Read the book: «Dunkle Geschichten aus dem Alten Österreich»
Barbara Wolflingseder
Dunkle
Geschichten
aus dem
Alten Österreich


Ludwig Rösch: Die Bachgasse in Weißenkirchen, 1920/25

Hinrichtungsart: Räderung, Kupferstich von Winzenz Kaßler 1868
ISBN: 9783990401804

© 2013 by Pichler Verlag
in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Wien · Graz · Klagenfurt
Alle Rechte vorbehalten
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Lektorat und Herstellung:
Marion Mauthe
Cover- und Buchdesign:
Bruno Wegscheider
Covergestaltung unter Verwendung von:
Ludwig Rösch „Die Bachgasse in Weißenkirchen“,
1920/25, sowie einer Szene aus dem Film
„Faust – eine deutsche Volkssage“ von
Friedrich Wilhelm Murnau, 1926
Reproduktion:
Pixelstorm, Wien
1. digitale Auflage:
Zeilenwert GmbH 2014
INHALT
Cover
Titel
Impressum
An Stelle eines Vorworts
Aus: Der Golem – von Gustav Meyrink
Der Holzknechtseppl und die Stradafüßler
Die Geschichte eines Räuberhauptmannes
Der Herzlfresser
Eine grausame Mordserie aus dem Mürztal
Tod auf dem Pfahl
Die schaurige Geschichte von einem Bäckersknecht zu Wien
Die Bestie von Krumau
Don Julius d’Austria und die Folgen der Habsburger Inzucht
Lynchjustiz hinter Prager Gefängnismauern
Der eiskalte Meuchelmord an einem „Häfenbruder“
Simon Abeles
Der Judenbub, der beinahe heiliggesprochen wurde
Ritualmordlegenden
Zum Antisemitismus in der katholischen Kirche
Menschenopfer in Ampflwang am Hausruckwald
Thomas Pöschl und seine Sekte
Die Täufer
Jakob Hutter, ein Märtyrer aus Südtirol
Die Täufer
Jakob Hutter, ein Märtyrer aus Südtirol
Das mysteriöse Verschwinden des Doktor Helbich
Faust im Waldviertel
Der mörderische Lebzelter
Die Arsenmorde von Werfen
Des Teufels Oberleutnant
Das Geheimnis der tödlichen Briefe
Quellen
Danke
Die Autorin
Bildnachweis
Weitere Bücher
Ferdinand Runk - Moldau beim Karlshaus, Gouache, um 1800
AN STELLE EINES VORWORTS
Grauenhafte Vorzeichen
Aus: Der Golem – von Gustav Meyrink
Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch, bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus, aus der Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt schreitet und plötzlich – unsichtbar wird. Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem uralten Hause in der Nähe der Synagoge.
Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und – schließlich ganz verschwunden.
Vor Sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht, besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich – ich war noch ein ganz kleiner Junge –, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals von oben bis unten durchsuchte. Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit Gitterfenster vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt. Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur gekommen.
Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand.
Ich selber begegnete dem ›Golem‹ das erste Mal in meinem Leben vor ungefähr dreiunddreißig Jahren. Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast aneinander. Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein muß. Man trägt doch um Gottes willen nicht immerwährend, tagaus tagein die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
In jenem Augenblick aber, bestimmt – ganz bestimmt, noch ehe ich seiner ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte.
Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte. Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlags lang – in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
Über all das habe ich oft und lange nachgedacht, und mich dünkt, ich komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: Immer einmal in der Zeit eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die Judenstadt, befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung dürstet. […]
Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden, so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich Züge starrer Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen. – Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut, bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende, bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhaften Versuche der angesammelten Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu durchnagen, für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit, daß unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden könne.
Tod durch den Strang für den Räuberhauptmann: Detail eines Gemäldes von Antonio Pisanello, Mitte 15. Jahrhundert
DER HOLZKNECHTSEPPL UND DIE STRADAFÜSSLER
Die Geschichte eines Räuberhauptmannes
Die organisierte Kriminalität ist ein einträgliches Geschäft, doch keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. So war bis ins 18. Jahrhundert das Metier eines Räuberhauptmanns eine erstrebenswerte Karriere vor allem für jene, die außerhalb der Gesellschaft standen. Räuberbanden bestanden aus einem autoritären Anführer, der sich durch seine Taten oder sein Können besonders hervorhob, und dessen Gefolgsleuten, die durch einen Schwur auf den Tod aneinander gebunden waren. Einer jener Berufszweige, denen von Haus aus der Kontakt zur übrigen Bevölkerung untersagt blieb, war jener des Abdeckers oder Schinders, der für die Beseitigung von Tierkadavern, aber auch der Leichen von zum Tod verurteilten Delinquenten zuständig war und oftmals auch die Rolle des Henkers übernahm. Der Makel der Anrüchigkeit ihres Gewerbes ließ die Schinder untereinander heiraten, sodass Familienbande eine große Rolle spielten. Ihre Wohnorte, die Wasenmeistereien, waren wegen ihrer Abgeschiedenheit ideale Verstecke für kriminelle Subjekte. Zu ihnen zählten die bis heute berüchtigten Verbrecher Johann Georg Grasel, Sohn eines Schinders, und Johannes Bückler, genannt Schinderhannes. Immer noch erzählt man sich Schauergeschichten über ihre Taten, die sogar romantisch verklärt und mit Begriffen wie „Edler Räuber“ oder „Robin Hood“ bedacht werden.
Ein anderer Räuberhauptmann, der nur wenig später sein Unwesen trieb, kommt an den Bekanntheitsgrad seiner Berufskollegen nicht annähernd heran, übertrifft sie dafür deutlich an Grausamkeit und Brutalität: Der furchterregende Nikolaus Schmidhofer, alias „Holzknechtseppl“, vulgo „Schelmnickl“, war ein blutrünstiger Irrer, dessen verbrecherisches Treiben mit Sozialromantik rein gar nichts zu tun hat. Der Schelmnikl – Holzknechtseppl – ein Scheusal, ein Schurke, wie hier Jahrhunderte nicht vorgekommen, so charakterisiert ihn die Pfarrchronik seines Heimatortes.
Der Holzknechtseppl und seine Spießgesellen
Geboren wurde Schmidhofer am Nikolaustag 1794 in der Vorderen Tyrnau 55 im steirischen Fladnitz an der Teichalm. In anderen Quellen wird auch Edlitz in Niederösterreich genannt. Bereits in seiner Kindheit soll er großen Spaß am Quälen von Tieren gezeigt haben, wie die Pfarrchronik weiter berichtet. Er stammte ursprünglich aus desolaten Familienverhältnissen, wurde später aber von Pflegeeltern großgezogen, die versuchten, ihn zu einem integren, christlichen Menschen zu erziehen, was zum Großteil auch gelungen sein soll. Zumindest bis zum Tod seiner Ziehmutter. Danach ging es mit dem Holzknechtseppl rapide bergab. Als er eines Tages das gesamte Geld, das ihm zum Kauf einer Kuh anvertraut worden war, in einem Wirtshaus in Mönichkirchen verspielte, raubte er das Tier kurzerhand, um zu Hause keine Probleme zu bekommen. Dabei dürfte er auf den Geschmack gekommen sein, denn fortan streifte er durch die Wälder von Niederösterreich, der Steiermark oder des heutigen Burgenlands und verdiente sich als Wegelagerer sein täglich Brot. Sehr einfühlsam soll er dabei nicht vorgegangen sein.

Idealisierung des Bandenwesens: Robin Hood und seine Gefährten, Illustration, 1984
Jahrelang übte er sich in räuberischem Geschick, lernte Gleichgesinnte kennen und gründete im Februar 1822 die Räuberbande „Stradafüßler“: Wen die Arbeit nicht freut und wer den Galgen nicht scheut, der soll zum Holzknechtseppl gehn, der braucht auch seine Leut, so der Wahlspruch der räuberischen Bruderschaft, die für ihre Brutalität bald im weiten Umkreis gefürchtet war.
Die Bruderschaft bekam im Lauf der Jahre ordentlich Zuwachs. Bald bestand die Bande aus über 50 Mitgliedern, wobei sich folgende Personen als Drahtzieher besonders hervortaten:
Da war einmal der gebürtige Bayer Georg Richter, ein verhutzeltes Männlein, in Räuberkreisen besser bekannt unter dem Pseudonym „Guckkasten“, weil er mit einer Art „Betrachtungsgerät“ von Haus zu Haus ging, um die Örtlichkeiten auszukundschaften. Wahlweise gab man dem ehemaligen Soldaten auch den Beinamen „Goldhaube“.
