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Barbara Halstenberg

»Alles schaukelt,
der ganze Bunker schaukelt«

Die letzten Kriegskinder erzählen

Wie wir Eltern und Großeltern richtig zuhören


Erste Auflage 2021

© Osburg Verlag Hamburg 2021

www.osburgverlag.de

Alle Rechte vorbehalten,

insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags

sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,

auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Ulrich Steinmetzger, Halle (Saale)

Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida

Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg

Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95510-258-6

eISBN 978-3-95510-268-5

Und die Geschichte? Sie ist auf der Straße … in der Menge … Ich glaube, dass in jedem von uns ein Stück Geschichte steckt. Bei dem einen eine halbe Seite, bei einem anderen zwei, drei Seiten. Alle zusammen schreiben wir am Buch der Zeit.

(Swetlana Alexijewitsch)

Inhalt

Wolf-Rüdiger Osburg: Zur Einführung

Vorwort

Bombenkrieg

»Ich höre Geräusche, das Knirschen der Trümmer über mir.«

Winfried L.

»Die Bomben, die euch treffen, die hört ihr nicht.«

Waldemar Klemm

»Alles ist aus, das Licht ist aus, alles aus …«

Dieter Hadel

»Alle waren ausgebombt, wir hatten nichts.«

Aenne Fiedler

»Wir sind die Generation, die praktisch alleine groß geworden ist.«

Elisabeth Krieg

»Kinder kann man auch entwürdigen.«

Joachim Artz

Von Kohlestückchen in der Backe, Splittern im Käsekuchen und einer schwarzen Wolke

Hintergrundinfos: Bombenkrieg

Flucht und Vertreibung

»Wir buddelten, so gut wir konnten, legten ihn rein und schütteten das Grab zu.«

Jürgen Fischer

»Mutti war meine Heimat. Eine andere Heimat hatte ich nicht.«

Berthild Erika Tourrenc

»Hat sich eine Frau aufgehängt, hat die beiden Kinder unterm Baum sitzen lassen!«

Hilde S.

»Ich kümmerte mich darum, dass meine Schwester beerdigt wurde.«

Margot Rickert

»Nimm mich mit, Mutti, Mutti, nimm mich mit!«

Dorothea L.

»Auf einmal erscheint in den toten Augen ein Aufblitzen, ein Licht …«

Roswitha Weiß

»Jetzt bin ich der Herr und du der Knecht!«

Edel S.

»Mir wurde auf einmal klar, wir werden vertrieben!«

Barbara Schubert-Felmy

Von wandelbaren Gerüchen, Hosenbeinen und dicken Kuchenblechen

Hintergrundinfos: Flucht und Vertreibung

Vergewaltigungen

»Nachdem wir vergewaltigt wurden, spielte ich krankes Kind …«

Christa Ronke

»Wir Kinder lagen daneben.«

Arno Planitzer

»Wenn er kam, ging ich runter in den Hof spielen …«

Ursula R.

»… du hast ja noch ’nen Halbbruder.«

Marließ Zuschke

»Meine Schwester und ich legten uns in ein Bett zwischen schwerkranke alte Frauen.«

Eva Grieve

Von roten Punkten im Gesicht, einem Fensterkreuz und kolossalem Glück

Hintergrundinfos: Vergewaltigungen

Hitlerjugend und nationalsozialistischer Alltag der Kinder

»Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und flink wie ein Windhund.«

Burkhard C.

»Die SS war die Super-Truppe, das war ein Anreiz für mich, ich wollte das Vaterland verteidigen.«

Jochen Lindner

»Ich wischte das Neugeborene mit Heu ab …«

Hans-Joachim Fritz

»Wir flirteten mit den verwundeten Soldaten.«

Brunhilde K.

»Zu Hause denken sie so, und draußen denken sie ganz anders.«

Inge Pietschker

Von mehreren Wahrheiten, Begeisterung und Zweifeln

Hintergrundinfos: Hitlerjugend

Kindersoldaten

»Nach den Befehlen ›Stillgestanden!‹ und ›Drei Schritt vorwärts marsch!‹ waren wir Angehörige der deutschen Wehrmacht.«

Erich H.

»Da wurde ich Soldat, Kindersoldat.

Ich war vierzehn Jahre …«

Kurt Steininger

»Und kommt ja nicht auf die Idee, Werwolf zu spielen!«

Erhard M.

»Ich muss auf jeden Fall als Erster losballern.«

Gerhard G.

»Nicht mit dem Gewehr, sondern mit meiner Balalaika …«

Waldemar Klemm

Hintergrundinfos: Kindersoldaten

Nazi-Eltern

»Opa war bestimmt einer von den ganz Schlimmen.«

Joachim Artz

»Wenn wir Gas hätten, könnten wir uns das Leben nehmen.«

Christa Lentzsch

»Ich sagte nie guten Morgen, guten Tag oder auf Wiedersehen, sondern immer Heil Hitler.«

Günter Ahlberg

»Wir wollen ein großes Europa schaffen.«

Erhard M.

Hintergrundinfos: Nazi-Eltern

Judenverfolgung

»Musst ja nicht jedem erzählen, dass du Jude bist!«

Kurt Hillmann

»Ich wurde versteckt.«

Margit Siebner-Cohn

»Jesus Christus steigt vom Kreuz herunter und verlässt die Kirche …«

Walter Sylten

»Die Juden wurden von uns versorgt, so haben sie überlebt.«

Hans-Joachim Fritz

»Ich träumte jahrelang davon, wie ich als Soldat selbst Zeuge der Vernichtung in Babyn Jar bin.«

Erasmus Zöckler

Von Sträflingsanzügen, Lastwagen und Sternen

Hintergrundinfos: Judenverfolgung

Verfolgte Minderheiten

»Wir ziehen mit dem Spaten durchs Moor.«

Alfred D.

»Sie machten Experimente mit ihr.«

Dorothea W.

Von Hinrichtungen, Arbeitslagern und dem Roten Wedding

Hintergrundinfos: Verfolgte Minderheiten

Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

Von Essen in der Jackentasche, der ersten Liebe und einem Glas Eingewecktem

Hintergrundinfos: Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

Russlanddeutsche, Donauschwaben

»Sie wollten mich zu einem Russen machen.«

Adam Bruner

»In Kruševlje gab es keine Hunde und Katzen mehr, die waren schon alle in den Topf gewandert.«

Anton Bergmann

Hintergrundinfos: Donauschwaben und Russlanddeutsche

Kriegsende

»Im Krieg zählt ein Mensch ja gar nicht.«

Siegrid S. und Gerhard V.

»Danach war nur Stille …«

Ronald Potzies

»Jetzt lieber ein Ende mit Schrecken als den Schrecken der Nazis ohne Ende.«

Inge Pietschke

»Ein wunderschöner Gesang!«

Alfred D.

Von pfeifenden Granaten, Klettern in Ruinen und Radiergummis aus Panzerteilen

Hintergrundinfos: Kriegsende

Besatzung Deutschlands

»Die großen Fische nahm sich der Russe, ich bekam die kleinen.«

Alfred Stollbach

»Dann trug der General meinen Opa ins Bett.«

Marianne M.

»Seitdem liebe ich Swing-Musik!«

Jochen Lindner

Von Kaugummi-Ballons, Panjewagen und anständigen Frisuren

Hintergrundinfos: Besatzung Deutschlands

Väter

»Mutti, ich kenn Papa nicht, sag mir, wo der ist!«

Karin D.

»… wir wollen den Papa für tot erklären lassen«

Dieter Hadel

»Ich hab mir immer einen Vati gewünscht …«

Marianne M.

»Ich kannte das Wort Vater gar nicht.«

Marließ Zuschke

Von fremden Männern, störenden Vätern und dicken Freunden

Hintergrundinfos: Väter

Nachkriegszeit

»Wir aßen Unkraut.«

Karin D.

»Wir organisierten.«

Ronald Potzies

Von Sauerampfersuppe, abgeschnittenen Schuhspitzen und Kohlenklau

Hintergrundinfos: Nachkriegszeit

Kriegstrauma

»Mein Bruder guckt mich mit großen klaren Augen an, fast als wenn er lächelt. Aber er ist tot …«

Ingrid Heinze

»Alles schaukelt, der ganze Bunker schaukelt.«

Karin D.

»Lauter rote Perlen flogen durch die Dunkelheit auf mich zu.«

Bodo G.

Von verlorenem Lebensmut, der dunklen Zeit und einer emotionalen Katastrophe

Hintergrundinfos: Kriegstrauma

Kriegskinder und Kriegsenkel

»Mit diesen Bruchstücken vom Krieg sind wir aufgewachsen.«

Helga Werner

»Immer deine Vergangenheit!«

Dorothea W.

»… allein auf dieser vom Krieg zerstörten Welt«

Lothar M.

Von hinterlassenen Spuren, einem großen Bogen und fehlenden Fragen

Hintergrundinfos: Kriegskinder und Kriegsenkel

Erinnerungen wecken – eine Anleitung

Udo Baer: Nachwort Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Literatur

Bildnachweis

Dank

Zur Einführung
Wolf Rüdiger Osburg

Am 1. Mai 1989 stand mir das erste Interview mit einem über neunzigjährigen Teilnehmer des Ersten Weltkriegs bevor. Ich war aufgeregt, konnte mir überhaupt nicht vorstellen, einige Minuten später mit einem mir vollkommen fremden Mann ein Interview über seine höchstpersönlichen Erlebnisse in diesem Krieg zu führen. Es war dies das erste von 150 Interviews, die in den nächsten Jahren bis 1992 folgen sollten. Diese Interviews entwickelten sich bei mir beinahe zu einer Sucht, bis ich nach drei Jahren das Gefühl hatte, nun mir und den Lesern des Buches, das sich Schritt für Schritt entwickelt hatte, einen vollständigen Überblick über die Erlebnisse dieser jungen Männer in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs liefern zu können.

Überraschenderweise stellte sich heraus, dass derartig umfassende Augenzeugensammlungen, die sich nicht auf schriftliche Quellen, sondern auf das Gespräch gründen, in Deutschland keine solche Tradition haben, wie sie sie eigentlich haben sollten. Wer hätte damals schon gedacht, dass mein Buch Hineingeworfen in seiner Art das einzige zum Ersten Weltkrieg war und zu einem Grundlagenwerk werden sollte.

Und es überraschte mich und hätte ganz bestimmt auch meine Gesprächspartner überrascht, dass ihre beispielsweise an einem sonntäglichen Kaffeetisch mir gegenüber geäußerten Erinnerungen später von Historikern in deren Untersuchungen als wissenschaftliche Quellen zitiert wurden.

Dabei gibt es kaum etwas Spannenderes als Oral History. Selbstverständlich fühlte ich mich angesprochen, als ich dreißig Jahre später als Verleger darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Barbara Halstenberg mit ihrem Buch Alles schaukelt einen ähnlichen Ansatz verfolgt hatte, um dem Erleben des Zweiten Weltkriegs, in diesem Fall durch Kinder und Jugendliche, nachzugehen.

Geschichte ist für die allermeisten Menschen ein komplett abgeschlossenes System. Sie wird geprägt von Geschichtszahlen aus vergangenen Epochen, von Listen mit Angaben zu verstorbenen, vertriebenen oder misshandelten Menschen. Wir wissen davon, es ist aber die Geschichte der anderen, nicht unsere. Dabei gibt es durchaus Menschen, die noch unter uns leben und ihre Erinnerungen im Alter jeden Tag und mehr denn je mit sich herumtragen. Für die Generation der Babyboomer sind diese Zeitzeugen die Eltern, für die Nachfolgegeneration die Großeltern. Viele von ihnen schweigen, und wenn sie einmal reden, fällt es uns schwer, in ihnen die jungen Menschen von einst zu erkennen.

Es ist unfair, verschiedene Zeitepochen auf ihre Bedeutsamkeit hin zu vergleichen. Es gibt aber historische Phasen, die so unfassbar sind, dass man an ihnen nicht vorbeikommt. Das sind Epochen, zu denen auch wir Jüngeren Fragen stellen. Im vergangenen Jahrhundert sind dies zweifelsfrei die beiden Weltkriege, die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, ihre Vor- und ihre Nachgeschichte. Gerade mit dem Zweiten Weltkrieg werden so viele Episoden verbunden, dass sie uns Nachkommen am ehesten aus der Reserve locken und wir bereit sind, uns auf diese Themen einzulassen.

Barbara Halstenberg hat sich der Frage verschrieben, wie die jüngsten und jungen Menschen den Zweiten Weltkrieg durchlebt haben. Sie hat sich auf die Suche nach hundert Zeitzeugen gemacht, die von ihrer Kindheit erzählen konnten, die vom Nationalsozialismus sowie von Krieg, Flucht und Vertreibung geprägt war. Gemeinsam ist ihren Interviewpartnern, dass sie den Krieg auf deutschem Boden erlebten und im hohen Alter dazu bereit waren, von ihren teils traumatischen Erlebnissen zu berichten. Barbara Halstenberg hat diesen Menschen aufmerksam zugehört und schafft es mit den Geschichten in Alles schaukelt, ihre Leserinnen und Leser die Welt von damals durch Kinderaugen sehen zu lassen.

Herausgekommen ist eine ganz einzigartige Sammlung von Stimmen, die die Vielfalt menschlicher Erlebnisse in so einer außerordentlich dramatischen Phase widerspiegelt. Es sind Kinder, deren meist unbeschwerte Kindheit mit einem Mal durch den Krieg unterbrochen wurde. Sowohl Mädchen als auch Jungen, aus der Stadt oder vom Land. Junge Menschen, die von den Ereignissen niedergeworfen wurden, Zeugen waren von Grausamkeiten vor ihren Augen oder gar in ihren Familien, die aber, wie das in diesem Alter ist, schnell einen Weg fanden, diese Erlebnisse zu überstehen. Diese Vielfalt, von der Autorin um historische Fakten ergänzt, macht die Besonderheit dieses Buches aus.

Barbara Halstenbergs Arbeit macht den Leserinnen und Lesern klar, dass diese Generation wahrlich keine normale Kindheit und Jugend hatte. Diese Menschen wurden von dem, was sie erlebt haben, für ihr ganzes Leben gezeichnet. Das ist eine wichtige Erkenntnis für das Zusammenleben der Generationen.

Dem Anspruch der Autorin entspricht es, dass sie am Ende ihrer Arbeit Anregungen für diejenigen ihrer Leserinnen und Leser gibt, die sich nach der Lektüre ermutigt fühlen, sich ihrerseits auf den Weg zu machen, um Menschen Fragen zu ihren persönlichen Erinnerungen zu stellen. Mit diesem Werkzeug in der Hand kann verhindert werden, dass dieser so wichtige und gerade noch mögliche Dialog verpasst wird, wie es auch in meinem Fall mit den Interviews von fast Hundertjährigen beinahe der Fall gewesen wäre.

Mai 2021

Vorwort
»Es kann ja nur ein Antikriegsbuch werden.«

Mit den Erzählungen über die Vertreibung meiner Großmutter aus Schlesien bin ich als Kind aufgewachsen. Als junge Erwachsene glaubte ich, schon alles darüber zu wissen. Als 2015 der Syrienkrieg in den Medien überall präsent war und viele Geflüchtete Deutschland erreichten, wurde mir bewusst, dass in unserer Gesellschaft eine weitere große Gruppe von Menschen lebt, die Krieg erfahren haben und vom Krieg geprägt wurden. Das sind die Alten, die als Kinder den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Jeden Tag laufen wir auf der Straße an ihnen vorbei, sitzen neben ihnen im Bus oder stehen hinter ihnen an der Kasse. Damals waren es Kinder, heute sind es die letzten Zeugen, die uns von ihrer Vergangenheit erzählen können – die auch unsere Vergangenheit ist.

Als Journalistin interessieren mich die alltäglichen Geschichten der Menschen. Und so fragte ich mich 2015, was andere Kinder aus der Generation meiner Großmutter erlebt haben mussten und wie es ihnen heute damit geht. Wie leben Kinder im Krieg, was denken sie, was empfinden sie? Wie erlebten sie das Jungvolk, die Judenverfolgung, die Väter im Krieg? Und wie denken sie heute über ihre Kindheit? Was tragen sie von damals noch in sich? Welchen Einfluss haben die Kriegserfahrungen bis heute? Ich begann, in meinem Umfeld zu recherchieren.

In meinem Alltag hatte ich, wie viele andere, wenig Kontakt zu alten Menschen. Ein alltäglicher Austausch zwischen den Generationen ist heute leider selten. Ich bat meine Großmutter um Kontakte aus ihrem Bekanntenkreis – es waren wenige. Ihre Idee, mit Aushängen in Apotheken nach Kriegskindern zu suchen, brachte für meine Recherche den Durchbruch. In manchen Wochen klingelte täglich mein Telefon. Ich spürte, dass diese Generation ein großes Bedürfnis hat zu reden. Und viele von denen, die sich bei mir meldeten, waren erstaunt, dass sich jemand für ihre Geschichten interessierte. So führte ich in den folgenden zwei Jahren rund einhundert Interviews mit Menschen, die im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg Kinder gewesen waren.

Viele Kinder kannten damals keine andere Realität als die des Krieges. Eine Zeitzeugin sagte: »Wie sollte der Krieg vorbeigehen, wir sind ja mittendrin aufgewachsen.« Die Kinder waren ausgebombt, unter Trümmern verschüttet, waren durch den Feuersturm gerannt, über Leichen gestiegen und an Erhängten vorbeigelaufen. Sie erlebten die Vergewaltigungen ihrer eigenen Mütter oder wurden selbst misshandelt. Sie sahen ihre Geschwister und Eltern sterben und wie Kinder und Erwachsene neben ihnen erschossen wurden. Sie kämpften als Kindersoldaten, haben als Jungmädel Soldaten mitten im Kampfgebiet verbunden, und kamen selbst in Gefangenschaft. Sie versorgten die halb verhungerten Flüchtlinge aus dem Osten, gruben Verschüttete aus, löschten Bombenfeuer und besorgten Essen. Viele wurden Zeugen der Judenverfolgung, sie sahen, wie Menschen abgeholt wurden, dass Bekannte plötzlich nicht mehr wiederkamen, sahen die Häftlinge auf ihren Todesmärschen, hörten Gespräche über Massenerschießungen, brachten versteckten Juden Essen oder überlebten als versteckte Juden den Krieg. Auch erlebten sie die Ausbeutung von Zwangsarbeitern mit.

Sie erzählen von den fehlenden Vätern, dem langen, teils vergeblichen Warten auf deren Rückkehr, den Todesnachrichten und den Rückkehrern aus der Gefangenschaft, die sie nicht wiedererkannten. Sie erzählen vom lebensbedrohlichen Hunger und von der Kälte, von Läusen, Wanzen und Flöhen und von Krankheiten, für die es keine Medikamente gab. Sie erzählen von Flucht und Vertreibung – dem Verlust der Heimat und der schlechten Behandlung der Flüchtlinge. Viele haben unter der NS-Erziehung gelitten – in der Familie, bei der Hitlerjugend oder in der Schule –, viele waren aber auch bis zum Ende begeistert, schließlich waren sie so erzogen worden und von der Propaganda geblendet. Sie erzählen von der Einsamkeit während der Kinderlandverschickung und vom Spielen in den Trümmern, vom Sammeln der Bombensplitter und von scharfer Munition.

In den Wohnzimmern der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen tauchte ich in gelebte Geschichte ein. Ich saß mit ihnen im schwach beleuchteten Keller, spürte die Detonationen, atmete den von der Decke herabrieselnden Steinstaub ein. Ich sah die Kinder von damals von der Landstraße in Gräben springen und sich unter einer grünen Decke vor den Tieffliegern verstecken oder inmitten der Trümmer nach bunten Bombensplittern suchen. Aus Daten, Zahlen und Fakten wurde plötzlich lebendige Geschichte. Es war ein großes Geschenk, das ich dem Mut und Vertrauen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu verdanken habe, die mir ihre Geschichten erzählten. Sie wollen, dass ihre Geschichten gehört werden, und ich verstehe mich als ihr Sprachrohr. Ich beschloss, die Geschichten aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen und auch die Generationen nach mir die Möglichkeit haben, auf diesem direkten Weg von gelebter Geschichte zu erfahren. Sie werden nicht mehr die Möglichkeit haben, selber nachzufragen.

Ich wollte kein Buch über die Kriegskinder schreiben, in dem ich ihre Geschichten mit meinen Worten nacherzähle. Vielmehr kommen die Kriegskinder selbst zu Wort. Nur so ermöglichen die Erzählungen einen direkten persönlichen und emotionalen Zugang zu gelebter, lebendiger Geschichte.

Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählten ganz unterschiedlich. Einige durchlebten die Ereignisse ihrer Kindheit beim Erzählen erneut. Das waren bewegende Momente. Viele waren sehr emotional, manche blieben gefasst – einige waren reflektiert, andere erzählten sehr distanziert. In manchen Gesprächen war mir, als nähme das Ungesagte viel Raum ein. Als verberge sich darin das Unerklärte oder Unverarbeitete der eigenen Biografie.

Erinnerungen sind immer subjektiv und durch das weitere lange Leben gefärbt. Deswegen habe ich zur besseren Einordnung am Ende jedes Kapitels kurze Hintergrundinformationen mit geschichtlichen Fakten zusammengestellt. Meine Hoffnung ist es, dass die Fülle der gesammelten Erinnerungen sich zu einem Gesamtbild über das Vergangene zusammenfügt.

Die Themen kamen über die Menschen, die sich bei mir meldeten, zu mir. Das erklärt vielleicht, warum hier zu den Themen Verfolgung und Täterschaft vergleichsweise wenige Erzählungen versammelt sind. So fehlen bei den Verfolgten die Geschichten von Sinti- und Roma-Kindern, von Kindern der Zeugen Jehovas, von Kindern politisch verfolgter Eltern sowie von sogenannten Lebensborn-Kindern. Ebenso fehlen Geschichten von Besatzungskindern und Kindern von Zwangsarbeiterinnen. Auch konnte ich keine Kinder von Homosexuellen, den sogenannten Asozialen, »schwer erziehbare Kinder« und Kinder, die während des Krankenmordes in Heilanstalten gelandet sind, befragen.

Wenige Kinder von Nationalsozialisten haben sich in ihrem späteren Leben mit der Rolle ihrer Eltern im Regime intensiv auseinandergesetzt. Sicherlich gab es unter den Eltern der Kriegskinder noch viele, die großes Unrecht taten oder geschehen ließen. Aber die Kinder wussten es entweder nicht oder wollten es nicht wissen, haben sich später nicht getraut nachzufragen oder haben keine Antworten bekommen. Auch ich habe erst kurz nach dem Tod meines Großvaters erfahren, dass er mit achtzehn Jahren als Wehrmachtssoldat, während er mit seiner Panzerdivision in Weimar stationiert war, für vier Wochen die Außenanlage des KZs Buchenwald bewacht hat. Darüber hätte ich mit ihm reden wollen. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Deswegen möchte ich die Leserinnen und Leser dazu ermutigen, in ihren Familien noch einmal genauer nachzufragen.

Kinder können nur Opfer sein. Wichtig ist, zu schauen, warum sie zu Opfern wurden: durch die Indoktrinierung und Manipulation des NS-Systems, dem viele der Eltern sicherlich auch ihre Stimme gegeben haben und in deren Unrecht sie vielfach verstrickt waren, und durch den Krieg, den das nationalsozialistische Regime begonnen hat. Auch für diese Hintergründe weiten die Geschichten den Blick.

Die Erzählungen der Kriegskinder können die deutsche Schuld in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust nicht relativieren. Wir Deutschen können uns unserer Verantwortung für unsere Geschichte nicht entziehen. Allen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, mit denen ich sprach, war bewusst, dass es den Krieg nur deshalb gegeben hat, weil die Deutschen ihn angefangen haben. Die Bomber kamen nur, weil die Wehrmacht diese Länder zuvor angegriffen hatte. Die damaligen »Feinde« benahmen sich nur so, weil sich die Deutschen vorher so schändlich in den besetzten Gebieten verhalten hatten. Was die Erzählungen auch zeigen: Fast alle Kinder haben die Verbrechen der Nationalsozialisten mit ihren eigenen Augen gesehen. Und was Kinderaugen gesehen haben, das konnten die Erwachsenen erst recht sehen.

Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben heute Angst, dass sich die Geschichte wiederholt. Darin, dass eine rechte Partei im Bundestag sitzt und rechte Tendenzen überall in Europa erstarken, erkennen sie eine Gefahr für die Demokratie und den Frieden. Ein Anliegen war allen Befragten gemeinsam: Sie wollen nie wieder Krieg, Flucht und Vertreibung. »Es kann ja nur ein Antikriegsbuch werden«, hat ein Zeitzeuge während unseres Interviews gesagt. Die Erinnerungen der Kinder bezeugen das in jeder Geschichte. Kein Kind, egal wo auf der Welt, sollte mit diesen Erlebnissen aufwachsen müssen.

Es schaukelt noch immer. Die Auswirkungen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg sind bis heute zu spüren. Der Krieg und seine Schrecken lebten auch nach dem Krieg in vielen Kindern weiter, auch wenn sie nach außen hin schwiegen. Die meisten konnten mit niemandem über ihre teils traumatischen Erlebnisse sprechen. Im Nachkriegsdeutschland ging es ums Überleben, Nachvorneschauen und Verdrängen des Nationalsozialismus und seiner Folgen. So konnten die Kinder das Erlebte nicht verarbeiten und haben es teilweise über Erziehung und Verhalten an ihre eigenen Kinder weitergegeben.

Deswegen will dieses Buch die ältere Generation bestärken und sie zum Erzählen ermutigen. Und meine Generation möchte ich dazu anregen, noch einmal genau nachzufragen und wirklich zuzuhören, sodass ein Dialog jenseits der bisher erzählten Anekdoten stattfinden kann. Noch ist die Geschichte direkt durch die Erinnerungen der Kriegskinder erfahrbar. Doch die Zeit dafür ist knapp. Sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen, anstatt das Schweigen weiterzuführen, ist eine große Chance.

Berlin, März 2021

Barbara Halstenberg

Bombenkrieg
»Ich höre Geräusche, das Knirschen der Trümmer über mir.«
Winfried L.

(Geboren 1938 in Berlin, Malermeister)

Ich erinnere mich an das erste Mal, wie ich als Kind mitbekam, was Krieg bedeutet. Ich hatte eine Spielkameradin. Meine kleine Freundin Ilse und ich waren unzertrennlich, wir waren den ganzen Tag zusammen. Sie wohnte mit ihrem Opa zwei Häuser weiter. Bei Luftalarm konnte es der Opa nicht ertragen, in den Keller zu gehen, weil er im Ersten Weltkrieg in einem Graben verschüttet gewesen war. Deswegen blieb er mit Ilse in der Wohnung. Wäre ich mit meiner Familie in der Wohnung geblieben, wäre uns kein Haar gekrümmt worden. Bei Ilse war das anders. Das Haus wurde getroffen. Der Opa und Ilse stürzten mit der ganzen Wohnung in den Keller. Dann war Ilse nicht mehr da. Einfach nicht mehr da.

In den letzten Kriegstagen wohnten wir quasi im Keller. Zu der Zeit war das nichts Außergewöhnliches. Es ging Millionen anderen auch so. Neben unserem Mietshaus lag ein öffentlicher Luftschutzkeller, der bei Alarm oft überfüllt war. Deswegen suchten wir Hausbewohner in der Krypta unter dem Altarraum der angrenzenden Kirche Schutz. Dort hatte jede Familie, auch wir, ihren eigenen, aber engen Platz sicher.

Es war Ende April 1945. Wegen der heftigen Straßenkämpfe hatten wir die Krypta seit Tagen nicht mehr verlassen. Tag und Nacht saßen wir dort unten mit etwa 70–80 Menschen in der Dunkelheit zusammen. Es war ein Halbdunkel. In meiner Erinnerung ist nur schwaches Kerzenlicht, das die Krypta etwas erhellte. Oft hörten wir in dichter Folge intensive Detonationsgeräusche. Wir spürten jede Bombe und jeden Granateinschlag. Schlugen sie in der Nähe ein, bebte der Boden unter den Füßen, es wackelte und vibrierte. Viele Erwachsene weinten dann leise oder stierten abwesend vor sich hin. Ich beobachtete sie. Bei heftigen Angriffen flehten einige von ihnen den Pfarrer und die Ordensschwestern an, die mit uns in der Krypta saßen: »Beten Sie doch mit uns! Singen Sie was mit uns!« Und dann beteten alle laut mit. Damals konnten die Menschen die Gebete noch auswendig. Heute ist das nicht mehr so, manche wissen gar nicht mehr, was ein Gebet ist … Zusammen sangen wir Marienlieder und auch christliche Lieder, die die Evangelischen mitsingen konnten. Während sie sangen, vergaßen die Menschen für ein paar Minuten, was um sie herum passierte. Sie fanden ihren Trost in den Gebeten und den Gesängen. In Erinnerung ist mir noch ein altes Ehepaar. Beide hatten furchtbar geschimpft, ihren ganzen Frust rausgelassen, wie der Herrgott so einen Krieg zulassen kann! Sie wollten von der Kirche überhaupt nichts wissen. Aber mit einem Mal beteten sie mit, richtig laut! Daran erinnere ich mich.

Wir waren ungefähr zehn Kinder in der Krypta. Manchmal spielten die Schwestern mit uns. Dann lenkten sie uns ab von der Angst, der Verzweiflung und der Passivität, die wir Kinder bei den Erwachsenen förmlich spüren konnten und die sich auf uns übertrug. Mutter bewachte und beruhigte uns unten in der Krypta, aber ich konnte ihr die Sorge und Anspannung ansehen. Es muss eine unendliche Enge dort unten gewesen sein. Ich bekomme jetzt noch Platzangst, wenn ich daran denke. Damals kam mir alles so groß vor. Die Luft war schlecht. Ab und zu wurden die beiden Türen hoch zum Kirchenraum geöffnet, um die klare Luft aus der Kirche reinzulassen. Erst dann konnten wir an dem durch die Kirchenfenster eindringenden Licht erkennen, ob es draußen Tag oder Nacht war. Aber dann sahen wir auch das Aufblitzen der Explosionen, und die Kampfgeräusche waren deutlich lauter zu hören. Das verstärkte unsere Angst. Rausgehen sollte keiner, niemand durfte die Luftschutzräume verlassen.

