Read the book: «Angst? Frag doch einfach!»

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Barbara Schmidt

Angst? Frag doch einfach!

Klare Antworten aus erster Hand

UVK Verlag · München


Dr. Barbara Schmidt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie des Universitätsklinikums Jena. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen positiver Suggestionen und Hypnose auf Angst und Stress in Gehirn und Körper.

Umschlagabbildung und Kapiteleinstiegsseiten: © bgblue – iStock; Icons im Innenteil: Figur, Lupe, Glühbirne: © Die Illustrationsagentur; Abb. 1, 2, 4, 6, 8, 9, 11 : © Sophie G. Elschner, psychosophcomic.de; Abb. 3: © Blamb – shutterstock; Abb. 10: © 2021 Barbara Schmidt, Jana Schneider, Teresa Deffner, Jenny Rosendahl, Hypnotic suggestions of safety improve well-​being in non-​invasively ventilated patients in the intensive care unit, Intensive Care Med 47, 485–486 (2021). doi.org/10.1007/s00134-021-06364-8; Autorinnenfoto: © Anne Günther, Pressestelle Universität Jena

DOI: https://doi.org/10.36198/9783838556871

© UVK Verlag 2022

— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

utb-Nr. 5687

ISBN 978-3-8252-5687-6 (Print)

ISBN 978-3-8463-5687-6 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

  Danksagung

  Was die verwendeten Symbole bedeuten

  Zahlen und Fakten zum Thema Angst

  Grundlegendes über Angst Was ist der Unterschied zwischen Angst und Angststörung? Warum sind Frauen etwa doppelt so häufig von Angststörungen betroffen wie Männer? Welche Arten von Angststörungen gibt es? Wovor haben wir Angst? Wie hängen die Störungen untereinander zusammen? Ab wann ist etwas eine Störung? Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung? Wie werden Angststörungen klassifiziert?

  Wie Angst entsteht und wie sie sich messen lässt Hat der Mensch schon immer Angst? Welche Rolle spielt Lernen bei der Entstehung von Angst? Wie lässt sich erlerntes Angstverhalten wieder „verlernen“? Was passiert bei der Extinktion von Angstverhalten? Was ist klassisches Konditionieren? Woher stammt der unkonditionierte Reiz bei gelernten Ängsten? Was ist operantes Konditionieren? Kann Angst auch durch Vorstellungen entstehen? Welche Prozesse laufen in Gehirn und Körper ab? Wie zeigt sich Angst im Gehirn? Wie zeigt sich Angst im Blut? Welche Rolle spielt Cortisol im Blut? Kann man von körperlichen Reaktionen direkt auf die Emotion schließen? Wie beeinflusst Angst das Immunsystem? Was sind äußerlich sichtbare Anzeichen von Angst? Was sind Angstgefühle? Was ist der Unterschied zwischen Angst und Furcht? Was ist der Unterschied zwischen Angst und Stress? Wie können Angehörige bei Angst helfen?

  Folgen ängstlichen Verhaltens Treffen ängstliche Personen andere Entscheidungen? Hemmt Angst unsere kognitive Leistungsfähigkeit? Hängen Angst und Schmerz zusammen? Welchen Einfluss hat Angst auf die Motivation? Führt Einsamkeit zu Angst? Kann man mit Angst Politik machen? Kann man mit Angst Produkte verkaufen? Wiegt ein Verlust schwerer als ein Gewinn? Warum machen Veränderungen Angst? Wie überwindet man die Angst vor Veränderung? Warum ist es gut, sich zu verändern? Was passiert, wenn man an einem Verhalten festhält? Kann Veränderung allein schon das Ziel sein? Gibt es regelmäßige Rhythmen im subjektiven Empfinden? Wie kann Statistik Hoffnung machen? Wie beeinflussen Erwartungen unser Befinden?

  Hilfestellungen bei Angst Wie ist die systematische Desensibilisierung entstanden? Was ist systematische Desensibilisierung? Was ist Expositionstherapie? Wie wirkt Expositionstherapie? Hilft Sport gegen Angst? Hilft Schlaf gegen Angst? Wie beeinflusst der Tag-Nacht-Wechsel die Angst? Kann ein stabiler Tagesrhythmus bei Angststörungen helfen? Kann Angst von Ernährung beeinflusst sein? Kann man Angst wegatmen? Helfen Gerüche gegen Angst? Können Geschichten gegen Angst helfen? Welche Geschichten können bei Angst helfen? Hilft Singen gegen Angst? Wie kann man Perfektionismus überwinden?

  Aus Angst wird Sicherheit Wie kann aus Angst positive Energie werden? Wie kann man auch in Angstsituationen Sicherheit empfinden? Kann Hypnose ein Gefühl von Sicherheit erzeugen? Wie genau kann Hypnose Angst reduzieren? Was ist ein sicherer Ort? Wie funktioniert die Methode des sicheren Ortes? Kann man Kindern Angst vor medizinischen Eingriffen nehmen? Wie funktioniert die Methode der Zeitprogression? Wie lassen sich Gefühle möglichst plastisch vorstellen? Was ist Hypnose? Was ist ein Bewusstseinszustand? Wie lässt sich der Bewusstseinszustand der Hypnose bestimmen? Was ist eine Suggestion? Was bedeutet Empfänglichkeit für Suggestionen? Wie fühlt sich Hypnose an? Was ist reflektiertes und was ist automatisches Verhalten? Ist Hypnose mehr als Entspannung? Wie leitet man eine Hypnose ein? Wie beendet man eine Hypnose? Warum hilft Hypnose so gut gegen Angst? Wie läuft Angsttherapie unter Hypnose ab? Wirkt eine Suggestion auch noch nach der Hypnose? Wie kann Hypnose die eigenen Handlungsspielräume erweitern? Was sind starke mentale Bilder? Wie kann eine Hypnosesitzung bei Angst ablaufen? Wie finde ich eine Hypnotherapeutin oder einen Hypnotherapeuten? Wie findet man den idealen Zeitpunkt für eine Handlung?

  Nachwort

  Glossar – Wichtige Begriffe kurz erklärt

  Verwendete Literatur

  Wo sich welches Stichwort befindet

Vorwort

„Gefühle sind wie kleine Kinder: Sie sollten nicht allein am Steuer sitzen,

aber wir sollten sie auch nicht in den Kofferraum sperren.“

gefunden auf Twitter

Das Thema Angst beschäftigt viele Menschen. Seit ich mich in meiner wissenschaftlichen Arbeit mit Angst befasse und auch in einigen Fernsehsendungen zum Thema aufgetreten bin, bekomme ich viele Anfragen von Menschen, die diesbezüglich Hilfe suchen. Ich selbst bin jedoch keine hauptberufliche Therapeutin, sondern Wissenschaftlerin. Mich interessiert, was Angst genau ist und wie man mit ihr umgehen kann. In der Erforschung von Angst sind wir noch längst nicht so weit, dass wir alle Fragen beantworten können. Seit ich aber mit Hypnose arbeite, weiß ich, wie groß der Einfluss dieser Methode auf Angst und Stress ist. Deshalb schreibe ich dieses Buch. Ich schreibe es für die Menschen, die mich um Hilfe bitten, für meine wunderbaren Studierenden aus der Psychologie und aus der Medizin, für alle, die sich informieren wollen und bereit sind, über dieses wichtige und komplexe Thema nachzudenken.

Ich habe das Buch so konzipiert, dass Sie zunächst erfahren, welche Zahlen und Fakten es zum Thema Angst gibt und welche Theorien zur Entstehung von Angst aktuell diskutiert werden. Dann erfahren Sie, welche Rolle Angst in unserem täglichen Leben spielt und wie Sie damit umgehen können. Und am Ende beschreibe ich, wie Techniken aus der Hypnose helfen können, Angst in positive Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit zu verwandeln. Ich möchte Ihnen zeigen, dass Angst an sich erst einmal Energie bedeutet, die zum Überleben notwendig ist. Was Sie mit dieser Energie anfangen, können Sie selbst bestimmen. Mein Ziel ist es, dass Sie nach der Lektüre dieses Buches eine Vorstellung davon haben, welches meisterhafte Zusammenspiel von körperlichen Prozessen das Gefühl der Angst bedingt. Angst wird uns immer begleiten, jedoch sind wir diesem Gefühl nicht hilflos ausgeliefert, sondern können es für uns nutzen.