Josef „Geheimrat“ Koller, ein Deserteur aus Althodis bei Rechnitz (Südburgenland), war die rechte Hand des Bandenoberhaupts. Johann Niesner aus Neufang bei Olmütz in Mähren, ein Mann mit dem Kosenamen „Fleischhacker Hans“, galt als besonders blutdürstig und soll seine Opfer fürchterlich zugerichtet haben. Weiters der nicht minder kaltblütige „gekrauste Seppl“, mit bürgerlichem Namen Joseph Michael Freiberger, ein Schwerverbrecher aus Pertlstein bei Fehring in der Steiermark, der das Amt des Vizehauptmannes innehatte. Und zu guter Letzt Nikolaus Schmidhofer, seines Zeichens Kommandant der niederträchtigen Truppe. Um sich ein Bild von ihm machen zu können, sei hier die Personenbeschreibung des Steckbriefs angegeben:
Dieser ist nach seiner Angabe 36 bis 38 Jahre alt, großer, untersetzter Statur, hat eine länglich runde, gutgefärbte Gesichtsbildung mit glattem Fell, breiter Stirn, lichtbraune Augen, dunkelbraune Augenwimpern, schöngeformte schmale Augenbrauen, längliche, gespitzte Nase, kleinen Mund, rundes Kinn, gesunde, weiße Zähne, kurz abgeschnittene dunkelbraune Haare und Bart. Spricht deutsch, nach obersteirischer Mundart und auch etwas jenisch1). Am Zeigefinger der linken Hand fehlt ihm das erste Glied.
Echte „Raubersg’schichten“
Die Schandtaten der Stradafüßler wurden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Die Methoden, mit denen diese Rohlinge ihren Mitmenschen Schmerz und Leid zugefügt haben sollen, waren durchaus kreativ. Einfallslosigkeit kann man ihnen in diesem Zusammenhang beim besten Willen nicht nachsagen. Was die Bande, abgesehen von Plünderungen, alles in Hochstimmung versetzt haben soll, wird in einigen Episoden deutlich, die sich anekdotisch in ihrer Heimat erhalten haben. Wie hoch der Wahrheitsgehalt dabei ist, sei dahingestellt. Vieles wird wohl von fantasiebegabten Erzählern „ausgeschmückt“ worden sein. Dass sie etwa beim Kegeln anstatt der normalerweise gebräuchlichen Holzkugeln Totenschädel benützt haben sollen, ist nicht belegt.
So wurde etwa erzählt, die Stradafüßler hätten irgendwo in der Steiermark – der genaue Ort lässt sich heute nicht mehr verifizieren – ein Mädchen verkehrt an einem Ast aufgehängt und ihren Kopf in einen Ameisenhaufen gesteckt.
Im Raume Hochneukirchen lief dem Holzknechtseppl einmal eine Magd über den Weg, die vom Bauern um Schusternägel geschickt worden war. Mit selbigen nagelte er angeblich ihren Allerwertesten zusammen.
Ein Bauer aus Kirchschlagl wurde von Stradafüßlern in seinem Haus überfallen, wollte das Geldversteck aber nicht verraten. Da banden sie ihn kopfüber an einem Balken fest und zündeten ein Feuer unter seinem Kopf an. Der Bauer konnte sich von dieser Tortur nie wieder erholen und starb zwei Jahre später.
In allen Kulturen präsent als Symbol für Ausgegrenzte: die Zähmung des Wilden Mannes (Basler Bildteppich, um 1480, National Museum Copenhagen)
Ähnlich soll es einer Bäuerin ergangen sein, die beim Anfertigen von Schöberlteig2) überrascht wurde. Da auch sie nicht gewillt war, den Männern ihr Erspartes auszuhändigen, tauchten sie ihre Hände in den Teig und steckten dieses in siedendes Öl. Die Frau verstarb an den Folgen der Marter.
Es hieß, dass vor dem Holzknechtseppl kein Glaser sicher war, denn er liebte das Klirren berstenden Glases. Die Glaser zogen früher mit Tragekörben, in denen sie ihre Erzeugnisse transportierten, von Dorf zu Dorf. Begegnete dem verwegenen Schurken unterwegs ein Glaser, ließ er ihn samt seiner Ware auf einen Baum klettern und schoss ihn dann herunter. Das „Glaserschießen“ soll der Holzknechtseppl vorwiegend in Pinggau, in Kaltenberg und auf der heimatlichen Teichalm betrieben haben.
Der alte Haudegen schreckte angeblich auch nicht davor zurück, kleine Kinder zu ermorden. Er muss wohl ein recht abergläubischer Mann mit ausgeprägtem Hang zum Okkultismus gewesen sein, denn er glaubte, mit dem Teufel ein Bündnis eingehen zu können, wenn er neun Kinderherzen verspeisen würde. Bei der Gerichtsverhandlung gab er an, dass ihm nur noch eines gefehlt hätte.
Josef Karl Homma, der ehemalige Direktor des Burgenländischen Landesarchivs, notierte 1987 in seiner Niederschrift über die Pinkafelder Stadtgeschichte einen besonders grausigen Fund, bei dem es sich um ein Wickelkind mit zertrümmertem Schädel handelte.
Er konnte aber auch recht „großzügig“ sein, je nachdem wie es um seine Tagesverfassung bestellt war. In Riedlingsdorf zum Beispiel verbrachte er einmal eine Nacht bei der Familie des Johann Lang. Dessen Tochter war damals acht Jahre alt und soll sehr ungezogen gewesen sein. Ihr freches Benehmen dürfte dem Holzknechtseppl jedoch imponiert haben, denn er verschonte das Mädchen. Wäre sie artig gewesen, meinte er gegenüber den Bauersleuten, hätte er sie umgebracht.
Den Stradafüßlern wird ein Ende gesetzt
Nikolaus Schmidhofer und seine Helfer hatten mehrere Basisstationen, wie etwa die Wirtshäuser in Oberschützen, Rotenturm, Schäffern oder das Gasthaus in Mönichkirchen, wo der Holzknechtseppl seinerzeit die Kuh verspielt hatte. Aber nicht nur im Burgenland und der Steiermark waren die Stradafüßler auf Diebestour, auch in Ungarn hatten sie ihre Schlupfwinkel.

Wörterverzeichnis der Diebessprache aus Pinkafeld, Originalhandschrift (oberer Teil der zweiten Seite), 1783
Die Bande hinter Gitter zu bringen war kein einfaches Unterfangen. Nach seiner ersten Verhaftung wurde Schmidhofer ins Schloss Pernegg überstellt, wo ihm bei der Gerichtsverhandlung, ganz im Stile alter Mantel-und-Degen-Filme, die Flucht gelang. Er sprang aus dem offenen Fenster, landete auf einem Baum und suchte anschließend das Weite. Auch nach einer Inhaftierung in Oberkindberg konnte er, glaubt man dem Historiker Fritz Byloff, dem Gefängnispersonal entkommen.
Am 23. Jänner 1827 tagte auf Anordnung von Kaiser Franz I. im Schloss Batthyány in Pinkafeld eine Kommission, um eine Strategie zur endgültigen Überwältigung des Bandenchefs zu entwickeln. Die Kommission bestand aus dem Oberbannrichter von Gräfe aus Leoben, dem Grazer Magistratsrat von Pontner, einem Herrn von Szerdahely aus Ungarn und einem Vertreter des Militärs. Man kam überein, dass Soldaten das gesamte Gebiet einkreisen und dann konzentrisch auf Pinkafeld vorrücken sollten. Keine zwei Monate nachdem das Konzept verfasst worden war, konnten die Rädelsführer der Räuberbande und 14 weitere Spießgesellen festgenommen und in Pinkafeld verwahrt werden. Da sich die Verhandlung ziemlich in die Länge zog, hatte der Holzknechtseppl genügend Zeit, eine neuerliche Flucht zu planen. Diesmal versprach er einem „Zigeuner“, der für die Nahrungsmittelversorgung der Banditen zuständig war, 700 Gulden, wenn dieser ihm zwei Taschenfeiteln3) beschaffen würde.
