Read the book: «Ich schaffs!»

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Ben Furman

Ich schaffs!

Spielerisch und praktisch

Lösungen mit Kindern finden –

Das 15-Schritte-Programm

für Eltern, Erzieher und

Therapeuten

Aus dem Englischen von Kirsten Dierolf

Neunte Auflage, 2021


Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

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Umschlaggestaltung: Uwe Göbel

Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Neunte Auflage, 2021

ISBN 978-3-89670-500-6 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8235-1 (ePub)

© 2005, 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel

“Muksuoppi. Ratkaisun avaimet lasten ongelmiin”

im Verlag Kustannusosakeyhtiö Tammi Helsinki, 2003

Copyright © Ben Furman, 2003

All Rights reserved

Copyright © der deutschen Ausgabe

Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2005

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 o 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 o Fax +49 6221 6438-22

info@carl-auer.de

Inhalt

Vorwort

Wie man dieses Buch nutzen kann

Ein Lehrbuch der »Ich schaffs«-Methode

Eine Einführung in den lösungsorientierten Unterricht und die Therapie mit Kindern

Eine Sammlung guter Ideen für das »Elternsein« und die Kindererziehung

Was ist das »Ich schaffs«-Programm?

Probleme in Fähigkeiten verwandeln

Die Motivation aufbauen

Die Fähigkeit üben

Das Lernen verstärken

Die Geburt von »Ich schaffs«

Die Ziele

»Ich schaffs« wird erwachsen

»Ich schaffs« erfordert ein Umdenken

Die 15 Schritte

Schritt 1: Probleme in Fähigkeiten verwandeln

Wenn das Kind viele Schwierigkeiten hat

Komplexe Probleme aufteilen

Etwas aufzuhören ist keine Fähigkeit

Von »Lass das!« zu »Tu das!«

Schritt 2: Sich auf eine zu erlernende Fähigkeit einigen

Schritt 3: Den Nutzen der Fähigkeit herausfinden

Woraus besteht Motivation?

Was bedeutet eigentlich »Vorteil«?

Jeder kann beitragen

Schritt 4: Der Fähigkeit einen Namen geben

Helden leihen Kindern ihre Namen

Schritt 5: Eine Kraftfigur aussuchen

Die Kraftfigur malen

Wie kann die Kraftfigur dem Kind helfen?

Schritt 6: Helfer einladen

Wer kann ein Helfer sein?

Wie bittet das Kind jemanden, ein Helfer zu sein?

Schritt 7: Vertrauen aufbauen

Wie man Selbstvertrauen und Zuversicht aufbaut

Wie man gute Gründe für die Zuversicht nennt

Schritt 8: Die Feier planen

Was heißt eine »Feier«?

Mit großen Gruppen von Kindern feiern

Wenn ein Kind keine Feier möchte

Selbst ältere Kinder feiern gerne

Schritt 9: Die Fähigkeit beschreiben

Zeig mir, wie du das dann machst

Lass es uns einmal versuchen

Schritt 10: Öffentlich machen

Es ist viel leichter, über das Erlernen von Fähigkeiten zu sprechen als über das Überwinden von Problemen

Es öffentlich zu machen reduziert Vorurteile

Wie weit geht »öffentlich machen«?

Wie wird es öffentlich gemacht?

Schritt 11: Die Fähigkeit üben

Am besten übt man durch Vorführen

Lassen Sie das Kind selbst Ideen entwickeln, wie man die Fähigkeit üben kann

Wie oft soll das Kind die Fähigkeit üben?

Kleine Schritte

Erfolgstagebuch

Sicherstellen, dass das Kind die Energie zum Weiterüben hat

Dreifaches Lob

Durch die Gerüchteküche loben

Loben ist ein Mannschaftssport

Schritt 12: Erinnerungshilfen erfinden

Mit Frustration und Enttäuschung umgehen

Wie man das Kind an die zu erlernende Fähigkeit erinnert

Kinder können sich gegenseitig erinnern

Schritt 13: Den Erfolg feiern

Was tun, wenn die Kinder die Fähigkeiten nicht erlernen?

Die Bedeutung der Feier

Anderen danken

Die positive Wirkung dessen, dass man anderen dankt

Schritt 14: Die Fähigkeit an andere weitergeben

Auch die Lehrer lernen

Andere anzuerkennen verbessert den Ruf und erhöht die Wertschätzung

Kinder sind natürliche Lehrer für andere Kinder

Schritt 15: Zur nächsten Fähigkeit übergehen

Selbstvertrauen

Fähigkeiten in der Warteschlange

Mit »Ich schaffs« Lösungen für Kinder finden

Schlechte Angewohnheiten

Aggressives Verhalten

Depression, Verlust, Trauer

Ängste und Albträume

Verhaltensprobleme

Zwangsrituale

Bullying

Einkoten

Horror im Sommerlager

Wutanfälle

Zündeln

Aufmerksamkeitsstörungen (ADS)

Fassen wir alles zusammen

Danksagungen

Einige nützliche Buchtipps

»Ich schaffs!« im Internet

Über den Autor

Vorwort

Eine der besten Arten zu lernen, wie Probleme bewältigt werden können, ist die Beobachtung und der Austausch mit Menschen, die vergleichbare Situationen schon bewältigt haben und, noch besser, von denen, die das ohne professionelle Hilfe oder Therapie geschafft haben. Unsere Aufgabe als Professionelle ist es dann, Menschen beim Suchen nach solchen Vorbildern, nach guten Ideen und nach Helfern zu unterstützen.

Das Geniale und Gemeinsame der vielen von Ben Furman entwickelten Programme ist nicht nur, dass er diese Idee in handhabbare Modelle umsetzt, sondern dass er gleichzeitig auch die dazu erforderlichen Haltungen vermittelt. Wer Ben Furman selbst erlebt hat, wird das nur bestätigen können. Er macht es selber vor:

Mit Mut und Vertrauen auf Erfolg sind Ziele leichter zu erreichen. Ben Furman macht Mut. Er macht Klienten Mut, die Probleme ihres Lebens auch unter schwierigen Bedingungen anzugehen, und er macht Professionellen Mut, auch mit »schwierigen« Klienten zu arbeiten.

Mit Spaß gelingen auch schwierige Aufgaben leichter. Mit Ben Furman zu arbeiten macht Spaß. Mit ihm kann jeder erfahren, wie Respekt und Humor zusammenpassen; dass auch bei schweren Lebensthemen Veränderungen und Lernen Spaß machen können und dass eine durch Humor geförderte innere Distanz Lernen erleichtert.

Kooperation ist die beste Voraussetzung für Lernen und Veränderung. Wie sonst wenige Menschen ermutigt Ben Furman auf seine humorige Art dazu, gemeinsam mit anderen schwierige Aufgaben anzugehen und Helfer zu suchen. Die meisten von uns werden die alten Sprichworte »Gemeinsam sind wir stark«, »Geteiltes Leid ist halbes Leid« und »Geteilte Freude ist doppelte Freude« nur bestätigen können.

Ich schaffs ist die konsequente Anwendung dieses Ansatzes für die Arbeit mit Kindern. Das Konzept wird in einer Sprache angeboten, die gut zu Kindern passt und die Übernahme in Einrichtungen, die mit Kindern arbeiten, erleichtert. Es arbeitet mit Metaphern und Methoden, die sich seit langem in der therapeutischen und pädagogischen Arbeit mit dieser Altersgruppe bewährt haben, und es ist so flexibel, dass es sich leicht in ganz unterschiedlichen Settings, wie Schulen, Tagesstätten oder Einzeltherapien, einsetzen lässt.

Das internationale Programm kids’ skills, das Ich schaffs zugrunde liegt, hat in vielen Ländern wegen seines einmaligen und trotzdem einfachen Ansatzes immer größeren Erfolg und wurde in über zehn Sprachen übersetzt. Seit es ins Deutsche übertragen wurde, findet es auch in den deutschsprachigen Ländern immer mehr Freunde und praktische Nutzer. Schulen nutzen Ich schaffs, um die Idee des gemeinsamen Lernens zu fördern, nicht nur in Bezug auf den Stoff des Lehrplans, sondern auch im Hinblick auf soziale Kompetenzen. Tagesstätten nutzen ich schaffs, um eine Kultur der Kooperation und gegenseitigen Hilfe aller – der Kinder untereinander, der Eltern und der Professionellen – zu fördern. Mit Ich schaffs kann allen Kindern, den schüchternen und zurückgezogenen ebenso wie den expansiven und störenden, in gleicher Weise ein Platz zum Lernen angeboten werden. Therapeutinnen und Therapeuten für psychische, körperliche oder soziale Probleme bestätigen den großen Nutzen von Ich schaffs gerade in den vielen Fällen von Hoffnungslosigkeit, wo es gilt, eine neue Kultur von Optimismus und Vertrauen auf Fortschritte zu schaffen. Alle diese Vorteile lassen sich immer neu kombinieren und in vielen Einrichtungen mit großem Gewinn einsetzen.

