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Barbara Sichtermann

Karl Marx neu gelesen

„Der tote Hund beißt!“

FUEGO

Barbara Sichtermann

Marx heute

»Da ist z. B. dieses stinkende Wirtshaus, da kommen sie zusammen und setzen sich in eine Ecke. Na, und worüber werden sie reden? Doch über nichts anderes als über die Weltfragen: Gibt es einen Gott, gibt es eine Unsterblichkeit? Und die nicht an Gott glauben, die werden über den Sozialismus und den Anarchismus reden, über eine Umgestaltung der ganzen Menschheit nach einer neuen Ordnung; weiß der Teufel, was dabei herauskommt, das sind doch alles die gleichen Fragen, nur vom anderen Ende her gesehen. Und eine Unmenge der originellsten Knaben tun bei uns heutzutage nichts anderes, als über die letzten Probleme reden. Ist es nicht so?«

F. Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, 1879

Gehörige Zeitentrücktheit

Die Armut kommt zurück in den Westen, das Elend in seiner Schreckensgestalt als Straßenräuber, Kinderstricher und Drogenopfer. Ganz war es nie verschwunden, aber die für seine Beobachtung, Linderung und Einhegung zuständigen Spezialisten bearbeiteten es meist so wirkungsvoll, dass es dem Anblick der Glücklicheren entzogen blieb. Seit dem Fall der Mauer ist es besonders in der deutschen Hauptstadt wieder sichtbar. Berlin erwacht zu einer ganz normalen westlichen Metropole wie New York oder Rom – inklusive der dazugehörenden Kriminalitätsrate, der Preisexplosion bei Citygrundstücken, der Verwahrlosung in den Außenquartieren und des Verkehrsinfarkts, zu einer Großstadt mit mengenweise mittellosen Zuwanderern, geschlagenen Glücksrittern, alkoholabhängigen Arbeitslosen und verbitterten Kleinstrentnerinnen. Ob die Armut noch weiter westwärts ziehen und Städte wie Frankfurt, Mannheim, Düsseldorf an ihre tückische Überlebensfähigkeit erinnern wird, sei dahingestellt. Sehr wahrscheinlich ist, dass der Sozialstaat, die säkulare Antwort des Westens auf die Unzulänglichkeiten des Kapitalismus, an seine Grenzen stoßen und seine Erfinder und Verwalter vor neue Herausforderungen stellen wird. Die pflegen schon heute mit umso reinerem Gewissen ihr Entsetzen, als sie sich schuldlos wähnen: die neueste Armut entstammt nicht ihrer eigenen Klientel, sondern der menschlichen Konkursmasse des realen Sozialismus. Sind sie etwa verantwortlich für die ausgepowerten Polen, die gequälten rumänischen Zigeuner und die konsumhungrigen Russen, die da an das ehemalige Westberlin herandrängen? Im Gegenteil, die Freiheit ist die letzte Hoffnung dieser Verlierer, sie war es immer schon. Die Marktwirtschaft und ihr sozialer Überbau stehen gerührt, aber schlecht gerüstet, bereit, um das Schlimmste zu verhüten, wenn die Armut in den Westen zurückkehrt.

Wieso »zurück«? Was da kommt, ist doch eine Invasion von Habenichtsen, die ihr Gastrecht bzw. ihr Recht, als Gäste aufzutreten, zu reisen und sich zu verändern, eben erst errungen haben. Die kommen von außen und insofern nicht »zurück«. Der Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen war weder das Werk des Westens noch sein Wunsch. Es genügt, wenn die kapitalistischen Demokratien, allen voran die Bundesrepublik, einen Teil der Folgelasten tragen, indem sie den Immigrantenstrom kanalisieren, Hilfeleistungen aufbringen und mit Kapital, und Know-how zur Verfügung stehen. Man kann ihnen doch nicht die Schuld an der Misere aufladen.

In der Tat, die Kategorie »Schuld« macht sich schlecht in so einem Kontext. Streichen wir sie, suchen wir nach dem geeigneten Begriff. Und fragen wir so: Kann man die Errichtung einer mit sozialistischer Ideologie legitimierten Einparteien-Diktatur in der nachmaligen Sowjetunion ohne die Existenz eines überlegenen kapitalistischen Westens erklären? War nicht der Sozialismus als Kritik, Gegenentwurf, Modell und Großversuch immer eine Reaktion auf kapitalistischen Wildwuchs – der vor hundert Jahren noch keine Beschneidung, d. h. keine Demokratie und nur Ansätze eines Sozialstaats kannte? Ist insofern nicht die Armut, die heute aus dem zusammenbrechenden Großversuch flieht, mittelbar ein Produkt auch des Westens? Das realsozialistische Experiment war in seinem Ursprung eine (russische) Gegenposition – gegen die bedrohliche Überlegenheit des Kapitalismus der alten westlichen Zivilisationen. So gesehen dürften die historischen Sieger in der »Konkurrenz« von Markt und Kommandowirtschaft, Individualismus und Kollektivismus, Parteienpluralismus und KP-Diktatur ihre Verantwortung für das Desaster des Sozialismus, seiner Errichtung und Abdankung, doch nicht so ganz von sich schütteln.

Zugegeben, es bedarf eines zeitentrückten Standpunktes, um eine solche Verantwortung wahrzunehmen und gar zu verlangen, dass die »Sieger« sie tragen. Wenn die Kosten für die Sanierung der kaputten DDR, für eine Unterstützung der Wende-Verlierer, für das Huhn im Topf der Polen, deren Gänse wir Weihnachten immer geschmaust haben, für eine Umschulung der jungen Sachsen, die in Zwickau Trabis geleimt haben, und für ein Dach überm Kopf der Siebenbürger oder wer sonst in den üppigen Kapitalismus drängt – wenn diese Kosten aufgebracht werden sollen und die feiste Wohlhabenheit des Westens gereizt die Schatulle schließt, dann wird es nötig, ein wenig auszuholen. Zeitentrücktheit ist nichts anderes als eine Konsequenz des historischen Blicks – und der gehört sich durchaus, wenn es, wie jetzt zwischen Ost und West, um epochale Zuständigkeiten geht. Fragt man, wie alles anfing, so landet man bei 1917. Oder 1848. Oder 1789. Jedenfalls im 19. Jahrhundert und bei Karl Marx.

Die Illusion der Schwere

Der Gründervater des Sozialismus war nur einer von vielen. Geradeso wie es im vorderen Orient zu Zeiten des biblischen Jesus von Propheten und Wunderheilern wimmelte, drängten sich in der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts an den Stammtischen, in den Redaktionen und Versammlungslokalen Europas die weltlichen Weltverbesserer. Der Sozialismus war eine Verheißung, ein Reiz und Modethema, ein profanes Evangelium, er war die utopische Antwort auf die normative Kraft faktischer Erschütterungen, die den Kontinent im Gefolge der Revolutionen des Bürgertums aufwühlten. Er lag in der Luft wie vormals in der antiken Welt die Erlösungshoffnung. Dass es Marx war, der unter den zahlreichen sozialistischen Denkern und Politikern als ideeller Gründer der Sozialdemokratie und später der europäischen Sowjetrepubliken überlebt hat, ist ein Stück weit historischer Zufall. Er war nicht der einzige europäische Revolutionär, der in der Arbeiterschaft den Freiheitshelden der Zukunft und im zaristischen Russland den Hort der schwärzesten Reaktion erblickte – und folglich den russischen Umstürzlern seiner Zeit eine wenn auch skeptische Sympathie bekundete. Was ihn gleichwohl von seinen Mitstreitern unterschied, die Substanz seines theoretischen Werks, kann schon deshalb nicht der Grund für seine Bedeutung in der westlichen und der russischen Sozialdemokratie gewesen sein, weil man ihn hier wie dort missverstanden, umgedeutet oder gar nicht erst studiert hat. »Die Partei Bebels und Liebknechts« führte immerhin noch ihre (posthume) Auseinandersetzung mit Marx, die Russen aber fledderten ihn. Sie mussten es tun, denn er passte nicht in ihre Landschaft. Warum sie ihn überhaupt adoptierten, bleibt erklärungsbedürftig.

Es wird so gewesen sein, dass die Autorität der deutschen Sozialdemokratie innerhalb der Zweiten Internationale den Russen gar keine andere Wahl ließ als die, »Marxisten« zu werden, dass also Marx unter den russischen Revolutionären als deutscher Exportartikel zu Ansehen kam, wobei der Ausgang fraktioneller Fehden, Spaltungen und Vereinigungen letztlich entscheidender war als das Gewicht der Theorie, die Marx vorgelegt hatte. Es ist eigenartig, wie lange sich sowohl unter den Angreifern als auch unter den Verteidigern der Marx’schen Ideen die Illusion gehalten hat, »Das Kapital« oder »Der Bürgerkrieg in Frankreich« seien, als zur materiellen Gewalt verdichtete Gedankenarbeit, höchstselbst nach Russland einmarschiert und hätten dort als geistiges Zentrum die Bolschewistische Partei ferngelenkt. Als Marx den Satz von der Theorie schrieb, die zur materiellen Gewalt werde, sobald sie die Massen ergriffe, hat er wohl kaum ein bestimmtes theoretisches Werk gemeint, nicht einmal sein prospektives eigenes, sondern die Gedanken, die – mehr oder weniger elaboriert in der Luft einer Epoche liegen. Dass sich die Massen im Falle eines Falles ausgerechnet von der »Warenanalyse« würden ergreifen lassen, muss auch Marx bezweifelt haben – seine Arbeiten dienten bis zum Schluss der »Selbstverständigung« unter einer schmalen Schicht intellektueller Kommentatoren und Programmatiker der Arbeiterbewegung. Seine, Marxens, Aufklärung sollte natürlich einen politischen Zweck erfüllen; sie hat das im Sinne ihres Erfinders aber nur bedingt getan. Einmal dogmatisiert und zur »Lehre« kanonisiert, fiel sie der Kasuistik streitlustiger Schriftgelehrter zum Opfer und wurde je nach Lage getrimmt, verkürzt, gedehnt, unterschlagen und umgeschrieben. In der Hand sozialdemokratischer, kommunistischer, gewerkschaftlicher und sonstiger Fraktionen der Arbeiterbewegung mutierte sie zu ideologischem Kitt, der so oder so zurechtgeknetet werden konnte, der Anhänger wie Führungskader auf die Parteizentrale einschwören und sie an die jeweils herrschende Linie binden sollte. Dass durchaus Versuche gemacht wurden, den »wahren« Marx unter dem Wust der Umdeutungen hervorzubefördern, dass insbesondere die jungen Wissenschaften Soziologie und Wirtschaftstheorie gerade im Westen viel aus dem Marx’schen Werk schöpfen konnten – all das ändert nichts daran, dass dieses Werk weder in seiner ursprünglich komplexen und anspruchsvollen Fassung den Arbeiterführern Europas als handlungsleitende Maxime gedient hat, noch jemals die Massen ergriff. In der Ideologie besonders der russischen Kommunisten findet sich etwa so viel Marx wie Jesu Geist in den Urteilsbegründungen der Inquisition. Die beiden einzigen Revolutionäre, die fähig gewesen wären, auf Marx’sche Theoreme den gewandelten Umständen entsprechend zu reagieren und sie kongenial zu interpretieren, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki, landeten zwischen allen Stühlen und wurden am Ende von ihren eigenen Parteigenossen geopfert.

