Read the book: «Inferno»
August Strindberg
Inferno
Übersezt von Christian Morgenstern
Saga
Inferno
Übersezt von Christian Morgenstern
Titel der Originalausgabe: Inferno
Originalsprache: Schwedisch
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1898, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788728137925
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
www.sagaegmont.com
Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.
Beuge dein Haupt, stolzer Sigambrer!
Bete an, was du verbrannt hast,
verbrenne, was du angebetet hast!
Und will mein Angesicht wider denselbigen setzen,
daß sie sollen wüst und zum Zeichen und Sprüchwort werden.
Hesekiel XIV, 8.
Unter welchen ist Hymenaeus und Alexander,
welche ich habe dem Satan gegeben, daß sie gezüchtiget werden,
nicht mehr zu lästern.
I. Timoth. I, 20.
De crematione
et sententia
vera mundi
Mysterium
Personen:
Gott, der Ewige, Unsichtbare
Gott, der böse Geist, Usurpator, der Fürst dieser Welt
Luzifer, der Lichtbringer, gestürzt
Erzengel
Engel
Adam und Eva
Erster Akt
Im Himmel
Gott und Luzifer , jeder auf seinem Thron, von Engeln umringt.
Gott , ein Greis mit harten, fast boshaften Mienen, langem, weißem Bart und kleinen Hörnern wie der Moses Michel Angelos.
Luzifer , jung und schön, mit Zügen von Prometheus, Apollo und Christus; von weißer, leuchtender Gesichtsfarbe; mit flammenden Augen und weißen Zähnen. Um das Haupt eine Strahlenkrone.
Gott Genug der Untätigkeit, die unsere Kräfte verzehrt! Bewegung ins All!
Noch einmal will ich zu schaffen wagen. Mag ich, mißlingt's, mich verlieren und unter die namenlose Menge versinken.
Seht hin! da unten, zwischen Mars und Venus, liegen noch einige tausend Kilometer meines Reiches brach. Da will ich eine neue Welt schaffen: Aus Nichts soll sie entstehen und in Nichts einst wieder zurückkehren. Die Geschöpfe, die da leben werden, sollen sich Götter dünken wie wir, und ihre Kämpfe und Überhebungen sollen in uns vortreffliche Zuschauer finden. Die Welt der Narrheit sei ihr Name. Was meint mein Bruder Luzifer dazu, der mit mir dieses Reich im Süden der Milchstraße teilt?
Luzifer Mein Herr und Bruder, dein schlimmes Herz will Leid und Unglück. Ich verabscheue deinen Plan.
Gott Was meinen die Engel zu meinem Vorschlage?
Die Engel Der Wille des Herrn geschehe!
Gott Amen! Und wehe denen, welche die Narren über ihren Ursprung und Beruf aufklären!
Luzifer Wehe denen, welche böse gut und gut böse nennen, welche aus dunkel hell, aus hell dunkel, aus bitter süß und aus süß bitter machen! Ich fordere dich vor den Richterstuhl des Ewigen!
Gott Das wart' ich ab. Denn, begegnest du dem Ewigen öfter als einmal all die zehnmal zehntausend Jahre, da er in diese Breiten hier kommt?
Luzifer So will ich den Menschen die Wahrheit sagen, auf daß deine Absichten zuschanden werden.
Gott Verdammt seist du, Luzifer! Und unter der Welt der Narren sei dein Platz, damit du ihre Qualen siehst; und die Menschheit soll dich den Bösen nennen!
Luzifer Du wirst siegen, denn du bist stark wie das Böse! Und der Menschheit wirst du Gott heißen, du, ihr Verleumder, ihr Satan.
Gott Hinunter mit dem Empörer! Auf, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel! Stoßt ihn hinab, Samael, Azarel, Azael, Mehazael! Blast, Orieus, Paymon, Egyn, Amaimon!
Luzifer (wird vom Wirbelwind hinweggerissen und in den Abgrund gestürzt).
Zweiter Akt
Auf Erden
Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis. Dann Luzifer in Gestalt einer Schlange.
Eva Diesen Baum sah ich noch nie zuvor.
Adam Dieser Baum ist uns verboten.
Eva Wer hat das gesagt?
Adam Gott!
Luzifer(tritt auf) Welcher Gott? Es gibt mehrere.
Adam Wer redet da?
Luzifer Ich, Luzifer, der Lichtbringer, der euer Glück wünscht und unter euren Leiden leidet. Erblicket den jungen Morgenstern, der der Sonne Rückkehr verheißt! Das ist mein Stern, und ein Spiegel überragt ihn, der das Licht der Wahrheit widerstrahlt. Wenn aber die Zeit erfüllt ist, wird er Hirten vom Felde nach einer Krippe leuchten, darin mein Sohn, der Erlöser der Welt, geboren werden wird.
Sobald ihr aber von diesem Baume esset, werdet ihr wissen, was gut und böse, und erkennen, daß das Leben ein Übel ist, daß ihr keine Götter seid, sondern daß euch der Böse mit Blindheit geschlagen hat und euer Dasein sich abrollt, die Götter lachen zu machen. Esset davon, und ihr werdet das Geschenk der Erlösung von allen Schmerzen empfangen, die Freude des Todes!
Eva Ich möchte wissen und erlöst werden! Iß, Adam! (Sie essen die verbotene Frucht.)
Dritter Akt
Im Himmel
Gott und Uriel
Uriel Wehe uns, mit unserer Freude ist es aus.
Gott Was ist geschehen?
Uriel Luzifer hat die Staubgeborenen über unsere Kniffe aufgeklärt; sie wissen alles und sind glücklich.
Gott Glücklich! Wehe ihnen!
Uriel Noch mehr, er hat ihnen die Freiheit geschenkt, so daß sie zum Nichts zurückkehren können.
Gott Sterben! ... Gut! ... Nur mögen sie sich mehren, bevor sie sterben! Es werde die Liebe!
Vierter Akt
In der Hölle
Luzifer(gebunden) Seit die Liebe in die Welt gekommen, ist meine Macht erloschen. Kain erlöste den Abel; aber erst, nachdem sich dieser mit seiner Schwester schon fortgepflanzt. Ich will sie alle erlösen! – Ihr Wasser, Meere, Quellen, Bäche, die ihr den Funken des Lebens auszulöschen vermögt, steiget, tretet aus euren Ufern!
Fünfter Akt
Im Himmel
Gott und Uriel
Uriel Wehe uns! Mit unserer Freude ist es aus!
Gott Was ist geschehen?
Uriel Luzifer hat die Gewässer empört; nun steigen sie und erlösen die Sterblichen.
Gott Ich weiß! Aber ich habe zwei der am wenigsten Aufgeklärten gerettet, die niemals die Lösung des Rätsels erfahren sollen. Ihr Schiff ist auf dem Ararat gelandet, und sie bieten Sühnopfer dar.
Uriel Aber Luzifer hat ihnen eine Pflanze gegeben, deren Saft ihre Torheit heilt, – die Rebe. Ein Tropfen Wein, und sie werden sehend.
Gott Die Unsinnigen! sie wissen nicht, daß ich ihr Kraut mit den Eigenschaften der Betörung, der Betäubung und des Vergessenmachens begabt habe, auf daß sie sich nicht mehr erinnern, was ihre Augen gesehen haben.
Uriel Wehe uns! Was macht das Torenpack da drunten?
Gott Sie bauen einen Turm und schicken sich an, den Himmel zu erstürmen. Ha, Luzifer hat sie fragen gelehrt! Gut; ich will ihre Sprache verwirren, daß sie Fragen fragen ohne Antworten, und mein Bruder Luzifer verstumme!
Sechster Akt
Im Himmel
Gott und Uriel
Uriel Wehe uns! Luzifer hat seinen einigen Sohn gesandt, daß er den Menschen die Wahrheit verkünde.
Gott Was sagt er?
Uriel Geboren von einer Jungfrau, will dieser Sohn gekommen sein, die Menschen zu erlösen und durch seinen Tod den Schrecken des Todes aus der Welt zu schaffen.
Gott Was sagen die Menschen?
Uriel Die einen verbreiten, daß er Gott, andere, daß er der Teufel sei.
Gott Was verstehen sie unter dem Teufel?
Uriel Luzifer!
Gott(in Zorn geratend) Mich reut, den Menschen auf Erden gemacht zu haben; er ist stärker geworden als ich. Ich weiß nicht mehr, wie ich diese Masse von Toren und Narren lenken soll. Amaimon, Egyn, Paymon, Orieus, nehmt mir diese Last ab; stürzt den Ball, daß er sich in den Abgründen verirre! Fluch auf das Haupt der Rebellen. Und den Galgen auf die Stirn des verdammten Planeten, als Zeichen des Verbrechens, der Züchtigung und der Leiden.
Egyn und Amaimon (treten auf)
Egyn O Herr! Euer schlimmer Wille und das verkündete Wort haben ihre Wirkung getan! Die Erde stürmt auf ihrer Bahn dahin; die Gebirge stürzen zusammen, die Wasser überschwemmen das Trockene; die Achse zielt nach der eisigen Nacht des Nordens; Pest, Hungersnot verheeren die Völker; die Liebe ist in tödlichen Haß gekehrt, die kindliche Ehrfurcht in Vater- und Muttermord. Die Menschen glauben sich in der Hölle, und Ihr, o Herr, seid gestürzt.
Gott Zu Hilfe! Mich reut meiner Reue!
Amaimon Zu spät. Alles geht seinen Gang, seit Ihr einmal schwach gewesen seid ...
Gott Mich reut, Funken meiner Seele in unreine Gefäße gelegt zu haben, welche mich durch ihre Zuchtlosigkeiten ... erniedrigen ...
Egyn zu Amaimon Was redet er, der Alte!
Gott Meine Tatkraft versiegt, wenn sie sich von mir entfernen; ihre Sittenverderbnis befleckt mich; der Aberwitz meiner Nachkommenschaft rächt sich an mir. Was habe ich begangen. Ewiger! Hab Erbarmen mit mir! ... Da er den Fluch geliebt hat, falle der Fluch auf ihn; und weil er keine Freude am Segnen gehabt hat, so weiche auch der Segen von ihm! ...
Egyn Was ist ihm?
Gott Herr, Ewiger, keiner unter den Göttern ist, der dir ähnlich sei, und deine Werke sind ohnegleichen. Denn du bist groß und du tust Wunder; du bist Gott, du allein!
Amaimon Er schwärmt.
Egyn So muß es kommen, daß –
wollen Götter sich vergnügen,
die Sterblichen sie drum betrügen.
I
Die Hand des Unsichtbaren
Mit einer wilden Freude wandte ich dem Nordbahnhof den Rücken; denn soeben hatte der Zug mein Frauchen zur Ferne entführt, wo unsere plötzlich erkrankte Kleine der Mutter harrte. Das Opfer war vollbracht. »Also auf baldiges Wiedersehen« klang mir noch in den Ohren, aber ich ahnte nur zu gut, daß es ein Abschied auf Nimmerwiedersehen gewesen war. Und in der Tat habe ich seit damals, November 1894, bis heute, Mai 1897, meine vielgeliebte Gattin nicht wiedergesehen.