Ben Furman bietet nun in diesem Buch eine umfassende Darstellung der Ideen und Methodiken von Ich schaffs im Speziellen und der lösungsorientierten Arbeit mit Kindern und ihren Familien ganz allgemein. In zahlreichen Beispielen aus der ganzen Breite des therapeutischen und pädagogischen Feldes beschreibt er ganz praktisch und bis in die konkreten Formulierungen hinein das methodische Vorgehen. Die einzelnen Schritte von Ich schaffs werden vorgestellt, und die zentralen Ideen von Mutmachen, Spaß und Kooperation werden praktisch auf jeder Seite spürbar. Auf die am häufigsten gestellten Fragen werden praktische Antworten gegeben: Wie setze ich Ich schaffs in einer Klasse mit 25 Kindern ein? Was mache ich, wenn die Eltern nicht kooperativ sind? Wie gehe ich vor, wenn ein Kind ganz viele Probleme hat? Was tue ich, wenn ein Kind nicht einsehen will, dass es sein Verhalten ändern muss?

Therapeutische und pädagogische Arbeit steht vor gewaltigen Veränderungen. Finanzielle und personelle Ressourcen werden zurückgefahren, Familien finden eher verschlechterte Rahmenbedingungen für das Leben mit Kindern vor, und die Weitergabe von Erziehungserfahrungen wird immer lückenhafter. Ich denke, dass in diesem Kontext die bestmögliche Förderung von Kompetenzen, Fähigkeiten oder »Skills« die beste Unterstützung ist – die Kompetenzen von Kindern, ihr Leben zu meistern, und die Kompetenzen von Eltern, ihre Kinder auf diesem Wege zu unterstützen und zu begleiten. Ich schaffs macht hier ein beispielhaftes Angebot. Es ist leicht zu lernen und schult alle im Aufbau von Kooperation – einer besonderen Fähigkeit, die lebenslang von Nutzen ist, denn wer sagen kann »Wir schaffen es«, sagt auch leichter »Ich schaffs«.

Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser und dass es dazu beiträgt, Spaß und Kooperation in Therapie und Pädagogik zu fördern.

Thomas Hegemann ISTOB – Institut für Systemische Therapie und Organisationsberatung e.V. München, im August 2005

Wie man dieses Buch nutzen kann

Sie können dieses Buch auf verschiedene Art und Weise nutzen, je nachdem, wo Ihr Interesse liegt und was Ihre Bedürfnisse sind. Sie können es unter folgenden Gesichtspunkten lesen:

Ein Lehrbuch der »Ich schaffs«-Methode

Sie können dieses Buch als Lehrbuch verwenden, um zu lernen, wie Sie die »Ich schaffs«-Methode mit Ihren eigenen Kindern oder mit den Kindern, mit denen Sie arbeiten, anwenden können. In diesem Fall lesen Sie es am besten ganz konventionell von Anfang bis Ende durch, diskutieren den Inhalt mit anderen und lernen die Methode, indem Sie sie praktisch anwenden.

Eine Einführung in den lösungsorientierten Unterricht und die Therapie mit Kindern

Sie können sich auch auf die theoretischen Aspekte dieses Buches konzentrieren, um mehr über den neuen und revolutionären Ansatz der lösungsorientierten Psychologie zu erfahren. In diesem Fall lesen Sie es am besten äußerst kritisch und prüfen die vorgestellten Ideen gemeinsam mit Ihren Freunden oder Kollegen sehr genau. Sie können sich darüber Gedanken machen, welche Implikationen diese Ideen hätten, wenn sie von der Gesellschaft im Ganzen angenommen würden. Wie würden sie die Kindererziehung und das Ausbildungssystem beeinflussen? Welche Auswirkungen hätten sie darauf, wie wir Familien anleiten, wenn sie uns um Hilfe bei den Schwierigkeiten ihrer Kinder bitten.

Eine Sammlung guter Ideen für das »Elternsein« und die Kindererziehung

Eine dritte Art, dieses Buch zu nutzen, besteht darin, es als Sammlung kreativer Ideen und Techniken anzusehen, die sich im Umgang mit Kindern als nützlich erwiesen haben. Die »Ich schaffs«-Methode besteht aus 15 Schritten. Sie können diese Schritte als eine Abfolge von Schritten sehen, die von Anfang bis Ende durchgeführt werden sollte, aber auch als Sammlung von unabhängigen Ideen, die Sie in passenden Situationen auf kreative Weise umsetzen können.

Was ist das »Ich schaffs«-Programm?

Alle Kinder stehen im Laufe ihrer Entwicklung immer wieder einmal vor Herausforderungen. Bei manchen Kindern ist das mit Schwierigkeiten verbunden, sie entwickeln Ängste, Wutanfälle oder Lernschwierigkeiten auf bestimmten Gebieten. Im Normalfall kommen und gehen solche Schwierigkeiten auch wieder. Manchmal aber scheint es so, als würden sie sich festsetzen – und dann fangen die Erwachsenen, die für das Kind sorgen, an, nach Lösungen zu suchen. Und dafür brauchen sie Ideen.

Das »Ich schaffs«-Programm bietet solche Ideen. Es ist eine Methode, mit der Kinder Schwierigkeiten positiv und konstruktiv überwinden können, indem sie neue Fähigkeiten erlernen.

»Ich schaffs« wurde ursprünglich im finnischen Tageszentrum Keula für Kinder zwischen vier und sieben Jahren entwickelt. Es zeigte sich aber sehr schnell, dass dieser Ansatz auch für ältere Kinder geeignet ist. Die Prinzipien von »Ich schaffs« haben in der Tat wenig mit dem Alter zu tun. Der Ansatz kann leicht modifiziert ebenso verwendet werden, um Teenagern oder selbst aufgeschlossenen Erwachsenen zu helfen, ihre Schwierigkeiten zu bewältigen.

Das »Ich schaffs«-Programm besteht aus 15 aufeinander folgenden Schritten. Beim Lesen des Buchs werden Sie sich vielleicht fragen, wie eng Sie sich an das Programm halten sollten, wenn Sie mit Kindern arbeiten. Vielleicht fragen Sie sich auch, ob es entscheidend ist, alle Schritte in den Prozess mit einzubeziehen, oder ob Sie alle Schritte genau in der beschriebenen Reihenfolge durchführen sollten.

Wenn jemand Tanzstunden nimmt, wird er vielleicht seinen Lehrer fragen, ob es besser sei, auf der Tanzfläche zu improvisieren, oder ob er bei den Schritten bleiben sollte, die er gelernt hat. Der Tanzlehrer wird dem Schüler üblicherweise raten, mit den Schritten anzufangen, die er gelernt hat und erst dann mit dem Improvisieren zu beginnen, wenn er sich beim Tanzen locker und sicher fühlt. Mit anderen Worten, wenn er sich im Einklang mit dem Rhythmus des Tanzes fühlt. Erst dann sollte der Tänzer anfangen zu experimentieren, die Schrittfolge verändern, ein paar Schritte auslassen oder sogar neue Schritte dem Tanz hinzufügen.

Dieses Prinzip gilt auch für »Ich schaffs«. Wenn Sie mit den einzelnen Schritten vertraut sind und ein Gefühl für das Programm entwickelt haben, können Sie anfangen zu improvisieren, um Ihre eigene Art, die Ideen anzuwenden, herauszufinden – sei es bei Ihren eigenen Kindern oder den Kindern und den Familien, mit denen Sie arbeiten. Denken Sie dabei daran, dass es sich bei »Ich schaffs« nicht um eine weitere neue Erziehungsmethode handelt, die Ihnen vorschreibt, was Sie mit Ihren Kindern tun oder lassen sollen. Im Gegenteil: »Ich schaffs« ist wie ein Floß, auf dem Sie zum anderen Ufer des Flusses übersetzen können, dorthin, wo Sie Ihre Kreativität ausschöpfen und wieder Spaß haben können – also diese zwei so entscheidenden Faktoren für Menschen, die Kindern bei der Bewältigung von Herausforderungen bzw. bei den damit verbundenen Schwierigkeiten helfen.

Probleme in Fähigkeiten verwandeln

Daniel, ein sechsjähriger Junge, fiel durch sein problematisches Verhalten auf. Er weigerte sich, wie alle anderen auf die Toilette zu gehen, und machte stattdessen in die Hose. Seine Eltern hatten alles Mögliche versucht, um ihm zu helfen, aber vergebens. Daniel litt selbst unter dieser Entwicklungsverzögerung. Die anderen Kinder mieden ihn, und er wurde nur selten eingeladen, bei seinen Freunden zu spielen. Auch die Möglichkeit, in eine Ferienfreizeit zu fahren, kam erst gar nicht in Frage.

