Read the book: «Schlüsselworte der christlichen Botschaft»
AUGUSTIN SCHMIED
SCHLÜSSELWORTE DER CHRISTLICHEN BOTSCHAFT
GRUNDTHEMEN DES GLAUBENS

Band 6 der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“, die von P. Martin Leitgöb und P. Hans Schalk im Auftrag der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen herausgegeben wird.
Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
2013
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN 978-3-7022-3307-5 (gedrucktes Buch) ISBN 978-3-7022-3308-2 (E-Book) E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at
INHALT
VORWORT
EVANGELIUM
Der Heilsakzent in Jesu Botschaft und Wirken
Radikalere Sicht der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen
Soziale Ausrichtung des Evangeliums
Die Gerichtsworte im Rahmen der Heilsbotschaft
Ein Wort zugunsten der „Gerechten“?
„VATER“
Gott und die Götzen
Der Gott und Vater Jesu
Der einzige und heilige Gott
Der Vater – Abba
Die „Abba-Erfahrung“ Jesu
Ambivalenz des „Vater“-Bildes. Gott: Vater und Mutter?
Die Überwindung des zwiespältigen Gottesbildes
Jesu Vater – unser Vater
An den Vater glauben in einer erschreckenden Welt
JESUS CHRISTUS, DER LEBENDE
Ostererfahrungen
Neues, unzerstörbares Leben
Ein ausstrahlendes Leben
Lebend: als unser „Fürsprecher“
Leben aus der Todeshingabe
Lebenszeichen
HEILSZEICHEN KREUZ
Kreuz und Tod Jesu – im Zusammenhang seines gesamten Lebens und Wirkens
Bruder der Leidenden
Leiden und Sterben für uns
Keine ersatzweise Abbüßung einer von Gott verhängten Vergeltungsstrafe
Eine irreführende Linie
Schmerz und Blut im Zusammenhang der Erlösung
Scheinbare Gegenstimmen
Das Kreuz als Zeichen Gottes
HEILIGER GEIST
Der Geist, der Jesus vergegenwärtigt und „ankommen“ lässt
„Pfingsten“ und ähnliche „Schwellen“-Ereignisse
Geisterfahrung
Der Geist und seine Gaben (Charismen)
Heilender Geist
„Vater der Armen“
ZU SEINEM GEDÄCHTNIS
Die Eucharistie als „Gedächtnis“
Das Gedenken Gottes
Das Gedenken der Feiernden
Die Eucharistie als Danksagung und Lobpreis Gottes
Die Danksagung Jesu beim Letzten Abendmahl
Das Dankgebet der Kirche
Die Eucharistie als Opfer
Brot und Kelch – Anteil am Leben des Herrn
Die Eucharistie – ein „Mahl“?
Jesus in den Gaben der Eucharistie
Die Eucharistie als Zusammenkommen und Gemeinschaft
GETAUFT
Tauferinnerung und Tauferfahrung im Spiegel christlicher Zeugnisse
In den neutestamentlichen Schriften
Tauferfahrung in späteren Zeugnissen
Taufbewusstsein im Leben von Christen, die als Kleinkinder getauft wurden
Die einst empfangene Taufe als bleibende Gabe und Zusage
Taufbewusstsein als Erfahrung der Werte des Christseins
„Nachholung“ des Katechumenats?
EWIGES LEBEN
Zukunft in der Gegenwart
„Ewiges Leben“ – schon jetzt
„Diesseitsvertröstung“?
Theozentrische Prägung der christlichen Hoffnung
Unverstellte Begegnung mit Gott
Erfahrungen des Ursprungs und der Quelle
Gottes ewiges Ja zum Menschen
Erfasst vom Geheimnis
Eine neue Form menschlicher Gemeinschaft
Der Tod – kein bloßer Durchgang
Eine kritische Persiflage, über die aber nachgedacht werden kann
Anmerkungen
VORWORT
Zum besonderen Auftrag der Redemptoristen gehört vom Ursprung her die ausdrückliche Verkündigung der christlichen Botschaft, des „Evangeliums“. Diese Ausrichtung und Aufgabe hat sie zu Missionaren gemacht (besonders in der „Volksmission“). Dabei ging es immer auch darum, der Verkündigung die entsprechende Form und Akzentuierung zu geben.
In diesem Band der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“ sollen einige Themen buchstabiert werden, die charakteristische Elemente der christlichen Botschaft darstellen. Die „Schlüsselworte“, von denen die Rede ist, werden vor allem von biblischen Texten her erläutert.
Man wird verstehen, dass hier nur eine Auswahl von Themen und Aspekten behandelt werden konnte. Die leitenden Gesichtspunkte sind nicht die „klassischen“ Aussagen des Credos. Die aufgegriffenen Themen führen jedoch nicht auf Nebenstraßen.
Die theologisch-wissenschaftliche Diskussion wurde berücksichtigt; es ging aber nicht darum, sich in sie näher einzuschalten. Auf entsprechende Literatur ist in den Anmerkungen verwiesen.