Bald darauf saß ich im Café de la Régence und zwar am selben Tische, an dem ich eben noch mit meiner Frau gesessen, meiner schönen Kerkermeisterin, die Tag und Nacht meine Seele belauert, meine geheimen Gedanken erraten und, voll Eifersucht auf meine Liebe zur Erkenntnis, den Lauf meiner Ideen überwacht hatte ...
Die wiedergeschenkte Freiheit verjüngt und erhebt mich, und tief unter mir liegt die Großstadt, so klein. Was ist mir jetzt noch der Sieg, den ich auf diesem Schauplatz geistiger Kämpfe erfochten: daß ich auf einer Pariser Bühne gespielt wurde! Bedeutete das für mich doch nichts Geringeres als die Erfüllung eines Jugendtraumes, wie er von all den zeitgenössischen Schriftstellern meines Landes geträumt wird und nun allein von mir verwirklicht worden ist. Aber gleichviel. Das Theater stieß mich, wie alles, was man einmal erreicht hat, ab, und die Wissenschaft zog mich an. Meine Wahl zwischen Liebe und Wissenschaft hat sich für letztere entschieden, und läßt mich über dem Opfer meiner eigenen Liebe ganz vergessen, daß ich zugleich ein schuldloses Weib auf dem Altar meines Ehrgeizes oder, sagen wir, meines inneren Berufes opfere.
Denselben Abend noch durchwühlte ich in meinem ärmlichen Studierzimmer im Quartier latin meinen Schrank und zog sechs Tiegel aus feinem Porzellan, deren Preis ich mir seinerzeit heimlich vom Munde abgespart, aus ihrem Versteck hervor. Eine Lampe und eine Stange reiner Schwefel vollendeten das Laboratorium. Nachdem ich dann noch im Kamin ein Schmiedefeuer angefacht, verriegelte ich die Tür und ließ die Vorhänge herab; denn Caserio ist erst vor drei Monaten hingerichtet und Paris noch nicht so beruhigt, daß man sich ohne Gefahr mit chemischen Experimenten beschäftigen kann.
Die Nacht bricht herein, der Schwefel brennt wie flammende Hölle, und, als es Morgen wird, habe ich das Vorhandensein von Kohlenstoff in diesem für einfach gehaltenen Körper festgestellt und glaube damit ein großes Problem gelöst, die herrschende Chemie gestürzt, und mir selbst die Sterblichen verstattete Unsterblichkeit erworben zu haben.
Meine von der unmäßigen Hitze gedörrten Hände schuppen sich und machen mir beim Auskleiden schmerzhaft bemerklich, um welchen Preis ich meine Eroberung gemacht habe. Als ich aber allein im Bette liege, in dem noch alles an die Frau erinnert, überkommt mich ein tiefes Glücksgefühl. Aus einer seelischen Reinheit, einer männlichen Jungfräulichkeit heraus betrachte ich die vergangene Ehe als etwas Unreines und ich möchte nur jemanden haben, dem ich für meine Befreiung aus ihren trüben und nun ohne viel Worte gelösten Banden danken könnte. Die unbekannten Mächte haben die Welt so lange ohne ein Lebenszeichen von sich gelassen, daß ich im Laufe der Zeit zum Atheisten geworden bin.
Aber ich möchte so gern danken! Irgend jemandem! Mich drückt diese aufgezwungene Undankbarkeit!
Ich bin so eifersüchtig auf meine Entdeckung, daß ich nichts tue, was zu ihrem Bekanntwerden führen könnte. Schüchtern, wie ich in solchen Angelegenheiten bin, lasse ich Autoritäten Autoritäten und Akademien Akademien sein und experimentiere ruhig weiter. Aber die Risse meiner Hände verschlimmern sich, die Schrunden springen auf und füllen sich mit Kohlenstaub, das Blut sickert hervor und ich kann zuletzt nichts mehr berühren, ohne die unerträglichsten Schmerzen zu empfinden.
Voll wilder Anklagen wende ich mich gegen jene unbekannten Mächte, die es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheinen, mein ganzes Leben und Streben durch ihre Verfolgungen zu vergällen, ziehe mich, menschenscheu, von allen Gesellschaften zurück, lehne alle Einladungen ab und verleugne mich vor allen meinen Freunden. Schweigen, Einsamkeit breitet sich um mich, das erhaben-schreckliche Schweigen der Wüste, in der ich mich trotzig an dem Unbekannten messe, Leib an Leib, Seel' an Seele ...
Der Kohlenstoff im Schwefel wäre nachgewiesen, nun gilt es noch den Wasser- und Sauerstoff. Aber was ist mit ungenügenden Apparaten und ohne Geld zu machen? Dazu sind meine Hände schwarz und blutig, schwarz wie mein Elend, blutig wie mein Herz. Denn ach, während alledem schrieben wir uns, meine Frau und ich, verliebte Briefe. Aber meine Erfolge als Chemiker lassen sie kalt; sie antwortet mit Krankheitsberichten über das Kind und gibt nicht undeutlich zu verstehen, für wie eitel sie meine Wissenschaft halte und wie töricht es sei, dafür Geld zu vergeuden.
Da packt mich der Teufel, und in einer Anwandlung gerechten Stolzes tue ich mir selbst das Leid, den Selbstmord an, und gebe in einem unverzeihlich nichtswürdigen Briefe Weib und Kind den Laufpaß, indem ich mich stelle, als ob eine neue Liebschaft meinen Geist beschäftige.
Der Hieb sitzt. Meine Frau antwortet mit einer Klage auf Scheidung.
Welcher Kummer, welche Sorgen, die über mich Mörder und Selbstmörder hereinbrechen! Niemand teilt meine furchtbare Einsamkeit, und ich bin zu stolz, jemanden aufzusuchen.
Hoch über dem Spiegel eines Meeres treibe ich dahin ... Das Ankertau hab' ich kühn durchhauen – aber wo ließ ich die Segel?
Inzwischen taucht das Schreckbild einer unbezahlten Rechnung inmitten meiner wissenschaftlichen Arbeiten und metaphysischen Spekulationen auf und erinnert mich wieder an die Erde.
So kommt Weihnachten heran. Ich habe die Einladung einer skandinavischen Familie, deren Atmosphäre mir wegen ihrer peinlichen Unregelmäßigkeiten mißfällt, derb abgelehnt. Am Abend aber tut es mir leid und ich gehe doch hin. Man setzt sich alsobald, und das Abendessen beginnt unter einem Heidenlärm. Die jungen Künstler sind von einer unbändigen Ausgelassenheit und fühlen sich hier wie zu Hause. Eine Vertraulichkeit der Bewegungen und Mienen, dazu ein Ton, der nicht in die Familie paßt, erfüllt mich mit unbeschreiblichem Mißbehagen, und in meiner Traurigkeit erscheint mir inmitten der Saturnalien das friedliche Haus meiner Frau. Eine plötzliche Vision zeigt mir den Salon, den Weihnachtsbaum, die Mistel, mein Töchterchen und ihre verlassene Mutter ... Gewissensbisse überfallen mich, ich stehe auf, schütze ein Unwohlsein vor und gehe.
Durch die schreckliche Rue de la Gaieté, wo die gemachte Lustigkeit der Menge mich beleidigt, und die düstere, schweigsame Rue Delambre, eile ich nach dem Boulevard Montparnasse und werfe mich vor der Brasserie des Lilas auf einen Sessel.
Kaum aber, daß mich ein guter Absinth ein paar Minuten lang tröstet, als eine Bande Kokotten mit ihren Studenten des Wegs kommt und auf mich losstürzt. Man schlägt mich mit Ruten ins Gesicht, daß ich wie von Furien gejagt, meinen Absinth stehen lasse, um auf dem Boulevard St. Michel im Franz I. einen andern zu trinken.
Aber vom Regen in die Traufe! Ein neuer Trupp grinst mir sein: Heda, der Einsiedler! entgegen. Und ich fliehe, von Eumeniden gepeitscht, unter den foppenden Geleitfanfaren der Mirlitons nach Hause.
Der Gedanke an eine Züchtigung, als Folge meines Verbrechens, kommt mir nicht. Vor mir selbst fühle ich mich als unschuldiges Opfer einer ungerechten Verfolgung. Die Unbekannten haben mich gehindert, mein großes Werk fortzusetzen: so mußte, was sich nicht biegen wollte, brechen, bevor ich wagen konnte, die Hand nach der Krone des Siegers auszustrecken.
Ich habe unrecht gehabt und zugleich habe ich recht gehabt und werde recht behalten.
Diese Weihenacht schlief ich schlecht. Ein kalter Luftzug streifte mehrere Male mein Gesicht, und von Zeit zu Zeit weckte mich der Ton einer Gitarre.
Allmählich überkommt mich eine gewisse Hinfälligkeit. Meine schwarzen, blutigen Hände hindern mich am Auskleiden und am Ordnen meiner Toilette. Die Furcht vor der Hotelrechnung läßt mir keine Ruhe mehr, und ich wandere in meinem Zimmer, wie ein wildes Tier in seinem Käfig, auf und ab.
Ich schlafe nicht mehr, und der Wirt rät mir das Krankenhaus an. Es ist zu teuer, und man muß es vorher bezahlen, also ist es damit nichts. Aber mit einem Male beginnen die Armadern anzuschwellen –: also Blutvergiftung. Das ist der Gnadenstoß. Das Gerücht davon verbreitet sich unter meinen Landsleuten, und eines Abends kommt die gute Frau, aus deren Abendgesellschaft ich auf eine nichtswürdige Weise ausgerissen war, sie, die mir zuwider war, die ich fast verachtet hatte, sie kommt zu mir, erkundigt sich, begreift mein Elend und bezeichnet mir unter Tränen das Krankenhaus als einzige Rettung.
Man stelle sich meine Hilflosigkeit und meine Zerknirschung vor, als mein beredtes Schweigen ihr endlich begreiflich macht, daß ich ganz ohne Mittel bin. Sie weint laut auf, da sie mich so gesunken sieht.
Sie will sofort unter den Skandinaviern eine Sammlung veranstalten und den Gemeindegeistlichen aufsuchen, denn sie selbst ist arm und von Sorgen des täglichen Lebens überhäuft. Die Sünderin hat Erbarmen mit dem Manne, der soeben sein rechtmäßiges Weib verstoßen.
Bettler, der ich bin, doppelter Bettler, da ich um Nächstenliebe durch die Vermittelung eines Weibes bitte! Ist da nicht eine unsichtbare Hand im Spiele, welche die unwiderstehliche Logik der Ereignisse lenkt? Und ich beuge mich dem Sturme, und gelobe mir, als ein neuer Mensch mich wieder zu erheben.
Der Wagen bringt mich nach dem St. Ludwigs-Krankenhaus. In der Rue de Rennes lasse ich einen Augenblick halten und kaufe ein paar weiße Hemden.
Ein Totenhemd für die letzte Stunde!
Warum beschäftigen sich meine Gedanken so mit der Nähe des Todes? ...
So bin ich denn glücklich interniert, darf nicht ohne Erlaubnis ausgehen, und sitze wie ein Gefangener da, von meinen umwickelten Händen zu vollkommener Untätigkeit verdammt. Mein Zimmer ist kahl, nur mit dem Notwendigsten versehen und ohne jede Spur von Schönheit. In der Nähe liegt der Gesellschaftssaal, wo vom Morgen bis Abend geraucht und Karten gespielt wird.
