Read the book: «Alles beginnt und endet im Kentucky Club»

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Manchmal glaube ich, dass das Meer aus Tränen gemacht ist.


Originalausgabe:

»Everything Begins and Ends at the Kentucky Club«

© 2012 by Benjamin Alire Sáenz. All rights reserved

Published by Cinco Puntos Press, El Paso

Erste Auflage 2014

© für die deutsche Ausgabe: Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2014

Übersetzung: Sabine Hedinger

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: © plainpicture / Design Pics

Umschlaggestaltung: Vera Eizenhöfer

ISBN: 978-3-943999-15-0 (Buch)

ISBN: 978-3-943999-14-3 (EPub)

ISBN: 978-3-943999-66-2 (mobi)

www.ripperger-kremers.de

Inhalt

BEI DEN FRAUEN

DIE KUNST DES UBERSETZENS

DIE REGELN MEINES VATERS

BRUDER IN EINER ANDEREN SPRACHE

MANCHMAL IM REGEN

DEN DRACHEN JAGEN

EIN LEIDVOLLES SPIEL

Ich will dem Schlag meines Herzens lauschen, wenn er klingt wie ein Musikstück in einer Stille, die darauf wartet, durchbrochen zu werden.

In Erinnerung an meine Mutter Eloisa Alire Sáenz

Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Matthäus 5,8

BEI DEN FRAUEN

1

Im schräg einfallenden Morgenlicht sah er aus, als würde er gleich in Flammen stehen.

Jeden Sonntag war er da, allein, für sich, einer, der auffiel

– aber keine traurige, einsame Gestalt. Auch keine tragische. Er wurde zur Hauptfigur einer Geschichte, die ich in meinem Kopf schrieb. Manche Menschen sind so schön, dass sie überall am richtigen Ort sind, wohin sie auch gehen. Das war der erste Satz meiner Geschichte.

Ich achtete immer darauf, was er gerade las: Dostojewski, Kazantzakis, Faulkner. Er war verliebt in schöne Literatur. Und in Tragödien. Weil er an der Grenze lebte. An der Grenze konnte man die Tragödie lieben, ohne eine tragische Gestalt zu sein.

Seinen Kaffee trank er schwarz. Obwohl ich mir da nicht sicher sein konnte.

Manchmal war zu erkennen, dass er gerade vom Laufen kam, das dunkle, wellige Haar wirr, halbnass vom Schweiß. Er war dünn und musste sich bestimmt zweimal am Tag rasieren. Trotzdem war immer ein Schatten auf seinem Gesicht. Selbst im Morgenlicht schien es halb verborgen.

Ich weiß nicht, wie lange ich ihn schon beobachtete. Seit einem Jahr. Vielleicht länger. Er war ein Gewohnheitsmensch. Nicht viel anders als ein Mönch. Nicht viel anders als ich.

Unsere Blicke begegneten sich nie, obwohl ich mir die

Farbe seiner Augen eingeprägt hatte.

Ich trödelte nie in dem Café herum – aber Sonntag morgens gab es immer eine Schlange. Das Warten war mir nur recht. Es gab mir Gelegenheit, einen Blick auf ihn zu werfen, während er in seinem Buch las. Wie gern wäre ich zu ihm gegangen, um ihn zu fragen, was er von Kazantzakis hielt. Ich stellte mir vor, ich würde mit dem Satz loslegen, dass kein Mensch mehr etwas von ihm las. Dann würde er mich anlächeln.

Einen Kaffee bestellte ich nie.

Ich kam nur vorbei, um die Sonntagsausgabe der New York Times zu kaufen, und fuhr dann nach Hause, um meinen eigenen, fair gehandelten, frisch gemahlenen Kaffee zu trinken. Immer traf ich jemanden, den ich kannte. Die Leute waren sehr nett zu mir. Immer. Hallo Mr. De la Tierra gut sehen Sie aus Mr. De la Tierra woran arbeiten Sie gerade Mr. De la Tierra schön Sie zu sehen Mr. De la Tierra.

Dass so viele Leute meinen Namen kannten, hat mich nie besonders gefreut. Im Gegenteil, ich kam mir eher noch einsamer vor. Und außerdem wusste niemand wirklich, wer ich war. Nicht einmal ich selbst.

2

Die Sonntage beanspruchte ich für mich. Der Rest der Woche gehörte meinen Verpflichtungen, meiner Familie, meinen Freunden, meinen Aufgaben. Ich konnte alle meine Tage für irgendetwas anderes dreingeben. Aber nicht die Sonntage. Ich liebte das Ruhige, Verhaltene dieses Tages. Las die Zeitung und atmete die Stille der Nachbarschaft ein, die sich von der Plackerei der Woche erholte. So eine Art Nachbarschaft war das.

Und dann, eines Sonntags, kamen wir ins Gespräch.

Ich stand am Tresen des Cafés, die New York Times in der Hand, und war gerade dabei mich zu entscheiden. Ein Croissant? Vielleicht einen Scone? Ich hatte Hunger.

»Sie nehmen nie einen Kaffee.«

Schon bevor ich mich umdrehte, wusste ich, dass er es war.

»Nein«, sagte ich.

»Mögen Sie keinen Kaffee?«

»Mein Kaffee wartet zu Hause auf mich.«

»Ihr Kaffee ist also wie eine Ehefrau?«

»Ja«, sagte ich, »genau wie eine Ehefrau.«

»Und wartet eine?«

»Wie bitte?«

»Eine Ehefrau?«

Ich streckte meine linke Hand aus. Kein Ring.

Er lächelte nicht, aber ich glaube, er verkniff es sich nur. Ich zahlte für meine Zeitung.

Er bestellte einen großen Becher »Kaffee des Tages«. Ich hatte recht gehabt: Er trank ihn schwarz. Seine Stimme war tief und sympathisch. Mit einem reizenden Akzent. Ich wollte das Gespräch nicht abreißen lassen. Aber gerade wenn es darauf ankommt, gibt es nie etwas zu sagen.

»Sie mögen Zeitungen«, sagte er.

»Ja.«

»Zeitungen sind von gestern. Und voller Lügen.«

Ich hob meine Zeitung hoch. »Das hier ist nicht El Diario.«

»Sind Sie etwa einer von denen?«

Ich sah ihm ins Gesicht. Er lächelte. »Einer von denen?« Jetzt lachte er. »Einer von den Mexikanern, die andere Mexikaner hassen.«

»Nein, an der Krankheit leide ich nicht.«

»Woran leiden Sie dann?«

Ich antwortete nicht. Ich sah ihm nur in die Augen. Die schokoladenbraunen Augen. Ich glaube, ich suchte nach Leiden.

»Sie sind kein richtiger Mexikaner«, sagte er.

»Kein Mexikaner. Kein Amerikaner. Scheiß drauf ! Das ist die Krankheit, an der ich leide.«

Wir setzten uns nach draußen. Es war ein kühler Morgen. Der Wind war zurückgekehrt, der Wind, der so sehr zu El Paso gehörte, der Wind, der sich weigerte, uns zu verlassen und verhinderte, dass wir die Sonne genießen.

»Sie frieren«, sagte er.

»Ich hab meine Jacke vergessen.«

»Wir können wieder reingehen.«

»Nein«, sagte ich. Wir taxierten einander. Meine Augen waren heller als seine. Rostbraun. »Ich wohne in der Nähe.«

Er überlegte.

»Ich will hier niemanden abschleppen.« Schon als mir diese Worte über die Lippen kamen, merkte ich, wie beleidigend sie klangen. Es tat mir leid, dass ich überhaupt etwas gesagt hatte.

»Nein«, erwiderte er, »zu einem Mann wie Ihnen passt das nicht.« Er lächelte. »Ich heiße Javier.«

»Javier«, sagte ich, »und ich bin – «

»Jeder weiß, wer Sie sind.«

»Niemand weiß das.«

Er lachte, dieser Javier, der seinen Kaffee schwarz trank.

»Also los. Ich möchte hören, wie Sie Ihren Namen sagen.«

»Juan Carlos.«

»Juan Carlos«, wiederholte er. »Und wo wohnen Sie?«

»Sunset Heights.«

Er tippte leicht an seinen Pappbecher. »Interessante Gegend.«

3

»Es ist schön hier«, sagte er. Und musterte eines meiner Bilder.

»Ein altes Haus, um 1900 gebaut.«

»Zehn Jahre vor der Revolution.«

»Vor mehr als hundert Jahren.«

»Da wären wir nun. Ein richtiger Mexikaner und ein Mexikaner, der Amerikaner ist.«

»Mein Großvater wurde hier geboren«, sagte ich.

»Mein Großvater wurde in Israel geboren.«

»Also bin ich mehr Mexikaner als Sie.«

»Das würde ich so nicht sagen.« Ich musste lachen.

Er betrachtete noch immer das Gemälde. »Was bekümmert diesen Mann?«

»Er ist den Krieg leid.«

»Ich bin den Krieg auch leid.«

»Israel«, sagte ich. »Israel und Mexiko. Ein echtes Kriegskind.«

»Ja. Vielleicht geht es bei der Beschneidung nur darum.« Wieder musste ich lachen.

»Sie auch«, sagte er. »Ich glaube, Sie sind auch beschnitten.«

»Was für eine Tragödie«, erwiderte ich, »die Vorhaut zu verlieren. Nicht dass ich Jude bin. Das macht Ihnen doch nichts aus – dass ich kein Jude bin?«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich Jude bin.«

»Aber dass Ihr Großvater in Israel geboren wurde.«

»Er war Iraker, kam in Israel zur Welt. Floh nach Mexiko. Heiratete meine Großmutter in Chihuahua. Und wurde in einer Bar umgebracht. Er prügelte sich gern.«

»Ein Kriegskind«, wiederholte ich.

Er lachte. »Warum sind Sie beschnitten?«

»Keine Ahnung. Eines Tages wachte ich auf, und es war, wie es war.«

»Richtige Mexikaner sind nicht beschnitten.«

»Dann wäre das geklärt. Ich bin kein richtiger Mexikaner.« Er merkte, dass mir das Gespräch unangenehm wurde.

»Sie reden nicht gern über Beschneidung?«

»Es war bislang nie Thema in meinen Gesprächen.«

»Und Sie prügeln sich nicht gern?«

»Nein. Ich schlage mich nicht gern.«

»Sie sind wirklich kein Mexikaner«, sagte er.

Ich nahm ihm den Pappbecher aus der Hand und reichte ihm dafür eine frische Tasse Kaffee. Meine Lieblingstasse, die mit van Gogh darauf.

