Read the book: «Die verschissene Zeit»
Barbi Marković
Die verschissene Zeit
Roman

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Salzburg — Wien
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Recherche und Mitarbeit: Marko Milosavljević
Umschlaggestaltung: Jovana Radojević
Lektorat: Jessica Beer, Harald Lenzer
ISBN eBook 978 3 7017 4663 7
ISBN Print 978 3 7017 1698 2
1984/85
Zu früh hast du erfahren, dass die Zeit unbarmherzig dahinfließt und dass die Menschen die Jahre zählen. Deine Mutter hat gesagt: »Vanja, heute ist der 31. Dezember, es ist Silvester, das Jahr ist um Mitternacht zu Ende und es beginnt ein neues. Das müssen wir feiern.« Sie hat »Kindern aus aller Welt alles Gute für 1985« in den Kassettenplayer geschoben und gelächelt, überheblich, wie es die Erwachsenen immer getan haben, wenn sie etwas erklären wollten. Bis zu diesem Augenblick hattest du geglaubt, dass du im Jahr 1984 lebst, so wie du in Banovo brdo und im Haus Žarka Pucara 15 lebst, mehr als das: Alles, was du gekannt hast, hat zu 1984 gehört. Dein Spielplatz und die anderen Kinder im Park, dein Bruder, dein Fahrrad mit Stützrädern, deine Wohnung im 12. Stock.
»Wer werden 1985 meine Eltern sein, wo werden wir wohnen? Was ist, wenn das neue Jahr ganz schlimm ist, wie Kindergarten? O Scheiße, alles in den Schwanz!«
Die Verzweiflung hat dich gepackt, du hast begonnen zu weinen und dich vor Angst unterm Bett versteckt. Es gibt einfach Menschen, für die nichts selbstverständlich ist, weder Freunde noch Zeit noch diverse Weltordnungen noch Schuhe Zusammenbinden. Du kannst nichts, du vertraust niemandem. Du bist auserwählt.
1995
Zehn Jahre sind vergangen, die Kindheit ist weiterhin verwirrend und entwürdigend verlaufen. Kein Silvester erträglich, und jede einzelne Entwicklungsphase die Hölle. Du warst und du bist auf dich allein gestellt und musst die Welt im Grunde neu erfinden. Im Jahr 1995, in dem du dich jetzt befindest, hast du über deinen älteren Bruder Marko Folgendes zu sagen:
»Marko ist ein Idiot, ein Arschloch und Elternarschkriecher. Warum müssen wir verwandt sein?!«
Gekrümmt versuchst du im unteren Teil des Stockbetts die »Captain Hook Affair« zu lesen, leider kannst du dich nicht konzentrieren – obwohl das Buch auch beim zweiten Mal extrem gut ist –, weil du auf alle wütend bist. Deine Mutter hat dir zu Silvester wieder einen gelben Schlafanzug geschenkt und dich dadurch erniedrigt. Als 13-jähriges Mädchen »mit breiten Interessen« findest du es unfair, etwas zu bekommen, was man dir im Rahmen der Obsorge sowieso zur Verfügung stellen muss. Deshalb streckst du dich zum Sessel und spuckst auf dein Geschenk. »Gesindel«, sagst du, »ich wollte ein Roboterradio.«
Das ganze Familiensetting ist schief. Manchmal hast du bei den Gesprächen der Erwachsenen zugehört und dabei erfahren, dass du ein Versehen warst. Und dass man für dich als zweites Kind nicht mal die Kinderbeihilfe bekommt. Du trägst die Kleidung deines Bruders, lernst aus seinen Schulbüchern, und anstatt dir eigene Musik zu kaufen, musst du auf seinen alten Kassetten Teile deiner Lieblingslieder aus dem Radio aufnehmen. Unmissverständlich bist du das Kind zweiter Klasse, in welches weder Zeit noch Geld investiert werden. Für eine Person wie dich gibt es nur eine Möglichkeit, an Gegenstände und Informationen heranzukommen: sich zu verstecken und zu beobachten und, wenn der richtige Moment kommt, zu klauen. Deine Rolle in der Familie hat auch Vorteile. Darüber willst du nicht reden. Es ist hässlich und unfassbar, wie dein Vater sich seit Jahren an seinem mageren Sohn sadistisch austobt und die Mutter aus verschiedenen Gründen dazu schweigt oder darüber weint und alles in Echtzeit verdrängt. Du weißt, dass Marko nur deshalb so komisch und traumatisiert und so ein feiger Verlierer und resignierter Halbtoter ist. Er ist so hin, dass er sich nicht mal darüber freuen konnte, dass euer Vater, Unterleutnant in der Armee, heuer über die Feiertage an der Front bleiben musste. Ihr wisst nicht, wo euer Vater ist, man redet mit euch über gar nichts, ihr habt lediglich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und was würdet ihr auch tun, ihr, die ihr eure Pionierschwüre ehrlich geglaubt habt, wenn ihr erfahren würdet, was eure Erwachsenen machen, mitmachen oder verschweigen. Würdet ihr es, wie so viele, nicht fassen können, nicht glauben wollen, relativieren und sofort verdrängen? Oder würde euch das leidtun und wehtun und ihr würdet das eurem Land nicht vergeben können und irgendwie auch euch selbst nicht?
Auf jeden Fall waren die Silvester mit eurem Vater immer gleichermaßen gefährlich und fad. Der Vater saß in der Mitte des Wohnzimmers und kontrollierte den ganzen Abend lang die Fernbedienung, sodass es unmöglich war, das Feiertagsprogramm zu genießen. Dazu hielt er lange und ausführliche Monologe. An solchen bedeutungsschweren Tagen musste er die gültigen Wahrheiten resümieren und euch ausnahmsweise alles darlegen. Es schien ihm wichtig zu sein, dass ihr über sämtliche Narrative und Glaubenssätze, die er sich selbst erzählte, informiert wart. Er hasste Frauen, weil sie an allem schuld waren, und Roma, weil sie ihre eigenen Parkettböden verbrannten, Kroat*innen, weil sie angefangen hatten, Kommunist*innen, weil die Zeiten jetzt anders waren, Kriegsflüchtlinge, weil sie im Park saßen und Hilfe brauchten etc. Dazu trank euer Vater Vinjak und wurde von Stunde zu Stunde aggressiver. Und wenn euch seine Rede zu arg wurde, sagtet ihr etwa, dass eure Mutter (seine Ehefrau) Kroatin ist und eure beste Freundin in der Romasiedlung wohnt und dass ihr inzwischen auch zu Partizan haltet wie euer Nachbar Robert. Darauf warf euer Vater Marko seine schweren Hausschuhe ins Gesicht. Oder er gab ihm eine Ohrfeige. Oder er drehte komplett durch und begann seinen Sohn stundenlang zu prügeln. Im Voraus wusstet ihr nie, wie euer Vater genau reagieren würde, und du kannst dir nicht mal vorstellen, welche Folgen diese Ungewissheit auf die Psyche deines Bruders haben musste. Auf keinen Fall möchtest du mit Marko tauschen. Niemand möchte sein Leben haben, dein Bruder hat offensichtlich schreckliche Probleme, aber bei allem Mitleid und Verständnis kannst du ihm eines nicht verzeihen – die Sache mit Kasandra.
*
Draußen kracht es noch sporadisch. Um den Jahreswechsel ist Banovo brdo ein Schlachtfeld. Leute sprengen sich mit Feuerwerk die Hände ab, zerfetzen sich die Augen und Mundhöhlen. Ins Blaue abgegebene Schüsse treffen Beobachter*innen, die zufällig an ihren Fenstern stehen, unter anderem angeblich eine Mutter mit Baby im Arm direkt in die Stirn. Erst Jahre später werdet ihr draufkommen, dass Tiere sich während dieser Feierlichkeiten maßlos vor den Explosionen anscheißen und teilweise langfristige Schäden erleiden, aber im Winter 1994/1995 denkt absolut niemand darüber nach. Ein paar Tage sind schon in solch einer Feiertagsstimmung vergangen, und du kannst es zu Hause nicht mehr aushalten.
Bevor du rausgehst, öffnest du den undichten, mit Isolierband zusammengeklebten Kühlschrank und findest in ihm nichts als Sülze. Du betrachtest den Inhalt des Kühlschranks unzufrieden, als deine Mutter auftaucht und deine Enttäuschungsstarre ausnutzt, um den letzten vertrockneten Haufen Russischen Salat, den du übersehen hast, auf einen Teller zu schütten und für den Rest des Tages zum Fernseher zurückzukehren. Sie sagt:
»Du hast dein ganzes Leben vor dir, du wirst noch viele Teller Russischen Salat essen.«
Ihr wisst beide nicht, dass Zeiten kommen werden, in denen Russischer Salat als »zu schwer«, »ungesund« und »so 70er« abgelehnt werden wird. Du ziehst dir deine rutschigsten Schuhe an, um draußen besser gleiten zu können.
»Pass auf, dass du dir dein Genick nicht brichst, dass deine Zehen nicht erfrieren und dass du nicht vergewaltigt wirst«, wirft deine Mutter dir noch zu, bevor du die Wohnung verlässt.
Im Park riecht es nach Schwefel, Heizbrand und Zigarettenrauch. Ältere Schüler*innen fahren halsbrecherisch auf selbstgemachten Mini-Skiern aus Bierkisten. Frauen gehen nach den Feiertagen einkaufen. Auf den steilen Parkwegen stützen sie sich auf Zäune und Bäume, trotzdem fällt oft eine hin. Das gibt es jedes Jahr, das Gleiten und Hinfallen beschäftigt Menschen sehr, aber du verstehst noch nicht, was es bedeutet, mit 100 Kilo und 60 bis 80 Jahren auf Eis auszurutschen. Mit diesem Problem kannst du dich nicht identifizieren. Manchmal gießt ihr sogar kübelweise Wasser über die schneebedeckten Wege, damit sie noch rutschiger werden.
Kasandra und Marko haben sich schon vor zwei Stunden im Park getroffen, ohne dich. Sie benehmen sich in letzter Zeit, als hätten sie eine seltsame langjährige Beziehung auf Respektbasis, dabei sind sie erst 15 und waren bis vor einer Woche stark zerstritten. Während du darüber nachdenkst, fährst du immer wieder mit der Zunge zu der scharfen Stelle, wo dein Vorderzahn abgebrochen ist. Eigentlich könntest du dich ihnen jederzeit anschließen, niemand ist wütend auf dich, du bist lediglich ein Kollateralschaden, aber bloß aufgenommen zu werden reicht dir nicht. Sie sollen sich bei dir entschuldigen!
Wenn ich ihnen im Park zufällig begegne, werde ich sie beinhart ignorieren, versprichst du dir selbst. Aber sie sind nicht beim lokalen Minimarkt Belje und sitzen nicht auf den Parkbänken. Auch unter den Schlittenfahrer*innen kannst du sie nicht erkennen, obwohl du jede Rodelbahn inklusive Todesstrecke abgegangen bist. Deine juckenden, tauben großen Zehen presst du gegen die Schuhspitzen, um sie zu wärmen, und denkst nach. Dann siehst du den Rauch, der aus dem kleinen Holzhaus in der Mitte des Parks von Banovo brdo aufsteigt.
»Vaterschwanz«, du spuckst einen abgebissenen Fingernagel aus, wieso ist dir das nicht früher eingefallen, »sie sind beim Luther!«
*
Kasandra war ursprünglich deine beste Freundin. Ihr habt euch im Park kennengelernt. Zuerst habt ihr euch gegenseitig mit Bällen abgeschossen. Dann habt ihr gerauft, einander erbarmungslos auf die gefrorene Erde geschmissen und gelacht, und wenn die eine nicht mehr raufen wollte, lief ihr die andere wie ein Raubtier hinterher und warf sie umso heftiger auf den vereisten Boden. Ihr habt erst aufgehört, euch den ganzen Tag zu prügeln, als Kasandra in einem Gebüsch einen Hund fand. Der Hund war dreifarbig und intelligent. Ihr habt sofort begonnen, ein Haus für ihn zu bauen. Marko hat euch ausgelacht, weil ihr angeblich zu alt wart für Tiere. Aber Kasandra und du wart tierlieb, und der Hund war sympathisch und lustig. Er hat euch jeden Tag zur Schule begleitet. Später, als er tot auf der Straße lag, sagte Kasandra zu dir: »Das war mein letzter Hund aus dem Park. Scheiß auf Viecher.« Damit hat Kasandra deine Gefühle verletzt, aber dann hat sie dir die Pistole ihres Onkels gezeigt, und die Freundschaft war wieder aktiviert, zumindest bis zum Steinwurf.
Marko hat am Tag des Steinwurfs Kasandras wachsende Brüste zum Thema gemacht. Sie ging auf ihn los und warf einen Stein, der an Marko vorbeisauste und DICH als unbeteiligte Beobachterin auf die Zähne traf, und Blut rann aus deinem Mund, bis heute lispelst du deswegen. Bevor sie dich traf, hatte Kasandra zu deinem Bruder gesagt, sie würde ihm den Schädel zerschlagen, sie würde seinen (euren) Vater ficken und ihn töten. Sie spucke Marko in die Fratze, er sei ein dummer Schwanz. Sie pfeffere ihm eine auf den Mund und verpasse ihm eine zwischen die Hörner. Sie würde ihn auf jeden Fall in seine fiebrige Birne ficken. Er solle sich im Park nicht mehr sehen lassen. Sie schlage ihm mit der Faust die Zähne aus und gehe singend davon. Sie scheiße ihm in den Mund und stopfe das Ganze mit ihrer Fußsohle rein. Er solle ihre Scheiße fressen, sie ficke ihm seine Sonne und seine Familie in den Arsch, und zwar in den blutigen Arsch. Sie scheiße auf seinen Staat, er solle sich zurück in den Schwanz verziehen, aus dem er herausgekommen sei mit seinem Affengesicht. Er sei eine Stinkefotze, und sie, Kasandra, spucke auf sein Grab. Sie zerficke seine gesamte Stromversorgung in die g’schissene Steckdose. Sie scheiße seiner kleinen Schwester (dir) auf den Kopf und ballere ihm eine aufs Hirn und eine auf seinen stinkenden Riesenarsch. Sie beiße ihm den Schwanz ab und scheiße auf seinen Samen, seine Keime und seinen verdammten Löwenzahn. Sie ficke seinen Schwefel und seinen sabbernden Mund und sie ficke seinen Weizen und sie zertrete alles in seiner Familie, was eine Türklinke halten kann (also auch dich), und sie zerficke ihm sein Blut in den Knochen. Er solle sich verziehen. Sein Vater sei ein Mörder, er sei ein Klebstoffschnüffler etc.
Danach wart ihr alle drei zerstritten und habt euch tagelang von verschiedenen Stellen im Park aus gegenseitig beobachtet. Halbherzig habt ihr versucht, euch anderen Gruppen anzuschließen, aber das hatte auch vorher nie geklappt. Kasandra war aus einer Roma-Familie, Marko fanden die Menschen zu düster und seltsam, und du warst unter anderem gerade in eine Schulintrige verwickelt (diesmal hattest du einen Liebesbrief gefälscht und Chaos verursacht, die ganze Klasse war wütend auf dich). Kasandra und Marko haben sich dann hinter deinem Rücken versöhnt. An einem kalten Dezemberabend, während du deine verkalkte Zahnspange geputzt hast und sie noch eine ganze Stunde draußen bleiben durften, haben sie ein ernstes Gespräch geführt. Jetzt sind sie unzertrennlich. Und du bist die einsamste Person von Banovo brdo.
*
Das graue Hochhaus Žarka Pucara 15 befindet sich neben einer großen Parkfläche, deren oberer Rand an den düsteren Košutnjak-Wald angrenzt. Die Wohnungen in eurer Siedlung wurden in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts an die pensionierten Soldat*innen der Jugoslawischen Nationalarmee vergeben. Diese kriegstraumatisierten Pensionistinnen und Pensionisten, ihre Söhne und Töchter und ihre Enkelinnen und Enkel sind eure Nachbar*innen. Es gibt zu wenig Raum in den Wohnungen, und mit jedem Neugeborenen, mit jeder aus Bosnien oder Kroatien geflüchteten Verwandten, jeder geschiedenen Tante und jedem verwahrlosten Opa müssen sich alle auf noch weniger Raum zusammenzwängen. Die Toiletten sind oft besetzt, alle Familienmitglieder hören die Festnetzgespräche der anderen mit, und in den Küchen ist es zu eng. Überall laufen Kakerlaken herum: die üblichen schwarzen und die braunen, die sogenannten Russen. Ihr seid alle relativ arm.
»Banovo brdo hat alles«, sagt man oft zueinander auf Banovo brdo (damit sind drei Schulen, ein Gymnasium, eine Hochschule, ein McDonald’s, Banken, ein Gesundheitszentrum, ein Markt, ein Kino, ein Gemeindetheater, eine kleine Bibliothek, die Einkaufsstraße Požeska sowie ein Wald und die Schule für Kinder mit speziellen Bedürfnissen gemeint).
»Und deshalb gibt es keine Gründe, Banovo brdo zu verlassen.«
Du kannst hier tatsächlich dein ganzes Leben verbringen, ohne jemals im Belgrader Stadtzentrum gewesen zu sein. Ohne auf dem Platz der Republik auf jemanden gewartet zu haben oder ins Nationaltheater gegangen zu sein. Ihr lebt am Park- und Waldrand und kennt euch mit anderen Dingen aus als die Jugendlichen aus der Innenstadt. Ihr beobachtet Käfer und streunende Hunde, mischt euch hirnlos in deren Leben ein. Wenn es kleine Katzen gibt, nehmt ihr sie und bringt sie zum Hochhaus Žarka Pucara 15. Ihr wascht ihre verklebten, eitrigen Augen mit Kamillentee aus.
Die Arschlöcher aus der Nachbarschaft und die größeren Tiere könnt ihr leider nicht davon abhalten, dass sie eure Kleintiere zerbeißen, zertreten und in die Höhe werfen, vor allem in der Nacht, wenn ihr nicht da seid, wenn ihr zu Hause schlaft und euch nichts denkt. Schade, weil ihr euch tagsüber um diese Wesen kümmert. Wenn sie noch nicht essen können, lasst ihr sie an einem Tuch saugen, das ihr in Kuhmilch getaucht habt, oder wenn sie nicht pissen können, was häufiger vorkommt, als man denkt, wischt ihr auch ihre Hintern mit Kamille ab. Wenn sie weglaufen, fangt ihr sie, und wenn sie Würmer haben, lasst ihr eure Eltern etwas aus der Apotheke dafür besorgen. Sobald sie sterben, sind sie matt und steif, und andere Wesen kriechen über sie, die Fliegen kommen, die Augen der toten Kleintiere werden starr und vorwurfsvoll. Sie sagen: Warum hast du mich aus dem Versteck genommen, warum hast du mir Vertrauen zu Menschen beigebracht. Jetzt bin ich tot, tot, tot!
Dir und Kasandra ist im Laufe der Jahre ein Muster aufgefallen, das für den Verlauf der Geschichte eine gewisse Relevanz hat. In der steilen Žarka-Pucara-Straße sind drei Hochhäuser aneinandergereiht. Sie stehen für die drei Intensitätsstufen des Lebens. Die Menschen und Tiere vom Hochhaus 7, das sich am Fuß der Straße befindet, sind ganz klein und schwach oder alt oder krank. An Katzenbiografien kann man das gut beobachten. Wenn sie geboren werden, halten sie sich rund um das Hochhaus 7 auf. Sobald sie Kraft entwickeln und sich am Leben üben wollen, laufen sie hinauf zum Hochhaus 15. Dort leben verspielte Tiere und Jugendliche wie ihr. Wenn die Katzen ihre volle Kraft erreichen, ziehen sie weiter hinauf zu 23, an den Waldrand, wo sie sich gegenseitig zu Tode fetzen. Beim 23er Hochhaus leben neben starken Katzen bissige, tollwütige Straßenhunde und entsprechende Menschen. Später, wenn sie alt und gebrechlich werden, wandern die Katzen zurück zum Hochhaus 7. Die Menschen können nicht dauernd migrieren, da sie an ihre Immobilien gebunden sind, aber irgendwie trifft eure Theorie trotzdem zu. Beim 23er leben nämlich die ärgsten Diesler mit Tattoos und Narben, zum Beispiel die Bambalić-Zwillinge, man traut sich kaum vorbeizugehen. Sie ziehen einem die Schuhe aus. Sie fragen: Wo gehst du hin? Sie zwingen dich, ihre Fäuste zu küssen. Sie sagen: Ich werde dich in den Kopf kicken. Sie zwicken dich von hinten mit einer Hand in den Nacken, um dich zu erniedrigen.
*
In der kleinen Holzbaracke mitten im Park stehen links ein Tischfußballtisch und zwei Spielautomaten, rechts bei der Kassa schreibt Luther, der ruhige Besitzer, irgendwas in sein Heft. Ein Mädchen mit lockigen Haaren, breiten Jeans, mit Stirnband und Chucks (mitten im Winter) hält einen Joystick und wartet, dass der Kampf beginnt. Das ist Kasandra.
»Kasandra, wenn du mit Liu Kang kämpfst, brauchst du bloß fünf Sekunden lang die Low-Kick-Taste und den Pfeil nach unten zu halten, und Liu macht den Gegner fertig, mit dem Fahrradkick. Schau.«
Vom Türstock aus kannst du beobachten, wie ein Junge Kasandra den Joystick aus den Händen reißt und für sie den Fahrradmove macht, dann köpft er den Gegner mit einem Kinnhaken und wirft ihn aus dem Ring ins Weltall. Das ist dein Bruder Marko. Er ist ein geducktes, grünes Wesen voller Hass, dem normalerweise nie etwas gelingt – zu schwach für den Ball und zu düster für Freundschaften –, aber er ist ein Wizard in Mortal Kombat.
