Read the book: «LiebesTaumel»
Vorwort
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Impressum neobooks
LiebesTaumel
von
Axel Adamitzki
Vorwort
Hinweis:
Das vorliegende Buch ist eine überarbeitete Ausgabe des Buches, das 2015 unter dem Titel ›Das Erbe von Hohenberg‹ und 2016 unter dem Titel ›Heritage‹ beim Droemer-Knaur Verlag unter meinem Pseudonym ›Andrea von Schlondorf‹ erschienen ist. Alle Rechte an dem Werk liegen beim Autor.
Die Kunststudentin Vivian liebt den jungen Schauspieler Clemens, der seine erste Rolle in einer Daily Soap übernommen hat. Vivian hat Angst, dass er sie über seine mögliche Berühmtheit vergessen könnte.
Doch dann kommt plötzlich alles anders. Vivians unbekannter Vater, der vor Wochen verstorben ist, hat ihr den Titel einer Gräfin und die Hauptanteile einer Privatbank hinterlassen. Die Adelsfamilie, zu der sie auf einmal auch gehört, ist ein Haifischbecken. Man ist nicht bereit, sie als Erbin zu akzeptieren. Man bedroht sie, man macht ihr Angst, man will sie loswerden. Über all das verlieren sich Vivian und Clemens mehr und mehr aus den Augen.
Hat ihre Liebe dennoch eine Chance? Oder gibt es da eine andere Liebe?
Impressum
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors. Das nachfolgende Werk ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt, auch stimmen Orte und ihre Beschreibungen nicht mit der Wirklichkeit überein. Markennamen sowie Warenzeichen, die im vorliegenden Werk Verwendung finden, sind Eigentum ihres rechtmäßigen Eigentümers.
Alles ist nur Fiktion, und doch – emotional und abstrakt betrachtet – wäre alles genau so möglich.
ca. 195 Normseiten.
Axel Adamitzki
Scheiblerstraße 81
47800 Krefeld
adamitzki@t-online.de
www.axel-adamitzki.de
Schlusslektorat: Bianca Weirauch, Weida
Covererstellung: A. Adamitzki, Krefeld
Bildnachweis: www.depositphotos.com
Kapitel 1
Der Februar ging zu Ende. Trüb und grau drängte ein neuer Morgen durch das Fenster, blieb bald vollständig in den dünnen geschlossenen Gardinen hängen und schaffte es kaum in die hinterste Ecke des Appartements, in der das Bett stand.
Vivian lag in Clemens´ Arm. Er strich ihr zärtlich durch das dunkelbraune, fast schwarze Haar und wartete auf das erste Blinzeln, auf das erste Anzeichen, dass sie erwachte.
Das Streicheln holte Vivian aus einem traumlosen Schlaf und brachte sie zurück in die Wirklichkeit. Es war eine Wirklichkeit, die ihr Leben seit gestern Abend für die nächsten sechs Monate verändern sollte – so war es geplant.
Das möblierte Appartement gehörte der Firma, die die Daily Soap ›Die Liebe siegt‹ produzierte und war Clemens zur Verfügung gestellt worden. Vor einem Jahr hatte er die Schauspielschule in Stuttgart erfolgreich abgeschlossen, und die Rolle eines Schurken in dieser Soap war sein erstes wirkliches Engagement.
»Das ist mein Sprungbrett«, hatte er gesagt, gebrüllt, schlankweg frohlockt, als er die schriftliche Zusage in den Händen gehalten hatte. Und immer wieder war er wie ein kleiner Junge durch seine Wohnung in Überlingen gehüpft. »Mein erstes Engagement, mein Sprungbrett«.
Vivian freute sich für ihn, doch machte dieses ›Sprungbrett‹ sie auch kleinmütig.
Villingen-Schwenningen war nur etwa achtzig Kilometer von Überlingen entfernt, das war nicht das Problem, die Schauspielschule in Stuttgart war weiter weg gewesen, vielmehr beunruhigte sie die Veränderung, das wirkliche Leben, das jetzt für Clemens begann.
Und was wird dann aus uns?, hatte sie sich während seines Jubels immer wieder gefragt – innerlich und lautlos natürlich. Äußerlich hatte sie sich beinahe aufrichtig für ihn gefreut.
Ihre gemeinsamen Pläne, die anders ausgesehen hatten, waren durch dieses Engagement durcheinandergeraten. Eine gemeinsame Wohnung hatten sie, zumindest für das nächste halbe Jahr, gedanklich zurückgestellt. Einen anderen Wunsch, ihren sehnlichsten, von dem Clemens noch nichts wusste, den sie aber seit längerer Zeit in sich trug, würde sie erst in ein oder zwei Monaten langsam an ihn herantragen können. Vielleicht! Jetzt ging das nicht, er würde sich bedrängt fühlen, verpflichtet, am Ende würde er ihr diesen Wunsch verübeln und sich vorschnell und ungewollt von ihr zurückziehen – ein schrecklicher Gedanke.
Vivian hob den Kopf, küsste ihn zweimal auf die nackte Brust, legte die Hand auf seinen muskulösen Oberarm und schmiegte sich wieder an ihn. Sie wollte nicht aufstehen, noch nicht.
Gestern Abend hatten sie einige persönliche Sachen aus seiner Wohnung in Überlingen hergebracht, hatten versucht, diesem Appartement eine eigene, eine wohnliche Note einzuhauchen: durch sieben Bilder, die jetzt die Wände im Flur und in dem Wohn- und Schlafraum verschönerten; durch einen großformatigen Kalender mit Motiven von Mark Rothko – an der Wand neben der Küchenzeile –; durch Bücher, die inzwischen auf dem Regal standen; durch ihre Lieblingsbettwäsche, schlafende Katzen auf lindgrünem Hintergrund und durch weitere ausschmückende Details.
Sie waren erst lange nach Mitternacht fertig gewesen. Vivian wäre fast schon unter der Dusche eingedöst, und sie hatte kaum das zweite Bein im Bett gehabt, da war sie bereits eingeschlummert – obwohl sie es nicht wollte, obwohl sie ihn noch verführen wollte. Sie hatte sich den ganzen Tag darauf gefreut ... und war dann vor Erschöpfung einfach eingeschlafen.
»Guten Morgen, da bist du ja«, sagte Clemens. »Hast du gut geschlafen?« Zärtlich küsste er ihr Haar. »Und hast du was Schönes geträumt? Du weißt ja, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, geht in Erfüllung.«
Vivian überlegte nicht lange und antwortete, jetzt hellwach: »Leider nicht. Ich hab nur einfach geschlafen ... wie ein Stein.«
Er hob eine Augenbraue und dachte kurz nach. »Das freut mich, denn ich glaube, das ist auch ein gutes Zeichen.« Und wieder strich er ihr durch das halblange Haar und küsste es dabei. »Möchtest du frühstücken?«
Vivian schüttelte den Kopf. Sie wollte jetzt nicht frühstücken, sie wollte etwas anderes, sie wollte endlich ihn, und sie ließ die Hand von seinem Oberarm nach unten gleiten, strich ihm über die Brust, über den Bauch und tiefer ...
»Was machst du da?«
»Wonach fühlt es sich an?«
»Du böses Mädchen.«
»Möchtest du lieber ein braves Mädchen?«
Sie zog die Hand zurück, und mit arglos naiver Stimme sagte sie: »Wir können natürlich auch frühstücken.«
Sie wusste genau, wie er reagieren würde, wie bald jeder Mann reagieren würde, aber zwischen ihnen war es mehr, war es ein Spiel, beinahe ein Ritual – vom ersten Tag an.