Augustin Schmied
Gars am Inn, im Juni 2013
EVANGELIUM
Wenn es um Schlüssel- und Programmworte des Neuen Testaments geht, gehört zu ihnen sicher das Wort Evangelium. Damit wird vor allem die Verkündigung Jesu charakterisiert und zusammengefasst. Jesus „verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,14f). Der Apostel Paulus weiß sich dazu berufen, das „Evangelium Gottes“, das in Jesus Christus sein Zentrum hat, in die Welt zu tragen (Röm 1,1.4), und es ist nach seiner Überzeugung eine „Kraft zum Heil“ (Röm 1,16f). Auch in den späteren „Pastoralbriefen“ dient das Wort „Evangelium“ zur Kennzeichnung der christlichen Botschaft, und wieder in betont positivem Sinne: das „Evangelium“ erschließt Heil und Leben (vgl. 2 Tim 1,10f). Auch wenn das Wort „Gesetz“ weder im Alten Testament noch auch durchgehend im Neuen Testament einen negativen Klang hat (vgl. z. B. Gal 6,2: „Gesetz Christi“), ist nicht „Gesetz“, sondern „Evangelium“ das Kennwort des Christentums geworden. Diese Perspektive darf nicht entkernt und eingeebnet werden. Marc Oraison, ein französischer Benediktinertheologe, berichtet in einem seiner Bücher, ein Bischof habe einmal zu ihm gesagt: „Mein lieber Freund, an dem Tag, wo wir begriffen haben, dass wir dazu da sind, das Evangelium zu verkünden, und nicht, um den Leuten den Marsch zu blasen, sind wir einen großen Schritt vorangekommen.“1
DER HEILSAKZENT IN JESU BOTSCHAFT UND WIRKEN
Jesus hat seine Botschaft gezielt als Heils- und Hoffnungsbotschaft aufgefasst. Er sieht sich nicht in der Nachfolge von Predigern, die das Volk mit ihrer Gerichtsdrohung noch im letzten Moment zur Umkehr zu bringen versuchen. Darin unterscheidet er sich auch von Johannes dem Täufer. Jesus spricht und handelt aus der Zuversicht, dass in ihm Gott in einer neuen Weise auf die Menschen zukommt, nämlich gnadenhaft schenkend und schöpferisch erneuernd. „Nicht das bevorstehende Gericht gibt den Ausschlag, sondern das Glück der Gottesherrschaft.“2
In der Sicht Jesu ist das Heil nicht in der Linie angestrengter religiöser Bemühungen zu erreichen: weder durch einen ordnungsgemäßen und aufwendigen Tempelkult noch durch eine ausgefeilte Genauigkeit in der Beobachtung des „Gesetzes“. Jesus ist der Überzeugung, dass von Gott her etwas angebrochen und in Gang gekommen ist, das die Situation des Menschen grundlegend verändert. Er spricht von der hereindrängenden, schon wirkenden „Herrschaft Gottes“ (Mk 1,14f; Mt 12,28), die Befreiung und Heilung bedeutet (vgl. Mk 1,21–34). Dieses Heil der „Gottesherrschaft“ kann und braucht nicht politisch erobert und auch nicht moralisch „erleistet“ zu werden (vgl. Mk 4,26–29; 10,14f: das „Reich Gottes annehmen wie ein Kind“).3 Die geforderte „Umkehr“ besteht gerade in der Annahme des „Evangeliums“ (Mk 1,15).
In seiner „Antrittspredigt“ in der Synagoge von Nazaret (Lk 4,16–21) sagt Jesus – in Anlehnung an Jesaja, Kapitel 61 –, dass er gesandt sei, „den Armen eine gute Nachricht zu bringen“, ein „Evangelium“ (griechisch: euangelisasthai). Bemerkenswert ist, wie der prophetische Text zitiert wird. Jesus liest aus ihm betont eine Heilsbotschaft heraus. Übergangen wird das Wort vom „Tag der Vergeltung (Rache) unseres Gottes“ (Jes 61,2).
Jesus hat keine verschärfte Bußstimmung verbreitet. Um ihn herum muss eher eine ermutigende und frohmachende Atmosphäre gewesen sein. Darauf verweist unter anderem das Bild von der „Hochzeit“ und den „Hochzeitsgästen“ (Mk 2,19; vgl. Joh 2,1ff). Jesus wollte nicht durch Auslösung eines heilsamen Schreckens zur Bekehrung und zum Glauben bewegen. Der evangelische Theologe Helmut Thielicke erzählt in seiner Autobiographie von einem Pfarrer in Baden, der einmal zwei Gemeindeabende angesetzt hatte, in denen er nacheinander über „Gesetz und Evangelium“ sprach. „Der erste Abend war eine derart donnernde Gerichtspredigt, dass die verängstigten Zuhörer zum Teil am zweiten Abend wegblieben, als er (der Vortragende) die milderen Töne des ‚Evangeliums‘ säuseln ließ. Noch höre ich den immer wiederkehrenden Refrain des Gerichtsabends: ‚Zuerscht muss au dr Heiland den Bruschtkaschte einschmeiße.‘ “4 Erst müsse eine Kanonade abgefeuert werden, bis der Sündenmensch zusammenkartätscht am Boden liegt. Erst müsse richtig eingeheizt werden, dann könne die Salbe des Evangeliums zum Zuge kommen. Das war nicht die Methode Jesu. Seine Predigt ist nicht Froh- und Drohbotschaft zu gleichen Teilen, in prinzipieller Symmetrie.
RADIKALERE SICHT DER ERLÖSUNGSBEDÜRFTIGKEIT DES MENSCHEN
Jesus hat die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen radikaler gesehen als die tonangebenden Kreise im damaligen Judentum. Er wusste, dass auch ein moralisch einwandfreies Verhalten fragwürdig bleibt. Die moralische Leistung kann dazu verführen, sich das fertiggebrachte Gute selbst zuzuschreiben und den Dank an Gott zu vergessen, oder im Bewusstsein der eigenen Gerechtigkeit auf andere herabzusehen (vgl. Lk 18,9–14). Es braucht ein neues Herz, wie schon das Alte Testament weiß; in diesem Herzen muss das Gesetz Gottes verwurzelt sein (vgl. Ps 51,12; 119,32; Ez 36,26f).
Das ist aber nicht durch Drohung mit Liebesentzug zu erreichen. Der Mensch muss in seiner Seele geheilt werden Es braucht Heilung durch Ermutigung, damit der Mensch sich selbst für wert halte, auf sich achte, und die Tendenz überwinde, sich zugrunde zu richten. Jesus hat sein barmherziges Verhalten den „Sündern“ gegenüber damit gerechtfertigt, dass diese einen „Arzt brauchen“ (Mk 2,16f).5 Das Böse ist im Tiefsten Ausdruck einer trostlosen, hoffnungslosen Seele. Wenn diese lähmende Grundstimmung überwunden werden soll, muss die verdüsterte Lebenslandschaft aufgehellt werden. Das geschieht letztlich durch eine verstehende, vertrauende, barmherzige Liebe.