»Es war also nicht gelogen.«

»Was?«

»Dass Ihr Kaffee auf Sie wartet.«

»Ich mache immer welchen, bevor ich meine Zeitung hole.«

»Was gefällt Ihnen an Zeitungen?«

»Die Welt ist groß.«

»Um das zu wissen, brauchen Sie eine Zeitung?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Wirklich?«

»Sie liefert mir die Details.«

»Die Welt, in der Sie leben, liefert Ihnen alle Details, die Sie brauchen.«

»Nein.«

»Doch.«

Schon waren wir in Streit geraten.

»Ich brauche Fakten.«

»Wofür?«

»Als Hilfe, damit ich mir eine Meinung bilden kann.«

»Wissen Sie denn nicht, was Sie denken?«

»Ich habe nicht immer recht.«

Er lachte. »Sie beobachten mich.«

»Beobachten?«

»Wenn Sie ins Café kommen, beobachten Sie mich.«

»Sie wirken immer so selbstvergessen.«

»Interessantes Wort. Höre ich zum ersten Mal.«

»Ich meine, Sie scheinen nichts wahrzunehmen, abgesehen von dem Buch, das Sie gerade lesen.«

»Carlos, ich nehme durchaus einiges wahr.« Er machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Das heißt, Sie beobachten mich auch.«

»Ja.«

»Und warum?«

»Warum nicht?«

»Javier, Sie sind ein schöner Mann. Und ich? Nicht besonders schön. Ihr Englisch ist perfekt.«

»Perfekt, aber mit einem Akzent.«

»Was es sogar noch perfekter macht.«

»Sie sind etwas Besseres als schön«, sagte er.

»Was kann schon besser sein als schön?«

»Interessant. Interessant ist viel besser als schön.« Er streckte die Hand aus und strich mit dem Finger über meine Wange. Seine Hände waren rau. Seine Finger schwielig.

Vielleicht spielte er ja Gitarre.

Ich hätte gern seine Finger geküsst.

»Sie sind still«, sagte er.

»Wenn ich nichts sage, bleibe ich interessant.«

Er fuhr mit den Fingern durch mein grau meliertes Haar.

»Ich bin älter als du«, sagte ich. Er küsste mich.

Ich erwiderte den Kuss.

4

Wir saßen auf dem Balkon, tranken unseren Kaffee – und lauschten dem Regen.

»Ich weiß nichts von dir«, sagte ich.

»Was willst du wissen?«

Also erzählte er. Wie er sich um seinen Onkel kümmerte, der Lungenkrebs hatte und bald sterben würde, wie er geholfen hatte, seine gelähmte Tante zu betreuen. Dass er jedes Wochenende aus Juárez herkam – von Freitagabend bis Sonntagabend – und zwischendurch, wann immer es ging. Dass er als Chauffeur für das amerikanische Konsulat in Juárez arbeitete, dass er bei Onkel und Tante gelebt hatte, die in der Florence Street wohnten, damit er zur Schule gehen konnte, und dass man sie für seine Eltern gehalten hatte, dass er ganze zwölf Jahre lang an den Wochenenden nach Hause gefahren war, um bei seiner Mutter zu sein, einer Sozialarbeiterin, die sich leidenschaftlich für Transvestiten eingesetzt hatte, wie sein Vater umgebracht worden war und vielleicht eine weitere Familie in Chicago oder Los Angeles oder Chihuahua zurückgelassen hatte (ich war nicht der einzige, der sich Geschichten über andere Leute ausdachte). Dass seine Tante an Krebs gestorben war und er seinem Onkel geholfen hatte, sich um alles zu kümmern, und dass er sich jetzt um ihn kümmerte. Aber nur an den Wochenenden.

»Hast du ihn gern?«

»Er war gut zu mir. Meine Tante war streng, aber er nicht. Er war weich. Kann man das so sagen? Weich?«

»Sanft, ja.« Ich beugte mich zu ihm und küsste ihn. Mein Gott, wie schön er war. Dies war nicht bloß eine Geschichte, die ich mir ausdachte.

»Meine Tante, die mochte ich nicht.« Er zog eine Zigarette aus der Tasche. »Stört dich das?«

»Nein, überhaupt nicht.«

»Willst du auch eine?«

»Ich hab vor Jahren aufgehört.«

»Warum?«

»Weiß nicht mehr.«

»Bist du einer, der bei gewissen Dingen unter Gedächtnisschwund leidet?«

»Cuando me conviene.« Er lachte.

Ich sah zu, wie er sich die Zigarette anzündete. Und erinnerte mich daran, wie einmal eine Frau in einer Bar auf mich zugekommen war, als ich gerade eine Zigarette rauchte, und mir gesagt hatte, ich sei schön. Sie küsste mich. Ich ließ ihre Zunge eine ganze Weile in meinem Mund. Sie schmeckte nach Cognac und Kirschen.

Er blies den Rauch aus der Nase. »Bist du sicher, dass du nicht wieder mit dem Rauchen anfangen willst?«

»Ja. Ich will etwas Neues anfangen, etwas, das ich noch nie gemacht habe.« Ich sah ihm beim Rauchen zu. »Du hast deine Tante also nicht gemocht.«

»Ich hab sie nicht gemocht – aber ich hab sie geliebt. Sie war so streng gegenüber anderen.«

»Manche Leute sind so«, sagte ich.

»Du nicht«, sagte er.

»Woher willst du das wissen?«

»Ich hab deine Bücher gelesen.«

»Das sind bloß Bücher. Du weißt nichts über mich.«

Er drückte seine Zigarette aus. Fuhr mit den Fingern durch mein grau meliertes Haar. Dann küsste er mich. »Ich denke mir Geschichten über dich aus«, sagte er.

Heute wünschte ich, ich hätte ihm erzählt, dass auch ich mir Geschichten über ihn ausdachte.

5

»¿Tienes hambre? Ich könnte etwas kochen.«

»Irgendwie wusste ich, dass du gern kochst.«

»Gehört das zu den Dingen, die du dir ausgedacht hast?«

»Nein, aber in deinen Büchern wird immer viel gekocht.«

»Tja, alle müssen essen. Sogar die Leute in Romanen.« Er lachte. »Ich mag die Leute in deinen Romanen.«

»Die meisten von denen sind am Arsch.«

»Gerade das mag ich an ihnen.« Er schaute auf seine Uhr.

»Eine schöne Uhr.«

»Sie hat meinem Vater gehört.«

»Musst du los?«

Er nickte. »Zurück zu meinem Onkel. Wir essen jeden Sonntag zusammen.«

»Gehst du mit ihm essen?«

»Die Zeiten sind vorbei. Dabei ist er immer gern ausgegangen. Hat viel gelacht und mir erzählt, wie das Leben früher für ihn war. Jetzt bleibt er zu Hause. Weil er Angst hat. Früher hatte er vor nichts Angst, nur vor meiner Tante. Jetzt ist er wie ein kleiner Junge. Er jammert. Er liest Zeitung. Er glaubt, er sei in Juárez. Ich erkläre ihm, dass wir in El Paso sind, dass er in Sicherheit ist. Aber er glaubt mir nicht. Er hat Angst, das Haus zu verlassen. Nos matan, sagt er. Ich versuche ihm zu erklären, dass niemand uns etwas antun wird – aber es ist sinnlos. Jedes Mal, wenn ich fortgehe, sagt er mir, ich soll aufpassen.«

»Und das tust du?«

»Ich habe keine Angst, umgebracht zu werden. Du etwa?«

»Ich lebe nicht in Juárez.«

»Morde gibt’s in jeder Stadt.«

Ich wollte mich nicht streiten. Nicht über so etwas. Was brachte das schon? Und er kannte Juárez besser als ich. »Du hast recht«, sagte ich.

»Gerade hab ich noch etwas über dich gelernt.«

»Was denn?«

»Du lügst nicht besonders gut.«

»Das war mal anders.« Ich fragte mich, was von meinem Gesicht abzulesen war. »Ich an deiner Stelle hätte Angst, glaube ich.«

»Was nützt es, Angst zu haben, Carlos?«

»Überhaupt nichts«, sagte ich. Er sah mich prüfend an.

Ich hatte Lust, ihn noch einmal zu küssen. Vielleicht würde er den Kuss erwidern. Vielleicht würde ich mir auch nur wie ein totaler Idiot vorkommen. Ich konnte so etwas einfach nicht. Hatte es noch nie gekonnt. Manche Männer ließen sich mit Anmut auf die Liebe ein. Ich war zaghaft und unbeholfen.

»Was ist?« Er sah mich an.

»Gar nichts.«

»Du hast mich schon wieder beobachtet.«

»Ja.«

»Es macht mir nichts aus. Mir gefällt es, wie du mich ansiehst.«

»Ich könnte dich immer so ansehen«, sagte ich.

»Du kannst mich noch mal küssen«, sagte er.

Er neigte den Kopf und blickte zu Boden. Er war schüchtern, vielleicht auch nur bescheiden. Das war das Einzige an ihm, was ich mir nicht ausdenken konnte – dass er bescheiden war. Dass er freundlich war. Dass er anständig war. Gutaussehende Männer hatten selten diese Eigenschaften.

Ich küsste ihn noch einmal.

Er flüsterte meinen Namen. Ich fragte mich, wie sich mein Name auf seiner Zunge anfühlte.

»Javier«, flüsterte ich zurück. »Weißt du, wie lange es her ist, dass ich jemanden geküsst habe?«

Er blickte zu mir hoch. »Spielt das denn eine Rolle?«

»Küssen ist eine ernste Sache.«

Er küsste mich wieder. »Das hat sich aber nicht so ernst angefühlt, oder?«

»Doch«, sagte ich. »Oh doch.« Wir schwiegen eine ganze Weile.

»Ich muss gehen«, flüsterte er. »Er wartet auf mich.«

»Kochst du für ihn?«

»Ja.«

»Ich gebe zu, ich bin eifersüchtig auf deinen Onkel.«

»Du bist kein eifersüchtiger Typ«, sagte er.