Vor über drei Jahren, als Vivian ihm auf einer Party begegnet war, war es nicht sein sportliches Auftreten, waren es nicht die dunkelblonden, welligen und nackenlangen Haare, die sie beeindruckt hatten, es waren die graublauen Augen gewesen, die ruhig und dabei gelangweilt das Treiben auf der Party beobachteten.
Er stand allein in einer Ecke des Partykellers seines Freundes, hielt sich an einer Flasche Bier fest und schüttelte jedes Mal den Kopf, wenn er zum Tanzen aufgefordert wurde. Seinem Aussehen nach war er ein Frauentyp, und obwohl er bereits vierundzwanzig war, schien er das nicht zu wissen, denn er wirkte furchtbar schüchtern.
Vivian hatte sich augenblicklich und unsterblich in ihn verliebt, in seine Art, in diese Zurückhaltung, in diese graublauen Augen.
Sie wusste es sofort, er ist es und kein anderer, nie würde sie einen anderen Mann – einen anderen Kerl! – so lieben wie ihn. Doch sie musste es langsam angehen.
Tanzen wollte er nicht, da war sie sich sicher, also stellte sie sich neben ihn, fast blicklos, reichte ihm wie selbstverständlich eine neue Flasche Bier und sah den Leuten auf der Tanzfläche zu.
Ein harmloses Gespräch über Popmusik und Sport entwickelte sich allmählich, wovon beide keine Ahnung hatten, und sie lachten darüber.
Und die nächsten Stunden vergingen rasend schnell, viel zu schnell.
»Ich werde dann mal ...«, sagte Clemens irgendwann mitten im Gespräch. Das ging natürlich nicht, er konnte nicht einfach gehen, Vivian hatte anderes mit ihm vor.
»Wie spät ist es denn?«
»Kurz nach zwei.«
»Oh, dann muss ich auch los. Ich kann dich ja noch ein Stück begleiten, dann musst du nicht so einsam durch die Nacht ... Nicht, dass dich noch irgendwelche Frauen anfallen«, hatte sie scherzhaft gesagt.
Und er war darauf angesprungen. »Gern. Aber dann bringe ich dich nach Hause, wenn du erlaubst.«
Vivian hatte nur genickt, gleichgültig, fast unschuldig, doch waren ihre Gedanken, ihre Gefühle keineswegs unschuldig gewesen, denn sie wollte ihn an diesem Abend, in dieser Nacht ... sie wollte ihn verführen oder von ihm verführt werden.
Vivian gestand sich ein Empfinden, ein Verlangen ein, das sie bis dahin an sich nicht gekannt hatte, wovon sie bis dahin nicht einmal geträumt hatte. Aber sie war auch noch nie so verliebt gewesen.
Er hatte sie brav nach Hause gebracht, und sie hatte ihn noch auf einen Kaffee eingeladen. Er war auf der Couch gesessen, beinahe ein wenig schüchtern, und hatte wohl tatsächlich auf einen Kaffee gewartet. Nach kurzer Zeit ergriff Vivian schließlich die Initiative und küsste ihn vorsichtig, doch er reagierte kaum.
Entmutigt hatte sie Clemens angesehen und mit enttäuschter und naiv klingender Stimme gesagt: »Wir können natürlich auch einen Kaffee trinken.«
Doch diese Worte, dieser enttäuschte, naive Klang ihrer Stimme, hatten ihn geweckt, das hatte er ihr später erzählt. Und sie hatten sich geliebt, den Rest der Nacht und den ganzen nächsten Tag.
Und nach drei Jahren konnten sie noch immer nicht genug voneinander bekommen ... es war echte Liebe ... Und nach drei Jahren reagierte er auch noch immer ungestüm und unersättlich auf diesen enttäuschten, naiven Klang ihrer Stimme – den nur er kannte.
Clemens packte sie, ganz zärtlich. Vivian versank in seinen Armen und schmiegte sich an seinen nackten Körper. So begann es. Immer. Und sie liebten sich, waren bald eins, ein Körper, ein Fühlen, eine Seele. Alles um sie herum war alsbald bedeutungslos und nichtig.
Und nie sollte es anders sein. Nie! Schworen sie einander erneut, als sie verschwitzt und ermattet nebeneinanderlagen.
*
Eine Stunde später saßen sie am Frühstückstisch.
»Wann musst du in diesem Studio sein?«, fragte Vivian und hoffte, nicht wehmütig zu klingen.
»Um eins.«
Es war jetzt kurz vor zwölf.
»Musst du nicht auch noch in die Akademie?«
Sie nickte nur und holte sich eine weitere Tasse Kaffee.
Vivian studierte an der Freien Kunstakademie in Überlingen und stand kurz vor ihrem Abschluss. Die Bildhauerei hatte es ihr angetan, speziell Freiplastiken aus Metall. Trennen, Schleifen und Schweißen waren Arbeiten, die sie während ihres Studiums kennengelernt hatte und die sie von Anfang an fasziniert hatten. Ihre Professoren bescheinigten ihr einen kreativen Blick für das Wesentliche. Letztes Jahr war ihre Plastik ›Mutter mit Kind im Arm‹, die ausschließlich aus großen und kleinen Blechzylindern, aus verschieden großen Blechkegeln und kurzen und langen Stahlstäben bestand, auf der ›Lindauer Kunstwoche‹ für ihre erstaunliche Tiefenwirkung mit dem zweiten Preis gekürt worden. Das Kunstwerk hatte noch an Ort und Stelle einen älteren Liebhaber gefunden, der es für die horrende Summe von fünfundzwanzigtausend Euro gekauft hatte. Dieses Geld befreite Vivian für viele Monate von der finanziellen Unterstützung durch ihre Mutter.
Ab und an hatten sich weitere Interessenten für ihre Objekte gemeldet, doch war es bislang zu keinem erneuten Verkauf gekommen – keines ihrer anderen Objekte hatte einen Preis gewonnen.
Auch heute war sie um drei Uhr mit einem Interessenten verabredet – doch das hatte noch Zeit. Viel wichtiger waren, jetzt und hier, andere Fragen: »Wie lange wird es wohl heute in dem Studio dauern?«
Clemens zuckte die Achseln.
Vivian sah ihn betrübt an. Woher sollte er es auch wissen, es war sein erster Tag am Set, wobei es heute eigentlich nur um Vorbereitungen gehen sollte – ein erstes Kennenlernen war angekündigt.
»Dann schick mir zwischendurch immer mal eine SMS«, sagte sie mit wehmütiger Stimme.
Er lächelte. »Mach ich. Und du auch.«
»Ich?« Vivian sah ihn fragend an, was sollte schon Wichtiges in ihrem Leben passieren.
»Vielleicht verkaufst du ja wieder eines deiner Werke ... für viel, viel Geld.«
»Ach so, ja, vielleicht«, sagte sie und wirkte nicht sehr hoffnungsvoll. Viel wichtiger war er, waren sie beide. »Sehen wir uns dann später noch?«
»Sicher, Vivian. Heute Abend bin ich wieder in Überlingen.«
Das wollte sie hören.
»Ich freue mich schon. Ich möchte dann auch alles erfahren, vom Set, von deiner Rolle, von deinen Kollegen.«
Vivian drängelte ein wenig und war verunsichert, ängstlich. Doch wenn er sie wirklich liebte, dann würde er das verstehen.