Nachdem die bestellte Ware geliefert worden war, sägten die in Ketten gelegten Männer zwei Wochen lang an den Eisenringen, mit denen ihnen Hände und Füße festgebunden worden waren. Um die Sägegeräusche zu übertünchen, sangen sie fromm den Rosenkranz. In der letzten Mainacht gelang ihnen schließlich die Flucht: Sie töteten den wachhabenden Offizier und den Siebmachermeister Anton Hutter, der sich ihnen in den Weg zu stellen versuchte.
Wie groß die Angst der Pinkafelder Bewohner gewesen sein muss, als die Raubmörder wieder in Freiheit waren, vermerkte der Prediger und Autor Joseph Michael Weinhofer in seiner handschriftlichen Chronik der Jahre 1825 – 1829:
Die Sturmglocke verkündete ihre Flucht; allgemeiner Schrecken ergriff alle vom Schlaf geweckten Einwohner des Marktes; es war eine grause Nacht erinnernd an den schrecklichen jüngsten Tag, viel fürchterlicher als jede Feuersnoth.
Zeichen für die hohe Gerichtsbarkeit: Der Pranger in Pinkafeld, 17. Jahrhundert
Gleich am nächsten Tag wurden allerorts Steckbriefe angebracht:
Kundmachung
Nachdem von denen in der Nacht auf den 31ten Mai 1827 um halb 1 Uhr, sieben in dem Pinkafelder Gefängnisse eingekerkerten Räuber, den auf der Wache beordeten k. k. Korporalen und auf der Gasse einen Pinkafelder Bürger Tod geschossen und mehrere k. k. Soldaten, wie auch einen Pinkafelder Bewohner verwundet, und somit sich aus dem Gefängnisse befreiet hatten, die vier unten Beschriebenen, und von mehreren Mord und Raubtaten überwiesenen Bösewichter noch nicht eingebracht worden sind, so wird allen Stadt, Markt und Dorf Obrigkeiten hiemit aufgetragen, daß die Wälder, größere Bäume, Fruchten und Schluchten, wie auch einsame besonders verdächtige Gebäude, welche wenigstens 14 Tage durch 6 rüstige Männer zu bewachen sind, durch alle für ihre eigene Sicherheit aufzufordernde Inwohner durchsuchen und zu ihrer Entdeckung und Einbringung, alle möglichen Anstallten treffen sollen. Jeder der diese Räuber auffangen oder entdecken wird, erhaltet von Seiner Majestät 50 Dukaten für einen jeden Kopf; im Gegenteil wer diese großen Verbrecher nicht entdecket, wissentlich verhehlet oder durch Nahrungsmittel ihnen beisteht, wird der schwersten Strafe unterliegen.
Pinkafeld, den 1ten Juni 1827
Ignaz von Czerdahely Vice-Gespann
Die wiedergewonnene Freiheit war schließlich nur von kurzer Dauer. Schon nach einer Woche konnten die entflohenen Räuber wieder dingfest gemacht werden. Durch zweckmäßige und schnell getroffene Anstalten, wurden, ehe 8 Tag vergingen, die Flüchtigen alle wieder glücklich eingebracht.
Pinkafeld bekommt einen neuen Galgen
Diesmal beeilte man sich mit der Verhandlung. Zunächst kamen Josef Koller, Johann Niesner und Joseph Michael Freyberger, die als Deserteure behandelt wurden, in Güns4) vor ein Kriegsgericht. Reumütig sollen sie ihre Verbrechen gestanden haben. Alle drei wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Magistrat hatte schon Vorsorge getroffen und vom Maurermeister Lang einen neuen Galgen entwerfen lassen. Der Platz am Hochgericht wurde feinsäuberlich gekehrt; Pfarrer Weinhofer brachte den Delinquenten die letzte Wegzehrung, die Schuljugend begleitete ihn hingebungsvoll singend und betend. Nach dem Eintreffen der angeblich rund 8.000 „Gäste“ wurde die Hinrichtung schließlich vollzogen.
Am selben Tag, dem 1. August, wurden noch einige Komplizen für schuldig erklärt. Der Pottendorfer Lehrer Franz Eichleutner und der Wirt und Hehler Matthias Krodatsch wurden ebenfalls zum Tode durch den Strang verurteilt. Magdalena Witzelsberger, die Geliebte des „gekrausten Seppl“, sollte durch das Schwert getötet werden. Der Wirt Simon Laschober fasste drei Jahre Arrest aus, seine Geliebte Maria Drawenschak nur eineinhalb Jahre.
Der Holzknechtseppl überlebte seine drei Wegbegleiter um 16 Monate, die er im Gefängnis verbringen musste. Dann war es auch für ihn so weit – die Hinrichtung wurde für den 20. November 1828 angesetzt. Über die Jahre hatte sich ein beträchtliches Register an Straftaten angesammelt, was allein mit der Exekution des Schwerverbrechers gesühnt werden konnte:
Fast nach zweijähriger Kerkerhaft erfolgte 1828 die Hinrichtung des Holzknechtseppls. Seine Verurteilung war erfolgt auf Grund von 14 Raubmorden, 2 Brandlegungen, 54 Rauben, viermaliger Notzucht, 48 Diebstählen, 2 öffentlichen Gewalttätigkeiten, einer feuergefährlichen Handlung. Der Schaden, den er angerichtet, belief sich auf 23.844 Gulden. In den letzten Tagen kehrte er in sich, betete fast ununterbrochen und sah ruhig dem Ende entgegen. Auf dem Weg zur Richtstätte küßte er den wachehabenden Soldaten, dankte für die Mühe und fuhr mit niedergeschlagenen Augen, das Kreuz in den Händen, der Richtstätte zu. Noch im Hinaufziehen auf den Galgen bat er die Anwesenden um Vergebung und mahnte die Jugend, sich an ihm ein abschreckendes Beispiel zu nehmen.
Ohne im mindesten zu zittern oder seine Gesichtsfarbe verändert zu haben, ließ er sich die Hände zusammenbinden und soll einen tiefen Eindruck auf das häufig versammelte Volk hinterlassen haben – der Holzknechtseppl wurde drei Tage lang „ausgesetzt“, das heißt, er wurde zur Schau gestellt.
In Pfarrer Weinhofers Schulbericht ist weiters zu lesen, dass Nikolaus Schmidhofer in seiner Vorbereitung zum Tode wirklich auferbaulich und rührend gewesen sei. Er ließ sich von dem ihm geschenkten Gelde, weiße feine Leinwäsch machen, bethete während der 3 Tägen, als er ausgesetzt war, fast ununterbrochen fort, empfing die hl. Sakramente mit vieler Erbauung, und sah seinem gewaltsamen Ende mit vieler Ruhe entgegen.
Der Pinkafelder Friedhof musste in diesem Jahr um die Hälfte erweitert werden und es kehrte endlich wieder Ruhe ein. Pfarrer Joseph Michael Weinhofer schließt seinen Bericht mit folgenden Betrachtungen:
Lieber Leser!
Du schauderst vor den Greuelthaten, welcher sich diese Unglücklichen schuldig machten, allein, wenn du bedenkest das Wort der ewigen Wahrheit, daß der Sünder, wenn er einmal in die Tiefe seiner Versunkenheit gekommen, alles verachte, wenn du bedenkest, daß gewöhnlich mit dem ersten Schritte zum Laster, schon alle übrigen mitgethan sind, wenn du bedenkest, daß das Böse, das diese Unglücklichen gethan, ich und du eben so gut begehen könnten, wenn wir von den nähmlichen Versuchungen gereitzet, von den nähmlichen Gewohnheiten gefesselt, von den nähmlichen Täuschungen geteuschet würden, so wirst du statt zu schaudern über andere, vielmehr mißtrauisch über dein eigenes Herz werden, und dabey noch preisen die allmächtige Gnade Jesu Christi, die das versunkenste Sünderherz umändern, und in Reue das Felsenherz auflösen kann. Der Schnellgalgen, auf welchen diese Missethäter ihr Leben vor mehr als achttausend Zuschauer schaudervoll endeten, hatte ihnen zur Leiter dienen können, auf welcher sie hinaufstiegen zu dem Gott der Erbarmungen. – Die Welt nennet die unter den Galgen verscharrten, arme Sünder, und wie soll man denn diejenigen nennen, welche vielleicht als größere Verbrecher im Seidengewande, unangefochten auf Gottes Erdboden umher gehen, kein Gebot achten, keinen Gott fürchten, keine Ewigkeit glauben, Ehre und Wohllust nach Fülle genießen, und verschlossen gegen alles Gute und Göttliche am Rande des ewigen Verderbens herumtaumeln? O! dieser Zustand ist elender als der, der Hingerichteten, diese sind nicht nur arme, sondern auch blinde Sünder.