»Das hier ist nur die zensurierte Version des Kampfes. Ich kann dir das Herz rausreißen und den Kopf explodieren lassen, dich in eine Grube werfen und aufspießen, aber ich bekomme fast kein Blut zu sehen. Auf der Sega-Konsole kannst du einen Code eingeben, und plötzlich spritzt das Blut, und der Splatter wird echt und voll grausig, und die ganze Gewalt kommt so richtig zum Vorschein.«
Später wird dir einfallen, dass jemand in den 90ern vielleicht auch in euren realen Leben den Gewaltcode eingegeben hat, sodass ihr mit der unzensurierten Version von Kindheit konfrontiert wart, mit allen Körperflüssigkeiten, mit Kakerlaken und Depressionen. Noch denkst du das nicht, du bist nur einsam, dir ist langweilig und du stehst im Türrahmen am Eingang und wartest, ob die beiden über dich reden werden. Von hinten erreicht dich der umwerfende Geruch des grünen Malizia, zwei ältere Jungs wollen an dir vorbei, und da du nicht ausweichst, stoßen sie dich zu Boden. Das Blut tropft dir aus der Nase auf die versteinerten Kaugummis. Sie haben dich nicht sehr stark geschubst, deine Nasenadern platzen bei jeder kleinsten Erschütterung. Du steckst dir ein altes Taschentuch ins Nasenloch und sobald du ihre Fußpaare in identischen dunkelblauen Nike Airmax 2ern und ihre Replay-»Unterhosen« (die Jeans mit dem eingenähten weißen Dreieck hinten) siehst, zählst du zwei und zwei zusammen.
»Die Bambalićs.«
*
Die Bambalić-Zwillinge gehen in die siebte Klasse, und angeblich haben sie schon Katzen angezündet, jemanden ermordet und Sex gehabt. Was diese Typen täglich zustandebringen, ist mehr als Kompensation, mehr als psychische Störung, es ist fast eine Superkraft, es ist unglaublich. Sie sind ein Bully mit zwei Körpern. Sie trennen sich nur selten, und zwar meistens, um jemanden effizienter zu jagen. Sie potenzieren sich gegenseitig. Die Bambalićs haben schon im Kindergarten zu rauchen begonnen. Sie sind arg und gefährlich.
»Die Bambalićs sind die Überdiesler«, hat Marko einmal gesagt. »Verstehst du? Mehr als nur Diesler.«
Du kannst dich gut daran erinnern: An einem bestimmten Schultag wurden die Converse Chucks als Klassenmerkmal eingeführt und ein paar Monate später durch Nike ersetzt, die breiten Hosen der Marke Diesel kamen dazu, und, zack, war damit der Stil eurer Generation festgelegt, der sich zwar ständig in Details verändern, aber immer erkennbar bleiben würde. Im Moment sind Metallgürtel und Goldketten wichtig. Es geht um den Besitz und in der zweiten Linie ums Auftreten. Dein Bruder, du und Kasandra, ihr seid keine Diesler*innen, euch fehlen sowohl die Produkte als auch die Attitüde. Die Attitüde ermöglicht ärmeren Menschen, ein würdiges Leben auf Banovo brdo zu führen. Sie besorgen sich einfach die billigsten Diesler-Kleidungsstücke. Um wenig Geld kaufen sie sich den niederen Stil, und falls sie sich keine Schuhe leisten können, können sie den Schwächeren ihre ausziehen. Und wenn jemand über ihre Kleidung etwas sagt, können sie ihn verprügeln. Um dazuzugehören, musst du tief und abgehackt sprechen wie ein bellender Hund. Du hast mürrisch zu schauen, Brust raus, den Kopf nach hinten und Kinn nach oben. Du hast alle paar Sekunden einen Schleimbatzen auf den Boden auszuspucken (für einen guten Schleimbatzen muss man arbeiten, die grünen sind gut, die sogenannten Schleimer, die aus den hintersten Tiefen der Seele geholt werden müssen), du hast dich beim Gehen auszubreiten, deine Arme und Beine nach außen zu bewegen. Du hast brüllend zu lachen, Volksmusik und Dance zu lieben. Du hast immer schon Diesler*in gewesen zu sein. Stärkere zu bewundern und zu respektieren, Geschichten über sie zu erzählen. Als Frau ist es zusätzlich wichtig, einen Push-up-BH zu tragen und sich das für das jeweilige Jahr empfohlene Accessoire zu besorgen: von Plastiklutschern über die bunten Tücher für Kopf oder Hals bis zu den Tangas. Als Diesler*in musst du nicht ganz so arg sein, weil die Aufstiegschancen und Aussichten, ein Mythos zu werden, sich in Grenzen halten. Als Frau geht es oft auch darum, mit wem du bist. Wessen Bild du in der Geldtasche trägst, wessen Halbprofil auf der Goldkette etc. Und schließlich, wessen Schuss in der Stirn. Dieslerin und Diesler zu sein heißt, sich in eine ewige hierarchische Schlacht zu begeben, je höher, desto steiler, je niedriger, desto mehr Shit ertragen. Keine Dieslerin und kein Diesler zu sein heißt, gegen den Wind zu pissen, angepisst zu werden und auf den Sieg zu verzichten, und im Leben ausschließlich Aussicht auf Verluste und Erniedrigung zu haben. Und jetzt zurück zu den Bambalićs. Ein Bambalić zu sein heißt aus eurer Sicht, über allem zu stehen, außer Konkurrenz zu sein, wie ein Monster. Wenn du beginnst zu rauchen, sagen die Leute: Die Bambalićs rauchen schon seit dem Kindergarten. Wenn du jemandem die Schuhe ausziehst, sagen die Leute: Die Bambalićs haben Hunderte von Air-Max-Modellen in allen Größen irgendwo im Košutnjak-Wald vergraben. Die Bambalićs töten jeden Tag eine Katze und schlagen einen Jugendlichen, sie tragen angeblich Messer, auch mal eine Pistole.
Deine Nase hört allmählich auf zu bluten, und eine purpurrote Kruste bildet sich um das betroffene Nasenloch. Marko und Kasandra werden von den Bambalićs zu einer Partie Mortal Kombat aufgefordert. Du bist aufgeregt, weil du noch unentdeckt zuschauen kannst und weil Kasandra in dieser Konstellation eine tickende Bombe ist.
Kasandra ist verrückt und angstbefreit, ein Mädchen und vor allem ein Mensch ohne Rückendeckung. Deshalb trägt sie immer ein kleines Messer in der Hosentasche. Ihre Strategie ist Angriff um jeden Preis, und meistens geht das auf, aber es handelt sich um eine Wette. Diese Art von Verhalten kennst du gut von der Hundewiese, wo du in letzter Zeit aus Langeweile und Liebe zu Tieren oft deine Zeit verbringst, obwohl du gar keinen Hund hast. Auf der Hundewiese bellt ein kleiner Dachshund auch oft einen Pitbull an, und der Pitbull läuft weg. Daraufhin lachen die Hundebesitzer*innen lauthals, weil sie wissen, dass der Pitbull nur einmal zubeißen müsste, um den kleinen mutigen Idioten zu töten, ihm den Kopf abzutrennen und seinen Körper in die Ferne zu schleudern.
Marko geht inzwischen in Position.
*
Mortal Kombat ist das ultimative Spiel, es spiegelt eure Leben wider, bei Marko ersetzt dieses Computerspiel sogar das Leben. Die Kämpferinnen und Kämpfer von Mortal Kombat sind den Leuten aus dem Hochhaus 23, den Leuten aus den Todesanzeigen und aus der Schwarzen Chronik ähnlich. Einmal die Woche finden auch unter euren Altersgenoss*innen im Park offizielle Schulfights statt, und manche behaupten, sie hätten das Schlagen direkt von dem Videospiel gelernt. Täglich erzählt ihr einander Geschichten von starken Kriminellen, bewaffneten Muskelpaketen, die auch angeschossen noch weiter auf den Feind zulaufen und nie aufgehalten werden können. In Mortal Kombat sind die Werte den Werten der Straße ähnlich, nur dass im Spiel auch ein unterernährter, weirder Junge wie Marko gewinnen kann, wenn er sich genug konzentriert, wenn er ein gutes Gedächtnis und eine starke Motivation hat, wenn er seinen eigenen Körper vergisst, sich geschickte, schnelle Finger antrainiert etc. Natürlich spielen die Bambalićs Sub Zero, den Helden der Arschlöcher. Marko nimmt Liu Kang.
Der Vorspann beginnt, 16 Bit. Der Boden der Kampfarena ist mit blauen Fliesen bedeckt. Auf der feuerfarbenen Wand prangt ein Wappen – ein schwarzer Drachenkopf auf einem orangen Hintergrund. Überall im Raum liegen mittelalterliche Waffen – zweischneidige Äxte, Schwerter und Keulen. Die Energiebalken der Spieler sind noch voll und grün, mit jedem eingesteckten Schlag füllt sich der Balken mit roter Farbe, und wenn die rote Farbe den gesamten Balken ausfüllt, ist dieser Spieler tot.
Kasandra spricht die Worte des Kampfmoderators mit. Sie kennt das alles auswendig.
»Der Kampf beginnt. Fight!«
Marko beginnt mit dem gleichen Fahrradmove, den er Kasandra vorher gezeigt hat, die Wirkung seiner Schläge wird jedoch durch den Block des Bambalić-Gegners gemäßigt. Der Bambalić erwidert mit einem Mawashi-Geri aus der Drehung, dem Marko jedoch erfolgreich ausweicht. Der Bambalić wiederholt den Schlag und trifft Marko diesmal auf den Kopf. Marko fliegt auf den Rücken und sein Blut spritzt – dezent – in alle Richtungen. Der Bambalić springt und macht einen Salto in der Luft, aus dem er einen Fußtritt versucht. Etwas läuft schief, er landet zu früh, und Marko ist diesmal bereit: Er schlägt mit einem starken Uppercut zurück. Der Bambalić will Eis werfen, um den Gegner zum Ausrutschen zu bringen, aber Marko fegt ihn mit einem Fuß weg. Der Bambalić fällt auf den Hintern. Die Energie des Bambalićs ist fast aufgebraucht, und unter seinem ziemlich roten Energiebalken schimmert die Warnung »DANGER«. Marko trifft ihn noch mal mit dem Uppercut und gewinnt die erste Runde. Für die zweite Runde ist Marko aufgewärmt und gewinnt, ohne irgendeinen Schaden zu nehmen.
»FLAWLESS VICTORY!«
Der Sieger hebt die Hände zum Himmel, kreuzt sie auf der Brust und schaut zu Boden. Er muss sich jetzt entscheiden, ob er seine Macht demonstrieren oder eine Versöhnungsgeste ausführen will.
Kasandra schreit: »Fatality, Fatality! Worauf wartest du?!«
Im Rahmen eines Fatalitys würde Marko dem Bambalić einen Uppercut verpassen und ihn »Jubudububudujuboloba!« schreiend aus dem Blickfeld (über den Bildschirm hinaus) katapultieren. Aber Marko ist nicht so mutig, er weiß, dass der virtuelle Sieg über real stärkere Gegner kein Grund für blinde Freude ist, sondern zu einer heiklen diplomatischen Situation führt. Marko gibt eine andere Tastenkombination ein. Es handelt sich um die neue Option, die in Mortal Kombat 1 gar nicht vorhanden war. Im Leben ist diese Art von Ausgang eurer Erfahrung nach auch selten. Statt den Gegner mit einem übertriebenen theatralischen Gewaltakt zunichte zu machen, setzt Marko auf die sogenannte Freundschaft. Während der Sub Zero der Bambalićs halbbewusst herumwankt, lässt Markos Liu Kang eine Diskokugel von der Decke fahren, und gemeinsam tanzen die Kämpfer zum Rhythmus der Musik. Lustige Buchstaben in Regenbogenfarben tauchen nacheinander auf, bewegen sich abwechselnd nach oben und unten und schreiben schließlich das Wort FRIENDSHIP aus.
Kasandra und der Moderator wiederholen voller Ekel und Verwunderung:
»FRIENDSHIP? FRIENDSHIP?«
Als Person, die einzeln oder in ihren sozialen Gruppen nur selten zu einem Sieg kommt, hat Kasandra nicht vor, ihren (und eigentlich Markos) Sieg über die Bambalićs herunterzuspielen. Sie jubelt: »Jetzt sind eure Schwänze geplatzt und ihr habt euch angeschissen, ihr werdet zur Mama zurückgehen an die Titte. Weint, wir haben gewonnen! Am 5. Jänner, an diesem schönen Tag, haben wir die Bambalićs überrannt! Wir sind über euch drüberspaziert wie über einen seichten Bach. Oh Gianni Versace, oh Gianni Versace, oh Gianni, oh Gianni, oh Gianni. Allez, allez, Gianfranco Ferré, Gianfranco Ferré, Armani, Armani, Armani, allez, allez. Zieht euch eure Ohren über das Gesicht. Wir haben McDonald’s* und ihr nicht, ihr Loser, ihr habt unsere Schwänze gelutscht, ihr habt euch schinden lassen.«
Diese Jubeleskapade kann der Bambalić der kleinen Kasandra nicht erlauben, besonders nicht in der Öffentlichkeit einer Spielbude. Er stellt sich zu ihr, Brust an Brust, und das reichlich versprühte Malizia packt Kasandra in der Lunge. Er schaut ihr in die Augen und dann zu ihren Schuhen hinunter. Der Bambalić lässt einen Spuckefaden langsam nach unten tropfen und denkt in dieser kurzen Zeit nach:
»Ich könnte dir den Kopf abtrennen«, sagt der Bambalić und packt Kasandra fest an beiden Handgelenken.
»Au«, sagt Kasandra und lacht mit schmerzverzerrtem Gesicht.
»Hast du Tschick?«, fragt der andere Bambalić. Die Frage ist an Marko gerichtet, aber Kasandra antwortet, als wäre gerade überhaupt nichts passiert: »Ich hab LM. Letztens von meiner Mutter gestohlen, als ich zu Besuch war.«
»Du bist verrückt«, sagt der Bambalić zu Kasandra und lässt ihre Gelenke wieder los. »Vielleicht wirst du uns noch von Nutzen sein.« In dem Moment sehen die Zwillinge einander an und nicken. Sie nehmen Kasandras Zigarette und zermahlen sie, um draußen bei den Bänken einen Joint zu drehen. Sie werden gleich an dir vorbeigehen, versteck dich!
»Albanka«, sagte der Bambalić beim Rausgehen, »wisst ihr, was das heißt?«
Du bist erst dreizehn, aber Albanka ist dir ein Begriff. Albanka bleibt die ganzen 90er über ein Hit, trotz offensichtlicher Nebenwirkungen. Es macht extrem paranoid, es wird angeblich mit LSD bespritzt. Für einen Menschen, der gerade einen Joint mit Albanka geraucht hat, wird ein netter Park zum bedrohlichen Niemandsland. Marko hat das später einmal in seinem typischen Stil zusammengefasst:
»Albanka ist Angst, Sog, Ende der Kommunikation. Die Rückkehr ins Innere, schreckliche, ungesunde Introspektion, eine Spirale in den tiefsten Teer der Identität. Trotzdem das beste Gras.«
Draußen werden nachher die Kaugummis gekaut, die Nasen gebohrt, die Bizepse geflext. Die Spucke frisst sich unaufhaltsam in die Schneedecke.
*
Obwohl du die jüngste Person in deiner Familie bist, hattest du immer schon das Gefühl, dass du dich um alles kümmern musst, nur bist du leider genauso untalentiert dafür, Probleme zu lösen, wie die anderen. Niemand von euch Dimićs hat genug Verstand und Energie, um Ideen umzusetzen, weshalb bei euch ewiger Stillstand herrscht, und Stillstand heißt Verfall. Seit Jahren könnt ihr den kaputten alten Schrank nicht wegbringen, er steht am Gang, und wenn jemand nachts aufs Klo muss, rennt er rein und flucht. Am Klo gibt es nachts riesige Kakerlaken, das Licht im Bad funktioniert nicht, und ein leerer Lippenstift deiner Mutter sammelt seit den 80ern Staub an.
In diesem konkreten Fall solltest du dich um deinen Bruder und um Kasandra kümmern, aber du weißt nicht, wie. Falls es mit den Bambalićs gefährlich werden sollte, hast du vor, nach Hause zu laufen, deiner Mutter alles zu erzählen, damit sie die Polizei oder irgendwen aus dem Hochhaus ruft. Glücklicherweise musst du wieder mal nichts machen. Die Situation auf den Bänken vorm Luther sieht allmählich friedlich aus. Du müsstest nicht mal dahocken, du könntest dein Versteck auch einfach verlassen und sie alle begrüßen. Das tust du lieber nicht, und es ist nicht nur dein Stolz, der dich daran hindert. Vielleicht ahnst du etwas, während du dem alltäglichen Anblick deines machtlosen Bruders im Bambalić-Schwitzkasten zuschaust (während der Bambalić auf dem Nacken deines Bruders Wichsbewegungen macht und ihn zum Spucken zwingt, als wäre er ein großer lebendiger Schwanz). Vielleicht hast du das Gefühl, dass nach diesem Tag nie wieder etwas so sein wird wie vorher. Du bleibst jedenfalls in der Nähe und versuchst, nicht zu erfrieren. Aber um ehrlich zu sein, wenn du da weiterhin stehen bleibst und wenn nichts Epochales und Unglaubliches passiert, wirst du auf jeden Fall leichtere Erfrierungen davontragen. Das wäre nicht das erste Mal, dass du nach dem Winterspaß brennende, juckende Zehen hast. Zumindest weißt du schon, dass du die Füße zuallererst in kühles Wasser stellen sollst.
*
Es ist immer noch der 5. Jänner 1995 auf Banovo brdo, ein ganz normaler Donnerstag ohne Sonne. Die meisten Menschen sitzen zu Hause und sehen fern. In den Nachrichten ist vom Frieden die Rede. Arbeitslose Familien verfolgen die Situation skeptisch. Kriminelle machen Fotosessions vor ihren Autos und Häusern. Die Öffentlichkeit wird auf TV Palma über die große Liebe zwischen dem Popstar und dem Mafia-Boss auf dem Laufenden gehalten. Hunde bellen, es ist kalt, und du bist froh, dass Kasandra, Marko und die Bambalićs endlich die Bänke vorm Luther verlassen.
Kurz vorher ist Folgendes passiert: Die Bambalićs haben Kasandra und Marko um einen Gefallen gebeten. Sie haben gesagt: »Ihr werdet etwas für uns erledigen. Sonst schlachten wir euch. Sonst seid ihr Fotzen.« Fotze genannt zu werden ist für euch und die Menschen in eurem Alter das Schlimmste, es ist etwas, was man auf jeden Fall vermeiden muss. Um nicht Fotze genannt zu werden, war Kasandra sofort bereit, jeden Blödsinn zu machen. Die Bambalićs haben indes ihre Eier zurechtgerückt und jeweils einen ekligen Schleimbatzen ausgespuckt: »Unser Wunsch ist folgender. Wir wollen, dass ihr uns das Medaillon aus der Garage von Gana Savić bringt.« Sie haben Marko und Kasandra eine Skizze gezeigt, auf der ein Medaillon mit einem Krokodilskopf abgebildet gewesen ist.
»Was ist das?«, hat Kasandra gefragt.
»Das müsst ihr nicht wissen«, haben die Bambalićs gesagt, »das müsst ihr nur apportieren.«
Kasandras Augen haben schon bei der ersten Erwähnung von Gana Savić aufgeleuchtet und sie hat sofort überlegt, wie sie die ihr gut bekannte Efeuhecke überspringen könnte, weil Gana Savić ihre Lieblingssängerin ist und sie ihr Haus immer schon von innen sehen wollte. Im Gegensatz dazu hat Marko sich nach einem Zug Albanka eher auf einem schlechten Trip befunden und sich vorgestellt, wie er beim Einbruch erwischt und erschossen oder gefoltert würde oder jemand eure Eltern anruft. Oder es wäre nur ein Test und alle würden über ihn lachen.
»Meine Eltern werden mich töten. Warum geht ihr nicht selbst?«
Aber einer der Bambalićs hat ihm seine Lage klargemacht:
»Wer auf unserer Seite steht, lebt länger.«
Um die Aussage zu verstärken, hat der Bambalić Markos Arm nach hinten verdreht, bis diesem die Tränen gekommen sind. Dann hat er eine von Kasandras Zigaretten angezündet, einen Zug genommen und die Glut nah an Markos Hand gehalten. »Kommt ihr ohne das Medaillon zurück, wird es euch schlecht ergehen.«
Marko und Kasandra haben folglich zugesagt.
»Was werdet ihr machen?«, hat ein Bambalić gefragt, um die Sache zu besiegeln.
»Euch das Medaillon bringen«, hat Kasandra bestätigt.
*
Auf dem Weg zum Verbrechen läuft Marko unwillig und dumm vor Ohnmacht hinter den anderen her und versucht, sich eine Ausrede auszudenken, warum er nach Hause muss, aber ihm fällt nichts Glaubwürdiges ein.