»Und ich schicke dir eine SMS«, fuhr sie fort, »kurz bevor ich komme. Dann hast du noch genug Zeit, um deine hübschen Kolleginnen wegzuschicken. Hier oder in Überlingen.«
»Gute Idee. Tu das«, antwortete Clemens mit der gleichen Ironie und nahm sie noch einmal in den Arm.
»Schluss jetzt damit. Heute Abend feiern wir zu zweit meinen Einstand am Set, nur wir beide.«
Ja, das werden wir, dachte Vivian, und sie freute sich.
Wenig später war Vivian dann auch schon auf dem Weg in die Akademie. Der Himmel über ihr glich einer grauen verwaschenen Wand. Ein paar bedeutungslose weiße Wolken, die darunter rasch dahinzogen, veränderten stetig ihre Formen, lösten sich schließlich auf und verschwanden bald gänzlich in dieser tristen Unendlichkeit.
Auf der rechten Spur der Autobahn reihten sich Lkw an Lkw. Vivian, in ihrem roten Polo, fuhr zügig an dieser endlosen Schlange vorbei, als ihr Mobiltelefon piepste.
Sie suchte augenblicklich eine Lücke, fädelte sich ein und fuhr im Strom der Lkw. Sie blickte auf das Display. Ein Herz ... von Clemens. Ein Lächeln huschte ihr über das Gesicht. Sie schickte ihm einen Kuss und fuhr glücklich weiter. Als sie aus der Schlange ausscheren wollte, piepste es erneut. Lächelnd sah sie nochmals auf das Display. Er hatte etwas geschrieben. Nein! Diese Nachricht war nicht von ihm, sie war von ihrer Mutter:
>Melde dich bitte. Umgehend! Es geht um deinen Vater.
Vivian starrte auf das Display, war fassungslos und erschrocken.
»Was?«, rief sie lauthals ins Innere des Autos. »Um meinen Vater?«
Vivian schüttelte den Kopf. Sie war betroffen. Und wieder bremste sie, unabsichtlich und hart. Der hinter ihr fahrende Lkw musste heftig auf die Bremse steigen. Er hupte, lange und sichtbar genervt. Doch das bekam Vivian kaum mit, denn für einen Moment schnürte sich ihr Magen zusammen, presste sich der Gurt mit unsagbarer Kraft auf den Brustkorb, sie konnte kaum atmen, und sie wurde blass.
»Mein Vater?«, rief sie erneut entgeistert ins Auto und fuhr irritiert weiter. Vivian begriff diese zwei Worte nicht, sie begriff diese SMS ihrer Mutter nicht.
Vivian war fünfundzwanzig Jahre alt. Sie war ohne Vater aufgewachsen und hatte bislang vergebens versucht, von ihrer Mutter zu erfahren, wer ihr Vater war ... und dann diese SMS?!
Ihre Mutter hatte auf all ihre Fragen nach ihrem Vater nur einmal, vor vielleicht fünfzehn, sechzehn oder achtzehn Jahren, geantwortet: »Nie werde ich darüber reden, niemals!« Und danach hatte sie geschwiegen. Nicht eine einzige Andeutung hatte sie je gemacht. Nicht eine.
In Vivians Geburtsurkunde stand: Vater unbekannt.
Aber eigentlich war er mehr als unbekannt, er war nicht existent, er war ihrer Mutter in fünfundzwanzig Jahren nicht ein einziges Wort wert gewesen. Und jetzt diese SMS von ihr: Es geht um deinen Vater!
Vivian schüttelte den Kopf, begriff es nicht, und plötzlich begannen ihre Hände zu zittern, der Kopf, die Beine, die Gedanken ... aber warum? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur eines: Alles andere war schlagartig unwichtig. Alles!
Es geht um deinen Vater.
Wie sehr diese Worte ihr Leben, sie selbst, verändern sollten, wusste sie in diesem Moment noch nicht.
Glücklicherweise.
Kapitel 2
In Villingen-Schwenningen hatte sich der trübe Tag kaum wahrnehmbar aufgehellt. Clemens bemerkte es nicht, er war zu aufgeregt. Der erste Tag am Set.
Susanne Gerhardt und Elisabeth Merck, zwei unbekannte Kolleginnen etwa in seinem Alter, also auch noch keine dreißig, fingen ebenfalls an diesem Freitag an und warteten, wie er, genauso unruhig im Flur an der Tür zum Set. So hatte es ihnen Gabi, die Assistentin des Regisseurs, vor einigen Tagen am Telefon erklärt. »Warten Sie dort, Egi wird Sie da abholen. Kann vielleicht etwas dauern«, waren ihre Worte gewesen.
Egi Bernhardt, der Regisseur, trat zehn Minuten nach eins durch die Tür vom Set, begrüßte sie und bat sie gleich in seinen ›Privatbereich‹, einen kärglichen Raum, ein Kabuff, etwas abseits.
»Tut mir leid, dass es hier so unaufgeräumt ist, aber es findet sich einfach niemand ... egal. Setzt euch.«
Er zeigte auf einen Stuhl und eine schmale Liege, ging um seinen Schreibtisch herum, öffnete das einzige Fenster im Raum und setzte sich.
In einem Regal rechts von ihm stapelten sich Papiere, Unterlagen und Rollenbücher, genauso wie auf dem Schreibtisch, doch zusätzlich standen hier noch drei Aschenbecher und vier leere Kaffeetassen herum.
Elisabeth setzte sich eiligst auf den freien Stuhl, für Susanne und Clemens blieb lediglich die Liege. Vorsichtig, nur auf der Vorderkante, nahmen beide Platz, ohne sich zu berühren, ohne die Liege wirklich zu berühren.
»Ihr müsst entschuldigen, aber das ist im ganzen Studio der einzige Platz, an dem man rauchen darf. Außer draußen natürlich. Raucht ihr?«
Die drei Neuen schüttelten wortlos und im Takt den Kopf.
»Gut für euch«, sagte er, schob einen Aschenbecher zur Seite und griff nach den Rollenbüchern. »Denn draußen ist es noch arschkalt.«
Sein Mobiltelefon klingelte. Hektisch zog er es hervor, blickte auf das Display und drückte den Anrufer wortlos weg.
»Also, jetzt zu euch. Heute läuft es hier nicht gut, ich möchte fast sagen, es läuft richtig beschissen. Aber dafür könnt ihr glücklicherweise noch nichts ... Eure Rollen?« Wieder wühlte er sich durch die Rollenbücher, durch die Skripte, fand aber nicht, wonach er suchte, nahm sein Mobiltelefon hervor und drückte eine Kurzwahltaste.
»Gabi, wo sind denn diese verdammten Skripte für die Neuen? ... Hier liegt nichts ... Die sollen Montag anfangen, und nichts ist organisiert, das ist scheiße, Gabi«, brüllte er augenblicklich ins Telefon. Einen Moment später griff er links auf einen Stapel Papiere, sah sie sich genauer an und maulte: »Nächstes Mal legst du sie ganz einfach offensichtlich hin und versteckst sie nicht auf meinem Schreibtisch, ist das so schwer? Wo bist du überhaupt? ... Dann sieh zu, dass du schleunigst herkommst, hier ist der Teufel los.«
Er legte auf, drückte seine Zigarette aus, zündete sich eine neue an und schob drei Rollenbücher über den Schreibtisch.
