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Astrid Rosenfeld

Kinder des Zufalls

Roman

Kampa

For Ty Mitchell

I borrowed your cowboy hat and your saloon

and gave it to Maxwell.

I borrowed your wisdom and your wit

and gave it to Glenn.

The rest is just a little melody.

The sound of waves and desert nights.

With love Astrid

What matters most is how well you walk through the fire.

Charles Bukowski

11. März 1977 Ein Junge stirbt fast

Vier Meter über der Erde baumelte der Junge, an einem Ast des toten Eichenbaums. Das Kinn an die Brust gedrückt, versuchte er, ruhig zu atmen. Bald würde der Gürtel ihm die Kehle zudrücken. Hellbraun das Leder, an einigen Stellen hatten Schweiß und Blut die Tierhaut dunkel gefärbt. Sein Schweiß, vermischt mit Onkel Terrys Schweiß. Der Gürtel: ein Geschenk von Onkel Terry. Onkel Terry, der gar nicht sein richtiger Onkel war.

Nicht sterben, nicht sterben, nicht sterben.

Maxwell bekämpfte den Impuls, mit den Beinen zu strampeln. Eine falsche Bewegung würde ihm das Genick brechen.

Nicht sterben.

Sullivan und Allen hatten ihn gejagt, wegen der NolanRyan-Karte. Eine Sammelkarte. Ein Stück Pappe. Maxwell interessierte sich nicht für Baseball, und das Bild des California-Angel-Pitchers konnte ihm gestohlen bleiben. Doch er hatte gelernt, dass es unklug war, Sullivan und Allen das Verlangte widerstandslos zu geben. Jagd und Schläge mussten der Eroberung vorausgehen.

Ein zehnjähriger schlaksiger Junge musste zwei dreizehnjährigen muskelbepackten Gegnern unterliegen. Er wehrte sich, um seine Peiniger glücklich zu stimmen. Das verschaffte ihm eine längere Pause bis zur nächsten Attacke. Bis sie wieder etwas von ihm wollten – Geld, Glasperlen, einen Football, Schokolade, Kaugummis oder Hustensaft.

Nicht sterben. Nicht sterben.

Vor ihm erstreckten sich die Chinati Mountains. Das offene Grasland der Chihuahua-Wüste. Hunderte Yuccas. Mannshoch. Wie ein Volk aus alten Zeiten sahen sie aus. Krieger mit gezackten Helmen. Andere zusammengewachsen, um sich nie wieder zu trennen.

Nicht sterben.

Maxwell und seine Mutter Charlotte waren vor sechs Monaten mit drei Koffern auf der Finsher Ranch angekommen.

»Terry, ich hätte schreiben sollen«, hatte Charlotte gesagt.

»Charly?«, hatte Terry geantwortet. Dann hatten sie sehr lange geschwiegen.

Nicht sterben.

Tränen liefen über Maxwells Wangen.

Nie hatte er Sullivan und Allen verraten. Es war ein Spiel, bei dem Sieger und Verlierer von Anfang an feststanden. Scheußlich, aber nur ein Spiel.

Nicht sterben.

Maxwell hatte sofort gespürt, dass heute etwas anders war. Sah es am Funkeln ihrer veilchenblauen Augen. Hörte es in ihrem Schnauben. Schweiß und blaue Flecken würden heute nicht genug sein. Die Brüder hatten die Regeln geändert. Nein, nicht geändert – es gab sie nicht mehr. Und was steht am Ende einer Jagd, einer Jagd, die kein Spiel ist?

Maxwell war losgerannt.

Immer weiter hatte er sich vom Haupthaus entfernt, den Schlafbaracken, den Ställen, den Verschlägen. Immer schneller wurden seine Beine. Erst als er den toten Eichenbaum erreicht hatte, blickte er zurück. Seine Verfolger waren außer Sichtweite.

Einatmen – ausatmen.

Behände wie ein Äffchen hatte er den Baum erklommen.

Einatmen – ausatmen.

Hier oben hatte er sich in Sicherheit geglaubt. Er würde warten, bis es dunkelte, und dann zurücklaufen. Heute würde er nicht schweigen. Er würde zu Onkel Terry gehen und … Bevor Maxwell seinen Plan zu Ende denken konnte, kamen die Brüder angerannt.

»Maxwell … Maxwell, wir kriegen dich«, hatte Sullivan gerufen und gegen den Baumstamm getreten.

Er war sieben Minuten und vierzig Sekunden älter als sein Zwillingsbruder. Den minimalen zeitlichen Vorsprung empfand er als persönliches Verdienst. »Ich hab dich überholt, Allen. Bin stärker als du.«

Allen akzeptierte Sullivans vermeintliche Überlegenheit, die sich laut Sullivan schon im Mutterleib bemerkbar gemacht hatte.

Die ersten Versuche der Zwillinge hinaufzuklettern, schlugen fehl. Als Sullivan aus drei Metern Höhe zu Boden ging, überkam ihn eine unbändige Wut. Er hämmerte mit den Fäusten gegen den Stamm.

»Du bist tot, Maxwell. Du bist tot. Hörst du, Maxwell? Du bist tot.«

Wild schreiend umklammerte Sullivan den Stamm, zog sich hoch. Die veilchenblauen Augen weit aufgerissen, die Ader am Hals pochte. Maxwells Herz raste. Sollte er springen? Aber unten stand Allen. »Du bist tot, Maxwell.«

Schon packte ihn eine Hand, die viel stärker war als seine. Ein dumpfer Schmerz in seinem Gesicht. Blut tropfte ihm aus der Nase. Sullivan zerrte an seiner Hose. Was wollte er? Was? Was?

Warm und feucht das Leder.

»Du bist tot, Maxwell.«

Dann war es still.

Nicht sterben.

Das Leben der Brüder war aus den Fugen geraten, seit Maxwell und seine Mutter hier waren. Und sie konnten ja schlecht Charlotte verprügeln. Charlotte, die Schuldige. Maxwell begriff nicht nur, er hatte sogar Verständnis für das Verhalten der Zwillinge. Vielleicht hatte er deshalb ihr grausames Spiel stets schweigend ertragen. Aber er würde ihnen nicht sein Leben opfern.

Verschwunden waren Berge und Wüste, verschwunden die Yuccas. Kein Himmel über ihm. Es gab nur noch seine zehn Finger und Terrys Gürtel. Fünf Finger zerrten an dem Leder. Maxwell streckte den rechten Arm. Ein Knacksen in der Schulter. Fünf Finger griffen ins Leere. Einmal, zweimal, dreimal. Dann bekamen sie den Ast zu fassen.

Als er seinen Kopf befreit hatte, wich alle Kraft aus seinem Körper. Er fiel. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Oberschenkel, trotzdem stand er auf. Stand mit beiden Beinen fest auf der harten Erde.

Langsam kletterte Maxwell den Stamm wieder hinauf. Das Leder war nicht gerissen. Er löste den Gürtel, band ihn um die Hüfte.

Vor ihm erstreckten sich die Chinati Mountains. Das offene Grasland der Chihuahua-Wüste. Hunderte Yuccas. Als ob nichts gewesen wäre.

Erster Teil
1 Myrthel Spring

»Danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Woher kommen Sie, Ma’am?«, fragte Terry, während er ihren Koffer auf der Ladefläche des Pick-up verstaute.

Etwas Fremdes färbte ihre Worte. Sie war keine Texanerin. Vielleicht nicht einmal Amerikanerin.

»Ich bin auf einem Schiff gekommen.«

Sein Blick schweifte über das Land.

»Auf einem Schiff?«

»New York«, sagte sie. »Können wir jetzt …«

»Sie sind aus New York, Ma’am?«

»Nein, ich bin auf einem Schiff nach New York gekommen. Können wir jetzt …«

»Also sind Sie von weit her, Ma’am?«

»Was ist nun mit Frühstück? Ich habe schrecklichen Hunger. Und hören Sie doch bitte auf mit diesem Ma’am.«

»Entschuldigung, Ma’am …«

»Charlotte, ich heiße Charlotte.«

Sie lächelte, zog ihren Rock ein Stück hoch und kletterte auf den Beifahrersitz.

»Charlotte«, sagte er. »Charly.«

Wie jeden ersten Dienstag im Monat war er morgens um fünf in seinen Truck gestiegen, um wie jeden ersten Dienstag im Monat vier Stunden nach Myrthel Spring zu fahren.

Seit seinem sechzehnten Lebensjahr gehörte die Dienstagstour zu Terrys Pflichten. Postamt, Viehfutter, Lebensmittel.

120 Dienstage, kein einziges Mal hatte sich etwas Außergewöhnliches ereignet. Natürlich, sein Leben hatte sich verändert: Vor neun Jahren war die Mutter gestorben, noch während der Dürre. Zeiten der Entbehrung. Terrys Vater Harold Finsher war es gelungen, die 8000 Hektar zu erhalten. Zu einem hohen Preis: 160 Rinder, 21 Pferde, seine Frau und sein Verstand. Im Frühling 1957 setzte Regen ein. Schon zwei Jahre später sah es aus – zumindest auf den ersten Blick –, als wäre nie etwas geschehen. Harte Arbeit, ein Kredit und ein Quäntchen Glück gaben Harold zurück, was die Dürre ihm genommen hatte – fast alles. Das Grab der Frau und die Tage, an denen Harold Finsher sich in der Vorratskammer einsperrte, nackt auf dem Boden saß und If You’re Happy and You Know It sang, dabei in die Hände klatschte, bis sie brannten, erzählten davon, dass sehr wohl etwas geschehen war.

Sechs Jahre nachdem Terry zur Halbwaise geworden war, hatte er Diana geheiratet. Vor einem Jahr waren die Zwillinge zur Welt gekommen. Ja, das Leben hatte sich verändert seit seiner ersten Dienstagsfahrt. Nicht nur seines, auch das der anderen. In Myrthel Spring erfuhr er, wer gestorben war und wie viele Kinder geboren worden waren. Welche Unfälle sich in dem 1300-Seelen-Ort ereignet hatten, welche Krankheiten umgingen und welche Heldentaten vollbracht worden waren. Aber das alles empfand Terry nicht als außergewöhnlich. So war es nun einmal – der Lauf der Dinge. Das Leben. Die blonde Frau, die neben ihm saß – das war etwas Außergewöhnliches.

»Kann ich Ihnen helfen, Ma’am?«, hatte er sie gefragt.

Er konnte: Sie hatte Hunger und wollte sich ausruhen.

»Ich heiße Terry«, sagte er.

»Wie?«, fragte sie.

Der Motor und das Radio übertönten seine Stimme.

»Terry. Ich heiße Terry.«

Sie lächelte, und da fragte er sich, ob er ihr erzählen sollte, dass er verheiratet war und zwei Kinder hatte und auf der Ranch seines Vaters, die eines Tages seine Ranch sein würde, wohnte und arbeitete. Ob er ihr sagen sollte, dass das Leben hart war, dass er seit fast zehn Jahren jeden ersten Dienstag im Monat nach Myrthel Spring fuhr. Und dass sie sein erstes außergewöhnliches Erlebnis war. Dass er ihren Rock hübsch fand und ihre Frisur und ihr Gesicht. Dass er gerne wissen würde, wo sie herkam. Dass er noch nie mit einer Frau wie ihr, einer Frau mit platinblonden Haaren und einer so tief ausgeschnittenen Bluse, gesprochen hatte. Dass er Texas, seine Heimat, liebte und hoffte, dass sie keine Kommunistin war.