Pro captu lectoris habent suä fata libelli. Wir wissen doch, was aus Texten wird, die zwischen die Mahlsteine politischer oder religiöser Fraktionskämpfe und revolutionärer Umwälzungen geraten. Viel erstaunlicher als der Umstand, dass Marx missverstanden und verfälscht wurde, ist, dass die ehemaligen Sachwalter des realen Sozialismus genauso wie deren Gegner bis heute so getan haben, als offenbare sich der Dr. Karl Marx aus Trier mit den Hervorbringungen seines Genius unmittelbar in Fünfjahresplänen, nationaler Volksarmee, Staatssicherheit und Sozialistischer Einheitspartei. Dass nichts davon je in Marx’ Vorstellung Platz gefunden hätte, haben schon ältere Verteidiger des großen Philosophen belegt; was wir hier nachschieben, ist der an Marxisten und Anti-Marxisten gleichermaßen zu richtende Vorwurf einer grotesken Fehleinschätzung der Reichweite und Wirkungsmacht von Theorien. Kein einzelner Denker, nicht einmal ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, war imstande und wird je imstande sein, ein ganzes vor ihm liegendes Jahrhundert nach dem Bilde seiner Theorie zu formen. Und wenn es so erscheint, muss misstrauisch nach den wahren Triebkräften des Säkulums gefragt werden, die immer auch eine Antwort auf die Eigenart der ideologischen Selbstdarstellung bereithalten. Marx übrigens begann seine Laufbahn als Philosoph und Gesellschaftstheoretiker mit einer Polemik gegen diejenigen seiner Kollegen, die sich zur Revolutionierung ihrer Epoche mittels des bloßen Gedankens in der Lage sahen:

»Ein wackrer Mann bildete sich einmal ein, die Menschen ertränken nur im Wasser, weil sie vom Gedanken der Schwere besessen wären. Schlügen sie sich diese Vorstellung aus dem Kopf, etwa indem sie dieselbe für eine abergläubige, für eine religiöse Vorstellung erklärten, so seien sie über alle Wassergefahr erhaben. Sein Leben lang bekämpfte er die Illusion der Schwere, von deren schädlichen Folgen jede Statistik ihm neue und zahlreiche Beweise lieferte. Der wackre Mann war der Typus der neuen deutschen revolutionären Philosophen...«

Dieser Typus ist immer noch nicht ausgestorben. Marxisten ebenso wie Anti-Marxisten mochten sich bislang nicht zu dem von Marx so konzis herausgearbeiteten Standpunkt durchringen, wonach man Gesellschaftsformationen, politische Strukturen und den Charakter von Regimen nicht aus ihren ideologischen Rechtfertigungssystemen erklären kann. »Marx hat uns gezeigt«, schreibt Claude Levi-Strauss, »dass sich das soziale und individuelle Bewusstsein ständig selbst betrügt. Er stellt in den Sozial- und Humanwissenschaften eine Revolution dar, die mit der Revolution der Naturwissenschaften im 17. Jahrhundert vergleichbar ist.«

Selbst wenn unsere Chronisten dazu in der Lage sind, Geschichte und Ideologie (auch) zu trennen – beim realen Sozialismus und Marx machen sie eine Ausnahme. »Ludwig Erhard hat endgültig über Karl Marx gesiegt«, hieß es in der FAZ vom 28. April 1990, und das ist nur ein Beispiel von hunderten. Überall wird Marx gestürzt – als Vordenker, Vorkämpfer, Büste oder Straßenname, mit allen möglichen Siegern über seine angebliche magische Dauerwirkung muss er sich in einem Atemzuge nennen lassen. Und doch hat, behaupten wir, das imperialistische Terrorregime, für das man ihn verantwortlich machen will, seinen Namen eher zufällig auf seine Propaganda-Broschüren geklebt. Die Russen haben Marx nicht gekannt, und er hat eine Umwälzung nach seinen Ideen im Reich des Zaren für unmöglich gehalten. Der russische Marxismus war von Anfang an ein Missverständnis.

Die Ausgrabung des Professors Y aus Massachusetts

Wenn es richtig ist, dass an Karl Marx’ schauerlichem historischem Ruf der Zufall beteiligt war, dass er genauso gut wie etliche seiner Mitstreiter in Vergessenheit hätte sinken können, dann wäre es nicht ohne Reiz, auszudenken, wie die Nachwelt reagieren, was sie an ihm finden würde, wäre er tatsächlich heute unbekannt und durch die in Bibliotheken heimlich und geduldig geleistete Ausgrabungsarbeit eines, sagen wir, skurrilen amerikanischen Historikers, erneut ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. »Deutsch-jüdisch-englischer Philosoph und Ökonom aus dem 19. Jahrhundert wiederentdeckt« könnte eine Notiz im Feuilleton der Tageszeitung überschrieben sein, und die Monatszeitschrift für Politik und Kultur ginge dann solcherart ins einzelne: »Der 1818 in Trier als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geborene Karl Heinrich Marx, der, aus seiner Heimat wegen Verschwörerei ausgewiesen, später in England gelebt hat und Fachhistorikern als Mitbegründer und Berater verschiedener umstürzlerischer Sekten ein Begriff sein dürfte, hat, wie erst heute, über hundert Jahre nach dem Tode des exzentrischen Gelehrten publik wurde, eine voluminöse Untersuchung mit dem Titel »Das Kapital« hinterlassen, zusätzlich ein umfangreiches Konvolut von Skizzen und Einzelanalysen für Folgebände des Torso gebliebenen ökonomisch-soziologischen Gesamtwerks. Ein erster Band erschien 1867, wurde vom Publikum ignoriert, von der Kritik abgetan und verschwand schließlich in der Versenkung. Jetzt geht der Verlag X das Risiko ein, »Das Kapital« erneut zu veröffentlichen – mit einem Kommentar des Marx-Entdeckers Prof. Y von der Z-Universität in Massachusetts. Prof. Y macht sich für eine Neupublikation des Werks mit dem Argument stark, die in Methode und Sprache überraschende Modernität des Buches hätte die Zeitgenossen seines Autors überfordert, vermöchte aber heute ein geneigtes und geeignetes Publikum durchaus zu finden...« Käme der Verlag X auf seine Kosten? Könnte sich »Das Kapital«, bislang Bestseller aufgrund von Zwangsmaßnahmen, am Markt behaupten? Erweckte es in freiwilligen Lesern jene Teilnahme und Begeisterung, die Millionen gedeckelter Ostblock-Schüler bei der Lektüre schmalerer Propaganda-Schriften wie »Lohn, Preis und Profit« von Marx oder »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« von Friedrich Engels zu heucheln hatten? Wäre Marx, heute gleichsam neuentdeckt und unvoreingenommen studiert, ein Faszinosum?

Das wird sich zeigen – denn eine Neuentdeckung seines Werks ist heute wirklich möglich. Da sein Name zu Unrecht für den realen Sozialismus Pate gestanden hat, da er diskreditiert worden ist durch ein System, das mit seinem Denken, Hoffen und Handeln gar nichts zu schaffen hatte, sind wir Nachgeborenen ihm eine Ehrenrettung schuldig. Andererseits sind wir, die Zeugen seiner Entthronung, die er genauso wenig »verdient« hat wie seine Inthronisierung, erst heute frei, ihn unbelastet zu studieren. Gerade jetzt, wo niemand mehr etwas von ihm wissen will und wo er nichts mehr beweisen soll, können wir umso unbefangener danach fragen, was er eigentlich sagen wollte.

Nicht dass wir die ersten wären, die eine »Ehrenrettung« versuchen. Die Anzahl derjenigen, die Marx im Sinne akribischer Werktreue und mit der Anstrengung historischen Verstehens gegen seine Ausbeutung durch kommunistische Machtpolitiker zu schützen versucht haben, ist ansehnlich, wenn auch geringer als die der dogmatischen Parteifürsten und autoritären Ideologen, die aus ihm eine realsozialistische Galionsfigur gemacht haben. Die Studenten in Ostberlin, Budapest und Moskau lernten Marx in den Populärversionen ihrer Parteischreiber kennen, ihr ideologischer Ziehvater war Lenin – ein Mann, der Marx, soweit er ihn gekannt, gnadenlos verbogen hat. In der DDR wurden die Marx’schen Jugendschriften, darunter die erst 1932 entdeckten Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, zur Lektüre ausdrücklich nicht empfohlen. Begeisterte Marx-Leser galten überhaupt als verdächtig und mussten, wenn sie ihre Vorliebe bekannt werden ließen, mit Bespitzelung rechnen. Der Witz ist, dass Marx tatsächlich all das war und geblieben ist, was wir in unserem »Was-wäre-wenn«-Spiel unterstellt haben: ein einsamer Sektierer, zu Lebzeiten unbeliebt und ungelesen und nach seinem Tod eines Ansehens teilhaftig, das sowohl auf Seiten der westlichen Arbeiterbewegung wie auch bei den russischen Revolutionären viel mit taktischer Opportunität und wenig mit der Substanz seines Werkes zu tun hatte. Er blieb auch später weitgehend ungelesen. Bürgerliche Wissenschaftler wie Joseph Schumpeter, Werner Sombart und Ferdinand Tönnies ließen sich von seinem Werk beeindrucken und anerkannten sein Format. Aber die Köpfe der Arbeiterbewegung, die seine Gedanken hätten aufnehmen und fortführen sollen, denen fehlten Vorbildung, Interesse und Zeit für eine ausführliche Befassung mit Marx. Die Berufung auf ihn war ihnen wichtiger – sie setzte eine wirkliche Kenntnis nicht voraus. Das Renommee, das Marx posthum unter den unabhängigen Köpfen seiner wissenschaftlichen Kollegen gewann, litt durch die politischen Unruhen, durch die Klassenkämpfe, in denen sein Name für die proletarische Partei stand, durch Krieg, Bürgerkrieg und Stalinismus. Die Firma Marx war für das bürgerliche Westeuropa schon lange keine Empfehlung mehr, als schließlich die Nazis sie verboten und verbrannten. Die wenigen Marxisten, die Marx wirklich kannten und seine Ideen unter den propagandistischen Entstellungen wieder hätten hervorholen können, wurden ins Exil oder zum Schweigen gezwungen, und diejenigen, die mit seinem Namen Politik machten, hatten von ihm keine Ahnung. So kam es, dass Marx, heute einer der meistgenannten Autoren des 19. Jahrhunderts, ein Unbekannter geblieben und unser fiktiver Professor Y gar nicht so weit hergeholt ist. Die Studentenbewegung der 60er Jahre hat Marx wieder rezipiert und eine neue Debatte um sein Werk entfacht. Aber auch hier geriet seine Botschaft unter die Räder fraktioneller Zwistigkeiten. Doktrinäre Exegese erstickte den Versuch, das 20. Jahrhundert im Licht der Theorie von Marx zu betrachten, und die breitere Öffentlichkeit identifizierte ihn störrisch mit der Gegenpartei im Kalten Krieg. So blieb eine zeitgenössische Neuinterpretation im Ansatz stecken.

Strukturanalyse von unverbrauchter Überzeugungskraft

Jetzt, wo der Einfluss des dogmatischen Marxismus schwindet, ja wo die staatlich bestellten und bezahlten Exegeten sich der Gehirnwäsche, die sie mit unschuldigen Schülern und Studenten trieben, redlich schämen, ist die Stunde gekommen, Marx’ Werk ohne politische Berechnung, dafür mit historischem und sachlichem Interesse neu zu sichten. Ein Schatz ist zu heben – an philosophiegeschichtlichen Kommentaren, heuristisch fruchtbaren Methoden, zeitgeschichtlichen Untersuchungen, sozialkritischen Skizzen, politisch-spekulativen Entwürfen und wirtschaftstheoretischen Konstruktionen. Es ist ein enormer analytischer Scharfsinn zu bewundern, empirische Detailbesessenheit, historisches Wissen, theoretisches Genie, kritische Schlagfertigkeit und stilistische Meisterschaft. Wird Marx erst von der absurden Unterstellung erlöst, er sei ein Prophet gewesen – der alles habe kommen sehen, sagen die einen; der sich furchtbar geirrt habe, sagen die anderen –, kann man ihn auch wieder ernst nehmen. Fällt das Vorurteil, er sei »zu schwierig«, kann man ihn sogar wieder lesen! Selbst sein »Kapital«, von Schülern wie Gegnern als apokryphes und schlechthin unlesbares Meisterwerk verschrien, ist just wegen seiner tüftelnd-schrittweisen Entwicklung des Arguments nach Art eines gelungenen Mathe-Lehrbuchs idiotensicher. Jeder versteht es, der sich die Zeit nimmt, es Wort für Wort zu lesen. Es wäre umgekehrt ein Kunststück, Marx, diesen Genauigkeitsfetischisten, der alles – in wechselnden Formulierungen, versteht sich – dreimal sagt und dann noch mit einer epischen Miniatur illustriert, nicht zu verstehen. Wer immer sich dazu entschließt, ihm Lesemuße zu opfern, wird nicht enttäuscht werden. Marx hat zu erklären, zu berichten und zu fluchen, und er lehrt immer noch, wie man studiert, denkt und schreibt.