1)
Jenisch: eine Sondersprache der „fahrenden“ Bevölkerungsgruppen
2)
Schöberl: gebackene Suppeneinlage
3)
Volkstümlicher Ausdruck für Klappmesser
4)
Güns/Köszeg: ungarische Kleinstadt

Darstellung des Mordes an Magdalena Angerer auf dem Herzlfresser-Marterl in Kindberg
DER HERZLFRESSER
Eine grausame Mordserie aus dem Mürztal
Als Joseph II. 1787 die Todesstrafe gänzlich abschaffen ließ, war die Habsburgermonarchie einer der ersten Staaten der Welt, in denen das der Fall war. Für Paul Reininger, den Serienmörder von Kindberg, kam diese Rechtsreform allerdings zu spät. Nicht nur die Folter, schönfärberisch als „peinliche Befragung“ tituliert, sondern auch der für seine ungemein grausamen Verbrechen verhängte Strafvollzug wären ein Jahr später Geschichte gewesen.
Die Taten Reiningers sind in Sagen erhalten geblieben, weshalb auch einer der Wege in der zum Wandern einladenden Landschaft rund um Kindberg noch an sie erinnert.
Wanderer kommst du nach Kindberg …
Für den Besucher der Gegend am eindrucksvollsten ist wohl der Herzogberg im Mürztal. Von Kindberg aus führt der Weg vorbei am Schloss Oberkindberg, ein um 1680 vom Grafen Inzaghi als zweigeschoßiger Dreiflügelbau mit vier Ecktürmen in Auftrag gegebener eindrucksvoller Barockbau. Danach geht man eine ansteigende Straße hinauf und gelangt nach ungefähr 20 Minuten auf einen Hohlweg, der oben auf der Kreutzerwiese rechts abzweigt. Der Weg wird nun immer steiler und führt hinauf bis zu einem aufgelassenen Bauernhof, dem ehemaligen Grüblbauern. Der Steig trägt einen ungewöhnlichen Namen, der nichts Gutes ahnen lässt und bei den Ausflüglern sofortiges Interesse erweckt: Es handelt sich um den „Herzlfresserweg“. Wo der Hohlweg dann wieder flacher wird, öffnet sich eine Lichtung, auf der die Kindberger ein Marterl aufgestellt haben, das an eine grauenhafte Begebenheit aus dem 18. Jahrhundert gemahnt. Auf dem „Herzlfressermarterl“ ist in alter Schrift zu lesen, dass sich in dieser Gegend einst ein Serienmörder herumtrieb, der auf unvorstellbar grausame Weise wütete. Eine wahre Geschichte, die dem Besucher heute noch kalte Schauer über den Rücken laufen lässt.
Aberglaube und Irrsinn
Nach dem österreichischen Wortschatz, der um 1900 zusammengestellt wurde, ist ein Herzenfresser ein Mensch, der Menschenherzen in abergläubischem Wahne isst, schreibt die Germanistin Christa Tuczay. Vor allem in Verbrecherkreisen glaubte man, dass jemand, der einem frisch getöteten Menschen sein noch zuckendes Herz entreißt und Teile davon verspeist, stets Glück im Spiel haben, von Frauen umschwärmt sein, auf der Folter keine Schmerzen spüren und sich vor allem unsichtbar machen können wird. Die Herzen von Jungfrauen würden sich zum Verzehr besonders eignen, wobei eines keineswegs genügen würde. Je nach okkultistischem Hintergrundwissen variierte die notwendige Anzahl zwischen drei und neun. Der finstere Auswuchs des Volksglaubens war auch in der Steiermark lange Zeit weit verbreitet und hat sich derart in das Hirn eines gewissen Paul Reininger eingeprägt, dass dieser regelrecht besessen war von dem Wahn, sieben noch warme Mädchenherzen verschlingen zu müssen, um glücklich im Spielen und Kegelscheiben zu seyn und unsichtbar sein zu können.

Auf dem Weg zum Herzlfressermarterl: Schloss Oberkindberg
Geschafft hat er es nicht ganz. Reininger, der sich in der steirischen Rechtsgeschichte als „Herzlfresser“ einen Namen gemacht hat, konnte nach dem sechsten Mord endlich das Handwerk gelegt werden.
Herangewachsen ist der Serienmörder in der Turnauer Gegend, am Fuße des Hochschwabs. Bereits im Alter von drei Jahren verlor er seinen Vater, einen Mürztaler Hirten, und wurde von der Mutter weggegeben. Er kam zu seinem Taufpaten, doch die Erziehung des Buben oblag den Dienstboten. Früh musste er schon für sich selbst sorgen. Seinen ersten Lebensunterhalt verdiente er als Hirte, mit 13 Jahren kam er in den Dienst eines anderen Bauern. Dann wechselte er laufend seine Arbeitsplätze, weil er es nirgends lange aushielt. Es mangelte ihm ständig an Geld, und er neigte besonders zur Trunksucht. Sein Alkoholismus war es auch, der die letzten Schranken der Moral durchbrach und die Bestie in ihm zu Tage förderte. So wie es auch am 15. Jänner 1786 geschehen ist. Als er nach Kindberg gieng, um dort seine Andacht zu verrichten, vorher aber mit einem Gespann im Wirtshause zwey halbe Wein getrunken, kehrte er nach vollendetem Gottesdienst wieder in das Wirtshaus zurück, wo er mit einem anderen Knechte vier halbe Wein verzehrte, dabey gespielet, und er ungefehr einen Taler verloren. Anschließend torkelte Reininger heimwärts, legte sich, rauschig wie er war, auf eine Wiese und gönnte sich ein Schläfchen. Bei Anbruch der Dämmerung kam ein Mädchen des Weges und weckte den Schlafenden. Es war eine Dienstmagd, die sich erbötig machte, ihn nach Hause zu begleiten, damit er nicht in der Kälte schlafen müsse.
Magdalena Angerer, so ihr Name, war zuvor in der Kindberger Kirche beim Gottesdienst gewesen. Nach der Messe war sie mit ihrem Bräutigam im Wirtshaus eingekehrt, dann hatte sie noch schnell eine Schachtel mit ihrem Brautkranz abgeholt und sich auf den Heimweg zur Möstlmühle gemacht. Das war das letzte Mal, dass die junge Frau gesehen wurde. Ihr Verschwinden konnte sich so kurz vor der Hochzeit niemand erklären.
Noch warme Herzen aus der Brust gerissen
Zwei Wochen lang blieb Magdalena Angerer spurlos verschwunden. Am 2. Februar, zu Lichtmess, wurde ein Bauer auf dem Heimweg von der Kirche durch lautstarkes Rabengeschrei irritiert. Neugierig näherte er sich der Tierversammlung, um nachzusehen, was die Aasfresser so aufgestört hatte. Was er dann entdeckte, wird er wohl nie wieder aus seinem Gedächtnis bekommen haben. Vor ihm lag eine entblößte, verstümmelte und schon stark verweste Mädchenleiche mit abgetrenntem rechtem Arm und linkem Fuß, daneben ihr Kopf. Der Oberkörper war vom Bauch bis zum Hals aufgeschnitten, die Eingeweide herausgenommen, doch es fehlte das Herz. Da noch einige Kleidungsstücke herumlagen, erkannte der Bauer sofort, dass es sich bei der fürchterlich zugerichteten Leiche um die seit zwei Wochen vermisste Magdalena Angerer handelte, und erstattete am Landesgericht Wieden bei Kapfenberg Anzeige.