Es läutet zum Frühstück, und ich sehe mich in einer grausigen Tischgesellschaft. Wohin ich blicke, Köpfe von Toten und Sterbenden; hier fehlt eine Nase, da ein Ohr, dort ist eine Lippe gespalten, dort eine Wange zerfressen. Zwei davon sehen nicht wie Kranke aus, aber ihre Gesichter sind trüb und trostlos genug. Es sind zwei große Diebe der vornehmen Gesellschaft, die es infolge mächtiger Verbindungen durchgesetzt haben, aus dem Gefängnis als krank entlassen zu werden.
Ein ekelhafter Jodoformgeruch benimmt mir den Appetit, dazu zwingen mich die Bandagen der Hände, beim Brotschneiden und Einschenken die Hilfe meiner Gefährten in Anspruch zu nehmen. Und um dies Bankett von Verbrechern und zum Tode Verurteilten herum geht in ihrer strengen weiß und schwarzen Tracht unsere treffliche Vorsteherin und bringt einem jeden seine Giftmedizin. Mit meinem Arsenikbecher trinke ich einem Totenkopf zu, der mir mit Digitalin nachkommt. So grausig das alles ist, muß man doch zugleich dankbar dafür sein. Man könnte rasend werden, für ein solches Nichts auch noch dankbar sein zu sollen.
Ich werde angekleidet, ausgekleidet, wie ein Kind gepflegt. Die Schwester gewinnt mich lieb, behandelt mich wie ein Baby, sagt mein Kind zu mir, und ich nenne sie wie alle andern Mutter.
Wie süß klingt dies Wort Mutter, das ich seit dreißig Jahren nicht mehr ausgesprochen habe! Die Alte, vom Orden des heiligen Augustin, wie eine Tote gekleidet – hat sie doch niemals das Leben gelebt! und sanft wie die Ergebung selber lehrt uns über unsere Leiden wie über ebensoviele Freuden lächeln; denn sie kennt die Wohltaten des Schmerzes. Kein Wort des Vorwurfs, keine Vorstellungen oder Ermahnungen. Ihre Instruktion erlaubt ihr, den Kranken auf eigene Faust kleine Freiheiten zu gestatten. So erlaubt sie mir, in meinem Zimmer zu rauchen und erbietet sich, mir Zigaretten zu drehen, was ich jedoch ablehne. So erwirkt sie mir die Erlaubnis unter der Zeit auszugehen, und als sie die Entdeckung gemacht, daß ich mich mit Chemie befasse, verhilft sie mir zu einer Empfehlung an den gelehrten Apotheker des Krankenhauses, der mir Bücher borgt und mich, nachdem er meine Theorie über die Zusammensetzung der einfachen Körper angehört, in seinem Laboratorium zu arbeiten einlädt. Diese Schwester hat eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich fange an, mich mit meinem Lose wieder auszusöhnen und mein Unglück, das mich unter dies gesegnete Dach geführt hat, als Glück zu preisen.
Der erste Band aus der Bibliothek des Apothekers öffnet sich von selbst, und mein Blick schießt wie ein Falke auf eine Zeile des Kapitels vom Phosphor. In kurzen Worten erzählt da der Verfasser, daß der Chemiker Lockyer durch die Spektralanalyse nachgewiesen habe, daß der Phosphor kein einfacher Körper sei, und daß sich die Pariser Akademie der Wissenschaften der Richtigkeit seiner Auseinandersetzungen nicht habe verschließen können.
Dieser unerwartete Beistand gibt mir neue Kraft. Ich nehme meine Tiegel mit den Resten des noch nicht völlig verbrannten Schwefels und übergebe sie einem Bureau für chemische Analysen, das mir das Zertifikat bis zum nächsten Morgen verspricht.
Bei meiner Rückkehr ins Krankenhaus – es war gerade mein Geburtstag – finde ich einen Brief meiner Frau vor. Sie beklagt mein Mißgeschick, will mich wiedersehen, mich pflegen und mich lieben. Das Glück, trotz allem noch geliebt zu werden, ruft in mir das Bedürfnis zu danken hervor ... aber wem sollte ich danken? dem Unbekannten, der sich so lange nicht um mich gekümmert hatte?
Das Herz will mir brechen, und, ehe ich mich's versehe, schreibe ich wieder wie ein Liebhaber an meine eigne Gattin. Ich beichte ihr, wie meine sogenannte Untreue eitel Lüge gewesen und bitte sie um Verzeihung. Nur unser Wiedersehen will ich noch auf einen günstigeren Zeitpunkt verschoben wissen.
Den nächsten Morgen laufe ich nach dem Boulevard Magenta zu meinem Chemiker und bringe die Analyse in geschlossenem Kuvert nach dem Krankenhaus zurück.
Vor dem St. Ludwigs-Standbild im Hofe der Anstalt fallen mir die Quinze-Vingt, dies große Blindenhospital, die Sorbonne und die Heilige Kapelle ein, diese drei Werke des Heiligen, welche gleichsam »Vom Leiden durch Wissen zur Buße« predigen.
Im wohlverschlossenen Zimmer öffne ich endlich das Schreiben, das über meine Zukunft entscheiden soll. Es lautet:
»Das unsern Versuchen unterworfene Pulver hat folgende Eigenschaften:
Farbe: grau-schwarz, hinterläßt Spuren auf Papier.
Dichtigkeit: sehr groß, größer als die mittlere Dichtigkeit des Graphit, es scheint ein harter Graphit zu sein.
Chemische Untersuchung:
Dieses Pulver verbrennt leicht, unter Entbindung von Kohlenoxyd und Kohlensäure. Es enthält also Kohle.«
Der reine Schwefel enthält Kohle!
Ich bin gerettet. Ich kann von heut an meinen Freunden und Verwandten beweisen, daß ich kein Narr bin, ich kann die Theorien rechtfertigen, die ich vor einem Jahre in meinem Antibarbarus vorgetragen, den man in den Zeitschriften wie das Werk eines Scharlatans oder Verrückten behandelt hat, ich kann meiner Familie, die mich infolgedessen wie einen Taugenichts, wie eine Art von Cagliostro fortgejagt hat, das Gegenteil beweisen.
Seht, meine Gegner, wie ihr nun zu Boden geschmettert seid! Mein Blut wallt in gerechtem Stolz, ich will das Krankenhaus verlassen, durch die Straßen schreien, vor dem Institut brüllen, die Sorbonne niederreißen ... aber meine Hände bleiben gebunden, und als ich draußen auf dem Hofe stehe, rät mir die hohe Ringmauer – Geduld.
Als ich dem Apotheker das Ergebnis der Analyse mitteile, schlägt er mir vor, das Problem einer Kommission ad oculos zu demonstrieren.
Ich jedoch, in meiner Scheu vor der Öffentlichkeit, schreibe statt dessen einen Aufsatz über die Sache und schicke ihn an den Temps, der ihn nach zwei Tagen bringt.
Die Parole ist gegeben. Man antwortet mir von allen Seiten. Man muß die Tatsache zugeben, ich habe Anhänger gefunden, ich bin in einer chemischen Zeitschrift eingeführt und in eine Korrespondenz verwickelt, welche die Fortsetzung meiner Untersuchungen fördert.
Eines Sonntags, dem letzten meines Aufenthalts im Fegefeuer des Heiligen Ludwig, beobachte ich vom Fenster aus den Hof. Die beiden Diebe gehen mit ihren Frauen und Kindern auf und ab und umarmen sich von Zeit zu Zeit mit glückstrahlenden Mienen wie Menschen, die das Unglück mit um so festerer Liebe aneinanderkettet.
Meine Einsamkeit bedrückt mich, ich verfluche mein Los und schelte es ungerecht, ohne daran zu denken, daß mein Verbrechen die ihrigen an Gemeinheit übersteigt. Der Hausmeister bringt einen Brief meiner Frau. Er ist von einer eisigen Kälte. Mein Erfolg hat sie verletzt und sie tut so, als wolle sie nicht eher daran glauben, als bis ich einen Chemiker von Fach zu Rate gezogen hätte; außerdem warnt sie mich vor allen Illusionen, die nur zu Gehirnstörungen führten. Was gewänne ich schließlich mit all dem? Könnte ich mit der Chemie eine Familie ernähren?
Noch einmal die Alternative: Liebe oder Wissenschaft! Ohne Zaudern schreibe ich einen letzten vernichtenden Brief und sage ihr ade, zufrieden mit mir wie ein Mörder nach seiner Tat.
Am Abend schlendere ich in meinem trübseligen Viertel umher und gehe über den St. Martins-Kanal. Er ist schwarz wie das Grab und so recht gemacht, sich darin zu ersäufen. Ich bleibe an der Ecke der Rue Alibert stehen. Warum Alibert? Wer ist das? Hieß nicht der Graphit, den der Chemiker in meinem Schwefel fand, Alibert-Graphit? Nun, was weiter? Seltsam, aber der Eindruck von etwas Unerklärlichem bleibt in meinem Geiste haften. Dann Rue Dieu. Warum Dieu, wenn Gott von der Republik abgeschafft worden ist? Rue Beaurepaire. Der beau repaire der Übeltäter ... Rue de Baudry ... Führt mich der Teufel? Ich gebe auf die Inschriften nicht mehr acht, verirre mich, kehre um, finde mich nicht mehr zurecht, schrecke vor einem Schuppen zurück, der nach rohem Fleisch und ekelhaften Gemüsen, besonders nach Sauerkraut stinkt ... Verdächtige Individuen streifen mich an und ergehen sich in rohen Ausdrücken ... Ich habe Angst vor dem Unbekannten, wende mich rechts, wende mich links und gerate in eine schmutzige Sackgasse, wo Unflat, Laster und Verbrechen zu wohnen scheinen. Dirnen versperren mir den Weg, Kerle grinsen mich an ... Die Szene von Weihnachten wiederholt sich, vae soli! Wer spielt mir diese hinterlistigen Streiche, sobald ich mich von Welt und Menschen trenne? Irgend jemand hat mich in diese Falle gebracht! Wo ist er, ich will mit ihm kämpfen!
Im Augenblick, da ich zu laufen beginne, geht ein mit schmutzigem Schnee gemischter Regen nieder ... Im Hintergrund einer kleinen Straße zeichnet sich ein großes, kohlschwarzes Tor gegen das Firmament ab, ein Zyklopenwerk, ein Tor ohne einen Palast, das sich auf ein Meer von Licht öffnet ... Ich frage einen Polizisten, wo ich bin. – Am St. Martins-Tor. –
Mit ein paar Schritten bin ich auf den großen Boulevards. Die Theateruhr zeigt ein Viertel auf sieben. Es ist gerade Feierabend, und meine Freunde warten wie gewöhnlich im Café Neapel. Hastig eile ich weiter, vergessen sind Krankenhaus, Kummer und Armut. Beim Vorbeigehen am Café du Cardinal stoße ich an einen Tisch, an dem ein Herr sitzt. Ich kenne ihn nur dem Namen nach, aber er kennt mich und in derselben Sekunde fragen mich seine Augen:
Du hier? Du bist also nicht im Krankenhaus? Dieser Klatsch!
