins eisige Wasser.
»Keli!«, brüllte Loyd mit vor Furcht verzerrter Grimasse. »Du Dummkopf, wir haben keine Zeit! Das Eis bricht über uns zusammen. Mam und Paps können wir jetzt nicht helfen.«
Er watete zu Keli, strich sich rasch mit dem Lichtkristall über die linke Handfläche und machte dann eine einhüllende Bewegung über Kelis Profil. Anschließend tat er dasselbe bei sich. Unterdessen wurden große Stücke Eis und Holz durch die Haustür getrieben.
»Das sollte uns vor der Kälte bewahren, bis wir im Tal sind«, rief Loyd durch das anschwellende Tosen des Wassers, das aus Haustür und Fenstern sprudelte. Keli schien den Tränen nahe, wehrte sich aber nicht weiter und ließ sich Richtung Tunnelwindung fortbewegen. Als sie um die altbekannte Kurve des Tunnels bogen, war das Rathaus nicht mehr allzu weit entfernt. Von weither sahen sie, dass sich etwa zwei Dutzend Personen vor dem traditionell verzierten, hölzernen Gebäude versammelt hatten. Es war nahezu stockdunkel, doch konnten sie erkennen, wie rote Lichter über den Köpfen der Masse umherflogen. Loyd und Keli eilten, so schnell sie konnten, auf die Ansammlung zu.
»Diese Lichter. Was machen die Leute da?«, keuchte Keli angsterfüllt.
»Das sind Gravitationslichter. Wahrscheinlich wird Licht gebündelt, um das Eis vor dem Einbrechen zu bewahren«, rief Loyd, ohne sich umzudrehen.
Als sie der Menge und ihrem buntfarbenen Lichtspiel näherkamen, erkannten sie, dass einige Männer, darunter ihr Großvater, ihre gefalteten Hände mit verkrampften Gesichtern nach oben auf die donnernde Eisdecke gerichtet hatten. Sie schrien den Geschwistern entgegen: »Loyd, Keli! Flüchtet ins Tal! Das Eis bricht über uns zusammen. Wir wissen nicht, wie lange wir es noch aufhalten können.«
Loyd zögerte keinen Augenblick. Er griff Keli bei der Schulter und zusammen rannten sie an der Licht bündelnden Gruppe vorüber, am Rathaus vorbei, weiter in einen dunkelviolett funkelnden Gang, bis sie nach mehreren Windungen vor der Berg-Rutschstation ankamen. Das Tor des Gebäudes stand offen. Der Schalter, auf den man üblicherweise eine Hand hielt, um mit Altem Sonnenlicht zu bezahlen, war verlassen und schien nicht zu funktionieren. Sie gingen auf den Eingang der Rutsche zu, die sich von hier aus zirka zweieinhalb Kilometer in die Tiefe erstreckte. Loyd schob Keli vor den gewaltigen, rundlichen Schacht der Rutschanlage. Dann drehte er sie um, sodass sie sich Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden.
»Keli, ich möchte, dass du ins Tal rutschst und bei der Haltestation der Wasserbahn nach Herbstfeld auf mich wartest.«
»Was soll das heißen? Kommst du nicht mit?«, fragte Keli in zittrig weinerlichem Ton.
»Ich werde den Leuten vor dem Rathaus helfen, die Eismassen zu bewältigen. Ich kann sie nicht ihrem Schicksal überlassen.«
»Aber, ich kann auch helfen –«
Doch schon hatte Loyd Keli einen Schubs gegeben. Keli landete rücklings im Schacht der Rutsche, wo sie mit wutentbranntem Gebrüll und immer schneller werdend in der Dunkelheit verschwand. Loyd watete schwer atmend, so schnell er konnte, durch das Wasser zur Tür der Station hinaus und war schon halbwegs durch den Tunnel zurück, als der Boden unter seinen durchtränkten Füßen abermals erzitterte. Das Krachen, das vom Eis ausging, war zu einem trommelfellzerfetzenden Donnern angeschwollen. In der Ferne konnte er Leute schreien hören. Das Beben war so intensiv, dass er gezwungen war, ins Wasser zu knien. Dann, urplötzlich und zu Loyds blankem Entsetzen, kam eine blaue Wand eisklaren Wassers aus der Tunnelbiegung auf ihn zugeschossen. Loyd wurde von den Füßen gerissen und Richtung Station zurückgeschwemmt. Mit ungeheurer Kraft wurde er in die Rutschanlage hineingepresst, prallte mit dem Kopf gegen die Barrieren und wurde schließlich in das dicke Rohr der Eisrutsche hineingesogen, in das er noch vor einigen Augenblicken Keli gestoßen hatte. Alles um ihn herum versank in Finsternis.
Tanzende weißgoldene Lichtpunkte bewegten sich auf und ab. Es waren schöne Lichter, Farben, die Loyd nur von zwei Orten her kannte. Der eine Ort waren Lichtfabriken, die er während seines Studiums auf Exkursionen besucht hatte. Lichtfabriken waren Anlagen, die um Sonnenlöcher herum gebaut wurden und den Präfekturen als Energiequellen dienten. Der ungefilterte Teil des Alten Sonnenlichts flutete tagsüber aus jenen gewaltigen Röhren heraus, prallte an den himmlischen Scheiben ab und warf blaue, grüne, und rote Farbtöne auf die Fläche zurück, die man als »Laternenwald« bezeichnete. Abends erloschen die Strahlen, die aus den Sonnenlöchern drangen, bis sich die Schächte am Morgen darauf wieder mit Altem Sonnenlicht füllten. Die Zonen weiter außen, die außerhalb jenes Lichtkreises lagen, waren wiederum als »Sternenwald« bekannt, über dessen Regionen es grundsätzlich nur sogenannte Sternfäden gab, die sich kreuz und quer über den Himmel verrenkten und für eine düstere Atmosphäre sorgten. Da vor allem Menschenwesen und andere intelligente Wesensarten vom Licht der himmlischen Scheiben profitierten, bewohnten sie dieses vorteilhaft beleuchtete Gebiet schon seit dem Beginn der Neuzeit, obschon es weiter außen ebensolche Sonnenlöcher gab, die nur darauf warteten, von Explorern, wie Loyd einer war, gefunden und bewirtschaftet zu werden.
Loyd nahm einen tiefen Atemzug und begann augenblicklich zu husten. Dem Geruch nach zu urteilen, befand er sich wohl nicht in einer Lichtfabrik. Es roch stark nach Waldboden und Tannennadeln und ein bisschen nach Sumpf. Der einzige Ort, wo es sonst noch weißes Licht gab, lag im Laternenwald selbst. Tief in dessen weiten Waldflächen gab es Wesen, die selbst kleine Mengen weißes Licht erzeugen konnten. Loyds Augen gewöhnten sich allmählich an seine Umgebung. Sein Blick fiel auf kleine helle Lichtgeistchen, die weit oben im Astwerk tanzten und die Umgebung feierlich beleuchteten. Er musste tief im Laternenwald sein, denn in der Nähe von Menschenwesen waren diese Geschöpfe normalerweise nicht anzutreffen. Die Lichtgeistchen gehörten zur Familie der Lichtinsekten und Loyd wusste, dass sie den Menschenwesen oft als Lichtspender an abgeschiedenen Rastplätzen dienten und die Wegweiser auf langen Expeditionen in die Weiten der unerforschten Wälder verkörperten.
Loyd versuchte, seinen Kopf zu bewegen, um die Umgebung zu erspähen. Ein kleines Feuer flackerte nicht weit entfernt von der Holzbank, auf der er lag. Loyd fühlte sich schrecklich. Sämtliche Gliedmaßen schmerzten. Er konnte sich nicht erinnern, was passiert und warum er mitten im tiefsten Laternenwald aufgewacht war. Er versuchte, etwas zu sagen, brachte aber nur ein klägliches Stöhnen hervor. Etwas bewegte sich in der Nähe.
»Loyd!«, ertönte eine vertraute Mädchenstimme. »Du bist wach.«
Loyd hörte schnelle Schritte. Das besorgte Gesicht seiner Schwester tauchte vor seinen Augen auf und verdeckte seine Sicht auf die glitzernde Baumkrone.
»Loyd, kannst du mich hören?«, fragte Keli vorsichtig und neigte ein Ohr nahe an den Mund ihres Bruders. Loyd versuchte vorsichtig, seine Arme zu bewegen. Sie schienen nicht gebrochen zu sein. Es gelang ihm, eine Hand kurz anzuheben, er ließ sie dann aber kraftlos wieder sinken.
»Dem Himmel sei Dank. Ich dachte schon, du wärst tot«, flüsterte Keli mit bebender Stimme. »Als ich unten in der Tal-Rutschstation ankam, wurde auf einmal der ganze Berg zu einer Eislawine. Zum Glück hat mir die Kälte nichts ausgemacht, sonst wäre ich in der Sturzflut entweder erfroren oder ertrunken. Und dann plötzlich, als ich mich an einem Baum festklammerte, sah ich dich im überquellenden Flussbett vorbeitreiben. Brühwarme Schneesuppe, ich habe mir fast in die Hose gemacht.« Keli schluchzte; sie hatte Tränen in den Augen. Sie versuchte sich an einem mutigen Grinsen, das ihr aber merklich misslang.
»Wo sind wir?«, wollte Loyd leise stöhnend wissen.
»Im Laternenwald südöstlich der Tal-Rutschstation. Ich glaube, zu Fuß sind es ein paar Stunden bis nach Herbstfeld. Ich vermute, alles nördlich von hier und auch die Bahnlinien liegen unter Wasser und Eis begraben. Ich habe ein Feuer gemacht, um unsere Kleider zu trocknen.«
Keli legte umsichtig eine Hand auf Loyds Stirn.
»Du scheinst Fieber zu haben. Am besten ruhst du dich ein wenig aus. Ich werde in der Zwischenzeit auf dich aufpassen.«
Kelis zarte, warme Hand fühlte sich beruhigend an. Obwohl seine Schwester gerade mal dreizehn geworden war, wirkte sie – wenn sie nicht gerade ihre pubertären Anfälle hatte – oft sehr erwachsen. Loyd wollte eigentlich noch fragen, was genau geschehen war, doch als er nur für einen Moment die Augen schloss, übermannte ihn der Schlaf und er ließ los.
Als Loyd das nächste Mal die Augen öffnete, fühlte er, dass es ihm viel besser ging. Er lag auf einem weichen Bett und spürte, wie eine frische Brise durch ein Fenster über seinem Kopf ins Zimmer strömte. Von draußen schien das Nachmittagsblau freundlich auf seine Bettdecke. Das unverkennbare Geräusch von Grillen war zu vernehmen, die mit ihrem Gesang gespannt den Abend begrüßten. Es gelang Loyd, den Kopf nach links zu wenden. Sein Blick fiel auf eine Reihe von Krankenbetten, auf denen mit Verbänden umwickelte Gestalten lagen. Sein Gedächtnis schien ebenfalls von einer dicken Binde umwoben zu sein und wollte ihm nicht beichten, was ihm widerfahren war. Er wollte sich gerade aufrichten, als die große Doppeltür des Krankensaals aufschlug.
»Loyd! Herr Ankerbelly, er ist wach!«
Herein kamen drei Leute: Keli, gefolgt vom maßlos dicken und graubärtigen Professor Ankerbelly und einem jungen, lockigen Krankenpfleger. Keli rannte an Loyds Seite und strich sich mit dem Ärmel ein paar Tränen aus dem Gesicht.
»Bist du okay? Wie fühlst du dich? Weißt du, wer ich bin?«, sprudelte es aus Keli hervor.
Ehe Loyd den Mund aufmachen konnte, trat Ankerbelly ans Bett, so gut dies ging, denn sein Bauch war so groß, dass er fast einen Meter vom Bett entfernt stehen bleiben musste.
»Alles mit der Zeit, Keli«, sagte Ankerbelly mit einem breiten, freundlichen Lächeln. Er sah, obwohl seine Mundwinkel nach oben zeigten, recht mitgenommen aus.
»Loyd, du und deine Schwester, ihr habt mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Zum Glück bin ich noch früh genug aufgebrochen, um nach dir zu sehen.«
»Was ist passiert?«, fragte Loyd, vorsichtig zu seiner Stimme findend. »Ich erinnere mich an fast gar nichts. Da waren goldene Lichter überall.« Seine Stimme klang leiser und rauer als er beabsichtigt hatte.
»Nun, eins nach dem anderen«, sagte Ankerbelly gutmütig. »Zuerst mal müssen wir herausfinden, wie es dir geht.«
Der Krankenpfleger, der mit ihnen ins Zimmer gekommen war, maß gerade Loyds Blutdruck. Er sah gestresst aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Er fragte, wie es Loyd gehe, ob er Schmerzen habe, und ob ihm sonst etwas fehle. Loyd verneinte die ersten beiden Fragen, doch bei der letzten musste er gestehen, dass er gewaltigen Hunger hatte. Der Pfleger brachte ihm ein einfaches Abendessen auf einem Tablett und hastete dann hinüber, um nach den anderen Patienten zu sehen.
Ankerbelly und Keli standen unterdessen ein wenig abseits vom Bett und schauten zu, wie Loyd vorsichtig ein paar Kichererbsen auf seinen Löffel häufte. Loyd unterbrach die Stille nach einer Weile und brummte: »Mir geht’s gut. Schaut nicht drein, als wäre ich ein Geist.«
Keli und Ankerbelly, die nebeneinander wie Zwerg und Riese aussahen, traten mit verstohlenen Mienen wieder näher. Loyd musste dringend Fragen stellen. Er wollte wissen, was geschehen war und wie lange er schon hier gelegen hatte.
»Ich wäre euch zutiefst verbunden, wenn ihr mich über den neusten Stand der Dinge aufklären würdet.«
Er nahm einen gewaltigen Löffel Süßkartoffelbrei. Es schmeckte ausgezeichnet.
»Dann schießt mal los. Wo bin ich überhaupt?«
Ankerbelly erhob etwas zögernd die Stimme: »Das hier ist das Universitätsklinikum der HHF. Du weißt, wo das ist?«
Loyd stutzte. Sollte das ein Witz sein? Natürlich wusste er, wo das Krankenhaus seiner Hochschule lag.
»Anker, mit Verlaub, was soll das? Natürlich weiß ich es!«, raunzte er verärgert.
»Öh, tut mir leid. Ich dachte, du könntest dich nicht mehr erinnern, was passiert ist.«
»Kann ich auch nicht. Könntet ihr mir jetzt bitte endlich auf die Sprünge helfen?«
Anker und Keli tauschten einen beklommenen Blick, dann fuhr der Professor, dessen Gesicht sich unwillkürlich verfinsterte, fort: »Nun gut.« Anker seufzte tief. »Meine Kollegen und ich haben Keli und dich letzte Nacht im Laternenwald in der Nähe der südlichen Ausläufer der Hildenberge aufgefunden, nicht weit von der Tal-Rutschstation. Keli hat versucht, dich auf dem Rücken nach Herbstfeld zu tragen.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Aus noch unbekannten Gründen ist der Gletscher über Hildenberge zusammengestürzt. Das Schmelzwasser, das von den Bergen ins Tal geflossen ist, hat in der letzten Nacht das Gebiet rund um die Bergkette weitläufig überschwemmt. Nun, wie soll ich es dir sagen, Loyd. Das Dorf Hildenberge – gibt es nicht mehr.«
Loyd ließ den Löffel sinken. Schlagartig öffneten sich alle verschlossenen Schublädchen in seinem Kopf: die bedrohlichen Geräusche aus dem Eis, das plötzliche Rinnen des Wassers aus der Decke ihrer Frierhütte, die Leute draußen, die versucht hatten, den Gletscher vor dem Einbrechen zu bewahren und die Welle – die ihn von den Füßen gerissen und in die Berg-Rutschstation hineingeschleudert hatte. Ein Gefühl von unendlicher Trauer überkam ihn. Hieß dies, dass seine Eltern – dass sie tot waren? Anker, der Loyds Gesichtsausdruck sofort zu entziffern vermochte, sagte rasch: »Die genaue Ursache des Unglücks können wir noch nicht wissenschaftlich untermauern. Wir glauben aber zu wissen, dass es einerseits einen Zusammenhang gibt mit den Veränderungen im Geschwärzten Zentrum und der Geburt eines neuen Sonnenlochs. Nachdem das Eis zusammengebrochen war und dessen Wassermassen die Täler rund um den Berg versenkt hatten, wurde über dem Höhenzug ein gewaltiges Licht ausgemacht, das hoch zu den himmlischen Scheiben emporscheinen soll. Selbst gesehen habe ich es nicht, aber laut Berichten von Bergungsleuten muss unter dem Dorf der Boden weggebrochen und ein bisher verborgenes Sonnenloch zum Vorschein gekommen sein. So unglaublich es klingen mag, das sind die Darlegungen vertraulicher Quellen.«
Loyd konnte sich auf diese Worte keinen Reim machen. Nichts machte Sinn. Ein Sonnenloch, das echtes Altes Sonnenlicht ausschütten sollte? Unter Hildenberge? Niemals. Aber wenn – wenn nur ein Funke Wahrheit an der Geschichte dran war, könnte das bedeuten, dass seine Eltern in das Loch hineingefallen waren? Nun war es Keli, die Loyds Gesichtsausdruck richtig deutete.
»Mam und Paps sind in die alte Welt hineingefallen«, sagte Keli düster vor sich hin, als wäre es eine Tatsache.
»Das bleibt abzuwarten«, meinte Anker ruhig. »Allerdings, du weißt aus meinen Vorlesungen, Loyd, dass bisher niemand und nichts, das je in einem Sonnenloch verschwand, wieder daraus zurückgekehrt ist. Jedenfalls sind keine Ereignisse bekannt, die wissenschaftlich belegbar wären. Die einzigen glaubwürdigen Hypothesen bezüglich der Sonnenlochinfiltration sind auf alten Schriftstücken beschrieben, festgehalten von unseren Ureltern; den einzigen Überlebenden der Vorzeit«, erklärte Anker den beiden.
Keli schien aufgewühlt. Sie blickte Loyd missmutig an. »Wir müssen Mam und Paps suchen gehen. Schließlich ist es deine Schuld, dass ihnen das passiert ist. Hätten wir ihnen geholfen, als wir unsere Sachen packten, wären sie jetzt noch da«, warf sie Loyd trocken vor.
Anker legte seine wurstfingrige Hand auf Kelis Schulter und sagte in beschwichtigendem Ton: »Auch wenn sie den Zusammensturz des Eises überlebt haben – was wir gegenwärtig weder bestätigen, noch ausschließen können – momentan ist es nicht möglich, das Gebiet zu betreten. Eine Überschwemmung unvorstellbaren Ausmaßes wird uns den Zugang in die Region für viele Wochen verwehren.«
Kelis Augen füllten sich wieder mit Tränen, die sie sich abermals mit dem Ellbogen aus dem Gesicht strich. Loyd sah die beiden nicht an. Er hatte nicht einmal die Kraft, Kelis kindische Beschuldigung zurückzuwerfen.
»Ich möchte euch beide nicht um das Schicksal eurer Eltern bringen. Das ist das Letzte, was mir im Sinn steht, glaubt mir. Aber der Grund, weshalb ich dich, Loyd, ursprünglich hierher bestellt habe, ist elementar und wahrscheinlich auch der Auslöser für das Chaos in Hildenberge. Ich werde dir alles im Detail schildern, sobald du wieder auf den Beinen bist. Was ich dir erzählen werde, ist von äußerster Wichtigkeit für den Fortbestand des Wesentums, des Laternenwalds und aller Existenz. Wenn du es verkraften kannst, mich und einen professionellen Expeditionstrupp ins Geschwärzte Zentrum zu begleiten, wäre ich sehr froh. Aber dazu später mehr. Du solltest dich jetzt zuerst einmal ausruhen und deine Gedanken sortieren.«
Loyds Mund war trocken geworden. Er war nicht imstande, darauf etwas zu erwidern.
»Keli, wollen wir etwas essen gehen?«, fragte Anker freundlich, aber bestimmt.
Keli beobachtete verunsichert Loyds eingefallene Miene. Er erwiderte ihren Blick nur ganz kurz, bevor er auf sein angefangenes Abendessen hinunterstarrte.
»Komm, Mädel, dein Bruder muss zu Kräften kommen und hat wohl eine Menge zu bedenken. Loyd, wenn du was brauchst, lass es mich wissen. Morgen um neun sind wir wieder da«, sagte Anker, während er Keli mit seinem dicken Bauch mit sanfter Gewalt zur Tür drängte.
Das wundersame Unlicht
Anker und Keli durchquerten den Platz der Stille vor dem über und über mit gigantischen Bäumen und Sträuchern überwachsenen Hauptgebäude der Hochschule. Keli fühlte sich miserabel. Im Grunde genommen wollte sie so rasch wie möglich wieder nach Hildenberge zurückkehren, um nach ihren verschollenen Eltern zu suchen. Endlose Frustration und Kummer stauten sich in ihrem Inneren auf. Stunden hatte sie vor Loyds Krankensaal gewartet, während Anker weg gewesen war, um bei einer Pressekonferenz über das Katastrophengebiet zu berichten. Außer einer Handvoll jüngerer Kinder, die angesichts des einbrechenden Eises von ihren Eltern ins Tal geschickt worden waren, hatten nur Loyd und sie das Unglück überstanden. Die beiden hatten nur ein paar Kratzer abbekommen, doch für die Kinder war das Unglück nicht so glimpflich ausgegangen. Keli kannte zwar alle Verletzten im Krankensaal, hatte den Leuten des Ordnungsamts, die sie nach deren Eltern befragt hatten, aber nur wenig behilflich sein können. Obwohl es sich Keli nicht so richtig eingestehen wollte, konnte sie sich glücklich schätzen, dass Loyd sie mit Altem Sonnenlicht vorübergehend kälteresistent gemacht hatte – sonst wäre es ihr wohl gleich ergangen, wie den von Kopf bis Fuß in Verbände gewickelten und aufgrund von Erfrierungen um ihr Leben ringenden Kindern.
Keli folgte Anker durch eine Allee von wuchtigen Trauerweiden. Für einen Moment erwog sie, sich einfach wegzustehlen und auf eigene Faust ihren Eltern zur Rettung zu eilen. Doch dann lenkten sie moderne Musik und lautes Gebrabbel ab, welches aus unmittelbarer Nähe zu kommen schien. Keli blickte nach links und rechts, um den Ursprungsort des Lärms zu eruieren.
»Das da vorne ist die Lailac-Straße«, ertönte Ankers freundliche Stimme, der sich kurz umgedreht hatte, um nach Keli zu sehen. Keli folgte Ankers Blick und in der Ferne konnte sie erkennen, wie die Straße vor dem Haupttor der Hochschule belebt und hell erleuchtet war. Bevor sie jedoch dorthin gelangen konnten, mussten sie zwischen dem Unigelände und dem Eingang in die von bunten Häuserketten umgebene Straße an einem Wachhäuschen vorbei, an welchem von beiden Seiten her der hohe Schutzzaun rund um das Areal endete.
Keli trottete nun wieder mit ein wenig Abstand hinter Anker her wie ein kleiner Hund hinter seinem Herrchen. Als sie am Sicherheitsschalter vorbeikamen und Anker einem Wachmann seinen Professorenausweis vorlegte, blieb Keli abrupt stehen und verschwand aus Ankers Blickfeld. Der Professor drehte sich verwirrt um. Nach einigen Augenblicken entdeckte er Keli vor einem mit Zierblumen geschmückten und von Moos überwucherten Denkmal und ging schlurfend auf sie zu.
»Keli«, schnaufte Anker laut. »Was ist denn los? Ich kenne gleich in der Nähe eine leckere Strudelbude. Glaub mir, mich kennt man nur an den besten Adressen der Stadt.«
Er schlug sich grinsend mit beiden Händen hörbar auf den gewaltigen Wanst. Keli reagierte nicht auf seine Worte, denn sie war gerade damit beschäftigt, die überwucherten Zeilen am unteren Ende der Statue zu entziffern. Sie bewegte die Lippen und sprach die Wörter fast lautlos in die Luft:
»Dies ist das Denkmal an Dr. Lailac Mondstein, den Gründer der Hochschule von Herbstfeld, Erfinder der Sonnenlichtresorption und Bewahrer des Kaelischen Indexes.
27 V.N. – 29 A.N.
Im Norden liegt die Tugend«
Anker, der neben Keli getreten war, ließ ein langes »Oh hooo« verlauten. »Du interessierst dich für Geschichte? Ich könnte dir wortwörtlich einen ganzen Vortrag über diesen Lailac halten. Obschon man sagen muss – die Sache mit dem Index ist nie bestätigt worden. Aber weil die Regierungsräte so stolz auf unser fortschrittliches Ausbildungssystem sind und seit jeher den anderen Präfekturen ein Vorbild sein wollen, tun sie immer so, als wäre die Legende eine fundierte Begebenheit.«
Keli verstand nur sehr wenig von dem, was Anker da redete. »Was heißt denn V.N. minus A.N.?«, erkundigte sich Keli ahnungslos.
»Hast du das noch nicht in der Schule gehabt? Es bedeutet ›Vor Neuzeit, Ab Neuzeit‹. Der liebe Lailac wurde dementsprechend nicht so alt; genauer gesagt, gerade mal 56. Wenn du willst, kannst du in der Bibliothek gerne mal die Geschichtsbücher der frühen Neuzeit studieren. Keine hübsche Geschichte, was mit Lailac, Mikael und Bao, dem Hundewesen passiert ist – wenn sie denn wahr ist.«
»Und der Kaelistische Index?«
»Kaelischer Index«, korrigierte sie Anker. »Das ist ein Artefakt, von dem niemand so genau weiß, ob es heute noch existiert oder jemals existiert hat. Man nennt ihn auch den ›Unlichtschlüssel von Mikael‹, da die Legenden besagen, dass Urvater ›Mikael McLane‹ – wie er eigentlich richtig hieß – der Zeigefinger abfiel, als er das Unlicht anfassen wollte. Lailac hat Mikaels Finger dann geborgen und mit ihm das Unlicht gebändigt. Danach hat er ihn an einem geheimen Ort versteckt. Er ist bis heute verschollen – so die Legende.«
»Und was ist Unlicht?«
Anker knallte Keli seine große linke Pranke auf die Schulter und sagte geheimnistuerisch: »Das, Mädel, ist eine andere Geschichte. Lass uns jetzt was essen gehen. Ich verhungere noch!« Lachend und mit den Händen auf den Bauch trommelnd, ging Anker von dannen.