»Königin gewesen und geblieben«, sagt Kasandra zu den Bambalićs. »Bestimmt hat sie mehr als ein Herz. Gana Savić ist eine Legende. Ihr müsst euch ihre Lieder einmal genauer anhören.« Kasandra rezitiert das Lied über die Frau, die aufs Miserabelste leidet und im T-Shirt ihres Ex-Freundes schläft. »Das Lied liebe ich«, sagt sie, »andere natürlich auch, aber dieses Lied liebe ich am meisten.« Kasandra findet, dass alle anderen Sängerinnen und Sänger von Gana lernen sollten. Gana hat ihrer Meinung nach eine magische Stimme, wie sie nie wieder jemand haben wird. Und auch wenn die Bambalićs erzählt haben, dass sie ihre Singstimme verloren hat und nicht mehr auftritt, sagt Kasandra jetzt voller Vertrauen:
»Egal, ob sie noch singt oder nicht, für mich bleibt sie die größte Diva aller Zeiten. Sie ist eine Löwin. Es gibt keine Worte, um die Emotionen zu beschreiben, die sie in Songs verwandeln konnte. Unersetzbare Herrscherin. Beste Sängerin und eine echte Dame. Meine einzige Idolin. Sie ist ein Phänomen, das man kaum übertreffen kann. Sie hat uns einen Stempel aufgedrückt. Gana wird nicht vergessen, niemals! Ich liebe es, ihre Lieder zu singen! So eine Frau wird nie mehr auf die Welt kommen. Sie ist keine Sängerin, sie ist ein Wunder, Balsam für die Seele. Sie singt vom tiefsten Grund der Seele hinauf und lebt ewig. Es ist nicht vorbei.«
Marko bittet Kasandra, das Maul zu halten.
*
Im Nachhinein wirst du dich fragen, welcher Schritt der entscheidende war, mit welcher Tat ihr euch endgültig in die dann folgenden Ereignisse hineingeritten habt. Habt ihr überhaupt eine Wahl gehabt? Wäre das Leben linearer verlaufen, hättet ihr euch alle nicht bei Luther versammelt? Wer weiß? Für immer verfolgen dich Fetzen dieser Geschichte, und sie sind alle in größter Unordnung, sogar diejenigen, die sich vor dem Sprung abgespielt haben. Erinnerungen existieren nicht. Nix ist fix, sagt man auf Banovo brdo. Um dich zu erinnern, musst du sowieso immer in die Vergangenheit reisen, um die gesuchten Momente zu finden, und dann musst du diese Momente zurück in die Gegenwart holen, um sie zu verarbeiten. Das Ergebnis ist immer ein anderes. Verdammt, nur eine einzige Sache bleibt über die Jahre und bei jedem Versuch gleich, wenn auch bestimmt nicht für immer, und diese Sache ist extrem banal: Du befindest dich in der Osogovska-Straße, versteckt in der Hecke des Nachbarhauses, das an das Haus von Gana Savić angrenzt. Plötzlich fällt dir auf, dass der Geruch stärker wird. Das ist es. Den Geruch des grünen Malizia kannst du nicht vergessen. Auch 20 Jahre später wirst du es riechen können, so wie es an diesem Tag in deine Nase dringt und alles einhüllt, nur die Intensität ändert sich. Malizia merkt man sich, so wie man sich den ersten Kuss merkt, erregend trotz Mundgeruch, penetrant und lästig, aber mit Suchtpotenzial. Malizia ist eine Bombe, deren Teilchen deine Geruchsrezeptoren für immer besetzen. Dass der Duft stärker wird, deutet nur darauf hin, dass die Bambalićs sich vom Schauplatz entfernen und in deine Richtung gehen. Sie haben Marko und Kasandra das Loch im Efeuzaun gezeigt und nähern sich deinem Versteck in der Hecke. Du kannst sie sogar sehen, mit dem Sonnenuntergang im Rücken, ihre Metallgürtel glänzen ein wenig, sie flüstern:
»Das wird eine Topleistung sein, wenn wir das Medaillon bringen, aber ich glaube nicht daran.«
»Bruder, du weißt, keiner hat es geschafft, keiner hat es gefunden.«
»Bruder, sie ist seine Mutter, bei ihr könnte es sein.«
»Bruder, angeblich hat Gana überall Fallen aufgestellt.«
Jetzt kommt ein Moment, auf den du stolz sein kannst, wenn auch dein Leben dadurch etwas komplizierter geworden ist. Du zögerst keine Sekunde. Um Marko und Kasandra vor den Fallen zu warnen, springst du in den Garten. Kasandra hat soeben nach oben zu dem Fenster im dritten Stock geschaut, wo ein Licht brennt, und sich gedacht, dass sie eines Tages auf jeden Fall berühmt werden will.
»Ich werde Sängerin«, sagt sie vor sich hin, als du aus der Hecke kommst, mit dem Zeigefinger an den Lippen.
»Pssst! Überall sind Fallen«, flüsterst du.
»Was?«, flüstert Kasandra.
Marko nimmt dich nicht wahr. Er ist ein paar Schritte weitergegangen, um die Garagenfenster zu untersuchen, und hat dort etwas beobachtet. Beide Fenster sind mit Brettern verrammelt. Dahinter blinkt etwas. Mitten in der Garage glaubt er einen Mann zu erkennen, der sich panisch von diesem blinkenden Licht entfernt. Die Reihenfolge der Ereignisse ist ab diesem Punkt schwer zu rekonstruieren.
»Plötzlich wurde ich von einem warmen Windstoß mindestens einen Meter zurückgeworfen«, wird Marko später erzählen.
Kasandra wird sich auch an einen starken Wind erinnern: »Die Sterne im Himmel haben ihre Plätze verlassen und begonnen sich umzuordnen. Sie strömen in Wellen zu einem Ziel, wie in einem großen Strudel. Es sieht so aus, als würde ein riesiges schwarzes Loch irgendwo unter uns die Erde einschlürfen, die ganze Welt und Banovo brdo.«
Auch du siehst es: Die Erde krümmt sich und wird in eine Spirale gesogen. Klänge und Gerüche werden zusammengemischt und mitgeschleudert. Malizia, Dance, Folk, Brüllen, Schüsse. Nur da, wo ihr steht, ist es scheinbar stabil, als wärt ihr im Zentrum, was nicht sein kann, weil ihr auf Banovo brdo seid. Dir ist schlecht, dein Blickfeld wird von vielen kleinen schwarzen Punkten angefallen, die sich verdichten. Du denkst, dass du stirbst.
Marko springt vom Garagenfenster weg.
»Was fürn Schwanz?!?«, schreit Kasandra, aber sie wird von einem hohen, stetigen und immer lauteren Summen übertönt.
So einen Scheiß hast du nie gesehen, von so einem Scheiß hast du nie gehört, und du kannst es unmöglich einordnen. Wie immer, wenn du erschrickst, kreuzt du deine Arme, ziehst mit der rechten Hand das linke und mit der linken Hand das rechte Ohrläppchen nach unten und machst dabei ein saugendes Geräusch, einen Rückwärtskuss. Die Wirkung bleibt aus, Angst packt dich, und die Realität beginnt sich von dir zu entfernen, wie damals, als du dir beim Zähneputzen unerwartet einen Milchzahn ausgerissen hast und Marko gefragt hast: »Kommt es dir auch so vor, dass es im Bad dunkel wird?«, und er aus Höflichkeit gesagt hat: »Ja.« Aber nur du bist in Ohnmacht gefallen. Jetzt siehst du, wie Marko vor der Haustür als Erster zusammensinkt, noch im Fallen erblickt er dich. Dann bist du dran. Vor deinen Augen wird es schwarz.
* Sie weiß nicht, warum sie das sagt, aber es ist üblich. Es handelt sich um einen alten Chant der Fußballfans aus den 80ern. Wenn Roter-Stern-Fans mit ihrer Hauptstadt angeben wollten, sangen sie den Fans aus Zagreb oder Sarajevo oder Ljubljana entgegen: »Wir haben McDonald’s und ihr nicht.« Dieser Elitismus basierte auf der Tatsache, dass der erste jugoslawische McDonald’s 1988 in Belgrad eröffnet wurde.
1999
Stell dir vor, du gehst mit einem Schmerz ins Bett und schläfst ein. Und wenn du in der Nacht nicht plötzlich stirbst und auch sonst nichts Außerordentliches geschieht, tritt am nächsten Morgen, sobald du aufwachst, eine kurze Niemandszeit ein, in der sich entscheidet, ob alles vorbei ist und du den Schmerz als Zufall abstempeln und dein Leben weiterführen kannst, oder ob der Schmerz wieder zu dir findet und den heutigen mit dem vergangenen Tag verbindet (wie bei einer Krankheit). Stell dir jetzt vor, zwischen diesen beiden Tagen sind Jahre vergangen und der Schmerz, der die Verbindung herstellt, ist eigentlich dein Bewusstsein.
Guten Morgen. Alles ist anders. Das Erste, was du wahrnimmst, sind ein lauer Wind und irgendwo in der Ferne die dumpfen Hiebe eines Teppichklopfers. Durch ein offenes Fenster gelangen die Geräusche einer kleinen, abgelegenen Straße zu dir. Nur selten fährt ein Auto vorbei. Kein Nachbarvogel schreit in unerträglichen Frequenzen wie an jedem anderen Morgen, es ist keine dieser nicht endenwollenden Autoalarmsirenen zu hören wie sonst immer in der Gegend der Žarka Pucara. Aus dem Radio dringt leise ein Song: And it goes fast / You think of the past. Du hörst Schritte auf dem Gehsteig, wie sie näher kommen und sich entfernen. Suddenly everything has changed. Normalerweise kannst du in deinem Zimmer im 12. Stock keine Schritte auf der Straße hören, weil du zu weit oben wohnst. Suddenly everything has changed.
Mach die Augen auf.
Ein Sonnenstrahl trifft dich direkt auf die Stirn. Das Gefühl ist gut, du magst die Sonne und wirst nie, auch nicht später in deinem Leben, zu den Menschen gehören, die über Hitze klagen, aber die Temperatur passt nicht, denn gestern noch war tiefer Winter, deine Zehen waren erfroren. Jetzt ist draußen das schönste Wetter, außerdem bist du offensichtlich nicht zu Hause. Das Zimmer, in dem du dich befindest, kann nicht dein Zimmer im Hochhaus Žarka Pucara 15 sein. Dieses hier hat zwei getrennte Betten, und jede freie Wand ist mit Büchern und gerahmten Gemälden bedeckt. Es gibt einen dicken, blutroten Teppich mit orientalischen Mustern, und die Möbel sind alt, bürgerlich, von hoher Qualität, besonders im Vergleich zu euren 70er-Jahre-Spanplattenmöbeln im Kindergartenstil.
Die letzten Szenen vor dem Einschlafen fallen dir wieder ein. Du warst im Hof von Gana Savić, und der Himmel rollte sich zu einem Strudel ein. Dir wurde schlecht. Das ist übrigens offenbar das Einzige, das seit gestern gleichgeblieben ist. An die Übelkeit wirst du dich gewöhnen müssen, sie wird dich in den nächsten Tagen begleiten. Automatisch wiederholst du deine Angstgeste, ziehst an deinen Ohren und ertastest dabei einen Ohrring, wo gestern keiner war, weil du gestern auch noch keine Löcher in den Ohrläppchen hattest. Herzklopfen bahnt sich seinen Weg in den Vordergrund und hallt in deinem Schädel.
Steh auf und versuch, dich im Bildschirm des ausgeschalteten Fernsehers zu betrachten.
Die Person, die du verschwommen siehst, ist älter als du und hat eine seltsame Frisur mit kurzen, hinten aufgestellten Haaren wie ein Vogel. Wenn du die Hand bewegst, bewegt die Person im Bildschirm ihre Hand und streichelt über die harten, blondverbrannten und mit viel Gel fixierten Vogelhaare. Natürlich bist du das, niemand anderer kann in deinem Spiegelbild sein. Jetzt suchst du aufgeregt nach einem echten Spiegel und findest tatsächlich einen kleinen Kosmetikspiegel auf dem Tisch. Vor deinem eigenen Gesicht erschrickst du einigermaßen. Und obwohl du sehr viele andere Fragen hast, obwohl du nicht verstehst, was passiert ist, wie du hierhergekommen und älter geworden bist, warum der Frühling den Winter so abrupt ersetzt hat etc., plagt dich dein Spiegelbild am meisten. Eventuell sind dir diese anderen Probleme auch zu groß und abstrakt. Du versuchst zwar automatisch, mit den vorhandenen Elementen der Realität zu arbeiten, aber nicht alles Vorhandene kannst du akzeptieren.
Früher hast du dich oft in deinem kleinen Handspiegel mit dem Holzrahmen angesehen und versucht, dir die Zukunft auszurechnen. Es gab ein paar Anzeichen dafür, dass du, sobald deine akuten Probleme wie Blässe, Zahnspange, schlechte Frisur, mangelndes Selbstbewusstsein und Armut (= schlechte Kleidung) überwunden wären, sehr schön würdest. Spätestens mit 16 würdest du eine strahlende, goldene Schönheit werden mit Haaren, die im Wind flattern, egal bei welchem Wetter, aber stattdessen bist du in einem Zimmer aufgewacht, das du nicht erkennst, und hast Akne, wie der Spiegel unmissverständlich zeigt. »Tausend geplatzte Schwänze!« Dein Gesicht ist rot, deine Nägel sind bis zum Fleisch zurückgebissen. Auf dem Glastisch liegen lange Papers und ein Notizheft mit dem Titel »Tagebuch der Bombardierung von Vanja Dimić«.
*
Willkommen in deiner Zukunft! Noch glaubst du es nicht, aber laut Tagebuch befindest du dich im Jahr 1999, und auch dein Körper ist vier Jahre älter, während du im Kopf dieselbe Person bist wie gestern. Das Letzte, woran du dich erinnerst, ist der Strudel im Hof von Gana Savić. Und du weißt nicht, wie und ob du es von dort nach Hause geschafft hast. Alles andere bis zu diesem Vormittag ist ein Riesenloch. Im Jahr 1999 herrscht ein Ausnahmezustand, sonst ist manches besser, als du es kennst, manches schlimmer und manches wie immer.
Sieh dir das Tagebuch an.
Deine Handschrift ist komplett verfallen, die zittrigen Kritzeleien schillern an der Grenze zum Unlesbaren, trotzdem erfährst du aus dem zu einem Drittel vollgeschriebenen Notizheft ein paar nützliche Informationen: Es ist anscheinend April. Belgrad wird bombardiert und du hast deine Brille verloren. Du hast einen Boyfriend namens Vlada, dessen Kleidungsstil dich angeblich abstößt und bei dem in Zemun du dich offensichtlich befindest. Er ist nicht zu Hause.
Sofort möchtest du dieses Zimmer verlassen, um in deinen vertrauten Stadtteil Banovo brdo zurückzukehren. Du möchtest nach Hause, in der Hoffnung, dass deine gewohnte Welt noch dort ist, auch wenn das unwahrscheinlich ist, so wie du damals die Katze Sivko zu Hause gesucht hast, obwohl du eigentlich gesehen hattest, wie der Mischling Blacky ihr den Rücken gebrochen hatte und mit ihr tief in den Park gelaufen war. So wie du jetzt immer wieder dein Gesicht berührst, um nachzusehen, ob die Aknesituation sich verbessert hat, auch wenn das nicht sein kann, und die Entzündungen dadurch nur schlimmer werden. Du versuchst, so viel wie möglich über deine neue Lage herauszufinden, das Tagebuch hat aber leider eher literarische Ambitionen als informativen Charakter.
Tagebuch der Bombardierung von Vanja Dimić
Vanja Dimić, Vaki, Vaki, Vaki + Vlada
Vaki Kiva 
Wahnsinn.
24. 03. 1999
Im Lift auf dem Weg in den 12. Stock habe ich versucht, den üblichen Spuckegeruch auszublenden, trotzdem kam es mir hoch. Mein Walkman mit dem ersten Darkwood-Dub-Album war möglichst laut aufgedreht, aber die Sirene übertönte die Musik problemlos. Nachdem die Nachbarinnen vom 13. Stock im Treppenhaus schreiend an mir vorbeigerannt und zu Fuß die Treppe hinuntergehetzt waren und meine Mutter gesagt hatte, es sei Krieg, suchte ich die Fernbedienung, um mein Schicksal aus dem Fernseher zu erfahren. In RTS lief Puppentheater, und das nahm ich als Beweis dafür, dass alles okay sei, was aber ein Irrtum war, weil bald darauf eine Männerstimme das Programm unterbrach:
Heute hat die NATO eine Invasion auf die Sozialistische Republik Jugoslawien begonnen. Ein souveränes Land wurde angegriffen gegen alle Prinzipien und Normen des internationalen Rechts. Die Regierung ruft alle Bürger, die Armee, die Polizei und alle anderen Verteidigungssubjekte dazu auf, ihr Verfassungsrecht auszuüben.
Danach ändert sich das Fernsehprogramm. Ein rustikales Musikvideo mit dem Namen Wir lieben dich, unsere Heimat wird zum ersten Mal abgespielt. Der Text ist so trashig und unspezifisch patriotisch, ein echter Brainwash, ein Überfall, ein Akt des Vandalismus gegen souveräne, unabhängige Leute wie mich. Und es wird so oft gespielt, dass ich es am Abend schon auswendig kann. Das Lied ist ein unguter Ohrwurm und das offizielle Musikstück zur Verteidigung gegen die Operation Allied Force.
Jahrhundertealte Wahrzeichen zieren unsere Truppen, die dreifarbige Fahne flattert an der Spitze, deine und meine.
Mit ihren Blicken umarmen die Piloten die Siedlungen und fruchtbaren Felder.
Im Hafen ruft den Matrosen die unendliche blaue Meeresweite. Die Liebe wird mit Liebe zurückgezahlt.
Wir lieben dich, unser Vaterland.
Mit uns bist du sicher, mit uns bist du stärker.
Mit deinem Namen im Herzen schreitet auch deine Armee voran!
Die Bilder der Soldaten, die im Video aus Hubschraubern springen und in einem Feld landen, wo eine Braut sich um ihre eigene Achse dreht, bereiten mir Unbehagen, ich starre den Fernseher an. Das Lied läuft ständig, gelegentlich wird es unterbrochen, um die Ankündigungen zu wiederholen.
Bleiben Sie ruhig, gehen Sie in Ihr Kellerversteck.
Mutter und ich sind uns einig, wir gehen nicht in den Bombenkeller! Sicher nicht zu den Nachbarn. Wir sind ja die verrückte Familie vom 12. Stock. Mutter ist depressiv, ich bin alternativ, bekifft und schüchtern. Ich glaube fest an meine moralische Überlegenheit dem Durchschnitt gegenüber. Das Wort »Serbien« benutze ich lediglich als Schimpfwort. Ich finde, dass ich tolerant bin. Ich verstehe nicht, wie ein Krieg überhaupt möglich ist. Ich sehe herab auf alles, was vom Land kommt, weil das in Belgrad zum guten Ton gehört.
Obwohl die Wahrscheinlichkeit der Luftangriffe seit Tagen in den Medien verhandelt wurde, überraschte mich die Situation ziemlich. Bis zur letzten Sekunde glaubte ich nicht, dass Belgrad bombardiert würde. Ich konnte nicht daran glauben, weil Hunderttausende seit Jahren gegen die Regierung protestierten, weil unser Freundeskreis jetzt zu coolen Konzerten geht (wenn es welche gibt), weil wir friedlich kiffen, weil ich überhaupt endlich Freunde habe, weil ich schlecht informiert bin und weil Krieg immer unvorstellbar ist, bis du ihn hören kannst.
24. 03. (Abend)
Mutter fragt, ob auch ich Schüsse gehört hätte – und ich finde es extrem uncool, dass sie Schüsse sagt, weil man bei Bomben eher von Explosionen sprechen muss. Auch ich höre die ersten Explosionen. Etwas beginnt, aber ich weiß nicht, was. Im Kopf habe ich zur »Bombardierung Belgrads« trotz dieser ganzen 90er Jahre vor allem Referenzbilder aus dem Jahr 1941. Zertrümmerte Häuser und kleine, namenlose Figuren in Schwarz-Weiß.
24. 03., 20:45
Ich esse eine Dattel und stelle mir vor, wie es wäre, eine Kakerlake zu essen.
Das Telefonnetz ist sofort überlastet. Ich drehe die Wählscheibe langsam und zackig, dann schnell, dann flüssig, aber ich falle immer wieder aus der Leitung. Am häufigsten wähle ich 5335275, aber auch 5322188, 628432, 5333650, und nur ein paarmal 624683. Nach tausend Versuchen gebe ich auf. Die Schulen haben zugemacht. Eine dicke klebrige Schicht aus Angst und Langeweile legt sich über die ganze Stadt und wahrscheinlich auch das ganze Land und bedeckt sämtliche Menschen und ihre Organe. Diese Langeweile ist ein Teenager-Killer.
24. 03., 22:05
Mutter will eine Frotteedecke vor mein Fenster hängen. Ich will nicht, dass sie eine Frotteedecke vor mein Fenster hängt. Ich habe ihr das Licht abgedreht. Sie tappt im Dunkeln herum. Sie stolpert und schmatzt und atmet schwer, und am Ende hat sie es im Dunkeln geschafft. Sie hat sich beinah ihr Genick gebrochen, sie ist eine hartnäckige Frau, aber ich wollte das Licht nicht einschalten. Ich wollte nicht, dass sie die Frotteedecke vor das Fenster hängt.
25. 03.
Ich kann meine Brille nicht finden …
Unser Blickfeld verengt sich schlagartig, wie in einer Gefängniszelle. Über übermorgen hinaus ist nichts zu sehen. Aus Information und Lüge, Depression und Deprivation bzw. Liebe und Tramadol lassen wir komplizierte Mutanten wachsen. Ja, wir sind dagegen, dass man in unserem Namen mordet. Unsere moralische Unversehrtheit halten wir sogar für einen großen Erfolg. Wir hören B92, wie es sich gehört. Trotzdem sind die Informationen, die uns erreichen, zu 80 Prozent falsch, und obwohl wir das wissen, könnten wir sie nicht immer durch Fakten ersetzen, und wir können sie auch nicht davon abhalten, in unserem Hirn herumzukreisen.