Einmal nutzte ich die Lüftungspause und schlich die Treppen hoch zum Altar. Für mich Siebenjährigen war das ein heiliger Ort. Ich sehe den riesigen Altar noch heute vor mir. Er war aus Marmor und glitzerte golden – so schön und wunderbar. Ich kniete mich vor den Altar. Von draußen hörte ich Kampflärm und Detonationen, doch in diesem Augenblick fühlte ich keinerlei Angst. Ich war fest davon überzeugt: Hier bist du sicher. Hier kann dir nichts passieren. Vor dem Altar fand ich einen Frieden. (Er spricht mit brüchiger Stimme.) Das ist wirklich so! Ein paar Wochen vorher hatte ich dort meine Erstkommunion empfangen. Das war ungewöhnlich früh, aber die Schwestern hatten sich wahrscheinlich gedacht: Wer weiß, ob er seine Erstkommunion sonst überhaupt noch erleben kann?

Ich glaubte fest daran, dass Gott in dem Tabernakel auf dem Hochaltar wohnen würde. Vor dem riesigen Altar kniend dachte ich: ›Mit sieben haste ja noch keine Sünde begangen, nichts angestellt, da kannste ja schon mal mit dem lieben Gott ein Gespräch führen, warum er das alles so macht.‹ Mit flüsternder Stimme bat ich ihn, den Krieg bitte, bitte ganz schnell zu beenden und uns alle, auch unseren Vater, gesund wieder nach Hause zu schicken. Danach dachte ich: ›So, nun haste es ihm aber mal gegeben, das muss er sich mal anhören, der liebe Gott, warum er sowas macht.‹

Mutter bemerkte mein Fehlen und holte mich wieder zurück in den Keller. Und dann, ein paar Tage später, am 26. April passierte es.

Durch einen unbeschreiblichen Lärm wache ich auf. Im Halbschlaf nehme ich wahr, dass mein Körper plötzlich eingeengt ist und ich mich nicht mehr bewegen kann. Ich kriege kaum Luft! Es schießt mir durch den Kopf: Jetzt ist dir das Gleiche passiert wie der Ilse und ihrem Opa! Zugleich bin ich mir sicher, dass mich meine Mutter vermissen und mich schnellstens rausholen wird. Jemand trampelt auf mir rum. Ich weiß gar nicht, was auf einmal los ist. Ich kriege kaum Luft! Und wieder kommt einer und läuft über mich hinweg. Ich höre Geräusche, das Knirschen von den Trümmern. Wieder nähert sich jemand. Und richtig, zack, wieder läuft einer über mich rüber …

Es muss nach Mitternacht gewesen sein, als eine Fliegerbombe durch das Kirchendach flog und im Bereich des Altars explodierte. Der Altar stürzte in sich zusammen und schlug die ganze Decke über der Krypta ein. Alle, die unten saßen, wurden begraben.

Ich weiß nicht, wer mich rausgezogen hat. Vielleicht die Schwestern, vielleicht Leute, die geholfen haben. Die Schwestern gruben mit ihren Händen in den Trümmern. Das habe ich in einem Jubiläumsband der Kirche gelesen, als ich sie vor zwei Jahren das erste Mal wieder besucht habe. Eine Schwester hat damals notiert, dass ich unter den Trümmern lag und die Leute auf mir rumtrampelten. Als ich das gelesen habe, war es mir wieder eingefallen. Es stimmte!

Ich muss in einer Nische gelegen haben, darum bin ich nicht erstickt. Vielleicht war da ein großer Stein. Das weiß ich alles nicht mehr. Schon als Kind habe ich meistens in Bauchlage geschlafen. Das hat mir damals möglicherweise das Leben gerettet. Ich bin wohl unverletzt aus den Trümmern gezogen worden. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich etwas gebrochen hatte oder blutete. Vielleicht war ich der Einzige, der unverletzt war. Das kann ich nicht mehr sagen.

Es war stockdunkel. Wegen des Verdunkelungsgebots durfte auch während der Rettungsarbeiten kein Licht gemacht werden. Wer Licht machte, konnte schwer bestraft werden. Aber vielleicht wäre es mit Licht auch noch schlimmer geworden. Jedes Licht wäre durch das große Loch im Kirchendach und durch die Kirchenfenster nach draußen gedrungen und hätte möglicherweise weitere Angriffe folgen lassen. In dieser Dunkelheit konnten bloß eine Handvoll Leute ausgegraben werden. Einer davon war ich. Wie viele es wirklich waren, habe ich nie erfahren.

Dann setzt meine Erinnerung aus. Ich erinnere mich erst wieder an das Morgengrauen. Man hatte mich in den unzerstörten öffentlichen Luftschutzkeller gebracht und dort zwischen zwei Ordensschwestern auf eine Holzbank gesetzt. Seit Stunden waren keine Schüsse mehr zu hören gewesen, deutsche Soldaten waren nicht mehr zu sehen. Einige Frauen aus dem Keller hatten die Feuerpause genutzt und aus einem unbewachten Proviantlager der Nazis Ölsardinen ergattert. Sie drückten mir eine davon in die Hand. Nun hatte ich etwas zu essen! Eine ganze Dose mit Ölsardinen für mich ganz allein! Wir hatten alle unsere knappen Reserven aufgebraucht – es herrschte Hunger. Noch heute weckt der Duft einer gerade geöffneten Dose Ölsardinen in mir Erinnerungen an diesen Tag. Obwohl ich sie eher selten esse, lagern stets einige Dosen davon in meinem Lebensmittelvorrat.

Viele Leute hatten am Morgen die Kellerräume verlassen, waren auf den Hof gegangen oder unterstützten die Bergungsarbeiten. Plötzlich stürmten alle wieder in den Keller, mit dem Ruf: »Die Russen kommen!« Vier oder fünf fremdartig aussehende Soldaten in verschmutzten Uniformen mit Kalaschnikows in den Händen kamen die Kellertreppe runter. Zwei blieben am Kellereingang stehen, die anderen gingen durch die Räume und musterten jede einzelne Person eingehend. An den Kindern und Nonnen gingen sie wortlos vorbei. Nachdem alle Personen kontrolliert waren, teilte einer der Russen in gebrochenem Deutsch mit, dass der Krieg zu Ende sei und wir nun alle wieder in unsere Wohnungen zurückkehren könnten.

Oben im Hof sah ich zu, wie im Tageslicht in den Trümmern weiter nach Überlebenden gesucht wurde. Soweit ich weiß, fanden sie noch ein oder zwei Verletzte. Ansonsten fanden sie nur Leichen oder Teile davon.

Als Kind war ich nicht in der Lage, nach meiner Familie zu fragen. Ich hatte überlebt, aber ich sah diese Person nicht mehr und auch diese nicht mehr. Ja, dann waren die nicht mehr da. Meine Mutter war nicht mehr da, meine Geschwister waren nicht mehr da … (Die Stimme versagt ihm.) Die sind alle umgekommen.

Ich erinnere mich, wie die Suchenden Leichenteile in Bettlaken und Tischdecken einwickelten. Oben machten sie einen Knoten in die Bündel, damit die keiner sehen musste. Es war nicht so wie heute: Man ruft die Feuerwehr, und die kommt gleich. Es gab nur noch Zivilisten, die dafür nicht ausgebildet waren. Sie legten die Leichen am Rande des Hofes auf die Erde, damit sie identifiziert werden konnten. Die Erwachsenen versuchten, mich von der Suche wegzuhalten, aber das klappte nicht. Wie sollten sie es auch machen? Alles war zerstört. Es konnte mich keiner die ganze Zeit an der Hand halten. Der Hof war ja mein Zuhause. Jedes Mal, wenn ich wieder in den Hof kam, lagen neue Leichen aufgereiht. Sie waren voller Dreck und Staub und mussten erst abgefegt werden, damit die Angehörigen sie erkennen konnten. Ich erinnere mich noch an die Gespräche im Hof.

»Na, wen haben wir denn da gefunden?«

»Na Frau sowieso.«

»Ach Gott, die auch … und die Tochter auch noch …«

Ich bekam schnell mit, dass meine Mutter und meine Geschwister tot waren. Die Mutter war nicht mehr da, die Geschwister waren nicht mehr da … Aber hier (er zeigt auf den Kopf) ist das nicht angekommen. Ich sah meine Mutter dann auf dem Hof liegen. Ich erkannte ihr Kleid, ein helles Kleid mit einem Muster von kleinen Karos in Grün- und Blautönen. Jemand, der da lag, hatte dieses Kleid an, also war das meine Mutter … Die Menschen hatten im Keller meistens ihre guten Kleider getragen, die sie retten wollten, das neueste Kleid oder den besten Anzug. Und im Koffer hatten sie nur das Allerwertvollste runtergetragen. Meine Mutter hatte für meine Erstkommunion über Bezugskarten das neue Kleid mit dem Karomuster bekommen. Daran erinnerte ich mich auf dem Hof sofort, als ich sie dort liegen sah. Von meinen Geschwistern sah ich nichts. Später erfuhr ich von den Nachbarskindern mehr. Kinder haben ja immer solche Ohren und erzählen sich alles untereinander weiter, was sie von den Erwachsenen aufschnappen. Meine kleine Schwester Monika war wohl mit dem Kinderwagen umgekippt, in dem sie geschlafen hatte. Sie war völlig unverletzt gewesen und muss erstickt sein. Meine Mutter war zwischen Trümmern eingeklemmt gewesen und konnte sich nicht befreien. Von meinem Bruder weiß ich nichts. Das kann so stimmen, muss aber nicht.

Auf dem Pfarrhof wurde später eine Grube ausgehoben, in der alle Toten beerdigt wurden. Ich erinnere mich, dass die Leute noch Wochen in den Trümmern wühlten. Von Zeit zu Zeit wurde das Grab wieder geöffnet und wieder ein Bündel mit Leichenteilen beerdigt. Es waren dann nur noch Leichenteile – Arme und Beine –, richtige Menschen fanden sie nicht mehr. Einmal hatte ich in den Trümmern die Überreste eines beigefarbenen Kinderwagens gesehen. Erst viel später wurde mir bewusst, dass es sich um den Wagen gehandelt haben musste, in dem meine kleine Schwester gestorben war, denn es gab nur den einen Kinderwagen in der Krypta.

Als Siebenjähriger machte ich mir Gedanken: ›Haste denn da nun was entheiligt? Hättste da gar nicht zum Altar hochgehen dürfen? Das ist ja dem Pfarrer oder der Geistlichkeit vorbehalten, und du bist einfach da hingegangen, wo du nichts zu suchen hast! Mensch, das hättste nicht machen sollen, jetzt ist der liebe Gott vielleicht ganz böse, dass du da rumgeklettert bist.‹ Als Kind deutete ich das Ereignis ganz anders. Es ist aber auch eine Gnade, dass man in dem Alter noch nicht alles begreifen kann – mit sieben Jahren …

Irgendwann kam der Alltag wieder. Inzwischen war es Mai. Die ersten Vögel saßen in den grünen Laubbäumen im Pfarrhof und zwitscherten. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass einer nicht begriffen hat, wie die Welt einfach so weitergehen konnte … (Er weint.) Jetzt muss ich sagen, es war so. Die Vögel zwitscherten, und wir Kinder spielten wieder auf dem Hof. Trotzdem war für mich nichts mehr wie vorher.

Die Russen hatten mittlerweile mit ihren Ponys in unserem Hof Station gemacht. Der ganze Hof war voller Pferdeäpfel. Wir Kinder wollten die Ponys streicheln, aber das durften wir nicht. Anscheinend waren sie bissig oder an Kinder nicht gewöhnt. Wir Kinder spielten wieder auf dem Hof. Der Alltag musste losgehen, um über das Schlimme hinwegzukommen, das hatten wir begriffen. In den Schuttbergen suchten wir nach den goldenen Mosaiksteinchen, mit denen die Kirchenkuppel verziert gewesen war. Der Bombeneinschlag hatte auch das Mosaik zerstört. Auf dem Schuttberg glitzerten die Steinchen in der Frühlingssonne. Goldene, blaue und grüne Steinchen – wunderschöne Steine, die mir heute noch gefallen würden. Wir Kinder erfanden damit ein Spiel. Wer die schönsten Steine oder die meisten von den goldenen hatte. Die roten und die grünen Steinchen waren selten, von den goldenen gab es am meisten. Wir tauschten sie untereinander. Mit diesen Spielen lenkten wir uns ab. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Kein Kind würde sich dafür interessieren. Aber damals war das eine Attraktion.

Meine Tante hatte mit meinem Cousin im öffentlichen Luftschutzraum überlebt und wohnte nun in unserer Wohnung. Nachdem ich einige Zeit bei den Schwestern gewohnt hatte, zog ich zu dieser Tante in unsere Wohnung zurück. Ich kannte sie gar nicht, sie war aus dem Osten nach Berlin geflüchtet. Ich hatte sie vorher noch nie gesehen.

Alle, die überlebt hatten, hatten mit sich selbst zu tun. Es war nicht so: »Ach, da ist ja der kleine Winfried, den werden wa mal zu uns nehmen!« Ich wäre auch bloß eine Belastung gewesen. Wenn die Schwestern nicht gewesen wären, die das vielleicht von Beruf aus so machen, dann wäre es mir wahrscheinlich ganz schön mies ergangen damals. Die Schwestern hatten viel zu tun. Sie pflegten die vielen Verletzten und mussten die Organisation der Pfarrei übernehmen. Der Pfarrer, ein Kaplan und sechs Schwestern waren bei dem Einsturz gestorben, die ganze Leitung war nicht mehr da.

Irgendwann im Sommer kam mein Vater zurück. Er war in der Flugzeugindustrie dienstverpflichtet gewesen. Nun waren wir eben beide alleine … bis er eine neue Frau kennenlernte und eine neue Familie gründete. Ich habe keine leiblichen Geschwister mehr, aber Halbgeschwister und Stiefgeschwister, da machen wir überhaupt keinen Unterschied.

Als ich vor zwei Jahren das erste Mal wieder den Kirchhof betrat und die Grabinschriften las, erinnerte ich mich an einige Namen wie den von Herrn Seeliger. Er hatte damals seine 18-jährige Tochter und seine Frau bei dem Einsturz verloren. Er war als Einziger übrig geblieben. Er hat sie selber ausgegraben. In der Nacht hatte er noch immer geglaubt, er fände sie lebend.

Da ist noch vieles zu erzählen. Ich denke zum Beispiel an den Bruder von meinem Spielkameraden. Der Conrad muss bei Kriegsende ungefähr fünfzehn gewesen sein. Seine Mutter hatte ihn in den letzten Kriegsmonaten vor den Nazis versteckt. Ich weiß nicht, ob Sie davon gehört haben? Zum Schluss liefen die Nazis mit einer Armbinde durch alle Luftschutzkeller und suchten nach wehrfähigen Männern. Egal ob alt oder jung, sie mussten alle zum Volkssturm, und meist hat man nie wieder etwas von ihnen gehört. Wir Kinder wussten nicht, wo der Conrad versteckt war, denn wenn wir das rausgeplappert hätten, wäre er wahrscheinlich wer weiß wohin gekommen. In den letzten Kriegstagen hatte ihn seine Mutter mit zu uns in die Krypta genommen und dort in einer Ecke versteckt. Vorm Volkssturm hat sie ihn bewahrt, und in der Krypta ist er umgekommen – mit seiner Mutter zusammen. So wie meine Mutter und meine Geschwister …

»Die Bomben, die euch treffen, die hört ihr nicht.«
Waldemar Klemm

(Geboren 1936 in Berlin, Sozialarbeiter)

Dann kam der Krieg. Unser Haus wurde zerstört. Wir überlebten im Keller, unsere Nachbarn nicht, von denen kam keiner aus dem Keller wieder raus. Wir wurden mit einem Programm für obdachlos gewordene Familien außerhalb der Stadt in eine Villa umgesiedelt. Dann fiel da die Bombe. Dann war da die Hälfte tot und wir überlebten wieder.

Meine früheste Kindheitserinnerung: Nachdem unser Haus in Berlin zerstört worden ist, kommen wir aus dem Keller raus. Wir laufen mitten auf der Straße, weil links und rechts die Häuser brennen. Sie brechen in sich zusammen. Auf dem Bürgersteig ist es unmöglich zu laufen. Es ist nachts und hell erleuchtet, weil alles brennt. Das sind Eindrücke, die bleiben einem. Da war ich sechs. Wir waren im Keller verschüttet, die Männer mussten uns erst freigraben. Auf der Straße lag noch eine Puppe aus unserer Wohnung. Die Wohnung war nicht mehr da. Die Puppe nahmen wir mit.

Für unsere Mutter muss es fürchterlich gewesen sein. Sie musste uns immer aus dem Tiefschlaf reißen und uns in den Keller schleppen. Dort hörten wir das Pfeifen der Bomben und das fürchterliche Beben vom ganzen Haus. Die Erwachsenen erklärten uns, das sei gar nicht so schlimm: »Wenn ihr den Schall hört, dann ist es schon erledigt, dann wurden wir nicht getroffen. Die Bomben, die euch treffen, die hört ihr nicht.« Das verstand ich nicht, aber es war ein Trost. Zuerst hörten wir ein fürchterliches Pfeifen, und gleich danach rumste es dann. Im Keller waren die Leute ängstlich, aber ruhig. Zwischendurch Rufe: »Oh Gott, jetzt schon wieder!«

»Nein, die hat uns nicht getroffen!«

»Wo mag die Bombe runtergekommen sein?«

Sie glaubten, auch das Pfeifen unterscheiden zu können.

»Das war eine Sprengbombe und das war eine Mine.« Die Minen waren schlimmer als die Sprengbomben. Die Phosphorbomben brannten tagelang in unserer Straße. Die Feuerwehr hatte gespritzt, fuhr weg und es brannte weiter. Phosphor lässt sich nicht mit Wasser löschen.

Bei der zweiten Ausbombung lag der Bombentrichter fünfzig Meter von unserem Haus entfernt. Die Bombe hatte unser Haus nicht getroffen, sonst wären wir nicht mehr da. Es war schlimm. Es ist ein dumpfes Geräusch, das auf die Ohren geht, wenn ein Haus in sich zusammenfällt. Wir mussten uns freibuddeln. Das sind schon ganz üble Erinnerungen … Ein Mann, der mit uns im Haus gewohnt hatte, sagte die ganze Zeit: »Wo geht es denn lang, ich kann ja nichts sehen.« Ich sagte: »Guck mal, da geht es lang.«

Flüchtende Frauen und Kinder in einer umkämpften Straße in Danzig (März 1945)

Bei Tageslicht konnte er immer noch nichts sehen. Er war erblindet, hatte Splitter ins Auge gekriegt. Mein Bruder hatte Glassplitter ins Gesicht bekommen. Noch zehn Jahre später kamen sie an der Stirn oder neben dem Auge raus.

»Alles ist aus, das Licht ist aus, alles aus …«
Dieter Hadel

(Geboren 1934 in Berlin, Ingenieur)

Es war Winter, als wir aus der Evakuierung zurück in Berlin ankamen. Wir hatten die Flucht überstanden und waren zufrieden: Die Wohnung stand noch. Aber die Luftangriffe nahmen gegen Ende des Krieges immer mehr zu. Es kamen Wellen von 600–900 Bombenfliegern! Im Radio hörten wir ständig: »Hier ist der deutsche Rundfunk. Feindliche Fliegerverbände im Raum Hannover–Braunschweig.« Dann wussten wir, dass es auf Berlin gehen würde. Schon bald gingen dann die Sirenen auf den Häuserdächern los und alles flüchtete in die Keller. Dort hatten Baufirmen Holzpfeiler eingebaut und Querbalken eingesetzt, damit die Kellerdecke bei einem Angriff nicht einstürzen würde. Wir kamen gar nicht mehr aus den Sachen raus, trauten uns nicht, uns abends auszuziehen. Ich zog bloß den Mantel aus und legte mich so aufs Bett. Wenn die Mutter nachts um zwei zu mir sagte: »Junge, komm, aufstehen, wir müssen wieder runter gehen!«, zog ich nur den Mantel an und rannte runter. Wir wohnten vier Treppen, mussten noch über den Hof laufen und eine halbe Treppe tiefer in den Keller rein. Dort waren bestimmte Räume als Luftschutzräume gekennzeichnet.

In der Nacht kamen dann manchmal zwei oder drei Angriffe, abends um acht der erste. Die meisten Fliegerangriffe waren nachts, damit die Flak die Flieger nicht sehen konnte. Ich konnte die Scheinwerfer der Flak am Himmel sehen, die versuchte, die Flieger abzuschießen. Aber es wurden ganz wenige getroffen, die meisten Flieger konnten ihre Luftminen und Brandbomben abwerfen. Die Brandbomben waren achtkantig und im Durchmesser vielleicht fünfzehn Zentimeter. Sie schlugen nur durch die Dachziegel und blieben auf den Dachböden liegen, wo sie die Holzböden in Brand setzten und die Häuser alle von oben runterbrannten. Die Sprengbomben gingen durch. Und dann gab es noch die Luftminen. Die explodierten oberhalb des Hauses, in einer Höhe von vielleicht zwanzig, dreißig Metern. So eine Luftmine traf auch unser Haus.

Wir sitzen unten im Keller. Jeder hat seinen Platz, daneben eine Decke und ein Eimer mit Wasser. Wenn eine Bombe runterkommen würde, sollten wir uns nasse Tücher vor das Gesicht halten, um nicht den Rauch, den Staub und den Dreck einzuatmen. In jedem Haus gibt es Verantwortliche für Luftschutz, den Luftschutzwart. An diesem Tag stehen der Luftschutzwart und noch ein anderer Mann oben an der Kellertreppe, als es einen furchtbaren Knall gibt. Meine Mutter wirft sich über mich. Ich habe keine Geschwister, ich bin das einzige Kind. Alles ist aus, das Licht ist aus, alles aus … Meine Mutter presst mir ein nasses Taschentuch gegen den Mund. Ich kann nichts sehen. Unser Haus ist über uns eingestürzt, aber die eingebauten Balken und Pfosten haben die ganze Last von dem vierstöckigen Haus getragen. Im Keller ist nichts kaputtgegangen. Nach einer halben Stunde wird es ruhiger draußen, wir hören keine Einschläge mehr. Jemand sagt: »Raus aus dem Keller!«

Der Keller liegt unter dem Vorderhaus. Wir gehen die Treppe hoch und sehen den Luftschutzwart vor der Kellertür liegen. Er und der andere Mann waren sofort tot, als die Mine einschlug. Es wurde immer gesagt: Wenn du eine Luftmine hörst, dann passiert nichts, dann schlägt die woanders ein. Die beiden Männer hatten nichts gehört … Wir kommen hoch und sehen: Der rechte Seitenflügel ist weg, bis zur ersten Etage liegt alles in Trümmern, überall liegen Holzbalken. Das Vorderhaus steht noch, wir können über die Trümmer auf die andere Straßenseite gehen, wo auch die anderen Leute aus unserem Haus stehen. Alle rufen durcheinander: »Haste gesehn, der is tot!«

»Und der is auch tot!«

»Bei uns ist alles kaputt!«

»Gott sei Dank, dass wir noch leben«, tröstet mich Mutti.

Es ist Nacht. Dunkel. Eine Tante meiner Mutter wohnt in der gleichen Straße, acht Häuser weiter. Mutti und ich laufen zu ihr. Tante Else öffnet die Tür und sagt: »Na, hat’s euch auch erwischt?«

»Ja!«, sagt Mutti, »alles kaputt, ist nüscht mehr zu sehen von unserem Haus.«

»Na, kommt mal rein.«

Am nächsten Tag gingen wir nochmal zurück, um uns zu überzeugen. Wir stiegen über die Trümmer des Hausdurchgangs vom Vorderhaus und sahen: Es war nichts mehr übrig von unserem Haus. Die Leute versuchten die Steine wegzuräumen, um an ihre Sachen zu kommen, die jetzt in dem Schutt lagen. Ein paar Sachen fanden sie auch. Ich weiß noch, wie einer sagte: »Guck mal, hier is Opas Holzbrett, mit dem er immer den Speck geschnitten hat!«

Wir fanden die Hausschuhe meines Vaters, Mutti den einen und ich den anderen. Später habe ich diese Schuhe noch auf der Straße getragen. Lederne Hausschuhe. Wir fanden auch noch einen Boucléstoff aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich zog den zerrissenen Stoff aus den Trümmern, daraus konnte man noch etwas Wärmendes machen.

Bei Tante Elsa konnten wir nicht bleiben. Bei ihr wohnten schon ein Gastarbeiter und eine andere Frau. Wo sollten wir bleiben? Vaters Schwester, Tante Ella, hatte das Hotel Komet an der Warschauer Brücke. Sie war aufs Land geflohen, nachdem direkt vor ihrem Haus und dem darunter liegenden Luftschutzkeller eine Sprengbombe explodiert war. Alle Leute, die in dem Luftschutzkeller saßen, wurden getötet. Auch ihr Mann, Onkel Oskar. Tante Ella musste ihren Hotelbetrieb aufgeben, die Fenster aller Gästezimmer waren zerstört und das Mobiliar lag in Trümmern. In ihrer Wohnung sah es nicht ganz so schlimm aus, und sie hatte sie meiner Mutter angeboten.

Dort war es schlimm … Als der erste Fliegerangriff kam und meine Mutter mit mir runter in den Luftschutzkeller rannte, ließen sie uns nicht rein! Die eigenen Deutschen ließen uns nicht mit in den Keller rein! Weil wir keine Bewohner des Hauses waren. Alle Beteuerungen meiner Mutter, dass wir in der Wohnung ihrer Schwägerin wohnten, halfen nichts. Die ließen uns nicht rein. Wir setzten uns auf die Kellertreppe und warteten den Angriff ab.

Von nun an mussten wir in einen Bunker am Schlesischen Bahnhof rennen. Tausende Menschen strömten dorthin. Wir mit. Meine Mutter hatte immer ihre Umhängetasche und die Gasmasken dabei. In dieser Tasche trug sie alles, was sie besaß: alle Papiere, Schlüssel, Ausweise, Lebensmittelkarten, Geburtsurkunden, Trauschein, Sparbuch, Uhr und Ringe. Und dann wurde ihr im Bunker die Tasche geklaut! Jetzt konnte sie sich nirgends mehr identifizieren. Nach den Ereignissen auf der Flucht war dies das zweite Mal, wo meine Mutter hätte Schluss machen wollen mit dem Leben: die Wohnung verloren, die Verleumdung durch die eigenen Bürger und dann noch alles geklaut. Nur der Gedanke an mich hatte sie davon abgehalten. Das hat sie mir Jahrzehnte später erzählt.

»Alle waren ausgebombt, wir hatten nichts.«
Aenne Fiedler

(Geboren 1936 in Hamburg, Handelskauffrau)

Während ich auf der Kinderlandverschickung war, wurde unsere Hamburger Wohnung in Schutt und Asche gebombt. Das ganze Haus war weg. Meine Eltern kamen in ein Lager für Ausgebombte. Dort wohnten wir nach meiner Rückkehr mit zwei Familien in einem Zimmer. Kochgelegenheiten gab es nicht, wir wurden zentral versorgt. Am Stadtrand in Geesthacht wurden dann Plattenhäuschen für Hamburger Ausgebombte gebaut, Behelfsheime sagte man dazu. Dort durften wir einziehen. Wir kamen mit einem kleinen Bollerwagen, in dem wirklich nur vier Stühle und ein paar Decken waren, sonst nix. Unser Haus hatte 39 Quadratmeter, wo wir mit vier Personen wohnten. Es gab ein Plumpsklo, einen Herd, der nie ging, und einen kleinen Kanonenofen. Das war alles. Zwei Räume hinten und eine relativ große Küche.

Während wir in Hamburg immer in den Keller mussten, die Bomben fielen und die Frauen weinten und schrien und ich Ohrenschmerzen bekam, störte mich das ganz schlichte, ärmliche Leben in den Behelfsheimen gar nicht. Die Hütten standen direkt am Wald. Wir Kinder konnten spielen wie verrückt – übers Feld und im Wald.

Natürlich hungerten wir, es gab keine Milch, kein Mehl, keine Butter, keinen Zucker. Aber es ging uns allen so. Dreihundert Familien wohnten in den Behelfsheimen, alle waren ausgebombt, wir hatten nichts.

Jede Person bekam Lebensmittelkarten. Man konnte aber nicht sagen, ich schneide mir jetzt eine Mehlmarke aus und geh Mehl kaufen, sondern die Lebensmittel wurden immer aufgerufen. Dann hieß es zum Beispiel, es gibt Nährmittel. Das konnten Nudeln, Reis, Mehl oder Graupen sein. Und dann gingen wir zum Laden, standen in der Endlosschlange an, bis wir drankamen, um unsere hundert Gramm pro Person abzuholen. Ich weiß noch ganz genau, einmal war gerade zu Ostern Zucker ausgeschrieben worden. Ich musste mich zuerst anstellen, meine Mutter löste mich nachher ab und ich dachte: ›Nun krieg ich endlich Zucker!‹ Nee, weißte was es dann gab? Fondanteier! Mensch fand ich das toll. (Sie lacht.) Eine Handvoll davon gab es für jede Familie. Die hüteten wir Kinder wie unseren Schatz. Ostersonntag gingen wir Kinder mit unseren Eiern in den Wald. Wir aßen sie nicht auf! Wir leckten immer rundum.

»Ich leck erst das Gelbe!«

»Nee, ich das Weiße!«

»Ich die Hälfte!«

»Ich ein Viertel!«

Oh Gott, nee! Aber das schärft dir nachher die Sinne dafür, wenn du wieder alles haben kannst, dass du das nicht einfach nur hinnimmst. Herrgott was sind wir heute reich! Haben Heizung! Das hat mich zu einem Menschen gemacht, der eine Zufriedenheit daherbringt. Diese Sachen haben mich geprägt.