Barbara Schmidt

Danksagung

Ich danke meinen Kolleg:innen, die mit mir über die Inhalte dieses Buches diskutiert haben und es dadurch bereichert haben. Das sind insbesondere Marcella Woud, Jana Strahler, Matthias Sperl, Christine Blume, Angelos-​Militaris Krypotos und Laura König.

Dann danke ich meiner Illustratorin Sophie G. Elschner, die mit großem Feingefühl zentrale Themen des Buches mit ihren ansprechenden Zeichnungen veranschaulicht hat. Sophie hat in Psychologie promoviert und kann wunderbar zeichnen, weshalb sie sich ideal eignet, dieses Buch zu illustrieren. In ihrem Blog „psychoSoph“ (psychosophcomic.de) illustriert sie comicartig psychologische Themen.

Gender-​Hinweis | An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich in diesem Buch bei Personenbezeichnungen den Plural mit Gender-​Doppelpunkt verwende. Wenn dies nicht möglich war, zum Beispiel bei der Beschreibung von Experimenten und Therapiesitzungen, in denen nur ein Therapeut bzw. eine Therapeutin und auch nur ein Patient bzw. eine Patientin anwesend sind, habe ich die weiblichen und männlichen Bezeichnungen im Wechsel gewählt. Es sind natürlich immer alle Geschlechter gemeint.

Was die verwendeten Symbole bedeuten


Toni verrät dir spannende Literaturtipps, Videos und Blogs im World Wide Web.
Die Glühbirne zeigt eine Schlüsselfrage an. Das ist eine der Fragen zum Thema, deren Antwort du unbedingt lessen solltest.
Die Lupe weist dich auf eine Expert:innenfrage hin. Hier geht die Antwort ziemlich in die Tiefe. Sie richtet sich an alle, die es ganz genau wissen wollen.
→ Wichtige Begriffe sind mit einem Pfeil gekennzeichnet und werden im Glossar erklärt.



Grundlegendes über Angst


Jeder Mensch kennt das Gefühl von Angst. Doch wann sollte Angst behandelt werden? Und welche Ängste und Phobien gibt es? Diese Fragen werden hier geklärt und auch, warum sich die Forschung zu einseitig mit dem männlichen Geschlecht beschäftigt.

Was ist der Unterschied zwischen Angst und Angststörung?

Angst zu haben ist zunächst eine gesunde Antwort auf einen bedrohlichen Reiz. In der Folge stellt der Körper Energie zur Verfügung, die dabei helfen soll, die bedrohliche Situation zu bewältigen. Wenn Angstgefühle jedoch auch auftreten, wenn es keinen angemessenen Grund dafür gibt, kann eine Angststörung entstehen. Eine AngststörungAngststörung bedeutet eine massive Einschränkung der LebensqualitätLebensqualität und einen hohen LeidensdruckLeidensdruck. Die Betroffenen vermeiden alle Situationen, in denen Ängste auftreten könnten, und bleiben schließlich ganz zu Hause. Oft verlieren sie ihre Arbeitsstelle, weil sie nicht mehr hingehen können. Dieses VermeidungsverhaltenVermeidungsverhalten ist einer der Hauptfaktoren, die eine Angststörung aufrechterhalten. Dann ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen.

Eine weitere Folge ist häufig ein geringeres SelbstwertgefühlSelbstwertgefühl, denn die Betroffenen haben das Gefühl, sich selbst nicht mehr im Griff zu haben.

In einer TherapieTherapie kann den Betroffenen unterschiedlich geholfen werden: Ist die Angst mit einem ganz bestimmten AuslöserAuslöser verbunden wie dem Anblick einer Spinne, kann die Angststörung leicht therapiert werden. Tritt sie dagegen unsystematischer auf, dauert die Therapie länger und es wird auch mit Medikamenten gearbeitet. In jedem Fall aber kann die Lebensqualität deutlich gesteigert werden, wenn sich die Betroffenen in therapeutische Behandlung begeben.

Auch für die AngehörigenAngehörige der Betroffenen bedeutet eine Angststörung eine große Belastung.

Linktipp | Wie eine Angststörung von Betroffenen wahrgenommen wird, zeigen diese Erfahrungsberichte von Personen mit Angststörungen. Hier wird auch deutlich, was der Unterschied zwischen einem normalen AngstempfindenAngstempfinden, normales und einer Angststörung ist: https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/agoraphobie-panikstoerung/leben-mit-angststoerungen.

Warum sind Frauen etwa doppelt so häufig von Angststörungen betroffen wie Männer?

Leider kann ich auf diese wichtige Frage keine eindeutige Antwort geben. In diesem Abschnitt möchte ich jedoch deutlich machen, woran es liegt, dass es auf diese Frage noch keine befriedigende Antwort gibt. Dabei gewinnen Sie auch einen Einblick von der Art und Weise, wie Angst in der Wissenschaft untersucht wird. Um Ihnen einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu dieser Frage zu geben, stelle ich Ihnen hier eine aktuelle Überblicksarbeit von Debra Bangasser und Amelia Cuarenta vor (Bangasser & Cuarenta, 2021). Dabei nehmen die Autorinnen nicht nur → AngststörungenAngststörung, sondern auch → DepressionDepression ins Visier, denn auch an Depression erkranken etwa doppelt so viele Frauen wie Männer. Sie fokussieren dabei auf die neurobiologischen Mechanismen, die bei Angst eine Rolle spielen. Ich werde diese Mechanismen im Verlauf des Buches genauer beschreiben. An dieser Stelle ist wichtig zu wissen, dass zur genauen Untersuchung der Abläufe im Gehirn Studien mit Nagetieren gemacht werden. Die beiden Autorinnen stellen zunächst fest, dass diese Studien nur mit männlichen Mäusen durchgeführt wurden. Weibliche Mäuse gelten als unberechenbar, man muss beispielsweise auf deren Hormonspiegel achten, der sich im Laufe des Fruchtbarkeitszyklus ändert. In einer Sendung des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2019 berichtet die Neurobiologin Rebecca Shansky: „Ein allgemeiner Rat lautete: Achten Sie auf die Hormonspiegel, wenn Sie mit weiblichen Tieren experimentieren. In allen Nagetieren existieren erhebliche Schwankungen bei Fortpflanzungshormonen aus dem Eierstock. Am besten Sie entfernen die Eierstöcke oder verzichten ganz auf weibliche Versuchstiere. Dann sind Sie das leidige Problem mit den weiblichen Hormonen los.“ (Lange 2019, Min. 0:58–1:23, Übersetzung von Deutschlandfunk)

Laut Neurobiologin Rebecca Shansky sind aber weibliche Nagetiere für Forschungszwecke genauso gut oder eben schlecht geeignet wie männliche Nagetiere. Da Angst und Depression vor allem bei Frauen auftreten, würde sich hier die Untersuchung an weiblichen Tieren anbieten. Das wird erst seit wenigen Jahren getan laut der aktuellen Überblicksarbeit von Bangasser und Cuarenta. Für solche Versuche werden die Mäuse auf abgegrenzte Flächen oder in Labyrinthe gesetzt. Mäuse halten sich generell ungern auf offenen Flächen auf. Wenn sie Angst haben, sind sie fast nur noch am Rand der Fläche unterwegs. Gibt man den Mäusen ein Medikament, das die Angst reduziert, nimmt diese Tendenz ab.

Hier gibt es aber weitere Probleme, denn die experimentellen Aufgaben, die in den neurobiologischen Studien verwendet werden, sind für männliche Nagetiere entwickelt. Beispielsweise wird ein sogenanntes Elevated Plus Maze verwendet, also ein erhöhtes plusförmiges Labyrinth, in dem die Nagetiere untersucht werden. Dabei wird das Verhalten der männlichen Versuchstiere im Labyrinth durch Angst beeinflusst, während das Verhalten der weiblichen Versuchstiere eher durch ihr Aktivitätsniveau beeinflusst wird. Man kann also die Forschungsergebnisse, die vor allem aus Studien mit männlichen Tieren stammen, nicht ohne Weiteres auf die weiblichen Tiere übertragen. Das ist ein Problem, da Frauen ja sogar noch häufiger von → Angst und → Depression betroffen sind und wir deshalb gerade für sie die Studienergebnisse verwenden wollen.