Keli schenkte dem Denkmal einen letzten, bewundernden Blick und folgte dem Professor zu den Sicherheitsschranken.
Als sie am Wachhäuschen vorbei waren – Keli brauchte keinen Ausweis, da sie mit einem Professor unterwegs war –, verdrängte die Aussicht auf die breite Straße vorerst Fragen und Missmut aus Kelis Kopf.
Die Lailac-Straße schlängelte sich vor ihren Augen durch zwei kunterbunte Häuserketten, wobei kein Haus dem anderen glich. Allein die Pflanzen und deren Wurzeln, die sich auf den Dächern der Gebäude in all ihrer Farbenpracht präsentierten, verliehen dem Ort eine sehr eigentümliche Aura. Nun wusste Keli auch, was Herbstfeld seinen Namen eingebracht hatte: Der Straßenboden war über und über mit heruntergefallenem Laub bedeckt, was dem Ort eine waldbodenartige Duftnote verlieh. Von allen Seiten waren raschelnde Schritte zu hören, die von den vielen exzentrisch gekleideten Passanten auf der Straße verursacht wurden. Keli machte große Augen beim Anblick der vielen unterschiedlichen Wesen, die durch das knöcheltiefe Laub wateten. In ihrer Heimat Hildenberge gab es nur ganz herkömmliche Menschenwesen: Frauen, Männer und Kinder. In dieser Straße jedoch konnte Keli in vielen Fällen nicht erraten, ob nun eine Frau, ein Mann oder etwas ganz anderes an ihr vorbeiging. Aber sie hatte zunehmend das Gefühl, dass es hier auch keine Rolle spielte. Alle Leute schienen sich so gut zu fühlen und akzeptiert zu sein, wie sie waren. Das lockerte Kelis Gemütszustand etwas auf.
Nach einer Weile raschelnden Marschierens verdeutlichten sich ihre ersten Eindrücke und ließen Keli immer mehr in Staunen geraten. Wie es aussah, war die Lailac-Straße der Mittelpunkt aller Studentenangelegenheiten. Es gab Cafés, Fastfood-Ketten und Kleiderläden, in denen unter anderem die neusten Akademieschals ausgestellt waren, welche die Lernenden stolz wie Umhänge trugen. Hinzu kamen gewaltige, vielstöckige Buchhandlungen und Wesen-Spas, in denen sich laut farbenfrohen Werbetafeln international gesinnte Studenten mit Wesen aus aller Welt in heißen Thermalbädern trafen, um über das Leben und seine Vielfältigkeit zu philosophieren. Und natürlich gab es Pubs, Bars und Clubs, welche für viele der Hauptgrund zu sein schienen, in dieser Gegend überhaupt zu verkehren.
Es war Abend geworden und Laternen in warmen Rot- und Blautönen beleuchteten die Schriftzüge an Restaurants und Bars, vor denen Leute an runden Stehtischen tranken, rauchten und heiter schwatzten. Keli schloss für einen Augenblick die Augen, sog die frische Abendluft ein, die wie in den unterirdischen Wintergärten Hildenberges würzig nach regennassem Erdboden roch und schlug die Augenlider wieder auf.
Sie fühlte sich auf einmal, als hätte sie nicht genug Augen und Ohren, um all die interessanten Ereignisse um sich herum zu erfassen und zu verarbeiten. Nie war sie an einem solchen Ort gewesen. Zweimal in ihrem Leben war sie mit ihren Eltern nach Lichterloh gereist – der Hauptstadt der Präfektur, die ebenfalls Lichterloh hieß. Dazumal war sie aber nur von Hildenberge ins Tal gerutscht, hatte von dort die Wasserbahn nach Lichterloh-City genommen und war dann von Onkel Nonpe abgeholt worden. Viel hatte sie vom Stadtleben damals nicht mitbekommen und Lichterloh hatte sie auch viel zu geräumig in Erinnerung. Hier in Herbstfeld gefiel es ihr deutlich besser. Die farbenfrohe Atmosphäre mit dem heiteren Gesprächspegel und den verschiedenen, berauschenden Gerüchen in der Luft, denen unbedingt nachgegangen werden sollte, hier könnte sich Keli wohlfühlen – wäre das Desaster in meiner Heimat nicht passiert, dachte sie, plötzlich wieder von ihrem Kummer eingeholt. Sie schritten an einer Bar namens »Zur Lauten Stille« vorbei, wo gerade eine Party am Laufen war. Allerlei Wesen mit hohen Biergläsern in ihren Händen, Pfoten und Klauen feierten ausgelassen in und um den Laden herum. Neugierig warf Keli, während sie sich einen Weg durch die Feierwütigen bahnten, einen Blick auf eines der Gesöffe, das vor einer großen, kurzhaarigen Frau mit übergeworfenem purpurfarbenem Schal auf einem Stehtisch stand. Anker drängte sie mit seinem Kugelbauch weiter, wobei sich die Augen der Frau kurz mit denen von Keli trafen. Die Frau, sich von der Musik inspiriert leicht hin- und herwiegend, blinzelte ihr mit roten Wangen wohlgesinnt zu, und schon waren Zwerg und Riese im nächsten Wesenauflauf verschwunden.
»Siebbier«, verkündete Anker lässig. »Dafür bist du noch zu jung, aber das Zeug ist echt lecker. Muss ich zugeben.«
»Siebbier?«
»Jou. Du kippst irgendwelche Früchte oder Kräuter in ein hohes Glas und klemmst das Zeug mit einem kleinen Sieb unten im Glasboden fest. Dann schenkst du dir ein billiges Bier ein und tada: Schon hast du das beste und preiswerteste Studentengebräu aller Zeiten.«
»Oh, das klingt gut.«
Anker warf einen kurzen Seitenblick auf Keli.
»Deine Eltern würden es wahrscheinlich nicht gutheißen, wenn ich dir die Gaumenfreuden der Erwachsenenwelt schmackhaft machte.«
Keli schwieg. Nach einer Weile sagte Anker schließlich: »Es tut mir leid, Keli. Ich hätte deine Eltern nicht erwähnen sollen.«
»Nein, ist schon in Ordnung. Ich habe nur einen gewaltigen Hunger. Das ist alles.«
»Ach, wenn das so ist! Dann sind wir hier genau richtig«, dröhnte Anker fröhlich. Er schien sich wie Keli in dieser Straße beflügelt zu fühlen. Sie standen vor einer langen Warteschlange, die aus einer Imbissbude herausführte.
»Ich kann das nicht bezahlen«, gab Keli ein wenig beschämt zu bedenken.
»Ach was! Du bist natürlich mein Gast. Solange du und dein Bruder in meiner Obhut seid, seid ihr selbstverständlich herzlich von mir eingeladen.«
Keli fiel ein Stein vom Herzen, denn sie hatte begonnen, sich neben ihrem Kummer um ihre Eltern wegen einer Unterkunft und Verpflegung Sorgen zu machen. Anker schmunzelte einen Augenblick lang verstohlen zu Keli hinüber, dann schlug er mit seinem aufdringlichen Bauch eine breite Schneise in die Menge vor ihnen. Er warf zwar lauthals mit Entschuldigungen um sich, doch er drängte sich immer weiter vor, Keli mit verdutzter Miene dicht hinter ihm.
»Du musst lernen, dass die Welt nur so lange fair ist, wie du sie so siehst. Um im Leben erfolgreich zu sein, musst du als allererstes die Welt für dich selbst zu einem fairen Ort machen«, erklärte Anker grinsend an Keli gewandt, so leise, dass es die Umstehenden nicht hören konnten. Nun war es Keli, die schmunzelte. Einen Mann wie Anker hatte sie freilich noch nie getroffen. Anker verdrängte noch ein paar weitere Studenten, die er von hinten mit seinem zudringlichen Ranzen anstieß, sodass diese sich zuerst empört umdrehten, ihm dann aber, als sie erblickten, wen und vor allem, was sie vor sich hatten, wissend lächelnd den Vortritt ließen.
»So, Keli. Worauf hast du denn Lust?«
Sie standen vor einer hohen Theke, hinter der mehrere uniformierte Leute hin und her flitzten und hungrige Kunden bedienten. Sie händigten einer Reihe wartender Wesen abseits der Theke schmale Kartonschachteln aus. Als Keli den Kopf hob, sah sie über den Angestellten verschiedene visuelle Darstellungen von Gebäcken.
»Was darf’s denn sein?«, meldete sich ein junger Mann mit einem zurückgebundenen Pferdeschwanz und einer grünen Mütze obendrauf. Obwohl er freundlich wirkte, sah man ihm an, dass er unter Stress stand und wahrscheinlich mehr arbeitete, als gut für ihn war. Der ganze Oberkörper des Mannes, der in Kelis Blickfeld fiel, schien seltsam verschwommen und trüb. Keli, die vom Äußeren des Mannes abgelenkt war, erschrak, als Anker ihr die Hand auf die Schulter legte.
»Das ist eine Strudelbude«, verkündete er sichtlich glücklich. »Es gibt verschiedene Strudellängen und Inhalte, aus denen man wählen kann.«
Er richtete seinen Blick wieder auf den Mann mit dem gebundenen Haar.
»Ich, zum Beispiel, hätte gerne die volle Länge, mit den Abschnitten Wasabiforelle, Kreuzkümmelkäse, Teriyaki Chicken mit scharfer Mayonnaise, und der Dessertschicht Zimtapfel mit Haskap-Beerencreme.«
»Sehr gerne«, erwiderte der Mann.
Keli machte große Augen.
»Und Sie, werte Kundin?«
Das galt Keli, die hinter Ankers Hintern hervorlugte wie ein kleines Mädchen.
»Ähm, ja –« Sie las von den Tafeln ab: »Viertellänge mit Wasabiforelle.«
Anker wandte sich zu ihr hin. »Ist das alles?«, fragte er bestürzt.
»Ja, ich denke schon«, meinte Keli zögernd.
»Das macht 7.50 Lichtbit«, sagte der Mann am Tresen freundlich.
Anker klatschte seine korpulente Hand auf eine kleine Plattform über dem Tresen. Ein Piepton war zu vernehmen und damit war die Bezahlung abgeschlossen. Keli und Anker traten ein paar Schritte zur Seite, damit die Leute hinter ihnen ihre Bestellungen aufgeben konnten. Keli sah, wie neben dem trüb aussehenden Mann Strudelteige auf eine Abstellfläche geschmissen und quer aufgeschnitten wurden.
»Herr Ankerbelly«, begann Keli so leise, dass nur Anker sie hören konnte. »Der Mann da; er sieht so komisch aus. Was ist mit ihm?«
»Wie bitte? – Ach sooo, du meinst die milde Schwärze? Das ist normal. Jeder, der das Licht in seinem Körper nutzt – und das ist in den Städten praktisch nicht zu umgehen – muss arbeiten, um wieder auf einen hellen Zweig zu kommen. In den Städten wird heute fast alles mit Altem Sonnenlicht, also der Währung ›Lichtbit‹, bezahlt, verstehst du? Von der Wohnungsmiete, über öffentliche Verkehrsmittel, bis hin zu den Strudeln in diesem Laden. Und Herbstfeld ist noch harmlos. In Lichterloh gibt es Quartiere, da sind die Leute kaum noch erkennbar, so trüb sind ihre Auren. Das heißt für dich übrigens, dass du im Notfall für Essen und Unterkunft sogar für eine Weile selbst aufkommen könntest. Ohne Lichtkonto könntest du dich danach allerdings nicht mehr aufladen. Darum bist du bei mir, bis auf Weiteres, sicher am besten aufgehoben.«
Anker zwinkerte Keli wohlwollend zu. Keli war nicht an die Präsenz von Menschenwesen, die eine solch negative Kraft ausstrahlten, gewöhnt. Die Aura, welche den Mann am Tresen umgab, ließ die Trübsal um ihre Eltern erneut aufwallen. Keli sah missmutig zu, wie Strudelteige aufgeschnitten, nach oben aufgeklappt, dann mit verschiedenen Zutaten beschichtet, zugeklappt, und schließlich in lange, glühende Öfen befördert wurden. Nach zirka zwei Minuten wurden diese wieder geöffnet und die golden gebräunten Gebäcke erneut auf der Abstellfläche abgelegt und anschließend in röhrenförmige Schachteln gepackt. Das alles geschah in atemberaubender Geschwindigkeit.
»Hier, bitte.« Eine junge Frau übergab ihnen die heißen Schachteln. Anker nahm die meterlange, aber nur wenige Zentimeter breite Papiertüte entgegen und wandte seinen Bauch in die Richtung, aus der sie zuvor gekommen waren.
»Komm, ich weiß einen guten Ort, wo wir uns die Dinger reinziehen können«, sagte Anker munter.
Für einen so dicken Mann war der Professor ungewöhnlich gut auf den Beinen, dachte Keli, als sie ihm im Laufschritt bis zurück vor das Hauptgebäude der Hochschule folgte. Als Anker stehen blieb, erklärte er theatralisch: »Hier unterrichte ich. Nun, eigentlich nur zwei Tage die Woche und auch nur dann, wenn ich nicht gerade auf einer Expedition bin – also eigentlich fast nie.« Anker gluckste amüsiert über seinen eigenen Scherz.
Keli, die noch keine Gelegenheit gefunden hatte, sich für das Abendessen zu bedanken, keuchte außer Atem: »Ich find’s toll hier. Und vielen Dank für den Strudel.«
»Ach, nicht der Rede wert. Du kannst auch bei mir in meinem Haus übernachten, wenn du willst. Bei Loyd vor dem Krankenzimmer auf einem Stuhl zu schlafen, würde ich dir nicht empfehlen – nur wenn dir der Sinn nach einem verspannten Rücken steht.« Anker gluckste erneut, dann sagte er: »Komm, lass uns aufs Dach gehen.«
Er schritt voraus und ließ die automatisierten Türflügel vor ihnen nach beiden Seiten aufschnellen, indem er seinen Professorenausweis an eine Scanfläche neben dem Eingang hielt. Keli folgte ihm in die hohe Eingangshalle. Drinnen roch es nach Büro und Teppich. Mehrere Glasvitrinen mit ausgestellten Raritäten und Plakaten darin begrüßten sie. Obwohl es Keli interessiert hätte, was es da zu sehen gab, bog Ankers Bauch links in einen langen Gang ein, in dem es jeweils im Vier-Meter-Abstand Türen gab, von denen einige offenstanden. Weiter vorne verschwand Anker hinter einer Biegung. Als Keli aufgeholt hatte, fanden sich die beiden vor einem Fahrstuhl wieder, der sich prompt öffnete. Der Aufzug beförderte sie fast lautlos und in wenigen Sekunden in das offene Dachgeschoß. Die Fahrstuhlschranken verzogen sich auf beide Seiten und Anker, der praktisch dessen ganzen Innenraum für sich allein beansprucht hatte, trat voran.
Draußen war es Nacht geworden. Als Keli an die frische, kräuterträchtige Luft trat, bot sich ihr ein erstaunliches Bild. Sie durchquerten eine kniehohe Wiese, in der alle möglichen Gräser und Blumen wuchsen. Keine Pflanze schien der anderen zu gleichen. Die Gewächse waren erhellt durch kleine Insekten, die auf den Pflanzen hockten und den Platz idyllisch erstrahlen ließen. Die bunt glühende Atmosphäre hatte etwas an sich, das Keli als »romantisch« gedeutet hätte. Die Wiese war nicht sehr groß, aber umsäumt von einem Ring aus Sträuchern und Bäumen. Anker drehte sich rasch nach hinten, um nachzusehen, ob Keli ihm folgte.
»Das hier sind alles Pflanzen, die wir von unseren Expeditionen mitgebracht haben«, erklärte er Keli. »Eine getrocknete Probe wird immer ins Archiv einsortiert und weitere Spezimen pflanzen wir hier oben oder in Wäldern um die Uni herum an, und zwar mit ihren ›Kunden‹ zusammen.«
Keli blieb vor dem wartenden Anker stehen, woraufhin sich dieser wieder umdrehte und auf den ersten einer Reihe von Setzsteinen mitten in der leuchtenden Wiese zusteuerte.
»Was meinen Sie mit Kunden?«, fragte Keli verwirrt, als Anker seine Erklärung nicht von sich aus vervollständigte.
»Jo, das ist eine bedeutende Frage«, sagte Anker, sich ein wenig tollpatschig über die Steine bewegend. »In der Lehre der Biodiversität werden Insekten, die man hier oben, aber auch sonst überall findet, als Kunden der Pflanzen bezeichnet. Aber nicht nur Insekten; alle Organismen sind Wirte und alle Wirte leben durch ihre Kunden, ähnlich wie bei unserer Wirtschaft. Ohne Kunden kann ein Unternehmen nicht bestehen, wie auch jedes Leben nur mit seinen natürlichen Kunden gedeihen kann, nicht? Darum sagt man ja auch, dass das erste Leben sich wohl nicht selbst erwirtschaftet haben kann – Interdependenz, verstehst du? Hoppla!« Anker stolperte und machte einen Schwenker links ins Gras. Einige funkelnde Insekten surrten dem Nachthimmel entgegen.
Keli hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Sie hüpfte von einem unförmigen Setzstein zum nächsten, musste aber immer wieder warten, bis Anker sich auf die Steine zurückgehievt hatte. Jenseits der Wiese konnte Keli warme, rötliche und bläuliche Lichtstrahlen wahrnehmen, die von der Stadt her durch das Laubwerk hindurchbrachen. Als Keli ihren Blick über den Ring von Bäumen am Rand der Wiese schweifen ließ, hielt sie auf einmal den Atem an. Mit zugekniffenen Augen erspähte sie zwischen den Büschen einige verborgene Sitzbänke, auf denen sich im Schatten herabhängender Äste Studentenpärchen umarmten und küssten.
»Hier durch«, bedeutete ihr Anker unauffällig, machte eine auffordernde Handbewegung und verschwand zwischen ein paar dicken Wurzeln und Gestrüpp.
Keli hüpfte hastig auf den letzten Setzstein und stieß am Ende der Wiese durch das Buschwerk. Als sie den mit Blüten übersäten Zweig aus ihrem Sichtfeld wischte, klappte ihr jäh der Mund auf. Eine märchenhafte Aussicht bot sich ihnen. Sie hatten Ausblick auf die Lailac-Straße mit all ihren bunten Häusern, krummen Dächern und Kuppen. Dahinter wurden die Gebäude immer höher und gingen in einen strukturlosen Ring von Lichtquadraten aus beleuchteten Fenstern über, der hunderte Meter in die Nacht hineinragte. Die himmlischen Scheiben über ihnen wurden nun nicht mehr durch das Alte Sonnenlicht aus den umliegenden Sonnenlöchern erhellt, sondern durch den Schein der unzähligen Städte und Dörfer im Ring um die Urstadt Kael herum, welche tagsüber Licht gesammelt hatten und es nun auf die Scheiben zurückwarfen. Nur ganz schwach schimmerten die runden Sphären in Regenbogenfarben über der Stadt und ließen den Nachthimmel in schlichter Pracht erglimmen.
Auf den ersten Blick schien es Keli, als vermöge einzig die ferne Wolkenwand, die im Norden dort weilte, wo bei klarem Wetter vermutlich die Hildenberge zu sehen gewesen wären, der Herrlichkeit des Nachthimmels zu trotzen. Als Keli den Kopf nach Süden wandte, erkannte sie in der Ferne einen mächtigen schwarzen Schemen, der sich am Horizont in die Länge zog.
»Toll, nicht wahr?«, erriet Anker Kelis Impressionen und stapfte auf eine leere Sitzbank mit Sicht auf die Stadt zu. Er setzte sich mit einem Rums und begann mit seiner, für seinen massigen Kopf verhältnismäßig kleinen Nase, an der Papiertüte in seinen Händen zu schnuppern.
»Es ist – unglaublich«, stimmte Keli leise zu, ihre Augen fest auf die dunkle Struktur im Süden fixiert. »Herr Ankerbelly, ist das da drüben vielleicht der Schwarze Vorhang?«
»Oho! Gut erkannt. Aber bitte nenn mich doch einfach Anker oder bei meinem Vornamen Don, wie das alle tun, ja?«, bot Anker freundlich an. »Jo, der berühmte Schwarze Vorhang«, begann er nun wieder an der Papiertüte hantierend, »oder in akademischen Kreisen manchmal auch ›der unvollendete Unlichtwall der Urstadt Kael‹ genannt. Ich nehme jetzt mal an, du weißt, dass sich hinter den Gemäuern das Geschwärzte Zentrum von Kael befindet; ein Ort, der oft als das pure Grauen bezeichnet wird. Dabei muss ich gestehen, dass die Leute nicht ganz Unrecht haben. Anders als die Schwätzer allerdings, bin ich doch schon einige Male dort gewesen, um die Überschwärzung und das Unlicht zu studieren. Danach habe ich immer Wochen gebraucht, um mich von den Expeditionen zu erholen. Tja, und genau dorthin muss ich jetzt so schnell wie möglich, und zwar am besten zusammen mit deinem Bruder, Loyd. Er ist wirklich ein großartiger Forscher.«
»Ich habe die Mitteilung gehört, die Sie Loyd vor dem Unglück zugesandt haben. Sie hat in meinem Zimmer Halt gemacht, als hätte die Lichtmail sich verirrt. Ich habe sie empfangen und sofort Loyd weitergereicht, als ich hörte, von wem sie war. Sie sagten, Sie hätten irgendetwas Ungewöhnliches in Kael gefunden oder so.«
»Ganz die Schwester von Loyd«, sagte Anker anerkennend. »Jo, wir haben Daten aus den Forschungsstationen im Zentrum erhalten, die unbedingt verifiziert werden müssen.«
Ankers Stimme wurde dumpf, und Keli bemerkte ein Rascheln neben sich. Sie drehte ihren Kopf und sah, dass Anker eine Strudelbox aus der Papiertüte gezogen hatte. Keli setzte sich ans äußerste Ende der Bank, wo neben Anker noch ein paar Zentimeter Raum geblieben waren.
»So – hier. Jetzt kümmern wir uns erst einmal um die wichtigen Dinge im Leben. Lass es dir schmecken!«
Anker reichte Keli strahlend den bei weitem kürzeren Strudel. Die Verpackung ließ sich ganz einfach seitwärts aufklappen. Aus der Schachtel strömte Keli der himmlische Duft der frischen Backware entgegen. Urplötzlich wurde sie von dem herrlichen Geruch überwältigt und biss sogleich in das in ihren Händen nahezu schmelzende Blätterteiggebäck. Sie schloss die Augen und begann zu kauen. All ihr durch Kummer und Sorgen unterdrückter Appetit kehrte augenblicklich zurück.
Ob sie es nun wollte oder nicht, Kelis Geschmacksknospen feierten die Einweihungszeremonie in die kulinarischen Gaumenvergnügen Herbstfelds. Etwas so Gutes hatte sie wahrlich noch nie gekostet. Alles, was Keli kannte, waren saisonales Wintergartengemüse, Sauerteigbrot vom Dorfbäcker, Macadamianüsse, Haskap-Beeren, Holundersirup und flockiger Tofu. Wenn die Gemüseernte erfolgreich verlaufen war, erstanden ihre Eltern ein wenig muffeliges Siedfleisch, Kichererbsen und Süßkartoffeln vom Wochenmarkt, wo sie auch ihr überschüssiges Erntegut verkauften. Doch kombiniert mit der Aussicht hier oben, war dies mit Abstand das beste Mahl, das sie jemals zu sich genommen hatte.
Sonst war sie ja auch immer unter dieser zermürbenden Eisdecke begraben gewesen. Die Sicht in die von Rätseln und Mysterien erfüllte Ferne entfachte in Kelis Brust eine wachsende Flamme. Was hatte es mit den finsteren Mauern auf sich? Wie groß waren sie wirklich? Und was geschah gerade hinter deren streng bewachten Grenzen, das das Leben hier fernab vom Unheil der Vergangenheit so in Sorge zu versetzen vermochte?
»Und, schmeckt’s?«, dröhnte Ankers passionierte Stimme undeutlich herüber. Er schmatzte geräuschvoll und lugte mit Händen und Strudel am Mund zu Keli hinüber.
»Ich habe noch nie etwas so Gutes probiert. Ich wünschte, sowas könnte ich jeden Tag essen«, antwortete Keli schüchtern.
Anker war schon fast am Ende seines Strudels angelangt. Er sog das Gebäck förmlich in sich hinein. Keli nahm einen weiteren Bissen, musste aber sofort heftig husten und prusten. Etwas hatte ihre linke Schulter berührt. Mit tränenden Augen fuhr sie herum. Sie konnte nichts erkennen. Vielleicht war es ein Insekt gewesen? Anker blickte Keli leicht besorgt an, rieb sich dann aber mit dem Handrücken genüsslich den Mund. Ein gewaltiger Rülpser übertönte Kelis Ringen um Luft.
Keli, die Ankers plötzliche Körperausdünstung sonst vielleicht sogar lustig gefunden hätte, spähte noch immer mit banger Miene zu den von der Stadt her nur spärlich erhellten Bäumen. Einer der Stämme war so breit wie ihre Wohnstube in Hildenberge. Der Baum musste viele hundert Jahre alt sein. Einige Wurzeln waren so dick wie Anker selbst. Sie ragten etwas abseits von ihnen schwer und stark über das Gebäudedach hinaus. Es bewegte sich etwas in der Dunkelheit, was die bereits unter Hochspannung stehende Keli hochschrecken ließ. Ein armdicker Ast, übersät mit vielen kleinen ovalen Blättern, rückte langsam, aber deutlich in ihre Richtung.
»Uaah! Herr Ankerbelly. Der Baum da bewegt seine Äste.«
Von Angst gepackt fiel Keli rücklings über die Bank und ließ ihren halb verzehrten Strudel fallen.
»Ho-ho-ho. Kein Grund zur Sorge. Das ist nur Shidare, eine alte Hängekirsche. Sie ist einer der ältesten Bäume, die es überhaupt gibt; genauer gesagt, eintausend und acht Jahre alt. Und wenn ein Baum so alt wird, kann es durchaus mal vorkommen, dass er sich ein wenig die Beine vertreten möchte.«
Als sich Keli wieder aufgerappelt hatte, beobachtete sie ungläubig, wie der äußerste Wipfel eines Astes sich gemächlich an ihr Schulterblatt herantastete.
»Und was tue ich jetzt?«, fragte Keli verunsichert.
