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Astrid Keim

Ewige Stille

Ein Frankfurt-Krimi


Keim, Astrid: Ewige Stille. Frankfurt-Krimi. Hamburg, edition krimi 2020

1. Auflage 2020

Das Original ist 2019 im Größenwahn Verlag erschienen.

ePub-eBook: ISBN 978-3-948972-01-1

Print: ISBN: 978-3-948972-00-4

Lektorat: Nina Ziegler

Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, Hamburg

Umschlagmotiv: © Martin O’Sigma

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

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© edition krimi, Hamburg 2020

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.edition-krimi.de

Contents

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3  3

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20  20

21  Die Autorin

Landmarks

1  Cover

In aeternum amen

1

Komisches Wetter, denkt Thomas Aumann, als er aus seinem Bürofenster im Polizeipräsidium auf die Bäume mit einem Hauch von Grün schaut. Regen, sogar Gewitter mit Sturmböen, dazwischen immer wieder Aufheiterungen mit blauem Himmel, so geht es schon den ganzen Tag. Auch jetzt lässt sich wieder die Sonne blicken, es weht ein laues Lüftchen. Bis vor einigen Tagen gab es im Umland noch Nachtfröste und die Bauern fürchteten um ihre Obsternte. Einem ­milden Winter folgten kühle Monate ohne nennenswerte Nieder­schläge und einige Bäume stellten ihren zaghaften Austrieb ein. Erst vor wenigen Tagen kam Regen mit etwas höheren Temperaturen, hoffentlich nicht zu spät für einen zweiten Versuch.

»Alles durcheinander«, hatte seine Lebensgefährtin gesagt, als sie gestern nach dem Abendessen auf ihrem Balkon eine Zigarette rauchte, und auf die leeren Terrakotta­töpfe gedeutet. »Um diese Jahreszeit waren sie immer schon bepflanzt. Gott sei Dank steht laut Wetterbericht kein weiterer Kälteeinbruch bevor. Mal sehen, ob ich morgen zu Hornbach fahre und mich nach Blumen umsehe. Hörst du?« Sie hatte innegehalten, um zu lauschen. »Auch die Amseln haben angefangen richtig zu zwitschern, selbst zu dieser Uhrzeit hört man sie noch. Das ist ein gutes Zeichen, jetzt fängt der Frühling an.«

Den Einwand, dass sie sich vielleicht nur unterhielten, ließ sie nicht gelten. »Das klingt ganz anders. Das klingt viel verhaltener. Außer, wenn sie sich streiten. Dann geht die Post ab, ein regelrechtes Gekeife in den höchsten Tönen.«

Thomas muss in der Erinnerung an das Gespräch lächeln. Was diese Dinge betrifft, so ist ihm Laura in ihrer Wahrnehmung weit voraus. Sie registriert genau, wie Tiere sich verständigen, beson-ders Vögel, und kann ihre Laute gut imitieren. Schon mehrmals hatte er erlebt, dass eine Kommunikation zustande kam, dass sie Antwort auf ihre Rufe erhielt. Heilige Franziska hatte er sie einmal scherzhaft genannt, worauf sie bekannte, dass der Heilige Franziskus tatsächlich ihr Lieblingsheiliger sei, Vita und Spiritualität seien beeindruckend. Und natürlich, dass er die Sprache der Tiere beherrschte. Das würde sie auch gerne, da könne man mit Sicher­heit eine Menge lernen, viele Dinge ganz anders beurteilen.

Thomas schaut zur Uhr. Kurz vor vier. Nicht mehr allzu lang bis Feierabend. Heute wird er pünktlich Schluss machen können. Der Tag verlief ausgesprochen ruhig. Eine Schlägerei ausgerechnet im noblen Westend, ein paar Meldungen von Taschendiebstählen und Wohnungseinbrüchen. Nichts Aufregendes, und schon gar nichts, was sein Ressort betraf. Zeit genug also, den ganzen ungeliebten Schreibkram zu erledigen.

Er nimmt einen Apfel aus der Schublade seines Schreibtisches und beginnt ihn zu schälen. Auch wenn das Beste in der Schale sitzen soll, hat er damit keinen Vertrag. Die Fitzelchen bleiben immer in den Zähnen hängen. Auf die Kantine, deren Auswahl ihm ohnehin nicht so richtig zusagt, hat er heute im Hinblick auf das Abendessen verzichtet. Auch wenn sich die Küche um Abwechslung bemüht, so sind doch durch das beschränkte Budget enge Grenzen gesetzt. Lieber mittags lediglich ein belegtes Brot und etwas Obst am ­Nachmittag, um dann abends mit Laura etwas zu kochen oder essen zu gehen. Auch heute ist ein Restaurant­besuch geplant.

Diese Nähe erscheint ihm immer noch wie ein Wunder, auf das er nicht mehr zu hoffen wagte. Über zwanzig Jahre sind vergangen, seit sie sich bei der Arbeit kennen­gelernt haben, er als junger ­Kriminalkommissar, sie als mitten im Leben stehende, verheiratete Rechtsanwältin. Über gelegentliche Zusammenarbeit war eine Freundschaft entstanden, die schließlich auch ihren Mann miteinbezog. Leider nur Freundschaft, damit musste er sich abfinden, denn von seiner Seite aus war es Liebe auf den ersten Blick. Erst mit Christophs plötzlichem Tod bot sich ihm die Chance, mit der er nicht mehr gerechnet hatte.

Es war kein einfaches Unterfangen gewesen, Laura zu gewinnen. Für sie stellte der Altersunterschied von zehn Jahren zunächst ein unüberwindliches Hindernis dar. Es erforderte eine Menge Zeit und Überzeugungskraft, ihre Bedenken zu zerstreuen und den Versuch einer Beziehung zu wagen. Jetzt sind sie schon über ein Jahr zusammen, haben Gemeinsamkeiten und Differenzen entdeckt, sich gestritten und versöhnt, eine Basis des Zusammenseins gefunden. Nicht des Zusammen­lebens, denn Laura besteht darauf, in ihrer Wohnung zu bleiben, obwohl Thomas’ Haus in Eschersheim reichlich Platz böte, kaufte er es doch einst in Erwartung einer Familie. Bald schon hatte er den Vorschlag eines Umzugs gemacht und die Ablehnung zunächst als Ablehnung von Intimität und Miteinander verstanden. Es dauerte eine Weile, bis er Lauras Argumenten folgen konnte, dass beides nicht von einem Ort ­abhängig sei, sondern im Vertrauen gründet, das man sich entgegenbringt. Jetzt ist er mit diesem Arrangement durchaus einverstanden.

Das Läuten des Telefons reißt ihn aus seinen Gedanken. Schon beim ersten Ton aus dem Mund von Iris, seit zwei Jahren seine engste Mitarbeiterin, weiß er, dass die Hoffnung auf einen baldigen Feierabend beendet ist. Der Klang ihrer Stimme ist genauso alarmierend wie ihre Worte.

»Männliche Leiche in einem Altpapiercontainer im Bahnhofsviertel. Vermutlich Mord, schwere Kopfverletzung. Keine Papiere, kein Handy, nordeuropäischer Typus. Ich bin schon dort, war in der Gegend wegen der anderen Sache, als der Funkspruch kam, einem Anruf nachzugehen. Du wirst es kaum glauben, es ist die gleiche Straße, nur zwei Häuser weiter.«

»Die gleiche Straße?« Er ist sofort im Bild. Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen. Vor drei Wochen hat man dort schon einmal eine Leiche gefunden und noch immer gibt es keine heiße Spur. Weder Name noch Nationalität des getöteten Mannes sind bekannt, obwohl ein Foto veröffentlicht wurde. Möglicherweise Osteuropäer. Möglicherweise. Das ist als Anhaltspunkt zu wenig. Als wäre er vom Himmel direkt in den Keller gefallen, wo man ihn mit eingeschlagenem Schädel gefunden hatte. Der Gerichtsmediziner gab ihm auf Grund seines Aussehens und körperlichen Zustandes den Namen ›der Asket‹ und unter diesem wurde auch die Akte angelegt. Die Untersuchung läuft noch immer auf Hochtouren, vor allem Iris hat sich in diesen Fall verbissen. Und jetzt so etwas. Das kann doch eigentlich kein Zufall sein. Vielleicht gibt es eine Verbindung. Thomas lässt sich die genaue Adresse durchgeben und hastet mit dem Mantel über dem Arm zum Aufzug.

Das war’s wohl mit dem gemeinsamen Essen, stellt er mit Bedauern fest, es wäre ein Wunder, wenn ich rechtzeitig fertig würde. Er zieht das Handy aus der Jackentasche und wählt Lauras Nummer. Da sie nicht abnimmt, bittet er dringend um Rückruf.

Als er ankommt, ist die relativ enge Einfahrt zum Hinterhof schon abgesperrt, sodass keine weiteren Zuschauer mehr nachdrängeln können. Die Ansammlung ist ohnehin schon groß genug. Vor wenigen Minuten traf die Spurensicherung ein, nun packt sie ihre Utensilien aus. Widerwillig lassen die Schaulustigen ihn passieren, als er seinen Ausweis zückt. Hälse werden gereckt, um nichts zu verpassen und Handys in der Hoffnung auf einen sensationellen Schnappschuss gezückt, obwohl im Moment überhaupt nichts zu sehen ist. Aber Ausharren wird sich lohnen, man weiß nämlich Bescheid. Eine stark übergewichtige Dame im besten Alter mit ebenholzschwarzer Haut und einer Unmenge eng geflochtener, goldfarbener Zöpfe hat geplaudert. Grade wendet sie sich mit kokettem Lächeln einem Riesen mit Bulldoggengesicht und Presseanhänger zu, dem es trotz heftiger Proteste mühelos gelungen ist, sich mit seiner Kamera durch die Menge zu quetschen. »Fotografiern se misch ruhisch, isch habben gefunne«, informiert sie ihn in bestem Frankfurterisch. »Un Sie, junger Mann mache e bissje Platz, dass des Bild aach was werd.«

Thomas, der mit erhobener Marke hinzugetreten ist, hält verblüfft inne und dreht sich um. »Ja Sie, isch mein Sie«, wird er barsch zurechtgewiesen. »Aus Glas sin auch die B … isch mein die Boliziste net.«

Thomas fehlen für einen Moment die Worte, als ihm bewusst wird, dass es um ihn geht und seine Dienstmarke nicht den geringsten Eindruck macht. Er fängt einen amüsierten Blick von Iris auf, die mit Mühe ein Grinsen unterdrückt. Jetzt heißt es Gesicht wahren, Autorität fordern, beweisen, dass man sich nicht abkanzeln lässt und zwar subito.