Die beiden Autorinnen der Überblicksarbeit stellen anhand der wenigen verfügbaren Arbeiten, die sowohl männliche als auch weibliche Versuchstiere untersucht haben, die Unterschiede dar, die für die stärkere Betroffenheit von Frauen relevant sind. Ich möchte hier nur einen beispielhaften Unterschied herausgreifen.

Angst wird bei Mäusen und Ratten über ein bestimmtes Verhaltensmuster erfasst. Die Nagetiere erstarren, sie bewegen sich einfach nicht mehr. Nun stellt sich heraus, dass dieses Verhalten vor allem auf die männlichen Versuchstiere zutrifft. Weibliche Versuchstiere zeigen bei Angst weniger Erstarren, sondern eher kurze schnelle Bewegungen, die aussehen wie Fluchtbewegungen. Weibliche Tiere reagieren folglich anders auf angstauslösende Reize als männliche Tiere.

Es ist also noch viel zu tun, wenn es um die Erforschung der Unterschiede von männlichen und weiblichen Tieren geht. Dies ist wichtig, damit wir nicht nur Männern, sondern auch Frauen, die doppelt so häufig von Angst und Depression betroffen sind wie Männer, besser helfen können. Es ist durchaus möglich, dass sich herausstellen wird, dass Frauen anders behandelt werden müssen als Männer, wenn sie unter einer → Angststörung leiden. Bezüglich der Medikation ist das Problem nicht nur, dass in der Anfangsphase der Medikamentenentwicklung vor allem männliche Nagetiere untersucht werden, sondern auch, dass in späteren Phasen der Medikamentenentwicklung weniger an Frauen getestet wird. Das liegt auch daran, dass Frauen besonders schützenswert sind, denn das zu testende Medikament kann sich auch auf das Baby im Falle einer Schwangerschaft auswirken. Wenn überhaupt, werden oft nur Frauen in solche Studien eingeschlossen, die doppelt verhüten. Frauen, die einen natürlichen Menstruationszyklus haben, werden also überhaupt nicht getestet.

Linktipp | Dieses Video zeigt, wie man Angst bei Mäusen untersuchen kann: https://www.youtube.com/watch?v=gJDV2cp8w9E.

Mehr zum Thema GendermedizinGendermedizin kann man in einem Beitrag von SWR Wissen nachlesen und nachhören: https://www.swr.de/wissen/gendermedizin-klinische-studien-speziell-fuer-frauen-100.html. Bezeichnend ist hier vor allem folgendes Zitat: „Paradoxerweise führt also der gute Wille, besonders gefährdete Personengruppen zu schützen, dazu, dass sie besonders wenig Schutz erfahren: Anstatt innerhalb einer streng reglementierten und überwachten Studie werden den Patientinnen Medikamente sozusagen auf gut Glück verabreicht – ohne dass klar ist, wie diese sich auf ihren Organismus auswirken oder wie sie dosiert werden müssen.“ (Min. 2:15–2:36)

Welche Arten von Angststörungen gibt es?

Generell unterscheidet man zwischen spezifischen und unspezifischen Angststörungen. Die spezifischen AngststörungenAngststörungspezifische nennt man auch → PhobienPhobie. Bekannte Beispiele hierfür sind die Angst vor Höhe, die Angst vor engen Räumen und die Angst vor Spinnen. Dabei hat jede Störung einen Namen, der sich von der griechischen Bezeichnung Phobos für Angst und der griechischen oder lateinischen Bezeichnung des Objektes oder der Situation ableitet, vor der die betroffenen Personen Angst haben. Bei Höhenangst ist das Akrophobie (Akros = Gipfel, Spitze, Höhe), bei Angst vor engen Räumen die Klaustrophobie (Klaustrum = Verschluss, Riegel, Schloss). Die Angst vor öffentlichen Plätzen ist die Agoraphobie (Agora = Marktplatz). Die Agoraphobie wird aber nicht zu den spezifischen Phobien gerechnet, weil hier noch andere Angstprozesse eine Rolle spielen. Es gibt eine lange Liste von möglichen Ängsten, in der folgenden Tabelle gebe ich einige Beispiele von spezifischen Phobien.


Phobie griechischer/lateinischer Objektname Bedeutung
Akrophobie akros: Gipfel, Spitze, Höhe Angst vor Höhe
Arachnophobie arachne: Spinne Angst vor Spinnen
Aviophobie avis: Vogel Flugangst
Brontophobie bronte: Donner Angst vor Donner
Canophobie canis: Hund Angst vor Hunden
Dentophobie dens: Zahn Angst vor Zahnbehandlung
Emetophobie emeein: erbrechen Angst vor Erbrechen
Hemaphobie haima: Blut Angst vor Blut
Klaustrophobie claustrum: Verschluss, Riegel, Schloss Angst vor engen Räumen
Musophobie mus: Maus Angst vor Mäusen
Xenophobie xenos: Fremder Angst vor Fremden/Unbekannten
Zoophobie zoon: Lebewesen Angst vor Tieren

Tabelle 1 |

Verschiedene Phobien und ihre sprachliche Herkunft

Spezifische Phobien kann man recht gut behandeln. In der Regel werden die Betroffenen den angstauslösenden Reizen unter Begleitung einer Therapeutin ausgesetzt. Diese Therapieform nennt sich ExpositionstherapieExposition-therapie. Ich beschreibe die Expositionstherapie später noch genauer. Nach einer bis fünf solcher Expositionssitzungen ist die Behandlung der Störung in der Regel abgeschlossen laut S3-Leitlinie für Angststörungen. Manchmal reicht sogar eine einzige Sitzung.

Unspezifische AngststörungenAngststörungunspezifische sind dagegen schwerer zu behandeln. Meist wird hier mit Medikamenten und Psychotherapie gearbeitet. Oft werden auch AntidepressivaAntidepressiva gegeben, also Medikamente, die auch bei → Depression eingesetzt werden. Welche Medikamente genau bei welcher Angststörung gegeben werden, können Sie auch in der S3-Leitlinie nachlesen, die ich unten verlinkt habe. Diese Medikamente wurden auf ihre Wirksamkeit getestet, unter anderem in Tierstudien mit Nagetieren. Da in diesen Studien vor allem männliche Nagetiere untersucht wurden, kann es sein, dass sich in Zukunft die Medikamente für Männer und Frauen mit Angststörungen unterscheiden werden.

Linktipp | Eine Liste mit allen Phobien findet sich hier: https://phobie-wissen.de/phobienliste/. Die S3-Leitlinie für Angststörungen kann man hier einsehen: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html.

Wovor haben wir Angst?

Hier ist spannend, dass es Objekte oder Situationen gibt, die wahrscheinlicher Angst auslösen als andere. Es gibt zum Beispiel keine bisher bekannte → Phobie vor kleinen Schafen, dafür aber Angst vor Tieren, die potenziell gefährlich sind wie Spinnen oder Schlangen. Hier geht man davon aus, dass wir genetisch dazu veranlagt sind, vor gefährlichen Dingen schneller Angst zu entwickeln als vor ungefährlichen, was an sich ja sehr sinnvoll ist. Das nennt man PreparednessPreparedness, also „Vorbereitet-​Sein“. Arne Öhman, ein schwedischer Psychologe, hat sich mit der Forschung zu Preparedness einen Namen gemacht und saß sogar im Nobelpreiskomitee. In seinem meistzitierten Paper von 2001 fasst er vier Charakteristiken von Furchtlernen zusammen. Das erste Kriterium ist, dass → Furcht vor allem von Reizen ausgelöst wird, die in einem evolutionären Sinn gefährlich sind. Das zweite ist, dass die Furchtreaktion auf solche Reize automatisch abläuft. Das dritte, dass man mit bewusster Kontrolle wenig ausrichten kann gegen Furchtreaktionen, und das vierte, dass die → AmygdalaAmygdala und mit ihr verbundene Gehirnbereiche hauptverantwortlich sind für die ausgelösten Furchtreaktionen (Öhman & Mineka, 2001).