26. 03., 21:08
Eine Szene aus Serbien:
Die Braut, ganz in Weiß, flattert im Wind. Sie schluchzt mit einem Stickrahmen in der Hand. Der Bräutigam mit dem lokalen Trachtenhut auf dem Kopf und einer Tamburica in den Händen schreit, bis seine Stimmbänder reißen: »Auf Wiedersehen, Mutter, Schwester und Braut!« Ein Kriegslied beginnt, und der Bräutigam geht zu Fuß in den Kosovo.
Während er in der Ferne verschwindet, wird der Mutter bewusst, dass er nur diese eine gerissene Hose hat. Die Braut fällt in Ohnmacht.
Übrigens haben wir uns hier an die Sirenen gewöhnt (wie Junkies). Klaustrophobie und Ferne wirken sich aus.
27. 03.
Ich könnte aufhören, etwas zu tun. Austrocknen, langsam, bis auf die Knochen, und die Leute sagen: Sie war hier irgendwo, hat aber nichts getan. Sie hat auch nicht gegessen und ist ausgetrocknet wie eine tote Hand.
30. 03., 20:45
Eine planlose Woche liegt schon hinter uns. Wir aßen weniger als gewöhnlich und sahen hässlicher aus als gewöhnlich. Wir tranken und rauchten wie gewöhnlich. Falls wir nicht sterben, sehen wir uns morgen, falls wir sterben, werden wir morgen weitersehen.
01. 04., 12:15
Warten bedeutet, immer die gleiche Zeile zu lesen und dann wieder die gleiche Zeile und dann wieder von vorne die gleiche Zeile im Proust.
Einerseits fallen die Bomben und brüllen die Sirenen und mein Zimmer würgt mich, andererseits stopft mich das Fernsehen mit falschen Informationen und patriotischer Gehirnwäsche voll. Ich bin isoliert und in 624683 verliebt. Bisher verging für mich und meine Freunde das halbe Leben an den Bushaltestellen. Oft kamen die Busse länger als eine Stunde nicht. Keine einzige von 8 Linien. Dann kam zum Beispiel ein 53er, dreifach überfüllt, und ich habe es nicht reingeschafft. Schließlich war ich in einem Bus drin, aber der ging auf der Strecke kaputt. Ich habe in solchen überfüllten Bussen, zwischen grauen Gesichtern und verschwitzten Menschenachseln, im Stehen den halben Proust gelesen. Ich wollte unbedingt, dass die Buspassagiere sehen, dass ich anders bin als sie, eine Jugendliche, die zum Zentrum gehört, und nur zufällig in einem peripheren Stadtteil lebt. Jetzt kann ich mich jedoch schwer abheben. Ich vermisse die Bushaltestelle. An der Bushaltestelle haben wir zumindest immer auf etwas gewartet. Jetzt ist das Etwas weg.
01. 04.
Ich esse, um groß zu werden.
Socken 50
Unterhose 36
B. 200
Zahnpasta 20
Brillantine 20
= 326 Dinar
Ich hatte noch nie Sex, aber das hat sich während der NATO-Operation Allied Force jetzt geändert.
Diesmal werde ich dich umarmen. Schön und ganz spontan, wie man ein geliebtes Wesen umarmen sollte. Aber jetzt, Vlada, wo ich dich sehe, habe ich mir Folgendes gedacht: Dein Gesicht ist schmaler, als ich dachte, und ich hasse diesen Rollkragen.
01. 04. 22:58
Ein schöner Tag heute. Spaziergang.
Friss Scheiße.
Sowohl das als auch ein Spaziergang.
Die Zeit ist schon komplett weg vom Fenster, hinter uns gibt es nichts, vor uns, frag nicht, und als Kasandra und ich heute den riesigen Joint mit Albanka-Gras fertig geraucht haben, hat uns eine Erkenntnis von der Parkbank gehauen.
02. 04.
Hände weg von dieser Theorie, falls ihr ein schwaches Herz habt und an Glück, Schönheit und an das Gute glaubt. Es geht um Kontaktlinsen. Unsere Augen sehen die Welt prinzipiell so, wie sie ist, und die Welt ist dunkel und grau. Es gibt keine Zukunft und keine Vergangenheit. Es gibt nur diesen Augenblick, und dieser Augenblick ist unbeschreiblich düster.
02. 04., 18:40
Ich hatte eine Idee für ein Buch. Es wäre eine Dystopie gewesen über Menschen (natürlich über Menschen), die in einer grauen, postapokalyptischen Realität leben, aber die Welt als eine schöne wahrnehmen dank spezieller Kontaktlinsen. Später würde Kasandra einen Film daraus machen. Leider habe ich gerade erfahren, dass so ein Film schon existiert.
Der neue Blockbuster Matrix ist seit März draußen. Vlada hat schon eine Raubkopie gesehen.
03. 04.
Sie haben uns alles weggenommen, sogar die Kontaktlinsen aus dem Kopf. Da, wo die Zukunft sein sollte, ist eine dicke Wand, und vielleicht sollten wir die Wand lieben, weil sie uns schützt.
*
Dem eigenen matten Teenager-Ich hinterherzulesen ist ermüdend, und du bist enttäuscht darüber, in was für ein Desaster du dich ausgewachsen hast. Und dass du jede falsche Entscheidung getroffen hast, für die du mit 13 zu klug warst. Nie wirst du dir selbst verzeihen, dass du dich so gehen hast lassen. Du rauchst. Zum Teil kommt es dir vor, als hätte sich die Schule immerhin gelohnt und als könntest du mit 17 zumindest interessantere und kompliziertere Formulierungen verwenden als mit 13, aber auch das machst du zu aufgesetzt, zu gewollt. Das Merkwürdigste ist, dass in deinen Notizen über das Leben zu Hause immer nur Mutter vorkommt. Das Fehlen des Vaters ist nicht das Ungewöhnliche daran. Eure Väter sind selten da, sie verlassen eure Mütter, gehen in den Krieg, gründen Zweitfamilien, machen verschiedenste unüberlegte Sachen, wandern aus, gehen ins Gefängnis, saufen sich zu Tode und brauchen nicht erwähnt zu werden. Aber es wundert dich, dass auch dein Bruder Marko, mit dem du und in Beziehung zu dem du bis 1995 lebst und denkst, kein einziges Mal erwähnt wird. Bald wirst du mehr wissen. Wenn du früher gedacht hast, dass Marko ein Mensch mit großen Problemen ist, solltest du ihn 1999 treffen.
Aus dem Fenster im Erdgeschoß siehst du den Frühling, und der Tag könnte nicht schöner sein. Keine Spur von Zerstörung in der kleinen Straße, als wäre nichts, als hättest du in deinem Tagebuch über die Bombardierung gelogen. Aber das glaubst du nicht, die Einträge sind zu ausführlich, um Fiktion zu sein. Die Beobachtungen zu nebensächlich und absurd, wie das nur bei wahren Geschichten der Fall ist. Vor Jahren hast du in der Neigungsgruppe Literatur noch geschworen, du würdest nichts erfinden, nicht, wenn es um den Kern geht, und zumindest dieses eine diffuse und nutzlose Ideal scheinst du noch nicht über Bord geworfen zu haben. Du versprichst dir dasselbe noch einmal. Das soll dein Mindeststandard sein. »Ich darf nicht erfinden!«, sagst du und beißt dich in die Hand, bis ein bisschen Blut kommt. Panisch schaust du dir die Wunde an, bis du sicher bist, dass es nicht schlimm ist, erst dann liest du weiter. Offensichtlich hast du jetzt Freunde, mit denen du telefonierst. Deswegen bist du sogar neidisch auf dich selbst, da du ja bisher nur mit Marko und Kasandra abgehangen bist. Nichts gegen Kasandra. Auf einmal erkennst du unter den langen Papers einen Band der schönen rosafarbenen Proust-Ausgabe, die du dir dein Leben lang auf dem Regal im Wohnzimmer angesehen hast, neben den anderen meterweise gekauften Klassikern, die du mit 17 offensichtlich tatsächlich liest, und du entscheidest dich, jetzt Proust zu lesen, da er laut Tagebuch deinem späteren Ich so gut gefällt. Über dieses Paradoxon musst du zuerst lachen, aber es ist logisch … So driftest du in Gedanken ab, bis dich ein Geräusch wieder in die Realität zurückholt.
Die Schritte auf der Straße werden lauter und lauter, und du siehst, verschwommen, ohne Brille, dass jemand die Gartentür aufmacht und den schmalen Pfad entlanggeht. Ein geschmackloser brauner Rollkragen lässt dich vermuten, dass das Vlada ist, dein Freund. Auf keinen Fall möchtest du ihm begegnen, denn was, wenn er dich küssen will und du mit deinem 13-jährigen Hirn versagst. Über das Küssen hast du nur in den Teenager-Zeitschriften gelesen, und die Übung mit der Erdbeere im Glas war nicht besonders aufschlussreich. Du wartest, bis er ins Haus reingeht. Dann springst du durchs Fenster in den Garten und läufst in den Frühling hinein. Hinter dir ruft eine verwirrte, fragende Stimme deinen Namen.
»Vanja?! Welcher Schwanz treibt dich?«
*
An einem sonnigen Frühlingstag ist der Park von Banovo brdo normalerweise ein Schlachtfeld der Interessen. Während die Pensionist*innen langsam Richtung Gemüsemarkt schreiten, kreuzen Skater*innen, Kleinkinder und Hunde ihren Weg und schreien und bellen. Bienen beschäftigen sich mit Blumen, Straßenhunde kleben nach dem Sex mit ihren Hintern aneinander, Kinder tragen tote Vögel zu ihren Müttern, Knie reiben gegen den Asphalt, Wunden bluten. Voller Empörung blättern die in städtische Herbstfarben gekleideten, gebildeten Nachbar*innen in ihren Büchern und sagen nur hin und wieder über die anderen: »Das sind keine Menschen, das sind wilde Tiere!« Normalerweise, aber heute ist es anders. Der Park ist leer wie in der Twilight Zone. Es gibt keine Bewegung um die Basketballkörbe, alle Schaukeln ruhen hochkonzentriert, die asphaltierten Wege heizen sich ungestört auf, die Bäume entspannen sich, sogar die meisten Parkbänke sind unbesetzt. Zu sehen sind nur vereinzelte Gruppen von Menschen in großen Abständen voneinander. Marko hat sich unterwegs darüber gewundert, dass der Park sich in eine Wüste verwandelt hat. Kasandra hat es nicht wirklich bemerkt, sie war mit ihrem neuen Erscheinungsbild beschäftigt. Wie früher sind die beiden ohne Verabredung, aber nach Gefühl, relativ gleichzeitig bei der Spielbude angekommen.
Man sollte das eigentlich niemandem sagen müssen, aber, um Missverständnissen vorzubeugen: Du bist bei dieser Szene nicht dabei. Einiges passiert gleichzeitig. Du bist erst vor wenigen Minuten aus der Wohnung deines Freundes geflüchtet. Während Marko und Kasandra aufeinandertreffen, sitzt du an der Haltestelle des 88ers (dein Bus wird gleich kommen).
Die Spielbude beim Luther ist geschlossen, anscheinend seit längerer Zeit. In der Mitte des Karussells wächst hohes Gras, und die Ponys sind von Rost befallen. Marko und Kasandra sind auch selbst ziemlich verändert aufgekreuzt, und es hat ein bisschen gedauert, bis sie einander erkannt haben, aber jetzt beginnt das Gespräch:
»Kasandra?«
»Marko? Bist du das?«
Sie tasten sich aneinander heran, versuchen festzustellen, ob sie die gleiche Erfahrung gemacht haben. Marko fragt Kasandra, ob auch sie das Gefühl hat, ein paar Jahre verschlafen zu haben. Sollte sie Nein sagen, kann er immer noch behaupten, er hätte im übertragenen Sinne gesprochen, aber Kasandra scheint zu wissen, was er meint.
»Fick mich ins Hirn, wenn mir klar ist, wie wir hier gelandet sind.«
»Du warst also auch bis gestern im Jahr 1995?«
»Ja, und ich bin SO aufgewacht!«, sagt Kasandra und zeigt auf ihren Körper.
Marko schaut sie genauer an. »Du hast keine verfilzten Locken mehr, sondern lange, schwarze Haare und dünngezupfte Augenbrauen.«
Kasandra hat vor allem plötzlich wirklich große Brüste, aber das kann Marko nicht ansprechen, wenn er weiterleben will, das weiß er inzwischen. Er kratzt seine kaltverschwitzten Arme im Sonnenlicht und wechselt das Thema:
»Ich habe die Nachrichten im Fernsehen gesehen. Heute ist offenbar der 4. April 1999, und Belgrad ist jetzt auch im Krieg.«
»Gegen wen?«
»Ich bin mir nicht sicher, gegen die USA, aber es hat mit dem Kosovo zu tun, ich habe nicht lange geschaut.«
Kasandra muss sich an Markos Erscheinungsbild auch erst gewöhnen. Abgesehen von der grünlichen Blässe und diesem Schweißfilm sieht er irgendwie nobel aus, sie fixiert seine Hände, die gekonnt einen Ofen drehen.
»Heute Morgen ist mir aufgefallen, dass meine Hände solche Sachen automatisch tun«, sagt er. »Früher konnte ich gar nicht drehen. Hab immer nur mitgeraucht.«
Sie nehmen einen Zug, obwohl sie das gar nicht gebraucht hätten. Wilde Theorien haben schon vorher begonnen, in ihren Köpfen zu kreisen. Marko vermutet, dass sie ein seltsames Trauma erlebt haben, das auch Amnesie zur Folge hat, weshalb alles zwischen dem verdrängten Ereignis und dem Jetzt gelöscht wurde. Von solchen Fällen hat er in der esoterischen Horrorzeitschrift »Das 3. Auge« gelesen. Kasandra war ihrerseits ursprünglich der Meinung, dass sie über Nacht mysteriös gealtert ist, aber das hat sie zugunsten einer Entführung durch Außerirdische verworfen. Als Kind hatte sie ein kaputtes Festnetztelefon, das sie stundenlag ans Ohr hielt, weil es auch ohne Strom merkwürdige Geräusche machte. Damals glaubte sie ziemlich fest daran, dass jemand mit ihr kommunizieren wollte. Jetzt spielt sie wieder mit diesem Gedanken.
Obwohl du im Bus 88 sitzt, der gerade über die Gazela-Brücke fährt, und daher die Gespräche zwischen Marko und Kasandra nicht hören kannst, denkst du über die gleichen Themen nach. Während der ganzen mühsamen Busreise tust du nichts anderes, als dir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es zu deiner jetzigen Lage gekommen ist. Du befürchtest, dass du einen neurologischen Schaden erlitten hast und wieder in eines deiner früheren Ichs geschlüpft bist. Aber da irrst du dich. Keine eurer Theorien stimmt. Das Leben ist auch in dieser Geschichte daneben. Das Leben macht immer ein bisschen was anderes, etwas, was niemand erwartet, manchmal auf eine unspektakuläre Art und Weise, als wäre das Unmöglichste nicht der Rede wert und einfach zu akzeptieren. Das Leben ist wie ein unauffälliges Monster.
»Mein Vater ist tot«, sagt Marko zu Kasandra, und beißt an seiner Nagelhaut herum.
Nachdem auch er heute um vier Jahre gealtert aufgewacht ist, hat Marko die Todesanzeige seines Vaters in der Medikamentenschublade entdeckt, wo er eigentlich hoffte, Mutters Beruhigungstabletten zu finden. Offenbar hat der Vater zu Silvester 94/95 schon gar nicht mehr gelebt. Auf der Todesanzeige stand der 29. Dezember 1994 als Todestag, über Ort und Ursache konnte Marko aus dem Dokument nichts erfahren. Die Mutter schlief währenddessen vor dem laufenden Fernseher und schnarchte laut. Marko wurde auf einen Schlag schlecht, weil er Vaters Stimme im eigenen Kopf plötzlich so klar hören konnte, und nicht nur deswegen, aber den zweiten Grund für seine Übelkeit wird er erst ein bisschen später einordnen können. Kasandra denkt nicht mal daran, »Beileid« auszusprechen, sie ist nicht verrückt, als gute Freundin muss sie versuchen, trotz Krise persönlich zu bleiben und nicht in allgemeine Klischees abzugleiten, besonders, wenn diese nicht angebracht sind, aber das ist verdammt schwierig.
»Hm«, sagt sie schließlich und bereut ihre Reaktion.
Du bist nach wie vor nicht bei den anderen und weißt nicht, dass dein Vater tot ist, später wirst du es erfahren. Die Information wird dir zufällig und völlig unsensibel zugespielt werden, und du wirst anders reagieren als dein Bruder, aber das kommt erst.
»So müssen sich die Höhlenmenschen gefühlt haben«, sagt Marko, um die Situation aufzulockern, nachdem er eine Kette Flashbacks überstanden hat. »Irgendwas ist immer geschehen, und sie wussten nicht genau, was und warum, und trotzdem mussten sie bis zum nächsten Vorfall einfach weiterleben.«
Der Vergleich mit den Höhlenmenschen ist ein wenig dramatisch. Natürlich habt ihr viel bessere Möglichkeiten, an Informationen heranzukommen, als Höhlenmenschen sie gehabt haben, und eure Verwirrung wird sich bald legen. Außerdem gewöhnt man sich an jede Scheißausnahmesituation recht schnell. Und bis dahin lebt ihr kurz von Vorfall zu Vorfall. Der nächste lauert schon um die Ecke.
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Dein Bus kommt den Berg herauf, fährt an der Kirche vorbei und erreicht Banovo brdo. Hier entscheidest du, wo du aussteigen willst. Entweder schon bei der nächsten Station, beim Park, weil der Weg von dort flacher, wenn auch etwas länger ist, oder anstrengender, aber effizienter beim McDonald’s und die steile Žarka Pucara rauf, bis dir die Luft ausgeht.
Sobald du beim McDonald’s aus dem Bus steigst, breitet sich ein lautes Geräusch aus und übertönt das Geschehen in der ganzen Stadt, auch die tobenden Gedanken in euren Köpfen.
duuuuuUUUUU!!ÜÜOÄÄÄÄdddssss««!!!«««!!!!!!>>>>>!!!!
Die wenigen Menschen auf der Straße erhöhen das Tempo und eilen nach Hause. Kurz danach verschluckt die Stille alles für eine Weile. Es donnert. Eigentlich ist das kein Donnern. Die Bombenflugzeuge übernehmen den Himmel von Banovo brdo.
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Es gibt einen Atomschutzbunker unter dem Gebäude Žarka Pucara 15. Diejenigen, die ihn gesehen haben, behaupten, dass er von Schimmel und toten Ratten verseucht ist. Der Gestank verdichte sich, sagen sie, je weiter man vordringe. Die unterirdischen Geheimgänge von Banovo brdo knüpfen an den Bunker an, und den lokalen Legenden nach kann man auf diesem Weg bis zur Militärbasis Topčider gelangen. Die Bewohner*innen von Žarka Pucara 15 haben sich schon in den Tagen vor der Bombardierung geeinigt, auf den Atomschutzbunker zu verzichten und stattdessen die ungenutzte Waschküche mit alten Sofas und kaputten Matratzen einzurichten. Dann haben sie begonnen, die Waschküche Bombenkeller zu nennen. »Das ist unser Bombenkeller.« »Gehst du heute nicht in den Bombenkeller?« etc. Jede Ausnahmesituation unterbricht das Leben auf eine gewisse Art und Weise (die Schulen werden geschlossen, man hat kein Haus mehr, man ist tot oder geflüchtet). Aus der Verwirrung stellt sich sofort ein neues, spezifisches, redundantes Vokabular ein, das den Menschen das Gefühl gibt, sie wüssten, wovon sie reden. So hat jede Krise ihre Begriffe, und diese werden in verzweifelte Kommunikationsversuche eingestreut wie ein penetrantes Wintergewürz. Die Nelken und der Zimt des Jahres 1999 sind »Bombenkeller«, »NATO-Pakt«, »Lokatoren«, »Verrat«, »Uranium«. Sie hängen den Menschen, die dich bald umgeben werden, aufs Ekligste aus den Zähnen raus, während diese Leute auf Matratzen chillen, Yamb spielen und ihre Kinder bescheißen, wenn diese nach Uhrzeit und verbleibender Wartezeit fragen.
Du rennst in dein Gebäude, nachdem dich auf der Straße noch ein paar ferne Explosionen erschreckt haben, und triffst zwei Nachbarinnen, die auf dem Weg in ihre Wohnungen sind. Sie sind älter als du, jünger als deine Mutter.
»Gehst du zum Bombenkeller?«, fragen sie. »Wir müssen die letzte Folge Esmeralda sehen. Ganz ehrlich, unsere Fotzen schmerzen dafür, dass wir dabei sterben können.« Dass ihre Fotzen dafür schmerzen, bedeutet, dass es ihnen wurscht ist. »Ich meine, wir haben in diese Serie schon so viel Zeit und Empathie investiert«, sagt die Erste, die noch im Bademantel und mit Hausschuhen unterwegs ist. »Sie hat dank der Serie Spanisch gelernt«, sagt die Zweite über sie.
»Ich kapiere«, du nickst und verschwindest, bevor dein vollständiges Unwissen auffällt, über das aktuelle Fernsehprogramm genauso wie über das Bombardement.