»Vielleicht doch.«

»Nein.«

Er war sich so sicher, mich zu kennen. Ich wollte nicht, dass er ging. Er trat näher. Ich war im Begriff, etwas zu sagen, aber er legte mir einen Finger auf die Lippen. Ich wusste selbst nicht so genau, was ich sagen wollte. Und manchmal spielt es ohnehin keine Rolle, was man sagt. Es spielt einfach keine Rolle. Er wollte nicht, dass ich ihn hinfuhr. »Mein Onkel wohnt nicht weit von hier – ich gehe lieber zu Fuß.«

Vielleicht brauchte er etwas Zeit zum Nachdenken. Über mich. Vielleicht. Ich wollte aufhören. Ich wollte aufhören, darüber zu schreiben, wer er war und was er dachte. Diese Geschichte fing an, mir aus den Fingern zu gleiten.

Als er ging, lauschte ich seinen Schritten auf der Treppe. Dann rannte ich auf den Balkon und sah zu, wie er die Straße entlang lief. Als er an der Ecke ankam, drehte er sich um. Er winkte. »Ich wusste, dass du da stehen würdest«, schrie er.

Ich antwortete nichts.

Ich stand einfach nur da, über das Balkongeländer gebeugt. Und sah zu, wie er am Horizont mit der Stadt verschmolz.

6

Am Montagmorgen bekam ich eine sms von ihm: Ich habe beim Aufwachen an dich gedacht. Ich las die sms und las sie dann noch einmal. Und noch einmal.

Ich fühlte mich wie ein Schuljunge, der eine Nachricht von einem Mädchen erhält. Nein, eine Nachricht von einem Jungen.

Ich wusste nicht, was ich auf seine sms antworten sollte. Diese Mode machte ich ohnehin nur mit, weil meine Nichten und Neffen es von mir erwarteten. Wir schrieben einander alberne und nette Dinge. Aber das hier war anders.

Schließlich, gegen Mittag, simste ich ihm zurück: Pass auf dich auf! Genau das schrieb ich. Genau da wurde mir klar, dass ich Angst hatte. Ich mochte mir nicht vorstellen, dass Javier allein durch die Straßen von Juárez lief, um einzukaufen, in einen Laden ging und umgebracht wurde, rein zufällig, ohne jeden Grund. Was nützt es, Angst zu haben? Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Aber so viele Menschen waren schon fortgegangen. Warum nicht auch er? Ich kannte die Antwort, noch bevor ich mir die Frage stellte. Er gehörte nicht zu denen, die fortgehen. Er liebte sein Juárez. Ich konnte es in seinen Augen sehen, in seinem unrasierten Gesicht, in der Art, wie er sich bewegte und sprach. Ich konnte seine Liebe zu dieser armen, elenden Stadt beinahe in seinen Küssen schmecken.

Es machte mich wütend, dass Juárez so chaotisch und brutal und unberechenbar geworden war, eine Stadt, die nach dem Blut ihrer eigenen Leute lechzte. Wie hatte das geschehen können? Ich war es leid, so irrsinnig leid, dass die Toten nur noch gezählt wurden, dass all das Morden unaufgeklärt und unbestraft blieb. Man konnte einfach jemanden umbringen, wenn man wollte. Und was würde passieren?

Nichts. Diese verdammte Stadt kümmerte sich nicht mehr darum, wen es erwischte. Bald würde man einfach über die Leichen hinweg steigen. Pass auf dich auf. Pass auf dich auf. Pass auf dich auf.

7

Am nächsten Sonntag stand er vor meiner Tür. Es war früh am Morgen. »Mein Onkel ist gestern Abend ins Krankenhaus gebracht worden.«

»Du siehst müde aus«, sagte ich. Und er sah wirklich müde aus. Müde und traurig, sein weißes Hemd zerknittert.

»Ich hab auf einem Stuhl in seinem Krankenzimmer geschlafen.«

Wir gingen die Treppe hoch zu meiner Wohnung.

»Ich mag deine Welt«, sagte er, während er das neue Bild ansah, an dem ich arbeitete. Dann bemerkte er die Worte auf meinem Computer. »Warst du gerade am Schreiben?«

»Ja.«

»Du schreibst am Sonntag?«

»Es ist wie zur Messe zu gehen.«

Er lächelte. »Das hier ist also das Abendmahl.«

»So ähnlich.«

»Was schreibst du?«

»Ein Gedicht.«

»Worüber?«

»Über das, was in Juárez passiert.«

»Warum ausgerechnet darüber?«

»Juárez lässt mich einfach nicht los.«

»Wieso?«

»Weil es ein Teil von mir ist.«

»Du lebst nicht dort.«

»Wir leben alle in einer Stadt, Javier.«

»Das ist Blödsinn, Carlos.« Ich mochte den Zorn, der in seiner Stimme mitschwang. »Spielt die verdammte Grenze für dich keine Rolle?«

Es gab so manches, was ich hätte sagen können, was ich gern gesagt hätte, aber die Grenze war nun einmal da und wir lebten auf verschiedenen Seiten davon. Was nützten schon utopische Ideologien über grenzenlose Welten von einem Verfasser politischer Gedichte? Was nützte ein Streit mit einem schönen Mann?

Er lächelte. »Ich bin nicht auf dich wütend.«

»Das weiß ich.«

»Schreib nicht über Juárez. Schreib über etwas Schönes.«

»Das ist nicht meine Arbeit, Javier.«

»Ich weiß. Deine Bücher werden immer trauriger.«

»Dafür gibt es eine Menge Gründe.«

»Das ist seltsam. Weil du kein trauriger Mensch bist.«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Aber warum nicht?«

»Früher war ich traurig. Jetzt geht es mir besser.«

»Also bist du glücklich?«

»Im Moment schon.«

»Du bist kompliziert.«

»Erst war ich interessant und jetzt kompliziert?«

Er lachte. Dann legte er den Kopf auf meine Schulter. Und begann zu weinen.

»Er stirbt«, flüsterte Javier. »Ich habe niemanden mehr.« Seine Tränen durchnässten mein Hemd. Ich wollte sie schmecken, in ihnen baden, von ihnen überschwemmt werden. »Er stirbt.« Das wiederholte er ein ums andere Mal.

Ich wusste nie, was ich sagen sollte, wenn jemand weinte. Besonders wenn es ein Mann war. Bevor mein Vater starb, hatte ich oft bei ihm gesessen und seinem Schluchzen gelauscht. Manchmal hatte ich dabei seine Hand gehalten. Ich liebte dieses Bild in meinem Kopf: wie ich die Hand meines Vaters hielt. Also tat ich genau das. Ich nahm Javiers Hand und hielt sie fest. Ich führte ihn zu meinem Schlafzimmer. »Du solltest schlafen«, sagte ich. »Du bist müde.«

Er legte sich aufs Bett. Ich zog ihm die Schuhe aus.

Er starrte auf das kleine Wandgemälde, das ich in einer Ecke begonnen hatte. »Sehr schön. Gefällt mir.«

»Ich bin noch nicht fertig.«

»Lass es so.«

»Es ist nur ein Himmel.«

»Es ist schön. Nur ein Himmel. Lass es so.« Er war müde und er flüsterte.

»Schlaf jetzt«, sagte ich.

Draußen war es kalt. Der Wind frischte auf und die Wolken ballten sich zusammen wie ein Schwarm lästiger Krähen. Ich hasste Krähen. Sie waren gemein und eigennützig und tanzten mit hämischer Freude herum, wenn sie eine Eidechse gefangen hatten. Ich trat auf den Balkon und atmete tief durch. Der Gedanke an eine Zigarette schoss mir durch den Kopf – aber ich wollte nicht zurück zu jenen Zeiten. Ich war nicht mehr der Jüngste. Ich hatte viele Fehler gemacht. Rauchen war der geringste davon. Kein Zurück.

Wieder drinnen beschloss ich, Kartoffelsuppe zu kochen. Ich schälte ein paar Kartoffeln, würfelte sie, würfelte auch ein paar Zwiebeln, warf alles in einen Topf, fügte Salz, Pfeffer, Knoblauch hinzu, hackte Koriander. Eine Armeleute-Suppe. Nicht dass ich arm war, aber die Suppe erinnerte mich an meine Mutter. Ich liebte sie. Und ihre Suppe.

Ich ging ins Schlafzimmer und betrachtete den schlafenden Javier. Er hatte einen schlechten Traum. Er zitterte und murmelte, aber ich konnte die Worte nicht verstehen. Ich setzte mich aufs Bett und legte ihm eine Hand auf die Brust. »Es ist nur ein Traum«, flüsterte ich. Er wachte auf, erschrocken. In seinen Augen sah ich einen Ausdruck von Angst. Und dann einen ganz anderen Ausdruck, den des Loslassens.

»Es ist okay«, sagte ich.

Ich legte mich zu ihm ins Bett. Er schmiegte sich an mich. Es wurde dunkel. So sehr ich den Winter mochte, war er mir auch verhasst. Ich fühlte Javiers Atem an meinem Hals, fühlte die Worte, die er flüsterte: »Erzähl mir etwas von dir, das ich noch nicht weiß.«

Also erzählte ich. Davon, dass meine beiden älteren Brüder bei einem Autounfall umgekommen waren, und dass sie zusammen sieben Kinder hinterlassen hatten. Sieben Kinder und zwei trauernde, untröstliche Frauen, die sie sehr geliebt hatten. Darüber, dass mein Vater jahrelang an Depressionen, hohem Blutdruck, Parkinson und Diabetes litt und dann einen Schlaganfall hatte, der zum Hirntod führte, und dass ich die Maschine abgestellt hatte, die ihn atmen ließ. Von der Frau, die ich geliebt, verletzt und verlassen hatte. Von dem Mann, der mich geliebt hatte und dessen Liebe zu erwidern ich nie mutig genug war. Von einer jungen Frau, der ich in London begegnet war und die so blaue Augen hatte wie der Sommerhimmel, und dass ich mich in diesen Augen verloren hatte, als ich mir einbildete, ein Mann zu sein, wo ich doch nichts weiter war als ein dummer Junge. Von meiner Zeit als Helfer bei der Zwiebelernte, lange bevor ich alt genug war für einen richtigen Job, und wie ich davon geträumt hatte, mehr im Leben zu sein als ein Arbeiter mit krummem Buckel. Von der Narbe auf meiner Brust, wo mir, dem unbekümmerten Jungen, der ich war, der Stacheldraht die Haut aufgerissen hatte, als wäre sie nichts weiter als ein Fetzen Papier.

Ich merkte nicht einmal, dass ich weinte.