Kindberg um 1830, aus: „Lithografirte Ansichten der Steiermark“, J. F. Kaiser
Es vergingen fünf Wochen, dann wurden von zwei Bauern entscheidende Hinweise zur Aufklärung der Gräueltat erbracht. Paul Reininger, ein Knecht und Kartenspieler, sei der Mörder, waren sich die beiden sicher. An jenem Tag, an dem Magdalena Angerer verschwand, haben sie ihn in einem Gasthaus angetroffen, wo er sehr viel getrunken und sein ganzes Geld verspielt hat, erzählten die Bauern am Gericht. Am Nachmittag wurde Reininger dann an jener Stelle gesehen, wo später die Tote gefunden wurde. Es folgte eine genaue Untersuchung, bei der die Habseligkeiten des Beschuldigten überprüft wurden. Dabei wurden in einer Truhe blutige Kleider der ermordeten Braut, ihr Kranz und die Hälfte eines kleinen menschlichen Herzens gefunden. Zur Rede gestellt, gestand er nicht nur diese Tat, sondern enthüllte gleich die ganze Bandbreite seiner Verbrechen, die er in den letzten sieben Jahren verübt hatte: Paul Reininger hatte sechs Frauen im Alter zwischen 25 und 32 Jahren getötet. Der irre Mörder wurde im Juli 1786 im Schloss Wieden bei Kapfenberg einem peinlichen Verhör unterzogen. Kaltblütig soll er die weiteren fünf Morde geschildert haben.

Blätter zur Geschichte und Heimatkunde der Alpenländer, Beilage zum „Grazer Tagblatt“ vom 29. Jänner 1911
Am Fronleichnamstag 1779 sei er zum ersten Mal mit einem Messer auf eine Dienstmagd losgegangen. Er habe eine gewisse Konstanzia P. in einen Wald gezerrt und konnte sie noch zu einem Liebesspiel überreden, teilte er dem Gericht ungerührt mit. Die Vorwürfe, die sie ihm wegen seiner Trunksucht machte, wollte er sich aber nicht anhören. Nachdem er sie erstochen hatte, bedeckte er ihre Leiche mit Gesträuch und ging nach Hause.
Drei Jahre später verübte er seinen zweiten Mord. Nach einer Tanzunterhaltung erwürgte er ein Badstubenweib, nachdem er wieder einmal sein ganzes Geld verspielt und versoffen hatte. Die paar Gulden, die sie bei sich hatte, steckte er in seine Tasche.
Die nächste grausame Tat, die der Knecht beging, geschah noch im selben Jahr. Wieder war es der Fronleichnamstag und wieder befand er sich in stark alkoholisiertem Zustand. Besonders tragisch war in diesem Falle, dass das Opfer ein erst sieben- oder achtjähriges Mädchen war. Die kleine Elisabeth Leitner traf er beim Schafe- und Ziegenhüten auf einer Wiese an und luchste ihr einen Ziegenbock ab, den er an Ort und Stelle schlachten wollte. Die Kleine fragte nach dem Grund des überstürzten Vorhabens, da packte er sie und stach ihr mit seinem Messer in den Hals. Dann schnitt er dem Mädchen das Herz aus dem Leib und verspeiste es zur Hälfte. Die andere Hälfte des kleinen Herzens wurde Jahre später bei seiner Verhaftung in erwähnter Truhe gefunden. Der Mord an dem Kind ereignete sich nahe dem Weg zum Herzogsberg, welcher später den Namen „Herzlfresserweg“ erhalten sollte.
1783, am 6. November, lockte Reininger laut Gerichtsakten eine unbekannte Weibsperson in den Wald und ermordete sie ihres Geldes willen. Es handelte sich um eine geistesschwache, 50-jährige Bauernmagd, die gerade einmal 45 Kreuzer bei sich hatte. Gleich ein paar Tage darauf amüsierte er sich bei einer Tanzveranstaltung in seinem Heimatort Turnau, wo er der 17-jährigen Barbara Lammer begegnete. Die junge Frau reagierte abweisend auf sein Liebeswerben, und so kam auch sie unters Messer. Ihren malträtierten Leichnam fand man erst nach einem halben Jahr auf einer Weide bei Göriach.
„Ein übernatürlicher Antrieb“
Von den sechs ermordeten Weibspersonen habe Paul Reininger, wie er dem Landesgericht mitteilte, nur zwei Herzen aus dem Leibe geschnitten. Jenes des kleinen Mädchens, das er sich auch zur Hälfte einverleibt habe, und jenes der Braut, vor dem ihm aber so fürchterlich geekelt habe, dass er es wegwerfen musste. Weiters sagte er aus, dass ihn Bosheit und ein übernatürlicher Antrieb an Körpern, so lange welche noch warm zu fühlen gewesen seien, herumzumetzgern zu den Taten getrieben hätten. Seine Aussage schloss der Besessene mit der Einsicht, dass er wohl gewusst habe, wie schwer seine Verbrechen gewesen wären, allein da er Gott verlassen hätte, habe ihn der böse Feind dazu verleitet, denn er habe nichts gebetet, selten gebeichtet, seine Sünden nicht aufrichtig, einen Todschlag aber gar niemals bekennet, und sein Unglück komme von der Hurerei her, welcher er neun Jahre ergeben gewesen wäre. Nach dreitägiger Bedenkzeit stand er nach wie vor zu seinen Worten: Was werde ich zu meiner Entschuldigung sagen? Ich lasse alles Gott dem Allerhöchsten über, was er mit mir machen wird, weil ich wenig gebetet und Gott nicht vor Augen gehabt habe, bin ich in die Dienstbarkeit des Satans verfallen, und hierdurch zu diesen Lastertaten verleitet worden.

Zum Gedenken an eine schaurige Tat: die Weihe des Herzlfresser-Marterls in Kindberg, 1912
Ein beeideter Wundarzt verfasste Mitte April 1786 einen Konstitutions- und Temperamentbefund über den Gewaltverbrecher, der dem Kriminalakt angeschlossen war. Er beschrieb Reininger als einen muskulösen Mann mit schwarzen Haaren und Bart, einem fetten, braunen Körper und starken Gliedmaßen. Ferner soll er weißgraue Augen mit falschem Blicke gehabt haben und dem Anscheine nach furchtsamen Gemüts, ziemlich guter Vernunft, kollerisch sanguinischen Temperaments, zur Wollust und Fröhlichkeit geneigt.
Das Urteil, das über Paul Reininger am 24. April 1786 gefällt wurde, gehörte zum schwersten, das in dieser Zeit verhängt wurde:
Paul Reininger soll wegen an sechs Personen auf die grausamste Art verübten Straßen- und Meuchelmorden an die gewöhnliche Richtstätte geführt, am ersten Viertelweg ihm ein Zwick mit glühender Zange in die rechte Brust, am halben Weg ihm ein Riemen aus der linken Seite am Rücken geschnitten, am dritten Viertel, wiederum ein Zwick in die linke Brust, an der Richtstätte selbst abermals ein Riemen aus der rechten Seite geschnitten, hernach ihm all dort seine Glieder durch den ganzen Leib von unten auf mit dem Rade abgestoßen und also soll er dem Leben zum Tode gerichtet, folgens der Tote in das Rad geflochten und ein Galgen mit herabhängendem Strang aufgerichtet werden.
Kaiser Josef II. änderte die harte Strafe um und verfügte, dass Paul Reininger auf der Richtstätte lediglich gebrandmarkt werde und drei Tage hintereinander 100 Stockstreiche erhalten solle. Dann sei er nach Graz auf den Schlossberg zu überführen und dort lebenslänglich im Gefängnis anzuschmieden. Seine Nahrung dürfe nur aus Wasser und Brot bestehen, außerdem müsse er alle Vierteljahre coram publico 50 Stockstreiche erhalten.
Im Juli 1786 wurde in Kapfenberg die Züchtigungsstrafe an Paul Reininger vollzogen. Als Strafverschärfung wurde er nicht von Gerichtsdienern, sondern vom Scharfrichter selbst geprügelt: Am ersten Tag schrie der Gezüchtigte bis zum 40. Streich. Dreimal musste er gelabt werden. Am zweiten Tag schrie er nicht so heftig, aber am dritten Tag schrie er bis zum neunzigsten Streich ganz erbärmlich, worauf er ohnmächtig wurde und wieder gelabt werden musste.
Weil man erwartete, dass bei dieser Tortur der Delinquent zu Tode kommen würde, stand sicherheitshalber gleich ein Geistlicher bereit, der den armen Sünder in seiner letzten Stunde mit den Tröstungen der Religion speisen sollte. Doch Reininger überlebte.
Am 12. August 1786 traf er unter einem großen Zulaufe des Volkes auf dem Grazer Schlossberge ein, wo er nach denen in drei Monaten ausgehaltenen 400 Stockstreichen am 11. November 1786 seinen mörderischen Geist aufgab, wie es der Schriftsteller und Gründer des Heimatmuseum Mürzzuschlag, Franz Josef Böhm, in seiner Niederschrift zum Fall „Herzensfresser“ ausdrückte, die wiederum auf die vom Landesgerichtsverwalter Cajetan Wanggo 1816 verfassten Notizen basiert. Und weiter heißt es: Möchte diese Geschichte zugleich auch jeden Abergläubigen die Binde von der Stirne lösen, und von diesem scheußlichen Ungeheuer mit Schauder zurücktreten machen.