Und ich fühle, daß dieser Mann einer meiner unbekannten Wohltäter ist; denn er erinnert mich daran, daß ich ein Bettler bin und nicht ins Café gehöre.
Bettler! Das ist das rechte Wort, das mir in den Ohren braust und mir die brennende Röte der Scham, Demütigung und Wut in die Wangen treibt.
Vor sechs Wochen setzte ich mich hier an den Tisch; mein Theaterdirektor setzte sich zu mir und nannte mich lieber Meister, die Journalisten überliefen mich mit ihren Interviews, der Photograph bat mich um die Ehre, meine Bilder verkaufen zu dürfen ... und heute, was bin ich heute? Ein Bettler, ein Gezeichneter, ein Verbannter der Gesellschaft.
Gestäupt, gehetzt, zum äußersten getrieben, laufe ich wie ein nächtlicher Herumstreicher den Boulevard entlang und heim zu meinen Aussätzigen. Da endlich und nur da, in meinem Kerker, fühle ich mich heimisch.
Wenn ich mein Los überdenke, erkenne ich wieder jene unsichtbare Hand, welche mich züchtigt und geißelt, ohne daß ich noch den Zweck errate. Will es mein Ruhm, daß mir die Welt ihre Ehren verweigert, muß ich gedemütigt werden, um wieder aufgerichtet, erniedrigt, um wieder erhöht zu werden?
Und der Gedanke kommt wieder und wieder: Die Vorsehung plant etwas mit dir, und dies ist der Anfang deiner Erziehung.
Im Februar verlasse ich das Krankenhaus, ungeheilt, aber genesen von den Versuchungen der Welt.
Zum Abschied habe ich die Hand der treuen Mutter, die mich ohne viel Worte den Weg des Kreuzes gelehrt hat, küssen wollen, aber ein Gefühl der Ehrfurcht wie vor etwas Geweihtem hat mich davon zurückgehalten.
Möge sie nun im Geiste diese Dankbezeugung eines Fremden empfangen, dessen Spur sich im fremden Lande verloren und verirrt hat.
II
Der Heilige Ludwig führt mich bei dem seligen Herrn Orfila ein
In einem bescheiden möblierten Zimmer setze ich nun den ganzen Winter hindurch meine chemischen Arbeiten fort, bleibe den Tag über zu Hause und gehe dann in ein Restaurant essen, wo Künstler verschiedener Nationalitäten einen Tisch gebildet haben. Nach dem Essen besuche ich die Familie, die ich in einem Augenblick der Rücksichtslosigkeit zurückgestoßen habe. Die ganze unruhige Künstlergesellschaft ist da und ich bin zu ertragen verurteilt, was ich vermeiden wollte: leichte Sitten, laue Moral, gewollte Pietätlosigkeit. Es gibt viel Talent unter diesen Leuten, unendlich viel Geist und eine wilde Genialität, die sich einen gefürchteten Namen erworben hat.
Jedenfalls bin ich in einer Familie, man liebt mich, und ich bin den Leuten dankbar, wenn ich mich auch gegen ihre kleinen Angelegenheiten, die mich nichts angehen, blind und taub stelle.
Hätte ich diese Leute aus ungerechtfertigtem Stolz geflohen, so würde es logisch gewesen sein, mich dafür zu strafen, aber in diesem Fall, wo mein Fernbleiben der Sehnsucht, mein Ich zu läutern, meine Persönlichkeit in einsamer Sammlung zu vertiefen, entsprungen war, verstehe ich die Methode der Vorsehung nicht, denn ich bin ein Mensch von so weichem Charakter, daß ich mich aus reiner Umgänglichkeit und Furcht, undankbar zu sein, jeder Umgebung anpasse. Nachdem ich nun aber durch mein Unglück und die Schande meiner Armut so lange aus der Gesellschaft verbannt gewesen, war ich immer noch froh, ein Obdach für die langen Winterabende zu finden, obschon die schlüpfrige Unterhaltung meinem Herzen wehe tat.
Da mir nun das Dasein der unsichtbaren Hand, die meinen Fuß über Stock und Stein leitet, zur Gewißheit geworden ist, fühle ich mich nicht mehr vereinsamt und beobachte mich streng in meinen Worten und Handlungen, obwohl es mir freilich nicht immer gelingt. Sobald ich aber gefehlt habe, fühle ich mich auf frischer Tat ertappt, und mit einer Pünktlichkeit und einem Raffinement bestraft, daß ich über das Eingreifen einer richterlichen Gewalt keinen Zweifel mehr hege. Der Unbekannte ist mir ein persönlicher Bekannter geworden, mit dem ich spreche, dem ich Dank sage, den ich um Rat angehe. Manchmal vergleiche ich ihn in meiner Einbildung mit dem Daimon des Sokrates, und das Bewußtsein, daß mir die unbekannten Mächte zur Seite stehen, verleiht mir eine Tatkraft und eine Sicherheit, die mich zu ungewohnten Anstrengungen antreiben.
Ein Bankrotteur der Gesellschaft, werde ich in einer anderen Welt wiedergeboren, wohin mir niemand folgen kann. Ehedem unbedeutende Ereignisse ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, meine nächtlichen Träume nehmen die Form von Ahnungen an, ich halte mich für einen Abgeschiedenen, und mein Leben verläuft in einer anderen Sphäre.
Nachdem ich den Kohlenstoff im Schwefel nachgewiesen, habe ich noch den Wasserstoff und Sauerstoff, auf die nach der Analogie geschlossen werden kann, aufzuzeigen.
Zwei Monate verstreichen mit Berechnungen und Vermutungen, als mir die zu den Versuchen notwendigen Apparate ausgehen. Ein Freund gibt mir den Rat, in das Untersuchungs-Laboratorium der Sorbonne zu gehen, das selbst Fremden offen steht. Da ich in meiner Zaghaftigkeit und meiner Scheu vor der Menge nicht daran denken mag, stehen meine Arbeiten still, und eine Ruhepause tritt ein. Eines schönen Frühlingsmorgens wache ich in bester Laune auf. Ich wandle durch die Rue de la grande Chaumiere nach der Rue de Fleurus, die nach dem Jardin du Luxembourg führt. Die hübsche, kleine Straße ist ruhig, die große Kastanienallee zieht sich leuchtend-grün, breit und gerade wie eine Rennbahn dahin, ganz im Hintergrunde erhebt sich die Davidsäule wie ein Markstein, und hoch über allem berühren die Wolken die Kuppel des Pantheon und das goldene Kreuz ihrer Spitze.
Entzückt bleibe ich vor dem bedeutenden Schauspiel stehen, als ich zufällig zu meiner Rechten ein Färbereischild erblicke. Und was sehe ich! Gemalt auf die Fensterscheibe der Werkstatt stehen da über einer silberweißen Wolke die Anfangsbuchstaben meines Namens, A. S., und darüber wölbt sich ein Regenbogen.
Omen accipio! Wie heißt doch die Stelle der Genesis:
»Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.«
Ich berühre den Boden nicht mehr, ich schwebe im Äther und trete beflügelten Fußes in den Garten, der jetzt ganz einsam ist. Um diese Morgenstunde bin ich der ausschließliche Eigentümer dieses Parks samt seiner Rosenpracht, und ich kenne alle Blumen auf den Beeten, die Chrysanthemen, die Verbenen, die Begonien.
Über die Rennbahn hinweg erreiche ich den Markstein, gehe durch das vergitterte Tor nach der Rue Soufflot und wende mich nach der Seite des Boulevard Saint Michel, wo die Auslage von Blanchards Buchhandlung meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ohne Vorbedacht nehme ich einen alten Chemieband von Orfila zur Hand, schlage ihn auf gut Glück auf und lese folgendes: »Der Schwefel ist unter die einfachen Körper eingereiht worden. Die geistreichen Versuche Davys und Berthollets des Jüngeren bestreben sich indessen den Nachweis zu erbringen, daß er Wasserstoff, Sauerstoff und eine besondere Base enthält, deren Ausscheidung bis jetzt noch nicht gelungen ist.«
Man urteile über meine geradezu religiöse Ekstase vor dieser an ein Wunder grenzenden Enthüllung. Davy und Berthollet hatten den Wasserstoff und den Sauerstoff aufgezeigt, ich den Kohlenstoff. Mir also kommt es zu, die Formel des Schwefels aufzustellen.
Zwei Tage später wurde ich in der naturwissenschaftlichen Fakultät an der Sorbonne (des Heiligen Ludwig! ) inskribiert und im Untersuchungs-Laboratorium zu arbeiten ermächtigt.
Der Morgen, an dem ich mich nach der Sorbonne begab, war für mich ein feierliches Fest. Ich täuschte mich nicht über die Professoren, die mich mit der kühlen Höflichkeit, wie man sie eben einem fremden Eindringling schuldet, aufgenommen hatten. Ich wußte, ich würde sie nie zu überzeugen vermögen, aber ich empfand mit einer süßen stillen Freude zugleich den Mut des Märtyrers, der einer feindlichen Menge gegenübertritt; denn für mich und mein Alter war die Jugend der natürliche Feind.
Als ich über den Platz vor der kleinen Kirche der Sorbonne komme, finde ich ihr Portal geöffnet und trete, ohne einen rechten Grund zu haben, ein. Die jungfräuliche Mutter und ihr Kind lächeln mir freundlich zu; das Kreuz läßt mich wie immer kalt und ohne Verständnis. Mein neuer Bekannter, der heilige Ludwig, der Freund der Elenden und Aussätzigen, läßt sich von jungen Theologen huldigen. Sollte der heilige Ludwig mein Patron, mein Schutzengel sein, der mich ins Krankenhaus getrieben, damit ich, vom Feuer der Herzensangst geläutert, jenen Ruhm wiedererlangte, der zu Unehren und Verachtung führt ... sollte er mich nach Blanchards Buchhandlung geschickt, er mich hierher geführt haben?
Seht den Atheisten, wie abergläubisch er geworden ist!
Als ich die Votivtafeln für glückliches Bestehen der Prüfung erblicke, tue ich das Gelübde, daß ich im Fall eines Erfolges niemals Zeichen weltlicher Ehre annehmen will.
Die Stunde hat geschlagen, und ich laufe Spießruten durch die jungen Leute, die auf mein Vorhaben voll Hohn und Voreingenommenheit blicken.
Ungefähr vierzehn Tage sind verstrichen und ich habe unbestreitbare Beweise empfangen, daß der Schwefel eine dreifache Kombination aus Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff ist.
Ich bedanke mich bei dem Chef des Laboratoriums, der an meinen Angelegenheiten, wie es scheint, keinen Anteil nimmt und verlasse dies neue Fegefeuer voll tiefer, unsäglicher Freude.
Wenn ich morgens nicht auf dem Kirchhof von Montparnasse spazieren gehe, besuche ich den Park des Palais Luxembourg. Einige Tage nach meinem Abschied von der Sorbonne entdecke ich bei dem Stern des Kirchhofs ein Grabdenkmal von klassischer Schönheit. Ein weißmarmornes Medaillon weist die edlen Züge eines alten Gelehrten, den mir die Sockel-Inschrift als den Chemiker und Physiologen – Orfila vorstellt. Es war mein Freund und Beschützer, der mich später so manchesmal durch das Labyrinth chemischer Versuche geführt hat.