Aber ich spürte seine Hand auf meinem Gesicht. »Tränen schmecken wie das Meer. Wusstest du das?«

»Manchmal glaube ich, dass das Meer aus Tränen gemacht ist.«

Er legte mir einen Finger auf die Lippen. »Dein Leben ist besser als das, was deine Romane beschreiben.«

Ich nahm seine Hand, drehte sie nach innen, betrachtete sie. Ich richtete mich auf. »Meine Romane sind voll von schönen Männern. Männern, wie ich nie einer sein werde.«

»Du bist nicht traurig. Nur verletzt.«

»Wir sind alle schon mal verletzt worden.«

Dann zogen wir einander aus. Er fuhr mit einem Finger über meine Narbe und küsste sie. Ich betrachtete seinen vollkommenen Körper. Doch am meisten war ich in sein Gesicht verliebt, seine Augen, den Ausdruck von Verlangen, der über die banalen Begierden des Körpers hinausging. Ich führte ihn zur Dusche. Ich wusch ihm den Rücken, das Haar, die Füße, die Beine. »Jetzt lass mich«, sagte er. Das fiel mir schwer – mich von ihm waschen zu lassen. Mich von ihm berühren zu lassen. Aber ich ließ es zu.

8

Zu den Klängen von Miles Davis aßen wir Kartoffelsuppe und tranken Wein. Ich fragte mich, ob es so für uns weitergehen könnte. Für mich und ihn. Javier und Juan Carlos. Ich sah ihm beim Essen zu. Und fragte mich, ob ein Mann wie ich jemals den Hunger stillen könnte, der in ihm steckte.

»Eine gute Suppe«, sagte er.

»Nichts Kompliziertes.«

»Es braucht ein Leben lang, um etwas richtig hinzukriegen, das so einfach ist.«

»Das stimmt. Aber nur fürs Essen.«

Er fuhr mit der Hand durch mein Haar.

Ich nahm seine Hand und küsste sie. »Was ist mit deiner Mutter passiert?«

»Woher weißt du, dass etwas mit ihr passiert ist?«

»Du hast gesagt, du hättest niemanden mehr.« Er wandte den Blick ab. »Sie wurde ermordet.«

»Wie?«

Javier goss sich noch ein Glas Wein ein. »Sie wurde ermordet. Ihre Leiche hat man nie gefunden. Sie war Sozialarbeiterin. Eine schöne Frau, meine Mutter. Hat mich mit siebzehn zur Welt gebracht. Eine junge, wilde Frau, unglaublich lebendig. Alle Männer haben sie angestarrt. Sie wurde politisch aktiv. Die Transvestiten haben sie dazu gebracht, glaube ich. Nicht dass ich es ihr übel genommen hätte, dass sie sich so engagiert hat. Und dann, eines Tages, ist sie nicht mehr nach Hause gekommen. Sie ist einfach verschwunden.«

Das war der Ausdruck, den er hatte, der Ausdruck in seinem Gesicht: die Überbleibsel alter Verletzungen, die emotionale Narbe, das Wissen, dass alles Lachen der Welt jeden Moment von einem launischen Wind hinweggefegt werden konnte. Und dass er nichts dagegen zu tun vermochte.

Seine Augen blieben trocken. »Ich hab sie gesucht und gesucht und gesucht. Die Polizei unternahm nichts. Niemand hat irgendetwas unternommen. Wer war sie auch schon? Bloß noch so eine Frau, die in der Wüste verschwand, ihr Fleisch vom gottverdammten Sand verschluckt.«

Dann kamen seine Tränen, genau so, wie Unwetter in der Wüste losbrechen, Donner, Blitze, wütender, ungeheurer Regen, der sich fast wie ein Geschosshagel anfühlt. Ich hielt ihn fest, während er weinte, und fragte mich, warum die Welt so grausam war und gute, schöne, anständige Menschen wie Javier so wenig zählten, wo sie doch so viel zählen müssten.

»Es ist nicht wahr«, flüsterte ich, »dass du niemanden mehr hast.« Ich nahm sein Gesicht zwischen meine Hände.

»Hörst du mich, Javier?«

Und dann nahm ich ihn, liebte ihn. Und dann nahm er mich, liebte mich.

Niemand hatte je meinen Namen so geflüstert, wie er es tat. Mit dem Klang meines Namens im Ohr schlief ich ein.

Als ich aufwachte, war er schon angezogen. Der Abend brach herein. »Ich muss ins Krankenhaus«, sagte er.

»Ich fahr dich hin.«

»Nein. Nicht für das kurze Stück.«

»Es ist kalt«, sagte ich. »Du hast keine Jacke dabei.« Ich stand auf und ging zum Wandschrank. »Hier. Zieh dir das über.«

Er machte keine Einwände. Er nahm die Jacke, zog sie an und küsste mich. Dann war er fort.

9

Ich hätte ihn gern angerufen, ließ es aber bleiben. Das musste ich ihm überlassen. Wenn sein Onkel im Sterben lag, würde er seine Cousins auffordern, zu kommen und sich um das Notwendige zu kümmern. Bisher hatte er das getan. Er war so jemand. Es gibt solche, die nehmen, und solche, die geben, und er gehörte zu letzteren. Ich dachte an ihn, ich stellte mir vor, wie er am Bett seines Onkels saß.

Am Dienstagabend rief er an. Es war spät, schon fast Mitternacht. »Kommst du?«

»Bin gleich da«, sagte ich. Ich brauchte nicht lange, um mich anzuziehen und aus der Tür zu laufen. Das Krankenhaus war ganz in der Nähe. Ich ging hoch in den vierten Stock und fand das Zimmer. Javier, am Bett sitzend, hielt die Hand seines Onkels. Ich ging zu ihm hin und legte meine Hand auf seinen Rücken.

»Sie sind nicht gekommen«, flüsterte er. »Seine Söhne. Sie sind nicht gekommen.«

»Du bist sein Sohn«, sagte ich.

Wir saßen da und hörten, wie sein Onkel um Luft rang. Die letzten Atemzüge Sterbender sind laut und quälend. Der Körper will bis zum letzten Moment leben, kämpft um jeden Atemzug – und schert sich nicht um die Schmerzen.

Ich wusste, dass Javier bleiben würde, bis sein Onkel den letzten Atemzug tat. Ich blieb bei ihm. Das war alles, was ich tun konnte.

Javier hielt Wache, bis zum Ende. Als es still wurde im Zimmer, keuchte er, als hätte man ihm einen Messerstich versetzt. Er zitterte am ganzen Körper. So war der Kummer – ein Erdbeben im Herzen. Aber der Kummer war auch ein grausamer Dieb, der einem die Kontrolle über den eigenen Körper stahl.

Ich küsste Javier auf die Schulter – obwohl ich bezweifle, dass er meine Anwesenheit überhaupt wahrnahm. Dann ging ich die Krankenschwester holen. Ich nahm mir Zeit. Javier hatte ihn mehr als verdient, diesen Moment allein mit seinem Onkel, den er so offensichtlich liebte.

Er verließ das Zimmer nicht ein einziges Mal, bis die Leute vom Beerdigungsinstitut kamen, um die Leiche abzuholen. Mittlerweile ging die Sonne auf.

Ich brachte ihn zum Haus seines Onkels. Während der Fahrt wechselten wir kaum ein Wort. Als wir ankamen, machte ich die Tür auf und setzte Javier auf einen Stuhl, Javier, der vor Kummer und Erschöpfung wie betrunken war.

»Hier hat sonst immer er gesessen«, sagte er. Ich nickte. »Ein guter Platz«, sagte ich.

Ich sah mich in der Küche um und kochte Kaffee.

Javier kam mir hinterher und setzte sich an den Küchentisch.

»Ich glaube, ich will jetzt keinen Kaffee«, sagte er. Ich nickte. »Du solltest ein bisschen schlafen.«

»Ich will nicht hier bleiben«, sagte er. »Es ist zu traurig.«

»Such dir ein paar Sachen zusammen«, sagte ich. Er nickte.

Die Fahrt zu meiner Wohnung dauerte keine fünf Minuten, aber Javier schlief, als wir ankamen. Ich half ihm die Treppe hoch, weil sein schlaffer und erschöpfter Körper ihn kaum mehr zu tragen vermochte. Er fiel ins Bett, ohne sich auszuziehen. Ich zog ihm die Schuhe aus und ließ ihn schlafen.

Ich legte mich auf die Couch. Als ich erwachte, saß Javier mir gegenüber in meinem Lesesessel.

Er lächelte mich an.

»Wie spät ist es?«

»Drei Uhr nachmittags.«

»Wie lange sitzt du da schon?«

»Ich bin gerade aufgestanden. Und hab Kaffee aufgesetzt.« Ich nickte. »Den kann ich jetzt gebrauchen.«

Er zog mich von der Couch hoch und hielt mich fest.

»Ich muss ins Beerdigungsinstitut«, sagte er.

»Ich fahr dich hin.«

»Nein.«

»Dann nimm mein Auto.« Er nickte.

Wir gingen zusammen unter die Dusche.

Ich sah ihm beim Rasieren zu. Ich sah ihm beim Anziehen zu. Er war anmutig und elegant. Selbst die Trauer in seinem Gesicht faszinierte mich. Ich wusste nicht, wie ich dazu gekommen war, mich in ihn zu verlieben. Ich war nicht der Typ, der sich leicht verliebte. Einige meiner Freunde hatten mir zu verstehen gegeben, ich sei erschreckend selbstgenügsam. So hatte ich das nie gesehen, aber vielleicht war ja etwas dran. Doch als ich Javier jetzt beobachtete, wollte ich ihn mit aller Macht. Er sollte die Luft sein, die ich atmete.

Als er sich die Schuhe anzog, küsste ich ihn. »Es tut mir leid«, sagte ich. »Dass du ihn verloren hast.«

Er nickte. »Er war sehr krank. Es ist gut so«, sagte er.

»Manchmal ist der Tod etwas Gutes.«

»Manchmal schon. Trotzdem schmerzt es.«

»Der Schmerz gehört dazu, Carlos.«

»Und manchmal auch die Liebe«, sagte ich.

Ich sah den Ausdruck auf seinem Gesicht. In diesem Moment begriff ich, dass er mich liebte. Es war mir egal, dass ich diese Liebe nicht verdient hatte, dass ich sie nicht wert war. Ich begriff, dass ich diese Liebe nehmen und so lange wie möglich festhalten würde. Und mir kam der Gedanke, dass wir zusammen sein – dass wir vielleicht glücklich sein würden.