»Sie macht nichts, sie ist bloß ein bisschen neugierig, wie immer. Aber ich muss gestehen; ich sehe sie zum ersten Mal den Kontakt zu jemandem suchen, den sie nicht kennt.«
Der Ast strich Keli, die etwas überrumpelt dastand, langsam über den Nacken. Dann blieb die Spitze des Zweiges auf Höhe ihrer Brust hängen, als ob sie ihr die Hand geben wollte. Anker stand verwundert auf, um das Schauspiel zu verfolgen. Nach einem Augenblick des Zögerns hob Keli ihre linke Hand und hielt sie auf die Höhe des Zweigendes. Der blättrige Zweig strich behutsam über die Handfläche von Kelis vierfingriger, linker Hand und begann, diese sanft zu umwinden. Keli spürte ein angenehmes Kribbeln in der Magengegend. Sie merkte nicht, dass Ankers Kinnlade heruntergeklappt war. Eine undefinierbare Stimme, die tief aus Kelis Innerem zu kommen schien, sprach langsam und nachdrücklich:
»Du, die sich des Spiegels erhaben wähnt – dies ist deine Prüfung. Du, die sich sowohl des Wohles aller dienlich zeigt als auch standhaft des Lasters ledig bleibt: Sollest du meiner Kinder habhaft werden und bedingungslos nach Frieden streben, dein soll sein, was mein einst war, was Gutes scheidet von Bösem klar. Vier Beeren es sind, so alt wie ich, Schnee, Stachel, Blau und Wein sie heißen schwesterlich. Doch sei gewarnt: Dein Scheitern wird das Scheitern aller sein, folge stets dem Lichte nur und bleibe des Herzens ewig rein.«
»Keli! Deine Hand – dann ist es also doch …«, stammelte Anker aufgeregt.
Keli, die ihre Augen geschlossen gehalten hatte, während sie der Stimme gelauscht hatte, schien eben aus einem Trancezustand aufzuwachen. Sie blickte zuerst auf Ankers fassungslose Miene, dann hinab auf ihre immer noch umwickelte Hand; dann zurück zum Professor. Sie war mehr als nur verwirrt.
»Was – war das für eine Stimme?«, murmelte Keli mehr zu sich selbst, denn eigentlich war ihr klar, dass es der Baum gewesen sein musste. Zugleich schossen ihr tausend andere Fragen durch den Kopf. Von wem war diese Nachricht? War sie von dem Baum selbst, oder hatte sie jemand anders dort hinterlassen. Shidare war über eintausend Jahre alt. Wer würde ihretwegen vor so langer Zeit eine Botschaft hinterlassen haben? Vielleicht hatte der Baum einfach den falschen Empfänger erwischt – aber wie sollte sie ihn danach fragen?
Dafür war es nun ohnehin zu spät, denn der Zweig löste bereits seinen Griff und zog sich Richtung Baumkrone zurück. Endlich fand Anker wieder zu seiner Stimme: »Mann, oh, Mann! Warum habe ich es erst jetzt bemerkt: Du hast auch eine vierfingrige Hand, Keli! Weißt du, was das bedeutet?«
»Äh, nein«, erwiderte Keli wahrheitsgetreu und noch halb benommen.
»Dein Bruder hat auch nur vier Finger an der linken Hand. Ich meine, es bedeutet – möglicherweise –, dass Loyd und auch dir nicht per Zufall ein Finger an der linken Hand fehlt; dass ihr beide – wahrscheinlich – als einzige bekannte, noch lebende Menschenwesen in der Lage sein könntet, Unlicht zu berühren, ohne dass sich euer Gewebe dabei gleich auflöst. Es ist zwar eine unbestätigte Theorie, welche nur in alten Schriften der frühen Neuzeit beschrieben ist. Aber wenn sich mein Verdacht bewahrheiten sollte, dann könntet ihr – ja, ihr könntet den Laternenwald vielleicht dereinst vor einem fatalen Schicksal bewahren. Keli, ich begreife nicht, warum Loyd mir nie gesagt hat, dass seine Schwester auch nur vier Finger an der linken Hand hat. Gibt es in eurer Familie noch andere Verwandte, bei denen das so ist?«
Keli, die noch nicht gänzlich aus ihrem Dämmerzustand erwacht war, konnte Anker nicht ganz folgen. Nur, dass Loyd sie wieder einmal in den Schatten gestellt hatte, das hatte sie mitbekommen.
»Ich und Loyd sind, glaube ich, die Einzigen in der Familie, die nur vier Finger an einer Hand haben. Aber warum ist das wichtig?«
»Es ist wichtig, weil – laut der Legende von Mikael und Lailac können vierfingrige Menschenwesen, wenn sie in direkter Linie von Lailac abstammen, Unlicht anfassen, ohne, naja – dass sie dabei die Finger verlieren. Nur sind heute keine Menschenwesen, die diese Gabe besitzen, mehr bekannt.«
Keli nickte bedächtig, aber in Wahrheit interessierte sie fast mehr, was der Baum ihr eben mitgeteilt hatte. Ob Anker die Mitteilung wohl auch gehört hatte?
»Ok, du musst dir das so vorstellen«, fuhr Anker überschwänglich fort. Seine Professorenseite schien sich bemerkbar zu machen. »Du weißt, warum Kael, die Urstadt, auch ›das Geschwärzte Zentrum‹ genannt wird?«
»Hm«, machte Keli abwesend. »Ich glaube, weil es dort stockdunkel ist und keine Leute mehr darin wohnen können?«
»Korrekt. Der Grund dafür ist simpel: Die Wesen, die vor ungefähr sechshundert Jahren Kael bevölkerten, sogen dem Ort die letzten Reste Licht aus, sodass kaum mehr Leben darin gedeihen konnte. Auch das Licht, welches von den umliegenden Sonnenlöchern in die Stadt transportiert wurde, reichte nicht mehr aus, um die Wesen, Pflanzen und schließlich die Umgebung zu erhellen. Und nicht nur das, voller Verzweiflung sogen die Bewohner einander sogar gegenseitig die letzten Lichtreste aus den Leibern. Wesen wurden versklavt. Man begann, schlimme Dinge zu tun, nur um an ein bisschen Altes Sonnenlicht zu kommen. Irgendwann – und der gesamte historische Ablauf ist heutzutage leider nur wenigen bekannt – kam es in der Metropole zur ›Überschwärzung‹. Neben der tugendlosen Lebensweise, welche der Gesellschaft erheblichen Schaden zugefügt hatte, machte sich nun ein noch viel schlimmeres Problem bemerkbar: Zu einem umstrittenen Zeitpunkt wurde in den zentralen Regionen der Stadt, wo die Umgebung durch die Überschwärzung besonders gelitten hatte, eine Substanz entdeckt, die jegliche Materie rapide zu zersetzen vermochte.«
Anker sah Keli etwas verwirrt dreinschauen und versuchte es mit anderen Worten: »Um es einfacher auszudrücken, an den finstersten Orten der Stadt, wo die Überschwärzung am schlimmsten war, wurde ein unheimlicher Stoff vorgefunden, der seine Umgebung restlos in pure Energie auflösen konnte. Also, wenn man seine Hand in das Zeug reinsteckte, musste man damit rechnen, dass man nur noch einen Stummel wieder rauszog und das Gewebe zu Unlicht zerschmolz. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass dies damals ein ziemlicher Schock für die Einwohner Kaels war, als sie davon erfuhren.«
»Unlicht?«, vermutete Keli, die plötzlich Verdacht geschöpft hatte. Sie kannte den Begriff ›Unlicht‹ zwar nur aus Büchern, vom Hörensagen und vom Denkmal am Platz der Stille, aber etwas sagte ihr, dass das, was Anker eben beschrieben hatte, Unlicht sein musste. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte ihr Loyd einmal erzählt, dass es im Innern des Zentrums »schwärzer als die Nacht« sei, aber nie hatte sie wirklich jemand über die Ursachen und Konsequenzen der Überschwärzung aufgeklärt. Ob ihre Eltern überhaupt davon gewusst hatten?
»Unlicht, genau! Das hast du jetzt aber schnell kapiert«, lobte Anker sie.
Keli sah etwas verlegen drein.
»Das Auftauchen des Unlichts hatte die Gesellschaft damals in Unruhe versetzt. Kannst du dir vorstellen, warum?«
Weil Keli nachdenklich in die Ferne blickte und nichts erwiderte, fuhr Anker fort: »Ganz einfach. Weil das Unlicht sehr ausführlich in religiösen Dokumenten der frühen Neuzeit beschrieben wird. Bei der Legende über Mikael und Lailac, von der ich dir beim Denkmal vorhin erzählt habe, geht es ja auch um das Unlicht. Laut dieser Urlegende haben die wenigen Überlebenden der universalen Fusion es in den ersten Wochen der Neuzeit doch tatsächlich fertiggebracht, bereits das erste Unlicht zu fabrizieren. Und wenn es einmal entstanden ist, wird es nie wieder ganz verschwinden. Lailac hat das entstandene Unlicht in sich aufgenommen und es bis kurz vor seinem Tod in sich getragen. Damit soll er inmitten des Laternenwalds vor rund eintausend Jahren diese Hochschule mitsamt Wohnanlagen erbaut haben, fernab aller Augen und Ohren der anderen Urväter und -mütter. Wie sein Freund Bao Wao, das Hundewesen, wollte er eine eigene Ausbildungsstätte aufbauen, um sein Wissen weiterzugeben. Es haben sich ihm auch einige der Überlebenden angeschlossen, mit dem Ziel gemeinsam herauszufinden, was der Laternenwald für ein Ort war und nach Antworten zur Fusion zu suchen. In der Nähe von Kael selbst, wo sich die meisten Überlebenden in der Obhut von Urvater Mikael niedergelassen hatten, errichtete Lailac bloß ein kleines Häuschen zu Unterrichtszwecken, welches die Bewohner Kaels regelmäßig frequentierten, um sich zu bilden, denn Lailac war in der Vorzeit ein begnadeter Naturwissenschaftler und Politiker gewesen und verfügte, neben Bao, wahrscheinlich über mehr Wissen, als alle anderen Überlebenden zusammen. Dieses kleine Unterrichtsgebäude, welches Lailac einmal pro Woche besuchte, um die Pilger aus Kael in verschiedenen Fächern zu unterweisen, heißt heute Mondstein-Sanktuarium. Drum herum wurde fünfhundert Jahre später die Hauptstadt Lichterloh aufgebaut. Das steht jedenfalls in den religiösen Schriften der Blausternengemeinschaft, einer Sekte, die auch heute noch aktiv ist. Freilich hielt man diese Geschichten allgemein für Humbug, da das Unlicht für lange Zeit nicht mehr gesichtet worden war – bis vor etwas mehr als sechshundert Jahren in den zentralen Regionen der Urstadt Kael erneut Fälle von Unlichtbildung bekannt wurden. Zuerst erkannte man gar nicht, dass es zwischen den heiligen Schriften und diesen mysteriösen, spiegelnden Pfützen im überschwärzten Kael eine Verbindung gab. Die Leute haben dann aber sehr schnell gemerkt, woher das Unlicht kam: Ab einem gewissen Grad der Schwärzung kommt es innerhalb eines biologischen Organismus zu einer Reaktion, die es nicht mehr zulässt, dass Körper und Geist sich von der Trübung erholen. Wenn man in diesem Zustand stirbt, kann es sein, dass das körperliche Gewebe zu Unlicht zerfällt. Ich habe das Zeug schon einige Male im Zentrum gesehen, und ich sage dir, es schaudert mich alleine beim Gedanken daran. Ich male mir dann immer aus, wie die Toten, die zu Unlicht zerfallen sind, mich aus dem Spiegel heraus beobachten. Du kannst dir das Unlicht wie einen flüssigen Spiegel vorstellen – vielleicht weißt du, wie Quecksilber aussieht? Hat gewisse Ähnlichkeiten.«
»Ich … Ich habe schon davon gelesen«, murmelte Keli benommen, der es von Ankers Erläuterung etwas übel geworden war. Anker quetschte seinen hervorquellenden Bauch gegen das Geländer des Dachringes und legte etwas umständlich seine klobigen Hände darauf ab. Ein kräftiger, kühler Luftzug, dessen Geruch Keli an Hildenberge erinnerte, ließ Ankers dünne, weiße Haarbüschel im Winde tanzen. Die dunkle Wolkenfront aus dem Norden war merklich in ihre Richtung herangezogen.
»Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass du und dein Bruder zufällig beide mit einer vierfingrigen Hand geboren wurdet, ist sehr gering. Auch, weil ihr keine offensichtlichen Verwandten zu haben scheint, bei denen das auch so ist. Jedenfalls besteht die Möglichkeit, dass ihr beide entfernt von Lailac abstammt und demzufolge dem Unlicht gegenüber immun seid.«
Anker stieß sich vom Geländer ab und suchte Kelis Blick. Keli erwiderte ihn zaghaft.
»Ich habe – eine Bitte an dich. Wärst du bereit – uns auf die Expedition nach Kael zu begleiten? Es wäre sicher aufschlussreich, zu sehen, wie sich das Unlicht auf dich und deinen Bruder auswirkt. Ihr könntet ja mal ein Haar eintauchen, oder so«, fügte er rasch hinzu, als ihm Kelis entsetztes Gesicht auffiel.
»Ich war mit Loyd zweimal im Zentrum, und damals dachte ich natürlich nicht im Traum daran, ihn zu bitten, dem Zeug zu nahe zu treten. Aber jetzt, da einiges dafürspricht, wonach eine Immunität dem Unlicht gegenüber bestehen könnte, wäre es einen Versuch wert. Ich meine, nur, wenn du willst. Es wäre natürlich im Interesse der gesamten Akademie und sogar der Regierung, wenn sich herausstellen sollte, dass dein Bruder und du Unlicht anfassen könnt. Das wäre eine Sensation!«
Keli sagte nichts. Sie war nachdenklich geworden. Konnte es sein, dass tatsächlich etwas an dieser Geschichte dran war? Und was würde geschehen, wenn sie, genauso wie jener Mikael damals, ihre Hand in das Unlicht stecken und dann Blut in alle Himmelsrichtungen spritzen würde. Dieser Gedanke drehte ihr den Magen um. Vielleicht hatte der Baum ja Recht und sie sollte lieber dem Licht und nicht dem Unlicht folgen.
»Herr Ankerbelly«, begann Keli vorsichtig, »mir ist es vorgekommen, als hätte der Baum vorhin etwas – naja – geflüstert, oder so. Haben Sie das auch gehört?«
»Wie, was? Du meinst, Shidare hat gesprochen? Nein. Was hat sie denn gesagt?«, fragte Anker überrascht.
»Nein, ich meine – ich glaube, ich habe es mir nur eingebildet«, erwiderte Keli rasch. Anker blickte sie schweigend und mit undefinierbarer Miene an. »Es geschieht gerade etwas viel auf einmal. Ich weiß praktisch nichts über Kael und von Unlicht eigentlich nur das, was Sie mir eben erzählt haben. Interessieren würde mich Ihre Theorie ja schon, nur, es hört sich alles sehr gefährlich an.«
Dann tauchte plötzlich das Bild ihrer Eltern vor ihrem geistigen Auge auf. Sie alle saßen in ihrer gemütlichen Wohnstube und lachten heiter am hölzernen Spieletisch, wo sie jeden Abend Familienspiele miteinander gespielt hatten. War das nun alles Vergangenheit? Die Ungewissheit über ihre Eltern machte alle Erinnerungen zu schweren Steinen in ihrem Herzen.
»Meine Eltern … Ich weiß nicht, ob meine Eltern noch – da sind.« Kelis Stimme wurde unverständlicher. »Ich will nicht, dass sie – tot sind …«
Ein Schub von Trauer überschüttete sie. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie aber sogleich mit dem Ärmel verdeckte.
Anker, der nachdenklich in die Ferne gestarrt hatte, sah Keli erst jetzt an. »Keli«, sagte er einfühlsam, als er bemerkte, dass sie weinte. Anker trat näher an sie heran und rieb ihr den Nacken. »Ist ja schon gut. Hör mir bitte zu. Was ich dir nun erzählen werde, ist sehr wichtig! Das Schicksal aller Wesen im Laternenwald steht auf dem Spiel. Seit Jahrhunderten suchen wir vergeblich nach einer Lösung für die Unlichtplage. So viele Wesen sind der Armut und Überschwärzung schon erlegen. Ihr beide könntet die Einzigen sein, die imstande sind, das Unlicht aufzuhalten. Und wenn es stimmt, dass deine Eltern in das Sonnenloch gefallen sind, besteht die Chance, dass sie noch leben.«
Keli blickte von ihren Ärmeln auf, mit denen sie sich das Gesicht abgewischt hatte.
»Ich habe schon mal irgendwo gelesen, wie man mit verarbeitetem Unlicht in ein Sonnenloch hineinkommt, um etwas daraus zu bergen. Frag mich nicht wo, aber mir ist das definitiv mal zu Ohren gekommen.«
»Ist – ist das wahr?«, fragte Keli stockend. Ihre unterdrückten Tränen waren in einen Schluckauf übergegangen.
»Jo. Du kannst dem alten Anker vertrauen. Wenn es um die Lektüre geht, bin ich der Fachmann schlechthin. Ich könnte nach der Rückkehr aus Kael ein wenig recherchieren, wie das mit der Sonnenlochinfiltration genau funktioniert. Wenn es eine Möglichkeit gibt, deine Eltern zu retten, dann werde ich alles in meiner Macht stehende unternehmen, um ihnen zu helfen. Nun, wie sieht es aus; ist das ein Deal?«
Keli dachte nach. Im Moment war es sowieso unmöglich, ins überschwemmte Gebiet unterhalb des Hildengebirges zu gelangen. Wenn sie in ein paar Tagen aus Kael zurück wären und dann mit Anker an der Seite eine Suchaktion starteten, würden die Chancen, ihre Eltern wieder zu sehen, deutlich höher ausfallen, als wenn sie jetzt allein und ohne Plan aufbrechen würde. Andererseits, die seltsame Begegnung mit Shidare eben hatte ihr zu denken gegeben. Sie fühlte tief in ihrem Inneren, dass sie sich deren Worte zu Herzen nehmen musste. Ob es vielleicht sogar Mikael oder Lailac persönlich gewesen war, der die Botschaft verfasst hatte? Vielleicht war sie ja so etwas wie die Auserwählte? Dieser Gedanke machte ihr Mut. Kelis eben erloschene Seelenkerze entzündete sich von neuem. Sie hatte einen Entschluss gefasst.
»Herr Ankerbelly – ich meine, Anker.«
Zusammengesunken saß Keli da. Mit vom Weinen geröteten Augen suchte sie seinen Blick. Anker erwiderte ihn respektvoll. »Ich bin einverstanden. Ich gehe mit dir und Loyd nach Kael«, drangen Kelis Worte von einem peinlich berührten Lächeln begleitet durch ihre verstopfte Nase.
Anker strahlte sie an.
»Mädel, fantastisch!«, ließ Anker mit schallender Stimme verlauten, während er hochgestimmt die geballte Faust hob. »Dann werde ich gleich morgen früh einen Diplomatenpass für dich organisieren, damit das ganze Team auch sicher über die Grenze kommt.«
»Vielen Dank«, nuschelte Keli, die sich ihrer labilen Verfassung wegen etwas schämte. »Ähm, kann ich dich noch etwas über das Unlicht fragen?«, erkundigte sich Keli nach ein paar stillen Sekunden Bedenkzeit.
»Klar. Es wird einiges geben, dass du dich fragen wirst. Nur raus damit, ich werde dir alles erklären«, offerierte Anker ihr gut gelaunt.
»Nun ja. Vielleicht ist es eine dumme Frage, aber ich habe mich eben gefragt, weshalb nichts getan wird, um die Überschwärzung zu stoppen und es gar nicht erst zur Entstehung von Unlicht kommen zu lassen. Deine Erklärung vorhin hat sich so angehört, als wäre Unlicht nur das – das Produkt des Problems.«
Anker knallte ihr abermals die Hand auf die Schulter.
»Mädel, du überraschst mich immer wieder. Wie alt bist du jetzt? Dreizehn?«
»Äh, ja. Gerade erst geworden. Vor ein paar Tagen.«
»Ts, ts, ts, ausgezeichnet«, begeisterte sich Anker. »Es stimmt genau, dass das Unlicht das Ergebnis und nicht die Wurzel der Überschwärzung ist, und auch, dass man eigentlich dementsprechend die Überschwärzung bekämpfen müsste und nicht das dadurch entstandene Unlicht. Der Haken an der Sache ist: Wenn das Unlicht einmal da ist, wird es nie wieder ganz verschwinden und nach und nach an Menge gewinnen. Solange sich das Unlicht in einer überschwärzten Umgebung befindet, wie es in Kael der Fall ist, wird es sich nicht so rasant ausbreiten, als wenn es hellem Raum ausgesetzt ist. Einmal aus dem Schwarzen Vorhang ausgebrochen, würde es sich rapide wie ein bösartiges Geschwür in seiner Umgebung ausbreiten. Du hast sicher schon die Lichtlehre studiert?«
Keli nickte halbherzig. Eigentlich hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nie viel fürs Lernen übriggehabt, und Anker schien diese Tatsache gänzlich aus ihrer Gestik herleiten zu können.
»Ok, ich glaub, ehe wir nach Kael aufbrechen, muss ich dir noch ein, zwei Dinge erklären. Fangen wir mit ein bisschen Hintergrundlektüre an, dann wird es dir leichter fallen, während der Expedition die Zusammenhänge zu verstehen. Gut, zuerst mal zur universalen Fusion, von der du sicher schon einige Male gehört hast. Man sagt ja, dass dieses mysteriöse Ereignis uns vor etwas mehr als eintausend Jahren die Lichtsynthese ermöglicht hat. Unser Universum ist mit einem anderen kollidiert und zu einem Duoversum verschmolzen. Dies war offenbar möglich, da die beiden Universen sich von der dimensionalen Struktur her sehr ähnlich waren. Beide Kosmen zogen sich gegenseitig an; wie Mann und Frau. Wichtig hierbei ist, dass das andere Universum aus einer Dimension mehr zusammengesetzt war, und so war unser Kosmos nach der Fusion plötzlich durchtränkt von einer neuen, dimensionalen Komponente, der Lichtsynthese. Kannst du mir bis hierher folgen?«
Keli kannte diese Geschichte bereits halbwegs aus ihren trockenen Lehrbüchern der Lichtlehre und beantwortete die Frage mit einer bejahenden Kopfbewegung.
»Großartig. Dann weißt du natürlich auch, dass diese neue Dimension uns befähigt hat, Licht in unsere Körper aufzunehmen und es auf unser Umfeld anzuwenden. Urvater Lailac war einer der Überlebenden der Fusion und ist als das erste Wesen bekannt, dem es gelungen war, das Alte Sonnenlicht in sich zu speichern und damit andere Überlebende warm zu halten. Bald schon sogen sich die Überlebenden und deren Nachkommen mit Licht voll, welches aus den Sonnenlöchern strömte. Mit dieser neu erlangten Kraft begannen sie, Kael, die erste Stadt der Neuzeit, die nach dessen Gründer, Urvater Mikael McLane, benannt wurde, auf den Ruinen der Urstadt Tokio aufzubauen. Die verschiedenen Sprachen, die noch von den Urvätern und -müttern gesprochen wurden, verschmolzen rasch zu einer einzigen Hauptsprache, deren weiterentwickelte Form wir heute noch sprechen und als ›Kaelisch‹ kennen. Die Leute vermehrten sich rasch und führten die Lichtsynthese als allgemeines Hilfs- und Zahlungsmittel ein. In der Vorzeit benutzte man ›Geld‹ – Münzen und so weiter –, mit dem Handel getrieben wurde. Heute ist das Geld überflüssig, da das Licht in unseren Körpern als Währung wie auch Energieressource viel zweckmäßiger ist. Kael als blühende Gesellschaft verwahrte und kontrollierte das Sonnenlicht aus den umliegenden Sonnenlöchern und begann, es als Gegenleistung für Arbeit auszuzahlen – und so nahm das Geben und Nehmen, das schlussendlich zur Entstehung des Unlichts geführt hat, seinen Lauf. Jedes Mal, wenn jemand Licht verwendet, zum Beispiel, um etwas in einem Laden zu bezahlen, verliert der Anwender diese Menge Licht und muss sie von irgendwo anders wieder beziehen, um zu seinem Ursprungsniveau zurück zu gelangen. Das abgegebene Licht wird an ein anderes Medium übertragen und der Anwender wird dabei schwärzer. Je mehr Licht man weggibt, umso trüber wird der Körper. Je mehr Licht man bezieht, umso heller erstrahlt er. Das verstehst du, oder? Wie du beim Mann im Strudelladen gesehen hast, zeigt sich die Schwärze als eine trübe Aura um ein Wesen herum. Das hat also nichts mit deinem eigentlichen Äußeren zu tun, sondern verkörpert sich als neblige, negative Ausstrahlung. So – und im Zentrum vor ein paar hundert Jahren wurde schließlich mehr Licht verwendet, als zur Verfügung stand. Die Leute konnten sich nicht mehr aufladen und die Überschwärzung breitete sich auf die Umgebung aus, bis die ersten Unlichtfälle auftraten und anschließend das Unlicht sich in der geschwärzten Atmosphäre zu vermehren begann. Das alles hatte zur Folge, dass man anfing, immer größere, bewohnbare Ringe um den Mittelpunkt der Stadt zu bauen, um dem wachsenden Übel auszuweichen. Irgendwann war man dann soweit, dass es Unstimmigkeiten gab, wie man mit der Lage weiter umgehen sollte.
Urvater Mikael führte die Gruppe der Überlebenden nach der Fusion an und beabsichtigte, keine ideologischen Isolationen zuzulassen. So beschreibt es zumindest die Blausternenschrift. Man wollte ursprünglich zusammenbleiben, in Harmonie leben und aus den Fehlern der Wesen in der Zeit vor der Fusion lernen. Doch mit der sich ausbreitenden Überschwärzung und dem Unlicht überall war dies irgendwann nicht mehr möglich. Es entstanden zum ersten Mal seit dem Beginn der Neuzeit ›Parteien‹, deren Meinungsdifferenzen immer grösser wurden.
Die Fraktion, die später die Präfektur Lichterloh gründete, wollte dem unmoralischen Treiben der Gesellschaft ein Ende setzen. Sie wollten sich schon sehr früh vom Rest von Kael abspalten und nach ihren eigenen ethischen Maßstäben existieren; also weniger ressourcenreich leben, um der Schwärzung entgegenzuwirken. Sie zogen in den Norden von Kael, wo später auch viele Zweigstädte und Zweigdörfer von Lichterloh entstanden –«
»Wie Hildenberge?«, vermutete Keli.