Auch heute noch steht das 1912 entstandene und mittlerweile mehrfach restaurierte Marterl am Herzlfresserweg auf das Troiseck nach Turnau an der Mordsstelle der unglücklichen Braut Magdalena, wie damals Fritz Oberndorfer, Regierungsrat aus Graz, schrieb. Die mit Farbe und Pinsel dargestellte Mordsszene zeigt mit folgendem Hinweis auf die Tatgeschichte:
Herzlfresser-Marterl
Herzlfresserweg wird hier genannt
Der Platz von alters her bekannt,
Wo im siebzehnhundertsechsundachtziger Jahr
Eine große Mordtat geschehen war.
Knecht Paul Reininger vom Aberglauben toll besessen,
Der lebte in dem Wahn –
Daß er sich unsichtbar machen kann,
Wenn er sieben Menschenherzen hätt’ gegessen.
Eine Bauernmagd, o großer Gott!
Die stach der Wüterich hier zu Tod
Und riß dann voller Wut und Freud
Das Herz dem Opfer aus dem Leib.
Sechs Menschen mußten unter seinen Händen
So grauenvoll ihr Leben enden.
Bis endlich kam auch dann der Tag,
Daß gefesselt er im Kerker lag.
Am Grazer Schloßberg in grimmiger
Haft Hat ihn der Tod hinweggerafft.
Zum Andenken an jene Tat,
Von der der Platz den Namen hat,
Stand hier dies Kreuz seit alter Zeit.
Der Mürztaler Wetterzauberer
Peter Rosegger beschäftigte sich mit einem weiteren Übeltäter dieser Gattung, der ganz in der Nähe, in Krieglach, auf Herzenjagd ging. Der Fall dürfte Rosegger möglicherweise deshalb so fasziniert haben, weil er in gewisser Weise mit dem Mörder verwandt war.
Mathias Bruggraber (auch Bruckgraber) kam am 17. September 1812 beim Grabenbauer in Alpl Nr. 35 zur Welt. Sein Pate war Joseph Roßecker, der Urgroßvater Peter Roseggers. Durch Verehelichung der Nachfahren entstand das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Mathias Bruggraber und Peter Rosegger. In seinen Aufzeichnungen nannte der Schriftsteller diesen furchteinflößenden Mann schlicht „Tiger“, denn er war in der Umgebung für seine Gefährlichkeit bekannt. Nicht nur die Krieglacher versetzte er in Angst und Schrecken, auch zu Hause dürfte es nicht sehr harmonisch zugegangen sein. Seine Frau wurde als nicht minder zänkisch beschrieben. Bei den Bruggrabers wurde viel gestritten, bis der wütende Ehemann eines Tages sein Messer nahm und seine Frau kurzerhand niederstach. Er selbst meldete daraufhin die Tat beim Gericht in Weiz. In den Sterbematrikeln der Pfarre Krieglach fand sich der Eintrag, dass Zäzilia Bruggraber, Bäurin vulgo Löwin in Freßnitz 1, im 43. Lebensjahr an Verblutung verstarb, worauf es zu einer gerichtlichen Leichenbeschau kam.
Viele Jahre – laut Rosegger waren es 15 oder 20 – büßte Bruggraber im Gefängnis Karlau in Graz und wurde 1855 anlässlich der allerhöchsten Entschließung von 7. April 1855 aus Anlaß der erfolgten Entbindung Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth aus der Haft entlassen.
Als er zurück nach Krieglach kam, wurde er von den Nachbarn gemieden und verachtet. Gekränkt suchte er nach einer Möglichkeit, seinen Mitbürgern Schaden zuzufügen. Da erinnerte er sich an eine alte Sage, die er auch von einigen Mithäftlingen gehört hatte. Dieser Fama zufolge könne man mit Herzen von Jungfrauen schwere Unwetter zaubern.
Verwandt mit einem Herzlfresser: Peter Rosegger, 1912
Peter Rosegger berichtete vom Fronleichnamstag 1856, an dem zwei Mädchenleichen in Krieglach im gemeinsamen Grab beerdigt wurden. Die sechsjährige Appolonia Petz, vulgo Schneidersimmerltochter, und die achtjährige Walburga Königshofer, vulgo Grablertochter. Der gestresste Totengräber hatte so viel zu tun, dass er keine Zeit hatte, das Grab gleich im Anschluss zuzuschaufeln und hob sich diese Arbeit für den Abend auf. Als er den Spaten mit Erde befüllte und in die Grube blickte, sah er, dass Hobelspäne, die früher den Toten als Kopfkissen in den Sarg gegeben wurden, außerhalb der Särge verstreut war. Nach näherer Begutachtung entdeckte er, dass die Särge leer waren. Das Volk war in Aufruhr! Am Tag darauf fand ein Bauer im nahegelegenen Gölk die beiden an der Brust geöffneten Leichen, die mit Moos und Heidekraut bedeckt waren. Weitere Untersuchungen ergaben, dass den toten Mädchen Herzen und Teile der Leber entnommen worden waren. Die behördlichen Ermittlungen erbrachten keinerlei Ergebnis. Mathias Bruggraber, alias „Tiger“, soll sein Schweigen erst am Totenbett gebrochen haben. Was er mit den Herzen tatsächlich gemacht hat, ist nicht bekannt.
Die grausigen Taten des Wettermachers von Krieglach wurden in der Bevölkerung totgeschwiegen und sind so in Vergessenheit geraten. Erst Peter Rosegger hat den Fall wieder ausgegraben und ist im Zuge seiner Recherchen auf weitere Irrsinnstaten gestoßen, die Menschen aufgrund irrealer Wahnvorstellungen zu unvorstellbaren Handlungen animiert haben sollen. Wie sehr ihn die Herzesserüberlieferungen und andere Bluttaten erschüttert haben, brachte er in seinem Buch „Volksleben in Steiermark“ zum Ausdruck:
Es ist noch nicht so lange her, daß man im Gebirge einen Burschen hinrichtete, der – Du sträubest Dich, liebe Feder es aufzuschreiben – ein schwangeres Weib umgebracht hatte, um von dem Kinde im Mutterleibe die Fingerchen zu bekommen. Er wollte dieselben bei Diebstählen anzünden, denn er hatte gehört, dass, so lange in einem Hause zur Nachtzeit solche Kerzen brennen, die Leute nicht aufwachen können. Und meine Großmutter hatte einen Mann baumeln gesehen, der sechs bräutliche Mädchen ermordet hatte, weil die Sage war, dass der Genuß der Herzen von sieben Bräuten unsichtbar mache. Das Scheusal hatte auch schon das siebente Opfer in den Klauen, aber das entkam ihm und brachte den Bösewicht vor den Richterstuhl … Der Aberglauben letzterer Art muss ausgetilgt werden mit Stumpf und Wurzel. Es ist an dieser Vertilgung in den letzten zwei Jahrhunderten, Gott sei Dank, viel gethan worden, aber noch immer klebt an dem Herzen unseres Volkes von den Abscheulichkeiten solchen Aberglaubens und Vorurtheiles ein schrecklicher Theil.
Mathias Bruggraber büßte seine Strafe in der Haftanstalt Karlau ab: das ehemalige Schloss in einem Stich von Georg Matthäus Vischer, 1681
Der tüchtige Bäckermeister (Gemälde von Job Adriaenszoon Berckheyde, 1681)
TOD AUF DEM PFAHL
Die schaurige Geschichte von einem Bäckersknecht zu Wien
Die Biografie einer Stadt wird vor allem dann zu einer spannenden Expedition, wenn es darum geht, Stätten des Grauens aufzusuchen. So birgt der Platz, an dem einer der Touristenmagnete für Liebhaber des Fin de Siècle steht, dem Palais Ferstel in der Wiener Herrengasse, ein grauenhaftes Geheimnis. Entworfen wurde der neoromanische Prachtbau von Architekt Heinrich von Ferstel im Auftrag der k. k. privilegierten österreichischen Nationalbank. Das Geldinstitut, das zuvor an der gegenüberliegenden Straßenseite beheimatet war, hatte den Bau Ende der 1850er Jahre in Auftrag gegeben, und er beherbergt bis heute das legendäre Café Central, das um 1900 eines der beliebtesten Kaffeehäuser von Wien war. Genau an dieser Stelle ereignete sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein grauenhaftes Verbrechen, das weit über die Landesgrenzen hinaus für Gesprächsstoff sorgte. Es ist ein weiteres Beispiel für die Tat eines grausamen Massenmörders, der eine ganze Familie ausrottete. Was hier aber auch einen besonderen Stellenwert einnimmt, ist die Art der Urteilsvollstreckung. Wir sind also weiterhin auf den Spuren von grausamen Massenmördern und den Hinrichtungsmethoden früherer Jahrhunderte.