Am Eingang steht der alte Mann vom 13. Stock. Er ist in deinem Hochhaus bekannt, weil er einmal im Aufzug stecken geblieben ist und die Rettungsaktion zu lange gedauert hat und der schmale Raum danach noch lange nach seiner Pisse gestunken hat. Marko und dir haben die Erwachsenen ein großes Verständnis für das Missgeschick des älteren Nachbarn beigebracht. »Es könnte jedem passieren.« Irgendwann war der Geruch sowieso weg, und der metallische Gestank eurer Spucke hat übernommen. Der alte Mann trägt zwei Koffer:
»Meine Wohnung wackelt jeden Tag mehr, irgendwann bricht das Gebäude auseinander.«
Seine Wohnung im obersten Stock hat in den letzten Tagen, als Topčider bombardiert wurde, tatsächlich immer stärker gebebt, und er hat seine Angst unter Kontrolle gehalten und gebändigt, so lange er konnte:
»Bis jetzt habe ich mich geweigert, hinunterzukommen, aber heute ziehe ich in den Bombenkeller ein. Ich geh da nicht mehr rauf. Die Schweine vom NATO-Pakt kriegen mich nicht«, sagt er, steht aber noch am Eingang, weil es mit seiner Vorgeschichte auch nicht einfach ist, unter die Nachbar*innen zu gehen.
In der Waschküche angekommen, setzt du dich erst mal auf eine Matratze und kneifst die Augen zusammen auf der Suche nach Marko und Kasandra. Allmählich erkennst du die Gestalten, die im Kreis herum sitzen. Die wahnsinnige Melita sucht zum Beispiel etwas in ihrem Plastiksack. Du begrüßt sie demonstrativ.
»Guten Tag, Melita!«
Du möchtest den anderen zeigen, dass du Melita respektierst. Die Savićs sitzen nämlich gleich daneben und die Matićs und alle anderen normalen Familien, die ihre Nachbarin Melita schon immer ins Irrenhaus schicken wollten. Der Mundkrebs der Oma Stana Savić aus dem 9. Stock hat sich offenbar ausgebreitet.
Du erkennst im Halbdunkel zwei Figuren, die Marko und Kasandra sein könnten, nur deutlich älter und verändert. Kasandra hat komische glatte Haare, aber sie sitzt breit wie ein Mann in Bus und Bahn, das ist ganz sicher sie, und deinen Bruder erkennst du sowieso, auch wenn seine Stachelschweinfrisur ungewöhnlich lang geworden ist. Du setzt dich zu ihnen und liest ihre genauso ratlosen Blicke. Ihr habt eine intensive nonverbale Kommunikation, könnt aber nicht reden, während hier alle zuhören.
»Wisst ihr, was hier los ist?«, flüsterst du. »Ich bin irgendwo in Zemun aufgewacht, bei meinem Freund offenbar, hab mich nicht ausgekannt.«
»Wir wissen es nicht genau«, flüstert Marko zurück, »wir versuchen aus dem Radio zu erfahren, was passiert ist.«
Auf dem wackeligen Tischchen in der Ecke des Hauptraums kracht ein Radio. Hin und wieder schnappst du Satzfetzen aus den Infosendungen auf. Die Menschen spielen Karten, trinken Kaffee oder Schnaps und reden miteinander. Sie wirken depressiv, aber sie hören nicht auf zu lachen. Ihr Blickfeld ist eng, wie in einer Gefängniszelle, aber sie spinnen Verschwörungstheorien aus der weiten Welt. Im Bombenkeller überschlagen sich die Echos der Informationen, die in ihm seit Wochen ausgetauscht und verkündet werden. Manche sind wahr, manche falsch, es ist schwer zu unterscheiden.
Die Bombardierung wird nur noch 4 Tage dauern. // Ein Tarnkappenbomber F117a wurde abgeschossen. // Manche Stadtbewohner platzieren »Lokatoren«, um die NATO-Flugzeuge zu lotsen. // Von den Uranbomben bekommen wir Krebs. // An der Verteidigung des Landes, seiner Integrität und seiner Souveränität müssen sich alle beteiligen. // Die ausländischen Kräfte können uns nichts anhaben, weil wir mit Stolz unsere Freiheit verteidigen. // Die Armee wird auf Gewalt mit Gewalt antworten. // Die Bomben können keine Probleme lösen. // Alle Völker Jugoslawiens teilen ein gemeinsames Leid. // Jeder Raucher bekommt zwei Zigarettenschachteln. // Serbien ist keine Handvoll Reis. // Die Bomben verfehlen ihre Ziele. // Serbien verteidigt Europa vor der amerikanischen Hegemonie. // Es mangelt an nichts, außer Benzin und Tabak. // Erdgas fließt die Donau entlang. // Kinder verschlucken sich vor Angst. // Die Begründungen für die Bombardierung werden täglich dümmer. // Unsere Arbeit verhilft uns zu unserem Sieg. // Am Stadtrand ist ein Mädchen namens Milica auf dem Töpfchen gesessen, als sie von einer Bombe getötet worden ist. // Ein Tiger im Zoo hat im Bombenlärm aus Angst seine eigene Pfote gefressen. // Es ist ganz natürlich, dass Kinder unter diesen Bedingungen Zeichen von Angst, Apathie, Hilflosigkeit oder sogar Verzweiflung zeigen. Sie bekommen Albträume oder sind lange von einem Thema oder von einem Spiel besessen. // Welche Folgen für alle Bewohner Jugoslawiens zu erwarten sind, werden wir erst sehen können, wenn dieses Unglück vorbei ist. // Der Papst betet für den Frieden im Kosovo. // Das Wichtigste ist, die Panik nicht zuzulassen. // Zivilisten sind ebenfalls Angriffsziele. // Die Bäckereien sind voll in Betrieb. // Wir können uns selbst am besten helfen. // Belgrad wird wieder angegriffen werden. // Kosovo ist Serbien. // Die Bürger können die NATO auf Schadenersatz klagen. // Die Supermärkte verkürzen die Arbeitszeiten. // Die meisten Briten sind gegen die Bombardierung. // Die Operation Allied Force macht sich keine Gedanken um Kinder. // Schulen und Universitäten bekommen Frühlingsferien bis auf Weiteres. // Belgrad trotzt mit Gesang. // Nur die NATO konnte das serbische Volk zusammenbringen. // Milch ist wichtiger als Sahne. // Die NATO verliert die Nerven. // Das Leben ist doch stärker als die Aggression. // Die ganze Welt bewundert unseren Mut. // Metallica wird nach dem Krieg in Belgrad spielen. // Milošević setzt sich für den Frieden ein. // Noch eine weitere Brücke wird zerstört. // Die Bomben können unseren friedliebenden Geist nicht töten. // Auch die Friedensbrücke in Novi Sad wurde zerstört. // Die Kassettenbomben töten Menschen. // Hunderttausende haben im Regen gesungen. // Die Wahrheit ist auf unserer Seite. // Die Bombardierung richtet sich nicht gegen uns, sondern nur gegen die Regierung. // In Europa gibt es keine Staatsgrenzen mehr. // Die heimische Armee hat keine Kampfmunition, aus Angst vor einem Putsch. // Die ökologischen Folgen für die Welt werden vernichtend sein. // Beim Jahreswechsel zum Jahr 2000 werden sämtliche Computer wegen des Millennium-Bugs abstürzen. // Dunkelheit und Stromausfälle werden aufhören. // Milošević wird nicht zurückweichen. // Alle Felder werden bearbeitet. // Fabriken werden neu gebaut. // Die UÇK wird angreifen. // Alles wird repariert. // Es wird zu keinen Warenengpässen kommen. // Der Westen wird diesen Krieg verlieren. // Die Aggressoren werden keinen Erfolg haben. // Niemand wird die Hoffnung umbringen können. // Es wird nicht wieder Bons statt Geld geben. // Das Vaterland wird verteidigt werden. // Das Böse wird besiegt. // Gewalt wird sich nicht durchsetzen. // Die Terroristen werden zerstört werden. // Die Atomenergieexperten aus Wien werden kommen, um das Kontaminationsrisiko einzuschätzen. // Jeder Meter des Landes wird um jeden Preis verteidigt. // Es wird zu Bodenkämpfen kommen. // Serbien wird kein Benzin aus Kroatien importieren können. // Was beschädigt ist, wird repariert werden. // Kein Schüler wird sitzen bleiben. // Das große Theaterfestival Sterijino pozorje wird nicht stattfinden. // Belgrad wird der Bombardierung standhalten. // Straßen werden neu gebaut. // Flughäfen werden renoviert. // Bahnhöfe und Gleise werden wiederhergestellt. // Es wird genug zu essen geben. // Die Bombardierung wird aufhören.
Es ist genauso schlimm, wie du in deinem Tagebuch gelesen hast. Offensichtlich haben die Menschen, die deinen Staat leiten, sich deine Nation ausdenken und deine Gesellschaft in den Abgrund treiben, wieder mal Scheiße gebaut, anstatt tolle Sachen zu erfinden, wieder aus Gier, Bosheit, Hass und Schwäche. Neid spielt dabei auch eine seltsame Rolle. In den Nachrichten kommt natürlich nicht zum Ausdruck, was wahr ist und was gelogen, aber du hast ein starkes Gefühl dafür, dass die Geschichte auch anders erzählt werden könnte, und bleibst zu einigen Informationen erst mal auf Distanz. Deine Nachbarn scheinen mit der Wahrheit nicht so vorsichtig umzugehen. So viel konzentrierte Propaganda und Ahnungslosigkeit auf der einen Seite, ihr zäher Überlebenswille auf der anderen, das macht etwas mit ihren Hirnen. Du merkst es den Leuten an. Sie sind viel zu offen für das Absurde, wundern sich nicht mehr, passen sich an.
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Im Bombenkeller gibt es Sandwiches, und du hast einen Mordshunger. Du nimmst eines mit oranger Wurst, das trockene Brot saugt dir die Spucke auf, trotzdem gehst du auch rüber zu den salzigen Erdnussflocken* und stopfst ein paar uralte Schokobananen nach.
»Was ist das?«
»Pita mit Kraut.«
Pita mit Kraut nimmst du auch. Eine junge Frau in einem schwarzen T-Shirt, auf das eine Zielscheibe samt der Aufschrift TARGET gedruckt ist, kommt zu Marko und kniet vor ihm nieder. Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange und stützt ihre Hände auf seine Oberschenkel. Marko schaut entsetzt. Einige solche Zielscheibengrafiken, in Kombination mit »TARGET« oder »NATO-Schweine«, hast du heute auf Laternen und Autos kleben gesehen. Später wirst du herausfinden, dass es sich um einen Protest gegen die Bombardierung handelt. Schon seit Wochen gibt es Konzerte, und Tausende versammeln sich auf Brücken und Belgrader Plätzen, um den Bomben zu trotzen bzw. die zivile Infrastruktur mit ihren Körpern zu verteidigen. Freiwillige menschliche Schutzschilde. Geschminkte Kinder mit Häuptlingsfedern werden mit »Fuck you NATO«-Schildern fotografiert. Staatsbürger*innen halten ihre Babys in die Luft. Natürlich rechnen sie damit, dass die Wahrscheinlichkeit klein ist, dass die Bomben ausgerechnet auf Tausende Protestierende fallen. Menschen, deren ideologische Einstellungen bis vor Kurzem unvereinbar waren, versammeln sich im Frühling 99 unter dem Zeichen der Zielscheibe. Stadt und Land, Rock, Pop und Volksmusik, Krieg und Frieden. Viele werden sich nachher nicht erinnern, dass sie dabei waren. So wie unlogische Sachen im Gedächtnis oft nachträglich geradegebügelt werden. Du selbst wirst zum Beispiel nie herausfinden, ob du wirklich bei den Konzerten gewesen bist. Im Tagebuch steht zumindest nichts darüber.
»Wo seid ihr, Schwuchteln, ich ficke eure Mütter«, sagt die junge Frau mit dem Zielscheiben-T-Shirt freundlich, klatscht mit ihren Händen auf Markos Oberschenkel (zu seinem wiederholten Entsetzen). Eure Mutter sitzt etwas weiter entfernt, du spürst ihren Blick. Ihre Haare sind jetzt teilweise grau. Sie versucht, euren Gesprächen zu lauschen. Der Gruß der jungen Frau stört eure Mutter überhaupt nicht. Sie denkt nicht, dass sie gemeint ist. Sie ist entspannt. So entspannt kennst du sie eigentlich nicht. Lethargisch ja, aber normalerweise voller Angst, dass euretwegen, ihrer Kinder wegen, eine große Schande über sie hereinbricht. Normalerweise leckt sie eure Haare nieder und glättet eure Kragen, beseitigt mit Spucke Essensflecken von euren Gesichtern. Jetzt schwebt sie, wie die meisten Erwachsenen im Raum, auf einer dreifachen Dosis Benzos. Die Welt ist weich wie Samt.
»Desanka?« Marko erkennt das Mädchen mit dem Target-T-Shirt erst an der Stimme, dann an den rabenschwarzen Haaren und dem Schneewittchen-Gesicht.
Während Desanka Marko ins Ohr flüstert, dass er am Abend unbedingt ins Kafić kommen soll, siehst du auf ihre Schuhe herab. Du siehst auf ihre ganze Existenz herab. Desanka wohnt im Gebäude unter euch, und es hilft ihr in deinen Augen und in den Augen der meisten Gleichaltrigen gar nichts, dass sie in Belgrad geboren wurde und in Belgrad aufgewachsen ist, sie ist dazu verdammt, Bäuerin genannt zu werden. Sie ist »vom Land«. Auch wenn ihre Eltern schon seit 20 Jahren in Belgrad leben und arbeiten, bleibt ihre Familie zumindest für eine Generation noch »vom Land«. Marko, Kasandra und du könnt dagegen behaupten, echte Belgrader*innen zu sein. Ohne es begründen zu können, seid ihr alle drei ein wenig stolz darauf, dass ihr Belgrader*innen seid. »Ich habe schon zwei Vorfahren auf dem Topčider-Friedhof«, sagt Marko manchmal, wenn das Thema aufkommt, und auch du kokettierst gerne damit, dass du leider nur über das Stadtleben Bescheid weißt und ein Schwein nicht von einem Schaf unterscheiden kannst. Kasandra, Marko und dir schwillt die Brust, wenn ihr daran denkt, dass eure Stadt Kinos und Theater und Museen hat, auch wenn ihr persönlich selten hingeht. Jahrelang versuchte Desanka bereits vor 1995, in eure oder in irgendeine andere Gruppe vorzudringen, doch es gelang ihr nicht. Sie war inkompatibel, alle Plätze waren besetzt. Sie hatte den Belgrader Jugendlichen nichts anzubieten; und deshalb wundert es dich sehr, dass sie 1999 deinen Bruder so gut zu kennen scheint. Und wenn dich das schon verstört, wenn dir diese Desanka aus der Zukunft jetzt schon zu viel ist, so wirst du am Abend im Kafić einen Hirnschlag bekommen.
»Hey«, schreist du erschrocken, als alles stockdunkel wird. Du betastest dich, um sicherzustellen, dass du deinen Körper noch spürst. Keine Sorge, das war noch nicht dein Hirnschlag. Der Strom ist ausgefallen.
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Oft scherzen die Leute auf Banovo brdo darüber, wie es ist, wenn es in New York zu einem Stromausfall kommt. Die New Yorker brechen in Panik aus, gehen drauf. Bleiben in ihren Hochhäusern stecken. Sie fressen einander und schießen sich gegenseitig nieder. All das machen sie, im Gegensatz zu den Leuten auf Banovo brdo, die stets ihre Contenance bewahren, wenn das Schicksal zuschlägt. Seit den 80er Jahren kommt es aus den verschiedensten Gründen immer wieder zu Stromrestriktionen, manchmal plötzlich und kurzfristig, weil etwas kaputt ist, aber meistens, um Strom zu sparen, nicht ganz korrekt angekündigt und mindestens einmal pro Tag. Zum Beispiel enthaart man gerade sein Bein mit einer Depilationsmaschine und bleibt mit einer unrasierten Hälfte zurück, weil der Strom aus ist. Oder man kocht, und das Essen wird nicht und nicht fertig. Man saugt Staub und darf aufhören. Oder man ist im Lift! Sobald es dunkel wird und alle Maschinen stillstehen, beginnen die Menschen, sich an die Situation anzupassen. Pech haben die Älteren, die gerade vom Einkaufen zurückkommen, aber in den oberen Stockwerken wohnen und dann stundenlang, Stufe für Stufe, zu ihrer Wohnung hinaufsteigen müssen. Jede Wohnung hat eigene Erfindungen für die stromlosen Stunden. Viele sind inzwischen total professionell und haben Ersatzaggregate, die sie zum Kaffeekochen und Radiohören verwenden. Auch hier unten beobachtest du nach dem ersten Schock, wie die Kerzen eine nach der anderen aufleuchten. Manche in der Waschküche haben kleine Geräte, die wie Pager aus der Zukunft aussehen und ein schwaches grünes Licht verbreiten. Jemand startet einen Kassettenplayer mit Batterien, und ein paar reden von benzinbetriebenen Generatoren, die zum Einsatz kommen, falls es zu lange dauert. Du hast aber nicht viel Zeit für Beobachtungen und Gedanken. Deine Lieblingsnachbarin, die verrückte Melita, fasst dich am rechten Arm und zieht dich in den komplett dunklen Nebenraum.
»Komm, verficktes Kind, ich will dir zeigen, wo das Zentrum ist.«
*
Melita ist aus Dalmatien, sie war angeblich einmal eine große Schönheit. Melita hat eine Frisur wie Jovanka Broz. Melita wird angeblich von ihrem Sohn und ihrem Mann geschlagen. Melita hat eine Energie, die nie nachlässt, Melita hört nie auf zu reden. Du magst sie, weil sie nett und großzügig ist. Weil sie in ihrer Tasche, die voll ist mit aus dem Müll gefischten Sachen, unter schmutzigen Kleidungsstücken und halbverfaultem Obst immer auch etwas für dich findet. Du magst sie, weil sie Dalmatinisch spricht, darauf steht ihr Belgrader*innen, das ist der einzige Dialekt, der euch anzieht. Du magst sie, weil sie immer eine verrückte, spannende Geschichte zu erzählen hat. Weil sie super lügt und viel Schreckliches erlebt hat. Du magst sie, weil sie den Bullys aus der Gegend oft schreckliche Prophezeiungen zuteilwerden lässt etc., aber so nah wie heute bist du ihr auch noch nie gekommen. Da steht sie jetzt vor dir, und auf einmal bist du überfordert. Du genierst dich, schreckst vor ihrem Atem zurück und ihrem Gesicht, das dir immer näher kommt. Aber es ist zu spät, ihre erstaunlich perfekt gefeilten Nägel graben sich in deinen Arm (du ertappst dich bei der Frage, ob die Geschichten darüber, dass sie den ganzen Tag nur putzt und niemand sie auch nur grüßt, stimmen, aber wahrscheinlich schon, außerdem geht dich das nichts an). Jemand zündet eine Kerze hinter ihr an, und das Licht macht alles noch dramatischer.
»Melita, ich muss jetzt zurück.«
Du versuchst es, aber es ist aussichtslos. Sie schubst dich hinunter auf eine Bank.
»Klar musst du zurück, hahaha! Du musst zurück, aber du kannst nicht. Wo willst du denn hin und vor allem wie, jetzt, wo wir uns alle hier im Keller in Ratten verwandeln und einiges an ehemaliger Zukunft schon Vergangenheit ist.«
»Was hast du gesagt?«
Du hast es eh gehört: Die ehemalige Zukunft ist schon Vergangenheit, hat sie in etwa gesagt und hat nicht vor, ihre wirren Worte für dich zu wiederholen. Du würdest so etwas normalerweise auch nicht verlangen, aber dieser Satz beschreibt deine gegenwärtige Situation verdächtig genau. Natürlich könnte das auch Zufall sein.
»Ich bin das Zeitweib. Ich habe den Strudel am Himmel gesehen, ihr könnt mich also so nennen.«
»Zeitweib?«
»Ja«, bestätigt sie.
»Wirklich? Wo und wann hast du den Strudel gesehen?«, du fragst dich, ob sie die Spirale im Hof von Gana Savić meinen könnte, deine letzte Erinnerung, aber Melita war noch nie an einem Dialog interessiert, sie setzt ihre Rede einfach fort:
»Belgrad wird jetzt bombardiert. Wie verteidigt man sich in so einer Situation? So verteidigt man sich: Ich bin Melita, und das hier ist Banovo brdo. Banovo brdo, wie immer, es war vielleicht schöner, jetzt ist es aber anders. Die Menschen sind viel nervöser, sie sollen Ruhe bewahren. Wegen der Bombardierung haben viele Leute psychische Schwierigkeiten, und in der schwierigen Situation muss ihnen jemand helfen, das bin ich. Ich kann helfen, indem ich ein paar nette Worte sage. Banovo brdo ist ein Stadtteil, in dem die Zeit läuft. Alles läuft gut.«
»Nichts läuft gut!«, schreit jemand aus dem Hauptraum, daraufhin wird Melita leiser.
»Die Uhren ticken gut, die Fernseher laufen, doch manche Gebäude sind zerstört, in ihnen kann das Fernsehen nicht funktionieren. Aber ich weiß, dass wir diese Zeit verlassen werden. Es wird einen neuen Zeitsprung geben, die Welt wird besser sein, mit einem besseren Fernsehprogramm. Die Pointe ist: hier, aber nicht jetzt. Wir hören jetzt die Sirene für den Fliegeralarm über Banovo brdo. Die Menschen verstecken sich in Bombenkellern, aber ihr sollt nicht, ihr nicht. Das Versteck ist dieser Körper, der Körper ist das Raumschiff der Seele. Habt also keine Angst, das wird vorbei sein und die Vergangenheit wird wiederkommen. Zeit ist es, es ist Zeit, Frühlingszeit, Zeit, sofort etwas zu unternehmen, weil es wichtig sein wird. Du und zwei plus zwei andere, ihr müsst etwas tun, es ist Zeit, Entscheidungen für den Frieden in dieser Zivilisation zu treffen, damit es nicht allzu kompliziert wird. Zivilisation, Komplikation. Zeit zu handeln. Viel schneller als bisher. Zack, zack, zack, zack, zack!«
Sie holt aus der Tasche eine Benetton-Werbung, die aus einer Zeitschrift herausgerissen wurde, und zeigt im Kerzenlicht auf die Models, als wären sie Länder auf einer Landkarte.