Ein Gedicht von Detlev Block mit der Überschrift „Ansprache“ passt in diesen Zusammenhang:
„Spring doch mal / über deinen Schatten! / Er wusste, / es ging nicht – / aber dass ihn / einer so anlachte, / löste in ihm / den überraschenden Mut aus, / kleine Schritte / mit dem Schatten zu machen.“6
„Über seinen Schatten springen“ kann man eigentlich nicht. Aber man kann Schritte tun; braucht sich nicht resigniert hängen zu lassen. Solche Schritte werden einem Menschen möglich, wenn ihm wohlwollend und freundlich begegnet wird; wenn ihm etwas zugetraut wird.
Diesen Zusammenhängen entspricht der Heilsakzent der Verkündigung Jesu. Bevor Jesus zum Tun des Guten aufgerufen hat, hat er sich bemüht, in den Menschen die Kräfte freizusetzen, die es braucht, um das Gute wirklich zu wollen und dann auch zu tun. So hat Jesus nach dem Matthäusevangelium seine Weisungen mit den Seligpreisungen begonnen (Mt 5,3–12), das heißt mit einem ermutigenden Zuspruch.
Fulbert Steffensky hat diese Zusammenhänge einmal so charakterisiert: „Kaum jemand (kann) von der Sünde weggeprügelt werden. Wohl kann man zu einem anderen, reicheren Leben verlockt werden. (…) Das pure prophetische Nein macht die Menschen störrisch. Die spätere Rede Jesu7 hat aus dem reinen Nein herausgefunden in das Nein, das nach Ja schmeckt. Das Reich Gottes hing nicht mehr wie eine Drohung über den Menschen. Es war gemalt und beschrieben in seiner Schönheit. (…) Moral folgt den Bildern des Lebensreichtums, die man zur Kenntnis genommen und lieben gelernt hat.“8
SOZIALE AUSRICHTUNG DES EVANGELIUMS
Das von Jesus verkündete und vermittelte Heil von Gott her meint nicht nur innerlich bleibende und auf den Einzelnen beschränkte Vorgänge der Vergebung und Befreiung. Das von Jesus angesagte „Reich Gottes“ (vgl. Mk 1,15; Lk 4,43) ist eine universale Größe, die Heil für den ganzen Menschen bedeutet, mit Auswirkungen bis in den gesellschaftlich-politischen Bereich hinein. Es geht um eine „real erfahrbare Ordnung und Verfasstheit von Leben und Gesellschaft, die menschenfreundlich und lebensfördernd ist und allen, besonders den bisher am Rand Stehenden, zugutekommen soll“.9 Schon der alttestamentliche Hintergrund der Rede vom „Reich bzw. der Herrschaft Gottes“ verweist auf eine gerechte, menschenwürdige gesellschaftliche Ordnung (vgl. Dan 7,1–22; Ps 145, 146). Auch die „Seligpreisungen“ zeigen, dass „Reich Gottes“ Veränderungen in den äußeren Verhältnissen einschließt (Lk 6,20–26; Mt 5,11). Jesus selbst hat der in ihm repräsentierten „Gottesherrschaft“ (vgl. Mt 12,28) ein konkretes Gesicht gegeben: durch sein heilendes Tun an Kranken und „Besessenen“, durch seine Hinwendung zu deklassierten und missliebigen Gruppen, mit dem Ziel, das Volk Israel neu zu „sammeln“.
In der schon erwähnten von Lukas geschilderten ersten Predigt Jesu (in Nazaret) erklärt sich Jesus dazu gesandt, „den Armen eine gute Nachricht zu bringen, Gefangenen die Entlassung zu verkünden, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen, und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen“ (Lk 4,18f). Im Blick auf die hier zitierten alttestamentlichen Bezugsstellen kommt den Worten Jesu eine klare soziale Komponente zu; es geht auch um Menschen in wirtschaftlicher Notlage.10 Das lässt auch die Rede vom „Gnadenjahr Gottes“ erkennen. Es wird hier erinnert an das von Mose für Israel vorgeschriebene „Jobeljahr“ bzw. „Erlassjahr“ (Lev 25,8–55). In jedem 50. Jahr sollten alle, die in Schuldknechtschaft, in Sklaverei geraten waren, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, freigelassen werden. Grundbesitz, der sich im Lauf der Zeit bei wenigen angesammelt hatte, sollte an die ursprüngliche Eigentümerfamilie zurückfallen. Das war eine Vision, ein Ideal, das noch nie verwirklicht worden war. Aber es war ein bedeutsames und kritisches Zukunftsbild. Als der messianische Prophet proklamiert Jesus das große „Gnadenjahr“. Es eröffnet eine neue Verbindung mit Gott, die Bewegung auch in die Beziehungen der Menschen untereinander bringt. Nicht zufällig spielt der Abschnitt Lk 4,18f eine besondere Rolle in der „Theologie der Befreiung“.11
DIE GERICHTSWORTE IM RAHMEN DER HEILSBOTSCHAFT
Jesus musste mit der Zeit immer mehr erleben, dass seiner Botschaft Gleichgültigkeit und Ablehnung entgegengebracht wurden. In dieser Situation hat Jesus mit deutlichen Gerichtsdrohungen geantwortet (vgl. Mk 8,38; Lk 12,8; 11,31f; Mt 11,20–24 „Weherufe“; 22,7–10). Diese Reaktion Jesu darf nicht ausgeblendet werden. Aber auch die Gerichtsworte müssen im Ganzen der Heilsbotschaft gesehen werden. Sie unterstreichen, besonders gegenüber den religiösen Gegnern Jesu, dass gerade seine Verkündigung vom erbarmenden und gütigen Gott gehört und ernst genommen werden muss; dass niemand zu gut ist, um sagen zu können, dass er dieses zuvorkommende Erbarmen Gottes nicht brauche. Wenn Jesus seine Botschaft und das darin enthaltene Heilsangebot ernst nahm, musste er ja vor der Ablehnung seiner Botschaft warnen; zu dieser Warnung gehörte der deutliche Hinweis auf die unheilvollen Konsequenzen einer Ablehnung, das heißt der Hinweis auf ein Gericht von Gott her.