»Genau. Herbstfeld ist eine Zweigstadt von Lichterloh und Hildenberge ein Zweigdorf von Herbstfeld. Obwohl es die Hochschule von Herbstfeld schon seit dem Beginn der Neuzeit gibt, wurde die Stadt selbst erst Jahrhunderte später als Zweigstadt Lichterlohs anerkannt. ›Atlas‹ wurde die Präfektur im Westen von Kael. Diese Gruppierung wollte stets zusammenhalten und legte alles daran, alle separierten Partien nach der ideologischen Teilung wieder zu vereinen. Im Osten wurde die Präfektur ›Solaspitz‹ gegründet und im Süden ›Wesenend‹, sowie ›das Fürstentum Nihilis‹, welches sich abermals durch ideologische Differenzen von Wesenend distanziert hatte. Es wurde ein viele Kilometer hoher und hunderte Meter breiter Wall um Kael herum gebaut: der Schwarze Vorhang. Nur wenige Leute blieben im Zentrum zurück. Heute können nur noch die wenigsten Wesen, die sich der überschwärzten Umgebung angepasst haben, dort bestehen. Da allgemein angenommen wird, die universale Fusion habe die Masse der Erde in einer Art und Weise gekrümmt, sodass deren Oberfläche sich heute ins Unendliche erstreckt, war die Evakuierung des Zentrums für die beiden Präfekturen Atlas und Solaspitz nicht weiter schlimm gewesen. ›Die Höhere Macht hat uns ja schließlich unendlich viel Spielraum verschafft‹, so der erste Präsident von Atlas. Er und seine Gefolgsleute interpretierten das Unlicht als eine Art ›göttliche Herausforderung‹ und meinten, eine immerzu in die Weite wachsende Ringstadt um Kael herum sei die Lösung für das Problem, und so könnten alle Leute auf der Welt in einer Gemeinschaft leben. Wir in Lichterloh waren vom Streben nach Tugend und Wahrheit geleitet und setzten alles daran, das Unlicht zu studieren und zu eliminieren. Statt wie die Atlassen Weltpolizei zu spielen, versuchten wir den Ursprung von all dem Unheil zu ergründen. Es bildete sich eine Forschungsallianz aller größerer Hochschulen der Präfekturen, die unter transnationalem Gesetz das Unlicht studieren dürfen. Tja – und trotz intensiver Forschung ist es uns bis heute nicht gelungen, eine Lösung für Kael und die Unlichtplage zu finden. Lichterloh investiert, seit seiner offiziellen Gründung im Jahr 502 ab Neuzeit, Unmengen an Zeit und Licht in die Erforschung des Laternenwalds. Seit etwa dreihundert Jahren haben wir unser Forschungsgebiet bis weit in den Sternenwald ausgeweitet. Bis heute gibt es allein 254 durch Lichterloh unterhaltene Forschungsstationen, die vom Zentrum Kaels über tausende Kilometer des Laternenwalds, bis weit in den Sternenwald hinein verteilt sind. In Lichterloh überwiegt im Volksglauben die Idee, dass die Antworten auf all unsere Fragen vielleicht irgendwo da draußen auf uns warten und von uns entdeckt werden müssen. Darum habe ich mich in meinen jungen Jahren entschieden, Exploration zu studieren und bin dann auch auf diesem Gebiet geblieben. Die Frage nach Wahrheit und Existenz hat mich bis hierher geführt, und ich werde niemals aufgeben, nach Antworten zu suchen.«
Anker stieß einen tiefen Seufzer aus. Seine Stimme war während seiner Rede immer leiser geworden – oder war es der Wind, der lauter geworden war? Ein großer Regentropfen zerbarst auf Kelis Nase. Sie hob den Kopf. Es war düster geworden, und hie und da konnte man das Aufklatschen schwerer Tropfen vernehmen. Anker schwankte geistesabwesend von einem Fuß auf den anderen.
»Und nun – zum Schluss noch etwas ganz Wichtiges und gleichzeitig philosophisch Tiefgründiges. Also mach dir nichts draus, wenn du es nicht auf Anhieb verstehst. Danach gehen wir zu meinem Haus. Dort kannst du eine Nacht darüber schlafen. Meine Gürkchen sind sicher schon am Verhungern. Ich hoffe, du bist noch nicht zu müde, um dem spannendsten Teil meines Vortrags zu lauschen, denn jetzt kommt deine Hand nämlich ins Spiel.
Man weiß, dass es nach der Universalen Fusion immer wieder mal vierfingrige Personen gegeben hat, und auch, dass das Phänomen der Vierfingrigkeit von Generation zu Generation immer seltener wurde. Doch Beachtung fand die Gabe erst Jahrhunderte später, als sich das Unlicht in Kael zu vermehren begann und bekannt wurde, dass die Vierfingrigen das Unlicht wegschaffen konnten. Bald schon schlossen sie sich zu einem Bündnis zusammen und nannten sich: ›die Unlichtbändiger‹. Wenn in Kael jemand der Überschwärzung erlegen war, wurden sie gerufen, um das Unlicht aus den Siedlungsgebieten zu transportieren und es an einen sicheren Ort zu bringen. Anders als Lailac konnten sie das Unlicht aber nicht in sich aufnehmen, es formen und wieder auf die Umwelt anwenden. Dazu hätten sie gemäß Blausternenschrift nämlich den Kaelischen Index gebraucht, den sie zwar auch rigoros suchten, ihn aber nie fanden. Du siehst das Problem: Auch damals konnten die Unlichtbändiger das Unlicht nur an einen anderen, für die Bevölkerung weniger gefährlichen Ort befördern. Dort vermehrte es sich aber trotzdem weiter. Es wäre also zwingend gewesen, den Unlichtschlüssel zu finden. So wäre es wenigstens vorübergehend im Körper eines Unlichtbändigers gefangen gewesen. Ab hier treten die Präfektur Wesenend und die Halbpräfektur Nihilis auf den Plan. Sie sind die Fraktionen, die in Unlicht von jeher etwas ganz anderes sahen als die übrigen Nationen. In beiden Staaten wird am Glaubenssatz festgehalten, das Unlicht verkörpere die ›Nichtexistenz‹. Jetzt wird es richtig kompliziert, aber ich versuche, es in einfache Worte zu fassen: Der Unterschied zwischen den Ansichten von Wesenend und Nihilis, der die beiden Gruppen einst sogar in den Krieg geführt hat, besteht darin, dass in Wesenend geglaubt wird, das materielle Universum sei eigentlich nur eine Zwischenform der Existenz und irgendwann würde alles zu Unlicht zerfallen. Für Wesenend ist die Ausbreitung des Unlichts ein natürlicher Prozess; das ist ganz wichtig. Das Fürstentum Nihilis hingegen glaubt an das ›Garnichts‹.«
Anker prustete, als er Kelis immer länger werdendes Gesicht sah.
»Jaja, so komplex ist die Welt heutzutage, und glaub mir, das ist noch lange nicht alles. Kurzum, was du dir für jetzt merken solltest, ist: Wesenends Doktrin besagt, alles wird irgendwann zu Unlicht, und dagegen kann man nichts machen. Im Fürstentum ist man noch eine Spur extremer und glaubt einerseits, Existenz habe keinerlei Bedeutung und andererseits, die Unlichtbildung müsse vorangetrieben werden, damit alles zu nichts werde – so abstrus es auch klingen mag. Bei denen ist sozusagen bereits Hopfen und Malz verloren. Und hier kommt der springende Punkt: Das Fürstentum sah es damals gar nicht gerne, dass die Vierfingrigen das Unlicht einzäunen konnten. Als dann noch rauskam, dass die Unlichtbändiger den Kaelischen Index suchten, ließ Nihilis die Mitglieder der Gruppe von einer Bande Auftragsmörder ausfindig machen und meucheln. Der versprochene Schutz der Unlichtbändiger von Lichterloh kam zu spät und man dachte lange Zeit, Nihilis hätte sie alle erwischt. Doch wie es aussieht, könnte man sich getäuscht haben.« Anker blickte unruhig umher. »Bei allen zuckenden Landgurken. Wenn das rauskommt«, raunte er leise. »Wir müssen Loyd und dich unbedingt schützen, falls sich herausstellen sollte, dass ihr tatsächlich Unlicht berühren könnt. Ich muss Loyd gleich morgen darauf hinweisen, sich bis auf Weiteres von Wesenend und dem Fürstentum fernzuhalten.«
Beide hatten die Zeit und das aufziehende Unwetter vergessen. Es begann in Strömen zu regnen.
»Keli, ich denke, es ist genug für heute. Meine Güte, es ist ja auch schon elf Uhr! Komm, ich habe ein tolles Gästezimmer, das für dich bereitsteht. Meine Haustiere werden auch begeistert sein, Besuch zu haben. Falls Loyd morgen schon wieder auf den Beinen ist, geht es auf nach Lichterloh, wo wir uns mit dem Rest des Expeditionsteams treffen werden.«
Keli nickte mit einem erschöpften Lächeln. In Wirklichkeit war sie todmüde. Auch wenn sie angestrengt versucht hatte, Ankers Lektionen zu folgen, war kaum die Hälfte davon bei ihr hängen geblieben. Anker, aus dessen großem, grauem Bart ein kleiner Wasserfall hervorgequollen kam, verschwand hinter den knorrigen Wurzeln Shidares. Das Plätschern des Regens schwoll zu einem Tosen an. Blitze zuckten und Donner gellte bedrohlich über die Dächer. Keli schnappte sich Ankers Papiertüte, die vergessen auf der Sitzbank lag. Sie hielt sie sich über den Kopf und folgte Anker in Richtung Aufzug. Als sie an der Hängekirsche vorbeischritt, schien es Keli, als ob sie noch einmal die Stimme des Baumes hören würde: »Folge nur dem Licht«, glaubte sie zu hören, doch es konnte auch das Echo des sich zurückziehenden Stadtlebens unten an der Lailac-Straße gewesen sein. Keli gab sich einen Ruck und trat auf die nassen Setzsteine in der Wiese. Ihr halbverzehrter Strudel lag vergessen vor der Bank und begann allmählich, im Regen zu zerfallen.
Die drei Botschafter von Lichterloh
Keli schlief in dieser Nacht sehr unruhig und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Als es draußen noch stockdunkel war und der Regen kräftig an die Fenster peitschte, wachte sie kurz auf, da sie meinte, eine Tür aufgehen zu hören, doch dann schlief sie wieder ein, bis am nächsten Morgen die ersten Strahlen bunten Lichts auf ihren buschigen, schwarzen Haarschopf fielen. Sie konnte fühlen, dass etwas angenehm Weiches über ihre Nase wischte. War dies das Kitzeln der ersten Lichtstrahlen des Tages, das oft so schön in Büchern beschrieben war? Sonst wachte sie immer in blauglimmender Düsternis auf. Ja … so musste es sich wohl anfühlen, wenn man morgens von Licht begrüßt wurde.
Als sie die Augen aufschlug, schrie Keli vor Schreck laut auf. Drei oder vier oberarmgroße, madenartige Kreaturen mit kreisrunden Öffnungen als Mäuler hatten ihr das Gesicht von oben bis unten vollgesabbert. In Panik sprang sie vom Bett, wobei die seltsamen Wesen mit einem ekelerregenden Aufquietschen von ihrem Brustkorb herunterkullerten. Keli befand sich in einem modern eingerichteten Raum, in dem die Wände entlang mehrere gut gefüllte Bücherregale aufgereiht standen. Außerdem befanden sich zwei Topfpflanzen in den Ecken des Zimmers, an denen große, magentafarbene Blüten prangten, die ausziehbare Couch, auf der sie geschlafen hatte und ein kleines, gläsernes Tischchen. Keli dröhnte der Kopf. Es war das erste Mal in zwei Tagen, dass sie Schlaf gefunden hatte. All die schauerlichen Dinge, die in den letzten achtundvierzig Stunden geschehen waren – sie erschienen ihr wie ein schlechter Traum. Keli rieb sich mit dem Ellbogen die glitschige Nase ab und sah böse auf die Viecher hinunter, die wie Raupen Richtung Ausgang davonrobbten. Die Tür des Zimmers, die einen Spaltbreit offenstand, ging auf und Anker platzte herein.
»Was ist denn … Oho! Guten Morgen Keli.« Anker stand bereits angezogen im Türrahmen. Er sah aus, als wäre er schon wieder seit einiger Zeit auf den Beinen.
»Pitt, Pott, Patty und Putt. Was habt ihr im Gästezimmer verloren?«, sagte Anker ermahnend. Diese Worte waren an die vier gurkenähnlichen Geschöpfe gerichtet, die gerade Hals über Kopf und mit schrillem Gequietsche über die Türschwelle krochen.
»Das ist ›pfui‹«, rief er ihnen mit erhobenem Zeigefinger hinterher.
»Keli, bitte entschuldige. Das sind meine Haustiere. Ich hoffe, sie haben dich nicht belästigt«, sagte Anker munter.
»Nein, ist schon in Ordnung. Ich habe mich nur erschreckt. Was sind denn das für Wesen?«, erkundigte sich Keli halb verärgert, halb belustigt.
»Landgurken werden sie im Volksmund genannt und es gibt sie nahezu überall. Es sind bereits 42 Arten entdeckt worden, und durch die Erforschung des äußeren Sternenwalds kommen stets neue dazu.«
»Oh – verstehe«, grummelte Keli, die ihre glitschigen Ärmel beäugte.
»In der Regel sind sie ganz lieb und den Menschenwesen gegenüber wohlgesinnt«, fügte Anker hinzu, während er sich vor dem gläsernen Tischchen in einen Sessel fallen ließ. »Wenn Loyd schon wieder auf den Beinen ist, können wir uns vielleicht heute Nachmittag schon mit Naomi in Lichterloh treffen. Sie ist eine gute Kollegin von mir und absolviert derzeit ihr Zweitstudium im Fach Biodiversität – öh, das heißt so viel wie das Erforschen von verschiedenen Wesen- und Pflanzenarten«, fügte Anker rasch hinzu, als er Keli die Stirn runzeln sah. »Naomi ist auch ganz angetan von den Gürklein. Ich bin übrigens der Leiter des Gurkenclubs, einer gemeinnützigen Organisation, die das Verständnis für die tollen Wesen fördert. Die Gürkchen sind zutiefst missverstandene Geschöpfe und verdienen unsere Aufmerksamkeit. Sind sie nicht putzig?«
Keli blickte argwöhnisch zur Tür, wo Pitt, Pott, Patty und Putt hinter dem Türrahmen lauerten und mit ihren kleinen, schwarzen Knopfaugen verstohlen ins Zimmer linsten. Keli wusste noch nicht genau, was sie von den Kreaturen halten sollte. Irgendwie fand sie sie zwar witzig, aber ein bisschen widerlich sahen sie ja schon aus. Von den Landgurken abgelenkt, hatte Keli nicht bemerkt, wie Anker seine Hand in die Innentasche seiner Jacke gesteckt und auf der Oberfläche des Tischchens einen handflächengroßen Umschlag abgelegt hatte.
»Was fressen diese Gurken denn? Sie scheinen Hunger zu haben«, wollte Keli wissen, die das Verhalten der Gurken an Haustiere erinnerte, die am Morgen ihre Herrchen wachleckten.
»Öh – nun. Die Landgurken gehören zu den ›Koprophagen‹«, sagte Anker flüchtig.
Zum Glück wusste Keli nicht, was das bedeutete und ging nicht weiter auf das Thema ein. Ihr Blick war auf das Kuvert gefallen, das Anker mit einem dicken Zeigefinger auf der Glasplatte des Tischchens fixierte. Dann schob er dieses zu Keli hinüber.
»Das ist dein Diplomatenpass. Gratuliere – du bist jetzt offiziell Mitglied einer staatlich fundierten Expedition und akkreditierte Vertreterin der Nation.«
Keli schaute überrascht drein. Vertreterin der Nation – sie? Sie wusste nicht einmal recht, was das bedeutete. Anker sah mit Genugtuung, wie sich Kelis Miene ins Unfassbare verzog und fuhr dann mit ernstem Tonfall fort: »Der Ausweis ist ein überaus wichtiges Dokument und darf auf keinen Fall in die falschen Hände gelangen. Schütze ihn wie deinen Augapfel. Er gewährt dir diplomatische Immunität und Zugang zu allen Präfekturen des Laternenwalds und den meisten Zweigstädten der Provinzen. Ausgenommen sind einige Orte, denen wir nicht zu nahe kommen wollen; wie zum Beispiel das Fürstentum Nihilis, wo der Ausweis zwar vor 35 Jahren anerkannt wurde, trotzdem aber immer mal wieder Botschafter aus anderen Staaten festgenommen werden. Dieser Pass darf in keiner Weise weder missbraucht, noch vervielfältigt werden oder abhandenkommen. Nur ganz wenige hochrangige Individuen in Lichterloh sind im Besitz eines solchen Dokuments: die Direktoren der Lichtwirtschaft, einige bedeutende Politiker und dann noch eine Handvoll ausgesuchter Unlichtforscher und Fachwissenschaftler. Deinen Pass konnte ich allein deshalb beantragen, weil ich der Prorektor der HHF bin und die Hochschule und deren Studien im Regierungsrat vertrete.«
Keli hob den Umschlag ehrfurchtsvoll auf und zog ein kleines, nachtblaues Büchlein hervor, auf dem in goldenen Lettern »Diplomatenpass« geschrieben stand. Der Ausweis schien aus hochwertigem Material zu bestehen. Keli öffnete die erste Seite und sah sich selbst aus einem kleinen Foto zulächeln. Alle ihre persönlichen Daten waren korrekt aufgelistet; selbst die vier Fingerabdrücke ihrer linken Hand waren darauf zu sehen.
»Woher kommen denn all diese Angaben und das Foto?«
Anker grinste breit. »Es ist dir vielleicht nicht bekannt, aber in Lichterloh werden die persönlichen Informationen aller Staatsangehöriger regelmäßig eingefordert und ausgewertet. Auch die Bürger, die in Zweigdörfern der Zweigstädte von Lichterloh wohnen, sind dieser Meldepflicht unterstellt. Alle weiteren Zweiggemeinden oder Siedlungen sind von dieser Obliegenheit befreit und gehören nicht mehr offiziell zur Präfektur. Auch du und dein Bruder – da die Gemeinde Hildenberge ein Zweigdorf der Zweigstadt Herbstfeld ist – müsstet in den letzten Jahren einmal nach Lichterloh vorgeladen worden sein – oder etwa nicht?«
Nun fiel es Keli wieder ein: Das war es also, was sie damals in Lichterloh getan hatten und warum sie keine bedeutsamen Erinnerungen an den Besuch bei ihrem Onkel hatte.
»Stimmt, wir haben vor ein paar Jahren mal meinen Onkel in Lichterloh besucht. Aber mir war damals nicht klar, dass das Ziel der Reise die Abgabe von persönlichen Daten war. Ich weiß nur noch, wie wir mit Onkel Nonpe ein amtliches Gebäude besuchten, wo wir zuerst lange anstehen mussten. Ich kann mich aber noch erinnern, dass die Frau, die Loyds und meine Fingerabdrücke nahm, ganz aus dem Häuschen war, als sie bemerkte, dass uns beiden die Zeigefinger an der linken Hand fehlen. Und jetzt weiß ich auch warum«.
»Siehst du«, sagte Anker selbstzufrieden und stand mit einem Ruck aus dem ächzenden Sessel auf. »Das Ganze hat vor etwa vierzig Jahren angefangen. Bis dahin gab es dieses Überwachungsprogramm noch nicht. Ist dir ›die Schmelzfront‹ ein Begriff?«, fragte Anker, während er einen Arm auf der Lehne des Sessels abstützte.
Keli hatte diesen Namen schon mal irgendwo gehört.
»Ich glaube, Loyd hat diese Leute einmal erwähnt. Sind das nicht Terroristen, die andere Wesen umbringen?«, spekulierte Keli, der es peinlich war, so wenig zu wissen, etwas steif.
»Mhm – ja, etwas in der Art. Die Schmelzfront ist eine extremistische Organisation mit Sitz in Atlas, deren Ziel es ist, mit Gewalt die physischen, wie auch geistigen Grenzen der Gesellschaft zu untergraben, um Kael als einen homogenen Staat, wieder aufblühen zu lassen. Der Name kommt von ›Front‹ – also Armee, und ›schmelzen‹. In diesem Fall: eine Milizarmee, die alle Gemeinden im Laternenwald wieder zu einem Volk verschmelzen will. Sie sind sozusagen diejenige Fraktion, die es satt hat, auf verbaler Basis eine Lösung auszufeilen. Sie greifen zu harten Mitteln, um ihren Zielen näher zu kommen«, erklärte Anker ganz diplomatisch.
»Ja, daran kann ich mich noch erinnern. Gerade als Loyd das erste Mal in Kael war, gab es damals einen Anschlag in Lichterloh. Ich glaube, diese Typen spinnen ziemlich.«
»Nun, wo Meinungen an Grenzen stoßen, folgt oft nur rohe Gewalt. Das zeigt uns auch unsere lange Menschheitsgeschichte mehr als nur einmal. Wenn die Gesetze, die falsches Verhalten einschränken sollen, zugleich auch den freien Willen der Bevölkerung unterbindet, dann greifen Minderheiten, die sich unterdrückt fühlen, bekanntlich schnell mal zu extremeren Maßnahmen, die Aufmerksamkeit erregen sollen – das ist nicht unverständlich.«
Keli wusste nicht, was sie darauf zur Antwort geben sollte und eine Diskussion mit einem der größten Professoren der Zeit zu starten, schien ihr so zwecklos wie töricht. Sie senkte den Blick wieder auf den edel glänzenden Diplomatenpass in ihren Händen.
»Keli, ich will dich keiner falschen Wahrheiten belehren, aber ich rate dir, Ethik und Tugend immer als relativ zu betrachten. Was für die einen richtig ist, mag für die anderen falsch sein. Ich sage meinen Studenten bei Kursbeginn immer: Alles, was ihr zu meinem Unterricht mitbringen müsst, ist der Wille, mich zu kritisieren und meinen Vortrag zu hinterfragen. Kritisches Denken ist die einzige wahre Fähigkeit, die du an der Uni brauchst. Und wenn ich mitbekomme, dass ein Professor nicht auf die Fragen und Kritik der Studenten eingehen kann, dann wird er von mir höchstpersönlich auf die Straße gestellt. Denn nicht die Vorlesung ist lehrreich, sondern die Diskussion zwischen denjenigen, die die Botschaft verschieden interpretiert haben. Einfach aus einem Buch vorlesen könntest nämlich sogar du. Ho-ho-ho.« Anker gluckste laut auf. »Wie dem auch sei«, fügte er schließlich an, als er Kelis große Augen bemerkte und gab ihr einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.
Keli, von der Wucht des Schlages überrascht, fiel beinahe von der Couch. Sie fing sich aber rasch wieder und erwiderte Ankers intensive Geste mit einem matten Lächeln.
»Tja, und der Schmelzfront und unseren langjährigen, misslichen Beziehungen zu Atlas haben wir es zu verdanken, dass Lichterloh strenge Grenz- und Personenkontrollen verhängt hat. Um die Hauptstadt Lichterloh herum wurde eine hohe Grenzsperre errichtet, damit keine Schmelzfrontterroristen und andere unerwünschte Minderheiten ins Stadtzentrum reinkommen. Bei den anderen Präfekturen sieht die Lage ähnlich aus. Du wirst allerdings feststellen, dass der Diplomatenausweis uns das Leben beim Grenzübergang um einiges erleichtern wird. Ich zeige dir später, was ich damit meine«, sagte Anker nun breit grinsend, als würde er etwas aushecken. »Komm, du musst sicher einen gewaltigen Hunger haben. Jetzt essen wir zuerst mal einen Happen, und dann gehen wir ins Krankenhaus und sehen, ob unser guter Loyd schon wieder fit ist.«
Anker hielt Keli die Tür auf und zusammen betraten sie das Esszimmer.
Sie frühstückten an einem langen, gläsernen Tisch, der wie die Großform des Tischchens aussah, das im Gästezimmer stand. Obwohl Anker eine Menge interessanter Dinge aufgetischt hatte, begnügte sich Keli mit einer Schale weißen Reises, einem Mundvoll Fisch und fermentierten Bohnen. Das Trauma der letzten Tage verkrampfte ihr noch immer den Magen. Anker hatte Pitt, Pott, Patty und Putt in die Küche gesperrt, da sie versucht hatten, auf Kelis Schoss zu klettern, während sie aßen. Grelles Gejaule hinter der Küchentür machte verständlich, dass die Gurken mit dem Verlauf der Dinge nicht glücklich waren. Nachdem sie fertig gegessen hatten, ließ Anker sie wieder raus und die beiden machten sich, während die Gurken frohsinnig über jedes bekriechbare Etwas purzelten, bereit für die Abreise. Es war selbsterklärend, dass Keli nichts außer den Sachen, die sie gerade trug, einer Zahnbürste, die ihr Anker am Vorabend gegeben hatte und dem Diplomatenpass besaß. Deshalb stand Keli nach dem Frühstück vor dem Badezimmer nicht recht wissend, was sie ohne frische Kleider tun sollte. Vielleicht sollte sie Anker mitteilen, dass sie für die Expedition noch ein oder zwei Paar Socken brauchen würde, doch danach zu fragen, war ihr peinlich.
Anker war in den Keller verschwunden, doch seine sich nähernden, polternden Schritte kündigten bereits seine Rückkehr an.
Anker kam mit drei üppig bepackten, dunkelfarbenen Rucksäcken zurück. Einen davon streckte er Keli hin.
»Hast wohl geglaubt, du müsstest die nächsten Wochen mit derselben Unterhose verbringen?«, gluckste Anker, der sich über Kelis Unbeholfenheit amüsierte.