10

Die Trauerfeier fand in der Kathedrale statt, wo sein Onkel fünfzig Jahre lang die Messe besucht hatte. Dort hatte er seine Frau geheiratet, seine Kinder taufen lassen, in diesem heiligen Haus hatte er seinem Leben Maß und Rhythmus gegeben. Es spielte keine Rolle, dass Javier und ich nicht gläubig waren. Wie sollten wir an eine Kirche glauben, die nicht an uns glaubte – ob wir nun allein oder zusammen waren? Trotzdem gehörten die Kirche und ihre Rituale zu uns, waren ein Teil von uns. Unsere Körper – unsere Herzen – waren vertraut mit den mittelalterlichen Gesängen. In ihnen lag ein sonderbarer, ganz eigener Trost.

Die Söhne seines Onkels saßen neben Javier in der ersten Reihe. Es waren gestandene, erfolgreiche Männer, die in anderen Städten lebten. Sie hatten etwas Strenges an sich, waren aber zivilisiert und respektvoll. »Sie sind wie meine Tante«, sagte er. »Selbst wenn sie lieben, sind sie lieblos.« Da musste ich lächeln.

Es waren nicht viele Leute gekommen. Die meisten Gäste waren eigentlich keine Trauernden, sondern Freunde von Javier. Sie umarmten und trösteten ihn, und man konnte deutlich sehen, dass sie ihn sehr mochten.

Am Grab schluchzte Javier wie ein kleiner Junge, ohne sich der Tränen zu schämen.

Ich fühlte mein Herz für ihn schlagen, so wie vielleicht das Herz eines Gläubigen im Angesicht Gottes schlägt.

11

Javier und ich richteten uns in einer Art Routine ein. Er kam jeden Freitagabend nach der Arbeit zu mir. Wir gingen aus, schauten einen Film, hielten Händchen im dunklen Kinosaal, wir gingen essen, und wenn wir nach Hause kamen, liebten wir uns. Nach und nach fanden wir in den gemächlichen, gefühlvollen Rhythmus eines beinahe normalen Lebens. Samstags werkelten wir am Haus seines Onkels herum. Er hatte es geerbt, ohne Einwände von seinen Cousins – die weder das Geld brauchten noch irgendeinen Wert auf die Hinterlassenschaften ihres Vaters legten. Wir arbeiteten beide gern mit unseren Händen. Beide gehörten wir zu dieser Sorte Mann.

Sonntagvormittag nahm ich mir Zeit zum Schreiben, während er las. Nachmittags lasen wir uns abwechselnd die Lieblingspassagen aus unseren Lieblingsbüchern vor. Javiers Ansichten waren immer sehr durchdacht, aber er brachte sie mit solcher Heftigkeit vor, dass ich regelmäßig lächeln musste. Mit der Zeit begriff er, was mein Lächeln bedeutete, obwohl er anfangs geglaubt hatte, ich sei einfach gönnerhaft.

»Was bedeutet dieses Lächeln?«

»Nichts. Ich lächle. Ich höre dir zu und lächle.«

»Weil meine Gedanken nicht intelligent genug sind? Weil du sie amüsant findest?« Seine Stimme klang gereizt.

»Das bedeutet mein Lächeln nun gerade nicht.«

»Dann erklär es mir.«

»Nein.«

Aus irgendeinem Grund akzeptierte er das. Wir versuchten, etwas übereinander zu lernen, ohne zu viel zu erklären.

Einer wurde des anderen Lieblingsbuch. Beide waren wir verrückt danach, den anderen zu lesen.

Der Winter verzog sich, allerdings nicht kampflos. Er schien bleiben zu wollen, ergab sich aber schließlich dem Unabänderlichen. Veränderungen gehen mit Widerständen einher, sogar bei Jahreszeiten. Im Frühling wurde ich allmählich besessen von dem Roman, an dem ich arbeitete. Javier bekam zu lesen, was ich geschrieben hatte. Es gab nur eine Regel: keine Diskussion über den Roman.

Eines Sonntagabends im Juli, mitten in der heißesten Zeit, waren wir beide beim Lesen. Ich las Bolaño, er Kurzgeschichten von J. G. Ballard. Ich saß in meinem Lesesessel, Javier lag auf der Couch.

Ich legte mein Buch hin.

»Willst du nicht hierher ziehen, Javier?«

»Hierher?«

»Zu mir.«

»Willst du damit sagen, wir leben nicht zusammen?«

»Du lebst in Juárez. Komm hierher.«

»Ich habe keine Papiere. Das weißt du.«

»Wir können doch den Antrag stellen. Ein Visum hast du ja schon.«

»Nur zu Besuchszwecken. Dein Land möchte nicht, dass ich bleibe.«

»Werd nicht spitzfindig. Und was spielt es schon für eine Rolle, was dieses Land möchte?«

»Länder sind bedeutender als Menschen.«

»Scheiß auf die Länder. Ich hasse sie alle. Du bist das einzige Land, das ich will.«

Er antwortete nicht. Aber dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. »Du hast heute Morgen Zeitung gelesen, oder, Carlos?«

»Es wird immer schlimmer mit den Morden.«

»Ich bin in Sicherheit.«

»In Sicherheit?«

»Für mich reicht sie.«

»Zieh hierher.«

Er richtete sich auf und legte sein Buch beiseite. »Ich kann nicht weg aus Juárez.«

»Warum denn nicht?«

»Du weißt warum.«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Was würde passieren, wenn alle gehen?«

»Dann würde die Stadt sterben.«

»Genau, Carlos.«

»Aber wenn du stirbst?«

»Du solltest aufhören, Zeitung zu lesen.«

»Das kann ich nicht, Javier.«

»Mir passiert schon nichts. Wir können ewig so weiterleben.«

»Dann ziehe ich nach Juárez.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Du gehörst hierher.«

»Ich gehöre zu dir.«

Er lächelte. »Das hast du noch nie gesagt.«

»Ich kann dir jeden Tag sagen, dass ich dich liebe. Jeden Tag meines Lebens. Und es ist wahr.«

»Du musst mir nichts sagen, was ich sowieso schon weiß.«

»Dann ziehe ich nach Juárez.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Was ist, wenn dir irgendwas passiert?«

»Was soll denn passieren?«

»Du weißt, wovon ich rede.«

»Und du weißt, wovon ich rede.«

Zu guter Letzt brüllten wir uns an. Er hatte mich noch nie angebrüllt. Ich ihn auch nicht. Das einzige Mittel, diesen Streit zu beenden, war Sex. Hinterher im Bett flüsterte er: »Ich kann nicht über meinen Schatten springen, Carlos. Ich bin nun mal so.«

Ich war nicht seine einzige Liebe und würde es auch nie sein. Vielleicht liebte er Juárez mehr als mich. Aber in Bezug auf mich hatte er recht gehabt. Ich war kein eifersüchtiger Typ. Er konnte sein Juárez lieben. Und er konnte auch mich lieben. So würde es sein.

»Wir können ewig so leben«, sagte ich. Dabei hatte ich so viel Glück gar nicht verdient.

12

Am letzten Freitag im August rief ich Javier auf seinem Handy an. »Bist du gerade unterwegs?«

»Nein, ich warte auf den Konsul, der ist noch bei einem Essen.«

»Wann hast du frei?«

»Nicht vor sieben. Der Botschafter ist in der Stadt. Am Sonntag muss ich ihn nach Chihuahua fahren.«

»Okay. Dann treffen wir uns nach der Arbeit auf einen Drink im Kentucky Club. Und heute bin ich mal dran, bei dir zu übernachten.«

Ich merkte, dass er zögerte.

»Javier?«

»Ja, wunderbar«, sagte er.

Beim Überqueren der Brücke fiel mir auf, wie wenig hier los war. Als ich jung war, wimmelte es auf der Santa Fe Bridge vor Fußgängern. Die Avenida Juárez war voll von Straßenimbissen und Leuten aus El Paso, die nach einer langen Woche endlich mal ausspannen wollten. Aber diese Zeiten waren vorbei. Die Brücke war praktisch menschenleer. Ich ging vorbei an den Soldaten, die ihre Gewehre auf dem Rücken trugen, Soldaten, die aus der Nähe mehr Ähnlichkeit mit Schuljungen hatten als mit erwachsenen Männern. Als ich den Kentucky Club betrat, saß Javier am Tresen.

Wir berührten uns mit den Augen.

»Bist du schon lange da?«

»Gerade erst gekommen.«

»Ich hab dir eine Margarita bestellt.«

»Ich hasse Margaritas.«

»Ich auch. Aber ich fand, wir sollten trotzdem eine trinken.«

Ich musste lachen.

Wir setzten uns an einen Ecktisch.

»Niemand kommt mehr hierher«, sagte ich.

Wir tranken unsere Margaritas. Er war still, ich war gesprächig. Ich erzählte ihm, dass ich als junger Mann öfters hier gewesen war, dass mir einmal ein älterer Gringo einen Antrag gemacht hatte, der schon zum Reden zu betrunken war. »Er hätte keinen mehr hochgekriegt.«

»Du musst sehr gut ausgesehen haben.«

»Darüber habe ich mir nie groß Gedanken gemacht.«

»Warum nicht?«

»Seit wann ist es ein Verdienst, gut auszusehen?«

Javier betrachtete mich. So wie er mich immer betrachtete.

»Weißt du«, sagte ich, »ich mochte nicht darüber nachdenken, wie ich aussah. Ich glaube, ich mochte es nicht mal, einen Körper zu haben.«

»Warum nicht?«

»Mir hat jemand etwas angetan. Als ich ein Junge war.« Javier musterte mein Gesicht. »Das hast du nicht verdient.«

»Bring mich nach Hause«, sagte ich.

13

Seine Wohnung war nicht gerade groß – Schlafzimmer, kleines Wohnzimmer, Küche, Bad. Überall gab es Pflanzen und Bücher. An den Wänden hingen Fotografien. Und in seinem Schlafzimmer ein Bild von mir. Die Wohnung hatte eine Art sachliche Eleganz, die mich an sein Lächeln erinnerte.

Wir liebten uns nicht. Wir hielten uns nur fest umschlungen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf und zog mich aus. Javier war im Wohnzimmer, in einen meiner Romane vertieft.

»Was machst du da?«, fragte ich.

»Ich liebe den Autor. Hab ich dir das noch nicht gesagt?« Den Rest der Nacht schliefen wir nicht mehr.

Wir liebten uns wie Jungs, die eben erst die Wunder der Sexualität entdeckt haben.