Jesus hat aber auch aus diesen warnenden und drohenden Aussagen kein endgültig verurteilendes Verdikt gemacht. Er hat sein Heilsangebot an (ganz) Israel „nicht aufgehoben, solange er wirkt“12. Er hat nicht zufrieden oder gar triumphierend einem kommenden Strafgericht entgegengesehen (vgl. Mt 23,37f; Lk 13,34f). Nach der Darstellung des Lukasevangeliums weint Jesus im Blick auf das der Stadt Jerusalem drohende Unheil (Lk 19,41–44).13 Dass Jesus sein Volk nicht dem Verderben ausliefern wollte, zeigen schließlich die „Abendmahlsworte“ (vgl. Mt 26,26–29, und Parallelen).14 Er ist in einer niemand ausschließenden Liebe und Hoffnung in den Tod gegangen. Seinem Aufruf zur Feindesliebe (vgl. Mt 5,43–48; Lk 6,27–36) hat er offenbar auch selbst entsprochen. Der Evangelist Lukas betont diesen Punkt, indem er vermerkt, dass Jesus am Kreuz für seine Gegner gebetet habe (Lk 23,34; vgl. 23,40–43). Vielleicht hat Jesus in dieser Sache eine gewisse Entwicklung durchgemacht.
Gottfried Bachl hat in seinem Buch „Der beneidete Engel“ einen Abschnitt mit der Überschrift „Protest aus Kafarnaum“. Es geht darin um die Weherufe Jesu über die Orte Chorazin, Bethsaida und Kafarnaum (Mt 11,20–24), weil man dort seine Predigt nicht angenommen hatte. Bachl schildert, wie ein gewisser Tischler Tobija aus Kafarnaum Jesus einen Protestbrief schickt und Aufklärung erbittet. Jesus könne doch wohl nicht eine ganze Stadt mit „Kind und Kegel“ in die Hölle verdammen. Er schreibt, er hätte schon Lust gehabt, Jesus selbst einen Fluch nachzusenden, aber seine Frau Hanna habe ihn zurückgehalten.
In dem Brief, den der genannte Tobija an Jesus schreibt, heißt es: „Es geht um Deinen Fluch über unser Kafarnaum. Auch die Nachbarschaft, Chorazin und Bethsaida, sollen davon getroffen sein. Rabbi, ich habe es nicht selbst gehört. Die Leute sind aber so aufgeregt und voll Angst, dass es auch mich gepackt hat. Meine Frau heißt Hanna. Wir haben fünf Kinder. Wenn uns die Gehenna holt, sollen sie mitgezogen werden und die vielen anderen Kinder bei uns. Ich sage nichts von den Kranken, die Dich gar nie haben sehen und hören können. – Komm zurück und hole Dein Höllenwort ab. Weißt Du überhaupt, wer hier lebt? Kennst Du die Namen unserer Kinder? Ist es Dir gleichgültig, ob Dich einer kennt oder nicht? – Man sagt hier, Deine Mutter lebe noch und sei einige Male auf dem Markt gesehen worden. Nimm sie mit auf Deine Reise, lass sie hören, was Du sagst! Dann hast Du wohl einen Menschen dabei, der ein Gespür hat für uns, die kleinen, langsamen Leute. Komm also, hole Deinen Fluch zurück!“ –
Auf diesen Brief hin lässt Jesus dem Tischler Tobija mündlich Folgendes mitteilen: „Mein Zorn hat mich weiter gerissen, als ich weiß. Die Stummheit der Gegenden gegenüber meinen Worten, das Getöse eurer Märkte, während ich rede, sollte das einen Israeliten nicht reizen? Kennst du nicht Amos und Jeremia und Jesaja? Ich bin kein Sandalenverkäufer, kein Händler mit Weinschläuchen. Es brennt etwas in mir, es muss heraus unter die Leute. – Aber Gnade meinem Zorn, dass er Hannas Antwort hervorgerufen hat! Ich habe nicht nur mein Wort, ich brauche auch das Echo. Und im Echo, das du mir geschickt hast, spricht der Vater. Du wirst es noch erleben, dass ich nicht ein neues Stecheisen bin. Ich werde eher mich erledigen lassen, als dass ich eins von den Kleinen zerstöre. Mein Zorn wird nur mich verbrennen.“15
Es gibt noch andere Gründe, warum Jesus nicht eine kollektive Verurteilung der genannten Städte im Sinn haben konnte. Es wird ja ausdrücklich von Leuten dieser Orte berichtet, die die Botschaft Jesu angenommen haben. „Nach Joh 1,44 stammen sogar so prominente Jünger wie Petrus, Andreas und Philippus aus Betsaida. Nach Mk 1,29 parr wohnt das Brüderpaar Simon (Petrus) und Andreas in Kapharnaum, was dort wohl auch für die Zebedäussöhne Johannes und Jakobus angenommen ist.“16
EIN WORT ZUGUNSTEN DER „GERECHTEN“?
Würde Jesus heute positiver über die „Gerechten“ sprechen?
Mit der Akzentuierung der Botschaft Jesu als Botschaft vom gütigen und barmherzigen Gott sollte dem Bemühen des Menschen um den Willen Gottes nicht der Antriebsschub entzogen werden. Es gibt Aufträge und Pflichten von Gott her, die erfüllt werden müssen, auch wenn das schwerfällt. Das zeigt auch das Leben und Verhalten Jesu selbst. Er ist selbst an Punkte gekommen, wo er gegen seine Wünsche und Ängste dem Auftrag des Vaters treu bleiben musste.
In einer Gesellschaft wie der unseren heute, in der „law and order“ eher Negativbegriffe sind; in einer Zeit und Gesellschaft, wo es keine so starke „Sozialkontrolle“ gibt wie früher, auch wie zur Zeit Jesu, kann man sich fragen, ob Jesus heute nicht stärker das gerechte und gute Tun betonen würde, statt sich vor die „Sünder“ zu stellen. Hätte er nicht eher diejenigen gestützt, die sich sittlich und religiös anstrengen?