Aber all das sagte er nicht, sondern: »Carmen ist klimatisiert.«

»Was?«, fragte sie.

»Carmen. Das Diner. Da gibt es eine Klimaanlage.«

Steve, Craig und Dave saßen am Tresen, erzählten sich die immergleichen Geschichten. Carmen goss Kaffee nach. Ein ganz normaler Dienstag in Carmen’s Diner.

Es wurde still, als Terry und Charlotte eintraten. Auch Steve, Craig, Dave und Carmen spürten, dass hier etwas Außergewöhnliches geschah.

Terry grüßte flüchtig und führte Charlotte in die hinterste Nische. Kaum saßen sie, überlegte er, ob er Charlotte den anderen hätte vorstellen müssen? Doch was hätte er sagen sollen? Sie stand am Straßenrand. Sie heißt Charlotte. Sie hat Hunger.

Und dann hätte der alte Steve von seiner Zeit in Korea angefangen, Dave hätte schmutzige Witze gerissen und Craig alles getan, um Terry lächerlich zu machen.

Carmen kam an ihren Tisch und musterte Charlotte.

»Das ist Carmen. Ihr gehört Carmen«, sagte Terry. »Und das ist Charlotte, sie … sie ist … sie ist eine Reisende.«

Carmen lächelte, aber die hochgezogenen Augenbrauen nahmen ihrem Lächeln jede Freundlichkeit.

»Wie geht es Diana?«, fragte sie Terry und sah dabei Charlotte an, die Augenbrauen noch immer hochgezogen, das Lächeln verschwunden.

»Gut.«

»Und den Zwillingen?«

»Auch gut.«

Die erste Tasse Kaffee tranken sie schweigend. Hastig aß Charlotte eine Portion Spiegeleier mit Speck, während die Jukebox Buck Owens’ I’ve Got a Tiger by the Tail spielte.

Die zweite Tasse Kaffee.

Terry räusperte sich. »Also, Charlotte … Charly, woher kommen Sie?«

»Sie geben keine Ruhe, was?« Die Fremde lachte.

So ein Lachen hatte Terry noch nie gehört, die Frauen, die er kannte, lachten anders. Er wollte ihre Kehle berühren, diesem Lachen näherkommen, es einfangen.

»Warum wollen alle immer wissen, wo man herkommt? Ist das so wichtig? Ist es nicht. Fragen Sie mich doch lieber, wo ich hinwill. Das ist wichtig. Wo jemand hinwill.«

Er brachte es nicht fertig, ihr zu widersprechen, ihr zu sagen, dass es sehr wohl wichtig war, wo man herkam. Dass er nicht er wäre, wenn er aus Chicago oder New Orleans käme. Dass dann alles anders wäre und er ein anderer. Und dass woher man kam, ja nicht nur ein Ort sei, und man die Gegenwart nicht von der Vergangenheit lösen könne. Aber solche Dinge zu erklären, lag Terry nicht.

»Also, Charly, wo wollen Sie hin?«, fragte er schließlich.

»El Paso. Zum Bahnhof. Und dann mit dem Zug nach Kalifornien.«

»Kalifornien. Und was … was wollen Sie in Kalifornien?«

»Das ist ja ein richtiges Verhör.« Wieder dieses Lachen. »Was ich in Kalifornien will?« Charlotte griff nach seiner Hand, legte sie auf ihren Busen. »Ich will, dass es schnell schlägt. Dass ich aufwache und es schnell schlägt. Verstehen Sie?«

Er verstand nicht, nickte aber.

Sie stieß seine Hand weg. »Wie lange brauchen wir nach El Paso?«

»Wir?«

»Wie lange?«

»Vier Stunden, ungefähr. Fünf vielleicht.«

»Also kann ich auf Sie zählen?«

»Was …«

»Ich kann ja schlecht zu Fuß nach El Paso. Helfen Sie mir?«

Diana würde sich Sorgen machen. Vielleicht würde sie jemanden von der Ranch nach Myrthel Spring schicken, und dann würde irgendwer erzählen, dass Terry Carmen’s Diner vor Stunden verlassen hatte. Zusammen mit einer blonden Frau.

Eines Tages würde es ein Telefon auf der Ranch geben, dann würde er Diana anrufen und sagen: »Eine blonde Frau braucht meine Hilfe. Sie kann ja schlecht zu Fuß nach El Paso. Und ich würde sie auch fahren, wenn sie hässlich wäre.« Eines Tages, aber was nützte ihm das jetzt. Er musste eine Entscheidung treffen. Eigentlich lag ihm das: Welche Pferde zu behalten, welche zu verkaufen waren. Ob man die Herde aufstocken sollte. Wie viele Cowboys man zum roundup im Frühling und im Winter anheuern musste. Aber jetzt zögerte er. Er wollte Ja sagen. Er wollte Nein sagen. Das Richtige tun. Er wollte Charlys Lachen hören und sie noch einmal berühren.

»Terry? Kann ich auf dich zählen?«

Im Radio sprach man über den Vietnamkrieg. Über Johnsons Entschluss, die Anzahl der Soldaten auf 125000 aufzustocken. Man würde den Vietcong das Fürchten lehren. Absolute Überlegenheit demonstrieren. Der Präsident hatte gesagt: »Wenn die Kommunisten erst einmal so wie wir wissen, dass eine Gewaltlösung unmöglich ist, ist eine friedliche Lösung unvermeidbar.«

»Gibt es keine Musik?«, fragte Charlotte. »Immer diese Kriege, ständig ist Krieg.«

»Ein Freund von mir ist in Vietnam. Navy.«

»Ich war noch nie in China.«

»Vietnam ist nicht in China.«

»Na ja, ist doch alles sehr gleich. Ich kannte einen Chinesen. Zumindest dachte ich, er wäre Chinese. Er nannte sich Joseph, weil niemand seinen Namen aussprechen konnte. Aber er war gar kein Chinese, sondern Japaner.«

»Aha«, sagte Terry, ohne zu verstehen, was der Japaner mit Vietnam zu tun hatte. Aber vielleicht musste man nicht alles verstehen. Vielleicht hatten blonde Frauen, die auf Schiffen herkamen, ihre eigene Logik.

»Joseph war ein feiner Mensch. Er konnte wunderschön Flöte spielen. Ich dachte, ich würde ihn eines Tages heiraten, aber ich war bloß ein Kind und Joseph sehr alt.«

Aus dem Radio kam nur noch ein Knistern. Charlotte drehte an den Knöpfen, vergeblich. »Jetzt gibt es gar nichts mehr. Keinen Krieg, keine Musik.« Sie blickte aus dem Fenster, Kakteen, Hügel, unendliche Weite. »Wie man hier leben kann …«

»Was meinst du?«

»Na ja, ist doch alles sehr karg hier. Man hat das Gefühl, dass die Zeit stillsteht, dass in fünfzig Jahren alles genauso sein wird, wie es schon vor fünfzig Jahren war.«

»Carmen hat eine Klimaanlage, die gab es vor fünfzig Jahren nicht, es gab ja nicht mal Carmen vor fünfzig Jahren.«

»Ach, Terry.« Sie berührte seinen Unterarm. »Du nimmst alles sehr genau, was?«

»Aber schau doch aus dem Fenster, schau doch!«

»Da ist nichts.«

Wo sie nichts sah, sah er Schönheit, sah er Heimat. Wie erklärt man Schönheit? Wie erklärt man Heimat? Terry hatte keine Worte dafür. »Schau doch!«, sagte er noch einmal. Charlotte schüttelte nur lachend den Kopf.

Städte hatte er nie gemocht. Nicht dass er viele gesehen oder dort viel Zeit verbracht hätte. Zwei Mal war er in Dallas gewesen und vielleicht sieben Mal in El Paso. Verkehr, Menschen, ja selbst die Gebäude schienen um Aufmerksamkeit zu buhlen. Ein stetes Rauschen, das ihn verwirrte.

Sie erreichten den Bahnhof.

»Na, dann heißt es jetzt Abschied nehmen«, sagte Charlotte und öffnete die Beifahrertür.

»Warte!« Er griff nach ihrer Hand, spürte die weiche Haut. Auch diese Zartheit verwirrte ihn, eine andere Art Verwirrung. Die weiche Hand ließ ihn wissen, dass sie fortwollte, also ließ er los, zog den Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche, zerriss eine Streichholzschachtel und schrieb in Druckbuchstaben:

Finsher Ranch – Terry Finsher

PO Box 17, Myrthel Spring, Texas

»Vielleicht möchtest du mir schreiben.«

»Ich schreibe nie.«

»Aber vielleicht eines Tages, irgendwann.«

Mit einem Lächeln, das mehr war als eine freundliche Geste – das fühlte er genau –, ließ sie das Stückchen Pappe in ihrer Lederhandtasche verschwinden.

Sein Angebot, sie zum Schalter zu begleiten, lehnte sie ab, und so blieb Terry nichts anderes übrig, als ihr den Koffer zu reichen und Lebewohl zu sagen.

Terry sollte die blonde Frau nie vergessen. Jeden ersten Dienstag im Monat hoffte er, einen Brief oder zumindest eine Karte von Charlotte in seiner Post zu finden.

Charlotte vergaß Terry ziemlich schnell. Doch viele Jahre später sollte sie sich wieder an den jungen Rancher aus Texas erinnern.

Nicht vergessen und wieder erinnern sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

An diesem Tag fuhr kein Zug mehr, Charlotte verbrachte die Nacht in einem Hotel in Bahnhofsnähe. Schon am frühen Abend legte sie sich in einem dunkelroten Negligé auf das Doppelbett.

Es war eines von Dutzenden Hotelzimmern, in denen Charlotte seit ihrer Ankunft in New York übernachtet hatte.

Sie spürte ihr Herz schlagen, schnell.

Noch vor kurzem hatte sie in Heidelberg gelebt. Charlotte – das uneheliche Kind eines amerikanischen Offiziers und seiner badischen Haushälterin.

Wahrscheinlich hatte der Offizier sich einsam gefühlt in dem fremden Land. Seine rechtmäßige Frau war noch in Maryland. Die Haushälterin Helga, ein hübsches, etwas ängstliches Fräulein, wärmte Jonathans Körper. Dann rückte die Ehefrau samt siebzehn Koffern und einer senilen Schwiegermutter an. Charlotte war gerade elf Monate alt. Außer einem schlechten Gewissen empfand Jonathan Foreman nicht viel für sein Kind. Doch sein Ehrgefühl gebot ihm, Verantwortung zu übernehmen, gerade so viel, dass es keine Umstände machte. Er sorgte dafür, dass Charlotte Englisch lernte und Helga ihren Posten als Haushälterin behielt. Die Ehefrau nahm weder Anstoß an Helgas Anwesenheit noch an Charlottes Existenz, obwohl sie wusste, wer der Vater des Mädchens war. Selbst die senile Schwiegermutter sah sofort die Ähnlichkeit. Man schwieg einvernehmlich.