»Das ist Korea, das ist Deutschland, das ist Schweden, das ist Großbritannien, das ist die kleine Schweiz, das ist die Türkei, das ist Pakistan, das ist Frankreich und das ist China. Das wiederum sind WIR, die ganze Welt, wir sind im Zentrum, das hier ist das Zentrum der Welt, Banovo brdo ist der Mittelpunkt, und alles andere ist Peripherie, und das meine ich nicht patriotisch, sondern im Sinne der Spirale.«
Da sie deine Hand inzwischen losgelassen hat, gehst du einfach in den Hauptraum zurück, um dich wieder zu den anderen zu setzen. Du weichst dabei den triumphierenden Blicken der Matić aus, die sich in ihrer Annahme bestätigt fühlt, dass Melita weggesperrt gehört. Müdigkeit überwältigt dich. Melita folgt dir, fit wie eh und je, und verfällt wieder in einen ihrer Rants.
»Hallo, Clinton? Bist du am Telefon? Hier ist Melita aus Belgrad. Das, was du tust … du solltest dich bessern, damit ich Frieden finden kann.«
»Melita, halt endlich die Klappe oder geh hinaus. Du bist ja nicht mal aus unserem Hochhaus«, sagt ein Nachbar, und in einem hat er recht, Melita wohnt nicht bei euch im Haus. Melita wohnt in einem sogenannten Annexgebäude. Einem vierstöckigen Haus oben bei Žarka Pucara 23, trotzdem wird sie von vielen als Nachbarin wahrgenommen, da sie in den 70ern in eurem Haus gewohnt hat und immer noch täglich vorbeikommt, um Kaffee mit den paar Frauen zu trinken, die sie noch reinlassen. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand Melita rausschmeißen will – doch sie gibt nicht so leicht auf, wenn sie nicht muss, sie wird dableiben und sie wird die meisten dieser überheblichen Leute um Jahre überleben:
»So viele Leute, auch im Stadtzentrum, und alle alleine wie in der Finsternis. Alle haben Sorgen. Alle verstecken sich in ihrem Hass. Aber ihr müsst jetzt raus. Raus, raus, raus!«
Plötzlich konzentriert sich ihr Blick auf Marko:
»Das ist eine Einladung voller Dunkelheit, in der Dunkelheit – damit ihr ins Licht hinausgeht!«
Dann wendet sie sich an Kasandra:
»Sucht das blinkende Licht!«
Und schließlich wieder an dich:
»Licht, Licht, Licht! Ihr könnt das schaffen«, sagt sie. »Hoffentlich!«
In dem Moment kommt der Strom wieder.
*
Phasenweise leben Menschen so, als würde sich alles in der Welt auf geordnete, regelmäßige Weise entwickeln. Dabei können die meisten nicht wissen, wie es in den nächsten fünf Minuten weitergeht bzw. ob es so weitergeht, wie sie vermuten. Es gibt auch positive Überraschungen, wenn auf einmal ein süßes, getigertes Kätzchen aus einem Gebüsch heraustorkelt, oder wenn man jemanden trifft und dann wird es doch noch ein guter Tag, oder wenn die Lehrer*innen streiken und man bekommt frei, aber hier ist die Rede von einer negativen Überraschung, einer total unerwarteten Minikatastrophe, die dir diesen Sprung in der Zeit zusätzlich vermiesen wird. Bisher hast du alle Anzeichen ignoriert, aber jetzt musst du es zugeben. Etwas stimmt mit dir nicht. Du warst ja noch nie eins mit deinem Körper. Das ist dir schon vor vielen Jahren gedämmert, als dich dein Körper ohne Vorwarnung zu deinem Entsetzen mit Zuständen überrascht hat, die schmerzvoll und schrecklich und unfair waren, was du deinem Körper auch nie verzeihen wirst. Jedes Mal, wenn du dich in den Finger schneidest oder ein bisschen stärker anhaust oder wenn du einfach Angst bekommst vor eventuellen Verletzungen oder dich nicht auskennst, ob das jetzt schlimm war oder nicht, jedes Mal reagiert dein Organismus panisch und schaltet sich aus, du wirst ohnmächtig, und wenn du dich nicht vorher schon hingesetzt hast, knallst du mit dem Schädel auf den Asphalt. Dass Schmerzen und Krankheiten zum Leben dazugehören, kannst du nicht so locker akzeptieren, das ist eine faule Ausrede, und alle sollen zur Hölle fahren, mit ihren schmerzunempfindlichen Hirnen. Schlimm ist auch das Kotzen. Oh, Kotzen ist das Schlimmste. Du rennst aus dem Bombenkeller raus. Marko rennt hinterher. Kasandra kommt langsam nach.
Während du den angesäuerten Smoki-Klotz und die Sandwichpappe, gefolgt von völlig unverdauten Paprikastreifen (wo kommen die her?) und schließlich nur noch Galle auf die zwei einzigen Rosenknospen in dem nur teilweise betreuten Garten von Žarka Pucara 15 würgst, denkst du kurz über deinen Bruder nach, der dir aus dem Bombenkeller gefolgt ist, denkst an eure Kindheit und realisierst, dass du ihn überhaupt nicht kennst.
Dein ganzes bisheriges Leben lang hast du sein schmales, grünliches Gesicht und seinen Kopf mit den seltsamen, weit nach oben wachsenden Haaren, die nie umfallen können, nur von außen gesehen. Er sieht wie ein Pinsel aus, aber du wusstest nie, was in ihm vorgeht. Klar sieht man seine Wut meilenweit, genauso wie seine Augenringe (die jetzt sogar noch tiefer eingeschnitten sind) und seinen finsteren Blick, aber ihr zwei habt während der ganzen Jahre kein einziges Mal ernsthaft miteinander geredet, außer wenn es um Besitz und Territorien ging, da habt ihr gestritten, und auch das ungern, weshalb du nicht erwartet hast, dass er dir aus dem Bombenkeller folgt.
»Geht’s?«, fragt er, aber er schaut in die andere Richtung, als wärst du nackt oder so etwas.
»Ja, wir müssen reden«, sagst du. »Ich kann mich an die letzten Jahre nicht erinnern und mir ist schlecht. Etwas ist nicht in Ordnung. Wir haben beide schon viele Probleme gehabt. Du bist früher sogar eins meiner größten Probleme gewesen, aber das ist jetzt anders, ich habe richtig Angst. Heute bin ich in einer Wohnung aufgewacht, die ich nicht kannte, und ich war älter. Dann habe ich mein eigenes Tagebuch lesen müssen.«
»Mir geht es ähnlich.« Er reicht dir eine Packung Salzstangen, die er von unten mitgenommen hat.
»Dir geht es ähnlich?«, du bleibst skeptisch: »Damals beim Zähneputzen hast du das auch gesagt, aber nur ich bin in Ohnmacht gefallen!«
Er sieht dich voller Ekel an: »Welchen Schwanz hast du mit diesem Zähneputzen? Das ist so lange her! Jedenfalls bin ICH heute auch mit einem Riesenloch im Gedächtnis aufgewacht. Und mit anderen komischen Symptomen. Ich fühle mich krank. Zuerst habe ich gedacht, dass das psychisch ist, aber Kasandra hat es auch.«
»Habt ihr beide eine Gedächtnislücke? Was für ein Zeitraum fehlt euch?«, fragst du.
»Mir fehlen mindestens vier Jahre. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich dich beim Haus von Gana Savić gesehen habe«, sagt Marko.
»Genau! Das ist auch meine letzte Erinnerung«, sagst du.
Glücklich darüber, dass dein Problem kein individuelles ist, gestehst du deinem Bruder, dass du ihm und Kasandra damals gefolgt bist. Deine Gallenflüssigkeit macht sich in der Zwischenzeit wieder auf den Weg nach oben, versucht, in die Speiseröhre zu gelangen, bleibt aber doch unten, weil die Salzstangen Gott sei Dank funktioniert haben. Egal, wie weit sie ihr Verfallsdatum überschritten haben und wie verblasst sie sind vom Sonnen in der Auslage der Trafik, Salzstangen funktionieren bei Übelkeit immer hervorragend. Und wenn man in der Notlage nicht alle aufbraucht, kann man sie später mit Eurokrem kombinieren. Süße Creme mit Salzstangen ist eine tolle Erfindung.
Anstatt erleichtert zu sein oder dich vielleicht zu umarmen, wird Marko wieder finster wie eine schlecht funktionierende Glühbirne, was er deiner Meinung nach auch ist.
Er sagt: »Du bist uns gefolgt … Deswegen warst du dort. So dumm … Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum so privilegierte Geschwister wie du neidisch sein müssen.«
»Neidisch bin ich sicher nicht!« Du bist nicht neidisch, und das musst du deinem Bruder erklären: »Was ich dir nicht verzeihen kann, ist, dass du mein älterer Bruder bist, aber nichts kannst. Du warst immer der Letzte. Du gehörst zu den am wenigsten erfolgreichen Wesen, die ich jemals kennengelernt habe, und trotzdem nimmst du dir heraus, mich als deine kleine Schwester geringzuschätzen. Erinnerst du dich an meinen ersten Schultag, als du mich zur Schule begleitet hast? Weißt du, was du gesagt hast? Du hast gesagt: Heute ist der erste Schultag, und jetzt wird sich endlich zeigen, dass du nicht in der Lage bist, früh aufzustehen, dass du zu faul bist für die Schule und dass du mit deinem Charakter keine Freunde finden kannst. Also wer von uns ist neidisch?«
Du hattest schon immer das Gefühl, dass dein Bruder dich hasst, und jetzt ist er endlich bereit, dir seine Abneigung darzulegen.
»Stimmt. Du kannst nie rechtzeitig aufwachen, überhaupt kommst du immer zu spät, du hast ein Problem mit der Zeit. Und deine ganze Schulklasse hasst dich, seit du sie schriftlich bewertet und beleidigt hast. Du baust grundsätzlich mehr Scheiße als ich, aber du wirst nie geprügelt. Warum ist das so? Weil du bei den ersten Anzeichen eines Problems ohnmächtig wirst. Von dir will ich keine Kritik hören, du bist eine Prinzessin, im schlechtesten Sinne des Wortes.«
»Entschuldigung, aber was dir angetan wurde von den skurrilen und gewalttätigen Erziehungsmethoden unseres sadistischen Vaters, ist nicht meine Schuld. Offensichtlich ist das die Schattenseite seiner Aufmerksamkeit. Du wirst zwar oft grundlos gefoltert, aber in dich wird investiert. Du hast Harmonikaunterricht bekommen, sogar eine Woche lang Karatestunden. Du hast einen Computer!«
»Vom Opa.«
»Egal. Du hast zu den letzten beiden Silvestern eine Spielkonsole und ein Roboterradio bekommen, und weißt du, was ich bekommen habe?«
Dieses Thema ist für dich sehr emotional, während du »und weißt du, was ich bekommen habe« aussprichst, bricht deine Stimme an zwei Stellen. Die Kehle macht zu und treibt dich eine Oktave höher.
»Du darfst ja auch auf der Konsole spielen!«, sagt Marko, dem dein Problem egal ist und immer egal sein wird.
»Ja klar, was habe ich bekommen?«
Du willst, dass er es sagt.
»Was?«
»Zwei Jahre hintereinander habe ich dasselbe Geschenk bekommen!«
»Was?!« (Er hat keine Ahnung.)
»Verpiss dich!«
*
Euer Streit ist dir inzwischen peinlich. Schreien ist nicht dein Stil, eher neigst du zur stillen Rache aus dem Hintergrund. Im Normalfall würdest du lieber irgendwo Reißnägel hinterlassen, damit der Feind draufsteigt, Salz und Pfeffer austauschen oder Benzos ins Essen mischen. Ein Mensch, der streitet und diskutiert, macht sich verwundbar und geht das Risiko ein, zu verlieren. Das willst du nicht. Zum Glück hat sich Kasandra eingemischt, um den Konflikt zu unterbrechen, hat jedoch damit ein weiteres leidiges Thema geöffnet:
»Es reicht. Es gibt dringendere Probleme, als … was auch immer der Gegenstand eures Streits ist. Ich weiß, dass euer Vater tot ist und dass das irgendwie rausmuss …«
»Hä, äää?«
Das wusstest du nicht, was für eine seltsame Art, vom Tod des eigenen Vaters zu erfahren. Die Information erreicht dein Hirn, und dieses beginnt nach einer angemessenen Emotion zu suchen. Es sucht den ganzen Körper ab und findet nichts. Im Herzen nichts. In den Beinen kein Zittern. In der Lunge kein Engpass. Nur eine kleine deplatzierte Beleidigung in den Mundwinkeln. Dich triggert das offensichtlich weniger als Marko. Du wurdest von physischer Gewalt verschont und in deiner Familie insgesamt weniger beachtet, nur durch die Spanplattenwand hast du immer zuhören müssen, wie dein Bruder stundenlang mit einem Ledergürtel verprügelt wurde. Auch das war Psychoterror, aber du bist wesentlich ausgewogener, nicht so kaputt, fast ganz normal, in dieser Hinsicht. Dich lässt der Tod des Vaters kalt. Trotzdem findest du es nicht cool, alles als Letzte zu erfahren.
»Wieso sagt mir keiner was«, sagst du, obwohl dir klar ist, dass die Info auch für die anderen relativ frisch sein muss. »Ihr Arschlöcher, fickt euch. Warum muss ich jeder einzelnen Tatsache nachrennen.« Eine Weile regst du dich auf, dann wird dir das langweilig. Du beruhigst dich und reichst deinem Bruder den kleinen Finger: »Okay, Frieden.« Eure kleinen Finger verstricken sich, und die Friedensformel aus dem Kindergarten wird gesungen: Frieden, Frieden, niemand ist schuld, uh, uh, uh, der Richter is eine Kuh. Braten und Gönnung, süße Versöhnung.
Erst danach stellt ihr euch zum ersten Mal eine wichtige Frage. Du bist die Erste, die sie ausspricht.
»Was sollen wir tun?«
Kasandra und Marko schauen vor sich auf den Boden, du nicht, du willst dir deine Kotze nicht ansehen.
Marko sagt: »Ich denke, wir sollten versuchen zu schlafen.«
Kasandra und du schüttelt leicht die Köpfe und wartet auf eine Erklärung.
»Na ja, wann ist uns diese ganze Scheiße passiert? Im Schlaf. Wir sind aufgewacht und konnten uns an die letzten Jahre offensichtlich nicht erinnern. Bei mir war das so. Erst im Fernsehen habe ich gehört, dass wir im Jahr 1999 sind.«
»Ich bin in Zemun aufgewacht«, sagst du.
»Bei deinem Freund«, sagt Kasandra spöttisch.
»Wenn wir wieder schlafen gehen, könnte alles wieder besser werden. Wir müssen uns neu starten. Das ist immer ein guter Tipp«, schließt Marko.
Kasandra und du schüttelt weiter die Köpfe.
»Irgendwann werden wir sowieso einschlafen«, sagt Kasandra, »wenn das die Lösung ist. Aber ich mag mich jetzt nicht zwingen.« Sie sagt: »Ich finde, dass wir möglichst viel über diese Situation herausfinden sollten. Und sonst: freundlich und unauffällig bleiben, gesund und gut angepasst. Das ist meine Strategie.«
Die schlechten Vorschläge von Marko und Kasandra ärgern dich nicht, im Gegenteil, du fühlst dich plötzlich ein wenig beflügelt:
»Kasandra, das ist eine Strategie, die im normalen Leben gut funktionieren mag, aber das hier ist nicht normal. Eure Vorschläge sind echt Schlafen und Weiterleben? Das ist erbärmlich. Habt ihr nicht gehört, was Melita gesagt hat?«
»Alles gehört«, sagt Kasandra, »wirres Zeug.«
»Melita ist verrückt, sie hat mit Clinton telefoniert.«
»Nenn sie nicht verrückt«, du hasst es, wenn dein Bruder so hirnlos alles nachplappert, »wiederhole nicht einfach den Scheiß, den du irgendwo gehört hast. Sie hat gesagt, dass wir das blinkende Licht suchen sollen.«
»Wann hat sie das gesagt?«, fragt Marko.
»Als sie am Ende LICHT, LICHT, LICHT geschrien hat. Ich glaube, dass sie gemeint hat: Dort hingehen, wo das Ganze begonnen hat. Sie hat gesagt: Sucht das blinkende Licht.«
»Und?« Er weiß noch nicht, worauf du hinauswillst.
»Na ja, wo haben wir das blinkende Licht zuletzt gesehen?«
Da entsteht eine kurze Pause.
»Beim Haus von Gana Savić!«, schreit Kasandra begeistert.
»Wahrscheinlich«, sagt Marko.
Du kannst jetzt zufrieden sein. Dieses Gespräch hat dir vorübergehend zu einer besseren Position in eurem Dreieck verholfen. Sie hören auf dich, obwohl du zwei Jahre jünger bist, und das ist nicht leicht zu erreichen, das ist auf jeden Fall ein Erfolg.
»Okay«, sagt Marko genervt, »dann gehen wir wieder zum Haus von Gana Savić. Wartet nur kurz, ich muss aufs Klo«, und bleibt dort eine ganze Weile.
*
Ohne Melita wärt ihr vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, zurück zu Gana Savićs Haus zu gehen. Dabei ist es logisch, dass die Antworten hier liegen könnten. Aber im Leben kann man das Wichtige vom Unwichtigen oft gar nicht unterscheiden.
»Im Park hat sich nicht viel verändert«, sagst du zu Kasandra, während ihr euch wieder durch das Loch im Efeuzaun in den Garten schleicht. Leider lenkst du Kasandra mit deinen unwichtigen Fragen ab: »Würdest du, nur anhand der Veränderungen, die wir unterwegs gesehen haben, wissen, dass es ein anderes Jahr ist?« »Nö«, sagt Kasandra und verheddert sich in einem Draht, den sie im Gebüsch übersehen hat. Dabei holt sie sich einen Kratzer auf dem Oberschenkel. Ein dünner Streifen Blut fließt ihr Bein hinunter. Kasandra schimpft leise »Schwanzscheiß!« und versucht, die Blutung zu stoppen. Sie nimmt ein Blatt und presst es drauf, aber das ist Unsinn. Du ignorierst ihr Problem, in der Hoffnung, dass es schnell von selbst verschwindet.
»Aber dieses Haus und der Garten sehen gleich aus, oder?«, sagst du zu Marko, der schon drinnen ist.
»Keine Ahnung. Das Haus ist einfach ein weiß angemalter Würfel«, sagt Marko und kickt einen Stein gegen die Garagenwand. Seit seinem langen Aufenthalt auf der Toilette ist seine Stimmung merklich gesunken.
»Mach keinen Lärm, du Missgeburt!«, schreist du.
Kurz darauf öffnet sich die Tür. Ein älterer Mann in einem braunen Hemd schaut heraus. Marko kann ihn an den weißen Haaren und seiner Gesamterscheinung erkennen, es ist ziemlich sicher der Mann, den er durch das Garagenfenster beobachtet hat, kurz bevor ihn die warme Luft weggeblasen hat, am letzten normalen Tag. In seinen Gedanken nennt Marko das genau so, »der letzte normale Tag«, dabei war der Tag ziemlich schräg. Auch du kennst den Mann, der euch die Tür öffnet, aber nicht von hier, sondern aus dem Park, wo er früher oft mit einem vergilbten, haarlosen alten Pudel Gassi ging. »Das ist der Mann von Gana Savić«, sagte dann immer jemand hinter vorgehaltener Hand, »er stammt aus dem Stadtzentrum.« Der Mann war auf der Hundewiese stets overdressed, als würde er später, wenn er den Hund zu Hause abgegeben hätte, ins Theater gehen. Du magst diesen altmodischen Mann, weil er dich respektvoll behandelt hat, ihr habt nur einmal geredet und er hat dich gleich gesiezt und erzählt, wie er seinen langjährigen Tigerkater im Hof begraben und ein Stück Fleisch auf einem Zahnstocher beim Grab hinterlassen hat, damit andere Katzen zur Totenwache kommen. »Ein außerordentlicher Erwachsener«, denkst du.
»Bitte? Kann ich Ihnen helfen?«, fragt der Mann.
Er wirkt anders, als du ihn kennst, ungeduldig und verängstigt.
»Was machen Sie in meinem Garten?«, der Mann kneift die Augen zusammen, um besser zu sehen, und scheint herauskommen zu wollen, um euch genauer in Augenschein zu nehmen, aber er tut es nicht, stattdessen schaut er immer wieder ins Innere seines Hauses. Marko reagiert überraschend geschickt und lenkt die Aufmerksamkeit auf Kasandras Oberschenkel:
»Sie hat sich verletzt.«
Kasandra geht mit ihrer Kratzwunde näher zur Eingangstür. Der Mann sieht den Oberschenkel an und bleibt unbeeindruckt.
»Nicht schlimm. An dieser Stelle blutet es immer sofort. Ich bringe einen Alaunstift.«
»Ist er verrückt? Was soll ich mit einem Stift?«, fragt Kasandra.
»Das ist ein Mittel, um Blutungen zu stoppen«, erklärst du besserwisserisch.