Eine Woche darauf gehe ich die Rue d'Assas und wundere mich über ein klösterlich anmutendes Haus. Ein großes Schild klärt mich über das Wesen seiner Eigentümlichkeit auf: Hôtel Orfila.
Orfila, wo ich geh und stehe!
Die folgenden Kapitel werden erzählen, was sich in diesem alten Hause, in das mich die unsichtbare Hand jagen sollte, damit ich gezüchtigt, belehrt und vielleicht auch – erleuchtet würde, alles zugetragen.
III
Die Versuchungen des Teufels
Das Scheidungsverfahren schleppt sich langsam hin. Hier und da noch ein Liebesbrief, ein Ausruf des Bedauerns, Versöhnungsgelübde. Und endlich ein barsches Lebewohl auf immer.
Ich liebe sie, sie liebt mich, wir hassen uns mit dem Haß einer wilden, durch die Trennung nur gesteigerten Liebe.
Inzwischen suche ich, um die traurige Fessel endgültig zu zerreißen, nach einer Gelegenheit, meine Liebe durch eine andere zu ersetzen, und sogleich finden meine unredlichen Wünsche Erhörung.
An dem Mittagstisch unserer Kneipe erscheint eine englische Bildhauerin. Sie redet mich zuerst an und gefällt mir auf der Stelle. Sie ist schön, entzückend, vornehm, geschmackvoll angezogen und verführerisch durch ein künstlerhaftes Sichgehenlassen. Alles in allem eine Luxusausgabe meiner Frau, deren veredeltes und vergrößertes Bild. Um sich mir gefällig zu erweisen, lädt der Älteste der Kneipe die Dame zu den Donnerstagabenden auf seinem Atelier ein. Ich gehe hin, halte mich aber beiseite, denn es geht mir gegen den Geschmack, vor einem Publikum, das sich über einen lustig macht, meine Gefühle bloßzustellen.
Gegen 11 Uhr erhebt sich die Dame und winkt mir mit den Augen. Ziemlich linkisch breche ich auf, verabschiede mich, biete dem jungen Weibe meine Begleitung an und führe es unter dem schamlosen Lachen der jungen Leute hinaus.
Voreinander lächerlich gemacht, gehen wir wortlos dahin, voll Verachtung gegen uns, als hätten wir vor dem spöttischen Pöbel nackt dagestanden.
Nun müssen wir noch durch die Rue de la Gaieté, wo die Zuhälter und ihre Dirnen uns, als seien wir Eindringlinge in ihr Gewerbe, mit ihren gemeinen Schimpfreden ohrfeigen.
Man ist nicht liebenswürdig, wenn man zähneknirschend am Pranger steht, und nicht weiß, wie man sich den Peitschenhieben entziehen soll. Endlich erreichen wir den Boulevard de Raspail. Ein feiner Regen rieselt plötzlich nieder und streicht uns wie mit dünnen Ruten.
Was liegt näher als, da wir ohne Schirm sind, in einem hellen, warmen Café Schutz zu suchen, und so weise ich denn mit der Geste eines grand seigneur auf das üppigste Restaurant von allen. Langsamen Fußes überschreiten wir glücklich die Straße ... pardauz, pardauz! Der Gedanke: du hast ja keinen Sou in der Tasche! trifft mich wie ein Fallbeil auf den Schädel.
Wie ich mich aus der Verlegenheit gezogen, habe ich vergessen, aber was ich niemals vergessen kann, sind die Empfindungen jener Nacht, als ich die Dame nach Hause gebracht hatte.
Diese doch gewiß harte und unmittelbare Strafe einer Hand, deren Geschicklichkeit ich bewundern mußte, scheint mir indessen noch ungenügend. Ich, der Bettler, hatte über die unerfüllten Verpflichtungen gegen meine Familie hinweg ein Verhältnis anknüpfen wollen, das ein anständiges Mädchen kompromittieren mußte. Das war ganz einfach ein Verbrechen, und so tat ich denn nach allen Regeln Buße. Ich verzichte auf die Gesellschaft des Restaurants, faste und vermeide alles, was die unselige Leidenschaft wieder hervorrufen könnte.
Aber der Verführer wacht. Eines Donnerstagsabends treffe ich die Schöne in einem orientalischen Kostüm wieder, das ihre Schönheit in einer Weise hebt, daß ich verrückt werde. Aber statt nun klipp und klar diesem Weibe die einzig mögliche Erklärung zu machen: ich liebe dich, ich vergehe, ich brenne bis in die Knochen von unkeuscher Leidenschaft! – statt dessen bin ich stumm und blöde vor ihr.
Am folgenden Tage bin ich wieder im Restaurant. Sie sitzt da, ist entzückend, liebkost mich mit ihrer einschmeichelnden Stimme und regt mich mit ihren Katzenaugen auf. Die Unterhaltung beginnt, und alles geht aufs beste, als im kritischen Moment die kleine Minna lärmend hereinstürmt. Die kleine Minna ist ein Künstlerkind, bald Modell, bald Maitresse, voll literarischer Interessen, ein gutes und überall willkommenes Mädchen. Ich kenne sie auch, und einen Abend sind wir gute Freunde gewesen, ohne die erlaubten Grenzen zu überschreiten. Also dieses Mädchen tritt ein, wirft sich – sie war ein wenig angetrunken – in meine Arme, küßt mich auf die Wangen und duzt mich.
Die Engländerin erhebt sich, zahlt und geht. Damit ist es nun aus.
Sie ist nie mehr wiedergekommen, dank Minnas, die mich übrigens vor jener Dame, aus Gründen, die auf sich beruhen mögen, gewarnt hatte.
Nichts mehr von Liebe! so haben die Mächte zu mir gesprochen, und ich resigniere in der festen Überzeugung, daß sich hier wie sonst ein höherer Zweck verbirgt.
Durch das Glück, das ich mit dem Schwefel gehabt, ermutigt, wende ich mich zum Jod. Kaum, daß ich im Temps einen Aufsatz über die Zusammensetzung des Jod losgelassen, sucht mich ein unbekannter Herr im Hotel auf. Er stellt sich mir als Vertreter sämtlicher europäischer Jodfabriken vor. Er hat soeben meinen Artikel gelesen und meint, wir sollen, sobald die Sache sich bestätigt, einen Krach an der Börse herbeiführen, der uns, wenn wir nur ein Patent in Händen hätten, Millionen einbringen könnte.
Ich gab ihm zur Antwort, daß er keine industrielle Erfindung, sondern lediglich eine, noch nicht einmal ausgereifte, wissenschaftliche Entdeckung vor sich habe, und daß mich die geschäftliche Seite der Sache zu wenig interessiere, um die Versuche in dieser Richtung fortzusetzen. Darauf empfahl er sich. Meine Wirtin, die früher zu ihm in Beziehungen gestanden, empfing die große Neuigkeit von ihm selbst, und ich wurde zwei Tage lang als zukünftiger Millionär betrachtet.
Der Kaufmann kam ein zweites Mal, diesmal ganz Feuer und Flamme. Er hatte Erkundigungen eingezogen und forderte mich, der festen Überzeugung, daß die Entdeckung vorteilhaft sei, auf, der erforderlichen Schritte halber womöglich nach Berlin zu fahren.
Ich dankte ihm und gab ihm den Rat, sich vor allem weiteren die notwendigen Analysen zu verschaffen.
Darauf bot er mir hunderttausend Franks, noch vor Abend zahlbar, wenn ich ihm folgen wolle ... Die Sache schien nicht geheuer.
Bei der Wirtin drunten erklärte er mich für einen Narren.
Die folgenden Tage trat eine Pause ein, in der ich Zeit zum Nachdenken hatte. Drohendes Elend, unbezahlte Schulden, eine ungewisse Zukunft auf der einen Seite, auf der anderen Unabhängigkeit, Freiheit meine Studien fortzusetzen, ein sorgloses Leben. Und schließlich – eine Idee ist ihren Preis wert. Reue erfaßte mich, aber ich hatte nicht den Mut, wieder Beziehungen anzuknüpfen, als mir eine Depesche des Kaufmanns mitteilte, daß ein Chemiker, Assistent an der Ecole de médecine und ein schon früher bekannter, jetzt außerordentlich berühmter Abgeordneter sich für mein Jodproblem interessierten.
So beginne ich also wieder eine Reihe regelmäßiger Versuche mit beständig gleichen Ergebnissen, um die Möglichkeit einer Ableitung des Jod vom Benzin nachzuweisen.
Inzwischen habe ich mit dem Chemiker eine Unterredung, und wir setzen einen Tag fest, an dem die entscheidenden Experimente stattfinden sollen.
Den Morgen, der die Sache mit einem einzigen Schlage entscheiden soll, nehme ich einen Wagen, und bringe meine Retorten und Reagenzien nach der Wohnung des Kaufmanns im Quartier du Marais. Der Mann war da, aber der Chemiker hatte sich des Festes halber, an das er nicht gedacht, entschuldigen lassen und einen der nächsten Tage zu unserer Sitzung anberaumt.
Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, daß heute Ostern war. Das schmutzige Kontor mit seinem Blick auf die finstere, kotige Straße zerriß mir das Herz. Kindheitserinnerungen erwachten: Ostern, das selige Fest, wo die kleine Kirche, mit grünem Laub, Tulpen, Veilchen und Maiglöckchen geschmückt, sich zur ersten Kommunion auftat! Die jungen Mädchen, die in ihren weißen Kleidern wie Engel aussahen! ... Die Orgel! ... Die Glocken! ...
Ein Gefühl der Scham bemächtigte sich meiner, und ich kehrte tiefbewegt nach Hause zurück und fest entschlossen, jeder weiteren Versuchung, mit meiner Wissenschaft Schacher zu treiben, zu widerstehen. Ich schickte mich an, mein Zimmer von den es verengenden Apparaten und Reagenzien zu befreien. Ich kehrte aus, stäubte ab, räumte auf; dann ging ich Blumen, vor allem Narzissen, holen. Nachdem ich noch ein Bad genommen und die Wäsche gewechselt hatte, dünkte ich mich allen Schmutzes ledig. Darauf ging ich mit heiterer Seele nach dem Kirchhof von Montparnasse, wo mich weiche Gedanken und eine ungewöhnliche Zerknirschung überkamen.
O crux ave spes unica! So weissagten die Gräber mir mein Schicksal. Nichts mehr von Liebe! nichts mehr von Geld! nichts mehr von Ehren! Der Weg des Kreuzes der einzige, welcher zur Weisheit führt!
IV
Das wiedergewonnene Paradies
Den Sommer und den Herbst des Jahres 1895 zähle ich – trotz allem – zu den glücklichsten Abschnitten meines so bewegten Lebens. Alles was ich angreife, gelingt; unbekannte Freunde bringen mir Nahrung wie die Raben dem Elias. Das Geld fliegt mir zu, ich kann Bücher und naturwissenschaftliche Gegenstände kaufen, darunter ein Mikroskop, das mir die Geheimnisse des Lebens enthüllt. Der Welt abgestorben und auf die eitlen Freuden von Paris verzichtend, bleibe ich in meinem Viertel, wo ich jeden Morgen die Abgeschiedenen auf dem Kirchhof von Montparnasse besuche, worauf ich nach dem Park des Palais Luxembourg zu meinen Blumen gehe. Manchmal besucht mich ein durchreisender Landsmann und lädt mich ein, auf der anderen Seite des Wassers zu frühstücken oder ins Theater zu gehen. Ich lehne es ab, denn das rechte Ufer ist mir verboten, da es die sogenannte eigentliche Welt bedeutet, die Welt der Lebenden und der Eitelkeit.