Dietrich Bonhoeffer hat sich in dieser Richtung Gedanken gemacht. Er schreibt in seiner Ethik: „In festgefügten Zeiten, in denen das Gesetz regiert, und der Übertreter des Gesetzes der Ächtung und Verstoßung verfällt, sind es die Gestalten des Zöllners und der Dirne, an denen das Evangelium Jesu Christi sich den Menschen deutlich macht. (…) Jedoch aus den Fugen gegangenen Zeiten, in denen Gesetzlosigkeit und Bosheit selbstherrlich triumphieren, wird sich das Evangelium eher an den wenigen übriggebliebenen Rechtlichen, Wahrhaftigen, Menschlichen erweisen“.17
„Aus den Fugen gegangene Zeiten“. Bonhoeffer denkt an die Zeiten der Nazi-Herrschaft. Wie sieht es heute aus? Leben wir in „festgefügten Zeiten“? Oder geht auch bei uns einiges „aus den Fugen“? Was Bonhoeffer schreibt, ist sicher bedenkenswert. Das Reden von der Barmherzigkeit Jesu für die Sünder darf nicht dazu führen, den Unterschied von Gut und Böse, von Recht und Unrecht einzuebnen. Es darf nicht zu einer Geringschätzung der Redlichen, der Treuen und der Sich-Mühenden führen. Wir leben in einer „permissiven“ Gesellschaft, in der fast alles erlaubt ist. Da geraten diejenigen manchmal in Erklärungsnot, die sich noch „ein Gewissen machen“ aus dem, was sie tun. An den Geboten Gottes festhalten zu wollen, scheint ein Zeichen von Einfallslosigkeit oder von Zwangskrankheit zu sein. Ein evangelischer Theologe meinte, dass heute gerade diejenigen, die sich keine Eskapaden leisten, „einiger Streicheleinheiten“, das heißt einer Ermutigung bedürfen; die Gesellschaft verdanke ihnen viel.18
Trotzdem: Die Betonung der zuvorkommenden und barmherzigen Güte Gottes und Jesu, die wir in den Evangelien finden, gilt auch für unsere Zeit und ist für alle von Bedeutung. Denn: auch die „Gerechten“ (das Wort ist hier nicht ironisch gemeint) leben nicht nur von ihrer eigenen Leistung. Vieles, Grundlegendes ist vorgegeben durch das schöpferische und gnadenhafte Wirken Gottes, durch Vorgaben aus dem menschlichen Bereich. Und auch im Verlauf des Lebens, wenn es einigermaßen gut und rechtschaffen läuft, ist nicht nur das eigene Wollen und Können im Spiel. Es ist auch „Glück“ oder „Gnade“ dabei; man spricht von guten „Fügungen“. Den Betreffenden sind vielleicht manche schwierige und gefährliche Situationen erspart geblieben. Sie sind unter Umständen an Abgründen vorbeigeführt worden, ohne dass sie es so recht gemerkt hatten. Die heilige Theresia von Lisieux hat von sich gesagt, im Blick auf ihre Anlagen und ihre eigenen Kräfte sei es nicht ausgeschlossen, dass sie unter bestimmten Bedingungen zum Verbrecher geworden wäre. Dem entspricht, was jemand einmal so ausdrückte: „Ich bin nicht anders als manche, die gescheitert sind; ich hatte es nur anders.“ Wir sind selbst nicht so eindeutig auf das Gute eingestellt und sind darin nicht so gefestigt, dass wir ein ehrenwertes Leben allein unserer Leistung zuschreiben könnten.19
„VATER“
Zu den biblischen Worten, die den Glauben und die Spiritualität der Christen in spezifischer und zentraler Weise charakterisieren, gehört das Wort „Vater“ als Name für den Gott Jesu und als Anrede dieses Gottes. „Vater“, „Abba“: Diese Worte führen in das Innerste der Gotteserfahrung Jesu, und sie signalisieren die Gottesbeziehung, die den Christen durch Jesus ermöglicht und geschenkt ist. Nach Paulus legt der Heilige Geist den Ruf „Abba! Vater!“ auch den Glaubenden in den Mund (Röm 8,15; Gal 4,6). Was das bedeutet, soll im Folgenden verdeutlicht werden.
GOTT UND DIE GÖTZEN
Wenn von „Gott“ gesprochen wird, muss gesagt werden, was, wer mit diesem Wort näherhin gemeint ist. In der Rede vom „Vater“ steckt die christliche Antwort auf die Frage, wer „Gott“ ist und wen wir als „Gott“ verehren.
Das Wort „Gott“ ist ja zunächst nicht ein Eigenname, sondern eine Prädikation, eine Kennzeichnung. Es bezeichnet die höchste und mächtigste Wirklichkeit bzw. die am höchsten geschätzte und verehrte Wirklichkeit, auf die alles Andere hingeordnet wird. Den vielen „Göttern“ gegenüber stand in Israel das Bekenntnis: „JHWH“ ist Gott“ (1 Kön 18,39).
Von Martin Luther stammt der bekannte Satz: „ ‚Ein Gott‘ heißt das, von dem man sich erhoffen soll alles Gute und zu dem man seine Zuflucht nehmen soll in allen Nöten. (…) Allein das Trauen und Glauben des Herzens macht beide: Gott und Abgott. Worauf du nun dein Herz hängst und dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“20
Wovon sich jemand letztlich Lebenssinn und Erfüllung verspricht, das ist sein / ihr „Gott“. Das kann Verschiedenes sein, je nach der Grundeinstellung eines Menschen. Es gibt Verschiedenes, das als „höchstes Gut“ („summum bonum“) betrachtet wird, und dem vieles Andere untergeordnet und „geopfert“ wird. Im konkreten Fall kann das ein „Götze“ sein: wenn nämlich ein begrenzter irdischer Wert zum alles beherrschenden Ziel und Maßstab gemacht und so verabsolutiert wird.