Nichtsdestotrotz fing Daniel im Sommer kurz vor seinem siebten Geburtstag an, wie alle anderen auf die Toilette zu gehen. Eines Tages sprach seine Mutter ihn darauf an.

»Du weißt ja gar nicht, wie froh ich bin, dass du jetzt gelernt hast, regelmäßig auf die Toilette zu gehen«, sagte sie. »Ist das nicht auch für dich schön?«

»Ja, klar«, sagte Daniel und fuhr fort: »Es hat eine ganze Weile gedauert, aber zum Schluss habe ich es dann gelernt.«

Diese Geschichte illustriert die Grundidee von »Ich schaffs«. Wenn Kinder sich weigern, auf die Toilette zu gehen, und stattdessen in die Hose machen, denken Erwachsene üblicherweise, dass dies ein Symptom einer tiefer liegenden Störung ist. Aber Daniel war da anderer Meinung. Seine Worte »Zum Schluss habe ich es dann gelernt« zeigen, dass es für ihn einfach eine Fähigkeit war, die alle Kinder erlernen müssen, mit dem einzigen Unterschied, dass er dazu eben länger brauchte als die anderen.

»Ich schaffs« basiert auf dem Gedanken, dass Kinder eigentlich keine Probleme haben. Probleme werden definiert als Fähigkeiten, die sie noch nicht erlernt haben. Anders ausgedrückt, die meisten Schwierigkeiten, mit denen Kinder zu tun haben – Ängste, schlechte Angewohnheiten, Schlaf- und Essstörungen, Probleme beim Urinieren und beim Stuhlgang eingeschlossen – werden als noch nicht ausgebildete Fähigkeiten angesehen. Kinder können diese Schwierigkeiten überwinden, indem sie die damit korrespondierende Fähigkeit erlernen.

Im »Ich schaffs«-Programm beginnen wir den Prozess der Problemlösung damit, dass wir die Probleme in Fähigkeiten »verwandeln« – das heißt, dass wir uns von der Wahrnehmung eines »Problems« wegbewegen hin zu einem Bewusstsein der Fähigkeit, die erforderlich ist, um das Problem zu überwinden. Diesen Schritt nennen wir »verfähigen«. Wenn wir eine Fähigkeit identifiziert haben, die das Kind erlernen muss, damit sich das Problem auflöst, können wir anfangen, über Fähigkeiten zu sprechen anstatt über Probleme. Schließlich ist der Gedanke, eine Fähigkeit zu entwickeln, für Kinder viel attraktiver und motivierender als die Vorstellung, Schwierigkeiten überwinden zu müssen.

Die Motivation aufbauen

Wenn man sich mit einem Kind darüber geeinigt hat, welche bestimmte Fähigkeit es entwickeln sollte, heißt das aber noch lange nicht, dass das Kind auch motiviert ist, diese Fähigkeit zu erlernen. Es kann sein, dass noch das ein oder andere getan werden muss, um die Motivation des Kindes aufzubauen. Wir können beispielsweise das Kind auffordern, der zu entwickelnden Fähigkeit einen Namen zu geben, oder dem Kind helfen, die Vorteile des Erlernens zu erkennen, oder mit ihm frühzeitig Pläne schmieden, wie es feiern kann, wenn es die Fähigkeit erlangt hat. Zusätzlich können wir noch sicherstellen, dass es mehrere Menschen in seinem Umfeld gibt, die willens sind, das Kind zu unterstützen und ihm beim Erlernen der Fähigkeit zu helfen.

Die Fähigkeit üben

Wenn wir das Kind erfolgreich motiviert haben, die Fähigkeit zu erlernen, dann ermutigen wir es, die Fähigkeit zu üben. Wir zeigen ihm auch einen geeigneten Weg, die Fähigkeit zu üben, und stellen sicher, dass es viel positives Feedback bekommt, wann immer es übt und die Fähigkeit zeigt.

Lernen geschieht selten linear, und daher müssen wir auch auf Rückschläge gefasst sein – das heißt Zeiten, in denen das Kind die erlernte Fähigkeit vorübergehend verliert und das problematische Verhalten zurückkehrt.

Das Lernen verstärken

Wenn das Kind seine Fähigkeit erlernt hat, geben wir ihm zu Ehren ein Fest. Vorher schlagen wir ihm noch vor, allen Menschen, die es unterstützt haben oder die ihm geholfen haben, zu danken. Als ein weiterer wichtiger Schritt des Prozesses versuchen wir auch, dem Kind eine Gelegenheit zu verschaffen, die neu erlernte Fähigkeit an jemand anderes weiterzugeben. Zum Schluss einigen wir uns dann gemeinsam mit dem Kind auf die nächste Fähigkeit, die es erlernen möchte.

Die Geburt von »Ich schaffs«

Mitte der 90er Jahre kontaktierten mich zwei kreative Sonderschullehrerinnen, Sirpa Birn und Tuija Terävä, und baten mich, ihr Supervisor zu werden. Diese beiden Frauen arbeiteten im Tageszentrum Keula, einer Sonderschule für Kinder mit speziellem Förderungsbedarf. Sie waren außerordentlich engagiert bei ihrer Arbeit mit den Kindern und Familien. Ich traf mich kurz darauf mit Sirpa und Tuija, um zu diskutieren, wie ich sie am besten unterstützen kann. In dieser Besprechung kamen wir auf folgende Idee: Ich würde nicht als ihr Supervisor in der üblichen Form (mit regelmäßigen Sitzungen zur Besprechung ihrer Fälle) fungieren, sondern wir würden gemeinsam eine Methode entwickeln, die Probleme zu lösen, vor denen Kinder stehen. Diese Methode könnten wir dann jedem beibringen, der Ideen braucht, um Kindern bei der Überwindung ihrer Schwierigkeiten helfen zu können. Diese Zusammenarbeit führte dann zur Geburt dessen, was wir später »Ich schaffs« nannten.

Die Ziele

Am Anfang des Projekts setzten wir uns eine Reihe klarer Ziele. Zunächst wollten wir eine Methode entwickeln, die effektiv und nützlich für die Arbeit mit vielen die Kinder betreffenden Themen ist. Die Methode sollte sich für die Lösung der alltäglichen Schwierigkeiten genauso anbieten wie für die ernsteren Probleme, für die professionelle Helfer zu Rate gezogen werden, die sich auf Kinder mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert haben.

Die Methode sollte zielgerichtet und leicht zu verstehen sein, weil es uns wichtig war, dass jeder, der sich um Kinder kümmert, sie anwenden kann und aus ihr Nutzen ziehen kann. Sie sollte in verschiedenen Umgebungen wie zu Hause, in Schulen, Kindergärten, Familienberatungsstellen, Heimen etc. einsetzbar sein.

Wir wollten auch, dass die Methode von den Kindern anerkannt wird. Über die Jahre habe ich bei meiner Arbeit mit Kindern die Überzeugung gewonnen, dass wir die uneingeschränkte Mitarbeit des Kindes brauchen, wenn wir Ergebnisse erzielen möchten. Aus diesen Gründen war es für uns wichtig, dass unsere Ideen auch kindgerecht (wirksam) waren und dass Kinder die Methode ansprechend finden.

Aber es reichte uns nicht, dass die Kinder die Methode mögen. Wir wollten auch, dass die Eltern sie schätzen, und wir wollten mit ihr die Beziehungen zwischen den Erwachsenen, die sich um ein Kind kümmern, verbessern. Dies verlangte, dass die Methode auf dem Grundgedanken basiert, nicht irgendjemanden für die Schwierigkeiten des Kindes verantwortlich zu machen, sondern stattdessen jeden als Ressource anzusehen. Alle diejenigen, die dem Kind nahe stehen, sollten als Unterstützer angesehen werden, die auf die eine oder andere Art in der Lage sind, dem Kind zu helfen, die zu entwickelnde Fähigkeit zu erlernen.

Diese Ziele hatten wir zu Beginn unserer Arbeit vor Augen. Wir trafen uns alle paar Wochen und entwickelten Ideen, die Sirpa und Tuija mit ihren Kollegen im Tageszentrum Keula dann ausprobierten. Auch mein Kollege Tapani Ahola arbeitete an der Entwicklung der Ideen mit. Schritt für Schritt, nach einigen geglückten und weniger gelungenen Versuchen, konnten wir ein 15-Schritte-Programm aufstellen, das wir dann »Ich schaffs« nannten.