Eine Art Religion hat sich in mir gebildet, ohne daß ich sie klar aussprechen könnte. Eher ein Seelenzustand als eine auf Theorien gegründete Meinung; ein Gemisch von mehr oder weniger zu Begriffen verdichteten Empfindungen.
Ich habe mir ein römisches Brevier gekauft und lese darin mit Sammlung; das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas dunklen Weise, das Neue Testament läßt mich kalt. Das hindert nicht, daß mich ein Band Buddhaismus stärker als all die übrigen heiligen Bücher beeinflußt, da hier das positive Leiden über die Enthaltsamkeit gestellt wird. Buddha ist mutig genug, im vollen Besitze seiner Lebenskraft und inmitten seines ehelichen Glücks auf Weib und Kind zu verzichten, wogegen Christus nur jeden Verkehr mit den erlaubten Freuden dieser Welt vermeidet.
Im übrigen grübele ich nicht mehr über die Empfindungen, die in mir entstehen, sondern verhalte mich völlig gleichgültig dagegen, indem ich für mich dieselbe Freiheit, wie ich sie allen andern lasse, beanspruche.
Das große Ereignis der Pariser Saison war die Parole Brunetières vom Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die Naturwissenschaften eingeweiht, später Anhänger Darwins, hatte ich das Ungenügende jener wissenschaftlichen Methode entdeckt, welche die Mechanisation der Welt behauptete, ohne einen Mechanikus gelten lassen zu wollen. Die Schwäche des Systems offenbarte sich in einem allgemeinen Niedergang der Wissenschaft, welche sich selbst eine Grenze gesteckt hatte, über die man nicht vorgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelöst: Die Welt hat keine Rätsel mehr. Diese dünkelhafte Lüge hatte mich schon um 1880 gereizt, und ich hatte während der nun folgenden fünfzehn Jahre eine Revision der Naturwissenschaften unternommen. So hatte ich 1884 die Zusammensetzung der Atmosphäre und die Identität des Stickstoffs der Luft mit dem Stickstoff, der durch die Zersetzung eines mit Stickstoff gesättigten Salzes entsteht, in Zweifel gezogen. 1891 besuche ich das physikalische Laboratorium Lunds zu dem Zwecke, die Spektren dieser beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich erkannt, zu vergleichen. Soll ich den Empfang schildern, den mir die gelehrten Mechanisten bereiteten? Nun, in diesem Jahre 1895, hat die Entdeckung des Argon meine vorgefaßten Annahmen bestätigt und meinen durch eine leichtsinnige Heirat unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.
Die Wissenschaft machte keinen Bankerott, sondern nur die veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetière hatte zugleich recht und unrecht.
Indessen, da nun einmal jedermann die Einheit der Materie anerkannte und sich im wesentlichen für den Monismus erklärte, ging ich noch weiter und zog die letzten Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenze zwischen Materie und sogenanntem Geist aufhob. So hatte ich 1894 in dem Buche Antibarbarus die Psychologie des Schwefels erörtert, was ich dann mit Ontogonie oder Embryonal-Entwickelung des Schwefels vertauschte.
Anstatt die Manuskripte, die ich im Sommer und Herbst 1895 abgefaßt, nochmals umzuarbeiten, setze ich ausgewählte Stücke aus Sylva Sylvarum hierher, dessen erste Auflage Anfang 1896 in ein paar hundert Exemplaren erschienen, aber unverkauft und unbeachtet geblieben ist.
Sylva Sylvarum
Einleitung
In der Mitte meines Lebensweges setzte ich mich nieder, um auszuruhen und nachzudenken. Das Kühnste, was ich gewünscht und geträumt, hatte ich gehabt. Der Schande wie der Ehre, des Genusses wie der Leiden satt, fragte ich mich: was nun?
Alles wiederholte sich in ertötender Eintönigkeit, alles glich sich, alles kam wieder. Die Alten hatten gesagt: die Welt hat keine Geheimnisse mehr; wir haben die Auflösung aller Rätsel gefunden, wir haben alle Probleme gelöst. Wir haben mit Hilfe des Spektroskops gesehen, daß die Sonne keinen Sauerstoff besitzt, was sie jedoch nicht hindert, so gut wie Antimon in Chlor oder Kupfer in Schwefel zu brennen.
Wir haben die Kanäle des Mars gezeichnet, welche in fataler Weise den Widmanstettenschen Figuren der kosmischen Meteorkörper gleichen, und dabei sind wir erst in allerjüngster Zeit über das Innere Afrikas aufgeklärt worden und kennen noch immer weder Borneo noch die Polarmeere.
Eine Generation, die den Mut gehabt hatte, Gott abzuschaffen, den Staat, die Kirche, die Gesellschaft, die Moral niederzureißen, beugte sich noch vor der Wissenschaft. Und da, in der Wissenschaft, wo jede Freiheit herrschen sollte, lautete nun die Parole: Glaube der Autorität oder stirb! Keine Julisäule war noch auf dem Platz der alten Sorbonne errichtet worden, und das Kreuz überragte noch das Pantheon und die Kuppel des Instituts.
Es gab also nichts mehr auf dieser Welt zu tun, und ich beschloß, als unnütz, vom Schauplatze abzutreten.
Schon brannte die Weingeistlampe unter der Retorte, und das aus Blut und Eisen destillierte Eisenzyankali, goldgelb und in seinem erhitzten Zustande vom Dufte des gelben Labkrauts, war bereit, die Schwefelsäure aufzunehmen, welche, konzentriert, den Tod herbeiführt und, verdünnt, durch Gärung das Leben schafft. Diesmal sollte sie verdünnt werden, um den Tod herbeizuführen. – Welch ein geringfügiger Unterschied? Und welch erhabener Gegensatz!
Der Kohlenstickstoff, der Erzeuger eines blauen Salzes, wie er von einem gelben herstammt, begann sich zu entwickeln, jene unschuldigste aller Kombinationen, wo die reine Kohle mit dem indifferenten Stickstoff eine schreckliche Verbindung eingegangen ist, ein Wunder von Verbindung, davor die Wissenschaft ihre Unwissenheit hat bekennen müssen.
Die Dämpfe entstiegen dem Rezipienten, und sofort schnürte sich mir wie von Diphtheritis oder sauerstofflosem Leichengift die Kehle zu. Die Lähmung der Armmuskeln begann, und ich bekam Stiche im Rückenmark.
Ich unterbrach die Operation, als ein Geruch wie von bitteren Mandeln sich zu verbreiten begann; mir war, als sähe ich an einem Gartenweg einen blühenden Mandelbaum und hörte die Stimme einer alten Frau.
Die Stimme aber sagte: »So glaube doch nicht daran, mein Kind!«
Und ich habe nicht mehr daran geglaubt, daß das Welt-Geheimnis entschleiert sei, sondern habe manchmal allein, manchmal mit andern angefangen, über die große Unordnung nachzudenken, um zuletzt in ihr einen unbegrenzten Zusammenhang zu entdecken.
Dieses Buch ist das Buch von der großen Unordnung und dem unendlichen Zusammenhang.
Folge mir, Wanderer, wenn dich dein Weg mir vorüberführt, und du wirst freier atmen; denn in meiner Welt herrscht die Unordnung, und das bedeutet da nichts anderes als die Freiheit.
Das Zyklamen, ein Beispiel der großen Unordnung und des unendlichen Zusammenhangs
Ich streifte an der Donau umher, wo so viele Rassen vor mir umhergestreift waren und manche Spur noch auf Attilas Züge zurückwies. An diesem ungeheuren Strome, der in Schwaben entspringt und im Orient mündet und nicht nur dem Lauf der Sonne, sondern seltsamerweise auch dem der Erde zuwider läuft, wuchsen die verschiedensten Blumen.
Gewohnt, auf dieser Welt alle Dinge sich ewig wiederholen zu sehen, empfand ich eine um so größere Freude, als ich eine Pflanze fand, die ich vorher noch nicht gesehen hatte, nämlich das Alpenveilchen, das Cyclamen Europaeum, von dem sich eine Zierart, das Persikum, seit zehn Jahren in allen Blumenhandlungen findet.
Ich wurde von meiner alten Liebhaberei, zu klassifizieren und zu ordnen, erfaßt, riß die Pflanze aus, schnitt ihre Blüte ab und zählte fünf Staubgefäße und einen Stempel.
Das brachte mich nicht viel weiter, denn dieser Klasse, dieser Kategorie gehören so verschiedene Arten an, wie die Winde, der Nachtschatten, die Braunwurz und das Speerkraut.
Der erste Eindruck war der eines Veilchens gewesen. Blätter, Blüten, Geruch, die Art und Weise dem Boden zu entsteigen, alles sprach für ein Veilchen, aber es war keines.
Die Wurzel mit ihrer runden Scheibe erinnerte in überraschender Weise an Aristolochia rotunda, aber das war es auch nicht.
Einen Augenblick war ich schon im Begriff, es unter die Orchideen mit ihrem zarten Äußeren und ihrer größeren an Schmetterlinge erinnernden Blüte einzuordnen.
Wenn ich aber die Haselwurz unter den Haselbüschen daneben ansah, war ich überzeugt, daß mein Zyklamen eine Haselwurz sei, um so mehr, als diese letztere zu derselben Familie wie die Aristolochia gehört und noch dazu dieselben Heilkräfte wie das Zyklamen besitzt; die Wurzel ist bei beiden abführend und Erbrechen erregend.
Es hatte sogar etwas von dem zähen Blatt der Lilie, die Einfachheit in der Anordnung und den Glanz der Farbe, dazu ahmte die Scheibe der Wurzel, von der die Blätter ausgingen, die Form einer Zwiebel nach.
Zu Hause legte ich die Pflanze in eine Untertasse, und was glaubte ich da auf der Oberfläche des Wassers schwimmen zu sehen? Das Blatt einer Seelilie! Erging es mir nicht wie dem Polonius, der alles das in den Wolken sah, was Hamlet wollte? Aber ich wüßte nicht, daß mich irgendeine bestimmte Absicht geleitet hätte, ich hatte einzig und allein ein großes Magazin von Pflanzenbildern im Kopfe zum Vergleiche bereitliegen und war auch wirklich jedesmal, sooft ich eine Ähnlichkeit fand, auf der richtigen Fährte.
Ich weiß wohl, daß die Psychologen ein garstiges griechisches Wort zur Bezeichnung der Neigung, überall Analogien zu sehen, erfunden haben, aber das soll mir nicht bange machen, denn ich weiß auch, daß es überall Ähnlichkeiten gibt: denn alles ist überall und in allem.
Daß mein Zyklamen mit dem Osterluzei, der Haselwurz und dem Veilchen Ähnlichkeiten haben sollte, mochte, streng genommen, hingehen, obwohl diejenigen, welche einen Unterschied zwischen äußerlich und innerlich, zwischen wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften machen, die von mir gefundenen Ähnlichkeiten für unwesentlich gehalten haben würden. Aber ein Botaniker würde schwerlich zugegeben haben, daß es an eine Lilie oder Orchidee erinnerte.