Ein Tag verlief wie der andere. Charlotte hatte immer gewusst, dass sie raus wollte, aus dem Haus, der Stadt, dem Land.

Vor einem knappen Jahr war Helga an Gebärmutterkrebs gestorben. Bis zum Schluss hatte sie das Parkett des zweistöckigen Hauses gebohnert und für die Offiziersfamilie gekocht, geputzt und gewaschen.

Nie hatte Charlotte Forderungen an ihren Erzeuger gestellt, nur genommen, was er freiwillig gegeben hatte. Erst nach dem Begräbnis der Mutter bat sie ihn um einen Gefallen.

Es rührte den eitlen Mann, dass Charlotte seine Heimat kennenlernen wollte. Zwar konnte die junge Frau ihm nicht erklären, was genau sie dort wollte, aber das kümmerte Jonathan nicht weiter. Fast zwanzig Jahre nach ihrer Geburt erhielt Charlotte den Namen ihres leiblichen Vaters und einen amerikanischen Pass. Der Offizier und Charlotte nahmen Abschied voneinander. Auch diese letzte Umarmung war nicht mehr als eine Pose.

Und endlich war Charlotte frei: Befreit von der Mutter, diesem bedauernswerten Wesen, die ihre besten Jahre einem Mann geopfert hatte, der ihr außer Millionen Spermien nichts hatte geben können. Helga, die Haushälterin, die es allen recht machen wollte und jede Demütigung schweigend hinnahm. Helga, die sich so leise bewegte, so leise sprach, dass man ihre Anwesenheit mühelos ignorieren konnte.

Die Erbschaft der Mutter wurde in eine Schiffsfahrkarte und ein Bündel Dollarscheine investiert.

Charlottes Habseligkeiten passten in einen kleinen Koffer. Zuletzt packte sie Helgas dunkelrotes Negligé ein, das Einzige, was an der Mutter nicht ängstlich gewesen war. Es schien von der Möglichkeit eines anderen Lebens zu erzählen. Dass einst auch für die Haushälterin Helga ein Türchen offen gestanden hatte. Ein Leben, in dem es ein bisschen mehr Liebe, ein bisschen mehr Freude gegeben hätte. Ein bisschen mehr als Bohnerwachs und den Samen eines amerikanischen Offiziers.

Als freie Frau hatte Charlotte Foreman, geborene Kirchner, das Deck des Schiffes betreten. Das Herz schlug schnell.

Er war ein Dichter. Die schwarzen Haare und die dunklen Augen bildeten einen hübschen Kontrast zu seiner blassen Haut. Im Zug nach Kalifornien las er Charlotte seine Geschichten vor. Geschichten, die nie in einem Happy End oder einer Tragödie endeten, sondern einfach zwischen zwei Gläsern abbrachen.

Der Erzähler fand seine Titelheldinnen in Bars und Kneipen, in denen Dunkelheit herrschte. Hier schien die Sonne auch am Tag nur durch verschlossene Vorhänge. Es wurde getrunken, gevögelt und gehofft.

»Und das ist alles so passiert?«, fragte Charlotte.

»Nie genau so.«

»Aber so in etwa, ja?«

Er lachte.

»Und sind die Frauen dir nicht böse. Zum Beispiel diese Lara. Seitenlang beschreibst du, wie sie untenrum aussieht. Das kann ihr doch nicht gefallen haben? Ich meine, falls es Lara wirklich gibt.«

»Sag ich denn etwas Schlechtes über sie?«

»Aber es geht doch niemanden etwas an.«

»Laras Möse sah aus wie jede andere. Ein Loch. Wäre das besser gewesen? Lara war nicht besonders klug, nicht besonders schön, sie war nichts Besonderes. Das ist die reale Lara. Die fiktive hingegen ist eine … eine Königin der Nacht. Das sollte ihr doch gefallen.«

»Ich weiß nicht. Die ganzen Frauen, sie … sie wirken so, na ja, so verloren.«

»Verloren sind wir alle. Du. Ich. Lara.«

Während der Sunset Limited durch Arizona fuhr, aßen Charlotte und der Dichter ein Sandwich in der Lounge Car und teilten später, zurück auf ihren Sitzen, eine Flasche Wein, die er mitgebracht hatte.

»Ich traf sie in einem Zug, sie sah aus wie die junge Marlene Dietrich. Etwas Fremdes färbte ihre Worte. Sie trank meinen Wein. Als ich meine Hand unter ihren Rock schob …«

»Was soll das werden?«, unterbrach Charlotte ihn.

»Ich schreibe deine Geschichte.«

»Ach ja?«

»Ach ja.«

»Du hast deine Hand nicht unter meinen Rock geschoben, und du wirst es auch nicht tun.«

»In meiner Geschichte schon.«

»So einfach ist das?«

Er nickte. »Versuch es.«

»Was?«

»Der letzte Mann, den du getroffen hast?«

»Terry«, sagte sie. »Terry aus … aus …« Sie holte das Stückchen Pappe aus ihrer Handtasche. »… Terry aus Myrthel Spring, Texas. Wir haben Rühreier gegessen. Dann hat er mich nach El Paso gefahren. Ende.«

Der Dichter lachte. »Myrthel Spring. Wir nennen die Geschichte Myrthel Spring.«

»Es ist doch gar keine Geschichte.«

»Myrthel Spring – schon der Titel ist poetisch … Und eines Tages kamen sie nach Myrthel Spring, all die Verlorenen, Verkannten und Verwundeten, und sie fanden … sie fanden …« Er verstummte.

»Was fanden sie?«

Für einen Moment schloss der Dichter seine Augen. Dann sah er Charlotte an. »Ich weiß es nicht.«

»Ach ja?« Sie schüttelte den Kopf. »So einfach ist es dann doch nicht, wie?«

Als sie sich verabschiedeten, sagte keiner von ihnen: Auf bald. Sie wünschten einander nur »Viel Glück!«

Irgendwo hatte Charlotte gehört, dass es in Los Angeles nach Orangenblüten duften würde, doch es roch nach allem Möglichen, nur nicht nach Orangenblüten.

Im Hotel roch es nach Fäulnis und getrocknetem Schweiß, leicht überdeckt von einem Putzmittel, das sie an ihre Mutter erinnerte. Charlotte bewohnte ein Zimmer in der achten Etage eines vierzehnstöckigen Gebäudes in Downtown.

Der Zufall hatte sie hierhergeführt. Für diejenigen, die sich nur vom Schlag ihres Herzens leiten lassen, ist der Zufall der einzige Wegweiser.

2 Freiheit

Collin Goodwin wuchs in Long Beach auf, bei seinem Vater und der halbverrückten Polin. Die halbverrückte Polin war Collins Großmutter. Der Junge hatte nie geglaubt, dass dieses seltsame Wesen tatsächlich mit ihm verwandt war.

Tagsüber arbeitete der Vater in einer Werkstatt. Er war Automechaniker. Nach der Arbeit kam er nach Hause, aß, was die Polin gekocht hatte, und dann verschwand er wieder. Die Wohnung schloss er von außen ab. »Zu eurer Sicherheit«, sagte Donald Miroslaw Goodwin zu Collin und der Großmutter. »Damit euch niemand klaut.«

Meist kam er erst im Morgengrauen zurück, schlief ein Stündchen auf der Couch, bis der Wecker klingelte. Ein blechernes Ungetüm, das ein Eigenleben zu führen schien. An manchen Tagen schellte der Wecker so laut, dass ganz Long Beach es hören musste, an anderen Tagen summte er nur leise, als wollte er niemanden stören.

Die polnische Großmutter weinte viel. Ihr Englisch beschränkte sich auf wenige Wörter. Du. Da. Ja. Nein. Essen. Ich Pole. Du Pole.

Sie roch ranzig. Vor allem aus dem Mund.

Collin sprach kein Polnisch und sein Vater nur gebrochen. Als Kind hatte Donald die Sprache seiner Mutter beherrscht, aber dann wurde Agnieszka halbverrückt und redete nur noch Unsinn. Die polnischen Unterhaltungen verschwanden aus dem Hause Goodwin.

Niemand konnte oder wollte Collin sagen, wo seine Mutter war. »Sie ist weg«, war die einzige Antwort, die er jemals bekommen hatte. Obwohl er keine Erinnerung an seine Mutter hatte, fehlte sie ihm. Nicht die Frau, die ihn rausgepresst hatte. Eine Mutter zu haben, das fehlte ihm. Selbst eine Stiefmutter hätte genügt. Jemand, der nachts bei ihm blieb, ihn nicht mit der Verrückten alleinließ.

Der Vater verbot Collin, die Großmutter verrückt zu nennen. »Halbverrückt. Sie ist halbverrückt, und das ist ein gewaltiger Unterschied.«

Jedes Mal, wenn der Vater die Tür abschloss, setzte Collins Herz für einen Moment aus. Warum musste er sie einsperren? Wer würde sie schon klauen? Eine verrückte Polin und ein Kind, damit kann doch keiner etwas anfangen.

Eines Nachts, als Collin schon fast eingeschlafen war, schrie die Großmutter. Es war nicht das übliche Weinen, an das er sich einigermaßen gewöhnt hatte. Er hielt den Atem an, bewegte sich nicht, hoffte, dass es aufhören würde. Aber die Alte schrie und schrie und schrie. Er schlich ins Wohnzimmer. Wie ein Tier wälzte die Großmutter sich auf dem Boden.

»Sei still«, sagte Collin. »Sei doch bitte still.«

Vorsichtig berührte er ihre Schulter. Sie verstummte. Dann sah sie ihn an. »Du Pole«, sagte sie. »Du Pole. Ich Pole. Du Pole.«

Sie richtete sich auf. Packte ihn bei den Armen und schüttelte ihn, mit einer Kraft, die er ihr niemals zugetraut hätte. Mühsam machte er sich los. Lief zur Tür. Er hatte Angst. Wollte raus. Doch die Tür, die verdammte Tür war abgeschlossen.

Die Großmutter stand hinter ihm. »Du Pole«, brüllte sie. Er dachte, sein Trommelfell würde zerspringen. Er stieß sie zurück und rannte in sein Zimmer. Schob einen Stuhl unter die Klinke und öffnete das Fenster. Sie wohnten im dritten Stock. Es war zu hoch.

Rittlings setzte er sich auf das Fensterbrett. Ein Bein baumelte im Freien. Zumindest ein Bein war frei.

Am nächsten Tag erzählte er seinem Vater, was passiert war.

»Du übertreibst«, sagte er.

»Sie hat mich gepackt. Sie ist verrückt.«

»Halbverrückt. Agnieszka ist halbverrückt. Und was soll ich machen? Sie erschießen? Du bist doch ein Junge, ein starker Junge. Willst du mir etwa erzählen, dass der alte Lappen da«, er deutete auf die Großmutter, »dir Angst macht?«

»Bitte, Papa, schließ nicht mehr ab.«

»Damit euch jemand klaut, ja? Willst du das? Ja?«

»Papa. Bitte …«

»Hör auf mit der Heulerei.«

»Niemand klaut Leute einfach aus der Wohnung. Und schon gar nicht …«

»Schluss jetzt«, sagte Donald.