»Ich schaffs« wird erwachsen

Nun, da »Ich schaffs« nicht nur bei uns in Finnland, sondern auch in anderen Ländern weithin Akzeptanz gefunden hat, können wir sicher behaupten, dass wir die Ziele erreicht haben, die wir uns ursprünglich für das Programm gesetzt hatten. Es funktioniert gut, die Kinder sind begeistert, und die Eltern stehen ihm uneingeschränkt positiv gegenüber. »Ich schaffs« hat positive Auswirkungen auf die Beziehung der Eltern untereinander, und wenn es in Schulen oder anderen Einrichtungen angewendet wird, unterstützt es die Zusammenarbeit zwischen den dort Beschäftigten und den Eltern. Am wichtigsten ist aber, dass die »Ich schaffs«-Methode so einfach ist, dass sie von jedem angewendet werden kann: sowohl von Eltern und Lehrern als auch von anderen Menschen, die beruflich damit zu tun haben, Eltern zu helfen, deren Kinder Probleme zu bewältigen haben.

»Ich schaffs« erfordert ein Umdenken

»Ich schaffs« ist zwar eine einfache Methode, sie anzuwenden ist aber nicht ganz so einfach, wie es zunächst aussehen mag. Mit dieser Methode zu arbeiten, erfordert von uns ein Umdenken, und ihre Umsetzung ist mit einigen Anstrengungen verbunden.

Die westliche Psychologie lehrt uns, dass die Probleme von Kindern von Umweltfaktoren wie z. B. der Beschaffenheit der Familie, dem Umgang miteinander und der Erziehung herrühren. Diese Denkweise führt dazu, dass Eltern anfangen, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben, wenn ihre Kinder vor Problemen stehen. »Das kommt davon, dass du ihm immer nachgibst!« oder »Kein Wunder, dass sie so ist. Du musst sie ja ständig antreiben!« oder »Auf unserer Seite der Familie hatten wir nie solche Probleme!« Das gleiche Phänomen – »Blamestorming«, wie es manchmal genannt wird – zeigt sich auch, wenn Kinder in der Schule Schwierigkeiten haben. »Er wäre sicher besser in der Schule, wenn Sie Interesse an seinen Hausaufgaben zeigen würden«, könnte ein Lehrer im Gespräch mit den Eltern sagen. Die Eltern würden normalerweise die Worte des Lehrers als Anschuldigung verstehen und im Gegenzug antworten: »Er war letztes Jahr viel besser in der Schule, als er noch einen anderen Lehrer hatte!«

»Ich schaffs« verhindert »Blamestorming«. Wenn wir mit »Ich schaffs« arbeiten, verbringen wir nicht so viel Zeit damit, die Ursache für das Problem des Kindes herauszufinden. Stattdessen lenken wir den Fokus auf das, was das Kind lernen muss, und vermeiden somit diese typischen fehlersuchenden und anschuldigenden Gespräche, die für traditionellere Ansätze beim Umgang mit Schwierigkeiten in der Kindheit charakteristisch sind.

Dennoch möchte ich herausstellen, dass das nicht bedeutet, dass wir vor der Tatsache die Augen verschließen, dass es auch viele negative Einflüsse der psychosozialen Umwelt auf das Kind geben kann. Im Gegenteil: Dadurch dass »Ich schaffs« den Fokus darauf legt, Kindern zu helfen, Fähigkeiten zu erlernen, hat dies gleichzeitig auch positive Auswirkungen auf das Umfeld, in dem das Kind aufwächst. »Ich schaffs« bringt Menschen dazu, am gleichen Strang zu ziehen. Es hilft Erwachsenen und anderen Kindern, das Kind stärker zu unterstützen, und bietet jedem, der dem Kind hilft, seine Fähigkeit zu erlernen, die Gelegenheit, sich wichtig und nützlich zu fühlen.

»Ich schaffs« fordert uns auf zu überdenken, wie wir mit Kindern umgehen. Traditionell wurden Kinder als Zielobjekte elterlicher und schulischer Erziehung oder therapeutischer Beratung gesehen. Das heißt nicht, dass Kindern nie erlaubt wurde, an den Diskussionen über sie teilzunehmen. Das schon. Der Knackpunkt dabei ist, dass Kindern bislang wenig Möglichkeiten gegeben wurde, sich selbst dazu zu äußern, wie ihre Schwierigkeiten beseitigt werden sollen. Das ist bei »Ich schaffs« ganz anders. Hier werden die Kinder nicht als Zielobjekte erwachsener Interventionen gesehen, sondern sie werden als gleichwertige Partner behandelt, von denen erwartet wird, dass sie sich an allen sie betreffenden Entscheidungen beteiligen.

Eltern ist es oft peinlich zuzugeben, dass ihre Kinder Probleme oder Schwierigkeiten haben. Wenn sie mit anderen Eltern in der Schule oder mit professionellen Helfern über die Schwierigkeiten sprechen, tun sie das meist hinter verschlossenen Türen. Im Gegensatz dazu zeichnet sich »Ich schaffs« durch Offenheit aus. Sobald das Problem in eine zu erlernende Fähigkeit verwandelt worden ist, kann man offen über die Fähigkeit und den Lernprozess sprechen. Der Vorteil dieser Offenheit ist es, dass jeder, Erwachsene wie die Freunde des Kindes, daran mitarbeiten kann, das Kind beim Erlernen der Fähigkeit zu unterstützen.

Uns wurde bisher die Ansicht vermittelt, dass wir uns an Experten wenden sollten, wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, die das Kind dann untersuchen und eine Therapie vorschlagen. Experten wird man zwar immer brauchen, aber »Ich schaffs« sucht nach einem anderen Handlungsablauf. Ziel ist, das Wissen um die Lösung von Problemen der Kinder denen zu vermitteln, die es am meisten brauchen – den Eltern, Lehrern, Betreuerinnen und all den anderen Menschen, die sich in erster Linie damit beschäftigen, Kindern und ihren Familien zu helfen. Mit der »Ich schaffs«-Methode zu arbeiten bedeutet, sich nicht routinemäßig auf Experten zu verlassen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass die besten Schlüssel zu einer Lösung tatsächlich in unseren eigenen Händen liegen.

Die 15 Schritte


Schritt 1: Probleme in Fähigkeiten verwandeln

Finden Sie zunächst selbst heraus, welche Fähigkeit das Kind erlernen muss, um das Problem zu überwinden.


Schritt 2: Sich auf eine zu erlernende Fähigkeit einigen

Besprechen Sie sich mit dem Kind und einigen Sie sich mit ihm darüber, welche Fähigkeit es zuerst erlernen möchte.


Schritt 3: Den Nutzen der Fähigkeit herausfinden

Helfen Sie dem Kind dabei zu erkennen, welche Vorteile es hat, diese Fähigkeit zu erlernen.


Schritt 4: Der Fähigkeit einen Namen geben

Fordern Sie das Kind auf, der Fähigkeit einen Namen zu geben.


Schritt 5: Eine Kraftfigur aussuchen

Lassen Sie das Kind ein Tier oder eine andere Figur auswählen, die ihm dabei helfen wird, die Fähigkeit zu erlernen.


Schritt 6: Helfer einladen

Veranlassen Sie das Kind, eine Reihe von Menschen dazu einzuladen, seine Helfer zu werden.


Schritt 7: Vertrauen aufbauen

Helfen Sie dem Kind dabei, Selbstvertrauen und Zuversicht aufzubauen, dass es die Fähigkeit erlernen wird.


Schritt 8: Die Feier planen

Planen Sie mit dem Kind schon frühzeitig, wie gefeiert werden soll, wenn es die Fähigkeit erlernt hat.


Schritt 9: Die Fähigkeit beschreiben

Bitten Sie das Kind, Ihnen zu beschreiben und zu zeigen, wie es sich verhalten wird, wenn es die Fähigkeit erlernt hat.


Schritt 10: Öffentlich machen

Informieren Sie die Menschen in seinem Umfeld darüber, welche Fähigkeit das Kind gerade erlernt.


Schritt 11: Die Fähigkeit üben

Einigen Sie sich mit dem Kind darüber, wie es die Fähigkeit üben wird.


Schritt 12: Erinnerungshilfen erfinden

Bitten Sie das Kind, Ihnen zu sagen, wie es möchte, dass die anderen reagieren, wenn es einmal seine Fähigkeit vergisst.


Schritt 13: Den Erfolg feiern

Wenn das Kind die Fähigkeit erlernt hat, ist es Zeit zu feiern und ihm eine Gelegenheit zu geben, allen Menschen zu danken, die ihn dabei unterstützt haben.


Schritt 14: Die Fähigkeit an andere weitergeben

Ermutigen Sie das Kind dazu, die neue Fähigkeit einem anderen Kind beizubringen.


Schritt 15: Zur nächsten Fähigkeit übergehen

Einigen Sie sich mit dem Kind darüber, welche nächste Fähigkeit es erlernen möchte.