»Wow, vielen Dank. Wann hast du das denn alles vorbereitet?«
»Nicht der Rede wert. Das bisschen Zeit, das ich für den zusätzlichen Pass und Proviant einbüßen musste, ist es allemal wert, gut vorbereitet zu sein. Das Schlimmste auf einer Expedition ist es nämlich, nicht zu wenig Schlaf gehabt zu haben, sondern schlecht auf das vorbereitet zu sein, was möglicherweise schiefgehen könnte – und davon gibt es eine ganze Menge. In deinem Rucksack findest du ein kleines Zelt für zwei Personen, Kleider für eine Woche in einer universalen Größe – sodass jeder, der sie braucht, sie tragen kann –, Nahrungsmittel für eine Woche, eine gefüllte Wasserflasche, einen Regenmantel, ein paar Gummistiefel, allerlei Toiletten-Artikel, ein Allzweckmesser, ein Stahlstäbchen mit Flint – um Feuer zu machen –, Zunder, ein paar Meter Seil – ist immer gut –, und zuletzt noch ein Steinvoll gebündeltes Altes Sonnenlicht, um der Überschwärzung in Kael standhalten zu können, bis wir bei der Forschungsstation ankommen. Damit du im Notfall informiert bist: In meinem und Loyds Gepäck befindet sich das Gleiche nochmal.«
Keli wurde nun auf einmal ein wenig zappelig. Erst jetzt begriff sie so richtig, wofür sie sich da entschieden hatte. Sie würde zum berüchtigten Schwarzen Zentrum reisen, wo nur die allerwenigsten Wesen jemals einen Fuß hineinsetzen. Was sie dort wohl erwartete? Ein aufgeregtes Kribbeln irgendwo tief in ihrer Brust machte sich bemerkbar.
Ein wenig später trat Keli erfrischt und in ihrem neuen Outfit aus dem Badezimmer, gerade als die Türglocke klingelte. Anker warf sich die restlichen zwei Rucksäcke über die Schulter und schlurfte zur Eingangstür, die er prompt mit seinem Ranzen aufstieß. Eine ältere, aber gepflegt aussehende Frau trat herein. Sie hatte graues, gescheiteltes Haar und trug teuer aussehende Edelsteine in Form von Ringen an der Hand und als Kette um den Hals.
»Ah, Kanako, die Dirigentin! Schön, dich zu sehen«, sagte Anker, der seine Arme weit ausbreitete, die Frau umschlang und ihr einen saftigen Kuss auf die Wange drückte.
»Ganz meinerseits«, entgegnete Kanako vergnügt. Wo sind denn die süßen Viechlein? Puu–tzi, putzi, putz«, dudelte sie durch das Esszimmer.
Keli, die sich im selben Augenblick umschaute, bemerkte, dass die Landgurken verschwunden waren. Bevor es geklingelt hatte, waren sie noch quietschvergnügt auf dem Esszimmerboden herumgetollt.
»Keli, das ist meine Kollegin Kanako Hopkins, von Atlas, von Adelgrund. Sie ist eine Gastprofessorin aus der Hochschule von Adelgrund und ebenfalls leidenschaftliches Mitglied des Gurkenclubs. Sie wird während meiner Abwesenheit auf meine Babys aufpassen«, erklärte Anker, der sich nun Kanako zudrehte: »Kanako, das ist Keli von Lichterloh, von Herbstfeld, von Hildenberge. Sie ist die Schwester eines Explorationsstudenten von mir und interessiert sich ebenfalls für ein Studium an der HHF.«
Kanako ging auf Keli zu und streckte ihr die linke Hand hin, wie es in Lichterloh üblich war. Keli hob die ihre und streckte sie aus. Als sich Hand und Hand trafen, stahl sich Kanakos Blick für den Bruchteil einer Sekunde über Kelis Hand, an welcher der Zeigefinger fehlte, dann sah sie rasch wieder auf und meinte freundlich: »Es ist mir eine Freude, Sie kennen zu lernen. Das Schicksal Hildenberges betrübt mich zutiefst. Wenn es etwas gibt, womit ich Ihnen behilflich sein kann, dann lassen Sie es mich bitte wissen.«
Keli sah, wie Anker sich für einen Moment auf die Unterlippe biss.
»Ja, dann. Kanako, wir sind schon einige Tage im Rückstand und müssen aufbrechen. Hier ist der Schlüssel für das Haus. Das Futter für die Gürklein findest du auf dem Balkon, wie immer«, sagte Anker mit bemerkenswerten Schweißperlen auf der Stirn.
»Keine Sorge. Ich werde auf die Lieben aufpassen, genauso wie auf den ›überschwänglichen Verein‹, den ich zu leiten habe. Bald geht es los.« Kanako lächelte Anker zu und zwinkerte dabei. »Ich wünsche dir viel Erfolg in Kael und, dass du auch in einem Stück, und vielleicht ein paar Stückchen mehr, wieder zurückkommst. Sonst werden die Gürkchen nämlich zu mir umziehen müssen.«
Anker erwiderte ihr Zwinkern mit einem verschmitzten Nicken, dann öffnete er die Tür und trat in das frische, grünliche Morgenbunt hinaus. Keli, die nicht begriffen hatte, warum Anker so gestresst aussah, betrat nach ihm den gepflegten Garten, als ein ohrenbetäubendes Kreischen sie herumfahren ließ. Pitt, Pott, Patty und Putt sausten mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit aus der Küche auf die Eingangstür zu. Anker ließ die zwei Rucksäcke, die er trug, auf den Boden sinken, kniete nieder und hob alle vier Gürkchen behutsam vom Boden hoch. Sie wanden sich in seinen Armen, quietschten herz- und trommelfellzerreißend und besprühten Ankers Bauch mit glänzendem Sabber.
»Nicht doch, nicht doch. Ich bin doch bald wieder zurück. Seid brav und macht nichts Unanständiges, während ich weg bin.«
Er gab jeder einzelnen Gurke einen schallenden Schmatz über die kleinen Äuglein und übergab sie dann Kanako, die sie fest an sich pressen musste, damit sie nicht Reißaus nehmen konnten. Beim Gartentor drehten sich Anker und Keli nochmal um, um Kanako und den laut jaulenden Haustieren zum Abschied zu winken. Erst jetzt fiel Keli auf, wie riesig das Anwesen von Anker war, und das war gerade mal sein Zweithaus, in dem er lediglich ein paar Tage die Woche verweilte.
Bis zum Universitätsklinikum war es nicht weit. Sie passierten einige Seitenstraßen in einem Quartier, wo es nur prunkvolle Einfamilienhäuser mit stilvoll kultivierten Gärten gab. Auf dem Hinweg letzte Nacht hatte Keli von der Umgebung nicht viel mitbekommen, da es einerseits stockdunkel gewesen war, und sie andererseits wegen des Wolkenbruchs den ganzen Weg bis zum Haus hatten laufen müssen. Keli fragte sich gerade, wieviel Lichtbit Anker wohl auf der Bank angehäuft hatte. Er sah nicht aus, als würde er mit Licht um sich werfen, und viel davon schien er auch nie in seinem Körper bezogen zu haben. Jedenfalls erstrahlte er nicht grell, wie man sich jemanden vorstellte, der mit Altem Sonnenlicht bis unter die Fingernägel vollgesogen war. Es schien wirklich zu stimmen, dass er seine Lebensziele verfolgte und nicht, wie viele andere Leute, von denen Keli wusste, allein für Lichtbit arbeiteten, um danach alles wieder für irgendwelche überflüssigen Dinge auszugeben. Anker schien die Sorte Mensch zu sein, der einen Traum hegte und nicht aufgab, bis er dort war, wo er sich immer hingewünscht hatte. So eine Person wollte Keli auch werden: immerzu die unumstrittenen Tatsachen der Welt hinterfragend, nach Wahrheit suchend und fortwährend nach vorne blickend.
Unterdessen hatten sie die Lailac-Straße erreicht. Es waren längst nicht so viele Passanten unterwegs wie am Vorabend und auch die Rollläden vieler Geschäfte waren heruntergelassen. Als sie jedoch an der Strudelbude vorbeikamen, machte Keli große Augen. Eine Schlange von Wesen, länger noch als diejenige des Vortags, erstreckte sich aus dem Gebäude bis weit über den Bürgersteig hinaus.
»Ich sag doch, der Laden ist beliebt. Strubels Strudelbude; ziemlicher Zungenbrecher. Vor einem halben Jahr haben die sogar ihren ersten Shop im Bahnhof Wesenend aufgemacht, auf der gegenüberliegenden Seite von Kael«, ließ Anker beim Vorbeigehen nüchtern verlauten und schnupperte genüsslich in der vom Duft des aufgehenden Blätterteigs durchtränkten Luft. »So, und jetzt schauen wir mal, was unser lieber Loyd gerade treibt. Er hat mir heute Morgen schon zwei Lichtmails geschickt: Er sei fit wie ein Turnschuh, und dass wir sofort aufbrechen müssten, sonst gäbe es ein Unglück! Als ob ich das nicht selbst wüsste. Naomi und ich sind schließlich diejenigen, die schon seit Tagen am Warten sind. Ich hoffe stark, er hat keine Einwände, dass du dabei bist.«
Anker verlangsamte seine Schritte. Sie befanden sich nun unmittelbar vor dem Wachhäuschen des Hochschulareals. Der Professor feixte Keli für einen kurzen Moment spitzbübisch zu, dann verzog er sein Gesicht zu einer dümmlichen Grimasse. Keli musste lachen, als sie das sah, doch warum Anker sein klobiges Antlitz so lächerlich verunstaltete, wurde ihr erst im nächsten Augenblick bewusst. Anker stapfte erhobenen Hauptes auf das Wachhäuschen zu. Diesmal zog er nicht den Professorenausweis hervor, sondern ein kleines, nachtblaues Büchlein.
»Botschafterin Lanthorn, könntet Ihr auch mal rasch Euren Pass hervorholen?«, schnaubte Anker übertrieben hochmütig durch die Nase.
Keli begriff sofort und zog gleichermaßen wichtigtuerisch den Diplomatenpass hervor und streckte diesen dem Wachmann vor das Gesicht. Der stämmige Aufseher nahm die zwei Pässe mit sichtlichem Entsetzen in Augenschein. Sofort erhob er sich, strich sich das fettige Haar aus dem Gesicht und kam dann eilig aus dem Häuschen herausgestolpert.
»Eure Exzellenzen – äh, ich meine ›erhabene Botschafter‹ – zu Euren Diensten. Sonpick ist mein Name. Vergebt mir meine unreine Erscheinung. Darf ich Euch zu Eurer Destination geleiten?«, stammelte der junge blonde Mann, dem das Gesicht puterrot angelaufen war.
»Das wird nicht nötig sein. Wir gehen nur kurz ins Hospital, um jemanden abzuholen, dann machen wir uns wieder auf den Weg«, meinte Anker hochnäsig seine Fingernägel betrachtend.
»Sehr wohl, werte Botschafter, sehr wohl«, sagte der schlaksige Mann und verbeugte sich tief, als Anker und Keli an ihm vorbeigingen. Keli fühlte sich ein bisschen verlegen, aber zugleich auch belustigt. Nie hatte ihr irgendjemand solchen Respekt entgegengebracht, und nun wurde sie plötzlich wie eine Prominente behandelt. Was würde noch alles auf sie zukommen?
Augenblicke später hatten sie das dunkle, mit langen Baumwurzeln überwucherte Klinikgebäude erreicht, das vor ihnen weit in die Höhe ragte. Anker trat durch die sich selbst öffnende Eingangstür. Keli folgte ihm zum Fahrstuhl, den sie auch schon verwendet hatten, als sie Loyd am Tag zuvor besuchten. Als sich der Fahrstuhl schloss, brach Anker in grölendes Gelächter aus.
»Entschuldige den Scherz eben. Wir wären natürlich auch mit dem Professorenausweis in den Campus reingekommen, aber ich wollte, dass du siehst, wie ein Diplomatenpass auf die Beamten wirkt. Einen solchen Effekt hat das meistens aber nur in gehobeneren Kreisen. Viele aus den unteren Schichten wissen nicht einmal, dass es ein solches Dokument überhaupt gibt. Hast du übrigens gehört, wie er sich anfangs verhaspelt hat? Er hat uns als ›Exzellenzen‹ angesprochen, obwohl man das nur bei Diplomaten aus anderen Staaten tut. Da wir Bürger von Lichterloh sind, sind wir ganz einfach ›Botschafter‹.«
»Alles klar. Ich werde es mir merken«, sagte Keli beherrscht, die sich die Gepflogenheiten der Hochrangigen so rasch wie möglich einprägen wollte.
Sie waren vor dem Krankensaal angelangt, in dem Loyd stationiert war. Als Anker die Doppeltür mit seinem Bauch aufstieß, war Loyd auf den ersten Blick nicht zu entdecken.
»Verflixt!«, brummte Anker resigniert lächelnd. »Wo treibt sich der Hecht wohl wieder rum?«
»Von wegen ›rumtreiben‹«, kam es aus der Ecke links neben der offenen Tür. Loyd saß im Schneidersitz auf einem Stuhl und ließ das massive Lehrbuch sinken, hinter dem sein Kopf versteckt gewesen war. Er hatte eine dicke Lesebrille aufgesetzt, die, wie Keli dachte, Loyd ziemlich affenartig aussehen ließ.
»Gewartet habe ich, und zwar die ganze Nacht. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir schon gestern Abend aufbrechen können«, sagte Loyd vorwurfsvoll.
»Loyd, eins nach dem anderen. Du hast körperlich und seelisch eine schwere Zeit hinter, sowie vor dir. Und überhaupt, ›aufbrechen‹? Wohin es geht und warum die Expedition überhaupt angeordnet wurde, weißt du ja noch nicht einmal«, stellte Anker in ernstem Ton klar und stapfte mit finster verengten Augen auf ihn zu. Ankers gigantischer Schwabbelbauch kam wenige Zentimeter vor Loyds Knien zur Ruhe. Er neigte seinen Kopf vor und blickte auf den dicken Wälzer hinunter, den Loyd noch immer offenhielt. Loyd verzog sein Gesicht gleichermaßen zu einer skurrilen Grimasse und sah böse zu ihm auf.
»Mhm, mhm, du bist jetzt erst an deinen Hausaufgaben? Die Ferien sind bald vorbei und unser lieber Loyd ist noch nicht einmal fertig mit seinen Arbeiten. Was soll ich denn davon halten? So geht das aber gar nicht. Ich glaube, ich muss aufhören, dir Vorträge zu halten und dir lieber mal die Leviten lesen!«, rüffelte Anker, dessen Stimme zunehmend lauter geworden war. Keli wusste nicht, was da vor sich ging, oder warum Anker auf einmal so wütend war. Würde die Lage eskalieren? Würden sie sich … würden sie sich etwa schlagen? Dann brachen beide, Loyd und Anker, in schallendes Gelächter aus. Loyd hüpfte auf die Beine und tauschte einen heftigen Handschlag mit Anker. Anschließend klopfte ihm Anker freundschaftlich auf den Rücken. Keli stand vollkommen baff da und verstand die Welt nicht mehr.
»Altes Haus. Ich habe echt gedacht, du würdest ohne mich losziehen, als ich nicht von Hildenberge wegkonnte«, sagte Loyd beschwingt.
»Unsinn! Als mich deine zweite Lichtmail aus Hildenberge erreichte, in der du die Geräusche aus dem Gletscher und das Erdbeben erwähntest, habe ich mich sofort mit einem Rettungstrupp auf die Socken gemacht, um nach deiner Familie und dem Rest des Dorfes zu sehen. Leider war es schon zu spät und die Lichtmails, denen wir dann als Wegweiser folgten, haben uns schließlich bis zum Laternenweiher gelotst, wo Keli versuchte, dich huckepack zu nehmen. Du hast wirklich eine intelligente und tapfere Schwester, und du solltest stolz auf sie sein.«
Loyd seufzte plötzlich tief und senkte den Blick entmutigt zu Boden. »Verdammtes Unglück. Ich kann noch immer nicht fassen, was passiert ist«, flüsterte er voller Kummer und ballte dabei die Hände zu Fäusten.
»Keli, komm her!«, winkte sie Anker zu sich. Keli trat zu den zweien hinzu, woraufhin Anker den Blick der trauernden Geschwister suchte. »Hört mal zu, ihr beiden. Es tut mir unendlich leid, was euch, euren Eltern und der Gemeinde Hildenberge widerfahren ist, aber man kann es nicht mehr ändern. Ich weiß, es ist hart, aber lasst uns gemeinsam nach vorne blicken, denn was man beeinflussen kann, ist einzig die Zukunft, sonst nichts. Wir alle haben eine schwierige Zeit vor uns und müssen unsere Kräfte bündeln und vereinen, um dem entgegenzutreten, was uns unseren gesamten Fokus abverlangen wird. Loyd, ich habe es gestern Keli schon mitgeteilt: Eure Eltern sind vielleicht noch nicht verloren. Wenn sie tatsächlich von einem Sonnenloch verschluckt wurden, besteht die Chance, dass sie noch leben.«
»Ich wusste es!«, jubelte Loyd urplötzlich und machte einen Luftsprung.
»Schhhhh!«, zischte Anker, als ein Krankenpfleger, der gerade mit dem Versorgen der bandagierten Kinder aus Hildenberge beschäftigt war, empörte Blicke zu ihnen hinüberwarf.
»Ok. Von jetzt an wird nur noch geflüstert«, bedeutete Anker leise. »Also, die Sache ist die: Der Vorgang der Sonnenlochinfiltration ist tatsächlich in einem Schriftstück der frühen Neuzeit beschrieben und ich weiß, dass ich schon mal über diesen Mechanismus gelesen habe. Nur, das Dokument wird, so vermute ich, irgendwo in der Sonderabteilung der Universitätsbibliothek des Lichterloh-Campus verwahrt. Einerseits müssen wir es zuerst suchen und andererseits werden wir wegen der Überschwemmung für einige Wochen nicht in die Nähe von Hildenberge gelangen können. Lasst uns diese Angelegenheit, sobald wir aus Kael zurück sind, in Angriff nehmen. Bis dahin sollten die Bergungsleute den Weg wieder freibekommen haben. Loyd, nun zu dir«, sagte Anker kurz angebunden und fixierte ihn scharf. »Ich habe dich gestern Abend über meinen Entscheid, Keli ins Zentrum mitzunehmen, per Lichtmail unterrichtet und ich denke, die Botschaft ist auch angekommen. Hast du dagegen etwas einzuwenden?«
Loyd sah nachdenklich drein. Gerade eben war er noch strikt dagegen gewesen, dass Keli mitkam und hatte Anker eigentlich von seinem risikoreichen Vorhaben abbringen wollen. Keli war noch viel zu jung und unbesonnen, um dem Schrecken im Geschwärzten Zentrum standhalten zu können. Doch mit der neu erlangten Aussicht darauf, dass ihre Eltern vielleicht noch lebten, änderte sich natürlich eine Menge. Diese positive Aussicht könnte als Motivationsspender in den finsteren Gassen Kaels dienen, sodass Keli fähig wäre, sich auf dem Weg dorthin emotional über Wasser zu halten. Und es machte zugegebenermaßen auch Sinn, falls Ankers Theorie über die Vierfingrigen stimmte, dass Keli am besten bei ihm und Anker aufgehoben war.
Viel einwenden konnte er ohnehin nicht; er sprach immerhin mit einem der respektabelsten Professoren im ganzen Laternenwald.
»Tja, wenn es nicht anders geht …«, wisperte Loyd geringschätzig. Er schaute Keli nicht an, und diese wiederrum war aufgrund von Loyds Haltung ein wenig irritiert.
Wieso sprach Loyd so, als wäre sie ein fünftes Rad am Wagen? Schon wollte Keli den Mund öffnen, um Loyd zu vermitteln, es sei genau genommen seine Schuld, dass ihre Eltern heute nicht unter ihnen weilten, doch Anker war schneller: »Dann wäre das also geklärt. Du stimmst zu. Das Expeditionsteam trägt die Verantwortung für Keli.«
»Jaja, es wird wohl das Beste sein.«
»Gut, dann wäre das Thema hiermit abgeschlossen. Und nun zum Wesentlichen. Wie ihr wisst, habe ich Keli – äh, ich meine natürlich dich, Loyd – vor einigen Tagen für eine dringende Expedition nach Lichterloh bestellt.« Anker fasste sich ans Genick und fing hektisch an, dieses zu reiben, als litte er an einem steifen Nacken. »Professor Simimund, der in der Forschungsstation 1 den Zustand der Überschwärzung und des Unlichts überwacht, berichtete mir in einer Lichtmail, das Unlicht würde sich seit wenigen Tagen in exponentieller Geschwindigkeit vermehren und könnte ohne Gegenmaßnahmen in wenigen Wochen bis zu den inneren Mauern des Schwarzen Vorhangs vordringen. Selbst der hunderte Meter dicke Wall kann das Unlicht nur temporär aufhalten. Wenn es durch die Grotten des Vorhangs nach draußen gelangt, haben wir ein mächtiges Problem. Deshalb müssen wir so schnell wie möglich herausfinden, was der Grund für die plötzliche Unlichtzunahme ist und unsere Erkenntnisse anschließend allen Regierungssitzen des Laternenwalds präsentieren. Nur so können wir alle Präfekturen dazu animieren, gemeinsam gegen das Problem vorzugehen. Ich selbst glaube, dass das seltsame Wetter in Hildenberge und der Einbruch des Bodens unter dem Dorf mit dem sich ausbreitenden Unlicht in Verbindung steht. Die Annahme stütze ich auf ein Ereignis, das euch sicherlich wohlbekannt ist: der erste Schneesturz, der dem Erfrorenen Dorf damals seinen Spitznamen einbrachte. Das geschah vor 160 Jahren, im Jahr 875 ab Neuzeit; und warum ich mich ausgerechnet an diese ungewöhnliche Jahreszahl erinnere, hat damit zu tun, dass eben auch in diesem Jahr das Unlicht außer Kontrolle geraten ist.«
»Ah, ›Die Schwarze Krise‹, darüber hast du mal im Unterricht gesprochen«, ergänzte Loyd, nachdenklich sein Kinn in die Hand stützend.
»Jo. Wichtig ist hierbei, dass sich die Krise und der Schneesturz des Erfrorenen Dorfs zeitgleich zutrugen. Damals steckte das Fürstentum Nihilis dahinter, dessen Leute im Zentrum illegale Experimente durchführten, um das Unlicht zu vervielfältigen – nicht unbedingt das, was wir hier in Lichterloh als sehr klug bezeichnen würden, stimmt`s? Jedenfalls hat man die Übeltäter erwischt und dem Fürstentum als Sanktion den Zutritt nach Kael bis auf Weiteres verboten. Damals spielte das Wetter im ganzen Laternenwald verrückt. Was wir aus dem damaligen Vorfall herleiten können, ist, dass es zwischen der Ausbreitung des Unlichts und dem jüngsten Schneesturz in Hildenberge einen Zusammenhang geben könnte. Gut. Das wäre einer der offenen Punkte, für den wir auf der Expedition ins Zentrum eine Antwort suchen werden.«
Loyd zog unverzüglich ein kleines Notizbüchlein hervor und begann, zu kritzeln. Mit der Streberbrille sieht er urkomisch aus, dachte Keli, die sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. So eifrig hatte sie ihren Bruder noch nie gesehen.
»Dann noch ein paar Formalitäten«, fuhr Anker fort. »Auf unserer Mission geht es diesmal in der Theorie darum, herauszufinden, warum sich das Unlicht so rapide vermehrt und in welchem Ausmaß es sich verbreitet – demzufolge auch, welche Konsequenzen dies für Lichterloh und die anderen Präfekturen haben könnte. In der Praxis ist es aber unser Ziel, herauszufinden, ob Lichterloh sich die Hände schmutzig machen und mit den anderen Präfekturen zusammen eine Lösung erarbeiten muss. Das ist der Zweck der Expedition und der Grund, weshalb sie überhaupt vom Staat verfügt wurde und finanziell unterstützt wird.«
»Oder, ob Nihilis, falls es erneut die Finger im Spiel hat, wieder einmal eingeheizt werden muss«, fügte Loyd verwegen hinzu.
»Du hast es erfasst«, sagte Anker anerkennend, einen wurstähnlichen Zeigefinger in Loyds Richtung schwenkend. »Am Ende der Mission werden wir alle Daten zusammentragen und einen idiotensicheren Rapport für den Regierungsrat erstellen, damit die Lümmel in der Behörde auch verstehen, welch komplizierte Sachverhalte die Welt da draußen zu verdauen verlangt.«
Loyd und Keli schmunzelten beide etwas träge in die Runde.
»Und schließlich«, Anker sprach so leise, dass die beiden die Ohren spitzen mussten, »werden wir herausfinden, ob ihr zwei nun Nachkommen von Lailac seid oder nicht. Hier ist dein Diplomatenpass, ab heute sechs Monate gültig, und der übliche Proviant.«
Keli sah Loyds Augen aufflackern, als er den Umschlag und den Rucksack entgegennahm.
Nachdem Loyd seinem zuständigen Arzt mehrmals beteuert hatte, er sei kerngesund und bei dessen aufkeimender Skepsis noch anfing, mit seinem frisch ergatterten Diplomatenpass herumzufuchteln, musste das Krankenhaus ihn wohl oder übel entlassen. Draußen strahlte das Mittagsgrün grell auf die üppigen Walddächer der Hochschule. Die drei Botschafter waren auf dem Weg zur Wasserbahn, einem Transportmittel, welches die Strömung von Wasser als Energiequelle nutzte, und mit dem man schnell und sicher durch die Städte und Dörfer Lichterlohs pendeln konnte. Lichterloh interessierte sich schon lange für Alternativenergie und versuchte, mit Mitteln, die kein oder nur wenig Licht verbrauchten, die täglichen Bedürfnisse der Bürger zu regeln.
Am Bahnhof Herbstfeld angekommen, stapfte Anker vor den Ticketschalter und beschaffte allen dreien einen Fahrschein nach ›Lichterloh-Hauptbahnhof‹. Eigentlich war es möglich, vom Hauptbahnhof aus die Untergrund-Wasserbahn zum Lichterloh-Campus der HHF zu nehmen, doch auf diesen Fahrschein – wie Loyd bemerkte – hatte Anker verzichtet.
Sie durchschritten eine Untergrundpassage des Bahnhofs und tauchten neben dem wartenden Zug wieder auf. Keli war sehr aufgeregt. Das letzte Mal, als sie mit diesem Zug gefahren war, war sie zehn gewesen. Damals hatte sie höllische Angst gehabt, als sich das Gefährt in Bewegung gesetzt hatte. Der Zug war unzählige Abteile lang, was auch kein Wunder war, denn tausende Wesen waren täglich auf dieses Transportmittel angewiesen. Da es Feuertag war – Dienstag auf Kaelisch – und später Morgen noch dazu, war der Bahnhof gut passierbar und nur wenige Fußgänger waren unterwegs. Loyd war sogar der Auffassung, dass er noch nie so wenig Volk auf den Plattformen neben den mit Wasser gefüllten Schächten gesehen hätte. Tatsächlich stiegen nur ein älteres Pärchen und ein paar Studenten, die wahrscheinlich zum Campus in die Hauptstadt fuhren, mit ihnen ein. Wie immer in der Wasserbahn war es ein seltsames Gefühl, das Abteil zu betreten und sich durch die Sitzreihen zu bewegen. Je nachdem, wieviel Gewicht links und rechts im Zug verteilt war, schaukelte der Wagon hin und her wie ein kleines Boot.