»Hier, für euch, ihr wisst ja, welche Rollen ihr übernehmen werdet. Gabi wird gleich zurück sein und sich dann weiter um euch kümmern. Ich muss jetzt wieder. Nebenan ist so eine Art Kantine. Da gibt es Kaffee und Tee und Wasser. Und Sandwiches müssten auch noch da sein. Wartet da so lange.«
Und weg war Egi.
Was für ein Auftritt, dachte Clemens, und er lächelte.
»Du lachst«, sagte Susanne und blickte noch immer in die Richtung, in die Egi verschwunden war. »Ich finde das überhaupt nicht komisch.« Und leise ergänzte sie: »Das kann ja heiter werden.«
Gabi, die Assistentin, eine kleine, pummelige, etwa vierzigjährige Frau mit hektischen Augen, war zwanzig Minuten später bei ihnen.
»Egi habt ihr ja schon kennengelernt. Er ist nicht immer so. Meistens ist er noch schlimmer.« Und sie lachte. Clemens und Elisabeth lachten mit, Susanne fand das überhaupt nicht lustig.
Dann erklärte Gabi ihnen den Ablauf: »Um acht Uhr beginnen die Arbeiten. Alle müssen anwesend sein, egal, wann sie drankommen, außer sie sind an dem Tag definitiv nicht dabei, dann haben sie frei. Jeden Tag wird eine Folge abgedreht, mit Ausnahme der Außenaufnahmen, aber das ist jetzt nicht wichtig. Hier ...«, sie zeigte auf die Teile im Skript. »Das sind die Sätze, die bis Montag sitzen müssen. Und mit sitzen, meine ich wirklich sitzen. Es gibt ein bis zwei Stellproben, aber keine zehn Klappen. Doch das hat man euch ja im Vorfeld schon alles erklärt. Zeit ist Geld, und dieser Satz gilt hier besonders. Die Maske und alles andere seht ihr dann am Montag. Lernt euren Text, und seid Montag pünktlich um acht hier, und seid ausgeschlafen. Okay?
Übrigens, morgen sind Außenaufnahmen im Stadtgarten, wenn ihr nichts anderes vorhabt, dann schaut mal vorbei. Ihr müsst aber nicht.
Ach eines noch, es kann abends schon mal zehn Uhr werden, bis hier die Lichter ausgehen. Also, nehmt euch nicht schon für acht Uhr was vor, zumindest nicht von Montag bis Freitag. Noch irgendwelche Fragen?«
Die drei Neuen schüttelten nur den Kopf. Sie waren angekommen in der Welt der Soaps, auf dem ›Sprungbrett‹ zu einer steilen Schauspielerkarriere – wie sie gehofft hatten, wie alle hofften. Doch Zeit ist Geld. Und hier hatte man scheinbar weder das eine noch das andere ... in angemessenem Maße.
Kurz vor drei waren sie wieder draußen. Elisabeth verschwand wortlos. Susanne blickte Clemens eindringlich an.
»Hast du noch Lust auf einen Kaffee?«
»Tut mir leid, aber heute geht es nicht.«
»War ja auch nur ... Dann vielleicht ein andermal.«
»Ganz bestimmt.«
Und blicklos verschwand auch Susanne.
Clemens überquerte die Straße und schickte Vivian eine erste SMS: >Alles schon erledigt. Komme gleich nach Überlingen. Freue mich auf dich. LG.
Clemens ging langsam zu seinem Appartement und dachte über die letzten Stunden nach. Er spürte etwas in sich, etwas, das er befürchtet hatte, etwas, das er in seiner Euphorie über dieses Engagement gänzlich zur Seite gedrängt hatte, worüber er jetzt auch nicht nachdenken wollte. Vielleicht irrte er sich ja.
Heute Abend wollte er feiern, mit Vivian, in Überlingen. Nach Villingen-Schwenningen würde er erst am Sonntagnachmittag zurückkehren. Acht Sätze mussten bis Montag sitzen, und dafür benötigte er maximal einen Abend. Und die Außenaufnahmen, morgen, würde er sich schenken.
Gegen vier Uhr, kurz bevor er losfuhr, rief er Vivian an, doch sie meldete sich nicht. Und auch eine weitere SMS – >Ich freue mich auf dich. Kann es kaum erwarten, dir alles zu erzählen und dich zu küssen. LG. –, blieb lange ohne Antwort. Erst als er in Überlingen eintraf, piepste sein Mobiltelefon.
>Ich kann heute nicht. Ich bin bei meiner Mutter. Vielleicht bleibe ich heute Nacht hier. Ich melde mich. LG.
Lange blickte er auf diese Zeilen. Was war geschehen? Kein Herz, kein Kuss, kein ›Ich liebe dich‹, nicht einmal ein ›Ich freue mich auch auf dich‹.
Nichts.
Noch einmal versuchte Clemens, sie zu erreichen, doch wieder sprang nur die Mailbox an.
Nachdenklich blätterte er schließlich das Skript durch und überflog seine acht Sätze, die ziemlich anspruchslos waren.
*
»Hier.« Sabine Schreiber überreichte ihrer Tochter einen Brief. »Ich habe auch einen bekommen. Ich hoffe, das ist reine Formsache. Gern hätte ich dir all das erspart. Und ich hoffe außerdem, dass du mich irgendwann verstehen wirst.«
Vivian sah ihre Mutter verwirrt und fassungslos an. Ohne Umwege war sie von Villingen-Schwenningen direkt zu ihr gefahren.
»Was ist das?«
Zynisch und auch ein wenig ängstlich sagte Vivians Mutter: »Dein Vater ... Er ist vor zwei Wochen gestorben, und das hier ist offensichtlich seine letzte Genugtuung.«
Genugtuung? Wofür?, dachte Vivian. Und merkwürdig, sie empfand nichts bei den Worten ihrer Mutter: Dein Vater ist vor zwei Wochen gestorben ... Seit sechzehn Jahren war ihre Mutter mit Manfred zusammen, und irgendwie war er in der Zwischenzeit zu einer Art Ersatzvater für sie geworden. Doch befremdlich empfand Vivian den Zynismus und die unüberhörbare Angst in den Worten ihrer Mutter. Genugtuung ... eines Toten?
Vivian blickte abermals auf den Brief, und erneut fragte sie: »Aber was ist das? ... Von ihm?«
»Mach ihn auf. Es ist eine Einladung zur Testamentseröffnung. Irgendetwas hat er dir hinterlassen.« Höhnisch und besorgt ergänzte sie: »Irgendetwas hat er auch mir hinterlassen. Wobei ich nicht weiß, ob uns das glücklich machen wird.«
Vivian erstaunten die Worte ihrer Mutter.
»War er so schlimm? Aber ... hast du ihn nicht irgendwann einmal geliebt? Oder hat er dich mit Gewalt ...?«
»Unsinn.«
»Was? Dass du ihn geliebt hast?«
Empört sah Sabine ihre Tochter an, schien sich aber rasch wieder zu beruhigen.
»Sei nicht so frech. Natürlich habe ich ihn geliebt, sonst gäbe es dich nicht. Doch mehr sage ich nicht.«
So viel wie eben hatte ihre Mutter in fünfundzwanzig Jahren nicht von ihrem Vater erzählt. Und doch war es so gut wie nichts.
»Wann ist denn die Beisetzung?«
»Die war bereits. Und auch deshalb sage ich dir, wir haben nichts mit ihm und dieser Familie zu tun.«
Nichts? Und doch sollen wir bei der Testamentseröffnung dabei sein, dachte Vivian und wusste nicht, was sie von all dem halten sollte, wie all das zusammenpasste.