In unserer Nähe lag eine Pulverfabrik, die Krümmel Dynamit AG. Das war natürlich ein heiß begehrtes Ziel für britische und amerikanische Bomber. Unser Nachbar hatte uns einen Bunker am Waldrand gebaut, ein tiefes Erdloch, über dem Baumstämme und Äste lagen. Unten auf der Erde lag Stroh. Bei Alarm saßen wir mit der Nachbarsfamilie zusammen in diesem Bunker. Wir mussten uns ein bisschen ducken. Das Nachbarsmädel war in meinem Alter. Wenn wir zusammen im Bunker saßen sagte Martha öfter: »Aenne, ich muss mal.«

Ich sagte: »Ich könnte aber auch mal müssen.«

Dann horchten wir immer, ob es knallte, und warteten noch ein bisschen. Endlich war es ruhig, wir raus aus’m Bunker. Kaum hatten wir die Büchsen runter, ging das Geballer wieder los. Dann hatten wir Angst. Manchmal sahen wir die Markierungen runterfallen, die Tannenbäume, die das Ziel erhellten. Der alte Morrmann, der vor seiner Tür gestanden hatte, ist so erschlagen worden. Ein paar Einschüsse gab es immer hier und da.

Wenn der Alarm während der Schulzeit war, fuhren Wagen umher, kassierten uns Kinder ein und brachten uns in die großen runden Bunker mit meterdicken Wänden. War der Angriff vorbei, wurden die dicken Eisentüren aufgemacht und wir konnten raus. Ja, hmm, wo war man denn? Kannte ich die Gegend? Nein. Von diesen Bunkern fand ich nie nach Hause. Einmal war ich losgegangen, dachte, ich werd schon was finden, was ich wiedererkenn. Ich war aber offensichtlich in die verkehrte Richtung gelaufen, fing an zu weinen, wollte nach Hause und hatte Hunger. Eine Frau griff mich auf und kochte mir eine Milchsuppe. Sowas mochte ich eigentlich nicht, aber diese hab ich verschlungen. Danach brachte mich die Frau auf den richtigen Weg.

Man hat mir viel abverlangt. Eigentlich ein Leben lang. Ich war ja auch noch wirklich klein. Musste jeden Tag was arbeiten, Holz sammeln, Milch nach der Schule mitbringen. Der Milchmann lag auf der Strecke, also brachte ich ihm die Kanne und nahm sie auf dem Rückweg mit. Da waren 1,5 Liter drin und die Kanne hatte noch nicht mal einen Deckel. Manchmal kam ich auch mit weniger als anderthalb Litern zurück. Nicht dass ich die getrunken hätte, sondern dann war auf dem Rückweg Fliegeralarm gewesen. Ich musste mich unter irgendwelchen Bäumen hinkauern, und dabei kippte die Kanne um. Wegen diesem Kram kriegte ich dann immer Ärger. Aus heutiger Sicht hätte man mir Grundsätzlichkeiten gewähren müssen. Finde ich. Aber das machte mir vielleicht damals nichts aus. Meinen Freundinnen ging es allen so. Auf das Kindsein wurde wenig Rücksicht genommen. Die Kinder mussten die komischsten Sachen machen. Wer von den Nachbarn keinen Hahn hatte, musste befruchtete Eier tauschen. Ich weiß noch, wie in der Nachbarschaft eine Glucke das Brutgeschäft angefangen hatte und dann abgestiegen war. Also mussten sich die Kinder dieser Familie jeden Tag abwechseln und die Eier warm halten. Tagsüber lagen sie mit den Eiern im Bett und nachts kriegten sie die Eltern ins Bett.

Das Einzige, wovor ich immer noch Angst habe und wovon ich noch heute manchmal träume, sind diese Flugzeuge, die bei Nacht den Himmel erhellen und was abwerfen. Dann verdunkelt sich der Himmel und ich denke: Was machste jetzt, wo gehste hin? Kannst eigentlich nirgends hin, es ist überall dunkel! Und dann fallen auch schon Sachen runter und ich wache schweißgebadet auf.

So ist meine Geschichte. Sie ist eigentlich tröstlich, würde ich sagen. Denn sie beinhaltet auch eine Menge Menschlichkeit. Und wenn man die erkennt, dann schwindet das Negative. Oder du steckst es in Schubladen, die vielleicht klemmen und die du nicht wieder aufmachen musst. Das muss ich ja nicht, wenn ich das nicht will!

»Wir sind die Generation, die praktisch alleine groß geworden ist.«
Elisabeth Krieg

(Geboren 1935 in Thale, Kindergärtnerin)

Als mein Vater in den Krieg ging, war ich mit meiner Mutter allein. Ich war ein Einzelkind. Vor dem Krieg war Mutter Hausfrau gewesen, wie das damals üblich war. Während des Krieges mussten alle Frauen aus dem Dorf im Werk Panzer ausbauen, nur meine Mutter wurde Rot-Kreuz-Helferin. Deswegen musste sie nicht ins Werk. Sie fuhr als Beifahrer im Krankenwagen bei Bombenangriffen Richtung Hannover … bei den großen Angriffen. Wenn ich aus der Schule kam und Mutter zu einem Einsatz gefahren war, lag ein Zettel auf dem Tisch: Fahr nach Cattenstedt (das war das Dorf, wo meine Großeltern und meine Tante wohnten) oder geh zu Frau Sowieso oder Herrn Sowieso. Dann packte ich das Nötigste, ich wusste ja nie, wie lange Mutter wegblieb, und trabte los. Mutter wusste ja auch nicht, ob sie wiederkam …

Zu meinen Großeltern durfte ich bis in die nächste Stadt mit der Kleinbahn fahren. Ich freute mich jedes Mal, wenn das Geld für die Bahn auf dem Tisch lag. Alleine mit der Bahn fahren, na, das war doch was! Vom Bahnhof musste ich zum Dorf meiner Großeltern laufen. Mutter ermahnte mich immer wieder: »Du gehst nur auf der Straße, die zum Ort führt, und nicht die Abkürzung durch den Wald, die wir sonst zusammen gehen.« Warum, begriff ich damals nicht … Bei meinen Großeltern wohnte meine Tante mit meinen Cousins. Wir spielten zusammen. Das war schön! Unsere Mütter waren immer unterwegs und keiner sagte: »Nu mach und tu!« Meine Tante hatte nur Jungen. Na ja, den Rest brauche ich Ihnen nicht erzählen, ich war das einzige Mädchen. (Sie lacht.)

Oft musste Mutter auch nachts losfahren. Dann stellte sie mir einen Wecker, damit ich morgens alleine zur Schule gehen konnte. Aber ich wurde von dem Wecker schlecht wach, obwohl er groß war und Mutter ihn extra auf einen Teller und den Teller auf den Nachtschrank mit der Marmorplatte stellte, damit’s schön laut rasselte. Ich hörte den Wecker trotzdem nicht. Dann klopfte eine der Frauen aus dem Haus an die Tür und rief: »Mensch, mach, dass du in die Schule kommst. Wir haben wieder deinen Wecker gehört!«

»Der hat nich geklingelt!«, sagte ich.

»Aber wir haben den gehört!«

Immer alleine früh zur Schule … Dann die langen Zöpfe … Wenn ich morgens alleine war, kämmte ich sie nicht. Das musste meine Mutter machen, wenn sie mal zu Hause war.

Einmal war ich zu spät aufgestanden oder zu bequem gewesen und hatte mein Nachthemd nicht ausgezogen, sondern es in den Schlüpfer gesteckt. Es hatte einen Bubikragen und den fand ich schick. Nach der ersten Stunde rief mich die Lehrerin zur Seite und sagte: »Weißte, aber morgen ziehste dir dein Nachthemd nicht in der Schule an.« (Sie lacht.) Das sind so die Erinnerungen, die geblieben sind … Meiner Mutter erzählte ich das nicht, und die Lehrerin war so nett und erzählte es ihr auch nicht. Sie wusste, dass meine Mutter nicht oft da war. Wir Kinder waren alle selbstständig.

Ich wusste, wo meine Mutter hinfuhr. Sie hatte mir erzählt: »Ich fahr mit meiner Kollegin Annemarie da hin, wo Bomben abgeworfen worden sind.«

Die Bomber kannte ich, hörte sie, wenn sie über unser Dorf flogen. Als in unserer Nähe einmal Bomben abgeworfen worden waren, hatte mir Mutter die Weihnachtsbäume gezeigt, die Leuchtzeichen. Sie sagte: »Weißte, wenn die Bomben fallen und es Verletzte gibt, dann müssen wir die in die Krankenhäuser fahren.«

Von dem Ausmaß, was sich da abgespielt hat, habe ich erst später erfahren. Aber das da Häuser zerstört wurden und es Verletzte gab, wusste ich. Meine Mutter half den Ärzten – sie fuhr zum Helfen hin. So hatte sie es mir gesagt. Mehr aber auch nicht.

Bei uns im Dorf lebte ich in einer Idylle. Wir haben nur einen Angriff erlebt. Das Dorf liegt in einem Tal. Bis die Bomben ausklinken konnten, waren die Flugzeuge schon über dem Tal hinweg und mussten die Höhe der Berge fassen. Daher hatten wir Glück.

Nach dem Krieg hat mich meine Mutter einmal gefragt: »Haste denn irgendwann mal gedacht, ich komm nicht wieder?«

Ich sagte: »Nee, du bist doch praktisch wie zur Arbeit gegangen.«

Sie hat es immer so geregelt, dass keine Panik bei mir entstehen konnte. Mal ging ich zu einer der Rot-Kreuz-Schwestern, die gerade nicht im Einsatz war, mal zu meinen Großeltern. Ich dachte mir nichts dabei. Wir sind die Generation, die praktisch alleine groß geworden ist. Wir hatten keine Mutter, die uns tröstete. Warste hingefallen, haste dir selbst ein Pflaster drauf gemacht und dann war’s wieder gut. Wenn ich heute sehe, wie die Kinder so bemuttert werden … Ja, wer sollte sich auch um uns kümmern?

Was wäre noch aus der Zeit zu erzählen? Bei Fliegeralarm saß ich oft alleine mit den Nachbarn im Keller. Mutter war mit dem Krankenwagen unterwegs. In unserer Wohnung standen zwei gepackte Strohtaschen. Eine kleine für mich, in der ein paar Spielsachen, Unterwäsche und meine Puppe lagen. Mutters Tasche mit den Papieren war ein bisschen größer. Ich weiß noch, wie sie mir oft gesagt hatte: »Wenn ich nicht da bin, nimm immer beide Taschen mit, und wenn du nicht beide tragen kannst, nimm die große und deine Puppe.« Sie hätte nie gesagt, nimm die Puppe nicht mit. Ich hätte alles andere dagelassen, aber nicht die Puppe! Die war meine Schwester, der habe ich alles erzählt. Manchmal wunderte ich mich, woher meine Mutter so viel von mir wusste. Später hat sie mir erzählt, dass sie manchmal vor der Tür gehorcht hatte, was ich meiner Puppe erzählte. Was diese Puppe für Geheimnisse in sich birgt! (Sie lacht.) Ich war ja ein Einzelkind. Wenn ich also alleine war, nahm ich bei Bombenalarm die beiden Taschen mit runter. Im Keller wurde ich von den anderen Frauen aus dem Haus mitversorgt. Da gab es kein Mein und Dein, da kriegten alle Kinder was. Ach, ich machte mir keine Gedanken, wo das Essen herkam. Wir mussten eben da unten sitzen. Manchmal spielten die anderen Mütter mit uns.

Als ganz in der Nähe von uns eine Stadt bombardiert wurde, schickten die Lehrer uns Kinder schnell nach Hause. Ich lief artig los. Ich kam an einem Haus von Bekannten vorbei die mir zuriefen: »Renne! Dass du es schnell nach Hause in den Keller schaffst, falls sie ne Bombe abwerfen!« Ein paar Straßen weiter riefen mir Leute zu: »Du schaffst es nicht mehr bis nach Hause, komm zu uns rein!«

Ich rief: »Nee, ich muss nach Hause! Meine Mutti hat gesagt, wenn Alarm ist, muss ich nach Hause!«, und lief weiter. Ab und zu drehte ich mich um, sah die Weihnachtsbäume am Himmel leuchten und horchte: Nee, es knallt noch nicht, du kannst laufen. Ich schaffte es noch. Bei uns im Dorf kam nur eine kleine Brandbombe runter, die müssen die Bomber verloren haben. Sie fiel in unseren Park. Wir Kinder rannten hin und guckten uns das tiefe Loch an. So hatten wir auch eine Beziehung zu den Bomben: Häuser gehen kaputt.

»Kinder kann man auch entwürdigen.«
Joachim Artz

(Geboren 1937 in Berlin, Beamter)

Meine Kindheit war vor allem durch drei Dinge geprägt: Angst vor körperlicher Züchtigung, Einsamkeit und Heimweh.

Dass die Eltern damals ihre Kinder schlugen, um sich durchzusetzen, war zeitgemäß. Für uns Kinder war das kein Zuckerschlecken. Die Züchtigungen begannen schon im Kleinkindalter. Meine Mutter schlug mich mit Bügel, Teppichklopfer oder einfach per Hand. Vor allen Dingen schlug mich meine Mutter, Vater war ja nicht da. Es ging immer mit dem Teppichklopfer oder einem Bügel um den Tisch rum und Mutter schrie: »Du verdammter Bengel, bleibst du endlich stehen!« Nach 45 schlug mich auch mein Vater, einmal sogar mit einem Holzscheit, sodass meine Mutter dazwischengehen musste. Sie bestraften mich auch mit Stubenarrest, Dunkelhaft und Essensentzug. Man könnte denken, dass ich ein Rowdy gewesen bin – nein, keinesfalls. Es war einfach so in dieser Zeit. Das alles führte zwar zu Respekt vor meinen Eltern, aber der Liebe tat es Abbruch.

Die Einsamkeit und das elende Heimweh waren natürlich der Zeit geschuldet. Bis Kriegsende war ich wegen der vielen Bombenangriffe viermal aus Berlin evakuiert – immer war ich allein. Ich war in Posen, in der Altmark, in Ostpreußen und Hinterpommern. Die meiste Zeit war ich allein. Das Heimweh war prägend.

Bei der Familie eines Bauern in der Evakuierung war es schlimm. Die saßen am Esstisch und aßen Butter, Brot, Speck und Wurst. Ich, der zwangseinquartierte Flüchtling, musste am Nebentisch sitzen und bekam Marmelade – das war das höchste der Gefühle. Oft streunte ich allein in der Natur umher. Einmal fand ich in einem Kornfeld ein großes Nest mit Eiern. Die Eier waren größer als Hühnereier und hatten lauter Sommersprossen. Es waren die Eier von Truthühnern. Ich holte einen Korb und kam freudestrahlend mit den Eiern zu der Bauersfamilie. Sie gaben mir nicht ein einziges Ei davon ab. Der Sohn der Bauersfamilie war im Krieg, darum war ein Zimmer frei, das sie an Flüchtlinge oder Evakuierte hätten abgeben müssen. Sie hatten aber das Zimmer abgeschlossen und Flüchtlinge wie mich auf dem unausgebauten Boden schlafen lassen. Es war unerträglich heiß dort oben und die Mäuse liefen umher. Jede Nacht lag ich, das 6-jährige Stadtkind, dort oben allein in der Hitze bei den Mäusen und hatte Angst. Ich heulte wie ein Schlosshund. Irgendwann schlief ich dann vor Erschöpfung ein. Ich sehe mich noch heute da oben liegen und wie ein Schlosshund heulen …

Sie werden es nicht glauben, aber Kinder kann man auch entwürdigen. Sowas merken Kinder. Eines Abends – es war Sommer – mussten wieder die Hühner in den Stall getrieben werden. Der Stall war groß, die Türen wurden aufgemacht, und an diesem Abend sollte ich die Hühner reintreiben. Alle guckten zu, die Bauersleute und die Fremdarbeiter, mindestens zwanzig Personen, wie der kleine Achim sich abstrampelte, um die Hühner in den Stall zu treiben. Ich schaffte es bis auf das sogenannte Mickerhuhn. Es war besonders klein und legte keine Eier. Das blöde Huhn lief wieder und wieder an der Tür vorbei. Die Bauersfamilie lachte sich halb tot. Bei mir schwoll der Adrenalinspiegel immer mehr an. Ich kriegte es mit der Wut zu tun, nahm einen Stein und schmiss ihn nach dem Huhn. Ich traf es sogar, und sofort war das Huhn im Stall. Am nächsten Morgen war es tot. Natürlich bestraften sie mich dafür. Ich fand das entwürdigend – zwanzig Leute standen herum und lachten … Einmal büchste mir ein Ferkel aus, das ich in den Stall treiben sollte. Als ich es schließlich am Hinterbein in den Stall zerrte, kugelte ich ihm versehentlich das Bein aus. Der Bauer renkte es wieder ein und schlug mich, weil ich es nicht richtig gemacht hatte. Die negativen Erlebnisse mit Tieren, es kamen noch einige dazu, führten dazu, dass ich heute absolut kein Tierfreund bin.

In Hinterpommern, der dritten Evakuierung, waren wir auf einem Gut untergebracht. Meine Mutter und mein kleiner Bruder waren mitgekommen – endlich war ich nicht mehr allein. Die Gutsherren waren ganz stramm rechts. Frau Fuhrbach war eine typische NS-Herrin, hatte den Haarkranz geflochten und war Mutter von vier Kindern. Ihr Mann war in Norwegen Kommandant eines KZs. Trotzdem war die Zeit in Hinterpommern vom Sommer 44 bis Januar 45 eine schöne Zeit für mich. Was ich da erlebt habe, werde ich nie wieder in meinem Leben erleben. Eine Schlittenfahrt und Hasenjagd – irre Sachen, wunderbar! Ich streifte viel durch die Natur, die Schule lief nur nebenher. Als die Russen näherrückten, musste Mutter auf Pappkameraden schießen üben. Die Frauen sollten sich auf die Russen vorbereiten, so hatte es die Parteiführung befohlen. Mutter war ganz stolz, dass sie immer gut getroffen hat. Aber es kam nicht zum Schießen, wir gingen auf die Flucht. Wir hatten unheimliches Glück!

Von Kohlestückchen in der Backe, Splittern im Käsekuchen und einer schwarzen Wolke

Ich hatte gelernt, mich in den Gräben zu verstecken, wenn die Flieger kommen und nicht draußen auf dem freien Feld zu bleiben. Wir sollten uns einbuddeln wegen der Bombensplitter. Das wusste ich. Aber sicher waren wir nirgends. Wir mussten lernen, wo wir geboren waren und wo wir wohnten und wie wir heißen – falls wir irgendwo verschütt gehen würden. Das war mir klar. Ein Schild um den Hals hatte ich nie, weil ich schon sagen konnte, wie ich hieß und wo ich wohnte. Man kann sich das heute gar nicht vorstellen, wie normal das für uns war. Wenn die Tiefflieger kamen und an Opas Haus vorbeiflogen, rechnete ich mir immer aus, hinter welcher Tür ich mich verstecken musste, damit mir nichts passierte. So ein Blödsinn! (Sie lacht.)

(Kristin K., Jg. 1937)

Bei Bombenalarm sagten wir immer: »Jetzt hat Meier wieder zugeschlagen!« Reichsluftfahrtminister Göring hatte zu Beginn des Krieges gesagt: »Wenn fremde Flugzeuge nach Berlin kommen, will ich Meier heißen.«

(Waldemar Klemm, Jg. 1936)

Die erste Kettenbombe in Berlin traf das Nachbarhaus gegenüber. Nach dem Angriff liefen wir aus dem Keller hoch in unsere Wohnung und sahen: Alle Fenster waren rausgeflogen. Im Wohnzimmer klaffte ein großes Loch zwischen Zimmerdecke und Dach. Die Wohnungstür stand eine halbe Treppe tiefer. Es war … es war einfach furchtbar!

Am Tag zuvor hatte Mutter zum Geburtstag unserer Nachbarin einen Käsekuchen gebacken. Weil es so wenig Lebensmittel gab, hatten alle Mieter aus dem Haus etwas dazu beigetragen. Ich war um den Käsekuchen herumgelaufen und hatte gebettelt: »Mutti, gib mir doch ein kleines Stück! Ein kleines Stück fällt doch nicht auf!« Aber ich hatte nichts bekommen, der Kuchen war schließlich für Tante Margot. Dann fiel die Bombe, die Fensterscheiben zerbarsten und der Käsekuchen war gespickt. Der ganze Kuchen war voller Splitter! Ich weinte und schimpfte: »Du hast mir kein Stück gegeben, und jetzt kann keiner mehr den Kuchen essen!«

Mutter presste den Kuchen durch ein Sieb, aber es half nichts, der Käsekuchen war voller Glas! (Sie lacht.) Ja, solche Sachen habe ich erlebt!

Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten: Jagdflugzeuge überfliegen zerstörte Häuser einer Stadt (um 1944).

Während der Bombenangriffe langweilte ich mich sehr im Keller, und da ich mich in der ersten Zeit noch nicht fürchtete, sang ich dort unten all die Lieder, die ich im Kinderfunk gehört hatte. Hatte ich alle Lieder gesungen, baten die Nachbarn: »Ach Edeltraud, sing doch wieder was!«

»Na, ich hab doch schon alles gesungen!«, antwortete ich.

»Dann fang wieder von vorne an!«

Später erzählte mir Mutter, die Nachbarn hätten immer gesagt: »Solange Edeltraud singt, sind wir in Sicherheit!«

Das sind alles Dinge, die nur noch die Leute in meinem Alter wissen – es wird nichts weitergegeben …

(Edeltraud H., Jg. 1938)

Die Sirenen waren ganz laut, daran kann ich mich erinnern. Ich zucke heute noch jedes Mal zusammen, wenn die Sirene bei der Freiwilligen Feuerwehr an der Ostsee angeht. Dann muss ich immer an den Krieg denken. Als ich drei Jahre war, konnte ich schon alleine in den Keller gehen, während Mutti meinen kleinen Bruder weckte und anzog. Mutti klemmte mir ein Sitzkissen unter den Arm, drückte mir eine Taschenlampe in die Hand, und so ging ich alleine über den Hof ins Nebenhaus zu Oma und Opa in den Keller. In der Mitte vom Hof stand ein Kastanienbaum, da zupften wir Kinder die Blätter für unsere Maikäfer ab. Angst hatte ich keine. Wir hatten Glück: Nur eine Bombe fiel in unsere Straße – vor unsere Haustür. Aber es ging nur eine Fensterscheibe kaputt, und da machte mein Opa Pappe vor.

Ich weiß noch, wie Opa manchmal sagte: »Komm, jetzt ist Entwarnung, wir gehen mal spazieren.« Es gab sogar eine Haarfrisur, die nannte sich Entwarnung, weil da alles nach oben gekämmt wurde. Denn bei Entwarnung konnten alle wieder nach oben gehen. Meine Mutter trägt diese Frisur auf den Fotos von damals.

(Marließ Zuschke, Jg. 1940)

Wie früh ich als Kind schon mit dem Tod konfrontiert worden bin … Im Keller herrschte immer die Stimmung: Lieber ein Leben lang trocken Brot essen, als diesen Alarm noch zu haben. Beliebt war auch der Spruch: Leipzig, Dresden, Halle dann ist der Krieg alle. Dann zählten wir nach, Leipzig hatte den Bombenangriff, Dresden auch, jetzt musste nur noch Halle drankommen. Aber dazu kam es nicht, der Krieg war schon vorher alle.

Es war aber nicht so, dass wir auf die Bomber großen Hass hatten. Ja, wir fanden es nicht gut. Aber uns war klar, dass in den Bombern Soldaten saßen, so wie unsere Soldaten, die kämpfen müssen, und wir stehen dazwischen, wir kriegen was auf’n Hut dabei. Ich weiß noch, dass es unter uns Kindern ’ne große Debatte gab, ob es Terrorangriff oder Terrohrangriff heißt.

(Jochen Lindner, Jg. 1934)

Kaum waren wir eingeschlafen, heulten die Sirenen los. Im Keller herrschte ein großes Durcheinander. Es gab einen gewaltigen Knall. Eine Bombe hatte das Haus über uns getroffen. Ich erinnere mich, wie die Menschen weinten, beteten und schrien. Wir kamen nicht mehr raus, wir waren verschüttet. Das Haus war völlig zerstört. Bis zum ersten Stock war alles zusammengebrochen. Der Keller hatte aus einem gemauerten Tonnengewölbe bestanden, deswegen waren wir im Keller heil geblieben.

Nachher, nach Stunden, hatten Männer einen Durchbruch vom Nebenhaus gebuddelt. Durch ein mannshohes Loch zogen sie uns raus ins Freie. Ich sehe noch, wie ich auf der anderen Straßenseite stehe und zuschaue, wie der riesige Trümmerberg brennt …

(Ronald Potzies, Jg. 1936)

Während wir die Nächte im Keller verbachten, wurde oft vorgelesen. Ich kann mehr als fünfzig Gedichte und wohl hundert Lieder, die ich im Keller gelernt habe. Die Gedichte sage ich mir heute noch auf, wenn ich abends nicht einschlafen kann. Im Keller schliefen wir Kinder in den Waschwannen, die mit Wäsche gefüllt waren. Das fanden wir spannend!

Wenn wir fünf Kinder merkten, es fallen die Bomben, dann zitterten wir und schmiegten uns aneinander. Alle wollten zusammen sein. Auch die Nachbarn. Ich erinnere mich, wie wir uns immer an jemanden ankuschelten. Wenn wir Angst kriegten, beteten wir im Keller alle zusammen. Die Bomben fielen um uns herum. Auf der anderen Straßenseite ging ein Haus zu Bruch, unser Haus wurde beschädigt. Wenn sich die Bomben in die Erde wühlten, dann grollte das unter unseren Füßen. Es vibrierte richtig. Rechts, links, überall fielen Bomben und wir beteten.

Meistens beteten wir zusammen: »Hilf, Maria, es ist Zeit, hilf Mutter der Barmherzigkeit, du bist mächtig, uns aus Nöten und Gefahren zu erretten. Zeige, dass du Mutter bist, wo die Not am größten ist. Hilf, Maria, es ist Zeit.« (Sie spricht es flehentlich aus.) Im Keller beteten wir zur Mutter Gottes. Für Heini, den Sohn unserer Nachbarin, der im Krieg war, beteten wir extra ein »Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnaden« für Heini, der im Krieg ist.

Manchmal nahm unser Nachbar ein paar Kinder mit in sein Heimatdorf bei Dresden. Dort war es ruhig, keine Bombenangriffe. Einmal durfte ich mit. Dort spielten wir im Wald, das war wunderschön! An solche Sachen erinnere ich mich. Wir spielten in einem Nadelwald, wir häuften die Nadeln an, legten unsere Kleidung darauf und das war dann unser Kopfkissen. Wir spielten Hexe und Rotkäppchen. Wir aßen Huflattich und Löwenzahn und Sauerampfer. Das wächst in den Wiesen. Das war lecker …

(Ursula Schilakowski, Jg. 1936)

Zunächst hatten wir in Leipzig die Bombengangriffe nicht so ernst genommen. Meine Eltern hatten eine Bäckerei ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof. Bei den ersten Alarmen gingen wir runter in den Keller. Dort war bunt gedeckt, es gab Kuchen und Brot aus der Bäckerei, das Koffergrammofon wurde angeschmissen und dabei getanzt. Nach zwei Stunden gab es Entwarnung, wir gingen wieder hoch und es war nichts passiert. Mit der Zeit wurde der Keller zu einem richtigen Treffpunkt des Hauses – es war eigentlich ganz lustig da unten. Wir Kinder hatten immer die Hoffnung, dass der Alarm bis über Mitternacht hinausging, dann hatten wir am nächsten Tag schulfrei. Das zog sich hin bis zum 4. Dezember 1943, ein Datum, das für die Leipziger in meinem Alter sicherlich unvergessen ist. Da gab es den ersten Riesenangriff auf Leipzig, der die ganze Innenstadt in Schutt und Asche legte.

Wir waren nachlässig geworden, viele Angriffe hatte es auf Leipzig bisher nicht gegeben, und beeilten uns nicht sonderlich, in den Keller zu kommen. Der Alarm wurde an diesem 4. Dezember erst sehr spät ausgelöst. Als wir aus der Wohnung traten, flogen uns im Treppenhaus schon die Fensterkreuze entgegen. Die Rollos für die Verdunkelung flatterten in den leeren Fensteröffnungen – die ersten Bomben fielen bereits. Die anderen Hausbewohner kamen in ihren Schlafanzügen in den Keller gestürzt, auch sie hatten den Alarm nicht mehr für voll genommen.

Glücklicherweise wurde unser Haus in dieser Nacht nur von Brandbomben getroffen. Mutter lief mit ein paar anderen Frauen auf den Dachboden, um zu löschen. Sie trug Stahlhelm und ihren Pelzmantel, das sah schon ganz gut aus! Bei Alarm trug sie immer den Pelz, ein wertvolles Stück, das gerettet werden sollte. Später sahen wir doch, dass es etliche versengte Fellteile gab … Es kam zu keinem großen Brand, aber neben uns brannten einige Gebäude ab, auch das Nachbarhaus. Die Nachbarn schlugen den zugemauerten Kellerdurchbruch auf und flüchteten zu uns. Ich weiß noch, wie der Fleischer von nebenan durch den Mauereinbruch kam, er hatte sich mehrere Ringe Würstchen umgehängt und war völlig durch den Wind. Er hatte seine Fleischerei, die Wohnung und seinen Lieferwagen verloren, der vor dem Haus gestanden hatte. Auf den Straßen brannte es furchtbar …

(Jochen Lindner, Jg. 1934)

Meine Großmutter hatte immer unter der Wolldecke Radio London gehört, was eigentlich verboten war. 1943 sagte meine Oma dann: »Raus, raus, raus aus Hamburg!«, und so fuhren wir zu meiner anderen Oma nach Bad Oldesloe. In genau der Nacht, am 27. Juli 1943, wurde unser Haus Süderstraße 207 in Hamburg total zerstört. Alle waren tot.

Der Angriff war fürchterlich. Der war so schlimm, dass sogar in Bad Oldesloe eine dicke Rußschicht auf der Erde lag. Die Sonne war den ganzen Tag nicht zu sehen. Alles war schwarz. In Hamburg entstand ein Feuersturm. Viele Häuser brannten, und Feuer zieht ja Wind an. Dadurch entstand der Feuersturm. Die Leute liefen als brennende Fackeln durch die Gegend. Bei diesem Angriff kam auch mein Großvater um. Er kam in ein Massengrab. Die Toten kamen alle in ein Massengrab in Ohlsdorf. Auf einer Tafel steht heute, dass dort das Massengrab der Luftangriffe vom 27. Juli 1943 ist.