Diese Preparedness wird von Beutetieren auch als Schutz vor dem Gefressen-​Werden genutzt. Die Fähigkeit bestimmter Tiere, sich zu schützen, indem sie sich der Gestalt oder Farbe solcher Tiere anpassen, die von ihren Feinden gefürchtet werden, nennt sich MimikryMimikry. Beispiele hierfür sind harmlose Schwebfliegen, die sich durch gelb-​schwarze Wespenfarben als giftig ausgeben, und wehrlose Schmetterlinge, zum Beispiel das Pfauenauge, deren Flügelmuster den Augen eines gefährlichen Raubvogels ähneln.

Für viele Phobien spielen soziale Situationen eine große Rolle, vor allem Situationen, in denen die Betroffenen von anderen Personen kritisch bewertet werden könnten.

Bei den unspezifischen AngststörungenAngststörungunspezifische treten die Symptome der AngstAngstSymptome, auf die wir später nochmal genauer eingehen, nicht nur bei ganz bestimmten Objekten oder Situationen auf, sondern scheinbar zufällig. Es gibt auch Zusammenhänge zwischen Phobien und der sogenannten generalisierten Angststörung. Wenn Personen beispielsweise erleben, dass sie unvorhersehbaren Angstattacken ausgeliefert sind, also eine generalisierte Angststörung haben, dann werden sie auch öffentliche Plätze meiden, an denen Hilfe nicht so einfach zur Verfügung steht. Sie entwickeln also möglicherweise eine Agoraphobie aufgrund der generalisierten Angststörung.

Linktipp | In diesem eindrucksvollen Video „verwandelt“ sich eine Raupe in eine Schlange und schlägt den Affen, der die Raupe ansonsten gerne gefressen hätte, in die Flucht. Damit nutzt die Raupe die Angst des Affen vor Schlangen aus, um sich selbst zu schützen. Sehr clever! https://www.reddit.com/r/NatureIsFuckingLit/comments/m6vkrn/this_caterpillar_impersonating_a_snake/.

Wie hängen die Störungen untereinander zusammen?

Die beiden häufigsten psychischen Störungen, → Angst und → DepressionDepression, treten oft gemeinsam auf. Das nennt man → KomorbiditätKomorbidität. Bei 60 % der Betroffenen von Angststörungen wird auch eine Depression festgestellt (Kaufman & Charney, 2000). Oft sind Angststörungen auch verbunden mit psychosomatischen Störungen wie Schmerzen. Es kann passieren, dass Betroffene wegen körperlicher Beschwerden zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Hier muss der Arzt oder die Ärztin dann genau nachfragen und hinhören, damit er oder sie die den körperlichen Beschwerden zugrunde liegende Angststörung entdeckt. Oft versuchen sich die Betroffenen auch selbst zu helfen, indem sie verschiedene Substanzen konsumieren, zum Beispiel Beruhigungsmittel oder Alkohol. Daher ist auch das gemeinsame Auftreten einer Angststörung und einer SubstanzabhängigkeitSubstanzabhängigkeit sehr häufig.

Angst kann auch zu ZwangshandlungenZwangshandlungen führen. So können zum Beispiel Personen, die Angst haben, schmutzig zu sein oder mit verschmutzten Gegenständen Kontakt zu haben, eine Zwangshandlung entwickeln, indem sie sich sehr oft die Hände waschen oder ihre Wohnung putzen.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass ein gewisses Maß an Zwangshandlungen noch nicht als krankhaft gilt. Wenn Sie also ein zweites Mal überprüfen, ob Sie Ihre Türe abgeschlossen haben, ist das noch keine → Zwangsstörung.

Ab wann ist etwas eine Störung?

Diese Frage würde allein schon Bücher füllen, deshalb hier nur eine kurze Erläuterung. Psycholog:innen sprechen von LeidensdruckLeidensdruck, der dazu führt, dass sich Patient:innen Hilfe suchen. Dann wird auch eine Diagnose vergeben. Wenn jemand nicht mehr in der Lage ist, das Haus zu verlassen, weil er oder sie ständig alles kontrollieren muss, dann wird der Leidensdruck irgendwann so groß sein, dass er oder sie sich Hilfe sucht.

Linktipp | Die Stiftung Gesundheitswissen hat unter https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/angststoerung/hintergrund anschaulich zusammengetragen, wie sich normal auftretende Angst von einer Angststörung unterscheidet. In dem animierten Video auf der Seite wird die Angst als schwarze Figur dargestellt, die bei Angststörungen stark anwächst und durch Therapie auf ihr normales Maß reduziert werden kann.

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörungposttraumatische Belastungsstörung?

Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung ist der AuslöserAuslöser der Störung ein traumatisches Ereignis. Das sind häufig Missbrauchserfahrungen oder Erfahrungen im Krieg, die dazu führen, dass die Erinnerungen an diese Erlebnisse einfach so wieder auftauchen und das tägliche Leben stark stören. Frauen sind auch hier stärker betroffen als Männer. Man geht davon aus, dass traumatische Erinnerungen anders abgespeichert werden als normale Erinnerungen. Die traumatischen Erinnerungen sind somit nicht an einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit gebunden wie andere Erinnerungen. Sie können, oft ausgelöst durch einen bestimmten Reiz oder eine bestimmte Situation, wieder erlebt werden, als würde das ursprüngliche Erlebnis gerade noch einmal stattfinden. Dies ist sehr belastend für die Betroffenen und kann auch zu sogenannten dissoziativen Phänomenendissoziatives Phänomen führen. Das bedeutet beispielsweise, dass man vor allem in akuten Stresssituationen auf einmal gefühllos wird oder sich auf einmal von außen sieht, als wäre man nicht mehr in seinem eigenen Körper.

Linktipp | In dieser Dokumentation von reporter wird sehr anschaulich beschrieben, wie sich eine posttraumatische Belastungsstörung für eine betroffene Person anfühlt. Die Betroffene hat einen Hund, der darauf trainiert ist, sie im Falle von akuten Dissoziationen und Flashbacks zurückzuholen, indem er sie anstupst. Das funktioniert sehr gut und hilft der Betroffenen, ihren Alltag besser zu meistern: https://www.youtube.com/watch?v=WayryKjGRKg.

Wie werden Angststörungen klassifiziert?

Die genauen Definitionen der einzelnen → Angststörungen sind weltweit im → ICD-11 erfasst. Das ICDICD (englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben. Die Zahl 11 gibt an, dass es sich um die 11. Revision handelt. Diese ist seit Anfang 2022 in Kraft. Die Umstellung von ICD-10 auf ICD-11 erfolgt nach und nach. Nach diesem System werden weltweit Diagnosen vergeben. Daneben gibt es noch ein weiteres Klassifikationssystem, das DSM, das für „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ steht. Das DSM wurde von der American Psychiatric Association (APA) entwickelt und wird weltweit für Forschungszwecke verwendet. Die aktuelle Version ist das DSM-5, das 2013 veröffentlicht wurde. Im DSM sind nur psychische Diagnosen enthalten, im ICD sind dagegen alle Diagnosen enthalten. Um mit den Krankenkassen abzurechnen, wird das ICD verwendet. Der Code einer Diagnose setzte sich im ICD-10, der aktuell noch verwendet wird, zusammen aus einem Buchstaben von A bis Z an erster Stelle und einer zweistelligen Ziffer an zweiter und dritter Stelle. Darüber hinaus können noch weitere Zahlen nach einem Punkt als Unterklassifikation dienen. Die Diagnosen für psychische Störungen finden sich im ICD-10 bei F0 bis F9, wobei Angststörungen unter F4 gelistet sind. Die Agoraphobie hat beispielsweise den Code F40.0, eine Agoraphobie mit Panikstörung den Code F40.01. Spezifische → Phobien sind unter F40.2 gelistet. F41 sind die anderen Angststörungen, F42 die → Zwangsstörung und F43.1 ist die Posttraumatische Belastungsstörung. Im Alltag begegnet man dem ICD bei einer Krankschreibung oder Überweisung, auf der die gestellte Diagnose in Form eines ICD-10-Codes steht.

Linktipp | Die weltweit gültige ICD-10-Klassifikation findet sich z. B. unter https://www.icd-code.de/, den ICD-11 kann man hier finden: https://icd.who.int/en.

Wie Angst entsteht und wie sie sich messen lässt


Angst ist ein hilfreicher Mechanismus. Dieses Kapitel zeigt, wie wir Angst „lernen“, welche Voraussetzungen für eine Konditionierung vorhanden sein müssen und auch, wie sich die Angst im Körper messen lässt.