»Und wann ist diese Testamentseröffnung?«
Aber ohne die Antwort abzuwarten, wurde Vivian plötzlich unruhig. Sie hörte die Worte ihrer Mutter nicht – »Nächsten Mittwoch!« –, sie blickte nur auf den Brief, denn sie begriff, dort würde sie endlich den Namen ihres Vaters finden. Ganz sicher. Endlich würde er seine Existenzlosigkeit verlieren, würde er ein menschliches Antlitz bekommen.
Mit zitternder Hand riss sie das Kuvert auf, überflog die Zeilen, suchte nach einem Namen, nach seinem Namen, fand ihn nicht gleich, bis sie begriff, dass der Name, der etwas größer herausgestellt worden war, der allzu offensichtlich war, der Name ihres Vaters sein musste. Und er war es.
Vivian starrte ihre Mutter ängstlich und fassungslos an, und sie räusperte sich, schluckte trocken und fast piepsend quetschte sie den Namen hervor: »Hektor ... Graf zu Hohenberg ... Ein Adliger ist mein Vater?«
Ihre Mutter nickte kaum merklich.
Sekunden der Stille vergingen, nicht einmal das Klingeln von Vivians Mobiltelefon konnte diese Stille durchbrechen, blieb einfach ungehört.
Die beiden Frauen standen in der ›Rumpelkammer‹ ihrer Mutter, zwischen einem Korb mit Wäsche und einem Regal voller Akten, vor einem Bügelbrett und einem Staubsauger, der vor dem Regal lag, und betrachteten einander. Wortlos. Vivian wartete, doch es kam nichts. Ihre Mutter nahm ein Handtuch aus einem Korb und legte es zusammen. Sie wollte nicht reden. Vivian hatte zusehends das Gefühl, einer fremden Frau gegenüberzustehen.
Ein Graf war ihr Vater. Ein Adliger. Wie konnte das sein? Nie hatte es Kontakte zu dieser völlig fremden Schicht gegeben.
»Und du willst mir nichts dazu sagen?«, fragte Vivian schließlich.
Sabine Schreiber presste die Lippen fest aufeinander und schüttelte entschieden den Kopf.
Vivian war enttäuscht und erbost und wütend – und furchtbar ohnmächtig. Tränen liefen ihr die Wangen herunter, doch ihre Mutter blieb stumm, nahm ein weiteres Handtuch aus dem Korb, hob schließlich den Kopf und sah blicklos durch ihre Tochter hindurch, etwas, das Vivian an ihr nicht kannte, etwas, das sie mutlos und traurig machte.
»Ich denke, dann habe ich heute hier nichts weiter verloren.«
Vivian verließ die ›Rumpelkammer‹, drei Schritte später folgte ihre Mutter, noch immer das Handtuch zwischen den Fingern. An der Wohnungstür blieb Vivian noch einmal stehen.
»Ich bin enttäuscht von dir, Mama. Und wie soll ich dich je verstehen, wenn du nichts sagst. Ich finde es schade. Über alles konnten wir reden. Immer. Nur was meinen Vater angeht, da bist du irgendwie ... wie soll ich es sagen ..., da bist du irgendwie nicht meine Mutter.«
Zwei Minuten später saß Vivian wieder in ihrem roten Polo und verließ, im Schritttempo des Feierabendverkehrs, Lindau. Sie fuhr am Bodensee entlang, ohne ihn zu sehen, ohne das Glitzern der Frühlingssonne, die sich endlich durch die graue Wolkenwand gekämpft hatte, auf den Wellenkämmen wahrzunehmen.
Vivian dachte immer wieder nur an ihre Mutter.
Warum war sie so verschlossen? Warum erzählte sie ihr nichts von ihrem Vater, jetzt, wo er tot war? Jetzt, wo Vivian wusste, wer er war?
Aber wusste sie denn, wer er war?
Sie kannte seinen Namen, den sie sich nicht einmal gemerkt hatte, so unwichtig war er ihr in diesem Moment vorgekommen. Wichtig war ihre Mutter, war ihr Schweigen, wichtig war das Gefühl der Abneigung, das sie das erste Mal ihrer Mutter gegenüber empfunden hatte. Sie fühlte sich getrennt von ihr, abgeschnitten. Entfremdet.
Kapitel 3
Als Vivian endlich in ihrem Wohnzimmer stand, war es draußen dunkel geworden, und ein feuchter Wind war kühl vom See in den Ort gezogen, hatte bald schon jeden Winkel der Stadt erfüllt, machte deutlich, dass der kalte Winter zwar vorbei war, dass der Frühling aber noch zu kämpfen hatte.
Clemens hatte in der Zwischenzeit versucht, sie zu erreichen, wollte ihr anscheinend von seinen ersten Eindrücken erzählen, wie er es versprochen und sie erbeten hatte, doch hatte sie das Klingeln des Telefons nicht gehört. Da war sie wohl noch bei ihrer Mutter gewesen. Auch einige SMS hatte er ihr geschickt, und sie las die letzte:
>Ich freue mich auf dich. Kann es kaum erwarten, dir alles zu erzählen und dich zu küssen. LG.
Heute Morgen hatte sie es auch kaum erwarten können, ihn zu küssen, aber jetzt?
Vivian blickte eindringlich auf die SMS. Zu viel war in der Zwischenzeit passiert ... und er war nicht da gewesen. Das erste Mal fühlte sie sich alleingelassen. Nicht nur von ihrer Mutter, auch von Clemens.
Und so schrieb sie zurück, nicht ganz ehrlich: >Ich kann heute nicht. Ich bin bei meiner Mutter. Vielleicht bleibe ich heute Nacht hier. Ich melde mich. LG.
Vivian würde ihm das erklären, morgen oder übermorgen. Vielleicht.
Kurz danach rief er noch einmal an. Sie nahm das Mobiltelefon in die Hand und wartete, bis die Mailbox endlich ansprang. Es tut mir leid, Clemens, aber ich kann jetzt nicht, dachte sie. Ich wüsste nicht, was ich dir sagen sollte. Heute nicht.
Vivian fühlte sich unendlich ausgegrenzt. Ihre Mutter erzählte ihr nichts, und Clemens dachte nur an seine Karriere. Sicherlich war sie ungerecht, aber war man gerecht zu ihr?
Plötzlich fiel ihr auch wieder ein, dass sie den Termin mit einem Interessenten in der Akademie verpasst hatte. Nächste Woche würde sie ihn anrufen und sich bei ihm entschuldigen ... Ihr Vater war gestorben. Kaum eine Entschuldigung könnte begründeter sein.
Vivian machte sich einen Kakao, den sie immer brauchte, wenn sie sich innerlich unwohl fühlte. Er durchwärmte sie mit einem Stück Geborgenheit, der Geruch umhüllte sie mit einem Stück Kindheit, und sie holte dann auch oft ihr Tagebuch hervor, um Gedanken loszuwerden, so auch heute.
Nach etwa einer halben Stunde hatte sie ihre Einträge beendet, legte sich auf die Couch, im Wohnzimmer, und nahm den Brief heraus.
›Notar Dr. Geller‹ stand auf dem Briefkopf. Nächsten Mittwoch um zehn Uhr war die Testamentseröffnung. Um zehn. Hatte sie da überhaupt Zeit? Vivian lächelte gedankenverloren, natürlich hatte sie Zeit.