Bei uns im Haus sind alle umgekommen! Alle! Nur wir sind rausgekommen. Wir hatten Glück. Mein anderer Opa ist nochmal an den Trümmern unseres Hauses vorbeigefahren. Unsere Badewanne hing aus der Ruine raus …

Ich habe noch viele, viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von Bombenangriffen geträumt. Ich wachte nachts schweißgebadet auf und war froh, dass Frieden war. Das war wahnsinnig, ich war richtig traumatisiert durch die Bombenangriffe.

(Alfred D., Jg. 1936)

Ich hatte ein kriegsbedingtes Hobby: Nach jedem Bombenangriff streifte ich durch die Straßen und suchte Bombensplitter. Die scharfkantigen Stahlstücke tauschten wir Kinder auch untereinander, aber eigentlich waren das Finden und der Besitzerstolz die Hauptsache. In der Evakuierung erlebte ich einmal einen Tieffliegerangriff. Ich stand mit den Dorfbewohnern auf der Straße und beobachtete die Bomberverbände am Himmel auf dem Weg nach Berlin. Die Flieger kamen herunter und schossen aus Bordwaffen die nahe gelegene Gummiwarenfabrik in Brand. Sie schossen auch in die Keller der umliegenden Häuser. Die Patronen aus Messing waren danach begehrte Sammlerstücke. Ich hatte auch einige, die sind aber später auf der Flucht verloren gegangen.

(Joachim Artz, Jg. 1937)

Am 23. Februar 45 erlebte Meiningen den ersten Bombenangriff. Die Leute waren nicht drauf eingerichtet. Als die erste Bombenserie abgeworfen wurde, hatte meine Mutter gerade die Finger im Kloßteig. Sie wollte Klöße zum Mittag machen. Mein Bruder tollte auf der Küchenbank herum. Zwischen dem ersten und dem zweiten Bombenteppich war ein ganz kurzer Zeitraum von vielleicht zwei oder drei Minuten. Meine Mutter schnappte den Kleinen, wollte in den Keller, aber die Küchentür ging nicht auf. Der Putz war durch die Erschütterungen der ersten Bomben von der Decke gefallen, die Tür klemmte. Meine Schwester und die Frau, die bei uns bügelte, konnten von außen die Tür aufstoßen. Zusammen rannten alle raus, rein in den Keller. Sie waren noch nicht im Luftschutzkeller angelangt, da brach das Haus schon zusammen. Meine Mutter hatte den Kleinen unter sich, meine Schwester lag hinter ihr, die Beine angezogen. Ein großer Steinbrocken fiel genau neben ihre angezogenen Beine. Die Bügelfrau und unsere Nachbarin lagen direkt hinter meiner Schwester und wurden von der runterkommenden Betondecke erschlagen.

In diesem zweiten Bombenteppich hatte ich siebzehn Einschläge gezählt und eine Mine. Die Mine war eine riesige Bombe, die das zusammengefallene Haus wieder auseinanderriss. So entstand ein riesiger Krater, der ein ganz kleines Stückchen Licht in den Keller scheinen ließ. Ein Nachbarsjunge in meinem Alter konnte mit einer Hacke einen kleinen Durchbruch schlagen. Ich habe es mir später angesehen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wo ich in der Zeit gewesen war. Ich war als Luftschutzmelder in ein Auffanglanger für Ausgebombte am Standrand abkommandiert. Als der Bombenangriff losging, hatte ich gerade mit zwei Jungs, die mit mir Dienst taten, Karten gespielt. Seitdem habe ich eine Aversion gegen Kartenspielen. Im Auffanglager sollten wir auf die Leute warten, die nach möglichen Bombenangriffen kommen würden. Aber an diesem Tag kam niemand. Ich rannte nach Hause und fand meine Mutter und meine Geschwister in einer Garage neben dem Trümmerhaufen unseres Hauses. Sie waren schon ein bisschen versorgt worden. Meiner Mutter standen die Haare zu Berge. Es sah fürchterlich aus, wie beim Struwwelpeter. Sie war mit dem Kopf neben dem Kohlenkeller zum Liegen gekommen und der ganze Kohlenstaub hatte sich in ihrem Haar verfangen. Sie holte noch lange danach Kohlestückchen aus dem Haar. Ein Kohlestück steckte in ihrer Wange. Als ein Arzt das Stückchen zwanzig Jahre später entfernte, stellte er fest, dass es kein Kohlenstück, sondern ein Bombensplitter war.

Ich lief in den Bombenkrater unseres Hauses hinunter. Inmitten der Trümmer realisierte ich, was los war. Ich dachte: ›Jetzt biste alleine, jetzt hast du nichts mehr. Jetzt hast du nur das zum Anziehen, was du gerade trägst.‹ Es war nichts, nichts mehr zu finden! Ich ging in den Keller rein, sah die Zerstörung. Auf dem Rückweg musste ich über die Nachbarin steigen. Einen Toten hatte ich noch nie gesehen. Ich sah zu, wie die Helfer die Toten bargen. Einer der Mieter war ein höheres Tier in der Kreisleitung gewesen. Er hatte sofort Leute organisiert, die alles durchwühlten. Alle Klamotten, die seine Leute dort fanden, wurden sofort in die Kreisleitung geschafft. »Das kriegen sie ja alles wieder, es wird ihnen ja alles ersetzt«, sagte er. Und wissen Sie, wann die das entschädigt haben? 1963!

Nach dem Angriff kamen meine beiden Geschwister zu Verwandten. Ich wollte gerne mit, aber ich wurde zurückgerufen. Ich sollte helfen, die Trümmer wegzuräumen. Mit meinem Großvater, der gegen die Nazis war, ging ich zu dem Platz, für den wir eingeteilt worden waren. Die anwesenden Parteileute straften Großvater mit Verachtung. Wir buddelten mit unseren Schaufeln in den Trümmern. Später bekam meine Mutter noch französische Gefangene zugewiesen, die suchen halfen. Aber das, was wir brauchten, war nicht mehr da. Nur was unten in den Schränken verstaut war, ist geblieben. Interessanterweise ein paar Fotos. Alles andere war weg. Wenn man sich das überlegt …

(Erhard M., Jg. 1930)

Unsere Spiele … Ich denke mir heute, mit unseren Spielen bauten wir ein bisschen unsere Ängste ab. Im Wohnzimmer stand ein großer Esszimmertisch und darunter war mein Luftschutzkeller. Wenn meine Schwester und ich mit unseren Puppen spielten, spielten wir auch Fliegeralarm. Wir weckten unsere Puppen auf, zogen sie an: »Wir müssen schnell in den Luftschutzkeller!« Und setzten sie unter den Tisch. Dann hieß es Entwarnung und wir kamen mit den Puppen wieder unter dem Tisch hervor. Heute nehme ich an, damit haben wir unsere Ängste abgebaut.

(Christa Lentzsch, Jg. 1933)

Hier in Falkensee hatten wir den einzigen Luftschutzkeller in der Straße. Das war 39, als das Haus gebaut wurde, die Auflage gewesen. Bei Bombenalarm kamen alle Nachbarn zu uns. Erst dadurch merkte ich, dass Krieg war. Ich fragte: »Warum kommen alle in den Keller?«

Die Mutti sagte: »Weil eventuell Bomben runterkommen und wir hier sicher sind.«

»Und warum kommen Bomben?«

»Da sind böse Leute, die wollen uns Böses.«

So erklärte sie es mir. Nachher, mit neun, wusste ich: Das sind Russen oder Amerikaner und das deutsche Soldaten. Das hatte ich aufgeschnappt.

Im Keller war die Stimmung relativ entspannt oder vielleicht wollten die Erwachsenen ihre Aufregung nicht auf die Kinder übertragen. Wir hatten auch junge Leute, die verliebt waren. Die Tochter der Nachbarin, eine Tänzerin, stand mit ihrem Freund im Kellergang und sie schmusten und gaben sich Küsschen. Das fanden wir Kinder ganz spannend. (Sie lacht.) Fanden wir schön!

Ich glaube, dass ich am Anfang den Krieg verdrängt habe. Bis ich ganz bewusst die Brandbomben auf der Straße wahrgenommen hatte und die Bombe, die das Dach abdeckte – das Klirren der Scheiben –, da kriegte ich schon Angst. Wenn die Sirenen anfingen, fielen manchmal die Brandbomben schon, ich sah sie schon fallen. Mutti nahm mich an die Hand und schubste mich in den Keller. Das war nicht schön … Es war so oft Alarm, und dann verdrängt man das als Kind auch ein bisschen, glaube ich. Das kommt erst wieder in einem hoch, wenn man sich erinnert. Darum kann ich es so nachvollziehen, wie die Leute heute in den Ländern empfinden, wo Bomben fallen. Wenn sie auf einmal vor dem Nichts stehen. Nichts ist mehr da, nichts. Das ist schon bitter. Ich wünsche mir jedenfalls keinen Krieg mehr. Oder ich möchte keinen mehr erleben.

(Marianne M., Jg. 1936)

In Berlin verging keine Nacht ohne Angriffe. Ob sie was erwischt hat oder nicht war Kismet, also Schicksal. Es war vieles im Krieg Kismet. Im Keller war jeder in sich selbst zurückgezogen. Worauf haben wir gewartet? Wir warteten auf das Ende in jeder Beziehung, dass uns eine Bombe trifft oder auf das Ende des Angriffs, dass wir wieder rauskämen vor die Tür. Das Problem war, wie bewältigst du das Warten, entweder bis zum Tode oder bis du wieder rauskamst. Und hoffentlich kommt keine Luftmine! Einmal erlebte ich, wie ganz in der Nähe eine Luftmine reinging. Ich merkte richtig, wie meine Eingeweide nach oben kamen. Ein Gefühl, als wenn der Körper von einem Vampir ausgesogen wird. Ein unbeschreibliches Gefühl. Ich möchte es nicht wieder erleben. Ich hatte eine Angst sondergleichen! Krieg ist unmenschlich. Manche Nachrichten über Kriegsgebiete kann ich heute gar nicht sehen. Die Berichterstattung ist so abgewandt. Wie kann man darüber so sprechen? Dass wir es nun in den hundert Jahren seit Ende des Ersten Weltkriegs und über siebzig Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht geschafft haben und immer noch mit in Anführungsstrichen noch besseren Mitteln Kriege führen! Ist ja unverständlich!

(Burkhard C., Jg. 1932)

Auf den schönen Sportplätzen gegenüber von unserem Wohnblock wurden Riesenkanonen installiert – man sagte dazu Flakabwehr. Beim ersten Bombenalarm ballerten die jungen Flaksoldaten furchtbar. Ich hatte die Röteln und durfte wegen Ansteckungsgefahr nicht in den Luftschutzkeller. Aus Angst schrie ich derart, dass danach eine Herzerweiterung von der Kinderärztin festgestellt wurde.

Mit meinen Freundinnen spielte ich Vater, Mutter, Kind oder Zirkus. Wir wollten eine heile Welt, wir spielten niemals Krieg, obwohl um uns herum der Krieg tobte. Bis heute regt es mich auf, wenn Kinder mit Wasserpistolen zielen oder sich mit digitalen Kriegsspielen ereifern.

(Christina Skura, Jg. 1933)

Ich weiß noch genau, es gab immer erst einen Voralarm, und dann kam der Hauptalarm. Danach war es eine Sekunde lang ganz leise, ganz still. Dann sagte ich zu meiner Schwester: (sie flüstert) »Ob der Feind jetzt überlegt, ob er uns angreift!?« Und dann gingen die Bomben los. Im Luftschutzkeller waren meine Schwester und ich für uns alleine. Mein Vater war in Russland oder sonst wo, und meine Stiefmutter kümmerte sich um unseren kleinen Stiefbruder. Da saßen wir und flüsterten leise. Ich erinnere mich ganz dunkel an die Atmosphäre. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand um uns gekümmert hätte, was vorgelesen oder so …

(Astrid von Pufendorf, Jg. 1936)

Wir sammelten Granatsplitter und tauschten sie in der Schule. Die Flugzeuge warfen manchmal Lametta runter, so Silberfäden. Die durften wir nicht anfassen, die hatten die Engländer angeblich vergiftet. All so ein dummes Zeug, Nazipropaganda …

(Alfred D., Jg. 1936)

Wenn wir den Entwarnungston hörten, waren wir wie erlöst. Es war wie eine Befreiung. Fröhlich gingen wir die Kellertreppe hoch. Wir Kinder merkten, die Älteren sind fröhlich. Davor saßen wir ganz still im Keller und hatten Angst. Wir spürten die Erschütterungen durch die Bomben, es bibberte richtig im Körper. Können Sie sich ja vorstellen, was ich da für Angst hatte. Bei Fliegeralarm zog ich mich ganz schnell an, nahm den Hund und mein Köfferchen und war die Erste im Keller. Mein Vater war der Luftschutzwart. Er hatte den Kellerschlüssel.

Einmal waren meine Eltern noch nicht aus dem Kino zurück, als der Fliegeralarm losging. Ich wusste, was ich machen muss, nahm den Kellerschlüssel, ging runter und schloss auf, sodass alle reinkonnten. Als meine Eltern angeflitzt kamen, meine Mutter war ganz aufgeregt, saß ich schon mit dem Hund auf meinem Platz. Meine Mutter war beruhigt: »Ach, du hast ja alles richtig gemacht.«

Ich sehe das alles noch vor mir … Für Kinder unter zehn Jahren gab es Kinderbunker. Abends brachten meine Eltern meine jüngeren Geschwister dorthin und holten sie morgens wieder ab. Als ich zehn wurde, durfte ich dort nicht mehr schlafen. Das erfreute mich, denn ich konnte dort nicht schlafen. Wenn die Lüftungsklappen angingen, wusste ich: Ah ja, jetzt ist Fliegeralarm, jetzt machen sie die Türen zu. Dann konnte ich nicht mehr schlafen, weil ich überlegte, was nun zu Hause passieren würde. Wenn ich Bilder von den Kriegen heute sehe, kann ich mir vorstellen, dass die Menschen Angst haben. Ich habe es ja selber miterlebt. Meine jüngste Schwester kommt heute noch schnell in Panik.

(Christa Lentzsch, Jg. 1933)

Ich erinnere mich besonders an den superklaren Sternenhimmel, denn die ganze Stadt lag wegen der Verdunkelungspflicht völlig im Dunkeln. So klar kann man die Sterne über Berlin nicht mehr sehen!

Als ich dann im Mai 45 das erste Mal wieder auf der Straße spielen ging, fiel mir die Ruhe in der Luft deutlich auf. Es flogen keine Flugzeuge mehr umher. Das war wirklich einprägsam. Diese Ruhe war irre. Keine Flugzeuge mehr am Himmel. Als Achtjähriger ist es mir aufgefallen. So eine Ruhe! Es waren sonst immer Flugzeuge am Himmel gewesen …

(Joachim Artz, Jg. 1937)

Bei einem Besuch bei Vati kam ich in einem Hochbunker unter. Eigentlich hatte ich geglaubt, ich hätte das Gefühl der Angst längst überwunden. Aber im Bunker zitterte ich um mein Leben. Fürchterliches Krachen, der Bunker schaukelte, das Licht ging aus, Schreie der Menschen. Zwei Stunden dauerte der Angriff. Als wir rauskamen, lagen ca. zwei und vier Meter neben dem Bunker Bomben. Fahrräder und Kinderwagen zertrümmert, ein Leiterwagen hing an einem Baum. Es brannte ringsum und über Berlin stand eine schwarze Wolke. Ein grauenhafter Anblick! Abends rief noch Inge weinend an. Ihre Mutter liegt unter den Trümmern ihres Hauses begraben …

(Christa Ronke, Jg. 1929)

Bei uns gegenüber wohnte ein älterer Mann, der Frank. Der kam immer mit einem Sofakissen auf dem Kopf in den Keller. Damit die Bombe ihn nicht trifft. Ich dachte schon als Kind: ›Blödsinn, wenn der getroffen wird, dann geht das ja durch das Kissen …‹

(Helga Werner, Jg. 1937)

Die Bombardierung der Großstädte wurde immer heftiger. Reichspropagandaminister Goebbels hatte in Berlin einer großen Menschenmenge zugebrüllt: »Wollt ihr den totalen Krieg?«

Die Menge johlte zurück: »Ja!«

Wir sangen dann, wenn nachts wieder die Sirenen bei uns im Ruhrgebiet heulten: »Lieber Vogel fliege weiter, fliege weiter nach Berlin, denn hier wohnen nur Bergarbeiter und da hamse Ja geschrien.«

(Dorothea L., Jg. 1930)

Mit zehn Jahren kam ich zur Hitlerjugend. Wir mussten im Adolf-Hitler-Stadion auf der Turnwiese Splittergräben ausbuddeln. Im Sommer waren wir auf einem Sommerlager im Grunewald. Kurz vorher hatte es einen Angriff gegeben, ich sah noch die Amerikaner in den Bäumen hängen. Das war nicht lustig. Wenn ich heute Bilder ansehe von Aleppo oder Mossul, da wird mir immer … (Er schluckt.)

(Gerd B., Jg. 1933)

Wegen der vielen Angriffe wurden mein Bruder und ich sehr oft verschickt. Wir waren in Pommern, Schlesien und Schneidemühl, was mir ganz schlimm in Erinnerung ist. Die Familie behandelte mich schlecht, ich wurde immer ängstlicher und sehnte mich nach meiner Mutti. Zuletzt waren wir in Dellach im Drautal, das war das Schönste, was wir je erleben durften. Mutti war dabei, und die Leute, bei denen wir untergebracht waren, gaben uns Liebe und Freundschaft. In der Umgebung blühten große Lupinenfelder und an den Häusern standen Sträucher mit großen weißen Blütenbällchen. Wir nannten sie Schneeballsträucher.

(Ingrid Heinze, Jg. 1938)

Meine Geschwister und ich wurden wegen der vielen Bombenangriffe in der Stadt oft aufs Land verschickt. Die Kinderlandverschickung war ja auch eine latente Entfremdung von den Eltern. Das war auch so gewollt. Und diese latente Entfremdung hat mein Bruder später nicht mehr überwunden. Der Älteste ist gar nicht mehr nach Hause gekommen. Der hat dann studiert.

(Gerd B., Jg. 1933)

Hintergrundinfos: Bombenkrieg

Im Zweiten Weltkrieg fielen 1,6 Millionen Tonnen Bomben auf Deutschland. Dabei verloren fast eine halbe Million Menschen ihr Leben. Etwa eine Million wurden verletzt, darunter 116 000 Kinder. Ein Fünftel aller Wohnungen wurden zerstört und 7 Millionen Menschen wurden obdachlos. 10 Millionen Menschen wurden evakuiert. In den Städten mit über 100 000 Einwohnern wurden durchschnittlich die Hälfte aller Häuser zerstört. Britische und amerikanische Bomber flogen über 700 000 Einsätze gegen Deutschland.

Das NS-Regime setzte als erste Partei im Krieg Terrorangriffe aus der Luft gezielt gegen die Zivilbevölkerung ein. Am 25. und 26. September 1939 erfolgte mit dem Angriff auf Warschau das erste Flächenbombardement auf eine Großstadt. Am 15. Mai 1940 war Rotterdam das Ziel vernichtender deutscher Luftangriffe. Danach folgte die Luftschlacht um England. Am 5. September 1940 befahl Hitler, Tag- und Nachtangriffe gegen die großen Städte zu fliegen. Bis zum Mai 1941 war London beinahe täglich Ziel von deutschen Luftangriffen. Am 14. November 1940 zerstörte die deutsche Luftwaffe die Industriestadt Coventry – nur ein Viertel der Gebäude blieb unbeschädigt. In der Sowjetunion wurden von den deutschen Luftstreitkräften 1700 Städte zerbombt.

Ab Februar 1942 startete die englische Regierung eine Bombenoffensive, die vor allem Moral und Kampfeswillen der deutschen Zivilbevölkerung erschüttern (»moral bombing«) und so die Wende des Krieges bringen sollte. Die britischen Luftstreitkräfte bombardierten in nächtlichen Angriffen gezielt mit Spreng- und Brandbomben die Wohngebiete deutscher Städte. Ab 1943 wurde der Luftraum von den Alliierten kontrolliert, die deutsche Luftwaffe war unterlegen. So konnten die Amerikaner zusätzlich Tagesangriffe fliegen – was vorher zu gefährlich gewesen war –, bei denen sie sich auf die Zerstörung der deutschen Rüstungsindustrie und später die Flugzeugindustrie konzentrierten. Das machte eine Bombardierung rund um die Uhr möglich.

Kinderlandverschickung

Mehr als zwei Millionen Kinder wurden während des Zweiten Weltkriegs für Monate oder Jahre in vermeintlich sichere Gebiete ohne Luftangriffe verschickt. Die sogenannte Nationalsozialistische Volkswohlfahrt kümmerte sich um die Unterbringung von Müttern mit ihren Kindern bis sechs Jahre in ländlichen Gebieten. Schulpflichtige Kinder bis zehn Jahre konnten allein in Pflegefamilien einquartiert werden. Rund 1,2 Millionen Kinder kamen so bei Familie oder Verwandten unter. Kinder ab zehn Jahre wurden klassenweise mit der Hitlerjugend verschickt und meist in Kinderlandverschickungs-Lagern untergebracht. Es gab zwischen 6000 und 9000 solcher Lager mit etwa 850 000 Kindern von zehn bis vierzehn Jahre. Neben dem Schulunterricht sollte den Kindern Ordnung und Disziplin sowie Befehl und Gehorsam beigebracht werden. Spind-, Stuben-, Gesundheitsappelle und eine straffe Lagerordnung gehörten zum Tagesablauf. Die Indoktrination mit NS-Gedankengut war allgegenwärtig. Vormilitärischer Drill und Wehrertüchtigung standen bei den Jungen zusätzlich auf dem Programm.

Flucht und Vertreibung
»Wir buddelten, so gut wir konnten, legten ihn rein und schütteten das Grab zu.«
Jürgen Fischer

(Geboren 1937 in Berlin, Werbekaufmann, Podologe)

Im Februar 45 kamen die Russen. Mutter hatte sie kommen sehen. Wir flüchteten in den Wald. Es lag Schnee. Wir hatten Angst vor dem Russen. 14 Tage lang taperten wir im Schnee herum. Nachts lehnten mein Bruder und ich uns in Decken gewickelt an die Knie unserer Mutter. Sie selbst lehnte an einem Baum, meinen jüngsten Bruder hielt sie zugedeckt in den Armen. Er war erst zwei Jahre alt. Richtig schlafen konnten wir nicht. Es war sehr kalt. Nach zwei Wochen im Wald kamen wir wieder dort raus, wo wir losgelaufen waren. Wir müssen im Kreis gelaufen sein. Ich weiß nicht, wie wir das alles geschafft haben … Wir irrten weiter umher, immer weiter. Wenn wir Russen hörten, versteckten wir uns wieder im Wald. Einmal sahen wir, wie Russen einen Mann und eine Frau, wohl ein Ehepaar, auf einem Acker erschossen haben. Die beiden kullerten in den Graben runter. Ich erinnere mich auch an einen Schäferhund. Die Russen waren betrunken und schossen ihm ins Hinterteil. Der Hund rannte noch so weit er konnte, dann war er hinüber. Sie machten sich einen Spaß daraus.

Irgendwann landeten wir in Selchow. Dort hatten sich schon die Russen einquartiert. Wir konnten ihnen nicht mehr ausweichen, fanden aber endlich ein leeres Haus, wo wir mit mehreren anderen Flüchtlingen übernachten konnten. Die Bewohner des Hauses waren selbst geflüchtet.

Im Haus gegenüber wohnten die Russen. Dort übernahm Mutter die Hauswirtschaft für den Kommandanten.

Nachts waren die Russen unterwegs und nahmen sich die Frauen vor. Sie kamen auch in unser Haus und suchten sich Frauen raus. Wir lagen auf dem Boden, der mit Decken und Kleidung ausgelegt war, es gab keine richtigen Betten. »Frau komm! Frau komm!«, riefen sie immer. Dann sagte ich schon bald zu meiner Mutter: »Geh doch mit, dann bringste wieder Brot mit!«

Ich wusste ja nicht, worum es geht.

Mein jüngster Bruder schlief in einer kleinen Kinderkrippe. Er war noch nicht ganz trocken, und wenn er morgens in die Hose gemacht hatte, sagte er zu meiner Mutter: »Niss hauen, niss hauen!« (Er lacht.) Irgendwann stand er morgens nicht mehr auf, lag auch tagsüber in der Krippe. Wahrscheinlich hatte er in der Kälte eine Lungenentzündung bekommen. Er hatte nicht die Abwehrkräfte, um tagelang durch den Schnee und das Eis getragen zu werden. Meine Mutter wollte mit ihm in den Nachbarort, wo ein Arzt sein sollte, aber der Kommandant genehmigte das nicht. Am 28. März war er tot. Ich wollte es gar nicht glauben. Ich schubste ihn immer in seiner Kiste an … Im Juni wäre er drei Jahre geworden. (Er seufzt.) Wir verscharrten ihn an der Kirche. Meine Mutter buddelte, ich buddelte. Da war sonst keiner – starke Männer gab es nicht, die waren im Krieg. Im Dorf lebten nur noch Ältere oder Frauen und Kinder. Wir buddelten, so gut wir konnten, legten ihn rein und schütteten das Grab zu. Jeden Tag gingen wir zu seinem Grab …

Meine Mutter musste dann tagsüber Kühe hüten, eine riesige Herde. Wenn die Russen auch am Tage kamen und Mutter greifen wollten – »Frau komm!« –, versteckte sie sich zwischen den Kühen. An einem dieser Tage sollte sie die Kuhherde mit anderen Frauen nach Osten treiben. Abends kam sie nicht wieder und am nächsten Morgen auch nicht. Tagelang warteten mein Bruder und ich auf unsere Mutter. Wir wussten nicht, ob sie jemals wiederkommen würde. Wir verbrachten die Tage damit, etwas Essbares zu finden. Ich weiß gar nicht, wie wir da durchgekommen sind. Nach einer Woche, wir hatten schon gar nicht mehr damit gerechnet, kamen Lastwagen, auf denen die Frauen standen, die die Kühe weggetrieben hatten. Gott sei Dank! Das war eine riesige Freude – auch bei den anderen Kindern. In der Nähe unserer Mutter hatten wir uns immer sicher gefühlt. Wenn sie da war, waren wir sicher. So ein Gefühl hatten wir jetzt.

Wir Kinder suchten immer nach etwas Essbarem. Manchmal brachten wir der Mutter freudestrahlend Rüben oder Kraut, von dem wir dachten, dass wir es essen könnten. Oft sagte Mutter dann: »Nee, das geht nicht.« Wir suchten immer Essen. Man spielt ja nur, wenn man satt ist … Am 27. April 1945, meinem Geburtstag, schenkte mir Mutter sogar ein Stückchen Brot aus grobem Mehl mit ein bisschen Butter drauf. Ich weiß gar nicht, wo sie das herhatte. Das war mein Geburtstagsgeschenk.

Dann kam der 30. April, und die Russen tanzten umher: »Wir haben Berlin eingenommen!«

Der Umgang mit ihnen hatte sich inzwischen normalisiert – in Anführungszeichen. Zu uns Kindern waren sie nett, streichelten uns manchmal über den Kopf. Ich weiß noch, wie Mutter sagte: »Das schafft ihr nie, Berlin einzunehmen.« (Er lacht.) Ich dachte: ›Na, wenn die das sagen und sich so freuen, dann muss es ja wahrscheinlich so sein.‹ Wir merkten auch, dass das Militär nicht mehr kämpferisch unterwegs war. Die Soldaten stiegen aus ihren Militärfahrzeugen aus, rauchten und waren irgendwie gelöster. Wir hatten wirklich das Gefühl, es ist vorbei – zwar nicht zu unseren Gunsten, aber vorbei.

Deswegen wollten wir zurück nach Hause. Wir liefen in das Dorf, wohin wir evakuiert worden waren, aber der Bauer war weg und das Haus ausgeräumt. Zwei Häuser weiter fanden wir einen Schlafplatz bei Frau Bachschmitt aus Berlin, die dorthin mit ihren zwei Mädchen evakuiert worden war. Auch bei ihr hatten sich die Russen eingenistet und den Bauern hinterm Haus erschossen. Nun waren die Russen höchst erfreut, dass meine Mutter mit uns kam. Wir Kinder sollten im ersten Stock schlafen, und unten feierten die Russen und vergnügten sich mit den Frauen. Auch Mutter musste sich mit ihnen abgegeben. An einem der Abende spielte ein polnischer Fremdarbeiter zur Unterhaltung für die Russen auf einer Gitarre. Sie kamen betrunken rauf und sagten zu uns Kindern: »Sagt mal: Heil Hitler!«

Der Pole rief aufgeregt: »Nich sagen, nich sagen!« Meine Mutter, ach, die zitterte. Wir haben nichts gesagt. Sonst würden wir wahrscheinlich heute nicht hier sitzen! (Er lacht.)

Nach ein paar Tagen zogen wir mit der Familie Bachschmitt los, wollten über die Oder nach Berlin. Wieder zu Fuß. Im Wald kamen uns deutsche Soldaten entgegen. Sie hatten keine richtigen Schuhe mehr, trugen nur noch die Fußlappen und fragten verzweifelt: »Sind die Russen schon hier?«

»Ja«, sagte meine Mutter und gab ihnen noch Essensreste mit. Frau Bachschmitt warnte sie: »Gehen Sie nicht zu nah ran, die Russen schießen.«

Wir liefen weiter, mussten einen Fluss überqueren. Unsere Mütter stiegen in das kalte Wasser und reichten uns Kinder und das Gepäck rüber. Wie die Frauen das durchgestanden haben, weiß ich überhaupt nicht. Die Brücken über die Oder waren alle zerstört. Wir liefen am Ufer entlang Richtung Norden. Das wenige Gepäck und meinen Bruder zogen wir in einem Leiterwagen hinter uns her. Einmal versuchte ich, einen Ziegenbock vor den Wagen zu spannen, den ich auf einem Feld entdeckt hatte, aber meine Mutter war dagegen. Ich wollte meiner Mutter helfen. Ich war 45 acht Jahre alt.