Kasandra, die dich schon hundertmal wegen Kleinigkeiten trösten musste, wenn du dich irgendwo gezwickt hattest und in Ohnmacht fallen wolltest, die immer aufgepasst hat, dass du dich hinsetzt etc., ist enttäuscht davon, wie du mit ihrer Verletzung umgehst, vor allem weil die Wunde in ihrer Wahrnehmung etwas tiefer ist, als sie von außen gesehen wirkt.
»Kein Wunder, dass dich alle hassen, du hast keine echte Empathie.«
»Wieso? Er hat doch gesagt, dass es nicht schlimm ist.«
»Meinst du? Mal sehen, du findest es sicher auch nicht schlimm, wenn deine Oberschenkel bluten«, sagt Kasandra und greift nach ihrem kleinen Messer, um dir damit zu drohen, aber es ist 1999, und Leggings haben keine Taschen. Du gehst ihr ordentlich auf die Nerven.
Der Mann von Gana Savić kommt zurück mit dem Alaunstift, und Marko begreift, dass diese Sekunden, bis der Mann Kasandra den Stift gibt, die einzige Chance sein könnten, um Fragen zu stellen. Wenn das wirklich der Mann ist, der vor der Explosion neben dem Licht stand, weiß er zumindest, was für ein Licht das war, räsoniert Marko.
»Sie haben ein blinkendes Licht in der Garage!«, schreit dein Bruder. Tatsächlich schafft er es, damit alle aus der Bahn zu werfen, und während der Mann ihn erwartungsvoll fixiert, macht Marko weiter:
»Ähm, ich weiß, dass gestern Winter war!« Marko hat das Gefühl, dass er nicht aufhören darf, wenn er mit dem Mann ins Gespräch kommen will. Kasandra schämt sich:
»O Gott, Marko, du klingst völlig irre, was soll der Mann denn von uns denken!«, sagt sie und lacht nervös. »Sag ihm einfach, dass wir hier waren, weil uns die Bambalićs gezwungen haben, einzubrechen« – sie verschweigt instinktiv, dass die Bambalićs euch nach einem Medaillon suchen ließen, und spricht jetzt direkt zu dem Mann – »was uns leidtut, ich bin ja ein Riesenfan von Gana Savić, ist sie da? Und dann kam der Sturm, und wir haben offensichtlich das Gedächtnis verloren, weil jetzt 1999 ist und der Sturm in eurem Garten unsere letzte Erinnerung ist.«
Marko lacht: »Wer klingt jetzt irre?«
Mit dem Blutstiller noch in der Hand, schaut der Mann zu Kasandra. Als sie nach dem Stift greift, lässt er sie nicht los.
»Kommen Sie sofort herein!«, zischt er halblaut und geht ins Haus.
Ihr folgt freiwillig. Anstatt euch ins Wohnzimmer einzuladen, schiebt der Mann euch nach rechts in einen Gang, dann eine kahle Betontreppe hinunter in eine kalte, dunkle Garage, die nach Rauch und Brand riecht, und schließt die Tür. Alte Männer, die ihr kaum kennt, die euch zu sich einladen, euch in Kellern einsperren – das ist auf jeden Fall etwas, wovor euch eure Eltern gewarnt haben. Ihr seid nicht sicher, was jetzt passieren wird. Was hat er mit euch vor? Bald werdet ihr mehr über diesen Mann erfahren, sein Schicksal wird mit eurem eng verflochten sein. Er wird manchen von euch auf die Nerven gehen, aber er ist wichtig in dieser Geschichte, und er macht einiges möglich. Zeitweise wird dieser Mann gemeinsam mit euch gegen den Zufall kämpfen und um ein bisschen Kontrolle. Ihr werdet trotzdem immer wieder entscheiden müssen, ob er euer Freund oder euer Feind ist. Sein Name ist Miomir Vukobratović.
*
Während Miomir Vukobratović überlegt, was er mit euch anfangen soll, geht ihm, wie ein Ohrwurm, der Satz seines russischen Mentors Jefimich durch den Kopf: »Fahren Sie doch zur Hölle mit Asimovs Robotergesetzen!« Das sagte Jefimich damals in Russland immer nach dem zweiten Glas Wodka: »Wir wollen uns keine Sklaven erschaffen, sondern Kameraden, Freunde! Und Ähnlichkeit ist der Schlüssel zu allen guten Beziehungen!« Dieses Similaritätsprinzip oder das Jefimich’sche Robotergesetz, wie es von den Kollegen im Scherz genannt wurde, blieb lange auch das Hauptprinzip von Miomirs Arbeit – zuerst im Feld der Robotik, wo er fehlerhafte, menschliche Roboter entwarf, aber auch später, bei seinen Zeitexperimenten. Miomir denkt oft an diesen Satz. »Fahren Sie doch zur Hölle mit Asimovs Robotergesetzen.« Für ihn ist das ein Mantra der wissenschaftlichen Unangepasstheit, Physikerpunk. Natürlich sieht man ihm den rebellischen Geist äußerlich nicht an, das will er auch nicht. Es gibt Sachen in Miomirs Biografie, die er euch nie erzählen wird, seine Zeit in Russland gehört dazu. Aber ihr werdet euch sowieso viele Monologe dieses ungewöhnlichen Mannes anhören müssen. Mehr, als euch lieb sein wird.
Miomir kratzt sich am Hinterkopf und analysiert seine Lage. Er weiß, dass ihn die Erklärerei Zeit und Nerven kosten wird und währenddessen neue Probleme entstehen können. Andererseits hat er schon vorher verstanden, dass er nicht gleichzeitig an der Maschine arbeiten und sich um die Beschaffung der Objekte kümmern kann. Er denkt und denkt, schließlich entscheidet er sich, euch einzuweihen. Unter anderem, weil ihm klar ist, dass er euch nicht so leicht loswird, da ihr den Zeitwechsel bewusst wahrgenommen habt.
»Zur Petersilie mit Ihnen«, sagt er, »Sie haben sich erfolgreich aufgedrängt.« Ohne jegliche Überleitung und zu eurer großen Verwirrung beginnt er, euch die Maschine zu erklären. »Über diesen Terminal steuert man die Maschine. Es handelt sich dabei um einen dreiteiligen Computer der Marke Agat, von dem ihr vermutlich noch nie gehört habt, der Monitor sieht wie ein Fernseher aus, das ist das Gehäuse und das die Tastatur. Ich finde das rot-schwarze Design sehr angenehm.«
»Er sieht verbrannt aus«, sagt Kasandra und erinnert sich an ihre Wunde, die sie inzwischen mit einem Taschentuch verbunden hat. Sie schaut nach und sieht, dass die Blutung fast aufgehört hat.
Miomir bestätigt Kasandras Beobachtung mit einem traurigen Kopfnicken. »Zu dem Brand komme ich gleich.«
»Das zweite Element der Maschine ist ein Analysegerät mit einem Scanner, man nennt es Belinograf. Auf diesem Ständer befestigt ist eine Spezialkamera der Marke Horizon, die das Sample aufnimmt. Die Fotos müssen hier, hinter der kleinen Tür in der Dunkelkammer, entwickelt und nachher gescannt und über das Analysegerät telegrafisch zum Terminal geschickt werden. Aus diesem Grund habe ich zwei Telefonanschlüsse.«
Kasandra und du habt ab dem zweiten Satz nicht mehr zugehört. Da euer Streit durch die weiteren Ereignisse unter den Teppich gekehrt wurde, kichert ihr über Marko, der wie ein dummer Soldat vor Miomir steht und nickt. Euch ist klar, dass Marko nur vortäuscht zu verstehen.
»Bitte, hören Sie noch kurz zu, das ist wichtig!«, sagt Miomir.
Durch seine respektvolle Art dringt er nun doch in dein strebendes Herz. Du schubst Kasandra weg. Menschen, die junge Menschen siezen, wecken das verdrängte Mädchen in dir, das einmal eine geachtete Person werden wollte, und zwar durch Anstrengung, Lesen und nicht zuletzt durch Förderung! Kasandra schaut dich ungläubig an. Okay, auch wenn es dieses Mädchen nie wirklich gab, weil in deiner Umgebung die abschätzige Art, jemandem zu begegnen, als die einzig ehrliche und die einzig vertretbare galt, macht das Siezen irgendwas mit dir.
»Kasandra, können wir kurz zuhören, vielleicht ist das doch interessant.«
Sie streckt die Zunge in deine Richtung.
»Wenn die Informationen übertragen sind, wird der Zeitmodifikator gestartet, das ist der entscheidende Teil der Zeitmaschine«, sagt Miomir.
»Leck mich«, sagt Kasandra, »eine Zeitmaschine?«
»Zeitmaschine!« Marko freut sich, unter anderem darüber, dass er endlich etwas verstanden hat.
Miomir beachtet die Einwürfe nicht:
»Der Modifikator besteht aus einer Walze mit Neon- und Stroboskoplichtern. Je nach Eingabe gehen die Lichter ein und aus, in Kreisen oder nach bestimmten Mustern mit vereinzelten Stroboeffekten.«
»Ich hab Funken fliegen gesehen«, sagt Marko.
»Ja, gestern waren auch Funken dabei, aber das war natürlich ein schlechtes Zeichen. Das Licht, das ihr gestern wahrgenommen habt, kam von der Walze. Der Rhythmus der Lampen beschleunigt sich und wird fast hypnotisierend, wenn die Maschine in Gang gesetzt wird. In der Mitte, über der Walze, sitzt der Operator. Wichtig ist, immer eine Sonnenbrille zu tragen oder die Augen zu schließen, das helle Licht würde einen sonst erblinden lassen.«
Wie immer, wenn du einem Vortrag zuhören musst oder irgendwie gezwungen wirst, dich zu vergessen, wird dein Körper am lautesten. Du möchtest Miomir mit deiner Aufmerksamkeit beeindrucken, aber gleichzeitig fühlst du, wie deine Handflächen schwitzen und die Beine zittrig werden.
»Sind wir dann wirklich durch die Zeit gereist?«, fragst du, um die Sache zusammenzufassen und hoffentlich zu beenden, und Marko, der selbst sehr schlecht aussieht und schon in die Hocke gegangen ist, weil er nicht mehr stehen kann, stellt fast gleichzeitig seine Frage: »Können wir vielleicht zurückreisen?«
Kasandra sagt nichts. Sie ist sich gar nicht sicher, ob es für sie gut ist, zurückzureisen in jene Art von Kindheit, die sie hatte. Und zu dem Aussehen, das sie überwunden zu haben scheint, aber sie hat Verständnis für euch. Euch scheint etwas passiert zu sein. Auch Miomir fällt auf, dass ihr zwei sehr blass seid.
»Leider gibt es ein paar Probleme«, sagt Miomir. »Setzen Sie sich hin. Ich bringe einen Holundersaft – respektive, was ich in der Küche finde.«
*
Der natürlichste Reflex wäre, in Miomirs Abwesenheit die Garage zu durchsuchen, aber ihr tut es nicht. Das flache eintönige Geräusch, das das Ende des Fliegeralarms anzeigt, lenkt euch ab. Eure Nachbarinnen und Nachbarn werden jetzt den Bombenkeller verlassen und fernsehen. Ihr größtes Problem ist der Alltag, während sich für euch gerade ganz neue Dimensionen an Schwierigkeiten geöffnet haben. Wenn Miomir wiederkommt, wird er euch noch ein paar Sachen erklären. Ihr müsst nur noch kurz warten. Kasandra ist unruhig, wie immer, wenn ihr jemand sagt, sie müsse kurz warten, und aus dieser Unruhe beginnt sie zu raten, was Miomir in seiner Küche finden könnte.
»Super wäre ein Embargokuchen.«
Kasandra behauptet, dass ihre Tante den besten macht. Er enthält zwar immer noch weder Eier noch Milch oder Nüsse, aber er ist irgendwie sehr saftig und süß, im Gegensatz zu den trockenen Kakao-Mehl-Ziegelsteinen, die sie bei ihrer Mutter bekommen hat.
»Äpfel«, sagt Marko, »… unsere Mutter hat das mal mit einer Kollegin am Telefon besprochen … unser Telefon steht am Gang … jeder hört die Gespräche mit … deswegen kenne ich das Rezept. Jedenfalls sind im Teig geriebene Äpfel, sage ich dir.«
»Vielleicht gibt es 1999 bessere Kuchen«, fällt dir ein, »vielleicht hat der Embargokuchen jetzt noch mehr Zutaten.«
Das sinnlose Gespräch setzt sich bis zu Miomirs Rückkehr fort.
*
Miomir kommt mit einem roten Plastiktablett mit drei Sandwiches und jeweils einem Glas Holundersaft zurück. Bei näherem Betrachten entpuppen sich die Sandwiches als trockene Weißbrotscheiben mit Paprikafetzen und einem Stück Speck. Du musst sofort wegschauen, um nicht noch mal zu kotzen, und setzt dich dann woanders hin.
Im Rahmen dieser ungenießbaren Jause erklärt euch Miomir seinen schrecklichen Fehler, der dazu geführt hat, dass Banovo brdo und wahrscheinlich das ganze ehemalige Jugoslawien in die Zukunft gereist ist, und nicht er alleine in die Vergangenheit, was der ursprüngliche Plan war. Der Fehler hat außerdem dazu geführt, dass ihr im Jahr 1999 mit dem Bewusstsein aus 1995 herumlauft. Das, was er euch neben den Sandwiches und dem uralten Saft serviert, ist die kurze Version der Geschichte. Er sagt, er habe schon einige Jahrzehnte hinter sich (die 60er, die 70er, die 80er), und sie alle hatten Vorteile und Nachteile, aber dann kamen diese 90er und machten alles kaputt. »Nationalisten kamen an die Macht, die Schlacht beim Amselfeld wurde zur Gute-Nacht-Geschichte für Kinder und Erwachsene. Alle unsere gemeinsamen Ziele haben wir gegen dumme, archaische Prügelfantasien getauscht. Meine Freundinnen und Freunde sind inzwischen allesamt Christen und Nationalisten geworden und diejenigen aus anderen Republiken sind entweder misstrauisch oder sonstwie radikalisiert. Sie wollten MICH in den Krieg schicken, tatsächlich könnten diese ganzen Soldaten meine Studenten sein. Ich würde mich eher selbst erschießen. Leute in Ihrem jetzigen Alter laufen mit Pistolen rum und schikanieren alle, die etwas aufbauen wollen, die eine funktionierende Gesellschaft wünschen. Meine Welt wird immer kleiner und Ihre Welt wird kleiner als klein. Es ist alles falsch. Niemand sagt mehr Guten Tag und Danke und Bitte, niemand verwendet Konjunktive. Ich weiß, diese Zeit, die für mich erschütternd und katastrophal ist, ist für Sie alle Ihr Leben. Aber ich wollte zurück ins Jahr 1990, um die 90er, so wie sie jetzt sind, zu verhindern. Ich musste etwas unternehmen. Als Wissenschaftler ist man aufgefordert, Probleme zu lösen, nicht Zustände zu ertragen«, sagt Miomir und kommt erst dann zur Sache:
»Mit den vorhandenen Geräten und auf der Grundlage früherer Experimente vollendete ich im Jänner 1995 die Zeitmaschine und setzte mich auf die Walze. Ich wollte, wie bereits gesagt, ins Jahr 1990 zurückreisen. Wegen einer simplen Überhitzung der Akkumulatoren kam es zu der Explosion, die eigentlich gar nicht so stark war. Sie verursachte viel warme Luft und einen verbrannten Computer, aber die Zeitreise, die schon im Gange war, bekam dadurch so viel zusätzliche Energie, dass die Richtung sich änderte. Deshalb sind wir in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit gelandet.« Doch Miomir ist zu eurem Bedauern noch nicht fertig mit seiner Erklärung. »Eine weitere Folge der unglücklichen Explosion war, dass nicht nur ich als Individuum durch die Zeit gereist bin, sondern das ganze Banovo brdo, möglicherweise das gesamte Land oder zumindest die Region. Ich habe die Daten noch nicht vollständig ausgewertet. Das heißt, dass dieser ganze Lebensraum mitsamt allen in ihm existierenden Menschen gereist ist. Aber nur ein paar von uns, die sich in der Nähe der Maschine aufgehalten haben, haben diesen Wechsel bewusst erlebt. Alle anderen denken, dass sie ganz normal linear weitermachen, ihre Hirne haben sofort alle Lücken mit falschen Erinnerungen gefüllt und gleichen hektisch aus.«
Er kramt in den Zetteln, die herumliegen: »Ah, hier habe ich das aufgeschrieben. Diese Erkenntnis war für mich die überraschendste. ›So wie Menschen sich auf der Zeitachse bewegen können, können auch Orte durch die Zeit reisen.‹«
Dann kommt Miomir zum größten aller Probleme: Die Zeitreise setzt sich von selbst chaotisch fort. Er sagt:
»Da das Explosionspotenzial noch in der Zeitreiseeinheit steckt, befinden wir uns in einer instabilen Zeitreiseschleife und können jederzeit im Rahmen der vorgegebenen Zeit von 1990 bis 1999 wieder zu einem anderen Punkt springen. Diese Sprünge sind ungewiss und gefährlich. Den herrschenden Zustand nenne ich die Allneunziger, und es ist die pure Hölle, wenn Sie mir den Ausdruck verzeihen.«
»Und was ist so schlecht an den Allneunzigern?«, fragt Kasandra, kreuzt ihre Beine und schwingt ihre langen Haare zurück über die Schultern (früher hat sie sowas nie gemacht, aber wenn man solche Körperteile hat, kommt die Attitüde von allein).
Miomir nickt verständnisvoll: »Wissen Sie, obwohl die Ungewissheit durchaus einen Spaßfaktor enthält, würden wir, wenn wir uns zum Beispiel entscheiden, nichts zu tun, die Maschine nicht zu reparieren und für immer in der Allneunzigerschleife zu bleiben, auf die Zukunft über 1999 hinaus verzichten. Und die ist immerhin noch ungewiss. Ich sage immer: Handle so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird! Wenn wir für immer zwischen verschiedenen Punkten in den 90ern springen, dann werden wir das Gefühl, außerhalb der Welt zu sein, bestraft worden zu sein, abseits der aktuellen Zeit zu sein, nie los! Für immer würden die nervenschwachen Pitbulls unsere Pudel ermorden. Für immer würden die jungen Menschen optionslos durch die Gegend irren, bis sie in einem privaten oder nationalen Kampf oder an einer Überdosis krepieren. Sie und Ihre Freunde«, sagt er zu euch, »hätten immer zu wenig zum Leben und nur zufällig genug zum Überleben.«
»Entschuldigung«, sagt Kasandra, »aber wären wir nicht unsterblich?« Und sie dreht sich nach hinten für ein High Five, aber ihr sitzt zu weit von ihr entfernt. Die Hand bleibt in der Luft allein.
»Ja, Gott bewahre!«, schreit Miomir entsetzt. »Nur unser Geist würde linear weiteraltern. Und Sie würden trotzdem nichts tun können. Die moralisch verwahrlosten Grobiane würden mir und Ihnen stets alles wegnehmen. Der Krieg, der in unserem Namen und gegen unseren Willen geführt wird, würde nie wirklich enden. Ewig und für immer würden die gleichen wilden Rhythmen aus den Autos der Kriminellen toben, während Menschen wie Ihre Großeltern nicht mal eine Krankenwagenfahrt bekommen, wenn sie im Sterben liegen.«
»Du musst einfach einen Herzinfarkt vortäuschen!«, erklärt ihm Kasandra.
»Für immer würden Sie hier auf Banovo brdo Teil einer Generation sein, die Disziplin und Kontinuität nicht kennt. Für immer wären Sie auf ratlose und rücksichtslose Männer mit Schnapsantrieb angewiesen, für immer gäbe es Müll neben den Mülltonnen und Gestank. Für immer würde Sie der Anblick der einäugigen Katzen und dreibeinigen Hunde auf den Straßen deprimieren. Für immer würden die Stärksten die Schwächsten niedertreten, der Hunger wäre stets in Reichweite. Für immer zuviele Menschen pro Wohnung. Für immer Teenagerleben für Sie und schlechtes Gewissen für mich. Für immer nur Warten und Gewalt. Ist das nicht schlimm genug?«
*
Warten ist tatsächlich ein wesentlicher Bestandteil eurer bisherigen Realität. Menschen warten und protestieren. In den Supermärkten fehlen Produkte, im Essen fehlen Zutaten, in den Köpfen Informationen und Orientierungspunkte. Busfahrer*innen, Lehrer*innen, Ärzt*innen und alle anderen Berufsgruppen des öffentlichen Dienstes sind fast immer im Streik. Die Schüler*innen warten auf ihren Unterricht, Staatsbürger*innen warten auf bessere Zeiten, die Wirtschaft wartet auf die Aufhebung der Sanktionen, die Öffnung der Grenzen. Menschen warten auf das Ende des Krieges, das Fernsehpublikum wartet auf die Klärung der Lügen (und versteckt sich zugleich davor). Eure Eltern, Großeltern, Verwandten stehen in langen, unkalkulierbaren Schlangen für Öl, Mehl, Geld, Dokumente, Benzin, Zigaretten an. In diesen Schlangen wechselt sich ein überraschender Zusammenhalt mit der Bereitschaft ab, über Leichen zu gehen. Ihr wartet auf den Bus oder aufeinander. Irgendwo zu spät zu kommen ist kein Verbrechen, es gibt Tausende Gründe, Ausreden sind überflüssig. Ihr sitzt in den Parks herum, in Bunkern, hinter der Schule. Ihr wartet auf das Mittagessen, darauf, dass eure Eltern von der Arbeit zurückkommen, dass die anderen Kinder rausgehen, dass der Unterricht beginnt oder endet. Ihr spielt Solitaire und Rommee. Ihr kifft, stehlt, je nachdem. Ihr habt keine Ziele und keine lebenserleichternden Techniken. Minute für Minute, Stunde für Stunde, ihr atmet die pure, ungefilterte Zeit ein und könnt den nächsten großen Zufall nicht vorhersagen. Es lohnt sich nicht, Energie darauf zu verschwenden, etwas zu erschaffen, wenn man warten muss, und wenn man nicht weiß, wo die nächste Abrissbirne niedersausen wird.