Dann war Anker mit Einsteigen an der Reihe. Loyd und Keli, die bereits die Stufen ins Abteil bestiegen hatten, mussten sich an den Sitzlehnen vor ihnen festhalten, damit sie nicht hinfielen. Das alte Pärchen, das gerade dabei war, die Taschen in die Ablageflächen über ihren Köpfen zu verstauen, wurde unfreiwillig, aber zielrichtig in den Sitz katapultiert. Anker selbst hatte keine Mühe mit dem Gleichgewicht. Vielmehr stellte sich die Frage, wie er durch die Sitzreihen kommen sollte. Zum Glück waren die Sessel um die Achse schwenkbar. Umständlich drehte Anker die erste Sitzreihe Richtung Passiergang und ließ sich schwerfällig darauf nieder. Loyd und Keli nahmen in der Reihe vor ihm Platz. Die drei Rucksäcke verstauten sie auf der Gepäckablage über ihren Köpfen.
Die Fahrt ging los und die städtische Aussicht vor den Zugfenstern begann sich rasch zu verändern. Am Anfang waren die Gebäude noch turmhoch und waldbewachsen, dann nahm die Größe der Häuser allmählich ab, woraufhin sich dichte Sträucher und wuchtige Laubbäume im weiten Terrain breitmachten. Jetzt, da Keli zum ersten Mal so richtig bewusst wurde, wo sie sich befand, musste sie angesichts des vielen Waldes einfach staunen. In all den Ebenen zwischen Herbstfeld und Lichterloh schien die Natur praktisch unberührt. Vor drei Jahren noch war ihr der Dschungel jenseits der Fensterscheiben völlig egal gewesen; sie hatte sich damals die ganze Fahrt hindurch in ein Blattspiel vertieft. Doch nun konnte sie nicht anders, als das Fenster neben sich zu öffnen, um den üppigen Laubwald mit seinen gigantischen, moosbewachsenen Bäumen davor zu bewundern. Die Baumspitzen waren kaum erkennbar, als Keli den Kopf aus dem Fenster hinausreckte, so dicht war das Astwerk und so gewaltig die Stämme.
Der kühle Wind, wie auch die plötzlich in ihr aufkeimende Freude an der unmittelbaren Nähe zur Natur trieben ihr jähe Tränen in die Augen. Die vorbeirauschende Luft roch herrlich nach Kräutern und Pilzen. Eine Klangwelt von paradiesischen Lauten, die Keli nie zuvor gehört hatte, drang an ihre begierigen Ohren. Der Zug strömte an, von dichtem Moos und glitzernden Blumen umwachsenen Weihern vorbei, an denen sich kleine, farbenfrohe Kreaturen tummelten und ihr Leben augenscheinlich genossen.
Diese Welt da draußen, sie ist einfach nur traumhaft schön, dachte Keli berauscht. Was hatte sie in Hildenberge bloß alles versäumt? Was sie in diesem Augenblick vor sich sehen, hören, riechen und spüren konnte, dies war die grüne Welt; eine sich stetig bewegende Welt, die unbedingt von ihr entdeckt werden wollte.
Loyd stupste Keli an, in deren Augen er ein aufgeregtes Funkeln zu erkennen vermochte.
»Wahnsinn, nicht wahr? Als ich das erste Mal allein in diesem Zug nach Lichterloh saß, ging es mir genauso. Und das ist gerade mal ein klitzekleiner Teil des Laternenwalds. Auch die Flora und Fauna, also die Pflanzenwelt und die Wesen, die ein Gebiet bevölkern, sind an anderen Orten wieder ganz verschieden von diesen hier«, erklärte Loyd an Keli gewandt.
Keli sah Loyd erstaunt an. »Ich wusste gar nicht, dass der Laternenwald so interessant ist. Ich meine, was sind das alles für Wesen da draußen? Wie groß ist der Wald überhaupt?«
»Genau das versuchen wir in der ›Exploration‹ herauszufinden, weißt du? ›Explorieren‹ ist ein sehr altes Wort und hat seine Wurzeln in der Ursprache ›Englisch‹, in der es ›auskundschaften‹ bedeutete.«
Dann hob Loyd die Hand und begann, an den Fingern aufzuzählen, mit welchen Disziplinen das Studium zu tun hatte: »Hauptsächlich geht es bei der Exploration darum, herauszufinden, wie groß die Flächen des Laternen- und Sternenwalds sind, was dort lebt und wächst, wie viele Sonnenlöcher es gibt, ob es noch andere Menschenwesen und Urwesen gibt, welche die Universale Fusion überlebt haben, ob die neu entdeckten Gebiete bewohnbar sind, was für Gefahren dort draußen lauern und natürlich, ob sich eine Lösung für die Unlichtplage finden lässt. Von Unlicht hast du schon mal gehört, oder?«
»Ja, Anker hat mir davon erzählt.«
»›Anker‹?«, zischte Loyd aufgebracht. »Für dich heißt das ›Professor Ankerbelly‹.«
»Schon gut, Loyd. Ich habe ihr erlaubt, mich so zu nennen«, hallte Ankers Stimme von hinten zu ihnen herüber.
»Ach so – verstehe. Alles klar«, antwortete Loyd, sich albern vorkommend, weil er seine Schwester so angefahren hatte.
Natürlich hatte Anker Keli erlaubt, ihn so zu nennen. Sie war ja nun ebenfalls ein Mitglied des Teams. Aber er – er musste wieder ausrasten, und nun hatte er den ersten anständigen Dialog mit seiner Schwester seit dem Unglück in Hildenberge verdorben. Eigentlich wollte er sich für das Ereignis in der Berg-Rutschstation entschuldigen, als er Keli ohne Vorwarnung in den Schacht gestoßen hatte. Über sich selbst verärgert, neigte Loyd sich nach vorn, legte die Stirn auf seine geballte Faust und schloss die Augen.
Keli war bei Loyds Anfall zusammengezuckt und bestürzt darüber, dass er keine Anstalten machte, sich zu entschuldigen. Das war eine Seite an ihrem Bruder, die Keli nicht schätzte. Älterer Bruder hin oder her, man sollte sich entschuldigen, auch wenn der Fehler unbeabsichtigt gewesen war.
Loyd stand abrupt auf, ging zwischen den Sitzreihen hindurch und verschwand anschließend im Klo am Ende des Abteils. Loyd blieb eine ganze Weile weg, und Keli fragte sich schon, was er so lange trieb, als die Klotür wieder aufging und er durch die Reihen zurückgetorkelt kam. Er sieht alles andere als frisch aus, fand Keli. Loyd setzte sich wieder hin, verschränkte die Arme und schloss die Augen. Die Art und Weise, wie Loyd mit der Situation umging, war Keli zuwider. Auch sie verschränkte die Arme und stierte betrübt aus dem Fenster. So ein Idiot, dachte Keli wütend. Sie hatte rein gar nichts verbrochen. Was sollte dieses herablassende Getue? Vielleicht sollte sie ihn auf sein Verhalten ansprechen und ihm mal ihre Meinung geigen.
Doch dann schwappte Ankers Stimme erneut über die Sitzstützen: »Übrigens wurde Vigilanz-Stufe 5 ausgesprochen. Es ist höchste Vorsicht angesagt in Lichterloh. Unser Geheimdienst hat verlauten lassen, dass sie Informationen über einen möglichen Anschlag erhalten haben. Die Schmelzfront könnte schon wieder etwas aushecken, und darum sollten wir nicht ausgerechnet jetzt zu lange im Stadtzentrum herumlungern. Wir meiden auch die U-Wasserbahn und gehen zu Fuß zum Campus, das ist sicherer.«
»Das denke ich auch. Am besten begeben wir uns direkt zur Bibliothek, wo Naomi auf uns wartet«, erwiderte Loyd seitwärts um den Sitz herum.
»Diese Typen, die Schmelzfrontler«, begann Keli, die Ankers Mitteilung in diesem Moment doch mehr bekümmerte als Loyds Blasiertheit. »Wenn doch Lichterloh einen Wall um die Stadt gebaut hat und alle Leute, die ein- und ausgehen, kontrolliert werden, wie können sie dann in Lichterloh einen Anschlag verüben? Die kommen doch aus Atlas, oder etwa nicht?«
Loyd, der Kelis Frage als Zeichen der Versöhnung verstand, sagte nun wieder etwas heiterer: »Meine Theorie ist, dass die Terroristen ihre Spione schon längst in Lichterloh eingeschleust haben und so von innen ihre Attentate planen. In Lichterloh wird oft gemunkelt, dass die Schmelzfront insgeheim eine durch Atlas’ Regierung gestützte Geheimorganisation wäre, die das extremistische Verhalten der Attentäter nur als Vorwand nutzte, um sich während eines Anschlags im unweigerlich folgenden Chaos Zutritt zu gesicherten Gebäuden zu verschaffen. Es heißt, Atlas schicke diese Leute, um in Bunkern und Tresorräumen nach Artefakten wie dem Kaelischen Index oder der Lichterlohenen Weinbeere zu suchen.«
Der Ausdruck ›Lichterlohene Weinbeere‹ hatte eine seltsame Auswirkung auf Kelis Gedächtnis, den sie nicht so richtig einordnen konnte. Sie wollte sich gerade erkundigen, was es mit dieser interessanten Frucht auf sich hatte, als die Abteiltür aufging und ein Kontrolleur, gefolgt von einer uniformierten Stadtwache, hereingetreten kam. Keli erkannte sofort das geschwärzte Holzschwert, das die Wache trug. Davon hatte sie schon gelesen und fand es aufregend, eines aus nächster Nähe bestaunen zu können. Wenn sie sich richtig erinnerte, diente die negative Ladung dazu, einen Widersacher mit einem Treffer per Lichtentzug kampfunfähig zu machen.
Der Kontrolleur prüfte gerade die Fahrkarten und die Reisepässe des alten Pärchens, das einige Reihen vor ihnen saß.
»Zückt eure Tickets und Pässe«, forderte Anker das Lanthorn Geschwisterpaar auf.
Sie brauchten nicht lange, bis die wohlumsorgten Ausweise in ihren Händen parat lagen. Als Kontrolleur und Wache nähertraten, winkte Ankers Diplomatenpass über die Lehnen und seine Stimme gellte abermals durch das Abteil: »Herr Kontrolleur – hier rüber bitte.«
Der untersetzte Mann kam mit zusammengekniffenen Augen näher.
»Ausweis- und Fahrkartenkontrolle«, ließ er offiziell verlauten.
»Jaja, schon gut«, sagte Anker abschätzig. »Letztendlich bräuchten wir ja nicht einmal ein Ticket.«
Der Kontrolleur verstand nicht, was Anker meinte und sah nur flüchtig auf die drei Fahrscheine, als alle Farbe aus seinem Gesicht wich.
»Donnerwetter. Salbo, komm … komm schnell her!«, stammelte er.
»Soso, haben wir die blinden Passagiere wieder einmal auf frischer Tat ertappt?«
»Nein, Salbo. Keine b-blinden Passagiere. Bo-Bo-Botschafter«, stotterte der Kontrolleur.
»Oh, tatsächlich? Moment, ich komme«, sagte Salbo überrascht und trat auf die Sitzreihe zu, wo Loyd und Keli mit verdatterten Gesichtern saßen.
Die restlichen Leute im Wagon hatten die Bemerkung des Kontrolleurs nicht überhört und steckten nun neugierig die Köpfe in den Passiergang, um einen Blick auf die Prominenten zu erhaschen. Loyd und Keli schauten verlegen drein und wussten nicht recht, was sie sagen sollten.
»Dürfte ich mal sehen?«, bat Salbo Loyd höflich.
»Ja, natürlich.«
»Moooment.« Ankers Hand fuchtelte wieder in der Luft umher. »Bitte, kommen Sie hierher, zu mir. Sofort!«
Salbo ging ohne Widerrede am Kontrolleur vorbei und begab sich vor Ankers aus der Reihe quellenden Bauchspeck.
»Wir wollen einfach nur unsere Ruhe haben – verstehen Sie?«, sagte Anker mit schneidender Stimme. »Veranstalten Sie hier kein Theater, wenn ich bitten darf. Wir sind Abgesandte des Staates und wollen nicht gestört werden. Damit sollte alles geklärt sein.«
»Verzeiht unser unwürdiges Auftreten, Herr Botschafter«, sagte Salbo respektvoll, doch nicht eingeschüchtert wie der Kontrolleur neben ihm. »Wir werden uns selbstverständlich unverzüglich zurückziehen, doch erlaubt uns, im Abteil nebenan zu verweilen, bis wir in Lichterloh angekommen sind, um Eure Sicherheit zu gewährleisten. Die Vigilanz-Stufe ist zurzeit erhöht, und wir sind angewiesen, für den Schutz aller Gäste zu sorgen, besonders, wenn es sich um VIP-Kundschaft handelt.«
»Sie scheinen Ihre Arbeit zu verstehen. Ich verlasse mich auf Sie«, versetzte Anker brüsk.
Salbo verbeugte sich tief und gab dem erstarrten Kontrolleur nebenan einen Klaps, der sich, etwas verspätet aus seiner Starre erwachend, ebenfalls übertrieben tief verneigte. Dann verschwanden sie hinter der Tür, die zwei Wagonabteile miteinander verband und die wenigen Leute, die noch immer ihre Köpfe reckten, zogen diese tuschelnd wieder ein. Eine Durchsage ließ verstehen, dass sie in einer halben Stunde in Lichterloh-City ankommen würden.
»Schon krass, wie die alle reagieren, wenn man so einen Pass besitzt«, bemerkte Keli und gluckste leise vor sich hin.
»Jetzt weiß natürlich der ganze Zug, dass Zielscheiben der Schmelzfront nach Lichterloh fahren. Wirklich toll!«, murrte Loyd verärgert.
Anders als Keli wirkte Loyd wieder genervt. Er konnte es nicht leiden, wenn Anker seine diplomatische Überlegenheit demonstrierte. Für ihn war es einfach falsch, Autorität auf diese Weise auszuüben, wenn sie doch für einen ganz anderen Zweck gedacht war. Je mehr Macht man besaß, umso weniger sollte man sie zeigen. Das hatte er bei anderen Dozenten wie Professor Tottoy zu schätzen gelernt. Dazu kam, dass Anker Keli ein falsches Bild von der akademischen Welt vermittelte. Ehe sie nach Kael aufbrechen würden, musste er unbedingt mit Keli noch einmal unter vier Augen sprechen, um sie über die Gefahren und grundlegenden Verhaltensweisen eines staatsvertretenden Wissenschaftlers aufzuklären. Im Hotel heute Abend würde er sie darauf ansprechen.
Sie machten gerade Halt am ersten Bahnhof seit dem Verlassen von Herbstfeld. »Kunterbunt«, konnte Keli auf einer digitalen Tafel über der Tür am Ende des Abteils lesen. Als ihr Loyds finsterer Gesichtsausdruck auffiel, sank ihr Herz wieder in die Hose. Was ist ihm nun wieder über die Leber gekrochen?, dachte Keli verdrießlich. Wieso um Himmels Willen war ihr Bruder in letzter Zeit immer so schlecht gelaunt? Hatte er vielleicht doch etwas dagegen, dass sie auf der Mission mit dabei war? Oder war er etwa eifersüchtig auf ihre gute Beziehung zu Anker? Von Loyds Trübsinn angesteckt und über hundert möglichen Gründen brütend, warum Loyd eine missgestimmte Grimasse zog, sagte Keli bis zum Ende der Fahrt kein Wort mehr.
Die Aussicht draußen veränderte sich abermals von Hütten und Bauernhöfen zu Einfamilienhäusern, dann zu breiten Straßen, auf denen einzelne Gefährte und Wesen hin- und herstreiften, bis die Gebäude so riesig wurden, dass man deren Dächer vom Zugfenster aus gar nicht mehr erkennen konnte. Einzig die langen Äste und Wurzeln, die man an den Fassaden der Hochbauten herunterhängen sah, deuteten darauf hin, dass die Gebäude nicht unendlich hoch waren. Ein Werbeplakat nach dem anderen zog an Kelis Augen vorbei: »Willkommen in Lichterloh, in der Stadt der grünen Tugend« … »Greenhill Luxury-Resort, 2 Minuten zu Fuss« … »CloudX – das naturtrübe Siebbier – jetzt auch mit Rosinengeschmack«. Keli zuckte für einen Augenblick auf.
»Siebbier« – das war das Zeug, das die Leute in der Lailac-Straße getrunken hatten. Was würde sie geben, um jetzt schon sechzehn zu sein. Sie wollte alles probieren, was die Welt zu offerieren hatte, jetzt, wo das Schicksal ihr den Weg in den Laternenwald eröffnet hatte. Ursprünglich war es – im Gegensatz zu Loyd – Kelis Absicht gewesen, für immer in Hildenberge zu bleiben und die Arbeit ihrer Familie fortzuführen, doch der Ausblick auf die Vielfalt und schiere Größe des Laternenwalds ließen diesen Lebensweg das erste Mal in ihrem Leben in Vergessenheit geraten. Sie würde alles versuchen, von allem kosten, die Zeit als Prominente bis zum Äußersten ausschöpfen, und Siebbier gehörte ab sofort ganz oben auf ihre Prioritätenliste. Und Loyd würde ihr ihre neuen Vorsätze mit seiner schlechten Laune nicht verderben.
Der Zug begann, langsamer zu werden. Die Lautsprecher ertönten erneut: »Endstation – Lichterloh-Hauptbahnhof. Willkommen in der Stadt der grünen Tugend. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Bitte achten Sie darauf, kein Gepäck im Zug zurückzulassen. Wir bedanken uns, dass Sie heute mit der Intercity-Wasserbahn gefahren sind und freuen uns, Sie bald wieder begrüßen zu dürfen.«
Kelis Herz begann, schneller zu pochen. Sie waren in Lichterloh angekommen, in der Stadt, von der aus das Abenteuer seinen Lauf nehmen würde.
Tiefschwarzer Abgrund
Die himmlischen Scheiben schütteten ein angenehmes, dunkles Mittagsrot auf die Stadt. Die Zweige der vielen Bäume an Straßenecken und Alleen tanzten glitzernd im kühlen Wind. Es war ruhig in Lichterloh – viel ruhiger als sonst, bemerkte Loyd, als die Gruppe die Rolltreppen hinauf in die Hauptetage des Hauptbahnhofs nahm, auf der es zwischen den hunderten von Läden normalerweise nur so von Touristen und Businessleuten wimmelte. Auch die breiten Boulevards, die sich vom Bahnhof in alle Himmelsrichtungen erstreckten und auf denen sonst fast kein Durchkommen war, offenbarten sich den dreien fast leer. Der Raum zwischen den prächtigen, mehrere Jahrhunderte alten Hochhäusern der Altstadt kam einem an diesem Tag viel zu geräumig vor; weit und ausgestorben. Hier und dort waren Grüppchen von Stadtwachen mit ihren geschwärzten Holzschwertern und dunkelblauen Filzhüten, an denen je nach Rang eine größere und buntere Feder steckte, unterwegs.
Das noch unvollständige Expeditionsteam traf kurz darauf am Greenhill Luxury-Resort ein, wo sie diese Nacht zu verbringen beabsichtigten. Anker verschwand rasch im Eingangsbereich des Hotels, um sich zu erkundigen, ob sie ihr Gepäck schon auf die Zimmer bringen konnten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Gäste vom Vorabend – wahrscheinlich wegen der erhöhten Vigilanz-Stufe – noch nicht abgereist waren. Da es Anker als zu riskant einstufte, ihre Habseligkeiten an der Rezeption zu deponieren, mussten sie ihre schweren Rucksäcke wohl oder übel auf ihren Schultern mitschleppen, bis sie mit Naomi später zurückkehren würden.
Kaum hatten sie Kurs auf den Lichterloh-Campus genommen – Anker hatte die beiden Geschwister zuvor wiederholt darauf hingewiesen, die Augen nach verdächtigen Personen und Objekten offen zu halten –, als aus einer Nebenstraße eine einzelne Stadtwache gebogen kam.
»Hey, ihr da! Stehen geblieben!«, bellte die grau uniformierte Wache ihnen rau entgegen. Dem jungen Mann stand eine große, gelbe, schwarz gepunktete Feder vom Hut ab.
»Was soll das? Haben wir etwas verbrochen?«, warf Anker zurück, wobei er verwirrt umherblickte.
»Sie wissen, dass den Bürgern Lichterlohs geraten wurde, zu Hause zu bleiben. Ihre Ausweise bitte, zack-zack«, befahl die Wache heiser.
»Wer glauben Sie eigentlich, wer wir sind!«, entrüstete sich Anker mit zunehmend zorniger Stimme. »Wir sind Professor und Studenten der HHF und Gäste in diesem Hotel. Sollte daran etwas verboten sein?«
Der Groll in Ankers Stimme ließ Keli und Loyd hinter ihm kleiner werden. Der Wachmann hob die Augenbrauen und seine Gesichtszüge schienen sich zu versteinern.
»Ich bin Prorektor der HHF, erhabener Vorsprecher des Regierungsrats und Gründer, sowie Leiter des Gurkenclubs: Don Loglovski Ankerbelly von Lichterloh, von Morimura! Und das«, er wies mit der offenen Hand auf Loyd und Keli, »sind meine werten Botschafterkollegen. Wenn Sie darauf bestehen, jetzt noch unsere Pässe einzusehen, dann fühle ich mich gezwungen, nach Ihrem Namen, Ihrer Einheitsnummer und dem Namen Ihres Kommandanten zu fragen.«
»Schon gut, gehen Sie weiter«, sagte der Mann in gedämpftem Ton. Ein eisiges Grinsen machte sich auf seinem Gesicht bemerkbar, dann schritt er mit gesenktem Kopf an ihnen vorbei und verschwand in einer Gasse hinter dem Hotel.
Die drei sahen ihm verblüfft hinterher, bis er aus ihren Augenwinkeln verschwunden war. Außer Hörweite zog Anker über die Wache her: »Das ist mir ja noch nie untergekommen. Was glauben diese Kerle eigentlich, wer sie sind? Zuerst belästigen sie uns auf dem Intercity und jetzt auch noch inmitten der Hauptstadt – und dann noch frech grinsen. Also wirklich«, dröhnte Ankers Stimme empört durch die leere Straße.
Während die Gruppe ihren Marsch Richtung Lichterloh-Campus fortsetzte und Anker seiner Missstimmung weiterhin Luft machte, blickte Loyd immer wieder wachsam über die Schulter. Nach einer Weile schwächte sich Ankers schmähender Monolog endlich ab, bis man nur noch hie und da Bemerkungen wie »diese respektlosen Hohlköpfe« und »Wenn mir dieser Kerl noch einmal unter die Augen tritt, dann setzt es was«, vernahm.
Loyd ärgerte sich darüber, dass Anker so unvorsichtig war und mit seinem unbeherrschten Wutausbruch einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Glücklicherweise kamen sie zehn Minuten später ohne weitere Zwischenfälle am Wachhäuschen des Lichterloh-Campus der Hochschule von Herbstfeld an. Wie in Herbstfeld selbst, war eine massive stählerne Einfriedung um das Areal herum angelegt. Anker schien vorübergehend seinen Spaß mit dem Diplomatenausweis verloren zu haben und zeigte dem Beamten an den Schranken lediglich sein Professorenkärtchen. Anker winkte die beiden Lanthorn Geschwister, die vor dem Häuschen warteten, in seine Richtung. Zusammen betraten sie jenen Stadtteil Lichterlohs, dessen Zugang nur autorisierten Personen der Universität vorbehalten war.
Die Gebäude ringsum erinnerten an jene des Hauptcampus in Herbstfeld, mit dem Unterschied, dass die Bauten hier einerseits viel neuer und gepflegter erschienen und sich andererseits zwischen den Gebäudefassaden im Luftraum kreuz und quer von Kletterpflanzen umwachsene Glasübergänge erstreckten.
Keli musste zweimal hinblicken, um die eigentümliche Architektur der Anlage zu erfassen. Manche Glaspassagen waren gerade ausgelegt, manche hatten schon eine gewisse Steigung und schienen ein Stockwerk des einen Gebäudes mit demjenigen eines anderen zu verbinden. Abermals andere Luftbrücken enthielten offensichtlich steile Rolltreppen, mit denen die extreme Steigung überwunden werden konnte. Keli staunte nicht schlecht, als sie vor der präfekturalen Bibliothek angekommen waren. Sie hatte sich unter der größten Bücherei Lichterlohs etwas anderes vorgestellt. Das Gebäude, oder vielmehr das strukturlose ›Gebilde‹, ähnelte eher einem mächtigen, hölzernen Iglu, aus dessen Fassade kleine Oasen von Wildblumen herauswuchsen, was Keli an Ankers recht lückenreichen Schädel erinnerte.
Die Botschafter durchschritten die auf Hochglanz polierte, automatisierte Glastür und betraten die Eingangshalle der Bücherei. Drinnen, so schien es Keli, war es sogar noch ruhiger als auf den leeren Straßen draußen. Keli trottete hinter Loyd her, der wiederum hinter Anker herschritt. In einer kleinen Karawane zogen sie an einer langen Theke vorbei, wo die kleine Besuchergruppe von mehreren Rezeptionisten mit einer tiefen, tonlosen Verbeugung begrüßt wurde. Als sie an den Regalen, in welchen die aktuellste Lektüre ausgestellt wurde, vorbei waren, betraten sie durch ein mächtiges Holztor die eigentliche Bibliothek.
Keli fielen schier die Augen aus dem Kopf, so überwältigend war der Anblick: Hunderte Bücherregalreihen aus dunklem Holz türmten sich terrassenförmig von allen Seiten des Saales bis zur gewölbten Decke hinauf. In der Mitte der Halle waren rund drei Dutzend Holztische aufgestellt, an denen Leute lasen, auf ihren Lichttafeln schrieben oder ihren Kopf umarmend auf den Tischflächen vor sich hindösten. Anker drehte sich vor einer mit weinrotem Teppich ausgelegten Treppe um und wartete, bis Loyd und Keli nahe genug waren, um leise mit ihnen sprechen zu können.