Wir schlossen uns einem Treck von Flüchtlingen an. Manche hatten Wagen, andere nicht. Jeder schleppte irgendwas. Geredet wurde kaum – die Stimmung war gedrückt. Plötzlich hören wir weiter vorne im Treck furchtbares Gebrüll.

Als wir näher kommen, sehe ich am Wegesrand zwei Männer, ich weiß nicht, ob es Russen sind oder Polen. Sie greifen sich die jungen Frauen aus dem Treck und sperren sie hinter einem Zaun auf einer Weide ein. Die Kinder erschlagen sie mit einem Spaten und schmeißen sie in den Graben. Wir kommen immer näher. Vor uns wird wieder eine Frau aus dem Treck gezogen und hinter den Zaun gesperrt. Ihre Kinder, vielleicht drei, vier Jahre alt, etwas jünger als wir, erschlagen die Männer mit Spaten und schmeißen sie in den Graben. Den Kinderwagen werfen sie hinterher. Die Frauen hinter dem Zaun weinen verzweifelt. Wir sind die Nächsten, die an den Männern vorbeimüssen. Ich denke: »Mein Gott, jetzt sind wir dran.«

Ich bin erstarrt. Ich sehe, wie plötzlich ein Russe, der ein bisschen weiter weg steht, auf uns zukommt. Er schiebt den Mann beiseite, der meine Mutter wegnehmen will. Wir können weitergehen. Ich weiß nicht, warum. Wir laufen einfach weiter, drehen uns auch nicht mehr um, wir laufen einfach weiter, weiter, weiter. Erstarrt – im Schock. Wir hätten ja auch brüllen können.

Solche Grausamkeiten … Aber das hatten die Deutschen ja damals genauso in Russland gemacht. Die Russen haben dann quasi das Gleiche gemacht. Überall, wo Krieg ist, ist Brutalität. Man hört es ja heute noch. Wir können froh sein, dass wir so lange keinen Krieg hatten. Ich hoffe, dass es auch nicht mehr passiert. Aber weiß man’s?

Wie taten mir die Frauen und Kinder, die mit uns auf dem Treck waren, leid. Besonders, wenn die Kinder weinten, hätte ich ihnen am liebsten immer irgendwie helfen wollen.

Später habe ich mit Mutter nochmal über die Zeit geredet. Aber nicht so intensiv. Nicht so, wie jetzt hier mit Ihnen. Zwischendurch erzählte sie mal Bruchstücke, die ich nicht zusammensetzen konnte. Und ich wollte dann auch nicht. Es war weg – die Erlebnisse waren vermutlich ins Unterbewusstsein verschoben.

Als ich Ihren Flyer fand, habe ich mich gewundert: Da möchte jemand wissen, was ich erlebt habe? … Ich habe mir diese Notizen hier gemacht, damit auch etwas dabei herauskommt. Ich habe auch recht lebhaft geträumt in den letzten Tagen, bevor Sie heute gekommen sind. Bin oft aufgewacht, hab nicht viel geschlafen. Zumindest möchte ich der heutigen Generation sagen: Es war nicht immer so gut, wie ihr es jetzt habt.

Wo war ich stehengeblieben? Der Treck führte uns in die falsche Richtung, also kehrten wir wieder um. Nachts schliefen wir draußen oder in verlassenen Häusern. Tote Pferde lagen am Wegesrand, irgendwer hatte schon das Fleisch rausgeschnitten. Zurück an der Oder, fanden wir noch eine intakte Eisenbahnbrücke. Wir warteten auf einen offenen Güterzug, stiegen auf – keine Wände rechts und links, wir starben fast vor Angst – und stiegen auf der anderen Seite wieder runter. Zu Fuß liefen wir weiter bis nach Berlin. Meine Mutter, mein Bruder und ich hatten offene Füße. Die ganze Oberseite war offen – eingewickelt in Stoff. Im Winter waren uns die Füße eingefroren, seitdem hatten sie sich nicht erholen können. Erstaunlich, dass die später wieder geheilt sind. Wie wir überhaupt noch laufen konnten, weiß ich nicht mehr. Irgendwie haben wir es geschafft. Anfang Juli kamen wir in Berlin an. Es war sehr warm damals, das weiß ich noch. Bei meiner Großmutter kamen wir in einem Zimmer unter.

1991 sind meine Mutter und ich nach Selchow gefahren und haben das Grab von meinem kleinen Bruder gesucht. Wir fanden nichts. Unser Dolmetscher fragte eine Frau bei der Kirche nach den Gräbern. Sie erklärte uns, dass aus all den Gräbern, die sich während des Kriegsendes gebildet hatten, die Reste rausgenommen und in eine Grube auf einen verfallenen Friedhof gebracht worden waren. Wir liefen zu der Stelle, und dort lagen sogar noch ein paar Knochen auf der Erde. Meine Mutter konnte sich gar nicht halten, sie rief immer nach ihrem Sohn …

»Mutti war meine Heimat.
Eine andere Heimat hatte ich nicht.«
Berthild Erika Tourrenc

(Geboren 1938 in Berlin, Lehrerin)

Vor dem Krieg waren wir oft zu meinen Großeltern aufs Land gefahren. In der Weite des Gartens tollten mein Bruder und ich umher, pflückten Kirschen, Pflaumen, Äpfel, machten kleine Sträuße aus den vielen Flockenblumen, deren Duft überall in der Luft war.

Ab 1943 wurde Berlin heftig bombardiert. Mutter und ich wurden mit der Schule meines Bruders nach Ostpreußen evakuiert – in die Nähe von Angerburg. Wahnsinnig, uns 1943, nach der Schlacht von Stalingrad, so weit nach Osten zu bringen! Mein Bruder war gerade zehn Jahre alt geworden. Ich erinnere mich, wie wir in Angerburg auf dem Bahnsteig standen und die Bauern um uns herumliefen. Sie waren verpflichtet, den Flüchtlingen ein Zimmer abzugeben. Sie betrachteten uns. Plötzlich kam eine Frau auf uns zu und sagte: »Ich nehme Sie mit!« Sie hatte uns ausgesucht, weil sie einen Sohn im Alter meines Bruders hatte, und ihre Tochter war so alt wie ich – fünf Jahre.

Es war eine schöne Zeit … Ich erinnere mich an die Leinenfelder, ein Meer aus blauen Blüten, und die Masurischen Seen, überall Wasser und die Weite der Wälder.

Dann kamen die Russen. Sie waren kurz vor Angerburg. Wir liefen los – meine Mutter, mein Bruder und ich. In meinem kleinen Rucksack trug ich meine Puppe und einen Nachttopf – mehr konnte ich nicht tragen. Ich lief von Angerburg in Ostpreußen bis nach Schlesien. Als Fünfjährige! Wir schliefen draußen unter freiem Himmel und in Scheunen. Tagsüber liefen wir.

Russische Tiefflieger fliegen nur ein paar Meter über uns und schießen. Tote Pferde liegen auf der Straße. Viele tote Menschen liegen im Straßengraben. An den Rändern der Straße liegen tote Kinder. Die Menschen laufen einfach weiter – an den Toten vorbei. Niemand kann sich um die Toten kümmern! Menschen und Tiere werden von den Fliegern erschossen und bleiben liegen. Mutti ruft: »Guckt nicht hin!« Sie will nicht, dass wir hinschauen – wir sollen weiterlaufen. Die russischen Flieger sind immer da. Wir schmeißen uns auf die Erde. Wir hören das Brummen und springen in den Straßengraben oder wir rennen in den Wald, um uns zu verstecken. Mutti hat eine grüne Decke dabei, die legen wir über uns. Unter der Decke fühlen wir uns geschützt. Meine Mutti ist da, also kann uns nichts passieren. Mutti war meine Heimat. Eine andere Heimat hatte ich nicht. Mutti sagte immer: »Wir müssen mit unseren Gebeten Gott vertrauen, dass er uns und Vati am Leben lässt.«

Wir liefen weiter, immer weiter und weiter … Dabei sangen wir oft. Es läuft sich beim Singen besser. Manchmal spielte ich auch beim Laufen, warf Steinchen, sammelte längere und kürzere Stöcke, um den kürzeren mit dem längeren weiterzuschleudern. Viele Nächte schliefen wir draußen. Wir waren so müde vom Laufen! Wenn wir an eine Scheune kamen, legten wir uns ins Stroh. Die Menschen waren großzügig. Wir durften im Stroh übernachten … Wir hatten nichts zu essen. Ich war rappeldürr, aber das machte nichts. Die Hauptsache war, dass wir lebten. Wir ernährten uns von Löwenzahn und Brennnesseln und manchmal sammelten wir Steckrüben auf den Feldern. Wir aßen alles roh. Wie hätten wir etwas kochen können? Wasser zum Trinken fanden wir auf dem Weg. Wir aßen viele Pilze – deswegen kenne ich alle Pilze.

Zwei Monate waren wir unterwegs. Darum kann ich immer noch gut laufen. Ich habe es wirklich gelernt. Später brachte ich es meinen Enkelkindern bei und meinen Kindern sowieso – das Laufen.

Wir kamen in Krauschwitz an. Das liegt in der Oberlausitz. Wieder bekamen wir ein Zimmer bei einem Bauern. Im Herbst 1944 kam ich in die Schule. Wir mussten den Lehrer mit »Heil Hitler« begrüßen. Danach sangen wir das Horst-Wessel-Lied: »Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!« Eines Morgens ging ich fröhlich in die Schule, die Schule gefiel mir. Auf dem Schulhof angekommen, lagen dort schreiende, blutende Soldaten. Die Schule war über Nacht ein Lazarett geworden. Ich drehte mich um und rannte nach Hause. Weinend sagte ich zu Mutti, dass ich nie mehr in meinen Leben zur Schule gehen wolle. Das war kein Problem, denn die Schulen wurden alle geschlossen.

Wir hatten nicht viel zu essen. Es gab nicht mehr viel gegen Ende des Krieges. Wir lebten von dem, was wir im Wald fanden. Wir lebten von den Pilzen, von den Beeren. Es gab viele Preiselbeeren. Die ganze Zeit suchten wir etwas zu essen. Mutti machte aus allem, was wir fanden, etwas zu essen. Wenn der Bauer uns Reste gab – Kartoffelschalen und trockenes Brot – machte Mutti daraus eine Suppe für uns.

Wieder rückten die Russen näher. Mutti kam eines Tages aufgeregt angerannt und sagte: »Die Russen kommen, wir müssen weg! Es gibt einen Zug, der die Maschinen nach Westdeutschland bringt, da können wir uns unter den Maschinen ein Plätzchen ergattern!« Wir rannten los. In meinem Rucksäckchen trug ich wieder meine Puppe Erika und den Nachttopf. Mutti nahm einen Karton und mein Bruder eine Tasche. Wir versteckten uns unter einer Maschine, und dann fuhr der Zug auch schon los. Wieder kamen russische Tiefflieger. Sie wollten die Maschinen zerstören, Maschinen für die Landwirtschaft und zur Produktion von Waffen. Sie sollten nicht in russische Hände fallen, das hatten die Deutschen beschlossen. Es gab nur noch Züge für Juden und für Maschinen. Nicht für Flüchtlinge. Aber das wussten wir damals nicht.

Als die ersten Tiefflieger kamen, konnten wir aus dem fahrenden Zug nicht mehr entfliehen. Es war zu spät. Ich sagte zu Mutti: »Die Flugzeuge können doch gar nicht kommen, die Sirenen heulen doch noch nicht!« In Berlin waren die Flugzeuge immer erst nach dem Sirenengeheul gekommen.

Die Tiefflieger fangen an zu schießen. Mutti legt die grüne Decke über mich, und dann legt sie sich auf mich. Das verstehe ich nicht. Ich bekomme kaum mehr Luft. Mutti will mich vor den Bomben beschützen – wenigstens ich soll überleben. Wir spitzen unsere Ohren – der Zug hält an – wir springen runter, werfen uns auf die Erde und legen die grüne Decke über uns. Überall hören wir Schüsse, und dann ist es plötzlich still. Wir krabbeln unter der Decke hervor und sehen: Die ersten drei Waggons sind zerstört, der Lokomotivführer ist tot. Ein furchtbarer Anblick! Wir wissen nicht, was wir mit den Toten unter den Maschinen machen sollen.

Wir zogen die Toten raus. Vielleicht lebten sie noch. Aber was hätten wir mit Schwerverwundeten gemacht? Wir hatten nichts zum Verbinden. Mutti war keine Ärztin. Wir konnten nichts machen. Wir mussten die Toten liegen lassen – alle waren tot. Meine Mutti, mein Bruder und ich waren am Leben.

Wir liefen weiter. Mutti hatte nur ein paar Haferflocken dabei. Mit dem Wasser, das wir unterwegs fanden, aßen wir die Haferflocken. Immer nur Haferflocken. Ich konnte später keine Haferflocken mehr sehen. Irgendwann nahmen uns Lastwagen mit und wir fuhren ein Stück mit dem Zug. Wir kamen in Lüneburg an. Dort war unsere Flucht zu Ende …

Noch jahrelang, ich hatte schon Kinder, stand ein gepackter Rucksack neben unserer Eingangstür. Darin lagen ein Messer, eine Zahnbürste, ein Stück Seife und etwas Haltbares zum Essen – Dinge, die man zum Überleben braucht. Das war wichtig für mich. Die Angst seit der Flucht war immer da. Jahrelang träumte ich immer wieder, dass sich die Wand öffnet und mich jemand ermordet. Jede Nacht. Die Wand öffnet sich, ich sehe einen Dolch und dann einen Mann. Ich springe aus meinem Bett. Mein erster Mann tat mir leid, weil ich so oft schreiend aus dem Bett sprang. Das legte sich erst, als ich zu meinem zweiten Mann nach Frankreich zog. In Frankreich fühlte ich mich sicherer.

Von dem Flüchtlingslager in Lüneburg wurden wir wieder auf die umliegenden Dörfer verteilt. Wir kamen nach Reinsdorf, wo wir ein Zimmer beim Dorfbäcker bekamen. Manchmal durfte ich in die Backstube, den Duft des Brotes atmete ich tief ein, und einmal bekam ich auch ein warmes Brötchen geschenkt. Als die Engländer Reinsdorf besetzten, mussten wir unser Zimmer den englischen Soldaten überlassen. Zusammen mit anderen Flüchtlingen zogen wir in die Dorfkirche. Dort war es schön. Der Lehrer spielte abends Orgel, und wir Kinder durften auf den Konfirmandenteppichen schlafen – das war gemütlich. In der Kirche wohnten wir vier Monate. Tagsüber spielte ich mit meiner Puppe und mit Stöckchen und Steinen, die ich in der Natur fand. Mein Bruder und ich kletterten auf die Bäume und nahmen aus jedem Nest ein Ei. Ich kannte nicht nur alle Vögel, sondern auch alle Eier, die sie legten. Wir pusteten die Eier aus und zogen sie auf einen langen Faden. Wir lebten mit der Natur. Ich kannte eine Trauerweide, unter die setzte ich mich immer, wenn ich traurig war. Und ich kannte einen wunderbaren Nussbaum, unter den setzte ich mich, wenn ich ganz besonders fröhlich war. Diesen Bäumen erzählte ich mein Leben. Ich kannte jede Pflanze, jede Blume. Meine Mutti brachte mir alles bei. »Bildung ist das Einzige, was man mitnehmen kann«, sagte sie immer. Da wir keine Bücher besaßen, erzählte uns Mutti alles, was sie gelesen hatte. Sie sang mit uns und lernte mit uns Gedichte. Wir liefen »Freude schöner Götterfunken« singend oder das kleine und große Einmaleins aufsagend hopsend in den Wald und sammelten alles, was essbar war. Wir waren immer hungrig. Es war Mutti wichtig, dass wir etwas für unseren Kopf tun. Später habe ich mir immer gesagt: Falls ich einmal ins Gefängnis kommen sollte, kann ich mit den Gedichten und Liedern schon alleine durchkommen. Das hat uns die Mutti vermittelt.

Die Nachkriegszeit begann. Wir verließen die Kirche und zogen in ein Zimmer bei einem Bauern. Mutti arbeitete für Maisbrot und Magermilch in einem Laden. Sie arbeitete als Sekretärin bei einem Arzt, der uns kostenlos versorgte, wenn wir krank waren.

In unserem Zimmer standen zwei Betten, für meine Mutter und meinen Bruder, davor stand mein Kinderbett und davor ein Tisch mit drei Stühlen. Wir hatten einen Ofen, die Töpfe waren unter den Betten verstaut. Wir mussten alles besorgen. Wir waren mit nichts gekommen und die Bauern gaben uns nichts. Die Hühner bekamen Eier mit Brennnesseln, wir lebten nur von Brennnesseln und Steckrüben. Wir arbeiteten auf dem Feld für Kartoffeln, wir machten alle Ernten mit. Nach der Zuckerrübenernte kochten wir nächtelang aus Zuckerrüben Sirup. In einem großen Kessel rührten wir 24 Stunden lang die geschälten und geschnipselten Zuckerrüben. Wir wechselten uns ab. Tagsüber rührten wir Kinder und nachts die Erwachsenen. Danach hatten wir wunderbaren Sirup und es gab Maisbrot und Sirup – das war köstlich!

Mein Bruder ging auf das Gymnasium im dreizehn Kilometer entfernten Lüneburg. Dafür musste er schon um vier Uhr aufstehen, um im Nachbardorf den Arbeiterzug zu bekommen. Wenn er abends mit diesem Zug wieder von der Schule zurückkam, machte er oft noch bei Kerzenschein seine Hausaufgaben. Ich fand es gemütlich, wenn ich abends in meinem Bettchen lag und die Mutti meinen Bruder englische und lateinische Vokabeln abfragte. Ich lernte alle mit. Es kostete meine Mutter viel Überzeugungsarbeit, mich in die Schule von Reinsdorf zu begleiten, hatte ich doch beschlossen, nie wieder in die Schule zu gehen. Dort angekommen, hängte ich mein Jäckchen im Flur vor dem Klassenzimmer auf. Der Lehrer schickte eine Schülerin zu uns. Als sie mich sah, sagte sie: »Oh, ein Gesicht ohne Sommersprossen ist wie ein Himmel ohne Sterne.« Ich hatte nämlich unendlich viele Sommersprossen im Gesicht. Dieser Satz gefiel mir und ich sagte zu meiner Mutter: »Mutti, hier bleibe ich, dieses Mädchen ist jetzt meine Freundin.« Und sie ist es bis heute!

In die Schule gab uns Mutter Maisbrot – zwei Scheiben – mit einer Kartoffel dazwischen als Belag. Wir hatten keine Vitamine. Meine Beine waren von oben bis unten offen – aus Vitaminmangel. Das sind Erinnerungen an eine Zeit, die man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann … Vor unserem Zimmer stand ein Apfelbaum. Einmal versuchte ich, einen heruntergefallenen Apfel durch den Zaun zu greifen. Ein Apfel für uns drei! Die Bäuerin sah mich. Sie sagte zu ihrem Hund: »Ksst, ksst, greif sie!« Der Hund hat mich gebissen. Ich habe danach nie mehr versucht, einen heruntergefallenen Apfel durch einen Zaun zu holen. Seitdem habe ich Angst vor Hunden.

Flucht aus den deutschen Ostgebieten vor den vorrückenden Truppen der Roten Armee im Frühjahr 1945. Eine Gruppe von Flüchtlingen mit Handwagen in einer zerstörten Ortschaft in Ostpreußen

In Reinsdorf waren wir die armen Flüchtlinge. Die Dorfbewohner warfen Mutti vor: »Ihr Berliner habt den Krieg begonnen, ihr habt den Krieg verloren und jetzt müsst ihr es ausbaden!« So war die Meinung. Mutti brachte uns schnell bei: Wir sind die Flüchtlinge und wir haben bescheiden zu sein. Denn je bescheidener wir sind, desto eher werden wir in einer neuen Gemeinschaft akzeptiert. Mutti schaffte es, dass wir im Dorf gegrüßt wurden – auch das mussten wir uns erobern. Am Anfang wurden wir nicht einmal gegrüßt.

Was ich durch den Krieg erfahren habe? Dass Geld nicht glücklich machen kann, sondern was zählt im Leben ist die Liebe, die einen trägt. Das hat uns unsere Mutti gegeben – die absolute Liebe. Sie war immer für uns da. Und sie zeigte uns, wie wichtig es ist, fröhlich zu sein.

»Hat sich eine Frau aufgehängt, hat die beiden Kinder unterm Baum sitzen lassen!«
Hilde S.

(Geboren 1934 in Königsberg, Postfachangestellte)

Ich habe nichts, keine Unterlagen, keine Dokumente, gar nichts … Es tut mir leid, aber da müssen Sie sich wirklich darauf verlassen, an was ich mich erinnern kann. Am 28. August 1944 wurden wir ausgebombt. Haben Sie schon mal gesehen, wenn Glas brennt? Das fließt, als ob Wasser die Straße lang läuft … Es war die Hölle! Ich war neun Jahre alt, meine Schwester zwei Jahre jünger. Wir saßen in einem Luftschutzbunker. Der Blockwart kam rein und sagte: »Borchertstraße 26 und 28 brennt.«

Da war für uns klar, es ist aus. (Spricht mit brüchiger Stimme.) Nach der Entwarnung wurden wir auf einen Sportplatz geführt, wo wir für ein paar Tage und Nächte blieben. Wir trugen nur ein Sommerkleidchen, einen Schlüpfer und Sandalen. Sonst nichts – nichts! Unsere Stiefmutter hatte nur die Tasche mit den Papieren dabei. Wir wussten ja nicht – dachten, wir könnten wieder zurück in die Wohnung. Wo sollten sie nun mit uns hin? Sie verfrachteten uns nach Eisenberg in ein Auffanglager. Aber da durften wir auch nicht bleiben. In Zügen wurden wir nach Sachsen gebracht und landeten in Neuwürschnitz, wo wir auf die Familien im Dorf aufgeteilt wurden. Aber auch dort gab es Angriffe. Ich sah, wie Dresden brannte! Sie können sich das nicht vorstellen, wenn der Himmel glutrot ist. (Sie weint.) Sie denken, es ist Abendrot, und dabei brennt alles!

Dann war der Krieg zu Ende. Zuerst kamen die Amerikaner und aßen unsere Erbsensuppe weg, die meine Stiefmutter gerade auf dem Herd stehen hatte. Die Erbsen waren noch gar nicht richtig weich.

Am schwarzen Brett im Ort hing kurz darauf ein Zettel: »Alle Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien können wieder zurück.« Meine Stiefmutter wollte zurück. Wir kamen in einem Güterwagen bis zur Oder. Dann war Schluss. Wenn ich zurückdenke, was ich alles durchgemacht habe …

Wir sitzen im Zug, unter uns die Oder, mitten auf der Brücke halten wir an. Russen kommen rein. Einige von ihnen nehmen sich ein paar Frauen vor. Meine Stiefmutter sagt zu mir: »Komm mal schnell auf meinen Schoß, du bist krank.«

Zu einem Russen sagt sie: »Nee, Kind krank, kann nich kommen!«

Der Russe sagt: »Dann Kind aus Waggon schmeißen!«

Die Frauen im Waggon schreien alle auf. Meine Stiefmutter hält dem Russen eine große Büchse mit Tabak hin. Sie raucht. Das ist ihr Glück gewesen.

Als der Zug über die Brücke gefahren war, stiegen wir aus und liefen los. Irgendwohin! Ab dann waren wir von Anfang Mai bis September 45 auf der Landstraße unterwegs. Vier Monate lang! Liefen in einem kilometerlangen Treck mit. Über Hoyerswerda, Cottbus, Seelow und wo wir überall waren – in Altlandsberg und dann auch in Berlin. Was sollten wir denn in Berlin? Da kriegten wir sowieso keine Aufenthaltsgenehmigung und in den anderen Städten auch nicht. Meine Schwester und ich verstanden das alles gar nicht. Wir liefen einfach hinter unserer Stiefmutter her. Im Endeffekt liefen wir einmal um die Welt … Vier Monate auf der Landstraße, was wir da erlebt haben! Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Hatte sich eine Frau aufgehängt, hatte die beiden Kinder unterm Baum sitzen lassen. Hatte ihnen eine Tüte Zucker und eine Tüte Salz hingestellt und sich da einfach aufgehängt! Und die Kinder saßen noch da drunter. Sowas vergisst man sein Leben lang nicht! (Sie weint.) Wir saßen nicht weit entfernt, hatten einen Herd aus Ziegelsteinen gebaut, auf dem unsere Stiefmutter eine Sauerampfersuppe kochte.

Die Frau kann sich doch nicht da aufhängen und die Kinder da drunter sitzen lassen! Das wurde meiner Schwester und mir erst ein paar Tage später klar. Ich fragte meine Schwester: »Anneliese, wo sind denn jetzt die Kinder? Sind die mit uns allen mitgelaufen?«

Sie wusste es auch nicht. Unsere Stiefmutter sagte, der große LKW hätte die Kinder mitgenommen. Es kamen häufiger LKWs vorbei, die alleingelassene, verlorene Kinder aufsammelten.

Einmal sahen wir einen alten Mann, er war bestimmt schon achtzig oder neunzig. Er lag in einem großen Handwagen und war mit Kissen zugedeckt. Seine Familie zog weiter und ließ den Mann einfach in dem Wagen zurück. Ich sagte zu meiner Schwester: »Sag, können die das denn machen, das können die doch gar nicht!«

Meine Stiefmutter zog uns weiter. Furchtbar. Und die Frau, die ihre Kinder hat sitzen lassen. Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Nee …

Ich weiß gar nicht, wovon wir die ganze Zeit gelebt haben. Irgendwo lag mal ein Pferd auf der Straße. Die Leute standen mit ihren Kübeln davor an, um endlich ein Stück Fleisch zu kriegen. Und ich erinnere mich, dass auf einem verlassenen Bauernhof ein Eimer mit Käse stand. Der wurde genau aufgeteilt, jeder kriegte ein Stück. Mit Brot war es schlecht. Wenn wir in den verlassenen Bauernhäusern noch altes Brot fanden, rösteten wir kleine Stückchen überm Feuer. Wenn Ähren an den Feldrändern lagen, klopften wir die mit einem Stein aus, so hatten wir etwas Mehl. Die Sauerampfersuppe, ach, die hat geschmeckt, das glauben Sie gar nicht. (Sie lacht.) Wenn man sich das heute vorstellt … Oder es gab Brotsuppe, einfach nur mit Wasser gekocht. Auf den Feldern versuchten wir, Kartoffeln auszubuddeln. Die wurden nicht geschält, wir wischten sie nur ab und machten auf Ziegelsteinen ein Feuerchen, wo wir sie gleich kochten. Meine Schwester Anneliese hatte auf einem verlassenen Bauernhof einen Kochtopf gefunden. Das kann sich kein Mensch vorstellen … Wir schliefen auf dem nackten Feld, mit der Jacke zugedeckt. Dass wir nicht krank geworden sind … Meine Schwester und ich hatten ganz lange Zöpfe, aber keine Läuse und keine Krätze. Unsere Stiefmutter achtete immer darauf, dass wir uns regelmäßig wuschen. Wir hatten gar keine Zahnbürste. Wie wir uns da die Zähne geputzt haben? Wenn ich daran denke, was wir zum Anziehen hatten. Heutzutage braucht man jeden Tag einen neuen Schlüpfer, jeden zweiten Tag einen anderen BH. Hatten wir gar nicht. Ich weiß gar nicht, wie ich das als Kind empfunden habe. Das ist wie weggepustet.

Wenn ich an die heutigen Flüchtlinge denke, was die alles haben, die kriegen Geld, die kriegen alles. Da hat uns früher kein Mensch nach gefragt: Wie es uns geht, ob wir was zum Anziehen haben.

Meine Stiefmutter war eine Stiefmutter, wie sie im Buche steht. In Altlandsberg gab es endlich mal wieder Wasser aus einer Pumpe. Sie drückte mir eine Kanne in die Hand: »Hier, stell dich schon mal an! Geh mal Wasser holen!«

Ich war unterdessen schon zehn Jahre. Ich stellte mich mit der Wasserkanne an, pumpte Wasser und kam zurück zu der Stelle – war keiner mehr da! Meine Stiefmutter wollte mich einfach loswerden. Ich heulte wie ein Schlosshund. Irgendwann kam einer von den LKWs, die die Kinder einsammelten. Der Fahrer rief: »Sind hier noch Kinder ohne Eltern?«

Als er mich heulen sah, kam er an und fragte: »Was is denn?«

Ich sagte: »Meine Mutter und meine Schwester sind weg. Ich sollte Wasser holen und jetzt sind die nicht mehr da.«

Er nahm mich mit. Brachte mich und die anderen Kinder nach Berlin-Weißensee in eine alte Schule. Dort fragten sie mich, wo ich denn herkommen würde und wo ich bisher gewesen war. Ich erzählte: »Wir waren zwischendurch schon mal in Berlin. Und da war am Bahnhof ’ne Kirche.«

Sie fuhren mit mir durch halb Berlin, auch am Schlesischen Bahnhof vorbei. Ich rief: »Ja, hier, hier, da war das. Da ist die Kirche!«

In dem Gemeindehaus neben der Kirche war ich ein paar Wochen vorher schon mit meiner Stiefmutter gewesen. Sie musste dort Bekannte gehabt haben. Und tatsächlich waren meine Stiefmutter und meine Schwester inzwischen auch wieder dort gelandet. Meine Stiefmutter freute sich natürlich nicht, dass ich sie wiedergefunden hatte. An der Pumpe hatte meine Schwester zu ihr gesagt: »Wir müssen doch noch auf Hilde warten!«

»Die kommt schon nach! Die kommt schon nach«, hatte meine Stiefmutter zu ihr gesagt. Das war eine Stiefmutter, wie sie im Buche steht …

Nun wissen Sie ein bisschen was von mir. Was ich schon durchgemacht habe. Ach nee, nee … Eins weiß ich: Nie wieder, nie wieder Krieg! Also der liebe Gott möge das erhören. Dass es nie wieder so was gibt – dass meinen Kindern oder meinen Enkelkindern das nicht passiert. Furchtbar …

»Ich kümmerte mich darum, dass meine Schwester beerdigt wurde.«
Margot Rickert

(Geboren 1932 in Berlin, Sekretärin)

Im Krieg … Irgendwann ist niemand mehr da, der sagen kann, wie es war.