Collin wusste nicht, dass dem Vater schon einmal jemand aus der Wohnung geklaut worden war. Eines Abends war ein Mann gekommen und hatte Zoe Goodwin mitgenommen. Dass Zoe freiwillig gegangen und der Mann ihr Geliebter gewesen war, hatte Donald verdrängt. Ebenso die Tatsache, dass Zoe ihn schon lange nicht mehr geliebt, ihre Schwiegermutter immer gehasst und das Kind niemals gewollt hatte. Zoe wurde geklaut – das war Donalds Wahrheit. Er ahnte, wie zerbrechlich seine Wahrheit war, deshalb behielt er sie lieber für sich.

Seit jenem Abend saß Collin jede Nacht auf dem Fensterbrett. Ein Bein in der Freiheit. Erst wenn der Vater zurück war, legte sich Collin in sein Bett. Der Schlaf verschwand aus den Nächten und flüchtete in die Tage. Aus dem recht guten Schüler wurde ein ziemlich schlechter. Im Unterricht konnte Collin sich nicht konzentrieren, manchmal fielen seine Augen einfach zu.

Seit ein paar Monaten wohnte Collin in Ozzys Garage, die er sich mit einem alten Crosley Super Station Wagon teilte. Das taubengraue Gefährt war sein erstes eigenes Auto.

Nachdem er die Highschool abgebrochen hatte, war er von Long Beach nach Los Angeles gezogen, hatte in den Küchen sämtlicher Diners gearbeitet.

Ein eigenes Zuhause konnte er sich nicht leisten. Meist war er in den vier Wänden fremder Menschen untergekommen. Manchmal wurden aus den Fremden fast Freunde. Meistens nicht.

Ozzys Garage empfand Collin als Aufstieg. Er, sein Auto, ein Bett. Das war nicht viel und auch nicht sehr schön, für Collin aber war es Freiheit.

Er hatte Ozzy im Whisky kennengelernt. Ein paar Stunden vorher hatte Mary Collin verkündet, dass er ausziehen müsse.

»Ich werde heiraten«, hatte sie gesagt.

»Heiraten? Wen?«

»Er heißt Bill.«

»Wusste gar nicht, dass du einen Freund hast.«

»Ist ziemlich frisch.«

»Und ihr heiratet?«

»Ja. Er hat noch nicht gefragt, aber ich habe da so ein Gefühl, und es wäre komisch, wenn … na ja, wenn hier ein anderer Mann lebt. Ich will nicht, dass er denkt … Tut mir leid, aber du musst ausziehen.«

Collin hatte sich bei Mary beinahe wohl gefühlt. Die Miete war günstig, das Apartment hübsch eingerichtet. Mary wusch seine Wäsche, ohne ihm etwas dafür zu berechnen, und abends wartete eine warme Mahlzeit auf ihn. Eigentlich ideal, wären da nicht Marys Annäherungsversuche gewesen. Hände, Knie, die Collin wie zufällig berührten. Mary war groß und dick. Ein dreiundzwanzigjähriges Mädchen mit zu engen Kleidern am Leib und zu viel Make-up im Gesicht.

Aber es war nicht ihr Äußeres, das Collin abschreckte, es war die Verzweiflung, die in ihren Augen flackerte. Ein Fünkchen dieser Verzweiflung wohnte auch in ihm. Manchmal, wenn Marys graue Augen ihn zu lange ansahen, glaubte er, in einen Zerrspiegel zu schauen. Das Gefühl, das er fürchtete, das er im Schach zu halten versuchte, wuchs unter ihrem Blick, breitete sich in ihm aus.

Ähnliche Augen wie Marys gab es zu Tausenden in Los Angeles. Menschen mit übergroßen Träumen, Menschen mit begrabenen Träumen und Menschen, die niemals Träume gehabt hatten.

Während Collin sich überlegte, wie es weitergehen würde, lief er ziellos durch die Nacht. Irgendwann landete er im Whisky a Go Go am Sunset Boulevard.

Wunderschöne Mädchen in kurzen Röcken tanzten ein paar Meter über dem Boden in Käfigen. Der ganze Raum war in Bewegung.

Collin drängte sich durch die Menge. Ein Bier in der Hand, lehnte er an der Wand. Etwas schien alle hier miteinander zu verbinden. Als wollten ihre bebenden Körper gemeinsam denselben Teufel austreiben. Nur Collin gehörte nicht dazu, seine Glieder waren steif. Und dann stand Ozzy vor ihm.

»Die da«, sagte er und deutete auf das hübscheste Mädchen, »war mal meine Braut.« Er lachte. »Verdammte Schlampe«, schrie er. Die Musik übertönte seine Worte. Außer Collin konnte niemand ihn hören.

»Komm, lass uns woanders hingehen. Ich kann es nicht ertragen. Verdammte Schlampe«, brüllte er noch einmal, das Mädchen fixierend. Dann wandte er sich Collin zu. »Wie heißt du, mein Freund?«

»Collin.«

»Komm, Collin, raus hier. Geht alles auf mich. Alles, was wir trinken, alles, was wir rauchen.«

Er legte seinen Arm um Collins Schultern und zog ihn nach draußen. »Wo steht dein Auto?«

»Ich hab keins, bin zu Fuß.«

»Kein Auto? Das müssen wir ändern. Ich hab zwei. Ich schenk dir eins.«

Ozzy war laut. Ein paar Leute drehten sich nach ihnen um. »Verpisst euch«, brüllte er.

Obwohl der bullige Mann mit den orangefarbenen Haaren und dem heftigen Temperament Collin nicht ganz geheuer war, stieg er in den Plymouth Fury.

»Was ist dein Problem? Mann, du siehst aus wie einer, der Probleme hat. Was ist es? Weiber? Kohle? Army? Du bist doch kein verfluchter Scheißhippie, oder? Freie Liebe. Wir sind alle gleich. Glaubst du den ganzen Scheiß?«

»Nein«, antwortete Collin und betete, dass Ozzy auf die Straße schauen würde, statt ihn weiter anzustarren.

»Nein, was? Keine Probleme? Kannst du jemand anderem erzählen.«

»Doch. Klar hab ich Probleme. Ich meine, nein, ich glaube nicht an das ganze Zeug von freier Liebe und so. Ich …«

Ozzy lachte. »Los, erzähl! Was läuft falsch? Ozzy hört dir zu.«

Collin zögerte einen Moment. Doch während Ozzy viel zu schnell Richtung Hollywood fuhr, begann Collin zu reden, erzählte von Mary, von seinem Job, mit dem er sich gerade eben über Wasser halten konnte. Er sprach – und das hatte er noch nie getan – über die Verzweiflung. Dieses embryogroße Ding, das in ihm hauste. Das es kleinzuhalten galt. Davon, dass er Angst hatte, was geschehen würde, wenn er es nicht beherrschen könnte.

»Mann«, sagte Ozzy, »du wohnst bei ’ner fetten Schlampe, die dich heiß findet. Und weil du sie nicht bumsen willst, schmeißt sie dich jetzt raus. So was passiert. Du bist ein kleiner Schisser. Du musst dich mal ein bisschen lockermachen. Jetzt hast du Ozzy. Ozzy wird dir aus der Scheiße helfen.«

Von seinem Bungalow aus konnte man den Hollywood Freeway sehen. Neben dem Bungalow war eine Garage. Ozzy öffnete das Tor.

»Das ist dein neues Zuhause. Gibt sogar ein Klo und ein Waschbecken. Duschen kannst du im Haus. Und das …«, er deutete auf den Crosley Super Station Wagon, »… das ist dein neues Auto. Fährt leider nicht, muss man ein bisschen Arbeit reinstecken.«

Collin fühlte sich wie in einem Traum. Ein Zuhause, das er sich mit niemandem teilen musste. Ein Auto, ein eigenes Auto.

»Was … was willst du dafür?«, fragte er vorsichtig. Die meisten Träume konnte er sich nicht leisten.

»Für was?«

»Das Auto. Die Garage.«

»Hast du was auf den Ohren? Ich hab doch gesagt, ich schenk dir das Auto? Und die Garage? Ist bloß ’ne verdammte Garage. Bleib, solange du willst.«

Warum?, überlegte Collin, wagte aber nicht, es auszusprechen. Ozzy könnte dämmern, dass er gar keinen Grund hatte, Collin ein Auto zu schenken und ihn in seiner Garage wohnen zu lassen.

Mary weinte beim Abschied am nächsten Abend. »Es hätte auch alles anders kommen können. Du und ich …«

»Ich wünsch dir viel Glück«, antwortete Collin und stieg in Ozzys Plymouth Fury. Mary lehnte am Türrahmen und winkte. Tränen, so viele Tränen rannen über ihre Wangen.

»Kein Wunder, dass du sie nicht pimpern willst«, sagte Ozzy. »Die sieht aus wie ein Schrank.«

»Ein Schrank?«

»Ja, Mann, ein Schrank. Und wer will schon einen Schrank pimpern.«

Als sie Collins Matratze und seinen spärlichen Besitz in der Garage verstaut hatten, klopfte Ozzy ihm auf die Schulter.

»Und jetzt fragst du dich wahrscheinlich, was ich dafür haben will.«

»Was?«

»Na ja, die Garage, das Auto.«

»Ich … ich … also …«

»Ja?«

»Ich dachte … Gestern hast du … Ich meine … Okay, was willst du dafür haben?«

»Mann, scheiß dich nicht an, mein Freund. War ’n Witz. Ist geschenkt. Hab ich doch gesagt. Glaubst du, Ozzy lügt?«

In der Nacht öffnete Collin das Tor. Er hockte auf dem Boden, den Rücken gegen den Rahmen gelehnt, das linke Bein in der Freiheit. Das Leben ist gut, dachte er und blickte sich um. Er wollte es sich genau einprägen:

Das taubengraue Auto.

Ein Tor, das er immer öffnen konnte.

Der Mond hinter einer dünnen Wolkenschicht.

Eine Spinne, die über den Beton krabbelte.

Die Lichter der Stadt.

Das ewige Summen des Hollywood Freeway.

Ein vollkommener Augenblick.

3 Offenbarung

Ozzy besorgte Collin einen Job als Nachtportier in einem Hotel in Downtown. Die Art-Deco-Lobby war prächtig. Marmorsäulen und Skulpturen. Doch das vierzehnstöckige Hotel war nicht für seine schöne Lobby bekannt, sondern für zwei Selbstmorde, einen Mord und einen ungeklärten Todesfall. Es gab Zimmer mit Bad und Zimmer ohne Bad. Es gab Gäste, die auf der Durchreise waren, und Gäste, die auf unbestimmte Zeit hier wohnten. Ihre Barschaft reichte für ein paar Nächte oder mehrere Wochen. Das Hotel war ihre Zuflucht. Manchmal ihr letzter Halt. In den Augen vieler brannte die Verzweiflung.

Der steinerne Tresen der Rezeption und sein neues Leben schafften Distanz zwischen Collin und ihnen. Er fühlte sich gewappnet.

Der Station Wagon war repariert, und da Collin keine Miete zahlte, hatte er mehr Geld als je zuvor. Er konnte den Verzweifelten furchtlos ins Gesicht schauen. Vielleicht, so dachte er, hatte dieses ungute Gefühl ihn ganz verlassen.