Schritt 1: Probleme in Fähigkeiten verwandeln

Finden Sie zunächst selbst heraus, welche Fähigkeit das Kind erlernen muss, um das Problem zu überwinden.


In jedem unerwünschten Verhalten steckt eine Fähigkeit, die es zu erlernen gilt.

»Ich schaffs« basiert auf der Idee, dass sich Probleme, mit denen ein Kind zu tun hat, am besten dadurch lösen lassen, dass man das Kind motiviert, eine bestimmte Fähigkeit zu erlernen. Diese Idee basiert auf der Beobachtung, dass, wenn ein Kind vor einem Problem steht, es oft daran liegt, dass ihm eine gewisse Fähigkeit fehlt, und dass sich das Problem auflöst, wenn das Kind diese Fähigkeit erlernt hat.

Zunächst mag Ihnen dies als Haarspalterei vorkommen. Aber wenn wir nun über Fähigkeiten anstatt über Probleme sprechen, ist das nicht einfach nett gemeint, sondern wir sind davon überzeugt, dass es den Erwachsenen wie auch den Kindern so viel leichter fallen wird, konstruktiv über eine Schwierigkeit zu sprechen.

Stellen wir uns vor, Sie wären die Mutter eines lebhaften Jungen. Seine Lehrerin spricht Sie an und sagt: »Ihr Sohn verhält sich den anderen Kindern in der Klasse gegenüber aggressiv.« Wie reagieren Sie darauf? Danken Sie der Lehrerin dafür, dass sie Sie darauf aufmerksam gemacht hat, und sprechen dann ruhig mit ihr darüber? Das bezweifle ich, denn da müssten Sie schon eine außergewöhnliche Mutter (oder Vater) sein.

Als normale Mutter würden Sie sich angegriffen fühlen und entsprechend reagieren. Sie würden sich verteidigen, indem Sie jemand anderem die Schuld zuschieben. Zum Beispiel könnten Sie antworten: »Zuhause macht er das nie!« oder »Das liegt nur daran, dass er von seinen Klassenkameraden gemobbt wird!« oder sogar »Ich bin nie aggressiv, dieses Verhalten muss er also von seinem Vater haben!«.

Wie würden Sie aber reagieren, wenn die Lehrerin das gleiche Thema auf eine andere Art und Weise ansprechen würde? Stellen Sie sich vor, sie würde kein Wort über das problematische Verhalten Ihres Sohnes verlieren, sondern mit Ihnen über die Fähigkeiten sprechen, von denen Sie denkt, dass Ihr Sohn sie noch erlernen muss. Ungefähr so:

Ich habe mit meinen Kollegen über Karl gesprochen, und wir haben darüber nachgedacht, was wohl im Moment für ihn am wichtigsten wäre zu lernen, damit er in der Schule erfolgreich ist. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es für ihn wichtig wäre, etwas mehr Selbstkontrolle zu entwickeln und ruhig zu bleiben, selbst wenn andere nicht nett zu ihm sind. Was meinen Sie dazu?

Das ist ziemlich entwaffnend, oder nicht? Wie würden Sie jetzt reagieren? Sie würden vielleicht sogar in Betracht ziehen, etwas zu sagen wie: »Das habe ich auch schon gedacht!« oder »Er muss wirklich noch mehr Selbstkontrolle entwickeln, und, um ehrlich zu sein, die Fähigkeit könnte ich manchmal auch selbst ganz gut gebrauchen«.

Über zu erlernende Fähigkeiten statt über zu bewältigende Probleme zu sprechen ist eine weitaus kooperativere und konstruktivere Herangehensweise an die Schwierigkeiten, vor denen Kinder stehen.

»Verfähigen« – die Fähigkeit hinter dem Problem herausfinden

Wenn wir anfangen, Probleme als zu erlernende Fähigkeiten anzusehen, werden wir bald in der Lage sein zu erkennen, welche Fähigkeit ein Kind erlernen muss (oder in welcher es besser werden muss), um ein bestimmtes Problem zu lösen. Nehmen wir an, ein Kind ist ungeduldig und möchte, dass alles auf einmal passiert. Wahrscheinlich würden wir dann sagen, dass das Kind die Fähigkeit entwickeln muss zu warten. Wir haben dann die passende Fähigkeit gefunden, wenn wir vorhersagen können, dass sich das Problem auflösen wird, wenn diese Fähigkeit erworben wurde.

Nichtsdestotrotz ist es nicht immer leicht, Probleme als zu erlernende Fähigkeiten zu betrachten. Probleme in Fähigkeiten zu verwandeln, das »Verfähigen«, ist eine Fähigkeit für sich, eine Fähigkeit, die wir alle erlernen und weiterentwickeln können. Viele, die sich die »Ich schaffs«-Methode angeeignet haben, fanden diesen Schritt am schwierigsten.

Beim »Verfähigen« eines Problems kann es uns weiterhelfen, wenn wir uns folgende Frage stellen: Was muss das Kind lernen, damit das Problem verschwindet?

Stellen wir uns nun vor, Sie hätten ein Kind, das die in der Gesellschaft verpönte Angewohnheit hat, in der Nase zu bohren. Sie könnten obige Frage so beantworten, dass das Kind lernen muss, seine Nase mit einem Taschentuch zu putzen (statt mit seinem Finger).

Wenn wir über die Fähigkeit nachdenken, die das Problem beseitigen kann, sollten wir stets eine Regel der lösungsfokussierten Psychologie beachten, die besagt, dass eine Fähigkeit immer so formuliert sein soll, dass sie aussagt, was gelernt werden soll, und nicht, was man aufhören soll zu tun. Die folgenden Beispiele verdeutlichen diese Regel:

•Wenn ein Kind nachts ins Bett macht, ist die Fähigkeit, die das Kind zu erlernen hat, nicht »Aufhören ins Bett zu machen«, sondern aufzuwachen und nachts auf die Toilette zu gehen oder bis zum nächsten Morgen abwarten zu können.

•Wenn ein Kind mit dem Essen spielt, ist die Fähigkeit, die es erlernen muss, nicht, damit aufzuhören, mit dem Essen zu spielen, sondern ordentlich zu essen.

•Wenn ein Kind beim Anziehen trödelt, besteht die Fähigkeit nicht darin, mit dem Trödeln aufzuhören, sondern seine Kleider in angemessenem Tempo anzuziehen.

Wenn das Kind viele Schwierigkeiten hat

»Aber unser Kind hat nicht nur eine Schwierigkeit, es hat massenhaft Schwierigkeiten!«, ist das, was uns viele Eltern sagen, die darüber nachdenken, wie sie ihren Kindern beim Bewältigen der Schwierigkeiten mit »Ich schaffs« helfen können. Auch sie werden erkennen, dass es einfacher ist, Kindern bei ihren Schwierigkeiten zu helfen, wenn die Annahme, dass Kinder viele Probleme haben, durch die Vorstellung ersetzt wird, dass sie einfach noch mehrere Fähigkeiten erlernen oder verbessern müssen.

Wenn wir alle Probleme in entsprechende Fähigkeiten verwandeln konnten, wird aus der ursprünglichen Liste der »Probleme« eine mit Fähigkeiten, die erlernbar sind. Es gibt nur wenige Kinder, die mehrere Fähigkeiten gleichzeitig erlernen können. Daher müssen Sie als Nächstes, am besten gemeinsam mit dem Kind, entscheiden, welche der Fähigkeiten es zuerst erlernen möchte.

In solch einem Fall ist es ratsam, nicht gleich mit der am schwierigsten zu erlernenden Fähigkeit auf der Liste anzufangen, sondern stattdessen mit einer einfacheren – selbst wenn es nur die ist, nach dem Essen »Danke« zu sagen. So erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass es dem Kind gelingt, diese Fähigkeit zu erwerben, was wiederum sein Selbstvertrauen stärkt und es darauf vorbereitet, die nächste Fähigkeit zu erlernen, selbst wenn diese beträchtlich schwieriger ist.

Ich sprach über den achtjährigen Mike mit seinem Lehrer und seiner Mutter. Mike war zu dem Zeitpunkt nicht dabei. Seine Mutter und sein Lehrer erzählten mir, dass Mike viele Schwierigkeiten hat. Neben anderen Dingen trödelte er morgens herum, so dass er oft zu spät zur Schule kam. Er schien nicht die Energie aufzubringen, seine Hausaufgaben zu machen, außer wenn ein Erwachsener die ganze Zeit dabei war, um ihm zu helfen. Bei jedem kleinen Rückschlag bekam er einen Wutanfall. Wir brauchten nicht lange, um eine Liste der Fähigkeiten zu erstellen, die Mike erlernen sollte.