Ein „Götze“ kann die Nation und ihr Glanz sein, der Staat und dessen Repräsentanz. In der Offenbarung des Johannes wird die römische Staatsmacht als ein Götze dargestellt, der göttliche Würde usurpiert, dem die Christen die Huldigung verweigern (vgl. Offb 13–14; 18). Ein „Götze“ kann sein der Besitz und dessen Vermehrung (vgl. Mt 6,24: „Gott“ oder „Mammon“; Lk 12,13–21: Selbstsicherheit durch Reichtum; 1 Tim 6,10: die „Habsucht“ als „die Wurzel aller Übel“). Im Kolosserbrief wird die „Habsucht“ direkt als „Götzendienst“ bezeichnet (Kol 3,5). Auch der höchstmögliche Genuss kann zum „Götzen“ werden (vgl. 1 Joh 2,15ff; 5,19–21). Ein „Götze“ kann sein das eigene Ich, wenn nur noch das eigene Prestige, die eigenen Interessen gesehen werden, ohne Rücksicht auf Andere.
Paulus schreibt im Ersten Korintherbrief, dass es für die Christen „keine Götzen gibt und keinen Gott, außer dem einen“. „Und selbst wenn es sogenannte Götter gibt – und solche Götter und Herren gibt es viele –, so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, und einer ist der Herr, Jesus Christus“ (1 Kor 8,4–6; vgl. Gal 4,8).
Jesus und das Neue Testament können auf die Propheten Israels zurückgreifen. Bei ihnen findet sich deutlich und markant die Unterscheidung zwischen dem wahren, „lebendigen“ Gott und den „Götzen“. Diese sind konkret Vergöttlichungen von Vitalität und Fruchtbarkeit (vgl. Jer 7,17ff; Hos 2,7–10; 10,1f; 14,2–9); von Herrschermacht (vgl. Dan 3,8–18), von militärischer Potenz (vgl. Jes 2,7f.17f; 31,1–3), von Geschäft und Profit (vgl. Jes 2,12–18).21
Wenn heutzutage bei Unfällen auf den Straßen so selbstverständlich von „Verkehrsopfern“ gesprochen wird, kann man sich fragen, ob nicht für manche das möglichst schnelle Verkehrsmittel zu einem vergötzten Kultobjekt geworden ist. Im Jahr 2005 gab es weltweit 1,2 Millionen Verkehrstote.22
„Gott und Götzen“! Man hat mit Recht gesagt: Der eigentliche Gegensatz zum Glauben an Gott ist nicht der Atheismus, sondern die Idolatrie, der Götzendienst.23 Man könnte denen, die nicht an den in der Bibel sich zeigenden Gott glauben, vorschlagen, darüber nachzudenken, ob es nicht „Götzen“, d. h. unheilvolle Verabsolutierungen und dementsprechende Bindungen bzw. Abhängigkeiten gibt in ihrem Leben oder in der Gesellschaft, und sich zu überlegen, wie man von solchen „Abgöttern“ frei werden kann.
DER GOTT UND VATER JESU
Als Christen glauben wir, dass uns durch und in Jesus Christus entscheidend und letztgültig offenbar, erkennbar geworden ist, wer „Gott“ ist und wer er für uns sein will (vgl. Mt 11,25ff par Lk; Joh 1,18; 14,6; 17,2f.25; Eph 1,17; 2,17f; Hebr 1,1f).
Der einzige und heilige Gott
Wenn Jesus von Gott spricht, dann meint er den „einzigen Gott“, den Israel bekennt (vgl. Mk 12,28–34; 10,18), den „Herrn und Schöpfer“ (Mt 11,25), den „einzigen wahren Gott“, zu dessen „Verherrlichung“ er sich gesandt weiß (Joh 17,3f).
Auf der Grundlage der alttestamentlichen Offenbarung ist Gott für Jesus der „Heilige“: der Nicht-Verfügbare; der von Menschen nicht für selbstgesetzte Zwecke instrumentalisiert werden kann und darf – der eben kein „Götze“ ist, den man sich „macht“. Ihn ehrt der Mensch, wenn er ihn über jede Berechnung hinaus anerkennt und sich ihm anvertraut.
Im frühjüdischen Buch Jesus Sirach heißt es: „Versuche nicht, ihn (Gott) zu bestechen; denn er nimmt nichts an“ (Sir 35,14). Es geht im Zusammenhang um die Darbringung von Opfern. „Bestechung“, das bedeutet, etwas durch Schmeicheleien, List oder Druck erreichen zu wollen. Teure Gaben opfern, etwas Kostbares hergeben mit dem Ziel, Gott irgendwie „herumzukriegen“, ihn sich gefügig zu machen. Vor Gott, mit Gott kann es aber kein Tricksen und keinen Handel geben. Wir können ihm ja nichts bieten, was nicht im Letzten auch seine Gabe ist. Es gilt, sich ihm ohne Rückversicherung anzuvertrauen, in der Zuversicht, dass er es ehrlich und gut mit uns meint. In dieser Gesinnung hat Jesus vor seinem Gott und Vater gelebt.
Diese Einstellung Jesu kommt zum Ausdruck in den ersten drei theozentrischen Bitten des „Vaterunsers“ (Mt 6,9f): dein Name, dein Reich, dein Wille. Sie kommt zum Ausdruck in der Art, wie Jesus auf die „Versuchung“ Satans reagiert, sich von der Höhe des Tempels zu stürzen: Gott bzw. sein Tun soll nicht für ein Schauwunder eingespannt und missbraucht werden (Mt 4,5ff). Sie äußert sich weiter im Verbot zu schwören: Gott darf nicht „in Pflicht genommen“, zu einer Reaktion gezwungen werden, um die Wahrheit menschlicher Aussagen zu garantieren; im Zurückweisen der Vorstellung, man könne Gott durch Häufung von Worten gefügig machen (Mt 6,7f); schließlich in der Bereitschaft Jesu, sich dem Willen des Vaters auch in der Annahme des Leidens und des Todes anheimzugeben (Mk 14,36).