Aber lohnt er sich abgesehen davon? Bringt »unbefangene« Marx-Lektüre heute mehr als einen gewissen Aufschluss über Denkstile und politische Prätentionen der allmählich sich herausbildenden Linken in Europa? Was bleibt von Marx, wenn man ihn aus der Propheten-Pflicht nimmt und ihm dieselbe Gerechtigkeit widerfahren lässt, die jedem Autor einer versunkenen Epoche gebührt, ihn also immanent betrachtet, d. h. ihn in aller Vorsicht und im Wissen um die eingebauten Schranken eines solchen Unternehmens, historisiert? Heute Marx zur Lektüre zu empfehlen – das muss mehr versprechen als eine Rehabilitation des missbrauchten Denkers oder neues Licht auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es muss weiterhelfen und anstoßen auch bei dem Unterfangen, die heutigen Zustände der kapitalistischen Zentren in ihrer politischen Lebenskraft und in ihrer apokalyptischen Furcht, in ihrer ökonomischen Blüte und ihrer ökologischen Fäulnis, in ihrem stolzen Reichtum und in ihrer verschämten Armut, in ihren sozialen Ausdifferenzierungs- und Nivellierungstendenzen besser zu verstehen. Hierfür ist Marx, behaupten wir, immer noch fruchtbar. Der amerikanische Prof. Y schreibt in seinem Vorwort: »Obwohl die Leitbegriffe seines (Marxens) CEuvres: »Geschichtsprozess«, »Revolution«, »Aufhebung der Selbstentfremdung« und »historisches Gesetz« aus der philosophischen Debatte seiner Zeit zu begreifen und zu interpretieren sind und in unsere Epoche weder als geschichtliche Diagnose noch als Handlungsanweisung mehr hineinpassen, liefert Karl Marx gleichwohl in dem eigentlichen Corpus seines Werkes, der Untersuchung des Kapitals, oder, wie er es nennt, der »Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft«, eine Strukturanalyse von unverbrauchter argumentativer Überzeugungskraft, logischer Stringenz und überraschender Bilderfülle. Seine Darlegung des kapitalistischen Produktionsverhältnisses als eines funktionellen Antagonismus ist immer noch geeignet, vor einem naiven Frieden mit den kapitalistischen Verhältnissen zu warnen und das Bewusstsein für die Unabdingbarkeit politischer Wachsamkeit zu schärfen.«

Das ist nach Professorenart ein bisschen geschwollen ausgedrückt, aber was den sachlichen Kern betrifft, so können wir zustimmen. Es wäre erfreulich, wenn Marx ganz und gar »unrecht« hätte, wie nicht nur seine Gegner, sondern auch viele Kenner und manche Bewunderer gern resümieren. Wir hätten es dann wohl leichter mit einer Reform des Kapitalismus und einer Milderung der fatalen Konsequenzen dieser Produktionsweise: der stets erneuerten Hervorbringung scharfer sozialer Ungleichheit, der mangelhaften Möglichkeit, sozial unverträgliches einzelwirtschaftliches Handeln zu unterbinden und dem andauernden gefährlichen Gefälle zwischen Zentren und Dritter Welt. Dass Marx diese Probleme herausgearbeitet hat – wenn auch seine Lösung »philosophisch« geblieben, d. h. metaphysisch und letztlich falsch gewesen ist –, das sichert ihm bis heute Aktualität und ist wahrscheinlich der letzte Grund dafür, dass es um ihn, obwohl er weder massenhaft bekannt noch angemessen rezipiert wurde, doch nie still geworden ist.

Demokratie als legale Revolution

Bevor wir Prof. Y bitten, uns genauer darzulegen, warum er findet, dass seine Entdeckung auch der heutigen Zeit etwas mitzugeben habe, wollen wir Marx als »Kind seiner Zeit«, als Produkt und Reflex von Zuständen, gegen die er angekämpft hat, vorstellen. Wie war das mit der Revolution, der Kommunistischen Partei und der »Expropriation der Expropriateure«? War nicht Marx mit Terroristen im Bunde? Kann man den Verschwörer und Dunkelmann, der er auch gewesen ist, vom Wissenschaftler und Aufklärer trennen?

Man muss es nicht. Zu Marxens Zeit war jeder Mensch mit einem Herz im Leibe ein Verschwörer. Man vergegenwärtige sich die Zeit von Marxens Jugend, das Jahrzehnt vor 1848, man erinnere sich an die europäische Geschichte seiner Hauptwirkungszeit, der Jahrzehnte von 1848 bis 80. Die große französische Revolution lag, als Marx das »Kommunistische Manifest« schrieb, nur wenig weiter zurück als heute der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Der Umsturz hatte als Beschleuniger der trägen Geschichte sowohl den ersten und den zweiten Stand in Schrecken als auch die ungeduldige Intelligenz in Aufruhr versetzt: die Geschichte machte Sprünge – also musste sie sich auf die Sprünge helfen lassen. Es war nur herauszufinden, in welche Richtung sie sich zu bewegen anschickte – und schon konnte man schieben. Man brauchte nicht zu warten, bis die Reaktion ihr letztes Unterdrückungsinstrument zurechtgeschliffen hatte.

»Die Revolution« lag während des ganzen 19. Jahrhunderts in der Luft Europas – und sie brach sogar einige Male aus. Allerdings dort nur schwach und kurz, wo man am meisten auf sie gerechnet hatte: in Deutschland. Die Enttäuschung der progressiven Intelligenz war maßlos. Zum Eingriff in den Lauf der Geschichte hatten sich die nach rückwärts orientierten Kräfte des alten Europa fähiger erwiesen als die bürgerlich-demokratischen Neuerer. Der Jahrhundertkonflikt zwischen Volkssouveränität und Monarchie entschied sich 1848 zugunsten der letzteren.

Marx war politischer Exilant, persona non grata in Preußen, ausgewiesen auch aus Paris und Brüssel, ein Paria in der Londoner Society, bettelarm, ohne Aussicht auf Karriere, Einkommen, Reputation. Er war ein lebendes Beispiel für die Roheit der vordemokratischen Regime in Europa, die ohne zu fackeln eine Existenz vernichteten, wenn die es an Botmäßigkeit fehlen ließ. Immerhin hatte Marx weder ein Attentat auf den preußischen König verübt noch eine Untergrundarmee zusammengestellt. Er hatte lediglich in einigen radikalen Blättern und im Rahmen eines Einflusslosen Zirkels Propaganda für ein Reformprogramm gemacht, dessen Konsequenzen uns heute als blanke Selbstverständlichkeit erscheinen: deutsche Einheit, Republik, allgemeines Wahlrecht, kostenfreie Elementarerziehung und die Eisenbahnen in Staatshand. Man darf, wenn man den Revolutionär Marx als potentiellen Rechtsbrecher oder Volksverhetzer ins Visier nimmt, nie vergessen, dass er und seine gleichgesinnten Zeitgenossen eine parlamentarische Demokratie von uns heute vertrautem Zuschnitt nicht gekannt haben. Es gab kein allgemeines Wahlrecht, kein auf diesem Wege konstituiertes Parlament als oberstes Verfassungsorgan und keine Durchpolitisierung des Lebens im Sinne eines formellen gleichen Rechts für alle, per Citoyen im praktischen Sinn als individuelles Rechtssubjekt war noch nicht ausgebildet. Während das Bürgertum auf politischen Einfluss drängte und die Vorläufer der linken Parteien das Recht auch der Mittellosen auf politische Repräsentanz in der Idee vorwegnahmen, bewahrte doch die Monarchie sehr weitgehend die Privilegien des Adels und der Besitzenden und schaltete frei mit ihren Machtmitteln: der Armee, der Polizei, der Steuerhoheit und dem Zugriff auf die Köpfe mittels Zensur und kirchlich gestützter Frömmelei. In Preußen herrschte das Dreiklassenwahlrecht bis 1918, im Deutschen Reich war der Reichskanzler dem Parlament nicht verantwortlich, und selbst in England blieb die Prärogative der Krone erhalten. Als politisch involvierter und gerecht denkender Mensch hätte man zu Marxens Zeiten das Temperament einer griechischen Landschildkröte gebraucht, um den Gedanken an eine Revolution nicht zu fassen. Wobei insbesondere an die legale Variante zu erinnern ist, die dem Begriff der Revolution damals innewohnte: dass das allgemeine Wahlrecht die große Masse der Kleinbauern, Kleinbürger und,Lohnarbeiter zur politischen Herrschaft bringen und die Republik nebst Enteignung des Großgrundbesitzes und des großen Produktivvermögens per Gesetzgebung einführen werde: das war die Hoffnung der jungen Demokraten und der sogenannten Kommunisten, und es war die allenthalben zur reaktionären Prävention antreibende Befürchtung der alten Mächte. Auch Karl Marx hat es für möglich und wünschenswert gehalten, dass die europäische Revolution in dieser Weise zivil und legal vor sich gehe, und politisch fortgeschrittene Länder wie die Schweiz, Holland und Amerika als dazu in der Lage angesehen.

Marxens politische Vorstellungen, die, wenn nicht ohnehin der reinen Tagesaktualität verpflichtet, kursorisch und interpretationsfähig, häufig mehrdeutig und schwärmerisch geblieben sind, bedürfen der historisierenden Einordnung besonders nötig, da eine Herauslösung aus dem Kontext sie leer und vage und auch aufgrund ihres Pathos für beliebige Deutungen geeignet macht. Seine vielzitierten Sätze über die Pariser Kommune, »die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollzieht«, konnten nur deshalb als Legitimation für eine Einparteiendiktatur Missbraucht werden, weil die Redlichkeit der historischen Zuordnung von Lenin und Nachfolgern suspendiert worden war. Die verfängliche Formulierung von der »Diktatur des Proletariats« sollte eine Spielart demokratischer Mehrheitsregierung bezeichnen, die sich über das Interesse der Minderheit hinwegsetzt – ganz so wie es nach Marx’ Meinung zu seiner Zeit etliche »Diktaturen der Bourgeoisie« mit dem Interesse der Mehrheit gemacht hatten. Seine »Diktatur« ist gerade keine nicht-legitimierte Regierung, sondern das Produkt einer innerhalb der demokratischen Verfassung möglichen legalen Umwälzung.

Als politischer Denker findet sich Marx trotz allem zeitweiligen Liebäugeln mit dem Regelverstoß, der Sektiererei und der revolutionären Gewalt immer auf der Seite der radikalen Demokratie. Außerhalb von Massenbewegungen, die wirklich die Sympathie und Unterstützung breiter Mehrheiten auf ihrer Seite wissen, gibt es in seinem Denken weder Revolution noch Volkssouveränität – und beides konnte zu seiner Zeit füreinander einstehen.

Unter »Partei« verstand Marx die proletarische Klassenbewegung in ihrer Perspektive – nachdem sie zur Mehrheit angewachsen sein würde. Die Bemühungen der KPdSU und der SED, die »Partei Marx«, welche nichts anderes war als eine Strömung innerhalb des Spektrums wenig Einflussreicher radikaler Gruppierungen im nachmaligen linken Lager Europas, zu ihrem unmittelbaren Vorläufer zu stilisieren, waren so dreist wie dumm. Marx hasste die Stammtischpolitik kleiner proletarischer Napoleons und hätte einen Putsch auch zum Zwecke der Durchsetzung seines eigenen Programms nie akzeptiert. Denn die historischen Kräfte, auf die er baute und für die er arbeitete, sollten als wirkliche Menschen vorhanden und als Mehrheit mit legitimer Macht versehen sein. Schließlich bezweckte sein Programm nichts weniger als die »Verwirklichung der Philosophie«.

Der Riss im Fundament

Während der Studentenbewegung der 60er Jahre wurde wiederholt Klage darüber geführt, dass Marx es versäumt habe, eine »Staatstheorie« auszuarbeiten; was man schließlich dafür nahm, eine Kompilation von zu ganz verschiedenen Anlässen getanen Äußerungen und Untersuchungen, litt unter jener Deutungselastizität, die bei den meisten politischen Schriften von Marx die Rücksicht auf den Kontext unabdingbar macht. Wer eine Staatstheorie bei Marx vermisst, hat nicht verstanden, worauf es ihm ankam. Zwar taucht das Thema »Staat« in seinen Arbeitsplänen auf, aber dass es zu einer Ausarbeitung nicht kam, ist kein Zufall. Marx hat als »Staatstheoretiker« das avancierte liberale und sogar einiges anarchistische Erbe in sich aufgenommen; ihm ging es darum, dass der »wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt«, dass die Gesellschaft ihre Verdoppelung in Gesellschaft und Staat überwindet und das einzelne Individuum unmittelbar zugleich »Gemeinwesen« wird. Für einen Staat, für jede Art von Herrschaftsausübung gäbe es in einer solchen »Assoziation freier Individuen« weder Bedarf noch Platz.

Dieser der Form nach Hegel’sche und dem Inhalt nach Rousseau’sche Gedanke ist Marx’ Ausgangspunkt, auf ihn kommt er immer wieder zurück. So wie er Feuerbachs Religionskritik für sich fortsetzt, indem er danach fragt, warum der Mensch sich ein »selbständiges Reich in den Wolken fixiert« und zur Antwort gibt: weil das irdische Reich in sich zerrissen, weil der Mensch mit sich uneins ist, so stellt er sich gegen Hegel, indem er den Weltgeist als Motor der historischen Entwicklung zugunsten der arbeitenden Menschen entthront. Auch die List der Vernunft kann den Zwiespalt zwischen dem egoistischen Privatier und dem Citoyen in seiner »politischen Löwenhaut« nicht aufheben – aber das Proletariat ist dazu in der Lage. Es verkörpert die allgemeinen Interessen, indem es keine besonderen mehr geltend macht, und ist auf diese Weise befähigt, »die Philosophie aufzuheben«, indem es sie verwirklicht, das heißt: die Versprechungen einlöst, welche die Philosophie nur vindiziert.