Er fixiert den Reporter mit gerunzelter Stirn und nimmt dann die Frau ins Visier. Eine scharfe Antwort liegt ihm auf der Zunge, aber im letzten Moment überlegt er es sich anders: »Kein Problem, es wäre doch schade, die Öffentlichkeit um den Genuss Ihres reizenden Lächelns zu bringen. Ich würde mich jedoch glücklich schätzen, wenn Sie mir danach ein paar Minuten Ihrer kostbaren Zeit für eine Aussage opfern könnten.«

Die Lacher sind auf seiner Seite. Ihr Gesicht verrät eine kleine Verunsicherung, aber als Thomas aufmunternd nickt, nimmt sie eine neue Pose ein, wirft die Haarmähne zurück und lässt sie durch die Finger gleiten. Der Pressemann allerdings hat verstanden. Er wird den Teufel tun, sich mit der Polizei anzulegen und erklärt die Fotosession für beendet.

Mit offensichtlichem Bedauern folgt die Zeugin Thomas zu einem Einsatzwagen. Ihr Name sei Rabea Müller-Schmitt. Geborene Müller.

Thomas hebt die Augenbrauen.

»Gell, des hädde se net gedacht«, kontert sie schnippisch, »aber isch komm ganz nach meine Mudder.« Der Ausweis sei aber zu Hause, wer hätte denn schließlich mit so was rechnen können?

Ist das ernst gemeint? Thomas ist im Zweifel, wird aber eines Besseren belehrt, als er die Daten im Computer überprüft. Die Angaben stimmen. 52 Jahre, Witwe, keine Kinder. Wohnhaft in der Weserstraße, gleich um die Ecke ihres Arbeitsplatzes, eines Bordells der gehobenen Kategorie. »Isch kümmer misch um die ­Mädscher, bin dene ihrn Kummerkaste, mach Besorgunge, butz die Zimmer, kehr de Hof. Guck aach immer, des genuch Gummis und Kleenex da sin. Seid üwer zehn Jahrn«, fügt sie hinzu, »seid mein Werner geschtorbe is. Wa noch ka fuffzisch, Hetzinfakt. Wa Klempner un Inschtalladör. Hat aach da, wo isch jetz bin, Aufträsch gehabt. Heizung, Wasser, Scheiße«, sie lacht. »Hat gud verdient, abber hat sich ze frieh fotgemacht. War schad, aach wesche der Rent, abber ich will net glaache, hab mei Auskomme, un isch mach die Abeit gern.«

Das war knapp, klar und präzise. Thomas ist über die Lebensumstände im Bilde und auch darüber, dass Frau Müller-Schmitt den ersten Vermutungen zum Trotz über ein intaktes Realitätsbewusstsein verfügt und mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht.

Der Container sei bis obenhin voll gewesen, erfährt er. Jedes Mal dasselbe. Ganze Kartons würden unzerkleinert hineingeworfen und dann wäre im Nu alles dicht. Deshalb sei dort eine alte Weinkiste deponiert, auf die sie steigen könne, um Platz zu schaffen. »Un dann«, sie wirft mit dramatischem Gesichtsausdruck die Hände in die Höhe, »hab isch ihn gesehe. Will maane, erst ma nur sei Hand. Aber isch hab gleisch gewusst: des isn Dote.«

»Wieso?«, unterbricht Thomas, »es hätte doch auch jemand sein können, der seinen Rausch dort ausschläft.«

»Des maane Se doch net im Enst!« Ein verächtlicher Blick streift ihren Gegenüber. »Lescht sich hie, deckt sisch mit Kattons zu und zieht sisch de Deckel iwern Kopp. Außerdem warn die Fingernäschel ganz blau.«

Sie habe dann nichts mehr angerührt und die Polizei gerufen. Man wisse ja schließlich aus dem Fernsehen, was so eine Situation erfordere. Nein, der Mann sei ihr völlig unbekannt, sie habe ein gutes Personengedächtnis und komme mit vielen Leuten zusammen, aber der sei ihr noch nicht über den Weg gelaufen. Ganz sicher. Ob sie jetzt endlich gehen könne, das Abendgeschäft finge nämlich bald an und da seien ihre Dienste gefragt.

Thomas lässt sie ziehen und gesellt sich zu den Kollegen, die mittlerweile zum Missvergnügen der Zuschauer einen Sichtschutz aufgebaut haben. An mehreren Stellen im Bereich des Containers sind kleine rote Pyramiden aufgestellt, um verdächtige Gegenstände zu markieren, die bereits fotografiert sind und gerade eingetütet werden. Er tritt vorsichtig näher. Laub, Zeitungs­papier, ein paar Zigarettenkippen, eine Bananen­schale, mehrere Kaugummis, darunter ein frischer, ein zerbrochenes Jägermeisterfläschchen, ein zerknülltes Papiertaschentuch. Nicht gerade viel. Frau Müller-Schmitt scheint ihre Aufgabe ernst zu nehmen. Und vielversprechend sehen die Fundstücke nicht aus, aber man weiß ja nie. Besser zu viel einsammeln, als etwas zu übersehen.

Wie vermutet ist der Fundort nicht identisch mit dem Tatort, es fehlt jede Blutspur. Von einer Leiter aus hat der Fotograf die Lage der Leiche dokumentiert, sodass sie jetzt aus dem Container gehoben werden kann. Da die Gliedmaßen beweglich sind, hat die Leichenstarre entweder noch nicht eingesetzt oder sich bereits wieder gelöst. Thomas streift sich Handschuhe über und berührt das Gesicht des Toten. Eiskalt. Er muss also schon länger hier liegen. Nein, korrigiert er sich sofort, er muss schon länger tot sein. Wie lange er hier liegt, ist ungewiss. Obwohl es mehr als unwahrscheinlich ist, dass jemand eine Leiche am helllichten Tag hier ablegt. Der Hinterhof ist zwar nicht sehr groß, aber es befinden sich dort noch andere Müllbehälter und auch eine Menge Fenster bieten Einblick. Die Gefahr, beobachtet zu werden ist also nicht unerheblich. Unter Berücksichtigung dieser Umstände wurde der Körper wohl nachts hierher gebracht, wahrscheinlich weit nach Mitternacht.

Iris kommt auf ihn zu, als sein Handy klingelt. »Mein Akku war leer«, entschuldigt sich Laura, »gibt es etwas Wichtiges?«

»Leider, ein Leichenfund im Bahnhofsviertel. Ich bin schon vor Ort und fürchte, dass es noch eine Weile dauert.«

»Dann wirst du wahrscheinlich heute Abend keine Zeit haben?«

»Bestimmt nicht so früh, dass ich an der Weinprobe teilnehmen kann. Die Spurensicherung ist zwar abgeschlossen, aber wir müssen im Präsidium die weitere Vorgehensweise absprechen. Vielleicht schaffe ich es noch zum Essen, aber mit dem Umziehen wird es ganz sicher nichts mehr.«

Laura lacht. »Das sollte deine geringste Sorge sein. Erstens reichen Jeans und Jackett, so genau nimmt man es längst nicht mehr mit dem Dresscode, zweitens wird jeder Verständnis dafür haben, dass ein Polizeikommissar auf Verbrecherjagd sich nicht auch noch um sein Outfit kümmern kann. Sag kurz Bescheid, wenn du absehen kannst, ob du dabei sein kannst oder nicht.«

Iris hat das Gespräch mitbekommen. »Du kannst ruhig zusagen, wir müssen ohnehin erst mal die Obduktion abwarten und die Identität klären. Es genügt, wenn du die Einteilung der Kollegen für die Befragung der Nachbarschaft übernimmst.«

Sie deutet auf die rückwärtigen Fenster des vierstöckigen Mietshauses. »Vielleicht hat ja jemand etwas bemerkt. Um alles, was sonst noch anfällt, kann ich mich kümmern.«

»Das würdest du tun?« Die Erleichterung ist Thomas anzusehen. Nur sehr ungern hätte er auf den Abend verzichtet, denn er bedeutet ihm viel. Obwohl Laura nicht mit ihm darüber gesprochen hat, weiß er doch um den Stellenwert der Weinprobe. Sie und ihr verstorbener Mann Christoph hatten regelmäßig daran teilgenommen. Dass er nun an dessen Stelle tritt, ist ein großer Beweis des Vertrauens und der Zuneigung.

2

Wenn alle Jahreszeiten an einem Tag zusammen kommen, gestaltet sich die Wahl der ­Garderobe schwierig. Laura steht vor dem geöffneten Kleiderschrank und mustert dessen Bestand mit kritischem Blick. Etwas Besonderes für den heutigen Abend soll es schon sein, aber nichts Auffallendes. Ohnehin hat sie nur wenige auffallende Kleidungsstücke, die ihr ans Herz gewachsen sind, behalten und schon lange nichts mehr hinzugekauft. Schließlich muss sie der Realität ins Auge schauen, und die besagt, dass die Siebziger nicht mehr weit entfernt sind. Kaum zu glauben, sind ihr doch die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts noch allzu gegenwärtig. Des vergangenen Jahrhunderts – wie das klingt! So, als wäre das alles schon gar nicht mehr wahr, als läge es unendlich weit zurück. Dabei kann sie sich noch allzu gut an die Miniröcke und Hotpants erinnern, die unter der Brust geknoteten Oberteile, die den Bauch freiließen – natürlich ohne BH darunter, der als Relikt spießiger Lustfeindlichkeit der sexuellen Revolution zum Opfer fiel. Hierin war sich die progressive Damenwelt völlig einig, nicht jedoch im sonstigen Erscheinungsbild. Da spalteten sich die Lager: Lila Latzhosen und sackartige Gewänder in jenem, das die Ernsthaftigkeit politischen Engagements an der Unattraktivität des Äußeren maß, und im anderen die bunten Schmetterlinge, deren Libertinage misstrauisch beäugt und deren intellektuelles Vermögen angezweifelt wurde. Laura sympathisierte mit den ­Schmetterlingen, trug aber als sichtbaren Ausdruck ihrer bitte nicht zu unterschätzenden Geistesgaben eine runde ­Nickelbrille, die etwas eulenhaftes hatte, aber auch den Eindruck eines kritischen, geschärften Blickes vermittelte.

Was also eignet sich für eine Bordeauxprobe mit anschließendem 6-Gänge-Menü im Sternerestaurant? Jedes Jahr hatte sie mit Christoph an der Veranstaltung teilgenommen und immer war es ein Höhepunkt, auf den sie sich lange im Vorfeld freuten. Jetzt, nach seinem Tod, erhält sie weiterhin die Einladung dazu. Vergangenes Jahr hatte sie es nicht geschafft hinzugehen, alles war noch viel zu frisch und von Erinnerungen überschattet. Dieses Mal will sie die Tradition mit einem anderen Begleiter fortsetzen. Keine einfache Entscheidung und es bedurfte auch eine ganze Zeit der Zwiesprache, bis sie sicher war, dass es für ihren verstorbenen Mann kein Problem darstellt.