Der Vater – Abba
Dieser heilige Gott ist für Jesus der bzw. sein „Vater“. Wo Jesus in den Evangelien von „Gott“ spricht, steht überwiegend das Wort „Vater“ (174-mal); so auch an allen Stellen (ausgenommen Mk 15,34: Verlassenheitsruf), wo Jesus betet (Mk 14,36 par; Mt 11,25f par; Lk 11,2 par; Lk 23,34.46; Joh 11,41; 12,27f; 17,1.5.11.21.24f).24 Besonders die Anrede Gottes als „Abba“, in seiner aramäischen Muttersprache, ist für Jesus wohl charakteristisch gewesen (Mk 14,36; vgl. Mt 26,39.42; Lk 10,21). Dass der Gebetsruf „Abba! Vater!“ auch noch in der griechisch sprechenden Urkirche gängig war (Röm 8,15; Gal 4,6), zeigt, dass man sich hier einer Besonderheit bewusst war, die auf Jesus zurückging.
Mit seiner „Abba“-Anrede steht Jesus im Bereich jüdischer Gebetsanrede zwar nicht völlig allein, aber es war nicht die übliche und oft genutzte Art und Weise, Gott anzurufen. Das früheste literarische Zeugnis für diese Anrede findet sich jedenfalls in der neutestamentlichen Bibel.25
Dieses „Abba“ stammt aus der Familiensprache. Es wurde zur Zeit Jesu als Anrede von kleinen Kindern, aber auch von erwachsenen Söhnen und Töchtern ihrem Vater gegenüber gebraucht. Dass „Abba“ einfach dem „Papa“ oder „Papi“ des Kleinkinds entspreche, ist nicht richtig („Abba isn’t Daddy“: James Barr). Im Neuen Testament wird das aramäische „Abba“ ja nicht mit dem griechischen Wort pappas (Vater, Papa) übersetzt, sondern mit pater (Vater). Heinz Schürmann übersetzt „Abba“ mit „lieber Vater“. Richtig ist aber, dass das Wort in die Sphäre des Hauses und der Familie verweist. Es kommt nicht aus der kultischen Sprache. Es lässt ein unbefangenes, angstloses, vertrauendes Verhältnis zu Gott erkennen.26 Die Einzigartigkeit des Gottesverhältnisses Jesu muss allerdings von seinem ganzen Verkünden und Verhalten her aufgezeigt und begründet werden.
Die „Abba-Erfahrung“ Jesu
Die „Vater“-Anrede Jesu ist zunächst Ausdruck dafür, wie Jesus seine eigene Beziehung zu Gott erfahren hat. Die Schilderung der Taufe Jesu in den Evangelien enthält Elemente, die aufgegriffen werden können, um die Gotteserfahrung Jesu zu kennzeichnen.
„Du bist mein geliebter Sohn!“ Aus einem solchen Zuspruch konnte Jesus leben und wirken. Dabei ist eher an einen Vorgang innerer Erfahrung gedacht als an ein von außen hörbares Wort (vgl. Mk 1,9ff par). Wenn man die im Hintergrund stehende Jesaja-Stelle (42,1–9) einbezieht, dann weiß sich Jesus „bevorzugt“ und dazu „erwählt“, einem umfassenden Werk des Heils zu dienen – ein einmaliger Vertrauensbeweis Gottes ihm gegenüber. Jesus hat eine Wertschätzung, eine Zuneigung vonseiten Gottes gespürt, die ihm das Herz geweitet und seine Energien geweckt haben; die ihm ermöglichten, auch mit einer großen Liebe auf die Menschen zuzugehen. „Sein Weg steht unter der Zusage Gottes. Nichts steht zwischen ihm und dem Vater. Er weiß sich so eins mit ihm, dass er keine Angst um sich selbst hat. Gerade so ist er ganz den Menschen zugewandt.“27
„Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Einheitsübersetzung). Das Wort „Gefallen“ oder „Wohlgefallen“ drückt nicht genügend aus, worum es geht. Es klingt, als ob Jesus eine gute Note für Betragen und Leistung verdient hätte. Geeigneter wäre die Übersetzung: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich meine Freude, du hast mein volles Vertrauen“.28
Jesus ist bewusst geworden, dass ihm Gott, der Vater, Vertrauen schenkt. Jesus darf den Weg gehen, den er als richtig erkannt hat. Er darf auch ungewohnte Wege gehen, darf Neues, Unerhörtes sagen. In einem Ausspruch, der zum ältesten Bestand der Evangelienüberlieferung gehört, sagt Jesus: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“ (Mt 11,27 = Lk 10,22). Jesus ist bevollmächtigt, im Namen Gottes zu handeln: befreiend, erneuernd, schöpferisch. Er hat Anteil am Wirken Gottes in der Welt. Jesus ist so „eingeweiht“ und einbezogen in das, was Gott offenbaren und schenken will, dass dieses Miteinander einer Beziehung entspricht, wie sie zwischen einem Vater und seinem Sohn besteht. Jesus vergegenwärtigt in einmaliger Weise den Leben und Heil schaffenden Gott. Davon spricht Jesus besonders in seiner Verkündigung vom Anbruch der „Herrschaft Gottes“ (vgl. Mk 1,14f). Im Johannesevangelium wird die vertrauende und liebende Verbundenheit zwischen Gott und Jesus geradezu systematisch durchbuchstabiert und als eine Beziehung göttlicher Art dargestellt (vgl. Joh 5,19–26; 8,29; 15,9f; 17,22–26).
„Du bist mein geliebter Sohn!“ Die Erfahrung der in diesen Worten ausgedrückten Zuneigung und Zusage hat Jesus zu einer grundlegend positiven Einstellung in seinem Denken und Verhalten befähigt. Jesus hat nicht aus einer negativen Grundstimmung heraus gelebt und gehandelt, aus einer Unzufriedenheit mit sich und den anderen; oder aus einem Ärger, einer Verbitterung heraus, oder aus einer bösen Freude daran, die Leute in Angst versetzen zu können. Jesus hat sich nicht auf die problematischen und negativen Seiten der Menschen fixiert. Er hat ihnen neue Anfänge und Wege in Richtung des Guten zugetraut. So hat er nicht Angst und Lähmung verbreitet. Sein Anliegen war es, die Menschen in seine eigene Nähe zum Vater-Gott hineinzuziehen, in seine Freude an diesem Gott und Vater.29
Ambivalenz des „Vater“-Bildes.