Was immer man von diesem Chiliasmus halten mag – er ist, zu Recht, als weltliche Erlösungsidee eingestuft worden –, eins zeigt er sehr gut: dass Marx kein Staatstheoretiker sein konnte, dass für ihn das politische ebenso wie das religiöse Leben keine eigenen Wurzeln hatte und sich in Dunst auflösen müsste, nachdem die Gesellschaft reif dafür geworden wäre, die Bedürfnisse, welche die Kirchen gestillt, und die Funktionen, welche der Staat erfüllt hätte, selbst, unmittelbar und ohne Verblödung der Schäfchen und ohne Unterdrückung der Untertanen, zu befriedigen und wahrzunehmen. Die anarchistische Idee von einem staatsfreien Zusammenleben lag Marx nahe, und die liberale Polemik gegen den »Schmarotzerauswuchs« Staat, der sich am Leib der Nation vergeht, hat er oft und gern wiederholt. Ebensowenig wie man sich Marx als in der Religionskritik aufgehend vorstellen mag, da er dieses Kapitel im Buch der menschlichen Verirrungen für abgeschlossen hielt, sollte man aus ihm einen Staatsdenker machen wollen: die »Maschine der Klassenherrschaft« – in der Hand welcher Klasse auch immer – sah er am liebsten »im Museum der Altertümer, neben dem Spinnrad und der bronzenen Axt« (Friedrich Engels).

Was Marx interessierte, war das Fundament all der spirituellen Gewalten, an denen sich die Philosophen seiner Zeit abgearbeitet hatten: des absoluten Geistes, der Religion, des Staates. Er entdeckte dieses Fundament in der »bürgerlichen Gesellschaft« und fand in dieser den Grund für das Eigenleben von Geist, Religion und Staat. Die Gesellschaft selbst war zerrissen und brauchte deshalb transzendente Instanzen, die den Riß zu heilen, über ihn hinwegzutrösten oder ihn zu verwalten hatten. Erlöst werden könne das in sich gespaltene Fundament, der sich selbst durch das Produkt seiner eigenen Arbeit »entfremdete« Mensch, nur durch eine Revolutionierung der Gesellschaft: durch eine endliche Einlösung des Gleichheitsversprechens mittels Aufhebung des Klassenwiderstreits.

Eine Religionskritik also, die das irdische Elend bestehen ließe und nur von den Elenden verlangte, dass sie sich ihre Jenseitsgrillen aus dem Kopfe schlügen, hielt Marx für genauso fruchtlos wie eine Propaganda gegen die Staatlichkeit ohne Revolutionierung des gesellschaftlichen Fundaments, auf dem der Staat ruhe und von dem er zehre, d. h. ohne die Errichtung von Zuständen, die keinen Staat mehr nötig hätten. Als Rückführer der ideal-, religions- und staatsphilosophischen Kontroversen seiner Zeit auf das »Fundament« Gesellschaft, auf die wirklichen Menschen und die »unter unseren Augen« sich abspielenden sozialen Kämpfe, war Marx ein konsequenter Anti-Metaphysiker und ein von den »positiven« Erfahrungswissenschaften geleiteter materialistischer Geschichtsphilosoph. Gefangen aber von den spekulativen Verführungen eben der Philosophien, mit denen er sich kritisch herumschlug, wurde und blieb er auch ein messianischer Idealist. Seine Geschichtsvorstellung endete in dem Tableau der staatsfreien klassenlosen Gesellschaft, die sozialen Kämpfe sollten für immer ein Ende finden und das Proletariat als weltlicher Heiland den Rettungsakt vollziehen. Dieses Bild ist allzu paradiesisch, als dass es seine religiöse Herkunft nicht verriete. Dennoch ist die Frage der diesseitigen Machteroberung aufgeworfen, und so gibt es kein gesichertes Zurück mehr in die »Nebelregion der religiösen Welt«. Die menschliche Subjektivität ist, als kollektive, vor eine Aufgabe gestellt: zu handeln nach Maßgabe ihrer vernünftigen Einsicht.

Prof. Y formuliert es folgendermaßen: »Der Gedanke, dass es die arbeitenden Menschen seien, die die Geschichte machen, war zu Zeiten von Karl Marx nicht ohne eine gewisse Kühnheit. Zu übermächtig erschienen die weltlichen Gewalten, zu fest verankert die religiösen Überzeugungen und zu mächtig die Gegenbeweise in Gestalt niedergeschlagener Revolutionen. Wenn auch die Marx’sche Geschichtstheorie weit in Vergangenheit und Zukunft ausgreift und dem in der Gegenwart z. B. des Jahres 1867 lebenden Baumwollspinner nicht zusichern kann, dass er den Morgen der Freiheit erleben werde, so schließt sie doch ein solches Versprechen auch nicht aus. Marx verweilt lauge und eindringlich bei den »Vorgefundenen Bedingungen« unter denen die Menschen ihre Geschichte machen: sie sind Produkte ihrer Vergangenheit. Zugleich aber sind sie die Schmiede ihrer Zukunft. Der Aufruf zum Eingriff, zur Tat, zur Praxis, der gleichwohl die Bedingtheit alles Handelns nicht verkennt und die Bedingungen selbst möglichst genau zu untersuchen strebt – der macht Marx zu einem verführerischen Agitator. Wäre er ein guter Redner gewesen oder wäre sein Werk nicht so vollständig in Vergessenheit geraten – wer weiß, wozu es sich hätte missbrauchen lassen. Als deutscher Philosoph teilt Marx die Tendenz zur Totalität und zur Pedanterie. Aber er ist niemals trocken und stubengelehrt. Er ist ein Einheizer. Sein ganzes umfangreiches theoretisches Werk ist der Tat gewidmet.«

Amerikaner neigen dazu, in den europäischen Geist, insbesondere den deutschen, alles mögliche hineinzugeheimnissen. Bevor wir Prof. Y noch einmal in Begeisterung geraten lassen, versuchen wir Marx nüchtern in den Grenzen von 1883 zu sehen.

Die Unerbittlichkeit des Gesetzes

Er ist als spekulativer Denker in Kategorien von Erlösung, bzw.: »Zurücknahme« (der religiösen, der politischen Sphäre in die Gesellschaft) altmodisch und praktisch widerlegt, als Modelltheoretiker und prognosefähiger Empiriker seiner Zeit voraus. Dies würdigt Claude Levi-Strauss, indem er Marx das Verdienst zuschreibt, die moderne theoretische Modellkonstruktion erfunden zu haben: »Ein Werk wie »Das Kapital« mit seinem Reichtum und seinen Komplikationen ist letztlich die Laborkonstruktion eines Modells der kapitalistischen Gesellschaft. Marx hat das Modell funktionstüchtig gemacht und die Beobachtungen, die er an ihm anstellen konnte, mit der empirischen Wirklichkeit verglichen.« Zugleich aber färbt die noch virulente Idee des Absoluten auf Marx’ empirisch gestützte Theorie ab und gibt sogar seinen tagesjournalistischen Einlassungen bisweilen einen missionarischen Oberton. Es findet sich manches in seinem Werk, was nicht recht ineinanderpasst. So zeigt uns die Lektüre immer wieder einen Gelehrten, der die Spekulation verachtet und dem hieb- und stichfesten Beweis einen fast schon irritierenden Rang in der Hierarchie wissenschaftlicher Mittel zumisst – dabei dann aber seine eigene Zukunftsvision mit einem Beweis verwechselt. Er hätte gern eine »Logik« geschrieben – das und nicht eine Staatstheorie sieht er selbst als Loch in seinem Lebenswerk. Die Analogien zur Naturgesetzlichkeit sind in seinen Schriften Legion – von der Biene, die hinter dem menschlichen Baumeister zurückbleibe, weil sie ihre Wabe gleich in Wachs baue statt zuvor im Geiste, bis zu dem Chemiker, dem es bis heute nicht gelungen sei, den Tauschwert in einer Perle zu entdecken. Marx wollte sein »Kapital« Charles Darwin widmen, weil er in dessen Arbeiten Analogien zu seinen eigenen vorfand – aber der Kollege hatte keine Lust, sich der »Partei Marx« zuordnen zu lassen. Der Gesetzesbegriff, den Marx verwendet, ist naturwissenschaftlich beeinflusst und soll die Unentrinnbarkeit betonen, mit der gesellschaftliche Zwänge sich vollziehen: dass z.B. die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit letztlich die Austauschverhältnisse der Waren regele, das, so Marx, verdanke sich einem Gesetz, welches mit derselben Unerbittlichkeit walte »wie das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt«. Mit dem »Gesetz« fuchtelt Marx immer dann herum, wenn er sich gegen vage, weiche, halbe Weisheiten insbesondere aus der Ökonomen-Zunft absetzen und wenn er politische Schwärmer und Systemerfinder von ihren Flausen heilen will. Alle Veränderungen, auch die revolutionären, können nur aus dem Bestehenden hervorgehen, sie haben sich also um die Gesetzmäßigkeiten zu kümmern, nach denen die »wirkliche Bewegung« (der Geschichte, der Klassen, des Kapitals) funktioniert – sonst bleiben sie ein leerer Wahn. Wer die Gegenwart ändern will, muss wissen, was in ihr vorgeht, muss das Gesetz kennen, unter dem sie angetreten ist – nur dann kann er eingreifen. Marx hat mit seinem »Kapital« eine solche mittelbare Handlungsanweisung geben wollen: hier habt ihr die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft, das Resultat einer dreißig Jahre langen Arbeit. Und jetzt setzt das Skalpell an der richtigen Stelle an!

Obwohl Marxens Gesetzes-Vorstellung die Naturanalogie vorwiegend zur Veranschaulichung benutzt und seine ökonomischen Gesetze, anders als die Gravitationskraft, durchaus und vor allem historisch verstanden wissen wollte, bleibt doch ein fataler Rest von Determinismus an den Ergebnissen seiner Analyse haften, sofern sie zu »Gesetzen« kristallisieren: so trauten seine politischen Erben dem »tendenziellen Fall der Profitrate«, der ja mit der eisernen Konsequenz eines Gesetzes wirken sollte, zu, den Zusammenbruch des Kapitalismus ganz alleine zu besorgen – ohne Umsturz oder geduldigere politische Prozesse. Es gibt genügend Belege dafür, dass Marx von revolutionärer Entschlossenheit, d.h. von dem Mut, einzugreifen und die Geschichte anzuschieben, viel gehalten hat – es musste aber auch wirklich die Geschichte bzw. die wirkliche Geschichte sein, die da zum Sprung gezwungen wurde. Seine Abneigung gegen großmannssüchtige Hinterzimmer-Konspirationen und seine Sorge darum, dass Wagnis und Kampf verfrüht, verfehlt, umsonst sein könnten, ließen ihn der »objektiven Tendenz«, dem historischen Wind im Rücken der Revolution, eben den »Gesetzmäßigkeiten«, nach denen eine Gesellschaftsformation, eine Produktionsweise oder eine Klasse sich entwickele, diese große Bedeutung beimessen. Marx wollte die Politik des vierten Standes so unwiderleglich begründen und vorzeichnen, dass aus dessen Siegesgewißheit ein zusätzlicher Motor der erwarteten Revolution entstünde und zugleich die vergeblichen Taktiken weniger »wissenschaftlich« aufgeklärter Schwarmgeister wie Proudhon, Lassalle oder Bakunin chancenlos zusammenbrächen. Er wollte es richtig machen, gründlich und ein für allemal.