Am nächsten Tag frühstückten wir mit den beiden Frauen von nebenan. Magda und Sofia. Beide waren Lehrerinnen und Aktivistinnen, und sie sprachen voller Wehmut über das, was mit ihrem geliebten Juárez passierte. Ich fand es merkwürdig, unlogisch und bewegend zugleich, dass diese aufrechten Menschen einer Stadt die Treue hielten, die ihre Liebe nicht verdient hatte. Aber sie fanden ihre Erfüllung darin, mit Kindern zu arbeiten, die praktisch von nichts leben mussten. Ich versprach, das nächste Mal ein paar Kinderbücher mitzubringen.

»Würden Sie ihnen auch daraus vorlesen?«

»Ja, gern«, sagte ich.

Beide lächelten mich an. »Sie sind also Javiers Carlos.«

»Ja. Ich bin Javiers Carlos.«

Den Nachmittag verbrachten wir damit, einander vorzulesen. Am Abend begleitete er mich zur Brücke. Ich wollte ihn so gerne küssen. Aber das war unmöglich. Er umarmte mich. Wir hätten alte Freunde sein können.

Er versprach, sich zu melden, wenn er aus Chihuahua zurückkam.

Am Dienstagabend rief er an.

Am Mittwoch simste er mir: Te adoro. Ich simste zurück: Also bis Freitag.

Er antwortete: Lass uns ins Kino gehen.

Am Freitag wartete ich auf ihn. Aber er kam nicht.

14

Immer wieder rief ich auf seinem Handy an. Es war ausgeschaltet, blieb ausgeschaltet. Während ich in meiner Wohnung auf und ab tigerte, versuchte ich mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte. Versuchte, nicht in Panik zu geraten. Ich hatte die Telefonnummer der Botschaft, aber die war zur Zeit geschlossen. Es würde nichts bringen, dort anzurufen.

Irgendwann ging ich über die Straße zum Supermarkt und kaufte eine Schachtel Zigaretten. Die erste schmeckte, als hätte mir eine Taube in den Mund gekackt. Aber das machte nichts. Ich rauchte noch eine. Ich goss mir einen Drink ein.

In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Stattdessen ließ ich mir alle möglichen Szenarien durch den Kopf gehen. Schließlich war ich Schriftsteller. Vielleicht hatte er eine Affäre mit einem anderen Mann. So wenig originell dieses Szenario auch war, ich hielt daran fest. Weil es bedeutete, dass Javier am Leben war.

Um sechs Uhr klopfte ich an Magdas und Sofias Tür. Ihren Mienen entnahm ich, dass mein Erscheinen sie nicht überraschte.

»Sie sehen furchtbar aus«, sagte Magda, als sie mich Richtung Couch schob.

Sofia ging in die Küche und kam mit einer Tasse Kaffee zurück. Sie bot mir eine Zigarette an. Ich nahm sie. Ich hörte, wie meine Lungen den Rauch einzogen. »Nun sagen Sie schon – was ist mit Javier passiert?«

»Wir hatten keine Telefonnummer. Deshalb wussten wir nicht, wie wir Kontakt mit Ihnen aufnehmen sollten.«

»Was ist passiert?«

»Am Donnerstagabend – «, Sofia sah Magda an. Magda nickte ihr zu.

» – sind sie gekommen.«

»Wer sind ›sie‹?«

»Ein paar Männer. Sie hatten Gewehre dabei. Oder vielleicht auch keine Gewehre. Waffen. Wir haben sie gehört. Es war noch nicht dunkel. Sie haben Javier raus auf die Straße geschleift. Sie haben alle Männer aus dem Viertel zusammengetrieben. Sie müssen nach jemand Bestimmtem gesucht haben. Also haben sie erst mal alle mitgenommen.«

Magda zündete sich eine Zigarette an. »Sofia wollte sie aufhalten, aber ich habe sie nicht aus dem Haus gelassen.«

Ich nickte und sah Sofia an. »Das war wirklich mutig von Ihnen. Aber die hätten Sie umgebracht.«

»Vielleicht haben sie ja gar niemanden umgebracht.«

»Glauben Sie das?«

Magda blickte auf den Boden sah zu Boden. »Die haben nach jemand anderem gesucht. Das war einfach ein Fehlgriff.«

»Lassen die ihre Fehlgriffe am Leben?«

15

Ich fuhr zum amerikanischen Konsulat. Es war zwar an den Wochenenden geschlossen, aber irgendjemanden traf man dort immer an. Es gelang mir, einen Chauffeur auf mich aufmerksam zu machen, der hinter dem Tor in einem Auto saß. »Ich bin ein Freund von Javier«, schrie ich.

Er kam ans Tor. Ich stellte mich vor. Er nannte mir seinen Namen. Manuel. Er gab mir die Hand. »Javier liest dauernd Bücher von Ihnen«, sagte er.

Ich nickte.

Ich erzählte ihm, was ich von Magda und Sofia erfahren hatte.

Er schüttelte den Kopf.

Er ließ mich herein. Ich saß allein in einem Warteraum. Manuel kam zurück und fragte nach meiner Handynummer. Dann ging er wieder hinaus. Ein paar Minuten später erhielt ich einen Anruf von einem Mann namens Neil, der im Konsulat arbeitete. »Manuel hat mir berichtet, was mit Javier passiert ist. Können Sie mir das Ganze noch einmal erzählen?« Das tat ich. »Oh nein«, sagte er. Ich merkte, dass er eine gewisse Achtung vor Javier hatte – vielleicht spielte auch Sympathie mit hinein. Er erklärte, sie würden ihr Möglichstes tun, um herauszufinden, was mit Javier passiert war. Ich glaube nicht einmal, dass das gelogen war. Aber sie sollten nichts herausfinden.

Das Konsulat erhielt nie irgendwelche Informationen zu Javiers Verschwinden. Und falls doch, wurden die nicht an mich weitergegeben.

Eine Woche lang tat ich nichts anderes als zu suchen. Ich sprach mit Javiers Nachbarn. Niemand sagte mir irgendetwas. Alle hatten Angst. Manche von ihnen bangten selbst um einen Angehörigen, der bei dem Überfall verschwunden war. Einen Sohn. Einen Vater.

Eine Frau gab mir den Rat, nach El Paso zurückzukehren. Y no vuelvas. Nadie sabe nada. Y si saben no te van a decir. Sie hatte recht. Niemand würde mir etwas sagen.

Ich ging zur Polizei.

Dort bekam ich zu hören, sie hätten schon einen Anruf vom Konsulat erhalten und würden nach Javier suchen.

»Wahrscheinlich ist er bloß vor seiner Frau und seinen Verpflichtungen davongelaufen.« Das bekam ich zu hören. Ich machte mir nicht die Mühe, den Polizisten zu erklären, dass ich Javier so nahe stand wie es eine Ehefrau nur könnte. Ich wandte mich an die Zeitungen.

Ich sprach mit Anwälten.

Ich sprach mit Menschenrechtlern.

Ich sprach mit meinem Kongressabgeordneten.

Niemand wollte so richtig mit mir sprechen. Allmählich verstand ich, wie es sich anfühlt, unsichtbar zu sein.

Ich spielte mit dem Gedanken, in der Wüste zu suchen, aber wo in der Wüste sollte ich suchen?

Er war fortgegangen. Javier. Und ich wusste, ich würde ihn nie wiedersehen. Ich war wütend auf mein Herz, das sich weigerte, die Hoffnung aufzugeben, obwohl ich es beschwor, endlich aufzugeben. Ich begann, die Wochenenden in Javiers kleiner Wohnung zu verbringen. Magda und Sofia sagten mir, dass ich mich damit in Gefahr brachte. »Ist mir egal«, erwiderte ich. »Sollen die mich ruhig auch holen.«

Ich rief drei- oder viermal pro Woche beim Konsulat an. Ich ging aufs Polizeirevier und stellte Fragen.

Ich sprach weiter mit Reportern.

Ich schlief in Javiers Bett und träumte ihn ins Leben zurück. Es waren immer die gleichen Träume. Er war glücklich, er war am Lesen. Er berührte mich. Er schlief mit mir. Wir gingen händchenhaltend die Avenida Juárez entlang. Ich erwachte zwischen seinen Büchern und seinen Pflanzen. Immer rief ich seinen Namen, immer wartete ich darauf, dass er mir antwortete.

Ich weinte nie. Fühlte nichts als die Taubheit meines wütenden Herzens.

Ich hörte auf, beim Konsulat anzurufen. Ich hörte auf, bei der Polizei anzurufen. Monate vergingen. Ich hörte auf zu schreiben.

Schließlich hörte ich auf, in Javiers Wohnung zu gehen. Ich hörte einfach mit allem auf. Es war Monate her. Und dann war der Winter zurückgekehrt.

Eines Abends im Dezember rief Magda an. »Kommen Sie vorbei«, sagte sie.

Ich fühlte etwas im Herzen. »Hat man ihn gefunden?«

»Nein«, sagte sie. »Sie müssen aufhören, sich Hoffnungen zu machen.«

Ich nickte in den Hörer.

»Sofia und ich haben etwas für Sie.«

Ich ging zu Fuß von meiner Wohnung bis zur Brücke. Dort nahm ich ein Taxi zum Haus von Sofia und Magda. Sofia bot mir ein Glas Wein an.

Ich nahm das Glas. Magda bot mir eine Zigarette an.

»Nein«, sagte ich. »Das hilft nichts.«

»Es macht mich glücklich, dass Sie ihn so sehr geliebt haben.«

»Mich nicht«, sagte ich. »Was vermag Liebe schon, außer einen unglücklich zu machen?«

»Ohne Liebe wären wir noch unglücklicher.«

Sofia zog etwas aus ihrer Handtasche. Ich sah, was es war. Javiers Uhr. Die Uhr, die sein Vater ihm gegeben hatte. Er hatte sie nie abgenommen.

»Wo haben Sie die gefunden?«

»Ein paar Leute haben mit uns gesprochen.«

»Wer? Wer hat mit Ihnen gesprochen? Wer?«

»Das spielt keine Rolle, Carlos.«

»Doch.«

»Sie dürfen nicht weiter bohren, Carlos.«

»Warum nicht?«

»Das wissen Sie selbst.« Ich nickte.

»Sie haben uns dahin gebracht, wo er war.«

»Sie hätten mich mitnehmen müssen.«

»Wir sind nachts gegangen. Es war riskant.«

»Also ist er – «

»Er ist fortgegangen, um bei den Frauen zu sein. Bei all den namenlosen Frauen, die in der Wüste vergraben sind.«

Ich nickte und dachte: Er ist fortgegangen, um bei seiner Mutter zu sein.