Das Zyklamen jedoch ist den Orchideen oder Lilien darin wesentlich ähnlich, daß es mit einem Samenlappen ausschlägt und einsamenlappig ist, obwohl es in den Floren unter den Primulazeen (welche zweisamenlappig sind) aufgeführt wird.
Zur Zeit Tourneforts hätte ich mein Zyklamen zu den Infundibuliformen mit einblättriger, regelrecht trichterförmiger Krone oder wohl auch zu den Anomalen mit vielblättriger, nicht schmetterlingsartiger Krone, wozu man Orchidee und Veilchen rechnet, zählen können. Das hätte sich zur Not vertragen, aber freilich auch nur zur Not, da das Zyklamen wohl einen Trichter und freiliegende Blätter besitzt, aber regelmäßig ist.
Hätte ich mich an das Jussieusche System gehalten, so wäre ich geradezu auf den Holzweg gekommen, denn ich hätte das Zyklamen dann unter den Dikotyledonen gesucht. De Candolle würde mich erst recht irregeführt haben.
Daß das Zyklamen einen Samenlappen hat, ist freilich nicht ganz exakt, aber was ist überhaupt exakt in der Natur?
Wenn ich ein Samenkorn des Zyklamen unter das Mikroskop lege, sehe ich inmitten von Eiweiß einen kleinen, geraden Keim, der dem einer Konifere ähnelt. Wenn ich das Korn treiben lasse, bläht es sich auf, und ein einziges Blatt, von gleichem Charakter wie das Pflanzenblatt selbst, wird sichtbar. Es ist also kein Samenlappen, nicht einmal ein Keimblättchen.
Das Zyklamen treibt also ohne Samenlappen, wie das ja auch bei der Walnuß der Fall ist, die sofort zwei vollständig ausgebildete und den Blättern des Baumes gleichende Blätter hervortreibt. Der Grund hierfür liegt unzweifelhaft darin, daß die zahlreichen Eiweißstoffe zur Ernährung unter der Erde oder als Samenlappen dienen.
Aber das Zyklamen hat noch mehr Geheimnisse, z. B. folgendes:
Wenn ich eine unreife Kapsel quer durchschneide, so gleicht der Querschnitt dem einer jungen Dolde derselben Pflanze.
Sollte die Kapsel nur eine Nachahmung und das Samenkorn nur eine kleine Knospenzwiebel oder gar noch ein kryptogamischer Vorkeim sein?
Eine gerechtfertigte Frage; denn man hat den Phanerogamen Gewalt angetan, als man entschied, sie pflanzten sich durch regelrechte Bebrütung fort; wie auch die großen Geister des vorigen Jahrhunderts, darunter Spallanzani, sie, wenn nicht überhaupt, so doch im einzelnen, für eine recht zweifelhafte Sache hielten.
Ich hatte die sonderbare Idee gehabt, daß es zwischen dem Zyklamen und der Seelilie etwas Gemeinsames geben müsse, war jedoch von nichts als einem flüchtigen äußeren Eindruck geleitet.
Aber meine Untersuchung zeigte mir, daß ich gar nicht so sinnlos gewesen war. Von der Seelilie haben die Botaniker lange geglaubt, sie stehe mit einem Fuße in den Monokotyledonen, obwohl sie dikotyledonisch ist, denn ihr Stiel ist nicht zentralzylindrisch und der Wurzelüberzug gleicht in seiner Anordnung demjenigen der Lilien und Orchideen. Aber es gibt noch außerdem eine absolute Übereinstimmung zwischen dem Zyklamen und der Seelilie, nämlich folgende:
Die Seelilie hebt ihren Stiel aus dem Wasser und zieht ihn nach der Befruchtung wieder auf den Grund des Gefäßes zurück. Ebenso das Zyklamen; denn es dreht seinen Stiel spiralförmig, um die Frucht unter die Erde zurückzuziehen.
Es ist nicht leicht, den Grund zu bestimmen, der das Zyklamen, diese Alpenpflanze, zu einer solchen Handlungsweise treiben mag, es sei denn, daß man angesichts des geheimnisvollen Charakters seiner Fortpflanzung annehme, sie bezwecke, die Frucht vor Kälte zu bewahren. Wir stehen da einem mehr als rein mechanischen Akt gegenüber, denn Stiele befruchteter Blumen, die ich einer kühlenden Mischung aussetzte, zeigten durchaus keine Neigung, sich spiralförmig zu drehen.
Als ich eines Tages die hochragenden Wälder der blauen Donau durchstreifte, wurde ich auf einen Efeuteppich aufmerksam, dessen Blätter sich nach der Sonne gewendet hatten, deren Strahlen nur mühsam das Laubwerk durchdrangen. Als ich den Efeu, eine niedere Art, wie sie überall im Walde wächst, eine Weile betrachtet hatte, sah ich plötzlich ein Zyklamen darunter. Bald sah ich noch eins und noch eins und endlich ebensoviele Zyklamen- wie Efeublätter. Ich hatte das Zyklamen vorher nicht entdeckt, weil das Blatt dieser Art, Cyclamen Europaeum, eine dunkelgrüne, von weißlichem Grau eingefaßte Zeichnung aufweist, davon der dunkelgrüne Teil die Form eines Efeublattes bildet. Sofort dachte ich an den Mimetismus, jene Fähigkeit gewisser Tiere, das Aussehen der sie umgebenden Dinge anzunehmen. Ich zweifelte noch, ob ich diese Theorie in Erwägung ziehen sollte – denn solange die Botaniker den Pflanzen ein Nervensystem und einen selbständigen Verstand absprechen, bin ich ja sie zu verwerfen berechtigt – als ich mich nach einer anderen, freieren Richtung gezogen fühlte.
Ich hatte bei meiner Beschäftigung mit dem Pflanzenreiche oft Gelegenheit gehabt, die Natur darin, wie sie etwas skizziert, bevor sie es ausführt, zu verfolgen. Nun bemerkte ich bei dem Zyklamen, daß das Rot der Blüte bereits im Blattstiel vorbereitet und auf der Palette des Blattes niedergelegt war, und fragte mich, ob die weiße, verschlungene Verzierung auf der oberen Oberfläche des Blattes nicht vielleicht der erste Entwurf einer neuen Form sei.
Wieder zu Hause, suchte ich das Zyklamen in allen Floren Europas und las in den italienischen Floren, daß im mittleren und südlichen Italien ein Zyklamen mit ausgerandeten und vielwinkeligen Blättern des Namens Cyclamen Repandum wachse. In der französischen Flora fand ich ein Cyclamen Hederaefolim, dessen Blätter denen des Efeu glichen.
Dessen Blätter denen des Efeu glichen!
Gab es also doch zwischen dem Efeublatt und der Zeichnung des Zyklamenblattes einen ursächlichen Zusammenhang?
Das Efeublatt hat eine von Diokles entdeckte mathematische Form, Zissoide genannt, zum Vorbild.
Die neuere Geometrie charakterisiert sie als eine Kurve, welche beständig den vom Scheitel einer Parabel auf deren Tangenten gefällten Senkrechten folgt, oder auch so: als eine Linie, welche, indem sie ihre Asymptote zu erreichen sucht, die Zeichnung eines Efeublattes bildet.
Die Form des Zyklamenblattes ist kaustisch. Diese Form entsteht bekanntlich, wenn Strahlen in einem Hohlspiegel gebrochen werden oder durch einen halbkugel-, kegel- oder zylinderförmigen Lichtfang gehen.
Wenn man in einer Veranda sitzt, in welche durch das dichte Laub der sie umgebenden Bäume Sonnenstrahlen fallen, so wird man auf dem Fußboden eine Anzahl Ellipsen sich zeichnen sehen, welche von das Laub durchdringenden und vom Fußboden geschnittenen Lichtkegeln herrühren, also Kegelschnitte sind.
Was kann sich nun also wohl im Walde unter dem dichten Laubwerk zutragen?
Es ist schwer zu bestimmen, aber man kann sich trotzdem im Geiste das Spiel der Linien vorstellen, die aus all den Kegelschnitten, denen sich Parabel und Hyperbel, in enger Verbindung mit den zissoidischen und kaustischen Linien, anschließen, entstehen müssen.
Populärer und einfacher gesprochen: hat das Efeublatt dadurch, daß es das so lichtempfindliche Blattgrün des Zyklamenblattes bedeckte, ein bestimmtes Bild hervorgerufen?
Diese Frage darf der Anhänger der mechanischen Theorie stellen. Ein anderer würde sich mit Recht mit Bernardin de Saint-Pierre und Elias Fries fragen können: Hat sich das Zyklamen vielleicht am Efeu versehen, und davon gleich den schwangeren Frauen etwas wie einen Flecken oder ein weinrotes Muttermal behalten?
Die Sonne ist bekanntlich ein wunderbarer Photograph. Man sehe das Innere der Rose, das durch seine Hohlspiegel seine gelben Strahlen in kaustischen Figuren auf den Beutel der Staubgefäße projiziert. Man betrachte die Zeichnung der Kleeblätter und versuche einmal, ob man sie nicht elliptisch konstruieren kann. Man denke an den Rücken der Makrele, darauf die grünen Wellen des Meeres auf Silber photographiert sind.
Man staune endlich, und nicht am geringsten über die Winden, deren Blütenknospen die des Getreides, besonders die Deckblätter des Hafers, in einer so irreführenden Weise nachahmen, daß, wenn man sie beide zeichnet, der Unterschied gleich Null ist. Tausende von Jahren hindurch zusammen gesät, gewachsen und gemäht, können sie sehr wohl einen Eindruck voneinander empfangen haben.
Francis Bacon sagt folgendes: Allzustarkem Sonnenlicht ausgesetzt, verwandelt sich die Basilika in Thymus Serpyllum. Und außerdem: Man mische Portulaka- und Lattich-Samenkörner und sehe, ob sie nicht Geruch und Geschmack vertauschen.
De Candolle macht darauf aufmerksam, daß eine Rose stärker duftet, wenn eine Zwiebel daneben wächst, ein Vorgang, der sich durch die organische Chemie erklären läßt, indem das Propion [C3H4] der Zwiebel auf das Äthylen der Rose [C²H4] heruntergeht.
Wenn man jedoch mit Bernardin de Saint-Pierre glaubhaft machen will, daß die Sonnenblume die höchste Stufe der Pflanzenarten erreicht habe, weil sie das Bild der Sonne, mit ihrer Scheibe, ihren Strahlen und ihren Flecken, wiederzugeben vermöge, so ist das, bevor man es nicht physikalisch erklären kann, Mystizismus.
Das kleine Zyklamen hat also seine kleinen Geheimnisse; wieviel große Geheimnisse mag da das unendliche All nicht noch bergen.