Hat der Mensch schon immer Angst?

In diesem Kapitel geht es um die faszinierenden Mechanismen, mit denen unser Körper ausgestattet ist, um uns vor Gefahr zu bewahren. Unser Gehirn und unser Körper sind darauf eingestellt, Gefahren zu antizipieren und sie zu bewältigen. So wird das Überleben gesichert. Genau dieses Antizipieren von Gefahren ist aber auch mit Angst verbunden.

Angst ist also ein lebenswichtiges Alarmgefühl. Es ist zunächst unangenehm und beklemmend, hat aber zum Ziel, akute Gefahren abzuwehren. Wichtig ist, dass das Gefühl der Angst wieder aufhört, wenn die Gefahr überwunden ist. Leider haben wir oft Angst, obwohl gar keine akute Gefahr droht. Dies beruht auf der Fähigkeit des Menschen, sich Dinge vorzustellen, die passieren könnten. Der Vorteil daran ist, dass sich der Mensch so auf Gefahren vorbereiten kann, die noch gar nicht eingetreten sind. Nachteilig ist es, wenn die negativen Gedanken bezüglich der Zukunft überhandnehmen. Dann wird das Gefühl der Angst zur Belastung. Um zu verstehen, wie Angst entsteht und was dabei im Körper passiert, habe ich im folgenden Kapitel aktuell diskutierte Theorien zur Entstehung von Angst zusammengetragen.

Linktipp | Dieses kurze Video zeigt, wie sich unser Gehirn entwickelt hat, um uns vor Gefahren zu schützen. Es zeigt auch, wie dadurch Angst entstehen kann: https://www.youtube.com/watch?v=kv6HkipQcfA.

Welche Rolle spielt Lernen bei der Entstehung von Angst?

Bei der Entstehung von Angst kommt das bekannte Experiment mit dem kleinen AlbertAlbert ins Spiel, ein ExperimentLittle-​Albert-​Experiment, das unter heutigen ethischen Standards nicht mehr denkbar wäre. Der kleine Albert war nicht mal ein Jahr alt, als ihm John B. WatsonWatson, John B. und Rosalie RaynerRayner, Rosalie an der Johns-​Hopkins-​Universität um 1920 verschiedene Tiere präsentierten. Aufgrund seines geringen Lebensalters konnte man davon ausgehen, dass Albert noch keine Vorerfahrungen mit den Tieren hatte, die ihm in diesem Experiment präsentiert wurden. Der kleine Albert war zunächst angetan von dem kleinen Affen, dem Kaninchen, dem Hund und vor allem der weißen Ratte. Dann erschreckten die beiden Versuchsleiter den kleinen AlbertAlbert mit einem lauten Schlag auf ein Stahlrohr immer dann, wenn er gerade mit der weißen Ratte spielen wollte. Mit der Zeit hatte der kleine Albert auch dann Angst vor der Ratte, wenn der laute Schlag fehlte. John B. Watson und Rosalie Rayner hatten also experimentell eine → PhobiePhobie bei dem kleinen Albert erzeugt: Er hatte Angst vor der weißen Ratte. Sie testeten daraufhin auch, ob sich die Angst nur auf den spezifischen Reiz, also zum Beispiel die weiße Ratte, oder auch auf andere flauschige Objekte wie einen Nikolausbart übertrug. Das Ergebnis war, dass Albert nicht nur Angst vor der weißen Ratte hatte, die er vorher gerne gestreichelt hat, sondern auch vor anderen flauschigen Dingen. Die Angst hatte sich also generalisiert; sie wurde von der weißen Ratte auf andere flauschige Gegenstände übertragen (Watson & Rayner, 1920).

Abbildung 1 |

Der Versuchsaufbau des berühmten Experiments mit dem kleinen Albert. John B. Watson schlägt mit einem Hammer auf ein Metallrohr. Vor diesem Geräusch hat der kleine AlbertAlbert Angst. Nun wird dieses Geräusch mit dem Anblick einer weißen Ratte gepaart, so dass der kleine Albert lernt, Angst vor der weißen Ratte zu haben.

Dieses Experiment ist ethisch zwar äußerst bedenklich, aus psychologischer Sicht aber sehr spannend. Es zeigt, dass es möglich ist, einen vorher neutralen, ja sogar eher positiven Reiz wie eine weiße Ratte mit einem negativen Reiz, in diesem Fall einem lauten Geräusch, zu paaren und damit die Angst vor dem lauten Geräusch auf die weiße Ratte zu übertragen. In der Fachsprache wird dies → „klassische KonditionierungKonditionierungklassische“ genannt. Die klassische Konditionierung wurde vor allem durch Iwan PawlowPawlow, Iwan bekannt, der in seinen berühmten Experimenten um 1900 mit seinen Hunden zeigte, dass die Hunde bereits anfingen zu speicheln, wenn nur eine Glocke läutete, die Futter ankündigte. Hier wurde also ein neutraler Reiz (Glockenläuten) mit einem positiven Reiz (Futter) gepaart, so dass am Ende nur der Ton der Glocke genügte und bereits zur Speichelproduktion anregte.

Der kleine AlbertAlbert symbolisiert also zum einen die Übertragung des Prinzips der klassischen Konditionierung auf den Menschen, zum anderen bietet das historische Experiment eine Erklärung, wie Angst entstehen kann.

Wie lässt sich erlerntes Angstverhalten wieder „verlernen“?

Der kleine Albert kam leider nicht in den Genuss einer experimentellen Löschung, genannt ExtinktionExtinktion, seines gelernten Angstverhaltens. Im Artikel von WatsonWatson, John B. und RaynerRayner, Rosalie steht, dass er plötzlich nicht mehr verfügbar war, sonst hätten sie verschiedene Methoden ausprobiert, wie die gelernte Angst wieder verlernt werden kann. Heute wird im Rahmen der VerhaltenstherapieVerhaltenstherapie Patient:innen ein solches Verlernen von Angst beigebracht. Sie lernen dabei, dass der neutrale Reiz, also die Ratte im Beispiel vom kleinen Albert, doch nicht zwingend mit dem lauten Geräusch verbunden ist, das ursprünglich die Angst erzeugt hat. In der Therapie gehen die Patient:innen dann zum Beispiel auf öffentliche Plätze und lernen, dass sie das aushalten können, oder steigen auf einen hohen Turm und lernen, dass das gar nicht so schlimm ist wie erwartet. Dieses Verfahren heißt → ExpositionExposition und wirkt gut bei spezifischen Angststörungen.

Was passiert bei der Extinktion von Angstverhalten?

Durch die Therapie wird die Angst-​Gedächstnisspur mit einer neuen Gedächtnisspur überschrieben. Die ursprüngliche, angstauslösende Gedächstnisspur wird also nicht „gelöscht“, sondern lediglich überdeckt. Daher ist ein erneutes Aktivieren der Angst-​Gedächtnisspur leicht möglich.

Im Fall vom kleinen Albert konnten WatsonWatson, John B. und RaynerRayner, Rosalie beobachten, dass der kleine Albert spontan seinen Daumen in den Mund nahm, wenn der angstmachende Reiz auftrat, also entweder der laute Schlag auf das Stahlrohr oder die bereits negativ konditionierte weiße Ratte. Das Nuckeln an seinem Daumen beruhigte den kleinen AlbertAlbert offensichtlich. Watson und Rayner berichten, dass sie dem kleinen Albert für die Filmaufnahmen immer wieder den Daumen aus dem Mund nehmen mussten, damit er auch die erwünschte Angstreaktion zeigte.

Es gibt also offensichtlich Verhaltensweisen, die in beängstigenden Situationen helfen können. Diese Erkenntnis hilft bei der Therapie von Angst. So ist es den Patient:innen während der → ExpositionExposition, also der bewussten Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz, verboten, auf sogenanntes SicherheitsverhaltenSicherheitsverhalten auszuweichen. Die Patient:innen dürfen also keine Strategien anwenden, die die Angstreaktion abschwächen. Der Grund hierfür ist, dass die Patient:innen nur lernen können, mit der gefürchteten Situation oder dem gefürchteten Objekt zurechtzukommen, wenn sie sich der Situation oder dem Objekt ganz ausliefern. Wenn sie hierbei Sicherheitsverhalten zeigen würden, würden sie lernen, dass dieses Sicherheitsverhalten wichtig ist, um die Situation oder das Objekt zu ertragen. Was sie aber lernen sollen, ist, dass sie ohne jedes Sicherheitsverhalten in der Lage sind, die Situation oder das Objekt zu ertragen.