Dabei half ihm der naturwissenschaftliche Gesetzesbegriff, der keinen Einwand zuließ. Aber es wäre zu einfach, Marx als Deterministen an seiner Gesetzes-Treue aufzuknüpfen – das haben seine Gegner zur Genüge versucht. Man muss sich ein weiteres Mal das geistige Klima seiner Zeit vergegenwärtigen. Die modernen Naturwissenschaften entpuppten sich eben erst als die großen Entzauberer, welche die Geheimnisse aller Lebensfunktionen endgültig der Zuständigkeit von Magie und Glauben zu entreißen versprachen. Als Aufklärer verbündeten sich Biologie, Physik, Chemie mit der modernen Technik, die ihrerseits als zentrale Produktivkraft in das Ensemble der kapitalistischen Fortschrittskräfte eintrat. Darwin, Liebig und die Vorläufer Edisons bewunderte Marx weit mehr als Proudhon, Lassalle und Bakunin. Glasklare Aussagen zu machen über die Verhältnisse von Arten, Elementen und Naturkräften, ihre Reaktionen mittels Gesetzen zu beschreiben und vorherzusehen – was war das für eine nützliche und fruchtbringende Tätigkeit im Vergleich zu der luxuriösen Prätention, vom Schreibtisch oder Versammlungslokal aus die Welt verbessern zu wollen. Marx hat sich nie damit abfinden können, dass ihm im Grunde viel mehr auch nicht zu tun übrig blieb. Er wollte weitergehen und den archimedischen Punkt finden, von dem aus die Welt aus den Angeln zu heben wäre – und zwar mit ähnlich mathematisch-gewissen Methoden, wie sie ihn an der naturwissenschaftlichen Forschung faszinierten. Diese modern-szientifische Auffassung von Gesellschaftsanalyse setzt ihn in scharfen Gegensatz zu den nachmaligen Marxisten – seine Eschatologie andererseits, das Tableau von der befreiten Gesellschaft, das der Bezug für alle seine analytischen Anstrengungen blieb, sowie seine Parteilichkeit – beides trennt ihn dann wieder von der empirisch-positivistischen Soziologie, wie sie heute vorherrscht. Sein historisch erklärbarer Glaube an das soziologische »Gesetz« weist ihn als Denker des 19. Jahrhunderts aus, seine analytische Gründlichkeit und seine modelltheoretische Genialität ließen ihn Einsichten zutage fördern, die seiner Zeit vorgriffen. Man kann ihn nicht auf einen Nenner bringen. Er ist, wie große Geister wohl meist, in mehreren Jahrhunderten zuhause.

Wahrheitsanspruch und Parteilichkeit

Es war eben schon von ihr die Rede – von Karl Marx’ Parteilichkeit, die ihn den Soziologieprofessoren, politikwissenschaftlichen Forschern und Wirtschaftstheoretikern unseres Jahrhunderts suspekt gemacht hat. Wie kann man die Wahrheit finden, wenn man sich so entschieden auf eine Seite stellt? Marx hätte geantwortet: man kann sie nur so finden. Für ihn war jeder Standpunkt unter, über oder neben den Klassen ein apologetischer; nur aus der Position der modernen, eben sich formierenden unterdrückten Klasse, des Proletariats, war für Marx mit der »Kritik alles Bestehenden« zugleich auch die Umrisszeichnung des Neuen zu leisten. So fallen Wahrheitsanspruch und Parteilichkeit für ihn in eins – während eine über die realen Zwistigkeiten erhabene Objektivität immer die vorfindliche Machtverteilung abstützen müsse, insofern selbst vom »interessierten Vorurteil« missgeleitet, wenn nicht gar bestochen wäre durch Prämien, welche Herrschaft ihren Lobrednern zuteilt. Qua Wissenschaftler sah sich Marx als Parteigänger geschichtlicher Tendenzen; dass er sich als gerecht denkender Zeitgenosse von der Lage der labouring poor berühren und von empörenden sozialen Zuständen insbesondere in Ländern mit starken absolutistischen »Resten« wie Preußen und Russland aufregen ließ – das verstand sich, sollte aber sein Werk nicht affizieren. Marx hat als sozusagen historischer Schattenkabinettspolitiker gemeinsam mit seinem Freund Engels ganze Serien blutiger Kriege und wüster Feldzüge am grünen Tisch und in den Zeitungsspalten geführt – alles um die Arbeiterklasse vom Joch des Kapitals und Europa vom Einfluss des Zarismus zu befreien; er war kein Träumer und hat gewusst, dass der geschichtliche Fortschritt, in dessen Tradition er sich sah, Opfer forderte, auch Menschenopfer, auch massenhafte. Er hat das konstatiert – und keineswegs einkalkuliert, wie das die Kritik von rechts, die ihm den Stalinismus in die Schuhe schieben will, behauptet. Seine Theorie sollte sogar einen unmittelbar lebensrettenden Gebrauchswert für kommende Generationen haben, insofern sie geeignet schien, die »Geburtswehen« der neuen Gesellschaft, mit der die alte schwanger ginge, »abzukürzen«.

Parteilichkeit für die Geschichte – diese Akzentuierung gibt Marxens Theorie ein dynamisches Element bei: sie will, indem sie sagt, was ist, zugleich sagen, was sein könnte, will, indem sie kritisiert, die Keimform des Kommenden anzeigen. Alle seine Kategorien sind zugleich kritisch-verwerfende und utopisch-vorwegnehmende, sind Prozesskategorien, die in ein und demselben Zugriff eine Bestandsaufnahme, eine kritische Bewertung und ein Zukunftsprojekt enthalten. Diese gleichsam in drei Dimensionen hineinzielende theoretische Bewegung, welche die Objektivität des Analytikers mit der Subjektivität des Kritikers und der Hellsicht des Prognostikers vereint, macht die suggestive Faszination der Marx’schen Theorie aus. Wer wirklich in sie eindringt, kann ihr nur schwer widerstehen, und darin liegt auch ein Einwand. Aber einer, der seine Schärfe verliert, wenn man die Sache historisch sieht. Zu Marx’ Zeiten gab es sie noch, die »absolute Wahrheit«. Zwar bereiteten insbesondere die exakten Naturwissenschaften ihre Attacken auf sie vor – die Idee jedoch, die heute das wissenschaftliche Leben und den theoretischen Eifer beherrscht und zügelt: dass nur in der Konkurrenz der Entwürfe, in Dialog und Kritik eine Annäherung an ein angemessenes Verständnis der Wirklichkeit zu finden sei, dieser Relativismus lag dem 19. Jahrhundert fern. Wer zu Marxens Zeiten als Philosoph und Gelehrter auftrat, legte ein »System« vor und sagte, wie es war, punktum. Wenn er recht hatte, konnte eine andere Schule, die das Gegenteil behauptete, nicht auf ihre Weise auch recht haben. Der Totalitarismus des Wahrheitsanspruchs erschwerte es, Details und Aspekte an wissenschaftlichen Aussagen zu »retten«, die man insgesamt nicht akzeptieren mochte, und umgekehrt in die Zustimmung Zweifel einzusenken. Eklektizismus galt als Armutszeugnis und gehörte sich nicht. Im Grunde musste der Philosoph die Welt am Schreibtisch noch einmal erschaffen, alles, was darunter blieb, galt als unzureichend. Marx hat kein »System« vorlegen, sondern die Wirklichkeit untersuchen und solche Schlußfolgerungen aus seinen Resultaten ziehen wollen, die der Praxis im Sinne des geschichtlichen Fortschritts nützen könnten – aber er kam doch vom Ideal der totalen Theorie, die auf jede Frage eine Antwort weiß, nicht los.

Wir heute sind sehr viel bescheidener geworden – und anspruchsloser. Wir trennen die Analyse von der Kritik und die Kritik von der Prognose und fühlen uns in dieser Arbeitsteilung vor den Versuchungen der Weltverbesserungsattitüde und den Gefahren der Parteilichkeit sicher. In dieser Sicherheit sind wir aber auch kleinformatiger und kraftloser. Marx hat noch alles alleine gemacht und im Britischen Museum handschriftlich und ohne computergestützte Modelle die Welt auseinandergenommen, durchkritisiert und neu aufgebaut, er hatte die Energie dazu. Das war vielleicht sein Unglück. Wir, die Nachgeborenen, scheuen das Risiko einer Großtheorie – nicht nur, weil wir den Mut nicht haben, sondern auch, weil wir wissen, dass wir überfordert wären. Das wissen wir aber (u. a.) dank Marx. Und trotzdem pumpen wir uns auf und räsonnieren darüber, wo seine Stärken, wo seine Schwächen lagen... Aber sei’s drum. Schwach war Marx in der Kurzzeit-Prognose und in der Beurteilung politischer Prozesse, stark war er in der Kritik und in der Analyse – wobei der Druck, unter dem der Alleszugleichmacher stand, auch Analyse und Kritik nicht immer unbeeinträchtigt ließ und wobei das theoretische Genie der Langzeit-Prognose ein großes Stück bis heute aktueller Geltung mitgab.

Irrtümer und blinde Flecken

Dass Marx geirrt habe, ist ein Gemeinplatz – und ein ärgerlicher insoweit, als er die Propheten-Pose ernst nimmt, also den Mann da kritisiert, wo er am schwächsten war. Aber verweilen wir ruhig bei seinen Irrtümern. Er hat nicht vorausgesehen, dass die kapitalistische Gesellschaft, weit davon entfernt, sich in eine schmale Schicht von Kapitalisten und eine große Masse verelendender Lohnsklaven zu spalten und politisch zu polarisieren, eine reiche Vielfalt von Zwischenklassen und Subkulturen erzeugen und dass eine Integration sogar der (inzwischen zahlenmäßig schrumpfenden) Industriearbeiterschaft in das kapitalistische System, ihre Anpassung an die bürgerlichen Normen, gelingen würde. Trotzdem stimmt seine ökonomische Analyse, derzufolge wir es bei entwickelten kapitalistischen Gesellschaften mit einer kleinen Schicht von Aneignern und einer großen Masse von Mehrwerterzeugern zu tun haben. Und wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Arbeiter Europas u. a. dank der Politik der sozialdemokratischen Parteien ihren Frieden mit dem Kapitalismus machen konnten, Parteien, deren Programme von Marxens Analyse mitbestimmt waren, so wird das gegen Marx so oft und gern geäußerte Verdikt »Irrtum« bezüglich seiner Sicht der sozialen Tendenzen doppelt fragwürdig. Resultate von Entwicklungen, die auf seinen Einfluss mit zurückgehen, gegen ihn selbst ins Feld führen – das ist schon logisch nicht einwandfrei. Bedenkt man, dass Marx ein Freiheitskämpfer war, für den die Demokratie noch zur Fürstenwillkür in Opposition stand, für den die Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechts noch ein gleichsam revolutionärer Akt war, so lässt sich nicht einmal ausschließen, dass er mit der Strategie der »revisionistischen« Sozialdemokratie am Ende seinen Frieden hätte schließen können. Man überschätzt gerne die doktrinäre Starrheit seiner theoretischen und politischen Positionen und unterschätzt seine Bereitschaft, Meinungen zu überprüfen und zu ändern, die er sehr wohl besessen hat. Dass Marx nicht daran dachte, die Angestelltenkultur der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts theoretisch vorwegzunehmen, ist doch ein lässliches Versäumnis im Vergleich zu seiner großen Leistung: die Charakterisierung künftiger Epochen als solche der Verstädterung, der Technisierung und der Herstellung des Weltmarktes, ausgearbeitet erstmals in der Zeit des Biedermeier, als 75% aller Menschen auf dem Lande lebten und die romantischen Träume von einer Rückkehr aus der Fortschrittsfalle in idyllische Beschaulichkeit noch längst nicht ausgeträumt waren. Ja, selbst über den Bildern, welche englische Sozialisten von der besseren Zukunft malten, lagerte die Atmosphäre friedlicher Bukolik. Marx dagegen hat die Dissonanzen seiner Epoche und die der Zukunft akkurat vernommen: die Ungleichzeitigkeit von ökonomischem, technischem, wissenschaftlichem Fortschritt und zurückbleibenden Produktionsweisen, Herrschaftsformen, Mentalitäten, den »cultural and political lag« in einer Zeit des Umbruchs. Er wollte durch die Entbindung einer sozialistischen Demokratie aus dem revolutionären Akt Übereinstimmungen, Deckungen, Gleichzeitigkeiten erzeugen, und zwar für alle Zukunft. Dass Brüche, Unsicherheiten, Asynchronizität und krasse Ungleichheit weiterbestehen und sich über die Welt fortpflanzen und dass für ihre Balance die regulative Funktion von Wahlen, Parteienstreit, Tarifauseinandersetzungen, kurz: die politischen Diskurse unabdingbar sein würden – diese Vorstellung lag ihm fern. Um sie überhaupt zuzulassen, fehlte es ihm an Pragmatismus.