Manche Gäste erzählten Collin ihre Geschichte. Jungs aus Idaho oder Oklahoma, die zum Film wollten. Geschäftsleute auf der Flucht vor Gläubigern. Spieler, die zu oft auf die falsche Zahl, auf das falsche Pferd gesetzt hatten. Frauen und Männer mit gebrochenen Herzen.

Und dann, eines Nachts, stand sie vor ihm. Nur in ein dunkelrotes Negligé gehüllt. Entschlossenheit in ihren dunkelblau umrandeten Pupillen.

»Im Zimmer neben mir weint jemand. Seit Stunden«, sagte sie.

»Das … das tut mir leid.« Die blonde Frau hatte einen seltsamen Akzent.

»Ich kann nicht schlafen. Es ist laut. Unnatürlich laut. Können Sie etwas dagegen tun?«

Collin lehnte sich weit über den Tresen, um ihr näher zu sein. Immer wieder würde er Charlotte von ihrer ersten Begegnung erzählen. »Du hattest nur ein Nachthemd an, und du sahst so … so vollkommen aus. Alles in meinem Kopf begann zu schwirren.«

»Ich habe diese Wirkung auf Männer«, sagte sie dann lachend.

»Möchten Sie ein anderes Zimmer?«, fragte Collin und versuchte, sie nicht anzustarren.

Sie schüttelte den Kopf. »Können Sie nicht mit diesem Menschen reden? Können Sie ihm nicht sagen, dass er ruhig sein soll?«

Das Weinen war schon auf dem Gang zu hören. Ein Wehklagen, das in den Ohren schmerzte.

Als Collin an der Tür klopfte, stand die blonde Frau hinter ihm. Er spürte ihre Wärme.

»Klopfen Sie fester.«

Er gehorchte. Hämmerte gegen das Holz. Niemand öffnete.

»Hier spricht das Hotel«, sagte er schließlich.

»Sie sind doch nicht das Hotel«, zischte Charlotte und stieß ihm ihren Ellbogen in die Rippen.

»Hier spricht das Management, öffnen Sie die Tür. Sonst sehe ich mich gezwungen, Gewalt anzuwenden.« Etwas Ähnliches hatte er jemanden mal in einem Film sagen hören. Es klang souverän, dachte er.

»Was soll das denn?«, fragte sie. »Haben Sie keinen Schlüssel? Einen Generalschlüssel? Sie müssen doch einen Generalschlüssel haben.«

Collin nickte.

»Dann schließen Sie auf. Worauf warten Sie noch?«

Eine Nachttischlampe brannte. Auf dem Bett lag ein junger Mann, etwa so alt wie Collin. Als sie das Zimmer betraten, verstummte er. Seine Augen waren verquollen. Seine Haare kurz geschoren.

Er richtete sich auf, blickte von einem zum anderen. »Hat man Sie geschickt? Ich kann nicht. Ich kann nicht. Ich dachte … ich dachte, ich könnte. Aber ich kann nicht.« Er zitterte, schüttelte heftig den Kopf. »Ich kann nicht. Ich kann nicht«, wiederholte er immer und immer wieder.

Während Collin überlegte, was zu tun sei, setzte Charlotte sich neben den traurigen Mann. »Was haben Sie denn nur?« Ein Hauch von Vorwurf lag in ihrer Stimme. Collin spürte Eifersucht. Eifersucht auf den Fremden.

Ein Schritt. Zwei Schritte. Dann saß auch er auf dem Bett.

Der Zufall hatte sie hier aufgereiht.

In der Mitte Charlotte.

Zu ihrer Rechten Collin.

Zu ihrer Linken Bob.

Bob war 19 Jahre alt. Geboren in Santa Ana, Orange County. Er hatte sich freiwillig zu den Marines gemeldet. Weil sein Vater vor 26 Jahren das Gleiche getan hatte. Weil sie ihn früher oder später sowieso eingezogen hätten. MCRD San Diego, Bootcamp. Camp Pendleton, Infanterie-Training. Er war stark, mutig, ein guter Schütze. Mit Bravour hatte er seine Ausbildung absolviert. Bob, ein Marine. Wie sein Vater.

Das hier ist mein Gewehr!

Es gibt viele andere, aber dies ist meins!

Mein Gewehr ist mein bester Freund! Es ist mein Leben!

Ich muss es meistern, wie ich mein Leben meistern muss!

Ohne mich ist mein Gewehr nutzlos! Ohne mein Gewehr bin auch ich nutzlos!

Mein Gewehr verfehlt sein Ziel nie!

Ich muss schneller schießen als mein Feind, denn sonst tötet er mich!

Ich muss ihn erschießen, bevor er mich erschießt! Das werde ich!

Bob sollte jetzt eigentlich in seinem Kinderzimmer in Santa Ana liegen. Schlafend, nicht weinend.

Eine Woche lang hätte ihn seine Mutter bekochen, sein Vater stolz auf ihn sein können. Er hätte mit seiner Freundin Bridget ins Kino gehen können. Stattdessen hatte er sein Auto aus der Garage geholt und einen Brief auf den Küchentisch gelegt. Mitten in der Nacht. Wenige Worte. Er wolle bis zum Abflug allein sein. Der Vater würde es verstehen, die Mutter nicht. Bridget hatte er in diesem Moment ganz vergessen. Keinen Gruß an sie hinterlassen. Keine Schwüre, keine Versprechen. Bridget mit den erdbeerblonden Haaren und dem Lachen eines Zickleins. Sie würde wütend sein, traurig. Immerhin, sie konnte ihren Freundinnen davon erzählen: ›Er hat nicht mal Lebewohl gesagt.‹ Ein Haufen alberner Mädchen würde winzige Schreie des Entsetzens ausstoßen und ›Was für ein Schuft!‹ rufen. ›Was für ein elender Schuft! Arme Bridget. Unfassbar. Unglaublich.‹ Wie ihre eigenen Mütter würden sie klingen. Aber auch ihre Mütter klangen meist nicht wie sie selbst.

Morgen würde der Schuft nach Okinawa, Japan fliegen. Dann Vietnam.

Auf dem Weg von Camp Pendleton nach Santa Ana war die Angst gekommen, vielleicht war sie schon früher da gewesen, nur hatte Bob sie nicht bemerkt. Sie war wie ein unscheinbares Mädchen. Nicht hässlich oder hübsch genug, als dass sie einem gleich auffallen würde. Eines Tages steht sie direkt vor einem und lächelt. Dann lässt man sie nicht mehr aus den Augen.

»Geh nicht, tauch unter«, sagte Collin. »Kanada. Da kann dich niemand finden.«

Bob schüttelte den Kopf. »Vietnam. Vietnam«, flüsterte er, einer todbringenden Zauberformel gleich.

»Ich kannte mal einen Japaner. Ich dachte, er wäre ein Chinese, und ich dachte, ich würde ihn eines Tages heiraten. Aber er war sehr alt und ich nur ein Kind. Er ist tot, schon lange«, sagte Charlotte.

»War das in Vietnam?«, fragte Collin.

»Nein. Warum?«

»Ich dachte nur, weil Bob«, er zeigte auf den Soldaten, »von Vietnam gesprochen hat.«

»Er hat auch etwas über Japan gesagt. Und außerdem ist das ja alles sehr gleich, nicht wahr?«, fragte sie an beide gewandt.

Während Collin nickte, ballte Bob die Hände zu Fäusten. »Ich darf keine Angst haben«, sagte er, »keine Angst.«

»Jeder hat Angst, zumindest ein bisschen, vor … vor bestimmten Dingen«, entgegnete Collin. »Ich … ich habe Angst vor verschlossenen Türen.« Verblüfft über sein eigenes Geständnis, zuckte er zusammen.

Offenbarung. Offenbarung. Doch es folgte kein Gewitter, keine Frage. Götter und Menschen reagierten mit Gleichgültigkeit. Bob hatte nicht zugehört, und Charlotte gähnte.

Dann stand sie auf. »Versprichst du mir, nicht mehr zu weinen?« Sanft berührte sie Bobs Arm. »Oder ein bisschen leiser, wenn es nicht anders geht?«

Bob und Collin blickten ihr nach, als sie aus dem Zimmer verschwand.

»Ich sollte auch gehen«, sagte Collin schließlich. »Gute Nacht.«

»Seid ihr ein Paar?«, fragte Bob.

»Wer?«

»Du und die Blonde.«

»Nein.«

In der Tür drehte Collin sich noch einmal um. »Pass auf dich auf«, sagte er. »Pass gut auf dich auf.«

Der Marine schaute ihn an. In diesem Moment sah Bob tatsächlich aus wie ein Krieger, der sein Gewehr und sein Leben meistern würde. Der schneller schießen würde als sein Feind. »Du bist auch bald dran.« Es klang wie eine Drohung.

Collin lächelte. »III A.«

»Was ist III A?«

»Meine Großmutter. Ich kümmere mich um meine Großmutter.«

»Das ist doch nur ’ne Ausrede. Ne beschissene Ausrede.«

»Irgendwie ja, aber …« Weiter kam Collin nicht.

»Hau ab!«, schrie Bob. »Raus, raus hier!«

Es dämmerte, als Collins Schicht im Hotel endete und er in den Station Wagon stieg.

Er ging nicht in die Garage, sondern in den Bungalow. Ozzy lag auf der Couch. Das Wohnzimmer roch nach Wein und altem Rauch.

»Ozzy? Ozzy. Ich bin’s. Wach auf, wach auf!«

Collin rüttelte an den Armen des Sofas, an Ozzys Armen, bis der seine Augen öffnete. Blutunterlaufen von zu viel Alkohol und zu wenig Schlaf.

»Ozzy, ich hab mich verliebt«, sagte Collin.

Langsam setzte Ozzy sich auf. »Und deshalb veranstaltest du hier so ein Buhei? So ein Scheiß. Ich verlieb mich jeden Tag. Manchmal drei Mal in einer Stunde. Soll ich dir jedes Mal eins auf die Fresse hauen, wenn es so weit ist? Verliebt. Ich bin auch verliebt, na und?«

»Nein, nicht so. So … na ja, richtig. Richtig verliebt.«

Und dann erzählte er von der blonden Frau in dem dunkelroten Negligé und von dem weinenden Soldaten.

Ozzy lachte. »Du bist hier und sie in einem Hotelbett. Das ist keine Liebesgeschichte, mein Freund.«

Die Liebesgeschichte begann am nächsten Abend. Sie hatte ihren Koffer gepackt. Ihr Rock war eng, die Bluse tief ausgeschnitten. Sie stand an der Rezeption, als Collin seinen Dienst antrat.

»Der Soldat ist fort, und ich möchte auch nicht hierbleiben. Ich mag dieses Hotel nicht. Wo wohnst du?«, fragte Charlotte.

»In Hollywood. In einer Garage«, antwortete Collin. Eigentlich hatte er später an ihre Zimmertür klopfen wollen, um zu fragen, ob er sie irgendwann ausführen dürfe. Vergessen waren die zurechtgelegten Sätze.

»Eine Garage? Das ist auch nicht sehr schön. Aber besser. Wusstest du, dass hier Leute ermordet wurden? Und dass zwei Frauen aus dem Fenster gesprungen sind?«

Collin nickte.