Mikes Mutter schaute sich die Liste an und frage: »O. k., welche dieser Fähigkeiten soll Mike nun zuerst lernen?« Ich war mir unsicher, und so fragte ich sowohl die Mutter als auch den Lehrer nach ihrer Meinung. Nach einiger Überlegung kamen sie zu der Schlussfolgerung, dass es wohl das Wichtigste für Mike wäre zu lernen, morgens pünktlich zur Schule zu kommen. Dies war eine gute Fähigkeit für den Anfang. Sie war für Mike nicht zu schwer zu erlernen, und ein Lernerfolg würde ihm wahrscheinlich den Weg bereiten dafür, auch die anderen Fähigkeiten zu erlernen.

Komplexe Probleme aufteilen

Ein »großes« oder komplexes Problem in eine einzige Fähigkeit zu verwandeln, kann schwierig sein. Geläufige Beispiele für komplexe Probleme sind mangelnde Konzentration, geringes Selbstwertgefühl und fehlendes Einfühlungsvermögen. Wir können das »Verfähigen« solch großer Probleme einfacher machen, wenn wir sie zunächst in kleinere Einheiten aufteilen und diese dann eine nach der anderen in die entsprechenden Fähigkeiten verwandeln.

Ich gab gerade einen Workshop über die Auflösung von Themen aus der Kindheit, als eine der Teilnehmerinnen, eine Sonderschullehrerin, uns von einem extrem schüchternen Jungen in ihrer Klasse erzählte, der ihrer Beschreibung nach praktisch keinerlei Selbstwertgefühl hatte.

Die Lehrerin hatte eines Tages alle Kinder gebeten, ein Bild von sich zu malen, und dieser Junge malte einen Tiger. Das war recht überraschend, denn der Junge selbst ähnelte eher einer verängstigten Maus als einem Tiger.

Es folgte eine Diskussion darüber, warum dieser schüchterne Junge sich selbst als Tiger gemalt hatte, wenn doch dieses Bild so weit von der Wirklichkeit entfernt war. Die Lehrerin vermutete, dass der Junge auf diese Weise ausdrücken wollte, dass er zwar kein Tiger sei, aber doch gerne einer wäre. Wir überlegten noch eine Weile und kamen dann zu dem Schluss, dass er damit vielleicht sagen wollte, dass in ihm ein Tiger wohnt, der nur darauf wartet, von der Leine gelassen zu werden.

Die Idee des inneren Tigers löste anfangs einiges Gelächter aus, aber nach einer Weile wurde das Bild für uns lebendig. Es ermöglichte uns, unsere Aufmerksamkeit von den vielen Problemen des Jungen weg und auf die Fähigkeiten zu lenken, die er in sich selbst entdecken muss, um sich in die gewünschte Richtung zu entwickeln. Die Metapher des Tigers half uns, die Fähigkeiten und Kompetenzen zu erkennen, die er noch entwickeln muss, wie z. B. »sich trauen, die Fragen der Lehrerin im Unterricht zu beantworten« und »sich trauen, mit den anderen Kindern zu spielen«. Es ist oft schwer, »große« Probleme wie ein geringes Selbstwertgefühl direkt anzugehen. Wenn wir aber das große Problem in mehrere kleinere zu erlernende Fähigkeiten aufteilen, können wir sofort Ideen entwickeln, wie das Kind diese Fähigkeiten erlernen kann – um den inneren Tiger zu wecken.

Konzentrationsschwäche ist ein anderes Beispiel eines komplexen Problems, mit dem man viel leichter arbeiten kann, wenn man es in kleinere Einheiten aufteilt. Aber wenn man es sich genau überlegt, ist »mangelnde Konzentration« eigentlich kein Problem an sich. Es ist ein Überbegriff für ein weites Feld von spezifischeren Problemen. Nehmen wir an, wir würden diese alle auflisten und sie in die entsprechenden Fähigkeiten verwandeln, dann ergäbe dies wahrscheinlich solch eine Liste:

•Die Fähigkeit, eine bestimmte Zeit lang an einem Ort zu bleiben

•Die Fähigkeit zuzuhören, ohne zu unterbrechen

•Die Fähigkeit abzuwarten, bis man an der Reihe ist

•Die Fähigkeit, sich zu melden, wenn man etwas im Unterricht sagen möchte

»Mit anderen Kindern spielen zu können« ist ein weiteres Beispiel für eine komplexe Fähigkeit, die schwer zu »knacken« wäre, ohne sie zunächst in eine Reihe kleinerer Fähigkeiten aufzuteilen.

Harrys leicht reizbares Temperament war in der Schule so auffällig, dass er nur unter ständiger Aufsicht durch das Schulpersonal mit anderen Kindern spielen durfte. Als Harry gefragt wurde, welche Fähigkeit er lernen wolle, sagte er, dass er lernen möchte, mit anderen Kindern zu spielen. Harry wusste, dass er etwas tun musste, um seine Wutanfälle in den Griff zu bekommen.

Sein Temperament zeigte sich zu unterschiedlichen Anlässen im täglichen Ablauf in der Schule. Eine der alarmierendsten Ausdrucksformen seines Temperaments bestand darin, dass er auf dem Klettergerüst auf dem Spielplatz plötzlich ohne Grund wütend wurde und dann ein anderes Kind vom Klettergerüst zu Boden stieß. Die Fähigkeit, die Harry am dringendsten erlernen musste, war, mit anderen Kindern auf dem Klettergerüst zu spielen, ohne jemanden herunterzuschubsen. Das war eine Fähigkeit, die für Harry einfach zu erlernen und konkret genug war, um sofort anzufangen, sie zu üben.

Aus Sicherheitsgründen übte Harry seine Fähigkeit zunächst innerhalb des Schulgebäudes. Einmal pro Woche bekam er die Gelegenheit, mit einem anderen Kind zusammen in der Turnhalle am Reck herumzuturnen. Wenn beide Kinder auf dem Reck waren, sollte Harry dem Lehrer und seinen Schulkameraden zeigen, dass er mit dem anderen Kind eine Weile lang freundschaftlich spielen kann. Als Harry wiederholt gezeigt hatte, dass er es kann, wurde ihm erlaubt, das Gleiche auf dem Klettergerüst im Schulhof auszuprobieren. Er machte schnelle Fortschritte, und innerhalb eines Monats fühlte sich das Schulpersonal sicher genug, ihm zu erlauben, ohne Aufsicht auf dem Hof zu spielen. Praktisch sah das so aus, dass Harry von da an auf den Spielplatz gehen durfte, um mit den anderen Kindern zu spielen, selbst wenn der Aufsichtslehrer noch im Gebäude war.

Mit etwas aufzuhören ist keine Fähigkeit

Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass eine Fähigkeit nicht bedeutet, etwas Falsches nicht zu tun, sondern etwas Richtiges zu tun. Dies ist ein einfaches Prinzip, aber es braucht ein wenig Übung, um es richtig hinzubekommen. Wenn man Eltern nach ihrer Meinung fragt, welche Fähigkeit ein Kind erlernen sollte, passiert es häufig, dass Sie eine Antwort wie die bekommen: »Es sollte lernen, das nicht zu tun.«

Die folgenden vier Beispiele verdeutlichen, wie man von dem, was das Kind nicht tun soll, dahin kommt, was das Kind tun soll.

»Welche Fähigkeit soll Sven erlernen?«

»Er sollte lernen, zu anderen Kindern nicht gemein zu sein.«

»Richtig. Also, in welcher Fähigkeit muss er sich verbessern, so dass er nicht mehr gemein zu anderen Kindern ist?«

»Er sollte verstehen, dass er nicht immer derjenige sein kann, der allen anderen sagt, was sie tun und lassen sollen.«

»Alles klar, aber um das hinzubekommen, welche Fähigkeit muss er da erlernen?«

»Er muss lernen, mit anderen zu verhandeln.«

»Das klingt gut. Ich bin sicher, dass Sven verstehen würde, dass es ihm etwas nützt, wenn er lernt, mit anderen zu verhandeln. Außerdem könnte ihm diese Fähigkeit viel Spaß machen.«

»Welche Fähigkeit sollte Sheena erlernen?«

»Sie hat die schlechte Angewohnheit, andere Leute nachzuäffen. Sie sollte lernen, damit aufzuhören.«

»Was muss sie lernen, um diese Angewohnheit aufzugeben?«

»Sie muss einfach damit aufhören, das ist alles.«

»Das ist richtig, aber wir müssen uns klar darüber sein, dass es für Kinder sehr schwer ist, schlechte Angewohnheiten aufzugeben, wenn sie keine andere Angewohnheit haben, mit der sie die schlechte Angewohnheit ersetzen können. Was könnte denn diese bessere Angewohnheit sein?«

»Das weiß ich nicht, aber ich glaube, es ist nicht so sehr die Frage, dass sie aufhören soll, andere Leute nachzuäffen, sondern, dass sie verstehen lernt, dass es manchmal in Ordnung ist, andere Leute nachzumachen, und manchmal sehr respektlos oder sogar verletzend sein kann.«

»Ist es also so, dass sie die Angewohnheit, andere Leute nachzumachen, nicht ganz verlieren sollte, sondern dass sie lernen muss zu unterscheiden, wann es in Ordnung ist und wann nicht?«

»Genau. Sie sollte wahrscheinlich lernen, andere Leute um Erlaubnis zu bitten, wenn sie Lust hat, sie nachzumachen, und zumindest sollte sie lernen, sich zu entschuldigen, wenn sie damit die Gefühle anderer verletzt hat.