Zweiter Irrtum: dass der Mensch, dieser geborene Raffer und Neider, seine Ichsucht jemals zügeln und sich mit altruistischem Dienst am Gemeineigentum begnügen könnte. Enteignung des Produktivvermögens, Beschränkung des Erbrechts, Vergesellschaftung der Banken und Fabriken – diese Marx’sche Strategie gilt als auch praktisch durch den Zusammenbruch des realen Sozialismus widerlegt. Der Mensch brauche den Anreiz, für sich ganz individuell etwas anzuschaffen, und der innovative Unternehmer, von Marx meist höhnisch als Parasit abgefertigt, sei eben doch auf seine Art eine schöpferische Persönlichkeit. In der Tat. Der Privatkapitalismus steht als Wirtschaftsverfassung, die Wachstum und relativen Wohlstand mit pluralistischer Demokratie verbindet, konkurrenzlos da. Auch die verstocktesten Sozialisten kommen nicht an der Tatsache vorbei, dass die verstaatlichte Ökonomie gescheitert ist und ein nichtstaatlich-unbürokratisches Konzept für Gemeinwirtschaft fehlt. Es sei dennoch erlaubt, darauf hinzuweisen, dass Marx’ Ideen auf die letztgenannte Variante hinausliefen und dass ein Staatskapitalismus nach Art des (ehemaligen) Ostblocks seinen utopischen Vorstellungen entgegengesetzt weit. Man mag es ihm ankreiden, man mag es ihm zugutehalten: er hat sich in Bezug auf seine Utopie nicht wirklich erklärt, er hat nur Andeutungen gemacht, nichts im Detail ausgeführt. »Das Fertigwerden für alle Zeiten« sollte seine Sache nicht sein, das Ausfantasieren von Idealzuständen war ihm ein Greuel. »Wenn wir nicht in der Gesellschaft, wie sie ist, die materiellen Produktionsbedingungen für eine klassenlose Gesellschaft verhüllt vorfänden, wären alle Sprengversuche Donquichoterie.« Reden wollte er nur über Greifbares, über Entwicklungen, die sich bereits abzeichneten, Tendenzen, die sich schon regten. Die kommunistische Zukunft, von der er dann doch gesprochen hat, glaubte er bereits wahrzunehmen: verpuppt in der gemeinschaftlichen Produktion der großen Industrie und in den Koalitionen der Arbeiter, in dem Antagonismus zwischen der gesellschaftlichen Produktivkraft des Kapitals und der beschränkten, privaten Verfügung. Der Mensch, der sich »sein Gattungswesen« angeeignet hat und aus der privat-egoistischen Larve herausgewachsen ist, war das Subjekt seiner Utopie. Eine solche Anthropologie erscheint heute illusionär. Ist sie es wirklich ganz und gar – und für alle Zeit? Vielleicht kommt das nächste Jahrtausend auf sie zurück.

Marx’ bester Gegner aber war weder der bürgerliche Egoismus noch die reaktionäre Autokratie, sondern das kapitalistische Privateigentum als Produktionsverhältnis. Dieses Verhältnis, in seinem Ursprung Stachel der Produktion und des Reichtums, der Technik und der Kooperation, verwandelte sich in eine Fessel der Produktivkräfte, in ein Knechtungsinstrument des Arbeiters und Verderber der menschlichen Natur. Niemand hat so präzise, so konsequent und so gallig dargelegt wie Marx, was das kapitalistische Privateigentum anrichtet: von der Handelskrise über den Börsenkrach bis zur Ausplünderung der eh schon Besitzlosen und zur inneren Verrohung aller. Was einmal Sporn gewesen war, wurde jetzt Fessel der Produktivkräfte – der materiellen wie der geistigen –, und es erschien Marx legitim, den Fall dieser Fessel zu antizipieren.

Abzüglich einiger zeitbedingter Täuschungen – so war es angesichts des deprimierenden Elends unter der Fabrikarbeiterschaft schwer vorstellbar, dass ihre Lage sich innerhalb des kapitalistischen Systems entscheidend würde bessern können – ist die Marx’sche Begründung einer Kriegserklärung an das Kapital immer noch in Kraft. Nach wie vor erzeugt unsere Ökonomie mit dem Reichtum zugleich die Armut und mit dem Wachstum dessen Krisen, nach wie vor führt der Wahlspruch des einzelnen Kapitalisten: »Apres moi le deluge«, bzw. die mangelnde Sozialverträglichkeit des privaten Produktiveigentums zu Katastrophen, nach wie vor mästet sich das Kapital an wehrlosen »Kolonien«. Zwar sind ihm seine Reißzähne gerichtet worden durch Sozialgesetzgebung und Verstaatlichung nichtmarktgängiger Produktionszweige – aber was ist das anderes als ein spätes Echo auf die Marx’sche Anklage? Wir haben noch keine Alternative, insofern hat Marx geirrt, denn er sah die »freie Assoziation« kommen. An seiner Diagnose aber stimmt der Kern.

Der dritte Irrtum, der Marx von den Hinterher-immer-Klügeren bescheinigt wird, ist, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus, den er vorausgesagt habe, ausgeblieben sei. Man könnte einen Streit darüber vom Zaun brechen, was »Zusammenbruch« heißen solle und ob die Weltkriege so ganz ohne den ökonomischen Faktor zu begreifen seien. Aber räumen wir ein: der Kapitalismus funktioniert, und die Profitraten steigen. Allerdings sind Marxens Untersuchungen zu diesen Fragen so komplex und ausführlich, berücksichtigen sämtliche den »Fall der Profitrate« aufhaltenden Tendenzen so peinlich genau, dass man den Kritiker der politischen Ökonomie eigentlich nicht auf eine eindeutige Vorhersage festlegen kann. Der Analytiker ist dem Prognostiker nicht nur sachlich überlegen, er hat sich auch viel ausführlicher und genauer geäußert. Nochmal: Man muss einen Theoretiker, den man widerlegen will, da packen, wo er stark ist. Als Prophet hat Marx sich vergriffen, vor allem in Bezug auf Zeithorizonte. Aber was macht das schon, wenn man die immer noch schlagende Wahrheit seiner kritischen Analyse dagegenhält?

Statt vom Irrtum, der übrigens auch nur menschlich wäre, scheint es uns passender, von »blinden Flecken« im Werk von Marx zu reden, und von mangelnder Bereitschaft, gewisse den eigenen Lieblingsideen zuwiderlaufende Erscheinungen zur Kenntnis zu nehmen. Wahrscheinlich gehört ein Stück Monomanie zum großen Denker dazu. Ein blinder Fleck in Marx’ Werk ist die heroische Gemeinschaftsidee und die durch sie verdeckte Welt des Politischen. Wir sprachen schon davon, dass Marx kein »Staatsdenker« war – man muss weitergehen und so zuspitzen: er hat ein Existenzrecht des Politischen als eine menschliche Aktionssphäre sui generis nicht anerkannt, er hat sich nicht mit dem Gedanken befassen mögen, ob es am Ende eine überzeitliche Notwendigkeit geben könne, in einer Gesellschaft Konflikte zu regeln und dieser Regelung ein eigenes Austragungsfeld zuzubilligen. Marxens »befreite« Sozietät ist homogen und mit sich im Reinen – doch selbst wenn man unterstellt, dass Klassenkämpfe aufhören, weil das Gemeineigentum den fundamentalen sozialen Gegensatz aufhebt, so dürften doch immer noch unterschiedliche Interessen in einer Gesellschaft übrig bleiben, deren Balance eine öffentliche Bühne braucht. Solche Fragen haben Marx nicht interessiert. Für ihn war die politische Sphäre ein zum Untergang bestimmtes Entfremdungstheater, das die Gesellschaft sich vorspielen muss, solange sie in sich zerrissen ist – ganz wie sie die Religion braucht, solange sie noch nicht begriffen hat, dass die Wurzel für den Menschen der Mensch ist. Verbunden mit der sozialistischen Utopie wurde dann der »blinde Fleck« zum Einfallstor für ideologische Funktionalisierung, die »Revolution« zur »black box« des befreienden Umschwungs, und die Theorie zur Beute legitimationshungriger Diktatoren. Das soll nicht heißen, dass Marx verantwortlich gewesen wäre für den realen Stalinismus, es soll nur erklären, warum er bzw. seine »Lehre« sich für fremde Ziele funktionalisieren ließen. In Marx’ Schriften findet sich nirgendwo der Hauch einer Rechtfertigung für das Walten von Diktatoren, stattdessen die Überzeugung, dass staatliche Politik immer unterdrückerisch sei, dass politische Organe in die Gesellschaft »zurückgenommen« werden müssten und dass das von selbst geschehen werde, sobald eine Gesellschaft ökonomisch dafür reif sei. Diese Idee ist so verwegen und wirklichkeitsfremd, dass sich mit ihr sogar eine Diktatur (Stichwort: »Übergang«) rechtfertigen ließ. Marx war von der Historizität politischen Handelns überzeugt. Das einzig reelle, zukunftsträchtige, lebendige Objekt seiner Neugier war für den Materialisten die »bürgerliche Gesellschaft«, d. h. das Gewimmel der vorderhand noch privat wirtschaftenden Individuen. Ihnen widmete er sein Lebenswerk.

Kritiker mit Röntgenblick

»Liest man »Das Kapital« vor dem Hintergrund der im 19. Jahrhundert noch vielfach fortschrittsfeindlichen und romantischen Stimmung unter den Gesellschaftskritikern«, schreibt Professor Y in seiner Einleitung, »so erschrickt man fast angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der Karl Marx seine Analyse durchführt. Was er liefern wolle, sei, sagt er selbst, die »Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft« und in der Tat hat dieser Mann ein Messer als Verstand. Die kapitalistische Marktökonomie, so weist er nach, tendiert nicht, wie viele seiner Fachkollegen vorrechnen zu können glaubten, zum Gleichgewichtszustand auf den Märkten, sondern sie ist im Gegenteil instabil, indem sie periodisch charakteristische Zyklen mit Phasen der allmählichen Erhitzung, des Umschlags, der Stockung und Depression durchläuft, wobei am Ende sowohl ein Teil des Kapitals entwertet auf der Strecke bleibt als auch ein Teil der Arbeitenden »freigesetzt« wird. Nach einer solchen »Reinigungskrise«, welche die Faktorpreise nach unten korrigiert, kann ein neuer Zyklus anheben. Gewinner sind die großen Kapitalisten, während der Mittelstand und die Arbeiter die Zeche bezahlen. So kommt es zu einer Konzentration von Kapitalien, und zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich. Ferner wies Marx nach, dass der kapitalistischen Wirtschaft ein Zwang zum Wachstum innewohnt, dass das Kapital nur fort existieren kann, wenn es sich beständig auf größerer Stufenleiter reproduziert. Man findet viele der uns noch heute am wirtschaftlichen Leben irritierenden und ängstigenden Phänomene triftig beschrieben und begründet und fragt sich auch, ob spätere Ungleichgewichtstheoretiker wie z.B. J.M. Keynes, nicht doch von dem vergessenen Gelehrten etwas gewusst haben müssen.«

Soweit Prof. Y aus Massachusetts.

Wir sagten schon, dass wir ihm beipflichten, wir erwähnen noch die Schuldenkrise und das ökologische Desaster, die beide nicht zu trennen sind von der privaten Verfügung über die Produktionsmittel, und bemerken zusätzlich, dass Marx das potenzielle Auftreten solcher Krisen nicht nur »vorhergesehen«, sondern begründet hat. Es mag ja sein, dass es keinen anderen Weg gibt als den kapitalistischen, dass wir die Makel und Bedrohlichkeiten dieses Weges wenn nicht hinzunehmen, dann doch im Auge zu behalten und zu korrigieren haben, so gut es eben geht, und uns ansonsten der mannigfachen Chancen, welche die Marktökonomie für viele eben doch bereithält, erfreuen sollen. Es mag ja sein, dass die große Alternative, an die Marx dachte, nicht existiert, dass wir uns mit Flickwerk am real existierenden Kapitalismus begnügen müssen. Warum aber können wir dann nicht trotzdem zugeben, dass Marx die Entwicklungs- und Zerstörungspotentiale, die Chancen und Gefahren, die ökonomischen Tendenzen und sozialen Folgen der kapitalistischen Produktionsweise so klar analytisch herauspräpariert, kritisch-polemisch in Worte gebracht und ebenso wohl logisch bewiesen als historisch belegt hat wie niemand vor und niemand nach ihm? Auch Marx hat ein »Modell« vorgelegt, er hat abstrahiert und zugespitzt, weshalb vieles nicht wörtlich zu nehmen ist und manches erst in die Sprache der Empirie zurückübersetzt werden muss. Die Grundlinien seiner ökonomischen Analyse aber sind bis heute richtig und ersichtlich.

Jetzt, wo kein SED-Funktionär sich mehr über unverdienten Beifall von der falschen Seite freut, dürften »wir«, d.h. die westlichen Gesellschaften, ihre Intelligenzia, ihre Wirtschaftsführer, eingestehen, was wir an Marx haben: einen genialen Kritiker, der mit seinem Röntgenblick nicht nur die Lügen, Winkelzüge und kleinen Gemeinheiten der zu seiner Zeit herrschenden politischen Kaste aufgedeckt hat, sondern – und das ist seine unvergleichlich viel stärkere Leistung – die strukturellen Instabilitäten, Schieflagen und Sollbruchstellen der kapitalistischen Produktionsweise in einer wahrlich dreidimensionalen Prägnanz von der Wirklichkeit und ihrem verborgenen Zusammenhang auf sein Manuskriptpapier durchgepaust und uns überlassen hat – zu Nutz, Frommen, Ärger und Bewunderung.