Sie entscheidet sich für ein dunkelrotes Top – passend zum Wein – und eine schwarze Hose. Natürlich wäre ein Kleid eleganter, aber die Probe findet in einem eigens dafür hergerichteten Teil des Kellers statt, dessen Gewölbe noch aus dem Mittelalter stammen. Hier lagern Tausende von Flaschen aus der ganzen Welt, sorgfältig in eingepasste Regale geordnet, mit Jahrgangs- und Herkunftsbezeichnungen, jederzeit digital abrufbar. Beim letzten Besuch im Restaurant hatte der Sommelier außerdem versprochen, ihr im Vorfeld die ›Schatzkammer‹ mit den ganz besonderen Bouteillen zu zeigen, die eigentlich der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Zwei bis drei Stunden Aufenthalt sind also einzukalkulieren und auch, dass ihre Kälteempfindlichkeit in den letzten Jahren leider gestiegen ist. Nylons und Pumps würden unweigerlich zu kalten Füßen führen und Stiefeletten oder Stiefel zum Kleid widersprechen ihrem Stilbewusstsein.

Ein letztes Mal betrachtet sie sich im großen Ankleide­spiegel und ist zufrieden. Zufrieden, nicht begeistert. Die Zeit kann man eben nicht zurückdrehen, daran hatte sie sich gewöhnen müssen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man immer noch das Bild der jungen Frau im Kopf hat. Aber sie hat ihr Bestes getan: Die Haare frisch gefärbt, dunkelblond, eine Nuance heller als die ursprüngliche Farbe, dezentes Makeup, die Augen mit Lidschatten und Wimperntusche betont, Kontaktlinsen natürlich. Die Brille ist für den äußersten Notfall in der Handtasche verstaut, falls die Augen anfangen zu tränen. Zu Hause ist ihr die Brille lieber, aber zum Ausgehen will sie schön sein und bisher gab es noch keine Brille, mit der sie sich schön fand. Die modischen Gestelle mit dicker schwarzer Fassung machen ihr Gesicht hart und streng, selbst die randlose mit der ­Titanfassung – vom Optiker empfohlen als Brille, die eigentlich unsichtbar sei – empfindet sie als Fremdkörper.

Das Oberteil, weder zu eng, noch zu weit, umspielt fließend ihre Hüften, sodass auch von der Seite weder Bauch noch Speckröllchen sichtbar sind. Beides hat sie nämlich zu ihrem Missvergnügen im Laufe der Jahre bekommen, in denen die grazile 36iger Figur zu einer fraulichen 40iger mutierte. Fraulich, dieser Begriff gefällt ihr ausgesprochen gut, seit sie ihn von einer Verkäuferin gehört hat, die fachlich perfekt auf das Klientel fortgeschrittenen Alters geschult war. Damit verbindet man die Dame in den besten Jahren, die zu ihrer femininen Reife gefunden hat.

Um keine Schmierspuren auf den Glasrändern zu hinterlassen, hat sie auf Lippenstift verzichtet, ebenso auf Parfüm. Darauf hatte Christoph immer bestanden, in dieser Hinsicht kannte er kein Pardon. Die Erinnerung an einen vehementen Krach am Anfang ihrer Beziehung wegen eines Hauchs Chanel ist noch lebendig. Dabei war es noch nicht einmal die intensive Nummer 5, sondern die leichte, blumige 19. Auf Weinproben, so argumentierte er, sei das ein Unding. Eine Belästigung der Teilnehmenden, eine gravierende Beeinträchtigung der Geruchswahrnehmung. Damals wusste sie noch nicht, dass ihr späterer Gatte nicht nur ­Weinkenner, sondern Weinenthusiast war, der mit beeindruckender Treffsicherheit Rebsorten und Anbaugebiete, sowie Jahrgänge und Winzer zuordnen konnte. Mit einer Runde Gleichgesinnter traf er sich regelmäßig zu Blindverkostungen, um dieser Leidenschaft zu frönen. Am Anfang eine fremde Welt, erschlossen sich ihr nach und nach viele Nuancen, die einen Wein unverwechselbar machen. Er lehrte sie, dass allein schon das Bukett eine Menge über Kellertechnik und Rebsorte verrät und brachte ihr bei, spontan vergorene Weine von jenen mit zugesetzter Hefe zu unterscheiden, heraus­zufinden, ob der Ausbau im Stahltank, Holzfass oder Barrique erfolgte. Zu Beginn war ihr Interesse eher oberflächlich. Entweder ein Wein schmeckte oder nicht, weiter war sie bis dahin nicht in die Materie vorgedrungen. Aber Christoph ließ nicht locker, machte sie immer wieder auf sortentypische oder gebietsspezifische Merkmale aufmerksam, bis sich ihr nach und nach ein ganzes Spektrum erschloss. Nie brachte sie es auch nur annähernd zu seiner Meisterschaft, aber immerhin gelang es ihr im Laufe der Jahre, hin und wieder Treffer zu landen. Ihr erster war die Identifikation einer Scheurebe. Wein aus diesen Trauben ist der Duft von schwarzen Johannisbeeren eigen, das hatte sie sich gemerkt. Sie war mächtig stolz auf ihren Erfolg, der die Motivation erhöhte, sich weiteres Wissen anzueignen.

So ist es für Laura seit Langem undenkbar, auf passende Weinbegleitung beim Essen zu verzichten, denn bei sorgfältiger Auswahl geht beides eine harmonische Verbindung ein, die den Genuss vervollkommnet. Wenn sie auch respektiert, dass nicht jeder Alkohol zu sich nehmen möchte, ist es ihr doch ein Graus, wenn am Nebentisch Apfelsaftschorle zur Dorade, Bier zur Fischterrine oder Cola zum Hirschrücken bestellt wird. Diese Affinität zum Wein erhöht allerdings die ­Ausgaben beträchtlich und schränkt die Auswahl eines Restaurants stark ein. Denn bei vielen steht nur ein sehr begrenztes Sortiment zur Verfügung, nämlich das, was »im Allgemeinen sehr gern genommen wird« – eine immer wiederkehrende Aussage des Servicepersonals, bei der sofort ihre Alarmglocken schrillen. Nun, heute Abend ist so etwas nicht zu befürchten, heute Abend werden edle Tropfen die einzelnen Gänge begleiten und die Köche ihr Bestes geben.

3

Jetzt werden sie bald kommen und alle ausquetschen, die etwas gesehen haben könnten, denkt der Mann am Bildschirm. Samuel Gordon, ein groß gewachsener, hagerer Mann, dem man das fortgeschrittene Alter zwar ansieht, jedoch nicht, dass er die achtzig bereits hinter sich gelassen hat, beobachtet das Treiben im Hof über eine Kamera, die er zur Überwachung seiner Eingangs­tür installieren ließ. Die Leiche ist abtransportiert, die Scheinwerfer gelöscht, Spurensicherung und Polizei sind abgezogen. Von den Zuschauern ist nur noch eine kleine Gruppe von Männern übrig geblieben, deren Lachen bis in den fünften Stock dringt. Er steht auf, lässt über eine Fernbedienung die Jalousien herunter und schaltet die Deckenbeleuchtung ein. Ein Dimmer hat die Helligkeit auf ein Minimum reduziert, gerade genug, um alles erkennen zu können, aber zu wenig, um auch die Ecken zu erleuchten.

Die Wohnung erstreckt sich auf zwei Stockwerken über die gesamte Fläche des Hauses, welches ihm gehört. Er ließ das Dach anheben, die ehemaligen Dienstbotenunterkünfte und den Speicher zu einer leicht rückversetzten Maisonette ausbauen, um sie selbst zu bewohnen. Von unten ist die Aufstockung nicht zu bemerken, was genau seinen Wünschen entspricht.

Seine Wohnung ist geschmackvoll und teuer eingerichtet. Solchen Luxus würde man nicht in diesem Haus erwarten, dessen Glanzzeiten schon lange ­vorbei sind. Bei seiner Fertigstellung war es gewiss ein Schmuckstück mit der reich verzierten Gründerzeitfassade, den hohen, von Giebeln gekrönten Fenstern. Der Zahn der Zeit hat jedoch deutliche Spuren hinterlassen. Schmutzablagerungen vieler Jahre lassen kaum noch Rückschlüsse auf die ursprüngliche Farbgebung zu, die schmiedeeisernen Gitter der Balkone sind an einigen Stellen verrostet, die steinernen Ornamente ­tragen deutliche Spuren von Verwitterung, sodass man die Kunstfertigkeit der Steinmetze nur noch ­erahnen kann. Die Stelle der reich geschnitzten, schweren Eichen­tür nimmt nun eine Metall-Glaskonstruktion aus den Siebzigern ein. In die Fassungen der Schilder über den Klingelknöpfen sind kleine Zettel mit den Namen der Bewohner geschoben, einige kaum leserlich, andere in Blockbuchstaben, die sich in verschiedene ­Richtungen neigen, eines in ungelenker Schreibschrift, zwei Computer­ausdrucke. Alles deutet darauf hin, dass das Haus von einfachen Leuten teilweise ausländischer Herkunft bewohnt wird. Keines weist auf den Mann ganz oben hin.

Im großzügigen Treppenhaus relativiert sich der etwas heruntergekommene Eindruck des Hauses. Es wurde vor nicht allzu langer Zeit renoviert, die Stufen sind mit Teppich belegt. Zudem wurde ein Aufzug eingebaut, gerade ausreichend für zwei Personen und kaum bemerkbar, da er in einem geschlossenen Schacht verläuft und sich lediglich im fünften Stock öffnet. Der Zugang erfolgt über eine gesicherte Tür zum Hinterhof. Für die übrigen Bewohner ist Gordon so fast ein Unbekannter. Wenn sich ihre Wege doch einmal kreuzen, wird er mit Respekt gegrüßt, aber mit Ausnahme seiner kleinen Freundin im Erdgeschoss finden keine Gespräche statt. Der Hausverwalter Jens Rosenzweig, der ein paar Häuser weiter wohnt, kümmert sich um alle Anliegen der Bewohner. Er ist ein enger Freund und entfernter Verwandter Gordons, ihre Verbunden­heit rührt noch aus der Kindheit. Das Naziregime überlebte Rosenzweig in Frankfurt, während ein ­großer Teil der Familie in letzter Sekunde nach Amerika übersetzte. So auch Gordons Mutter mit dem kleinen Samuel, nachdem sein Vater verhaftet und unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen war. Sie heiratete später einen Börsenmakler, der den Jungen ­adoptierte, und kehrte nach dem Krieg mit der kleinen Familie nach Frankfurt zurück, da ihr Gatte einem lukrativen Angebot folgte.