»Welche Fähigkeit sollte Matthias erlernen?«

»Er sollte lernen, nicht zu lügen.«

»Er weiß wahrscheinlich, dass er keine Geschichten erzählen soll, aber was muss er lernen, damit er das nicht mehr tut?«

»Er muss einfach aufhören, Geschichten zu erzählen.«

»Aber Sie wollen doch nicht, dass Matthias ganz damit aufhört, Geschichten zu erzählen, oder? Schließlich ist das ja auch eine Fähigkeit, wenn man spannende Geschichten erzählen kann. Wer weiß, vielleicht wird er ja Schriftsteller, wenn er groß ist.«

»Nein, ich meine nicht, dass er ganz damit aufhören sollte, Geschichten zu erzählen, aber er sollte lernen, Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden.«

»Das ist, glaube ich, eine wichtige Fähigkeit, die Kinder erlernen müssen. Können wir sagen, dass die Fähigkeit, die Matthias erlernen muss, ist, Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden und den anderen mitzuteilen, welche Geschichte wahr ist und welche nicht?«

»Das ist genau die Fähigkeit, die Matthias erlernen muss, denn es ist eigentlich gar nichts Schlimmes dran an seinen Geschichten. Es ist nur, dass er nicht versteht, dass es seine Pflicht ist, den anderen klar zu machen, ob das, was er sagt, wahr ist oder nicht.«

Ein Lehrer zu seinen Schülern: »Was müsst ihr lernen, damit ihr ordentlich in die Schulkantine gehen könnt?«

»Wir müssen lernen, nicht zu rennen, wenn wir da hingehen.«

»Das stimmt, aber was solltet ihr machen, anstatt zu rennen?«

»Wir sollten in die Kantine gehen.«

»Sehr gut. Das ist eine Fähigkeit, die ihr üben könnt. Lasst mich das aufschreiben! Und was müsst ihr noch können, damit es reibungslos abläuft, wenn ihr in die Kantine geht?«

»Wir müssen lernen, einander nicht zu schubsen.«

»Und was müsst ihr lernen, damit ihr das nicht mehr macht?«

»Wir müssen lernen, in der Schlange zu stehen und zu warten.«

»Gut, das schreibe ich auch auf. Auch das ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann.«

Von »Lass das!« zu »Tu das!«

Sie haben vielleicht schon einmal festgestellt, dass Sie nichts erreichen, wenn Sie Ihr Kind bitten, dass es aufhören soll, etwas zu tun, von dem Sie nicht möchten, dass es dies tut. Sie sagen: »Lass das!«, und Ihr Kind macht einfach so weiter, als hätten Sie nichts gesagt.

»Hör auf zu schreien!«

»Hör auf, Sachen herumzuschmeißen!«

»Lass das Treten!«

»Spiel nicht mit dem Essen herum!«

»Hör auf damit, deine Schwester zu ärgern!«

Zusätzlich zu der Tatsache, dass diese »Stopp-Befehle« oft keinen oder nur wenig Effekt haben, provozieren sie in einigen Fällen die Kinder sogar dazu, absichtlich mit dem weiterzumachen, was sie gerade tun. Wie gut, dass wir wissen, dass Kinder auf unsere Anweisungen besser reagieren, wenn wir uns so ausdrücken, dass wir ihnen sagen, was wir möchten, dass sie das tun, anstatt was wir nicht möchten, dass sie das tun. Wenn wir einem Kind sagen, was wir möchten, dass es tut – und nicht, was wir nicht möchten, dass es tut – wird es sich nicht kritisiert fühlen und deshalb auch kein Bedürfnis haben, sich zu verteidigen. Ich nenne das eine Umkehrung einer »Tu-das-nicht«-Aussage in eine »Mach-das-stattdessen«-Aussage: von »Lass-das!« zu »Tu-das!«. Hier sind ein paar Beispiele:


»Schrei mich nicht an!« →»Sprich leise!«
»Wirf keine Sachen durch die Gegend!« →»Behalt die Sachen bei dir!«
»Hör mit dem Treten auf!« →»Halt deine Füße ruhig!«
»Spiel nicht mit dem Essen herum!« →»Iss ordentlich!«
»Ärgere deine kleine Schwester nicht!« →»Sei nett zu deiner kleinen Schwester!«

»Ich schaffs« fängt damit an, dass sich die verantwortlichen Erwachsenen, normalerweise in Abwesenheit des Kindes, zusammensetzen und besprechen, welche Fähigkeit das Kind erlernen oder verbessern soll, um sein Problem loszuwerden. Wenn sie sich darüber verständigt haben, welche Fähigkeit das Kind erlernen sollte, treten sie an das Kind heran und schlagen ihm vor, diese Fähigkeit zu erlernen. Im nächsten Abschnitt geht es darum, wie man Kindern solche Vorschläge unterbreitet und wie man mit ihnen über die Fähigkeiten, die sie erlernen sollen, spricht.

Schritt 2: Sich auf eine zu erlernende Fähigkeit einigen

Besprechen Sie sich mit dem Kind und einigen Sie sich mit ihm darauf, welche Fähigkeit es zuerst erlernen möchte.


An unseren Kindern ist nichts falsch – sie müssen nur manchmal die eine oder andere Fähigkeit weiterentwickeln.

Kevin war zehn Jahre alt. Sein problematisches Verhalten war, dass er log. Zusammen mit seinen Eltern und seinem Lehrer suchte er Andrew Duggan auf, einen britischen Therapeuten, der »Ich schaffs« in seiner Arbeit mit Kindern anwendet. Nachdem Andrew sich informiert hatte und verstanden hatte, worum es ging, wandte er sich an Kevin und sagte:

»Dein Vater, deine Mutter und dein Lehrer scheinen zu glauben, dass es gut für dich wäre, wenn du lernen würdest, die Wahrheit zu sagen, anstatt zu lügen. Meinst du das auch? Glaubst du, dass es eine gute Idee wäre, wenn du lernen würdest, nicht zu lügen, sondern stattdessen die Wahrheit zu sagen?«

»Ja, das wäre eine gute Idee«, sagte Kevin.

»Bist du dir sicher? Willst du wirklich lernen, die Wahrheit zu sagen?«

»Ja, da bin ich mir sicher«, bestätigte Kevin.

Kevins Bereitschaft, die von seinen Eltern und dem Lehrer gewünschte Fähigkeit zu erlernen, ist nicht ungewöhnlich. Die meisten Kinder sind gerne bereit, die Fähigkeiten zu erlernen, die ihre Eltern oder Betreuer sich von ihnen wünschen. Wenn wir Kinder nicht für ihr unerwünschtes Verhalten schimpfen, sondern mit ihnen über das Verhalten sprechen, das sie lernen sollen, reagieren sie meist positiv darauf.

Hier sind einige Beispiele:

»Meinst du nicht, Jessica, dass es gut wäre, wenn du lernen würdest, etwas mehr Geduld zu haben, so dass du warten könntest, bis du dran bist?«

»Ich habe mit deinem Vater gesprochen, und wir hätten es gerne, dass du lernst, netter zu deiner Schwester zu sein. Wir wissen, dass das nicht leicht ist, aber ich denke, wenn du das einmal gelernt hast, dann werden wir alle mehr Spaß miteinander haben, du natürlich auch. Na, wie wäre es, wenn du jetzt damit anfangen würdest zu lernen, netter zu ihr zu sein? Möchtest du lernen, wie das geht?«

»Alle Kinder in dieser Klasse haben Fähigkeiten, die sie verbessern können. Ich habe über dich nachgedacht, Zoe, und ich glaube, dass die Fähigkeit, die du verbessern könntest, ist, pünktlich zu sein. Du könntest doch lernen, im Klassenzimmer zu sein, wenn die Stunde anfängt. Was meinst du, Zoe? Wäre es o.k. für dich, diese Fähigkeit zu erlernen?«

Einem Kind auf respektvolle Art eine Fähigkeit vorzuschlagen, macht es ihm einfacher zuzustimmen. Das heißt aber nicht, dass Kinder nie den Vorschlag eines Erwachsenen, eine Fähigkeit zu erlernen, ablehnen. Es passiert schon von Zeit zu Zeit, egal wie respektvoll wir unsere Bitte formulieren. Hier sind ein paar Tipps, wie man es Kindern noch leichter machen kann, positiv auf den Vorschlag, eine bestimmte Fähigkeit zu erlernen, zu reagieren:

Tipp 1: »Ich schaffs« in einer Gruppe von Kindern anwenden

Als wir im Tageszentrum Keula für Kinder mit speziellem Förderungsbedarf anfingen, mit »Ich schaffs« zu arbeiten, einigten wir uns darauf, dass alle Kinder in der Gruppe eine zu erlernende Fähigkeit genannt bekommen sollten. Die Tatsache, dass alle Kinder (und nicht nur die Kinder mit bestimmten Schwierigkeiten) eine Fähigkeit erlernten, bedeutet, dass niemand als anders oder abnormal abgestempelt wurde.