Wir haben hinten keine Augen

Marx wird manchmal vorgeworfen, er habe »die Wirtschaft« oder ökonomische Motive überschätzt und »dem Bewusstsein« oder sonstigen höheren Regungen der Menschen zu wenig zugetraut. Das ist ein Missverständnis, von dem jeder aufmerksame Marx-Leser spätestens dann geheilt ist, wenn er den Kontext der Marx’schen »Umkehrung« begriffen hat: »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, es ist ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.« Marx wendet sich hier polemisch gegen die linken Hegelianer, die, ganz wie (s. o.) der Mann, der von der »Illusion der Schwere« besessen war, unsre leidende Welt mittels des puren Gedankens von ihren Gebresten heilen wollten. Marx’ materialistische Wendung zur »wirklichen Bewegung«, zum Proletariat, zur Empirie dürfte sich ihrem Sinn und ihrer Substanz nach den Beifall unsres jetzt endgültig nach Art der Naturwissenschaften aufgeklärten 20. Jahrhunderts längst verdient haben. Wenn man in diesem Punkt etwas an ihm aussetzen will, dann höchstens, dass die »Umkehrung« nicht radikal genug ausgefallen ist. Mit dem Tableau der befreiten Gesellschaft blieb ein metaphysischer Rest.

Andererseits aber trug Marxens materialistisch-analytische Anstrengung, seine Kritik der politischen Ökonomie, Früchte weit über die Grenzen der Fachökonomie hinaus. Und da, in Literatur, Philosophie und sozialkritischer Chronik des 20. Jahrhunderts, hat sie vielleicht am meisten ausgerichtet – was zugleich beweist, wie wenig Marx den Vorwurf verdient, das denkende, empfindende, sprechende, Kunst produzierende und betrachtende, kurz: das ästhetische und moralische Individuum zugunsten des fressenden vernachlässigt zu haben. Schon Marxens Sprachkunst entkräftet diesen Vorhalt. Wenn er den Stil nicht seinem Bedürfnis nach Genauigkeit opfert und ihn zwischen Zitaten, Wiederholungen, Formeln und umständlichen Begriffskombinationen wie »in Gemeinschaft produzierende Individuen« versacken lässt, wenn er sich essayistisch freimacht, haben wir es mit einem Schriftsteller von stupendem Wortschatz, hartem Rhythmus, einer für seine Zeit untypischen Dichte und Knappheit der Darlegung und einem ebenfalls sehr modernen bissigen Humor zu tun. Der Polemiker Marx ist als Stilist weithin anerkannt, doch auch die erzählenden Passagen, in denen er seine Theorie mit Beispielen und Historien veranschaulicht, sind mehr als das: starke Prosa.

Marx’ sprachliche Disziplin und seine epischen Ausschweifungen sind nicht nur ein schönes Extra, sie zeigen, dass er von seiner ökonomischen Theorie mehr erwartet hat als Aufschluss über Produktionsverhältnisse im materiellen Sinn. Tatsächlich hat er mehr geliefert. Seine Kritik der kapitalistischen Warenproduktion greift weit aus und erfasst die Kultur mit. Brecht, Benjamin, Bloch, die Frankfurter Schule, sie alle kommen von Marx her, und zwar weniger von dem Marx des Formelwerkes aus den drei Bänden des »Kapital« und der »Theorien über den Mehrwert« als von dem Kulturkritiker Marx, der in dem Kritiker der politischen Ökonomie drinsteckt. »Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber... nicht aus freien Stücken«, sie bleiben abhängig von ihren eigenen Hervorbringungen: Staat und Kapital, sie stellen ihren gesellschaftlichen Zusammenhang nicht im bewussten Akt her, sondern blind und als dessen Opfer. Ihr gesellschaftlicher Zusammenhang verselbständigt sich gegen sie: als Geld klingelt er in ihren Taschen, und als Kapital degradiert er sie zu Knechten. Sachlich, vermittelt bloß über das äußerliche ökonomische Band, verhalten sich die Personen zueinander, während die Sachen, die Waren, das gesellschaftliche Verhältnis usurpieren. Die Welt ist verkehrt, die Menschen sind einander und sich selbst entfremdet. Während der Markt sie in ein allseitiges, aber sachliches und kaltes Verhältnis setzt, raubt er ihnen nach und nach ihre letzten Refugien persönlicher Verbundenheit, unterwirft er alle gesellschaftlichen Sphären seinem Gesetz: die Künste, die Wissenschaften, die Hauswirtschaft... Alles wird marktförmig, vermittelt nur über die »fühllose bare Zahlung«. Wie soll eine solche Welt nicht frösteln machen, wie die Literaten, Philosophen und Zeitkritiker nicht ans Werk setzen, damit sie die Übermacht des Marktes anklagen und womöglich aufhalten? Die marxistische Kulturkritik, die eine Expansion von Marktnormen bis in die verborgenen Höhlen der Psyche, in die Träume und Triebe, ausmacht und nachzeichnet, ist immer noch am Werk. Sie kann die von Marx einst angefangene Reihe fortsetzen: nach den Künsten ist es heute eine so beliebte kulturelle Errungenschaft wie der Sport, der zu einem gigantischen, den Sinn des edlen Wettstreits verhöhnenden Geschäft geworden ist; aber auch die Sexualität wäre zu nennen, deren Surrogate gehandelt werden wie Semmeln, und selbst die Konfessionen sind zu Anbietern von Seelentrost und Glaubensgewissheiten geworden, die um ihre Nachfrager mit professioneller Reklame werben.

Obwohl sie ja im Recht ist, hat die linke Kulturkritik schon länger einen hohlen Klang – vielleicht weil sie zu sehr im Recht ist und weil sie es nicht gelernt hat, ihren Gegenstand neu zu fassen, nachdem die große Alternative ( = Revolution und Sozialismus) abgedankt hat, und zwar sowohl als ideelle Voraussetzung,vor der das »Falsche« als solches erscheint, wie auch als materielles Ziel, für das der Kampf sich lohnt. Jetzt müsste die Kulturkritik sich an die Gehlen’sche Frage herantrauen, ob nicht die »Entfremdung« ihre befreiende Seite habe, ob wir nicht dadurch gewinnen, dass wir uns als gesellschaftliche Individuen vorab sachlich aufeinander beziehen und selbst entscheiden müssen, mit wem wir’s persönlich halten. Jedenfalls hat der Kapitalismus mit der Marktdominanz zugleich die »Individualisierung« hervorgebracht, d. h. einen enormen Zuwachs an Optionen (und Unsicherheiten) für die einzelnen. – dass der gesellschaftliche Zusammenhang sich am Ende immer ein Stück weit »hinter dem Rücken der Individuen« herstellen wird, das ist vielleicht weniger ein Fall für die Chaos-Forschung als eine Herausforderung an die menschliche Selbstbescheidung: wir können uns schwer damit abfinden, dass wir hinten keine Augen haben. Marx wollte alles wissen und kontrollieren, und er hat geglaubt, dass das möglich sei. Wir desillusionierten, bescheideneren Heutigen dürfen den Gedanken zulassen, ob wir uns nicht mit einer unvollkommenen, annähernden Kontrolle unseres »gesellschaftlichen Zusammenhangs« begnügen und versuchen müssen, diese zu optimieren. Eine solche reformistisch-pragmatische Variante von Gesellschafts- und Kulturkritik »widerlegt« Marx nicht, denn sie baut auf ihm auf. Sie spricht nur aus, dass zwischen Marx und uns mehr als 100 Jahre und einige ernüchternde Erfahrungen mit Kriegen, Revolutionen und Großtheorien liegen.

Was bleibt?

Marx hat im Grunde etwas sehr Einfaches gesagt: dass es nicht angeht, wenn in einer Gesellschaft die einen immer mehr raffen und haben und die anderen immer mehr schaffen und es zu nichts bringen. Ihm genügte natürlich eine solche Feststellung nicht. Er wollte beweisen, dass die kapitalistische Ökonomie instabil, deshalb zum Untergang verdammt, dabei aber fähig sei, eine neue Ökonomie und Gesellschaft aus sich hervorzubringen. Die naturalistische Metapher vom Geburtsakt ist hier sein Lieblingsbild. Als Assistent der Geschichte ist das Proletariat – eine Klasse, deren »besondere« Interessen zugleich die der Gesellschaft sind, die also wirkliche Allgemeinheit ist, weil sie das tiefste soziale Fundament repräsentiert: die Arbeit – berechtigt oder gar verpflichtet, revolutionär nachzuhelfen.

Was ist von dieser moralischen Geschichtsvision geblieben?

Einmal der Ausgangspunkt: dass es nicht angeht, wenn... Marx war nicht der erste und nicht der letzte, der eine solche schlichte ethische Wahrheit ausgesprochen hat, aber er tat es mit der nachhaltigsten Wirkung, weil er sie mit einer gewaltigen Drohung gepaart hat: der Revolution. Jetzt, wo die grandiose Perspektive eines Umsturzes zur schlichten Systemreform heruntergekürzt worden ist, scheint Marx nicht mehr zuständig. Es ist aber nur das 19. Jahrhundert in seiner theatralischen Gebärdensprache, das in und an Marx nicht mehr gilt. Der kühle Analytiker, der er überwiegend war, ist aktuell geblieben. Das erwähnte Skandalon ist nicht aus der Welt und so auch nicht die Marx’sche Diagnose. Wir leben in einer ungerechten Gesellschaft mit einer instabilen Ökonomie, die immer wieder korrigierende Eingriffe braucht. Als heroischer Dialektiker hat Marx von flickschusternder Systemverbesserung nichts wissen wollen – als Chronist des Klein-Klein der englischen Sozialgesetzgebung jedoch wirksame Schutzbestimmungen für die »labouring poor« durchaus begrüßt. Der sozialpolitische Reformer an ihm ist heute noch vorbildlich, der Revolutionsverkünder war gefangen in den Prätentionen seiner Zeit.

Die Unbeirrbarkeit, mit der Marx an der Arbeit als der notwendigen Basis – von Gesellschaft, Kapital, Philosophie, Individualität und Freiheit – festgehalten hat, seine Anthropologie vom tätigen Menschen und sein Theorem vom Arbeitswert sind weitere »bleibende Elemente« seiner Vision. Natürlich kann kein Betriebswirt eine Kostenrechnung auf Basis des Arbeitswerts durchführen, darum geht es auch nicht. Dem Betriebswirt genügen die Preise. Das Selbstverständnis, das Ethos, die moralische Konstitution der kapitalistischen Gesellschaft, die nie einheitlich sein wird und zu sein braucht, formuliert Werte, und das dürfen ruhig »Arbeitswerte« sein. Marxisten und Marx-Schüler, die an ihrem Meister die systematische Genauigkeit und die logische Stringenz besonders hoch schätzen, wehren sich dagegen, dem unbestechlichen Wissenschaftler Marx allzu starke moralische Impulse bei der Abfassung seiner Theorie zu unterstellen. Es ist indessen sehr schwer, den Empörer Marx von dem kühlen Kopf zu scheiden, und es soll hier der Vorschlag gemacht werden, darauf zu verzichten und, weitergehend, den moralischen Impuls vom Verdacht der notwendigen Tatsachenblindheit freizusprechen. Marx wird auch in Zukunft zu Debatten über Wahrheitsanspruch und Parteilichkeit Anstoß geben, er wird wissenschaftliche Zünfte darüber streiten lassen, ob man nicht sehr wohl nachdenken könne, während man vor Wut schnaubt, und ob nicht die Ataraxie vorwiegend zu Tautologien inspiriert. – Für die Gesellschaft insgesamt, für die Auseinandersetzungen um die Frage: Was ist gut? Was ist gerecht? Wieviel Ungleichheit ertragen wir? – zur Abwägung dieser Fragen legt die Marx’sche Tradition: das Bestehen darauf, dass es die Arbeit ist, die alles hervorbringt, vom Butterbrot bis zum Großkonzern, vom Pflasterstein bis zum Elfenbeinturm, vom Schweißtropfen bis zum Selbstbewusstsein, ein schweres, umstrittenes, unverzichtbares Gewicht in die Waagschale. Es ist heutzutage nicht schick, von Arbeiterklasse, Lohnkämpfen und Privateigentum an den Produktionsmitteln zu reden. Unsere Gesellschaft tut gern so, als habe sie vorm Eintritt in das dritte Jahrtausend mit ihrer famosen sozialen Marktwirtschaft diesen ganzen Müll entsorgt. Hat sie nicht. Die Vokabeln und Schlagworte mögen wechseln, die Sache bleibt die alte. Unsere kapitalistische Gesellschaft, je reicher, pluraler und subkulturell ausdifferenzierter sie auch wird, braucht, behaupten wir, ein Bewusstsein von der »fundamentalen« Bedeutung der Arbeit – als »working class« und als individuelles Erfahrungsfeld – und von der Notwendigkeit des Respekts vor ihr. Sie, die Gesellschaft, hat diesen Respekt in den letzten hundert Jahren durchaus aufgebracht und erwiesen. Man muss ihn ihr aber immer wieder neu abringen, vor allem, was materielle Konsequenzen betrifft.