Der Totenkopf (Acherontia Atropos)
Versuch eines wissenschaftlichen Mystizismus
Der Weißfisch, der sich an der Oberfläche der Gewässer, beinahe in freier Luft, aufhält, ist an den Seiten silberweiß und nur am Rücken blau. Das Rotauge, das niedrige Gewässer aufsucht, beginnt sich schon meergrün zu färben. Der Barsch, der sich in mittlerer Tiefe hält, hat sich bereits verdunkelt, und seine Seitenstreifen geben die Verzierungen der Fluten in schwarzer Zeichnung wieder. Der Karpfen und die Flunder haben, von dem Schlamm, in dem sie sich eingraben, ihre olivgrüne Farbe. Die Makrele, die in höheren Regionen gedeiht, gibt auf ihrem Rücken die Linien der Wellen so wieder, wie sie ein Marinemaler malen würde. Die Goldmakrele endlich, welche sich in den Sturzwellen des Meeres, deren Sprühregen die Sonnenstrahlen bricht, hin und her rollt, ist gar zu Regenbogenfarben übergegangen, die auf Silber- und Goldgrund stehen.
Was ist dies andres als Photographie? Auf seiner Brom- oder Chlor- oder Jodsilberplatte – denn das Meerwasser enthält diese Salze – oder auf seiner silbergesättigten Eiweiß- oder besser noch Gelatineplatte verdichtet der Fisch die durch das Wasser gebrochenen Farben. Taucht man ihn in einen Entwickler von schwefelsaurer Magnesia (oder schw. Eisen), so ist im statu nascenti die Wirkung so stark, daß geradezu Heliographie entsteht. Und der Fixator von unterschwefelsaurem Natron braucht da nicht weit zu sein, da sich der Fisch ja in Chlornatrium und schwefelsauren Salzen aufhält und zudem noch sein gut Teil Schwefel mitbringt.
Das ist unzweifelhaft mehr als ein bloßes Gleichnis. Zugegeben selbst, daß das Silber der Fischschuppen kein Silber sei, so enthält doch das Meerwasser immer noch Silberchloride, und der Fisch ist fast nur eine einzige Gelatineplatte.
Gewiß, es gibt für diese graphischen Reproduktionen der Natur auch noch andere als chemische Ursachen. So ist das Fell des Leoparden voller Flecken, die wie fünfklauige Vorderfußspuren von Katze oder Hund aussehen. Vielleicht ist einmal vor unvordenklichen Zeiten ein schwangeres Weibchen von Hunden oder Katzen angegriffen worden, und die Kleinen haben jene Flecken als »Muttermale,« wie sie die Embryologie kennt, mitbekommen?
Haeckel erzählt einmal, daß ein Stier, der durch das Zuwerfen einer Stalltür seinen Schweif verloren, Erzeuger einer neuen schweiflosen Rindviehrasse geworden sei. Der Zufall in der Entstehung der Arten ...
Als ich den Totenkopf oder die Acherontia Atropos, jenen Schmetterling, dessen Brustschild das Bild eines menschlichen Schädels weist, beim Händler kaufte, erblickte ich ihn zum ersten Male. Erstaunt, es weit deutlicher zu sehen, als ich es für möglich gehalten hätte, begann ich ihn zu studieren.
Und ich las: In der Bretagne sagt man ihm nach, daß er den Tod verkünde. In Unruhe versetzt, gibt er einen klagenden Laut von sich; die Raupe nährt sich von Nachtschatten, Jasmin und Stechapfel, Datura Stramonium, und verpuppt sich in einem zusammengewachsenen Gehäuse tief in der Erde.
Es fanden sich da viele Beziehungen zum Tode: Die Ankündigung des Hinscheidens, der traurige Gesang, der tödliche Saft des Stramonium, die Einerdigung der Raupe.
Leser, ich bin keine abergläubische Natur, aber, wenn mir nach diesen Aufschlüssen der berühmte Physiker und Insektenkenner Réaumur von dem Totenkopf erzählen mußte, daß er periodisch und vor allem zu Zeiten der großen Epidemien erscheint, so wirst du verstehen, daß ich die Natur dieses Schmetterlings und seine Beziehungen zu seinem Totengewand zu Gegenständen meines Nachdenkens gemacht habe.
Zunächst also nährt sich die Raupe von Nachtschatten- und Stechapfel-Alkaloiden, zwei mit dem Alkaloid des Opium verwandten, aber auch Leichengiften, wie den Verwesungs-Alkaloiden und den Giften in den menschlichen Geweben nahestehenden Pflanzenbasen. Diese Gifte strömen unter anderen Jasmin- [Also Jasmin! ] Rosen- und Moschusgerüche [Es gibt eine Sphinx-Raupe, die nach Moschus riecht. ] aus.
Es gibt sogenannte Aaspflanzen (Arum, Stapelia, Orchis ac.), welche nach Leichen riechen, von einer leichenartigen Farbe sind und Insekten anziehen, welche sich von Aas nähren. Könnte da nicht logischerweise der Totenkopf die Stätten aufsuchen, wo Epidemien wüten und Körper in Zersetzung begriffen sind?
Dazu kommt noch, daß das Nachtschatten-Alkaloid ein narkotisches Gift ist. Sollte vielleicht deshalb der Schmetterling Tag und Nacht schlafen und nur zur Dämmerzeit aufleben und sich fortpflanzen?
Das andere, das Stechapfel-Alkaloid, setzt sich aus den beiden Alkaloiden der Belladonna und des schwarzen Bilsenkrautes zusammen; das Alkaloid der Belladonna erweitert die Pupille oder macht zum mindesten das Tageslicht unerträglich. Rührt vielleicht die Dämmerungsnatur des Totenkopfes daher, daß er sich vor der Sonne fürchtet und zugleich des Nachts durch die einschläfernde Wirkung des Hyoszyamin, des Bilsenkrautgiftes, zu schlafen gezwungen wird? Es scheint so. Das Hyoszyamin ruft außerdem die unangenehme Begleiterscheinung hervor, daß sein Opfer alle Gegenstände vergrößert sieht. (Megalopsie.)
Denken wir uns nun einen Totenkopf, wie er sich, durch seinen Geruchsinn irregeführt, auf Kirchhöfe, Schindanger, nach Schafotten und Galgen verirrt, wo er nun überall menschliche Schädel in fürchterlicher Vergrößerung erblickt und fragen wir uns, ob dies auf die Nerven eines Schmetterlings nicht wirken kann, der so eindrucksempfänglich ist, daß er Klagetöne ausstößt, wenn man ihn verfolgt, eines Schmetterlings, der sich im doppelten Taumel verliebter Brunst und verwirrenden Bilsenkrautrausches, in doppelter Trunkenheit, gleichsam in höchster Hysterie befindet.
Ich gebe zu, der Schritt ist beträchtlich, aber der große Forscher, der die Ähnlichkeit zwischen den Schmetterlingen und den Blumen aufgezeigt hat, und der an eine Ähnlichkeit der Pflanzen untereinander aus gegenseitiger Gunst glaubte, würde angesichts der hohen psychischen und moralischen Entwickelung der Insekten vor einem ebenso natürlichen wie logischen Schluß nicht zurückgewichen sein.
Eben habe ich diese Zeilen geschrieben, da lese ich bei Bernardin de Saint-Pierre, daß der Totenkopf wegen seines schmerzlichen Gesanges »Haïe« genannt wird.
Welcher Laut dieses »Haïe!« Der Schmerzensschrei aller Völker der Erde; der Schrei des Elends, das sich über die Bitterkeit des Daseins beklagt, der Weheruf Apollos um seinen toten Freund Hyazinthus, den er in den Kelch der Blume zeichnete, die seinen Namen trägt.
Es gibt übrigens noch eine andere Pflanze, in deren Kelch jenes »Haïe« sich findet, und wir haben es alle gelesen, bevor wir noch lesen konnten. Ich meine den Garten-Rittersporn, das Delphinium Ajacis, von dem der große Evolutionist Ovid behauptet, es sei dem Boden entsprossen, den Ajax mit seinem Blute gedüngt habe.
Die Blausäure des blauen Rittersporn ein Produkt aus dem Blut und dem Eisen des Ajax: Eisenblausäure! Man möchte meinen, Ovid sei ein Chemiker gewesen.
Aber Bernardin fügt hinzu: Der Flügelstaub dieses Schmetterlings ist dem Auge sehr schädlich.
Ich habe unter dem Mikroskop diesen Staub mit Reagenzien behandelt, und sie haben ein Pflanzenalkaloid gezeigt, also ein Alkaloid wie das Atropin, das Strychnin usw., was auch nicht wunderbarer ist, als daß die Sandkäfer Triethylphosphin oder die spanischen Fliegen Kantharidin, den nahen Verwandten des Digitalin, hervorbringen.
Wenn ich mich gegen diese Verführungen, eine Beziehung zwischen der Ausstattung des Totenkopfs und der Art seines Daseins zu finden, skeptisch verhalte, erkenne ich klar die Methode, deren ich mich bereits bedient habe.
Zunächst sage ich, es ist eine bedeutungslose Kaprize der Natur. Gut. Aber warum einer Natur das Recht auf Kaprizen absprechen, die eine neue Rindviehrasse erzeugt, weil ein unachtsamer Hirt ein Tor zuwirft, und ein Stier dabei seines Schweifes verlustig geht?
Oder nehmen wir die Kaprize als vorhanden an, aber sagen wir dann auch in diesem Fall: Gut, es ist eine Kaprize, aber noch lange kein Wunder, daß ein Insekt sein Äußeres der Umgebung anpaßt, wie wir das vom Eichenblatt-Falter wissen, der das Aussehen eines dürren Blattes angenommen hat, um sich leichter verbergen zu können.
Das ist durchaus kein Wunder, aber ein unbestreitbares Wunder ist die Verwandlung der Raupe in die Puppe, denn das kommt der Auferstehung der Toten gleich.
So unterliegen bei den Insekten die Larvengewebe während des unbeweglichen Zustandes der Nymphe dem Gewebeschwund, d. h. der fettigen Entartung oder der phylogenetischen Nekrobiose.
Also: Die Raupe unterliegt in ihrer Puppe demselben Prozeß, wie die Leiche in ihrem Grabe, wo sie sich in ammoniakhaltiges Fett verwandelt.
Nun, Nekrobiose heißt Tod-Leben, und die Physiologen sagen von ihr: Nekrobiose ist die Form des Todes, welche der Verkäsung (der Tuberkelbildung) vorausgeht.
Wie also, –: Die Raupe in ihrer Puppe ist tot, in eine unförmliche Fettmasse verwandelt, und lebt trotzdem und feiert in einer höheren, freieren und schöneren Form ihre Auferstehung.
Was ist also Leben und Tod? Dasselbe. Bedenkt, wenn die Toten nicht tot, und Unzerstörbarkeit der Kraft und Unsterblichkeit eins wären!
Man beobachte hier vor allem den seelischen Hochmut und die Vermessenheit eines Geistes, der sich seines durchdringenden Scharfblickes bewußt geworden ist. Der Entdecker fühlt sich eins mit dem Schöpfer; er hat – wie ein rechter Pantheist sagen würde – an der Erschaffung der Welt mitgearbeitet.
Um die Zeichnung des chaotischen Zustandes meiner Seele zu vollenden, gebe ich hier meine Kirchhofsstudien wieder, wo mein durch Leid und Einsamkeit geläutertes Ich zu unbestimmten Begriffen Gottes und der Unsterblichkeit zurückkehrt.
The free sample has ended.