»Ich sehe, die Bibliothek gefällt dir«, sagte Anker leise, weil er Keli ihre Begeisterung vom Gesicht ablesen konnte.
»Sie ist fantastisch. Ich wusste nicht, dass es sooo viele Bücher gibt. Ich wünschte, ich könnte sie alle lesen«, flüsterte Keli, die seit kurzem einen zunehmenden Drang verspürte, sich neues Wissen anzueignen. In Ankers Gegenwart erschien auch alles viel interessanter, da er einfach auf jede Frage eine lehrreiche Antwort wusste. Vor einer Woche noch hätte sie nicht im Traum daran gedacht, bei der Aussicht auf ein Meer von Büchern so berührt zu sein. Auch die Anwesenheit von all den in den Wissensschatz der Vergangenheit versunkenen Lernenden ließ ihre Seelenkerze weiter aufflammen. Was sie wohl alle studierten und welche Weltanschauungen sie wohl vertraten? Irgendwann würde sie hierher zurückkommen und dieser Frage auf den Grund gehen.
»Ich freue mich, dass du solchen Gefallen am Bewusstsein der Welt findest. Wisst ihr, es gab nicht immer so viele Bücher in der Neuzeit. Lange brauchte man Licht, um Informationen zu lagern, was ebenfalls zur Überschwärzung von Kael beigetragen hat – erst seit sich Lichterloh seine Unabhängigkeit erstritten hat, wurde man in dieser Präfektur dazu angehalten, Wissen wieder vermehrt auf Buchseiten festzuhalten und es durch lesen zu erlangen. Dieser Ort, Keli, ist der wahre Schatz von Lichterloh«, flüsterte Anker nun wieder gut gelaunt wie eh und je.
»Das sehe ich auch so«, pflichtete ihm Keli bei, die mit vor Staunen offenem Mund und funkelnden Augen dastand. Sie blickte der hohen, mit detaillierten Schnitzereien verzierten Holzdecke entgegen und drehte sich dabei leicht im Kreis.
»Keli, wenn wir aus unserer Mission erfolgreich zurückgekehrt sind«, sagte Anker plötzlich etwas lauter, »werde ich persönlich dafür sorgen, dass du an der HHF einen Studienplatz deiner Wahl bekommst.«
Keli strahlte über das ganze Gesicht und Loyd, dem die Bemerkung keineswegs entgangen war, zog eine beleidigte Schnute.
»Gut. Als nächstes ist ›Naomi suchen‹ angesagt. Sie muss hier irgendwo sein. Wer sie zuerst findet, kriegt von mir am Abend ein Siebbier spendiert«, ließ Anker schelmisch verlauten.
Beide Lanthorn Geschwister stürmten sofort los: Keli, weil sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, ein Siebbier zu probieren, und Loyd weil er nicht zulassen konnte, dass Keli mit ihren dreizehn Jahren in den Genuss von Alkohol kam. Eigentlich hatte Loyd Ankers wettkämpferische Ansage verbal anfechten wollen, doch hatte er es sich in der Gegenwart von den hunderten konzentriert arbeitenden Studenten ringsum anders überlegt und lief in Kelis entgegengesetzte Richtung los. Dann fiel ihm ein, dass Keli ja gar nicht wissen konnte, wie Naomi aussah. Loyd verlangsamte seinen Schritt und durchstreifte die erste Hochebene der Bibliothek. Wie konnte Anker Keli mir nichts dir nichts einen Studienplatz versprechen – und dann noch »nach ihrer Wahl«. Was sollte dieses karitative Getue?
Er beobachtete, wie Keli auf der anderen Seite der Ebene durch die Sitzbänke und Regalblöcke sauste. Ob Anker Keli vielleicht irgendeinen Hinweis zu Naomis Erscheinung gegeben hatte? Loyd ließ seinen Blick über die Fläche schweifen und nahm auch alle Personen, die an den vielen Tischen ganz unten arbeiteten, ins Visier, dann stapfte er die nächste Treppe hinauf. Er war gerade an der zweitobersten Hochebene angekommen, als er auf der anderen Seite der Halle Keli aufgeregt mit den Armen herumfuchteln sah. Loyd traute seinen Augen nicht. Als er bei Keli ankam, erkannte er einen Schemen bei einer Tischreihe, der ihm bekannt vorkam. Der halbe Oberkörper der Person war unter mehreren Stapeln Bücher begraben und ihr Kopf war erst gar nicht zu sehen. Anscheinend hatte sie sich auf der Tischfläche ein kleines Zimmer aus Büchern geschaffen, in welches sie ihren Kopf gebettet hatte. Warum Loyd Naomi überhaupt erkennen konnte, war zum einen, weil sie wie immer barfuß unterwegs war, und zum anderen wegen des größten Buchs im Umkreis, das neben ihr auf dem Teppichboden stand und an die Tischkante angelehnt war. »Die Artenfibel« war eines jener Mysterien des Biodiversitätsstudiums. Jeder Student in jener Akademie trug eines dieser Dinger umher, so klobig und schwer sie auch sein mochten.
»Du ewige Schlaubergerin. Woher hast du gewusst, dass das hier Naomi ist?«, fragte Loyd gegen seinen Willen beeindruckt.
»Ich habe nach der Person gesucht, die ich mir als Naomi vorgestellt habe«, antwortete Keli lässig. »Und die Bücher über Landgurken haben sie auch verraten. Anker hat mir nämlich erzählt, dass sie auch ein Fan dieser Wesen ist.«
Ehe Loyd dazu etwas erwidern konnte, öffnete sich neben ihnen ein Fahrstuhl und Anker kam herausgeschlurft.
»Gut gemacht, Keli. Jetzt muss ich mir ernsthaft überlegen, was ich deinen Eltern sagen werde, wenn wir sie aus dem Sonnenloch geborgen haben. Am besten bleibt das mit dem Siebbier unser kleines Geheimnis, nicht?«
Loyd sah bestürzt drein. Wie konnte Anker seine kleine Schwester zu gesetzeswidrigen Handlungen verführen?
»Loyd, mach kein solches Gesicht. Keli ist die klare Siegerin und daran gibt’s nichts zu meckern.« Loyd verspürte einen schmerzhaften Stich in seinem inneren Selbst. Verloren? Er? Moment mal – darum ging es doch gar nicht! Er wollte bloß verhindern, dass Keli einer strafbaren Situation ausgesetzt würde. Oder trog ihn sein Gewissen etwa? Konnte es sein, dass er eifersüchtig auf seine Schwester war?
Anker war unterdessen vor Naomi getreten und stupste sie, während Loyd etwas abseits noch mit seinem Gewissen haderte, am Rücken an, der von ihrem langen, kastanienroten Haar fast komplett verdeckt war. Sie rührte sich nicht; nur ihr Oberkörper bewegte sich im gleichen Rhythmus kaum merklich auf und ab.
»Es sieht so aus, als müssten wir wohl andere Saiten aufziehen«, sagte Anker vergnügt. Er neigte sich vor und streckte seine Hand nach der Artenfibel aus, als ein erstickter Schnarcher zu hören war und Naomis Hand blitzschnell Ankers Handgelenk ergriff. Keli sah dem Geschehen mit angehaltenem Atem zu.
»Was soll das, du Schuft?«, kam es dumpf aus dem Bücherhaufen.
Anker grinste verwegen. »Das Band der Bücher«, erklärte er an Keli gewandt. »Diese Biodiversitätsstudenten sind so mit ihren Fibeln verheiratet, dass man sie ihnen nicht einmal, während sie schlafen, abluchsen könnte.
»Anker, bist du das?«, schmatzte Naomi schlaftrunken.
Sie richtete sich auf, wobei einige Bücher vom Tisch rutschten, und begann müde blinzelnd mit der Hand, ihr zerzaustes, mahagonibraunes, fast hüftlanges Haar zu kämmen. Sie hatte ein gutmütiges Gesicht und trug eine grasgrüne Brille mit dicken Rändern, die ihr, wie Keli fand, ziemlich gut stand. Naomi sah in die Runde, wobei ihr Blick an Keli hängen blieb und sich ihre Augen weiteten.
»Nanu, wer bist denn du?«, fragte sie verwirrt lächelnd.
»Das ist Keli, von Herbstfeld, Hildenberge«, erklärte Anker mit der Hand auf Kelis Schulter. »Sie ist Loyds Schwester, von der ich dir im Lichtmail erzählt habe, und wird uns auf die Expedition begleiten.«
Naomi tippte sich an die Schläfe. »Natürlich, jetzt fällt es mir wieder ein. Freut mich, Keli, Naomi ist mein Name. Naomi Gildenhof von Solaspitz.«
Sie streckte ihr die linke Hand hin und Keli tat es ihr gleich, wenn auch mit einigen Sekunden Verzögerung.
»Naomi ist unsere Spezialistin im Bereich Biodiversität. Sie ist auf unserer Mission zuständig dafür, die Wesen und Pflanzen im Zentrum zu untersuchen und auffällige Veränderungen in der Biosphäre zu dokumentieren.
»Freut mich auch«, stammelte Keli auf Naomis tiefschwarze Augen fixiert. Der Glanz in ihren Augen erinnerte Keli an das dunkle Gletschereis in Hildenberge und hatte etwas undefinierbar Trauriges an sich. Dann spürte Keli, wie Naomi ihre Hand unvermittelt zu sich hinzog.
»Mensch! Das gibt’s doch nicht. Du hast tatsächlich auch nur vier Finger an der Hand«, flüsterte sie aufgeregt in die Runde.
»Warum hast du uns das nie erzählt?«, zischte sie Loyd zu, der ebenfalls nähergetreten war.
»Mir wurde immer gesagt, wir hätten einen Geburtsfehler – darum«, gab Loyd säuerlich zurück.
»Wahnsinn!«, sagte Naomi, Kelis Hand von allen Seiten bestaunend.
Keli starrte ein bisschen weggetreten in die Ferne. Die warmen, zarten Hände, welche die ihren umschlangen, fühlten sich seltsam benebelnd an.
»Reiß ihr mal nicht die Hand ab, Naomi. Wenn sie ein Erbe Lailacs ist, sollten wir das lieber unterlassen, nicht?«, sagte Anker und grinste noch breiter.
Naomi lockerte ihren Griff und Keli zog ihre Hand ernüchtert wieder zurück.
»Jetzt sind wir ja schon zu viert«, sagte Anker leise, aber mit heraushörbarem Enthusiasmus. Ich habe zwei große Suiten im Greenhill reserviert – die besten, die ich kriegen konnte. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, Naomi, mit Keli heute Abend die Räumlichkeiten zu teilen. Es ist eine Ambassador-Suite mit zwei separaten Schlafzimmern – daher denke ich nicht, dass ihr euch gegenseitig stören werdet.«
Naomi deutete mit einem freundlichen Nicken an, dass sie nichts einzuwenden hatte und lächelte Keli fürsorglich zu. Keli jedoch, in deren Brust sich gerade ein anschwellender Ballon breitmachte, hatte keiner gefragt. Sie sollte mit dieser jungen Frau, mit der sie gerade erst Bekanntschaft geschlossen hatte, in denselben vier Wänden schlafen?
Ohne Kelis fassungsloser Gebärde Beachtung zu schenken, fuhr Anker fort: »Ich schlage vor, wir kehren jetzt mal alle ins Hotel zurück, um unser Gepäck abzulegen, machen uns frisch und gehen dann im Abendlokal in der obersten Etage des Hotels schön dick Abendessen. Dort können wir unseren Schlachtplan für die kommenden Wochen besprechen, und ich kann Keli ihren Preis zukommen lassen.«
Anker, der Kelis fiebrigen Zustand als Zeichen der Vorfreude auf das Siebbier interpretierte, zwinkerte ihr ermunternd zu.
Loyd hatte bislang geschwiegen. Es gab einiges, womit er nicht einverstanden war, aber er wollte diplomatisch bleiben. Er konnte dem Team nicht andauernd in den Rücken fallen, doch musste er dringend mit Keli über ihre Einstellung sprechen. Das war zwingend.
»Morgen, in aller Frühe, treffen wir uns mit der Expeditionsgarde, die uns auf unserer Mission auf Schritt und Tritt schützen wird. Dieselben netten Leute, die uns schon auf der letzten Expedition in den Sternenwald begleitet haben«, meinte Anker vielversprechend, doch Naomis wohlwollende Miene verfinsterte sich schlagartig.
»Nein, Anker. Bitte sag mir nicht, dass Sumire wieder mitkommt. Du weißt doch, was dabei rauskommt, wenn sie wegen der Insekten rumnörgelt.«
Loyd, der bis jetzt all seinen Ärger hinuntergeschluckt hatte, konnte bei dieser Bemerkung nicht mehr anders, als ebenfalls seinen Senf dazuzugeben: »Jetzt hör aber auf. Sowas wie das perfekte Team gibt es schließlich nicht. Wenn ihr euch wieder über Kram wie: ›Ist das Zerquetschen einer Fliege eine Todsünde oder nicht?‹ streitet, dann werdet ihr mir ein paar Ohrenschützer kaufen müssen, bevor wir aufbrechen. Ich habe in den letzten Tagen genug …«
Loyd brach mitten im Satz ab. Der Boden erbebte und ein greller Lichtblitz durchflutete den Saal. Reflexartig warfen sich alle vier auf den Boden. Knapp drei Sekunden später gab es einen gewaltigen Knall, der einige der Fenster der Halle in Scherben zersplittern ließ. Durch die zerborstenen Fenster waren Panikschreie zu hören. Auch unter den Studierenden in der Bibliothek erhob sich ein angespanntes Summen. Nach einigen Augenblicken des furchtsamen Schweigens sprach eine Frauenstimme aus mehreren Lautsprechern über ihnen: »Bitte bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie auf ihren Plätzen. Verlassen Sie auf keinen Fall das Gebäude. Wir versuchen, die Situation zu klären und melden uns, sobald wir mehr wissen. Ich wiederhole: Bleiben Sie ruhig und warten Sie auf ihren Plätzen.«
Loyd half Anker, der Mühe hatte, selbst wieder aufzustehen, auf die Beine.
»Da-danke«, sagte Anker zu seiner Stimme findend. »Kommt. Wir gehen nachsehen, was los ist.«
Anker stapfte voran, Keli, Loyd und Naomi zögernd hinterher. Naomi warf sich die Artenfibel mit einem daran befestigten Band über die Schultern und buckelte darüber noch einen gigantischen, grünen Rucksack. In einer Reihe – das Schlusslicht machte Naomi – schritten sie treppab.
Keli sah links und rechts Studenten unter den Tischen kauern. Am Fuß des untersten Treppenabschnitts kam ihnen eine kreideweiße Bibliotheksangestellte entgegen.
»Wir sagten doch, man soll auf den Plätzen warten … oh, Anker, du bist es«, sagte sie am ganzen Leib schlotternd.
»Hallo, Tanja. Was ist denn da draußen los?«, erkundigte sich Anker, der die Frau anscheinend gut kannte und ihr brüderlich die Hand auf den Nacken legte.
»I-ich habe eben eine Lichtmail von einem Freund erhalten, der in der Nähe des Stadtzentrums arbeitet, und er meint, es habe vor dem Greenhill Hotel eine Explosion gegeben und Terroristen hätten die Stadtwachen angegriffen. Er riet mir zu flüchten, da eine ganze Armee auf den Straßen sein soll«, sagte Tanja angsterfüllt, während sie sich die Magengegend massierte, als wäre ihr übel.
»Mist. Ausgerechnet jetzt!«, fluchte Anker und begann unruhig, seinen struppigen Bart zu befingern.«
Er wandte sich abrupt zu Naomi und den Lanthorn Geschwistern um. »Hört zu. Dies ist ein Zeitpunkt, an dem wir flexibel denken und rasche Entscheidungen treffen müssen. Die Zukunft des Laternenwalds hängt womöglich vom Erfolg unserer Mission ab. Deshalb schlage ich vor, wir verstecken uns vor den Angreifern, bis die Stadtwachen die Lage unter Kontrolle gebracht haben und wir sicher aufbrechen können. Als Botschafter sind wir besonders gefährdet. Am besten verstecken wir uns in den Tresorräumen unter dem Forschungszentrum nebenan. Mit meiner Professorenkarte kommen wir dort rein und drinnen sollten wir bis auf weiteres sicher sein. Los, los, auf zu den Übergängen«, keuchte Anker und setzte den Trupp in Bewegung.
Tanja blieb zuerst stehen, senkte ihren Blick auf die raschelnde Lichtkugel auf ihrer Hand, welche die Botschaft ihres Freundes trug, dann folgte sie der Gruppe über die Fläche mit den vielen Tischen.
Sie begaben sich, so schnell es ging, auf die erste Hochebene der Bibliothek, von wo es zur Linken eine Passage ins Erdgeschoß des Forschungszentrums gab und zur Rechten eine mit Rolltreppe ins fünfte Stockwerk hinauf, wo sich laut Wegweiser das »Abteil B2« der Professorenbüros befand. Anker stand bereits schwer atmend vor den Verweistafeln und wartete ungeduldig auf die Ankunft der anderen. Überall waren um die Fenster herum Glasscherben auf dem Teppichboden verstreut. Die Gefechtsgeräusche von draußen wurden immer lauter. Besonders dem jüngsten Mitglied der Gruppe, Keli, die an die Stille und den Frieden von Hildenberge gewohnt war, machte der Tumult Angst. Keli zitterte am ganzen Körper und atmete viel zu schnell. Naomi, die hinter Keli her schritt, bemerkte, wie sie zu hyperventilieren begann.
»Keli, ruhig atmen«, sagte sie und rieb ihr beruhigend den Rücken, als sie bei Anker angekommen waren. »Wir sind für brenzlige Situationen ausgebildet. Mit uns wird dir nichts geschehen.«
»Ok, sind alle da? Tanja, du kommst mit uns?«, sagte Anker knapp, der Tanja hinter Loyd entdeckt hatte. Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.
»Mh – geht das für euch in Ordnung?«, nuschelte sie kaum hörbar.
»Ich persönlich würde es nicht wagen, mich in so einer Situation meiner Pflicht als Aufsichtsperson der Bibliothek zu entziehen, aber das musst du für dich selbst entscheiden«, sagte Anker kühl und wandte sich von ihr ab. Als er sich versichert hatte, dass sie vollzählig waren, sagte er: »Also, weiter geht’s.«
Er wollte eben in die Glaspassage einbiegen, die hinunter ins Erdgeschoß des benachbarten Forschungszentrums führte, wo sich der Eingang in die Tresorräume befand, als vom Ende des Übergangs Schreie zu ihnen hochhallten. Loyd sprang vor, an Anker vorbei, strich sich mit einem kleinen Stein über die linke Handfläche und wurde augenblicklich von der umliegenden Atmosphäre verschluckt. Nur Loyds Stimme gellte noch durch die Passage zu ihnen empor: »Fahrt hinauf zu den Büros und steigt dann die Feuertreppen runter. Ich komme gleich nach.«
»Dieser Idiot. Was macht er jetzt wieder?«, fauchte Naomi schroff.
»Er wird schon wissen, was er tut. Folgt mir«, raunte Anker ernst und begab sich auf die Rolltreppe.
»Was hat er gemacht? Wieso ist er verschwunden?«, wandte sich Keli aufgewühlt an Naomi, während sie sich von den automatisierten Stufen nach oben befördern ließen.
»Das nennt man ›Lichtschatten‹«, erklärte ihr Naomi im Flüsterton. »Diese Lichttechnik ist vor allem in der Exploration ganz wichtig, wenn man gefährliche Gebiete erforscht, in denen unberechenbare Wesen lauern könnten. Das Licht, das von dir an die Umgebung abgegeben wird, wird in einem kleinen Kristall gefangen und gebündelt, was bewirkt, dass dein Körper sich hinter der sichtbaren Umwelt versteckt. Wenn du ein bisschen übst, kannst du diese Technik vielleicht bis zum Ende der Expedition erlernen.« Hiermit drückte sie Keli einen kleinen, glühenden Stein in die Hand und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
»Still jetzt«, ermahnte sie Anker leise mit dem Zeigefinger auf den Lippen.
Auf der fünften Etage war es gespenstisch ruhig. Weder Lehrpersonal, Studenten, noch Angreifer waren zu sehen. Sie huschten in leisem Laufschritt an den Bürotüren vorbei bis ans Ende des Ganges, wo sich eine kleine gläserne Notfall-Tür befand, die jederzeit von innen geöffnet werden konnte. Als Anker die Tür am Griff öffnete, schwappte von draußen der Gestank von verbrannten Chemikalien in den Korridor herein. Anker hatte wegen seines Umfangs ein wenig Mühe, durch die schmale Türöffnung zu kommen, schaffte es aber mit der vereinten Hilfe seiner Begleiter, die ihm mit Stoßen und Ziehen halfen. Als Tanja hindurch war – sie hatte sich nun doch entschieden, mitzukommen –, überprüfte Anker noch einmal den langen, soeben passierten Durchgang hinter dem Türbogen. Niemand war zu entdecken.
Sie befanden sich nun in einem Treppenhaus aus Metallgittern zwischen dem Forschungszentrum und einem Studentenwohnungskomplex. Beide Gebäude waren durch drei Glaspassagen miteinander verbunden. Unmittelbar links neben den Bauten befand sich der hohe Schutzzaun, hinter dem einige bewaldete Hausdächer hervorlugten, und rechts von ihnen hatten sie Ausblick auf die Stadt, über deren Waldkrone dicke, schwarze Rauchwolken aufstiegen.
Der Gestank in der Luft erinnerte Keli an Schießpulver, ähnlich wie der Geruch, der entstand, wenn der benachbarte Bäcker in Hildenberge mit seinen selbstgebastelten Feuerwerken seine Eistreppe aufgesprengt hatte. Keli konnte erkennen, wie Leute aufgeregt durch die gläsernen Übergänge hin- und herhasteten.
»Zum Glück habe ich nicht auch noch Höhenangst«, schnaubte Anker die sich mehrmals windende Treppe hinunterblickend. »Wenn ich nur nicht so gut gebaut wäre …«
»Gut gebaut« empfand Keli, die hinter Anker die Treppen hinunterstieg und daneben wie ein Streichholz aussah, als leicht untertrieben. Anker führte die Gruppe nach wie vor an, dicht gefolgt von Keli, hinter der die schwerbepackte Naomi wachsam hin und her blickte. Das Schlusslicht machte Tanja, die mit einigem Abstand tollpatschig und breitbeinig eine Stufe nach der anderen nahm. In jedem Stockwerk linste Anker durch die transparente Notfall-Tür, um festzustellen, ob die Luft im Gang dahinter rein war. Sie kamen gut voran, bis Tanja plötzlich Hals über Kopf und mit lautem Aufschrei die Stufen hinuntergestürzt kam. Glücklicherweise federte Naomis gepolsterter Rucksack das Gröbste ab, doch riss der Aufprall alle anderen ebenfalls von den Füßen. Der Haufen landete auf dem Zwischenboden der ersten Etage und lag da wie umgeworfene Bowlingkegel.
»Was ist denn hier los?«, war Loyds Stimme über ihnen zu hören.
Er kam die Treppen heruntergesaust und blieb vor der sich mühsam aufrappelnden Meute stehen.
»Tut mir leid, ich bin ausgerutscht. Habt ihr euch was getan? I-ich bin wirklich untröstlich«, entschuldigte sich Tanja unaufhörlich.
»Schhhh! Bitte, seid leise«, zischte Anker, nachdem Loyd ihm wieder auf die Beine geholfen hatte.
»Hat uns jemand gehört?«, fragte Anker panisch und überprüfte das Gelände ringsum.
»Ich denke nicht«, brummte Loyd nach einer Weile, wobei er die Augen hin- und herschweifen ließ.
»Was hast du unten im Erdgeschoß gesehen? Waren es Schmelzfrontler?«, erkundigte sich Anker besorgt.
»Ich bin nur ganz kurz unten gewesen. Es war ein einziges Kommen und Gehen. Etwa zwanzig als Stadtwachen getarnte Schmelzköpfe gingen durch die Eingangstür ein und aus. Sie grölten wie eine Horde balzender Affen und ließen überall ihre Nusskopfknaller los. Näher heran getraut habe ich mich nicht, aber ich denke, aus ›in die Tresorräume schleichen‹ wird wohl nichts.«
Anker strich sich energisch den Schweiß von der Stirn. »Verdammt noch mal. Wo kommen die denn plötzlich alle her? Wir müssen uns schleunigst etwas anderes einfallen lassen. Hierbleiben ist jedenfalls keine Option. Es muss nur mal einer dieser Knallköpfe aus dem Fenster schauen oder durch eine Glasbrücke da drüben gehen, dann sind wir erledigt. Wir müssen es irgendwie wieder ins Innere schaffen, dann können wir uns in einem Zimmer verbarrikadieren«, schlug Anker vor.
»Wie haben die es so schnell zum Campus geschafft? Was machen wir jetzt bloß? Ich will nicht sterben!«, jammerte Tanja und sank weinend in sich zusammen.
Kelis Angst schwoll wieder an, diesmal um einiges mehr als zuvor. Sterben? Hier und jetzt? Das durfte nicht geschehen! Sie hatte doch gerade erst erkannt, was sie mit ihrer Zukunft anstellen wollte – war es schon an der Zeit, diese neu entdeckte, faszinierende Welt zu verlassen? Sie hatte doch noch nicht einmal Siebbier probiert …
Loyd schob sich durch das Gerangel und blickte mit scharfen Augen umher.
»Tanja, oder wie du heißt, würdest du bitte aufhören mit dem Geflenne?«, fuhr Loyd sie grob an. »Du machst den anderen Angst, und Angst ist genau das, was einen in so einer Situation ins Verderben reiten kann. Also hör auf damit.«
Tanja schob ihren Oberarm vor das Gesicht und schluchzte leise weiter. Naomi blickte Loyd vorwurfsvoll an, sagte aber nichts.
Ein Splittern erklang und feine Glasfragmente regneten auf die fünf Schutzsuchenden herab. Tanjas Wimmern wurde lauter.
»Anker, darf ich etwas vorschlagen?«, fragte Loyd ungehalten.
»Jo, nur zu. Ich bin im Moment etwas ratlos.«
»Ok. Hört mal alle her – du auch, Tanja.«
Naomi legte tröstend ihren Arm um Tanjas Schultern und zusammen stellten sie sich vor den hochgewachsenen Loyd.