»Wie kann man nur aus dem Fenster springen?«

»Wie kann man nur?«, sagte er leise.

»Wann gehen wir?«

»Was?«

»Wann bist du fertig?«

»Ich? Um … um halb sechs.«

»Dann warte ich«, antwortete sie bestimmt.

»Auf mich?«

»Ja. Oder ist da kein Platz in deiner Garage?«

»Platz?«

»Ich meine, ich kann auch in ein anderes Hotel, aber …«

»Nein. Nein.« Jetzt erst verstand er. »Natürlich ist da Platz.«

Er hatte kräftige Arme, ein sanftes Gemüt und eine Garage. Diejenigen, die sich nur vom Schlag ihres Herzens leiten lassen, finden, was sie brauchen.

4 Schiffe

Wenn Collin abends ins Hotel fuhr, lud Ozzy Charlotte manchmal in den Bungalow ein. Seine Drinks waren stark, das Radio bis zum Anschlag aufgedreht. Viel hatten sich die beiden nicht zu sagen. Die Musik übertönte ihr Schweigen, und der Alkohol lockerte die Stimmung.

Warum Ozzy sie überhaupt einlud, blieb Charlotte bis zu jenem Abend ein Rätsel.

»Muss mal kurz raus«, sagte er, während Charlotte, vom Whiskey benommen, auf dem Sofa saß.

Jedes Mal verschwand er eine Weile, und jedes Mal wunderte sie sich. Doch die Verwunderung hielt nur einen Wimpernschlag lang. Ozzys Drinks machten sie gleichgültig und vergesslich.

»Bin gleich wieder da«, sagte er.

Charlotte nickte, die Augen halb geschlossen. Ihr Magen krampfte, die Knie zitterten. Jameson und frittierte Hühnerbeine stiegen in ihr hoch. Und Erinnerungen an ihr altes Leben in Deutschland. Sie würgte.

»Ozzy?« Aber Ozzy war schon aus der Tür und Petula Clarks Downtown zu laut, als dass er Charlotte noch hätte hören können. Dunkelbraun platschte es auf den hellbraunen Kachelboden.

»Ozzy?«, rief sie noch einmal.

Sie stand auf, stolperte zur Tür, öffnete sie. Kühle Nachtluft füllte ihre Lungen. Sie setze einen Fuß vor den anderen. Fünfzehn Schritte bis zur Garage. Auf halber Strecke blieb sie stehen. Ein Auto parkte vor dem geöffneten Tor. Den Wagen kannte sie nicht, auch nicht die zwei Männer, die mit Ozzy und einem Seesack aus der Garage kamen. Das schwere Gepäckstück – alle drei mussten anpacken – wurde im Kofferraum verstaut. Schulterklopfen, gedämpfte Stimmen. Einer der Männer gab Ozzy ein Papierbündel, das er in seine Hosentasche stopfte. Das hier war nicht für Charlottes Augen bestimmt.

Alle Benommenheit wich aus ihrem Körper. Sie lief zurück in den Bungalow und holte einen Lappen aus der Küche. Als Ozzy wiederauftauchte, wischte sie gerade den Boden.

»Was machst du da?«, fragte er und stellte das Radio ab.

»Ist einfach rausgekommen.«

Er kniete sich neben sie. »Setz dich aufs Sofa«, sagte er und nahm ihr den Lappen aus der Hand. »Ozzy macht das schon. Bin doch ’n netter Kerl.«

»Wo warst du?«, fragte sie.

»Wo ich war? Draußen.«

»Und was hast du draußen gemacht?«

Er schaute sie nicht an. »Kann nicht die ganze Zeit stillsitzen, weißt du? Ist so ’n Tick. Ozzys Beine müssen zappeln.« Er hielt den Lappen hoch. »Verträgst nicht viel, was?« Ein aufgesetztes Lachen.

Ruckartig erhob er sich und marschierte in die Küche, Charlotte folgte ihm. Er drehte den Wasserhahn auf, hielt den verdreckten Lappen unter den Strahl.

»Danke«, sagte Charlotte.

»Danke für was?«

»Danke, dass du das aufgewischt hast.«

»Kein Problem. Hab doch gesagt: Ozzy ist ’n netter Kerl.«

»Und danke, dass ich hier wohnen darf.«

Er sagte nichts. Charlotte zog ihn an sich. Ihre Hände fuhren über seinen Körper, ihre Lippen küssten seinen Hals.

Fast hätte er sich gehen lassen. Doch dann stieß er sie weg. »Hör mal«, sagte er in ungewohnt ernstem Ton, »ich hab schon mit Collin geredet. Du kannst hier nicht bleiben. Ich meine …«

Sie lächelte. »Stör ich dich?«

»Was«, er zuckte zusammen, »was redest du da? Was …«

»Na ja«, sagte sie.

»Und was soll das heißen: ›Na ja‹?«

»Na ja heißt na ja.«

Unsanft packte er sie an den Armen. »Wenn du es genau wissen willst. Ja, du störst. Du störst Ozzy gewaltig.«

Mit einer schnellen Bewegung befreite sich Charlotte aus seinem Griff. »Dann gute Nacht«, sagte sie. »Ich will nicht länger stören.«

Ihr Herz schlug schnell. So schnell. Sie lief in die Garage, nahm ihren kleinen Koffer. Viel Zeit würde ihr nicht bleiben. Bald würde Ozzy bemerken, was ihre streichelnden Hände getan hatten.

Sie rannte den Hollywood Boulevard ostwärts.

Straßen, fremd und vertraut. »Verweile nicht!«, rief der Asphalt. Hier darf man sich nicht ausruhen, sonst bleibt man für immer sitzen. Wie die alte Frau dort an der Ecke mit dem schmutzigen Gesicht und den zwei fadenscheinigen Decken. Niemand würde sie retten, und das bisschen Stoff würde sie nicht warmhalten.

Mir kann nichts passieren, dachte Charlotte, mir nicht.

Schneller bewegten sich ihre Beine, schneller schlug ihr Herz.

Als Charlotte die Lobby betrat, lief Collin ihr entgegen. Er sah blass aus. Nervös. »Was hast du getan? Was ist passiert?« Seine Hände wussten nicht wohin. Fuchtelten herum, streiften ihre Schultern, ihr Haar.

»Er war schon hier?«, fragte sie in ruhigem Ton und nahm Collins Hände, hielt sie fest.

»Er sagt, er wird dich umbringen. Er … er sucht nach dir. Was hast du getan?«

Sie lächelte. »Wir müssen los.«

»Ich kann nicht einfach weg.«

»Und ob du kannst.«

Als sie das Hotel verließen, blickte Collin sich noch einmal um. »Hoffentlich springt niemand aus dem Fenster«, sagte er.

Charlotte ließ seine Hand erst los, als sie vor dem Station Wagon standen.

»Wohin?«, fragte er.

»Fort«, sagte sie.

Überfordert von den Möglichkeiten, entschied er sich für Zurück. Süden. Long Beach.

Charlotte erzählte ihm, was geschehen war.

»Irgendwas hat Ozzy verkauft, irgendwas versteckt er in der Garage. Leichen vielleicht.«

»Das hätten wir doch bemerkt«, sagte Collin.

»Ach ja und wie?«

»Leichen stinken. Und wer bezahlt schon Geld dafür? Und …«

»Dann etwas anderes, etwas Verbotenes. Deshalb wollte er, dass ich verschwinde. Deshalb hat er dir den Job als Nachtportier besorgt. Damit du ihm nicht in die Quere kommst.«

»Warum hat er mich dann überhaupt in der Garage wohnen lassen?«

»Falls … falls er erwischt wird von der Polizei oder … Na ja, dann kann er sagen: Gehört mir nicht, muss Collin gehören. Der wohnt schließlich hier.«

»Aber was denn?«

»Was immer er verkauft hat.«

»Das klingt verrückt«, sagte Collin.

Seufzend warf Charlotte ein dickes Bündel Scheine in seinen Schoss.

»Wir können machen, was wir wollen«, sagte sie. »Niemand sollte in einem Hotel arbeiten, in dem Menschen aus dem Fester springen.«

Collin blickte kurz auf das Geldbündel. »Wie viel ist das?«

»Hab nicht gezählt, aber schau doch, wie dick es ist. Alles Hunderter.«

»Hunderter«, wiederholte er tonlos.

»Freust du dich nicht? Also ich freu mich.«

Es war nicht das Geld selbst. Als junge Frau brauchte Charlotte keine teuren Kleider, kein luxuriös eingerichtetes Haus. Es war die Art und Weise, wie sie das Geld beschafft hatte, die sie berauschte.

»Was ist, wenn Ozzy uns anzeigt?«, fragte Collin.

»Wird er nicht.«

»Warum?«

»Du kapierst es nicht. Was immer Ozzy da verkauft hat. Es ist etwas Verbotenes. Er ist kriminell. Vielleicht sogar ein Mörder.« Sie lachte. »Ich dachte, du würdest dich freuen. Und jetzt verdirbst du alles.« Sie legte ihre Hand auf sein Knie. Die Wärme tat ihm gut.

Er kannte Charlotte nun seit einigen Wochen, wusste, wie sich ihre Haut anfühlte, ihr nackter Körper, wenn er neben ihr lag. Manche Nachmittage hatten sie am Meer verbracht. Neun Mal hatten sie My Fair Lady im Kino gesehen. Charlotte hatte den Film ausgesucht.

An seinen freien Abenden waren sie durch die Bars und Clubs am Sunset Boulevard gezogen. Obwohl Charlotte sich auf der Tanzfläche im Rhythmus der anderen bewegte, ging sie nie in der Menge unter.

Charlotte ließ sich nicht fassen. Auch die Geschichten, die sie Collin über ihr altes Leben in der alten Welt erzählt hatte, machten sie nicht greifbarer. Eine Stadt namens Heidelberg, Helga, die Haushälterin, der amerikanische Offizier. Ein Japaner, der wunderschön Flöte spielen konnte. Sie war auf einem Schiff gekommen, und jetzt saß sie neben ihm. Die Furcht, sie könnte einfach verschwinden, verließ Collin nicht.

»Versuch doch wenigstens, dich ein bisschen zu freuen«, sagte sie. Ihre Hand ruhte noch immer auf seinem Knie.

Er nickte. »Ja, ich freue mich«, sagte er. Dann lauter und enthusiastischer: »Ich freue mich!«

Wenig später erreichten sie das Haus seiner Kindheit. Die Wohnung, in der sein Vater und die Großmutter lebten.

»Wo sind wir?«, fragte Charlotte, als Collin vor dem Gebäude parkte. Obwohl Long Beach weniger als eine Autostunde von Los Angeles entfernt lag, hatte Collin seinen Vater und die Großmutter nur selten besucht. Jahre waren vergangen. Das letzte Mal war das Haus noch weiß gewesen, jetzt war es hellblau.

Fast Mitternacht. Die Haustür stand offen. Dritte Etage. Collin hoffte, dass der Vater zu Hause sein würde, denn die verrückte Polin würde nicht – konnte nicht – öffnen.

»Wir bleiben eine Nacht. Morgen überlegen wir weiter«, sagte er zu Charlotte. »Hier kann uns keiner klauen.«

Er klopfte. Die Klingel hatte noch nie funktioniert.