Sie gab mir die Uhr.

Ich merkte, dass ich einen Kuss darauf drückte. Wie banal. Dazusitzen und die Uhr eines Liebhabers zu küssen.

16

Ich erinnere mich nicht mehr an den Moment, als ich Magdas und Sofias Haus verließ.

Ich erinnere mich vage, dass ich durch ein paar halb vertraute Straßen wanderte.

Ich wanderte eine ganze Weile herum.

Irgendwann landete ich im Kentucky Club, am Tresen.

Ich bestellte einen Drink, dann noch einen – und noch einen.

Ich starrte auf Javiers Uhr.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort am Tresen saß und trank und versuchte, nicht nachzudenken. Versuchte, nicht zu hassen. Versuchte, nichts zu fühlen.

Und dann wollte ich nur noch nach Hause. Aber wo war mein Zuhaue?

DIE KUNST DES UBERSETZENS

Es gab diese Momente, in denen ich spürte, dass meine Mutter und mein Vater bei mir waren und ich spürte ihre starren Blicke, als ob sie versuchten, nach einem Sturm die Trümmer zu sichten, um meine Überreste zu finden. Meine Mutter berührte mich, hielt meine Hand, flüsterte Worte, Worte, die ich nicht verstand. Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben über meine Stimme, über meinen Körper. Wenn meine Mutter mir in die Augen sah und mich auf die Stirn küsste, blickte ich in ihr irgendwie vertrautes Gesicht. Ich erkannte den Schmerz in ihren Augen, wenn sie meinen Namen flüsterte, und ich fühlte mich, als wäre ich zu einer einzigen Wunde geworden, der Quelle all ihrer Schmerzen.

Meine Brüder und Schwestern besuchten mich. Ich sah sie an, als wären sie mir völlig fremd. Starrte ihnen in die Augen, hörte ihre Stimmen. Mir war, als müssten sie sich irgendwo in meiner Erinnerung verstecken. Abends im Bett, wenn es dunkel wurde, flüsterte ich ihre Namen und zählte sie an den Fingern auf: Cecilia, Angela, Monica, Alfredo, Ricardo. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Dann wiederholte ich ihre Namen, ein ums andere Mal. Und zählte: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Früher einmal musste ich sie geliebt haben, jetzt versuchte ich, mich an diese Liebe zu erinnern, doch da war nichts. Nur ihre Namen blieben und ihre erwartungsvollen Gesichter. Angela sagte immer wieder: Wie konnten die nur? Wie konnten die dir das antun? Wusste sie es denn nicht? Sie war doch acht Jahre älter. Warum wusste sie nicht, wie grausam die Welt war? Nein, nicht die Welt, die Welt war weder grausam noch gut. Aber Jungen wie die – grausam waren doch die, diese Jungen – übersetzten die Welt mit ihren Fäusten, ihrer Wut, mit ihrer Gewalt. Aber was brachte es schon, über all das nachzudenken, nach dem Warum zu fragen, wenn es ohnehin keine Antwort gab?

Und war der Name der Familie denn nicht Guerra? Also Krieg? Und bedeutete das nicht, dass sie zum Kämpfen geboren waren? Aber zum Kämpfen geboren zu sein, bedeutet nicht, auch die Schlachten zu gewinnen. Während ich unablässig die Namen meiner Geschwister wiederholte und dabei jede Silbe auf meiner Zunge spürte, fragte ich mich, was diese Namen bedeuten, ob auch meine Geschwister Narben haben, Narben, die sie vor mir verbergen und vor meinen Eltern verbergen und vor der Welt verbergen. Sollte das nicht vielleicht sogar so sein? Sollten diese Narben nicht verschwiegen und verborgen bleiben? Haben wir nicht alle einen Anspruch auf die Makellosigkeit, die Schönheit und die Vollkommenheit eines perfekten Frühlingstages? Warum nicht? Dies ist Amerika, das glückverheißende Land, und wir waren aus Mexiko gekommen, dem tragischsten Land der Welt. Das einzige Gefühl, das von mir – und solchen wie mir – erwartet wurde, war Dankbarkeit. Die Typen, die mir wehgetan hatten, die sprachen eine andere Sprache, aber das war keine Sprache, die ich verstand, und vielleicht würde ich diese neue Sprache nie verstehen.

Meine Geschwister kamen abends, alle miteinander, ins Krankenhauszimmer, in dem ich lag. Ich gab mir Mühe, gab mir wirklich Mühe, sprach leise mit ihnen, und falls die Worte, die ich sprach, mir selbst nicht so ganz klar waren, was machte das schon, wenn das, was ich sagte, ohnehin nichts bedeutete? Mir war, als wäre es jemand anderes, der Worte in einer fremden Sprache von sich gab. Sie waren lieb, meine Geschwister, so lieb, und sie sagten, ich sähe schon besser aus. Es überraschte mich, dass ich verstand, was sie sagten. Ich lächelte und drückte ihre Hände, wenn sie meine drückten. Ich fragte mich, was sie wohl dachten, weil ich nichts weiter dachte, als dass ich vermutlich für tot gehalten, am Stadtrand von Albuquerque zurückgelassen worden war, an einem warmen Abend, als ich losgegangen war, um einen Brief einzuwerfen. Ich wollte nichts weiter als einen Brief am Postamt einwerfen, dann hatte jemand laut brüllend geflucht, ich war fortgeschleift und getreten worden. Seitdem war alles anders. Und jetzt war ich in einem Krankenhaus, nicht tot, nicht gestorben. Doch etwas in mir war gestorben. Nur kannte ich den Namen für dieses Etwas nicht.

Ich kam mir vor wie ein Anderer. Es verwirrte mich, dass sich alle daran erinnerten, wer ich war. Aber wer auch immer es war, an den sie sich erinnerten – ich wusste, er war verschwunden, und ich glaubte nicht, dass der Junge, den sie liebten, je zurückkommen würde.

Ich betrachtete meinen Vater und berührte sein Gesicht, als wäre ich ein Kind, das zum ersten Mal im Leben einen erwachsenen Mann vor sich sieht. Es war etwas Trauriges im Gesicht meines Vaters, aber auch etwas Hartes und Wütendes. Das Krankenhaus schien an chronischer Stille zu leiden, als wäre jeder Laut aus der Welt verbannt und die Worte und das Lachen nach Mexiko zurückgeschickt worden, während ich gezwungen war, in diesem fremden Land zu bleiben, das mich hasste. Denn das hatten sie gesagt, als ich das Messer spürte, das mir den Rücken aufschlitzte: Warum gehst du nicht dahin zurück, wo du herkommst? Du Wichser, du Arschloch, hau ab, geh zurück. Doch weil ich den Rückweg nicht kannte, war ich gezwungen zu bleiben.

Der Arzt fragte mich, ob ich wisse, wie ich heiße.

Ich begegnete seinem Blick. Versuchte zu bestimmen, ob er real war oder ich gerade nur träumte.

Der Arzt sah mich noch immer an und wartete beharrlich auf meine Antwort.

Ich wollte nicht mit ihm reden. Aber ich beschloss, dass dies kein Traum war und er nicht weggehen würde. »Ja«, sagte ich, »ich weiß, wie ich heiße.«

»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«

»Kennen Sie ihn denn nicht?«

»Sagen Sie ihn mir einfach?«

»Ich heiße Nick.«

»Und Ihr Nachname?«

»Guerra.«

»Welches Jahr haben wir?«

Ich entschied, dass der Arzt kein böser Mensch war. Dass er nicht wie diese Jungen war. Dass er mir nichts tun würde. Kann sein, dass ich ihn sogar anlächelte.

»Welches Jahr haben wir, Nick?«

»1985.«

Der Arzt nickte lächelnd, und ich fragte mich, ob er einen Sohn hatte.

»Wer ist gerade Präsident?«

Ich schloss die Augen. »Ronald Reagan.«

»Und Vizepräsident?«

»Bush? Ist es Bush? Ist das wichtig?«

Der Arzt lächelte. »Sie haben einen ziemlichen Schock, Nick.«

»Bin ich deswegen hier?«

Der Arzt berührte mich an der Schulter, und ich zuckte zusammen – ein reiner Reflex. »Ganz ruhig«, flüsterte er.

»Hier tut Ihnen niemand etwas zuleide.« Sein Lächeln war so freundlich, dass ich glatt hätte losheulen können. »Sie kommen schon wieder auf den Damm, Nick.«

Ich wollte ihm glauben. Ich schloss meine Augen. Ich wollte schlafen.

Als ich im dunklen Krankenzimmer aufwachte, meinte ich, den Klang meiner eigenen Stimme zu hören. Eine Krankenschwester kam hereingelaufen. Ich sah sie mit fragenden Augen an. »Sie haben geschrien«, sagte sie.

»Oh«, erwiderte ich. »Ich hab Durst.« Sie gab mir ein Glas Wasser.

»Es tut mir leid«, sagte sie, »dass man Ihnen das angetan hat.«

»Sind Sie sicher, dass ich geschrien habe?«

»Ja.«

»Ich hab geträumt.«

»Woran erinnern Sie sich, Nick?« Es war wieder der Arzt. Und es war nicht mehr Nacht, zum Glück.

»Erinnern Sie sich daran, dass Sie aus dem Krankenhaus Albuquerque hierher verlegt worden sind?«

»Albuquerque?«, flüsterte ich. »Ist das ein englisches Wort?«

Der Arzt sah mich verdutzt an. »Nein, ich glaube nicht.«

»Was bedeutet es?«

»Das weiß ich nicht, Nick.«

Er schwieg einen Moment lang. Seine Augen waren grün und still und ich wusste nicht, was sein Schweigen bedeutete.

»Nick, erinnern Sie sich daran, wie Sie hier angekommen sind?«

»Nein.«

»Woran erinnern Sie sich?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Wissen Sie, in welcher Stadt Sie sind?«

»Daheim.«

»Daheim?«

»In El Paso.«

»Haben Sie das jetzt geraten?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wann lassen Sie mich hier raus?«

»Ich mache mir Sorgen um Sie, Nick.«

»Sie haben gesagt, ich käme schon wieder auf den Damm.« Als der Arzt fort war, überlegte ich, was Sorge auf Spanisch hieß. Ich kam nicht auf das Wort. Es war weg. Um Worte von einer Sprache in die andere zu übersetzen, musste man beide Sprachen kennen. Die Sprachen, die ich kannte, gingen mir verloren. Ich fragte mich, ob ich einen Weg finden musste, ohne Worte zu leben.