Außerdem geht man davon aus, dass der Körper einen sehr starken Erregungszustand, wie er bei starker Angst auftritt, nicht sehr lange aufrechterhalten kann und dieser Erregungszustand dann bald abnimmt. Wenn die Patient:innen merken, dass ihr Erregungszustand in der gefürchteten Situation merklich nachlässt, kann das zu einer neuen Gedächtnisspur führen, die mit Angst inkompatibel ist.

Linktipps | Der etwa dreiminütige Film zu dem Experiment mit dem kleinen Albert ist auf der Wikipedia-​Seite zum Experiment zu finden: https://en.wikipedia.org/wiki/Little_Albert_experiment.

In einem zweiten Video stellt psychologeek das Experiment mit dem kleinen Albert zusammen mit zwei weiteren sehr bekannten und ethisch bedenklichen Experimenten aus der Psychologie vor. In diesen Experimenten geht es zum einen um das bereitwillige Ausführen von Befehlen, bei denen eine andere Person vermeintlich durch Elektroschocks geschädigt wird (Milgram-​ExperimentMilgram-​Experiment), und zum anderen um die sehr schnelle Übernahme von zugewiesenen Gefängniswärter- und Gefängnisinsassenrollen, verbunden mit der Ausübung von Gewalt (Stanford-​Prison-​ExperimentStanford-​Prison-​Experiment): https://www.youtube.com/watch?v=hYXWJBRr0pA.

Was ist klassisches Konditionieren?

Klassisches KonditionierenKonditionierungklassische beschreibt den Lernprozess, durch den eine von einem unkonditionierten Reiz ausgelöste Reaktion auf einen ehemals neutralen Reiz übertragen werden kann. So wird aus einem neutralen Reiz ein konditionierter Reiz oder, wie es Pawlow eigentlich ausdrücken wollte, ein konditionaler Reiz. Beim kleinen AlbertAlbert war der neutrale Reiz die weiße Ratte. Der unkonditionierte Reiz war der laute Schlag auf das Stahlrohr, dass bei kleinen Kindern generell eine Schreckreaktion hervorruft. Über die Paarung des neutralen Reizes mit dem unkonditionierten Reiz wird nun diese Schreckreaktion auf den ehemals neutralen Reiz übertragen. Beim kleinen Albert war das die gleichzeitige Präsentation der weißen Ratte und des lauten Geräusches. Die Phase, in der die beiden Reize gepaart werden, nennt man LernphaseLernphase. Das Ergebnis der Konditionierung wird dann in der nächsten Phase sichtbar, wenn der zuvor neutrale Reiz nun allein präsentiert wird und die konditionierte Reaktion auslöst. Beim kleinen Albert bedeutet das: Die weiße Ratte allein löst schon eine Schreckreaktion aus. In der Extinktionsphase, die der kleine Albert leider nicht mehr mitbekam, wäre die weiße Ratte so oft ohne das erschreckende Geräusch präsentiert worden, dass sich die Schreckreaktion auf die weiße Ratte langsam abgeschwächt hätte. Jedoch zeigt die Forschung, dass in der Extinktionsphase eigentlich keine Löschung der Gedächtnisspur stattfindet. Durch eine wiederholte Konditionierung oder sogar spontan kann sehr schnell wieder die Kopplung zwischen dem neutralen Reiz und der konditionierten Reaktion hergestellt werden. Man geht davon aus, dass sich eine stabile Gedächtnisspur gebildet hat, die leicht wieder reaktiviert werden kann.

Literaturtipp | Eine gute Übersicht über den aktuellen Stand der Forschung in Bezug auf Furchtkonditionierung bietet ein Artikel von Christian Merz und Tina Lonsdorf in der Psychologischen Rundschau: Merz, C. J. & Lonsdorf, T. B. (2020). Methodische Anmerkungen und Anwendungsbereiche der Furchtkonditionierung in verschiedenen psychologischen Disziplinen. Psychologische Rundschau, 71, 273–287.

Woher stammt der unkonditionierte Reiz bei gelernten Ängsten?

Die Frage, die bei der Recherche zur → klassischen Konditionierung als Grundlage für → Angststörungen auftaucht, ist: Woher stammt der unkonditionierte Reiz? Der unkonditionierte Reiz ist derjenige Reiz, der von sich aus eine Angstreaktion auslöst, sprich, ohne erlernt zu sein. Beim Fall des kleinen AlbertAlbert ist es das laute Geräusch, vor dem Albert von Natur aus Angst hat. Dieser unkonditionierte Reiz wird gepaart mit dem konditionierten Reiz, also beispielsweise der weißen Ratte. Nun fehlt aber ganz häufig eine solche Konditionierung, wie sie der kleine Albert erlebte. Im Normalfall hat eine Person mit Spinnenphobie noch keinen schmerzhaften Spinnenbiss erlitten, wodurch sie lernte, die Spinne mit Gefahr zu assoziieren. Auch Personen mit Höhenangst sind im Normalfall noch nie aus großer Höhe gestürzt, so dass sie Höhe mit Gefahr assoziieren. Die Paarung des konditionierten Reizes mit einer Angstreaktion findet also möglicherweise nur in der Vorstellung statt. Diese ist eine aktuelle Fragestellung, zu der gerade viel geforscht wird.

Literaturtipp | Hier ein aktuelles Review, in dem der aktuelle Forschungsstand zusammengefasst wird: Mertens, G., Krypotos, A.-M. & Engelhard, I. M. (2020). A review on mental imagery in fear conditioning research 100 years since the ‘Little Albert’ study. Behaviour Research and Therapy, 126, 103556.

Was ist operantes Konditionieren?

Eine zweite Form des Lernens ist die operante KonditionierungKonditionierungoperante. Hier geht es darum, dass Verhalten häufiger auftritt, wenn es positive Konsequenzen hat und seltener, wenn es negative Konsequenzen hat. Wenn das Daumenlutschen für den kleinen AlbertAlbert eine beruhigende Wirkung hat, ist das eine positive Konsequenz und er wird es deshalb häufiger machen. Operantes Konditionieren wird auch „Lernen am Erfolg“ genannt. Im Gegensatz zum klassischen Konditionieren, wo es um die Kopplung zweier Reize geht, steht hier das Verhalten in bestimmten Situationen im Vordergrund. Dabei wird die Auftretenswahrscheinlichkeit von Verhalten maßgeblich von den Konsequenzen dieses Verhaltens beeinflusst. Durch Belohnung wird eine bestimmte Verhaltensweise häufiger, durch Bestrafung seltener. Um diese Theorie zu belegen, wurden viele Tierexperimente gemacht. Beispielsweise mussten sich Katzen aus Käfigen befreien, indem sie herausfanden, was sie dafür tun mussten. Die Belohnung war in dem Fall Freiheit und Futter außerhalb des Käfigs. Die Katzen brauchten zuerst lange, bis sie den Käfig öffnen konnten, lernten aber schnell und führten bei erneuten Versuchen gleich die richtige Verhaltensweise aus, die den Käfig öffnete. Diese Experimente machte Edvard Lee ThorndikeThorndike, Edvard Lee an der Columbia University und verfasste 1898 das „Gesetz der Wirkung“ (englisch: law of effect). Dieses Gesetz beschreibt, dass eine bestimmte Situation, also beispielsweise die Katze im Käfig, stärker mit einem Verhalten gekoppelt ist, das mit einer positiven Konsequenz verbunden ist, also mit dem Öffnen des Käfigs. Dieses Verhalten wird dann häufiger. Eine positive Konsequenz kann dabei sowohl eine Belohnung sein, zum Beispiel in Form von Futter, aber auch das Ausbleiben einer Bestrafung, zum Beispiel in Form eines erschreckenden Reizes. Die Belohnung heißt → positive VerstärkungVerstärkungpositive, das Ausbleiben der Bestrafung heißt → negative VerstärkungVerstärkungnegative. Beides erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit des damit assoziierten Verhaltens. Die hier vorgestellten Arbeiten zum klassischen und operanten Konditionieren begründeten eine Strömung der Psychologie, die man BehaviorismusBehaviorismus nennt. Wie der Name schon andeutet, geht es darum, das Verhalten der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht also weniger darum, was in der Psyche der Menschen passiert als darum, was das Resultat daraus ist. Angsttheorien des Behaviorismus gehen davon aus, dass Angst durch eine Kombination von klassischem und operantem Konditionieren entsteht. Dabei erklärt die operante Konditionierung vor allem das typische Vermeidungsverhalten bei → Angststörungen. Durch das Vermeiden der angstauslösenden Situation oder des angstauslösenden Reizes wird die negative Konsequenz der akuten Angstgefühle vermieden und verstärkt dadurch das Vermeidungsverhalten.