Der neue Geselle
Ende des 15. Jahrhunderts erwarb Leonhart Reisner, ein Bäckermeister, mit seiner Frau Elsbet ein bürgerliches Haus in der vorderen Schenkenstraße (heute Herrengasse 17, Ecke Bankgasse) von Mathes Steinpeck, einem Bürstenbinder. Der tüchtige neue Hausherr vermehrte sein Vermögen innerhalb weniger Jahre und war bald in der Lage, sich auch außerhalb der Stadt einige Grundstücke zuzulegen. Neben seiner Bäckerei führte er einen landwirtschaftlichen Betrieb, kaufte einige Weingärten am Rennweg, bei S. Theobald, zu Weinhaus und auf der Mauer, eine Wiese in der Tiefenau am Exelberg bei Dornbach und hatte sich ferner eine stattliche Summe Bargeld erspart, mit der er sein Heim im Stil eines wohlhabenden Bürgers ausstatten konnte. Eigentlich fehlte ihm nichts zu seinem Glück, doch dann brach jener unglückselige Tag an, der alles zunichte machen sollte.
Reisner nahm einen aus Regensburg zugewanderten Gesellen, einen gewissen Bartholomäus in Dienst. Der Junge wurde Barthel gerufen, sein Nachname ist nicht mehr bekannt. Wie damals üblich wohnte der neue Mitarbeiter im Haus des Meisters und lernte dadurch auch dessen Gepflogenheiten kennen. Er lebte sich in die Familie ein, spielte mit dem kleinen Töchterlein der Reisners und wusste bald, wo der Bäcker seine Ersparnisse aufbewahrte. Er hatte ihn mehrmals beobachtet, wie er Münzen hinter dem Ofen in der Stube versteckte. Und Barthel neigte zum Lotterleben. Er umgab sich mit liederlichen Bösewichten, versoff und verspielte seinen Lohn, kam seiner Arbeit nicht mehr nach, bis seinem Dienstherrn eines Tages der Kragen platzte und er den saumseligen Bäckersknecht vor die Tür setzte.
Ohne Anstellung nahm Barthels finanzielles Desaster im November 1500 derart überhand, dass er beschloss, sich an das Geldversteck seines ehemaligen Arbeitgebers heranzumachen. Er benutzte die Kenntnis des Hausbrauchs und schlich sich in der Nacht vom 22. auf den 23. November in des Bäckermeisters Wohnhaus. Dort stieg er die Treppe hinauf bis zur Dachkammer, in der mittlerweile sein Nachfolger wohnte, stellte sich unbemerkt vor dessen Bett, zückte seine mitgebrachte Axt und spaltete dem Schlafenden kurzentschlossen den Schädel. Dann nahm er sich die Bäckersleute vor und schlich sich in deren Schlafzimmer. Schließlich hackte er gnadenlos auf die beiden ein, bis sie leblos in ihren blutbesudelten Betten lagen. Um keine Zeugen am Leben zu lassen, musste er noch die Magd töten. Als er sich umdrehte, stand diese, durch den Lärm geweckt, schon in der Tür. Ein weiterer Hieb und sie brach tot zusammen. Endlich konnte er sich in Ruhe über die Kasse hermachen. Er kramte sie hinter dem Ofen hervor und wollte sich gerade wieder auf den Weg zurück machen, als sich ihm das nächste Hindernis in den Weg stellte. Die kleine, siebenjährige Bäckerstochter stand plötzlich vor ihm. Sie starrte den vor Blut triefenden Mörder angsterfüllt an, und während ihr bittere Tränen über die Wangen liefen, löste sie den festen Griff um ihre Puppe und hielt sie flehend dem Scheusal entgegen: O lieber Barthel, lass mich leben, ich will dir all mein Docken (Puppen) geben! Sie würde ihm auch zeigen, wo der Schlüssel ihres Vaters sei, wenn er sie nur am Leben ließe, bettelte die Kleine. Doch der eiskalte Geselle befürchtete, sie würde ihn verraten, und schreckte nicht davor zurück, selbst das Kind zu töten.
Dann wusch er sich Gesicht und Hände, riss alles Wertvolle an sich, packte noch ein paar Kleider des Bäckermeisters ein und eilte davon.
Ein Haus voller Leichen
In der Bäckerherberge gab er mehrere Runden aus, denn sein eben erworbenes Vermögen gehörte anständig gefeiert. Die entsetzliche Bluttat aber wurde bald entdeckt, und die Nachricht darüber sprach sich in Windeseile in ganz Wien und Umgebung herum. Als der Bericht über die Morde bis Barthel vordrang, tat er entsetzt und beklagte den Tod der Bäckerfamilie und seines Ex-Kollegen. Das Begräbnis wartete er noch ab, schloss sich dem Trauerzug an, um den Schein zu wahren, dann flüchtete er, so schnell er konnte, mit seiner Beute in Richtung Regensburg und in sein erhofftes Müßiggängertum.
Die Suche nach dem grässlichen Mörder wurde augenblicklich eingeleitet. Auf einem der Stadttürme postierte sich der Ausrufer und verkündete laut die Summe, die für das Auffinden des Verbrechers ausgesetzt wurde. Der erste Verdacht fiel auf den Bäckerjungen Paul Schieckl, der den Amoklauf im Reisnerhaus als Einziger überlebt hatte. Wo er sich gerade aufhielt, als der blutdürstige Barthel die Familie ausrottete, ist nirgends vermerkt. Schieckls Unschuld konnte gottlob bewiesen werden, und er soll sogar für die ausgestandenen Qualen in der Haft und seine psychischen Nöte eine reichliche Entschädigung bekommen haben.
In der Folge wurde alles aufgeboten, um des wahren Schuldigen habhaft zu werden. Bald war sicher, dass es sich um den entlassenen Bäckergesellen Bartholomäus handeln müsse. Alle Indizien sprachen dafür: die Ortskenntnis, die Geldnöte des Arbeitslosen und sein plötzliches Verschwinden. Auf dessen Spur kam nur wenige Wochen nach dem Gewaltverbrechen ein gewisser Smidhanns. Es war ihm zu Ohren gekommen, dass sich Barthel in seine Heimatstadt zurückgezogen hatte. Nun galt es, ihn dort schnellstens festzunehmen und seine Auslieferung zu bewirken. Am 9. Dezember traten Smidhanns, sein Genosse Hanns Huebmer und der Bäckerjunge Schieckl, der mit einem Pferd und einem Pelz ausgestattet wurde, die Reise nach Regensburg an, um den Täter zu identifizieren.
Gefangennahme

Bereits am 2. Januar 1501 brachte ein Bote aus Regensburg die Nachricht von der Gefangennahme des Mörders. Durch Vermittlung des kaiserlichen Hauptmannes zu Regensburg, Sigmund von Rorbach, wurde die Auslieferung rasch bewerkstelligt. In eine Zille verfrachtet und in Ketten geschmiedet trat der Gefangene die düstere Fahrt auf der Donau an. In Linz nahm Smidhanns noch drei Söldner auf, um die Bewachung zu verstärken. Nach der Ankunft Barthels in Wien sollte ihm möglichst rasch der Prozess gemacht werden, und das Urteil ließ nicht lange auf sich warten. Am 26. Februar stand fest, dass der Regensburger Bäckergeselle Bartholomäus, der fünf Menschen – darunter sogar ein Kind – bestialisch getötet hatte, vom damaligen Stadtrichter Laurenz Hutendorfer zum Tode verurteilt worden war: Man sollt ihm seine zehen Finger ein nach dem andern abhacken und mit haysen Zangen zwacken.