Wenn man »Ich schaffs« in einer Gruppe von Kindern anwendet, z. B. auch in Familien mit mehreren Kindern, ist es besser, gleich alle Kinder miteinzubeziehen. Vielleicht hat nicht jedes Kind in der Gruppe oder Familie eine Schwierigkeit, aber alle Kinder können an einer Fähigkeit arbeiten, um sie zu verbessern. Es ist für ein Kind leichter zu akzeptieren, dass es eine Fähigkeit erlernen soll, wenn die anderen Kinder in der Familie oder Gruppe auch Fähigkeiten erlernen.

Tipp 2: Reden Sie von »wir« anstatt von »ich«, wenn Sie die Fähigkeit vorschlagen!

Kinder finden es leichter, einen Vorschlag oder eine Bitte, etwas zu lernen, anzunehmen, wenn der Vorschlag von mehreren Leuten kommt und nicht nur von einer Person. Sie reagieren positiver, wenn wir sagen »Wir möchten, dass du lernst … «, anstatt »Ich möchte, dass du lernst … «.

Hier sind ein paar Beispiele dafür:

»Gestern habe ich mit deinem Vater telefoniert, und wir waren uns darüber einig, dass du lernen solltest, beim Spielen auch mal zu verlieren. Es macht dir dann sicher viel mehr Spaß, Kartenspiele oder andere Spiele zu spielen, wenn du lernst, damit umzugehen, wenn du mal verlierst.«

»Ich habe gestern mit deinen Eltern gesprochen, und auch sie meinen, dass es für dich wichtig wäre zu lernen, das Gleiche zu essen wie die anderen Kinder. Ich weiß, dass das nicht leicht ist, aber ich bin überzeugt davon, dass du, wenn du erst einmal anfängst, diese Fähigkeit mit uns zu üben, das lernen wirst.«

»Du hast wahrscheinlich schon von deinen Eltern gehört, dass wir uns hier in der Schule getroffen haben und dass wir zu dem Schluss gekommen sind, dass du die Fähigkeit erlernen solltest, im Unterricht etwas ruhiger zu sein.«

Tipp 3: Verhandeln Sie mit dem Kind!

Wenn wir mit kleineren Kindern sprechen, können wir ihnen geradeheraus sagen, dass wir möchten, dass sie diese oder jene Fähigkeit erlernen. Je älter das Kind aber ist, desto wichtiger ist es, mit ihm über die zu erlernende Fähigkeit zu sprechen. Dabei wird uns wahrscheinlich überraschen, wie bewusst die Kinder sich darüber sind, welche Fähigkeiten sie entwickeln müssen.

»Welche Fähigkeit möchtest du erlernen, Andreas?«

»Ich möchte lernen, mit einer Lokomotive zu fahren.«

»Wow, das ist eine tolle Fähigkeit, die du erlernen möchtest! Ich wette, du kannst das lernen, wenn du erwachsen bist, aber welche Fähigkeit möchtest du denn jetzt erlernen? Worin solltest du besser werden, damit du dich hier in der Schule wohler fühlen kannst?«

»Ich möchte lernen, mit den anderen Kindern zu spielen.«

»Das ist ein wunderbarer Vorschlag. Wenn du lernst, mit den anderen Kindern zu spielen, und du dich nicht mit ihnen prügelst, dann, davon bin ich überzeugt, wirst du dich hier auch wohler fühlen, meinst du nicht auch?«

Tipp 4: Lassen Sie die Kinder sich gegenseitig dabei helfen, die Fähigkeiten herauszufinden, die sie erlernen sollten!

In Familien mit mehreren Kindern, in Schulen und anderen Institutionen kennen sich die Kinder untereinander normalerweise sehr gut, und sie können uns oft sagen, welche Fähigkeiten die anderen Kinder in der Gruppe erlernen oder verbessern sollten.

Ein Lehrer wandte »Ich schaffs« in einer Klasse an, die aus 28 Schülern bestand. Zunächst informierte er alle Eltern über das »Ich schaffs«-Projekt. Ziel war nicht nur, das Einverständnis der Eltern für das Projekt einzuholen, sondern auch, sie dazu zu bringen, ihre Kinder zu unterstützen, während sie ihre Fähigkeiten erlernten. Der nächste Schritt im Prozess war, für jedes Kind eine Fähigkeit herauszufinden, die es erlernen sollte. Der Lehrer realisierte, dass es sehr lange dauern würde, mit jedem einzelnen Kind die zu erlernende Fähigkeit zu besprechen. Deshalb teilte er die Klasse in Vierergruppen auf und bat die Gruppen, für jedes Mitglied der Gruppe eine Fähigkeit herauszufinden, die es entwickeln sollte.

Um den Kindern zu helfen, die Art von Fähigkeiten zu verstehen, die sie erlernen sollten, verwickelte er die ganze Klasse in ein Gespräch über Fähigkeiten. Während dieses Gespräches befestigte er eine Landkarte an der Tafel, auf der vier »Fähigkeitsländer« markiert waren.

Das erste Land hieß Land der Schulfähigkeiten. Die Fähigkeiten in diesem Land waren solche, die Kinder brauchen, um in der Schule Erfolg zu haben, wie zum Beispiel ihre Hausaufgaben zu machen, sich zu melden, wenn sie etwas sagen wollen, und allgemein sich im Unterricht gut zu benehmen.

Das zweite Land hieß Land der Freundschaftsfähigkeiten. Hier ging es um Fähigkeiten, die Kinder benötigen, um sich mit ihren Freunden gut zu verstehen, wie zum Beispiel die Fähigkeit, mit anderen Kindern zu spielen, die Fähigkeit einzugreifen, wenn ein Kind ein anderes ärgert, und die Fähigkeit, anderen Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

Das dritte Land hieß Land der Erwachsenenfähigkeiten. Die Fähigkeiten dieses Landes waren die verschiedenen Fähigkeiten, die Kinder brauchen, wenn sie mit Lehrern und anderen Erwachsenen zu tun haben. Fähigkeiten hier waren zum Beispiel die Fähigkeit, Erwachsene mit Respekt zu begrüßen, die Fähigkeit, Erwachsenen zuzuhören und die Fähigkeit, mit Erwachsenen zu sprechen, ohne Schimpfwörter zu benutzen.

Das vierte Land hieß Land des Mutes. Die Fähigkeiten dieses Landes bestanden aus verschiedenen Formen des Muts, den Kinder brauchen, um zu vermeiden, schüchtern und ängstlich zu sein – wie zum Beispiel den Mut, etwas zu sagen, den Mut, sich zu weigern, etwas Verbotenes zu tun, den Mut, einen kleinen Vortrag zu halten, und den Mut, sich nicht zu schämen, wenn sie irgendwie anders sind als die anderen Kinder.

Durch dieses Gespräch und die Fähigkeiten-Landkarte konnten die Kinder ein Verständnis dafür entwickeln, welche Art von Fähigkeiten sie mit Hilfe von »Ich schaffs« erlernen sollten. Nun war es leicht für sie, die relevanten Fähigkeiten füreinander herauszufinden.

Selbst wenn wir uns mit dem Kind darüber einigen, welche Fähigkeit es anfangen sollte zu erlernen, heißt das noch lange nicht, dass das Kind dann automatisch motiviert ist, diese Fähigkeit auch zu entwickeln. Das Erlernen einer Fähigkeit ist anstrengend, und deswegen ist es als Nächstes unsere Aufgabe sicherzustellen, dass das Kind wirklich motiviert ist und begeistert darüber, die Fähigkeit zu erlernen. Die nächsten paar Schritte von »Ich schaffs« haben das Ziel, die Motivation des Kindes zu stärken. Der erste Schritt besteht darin, dem Kind klarzumachen, welche Vorteile das Erlernen der Fähigkeit hat, nicht nur für das Kind, sondern auch für die Menschen in seinem Umfeld.

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