Kann Angst auch durch Vorstellungen entstehen?

Wer etwas lernt, muss etwas bereits erlebt haben. Oder reicht bereits die Vorstellung des Erlebens aus? Der kleine AlbertAlbert erlebte gleichzeitig die weiße Ratte und das ohrenbetäubende Geräusch. Was aber, wenn sich der kleine Albert das Geräusch nur vorgestellt hätte? Das von Watson und Rayner propagierte Erklärungsmodell ist einleuchtend. Die Angst wird gelernt durch Paarung eines zuvor neutralen Gegenstands oder einer zuvor neutralen Situation mit einem angsteinflößenden Reiz wie einem lauten Geräusch. Nur: viele Ängste haben keine erlebte Erfahrung als Grundlage, die ja der Ausgangspunkt des Lernens nach diesem Erklärungsmodell ist. Menschen mit Spinnenphobie wurden weder von einer Spinne gebissen noch muss die Begegnung mit einer Spinne mit einem lauten Geräusch oder sonst einem angsteinflößenden Reiz gepaart worden sein. Dennoch haben sie Angst vor der Spinne entwickelt. Wie kann das sein? Dazu haben Forscher an der Universität Marburg ein spannendes Experiment durchgeführt (Müller, Sperl & Panitz, 2019). Dabei wurden nicht wie sonst üblich echte Schmerzreize verwendet, um Furchtreaktionen auf einen neutralen Reiz zu erzeugen, sondern nur vorgestellte Schmerzreize. Die Proband:innen wurden aufgefordert, sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, mit der Ferse mit voller Wucht auf einen Reißnagel zu treten. Autsch! An diesen Schmerz sollten sie immer denken, wenn ein bestimmtes geometrisches Symbol auf dem Bildschirm gezeigt wurde. Dieses Symbol erschien dann zusammen mit einem neutral blickenden Gesicht, das auf diese Weise mit dem angsteinflößenden Reiz gepaart wurde. Danach reagierten die Proband:innen allein auf das neutrale Gesicht schon mit einer körperlich messbaren Angstreaktion. Die Proband:innen lernten also nur aufgrund des vorgestellten Schmerzes eines Reißnagels in der Ferse, vor bestimmten neutralen Gesichtern Angst zu haben!

Der etwas größere Albert könnte also auch Angst vor der weißen Ratte lernen, indem er sie sich als sehr gefährlich vorstellt, wie in der Illustration veranschaulicht. Dazu ist dann keine klassische Konditionierung notwendig, die den Anblick der weißen Ratte mit einem lauten Geräusch paart.

Abbildung 2 |

Der etwas ältere Albert stellt sich vor, dass die weiße Ratte sehr gefährlich ist. Allein die Vorstellung kann schon zu Angst führen.

Geht das auch in die andere Richtung? Kann man Angst durch positive Vorstellungen wieder verlernen? Genau das wird in sogenannten vorstellungsbasierten TherapieverfahrenTherapieverfahren, vorstellungsbasiertes gemacht und es funktioniert erstaunlich gut! Beispielsweise bei der sozialen → Phobie, bei der die Betroffenen Angst vor sozialer Zurückweisung haben. Dort spielt die Interpretation von sozialen Situationen eine zentrale Rolle. Geht eine Person mit sozialer Phobie in ein Café, in dem sich zwei Leute unterhalten und plötzlich in dem Moment anfangen zu lachen, wenn die Person an ihrem Tisch vorbeigeht, wird sie möglicherweise denken: „Die lachen bestimmt über mich! Ich habe mich bestimmt ungeschickt verhalten oder sehe seltsam aus!“ Die sozial ängstliche Person kann dann in ihrer Vorstellung oder mit Hilfe von virtueller Realität die zuvor beängstigende Situation noch einmal erleben. Diesmal aber mit der Vorstellung, dass sich die beiden Lachenden am Tisch einfach sehr gut verstehen und sich über etwas amüsieren, das die eine Person gerade erzählt hat. So lernt dann die betroffene Person, dass die Situation gar nicht bedrohlich ist und im besten Fall überträgt sie diese Erfahrung dann auf zukünftige Erlebnisse. Ziel ist, die spontane Interpretation der Situation zu verändern. Das erfordert viel Übung und oft große Überwindung, da die Betroffenen die beängstigenden Situationen normalerweise vermeiden. Dabei ist es eine sehr effektive Methode, sich Ängsten auszusetzen, um sie zu überwinden.

Linktipp | Betroffene können angstbesetzte Situationen oder angstbesetzte Objekte auch über virtuelle Realitäten erleben. Hier gibt es einen anschaulichen Überblick darüber, wie virtuelle Realität bei der Behandlung spezifischer Phobien helfen kann. Beispielsweise wird das Achterbahnfahren mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden trainiert: https://www.youtube.com/watch?v=mi6GxuGVEd0.

Welche Prozesse laufen in Gehirn und Körper ab?

Angst ist ein komplexes Phänomen und der Körper zeigt auf vielen Ebenen Reaktionen, die darauf ausgelegt sind, auf eine akute Gefahr reagieren zu können. In Horrorfilmen wird Angst beispielsweise folgendermaßen dargestellt: Man hört den Herzschlag, der sich beschleunigt, dazu kommt schnelles Atmenatmen. Die Anspannung des Körpers und die Fokussierung auf den angstauslösenden Reiz kann man sich vorstellen wie einen Bildausschnitt, der immer enger wird. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das Objekt der Angst. Alles andere wird ausgeblendet. Der angstauslösende Reiz kann sich durch noch so kleine Indizien ankündigen. Das kann ein leises Rascheln oder ein Knacken sein – die ängstliche Person wird diese Indizien entdecken und die Aufmerksamkeit so auf sie richten, dass sie in der Wahrnehmung verstärkt werden. Diese Mechanismen werden durch verschiedene Schaltstellen im Körper gesteuert und sind hilfreich, wenn eine Situation oder ein Objekt wirklich gefährlich ist. Wenn eine Person jedoch eine → Angststörung hat, so kann diese Angstreaktion zur Belastung werden. Im Folgenden gehen wir nacheinander die körperlichen Ebenen der Angstreaktion durch. Da die Prozesse nicht zwangsläufig in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen, ist die Anordnung nicht zeitlich geordnet.

Wie zeigt sich Angst im Gehirn?

Unser Gehirn ist in verschiedene Teile gegliedert. Es gibt Teile, die sind „älter“, das heißt, sie waren auch bei unseren evolutionären Vorfahren bereits angelegt. Daneben gibt es Teile, die „jünger“ sind. Diese sind entwicklungsgeschichtlich später entstanden. Die Region, die gemeinhin als Angstzentrum des Gehirns bekannt ist, die → AmygdalaAmygdala, gehört zum älteren Teil des Gehirns. Sie schlägt Alarm, wenn ein Reiz gefährlich ist. Die Amygdala gibt es in beiden Gehirnhälften und sie liegt relativ weit innen im sogenannten limbischen Systemlimbisches System, das eine große Rolle für Gefühle im Allgemeinen spielt. Die Amygdala hat aber auch eine Art Gegenspieler, den präfrontalen Kortexpräfrontaler Kortex. Der gehört zum jüngeren Teil des Gehirns und liegt hinter unserer Stirn. Der präfrontale Kortex ist sehr groß und für die Steuerung von Verhalten zuständig. Er ist eine Art Dirigent und legt fest, welcher Akteur wann wie stark zum Einsatz kommt. Der präfrontale Kortex kann der Amygdala Einhalt gebieten, wenn sie zu stark oder unnötigerweise Alarm schlägt. Das ist eine sehr nützliche Funktion und schützt uns vor übermäßiger Angst in Situationen, in denen Angst nicht angesagt ist. Es wurde gezeigt, dass eine besonders ausgeprägte Verbindung zwischen der Amygdala und dem präfrontalen Kortex mit weniger Angst in Zusammenhang steht (Kim & Whalen, 2009).