Im Nachlass seiner Eltern befand sich auch das Haus, in dem Gordon nun lebt. Er erhöhte den Mietzins im Laufe der Jahre nur gering, Kündigungen werden nicht ausgesprochen, solange es keinen triftigen Grund dafür gibt. Dies geschieht allerdings nicht aus schierer Menschenfreundlichkeit, wie es die Mieter mutmaßen, sondern aus einfachem Kalkül. Je unauffälliger, desto besser. Nichts an die große Glocke hängen, niemandem Anlass zu Neid oder Misstrauen geben. Keineswegs liegt es in seiner Absicht, jemanden von der Polizei hereinzubitten, um Fragen zu beantworten. Sollten sie herausbekommen, dass hier jemand lebt, würde er selbstverständlich aufs Präsidium kommen, seine Aussage machen und ihnen mitteilen, dass ihm leider nichts Ungewöhnliches aufgefallen sei.

In seine Wohnung jedoch würde er sie nicht lassen. Denn Zutritt zu dieser erlangt nur ein ganz spezielles Klientel, welches eine gemeinsame Leidenschaft eint, das Sammeln alter Handschriften. Weniger ganze Bücher, da diese kaum noch zu bekommen sind, sondern hauptsächlich einzelne Seiten, manches Mal sogar nur Fragmente von Seiten, die doch den ganzen Zauber des Gewesenen im Sein vereinigen. Gordon ist einer der Großen dieser Branche, Sammler, ­Sachverständiger und Händler zugleich. Einige schöne Blätter schmücken unter entspiegeltem Glas die Wände. Es sind nicht die wertvollsten, aber sie geben einen Vorgeschmack auf das Sortiment. Damit dem Betrachter keine noch so kleine Nuance entgehen kann, liegen Lupen mit starker Vergrößerung bereit.

Die übrigen Stücke befinden sich in einem Safe. Gordon hat ihn exakt einpassen lassen, fast unsichtbar für das ungeübte Auge, denn das schmale Streifenmuster der Tapete verläuft in einer Linie mit der Fuge. Zusätzlichen Schutz vor unerwünschten Blicken bietet ein Wandteppich aus dem 17. Jahrhundert. Dargestellt ist eine Venus im Bade, ausgeführt in feinster Stickerei. Er erwarb ihn aufgrund der passenden Größe und dem moderaten Preis für ein solch typisches Werk seiner Epoche. Inzwischen jedoch denkt Gordon immer öfter darüber nach, es gegen ein anderes auszutauschen, denn jedes Mal wenn sein Blick darauf fällt, stört er sich an den Proportionen. Die Formen der nackten Schönheit sind üppig, die Brüste dagegen fast winzig. Kleine feste Halbkugeln mit kaum angedeuteten rosigen Spitzen, dem Schönheitsideal des Barock folgend, welches jedoch durchaus nicht seinem eigenen entspricht.

Gordon hat ausgesprochen wertvolle Stücke im Angebot, auch solche, die nicht auf dem Kunstmarkt registriert sind, was sie umso begehrenswerter für Menschen macht, die sie weniger als Geldanlage, sondern vielmehr als eine Herzensangelegenheit betrachten. Genau wie Gordon. Für ihn ist es die größte Freude, nein nicht nur Freude, sondern tiefstes Glück, Schriftzüge, Symbole oder exquisite Malereien zu betrachten, die menschliche Hände vor Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden auf Papyrus, Pergament oder Holz­tafeln hinterließen. Welch Privileg, sie ansehen zu können und mit ihnen in die Vergangenheit zu reisen, sich vorzustellen, wie ein ägyptischer Schreiber im ­Schatten einer Sykomore oder in einer lichtdurchfluteten Säulen­halle der Nachwelt Kunde von wichtigen Ereignissen hinterließ, ein Mönch des Mittelalters am Fenster oder im Garten des Klosters seine ganze Kunstfertigkeit darauf verwendete, Gott zu preisen.

Es ist nicht einfach, immer wieder Nachschub zu erhalten. Natürlich bieten zuweilen Auktionen gute Gelegenheiten dazu, aber interessant ist vor allem das private Klientel. In dessen Hand befinden sich Artefakte, die nicht auf dem offiziellen Markt kursieren, sondern hin und wieder aufgrund von Geldmangel verkauft werden oder aus Nachlässen stammen. Bereits als ­junger Student der Kunstgeschichte hatte er sich selbst auf die Suche nach solchen Stücken gemacht. Sicherer Instinkt sowie Verhandlungsgeschick brachten ihm bald erste Erfolge ein.

Da ihm klar wurde, dass er sich eine Menge ­Wissen würde aneignen müssen, um sicher urteilen zu ­können, belegte er Latein und Griechisch als weitere Studien­fächer. Nach der Promotion wurde das Hobby zum Beruf. Auf der Suche nach verborgenen Schätzen bereiste er ganz Europa und knüpfte ein weit gespanntes Netz von Kontakten. Nachdem er das Reisen vor einigen Jahren der Gesundheit zuliebe aufgegeben hat, erledigen das nun Scouts für ihn, die auf Dachböden, in privaten Archiven oder abgelegenen Klöstern unterwegs sind. Die Quellen dieser Schätze bleiben im Verborgenen und dies ist der Grund, weshalb auch Gordon im Verborgenen zu bleiben trachtet. Ansonsten könnte man ihm den Vorwurf der Hehlerei machen – absurd aus seiner Sicht, aber so liegen die Dinge nach geltendem Recht nun einmal.

Es ist nur eine kleine Gemeinde, die sich für alte Handschriften interessiert. Alle sind bestens ­untereinander und mit dem Geflecht der Informanten vernetzt, die im grauen Kunstmarkt ihr Auskommen finden. Selbstverständlich sind sämtliche Stücke mit Expertisen versehen, die deren Echtheit verbürgen. Unter der kleinen Zahl von Experten ist Gordon einer der angesehensten und hat nicht Schriften selbst zertifiziert. Lange Jahre des Lernens waren nötig, um die Sicher­heit zu erwerben, eine Fälschung vom Original zu unterscheiden, und immer wieder gab und gibt es bei dem einen oder anderen Objekt Zweifel. Nur wenn alle Bedenken ausgeräumt sind, stellt er die Beglaubigung aus. Diese Vorgehens­weise hat ihm große Autorität und Anerkennung eingebracht, dazu ein nicht unbeträchtliches Vermögen, das er keineswegs beabsichtigt, einer Gefährdung auszusetzen, denn offiziell verdient er seinen Lebensunterhalt mit Gutachten, Schätzungen und gelegentlichen Verkäufen aus Auktionen. Ansonsten ein gesetzestreuer Bürger, hat er nur ungern mit der Polizei zu tun, um kein Risiko einzugehen. Außerdem kann er zur Aufklärung des Mordes ohnehin nichts beitragen, denn die Kamera läuft nur in seiner Anwesenheit zur Überprüfung von Besuchern.

Ein Blick auf die Uhr verrät ihm, dass noch genügend Zeit bleibt, um sich ein Vergnügen zu gönnen, das, so oft er es auch wiederholt, immer etwas Besonderes ist. Um sich darauf einzustimmen, nimmt er einen großen Schwenker und geht zu einem schön gearbeiteten Tisch an der Wand. Es ist ein exquisites, handgefertigtes Stück, die Beine aus Ebenholz, die Platte aus hochglanzpoliertem Vogelaugenahorn. Darauf liegt ein schmaler schwarzer Samtläufer, auf dem mehrere aufwendig geschliffene Karaffen stehen. Aus einer von ihnen gießt er sich eine kleine Menge Cognac ein, lässt das Glas kreisen, führt es dann an die Nase, um den Duft einzusaugen. Man braucht nicht viel von diesem Cognac, der in den Dreißigerjahren in einige wenige kleine Fässer gefüllt wurde und nur sporadisch, der Nachfrage entsprechend, auf Flaschen gezogen und verkauft wird. Lange wird dieser Zaubertrank nicht mehr auf dem Markt sein, umso mehr schätzen ihn seine Liebhaber, zu denen auch Gordon gehört. Er führt in eine vergangene Zeit, lässt Geschehnisse wieder auferstehen und den Herbst, in dem die Trauben geerntet wurden. Es ist dasselbe wie bei den großen, langlebigen Weinen, die zuweilen erst nach Jahrzehnten ihren Höhepunkt erreichen und von denen eine stattliche Anzahl in seinem Klimaschrank bei optimaler Temperatur und Luftfeuchtigkeit lagert.

Vorsichtig setzt er das Glas auf den Tisch, um keine Schramme zu hinterlassen und schiebt ein kleines, als Dekoration getarntes Paneel zur Seite. Nach dem Eintippen eines Zahlencodes in die dahinter erscheinende Tastatur gleitet eine Schublade wie von Geisterhand gezogen hervor. In ihr bewahrt er jene Exponate auf, für die sich bereits feste Interessenten gefunden haben. Die Trennung von einigen Stücken fällt ihm äußerst schwer, so auch bei diesem. Gordon atmet tief ein, schließt die Augen, um sich für den bevorstehenden Anblick sammeln, und öffnet sie nach einem kurzen Moment wieder. Vor ihm liegt ein leicht gewelltes Pergament, mit vollendeten Minuskeln beschriftet. Der Großbuchstabe zu Beginn jedes Absatzes ist herrlich illuminiert mit verschlungenen Pflanzen, Blüten und Arabesken in leuchtenden Farben, vorherrschend rot, blau, grün und gold. Den größten Teil des Blattes nimmt das Miniatur­gemälde einer Jagdgesellschaft ein, die von Hunden und Dienern begleitet wird. Zwei Pferde tragen Herren in höfischer Tracht mit Falken auf ihren behandschuhten Fäusten. Sie sind nach der neuesten Mode gekleidet, mit eng anliegenden, verschiedenfarbigen Beinkleidern und knappen Wämsern, deren geschlitzte Ärmel weit herabfallen. Hinter dem Reiter des vorderen Pferdes hat eine vornehme Schönheit im Damensitz Platz genommen, deren elegantes Kleid in strahlendem Blau fast den ganzen Leib des Pferdes bedeckt. Im Hintergrund befindet sich ein herrschaftliches Gebäude, eines der Schlösser des Jean de Valois, Duc de Berry.