Ich habe fast die ganze Kriegszeit im Oderbruch verbracht. Meine Cousine und ich waren auf einen Bauernhof von Bekannten evakuiert. Auf der anderen Seite der Oder, in Güstebiese, wohnten meine Großeltern. Das war ein so bezaubernder Ort! Schon damals war das ein Luftkurort direkt an der Oder. Auf den Hügeln stand überall Wald … überall Wald! Es war eine Luft da! Wenn es den Ort noch so geben würde, wie er damals war, würde ich dort wohnen und nicht in Berlin. Ich würde mir zwei Hühner anschaffen und einen Hund. (Sie lacht.) Ich liebe das Land und die Natur. Wenn ich manchmal die Augen zumache, habe ich immer noch den Geruch von damals in der Nase. Das Oderbruch liebt nicht jeder, wissen Sie, das macht vielleicht ein bisschen schwermütig. Aber mir hat es dort immer gut gefallen.

Meine Mutter kam 44 kurz vor der Geburt meiner Schwester zu uns auf den Hof ins Oderbruch. Das Krankenhaus Neukölln hatte eine Außenstelle in Bärwalde, hinter Güstebiese weiter Richtung Osten rein. Dort entband sie im August meine Schwester. Meine Mutter war schon 38, damals eine Spätgebärende.

Meine Schwester war eine ganz Aufgeweckte. Sie stand schon ganz früh in ihrem Bett und guckte hinter uns her, wenn wir zur Schule gingen. Sie war ein ganz aufgeschlossenes Kind. Alle waren glücklich über Mariannchen! Endlich hatte ich auch eine Schwester! Für mich war es die schönste Zeit, da draußen an der Oder. Ich saß im Kirschbaum in einer Astgabel und schmiss die Kirschsteine runter, oder ich zog bei Oma im Garten die Mohrrüben aus der Erde und aß sie gleich. Meine Oma war ganz pingelig, in ihrem Erdbeerbeet lag jede Erdbeere auf einem eigenen Blatt. Sie wusste immer genau, wenn eine fehlte. (Sie lacht.) Oder ich brach mir Maiskolben ab … Das war zu meiner Zeit alles noch möglich. Ich denke immer: Wie traurig ist es inzwischen für die Kinder heute, die können das gar nicht erleben. Es war wirklich eine schöne Zeit – es gab keine ausgefeilte Technik. Die Technik macht uns kaputt!

Wenn in Berlin Angriffe waren, standen wir vorm Hof und guckten, wie die »Weihnachtsbäume« über der Stadt am Himmel standen … Zu Weihnachten 44 kamen dann immer mehr Trecks mit Pferdefuhrwerken aus Ostpreußen, die bei uns übernachteten und am nächsten Tag weiterfuhren. Wohin? Weiß ich nicht. Die Front rückte langsam näher. Meine Mutter bekam Bedenken, meine Schwester war noch so klein, deswegen wollte sie zurück nach Berlin, wo mein Vater lebenswichtige Güter fuhr und deshalb von der Armee befreit war. An Wochenenden kam er oft zu Besuch. Aber Vater sagte: »Nein, kommt nicht infrage, bleibt da. An der Oder gehen die Russen durch und dann ist es vorbei, aber in Berlin wird gekämpft!«

Also blieben wir … Am 27. Januar kamen die Russen. Wir saßen mit den Nachbarn im Keller, hatten uns zusammengetan, damit wir nicht alleine waren. Der Hof geriet mitten in die Front! Den einen Tag waren die Russen auf dem Hof und den anderen Tag die Deutschen. Es ging immer hin und her. Aus dem Keller hörten wir die Schüsse fallen. Die Gehöfte lagen weit auseinander, waren aber mit einem losen Steig verbunden. Einmal liefen wir über den Steig von einem Keller zum nächsten, dabei sausten uns die Geschosse um die Ohren. Ich hatte große Angst, obwohl ich gar nicht ahnte, was mir wirklich passieren konnte. Aber wir hatten großes Glück, niemand wurde getroffen.

Und dann fing es mit den Russen schon ein bisschen an … Sie holten sich mehrere Frauen aus dem Keller, die Bäuerin und ihre Tochter und auch Tante Maria, die Freundin von meiner Mutter. Meine Mutter hatte Glück, aber die anderen Frauen nicht. Die Russen nahmen alles mit. Uri Uri natürlich – einer hatte bis oben am Arm alles voller Uhren. Damals haben wir das alles nicht verstanden. Heute weiß man, warum das so mit den Vergewaltigungen war. Die russischen Soldaten hatten ja nie Urlaub. Das waren ganz einfache Leute. Die Ersten, die kamen, die an der Front waren, waren noch anders als die, die nachher kamen. Das wussten wir damals alles nicht.

Nach einer knappen Woche befahlen uns die Russen, das Haus zu verlassen. Die Nachbarn aus den umliegenden Gehöften waren alle schon weg. Wir liefen zusammen mit dem Bauern und seiner Familie sowie Tante Maria und ihrer Tochter Ursel, die so alt war wie ich, zur Oder runter. Links ging es zur Bahn Richtung Berlin – mittlerweile Frontgebiet – und rechts nach’m Osten. Wir wollten nach links Richtung Berlin, aber die Russen ließen uns nicht durch. Wir mussten nach rechts über die zugefrorene Oder. Auf dem Eis war ein Weg abgesteckt. Durch die andauernden Kämpfe war der Weg teilweise zerstört, große Löcher befanden sich im Eis. Es war nicht leicht, den Kinderwagen um die Löcher zu schieben. Das Eis türmte sich an manchen Stellen hoch auf. Überall lagen tote Pferde, kaputte Fuhrwerke und viele tote Soldaten. Meine Mutter sagte zu mir: »Wenn das nächste Eisloch kommt, dann gehen wir da rein.« Ich fing an zu weinen und sagte: »Das will ich nicht!« Mutter schob den Kinderwagen mit meiner Schwester, die in eine dicke Decke gewickelt war, weiter. Auf dem Wagen lag noch ein Koffer. Mit einem Seil half ich Mutter, den Wagen über das Eis zu ziehen. Wir erreichten Großmutters Haus, aber sie war schon weg, weiter nach’m Osten geflüchtet. Wir blieben für ein paar Tage, dann kamen wieder die Russen. Die Belästigungen gingen weiter. Immer hieß es: »Frau komm!« Sie befahlen uns wieder, weiterzuziehen. Wir liefen weiter Richtung Osten, manchmal übernachteten wir im Wald, manchmal fanden wir Unterschlupf in verlassenen Wohnungen. Wir Kinder durchstöberten die leeren Häuser, suchten immer nach Essen. Für meine Schwester wurde es schlimm, die war ein Baby und hatte keine Milch. Es gab nichts mehr.

Irgendwann landeten wir auf einem Bauernhof bei einer christlichen Familie. Sie hatten schon viele Flüchtlinge aufgenommen. Das Erdgeschoss war leergeräumt, alle Möbel standen in der Scheune. Der Boden war mit Stroh bedeckt, wo die Flüchtlinge in Reihen lagen, nur in der Mitte des Raumes war ein Gang freigelassen worden. Weiß ich, wie viele Leute da waren? Hundert reicht bestimmt nicht. Jeden Tag kochten die drei Schwestern, denen der Hof gehörte, in einem großen Kessel Sojabohnensuppe. Davon bekam jeder ein Tässchen voll. Was Warmes! Wir hatten doch solchen Hunger! Bevor sie die Suppe verteilten, beteten sie mit uns, und alle machten mit! In einer solchen Situation machen alle mit. Ob einer wirklich glaubt oder nicht glaubt – in so einer Situation ist es anders. Tagsüber trieben wir Kinder uns draußen rum und suchten nach Essen. Mal spielte auch jemand von den Erwachsenen Mundharmonika oder wir spielten auch mal Farben raten. Es gab sonst nichts zu tun.

Wissen Sie, ich habe manchmal ein bisschen Schwierigkeiten, wenn ich lese, welche Ansprüche von den Flüchtlingen heute gestellt werden. Da denke ich manchmal: Meine Güte, Kinder, Kinder! Das verstehe ich nicht. Dieses Tässchen Sojabohnensuppe, ich sage Ihnen, das war was Warmes und darauf freute ich mich den ganzen Tag! Weil die Toilette für die vielen Menschen nicht reichte, war hinter der Scheune ein Donnerbalken gebaut. Natürlich hatten alle Durchfall mit der Zeit.

Nachts kamen die Russen und holten sich Frauen. Sobald sie »Frau komm!« riefen, lief eins von uns Kindern schnell rauf in den ersten Stock und holte den Offizier, der sich dort mit seiner Freundin einquartiert hatte. Er sorgte dann für Ordnung. Ich erinnere mich noch an einen Russen, den kannten wir nachher schon. Er stand mit einer Fackel in der Hand im Türrahmen und guckte sich eine Frau aus. Dann sprang er direkt zwischen die liegenden Frauen. Nachher wurden die Frauen ein bisschen kesser und schubsten ihn weiter. Ja, da waren ein paar mutige Frauen dabei. Jeden Abend kamen neue russische Panjewagen mit kleinen Pferden vorgespannt. Sie brachten Verpflegung für die Front, säckeweise Zucker und Mehl, übernachteten auf dem Hof und zogen am nächsten Tag weiter. Uns Kindern gaben die Mongolen manchmal eine Handvoll Zucker. Das war toll!

Mensch, der Krieg damals … Die Soldaten kamen mit Fuhrwerken, vor die Ponypferde gespannt waren. Damit fuhren sie an die Front und brachten Lebensmittel. Wenn man sich das heute vorstellt!

Nach ein paar Wochen zog ein neuer Offizier ein. Der kam nicht runter, wenn wir Kinder ihn riefen. Er sagte, deutsche Soldaten hätten das auch gemacht. Wenn der Offizier runterkam, kamen die Frauen freiwillig mit. Aber dann hatte er eine feste Freundin und benutzte keine andere mehr. Benutzt kann man so sagen. (Sie lacht.) Die anderen Soldaten nahmen sich, was es gab. Egal wie alt oder jung. Ob das Omas waren, war denen völlig wurscht. Ob da Kinder dabei waren, war für die uninteressant. Wahrscheinlich hatten die so viele Bedürfnisse und kannten das vielleicht auch nicht anders. Die Soldaten waren teilweise sehr einfache Menschen. Sehr einfach! Die wussten zum Teil nicht, was Klobecken sind. Heute ist alles anders, aber als die damals aus dem tiefen Russland kamen, wussten sie gar nicht, was das alles ist. Darum waren sie auch so verrückt nach den Uhren.

Wir Kinder hielten immer nur nach Essen Ausschau. Liefen durch die Häuser, guckten, wo noch etwas zu finden war. Ursel und ich freundeten uns mit zwei Jungs an, Helmut und Günther. Oft waren wir zu viert unterwegs. Einmal hatten die Jungs zwei kleine Pferde eingefangen. Jeweils zu zweit ritten wir auf ihnen bis zu einem Wäldchen. Aber auch da waren Russen, und wir mussten vorsichtig sein. Wir mussten immer Angst haben. Ursel und ich trugen Zöpfe und eine Mütze, damit wir wie Kinder aussahen. Bei schönem Wetter aßen die Russen an langen Tischen im Hof der nahe gelegenen Kaserne. Wir Kinder standen mit unseren Töpfen abseits und warteten, bis sie das übrig gebliebene Essen in eine Kuhle warfen. Wenn wir Glück hatten, sammelte vorher einer der Russen die Reste ein und goss sie uns in den Topf. Wenn wir Pech hatten, kam einer, guckte uns an, lachte und kippte die Reste in die Kuhle. Dann holten wir uns die Reste von dort. Wir hatten ja Hunger! Manchmal fanden wir noch Kartoffeln auf den Feldern, die eingemietet worden waren. In den Häusern fanden wir oft überhaupt nichts mehr. Vor uns hatten schon so viele nach Essen gesucht, die Häuser standen ja alle offen. Einmal hatten wir Vitamintabletten gefunden. Wir aßen sie sofort wie Bonbons auf. Davon bekamen wir mächtigen Durchfall. Das Viehzeug war weg, es gab keine Kühe, Schafe und Ziegen mehr. Einmal lag eine Kuh im Graben, die wohl bei einem Angriff getötet worden war. Was meinen Sie, was da los war! Alle kamen und schnitten sich ein Stück raus. (Sie lacht.) Die Frauen bauten direkt daneben eine Kochstelle, stellten einen Topf drauf und endlich gab es wieder etwas zu essen. Ich werde nie vergessen, wie ich mit Ursel den Pansen saubergemacht habe. Es gab ja nichts zu Essen … Und ich werde nie vergessen, wie die Russen im Haus Bratkartoffeln aus rohen Kartoffeln machten, dass kannte ich nicht. Probieren durfte ich nicht.

Irgendwann zogen wir mit einem Treck weiter. Es waren nur noch alte Leute, Frauen und Kinder unterwegs. Kurz vor Landsberg wurden wir von Tieffliegern beschossen. Wir warfen uns in den Graben … Wir hatten immer Glück, immer Glück! Vielleicht haben sie auch gar nicht auf uns gezielt, wollten uns nur einen Schreck einjagen. Keine Ahnung. Ob wir Angst hatten? Na, und wie! Aber es ist ja Gott sei Dank nichts passiert …

Von einem Ort zogen wir zum anderen, übernachteten in verlassenen Häusern und Wohnungen, wo gerade etwas frei wurde. Mal hieß es, wir könnten nach Hause, also liefen wir wieder zurück Richtung Westen. Dann war dort wieder kein Durchkommen, also mussten wir wieder nach Osten laufen.

Wir wussten nie, wann das nächste Dorf kommt. Wenn vorne im Treck jemand sagte, jetzt machen wir Pause, liefen alle in den Wald, wo wir auf Holzstämmen übernachteten. Doll schlafen konnten wir nicht, wir ruhten uns aus. Mutter hatte meine Füße in ihrem Schoß. Es lag noch Schnee und war kalt. Mutter auf einem Baumstamm im Schnee … Dann ging es wieder weiter. Jeder zog einen Karren hinter sich her oder schob einen Kinderwagen. Es war schwierig – die Toilettengänge im Winter … Gott sei Dank wurde es schnell wärmer. Es war ein Jahr, wo das Frühjahr zeitig kam. Die Sonne wärmte uns. Kinder, was war das bloß für eine Zeit …

Wir waren im Winter losgelaufen. Was wir am Körper trugen, hatten wir seitdem nicht ausgezogen. Wir konnten uns nicht waschen, es gab keine Gelegenheit – höchstens mal das Gesicht oder die Hände. Darum hatten wir auch alle Kleiderläuse. Die sitzen nur in den Kleidern. Ich sage Ihnen, in jeder Naht sitzen die drin. In jeder Naht. Sehr unangenehm!

Als wir für einige Wochen wieder in einem verlassenen Haus unterkamen, meldeten Ursel und ich uns bei den Russen, um bei ihnen sauberzumachen. Dafür bekamen wir einen großen Sack voller Brotreste. Endlich hatten wir was zu essen! Das war wirklich schön, als wir endlich wieder etwas hatten.

Meine Mutter wurde krank. Sie hatte von einer toten Gans, die auf der Straße gelegen hatte, gegessen und eine Fleischvergiftung bekommen. Nun lag sie krank auf dem Heuboden, zu dem man entweder über die Küche hochsteigen konnte oder über eine Treppe von außen. Ich war unten in der Küche, als ich hörte, dass die Russen auf den Boden raufgehen würden und keinen mehr raufließen. Schnell rannte ich bei einem der Russen zwischen den Beinen durch hoch zu meiner Mutter. Die Russen hatten alle vom Boden geschickt, nur meine kranke Mutter und eine Frau, die vor Kurzem entbunden hatte, waren noch oben. Neben der Frau lag ihr Neugeborenes. Ja, und da hatte ich dann Sexunterricht. (Sie lacht traurig auf.) Ein Russe kam durch die Küche rauf, vergewaltigte die Frau und ging über die Hühnerleiter wieder runter. Dann kam der Nächste. Ich glaube, acht waren es. Bei dem Baby krochen die Läuse am Ärmchen lang. (Sie lacht traurig.) Ach wissen Sie, nee … Die Frau sagte immer: »Was denn, noch einer?«

Ich werde das nie vergessen – so als Kind. Ich saß neben meiner Mutter und sie sagte immer: »Guck da nicht hin!« Ich hab trotzdem nicht genau gewusst, was da passierte.

Diese Vergewaltigungen! In einem Haus, wo wir kurz zum Händewaschen gehalten hatten, lag im Nebenraum eine alte Frau im Bett. Die Russen stießen sie runter und warfen oben eine andere Frau rauf. Also diese Vergewaltigungen waren schon … Mit meinen Zöpfen und der Mütze sah ich aus wie ein Kind. Trotzdem musste ich immer aufpassen. Tante Maria und meine Mutter gaben sich vor den Russen als »alte Madga« aus. Meine Mutter hatte schon mit 38 eine Prothese. Wenn die Russen kamen, nahm sie immer die Zähne raus und band sich ein Kopftuch um. Meine Mutter hatte Glück, Tante Maria nicht. Sie war schon von den ersten Russen etliche Male vergewaltigt worden. Und viele andere Frauen auch. Einmal, meine Mutter hatte das Baby auf dem Arm und mich im anderen, sagte ein Russe zu ihr: »Frau komm!« Er wurde immer böser und drohte mit der Pistole. Mutter sagte: »Schieß doch!«

Ob der das verstanden hat oder nicht – er hat nicht geschossen. Das sind alles Erlebnisse …

Ich muss Ihnen sagen, ich war sehr verwachsen mit meiner Mutter. Sie wurde 96 Jahre alt. Wir waren nicht nur Mutter und Tochter, sondern Freundinnen. Nach Rücksprache mit meinen Kindern habe ich mit sechzig aufgehört zu arbeiten, um mich um meine Mutter kümmern zu können. Nicht, weil es ihr schlecht ging, sondern um ihr die Hilfestellung geben zu können, die ein alter Mensch braucht. Sie war damals 86 Jahre alt. Ich hänge heute noch an ihr. Das muss ich sagen. (Sie weint.) Meine Mutter, die war … ja … eine ganz Liebe.

Meine Schwester ist dann auch verhungert. Wir hatten sie mit dem gefüttert, was wir gerade hatten. Hatten es mit der Sojabohnensuppe versucht. Milch war überhaupt nicht zu kriegen. Wenn wir ein paar Haferflocken bekommen hatten, rührten wir sie mit Wasser an. Aber dann war wieder kein Zucker da. Und da mein Vater in der Lebensmittelbranche arbeitete, hatten wir während des Krieges nie Mangel an Zucker gehabt. Da war Mariannchen verwöhnt. Irgendwann hatte meine Mutter nichts mehr zu essen für Mariannchen. Ich hatte schon einige von ihren Babykleidern bei einer Frau eingetauscht, die einen russischen Freund hatte. Sie hatte auch ein Baby und gab uns etwas Essen für die Kleider. Aber dann hatte sie gesagt: »Mehr Sachen brauch ich nich. Wenn deine Mutter für euer Baby was zu essen haben will, dann soll sie kommen. Mein Freund hat einen Freund, soll sie sich den Russen anschaffen hier.«

Um ihr Kind zu retten, ging Mutter los, aber sie kam schnell wieder, sie konnte es nicht. Sie konnte das nicht machen. Als sie das später meinem Vater erzählte, das mal nur nebenbei, beschuldigte er sie, sie hätte das Kind sterben lassen. Ja ja ja ja ja ja … Ich glaube, meine Eltern wären auch nicht zusammengeblieben. Mein Vater starb 54 mit 55 an Leukämie. Nach dem Krieg hatte sich meine Mutter sehr verändert, war nicht mehr die kleine ruhige Maus. Sie wusste dann, was sie wollte. Das hat sie mir später gesagt.

Meine Schwester starb über Nacht. Die Kleine lag neben uns. Ich wurde morgens wach und weiß noch, wie ich ihren Arm hochgehoben habe … Der war ganz steif. Ihr Jäckchen war vorne ganz nass. Mutter hatte Mariannchen nachts noch ein paar Löffel Wasser gegeben. Ich hatte den Eindruck, Mutter wusste gar nicht, was sie tat. Und ich, ich wollte immer Geschwister haben … Ich hatte ja keine. (Sie kämpft mit den Tränen.) Meine Freundinnen in Berlin hatten alle eine Schwester – ich nicht. Und dann kriegte ich mit zwölf Jahren eine Schwester! Sie war mein Ein und Alles! So eine Süße! Ich kümmerte mich ausschließlich um die Kleine! Und nun … An dem Morgen kam auch noch zu allem Unglück wieder ein Offizier rein und rief: »Raus! Räumen!« Und nun das tote Baby. Ich kümmerte mich darum, dass meine Schwester beerdigt wurde. Meine Mutter war dazu nicht in der Lage. Sie wirkte abwesend. Die Hilfe ist dann groß, gerade wenn ein Kind gestorben ist. Wir legten die Kleine in einen Koffer. Neben dem Haus lag ein kleiner Teich. Daneben stand ein großer Baum, unter dem schon ein Baby und ein älterer Mann begraben waren. In dieser Nacht war in dem Haus noch ein alter Mann gestorben. Wir beerdigten meine Schwester und den alten Mann neben den anderen beiden unter dem Baum. Ein paar alte Männer buddelten ein Loch, die Erde war schon aufgetaut. Dort legten wir den Koffer rein und das war’s. Wir mussten ja raus, wir mussten ja weg! Ich würde den Teich heute noch finden. Der würde bestimmt noch da sein. Da drüben hat sich ja nicht viel verändert. Ja, dann war Mariannchen auch weg …

Meine Schwester starb am 11. April. Und 22 Jahre später ist meine Tochter am 11. April geboren. Es ist manchmal kurios …

Wir kehrten zu dem Hof der drei christlichen Schwestern zurück. Dort hieß es, die Gegend wird polnisch, wer möchte, kann bleiben. Die Schwestern wollten bleiben, aber wir wollten endlich nach Berlin und liefen los. Aber wir kamen nicht weit, ich wurde sehr krank. Wir fanden eine leere Wohnung, wo ich mich hinlegen konnte. Die Sonne kam schon häufiger raus, sie wärmte mich ein bisschen. Wir waren jetzt nur noch mit Tante Maria und ihrer Tochter Ursel unterwegs. Die anderen waren alle verstreut. Tante Maria wurde auch krank. Wieder kamen Russen in die Wohnung. Ein russischer Offizier war dabei, der sah, dass ich krank war. Er sagte: »Ich Arzt.« Das hatten schon viele gesagt, aber dieser war wirklich einer und er hat mich gesund gemacht! Jeden Tag brachte er mir Medizin. Tante Maria, die neben mir auf der Erde lag, es gab keine Betten, behandelte er nicht. Nee, nur mich. Mit gebrochenem Deutsch erzählte er uns von seinem Kind in Russland. Für die Kinder hatten die Russen immer ein bisschen Mitleid, weil sie vielleicht selber Kinder hatten. Es gab, wie üblich, gute und weniger gute Menschen. Es war halt Krieg – Ausnahmezustand – und es kommt wohl immer darauf an, was jeder selbst erlebt hat. Ich habe erst später erfahren, was die Deutschen in Polen gemacht haben. Das nimmt sich alles nichts, bloß damals haben wir es ja nicht verstanden!

Als es mir besser ging, wollte mich der russische Arzt mit ins Lazarett nehmen, damit ich zu Kräften komme. Aber nun kriegte meine Mutter Angst und wir zogen nachts wieder los. Ich habe immer ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Russen gehabt. Aber ich kann verstehen, dass meine Mutter so reagierte. Es wurden ja auch Kinder vergewaltigt. Tante Maria war immer noch krank, wir zogen sie mit dem Handwagen über die Landstraße. Plötzlich kamen Russenautos durch die Dunkelheit gefahren. Sie fuhren sehr unvorsichtig, der Handwagen kippte um und wir lagen alle im Graben. (Sie lacht.) Kurze Zeit später kamen andere Russen vorbeigefahren, hielten an und nahmen uns ein Stück mit. Dafür mussten wir aber einen Schnaps aus der Pulle trinken. Inzwischen hatten wir gelernt: Den Schnaps durfte man nicht ablehnen.

Als wir endlich Großmutters Haus an der Oder erreicht hatten, erfuhren wir, dass auch sie inzwischen gestorben war. Sie hatte es noch zurück bis nach Hause geschafft und konnte dort beerdigt werden. Wir hatten sie kurz auf der Flucht getroffen, mit zwei ihrer Enkelkinder, sieben und acht Jahre alt. Deren Mütter hatten die Russen weggeholt. Mein Opa war auch dabei. Er lahmte und war blind, hatte sich am Karren festgehalten und war nebenhergelaufen. Eines Tages, als Oma gerade den Karren gepackt hatte, um weiterzuziehen, hatte sich Opa aufgehängt. Er hat es wohl nicht mehr ertragen. Aber Oma, die damals schon 75 war, lief mit ihren Enkeln wieder zurück. Sie hatte ganz dicke Füße und Wassereinlagerungen, aber sie hat’s zurück geschafft. Oma ist eine kleine Frau gewesen. Die hat am Vormittag ihr Kind gekriegt und nachmittags war sie schon wieder im Wald Holz holen. Hatte zwölf Kinder! Und das Verdienstkreuz … Den Bruder meines Vaters, der Käptn war, haben die Russen mitgenommen. Wir haben nie wieder was gehört. Eine Cousine ist in Berlin bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Ich glaube, wir hatten sieben in der Verwandtschaft, die im Krieg verstorben sind.

So ein Krieg … Wie kann man denn das vergessen! Ich frage Sie … (Sie klopft mit der Hand energisch auf den Tisch.) Wer einen Krieg mitgemacht hat, der kann doch nicht wieder mit Waffen anfangen. Sehen Sie mal, was für ein Wahnsinn! Wir liefern Waffen und verdienen ein Schweinegeld da dran! Und dann nehmen wir die Flüchtlinge auf und behandeln die, die bloß noch ein Bein haben … Das ist doch schizophren! Es hängt uns natürlich nach, der Holocaust ist schlimm gewesen. Andere Länder verfolgen auch und das mit den Schwarzen … Aber bei uns macht es die Masse. Wie kann man das denn vergessen? Einen Krieg darf es doch bei uns nicht mehr geben! Es geht immer nur um Macht und Geld! Es muss was Schönes sein. Sind ja alle verrückt danach. Ich kenne es nicht, vielleicht würde ich sonst auch so sein. Nein, nein, nein, diese Welt ist nicht mehr meine! Keiner dürfte mehr zur Waffe greifen …

Von Omas Haus zogen wir weiter Richtung Berlin. Ein Mann fuhr uns mit einem Kahn über die Oder. An den kaputten Brückenpfosten lagen angeschwemmte Pferde. Inzwischen war das Eis aufgetaut, die Leichen kamen wieder aus der Erde. Als die Erde noch hart gefroren war, hatte man die Toten nur ein bisschen mit Sand bedecken können. Nun war der Sand versackt und die Leichen der toten Soldaten kamen alle wieder raus. Im Oderbruch sind später viele Menschen bei der Feldarbeit auf Minen gelaufen und mussten noch ihr Leben lassen. Es war dort alles vermint.

Wir erreichten den Bauernhof, wo ich während des Krieges gelebt hatte. Überall waren Gräben von den Soldaten. Für uns Kinder war das schön … Wir liefen durch Gräben über den Hof in den Stall oder in die Scheune. Die Front war sehr lange im Oderbruch gewesen, wissen Sie. Da sind die meisten Soldaten gestorben, vor allen Dingen viele Russen. Ich habe in diesem Jahr mit meinem Sohn die Gedenkstätte Seelower Höhen besucht. Es ist traurig, wie viele Soldaten dort ihr Leben lassen mussten! Und wofür!?

Ursel und ich gingen auf Suche. Ich fand einen Schuh, und dann suchte ich den anderen. Ich fand auch mein Poesiealbum. Jemand hatte nur die leeren Seiten rausgerissen. Das fand ich nett. Ich habe es immer noch.

Am 17. Mai kamen meine Mutter und ich mit einem Güterzug am Stettiner Bahnhof in Berlin an. Unser Haus stand noch und mein Vater war vom Volkssturm zurückgekommen. Er hatte in Biesdorf einen Steckschuss in die Wade gekriegt und durfte nach Hause gehen. In unserer Wohnung lebten dann Fremde mit uns. Es gab nur noch wenige Wohnungen. Und dann kamen wir so langsam wieder in alles rein, waren als kleine Familie wieder zusammen …

Nach dem Krieg gab es keine Betreuung für uns Kinder – niemand wollte uns hören, auch nicht unsere Eltern. Wir Kinder haben das erlebt und nie wieder darüber gesprochen. Das ergab sich gar nicht. Für Mutter war das wohl unangenehm, und ich habe auch nicht gefragt. Ich war sowieso dumm – nicht aufgeklärt. Damals wurden wir nicht aufgeklärt. Als ich vielleicht zehn war, haben meine Freundin und ich meine Mutter mal was gefragt und dann hieß es: »Na, ihr wisst es doch viel besser.«

In jeder Familie gab es ein Doktorbuch, das wurde versteckt. Heimlich habe ich mit meiner Freundin darin geblättert, aber da drin war nichts zu sehen! Und das ist alles noch gar nicht so lange her, wissen Sie. Wenn jetzt immer über die Araber und ihren Umgang mit den Frauen geschimpft wird … Mensch, wir sollen ganz ruhig sein! Es ist noch nicht lange her, da ist es in Deutschland auch nicht anders gewesen. Da hatten die Frauen auch nichts zu sagen. Das vergessen immer alle. Wie lange haben wir das nicht mehr, dass der Mann bestimmt hat, wo die Familie hinzieht. Das ist doch nicht lange her!