»Wer da?«, rief Donald Miroslaw Goodwin durch die verschlossene Tür.

»Ich bin’s.«

Die Tür ging auf.

»Collin«, sagte Donald. »Du …? Und wer …?«

»Das ist Charlotte.«

Donald schüttelte ihr die Hand. »Charlotte. Sehr schön. Sehr schön«, sagte er und verbeugte sich, ohne ihre Hand loszulassen.

»Hallo«, sagte Charlotte und löste ihre Hand aus seinem Griff.

»Können wir heute Nacht hier schlafen?«, fragte Collin.

»Selbstverständlich. Kommt rein. Kommt rein.«

Die Wohnung roch nach Männerschweiß und Chili.

Agnieszka stand im Wohnzimmer. In ihrem bodenlangen Nachthemd und mit den weit aufgerissenen Augen sah sie aus wie die Insassin einer Irrenanstalt eines längst vergangenen Jahrhunderts.

»Geh ins Bett«, sagte Donald.

»Du Pole«, sagte sie und zeigte auf Charlotte. »Du Pole.«

»Ich?«, fragte Charlotte.

»Du Pole. Ich Pole.«

Charlotte lächelte. »Nein. Ich bin keine Polin.«

»Du Pole. Ich Pole«, wiederholte die Alte. »Du Pole. Ich Pole.«

»Das reicht«, sagte Donald schließlich. »Geh ins Bett. Sofort.«

Agnieszka schnaufte verächtlich und ging in ihr Zimmer.

»Sie ist halbverrückt«, sagte Donald an Charlotte gewandt. »Leider.«

Donald bot alles auf, was der bescheidene Haushalt hergab. Ein paar Flaschen Bier. Ein Glas Mezcal, den ein Kollege aus Mexiko mitgebracht hatte. Eine Schüssel Honey Comb mit Schokoladenmilch, aufgewärmtes Chili vom Vortag. Charlotte nahm alles, nur das Chili lehnte sie ab.

Während sie aßen und tranken, redete Donald ohne Unterlass. Er erzählte von Motoren und von einem anderen Kollegen, der seinen Bruder erschossen hatte. Er gab ein paar Witze zum Besten, über die er selbst am lautesten lachte. Berichtete, dass der Fernseher kaputt sei und dass er mit dem Rauchen aufgehört habe. Beinahe jedenfalls. Nur noch ein halbes Päckchen am Tag. Zwischendurch stellte er Fragen: Was Collins Job mache? Ob sie verlobt seien? Wie ihre Zukunftspläne aussähen? Sie hätten doch welche, oder? Die Antworten waren vage und knapp. Das schien ihn nicht zu stören. Er redete und fragte.

»Es tut mir leid. Ich bin schrecklich müde«, sagte Charlotte nach dem dritten Bier. Donald nahm es mit einem traurigen Nicken hin.

Collins Kinderzimmer war unverändert, aber nicht aus nostalgischen Gründen. Donald besaß nichts, was er dort hätte unterbringen wollen. Er brauchte kein Büro. Kein Gästezimmer. Er hatte keine Freunde oder Verwandten. Er hatte kein Hobby, das nach einem Werkraum verlangte.

Collin gab Charlotte ein Handtuch, zeigte ihr das Bad. Als sie zurückkam, in ihrem dunkelroten Negligé, saß er auf dem Fensterbrett. Ein Bein in der Freiheit.

»Es ist kalt«, sagte Charlotte.

»Alte Gewohnheit.« Er schloss das Fenster.

Eng aneinandergeschmiegt, lagen sie in dem schmalen Bett. Der Mezcal und die Aufregung der letzten Stunden versetzten Collin in einen tiefen Schlaf. Charlotte lag wach. Das Bier drückte ihr auf die Blase. Sie wartete, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Im Dunklen schlich sie ins Badezimmer. Knipste das Licht an. Sie pinkelte. Betätigte die Spülung. Charlotte betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Sie sah ihrer Mutter kein bisschen ähnlich. Und das ist gut so, dachte sie. Gerade als sie ihr Spiegelbild küssen wollte, öffnete sich die Tür. Agnieszka. »Schhh«, machte sie, legte ihre Finger auf den faltenumrahmten Mund. »Schhh!«

Charlotte nickte.

In der Hand hielt die Alte eine Fotografie.

»Ich Pole. Du Pole«, sagte sie leise und zeigte Charlotte das Bild. Schwarz-Weiß. Leicht verblasst. Eine junge Frau an Deck eines Schiffes. Lachend. Entschlossenheit in ihrem Blick.

»Ich«, sagte die Alte.

»Du?«, fragte Charlotte und betrachtete die Fotografie genauer. Sie konnte nicht glauben, wie hübsch diese runzelige Frau gewesen war.

»Ich«, bestätigte Agnieszka.

»Wir sind beide auf einem Schiff gekommen. Aber ich bin nicht aus Polen«, sagte Charlotte.

»Nein?«, fragte Agnieszka.

»Nein. Aber ich bin auf einem Schiff gekommen.« Charlotte betonte jedes Wort.

»Ja«, sagte die Alte. »Da!« Sie gab Charlotte das Bild.

Die beiden Frauen sahen sich an.

Einen Augenblick lang schien ein unsichtbarer Faden sie zu verbinden. Gesponnen aus den Träumen und Tränen, den Ängsten und Hoffnungen all ihrer Schwestern, die vor ihnen ein Schiff bestiegen hatten, die nach ihnen an Deck gehen würden.

5 Siebzehn Knochen

Collin kauerte auf einer eisernen Pritsche. Die Tür war geschlossen. Abgesperrt. Von außen.

Er dachte an Charlotte, die irgendwo da draußen versuchte, einen Anwalt aufzutreiben. Sie würde es schaffen. Bald würde er wieder frei sein. Das war nicht das Ende ihrer Reise.

Eine Reise? Das Leben? Es hatte am Morgen nach ihrer Flucht begonnen.

Donald war bereits in der Werkstatt, als Charlotte und Collin aufwachten. Die verrückte Polin schlief noch.

In der Spüle leere Bierflaschen und schmutziges Geschirr. In der Luft der Geruch von Chili. Sie tranken Kaffee. Lächelnd hielten sie sich an ihren Tassen fest, warteten darauf, dass der andere etwas sagte.

»Und jetzt?«, fragte Charlotte. Genau das hatte Collin auch fragen wollen. Nun musste er antworten, sonst würde es nicht weitergehen.

»Wir sollten los«, sagte er. ›Los‹ klang gut.

Der Vergnügungspark The Nu Pike lag nicht weit von dem hellblauen Haus entfernt. Ein Plan musste geboren werden. Ein Kind, gemacht aus gestohlenem Geld, einem taubengrauen Station Wagon und, ja, aus Liebe. Ein solches Wesen konnte nicht an einem Küchentisch zur Welt kommen. Der Vergnügungspark mit seinen Achterbahnen, Zerrspiegeln und Snow Cones schien Collin der einzig angemessene Ort.

Das Karussell drehte sich im Kreis.

»Wir fahren einfach. Es wird sich schon alles finden«, rief Charlotte lachend. Auch Collin lachte und gab dem hölzernen Pferd die Sporen.

Sie fuhren die Küste entlang, von Süden nach Norden ins Landesinnere und dann von Norden nach Süden. Zurück zur Küste. Im Kreis. Die Grenzen Kaliforniens überquerten sie nicht. Collin war noch nie woanders gewesen. In Kalifornien fühlte er sich sicher.

Sie hatten Mammutbäume berührt und sich im Tal des Todes geliebt. Sie hatten Austern in San Francisco gegessen und Muscheln in San Diego gesammelt. Sie hatten den Big Bear Lake durchschwommen und die White Mountains gesehen. Bald würden in Stanislaus County die Mandelbäume blühen.

Es war Freitag, der 11. Februar 1966. Das Cover des Life Magazine zeigte zwei verwundete Soldaten. Der Kopf des einen bandagiert. Aufrecht sitzt er da. Das rechte Auge zum Himmel gerichtet. In seinem Schoß der bandagierte Kopf des anderen, der einen Becher oder eine Büchse in der Hand hält. Etwas Metallenes, etwas Blechernes.

Collin legte die Zeitschrift zu den zwei Colaflaschen und der Keksschachtel auf den Tresen, bezahlte und ging zum Auto.

»Schau mal«, sagte er, als er auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte. »Sieht der nicht aus wie Bob?«

»Wer ist Bob?«, fragte Charlotte und warf einen flüchtigen Blick auf das Cover.

»Bob, der Marine. Die Nacht, in der wir uns kennengelernt haben.«

Charlotte öffnete die Kekse. »Ach, der«, sagte sie und schob sich einen Schokoladencookie in den Mund. »Weiß nicht. Kann sein, kann aber auch nicht sein.«

»Er sieht genauso aus«, sagte Collin bestimmt, dann stutzte er. »Aber das sind keine Marines. Er war doch ein Marine?«

»Was?«, fragte Charlotte.

»Bob war ein Marine, das hier sind Army-Soldaten. Die Uniform«, erklärte Collin.

»Dann ist er es eben nicht.«

»Aber die Ähnlichkeit ist so …«

»Es gibt Millionen Bobs. Können wir jetzt los?«

Normalerweise hätte Collin sofort den Wagen gestartet. Er fürchtete Charlottes Ungeduld. Nie zu lange bleiben, nicht zu viele Fragen stellen. Doch das Bild ließ ihn nicht los.

»Ist das ein Becher?«, fragte er und strich mit den Fingern über das Papier. Charlotte riss ihm die Zeitschrift aus den Händen, betrachtete die Abbildung genauer.

»Was der eine da in der Hand hält … Ist das ein Becher?«, wiederholte Collin seine Frage.

»Sieht aus wie ein Becher«, sagte sie und warf das Heft auf den Rücksitz. »Können wir jetzt?«

Collin startete den Wagen.

In Ceres, benannt nach der römischen Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit und der Ehe, nahmen sie ein Zimmer in einem Motel. Einstöckig, beige gestrichen, ein leerer Pool.

Collin trug das Gepäck – Charlottes kleinen Koffer und seine schwarze Plastiktasche, die sie samt Inhalt noch in Long Beach gekauft hatten – ins Zimmer Nummer 19. Es roch nach Mottenkugeln.

Die Stadt gab nicht viel her. Sie aßen Burger in einem schmuddeligen Restaurant und fuhren mit brennenden Mägen zurück zum Motel.

Eine Laterne und die Neonreklame vor dem Gebäude tauchten alles in ein grellgelbes Licht. Sie saßen am Rand des Pools, ihre Beine baumelten in der Luft. Auf dem Grund des Beckens lag ein totes Eichhörnchen. Zertrümmert der kleine Schädel. Blutverkrustet das Bäuchlein.

»Ob es reingefallen ist?«, fragte Charlotte.

»Vielleicht«, sagte Collin.

»Wie lange es wohl schon dort liegt?«

Collin spürte, wie es ihm die Kehle zuschnürte, und zuckte bloß mit den Schultern. Bemüht, die feuchten Augen vor Charlotte zu verbergen, senkte er seinen Kopf.

»Ich finde, die Leute sollten es da rausholen. Macht hier denn keiner sauber?«

Als Collin nicht antwortete, sah sie ihn an, sah, dass er weinte.