Das Blatt, schon lange als verschollen geltend, stammt zwar nicht vom berühmtesten Stundenbuch, das der Herzog von den Gebrüdern Limburg erwarb, dem Très Riches Heures, sondern einem anderen, fast ebenso kostbarem Werk, dem Très Belles Heures de Notre Dame. Die hochbegabten Brüder Paul, Jean und Herman, unangefochtene Protagonisten ihrer Zunft um die Wende zum 15. Jahrhundert, illuminierten um die 300 Handschriften und wurden von dem Duc, einem jüngeren Sohn des Königs Jean II, so geschätzt, dass er sie zu Mitgliedern des Hofes machte und als begeisterter Sammler mit immer neuen Aufträgen versah.

Nicht ohne Grund, denkt Gordon, denn weder vor noch nach ihnen wurde eine derartige Meisterschaft erreicht. Vor allem in den Stundenbüchern ist ihr überragendes Können bis heute zu bewundern. Allzu schade, dass diese große Epoche ein solch abruptes Ende fand. 1416 starben die Gebrüder Limburg und Jean de France, vermutlich an der Pest, und ein anderer Stil setzte sich durch.

Gordon bewundert den sicheren Geschmack des Herzogs, dem größten Mäzen seiner Zeit. Er empfindet es als großes Privileg, dass ihm vor einigen Jahren erlaubt wurde, eine der außerordentlich wertvollen Plastiken zu berühren, die einst den Sockel seines Grabmals schmückten. Zu gerne hätte er sie erworben, aber der Preis überstieg seine Mittel bei Weitem. Von den ursprünglich vierzig virtuos gestalteten, trauernden Mönchen aus Alabaster wurden viele zerstört, andere gestohlen. Was übrig blieb, ist in Museen auf der ganzen Welt verstreut. Gordon erstaunte es nicht zu lesen, dass der Louvre bei der Auktion zweier Pleurants erst bei 4,4 Millionen Euro den Zuschlag bekam. Ja, der große Duc hatte nur die Besten seiner Zeit beschäftigt und sein Andenken dadurch über die Jahrhunderte sichergestellt.

Gordon kehrt von seinem Ausflug in die Vergangenheit zurück und legt seufzend das Vergrößerungsglas zur Seite, unter dem er die feinen Striche, die exquisiten Farben bewundert hatte. Es wird Zeit ­aufzubrechen, man erwartet ihn.

4

Iris ist es durchaus nicht unangenehm, etwas länger zu arbeiten, denn das lenkt vom Grübeln ab. Zum Grübeln gibt es nämlich genug. Jenny, mit der sie seit knapp zwei Jahren zusammen lebt, benimmt sich in letzter Zeit sonderbar, zieht sich zurück, gibt keine oder nur ausweichende Antworten, wenn Iris nachfragt, ob etwas nicht stimmt. Kein fröhliches Grübchen­lachen mehr, keine schwungvolle ­Umarmung beim Nachhause­kommen, keine Lust auf gemeinsames Kochen, gemeinsame Ausflüge, keine Lust auf gar nichts. Seit einem Monat geht das nun schon so und gestern fand sie ihre Lebensgefährtin weinend vor. Eine Klausur sei schief gegangen, das könne ein ganzes ­Semester kosten. Die Versicherung, es sei einfach nur der Stress des Studiums, es habe nichts mit ihr und der Beziehung zu tun, kommt ihr wenig plausibel vor. Es muss mehr dahinter stecken. Klar ist, dass etwas nicht stimmt und dass eine Aussprache ansteht. Iris hat sich für das Wochen­ende vorgenommen, ihre Freundin zum Reden zu bringen, denn so kann es nicht weitergehen. Besser, sich bis dahin mit anderen Sachen zu beschäftigen, als selbst Trübsal zu blasen.

»Nein, es macht mir wirklich nichts aus«, wendet sie sich an Thomas, »du hast doch auch schon Arbeiten für mich übernommen, wenn ich in ­Terminschwierigkeiten war.« Sie stößt ihn leicht in die Rippen. »Los Kumpel, verschwinde. Ich halte hier die Stellung und fange schon mal mit den Befragungen an.« Mit einer ­Handbewegung scheucht sie Thomas fort, der zunächst noch zögert, dann das Angebot dankend annimmt.

Prüfend gleiten ihre Blicke über die Hausfassade des Hinterhofs. Alle Fenster sind mittlerweile wieder geschlossen, die Sensation ist vorbei. Aus dem Augenwinkel kommt es ihr so vor, als bewege sich die Gardine am Fenster einer der Erdgeschoss-wohnungen. Sie tritt näher und bemerkt eine schmale Gestalt hinter dem Vorhang, die offenbar ihren Beobachtungsposten noch nicht aufgegeben hat. Sie überlegt kurz und pocht dann gegen die Scheibe. Irgendwo müssen die Befragungen ja ihren Anfang nehmen, vielleicht gibt es hier schon Antworten.

Mit einem kleinen Zögern öffnet sich ein Flügel. Neun Jahre, höchstens zehn, überschlägt Iris, älter dürfte sie nicht sein. Das Gesicht ist noch ganz kindlich, aber die großen dunklen Augen blicken ernst und wissend. Neben ihr auf der Fensterbank sitzt eine schwarze Katze mit ebenso ernsthaftem, ungerührtem ­Gesichtsausdruck, bewegungslos wie eine Statue. »Die ist aber mal schön.« Iris deutet auf das Tier. »Wie heißt sie denn?«

»Das ist keine Sie, er heißt Sam, eigentlich Samuel, aber ich nenne ihn Sam, weil das kürzer ist«, folgt die Belehrung auf dem Fuß, »und er ist der schönste Kater der Welt.«

Iris nickt. »Das glaube ich auch. Darf ich ihn streicheln?«

»Versuchen Sie’s.«

Das klingt nicht gerade ermutigend, aber wenigstens nicht ablehnend. Vorsichtig nähert sie ihre Hand dem Kopf des Katers und krault sanft das Fell hinter den Ohren. Einen Moment lang trifft sie ein grün-goldener Blick, dann schließen sich die Augen. Sam neigt den Kopf zur Seite und fängt an zu schnurren.

»Das macht er nicht bei jedem.« Anerkennung schwingt in der Stimme des Mädchens mit. »Sie ­kennen sich mit Katzen aus.« Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Stimmt. Ich hatte mal zwei, die uralt geworden sind. Sie bekamen alle Krankheiten, die bei alten Menschen auch vorkommen, und kosteten ein Vermögen an Tierarztkosten, aber ich habe sie heiß und innig geliebt.«

»Sam ist noch jung, noch nicht mal ein Jahr alt. Im April saß er plötzlich auf unserer Fensterbank und ­miaute, da war er noch ganz klein. Mami sagte, ich soll ihn nicht reinlassen, er würde bestimmt nach einem Zuhause suchen, aber er blieb einfach sitzen und ­miaute und miaute. Die ganze Nacht hörten wir ihn und am Morgen ließ Mami ihn rein und gab ihm was zu essen. Jetzt gehört er zu uns. Da«, sie deutet auf ein fragiles Holzgebilde, »wir haben eine Leiter gebaut, damit er nicht so hoch springen muss und sich vielleicht wehtut. Wenn er raus will, springt er innen auf die Fensterbank, wenn er rein will außen und kratzt am Glas.«

»Ein schlaues Tier.« Der Kater hat mittlerweile den Kopf gehoben und lässt sich das Kinn kraulen. »Bist du oft mit ihm am Fenster?«

»Wollen Sie wissen, ob ich im Hof was gesehen habe?«

Erstaunt blickt Iris die Kleine an und fühlt sich durchschaut. Da wollte sie sich ganz behutsam dem springenden Punkt nähern und nun das. Ein kluges Kind. Nicht schlecht, da kann man sich Umwege sparen.

Sie neigt zustimmend den Kopf. »Hast du?«

Ein bedauerndes Achselzucken. »Nein, heute nicht.«

»Was heißt heute?«, hakt Iris nach.

»Na ja, manchmal sind Leute hier, auch nachts.«

»Die was machen?«

»Ach, das ist ganz unterschiedlich. Ein paar kommen zum Kiffen her, manche spritzen sich was, manche knutschen … oder so.«

Nicht nur ein schlaues, sondern auch ein aufgeklärtes Kind, das schon einiges mitbekommen hat, von dem die meisten Altersgenossen noch nichts ahnen, denkt Iris. Wie lange mag sie schon in dieser ­Umgebung wohnen?

»Schon lange«, beantwortet die Kleine ihre Frage. »Bestimmt zwei Jahre. Nachdem der Papa nicht mehr da war, sind wir hierher gezogen. Meine Tante wohnt auch hier im Haus, mit Samira und Yasmin. Das ist gut, ich kann sie besuchen, wenn Mami arbeitet. Früher war sie immer zu Hause, aber jetzt ist sie Tänzerin. Ganz in der Nähe. Sie ist wunderschön und hat wunderschöne Kostüme.«

Wunderschöne Kostüme? Merkwürdig. Hier im Bahnhofsviertel sind Kostüme doch eher überflüssig. Um was für eine Art von Tanz mag es sich wohl handeln? Vielleicht bekommt sie es ja heraus, ohne direkt nachzufragen.

»Wie dumm von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich arbeite …«

»Bei der Polizei, ich weiß. Können Sie mir mal Ihren Ausweis zeigen, ich habe so was noch nie gesehen.«

Mit großem Ernst studiert sie das Dokument von beiden Seiten. »Iris Kirchner, ein schöner Name. Passt gut zu Ihnen.«

»Du kannst mich Iris nennen, wenn du möchtest. Sagst du mir auch deinen Namen?«

»Aisha«, kommt die bereitwillige Antwort, »Aisha Gülen, aber ich bin in Frankfurt geboren.«

»Warum aber? Ganz viele Menschen, deren Eltern von weit her zugereist sind, sind hier geboren.«

»Weil der Name nicht hierher passt. Ich mag ihn auch nicht besonders. Ich würde lieber Marie oder Sofia oder Emma heißen wie die Mädchen in meiner Klasse, aber Mami sagt, er sei was ganz Besonderes und ich soll stolz auf ihn sein.«

»Da hat deine Mami aber ganz recht. Er ist wirklich etwas Besonderes. Auf welche Schule gehst du denn?«

»Auf die Kant-Schule.«

»Aber das ist doch die Privatschule am Holzhausenpark. Ganz schön weit weg.«

»Ja.« Aisha nickt. »Jetzt schon, aber früher haben wir in der Nähe gewohnt. Mami wollte, dass ich dort bleibe.«

»Und du?«

»Ich auch. Meine ganzen Freundinnen gehen da hin, obwohl sie nicht mehr zu mir kommen können. Mami will das nicht, aber ich darf sie besuchen und zu meinem Geburtstag irgendwohin einladen.«

Iris überlegt. Ein sozialer Abstieg also, der kaschiert werden soll, damit dem Kind keine Nachteile entstehen. »Und was sagt dein Papa dazu?«