Aber wollte sie da überhaupt hingehen? Ihre Mutter wollte ihr all das ersparen. Doch was eigentlich? Was war mit ihrem Vater, mit diesem Hektor Graf zu Hohenberg? Und jetzt fiel es ihr auf. Der Name kam ihr irgendwie bekannt vor, doch woher?
Das werden wir gleich wissen, dachte sie und sprang so heftig auf, dass ein wenig Kakao auf ihre Jeans schwappte.
»Scheiße!« Aber egal, dachte Vivian, zog die Jeans aus, warf sie über einen Sessel, setzte sich wieder auf die Couch, zog eine bunte Wolldecke über die nackten Beine und öffnete ihren Laptop.
Nach einem kurzen Moment war alles bereit, und sie gab den Namen ›Hektor Graf zu Hohenberg‹ in eine Suchmaschine ein.
Ungefähr 210.000 Ergebnisse wurden angegeben.
Vivian fing mit seiner Homepage an. Und als sie sein Bild sah, wusste sie wieder, woher sie den Namen kannte: Er war der großzügige Kunstliebhaber gewesen, der im letzten Jahr auf der ›Lindauer Kunstwoche‹ ihre Plastik erstanden hatte. Doch er hatte nur von ›Hohenberg‹ gesprochen, als sie nach seiner Lieferadresse gefragt hatte, daran erinnerte sie sich genau. ›Hohenberg‹ – als sei es ein Name wie Schulze oder Müller. Und natürlich hatte sie sich nichts dabei gedacht, zumal die Lieferung problemlos ablief.
Vivian betrachtete sein Bild nun genauer. Kanntest du mich? Wusstest du, dass ich deine Tochter bin? Hattest du deshalb einen so großzügigen Scheck über fünfundzwanzigtausend Euro ausgestellt?
Denn als er sie gefragt hatte, was die Plastik kosten sollte – einen Preis hatte sich Vivian nicht überlegt gehabt, weil sie nicht geglaubt hatte, für ihr Werk einen Käufer zu finden –, wollte sie fünftausend sagen. Für Material und Zeit hatte sie das für hinreichend gehalten, doch war er ihr zuvorgekommen.
»Ich gebe Ihnen fünfundzwanzigtausend. Ich denke, das ist ein angemessener Preis.«
Vivian hatte ihn nur sprachlos angesehen. Angemessen? Wann ist welcher Preis für ein Kunstwerk überhaupt angemessen?
Vivian zuckte auch heute noch die Achseln.
Und wieder betrachtete sie das Bild ihres Vaters, betrachtete ihn etwas genauer. Das Foto konnte noch nicht alt sein, denn so hatte sie ihn in Erinnerung: graues, volles Haar, leuchtende Augen, kantiges, männliches Gesicht. Er war nicht schlank, doch keineswegs vollschlank und ... er sah gesund aus.
Vivian hatte ihn auch nicht kränklich in Erinnerung. Wieso war er dann so plötzlich verstorben? Er war ein wenig nach vorn gebeugt gegangen. Das hatte ihn älter aussehen lassen. Aber seine schwarzen Augen hatten sehr lebendig und jung geleuchtet. Ja, sie waren schwarz gewesen. Auf dem Bild seiner Homepage war es nicht genau zu erkennen, aber sie erinnerte sich: schwarz ... wie ihre Augen.
Ihre Mutter hatte braune Augen. Also hatte sie die Augen von ihm. Und jetzt sah sie noch etwas: Aus seinem Hemdkragen lugte am Hals, auf der linken Seite, das letzte kleine Stück eines Muttermals hervor. Genau an der gleichen Stelle hatte auch sie eines. Warum war ihr das damals nicht aufgefallen?
Egal. Er war ihr Vater, unverkennbar, hätte sie sonst eine Einladung zu der Testamentseröffnung bekommen?
Ihr Blick wanderte weiter, und als hätte es eben noch nicht da gestanden – obwohl es groß herausgestellt war ... eigentlich nicht zu übersehen –, las sie erst jetzt:
Völlig unerwartet ist Bankier Hektor Graf zu Hohenberg am 12. Februar, im Alter von einundsiebzig Jahren, einem Herzinfarkt erlegen.
Wir vermissen ihn.
Unendlich viel bleibt ungetan.
Einundsiebzig? Sie hatte ihn als einen Mann in Erinnerung, der eher Ende fünfzig, Anfang sechzig zu sein schien, aber einundsiebzig ...?
Doch das bedeutete auch, dass er – Vivian rechnete kurz nach – fast genau zwanzig Jahre älter war als ihre Mutter. Zwanzig Jahre!
Und das erste Mal fragte sie sich, wo ihre Mutter ihn wohl kennengelernt hatte. Wo, Mama? Und was war schließlich so schrecklich an ihm gewesen, dass du nie ein Wort über ihn verloren hast?
Sie, Vivian, hatte ihn als einen sympathischen Mann in Erinnerung, und das nicht, weil er einen so großzügigen Scheck ausgestellt hatte, sondern weil sein Blick so voller Freude, voller Leben gewesen war. Voller Ansporn.
Und sie las weiter: Er war Bankier, Mitinhaber der Privatbank Hohenberg.
Auch seine Angestellten trauerten um ihn.
Doch das heißt gar nichts, dachte Vivian, das ist Öffentlichkeitsarbeit einer Privatbank.
Und sie öffnete weitere Suchergebnisse. Nirgends war etwas Negatives zu lesen. Hektor Graf zu Hohenberg war nicht nur in der Kulturszene von Lindau bekannt – sicherlich als Geldgeber –, er wurde auch als Hauptsponsor für das letzte Pfingstturnier im Jugendfußball benannt. Und sogar als Initiator eines vorweihnachtlichen Schachturniers für Mädchen und Jungen bis vierzehn Jahre. Offensichtlich tat er viel für Lindau, zumindest gab er Geld.
Aber was war nun so schrecklich an ihm? Wie sah seine Schattenseite aus?
Vivian fand im Internet keine Antwort darauf, doch wusste sie auch, dass ihre Mutter niemanden leichtfertig verurteilte.
Genugtuung! Dieses Wort wollte ihre Gedanken nicht verlassen. Genugtuung ... wofür?
Das Geheimnis darum hat er dann wohl mit ins Grab genommen, dachte Vivian, denn von ihrer Mutter würde sie darüber ganz sicher nichts erfahren.
Vivian beendete dann auch bald sehr nachdenklich ihre Recherchen am Computer und schmiegte die bunte Wolldecke etwas fester um die nackten Beine – ihr war kalt geworden. Die wärmende Wohltat des Kakaos war verebbt.
Das erste Mal hatte sie sich mit ihrem Vater auseinandergesetzt, und die Zeit war sekundenschnell vergangen.
War das jetzt ein gutes Zeichen?
Vivian zuckte die Achseln.
Kapitel 4
Clemens hatte kurz nach acht eine SMS von Vivian bekommen:
>Komme gleich mit Brötchen. Freue mich auf dich. LG.
Er hatte sich gefreut, sie endlich zu sehen, hatte sie in den Arm genommen, doch war sie dieser Zärtlichkeit dezent und kühl ausgewichen.
Was war geschehen? Stand in der SMS nicht, dass sie sich auf ihn freute? Worte, wie immer. Warum war sie dann so distanziert?
Clemens kannte sie so nicht. All das waren Fragen, die ihn verunsicherten, aber er hatte geschwiegen.