»Was hast du denn?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht«, sagte er und wusste es wirklich nicht.

»Ist doch nur ein Eichhörnchen«, sagte Charlotte leise. Dann stand sie auf, um Zigaretten aus dem Zimmer zu holen.

Sie hatte erst vor kurzem angefangen zu rauchen. Eine Zigarette, fand sie, war ein hübsches Accessoire. Als junge Frau brauchte Charlotte keine Diamantringe, eine Lucky Strike Filter genügte völlig.

Sie kam zurück, zündete zwei Zigaretten an. Eine für Collin, eine für sich.

»Weinst du noch immer?«, fragte sie sanft und reichte ihm eine.

Collin schüttelte den Kopf. »Ist schon wieder gut.« Er dachte an den falschen Bob und seinen Kameraden auf dem Life Magazine. Ein verwundeter Soldat mit einem Becher in der Hand. Vielleicht hatte er, gleich nachdem das Bild entstanden war, einen Schluck getrunken, aber es sah aus, als ob er für immer durstig bleiben würde. Und dieses Gefühl der Endgültigkeit machte Collin traurig.

Charlotte schnippte ihren Zigarettenstummel in den Pool, vorbei am toten Tierchen.

»Was machen wir hier eigentlich?«, fragte sie und seufzte.

»Die Mandelbäume. Du wolltest die Mandelblüte sehen«, sagte Collin.

»Wollte ich das? Wann blühen sie denn?«

»Bald«, antwortete er.

»Eigentlich interessieren mich Mandelbäume nicht besonders. Ich meine, ich mag Bäume. Jeder mag Bäume …« Charlotte lehnte sich an ihn. »Lass uns verschwinden. Gleich morgen früh. Oder willst du warten, bis die Bäume blühen?«

»Nein«, sagte er und lächelte. Lächelte, weil er diese unfassbare Frau so sehr liebte.

Über fünfhundert Kilometer hatten sie an diesem Tag zurückgelegt. Charlotte hatte unbedingt und sofort zu den Mandelbäumen gewollt. Collin hatte ihr gesagt, dass sie noch nicht blühen würden. Sie wollte trotzdem – unbedingt und sofort.

Ihre Unbeständigkeit störte ihn nicht. Es war dieses Sehnen, das sie im Kreis fahren ließ. Und solange sie weiterfuhren, durfte Collin Nacht für Nacht neben Charlotte schlafen.

Die Sonne verschwand immer wieder hinter Schleierwolken. Vor ein paar Monaten waren sie schon einmal hier gewesen und hatten die einsame Bucht in der Nähe von Santa Barbara entdeckt. So musste sich Vasco Núñez de Balboa gefühlt haben, der erste Europäer, der den Pazifik sah.

Nackt waren Charlotte und Collin ins Wasser gesprungen, kreischend vor Glückseligkeit.

Jetzt waren sie zurückgekehrt, hatten ihren Felsen wiedergefunden. Eingewickelt in Decken, hockten sie auf dem Vorsprung.

»Es ist anders«, sagte Charlotte enttäuscht.

»Es ist nur kälter«, antwortete Collin.

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht.«

Den Vorschlag, am Strand spazieren zu gehen, wies sie ebenso zurück wie seine Zärtlichkeiten. Und auch die Delfine, die nur wenige Meter von der Bucht entfernt im Wasser tanzten, heiterten sie nicht auf.

Charlottes Unzufriedenheit begleitete die beiden in ihr Motelzimmer.

»Mir ist eiskalt. Ich brauche ein Bad.« Türenknallend verschwand sie, türenknallend tauchte sie wieder auf. Und Collin fühlte sich schuldig. Schuldig, dass der Felsen seinen Zauber für Charlotte verloren hatte. Schuldig, dass sie fror. Schuldig, dass es nur eine Dusche und keine Badewanne gab.

Erst am Abend, als sie in einem überfüllten mexikanischen Restaurant Enchiladas aßen, hellte sich Charlottes Stimmung auf.

Die Rechnung lag auf dem Tisch. Collin zog das Portemonnaie aus der Hosentasche, doch Charlotte riss es ihm aus der Hand.

»Lass uns einfach gehen.«

»Was?«

»Ich zähle bis fünf, und dann gehen wir.« Ihre Augen leuchteten. »Ohne zu bezahlen«, fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

»Warum?«

Das Essen war billig, und sie hatten Geld.

»Eins. Zwei …«

»Charlotte, aber …«

»Drei …«

»Was ist, wenn …«

»Vier …«

Die leuchtenden Augen funkelten bedrohlich. »Fünf.«

Charlotte stand auf, er folgte ihr.

Draußen nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich, kreischend vor Freude.

Drei Tage später zwang sie Collin, in einem 24-Stunden-Diner aus dem Toilettenfenster zu klettern. Er gab nach, weil es sie glücklich machte. Ein Glück, das er nicht verstand. In Restaurants nicht zu zahlen, wurde Alltag. Und das galt auch für Tankstellen. Charlotte steckte ein, was sie in die Finger bekam. Schokoladenriegel, Bonbons, eine Sonnenbrille, eine Mütze, Kaugummis, Zeitschriften.

»Und?«, fragte sie.

»Ein bisschen zu groß«, sagte Collin.

Sie klappte die Sonnenblende runter und betrachtete ihr Spiegelbild. »Stimmt, zu groß.«

Der Strohhut flog auf die Rückbank. Dort würde er liegen bleiben, zwischen all seinen unbezahlten Brüdern und Schwestern, um später, wenn es zu viele geworden waren, in einer Mülltonne zu landen.

In Willits, Mendocino, entführte Charlotte einen schwarzen Mischlingshund. Sie stahl den Welpen aus einem geparkten Auto und erstickte Collins Protest mit einem einzigen Blick.

Der Hund winselte traurig in Charlottes Armen, als sie, nun zu dritt, Zimmer Nummer 27 betraten.

»Ich nenne dich Bibo«, sagte sie zu dem Hündchen. »Ich wollte schon immer einen Hund haben«, sagte sie zu Collin.

»Ich hätte dir einen gekauft. Aber der hier gehört doch jemandem. Der Hund will nach Hause.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Bibo muss sich nur an mich gewöhnen. Nicht wahr, mein Kleiner?« Charlotte liebkoste das Tier. Und während sie es mit Hot Dogs fütterte, sagte sie immer wieder: »Collin, ich liebe diesen Hund. Ich bin so glücklich.«

Noch ein Glück, das er nicht verstand, aber sehen konnte. Auf ihren Lippen, in ihren Augen. Ihr Glück machte ihn glücklich. Und da saßen sie, zwei glückliche Menschen und ein unglücklicher Hund.

Bibo lag am Fußende des Bettes und wimmerte die ganze Nacht. Als er sich im Morgengrauen auf der dunkelgrünen Decke erbrach, schnappte Charlotte sich das Tier. Barfuß, den Hund im Arm verließ sie das Zimmer. Wenig später kam sie zurück. Alleine.

»Wo ist er?«, fragte Collin.

»Wer?« Sie klang überrascht.

»Bibo.«

»Ach, Bibo«, sagte sie, »Ich habe ihn an der Rezeption abgegeben. Weißt du, eigentlich wollte ich immer einen Löwen haben.«

Und da begriff Collin, dass ein kleiner Hund Charlotte ebenso viel bedeutete wie eine mit Rentieren bestickte Wollmütze oder eine Tüte Karamellbonbons.

»Tu das nie wieder«, sagte er.

»Was soll ich nie wieder tun?«

»Der Hund …«, begann er.

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Es war aufregend. Für ihn auch.«

»Nein, verdammt noch mal. Nein. Nein. Nein.« Noch nie hatte er Charlotte widersprochen.

Das Lachen verschwand aus ihrem Gesicht, doch schnell kehrte es zurück. »Ach, armer Collin, warum hast du nicht gleich gesagt, dass du Hunde nicht magst.«

Er gab auf, sie konnte oder wollte nicht begreifen.

Doch sein Nein zeigte Wirkung. In den folgenden Monaten stahl Charlotte nicht mal ein Päckchen Kaugummi. Sie mussten nicht mehr davonrennen oder aus Toilettenfenstern klettern. Etwas in ihr schien zur Ruhe gekommen zu sein.

In einem Lokal in Reedley endete die friedliche Zeit.

Sie saßen am Tresen der fast leeren Bar und tranken helles Bier. Charlotte erzählte Indianergeschichten, die sie als Kind gehört hatte.

»Hier gibt es doch irgendwo Indianer. Wir müssen unbedingt welche finden. Ich will sie tanzen sehen. Einen Sonnentanz. Weißt du, was das ist?«

Collin schüttelte den Kopf.

»Es ist grausam«, sagte sie. »Die Männer stoßen sich Holzpflöcke in die Brust. An den Pflöcken sind Seile befestigt. Die Seile werden an den Sonnenpfahl gebunden, und dann tanzen die Indianer im Kreis, immer im Kreis, um den Sonnenpfahl herum. Vier Tage und vier Nächte lang. Ohne zu essen oder zu trinken. Am Ende hängen sie sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Seile, bis die Pflöcke aus der Haut reißen. Es ist grausam.«

»Und das sind deutsche Kindergeschichten?«, fragte Collin ungläubig.

»Nein. In denen geht es um einen Cowboy und einen Indianer, die Freunde werden. Vom Sonnentanz hat mir Joseph erzählt. Joseph wusste über so viele Dinge Bescheid. Er war wahnsinnig klug.«

Joseph tauchte regelmäßig in Charlottes Erinnerungen auf. Manchmal verspürte Collin Eifersucht auf den toten Japaner. Hätte Charlotte nur ein einziges Mal Collins Namen mit so viel Bewunderung ausgesprochen.

»Möchtest du noch ein Bier?«, fragte Collin, um von dem Helden ihrer Kindheit abzulenken.

»Ja. Und Zigaretten.« Sie blickte auf ihre leere Schachtel. »Kannst du mir welche besorgen?«

»Brauchst du sonst noch was?«, fragte er.

»Nur Zigaretten.«

Zwanzig Minuten später kam Collin mit einer Packung Lucky Strike zurück. Charlotte saß nicht mehr am Tresen.

Mitten im Raum wiegte sie ihren Körper in den Armen eines Mannes. Die Augen geöffnet, küsste Charlotte die Lippen des Mannes. Lange. Zu lange.

»Es ist ihre Schuld«, sagte der Kerl immer wieder und zeigte dabei auf Charlotte. Bis er nichts mehr sagen und auf niemanden mehr zeigen konnte. Es brauchte drei Polizisten und ein Paar Handschellen, um Collin zu bezwingen. Als er auf dem Boden kniete, sah er Charlotte an. Sie lächelte. Nicht verlegen oder zaghaft.

Der blutende, bewusstlose Mann wurde in einem Krankenwagen abtransportiert.

Später sollte Collin erfahren, dass er Ian hieß und 39 Jahre alt war.

Später sollte Collin erfahren, dass er siebzehn Knochen in Ians Körper gebrochen hatte.

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18+
Release date on Litres:
17 February 2025
Volume:
190 p. 1 illustration
ISBN:
9783311700012
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