Aishas Gesicht verdüstert sich. »Er ist im Paradies. Ich soll deswegen nicht traurig sein, sagt Mami immer, es wäre sehr schön da und er würde auf uns aufpassen, aber ich hätte ihn lieber bei uns.«

»Ja, das verstehe ich. Mir ging es genauso, als mein Vater starb, obwohl ich schon viel älter war als du. Und deine Mami muss nun allein für euch beide sorgen?«

Aisha nickt. »Sie tanzt. Und viele Frauen tanzen mit ihr. Aber nicht alle sind so schön wie Mami. Es sind auch ziemlich alte dabei und auch hässliche.«

Alte, hässliche? Wie passt das denn nun zusammen? Alte und hässliche Frauen bekommen doch normalerweise kein Engagement als Tänzerin. »Dann bist du abends wohl oft allein zu Hause?«

Ein erstaunter Blick trifft sie. »Nein, wieso? Abends ist Mami immer daheim. Es dauert nicht mehr lange, bis sie kommt.«

Das wird ja immer komplizierter! Iris beschließt, die Angelegenheit zunächst auf sich beruhen zu lassen und zum Ausgangspunkt zurückzukommen. »Du hast also nichts Besonderes bemerkt heute früh zum Beispiel?«

»Nein.«

»Und gestern?«

»Gestern auch nicht.« Sie zögert einen Moment. »Aber in der Nacht fuhr ein Auto rein. Das passiert nicht so oft.«

Iris ist ganz Ohr. »Um wie viel Uhr war das?«

»Ziemlich spät. Ich bin dauernd wach geworden, weil Sam noch nicht da war. Ich hatte Angst, dass ihm etwas passiert ist, aber dann habe ich ihn gehört.«

»Und du bist aufgestanden, um das Fenster zu öffnen?«

»Ja, und da fuhr das Auto in den Hof.«

»Hast du das Kennzeichen gesehen?«

»Nein, es war zu dunkel und ich habe auch nicht darauf geachtet.«

»Und was geschah dann?«

Aisha hebt bedauernd die Achseln. »Weiß ich nicht. Ich war so froh wegen Sam. Ich habe ihn nur reingelassen und bin dann wieder ins Bett.«

»Weißt du, was das für ein Auto war?«

»Nicht genau, aber es war ein SUV, dunkel, ziemlich groß. Er passte gerade so durch die Einfahrt.«

»Bist du mit dem SUV sicher? Kennst du solche Fahrzeuge?«

»Klar, mit denen holen doch die meisten Mütter ihre Kinder von der Schule ab. Aber bei der Marke bin ich mir nicht ganz sicher, vielleicht ein Honda.«

Na bitte, freut sich Iris, das ist doch schon mal ein Anfang. Eine Spur haben wir jetzt. In der Nacht könnte die Leiche durchaus abgelegt worden sein.

»Du hast mir wirklich sehr geholfen«, bedankt sie sich bei Aisha und legt ihre Visitenkarte auf die Fensterbank. »Falls dir noch etwas einfallen sollte. Du kannst mich immer über diese Telefonnummer erreichen. Und grüß deine Mami von mir. Auch sie kann mich jederzeit anrufen.«

»Ich sag’s ihr. Und auch, dass Sie nett sind. Und hübsch. So blaue Augen hätte ich auch gern«, fügt sie bedauernd hinzu, »dann sähe ich aus wie die anderen.«

Ermutigt von ihrem Erfolg beschließt Iris, die Befragungen fortzusetzen. Jedes Stockwerk hat drei Wohnungen. In den beiden anderen Erdgeschosswohnungen meldet sich niemand, aber ihr Klingeln im ersten Stock hat Erfolg. Laut Türschild wohnt hier »Charlotte de Montfort (Inge Stark)«. Stark ist auch der erste Eindruck. Und ziemlich bunt. Die orangefarbenen Haare der fülligen Dame quellen in üppigen Locken aus einem kunstvoll drapierten, türkisblauen Turban hervor. Eine Art Kaftan, grün mit goldenen Bordüren, reicht fast bis zu den Füßen, die Mitte umschlingt eine violette Schärpe mit gelben Fransen. Der ziemlich enge Flur ist in sanftem Gelb gehalten, aus der halboffenen Tür an seinem Ende dringen schwebende Sitartöne und ein Duft von Sandelholz.

»Ich dachte schon, Sie kämen gar nicht mehr«, wird Iris in einem tiefen, weichen, wohlklingenden Alt gegrüßt, das so gar nicht zu der grellen Erscheinung passen will. »Sie hätten anrufen sollen, dass Sie sich verspäten, denn es ist schwierig, die Konzentration der vorbereitenden Meditation aufrechtzuerhalten. Aber gut, jetzt sind Sie ja da, wir wollen nicht noch mehr Zeit verlieren.«

Hier läuft etwas schief. Anscheinend liegt eine Verwechselung vor. Iris zieht ihren Ausweis. »Ich fürchte, dass ich nicht der erwartete Gast bin. Mein Anliegen ist dienstlich. Wir müssen alle Anwohner befragen, ob ihnen etwas aufgefallen ist.«

»Aufgefallen? Was sollte mir denn aufgefallen sein?«

Iris mustert ihr Gegenüber erstaunt. »Es geht um die Leiche im Container. Wir wollen erfahren, ob jemand eine Beobachtung gemacht hat.«

»Welche Leiche in welchem Container?«

»Wollen Sie sagen, dass Sie von dem ganzen Trubel nichts mitbekommen haben? Im Altpapiercontainer des Hinterhofs wurde ein Toter gefunden.«

Ein entschiedenes Kopfschütten ist die Antwort. »Meine Fenster gehen nach vorn. Und wissen Sie was: Irgendwo ist hier immer Trubel. Wenn ich mich jedes Mal darum kümmern würde, hätte ich viel zu tun.«

»Vielleicht Ihre Mitbewohnerin? Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen, Charlotte de Montfort oder Inge Stark?«

Ein tiefes, glucksendes Lachen. »Mit beiden. Wir sind nämlich ein und dieselbe Person. Die Montfort war ich früher, jetzt bin ich eben die Stark und im nächsten Leben wer weiß wer.«

Oh je, das kann schwierig werden. Zumindest sind Zweifel angebracht, ob der Dame nicht eine Tasse im Schrank fehlt. Iris denkt einen Moment daran, das Gespräch zu beenden, wird aber von Frau Stark mit dem Hinweis überrascht, dass sie ihr vielleicht trotzdem helfen könne. Für ihren Gast sei es jetzt ohnehin zu spät, selbst wenn er noch käme, würde sie ihn nicht mehr empfangen. Sie habe also etwas Zeit für eine Tasse Tee und eine kleine Unterhaltung.

Warum nicht? Neugierig ist Iris schon und man weiß ja nie, ob sich nicht doch noch ein Steinchen für das Mosaik findet. Also akzeptiert sie dankend und folgt Frau Stark. Der dezente, warme Farbton des Flurs findet sich auch im Wohnzimmer, allerdings weder die Quelle der Musik noch des Duftes. Auch die gesamte Erscheinung von Frau Stark wirkt in dieser Umgebung mit dem modernen Mobiliar merkwürdig deplatziert. Diese hat offenbar die Überraschung ihres Gastes gespürt und deutet auf ein Sofa. »Setzen Sie sich doch bitte. Sie überlegen gerade, wie das alles zusammenpasst. Habe ich recht?«

»Stimmt. Sieht man es mir an?«

»Überhaupt nicht. Ein Pokergesicht ist nichts gegen das Ihrige. Das bringt der Beruf wohl mit sich. Nein, ich kann Gedanken lesen.«

Iris zieht die Brauen hoch. »Tatsächlich?«

Wieder dieses glucksende Lachen. »Tatsächlich. Nicht immer, aber ziemlich oft, wenn ich mich entsprechend konzentriere. Bei Ihnen ist es allerdings nicht schwer, da brauche ich nur eins und eins zusammenzählen. Zwischen meinem Aussehen und der Umgebung besteht eine Diskrepanz. Und das gibt Ihnen zu denken.«

»Stimmt. Würden Sie mir den Grund dafür verraten?«

»Ganz einfach. Ich habe jemanden erwartet, der erwartet, dass ich so aussehe, wie ich jetzt aussehe. ­Wissen Sie, manche Menschen verbinden ein bestimmtes Erscheinungsbild mit einer Wahrsagerin.«

Sie blickt zu Iris, die jedoch keine Miene verzieht. »Ich sage Wahrsagerin, weil diese Menschen mich so bezeichnen und für sie bin ich in dieser Aufmachung einfach glaubwürdiger. Meine Klientin, die hätte kommen sollen, gehört dazu und wäre auch in ein Zimmer geführt worden, das ihren Vorstellungen entspricht.«

Eine gewiefte Scharlatanin, denkt Iris, eine, die ihr Handwerk versteht, die genau weiß, wie sie vorgehen muss, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

»Sie halten mich für eine Betrügerin, ich spüre es deutlich, aber ich sage Ihnen, so ist das nicht. Mir wurde die Gabe in die Wiege gelegt, hinter das zu schauen, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, denn hinter unserer Realität existieren andere Welten. Mit Hilfe von Konzentration und Meditation kann ich sie betreten, Zusammenhänge herstellen, die sonst im Verborgenen blieben und Menschen, die sich mir anvertrauen, beim Bewältigen von Lebenskrisen helfen. Wie gesagt, vielleicht kann ich auch Ihnen bei der Aufklärung des Verbrechens helfen. Wenn Sie möchten, werde ich mich damit beschäftigen.«

Du lieber Himmel! Auf was hatte sie sich da eingelassen? Diese Frau scheint wirklich von ihren Fähigkeiten überzeugt zu sein, wohingegen Iris mehr denn je davon überzeugt ist, dass es bei ihr wohl nicht ganz richtig tickt. Ihr Besuch war anscheinend verlorene Zeit. Sie beschließt, dem Gespräch ein Ende zu machen, bedankt sich höflich für das überaus freundliche Angebot, lässt ihre Karte zurück und ist froh, als die Wohnungstür hinter ihr zufällt.

Bei den zwei anderen Wohnungen hat sie ebenfalls keinen Erfolg. Es scheinen auffallend wenige Bewohner zu Hause zu sein oder man hat kein Interesse, Besuch zu empfangen. Auf der Treppe zum nächsten Stock bemerkt sie ein leises Zischen und schaut sich irritiert um. Nichts, was für das Geräusch verantwortlich sein könnte. Ihr Blick fällt auf den weiß lackierten, geschlossenen Schacht in der Mitte des Treppenhauses, dem sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Sie legt die Hand daran. Kein Zweifel, da ist ein leichtes Vibrieren. Was könnte das sein? Ein Versorgungsschacht vielleicht? Aber für was? Merkwürdig, notiert sie im Geist, das muss ich Thomas erzählen.