Ich habe die Erlebnisse erst langsam verarbeiten können. Ich brauchte lange, um ein junges Mädchen zu werden, das lustig ist und lacht. Da war ich bestimmt schon 20, 21. Ich war sehr ernst.

Jetzt im Alter weine ich schnell. Ich bin oft traurig, und diese ganze Sache von früher kommt hoch. Im Januar, Februar ist es für mich immer noch belastend. Jedes Jahr, auch heute noch mit 85. Jetzt im Alter hat man Zeit, früher hatte man ja keine. Wir haben geheiratet, die Kinder gehabt, sind arbeiten gegangen … In der Welt, in der wir jetzt leben, da ist alles so schwierig und so schlimm. Mir geht’s gut, ich will nicht klagen. Ich bin 85 und es ist alles in Ordnung. Aber es könnte anders sein! Alle, alle sind schon tot. Mein erster Mann ist tot, mein zweiter Mann ist tot. Meine Freundin, meine Cousinen … Da denk ich manchmal: Meine Güte, was soll das eigentlich! Ich muss das alles alleine verkraften, wissen Sie? Und dann denke ich manchmal, ich gehe nicht in die Kirche, aber ich bin ein gläubiger Mensch, warum muss das alles so sein? Warum lässt das der liebe Gott zu, dass die Menschen … Wie wir alles kaputt machen! Wie schlecht sind die Menschen überhaupt? Machen alles kaputt! Wissen nicht wohin mit dem Plastikzeug und dem Abfall. Ich verstehe die Menschen nicht mehr! Das lässt einen doch verzweifeln. Der Mensch ist das intelligenteste Lebewesen … Das kann man nicht glauben! Der Mensch tötet, obwohl er das nicht nötig hat. Wir fabrizieren so viel Fleisch und die armen männlichen Küken werden gleich getötet. Das ist alles furchtbar! Das Tier tötet doch nur, wenn es Hunger hat! Das tötet nicht auf Vorrat. Nein, nein, nein! Irgendjemand hat mal gesagt: Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere. Dann denke ich immer, meine Güte, du kannst das gar nicht so erzählen! Denn so darf man gar nicht denken, wenn man jung ist. Dann kann man ja nicht mehr leben, nicht? Ist doch so.

»Nimm mich mit, Mutti, Mutti, nimm mich mit!«
Dorothea L.

(Geboren 1930 in Duisburg, Drogistin, Heilpraktikerin)

Ich erinnere mich noch an die Farben damals: Himmel und Erde gehen grau-weiß ineinander über. Die kalte Schneeluft war schmerzhaft beim Einatmen … Mitte Januar 45, es lag hoher Schnee, bekam das Dorf in Pommern, in das wir evakuiert worden waren, den Packbefehl. Meine Mutter, mein kleiner Bruder, meine Schwester und ich waren auf dem Rittergut untergekommen. Meine Schwestern Liesl und Renate waren bei dem Lehrer der Dorfschule untergebracht und meine Schwester Rosi beim Pfarrer, der dreißig Kilometer vom Gut entfernt wohnte. Sonntags kam er für die Messe ins Dorf.

Abends um neun Uhr läuteten am 17. Januar vom Kirchturm die Sturmglocken: der Fluchtbefehl. Es ging sehr lebhaft zu. Meine Mutter kriegte vom Gut einen Planwagen mit Gummirädern gestellt, der von einem Traktor gezogen werden sollte. Wir hatten auf dem Gut inzwischen keine russischen Gefangenen mehr, sondern italienische. Die russischen waren vor ihren eigenen Leuten geflohen, denn Kriegsgefangene wurden oft von ihren eigenen Leuten erschossen. Zwei Italiener fuhren den Traktor. Meine Mutter saß vorne auf dem Bock. Auf dem Gut waren auch Frauen aus Witten mit ihren Kindern untergebracht worden. Sie bekamen einen Ochsenkarren, und ihre Kinder wurden bei uns mit auf den Wagen geladen. Auch meine Schwester Liesl, acht Jahre alt, fuhr auf unserem Wagen mit. Renate, die schon älter war, musste neben dem Wagen des Lehrers laufen. Draußen waren es 18 Grad Minus. Als wir durch das Dorf des Pfarrers kamen, hatte die Rosi bereits den ganzen Tag an der Straße auf uns gewartet. Sie lief zu unserem Wagen und rief: »Nimm mich mit, Mutti, Mutti, nimm mich mit!«

Meine Mutter rief: »Halt an!«, aber der Traktor fuhr weiter, die Italiener hörten sie nicht. Sie unterhielten sich laut und verstanden nichts. Die Pfarrhaushälterin kam rausgelaufen, schnappte sich die Rosi und rief uns hinterher: »Wir kommen morgen nach!«

Ich wusste, dass wir im nächsten Dorf zum Übernachten halten würden und dachte: ›Na, dann sehen wir die Rosi bald.‹ Aber sie kamen nie nach. Meine Schwester Ingrid ging in der Nacht zurück, um die Rosi zu holen. Das hat sie mir später erzählt. Als sie sich mit der Rosi auf den Rückweg machen wollte, saß auf der Straße ein verwundeter Soldat und sagte: »Wenn ihr mir nicht helft, erfrier ich hier.«

Die beiden kümmerten sich um den Soldaten, und dann wurde bemerkt, dass die Rosi wegwollte. Die Pfarrersleute hielten sie zurück, Ingrid kam allein zurück.

Die Flucht war mehr als schlecht organisiert, und so passierte es, dass der erste Teil unseres Trecks am nächsten Tag schon früher aufgebrochen war. Niemand wusste, in welche Richtung. So verloren wir auch Ingrid, die mit dem Lehrer früh losgezogen war.

Wir waren tagelang unterwegs. Am Straßenrand lagen Leute, die einfach erfroren waren … In verlassenen Häusern suchten wir nach Essen und übernachteten dort, wenn es möglich war. In einem Haus fanden wir einen heißen Topf mit Hühnersuppe, in der ein ganzes Huhn schwamm! Das war natürlich was ganz Tolles! Dann ging der Traktor kaputt und wir saßen fest, bis er repariert werden konnte. Meine Mutter fand in der Zwischenzeit eine Familie, bei der wir jeder ein frisch bezogenes Bett bekamen. Die Leute hatten selbst vier Kinder und nahmen uns so nett auf. Aber das war nicht immer so. Mutter war mittlerweile genervt. Sie musste sich auch noch um die drei anderen Kinder der Frauen aus Witten kümmern. Auch die Mütter hatten wir auf der Flucht verloren. Bei einem Halt in einer kleinen Stadt verlangte sie, dass sich nun andere aus dem Treck um die Kinder kümmern sollten. Es waren ein Junge von vielleicht elf Jahren, ein neunjähriges Mädchen und ein zweijähriges Kind. Die Neunjährige kümmerte sich wie eine Mutter um die Zweijährige. Versuchte sie trocken zu halten, was bei der Kälte ganz schwierig war. Mutter sagte zu den Frauen: »Ich bin am Ende, ich kann das nicht mehr.«

Die anderen Frauen beschimpften sie, dass sie die Kinder abgeben wollte. Weil Mutter nicht mehr wusste, wie sie alle Kinder versorgen konnte und jede Nacht unterbekam, gab sie die drei Kinder beim Roten Kreuz ab. Wir hörten nie wieder von ihnen.

Die russische Armee war immer kurz hinter uns. Oft hörten wir jetzt schon den Geschützdonner. Wir hatten große Angst – hörten von schrecklichen Gräueltaten der Russen. Vergewaltigungen waren auf beiden Seiten der Front an der Tagesordnung.

Mutti beschloss, sich vom Treck zu trennen. Sie wollte versuchen, mit dem Zug weiterzukommen, und konnte vorbeiziehende deutsche Soldaten überreden, uns mit ihrem LKW bis kurz vor Stettin mitzunehmen. Aber in Stettin vor dem Bahnhof standen Hunderte von Leuten – alle mit Gepäck. Wir stellten uns dazu. Wir wussten nicht weiter. Am Abend kam eine Frau mit einem leeren Kinderwagen auf uns zu. Sie sagte zu meiner Mutter: »Sie können doch auch nicht mehr. Kommen Sie, packen Sie Ihre Sachen auf meinen Wagen und wir gehen zu mir nach Hause. Morgen ist hier alles leer und dann können Sie in aller Ruhe wegfahren, das verspreche ich Ihnen. Aber bis es hier leer ist, ist das die Hölle. Die Leute schlagen sich um die Plätze.«

Sie nahm uns mit zu sich nach Hause. Dort durften wir jeder ein Bad nehmen und kriegten ein frisch bezogenes Bett. Sie kochte ganz toll für uns und wir konnten endlich einmal richtig gut schlafen.

Am nächsten Morgen war der Bahnhofsplatz leer. Wir kamen in einem Güterzug unter, der nach Hannover fuhr. Unterwegs traf uns Tieffliegerbeschuss. Der Zug musste auf offener Strecke halten. Wir sahen die Tiefflieger kommen, hatten Angst und wollten aus dem Zug springen. Ein Soldat, der mit uns im Waggon saß, rief: »Nicht rausgehen! Bleiben Sie im Zug und legen Sie sich auf den Boden!«

Wir legten uns hin und versteckten uns zwischen den Bänken. Sie schossen auch auf die Waggons. Wir hatten Todesangst. Aber das rettete unser Leben. Die Leute, die rausgerannt waren, lagen alle erschossen auf dem Bahndamm. Immer wieder kamen die Tiefflieger. Wir hatten so eine Angst! (Pause.) Die flogen so niedrig, dass ich den Piloten sehen konnte. Ich hatte das Gefühl, jetzt könnte ich ihm die Hand geben. Die Piloten haben uns natürlich auch gesehen, wollten am liebsten alles zerschießen. Die Tiefflieger schossen die Lokomotive kaputt, wir mussten auf eine neue Lokomotive warten. Wir waren nochmal davongekommen – als Familie.

Zurück in Duisburg, war in unserem Haus durch den Luftdruck einer Bombe das Dach abgedeckt worden. Wir stellten Eimer in den Zimmern auf, wenn es regnete. In unserem Kinderzimmer konnten wir gar nicht mehr schlafen. Wir schliefen bei einer Nachbarin auf Matratzen auf dem Boden. Nach unserer Rückkehr schrieb ich als Erstes meiner Oma eine Karte: Nach 14-tägiger Flucht sind wir glücklich wieder zu Hause angekommen. Meine Mutter sagte: »Was, glücklich!? Du ziehst auch alles wie ein nasses Hemd aus und dann ist es für dich gut.« (Sie lacht.)

Von der Ingrid und der Rosi hatten wir immer noch nichts gehört. Es gab damals im Radio einen Suchdienst vom Roten Kreuz. Jeden Tag wurden dort um die gleiche Zeit Namen von Menschen aufgerufen, die sich durch die Kriegswirren verloren hatten. Auf diese Art kamen viele Leute wieder zusammen. Wir hatten die Rosi und die Ingrid dort gemeldet. Jeden Tag hörten wir die Sendung in der Hoffnung, die beiden hätten Gelegenheit, sich dort zu melden. Jeden Mittag und jeden Abend, wenn ich von der Drogerie, bei der ich eine Ausbildung angefangen hatte, nach Hause kam, rannte ich die letzten Schritte in der Hoffnung, die beiden wären angekommen. Jedes Mal dachte ich: ›Vielleicht ist ja die Ingrid heut nach Haus gekommen! Oder die Rosi.‹

Aber keiner kam. Jedes Mal war ich enttäuscht. Wir hofften und stellten uns vor, dass die beiden irgendwie zusammen wären.

Ungefähr ein halbes Jahr nach Kriegsende kam die Ingrid eines Tages ganz schwarz im Gesicht bei uns an. Sobald die Familie des Lehrers mit ihr über die Oder gekommen war, hatten sie die damals Zwölfjährige ihrem Schicksal überlassen und waren ohne sie weitergezogen. So hatten sie einen Esser weniger, denn es war auf der Flucht immer ein großes Problem, an etwas zu essen zu kommen. Ingrid wusste, die Kohlezüge fahren ins Ruhrgebiet, und so war sie in einen leeren Kohlewaggon gestiegen und kam entsprechend schwarz bei uns an. Sosehr wir uns über Ingrids Heimkehr freuten, wussten wir nun, dass die Rosi, damals acht Jahre alt, irgendwo allein bei fremden Leuten war. Wir redeten täglich darüber, und auch in der Verwandtschaft wurden wir immer wieder gefragt: »Habt ihr was von dem Kind gehört?«

Rosi kam nicht. Wir erfuhren von einer Frau in der Nähe von Paderborn, die einem sagen konnte, wo sich eine Person befindet, wenn man ihr ein Foto schickt. Meine Tante hatte ein Foto ihres Mannes hingeschickt, der als Soldat in Russland gewesen war. Die Frau hatte geantwortet, dass der Mann noch diesen Monat nach Hause kommen würde, aber schwerkrank sei. Das war im August gewesen. Der Monat ging zu Ende, es war der 31. August und meine Tante dachte: ›Ach, sie hat ja doch nicht recht gehabt!‹

Aber am 31. August kam der Peter nach Hause! Er war schwer tuberkulös und starb auch daran. Vorher hat er noch seine Kinder angesteckt … Also befragten wir diese Frau nach der Rosi. Sie sagte: »Ja, die war sehr krank, aber jetzt ist sie wieder gesund. Sie lebt bei einer alten und einer jungen Frau in Polen. Die wird noch lange nicht zurückkommen.«

Mehr konnte sie nicht sagen. Aber nun wussten wir: Die Rosi lebt! Wir hörten weiter die Rot-Kreuz-Nachrichten. Eines Tages nach langer, langer Zeit kriegten wir einen Anruf von einer Frau, die uns sagte, sie hätte die Rosi dabei. Sie war mit ihr über Friedland in den Westen gekommen. Die Rosi war wirklich krank gewesen. Der Pfarrer, seine Haushälterin und ihre Tochter waren sofort nach Kriegsende weggegangen und hatten die Rosi mit der achtzigjährigen Oma alleine zurück gelassen – das achtjährige Kind! Irgendwann starb die alte Frau. Inzwischen war eine jüngere Frau aus dem Osten gekommen, die mit den beiden zusammenlebte. Die junge Frau und Rosi mussten für die Polen arbeiten. Sie wurden zu Arbeitseinsätzen gebracht, kriegten wenig zu essen, aber viel zu arbeiten, mussten bei der Ernte helfen. Sie konnten nicht selber über sich bestimmen, das machten andere. Irgendwann wurden sie auf einen Laster gepackt und nach Friedland gebracht. Dort wurden sie erst entlaust und dann neu eingekleidet. Der Mann der jungen Frau wohnte in Bremen, wohin sie die Rosi mitgenommen hatte. Von dort rief sie meine Mutter an und sagte ihr, dass sie die Rosi abholen könne. Meine Mutter fuhr hin, und jetzt erzähle ich aus Rosis Perspektive.

Diese junge Frau war inzwischen wie ihre Mutter geworden. Die hatte sich gekümmert! Und die Mutti hatte sie auf der Straße stehenlassen. Ja … die Mutti war für sie die Frau, die sie irgendwo abgegeben und nicht mitgenommen hatte. Meine Mutter lebt nicht mehr, die ist vor sechs Jahren mit 103 Jahren gestorben. Die Rosi konnte nie mehr ein Verhältnis zu ihrer Mutter aufbauen. Sie ging zwar mit unserer Mutter mit, aber sie sagt mir jetzt, wenn wir am Telefon von den alten Zeiten erzählen, dass sie das nicht gerne getan hat. Das war die Frau, die sie einfach immer irgendwo abgegeben hatte. Und so ist das Verhältnis auch bis zum Schluss geblieben. Inzwischen lebt sie in einem Altenheim, ist jetzt achtzig geworden und sagt, sie ist zufrieden, wenn man sie fragt. Aber von ihrer Zeit in Polen erzählt sie nicht viel. Sonst erzählt sie mir sehr, sehr viel. Sie muss noch viel verarbeiten …

Am Anfang, wie wir wieder zu Hause waren, habe ich die Fluchtgeschichte wohl zwanzigmal erzählt. Ich musste das immer wieder erzählen. Irgendjemand musste mir immer wieder zuhören. Jedem, der sie hören wollte, musste ich das erzählen. Jetzt gerade das 21. Mal …

»Auf einmal erscheint in den toten Augen ein Aufblitzen, ein Licht …«
Roswitha Weiß

(Geboren 1939 in Berlin, Fremdsprachensekretärin)

Eines Nachts wurden wir geweckt. Es hieß: »Schnell, schnell, schnell, alle sind schon auf dem Sammelplatz.«

Meine Schwester sagt, es war am 19. oder 20. Januar 45. Ich war erst fünf Jahre alt und mit meiner Schwester wegen der vielen Bombenangriffe nach Schlesien in einen Gasthof evakuiert worden. Am Sammelplatz angekommen, hörten wir schon im Hintergrund das Donnern der Kanonen, die immer näher kommenden Einschläge. Weil schon alles in den Wagen besetzt war, wurde ich in die letzte offene Leitersprosse gesetzt, die mit Stroh bedeckt war. Die Leitern waren für zusätzliche Sitzplätze seitlich an die Pferdewagen gehängt worden, umgeklappt und mit Stroh bedeckt. Ich erinnere mich noch an eine hübsche Frau, die an unserem Wagen stand und sich verabschiedete. Die anderen Frauen flehten sie an, es waren ja nur noch Frauen und Kinder da: »Komm mit, komm mit!«

»Nein, ich lasse meine Tiere nicht alleine, wer soll die füttern«, sagte sie, »man muss sich anpassen, wenn die Russen kommen. Ist eben eine kommunistische Regierung dann.«

Später habe ich noch oft darüber nachgedacht, ob die Frau das so alleine überlebt hat.

Als wir gerade losgefahren waren, kam eine Frau mit einem Kinderwagen zu unserem Wagen gelaufen und flehte: »Nehmt doch das Kind mit in den Wagen rein!« Eine der Frauen im Wagen meinte, das Kind hätte Diphtherie, und damit war die Sache erledigt. Keiner nahm das Kind in seinen Wagen auf. Die Mutter musste mit dem Kinderwagen alleine weiterlaufen.

Mit meinem kleinen Po saß ich ganz verkrampft auf der letzten Sprosse. Während der Wagen über die holprigen Feldwege fuhr, hatte ich Angst runterzufallen. Ich war allein. Wo meine Schwestern waren, wusste ich nicht. Ich wusste damals nicht, dass sie zu Fuß mit in dem Treck liefen. In der Ferne hörte ich den Kanonendonner. Die Angst der Erwachsenen übertrug sich auf mich. Sie sagten: »Oh, die Russen, die überrollen uns gleich!« und solche Sachen. Ich hörte auch die Panzerketten scheppern. Das müssen wohl die Panzer der flüchtenden Deutschen gewesen sein. Die Deutschen sollen ja rücksichtslos über alle Flüchtenden hinweggefegt sein.

Es war Minus 20 Grad. Wir hatten nicht wie heute Fellstiefelchen an, das gab es alles nicht. Ich fror sehr auf diesem letzten Treppchen, während wir über die Feldwege buckelten. Viele mussten laufen. Alle hatten wir Frostbeulen an den Füßen. Meine Schwester hatte sie noch lange, lange. Ich weiß noch, dass sie sie in Urin badete. Das ist ein gutes Mittel gegen Frostbeulen. Sie hat furchtbar unter der Kälte auf der Flucht gelitten und bekam eine Nebenhöhlenentzündung, die chronisch wurde.

Auf den Wegen war überall Glatteis. Die Pferde rutschten immer wieder aus. Als die Pferde wieder einmal ausgerutscht waren, sprach ich die zwei Männer an, die vorne auf dem Bock saßen, aber sie verstanden mich nicht und ich sie auch nicht. Es waren wohl Zwangsarbeiter, die mit auf die Flucht gegangen waren. Auf einmal waren sie verschwunden. Sie hatten noch versucht, die Pferde wieder auf die Beine zu bringen, und dann waren sie weg. Geflüchtet wahrscheinlich.

Dann sah ich einen Zug Sträflinge. Sie liefen auf einem Feldweg, der schräg auf unseren Weg zulief. Es war wohl nicht beabsichtigt gewesen, dass wir sie sehen. Sie trugen gestreifte Kleidung, hatten Kappen auf und keinen Stern, sondern ein Dreieck, ein Zeichen für polnische KZler, wie ich heute weiß. Ich sah zu den Gefangenen rüber und guckte nur in tote Augen. Sie schauten uns an und waren keine Menschen. Zusammengepfercht. Es war so kalt, und sie trugen nur diese dünnen Sträflingssachen. Ich fragte eine Frau: »Was sind’n das für Leute?«

Sie sagte: »Ach, das sind sicher Zuchthäusler, die müssen zur Arbeit.«

Vor den Sträflingen fuhr ein Leiterwagen mit einem Pferd und einem Kutscher. Die ganze Kolonne – es liefen immer fünf nebeneinander in einer Reihe – wurde nur von einem Soldaten beaufsichtigt, der um sie herumging. Das verstand ich nicht. Ich dachte: ›Warum laufen die denn nicht weg? Einer und so viele?‹ Auf dem Leiterwagen lagen lauter Spaten. Weil ich wusste, wie begehrt der Platz bei uns im Wagen war, während die anderen laufen mussten, dachte ich: ›Warum nehmen die die Spaten nicht runter und setzen sich in den Wagen?‹ Das war meine kindliche Idee.

Dann passierte etwas, was ich nie vergessen habe: Aus der Mitte der Sträflingsgruppe ragt ein sehr großer Mann hervor, er überragt alle. Er blickt mich an, und ich blicke ihn an. Auf einmal erscheint in seinen toten Augen ein Aufblitzen, ein Licht. Irgendwie fangen die toten Augen an zu leben. Und plötzlich ist der Mann weg. Ich sehe wie der Bewacher eine Pistole entsichert und aufgeregt durch die Gegend läuft.

Nach der Flucht erzählte mir meine Schwester, der Mann hätte sich in den Graben gerollt. Er hatte wohl gedacht, dass der Bewacher ihm nichts tun würde, angesichts der Kinder und Frauen. Ich fühlte mich irgendwie mitschuldig, weil wir einen längeren Blickkontakt hatten und plötzlich seine Augen aufleuchteten und lebhaft wurden. Ich habe oft darüber nachgedacht, was dieser Mann wohl gedacht haben mag: Zu Hause habe ich auch so eine Kleine, die will ich wiedersehen! Meine Schwester erzählte: »Den haben sie auf den Leiterwagen geschmissen und sind weitergezogen.« … Diesen Mann werde ich nie vergessen.

Es dauerte lange, bis unsere Pferde wieder auf den Beinen waren, die anderen Wagen waren inzwischen an uns vorbeigezogen und wir waren alleine. Später kamen wir an eine Abzweigung nach Dresden, an der zwei Männer standen. Sie sagten, wir sollten weiterfahren, Dresden sei voll von Flüchtlingen. Also zogen wir weiter, Richtung Prag in die Tschechei. Ich habe mir oft überlegt: Was hast du überhaupt den ganzen Fluchtweg gegessen? Gar nichts. Ich erinnere mich nur an eine Frau, die sich an unseren Wagen hinten rangehängt hatte, damit sie eine Weile nicht ufen musste. Im Wagen saß eine Frau mit einem Kind, die eine Tüte mit Äpfeln ausgepackt hatte – schöne rote Äpfel. Ich blickte begehrlich auf einen großen rotbackigen Apfel, den die Frau in der Hand hielt. Die junge Frau, die am Wagen hing, sah das und sagte: »Ach, geben Sie doch der Kleinen auch einen Apfel.«

Die Frau guckte den Apfel von allen Seiten an, steckte ihn wieder ein und gab mir einen ganz kleinen. Immerhin! Das sind die Erinnerungen. Ich war ja gerade fünf Jahre alt geworden.

Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren. Wir waren Tag und Nacht unterwegs, ohne etwas zu essen. Ich hatte ja keine Mutter, die mir was zusteckte. Aber trotz alledem bin ich nicht verhungert …

In Prag wurden wir in einer Turnhalle untergebracht. Jede Familie bekam ein Nest aus Stroh auf dem Boden. Im Flur der Turnhalle sah ich den Kinderwagen von dem Kind, was angeblich Diphtherie gehabt hatte – ohne Kind, es war gestorben.

Geflüchtete Kinder mit ihren Habseligkeiten auf dem Bürgersteig vor dem Übergangsflüchtlingslager Lehrter Straße in Berlin (September 1945)

Ich saß auf dem Stroh in der Turnhalle, als plötzlich die Tür aufging und meine Mutter da stand. Das werde ich nie vergessen! Ich war selig und glücklich und wollte sie nie wieder loslassen. (Sie lacht.) Mutter nahm uns, ich weiß nicht, wo sie meine beiden Schwestern gefunden hatte, und fuhr mit uns nach Berlin zurück.

»Jetzt bin ich der Herr und du der Knecht!«
Edel S.

(Geboren 1930 in Schlesien, Pfarrhaushälterin)

Wir waren schon lange auf der Flucht gewesen. Vater war von den Russen abgeholt worden und nach Wochen wiedergekommen. Meine Mutter und wir Kinder mussten auch wochenlang für die Russen auf einem Hof arbeiten. Nach dem 8. Mai hieß es: Alles wieder nach Hause! Also machten wir uns auf den Rückweg.

Wir kommen endlich nach Hause! Von Weitem gucken wir schon, ob die Häuser noch stehen oder verbrannt sind. Und ach, da sehen wir, unser Haus steht noch! Es regnet doll, wir laufen schnell ins Haus, lassen den Wagen davor stehen. Innen ist alles verwüstet und rausgeklaut. Nur noch ein Sofa steht im Wohnzimmer. Wir machen ein bisschen sauber und wollen den Wagen abladen. Inzwischen war polnische Miliz auf den Hof gekommen und lud vom Wagen runter, was ihnen gefiel. Sie nahmen mir auch noch meine kleine Armbanduhr ab. Wir konnten nichts machen! Im Vorgarten, wo Blumen und Gemüse gepflanzt waren, stand ein kaputter Panzer. Vor dem Wohnzimmerfenster lag das Geschirr zerschmissen, alles kaputt. Die Ställe waren leer, die Dreschmaschine war auch weg. Mein Vater hatte Angst, dass sie uns noch das letzte Pferd stehlen würden, und stellte es abends in die Kartoffelkammer, die kein Fenster hatte. Eines Nachts wurde Vater vom Hufklappern des Pferdes im Hof wach. Die Polen hatten es aus dem Versteck geholt.

Es war Anfang Juni, die Kartoffelmieten standen noch. Kartoffeln werden im April gelegt, aber wir Kinder sortierten die Kartoffeln und pflanzten noch sieben Morgen. Im Juli kam ein Pole an, ein junger Kerl mit seinem Mädchen. Er hatte einen Zettel dabei, stellte sich vor meinen Vater und sagte: »Jetzt bin ich der Herr und du der Knecht!« Ich meine, das sind Tatsachen, da kann kein Mensch … Wir mussten die besten Stuben räumen, und meine Eltern mussten für den Polen arbeiten. Ich weiß gar nicht, wie wir so noch gelebt haben.

Dann hieß es, eine von uns Deutschen muss sich beim Bauern Opitz einfinden. Ich weiß nicht, warum ich ausgewählt wurde, vielleicht weil ich die Älteste war. Ich musste bei diesem Polen arbeiten. Er hatte eine Frau, eine ganz zierliche, feine Frau – eine Warschauerin mit Hündchen im Bett. Den musste ich bedienen. Ich musste in der Küche für ihn kochen und abwaschen – musste alles machen. Für mich war das, wie soll ich Ihnen das erzählen – ich musste das Frühstück ans Bett bringen. Abends ging ich nach Hause, morgens musste ich wieder da sein, aufräumen und saubermachen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich bekam dort zu essen. Wenn sie Besuch aus Warschau bekamen, kochten sie mal selber was. Ihre besonderen Gerichte, eine Suppe mit roter Bete. Davon wurde mir schlecht.

Eines Tages bekamen wir einen Bescheid. Wir sollten unterschreiben, dass wir Polen werden. Die Deutschen, die noch da waren, taten sich zusammen und sagten: »Wir sind doch Deutsche, wir wollen doch nicht Polen werden. Wo die uns so schlecht behandelt haben.« Wir haben einfach nicht unterschrieben. Deswegen wurden wir wohl von den Polen rausgeworfen. Nach einem Jahr, im Oktober 46. Auch an diesem Tag arbeitete ich bei dem Polen, seine Frau war verreist. Er verhielt sich komisch, ich sollte ihm am Abend Badewasser fertig machen. Er versuchte, mich aufzuhalten. Er muss gewusst haben, dass unsere Abreise bevorstand. Ich stand schon mit einem Fuß in der Tür. Es kam mir komisch vor. Ich war beinahe vierzehn Jahre und musste schon sowas erleben. Ich fasste Mut, schlug die Tür zu, rannte im Dunkeln nach Hause und erzählte es meiner Mutter.

Was soll ich sagen, in der Nacht um zwölf wurden wir mit großem Hallo geweckt und es hieß, innerhalb einer Stunde müssten wir weg! Jetzt … was mitnehmen? Uns blieb nur, was wir tragen konnten. Ich weiß gar nicht, wie wir das überhaupt ausgehalten haben. Die Stunde war noch nicht um, da mussten wir uns in einer Gastwirtschaft einfinden. Gegen Morgen wurden wir auf einen Sammelplatz in die nächste Kreisstadt transportiert und auf Viehwaggons aufgeteilt. Ungefähr 36 Personen mit Sack und Pack in einen Waggon. Mensch … Wenn ich mir das überlege! Das war im Oktober, es war schon kalt. Vierzehn Tage waren wir unterwegs. Neben uns saß der Pfarrer aus dem Heimatort meiner Mutter, Kaulwitz. Auf den wenigen Säcken, die wir dabeihatten, haben wir gesessen. Der Pfarrer guckte immer durch die Schlitze oben im Waggon. Wir hatten Angst, dass sie uns nach Russland bringen.