Jetzt saßen sie hier, an seinem Küchentisch und frühstückten. Vivian hatte sich tatsächlich verändert ... in wenigen Stunden. Er kannte sie kaum wieder. Sie wirkte ruhig, nachdenklich und sehr, sehr weit weg – und sie schwieg.
»Was ist mit dir?«, fragte er.
Ohne ihn anzusehen, zwischen einem Bissen vom Marmeladenbrötchen und einem Schluck Kaffee, sagte sie: »Mein Vater ist gestorben.«
Aber du hast doch gar keinen Vater, dachte Clemens augenblicklich, und fast hätte er über diese Unsinnigkeit gelacht. Doch er unterdrückte diese innere Regung und sagte: »Ich dachte, du weißt gar nicht, wer dein Vater ist? Oder wer er war?«
Ein Moment der Stille trat ein, und schließlich begann Vivian zu sprechen, langsam, abwesend und irgendwie verpflichtend, so schien es ihm. Sie sprach von einem Streit mit ihrer Mutter, von einer bevorstehenden Testamentseröffnung und von ihren Recherchen im Internet.
Nichts davon erzählte sie ihm einfach so, daherredend. Ihn beschlich das Gefühl, sachlich informiert zu werden, pflichtbewusst, kühl und reserviert. Sie ließ ihn nicht wirklich teilhaben, und mit jedem Wort von ihr breitete sich in ihm mehr und mehr eine schmerzhafte Empfindung aus, ein Bedenken, das ihn furchtbar enttäuschte. Es schien, als sei er nicht mehr bedeutsam für sie.
Ernüchtert und zurückhaltend fragte er, als sie schließlich geendet hatte: »Und warum hast du mir gestern nichts davon geschrieben oder gesagt? Zweimal hab ich versucht, dich übers Handy zu erreichen ... drei Worte hätten genügt. Und dann warst du gestern Abend auch gar nicht mehr bei deiner Mutter, oder?«
Ausdruckslos sah sie ihn an.
»Ich brauchte einfach Ruhe, verstehst du. Ich musste über so vieles nachdenken.«
Clemens nickte. Natürlich verstand er das, aber ... »Und das hättest du in meiner Gegenwart nicht tun können? Oder es mir zumindest sagen können?«
»Bitte, Clemens, ich bin das erste Mal im wirklichen Streit mit meiner Mutter auseinandergegangen. Und jetzt bin ich ja auch hier, oder?«
Die letzten Worte enttäuschten ihn, sie klangen so fremd, und bedrückt schüttelte Clemens den Kopf. Sie waren seit mehr als drei Jahren zusammen. Sie waren ein Paar, glaubte er. Oder stimmte das nicht?
War sie am Ende ein Mensch, der bei ihren wichtigen Fragen lieber allein war? Bei wirklich wichtigen Lebensfragen? War er dann überhaupt wesentlich für sie? War es womöglich gar keine Liebe, die sie verband?
Clemens stellte plötzlich alles infrage. Gestern Morgen hatte es sich anders angefühlt, gestern Morgen hatte sie noch Angst gehabt, er könnte sie vergessen. Und jetzt?
»Ja, sicher bist du jetzt hier, aber irgendwie auch nicht. Und wie geht es jetzt weiter?«
Vivian zuckte die Achseln, vermied es, ihn anzusehen.
»Ich muss da am Mittwoch hin. Meine Mutter wird mir keine Hilfe sein und du ...? Wie läuft es eigentlich bei dir da am Set? So sagt man doch, oder?«
Ihre letzten Worte klangen geringschätzig, und plötzlich schien es ihm, als würde er ihre Zurückhaltung begreifen. War es so einfach? War sie so ungerecht? Und mit einem zynischen Unterton rutschten Clemens die nächsten Worte heraus: »Wirfst du mir etwa vor, nicht wirklich für dich da zu sein? Dass ich am Ende nur an meine Karriere denke?«
Es schien, als wollte sie darauf nicht weiter eingehen, sie lenkte einfach ab, legte ein halbes Brötchen zurück in den Korb und fragte mit belangloser Stimme: »Nun erzähl schon, was war bei dir?«
Clemens sah sie fassungslos an. Das war nicht die Vivian, die er über mehr als drei Jahre kennengelernt hatte, mit der er alles teilen wollte, die er liebte. Oder war das ein Teil von ihr, den sie bislang einfach nur gut versteckt hatte?
Und augenblicklich zerbrach etwas in ihm. Warum ging sie auf seine Frage nicht ein, warum nahm sie seine Beklommenheit nicht ernst, so wie er es gestern Morgen bei ihr getan hatte? Oder warum sagte sie nicht wenigstens: »Du Idiot, natürlich werfe ich dir das nicht vor, es wäre nur schön, wenn ich diese Sache mit dir zusammen durchstehen könnte.« Warum nicht zumindest diese Worte?
Clemens war enttäuscht, fühlte sich fremd und ausgegrenzt, und er antwortete mit offener Gleichgültigkeit und mit einer Lüge.
»Es ging alles ziemlich schnell. Aber ich muss heute wieder zurück. Außenaufnahmen.«
»Mit dir? Ich denke, du fängst erst am Montag richtig an.«
»Der Regisseur hat uns nahegelegt, heute schon mal dabei zu sein.«
Warum sagte er das? So stimmte es doch gar nicht. Und bis eben hatte er auch nicht vorgehabt, sich das heute dort anzusehen.
»Uns?«, sagte Vivian mit großen Augen.
»Ja, mit mir haben noch zwei junge Kolleginnen angefangen.«
»Aha. Jung und hübsch?«
»Jung und hübsch.«
»Und warum bist du dann gestern überhaupt zurückgekommen?«
Wusste sie das nicht mehr? Die Enttäuschung in Clemens wuchs beständig, riss eine erste kleine Wunde auf.
»Weil ich mit dir feiern wollte. So, wie wir es uns am Morgen vorgenommen hatten. Ich erinnere mich, dass du dich darüber sehr gefreut hast, ich erinnere mich auch, dass du mir schreiben wolltest, wenn es etwas Wichtiges in deinem Leben geben würde. Doch ich hab nichts von dir gehört. Aber halt! Das stimmt nicht. Eine Lüge hast du mir geschrieben: Ich kann heute nicht. Ich bin bei meiner Mutter. Vielleicht bleibe ich heute Nacht hier. Da warst du doch schon gar nicht mehr bei ihr, oder?«
Plötzlich war es kein Gespräch mehr, plötzlich schwebten Vorwürfe und Anklagen über dem Frühstückstisch, plötzlich wurde es ein Streit.
»Ah! Und jetzt habe ich alles verdorben, weil ich vom Tod meines Vaters gehört habe? Und obwohl ich ihn nie kennengelernt habe, mir gestern Abend ganz sicher nicht nach Feiern zumute war?« Was für ein ungerechter Vorwurf!
»Warum hast du mir das mit deinem Vater dann nicht einfach schon gestern geschrieben? Irgendetwas wie: Mein Vater ist tot, ich verstehe das alles nicht. Ich brauche ein wenig Ruhe. Das hätte gelangt. Ich wäre für dich da gewesen.«
»Ach ja, ich vergaß, du tust ja immer das Richtige.« Vivian nickte mürrisch, obwohl sie wusste, dass er nicht unrecht hatte – doch ließ sie diesen Gedanken jetzt nicht zu.