Im dritten Stock öffnet ein alter Mann, unsicher auf seinen Stock gestützt. Ein riesiger Hund drängt sich an ihm vorbei und knurrt Iris warnend an, woraufhin diese sofort respektvoll einen Schritt zurück tritt. Es dauert eine Weile, bis der Mann ihr Anliegen verstanden hat, denn mit seinem Hörgerät kommt er nicht zurecht. Es pfeife. und sei schon ein paar Mal neu eingestellt worden, ohne jeden Erfolg. Es müsse halt ohne gehen. Nein, er habe nichts bemerkt, das weiterhelfen könnte. Das Schlafzimmer gehe zwar nach hinten, aber trotz seines schlechten Gehörs müsse er Ohrstöpsel nehmen, weil seine Frau so schnarche. Die sei einkaufen, jetzt wo der Ansturm auf die Geschäfte vorbei sei, aber mitbekommen von dem Mord habe sie bestimmt nichts, sonst wüsste es schon die ganze Nachbarschaft.

In den beiden anderen Wohnungen rührt sich wiederum nichts. Das scheint eine magere Ausbeute zu geben und bedeutet einen weiteren Besuch am nächsten Tag. Im vierten Stock wird die Tür von einer hübschen Frau um die vierzig geöffnet, die ihr Kopftuch zurechtzieht. Kinderlachen dringt aus der Wohnung und gleich da­rauf erscheint ein Mädchen neben ihrer Mutter.

»Frau Yilderim«, Iris hat vorher das Türschild mühsam entziffert, »ich bin von der Polizei.« Sie streckt ihr den Ausweis entgegen. »Es geht um den Vorfall in Ihrem Hof. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«

»Fragen Sie lieber mich.« Die Kleine drängt sich in den Vordergrund. »Mama spricht nicht so gut Deutsch. Ich kann ihr aber übersetzen.«

Die Frau nickt. »Samira, meine Tochter.«

»Samira, das ist aber schön, dich zu treffen, und das«, sie deutet auf das andere Mädchen, welches gerade hinzukommt, »ist bestimmt Yasmin.«

»Woher wissen Sie das?« Ein erstaunter, aber auch vorsichtiger Blick gleitet über die Polizistin.

»Keine Zauberei. Ich kann nicht wahrsagen. Aisha hat mir von euch erzählt. Bei der war ich nämlich schon.«

Samira kichert. »Und Sie waren auch bei Charly.«

»Charly, wer ist das denn?«

»Na Charlotte und Inge, wir sagen Charly zu ihr. Sie macht uns manchmal einen Tee. Sie ist sehr nett. Und sie weiß eine Menge.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, wer mein Fahrrad geklaut hat. Nicht den Namen, aber wie er aussieht. Und dann habe ich ihn auf der Straße wiedererkannt. Ich bin ihm nachgegangen und als er sich in ein Café setzte, hab’ ich einen Polizisten angesprochen. Die gehen hier rum.«

»Und?«

»Er hat gefragt, ob ich sicher wäre und da hab’ ich ja gesagt, weil Charly ihn ja genau beschrieben hat. Aber er hat gesagt, da kann man nichts machen, wenn ich ihn nicht selbst gesehen hätte. Und dann noch, ich soll nicht einfach jemanden verdächtigen, nur weil eine Spinnerin mir diese Idee in den Kopf gesetzt hätte. Aber Charly ist keine Spinnerin. Sie hat auch gesagt, dass Papa wieder zurückkommen würde und dann war er auch wieder da. Mama hat viel geweint in dieser Zeit, aber jetzt ist alles wieder gut.«

»Und wo ist dein Papa jetzt?«

»Noch bei der Arbeit, aber er muss bald kommen.«

»Aisha wartet auch auf ihre Mama.«

»Ja, die kommt auch ungefähr um diese Zeit. Manchmal etwas früher, manchmal etwas später, je nachdem, wie viele da sind.«

Das ist die Chance, Näheres zu erfahren. »Was macht sie eigentlich genau?«

»Hat Aisha Ihnen das nicht erzählt? Sie hat eine Schule für Bauchtanz. Sie kann das nämlich ganz toll. Hat sie von unserer Oma gelernt. Mama auch, aber sie darf das nicht machen. Papa sagt, was er verdient, reicht für uns.«

Na, die Lösung des Rätsels ist ja doch ziemlich unspektakulär, darauf hätte sie auch selbst kommen können. Zwar ist ihre Neugier befriedigt, aber zur Lösung des Falles hat dieses Gespräch nichts beigetragen und auch die weitere Befragung ergibt keine neuen Erkenntnisse. Es ist wohl am besten, ins Präsidium zurückzukehren und ein Protokoll anzufertigen, solange noch alles frisch und präsent ist.

Auf dem Weg zu ihrem Wagen, der gleich um die Ecke geparkt ist, kommt Iris ein junger Mann entgegen, breit grinsend, mit wiegenden Hüften und berührt leicht ihre Schulter. Automatisch zieht sie die Tasche eng an sich. Nordafrikaner, ist sie sich sicher. ­Antänzer. Entweder will er Geld oder Handy oder beides. Er will anscheinend beides, denn als er merkt, dass sie sich nicht irritieren lässt, geht er sofort aufs Ganze und versucht, die Tasche an sich zu reißen. Offenbar erwartet er keinen Widerstand von einer kleinen, zierlichen Person. So nicht mein Lieber, denkt Iris, diesmal hast du dich verrechnet. Sie packt seinen Arm, zieht ihn zu sich und bringt ihn mit einem Schulterschwung mühelos zu Boden. Dort dreht sie den Arm auf den Rücken, kniet sich auf ihn und ruft Verstärkung. Mittlerweile sind Passanten stehengeblieben, ohne Anstalten zu machen, ihr zu helfen, obwohl sie ihre Marke gezogen hat. Im Gegenteil, drei weitere junge Männer, offenbar Freunde des am Boden Liegenden, überqueren die Straße mit drohendem Gesichtsausdruck. Die Sache wird mulmig. Ohne lange zu überlegen zieht Iris die Waffe und richtet sie auf die Näherkommenden. »Sofort stehenbleiben! Polizei. Ich ziele auf die Beine. Sollten Sie sich bewegen, kann ich für nichts garantieren.«

Niemand regt sich. Die Szene ist wie festgefroren. Wahrscheinlich vergeht keine Minute, aber Iris kommt es wie eine Ewigkeit vor, bis sie das Martinshorn und gleich darauf hastige Schritte hört. Zwei Kollegen der Streife sind eingetroffen und nur kurze Zeit später hält auch ein Mannschaftswagen der Polizei.

Iris ist froh, dass die Sache so glimpflich verlaufen ist, macht sich aber keine Illusionen über den Ausgang der Sache. Ein paar Stunden später werden alle wieder auf freiem Fuß sein und ihren Geschäften nachgehen. Das ist gang und gäbe, treibt viele der Kollegen, die im Bahnhofsviertel Dienst tun, zur Verzweiflung. Dealer, vor allem aus Nordafrika und zu einem hohen Prozentsatz Asylbewerber, verkaufen in aller Öffentlich­keit ihre Drogen, begehen Taschendiebstähle, ­Körperverletzungen, werden festgenommen und stehen wenig später wieder am gleichen Platz. Das Misstrauen der Ordnungshüter gegenüber der Justiz nimmt immer größere Ausmaße an. Die einen fühlen sich allein­gelassen, die anderen sind chronisch überlastet durch Stellenabbau und immer mehr Bürokratie, sehen zudem oft keine gesetzliche Handhabe, strenger vorzugehen. Da braut sich einiges an Konflikten zusammen.

Zurück im Präsidium holt Iris sich einen Kaffee und startet den Computer. Ihr persönliches Postfach enthält eine Nachricht von Jenny: »Ich muss mit dir sprechen. Komm bitte nicht zu spät.«

Das klingt ziemlich dringend. Augenblicklich beschließt Iris, das Protokoll auf später zu verschieben. Sie hat Herzklopfen und Pudding in den Knien. Offensichtlich ist ihre Freundin zu einer Aussprache bereit. Die schlimmsten Befürchtungen schießen ihr durch den Kopf. Jenny hat jemand Neues gefunden und will die Trennung. Jenny hat die Diagnose einer gefährlichen Krankheit erhalten. Jenny kommt mit ihrem Studium nicht zurecht und will abbrechen oder sich einen neuen Platz im Ausland suchen.

Sie findet ihre Gefährtin im Bett, zwar blass, aber mit einem Buch in der Hand. Iris atmet auf. So dramatisch kann die Situation also nicht sein, wenn sie sich für Lesestoff interessiert. Als sie allerdings den Titel sieht, kehren ihre Befürchtungen zurück: »Das tibetanische Totenbuch.« Sie setzt sich auf die Bettkante. »Was ist passiert?« Nur ein Blick von unten herauf, keine Antwort. Iris nimmt die Hände ihrer Freundin. »Bitte sag mir, was los ist, ich muss es wissen. Wenn es mit mir zusammenhängt …«

»Nein, nicht mit dir. Oder doch, irgendwie. Du wirst es mir sowieso nicht verzeihen.«

»Ich glaube kaum, dass es etwas gibt, das unverzeihbar wäre. Ich dachte, du vertraust mir.«

Wieder dieser Blick. »Ja, natürlich.«

»Also los, dann lass es raus.«

»Ich habe noch mal mit Gernot geschlafen. Nein, es ist nicht so, wie du denkst. Du weißt ja, wie schlecht es ihm damals ging. Er konnte es einfach nicht ­verkraften, dass ich ihn verlassen habe und schon gar nicht wegen einer Frau. Er rief immer mal wieder an, fragte, wie es mir ginge, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sich alles nur als Irrtum herausstellen würde. Vor ein paar Wochen ließ ich mich darauf ein, ihn zu besuchen, um noch einmal über alles zu sprechen. Das war einer der Abende, wo ich wusste, dass du lange arbeiten musst. Wir haben ein paar Gläser Wein getrunken und er war so ­wahnsinnig unglücklich, fing an zu weinen. Ich nahm ihn in den Arm, um ihn zu trösten. Bis heute weiß ich nicht genau, wie es dazu kam, aber es passierte eben. Ich bin dann weg, sagte ihm vorher, dass ich die Sache bereue und er sich keine weiteren Hoffnungen mehr machen solle.«

Iris zögert einen Augenblick. »Na ja, begeistert bin ich nicht grade, Offenheit wäre mir lieber gewesen.«

»Zuerst wollte ich es dir ja auch sagen, habe mich aber nicht richtig getraut und es immer vor mir hergeschoben. Und dann ging es gar nicht mehr.«

Iris hebt die Augenbrauen.