Folgendes Zitat finden wir in der Einleitung Prof. Y’s zur Neuherausgabe des Marx’schen »Kapital«:

»Bauernaufstand im Norden Portugals: Berittene Polizisten prügeln auf die Dorfbewohner von Valpaços ein, die immer wieder versuchen, Eukalyptussprößlinge aus dem Boden zu reißen. In Quinta do Ermeiro marschiert Polizei auf, weil Bergbauern die schweren Planierraupen aufzuhalten suchen, mit denen Korkeichen und Olivenhaine für den Eukalyptusanbau terrassiert werden sollen.

So wehrt sich im Trás-os-Montes die Landbevölkerung gegen die Segnungen einer europäischen Strukturpolitik, die den armen Regionen der Gemeinschaft Fortschritt und Wohlstand bringen soll. Tatsächlich aber bedroht die von der EG geförderte Monokultur des schnellwachsenden Eukalyptus die kärgliche Existenz der Bergbauern und füllt die Kassen von Waldbesitzem und Fabrikanten.«

Prof. Y kommentiert: »Diese Notiz über einen Konflikt im Norden Portugals hätte, was die Diktion und die Pointe betrifft, genauso, Wort für Wort, eine der vielen journalistischen Arbeiten einleiten können, die Karl Marx nebenbei und um des Broterwerbs willen geschrieben hat. Daran, dass von der Europäischen Gemeinschaft und von Planierraupen die Rede ist, erkennen wir, dass wir es mit einem zeitgenössischen Text zu tun haben. Er stand im Hamburger SPIEGEL Nr. 16/1990 und ist nur eine von unzähligen Meldungen ähnlichen Inhalts, wie unsere westliche Presse sie täglich verbreitet. Der Kapitalismus ist akzeptiert, aber die Kritik an ihm ebenso. Die Kritik, die zu Marx’ Zeit der ökonomischen Wirklichkeit und den »Fabrikherren« feindlich gegenüberstand, ist inzwischen in das System hineingewachsen. Es ist doch seltsam, dass wir alle ganz offensichtlich die Schüler eines Lehrers sind, von dem wir gar nichts wissen.«

Wir möchten Prof. Y so ergänzen: während der Kapitalismus von alleine weiterwuchert, braucht die Kritik an ihm einen Anstoß. Das ist immer noch so. Zwar ist sie nicht mehr verboten, sie wird sogar ermutigt, aber sie soll möglichst wenig kosten. Und sie darf die »Grundordnung« nicht antasten. Das will sie meist nicht mal. Im Einzelfall ist es aber nicht immer leicht zu sagen, wo erlaubte Kritik aufhört und das »Antasten« beginnt.

Auch was die »Grundordnung« ist, versteht sich nicht von selbst. Konservative schieben gern »die Demokratie« vor, gegen die im Ernst niemand was hat. Ein anderes Konstituens der »Grundordnung«, genauso elementar wie die Volksherrschaft, aber von weniger fabelhaftem Ruf, macht mehr Sorgen, und das ist das Privateigentum. Es ist nicht das Reihenhaus gemeint, sondern die Fabrik, wobei auch die Frage, wie und wo der Fabrikbesitzer und wie und wo sein Arbeiter wohnt, eine durchaus politische Angelegenheit ist. Privateigentum wird immer noch ungern zum Thema gemacht, es überwintert, was die öffentliche Rede von ihm betrifft, in einer Tabuzone – obwohl es keine organisierte Macht mehr gibt, die es abschaffen will. Aber es sind inzwischen Formen des Eingriffs in die private Verfügung gefunden worden, die, während sie den juristischen Besitztitel bestehen lassen, doch einzelne Funktionen des Eigentums heraustrennen und Befugnisse abspalten, die Nutznießung einschränken und die soziale Verpflichtung hervorheben, und diese Eingriffe sind für die Kapitalistenklasse schmerzhaft genug. Wenn sie angedroht oder durchgeführt werden, schlägt die herumkurierende oder nur kosmetische Systemverbesserung in eine echte Reform um – und hier steht immer noch, wie zu Marx’ Zeiten, Privatinteresse gegen Gemeininteresse und das Interesse der kleinen Leute gegen das der großen Tiere.

Es ist so: Ein Stück Sozialismus wurde in das kapitalistische System eingelassen, die feindlichen Prinzipien existieren nebeneinander und halten einander in Schach. Der Sozialismus wurde nicht aus dem Kapitalismus geboren, sondern in ihn hineinoperiert – und er macht dort, genau wie ein Organtransplantat im menschlichen Körper, Schwierigkeiten. Der Kapitalismus reagiert mit Abstoßungstendenzen. Der Arzt – die soziale Politik – muss immer wieder nachhelfen, festnähen und aufbauende Medikamente verabreichen. Das Faszinierende ist, dass Marxens Einsichten in die »Natur« des Kapitalismus, in dessen angeborene soziale Rücksichtslosigkeit, sich täglich neu bestätigen, dass er, Marx, zwar praktisch die Reformierbarkeit des Kapitalismus unterschätzt, theoretisch aber die Systemunverträglichkeit weitgehender sozialer Reformen zutreffend dargelegt hat. Im Grunde will das Kapital immer noch in Ruhe seinen »Werwolfsheißhunger nach Mehrarbeit« stillen und sich dabei nicht von sozialen Gefühlsduseleien stören lassen. Es darf aber nicht mehr. Es muss Sozialabgaben ertragen, Gewerkschaftsmacht hinnehmen und Partizipation der Lohnabhängigen an allen kulturellen Errungenschaften der bürgerlichen Kultur. Es muss den Dauerstreit aushalten, den solche Umverteilungen innerhalb der Gesellschaft auslösen. Diesen Konsens hat die »Partei der Arbeit« in über hundertjähriger mühseliger Kleinarbeit und in verlustreichen Kämpfen durchgesetzt. Wie tragfähig, wie ausbaubar, wie verbindlich jener Solidarität zu nennende Konsens wirklich ist, wird das kommende Jahrzehnt zeigen. Es wird daran erinnern, dass die Marx’sche Idee vom Individuum, das »unmittelbar zugleich« Gemeinwesen ist, d. h. seine Privatinteressen nicht mehr (nur) im Gegensatz zu den allgemeinen Interessen und zu denen seiner Mitmenschen setzt, doch keine bloße Chimäre ist. Die Armen aus dem Osten, aus der ehemaligen DDR, aus Polen, Russland, Albanien und Rumänien, sie bringen wenig mehr mit als ihre Arbeitskraft, große Hoffnungen und Heimweh. Ihre Integration in unsere saturierte, mürrische, aber auch flexible und tolerante Gesellschaft wird zur Bewährungsprobe werden für die Überlebenskraft eines reformierten Kapitalismus, der seinen eigenen ökonomischen Funktionsmechanismus nach den schöpferischen und den zerstörerischen Konsequenzen hin auseinander zu sortieren und die einen zu ermutigen, die anderen zu unterdrücken gelernt hat. Diese heiklen und mühsamen Korrekturen sind Daueraufgaben für eine Reformpolitik, wie sie Marx für unmöglich hielt. Insofern hat er »geirrt«. Was er aber über den ökonomischen Funktionsmechanismus zu sagen hat, ist damals wie heute die Wahrheit. Ohne Kenntnis dieser Wahrheit könnten wir die Solidarität nicht durchhalten, denn das bloß moralische »Prinzip Verantwortung« ginge ins Leere. Der Appell allein genügt nicht. Wir brauchen den Zwang des Gesetzes. Nur wenn wir wissen, wie der Kapitalismus funktioniert, können wir ihn reformieren. Und nur dann können wir ihn retten. Auch die Konservativen stehen »auf den Schultern von Marx«. Und so gibt es keine politische Couleur, die einen interessierten Zeitgenossen daran hindern dürfte, Marx neu zu lesen.

Erläuterungen zur Textauswahl

Eine Auswahl mit Marx-Texten von etwa 140 Seiten zu besorgen, ist für jeden Menschen, der Marx ausgiebig und mit Neugier, Bewunderung und Gewinn gelesen hat, eine Qual. Zu vieles muss draußen bleiben, was doch hineingehörte und was zum Verständnis von Marx, auch im Sinn eines »ersten Eindrucks«, nötig scheint. Aber so ist das nun mal, Auswählen heißt weglassen, und was schließlich übrig bleibt, darüber entscheiden allen Einteilungs- und Gliederungsgesichtspunkten zum Trotz meist ganz subjektive Vorlieben.

Zu den Einteilungs- und Gliederungsgesichtspunkten trotzdem ein paar Worte: Marx wird landläufig in den Philosophen, Historiker, Soziologen, Ökonomen und Zeitgeschichtler zerlegt. Diese Aufspaltung missachtet die »Interdisziplinarität« seines Zugriffs. Unsere Einteilung folgt den großen kritischen Linien des Werks: Marx hat, erstens, versucht, der bürgerlichen Welt Geschichte beizubringen und sie von dem Wahn zu heilen, ihre Ordnung sei von Natur und ewig. Er hat, zweitens, auf Historizität nicht nur des bürgerlichen Staates, sondern der Politik überhaupt bestanden und darauf gebaut, dass der »vergesellschaftete Mensch« einen Weg finde, nicht nur objektiv und ideell, sondern von sich aus und wirklich »Gemeinwesen« zu werden, sich sein »Gattungswesen« anzueignen. Er hat, drittens, das Proletariat nicht nur zum Geschichtshelden stilisiert, sondern danach gefragt, wie es wirklich lebt. Er hat, viertens, den größten Teil seines Lebens damit verbracht, die »Anatomie« der bürgerlichen Gesellschaft zu besorgen, d.h. das Kapital als Produktionsverhältnis theoretisch darzustellen. Er hat, fünftens, über die internationale Entwicklung des Kapitalismus Aussagen gemacht, die immer noch aktuell sind.

Diese fünf Gesichtspunkte, denen unsere Kapiteleinteilung folgt, sind nicht nur eine Nachzeichnung Marx’scher Kritiklinien, sie sind genauso gut Fragen, die wir heute noch an Marx stellen können, bzw. sie betreffen Einsichten, die wir Marx verdanken. Er ist nicht der erste Historiker, aber einer der wenigen, die konsequent versucht haben, die eigene Epoche zu historisieren. Er war ein hervorragender Schilderer: was vor hundert Jahren die Arbeiter durchzustehen hatten, kann man am besten bei dem Mann (und seinem Freund Friedrich Engels) nachlesen, der, alles in allem, viel dazu beigetragen hat, dass es heute anders aussieht. Und wenn man wissen will, warum es so schwierig und notwendig zugleich ist, den Kapitalismus zu reformieren, kann man auch viele Antworten bei Marx finden. Das 5. Kapitel ist vor allem deshalb eingerichtet worden, weil die mit dem Kapitalismus verbundenen Probleme sich inzwischen internationalisiert haben und heute den Nord-Süd-Konflikt krisenhafter und bedrohlicher erscheinen lassen als die Klassenfrage. Außerdem fügen sich in so einem Zusammenhang die Entwürfe zum Brief am Vera Sassulitsch, in denen Marx sich – der Anachronismus sei erlaubt – als Anti-Leninist erweist, gut ein.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Auszug aus dem »Kapital« (eine Ausnahme macht das zweite, für das sich in den »Grundrissen« etwas passenderes fand). Es soll hierdurch dem Vorurteil entgegengewirkt werden, das Marx’sche Hauptwerk sei »zu fachlich«. Die folgenden Auszüge sind umgekehrt-chronologisch angeordnet: man liest, falls man nicht hinten anfängt, zuerst den älteren Marx, zum Schluss den jüngeren. Nur beim vierten Kapitel ließ sich diese Anordnung nicht durchhalten, da es hier wichtiger war, dass die Texte inhaltlich aneinander anschlossen.

Am Ende eines jeden Kapitels steht ein Brief. Auch die Briefe fallen aus der umgekehrten Chronologie heraus. Es ließ sich ferner nicht immer ein inhaltlicher Zusammenhang zum Kapitel herstellen. So passt z.B. der Brief an Jenny Marx in keines der fünf Kapitel hinein, ist aber doch zu schön, als dass er fehlen dürfte. Wir hoffen, dass diese Durchbrechung der Kapiteleinheitlichkeit entschuldbar ist.

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