Abgesehen von diesem allgemeinen Problem dreht Kasandra komplett durch, wenn sie die Kontrolle über ihre eigene Zeit verliert. Das kennen Marko und du schon sehr gut. Sie kann einen ganzen Vormittag beim Luther verscheißen, sie kann sich stundenlang herumtreiben, in der Hoffnung, dass Marko und du im Park auftaucht, aber wenn ihr jemand sagt, warte hier, ich bringe einen Ball oder ich muss nur kurz zum Supermarkt – da kriegt Kasandra die Krise. Angeblich wurde sie von ihrem Vater traumatisiert, aber das ist jetzt nicht das Thema. Es geht darum, dass Miomir mit seiner Drohung, dass ihr für immer würdet warten müssen, bei Kasandra einen Nerv getroffen hat.
*
Ihr seid nicht unbedingt enttäuscht, dass Miomir bei der Similaritätstheorie nicht weiter ins Detail geht. Er bricht die Erklärung ab und sagt, alles Weitere würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, außerdem wären ein gewisses Logikniveau und eine technische Ausbildung Voraussetzungen zum Verständnis. (Noch nie hat dir jemand so vorsichtig mitgeteilt, dass du für etwas zu dumm bist.) Miomir geht zu einer Lade und holt zwei Bilder hervor:
»Der Zeitrahmen der Reise wird immer durch symbolische Gegenstände bestimmt, die für diese Zeit stehen und sie definieren. Nur mit diesen Gegenständen können wir die Maschine reparieren und dieses Chaos korrigieren.« Er tupft sein glänzendes Gesicht mit einer der Servietten ab, die er auf dem Tablett mitgebracht hat. »Ich weiß nicht, vielleicht habe ich das schon gesagt, aber wir alle, die sich zur Zeit der Explosion in der Nähe der Maschine aufhielten, scheinen trotz Zeitwechsels über unser altes Bewusstsein aus dem Jahr 1995 zu verfügen. Die Nachbarn sind nicht betroffen, ihr Bewusstsein ist mit der Zeit gereist, aber bei Ihnen und mir und allen, die im Haus und im Garten waren, ist das anders. Ich hoffe, dass sich Körper und Geist wieder synchronisieren werden, wenn die Allneunziger behoben sind, aber da bin ich mir nicht sicher.«
»Ist es das, was mit uns passiert ist? Wir waren in der Nähe«, sagt Marko.
»Ja, und auch mit mir, und …«
Diese vielen Informationen schwirren in euren faulen Hirnen herum. Die Verzweiflung und Verwirrung ob dieser völlig verrückten neuen Realität und ihrer totalen Unverständlichkeit machen euch fertig und ihr seid wütend. Deshalb sagt ihr nichts und habt auch keine Fragen mehr. Der Vortrag ist, was euch betrifft, beendet.
»Ich wiederhole, da Sie mich verständnislos ansehen«, sagt Miomir, dem die Sensibilität für die Stimmung seiner Zuhörerinnen und Zuhörer fehlt: »Die Zeitmaschine muss repariert werden, sonst müssen wir für immer nach dem Zufallsprinzip durch die 90er springen. Während ich an der Maschine arbeite, bitte ich Sie, mir diese zwei Gegenstände zu bringen.«
Mit einer Hand wischt er die ungegessenen Sandwiches vom Tablett und legt die zwei Fotos darauf.
Das erste Bild zeigt ein Medaillon auf einer haarigen Brust, der Kopf des Trägers ist auf dem Foto nicht abgebildet. Das Medaillon ist aus dickem Gold, in der Mitte des goldenen Kreises befindet sich ein Krokodil mit geöffnetem Maul. Du schreist fast auf, weil es das gleiche Medaillon ist, das ihr für die Bambalićs hättet stehlen sollen, aber du sagst nichts und schüttelst leicht den Kopf in Richtung Marko und Kasandra, damit sie ebenfalls den Mund halten.
»Achten Sie auf starke Leute, die äußerst beliebt sind«, sagt Miomir, »auf die Unbesiegbaren und Berühmten.«
»Wie die Bambalićs?«, fragst du und lächelst hinterhältig.
»Ich kenne die besagten Bambalićs nicht und trotzdem vermute ich, dass sie das Medaillon nicht haben, da Sie die beiden im Plural erwähnen. Hätten sie das Medaillon, wäre ein Bambalić viel stärker als der andere. Nur einer kann das goldene Medaillon mit dem Krokodil tragen, und dieser Mensch kann sich in dem kleinen Teich voller Krokodile*, der Banovo brdo bekanntlich ist, durchsetzen, er ist im übertragenen Sinn König von Banovo brdo, aber er wird seinen nächsten Geburtstag nicht feiern.«
»Warum wird er seinen nächsten Geburtstag nicht feiern?«, fragt Kasandra.
»Weil er tot sein wird.«
Das zweite Foto auf dem Tablett zeigt einen roten Porsche. Marko kennt das Auto, der rote Porsche ist auf Banovo brdo legendär.
»Porsche 944 Turbo Carrera, 250 PS, 300 km/h, und der Motor ist vorn«, sagt Marko stolz.
Er erinnert sich, dass ein Schulfreund ihm erzählt hat, er sei mit diesem Wagen schon einmal gefahren.
*
Marko wird insgesamt immer gestresster, er zittert, er ist nass von kaltem Schweiß. Dazu kommen der Schwindel und beträchtliche Konzentrationsschwierigkeiten. Aus seiner Hosentasche zieht er einen halbleeren Tablettenblister und betrachtet ihn ratlos. Es geht ihm schlecht, aber er kann nicht wissen, was für Tabletten das sind. Auf der Rückseite steht der Name Tramadol. Seine Hände wissen zu seinem Glück oder Unglück wieder, was sie machen sollen, besser als sein Verstand jedenfalls. Schon bevor er die entsprechende Entscheidung getroffen hat, wirft er sich vier Kapseln ein, begießt die Ladung mit Holundersaft und packt den Rest zurück in die Hosentasche. Er hat das Gefühl, dass es ihm bald besser gehen wird.
Während sich dein Bruder auf seine Weise beruhigt, wachsen in Kasandra die Zweifel. Es ist doch sehr komisch, um nicht zu sagen extrem verdächtig, dass Miomir euch, drei unscheinbare Teenager, schicken will, um gefährlichen, bewaffneten Kriminellen ihre wertvollsten Gegenstände wegzunehmen.
»Entschuldige, Miomir«, sagt sie, und dir fällt erst da auf, wie eigenartig es ist, dass Kasandra ihn duzt und er sie nicht, »aber wie stellst du dir das vor, dass drei Jugendliche diesen riesigen Typen so ein Medaillon wegnehmen? Außerdem weiß keiner von uns, wie man Auto fährt.«
Miomir lächelt, als hätte er schon die ganze Zeit auf diese Frage gewartet. Er antwortet mit einem Witz, aber sein Witz ist schlecht gewählt.
»Kennen Sie die Geschichte vom Mann, dessen Haus in der Nähe der Bahngeleise stand?«
Du siehst schon, wie Kasandra die Fäuste ballt und die Zähne fletscht. »Diesen Witz kenne ich, du willst vielleicht sagen: die Geschichte von dem Zigeuner.«
Miomir lächelt verlegen und fuchtelt mit den Händen wie jemand, der sich vor einem Schwarm Mücken verteidigt: »Gott, nein! Das habe ich nämlich absichtlich ausgelassen, ich will auf etwas anderes hinaus. Bitte, lassen Sie mich nur noch das erklären.« Miomir erzählt also den Witz von dem Mann, der beschuldigt wird, Eisenbahnschienen gestohlen zu haben, und, als die Polizei tatsächlich riesige Stangen in seinem Hinterhof findet, sagt: »Das waren die Kinder.« Und als man ihn fragt, wie er erklärt, dass Kinder solche tonnenschweren Schienen bis zu seinem Hinterhof getragen haben, sagt der Mann: »Was wissen Kinder schon, was eine Tonne ist.«
Niemand von euch lacht. Kasandra klopft mit dem Fuß auf den Boden. Aber Miomir hat noch eine versteckte Pointe, er nickt leicht mit dem Kopf und hält einen Zeigefinger hoch, um euch zu verstehen zu geben, dass das Wichtige erst kommt:
»Nehmen wir an, der Mann hätte nicht gelogen«, sagt Miomir. »Unbeaufsichtigte Kinder darf man nicht unterschätzen, sie finden immer einen Weg.«
*
Je schlimmer das Leben, desto geiler der Frühling. Über den Frühling in Belgrad und insbesondere im Naturparadies Banovo brdo kann man nicht genug Lobendes sagen. Die optimalen Wetterbedingungen wirken sich auf die Menschen so positiv aus, als wäre die Welt ausnahmsweise eine Therapie und alles, was der Körper wahrnimmt – der Wind, die Sonnenstrahlen auf den Schultern, das Zwitschern der Vögel –, eine einzige Umarmung. Kaffeegeruch kommt von überallher, aus den Gärten der Cafés, von Terrassen, aus den Thermoskannen. Kleine Tiere springen in die Höhe, probieren Sachen aus, du sitzt in der Wiese und betrachtest die Blumen. Nicht du persönlich, du bist allergisch und quälst dich ziemlich. Trotzdem bist auch du der Meinung, dass es nichts Schöneres gibt als so einen Frühling in Belgrad. Stell dir jetzt vor, wenn der Belgrader Frühling so wunderbar ist und von sich aus alle glücklich macht, wie es sein muss, wenn du das Ganze auf Tramadol erlebst. Erst auf Tramadol ist die Sonne richtig mild, die Haut samtig, der Kopf leicht, und der Wind entlockt dir ein Lächeln. Die Zeit schwingt mit den regenbogenfarbenen Lichtstrahlen. Das ist der doppelte Frühling, der jeden zum Weinen bringen würde, und Marko ist da keine Ausnahme, aber es dauert noch ein bisschen, bis die Wirkung einsetzt. Nach dem Gespräch mit Miomir, als ihr das Haus verlasst, ist Marko noch ziemlich schwach und setzt sich nach wenigen Schritten auf den Gehsteig. Er ist sehr unkonzentriert und hat ein großes Bedürfnis, über seine Schulzeit in der Grundschule, die sich 200 Meter weiter rechts befindet, zu reden:
»Die Lehrerin hat uns verboten, in den Schulaufsätzen zu schreiben, dass der Frühling in einer bunten Kutsche kommt. Sie sagte, dass das zu häufig vorkommt, und wer das Bild mit der Kutsche bei ihr versucht, wird bestraft, egal bei welcher Jahreszeit.«
»Wie hat sie euch bestraft?«, fragt Kasandra.
»Beschämt«, sagt Marko.
Obwohl du keine Lust hast, so nah bei Miomirs Haus sitzenzubleiben, findest du das Thema sehr verlockend, du hast auch etwas über deine alte Lehrerin zu sagen. Auf den ersten Blick ist es seltsam, dass ihr nicht über eure neuen Erkenntnisse zur Zeitreise redet, aber man kann eine solche Reaktion psychologisch begründen. Ihr braucht ein paar Minuten, um euch wieder zu finden, und die Seltsamkeiten des Schulpersonals eignen sich dazu. Durch die Abgrenzung zu den Erwachsenen spürt ihr euch am besten.
»Meine hat eine schlechtere Note gegeben, wenn jemand von einem Wochenendhaus oder irgendeiner anderen Form von Luxus erzählte, weil sie Kommunistin war«, sagst du und setzt dich hin.
Ja, setz dich hin, auch du brauchst eine Pause. Die Sonne beruhigt dich. In den Spalten des Gehsteigs wachsen Gänseblümchen. Du reißt sie aus.
»Erinnert ihr euch an Miša Spasić, den Mathelehrer mit einem kürzeren Fuß?«, fragt Kasandra.
»Ja, der war okay, wieso?«, sagst du.
»Gute Schülerinnen wie dich hat er in Ruhe gelassen, aber zu mir war er arsch, auch weil ich aus der Siedlung bin. Er hat gesagt: Du hast meine Aufmerksamkeit nicht verdient und wirst sowieso wiederholen. Freu dich, dass du lesen und schreiben kannst.«
Marko bestätigt Kasandras Sichtweise: »Der war furchtbar und sogar sadistisch, mir hat er einmal verboten, aufs Klo zu gehen, obwohl ich dringend musste. Er fand immer den Punkt auf der Schulter, der wehtat, und bohrte seinen Finger voll rein.«
Du überlegst, was das Schlimmste war, was deine Lehrerin dir angetan hat. Sie hat zum Beispiel dir und noch ein paar Mädchen auf einem Klassentrip verboten, den Eurovision Song Contest zu schauen, und zwar in dem Jahr, als er in Jugoslawien abgehalten wurde, was mit dem sozialen Tod gleichzusetzen war.
»Und Lehrer Duschko!«, sagt Kasandra, und ihr zuckt alle drei zusammen und bedeckt eure Nasen. Und diese olfaktorische Erinnerung bringt euch zum Lachen.
»Okay«, sagt Kasandra, »jetzt sollten wir über die Zeitreise reden.«
»Fick mich ins Hirn«, sagst du.
»Die Zeitreise«, sagt Marko, »das kann ich nicht glauben.«
Es ist schwer zu glauben, dass ihr durch die Zeit gereist seid. Aber genauso schwer zu glauben ist einiges, was jeden Tag in eurer Umgebung stattfindet. Dass so viele über Nacht gläubig geworden sind, macht Marko und dich ratlos, und der Krieg aus dem Fernsehen dockt im Kopf an gar nichts an. Ihr nehmt wahr, dass man von Tod und Menschenzahlen und Opfern und Nationen spricht, aber nichts davon kann in Bilder und Gefühle übersetzt werden. Wenn man das bedenkt, ist es tatsächlich leichter, sich an körperliche Veränderungen und Zeitsprünge zu gewöhnen. Gewalt ist eben nicht zu fassen, erst Jahre später werden manche diese Entwicklung durchmachen und die Zahlen in Tränen übersetzen, aber nicht sehr viele. Im Gegensatz zu diesen unverdaulichen Fakten des Lebens ist eine Zeitreise ins Jahr 1999 zwar abrupt und unerwartet, aber emotional leichter zu verkraften. Kein echter Bruch.
»Was Miomir uns erzählt hat, ist unmöglich, aber er hat alles genau erklärt«, sagst du.
»Wir glauben nicht mal an Gott, und jetzt das«, sagt Marko.
»Ich vielleicht schon«, korrigiert Kasandra. »Irgendwas ist da oben.«
»Kasandra, bitte, du glaubst nicht an Gott, sondern an die Außerirdischen. Und außerdem ist es irgendwie beruhigend zu wissen, finde ich, dass ich weder meinen Verstand noch mein Gedächtnis verloren habe.« Du wirkst dabei sicherer, als du bist. »Die Frage ist nicht, ob Miomirs Geschichte stimmt.«
»Sondern?«, fragt Kasandra.
»Sondern, ob wir ihm helfen werden.«
»Interessante Einstellung«, sagt Kasandra.
»Ich finde ja, dass wir ihm helfen sollten. Erstens möchte ich wieder in mein normales Leben zurück. Zweitens haben wir alle keine Idee, was wir sonst tun sollen. Drittens habe ich das Gefühl, dass das richtig ist. Viertens habe ich schon zwei Gänseblümchen befragt, und die Gänseblümchen sagen, wir sollen nach diesen Objekten suchen, die Frage ist nur, wo.«
Beim letzten Satz bist du leise geworden. Euer Gespräch wird sich später fortsetzen. Ein Fenster am Haus von Gana Savić geht auf, und ihr bereitet euch schon instinktiv darauf vor, wegzulaufen, weil jemand runterrufen wird, dass ihr zu laut seid, dass ein Kind schläft, dass die Mittagsruhe noch nicht vorbei ist, dass der Straßenrand zu gefährlich oder der Gehsteig für Mädchen zu kalt ist, aber diesmal passiert etwas anderes: Im zweiten Stock streckt sich eine Hand aus dem Fenster. Die Hand winkt und wirft einen Gegenstand hinunter. Es ist etwas Kleines, in Zeitungspapier Gewickeltes. Nachdem das Ding auf den Boden geklatscht ist, rollt es weiter unter das verrostete hellblaue Auto, das immer schon dagestanden ist, zumindest seit deinem ersten Schultag. Kasandra, die schon aufgestanden ist, um eventuell den bestmöglichen Blick auf Gana zu werfen, weicht dem Objekt aus, dreht sich um und kriecht unters Auto – zuerst mit dem Oberkörper, das klappt nicht, dann mit den Beinen. Als sie das Päckchen endlich rausgekickt und in die Hand genommen hat, spuckt sie enttäuscht auf die Straße:
»Verfickter Vater aus Plastik, es ist nur ein Stein!«, und gerade, als sie auch die Zeitung, in die der Stein gewickelt war, wegwerfen will, fällt ihr auf, dass an manchen Stellen etwas notiert wurde. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie die Handschrift entziffert:
»DAVON HÄNGT ALLES AB.«
»Wovon?«, fragst du.
»Ich weiß nicht, wovon alles abhängt«, sagt Kasandra. »Ich lese nur vor. Seht euch das Blatt selbst an. Es ist die Seite 33 mit den Todesanzeigen.«
Du siehst dir die Seite gerne an. Diese kleinen und großen Fenster mit Familien- und Freundschaftsandenken haben dich immer schon gut unterhalten, die Todesanzeigen waren neben der Kinderseite das Einzige, was du in der Zeitung lesen wolltest. Anhand der kurzen Texte hast du versucht, dir vorzustellen, wie groß die Trauer war, dabei konnte man das ganze Chaos des Todes eher hinter den trockenen, kurzen Botschaften ahnen als bei denen, die zum Beispiel lang und poetisch waren. Die kitschigen Gelegenheitsverse stanken nach Lügen, Anpassung und Hass. Oft hast du über die Namen gelacht. Wenn ein Mann namens Haralampije starb, klang es, als wäre eine Figur aus einer 19.-Jahrhundert-Komödie gestorben. Oder wenn Pljucko und Gricko (Spucki und Knacki) Worte suchten, um sich von ihrem Freund Licko (Lecki) zu verabschieden, hast du über den Widerspruch gelacht, aber du konntest nicht sagen, wo der Widerspruch lag, was war das Problem, musste man sich im Tod unbedingt bürgerlicher geben, als man war? Die Seite mit den Todesanzeigen war auch visuell beeindruckend gestaltet, mit größeren und kleineren quadratischen Feldern und vielen verschiedenen, aber auf den Anzeigen gleich angeordneten Gesichtern. Die Wiederholung des Formats hat dich glücklich gemacht. Und vielleicht erklärt deine Vorliebe für Wiederholungen mehr, als du im Moment verstehst.
Was dir sofort auffällt, ist, dass die ausgerissene Seite, die aus dem dritten Stock zu euch geflogen ist und die Kasandra jetzt dir und deinem Bruder um eine Spur zu nah unter die Nase hält, keine gewöhnliche Todesanzeigenseite ist, dass sich darauf vielmehr immer nur ein Gesicht wiederholt, wirklich immer dasselbe Gesicht in symmetrisch angeordneten kleineren und größeren Feldern, als wäre an diesem Tag nur ein einziger Mensch gestorben. Kasandra dreht das Blatt um, Seite 34, und kann es nicht glauben: Wieder der gleiche Mann, vier Reihen mit kleinen Bildern und eine mit dem teurengroßen Bild in der Mitte! Auf dem Rand der Seite 34 präsentieren sich ihr weitere mit Kugelschreiber geschriebene Botschaften: »DIE ZEIT MUSS WIEDER FLIESSEN. AUF WESSEN SEITE STEHT IHR?«
Du rollst die Augen. Auf wessen Seite ihr steht, das ist die Frage eures Lebens, von der Antwort hängt ab, ob ihr verprügelt oder umarmt werdet, inkludiert oder exkludiert, ermordet oder am Leben gelassen. Auf dem Weg zur Schule werdet ihr dauernd von marodierenden Fußballfangruppen gefragt, zu wem ihr haltet (Partizan oder Crvena Zvezda), und ihr habt nur ein paar Sekunden Nachdenkzeit, in denen ihr schnell herausfinden müsst, welchen Club der Fragende selbst bevorzugt und wie gewaltbereit er ist, ob er Mädchen prügeln würde oder nicht. Irgendwie müsst ihr alle diese grundlegenden Entscheidungen unter Zugzwang treffen, wie damals »Punk« oder »Metal«, »Ceca« oder »Dragana«, »Ohrfeige« oder »Prinzipien verraten«. Deswegen rollst du die Augen. Du bist diese Entscheidungen müde.
Zusätzlich zu den komischen Botschaften siehst du, dass die Informationen über die Beerdigung mit dem gleichen Kuli eingekreist und Ort und Zeit unterstrichen sind.
»Sie will, dass wir morgen zur Beerdigung gehen«, sagt Kasandra.
»Wer?«, fragt Marko.
»Gana«, sagt Kasandra und zeigt zum Fenster, das jetzt geschlossen ist.
»Falls das da oben überhaupt sie war«, sagt Marko.
Um den Nacken des abgebildeten toten Mannes hängt eine beeindruckende, fette Goldkette. Erst auf einem der größeren Bilder siehst du, dass zu der Kette auch das Medaillon mit dem Krokodil gehört, es ist wieder das gleiche Medaillon wie auf Miomirs Foto und der Skizze der Bambalićs.
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