Und erbost fuhr sie fort: »Das habe ich eben auch ziemlich deutlich gemerkt, bei deinen Worten ... dass ich dir deine Karriere vorwerfen würde. So ein Unsinn!«
»Unsinn? … Warum habe ich dann das Gefühl, dass du ganz weit weg von mir bist? Warum?«
»Ich bin hier! Aber vielleicht bin ich ja nicht so, wie du mich gern möchtest. Das täte mir dann wirklich sehr leid.«
Jetzt war es wahrhaftig ein Streit! Zynisch, sinnlos, hässlich und sehr verletzend.
»Wie möchte ich dich denn?«
Vivian antwortete nicht, stand auf, ging zum Fenster, sah hinaus und sagte beiläufig: »Ich muss jetzt noch etwas erledigen. Sehen wir uns an diesem Wochenende noch?«
Sie wollte weg, wollte weg von ihm, das hatte er begriffen.
»Etwas erledigen?«
»Ja.«
Stille trat ein. Sie sagte nichts, machte keine Andeutung. Und zusehends entfernten sie sich tatsächlich voneinander, verrannten sie sich in ihren Verletzlichkeiten.
Clemens war enttäuscht und unnachgiebig, stand auch auf, ging zum Kühlschrank und stellte das Marmeladenglas hinein.
»Heute sind die Außenaufnahmen, und dann muss ich den Text lernen. Für Montag. Ich denke, ich werde keine Zeit mehr haben.«
Vivian drehte sich zu ihm hin und sah ihn an, anklagend und gleichzeitig auch ... ängstlich.
»Dann ist es wohl besser, wenn ich jetzt gehe.«
Clemens blieb am Kühlschrank stehen, sah sie ebenso vorwurfsvoll und ängstlich an, und er nickte nur.
Sekunden später war sie weg. Ohne einen Abschiedskuss, ohne ein weiteres Wort.
Ab und an waren sie auch in den letzten drei Jahren im Zorn auseinandergegangen, doch hatten sie noch nie einen solch tiefen, trennenden und vorwurfsvollen Streit gehabt.
Kapitel 5
Am nächsten Tag, es war ein ruhiger Sonntag, war das Wetter endgültig umgeschlagen. Die Sonne lag warm auf Bäumen, Büschen und Straßen und erfreute die Besucher der Strandpromenaden in Überlingen und an all den anderen Orten am Bodensee. Sie ließ zudem die Krokusse auf den Wiesen aufbrechen – über Nacht war es frühlingshaft geworden.
Eleonore Gräfin von Seestedten, die jüngere Schwester des Grafen zu Hohenberg, hatte ihre Familie zum Sonntagsmenü geladen. Und alle waren gekommen: ihr ältester Sohn Maximilian mit Frau und ihre Tochter Sandra mit Ehemann, Joachim Graf von Gerstein. Sogar Gideon, ihr Jüngster, noch unverheiratet, noch auf der Suche nach der Richtigen – wobei er keinen großen Wert auf das Finden legte –, war aus Berlin angereist.
Freiwillig war allerdings niemand von ihnen zu diesem Essen gekommen, doch Eleonore hatte sie alle in der Hand: Maximilian leitete die Bankfiliale in München, Joachim, ihr Schwiegersohn, war der Bankdirektor in Stuttgart. Mit ihren dreißig Prozent der Anteile konnte sie recht schnell für Veränderungen sorgen, und das wussten ihre Kinder. Und deshalb saßen sie hier.
Bei Gideon war es sogar noch einfacher, sie brauchte ihm nur den monatlichen Scheck über dreißigtausend Euro zu streichen, und schon wäre er mittellos gewesen, doch daran dachte sie nicht. Nein, sie liebte Gideon mehr als die anderen, denn er war wie sie – skrupellos und durch und durch egoistisch. Gideon war wirklich ihr Sohn, und mit ihm hatte sie noch viel vor. Die anderen beiden waren eher wie ihr Ehemann Gerold Graf von Seestedten, weich und harmlos.
Dr. Geller hatte ihr vorab keinen Einblick in das Testament ihres Bruders gewährt, also musste sie heute, während des Essens, ihre Kinder ›auf Kurs‹ bringen, wie sie es nannte.
»Es gibt da das Problem der Hohenberg-Stiftung. Ich befürchte, mein dummer Bruder hat einen Großteil seiner siebzig Prozent dieser Stiftung vermacht. Und mit diesem Geller ist nicht zu spaßen. Aber sollten wir am Ende zusammen neunundvierzig Prozent haben, können wir ihm das Leben verdammt schwer machen. Bei mehr als fünfzig Prozent hätte er kaum etwas zu sagen, doch daran möchte ich jetzt noch nicht glauben. Ihr wisst, ich bin eher vorsichtig.«
Alle sahen Eleonore enttäuscht an, denn alle hatten mit einem größeren Teil des Erbes gerechnet. Auch wenn sie nicht so hart waren wie sie, gierig waren sie allemal.
Doch die Hoffnung stirbt erst am Mittwoch, waren wohl ihre Gedanken.
»Ich habe gehört, es soll da auch so eine Bürgerliche geben, die am Mittwoch dabei ist«, sagte Maximilian, ihr ältester Sohn.
Eleonore winkte zynisch lächelnd ab.
»Das ist nur eine kleine Krankenschwester mit ihrer Tochter.«
»Ist diese Tochter nicht seine Tochter?«
»Unsinn. Es gab da mal so ein Gerücht. Und Sabine war so schlau gewesen, sich nie mehr zu rühren.«
Eleonore Gräfin von Seestedten hatte auch Sabine Schreiber in der Hand. Doch das wussten nur die beiden Frauen – und so sollte es auch bleiben.
»Und was, wenn er der Kleinen doch ein paar Millionen vermacht hat? Einfach so?«, fragte Sandra zwischen zwei Löffel Mousse au Chocolat.
Eleonore lachte erbost und gehässig. »Darum würde sich dann Gideon kümmern.« Und an ihren Jüngsten gewandt fuhr sie fort: »Sie soll ja sehr hübsch sein. Also hättest du auch noch ein wenig Spaß dabei.«
Gideon sah seine Mutter achtsam an.
»Ab welchem Betrag soll ich denn zum Einsatz kommen?«
Alle lachten.
»Um kleine sechsstellige Beträge kümmern wir uns nicht, außer die Kleine gefällt dir.«
»Und Beträge darüber ...?«
»... wirst du zur Bank zurückführen. Wir lassen uns nicht bestehlen. Zehn Prozent davon gehen dann selbstverständlich auf dein Konto.«
Gideon nahm die Hand seiner Mutter und küsste sie.
»Mama, du bist die Beste.«
Ihre anderen Kinder verfolgten diese Szene voller Missmut, doch auch an sie hatte Eleonore gedacht.
»Ihr bekommt dann fünf Prozent – jeder –, wenn ihr sie richtig und gut beraten habt. Richtig und gut für uns, versteht sich.«
Nun lachten sie alle wieder, doch Eleonore wurde noch einmal sehr ernst.
»Dr. Geller ist unser Gegner. Und den schaffen wir nur gemeinsam. Ich hoffe, das ist euch bewusst. Mit ihm wird es nicht einfach werden.«
Alle nickten, waren voller Vorfreude und Erwartung. Und jeder schien zu hoffen, etwas mehr Eindruck auf den verstorbenen Onkel gemacht zu haben, etwas mehr Eindruck, der sich dann letztlich auch hoffentlich positiv auf das Erbe auswirken sollte.
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