Als meine Mutter mir erzählte, ich würde entlassen, lächelte ich sie an.

»Wir bringen dich heim«, sagte sie. Ich nickte.

»Warum redest du nicht, Nick?«

»Ich rede doch«, sagte ich.

»Nein, eben nicht.«

Ich erinnere mich an die Fahrt zurück in meine alte Nachbarschaft, an die vertrauten Häuser. Mir war, als sähe ich mich aus dem Auto steigen, sähe mich den sorgsam gepflegten Rasen anstarren. Die Rosen meiner Mutter waren gerade am Blühen, ich fand sie wunderschön und buchstabierte innerlich das Wort wunderschön. Ich hätte gern gewusst, woher es kam und was für ein Träumer es heraus in die Welt geschleppt hatte.

Ich wanderte durchs ganze Haus. Nichts kam mir fremd vor. Ich betrachtete die Bilder an der Wand. Das Foto von mir als kleinem Jungen, auf dem ich ein Osterkörbchen halte und meine Schwester Angela mich küsst.

Ich wollte schlafen. Ich war müde.

Der Verband auf meinem Rücken war weg. Ich fragte mich, ob die Worte, die sie mir in die Haut geschrieben hatten, verschwunden waren – dabei wusste ich ja, dass sie immer noch da waren. Sie würden immer da sein. Dann lachte ich in mich hinein. Was, wenn sie die Worte falsch geschrieben hatten?

Gleich nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus ging es los mit den Anrufen von den Zeitungen. Woher wussten die, dass ich zu Hause war? Ich beobachtete meine Eltern dabei, wie sie sich abmühten, all die hungrigen Fragen zu beantworten. Nein, sie können nicht mit ihm sprechen, ja, es war abscheulich, nein, die Familie hat keinen Kommentar abzugeben, bitte, bitte, nein, nein, beschreiben, wie es uns geht. Beschreiben, wie es uns geht?

Es passte mir nicht, dass meine Eltern mich umsorgten, als wäre ich ein Vogel, der mit gebrochenem Flügel aus dem Ei geschlüpft ist.

Mir entging nicht, dass meine Mutter jedes Mal zusammenzuckte, wenn das Telefon klingelte. Eine Fernsehreporterin erschien an unserer Haustür, Kameramann im Schlepptau, und lächelte meine Mutter, die im Eingang stand, teilnahmsvoll an. »Wir würden gern einen Beitrag mit Ihnen machen«, sagte sie. »Können Sie vielleicht ein paar Worte sagen, für ein kurzes Interview? Möchte vielleicht der Junge etwas sagen?«

»Er heißt Nick«, erwiderte meine Mutter mit angespannter Stimme. »Und er ist ein erwachsener Mann, kein Junge.« Sie machte die Tür zu. Ich sah den Ausdruck auf ihrem Gesicht und glaubte, sie würde gleich anfangen zu weinen, aber das tat sie nicht, worüber ich froh war, weil ich nicht gewusst hätte, wie ich sie beruhigen sollte. Ich sah ihre Lippen zucken und wusste, dass es meinetwegen war. Als die Reporterin begann, ihren Bericht aufzuzeichnen, wobei ihr unser Haus als Hintergrund diente, sah ich mit stummer Bewunderung meiner Schwester Angela zu, wie sie in den Vorgarten hinauslief, sich das Mikrofon der Reporterin schnappte, in die Kamera schaute und schrie: »Irgendwelche Scheißtypen haben den Rücken meines Bruders als Schultafel benutzt. Wollen Sie wissen, was die ihm auf den Rücken geschrieben haben? Wollen Sie das wissen? Wollen Sie wissen, wie uns zumute ist? Uns ist verdammt noch mal nach Tanzen zumute.« Dann warf sie das Mikro in den Nachbargarten und starrte die Fernsehleute an, bis sie wegfuhren.

Ich beobachtete sie vom Eingang unseres Hauses aus und fragte mich, wie sie sich diesen Zorn zu eigen gemacht hatte. Diese Wut wollte ich für mich, aber in mir war nichts. Ich war wie ein Baum, der seine Blätter in der Mitte des Frühlings verloren hat. Als Angela ins Haus zurückkam, zitterte sie. Ich legte ihr meine Hand auf den Rücken und spürte, wie die Schluchzer durch ihren Körper geschwemmt wurden. Am liebsten hätte ich sie gebeten, mir ihre Tränen zu geben.

Eine Zeitschrift aus Chicago rief an. Ob es möglich sei, mich am Telefon zu interviewen. »Nein«, sagte meine Mutter. Die Reporterin blieb hartnäckig, wollte wissen, wie es mir ging. Ob meine Narben bleiben würden? Ob ich im Herbst ans College zurückkehrte? Ob ich die Täter hasste? Was ich von der Reaktion der hispanischen Gemeinde hielt? Ob ich die Demonstrationen der Schüler und Studenten unterstützte? Meine Mutter hörte sich geduldig all ihre Fragen an – und legte dann auf.

Sie wurden bald Routine, diese Anrufe – Anrufe von Freunden, von Bekannten, von Leuten, die wir nicht kannten, die meisten, um Mitgefühl zu bekunden. Ich fragte mich, ob Mitgefühl ein gutes oder ein schlechtes Wort war. Aber es gab auch andere Anrufe, Anrufe, die mit dem Wort Mitgefühl nichts zu tun hatten. War es nicht so, dass der Junge diesen anderen Jungen etwas getan hatte? Er musste sie provoziert, sie gereizt haben, ihn anzugreifen. Die Jungen hatten doch sicherlich einen Grund dafür. Könnte es nicht sein, dass der Junge eine Art Rassenkrieg anzetteln wollte? Hatte der Junge überhaupt eine Aufenthaltserlaubnis? Was hatte ein Illegaler überhaupt an einer Universität zu suchen?

Ich schlug das Wort illegal nach.

Ein anonymer Anrufer sagte, ich hätte doch Glück gehabt.

»Er ist ja nicht gelyncht worden, oder?«

Mein Vater ließ unsere Telefonnummer ändern.

Aber auch dann warfen sich meine Eltern immer unsichere Blicke zu, sobald das Telefon klingelte.

Alles fühlte sich an, als würde es jemand anderem passieren. Die Zeitungsleute und die anderen Journalisten wollten nicht mit mir sprechen. Nein, sie wollten mit einem Nick sprechen, den es nicht mehr gab. Die Toten konnten nicht sprechen. Wussten diese Leute das denn nicht? Mir kam der Gedanke, dass die Lebenden erschöpft waren vom Gewicht der Worte, die sie mit sich herumschleppen mussten, wohin sie auch gingen.

Ich fühlte mich endlich frei vom Gewicht der Worte. Warum redest du nicht, Nick?

Wenn ich ganz still im Bett lag, dann würde ich mich vielleicht langsam auflösen wie Eis in einem Glas Wasser. Schmelzen, verdampfen, zerfließen. Einfach verschwinden.

Doch das Essen meiner Mutter – der Duft ihres Essens – erinnerte mich daran, dass es nicht immer schlecht war, einen Körper zu haben. Gerade ihre sopas und caldillos und guisados. Knoblauch, Zwiebel, Kreuzkümmel, Koriander, gebratene Chilis. Manchmal erweckten die Düfte, die aus der Küche meiner Mutter drangen, meine Lust aufs Leben.

Geschmack liegt auf der Zunge, bleibt aber für Sprache unerreichbar. Das schrieb ich auf ein Blatt Papier. Dann betrachtete ich das Geschriebene. Und zerriss das Blatt, bis die Worte nicht mehr entzifferbar waren.

Eines Nachts kam meine Mutter in mein Zimmer. Sie setzte sich an mein Bett. »Ich dachte, du würdest lesen«, sagte sie.

»Ich habe keine Lust mehr zum Lesen.«

»Du hast mir mal gesagt, ohne Bücher kannst du nicht leben. Du hast gesagt, du willst die Bedeutung von jedem Wort erlernen, das auf der Welt existiert.«

»Daran kann ich mich nicht erinnern. Das muss lange her sein.«

»Nick, so lange ist das nicht her.«

»Jedenfalls interessiert es mich nicht mehr.«

»Worüber hast du nachgedacht?«

»Was?«

Sie küsste mich auf die Stirn. »Als ich ins Zimmer gekommen bin, hast du doch über etwas nachgedacht.«

»Meine Narben.« Ich weiß nicht, warum ich das sagte.

»Sie bedeuten nicht nur Schmerzen, Nick. Sondern auch Heilung.« Meine Mutter und ich waren uns nicht einig darüber, wie man die Worte auf meinem Rücken übersetzen sollte.

Ich fühlte die lautlosen Tränen über mein Gesicht laufen. Ich ließ mich von ihr in den Schlaf wiegen.

Der Donner weckte mich. Ich hatte wieder den gleichen Traum, von der weißen Sonne, die auf mich herab brannte, dem Blut auf meinem Rücken, violett wie die Messgewänder zur Fastenzeit. Aber das Morgengewitter war stärker als dieser Traum. Ich schlug die Augen auf, hörte die Regentropfen aufs Dach prasseln, roch den beißenden Gestank des durstigen Teers.

Ich fuhr mit den Händen unter mein T-Shirt, befühlte meine glatte Brust. Und erwischte mich dabei, dass ich nach den Narben auf meinem Rücken tastete, der harten, erhabenen Haut. Ich stand auf und blickte aus dem Fenster. Sah die Pfirsichbäume meines Vaters im Rhythmus des Windes und des Regens schwanken.

Tage, Wochen, Monate nichts als Sonne. Lernen, ohne Wasser zu leben. Ausgedörrtes Land.

Warten.

Und dann dieser Regen.

In meiner Kindheit blieb die ganze Welt stehen beim ersten Klang des Donners. Die Leute traten aus ihren Häusern und lauschten dem einsetzenden Regen, als wäre jeder Tropfen, der zu Boden fiel, das Flüstern eines ihrer Lieben, von den Toten zurückgekehrt.

Ich versuchte, das Bild meiner Geschwister heraufzubeschwören, draußen beim Spielen, ihr Lachen, das im Donnern fast unterging, ihre Körper von Blitzen erleuchtet. Ich sah mich auf sie zu rennen. Dann waren wir zusammen, ich, meine Geschwister, alle am Lachen, glücklich, alle zusammen.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
231 p. 2 illustrations
ISBN:
9783943999143
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