Barthel gab in der Herberge mehrere Runden aus: Bordellszene, 16. Jahrhundert (Braunschweiger Monogrammist, Gemäldegalerie Berlin)
Das Urteil wurde am 1. März 1501 – andere Quellen sprechen vom 5. März – vollzogen. An diesem Tag wurde Barthel der wahrscheinlich grausamsten Strafe jener Zeit unterzogen. Vom Rathaus, wo er die letzten Tage seines Lebens verbracht hatte, wurde er auf dem Armesünderwagen in der Stadt herum- und dann hinaus zum Hochgericht geführt, dort vom Züchtiger mit Zangen zerrissen, gerädert und auf den Pfahl gespießt. So steht es in den „Blättern des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich“.

Der Hohe Markt mit der Schranne, dem Wiener Stadtgerichtshaus, um 1500
Sein Bruder, ein Barfüßermönch, begleitete ihn in seinen letzten Stunden. Der Strafvollzug soll auf der Gänseweide stattgefunden haben, die üblicherweise für Menschenverbrennungen reserviert war. Die Gänseweide befand sich auf jenem Gebiet im heutigen 3. Bezirk – Landstraße –, wo in den 1980er Jahren das Hundertwasserhaus gebaut wurde. Ein ziemliches Stückchen außerhalb der Stadtmauern also, doch in solchen Fällen war den Wienern kein Weg zu weit. Die ganze Stadt war auf dem Richtplatz erschienen.
Der langsame Tod auf dem Pfahl
Das Pfählen wurde in Wien folgendermaßen praktiziert: dem Verurteilten steckte man zunächst einen zugespitzten, eingefetteten Holzpfahl in den Anus. Dann zogen der Scharfrichter und seine Schergen den Aufgespießten mit einem heftigen Ruck nach unten, sodass der Pflock das Herz durchbohrte und beim Schlüsselbein wieder austrat. Wurde der Vorgang sachgemäß durchgeführt, trat der Tod einigermaßen rasch ein:
Die Spieße von Holtz mit Unschlitt oder Talk … man bindt solchen Übeltätern Sailer an die Füße, stößt ihnen den Spieß zu dem hinteren Leib hinein … Zuerst aber kniet der Verurteilte mit in den Staub gedrücktem Haupte nieder, die angezogenen Oberschenkel gekreuzt; … und die Bahn hinreichend eingefettet, der Pfahl, aber nicht angespitzt, sondern abgestumpft, … die Organe beiseiteschiebt, und wird fünfzig bis sechzig Zentimeter in den Mastdarm eingeführt, dann mit dem Verurteilten senkrecht aufgerichtet. Und der Körper mit seiner Schwere drückt Mann oder Weib hinab, und langsam dringt der Pfahl durch den Körper, sucht den tödlichen Weg.
Selbst zu dieser Zeit, als man besonders grausige Hinrichtungsmethoden noch sehr zu schätzen wusste, war das Pfählen nicht mehr in Mode. Doch aufgrund der Unmenschlichkeit der Tat und der Schwere des Verbrechens entschied sich der Richter für die Pfählung. Der Henker war deshalb völlig aus der Übung, so lange hatte er niemanden mehr aufgespießt. Untrainiert, wie er war, machte er beim Hineinstecken des Pfahles etwas falsch: Die spiz setzt er ihm in Wayd darmen und rucket als ein starcker Knecht. Der arm der schreiyt es geht nicht recht. Zeuch aus und stoss in anders ein. Barthel gab sozusagen Anweisungen an seinen Peiniger. Wie laut er dabei geschrien haben muss, will sich wohl niemand vorstellen. Erst beim zweiten Versuch gelang die Durchbohrung. Fünf ganze Stunden dauerten Barthels Höllenqualen, dann wurde er endlich vom Tod erlöst.
Nach der Pfählung des Fünffachmörders wurde diese Art der Todesstrafe in Wien nie wieder vollstreckt. Welche Kosten der Stadt durch das ruchlose Verbrechen erwuchsen und was dadurch in die Magistratskasse floss, zeigt die folgende Einnahmen-Ausgaben-Rechnung:
Ausgaben:
1. für die Verfolgung und Einbringung des Mörders 332 Pf. 6 sh. 7 dn
2. für die Hinrichtung 6 Pf. 3 sh. 11 dn.
3. für das Seelenheil der Ermordeten 69 Pf. 2 sh. 12 dn
4. für die Schätzung und Bewirtschaftung des Besitzes 34 Pf. 2 sh. 1 dn.
432 Pf. 6 sh. 1 dn.
Einnahmen:
1. Verkauf des Hauses 158 Pf.
2. Weinausschank 1501 49 Pf. 7 sh.
3. Bargeld 381 Pf. 7 sh.
4. Verkauf von Weingärten u. A. 94 Pf. 6 sh. 29 dn.
684 Pf. 1 sh. 29 dn.
(dazu der unbekannte Erlös aus der fahrenden Habe)
Die Moritat von Barthel, dem Bäckergesellen
Der Nürnberger Meistersinger Kunz Has (auch die Schreibweisen Contz Hass, Kunz Haß, Kuntz Hass etc. finden sich in einigen Schriften) hat einen Reimspruch über die schreckliche Untat des Bäckergesellen verfasst, die zur Gänze erhalten ist. Irrigerweise hat Has die Geschichte ins Jahr 1504 versetzt. Die „Wahre Geschichte von einem Bäckerknecht“ berichtet auch, wie reumütig Barthel sein Leben beendete. Hier ein Auszug:
… Der Henker einen Pfahl hernahm.
Damit er ihn dann jetzt sollt spießen,
Der Henker hätt’ kein gut Wissen,
Wie er das Werk sollt’ fangen an,
Denn er hätt’s lang nicht mehr getan.
Jedoch so hätt’ er kein Erbarm,
Die Spitz setzt er ihm in Waiddarm,
Und drückt wie ein starker Knecht.
Der Arme schrie: „Er geht nicht recht.
Zieh raus und stoß ihn anders ein,
Und das die bitter Marter mein,
Desto länger an mir möchte währn,
Das will ich alles leiden gern.
Dann ich es wohl verschuldet han,
Und hätt’ ich hundert Mord getan.
Betrübt es mich nicht also hart,
Das ich dem jungen Maidlein zart,
Sein Leben nahm auch an der Statt,
Daß mich so schön und freundlich bat:
, Lieber Barthel, laß mich leben,
Ich will dir all mein Docken geben.‘
Wenn ich dasselbe Wort betracht’,
So geht mir zu ein Ohnemacht.
Ein jeder Mann kann’s wohl verstehn,
Es gibt kein’ andern Schatz, denn den.
Wollt es mir geben mit der Kisten,
Daß es nur möcht’ sein Leben fristen.
In Bosheit war ich ganz erblind’,
Daß ich ermord’ dasselbe Kind.
Darum, so bitt ich Arm und Reich,
Daß ihr wollt alle innigkleich, Bitten,
Gott und die Mutter sein,
Daß mir die bitter Marter mein,
Helft mir, daß ich nicht werd’ verloren.“
Bei ihm ein Herr stand vom Barfußorden,
Derselb, sein leiblich Bruder wars,
Viel schöne Ding’ er ihm vorlas.
Sollt ansehen sein arme Seel,
Und sie opfern Sankt Michael.
Er antwort’ ihm mit Worten leis:
„Bruder, ich will mit allem Fleiß,
Als wahr, als du mein Bruder bist,
Will ich sterben als ein rechter Christ.“
Das Wort erbarmt viel Leut’ ohn’ Zahl,
Fünf Stund’ – die lebt er an dem Pfahl.
O ein jedermann nähme zu Herzen,
Wie er mit den großen Schmerzen,
Dennoch so lange konnte leben,
Und mochte Red’ und Antwort geben.
Er sprach: „Gott will mir Gnad erzeigen.
Mein Haupt will ich auf die rechte Hand neigen.
Fällt’s widerum auf die linke Hand,
So werd ich in die Höll’ gesandt.“
Gar bald sein Leben nahm ein End,
Sein Haupt sich da nicht anders wend.
Bleibt auf der rechten Seiten stehn’,
Davon all Menschen Hoffnung sehn’.
Und werden im Glauben nicht verirrt.
Spießen des Bäckergesellen Barthel wegen mehrerer Morde 1501 (1504) in Wien: zeitgenössisches Flugblatt in der Nachrichtensammlung des J. J. Wick.
„Ein neuer Stern über Stadt und Schloss Krumau“: Das Herz des UNESCO-Weltkulturerbes an der Moldau
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