Keiner wusste was. Wir landeten im Lager Radeberg. Onkel Johann, Vaters Bruder, hatte das Pech und einen Platz ganz vorne an der Zugtür gehabt. Es war kalt gewesen. Er wurde krank und starb im Lager. Ach, war das furchtbar für meinen Vater! Am 1. November bekamen wir die Nachricht, dass wir bei Neustadt (Dosse) in einem Dorf unterkommen würden. Uns wurde ein Zimmer zugeteilt. Wir hatten nichts. Wir mussten uns durchschlagen. Die Bauern gaben uns nichts.

Als ich 69 zurück nach Schlesien fuhr – wir hatten noch Verwandtschaft da –, was meinen Sie, wie wir da begrüßt wurden! Mein Bruder bekam einen Blumenstrauß und unsere Eltern sollten doch auch kommen. Der Bruder meines Vaters war mit seiner Frau polnisch geworden. Die Polen wohnten noch da, aber sie hatten ein gutes Verhältnis. Alles war wunderbar. Aber wie es da ausgesehen hat! Ich hab es meinen Eltern erzählt. Manche Polen waren sehr nett, es waren ja auch Vertriebene, die auf die Güter der Deutschen kamen. Manche gaben sich Mühe, ich sah viele Güter, die in Schuss gebracht worden waren. Aber bei uns auf dem Gut war es leider nicht so. Die Scheunen alle leer, kein Vieh …

»Mir wurde auf einmal klar, wir werden vertrieben!«
Barbara Schubert-Felmy

(Geboren 1931 in Liegnitz, Lehrerin, Dozentin)

Anfang 1946 wurde es immer sicherer, dass wir das Land nicht behalten. Die Straßennamen waren alle schon polnisch. Das Geld war polnisch. Die deutschen Kinder durften nicht in die Schule, die polnischen Kinder hatten alle normalen Unterricht. Als meine Mutter von dem Beschluss über die Oder-Neiße-Linie im Radio hörte, fing sie mit den Vorbereitungen an. Sie packte Handtücher, Wäsche, Kochtöpfe und Fotoalben in Pakete und schickte alles nach Sachsen, wo ein Anverwandter ein Gut hatte. Später bekamen wir die Sachen auch wirklich zurück. Im Februar packte sie mit meinen Geschwistern und mir zur Probe. Wir durften nur das mitnehmen, was wir tragen konnten. Jeder kriegte einen Rucksack mit Wechselwäsche und warmer Kleidung und um den Rucksack aufgerollt zweimal bezogene Betten. Ich war vierzehn, meine Schwester acht und mein Bruder sechs. Er konnte noch nicht so viel tragen. Meine Mutter und die Omi häkelten Geldscheine ein, unsere Knöpfe waren dann alle mit Geld oder Schmuck gefüllt.

Ich erinnere mich an die letzte Nacht. Ich dachte: ›Mein Gott, die letzte Nacht in meinem Bett. Wo werde ich die nächste verbringen?‹ Wir hatten alles fertig. Die Wohnung war sauber.

Der Tag, an dem wir das Pfarrhaus und Bad Landeck verlassen mussten, gehört zu den Erlebnissen in meinem Leben, die ich in allen Details noch heute vor Augen habe. Ich sehe Mutter und uns drei Kinder sowie die vierzehn Flüchtlinge, die bei uns im Pfarrhaus untergekommen waren, mit dem Gepäck vorm Haus stehen. Ich sehe die polnische Miliz, die die Haustür hinter uns zuschloss, sodass wir aus dem, was uns doch eigentlich gehörte, vertrieben wurden. Auf einmal wusste ich: Das ist ein ganz großer Einschnitt in meinem Leben. Hier war ich behütet, hier war ich durch die Landschaft gestreunt. Ich hatte eine große Freiheit. Und jetzt die Fremde. Trotzdem war ich nichts wie glücklich! Ich dachte: ›So, das hast du geschafft! Weg hier!‹ Ich wollte keine Qual, kein Leiden. Ich hatte das ganz große Bedürfnis nach geregelten Verhältnissen, nach Schule, nach Ausbildung. Es war mir alles zu stumpfsinnig geworden. Ich hatte keine Bücher mehr, die mich interessierten, und meine Freunde waren zum großen Teil schon geflohen. Und dann sagte meine Mutter plötzlich in meine Gedanken hinein: »Du Barbara, im Keller steht noch ein Glas mit Honig. Das hab ich vergessen, das ist doch dumm.«

Wir hatten nicht gehungert, aber sehr, sehr sparsam gelebt. Und Honig war eine Kostbarkeit. Weil das Haus schon abgeschlossen war, lief ich zur Kellertür. Sie war noch auf. Unten dachte ich: ›Mein Gott, jahrelang haben wir in diesem Haus gelebt und niemals hätte ich gedacht, dass ich mich wie ein Einbrecher fühle, wenn ich in das Haus reinkomme, das eigentlich uns gehört.‹ Ich kriegte eine ziemliche Wut. Mir wurde auf einmal klar, ich werde vertrieben! Rausgetrieben! Wir waren keine Nazis. Mein Vater hatte viel Ärger mit den Nazis gehabt. Er war als Pfarrer angeklagt worden, dass er nicht genügend für Hitler betete und solche Sachen. Ich war zwar Jungmädel gewesen, aber das war für mich nicht die Leitlinie. Ich nahm das Honigglas, und als ich aus dem Keller kam, dachte ich: ›Das willst du nie wieder erleben, dass man dich aus dem verjagt, was dir lieb ist.‹ Ich hatte das erste Mal am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, entmündigt zu werden. Vorher war ich froh gewesen, endlich rauszukommen, und nach dem Keller kam eine richtige Traurigkeit: Die schmeißen einen raus! Ich ahnte ja nicht, was die Deutschen in Polen und überall gemacht hatten, das wurde mir erst später klar.

Nun setzte sich der Zug in Bewegung. Mit unserem Gepäck liefen wir die anderthalb Kilometer zum Bahnhof. Dort standen Baracken, in denen die Ausgewiesenen kontrolliert wurden. Mit dem ganzen Gepäck stellten wir uns in die Schlange, und dann brach meine Mutter zusammen – wurde ohnmächtig und lag im Straßengraben. Monatelang hatte sie uns und die Flüchtlinge im Haus versucht durchzubringen – sie war völlig erschöpft. Ein deutscher Arzt kam und gab ihr Spritzen. Nach einer Weile machte sie die Augen auf, und dann trat sie wieder weg.

Dass die da zusammengeklappt ist, bringt mich heute noch immer an den Rand … Puh, Gott! In dem Moment war ich viel älter, als ich eigentlich war. Ich hatte meine kleineren Geschwister, ich hatte das Gepäck, das ich durch die Sperre bringen sollte. Ich dachte: ›Wie schaff ich das bloß?‹ Meine Omi, die auch mit uns ausgewiesen werden sollte, half mir. Sie ging durch die Sperre und zwinkerte mir zu. Hinter der Prüfungsstelle, wo sie ihre Unterlagen gezeigt hatte, ging sie an den Zaun und winkte mir heimlich zu. Ich wusste, was ich tun musste, stellte mich zu ihr an den Zaun und reichte ihr mehrere Taschen heimlich durch. Dann gingen meine Geschwister und ich mit unserem Gepäck durch die Sperre. Wir Kinder wurden nicht kontrolliert. Omi und ich kamen uns vor wie Sieger. Meine Mutter lag immer noch im Graben. Der Arzt sagte zu ihr: »Frau Felmy! Sie müssen jetzt mit Ihren letzten Kräften aufstehen! Sonst werden ihre Kinder einfach weggeschickt.«

Meine Mutter raffte sich auf und wankte mit einem Paket unter dem Arm zur Kontrolle in die Baracke. Dort unterzogen die Polen sie doch wahrhaftig einer Leibesvisitation. Es war grauenhaft. Sie musste sich komplett ausziehen, die Binden auseinandernehmen, sie hatte ihre Tage. Sie fragten, was Mutter denn für Schriften in dem Paket hätte. Da sagte sie: »Das sind die Predigten meines Mannes. Es wäre sehr heilsam, wenn Sie die mal läsen.«

(Sie lacht.) Die Predigten waren das Einzige, was meine Mutter für meinen Vater, der in amerikanischer Gefangenschaft war, mitnehmen konnte. Sie kam zu uns auf den Bahnsteig, wo ein Zug mit Güterwagen wartete. Es kam sogar noch die polnische Bürgermeisterin, die Mutti kannte, und brachte ihr die Sparbücher.

Die Güterwagen wurden geöffnet. Die Hälfte unseres Wagens war schon besetzt mit Leuten aus den Dörfern. Wir stapelten das Gepäck übereinander, obendrauf legten wir uns. Es gab keine Decken, es gab keine Kissen. Es gab nichts. Wir legten einen Mantel über uns. Wir lagen acht Tage auf diesen Koffern. Es gab keine Toilette und natürlich auch nichts zum Heizen. Der Zug setzte sich abends in Bewegung. Die Lichter der Kurhäuser leuchteten weit in der Ferne. Durch die Wagen hindurch sangen die Leute alle zusammen »Nun ade, du mein lieb Heimatland«. Alle heulten. Aber ich war nicht traurig! Ich dachte nur: ›Raus hier!‹ Ich wollte wieder in die Schule gehen! Ich hatte zwei Jahre keine Schule gehabt. Ich hatte als Kindermädchen gearbeitet und lauter Aushilfsarbeiten gemacht, um Essen zu kriegen. Und dann gab es noch einen Grund, einen ganz großen. Meine erste große Liebe war – wildester Zufall – im selben Zug. Ich hatte ihn immer von ferne angebetet, jetzt auf der Reise rannte ich ihm richtig nach. Immer wenn der Zug eine Pause machte, lief ich zu seinem Wagen. Er ließ sich herab und unterhielt sich mit mir, während wir vor den Waggons entlangspazierten. Ich dachte: ›Kinder, ist das schön!‹ Dieses Glücksgefühl überlagerte die Trauer über den Verlust der Heimat zunächst total.

Ansonsten war die Reise schlimm. Wir bekamen nichts zu essen und zu trinken. Wir mussten uns vom Wasser, das die Lokomotive brauchte, etwas zum Trinken holen. Meine Mutter hatte wochenlang vorher Brot geröstet, das trugen meine Geschwister und ich nun in kleinen Beuteln um unsere Hälse. So hatten wir, wenn wir Hunger hatten, wenigstens etwas Brot. In einem Topf machte Mutter ab und zu mit Wasser und Grieß eine Suppe. Wenn wir aufs Klo mussten, hängten wir uns eine Decke um und mussten mitten im Waggon in einen Topf machen. Mir war das sehr peinlich! Alle Männer und Jungen konnten zusehen. Ich kam mir so dreckig vor, wie ein Objekt. Meine Mutter sagte: »Stell dich nicht so an!« Typisch. Aber Gott sei Dank gab es einige ältere Frauen, die sich in meine Lage versetzten und sich um mich herumstellten, wenn ich auf den Topf musste. In den Haltepausen strömten die Leute in die Wälder, und du musstest aufpassen, dass du nicht überall in die Kacke tratst.

Die Erwachsenen hatten eine entsetzliche Angst: Wo werden wir hinkommen? Es wurde gesagt, dass mehrere Züge auch in die Sowjetunion umgeleitet worden waren. Ich stellte mir vor: Da, wo wir hinkommen, kann ich wieder in die Schule gehen, Deutsch sprechen und dann gibt’s wieder was zu essen.

Eines Morgens sagte meine Mutter: »Lieber Gott, danke, wir sind aus der Gefahrenzone raus.« Wir fuhren nun gen Westen.

In Kohlfurt an der Neiße wurden wir von den Engländern übernommen und entlaust, obwohl wir gepflegt und sauber aus unserem Haus gekommen waren. Das war so erniedrigend! Wir wechselten in einen Personenzug, konnten nun auf Holzbänken sitzen und bekamen Tee und eine Suppe. Als wir durch Magdeburg fuhren, sah ich das erste Mal Ruinen. Die Stadt war dem Erdboden gleichgemacht! Wir fuhren weiter gen Westen, eines Morgens war der Zug geteilt und meine große Liebe war verschwunden. Ich war so verliebt! Aber es sollte nicht so sein …

Wir landeten in Lengerich in Nordrhein-Westfalen. Die Flüchtlinge wurden in der ehemaligen Irrenanstalt aufgenommen – ein Massenlager auf Stroh. Die Irren waren durch die Fürsorge Hitlers – in Anführungsstrichen – alle umgebracht worden, und nun standen die Räume leer. Davon hatte ich damals aber noch keine Ahnung. Meine Mutter wohl schon, die war entsetzt.

In der Irrenanstalt konnten wir das erste Mal richtig duschen. Es war herrlich! Wir hatten keine Seife und konnten uns die Haare nicht waschen, also ging meine Mutter mit uns zum Frisör. Da sagte doch wahrhaftig die Frisöse mit gewissem Recht: »Sowas von Dreck hab ich noch nie an einem Menschen gesehn.«

Die hat nicht geahnt, was sie bei mir dadurch auslöste. Sie meinte das wahrscheinlich gar nicht böse, aber ich empfand es als Anklage, dass ich ein Dreckfink bin. Und dass ich mich als Ausgestoßene fühlte, wurde durch das Verhalten vieler Menschen im Westen doch eindeutig bestärkt.

Die Leute wurden auf die Dörfer verteilt, bekamen ein Zimmer zugeteilt. Manche wurden freundlich aufgenommen, manche hatten es furchtbar. Das würden wir heute auch nicht gerne wollen, plötzlich fremde Leute ins Haus zu bekommen. Meine Mutter dachte: ›Was soll ich mit den Kindern auf den Dörfern, wo sollen die denn in die Schule gehen?‹ Sie ging zum Superintendenten in Lengerich und bot ihm ihre Hilfe in der Gemeinde an. Während mein Vater im Krieg war, hatte meine Mutter auch schon zu Hause die Gemeindearbeit übernommen. Der Superintendent war froh über das Angebot und gab uns das alte Gemeindehaus. Dort hatten vorher die Russen als Gefangene gelebt. Die Haustür war rausgebrochen, die Fenster waren zum Teil kaputt. Die Ratten umschwirrten das Haus und den Hof, denn dort hatten die Gefangenen die Essensreste vergraben. Die Badewanne war voller Scheiße. Es war ekelhaft. Aber wir hatten unser eigenes Haus!

Ich sagte zu meiner Mutter: »Bringt ihr den Rest in Ordnung, ich kümmere mich um die Badewanne.«

Ich holte Sand aus dem Hof und säuberte damit die dreckige Wanne. So konnten wir an unserem ersten Abend kalt duschen. Der Superintendent organisierte uns Bettgestelle und Strohsäcke. Wir hatten eine Wohnung, die uns gehörte! Mit Bruchmöbeln, aber das war ganz egal. Ich weiß noch wie heute, als ich mit meinem eigenen Bettzeug, das wir mitgebracht hatten, auf dem Strohsack lag, mit kaltem Wasser sauber geduscht, da dachte ich: ›Puh, gut!‹ Ich war so voller Willen, dass wir hier neu anfangen würden. In diesem Alter ist das einfach toll!

Und dann ging das Leben weiter, das ist eine völlig neue Geschichte. Die Hungerzeit fing erst nochmal richtig an. Wir hatten nichts, keinen Garten. Es gab Marken. Was es ohne Marken gab, waren Heringe. Also aßen wir dauernd Hering. Ich konnte nach den Notzeiten lange Zeit keine Heringe mehr essen. Die Leute um uns herum hatten alle Vorräte – ein Land, das im Grunde genommen überhaupt nicht geschädigt war, die hatten alles behalten. Wir hatten immer Hunger. Auf der Rückfahrt von der Schule sagte einmal eine der Bauerstöchter: »Hach, nun hab ich wieder die Brote nicht aufgegessen. Wenn ich nach Hause komme, krieg ich ja nichts als Schimpfe.«

Ich dachte: ›Sollst du es sagen oder sollst du lieber schweigen?‹ Es war ein richtiger Kampf in mir. Und dann sagte ich: »Ach, weißt du Inge, wenn du Ärger kriegst, ich würde sie schon essen, ich hab eigentlich immer Hunger.«

Das war ihr dann aber schon sehr peinlich. Zu Hause erzählte sie es ihrer Mutter und die ließ uns dann zur Vorweihnachtszeit eine Tüte Mehl zukommen, damit meine Mutter was backen konnte.

Es war eine friedliche Flucht, sie war ja organisiert …

Was ich in den letzten Jahren kapiert habe: Diese Angst, dass es wiederkommt. Diese Rechten machen mich fertig! Und das ist auch der Grund, warum ich ohne Schamgefühl in der Öffentlichkeit, wenn irgendjemand neben mir solche blöden Sachen sagt, widerspreche: »Ich verstehe Sie nicht, wie können Sie so reden!«

Früher hätte ich geschwiegen. Aber jetzt nehme ich es ernst. Es ist eine Gefahr.

Von wandelbaren Gerüchen, Hosenbeinen und dicken Kuchenblechen

Mit den Flüchtlingen war es so: Meine Mutter lernte auf der Straße eine Frau kennen. Sie weinte furchtbar. Die Frau erzählte, dass sie und ihre Tochter geflüchtet waren, ihr Mann war im Krieg. Sie hatten nichts zu essen und so einen Hunger. Ihr Kind war zwei Jahre jünger als ich, fünf Jahre alt, und es hatte nichts zum Anziehen. Meine Mutter nahm die Frau mit zu uns nach Hause und gab ihr Sachen von mir, aus denen ich rausgewachsen war. Sie hatte bei meinen Schuhen schon die Spitzen abgeschnitten, weil wir keine Schuhe kriegten.

Ich habe das oft von anderen gehört, auch von meiner Freundin, die geflüchtet ist: Sie bekamen auf dem Land ein Zimmer zugeteilt, das nicht beheizt war. Sie hatten kaum zu essen, und die Kinder mussten immer alle mithelfen. Die da auf dem Land sollten sich was schämen, denn das waren ja Deutsche, die geflüchtet sind.

In der Stadt bei uns in Berlin war es so: Wer eine größere Wohnung hatte, musste Zimmer an Flüchtlinge abgeben. In unserem ganzen Haus wohnten überall in den Wohnungen mehrere Familien. Da hat sich keiner gegen gewehrt, von wegen das will ich nicht! Wissen Sie, das gab es nicht! Die waren hier mitten in der Stadt alle verteilt. Wir waren dann auch so viele Kinder in der Klasse, weil so viele geflüchtet sind. Als wir abgingen, waren wir neun 10. Klassen! So viele Kinder waren wir – 35 in der Klasse! Geht alles!

(Edeltraud H., Jg. 1938)

Ich erinnere mich an die Geschichten der Flüchtlinge aus Ostpreußen, die bei uns im Dorf vorbeikamen. Eine Familie hatte erzählt, dass ihr zweijähriges Kind auf der Flucht erfroren war. Die Kleinen konnten ja nicht trockengelegt werden. Die machte sich nass, und dann fror das ein. Sie hatten keine Wäsche mehr. Man kann sich heute die Kälte von 25 Grad minus auf der Flucht gar nicht vorstellen. Es muss schlimm gewesen sein … Wir mussten nur aus Westpreußen fliehen und konnten noch mit dem Zug fahren.

Ich wundere mich immer, dass darüber so wenig geredet wurde. Oder wie soll ich sagen, ich hatte später im Westen sehr viele Freundinnen, auch eine in Bayern, die es ganz normal fanden, dass wir flüchten mussten. Schließlich musste ja jemand den Krieg bezahlen, und das trifft natürlich immer irgendeinen. Damit war für meine Freundinnen das Thema erledigt. Dass das für jemand, der davon betroffen war, nie erledigt ist, weil ja was fehlt, das haben die, glaube ich, bis heute nicht begriffen. Es ist sehr einschneidend, wenn Sie aus Ihrem Umfeld rausgerissen werden. Egal, ob das nun mit einer schlimmen Flucht verbunden war oder nicht. Wir mussten weg und durften nicht wieder zurückkommen – das ist sehr einschneidend. Wir sind nicht immer mit offenen Armen aufgenommen worden. Meine Freundin aus der Schule durfte mich nicht mit nach Hause bringen, weil ich Flüchtlingskind war. Das war ihr streng verboten. Als ihre Eltern mal verreist waren, hat sie mir heimlich das Haus gezeigt. Ist das nicht ein Ding! Als hätten wir die Krätze gehabt. Das verschweigt man heute auch. Also so gut, wie die Flüchtlinge heute aufgenommen werden, wurden wir nicht aufgenommen. Und wir waren das gleiche Volk und hatten nicht mehr verbrochen als die, wo wir hingekommen sind. Das war meinen Freundinnen, die nicht flüchten mussten, irgendwie nicht klar. Das war nicht ganz einfach …

(Kristin K., Jg. 1937)

Wir wurden durch die Polen aus Stettin vertrieben, das hatten die Russen so angeordnet. Das Allernötigste konnten wir auf einem Handwagen mitnehmen. Ich durfte mich als Kind auf den Wagen setzen, das machte mir Spaß. Wir waren Wochen unterwegs. Irgendwann wurde meine Mutter von den Russen mitgenommen. Opa und ich zogen weiter, trieben uns in Scheunen rum, damit wir wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten. In Mecklenburg-Vorpommern liefen wir durch eine Stadt – auf einmal kam uns meine Mutter entgegen. Solche Zufälle gab’s! Sie hatte eine Glatze. Die Russen hatten sie vergewaltigt und dann kahl geschoren – wollten sie nach Russland verschleppen. Da hatte sie gesagt, sie muss mal und war geflohen. Zusammen zogen wir weiter, übernachteten in Scheunen. Die Bauern gaben uns nichts. Wir mussten auf Knien Rüben verziehen. Wir mussten uns das Essen verdienen. Dann bekamen wir auch ein Zimmer. Das mussten wir uns verdienen. Das Schlimmste waren die Bauern, die in Saus und Braus lebten und uns das fühlen ließen. Wir waren damals die Flüchtlinge, die heute aus anderen Ländern kommen. Wir waren einfach nicht willkommen.

(Helga Schwierzke, Jg. 1936)

Wir waren nach Stettin geflüchtet. Weil wir dort fast jede Nacht in den Luftschutzkeller mussten, zogen wir weiter zu Verwandten in den Warthegau. Wir lebten dort in einem deutsch-polnischen Dorf mit einer deutschen Minderheit, das bis 1939 zu Polen gehört hatte. Die Deutschen im Dorf waren die reichen Leute und besaßen Güter rundherum. Ich konnte sehen, wie die Polen schlecht behandelt wurden. Die mussten von den Bürgersteigen runter auf die Straße gehen, wenn wir als Deutsche vorbeikamen, und uns grüßen. Die Fahrräder der Polen waren weiß gestrichen, sodass man sie gleich erkennen konnte. In den Geschäften wurden sie als Letzte bedient. Die Regel war: Solange noch ein Deutscher im Laden ist, werden Polen nicht bedient.

(Alexander A., Jg. 1932)

Nach dem Krieg war Flüchtling ein Schimpfwort. »Du Flüchting!«, haben wir immer gesagt. Wir hatten nachher viele Leute aus Ostpreußen in der Schule. Wir hörten das immer am Namen. Die mit -ky hinten. Orlowsky und wie sie alle hießen. Da hat uns unser Lehrer erzählt, das es eigentlich polnisch ein »von« war. Na ja, dann hieß er eben von Orlowsky …

(Alfred D., Jg. 1936)

Während wir auf der Flucht ständig die Züge wechselten, hing ich so gut es ging am Rockzipfel meiner Mutter. Auf einem der vielen Bahnsteige, auf denen wir umsteigen mussten, hatte ich ein Schlüsselerlebnis, von dem ich jahrelang noch nachts Albträume hatte. Da meine Mutter das Gepäck trug, sagte sie auf diesem Bahnhof zu mir: »Fass die Anneliese an.«

Meine große Schwester wollte ich aber nicht anfassen. Das war das erste und letzte Mal, dass ich als Kind aufmüpfig war. Auf einmal war ich allein! Ich Kleine sah nur noch Hosenbeine um mich herum, die sich bewegten … nur Hosenbeine. Ich fing an zu weinen. So wurden wohl Leute auf mich aufmerksam und holten eine Rot-Kreuz-Schwester. Die Schwester nahm mich an die Hand und war gerade mit mir losgelaufen, als ich plötzlich meine Schwester die Treppe runterkommen sah. Ich rief: »Da ist meine Schwester!«

Ich wusste damals nur, dass ich Roswitha heiße. Ich wusste nicht meinen Nachnamen, und wo ich wohnte und herkam, wusste ich auch nicht. Ich wäre ein Suchkind geworden. Wieder Glück gehabt … Meine Mutter saß währenddessen wie auf Kohlen mit dem Gepäck im überfüllten Zug, der gleich abfahren sollte. Aber Annie hatte mich geholt, und danach war ich immer artig. (Sie lacht.) Sehr lange hatte ich bildliche Direktträume – immer wieder dasselbe. Ich habe mir von Psychologen sagen lassen, dass solche Träume aufhören, wenn ein Kind sich selbstständig weiß. Geblieben sind Träume – die hatte ich ewig –, in denen ich zu spät komme und die Rücklichter von Zügen sehe. Ist das nicht merkwürdig?

Das war meine Kindheit, die mich geprägt hat. Ich habe mich in meinem Leben immer mitnehmen lassen. Ich habe nicht selber Initiative ergriffen. Ich habe auch nicht gesagt: ›Nee, das will ich nicht, oder das mach ich nicht.‹ Ich hab alles gemacht. Total angepasst. Das war nicht so gut für mich …

Jedenfalls haben wir es überlebt. Die Menschen haben Fürchterliches durchgemacht. Ich kann nur hoffen, dass sowas nie, nie wieder passiert. Es war schon sehr schlimm.

Ich merke, je älter ich werde, desto mehr denke ich an die Zeit zurück. Warum bloß? Merkwürdig …

(Roswitha Weiß, Jg. 1939)

Gerüche sind wandelbar. Zum Schluss des Krieges umgab uns ein ständiger Verwesungsgeruch. Ringsum war Tod. Ja, Tod und Verderben, sagt man immer, aber es war ringsum Tod, und es war ringsum Verwesung. Ich kann mich erinnern, als wir auf Kähnen die Ostsee entlanggeflüchtet waren und auf Rügen lagen und auf die Russen warteten, da starben auch Menschen. Die mussten ja beerdigt werden. Einige Leute waren bereit, Gräber zu schaufeln, wo sie die Toten einfach reinlegten. Ich guckte zu. Als ein toter Soldat nicht in das vorher geschaufelte Grab passte, wurde dem der Kopf abgehackt und danebengelegt. Anstatt das Grab größer zu machen, die Arbeit wollte man sich nicht mehr machen, ja … Das hat natürlich auch gestunken. Es war ja ein Toter, und die Leichenflüssigkeit kam raus und roch entsprechend. Der Geruch ging über das ganze Lager. Auf den Kähnen hatten wir das Problem, wo die Notdurft verrichtet werden konnte. Toiletten hatten wir nicht. Wir mussten es irgendwie über Bord bekommen. Und als wir tagelang im Hafen lagen, wurden auch keine Toiletten aufgestellt. Es wurden Donnerbalken geschaffen, auf die wir raufmussten, oder man hat sich die Hosen vollgemacht. Die Exkremente, die hinter den Donnerbalken fielen, umwehten nachher den ganzen Hafen. Und diesen Geruch haben Sie dann intus. Ich sag das jetzt mal ein bisschen drastisch, es roch nach Scheiße, Dreck und Tod. Und das hat Sie auch verfolgt. Das hat im Grunde genommen angedauert, bis wir wieder einigermaßen normale Verhältnisse hatten. Also bis die Russen im August, September 45 aufhörten, jeden zu erschießen, der ihnen nicht gefiel, oder jede Frau zu vergewaltigen. Dann ging auch der Geruch zurück. Es gab wieder ein bisschen Pflege und Reinlichkeit, obwohl wir gar keine Mittel hatten, keine Seife, nichts. Ich weiß nicht mehr, wie wir das gemacht haben. Wasser hatten wir. Ein Glück! Also, die Gerüche sind tatsächlich andere im Krieg und umwehen dann auch mehr oder minder jedes Tun. Sie werden davon bestimmt. Wenn ich daran denke, als ich die Bahnstrecke von Ueckermünde nach Berlin langlief, weil die Schienen von den Russen rausgerissen worden waren, lagerten auf den Bahnhöfen überall Flüchtlinge. Die waren auch umweht von den Gerüchen. Ich roch schon ein paar Kilometer vorher, dass ich in die Nähe eines Bahnhofs kam. (Er lacht.) Es war wirklich so. Eigentlich auch erklärlich …

(Burkhard C., Jg. 1932)

Ende 44 hörten wir plötzlich Kanonendonner. Die Stadt war in Aufregung. Die Russen! Die Russen kamen langsam näher. Was jetzt machen? Meine Mutter, sehr clever, horchte rum. An einem Vormittag sagte sie plötzlich: »Nimm deine Schultasche und tu das rein, was du gerne möchtest, wir gehen sofort zum Bahnhof und fahren raus aus Ostpreußen.«

Meine Mutter bepackte in höchster Eile den kleinen Kinderwagen mit ein paar Windeln. Wir ließen alles in der Wohnung, hatten nur das Allernötigste bei uns. Am Bahnhof stand ein völlig überfüllter Rot-Kreuz-Zug mit verwundeten Soldaten und Müttern mit Kindern. Man presste in den Zug rein, was reinging. Wir hatten Glück. In unserem Abteil saßen vier oder fünf Familien. Die Kinder lagen in den Betten und die Erwachsenen auf der Erde. Ich auch. Kein Platz. Die Gänge waren voll. Ich hörte die Schreie von den Verwundeten, die in den anderen Abteilen lagen. Der Zug fuhr mit uns nach Dresden. Der Hauptbahnhof lag in Trümmern! Diesen Eindruck habe ich bis heute nicht vergessen. Es war nichts mehr von Dresden da. Mit Bussen wurden wir auf die Dörfer verteilt. Wir bekamen eine kleine Wohnung bei einem Bauern in Friedrichsfelde, eine Küche mit einer kleinen Kammer. Meine Schwester schlief im Kinderwagen und ich mit meiner Mutter im Bett in der Kammer.

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625 p. 26 illustrations
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9783955102685
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