»Ich kenne das Areal hier ziemlich gut. Eine der ersten Aufgaben überhaupt, die ich zu Beginn des Explorationsstudiums bewältigen musste, war, jeden Campus der HHF gründlich zu durchforsten. Ich weiß noch, dass es hinter dem Forschungszentrum, gleich da drüben, zwischen der Rückseite des Gebäudes und des Schutzzauns, einen engen Pfad gibt, wo der Müll deponiert wird. Schaut!« Loyd zeigte zuerst hinunter zum Treppenabsatz, dann wanderte sein Finger die Hausmauer entlang, wo hinter deren Ecke die Einmündung in den beschriebenen Durchgang zu sehen war.
»Dort können wir uns verstecken, bis wir uns was Besseres überlegt haben. Seid ihr einverstanden? Ich brauche euer Einverständnis, sonst klappt das nicht.«
Alle nickten halbherzig, auch Tanja, die angesichts der Tatsache, dass wenigstens einer einen Plan hatte, ein wenig Mut schöpfte.
»Na, dann los!«, ermutigte Loyd sie und schlich als Erster den letzten Abschnitt der Treppe hinab. Er spähte durch die Notfall-Tür des Erdgeschoßes. Als sich drinnen nichts rührte, winkte er die anderen herbei. Einer nach dem anderen zog geduckt an der Wand des Forschungszentrums entlang, an mehreren Fenstern vorbei und verschwand dann links hinter der Gebäudeecke. Loyd, der gewartet hatte, bis alle den Pfad sicher erreicht hatten, drehte sich noch einmal um und überprüfte die Umgebung auf Verfolger, dann schlüpfte er ebenfalls in die schattige Passage hinein, wo sich die Abfallsäcke türmten.
In der Gasse war es sehr eng und es stank nach verdorbenen Essensresten. Keli und Naomi konnten sogar beinahe nebeneinander passieren, jedoch galten für Anker generell andere Maßstäbe. Er musste seinen Bauch unangenehm einziehen, damit er in den Gang hineinpasste, und nicht einmal so war der Weg breit genug für ihn, um reibungslos hindurch zu kommen. Glücklicherweise war Anker als Erster eingebogen und arbeitete sich bis zum Ende der Passage voran, wo er verharrte. Keli, Naomi und Tanja blieben auf halbem Wege stehen und lehnten sich an die kühlen Stahlstäbe des Schutzzauns. Loyd übernahm den Überwachungsposten am Anfang des Durchgangs.
Keli atmete tief durch, um ihrer Angst entgegenzuwirken. In was war sie da bloß hineingeraten? Sie starrte gedankenverloren auf die gigantische Mauer des Forschungszentrums vor sich. Ob sie alle diesen Schlamassel heil überstehen würden? Sie begann zu bezweifeln, dass sie ihre Eltern je wiedersehen würde. Wenn sie schon jetzt solche Mühe hatten, überhaupt aus der Stadt rauszukommen, wie sollten sie dann in Kael bestehen?
Unbewusst auf die Wand vor sich stierend, wurde Kelis Aufmerksamkeit plötzlich auf eine Unebenheit vor ihr gezogen. Ihr Blick schärfte sich und sie konnte wahrnehmen, wie ein gutes Viertel der Gemäuer links von ihr grob und steinig wirkte. Der große Rest weiter rechts, wo Anker verweilte, erschien hingegen glatt, sauber und modern. Erst jetzt fiel Keli auf, dass es auf der Rückwand des gesamten Forschungszentrums lediglich ein einziges, kleines Fensterchen gab. Die uralt aussehende Luke befand sich auf ihrer Höhe und in jenem Teil der Mauer, der alt und rau erschien. Anscheinend hatte Anker der Öffnung in der Wand beim Vorbeizwängen keine Beachtung geschenkt, doch jetzt, wo Keli sie bewusst wahrnahm, erkannte sie, dass von dort schwache Lichtstrahlen auf den schmalen Pfad fielen. Loyd war offenbar wieder in Lichtschatten gehüllt und nicht zu sehen, daher war es wohl am besten, wenn sie selbst die Sache kurz untersuchte, entschied Keli beherzt.
Sie schlich näher an die Luke heran, bis sie unmittelbar davorstand. Naomi, die sich um die zerknitterte Tanja kümmerte, bemerkte nicht, wie Keli sich näher an die Vertiefung in der Wand herantastete, während Anker und sein Bauch vorsichtig am Ende des Pfades um die Gebäudeecke lugten. Keli schob ihren Kopf sachte vor das Glas. Die Scheibe war ungewöhnlich dick und eine Dreckschicht trübte den Blick hinein. Mit angehaltenem Atem erkannte Keli ein in ihre Richtung geklapptes Stehpult, flankiert von zwei uniformierten Typen, deren Blicke auf eine Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes gerichtet waren. Keli zog ihren Kopf hastig wieder ein. Das mussten Schmelzfrontler sein, dachte sie ängstlich. Zum Glück standen sie mit dem Rücken zu ihr, sonst hätten sie sie wahrscheinlich entdeckt. Sie musste Anker unbedingt mitteilen, was sie eben gesehen hatte, doch wollte sie auf keinen Fall am Fensterchen vorbeigehen.
»Anker … Anker!«, hauchte Keli so leise sie konnte.
Anker, der sich nicht umdrehen konnte, kam rückwärts mit schürfendem Geräusch auf Keli zu.
»Keli, was ist los? Sind wir entdeckt worden?«, fragte er dumpf.
»Nein, aber da ist etwas, das du dir ansehen solltest. Komm bitte hierher. Ich habe eben durch die Luke da geguckt. Ich glaube, da sind Schmelzfrontler drinnen.«
Anker schob sich umständlich an der Vertiefung vorbei, um einen Blick in den Raum erhaschen zu können. Allmählich wurden auch die anderen der Gruppe auf das Geschehen aufmerksam. Loyd kam nun wieder sichtbar auf das Gedränge zugeschritten.
»Was macht ihr da?«, fragte er sofort, doch er erhielt keine Antwort.
Anker reckte seinen klobigen Kopf vor die trübe Glasscheibe; fast im selben Augenblick zog er ihn wieder ein. »Mist, ich befürchte, sie haben mich gesehen«, quiekte er mit seltsam hoher Stimme.
»Was zur Hölle? Wer hat uns entdeckt? Wie?«, keuchte Loyd fassungslos, doch Anker machte der Truppe bereits Beine: »Rennt! Die werden gleich hier sein!«
Anker zwängte sich, so schnell er konnte, wieder vorwärts durch die schmale Gasse, Keli, Naomi und Tanja dicht dahinter. Loyd begriff erst jetzt, als die anderen vor ihm am Fensterchen vorbeigezogen waren, dass darin Licht brannte. Er begab sich vor das trübe Glas und blinzelte hinein. Eine böse Fratze lachte ihm entgegen. Der Mann hinter der Scheibe machte mit der Hand eine halsabschneidende Geste, die Loyd allerdings unbeeindruckt an sich vorbeiziehen ließ. Loyd strich erneut Stein über Hand und verschmolz augenblicklich wieder mit der Umgebung. Das Lachen auf dem Gesicht des Mannes erlosch unweigerlich.
Kaum war Anker am Ende der Passage angelangt, kamen schon die ersten Schmelzfrontler mit erhobenen Holzschwertern in die Einmündung des Durchgangs hinter ihnen gestürmt.
»Da vorne sind sie – zack-zack!«
Mit Gebrüll preschten die Angreifer den Frauen am Ende des Weges hinterher – weit kamen sie allerdings nicht. Kaum waren die ersten der uniformierten Schwertträger an der kleinen Luke in der Wand vorbei, fielen sie auch schon kopfüber auf einen Haufen, der immer grösser wurde. Loyd hatte vorgesorgt und einen transparenten Faden auf Knöchelhöhe quer durch die Gasse gespannt – eine Methode, Fallen zu stellen, die er im Explorationsunterricht gelernt hatte und auch schon zwei, drei Mal in freier Wildbahn angewandt hatte. Holzschwerter wirbelten durch die Gegend und Filzhüte purzelten den Weg entlang. Keiner wusste so recht, was ihm geschehen war. Doch rafften sich die Leidtragenden rasch wieder auf und trabten ein wenig umsichtiger weiter, bis das nächste Hindernis sich ihnen in den Weg stellte. Eines der abhandengekommenen Holzschwerter hatte sich selbstständig gemacht und sauste nun lebensgefährlich vor den Angreifern hin und her.
An von selbst schwingende Waffen waren sie zwar nicht gewöhnt, dennoch waren sie eine starke, weltberüchtigte Truppe, die ob dieser seltsamen Begegnung nicht einfach den Rückzug antrat. Als die verwunschene Klinge nichts weiter zu tun schien, als unbekömmlich herumzufuchteln, erwogen die Mutigsten der Meute, es mit der Teufelei aufzunehmen.
Ein besonders hünenhafter Kerl mit blutunterlaufenen Augen und verfilztem Bart trat vor und begann, auf die hölzerne Klinge einzudreschen. Doch schon bevor er das Schwert auch nur berührt hatte, fiel es rasselnd zu Boden und machte keinen Mucks mehr. Der Riese drehte sich zu seinen Kumpanen um und meinte mit verschlagener Miene: »Ich habe es besiegt. Habt ihr das gesehen? Meine Fresse, ich habe ein fliegendes Schwert bezwungen …«
Die Herde wieherte laut, klatschte anerkennend und begann dann allmählich, wieder vorzurücken.
Loyd hatte es nicht riskieren wollen, von einem wild um sich schmetternden Troll abgemurkst zu werden und hatte Reißaus genommen. Er hoffte, dass sich die anderen unterdessen irgendwo in Sicherheit gebracht hatten. Als er um die Ecke des Forschungszentrums am Ende der Wand stob, wurde seine Zuversicht jedoch zunichte gemacht. Keli, Anker und Naomi waren alle um Tanja versammelt, die auf dem Boden saß und ihr Bein umklammert hielt.
»Verdammt noch mal. Wieso seid ihr noch nicht weiter? Schnell weg hier. Die Schmelzköpfe kommen jeden Augenblick durch die Gasse!«
»Sie hat sich vorhin beim Fall von der Treppe den Fuß verletzt und wir können uns nicht ausreichend konzentrieren, um Licht zu bündeln. Kannst du sie tragen?«, sagte Naomi mit atemlos bebender Stimme.
»Ich tue, was ich kann. Bringt euch in Sicherheit, schnell! Versucht es doch mit den Tresorräumen.«
Loyd scheuchte sie mit einer wilden Handbewegung weiter, trat eilends vor Tanja hin und kniete mit dem Rücken zu ihr nieder. Von Loyds Worten angetrieben wetzten Anker, Keli und Naomi um den Block herum, unter den gläsernen Übergängen, die das Gebäude mit der Bibliothek verbanden, hindurch, in Richtung Zentrumseingang.
Tanja wollte gerade nach Loyds Nacken greifen, als die ersten Schmelzfrontler um die Ecke gehastet kamen. Für einen Moment erwog sie, auf Loyds Rücken zu steigen und umklammerte bereits seinen Hals – dann lockerte sie ihren Griff.
»Tanja, nicht! Was machst du denn? Halt dich an mir fest!«
Doch Tanja hörte nicht auf Loyd. Er bemerkte, wie sie begann, das Licht aus ihrem Körper in einem Stein in ihrer Hand zu bündeln, woraufhin ihre geschlossene Faust glutrot zu glimmen begann.
»Loyd, bitte geh! Pass auf dich auf und sag Anker … sag ihm, dass es mir leidtut.«
Eine einzelne Träne rann über Tanjas Wange, dann stand sie abrupt auf. Ihr Gesicht von Entschlossenheit geprägt, humpelte sie unerschrocken auf das sich nähernde, laut johlende Heer von Schmelzfrontlern zu. Loyd wollte gerade gegen ihren Entscheid protestieren, als er von der Kraft des Lichts, das vom Stein in Tanjas Hand ausging, zurückgeworfen wurde. Die Atmosphäre war derart von aufwallender Energie geladen, dass Tanjas Äußeres kaum noch zu erkennen war.
Als die Angreifer Tanja erblickten, die entschlossen auf sie zutrat, lachten diese sie zuerst aus und machten abfällige Bemerkungen über sie.
»Schaut euch diesen Glühwurm an. Dich machen wir fertig!«, grölte die Schar.
Tanja schleppte sich unbeirrt weiter an die dichter werdende Angriffslinie der Schmelzfrontsoldaten heran, die unterdessen einen obszönen Schlachtgesang angestimmt hatten. Dann hoben die törichtesten der Gangster ihre Holzschwerter und stürzten sich lauthals auf sie.
»TANJA – TU DAS NIIICHT!«
Loyd konnte nichts mehr ausrichten. Etwa fünf der Angreifer prallten zugleich mit Tanja zusammen. Es gab einen grellen Lichtblitz und einen gewaltigen Donnerschlag. Tanjas gebündeltes Licht und die negative Schwärzung des Holzes reagierten Knochenmark erschütternd miteinander. Die Wucht der Schockwelle riss Loyd vom Boden und ließ ihn mehrere Meter durch die Luft fliegen. Er landete auf der grasigen Fläche unter den Luftbrücken zur Bibliothek, wo die Wiese und Loyds Rucksack seinen Aufprall abdämpften. Aufgrund seiner antrainierten Reflexe in Gefechtssituationen – Kampfsport war Teil der Explorationsausbildung – versuchte Loyd augenblicklich, wieder auf die Beine zu kommen.
In kniender Haltung musste er einen Moment lang ausharren, damit sich seine Augen wieder einigermaßen an die Umgebung gewöhnen konnten. Außerdem dröhnte ihm furchtbar der Kopf. Einen Moment lang wusste er nicht, was mit ihm geschehen war und er fühlte sich, als müsste er sich übergeben.
Er blickte dorthin, wo das Unglück eben stattgefunden hatte. Niemand stand mehr dort. Ein feiner roter Nebel, der das Schlachtfeld in einen unheimlichen Schatten tauchte, hing in der Luft. Bei der Detonation war ein beträchtliches Stück der Gebäudeecke abgesprengt worden.
Loyd richtete sich langsam auf. Sein Gehör schien nicht richtig zu funktionieren. Allerdings konnte er aus der Mündung der Gasse bereits wieder Umrisse von Personen erkennen, die sich ihm näherten. Gebückt torkelnd bewegte er sich Richtung Eingangsbereich des Forschungszentrums fort. Ihm war inzwischen speiübel. Seitlich des Eingangs versuchte er, sich in Lichtschatten zu hüllen, doch seine psychische Verfassung ließ es nicht zu. Außerdem hatte er heute schon einiges Licht an die Umgebung abgegeben und war durch die Schwärzung geschwächt.
Er betrat den aus blauem Granit geschaffenen Eingangsbereich des Zentrums, wo einige dunkel angelaufene Wesen regungslos auf dem Boden lagen. Ziemlich sicher hatten sie einen Schlag mit einem geschwärzten Schwert abgekriegt, jedoch sah Loyd nicht genauer hin, denn er befürchtete, seine Knie würden bei dem Anblick nachgeben.
Dank seiner Erforschungstouren wusste er genau, wo sich die Tresoranlage befand und er schlich geduckt in den mit Plakaten geschmückten Korridor, der ihn vor die mehrfach gesicherte Stahltür der Tresorräume führte. Von Keli und den anderen fehlte allerdings jede Spur. Loyd hoffte, dass sie es in die Hochsicherheitsabteilung geschafft hatten. Als er vor dem massiven Portal ankam, erkannte er, dass die Pforte ins Innere der eigentlich abgesicherten Einrichtung einen Spalt breit offenstand. Er hielt vor der Stahltür inne und lauschte. Gedämpft konnte er höhnende Stimmen hören, die in einem fremden Dialekt sprachen. Die Stimmen näherten sich und Loyd war gezwungen, in den Gang rechts neben der Stahltür auszuweichen. Er schritt den langen Korridor entlang, der zuerst der eben durchquerten Passage ähnelte – weiß und makellos –, dann wurden die Wände dunkler und rauer Stein begann, sich an den Mauern entlang zu zeigen. Auch die Türen hier machten einen uralten Eindruck. In diesem Bereich des Zentrums waren sie aus antikem, dunklem Holz, mit ausgearbeiteten Schnitzmustern verziert und mit großen, elegant geschwungenen Türklinken bestückt. Hier war Loyd noch nie gewesen, nicht einmal auf seinen Uni-Streifzügen. Bald kam er am Ende des Ganges an. Es war eine Sackgasse. Hinter ihm konnte er aufgeregte Stimmen vernehmen. Loyd schaute sich um und entdeckte eine Tür; die letzte auf der linken Seite des Korridors. Er schob sie am Griff vorsichtig auf und war bereit, sich, wenn nötig zu verteidigen – zu seiner Überraschung jedoch fand er Anker, Keli und Naomi um eine breite, rundliche Öffnung im Fußboden versammelt, die sich ungefähr in der Mitte des Zimmers befand.
»Loyd, meine Güte, hast du mich erschreckt!«, stieß Naomi hervor, beide Handflächen abwehrend auf Loyd gerichtet, als er den Raum betrat. »Wo ist Tanja?«
Loyd ließ sich einen Moment Zeit und holte tief Luft, ehe er antwortete. »Sie hat ihr Licht gebündelt und ist in die Bibliothek zurückgekehrt«, log Loyd mit düsterer, ausgezehrter Miene.
»Und was war das für eine Explosion? Das ganze Gebäude hat gebebt«, erkundigte sich Anker noch immer mit etwas höherer Stimme als sonst.
»Keine Ahnung. Die Schmelzköpfe werden wieder irgendetwas in die Luft gejagt haben. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Wo sind wir, und was ist das für ein Ort?«, fragte Loyd, ohne weiter auf die Fragen seiner Gefährten einzugehen, wobei er auf das nach vorne geklappte Rednerpult, welches zuvor offensichtlich die Öffnung im Boden verdeckt hatte, zeigte.
»Wir waren gerade dabei, das herauszufinden. Das ist der Raum, den wir von draußen durch die Luke sehen konnten. Wir befinden uns im Mondstein Sanktuarium, dem ältesten Teil dieses Campus. Dies war einst lediglich ein kleiner Unterrichtsraum, wo Lailac, der Gründer der Hochschule von Herbstfeld, die ersten Gastvorlesungen hielt. Um dieses Gebäude herum wurde dann der Lichterloh-Campus der Hochschule von Herbstfeld errichtet und weiter ausgebaut. Das Sanktuarium steht heute unter Denkmalschutz und ist eigentlich nicht öffentlich zugänglich. Um hier hereinzukommen, bräuchte man einen Schlüssel, den der Rektor, Professor Lohenhertz, höchstpersönlich aufbewahrt«, klärte Anker auf und hob vorsichtig den Kopf über das Loch, in das eine schlichte Metallleiter eingearbeitet war, die sich im finsteren Abgrund verlor.
»Oder die Tür wurde von innen geöffnet«, argwöhnte Naomi und deutete auf einen Hebel unter der Türklinke, der es offenbar erlaubte, die Türe von innen ohne Schlüssel auf- und zuzuschließen.
Loyd kniete nun vor der dunklen Grube nieder und versuchte, etwas darin zu erkennen. Geisterhafte Nebelschwaden, die Loyd die Nackenhaare zu Berge stehen ließen, stiegen aus dem Schacht empor. Weiter unten nahm er eine schwache Lichtquelle wahr, doch ansonsten war weder etwas zu erkennen, noch zu erlauschen.
»Könnte es sein, dass die Schmelzfrontler einen unterirdischen Tunnel gegraben haben und hier nach oben gekommen sind?«, meldete sich Keli vorsichtig.
»Durchaus denkbar«, antwortete Loyd trocken.
»Unmöglich!«, entfuhr es Anker, wobei er mit den Knöcheln das dreibeinige Ende des detailliert ausgearbeiteten, hölzernen Katheders abklopfte. »Dieses Pult ist zig hundert Jahre alt. Somit werden die ganze Vorrichtung und das Loch hier ebenso alt sein. Schaut, wie der Sockel des Pultschafts sauber in den Boden eingearbeitet ist. Den Tunnel da unten muss es schon zu Zeiten Lailacs gegeben haben, wenn ich mich nicht sehr täusche. Das ist eine fabelhafte Entdeckung.«
»Das heißt aber nicht, dass die Schmelzfrontler die Vorrichtung nicht zumindest benutzt haben«, bemerkte Naomi mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen.
»Genau. Ich habe gesehen, wie zwei der Terroristen neben diesem Loch standen, als ich vor ein paar Minuten durch die Scheibe guckte. Es sah so aus, als würden sie es bewachen, und sie haben dabei unablässig auf die Tür gestarrt«, erklärte Keli den anderen, wobei alle gleichzeitig auf den Einlass im Boden und anschließend zum Zimmereingang hinüberblickten.
In diesem Moment gab es einen lauten Knall, dem ein Splittern folgte, dann johlendes Gebrüll: »Kommt raus, ihr Würmer! Wo seid ihr? Wir werden euch finden und in Stücke reißen!« Gelächter und randalierende Geräusche drangen durch die geschlossene Zimmertür herein.
»Verflucht. Die sprengen jede Tür auf, bis sie uns gefunden haben. Was sollen wir bloß tun?«, fragte Naomi angespannt. »Sollen wir uns ergeben?«
»Das werden wir nicht tun«, sagten Anker und Loyd wie aus einem Munde.
Ankers Stimme wurde nun sehr ernst. »Wir werden diese Mission nicht abbrechen, ehe wir damit überhaupt begonnen haben. Ich werde es nicht zulassen, dass Lichterloh zugrunde geht, nur weil wir uns von einer solchen Affenbande aufhalten ließen. Wir steigen jetzt da runter. Mal sehen, wo der Tunnel uns hinführt«, sagte Anker bestimmt. »Los, Naomi, du gehst zuerst, gefolgt von Keli und mir. Zuletzt Loyd, der die Tür bewacht«, gebot Anker und setzte seinen Rucksack ab.
Sie schmissen alle Gepäckstücke die Leiter hinunter, da sie sonst nicht hindurchkommen würden. Die Artenfibel trug Naomi dennoch auf dem Rücken, während sie, so schnell es die spröden Sprossen zuließen, eine nach der anderen nahm und in dem tiefschwarzen Abgrund verschwand. Keli folgte ihr schaudernd in den kühlen Schacht hinein. Eine weitere Explosion war zu hören, diesmal schon deutlich näher. Wahrscheinlich hatten sie die Zimmertür von nebenan weggesprengt. Offenbar waren die Schmelzfrontler der Auffassung, sie alle würden sich überall sonst, nur nicht in diesem Raum aufhalten, da hier eigentlich Wachen postiert sein sollten.
Nun war Anker an der Reihe. Mit letztem, bangem Blick zur Tür, wo Loyd gerade am Schlüsselloch lauschte, zwängte er sich in den Schacht – den er auch mühelos auszufüllen vermochte.
»Loyd!«, quakte Anker mit unheilschwangerer hoher Stimme. »Bei allen Riesengurken auf Erden – ich stecke fest!«
Loyd schritt sofort auf Anker zu, wusste aber nicht recht, wie er helfen sollte. Vielleicht würde es etwas bringen, wenn er ihn an den Schultern hinunterstieß? Ehe Loyd ihn jedoch überhaupt berührt hatte, rutschte Anker ruckartig in das Loch hinein, als ob ihn jemand hinuntergezogen hätte.
»Herrje, herrje, wenn wir hier je heil wieder rauskommen, werde ich mir definitiv ein Fitness-Abo in einer Wesenspa einlösen«, meinte Anker heiser, während seine letzten Haarbüschel in der Finsternis versanken.
»Danke euch fürs Ziehen, ihr beiden«, war Ankers erleichterte Stimme aus dem Schacht zu vernehmen.
Als sein Kopf verschwunden war, begab Loyd sich auf die ersten Stufen der rostigen Leiter und versuchte, das Loch mit dem Fußstück des Katheders über sich zu schließen, so dass die Angreifer ihnen nicht sofort folgen konnten – doch es bewegte sich keinen Zentimeter.
»Loyd, was machst du da oben so lange – komm endlich runter!«, zischte Naomi die Sprossen hinauf.
Loyd antwortete nicht, stattdessen hüpfte er behände wieder aus dem Schacht an die Oberfläche. Er würde versuchen, die Vorrichtung mit sich in die Tiefe zu ziehen. Er hatte den Schaft des Pults gerade berührt, als im selben Augenblick die Zimmertür aufkrachte und mehrere Schmelzfrontler hereingestürmt kamen.
Loyd, vom plötzlichen Überfall überrascht, strich Stein über Hand und streckte den Angreifenden flink seine neun Finger entgegen. Im selben Moment wurde es im Zimmer stockdunkel. Während unter den Schmelzfrontlern im Raum allgemeine Verwirrung herrschte, machte Loyd einen blinden Hüpfer dorthin, wo er die Öffnung im Boden vor seinem geistigen Auge sah. Er schlüpfte gerade noch rechtzeitig hindurch und arbeitete sich blindlings die kalten Sprossen hinunter.
»Macht das Licht aus«, fauchte Loyd den anderen entgegen, die am Fuß der Leiter auf ihn warteten. »Ich habe oben eine Schattenwand erzeugt und das restliche Licht der Umgebung vorübergehend entzogen. Wenn sie das Licht hier unten entdecken, dann …«
Naomi ließ die Lichtkugel auf ihren Handflächen erlöschen. Von oben drang höhnendes Gebrüll zu ihnen herab: »Ihr elenden Studentenschweine, wir werden euch erwischen! Mit so einem billigen Trick entkommt ihr uns nicht, hört ihr?«, grölten sie in Rage.
Loyd, Keli, Naomi und Anker erstarrten und spähten wie versteinert die unsichtbare Leiter empor.
Einige Augenblicke verstrichen, bis Keli hörbar verängstigt wimmerte: »Lasst uns gehen. Ich denke, wir sollten dem Licht da drüben folgen.«
Im selben Moment, in dem sie diese Worte aussprach, fiel ihr wieder ein, was ihr die Hängekirsche auf dem Dach in Herbstfeld mitgeteilt hatte: »Folge nur dem Licht.«
Gestärkt durch ihre Erinnerung begann sie mit ausgebreiteten Armen, den zu Tode geängstigten Rest der Gruppe in Bewegung zu setzen.
»Ja … ich denke, das wird wohl das Beste sein«, raunte Anker mit einem Kloß im Hals und ließ sich wie Loyd und Naomi von Kelis Geste in Richtung Licht steuern.
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