Abbildung 3 |

Querschnitt des Gehirns mit der Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns

Natürlich steht die Amygdala noch mit vielen weiteren Gehirnarealen in Verbindung, denn wenn eine akute Bedrohung erkannt wird, ist der gesamte Organismus in Gefahr und alle Bereiche werden alarmiert. Es ist auch anzunehmen, dass es außer der Amygdala noch andere Mechanismen gibt, die im Bedarfsfall Alarm schlagen und Angstgefühle verursachen.

In einer Studie wurden drei Patientinnen untersucht, denen aufgrund einer bestimmten Erkrankung die Amygdala in beiden Gehirnhälften fehlte. Diese Patientinnen empfanden keine Angst, mit einer Ausnahme: Wenn man ihnen Ersticken suggerierte, indem man sie Luft mit 35 % Kohlenstoffdioxid einatmenatmen ließ, empfanden sie Angst und hatten sogar Panikattacken. Die Patientinnen waren von diesem Angstgefühl überrascht, da sie es bisher noch nie so erlebt hatten (Feinstein et al., 2013).

Beispiel | In dem Film Free Solo wird das Gehirn von Alex Honnold in einem fMRT Experiment untersucht. Er liegt dabei in dem Magnetresonanztomographen, der die Aktivierung seines Gehirns während einer bestimmten Aufgabe zeigt. Die Aufgabe war, Bilder anzusehen, die bei Kontrollproband:innen eine starke Aktivierung der Amygdala erzeugen. Er sieht beispielsweise das Bild eines untergehenden Schiffes oder einer Hand mit einem großen Messer. Alex Honnolds Aufgabe ist es, eine Taste zu drücken, wenn er ein neues Bild sieht. Danach werden seine Gehirndaten ausgewertet. Die Wissenschaftlerin erklärt Alex Honnold, dass seine Amygdala während der Betrachtung der angstauslösenden Bilder fast keine Reaktion zeigte im Vergleich zu Kontrollproband:innen. Sie erklärt ihm, dass seine Amygdala funktioniert, aber eben eine sehr hohe Schwelle hat, bis sie reagiert.

Linktipp | Der Filmausschnitt aus dem Film Free Solo, in dem die Amygdala von Alex Honnold untersucht wird, findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=tDR9lMDPA30.

Emotionsauslösende Bilder werden unter anderem in der International Affective Picture System (IAPS), gesammelt: https://csea.phhp.ufl.edu/media.html.

Wie zeigt sich Angst im Blut?

Im Nebennierenmark wird → AdrenalinAdrenalin ausgeschüttet und stellt sofort die nötige Energie bereit, um auf eine Gefahr zu reagieren. Über das Blut erreicht es die verschiedenen Organe, die dann wieder reagieren. Das vegetative Nervensystem trägt zur Erregung bei, indem der SympathikusSympathikus aktiv wird, während der ParasympathikusParasympathikus dagegen gehemmt wird. Das heißt, der Körper wird auf höchste Leistungsbereitschaft hochgefahren. Das Herz steigert seine Tätigkeit, der PulsPuls und der Blutdruck steigen. Glukose wird freigesetzt zur Bereitstellung von Energie, mit der der Körper auf die Bedrohung reagieren kann. Die Tätigkeiten des Verdauungssystems werden gehemmt. Der Körper macht sich also insgesamt bereit für Angriff oder Flucht.

Spannend ist an dieser Stelle, dass allein → Adrenalin im Blut noch nicht bestimmt, dass man Angst empfindet. In einer berühmten Studie von Schachter und Singer (1962) wurde einer Gruppe von Proband:innen eine Substanz injiziert, die Adrenalin im Blut ansteigen ließ, während eine andere Gruppe Salzlösung als Placebo injiziert bekam. Allen Proband:innen wurde erzählt, dass sie ein Vitaminpräparat bekämen. Die Proband:innen der Adrenalin-​Gruppe zeigten wenige Minuten nach der Injektion bereits Anzeichen einer Sympathikus-​Aktivierung, gemessen über einen erhöhten PulsPuls. Einem Teil der Adrenalin-​Gruppe wurde erzählt, dass ein Nebeneffekt der Vitaminspritze Erregungssymptome wie erhöhter Herzschlag sein können. Einem anderen Teil der Adrenalin-​Gruppe wurde nichts erzählt. Nun kommt der spannende Teil des Experiments: Die Proband:innen wurden in einen angeblichen Warteraum mit einer anderen Person gebracht, die sich entweder fröhlich oder wütend verhielt. In der fröhlichen Bedingung fing die andere Person an, mit Papierkugeln zu werfen und Papierflieger zu basteln. Dabei ermunterte sie den Probanden mitzumachen. Schließlich tanzten sie sogar mit einem Hula-​Hoop-​Reifen. In der wütenden Bedingung dagegen beschwerte sich die andere Person darüber, dass sie sich eine Spritze geben lassen musste und fing widerwillig an, Fragebögen auszufüllen. Diese Fragebögen enthielten sehr persönliche und demütigende Fragen. Die Person regte sich zunehmend über die Fragen auf und wurde richtig wütend. Schließlich zerriss die Person sogar den Fragbogen und verließ wütend den Raum.

Nun zu der Reaktion der eigentlichen Proband:innen. Diese wurden durch einen Einwegspiegel beobachtet und später zu ihren Emotionen befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Proband:innen der Adrenalin-​Gruppe, die keine Erklärung hatten für ihre körperliche Erregung, sich von der Stimmung der anderen Person im Warteraum anstecken ließen. Waren sie mit einer fröhlichen Person zusammen, waren sie fröhlicher. Waren sie dagegen mit einer wütenden Person zusammen, waren sie wütender. Daraus entstand die Zwei-​Faktoren-​Theorie der EmotionZwei-​Faktoren-​Theorie der Emotion, wobei der erste Faktor das physiologische Erregungsniveau ist und der zweite Faktor die Interpretation dieser Erregung. Beide sind notwendig, damit eine Emotion entsteht. In der Studie kommt zwar keine Angstbedingung vor, aber man kann sich leicht vorstellen, dass eine sehr ängstliche Person im Warteraum die Proband:innen möglicherweise dazu veranlasst hätte, sich auch ängstlicher zu fühlen. Entscheidend ist, dass die Proband:innen keine Erklärung für ihr erhöhtes körperliches Erregungsniveau haben und nach einer Erklärung suchen. In der Studie finden sie eine Erklärung über das Verhalten der anderen Person im Warteraum (Schachter & Singer, 1962).

Die Studie steht jedoch stark in der Kritik, da sie zum einen nicht repliziert werden konnte, das heißt, es gab bisher keine weiteren Studien, die ähnliche Ergebnisse zeigten. Zum anderen sind die Ergebnisse aufgrund der geringen Stichprobengröße und weiterer methodischer Mängel nicht so belastbar, dass sie eine ganze Theorie der Emotion begründen können.

Was man jedoch aus der Studie mitnehmen kann, ist, dass ein erhöhtes physiologisches Erregungsniveau allein nicht ausreicht, um das Gefühl von Angst zu erzeugen. Die Studie zeigt ebenfalls, dass es Einflussmöglichkeiten auf die Interpretation des körperlichen Erregungsniveaus gibt. So ist eine Technik zur Bewältigung von Angst die, dass ein erhöhter Herzschlag oder schweißnasse Hände uminterpretiert werden als Zeichen, dass der eigene Körper optimal gewappnet ist für bevorstehende Herausforderungen. Dann kann man die Erregungsgefühle als hilfreiche Signale deuten statt als Signale von Angst.

Linktipp | Mehr zur Replizierbarkeit von Studien und speziell zur Studie von Schachter und Singer kann man im Replicability-​Index-​Blog nachlesen: https://replicationindex.com/2019/02/24/schachter-and-singer-1962-the-experiment-that-never-happened/.

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