Gott: Vater – Mutter?
Wenn Jesus Gott „Vater“ nennt, dann überträgt er damit nicht das allgemeine menschliche Vater-Kind-Verhältnis auf Gott, sondern was er in der eigenen Gottesbeziehung erfahren hat, das veranschaulicht er in einem letztlich unzulänglichen Bilde. Was er über Gott als „Vater“ sagt, hat er nicht an faktischen oder idealen Familienverhältnissen abgelesen. Deshalb seine nüchterne und kritische Feststellung: „Wenn schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, um wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten“ (Mt 7,11; vgl. Lk 11,13). Hierher gehört auch das Wort: „Ihr sollt niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel“ (Mt 23,9). Das bedeutet wohl: Was „Vater“ eigentlich heißt und was „Vaterschaft“ sein sollte, das ist vom himmlischen Vater her zu sehen; davon können irdische Väter nur ein schwaches Abbild sein; deshalb wäre es besser, in der Welt niemand „Vater“ zu nennen. – Das schließt allerdings auch eine gewisse Relativierung der Vater-Bezeichnung für Gott ein.
Jesus hat wohl um die Ambivalenz menschlicher Vaterschaft gewusst: dass sie patriarchalische, autoritäre und despotische Formen annehmen kann. Im Gottesverständnis Jesu gibt es auch das mütterliche Element (vgl. Lk 6,35; 15,20ff; Mt 23,37), und er konnte dabei an entsprechende Gedanken im Alten Testament anknüpfen (z. B. Jes 49,15f; 66,13; Hos 11,4f). Diese Sicht kam aber im damaligen Vorstellungsfeld „Vater“ nicht genügend zum Ausdruck (trotz Ps 103,13).
Im Markusevangelium heißt es, dass diejenigen, die um Jesu willen „Haus, Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder“ verlassen haben, das Hundertfache dafür erhalten werden, auch „Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder“. Von „Vätern“ ist hier aber bezeichnenderweise nicht die Rede (vgl. Mk 10,29f). Neue „Väter“ zu erhalten, erscheint demnach als nicht besonders verlockend und verheißungsvoll. Sie würden sich vielleicht zu breit machen, eine brüderlich-schwesterliche Atmosphäre eher verhindern.30
Jean-François Six schreibt (wohl überpointiert): Wir müssen „auszusprechen wagen, dass Gott nicht Vater ist im menschlichen Sinn dieses Wortes. Von solcher Vaterschaft wissen wir genug und wir zappeln endlos in ihren Netzen. Es ist vielmehr jene Vaterschaft, die nicht unterdrückt, die nichts von dem immer schon vorausliegenden Gewicht hat, das jede irdische Vaterschaft darstellt.“31 Ein bestimmtes, lange aufrechterhaltenes Vaterbild war mit der Drohung verbunden, den Söhnen und Töchtern das Wohlwollen zu entziehen, wenn eigene und freie Schritte gewagt werden.
Die Überwindung des zwiespältigen Gottesbildes
Eugen Biser betont in seinen Schriften, dass Jesus Eindeutigkeit ins Gottesverständnis gebracht habe.32 In der Religionsgeschichte erscheine Gott in einer bleibenden Doppeldeutigkeit. Er ist gütig und barmherzig, aber ebenso bedrohlich und gefährlich. Liebe und Zorn, Erbarmen und Strafgerechtigkeit stehen als gleichursprüngliche und unvermittelte Eigenschaften nebeneinander. Es gibt in Gott willkürliche Reaktionen, gegen die man sich absichern muss: durch Beschwörungsund Besänftigungsriten, die als umso wirksamer gelten, je mehr sie wehtun. Gottes Vergebung muss man erkaufen.
J.-F. Six: „Warum hat das Gebet einen Hang zum Magischen? Weil der Mensch leicht geneigt ist, Gott als ein gefährliches Wesen anzusehen. Genau darin besteht die Sünde, dass man darauf besteht, Gott als ein gefährliches Wesen zu sehen … Seltsamerweise gefällt das vielen. Diese Sicht Gottes bietet ihnen einen bestimmten Schauder, den sie nicht missen wollen“.33 Es gibt tatsächlich ein geheimes Selbstbestrafungsbedürfnis, dem das Bild eines dreinschlagenden Gottes entgegenkommt.34
Sicher gibt es Erfahrungen einer Verdunkelung des Antlitzes Gottes, der Ferne Gottes, der Verlassenheit. So etwas hat auch Jesus erlebt. Aber der „Gott und Vater Jesu“ ist kein von vornherein zwiespältiger Gott, kein gleicherweise „grausamer und gütiger Herr“ (wie ihn selbst Martin Buber kennzeichnen zu müssen glaubte). Bei ihm gibt es keine Strafgerechtigkeit, die losbrechen muss und die erlitten werden muss, bevor er wieder Liebe sein kann. Vergebung der Schuld wird nicht verdient durch Abbüßung einer Strafe, sondern ist begründet in einer treu gebliebenen und suchenden Liebe (vgl. Mt 18,13f; Lk 15), die freilich ungeschuldet ist und nicht zur Wirkung kommen könnte, wenn ein Anrecht auf sie angemeldet würde. – „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“, „denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“, heißt es in der lukanischen Fassung der Bergpredigt (Lk 6,35f). In der programmatischen Antrittspredigt Jesu in Nazaret übergeht Jesus in der von ihm zitierten Jesajastelle das Wort vom kommenden „Tag der Vergeltung (Rache)“ (Lk 4,18f – Jes 61,2); er spricht nur vom „Gnadenjahr des Herrn“, das er ausrufen will (vgl. oben, S. 11).
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