»Ich wurde an diesem Abend schwanger.«

Jetzt allerdings verschlägt es ihr die Sprache. Schwanger. Von ihrem Ex. Das hat grade noch gefehlt! Sie versucht, sich das künftige Leben zu dritt vorzustellen, aber es will ihr nicht gelingen.

»Kamst du denn nicht auf die Idee, zu verhüten?«

»Nein, kam ich nicht. Weißt du, wir haben nie verhütet.«

Iris ist verblüfft. »Aber warum denn nicht?«

»Ich hatte dir ja gesagt, dass Gernot ein ganzes Stück älter ist als ich. Seine frühere Freundin wünschte sich ein Kind und er war damit einverstanden. Es klappte aber nicht. Also beschlossen sie, der Sache auf den Grund zu gehen und es stellte sich heraus, dass der größte Teil von Gernots Spermien nicht lebensfähig ist und eine Schwanger­schaft an ein Wunder grenzen würde. Seine Freundin wurde tatsächlich in den sechs Jahren ihrer Beziehung nicht schwanger und ich glaube, dass dies auch der Trennungsgrund war. Als wir uns kennenlernten, verheimlichte er die Geschichte nicht und ehrlich gesagt war ich nicht unglücklich darüber. Ein Kind kam für mich zu dem damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht in Frage und ich war froh, nicht die Pille nehmen zu müssen.«

»Aber jetzt hat sich das geändert?«

Jenny schüttelt den Kopf. »Nein. Ich bin mit dir glücklich, so wie es ist und über den Nachwuchs musst du dir auch keine Gedanken mehr machen.«

»Du hast abgetrieben?«

»Ja, heute. Und die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Den Ausschlag gab der Befund, dass aufgrund einer Beckenfehlstellung die Schwangerschaft mit großen Risiken behaftet sei und damit die Indikation zum Abbruch vorläge.«

»Aber warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?«

»Ich wollte dich nicht damit belasten und denke auch, dass es gut so war. Damit musste ich allein klar kommen.«

Beide schweigen eine Weile und hängen ihren eigenen Gedanken nach. Dann zieht Iris ihre Freundin an sich. »Wie konntest du nur glauben, dass ich dir nicht verzeihen würde? So oder so, auch bei der Entscheidung, das Kind zu behalten, hätten wir eine Lösung gefunden. Wichtig ist doch, dass wir einander lieben und zusammen bleiben wollen. Alles andere ist sekundär. Eins möchte ich aber noch wissen: Wieso das tibetanische Totenbuch?«

»Um Abschied zu nehmen. Dort stehen Worte, die den Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits begleiten und vor Gefahren schützen. Es ist mir ein Trost, sie zu lesen.«

5

Es ist kurz vor fünf, etwas zu früh, als Laura im Restaurant eintrifft, dem ehemaligen Salon eines Herren­hauses, malerisch auf einer kleinen Anhöhe einige Kilometer nördlich von Frankfurt im Vordertaunus gelegen. Der letzte wichtige Umbau erfolgte zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, das Haus jedoch ist wesentlich älter und geht auf eine mittelalterliche Klosteranlage zurück. Einem verheerenden Brand während des Dreißigjährigen Krieges fielen Kirche und Nebengebäude zum Opfer, das Haupthaus mit den Unterkünften, dem Dormitorium und ­Refektorium blieben jedoch erhalten, wurde säkularisiert und in den folgenden Jahrhunderten immer wieder verändert und zu unterschiedlichen Zwecken genutzt.

Laura hat sich für ein Taxi entschieden und erreicht über eine geschwungene Auffahrt den Haupteingang, wo der Wagen halten und anschließend direkt weiterfahren kann. Ursprünglich für Kutschen angelegt, um ihnen das Wenden zu ersparen, bietet sich nun Autofahrern eine bequeme Möglichkeit, Insassen, die nicht gut zu Fuß sind, aussteigen zu lassen und dann den nahegelegenen Parkplatz anzusteuern.

Wie jedes Mal, wenn sie hier eintrifft, bleibt sie zunächst im weitläufigen Vestibül stehen, um sich am Anblick der Kristalllüster, der Samtportieren und des Stucks zu erfreuen. Hier ist sie noch zu spüren, die Welt des Großbürgertums, dessen Einkommensverhältnisse solch einen Empfangsraum gestatteten. Mit Sicherheit wäre in früheren Zeiten sofort ein distinguierter Butler erschienen, der sich zunächst der Garderobe angenommen hätte, um dann vorauszuschreiten und die Ankömmlinge den Herrschaften anzukündigen. Nun, das ist Geschichte, heute kümmern sich Mitglieder des Servicepersonals um die Gäste. Wäre Laura später erschienen, hätte man sie sofort in Empfang genommen, aber jetzt wird noch niemand erwartet und so macht sie sich allein auf den Weg ins Restaurant. Nur wenige Schritte ist sie gegangen, als ihr bereits Johannes Lindner, der Sommelier, entgegenkommt. Ein Signalgong, der beim Überschreiten der Schwelle vor der regulären Öffnungszeit ertönt, hat ihm ihre Anwesenheit angezeigt. Die beiden kennen sich schon viele Jahre, ja, man kann sagen, sie sind zusammen alt geworden. Er arbeitet seit einer Ewigkeit in diesem Haus, ohne jemals den Drang verspürt zu haben, sich eine andere Stelle zu suchen. Auch die Stammgäste würden es als großen Verlust empfinden, nähme jemand anderes seine Position ein – genau wie Laura. Obwohl man sich nicht häufig sieht, ist ein freundschaftliches Verhältnis entstanden.

Jetzt kommt er mit ausgestreckten Armen auf sie zu. »Wie schön, dass du wieder der Einladung gefolgt bist. Jetzt haben wir etwas Zeit, ein paar Worte miteinander zu wechseln, bevor der Sturm losbricht. Wie geht es dir?« Und gleichzeitig abwinkend: »Diese Frage brauche ich nicht zu stellen. Dein Aussehen spricht für sich. Über das Alter einer Dame zu sprechen, gehört sich nicht, aber sei versichert, dass du in deiner Liga nicht viel Konkurrenz hast.«

»Ich würde dir das gerne zurückgeben, wenn es nicht so klänge wie: für dein Alter siehst du aber noch gut aus“, neckt sie ihn, „denn das empfinde ich nicht gerade als Kompliment.«

»Wie kannst du nur so etwas sagen?« Er zieht sie an sich und küsst beide Wangen. »Du weißt doch, dass ich immer ein glühender Verehrer von dir war.«

Jetzt lacht Laura laut auf. »Lass das bloß nicht André hören, sonst reicht er noch die Scheidung ein.«

»Wird etwa von mir gesprochen?« Unbemerkt ist Johannes’ Gatte durch eine Seitentür hinzugetreten. »Was soll ich nicht hören?«

Laura lächelt ihn an. »Alles im grünen Bereich. Es ging nur um die überaus liebenswürdige Feststellung, dass Alter und Attraktivität sich nicht notwendigerweise ausschließen müssen.«

»Nun, das steht ja wirklich außer Frage.« Anmutig tänzelt er ein paar Schritte zurück, stützt die rechte Hand auf eine Konsole, die Linke in die Hüfte. »Allerdings muss man auch etwas dafür tun.« Er wirft den Kopf zurück, deutet auf sein Haar. »Hier fängt es schon an.« Und mit einem Augenzwinkern zu Laura: »Wie gut, dass wir zu den Menschen gehören, die niemals ergrauen.«

»Da kann ich nur beipflichten, obwohl Christoph mir immer das Lied vom Akzeptieren des Alters sang. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um mein Äußeres zu optimieren. Wobei ich betone in meiner Macht, denn unters Messer lege ich mich bestimmt nicht.«

»Gut, dass du das erwähnst. Ich habe nämlich manchmal das Gefühl, dass André darüber nachdenkt. Und das«, er legt seinem Partner liebevoll die Hand auf die Schulter, »hat er ja nun wirklich nicht nötig.«

Ein merkwürdiges Paar. Laura verkneift sich mit Mühe ein Grinsen. Johannes, ein hoch gewachsener Mann, ­seinem Namensvetter Hans Albers nicht unähnlich, mit sorgfältig gescheitelten, silbergrauen ­Haaren, vermittelt in seinem tadellos sitzenden, schwarzen Anzug, an dessen Revers die goldene Traube, das Erkennungs­zeichen der Sommeliers, steckt, den Eindruck eines Gentleman der alten Schule, während André, unablässig in Bewegung wie ein Kolibri, auch dessen leuchtende Farben übernommen hat. Dunkelbraune Haare umrahmen in weichen Locken das schmale Gesicht, geschmückt von einem längst aus der Mode gekommenen Menjoubärtchen. Ein Seidenschal in sattem Violett ist um seinen Hals geschlungen und verschwindet im fliederfarbenen Hemd. Das Jackett ist weiß mit azurblauem Einstecktuch, einzig die Hosen sind als Zugeständnis an seine Position in klassischem Schwarz gehalten. Mittelgroß von Statur hat er sich eine geschmeidige Schlankheit bewahrt und ist vom Alter her kaum einzuschätzen. Wenn Laura nicht wüsste, dass das Paar gleichaltrig ist, würde sie ihn für jünger halten.

Die beiden sind nun schon seit über acht Jahren zusammen. Es war Liebe auf den zweiten Blick. Obwohl sie sich bereits einige Jahre kannten, funkte es erst als André, letzter Abkömmling einer ehemals verzweigten und wohlhabenden Familie, nach dem Tod seiner Mutter das Anwesen übernahm. Sie hatten nun oft miteinander zu tun und kamen sich zu ihrer eigenen Überraschung, sowie dem großen Erstaunen der Mitarbeiter, näher als vermutet. Letzteren war zwar Andrés sexuelle Orientierung durch seine häufigen Besuche nicht verborgen geblieben, da er nie einen Hehl daraus machte, aber niemals hätte jemand die gleiche bei Johannes vermutet. André war es auch zuzuschreiben, dass die Beziehung öffentlich wurde, da es keinesfalls in seiner Absicht lag, sich zu verstecken. Es hatte eine Weile gedauert Johannes, der sein Privatleben konsequent abschirmte, davon zu überzeugen, dass Offenheit der bessere Weg sei, um Gerüchten von vornherein die Grundlage zu nehmen. Wie sich bald herausstellte, war die Entscheidung goldrichtig, denn ihr Ansehen wurde in keinster Weise geschmälert. Auch den Mitarbeitern wäre es im Traum nicht eingefallen, eine despektierliche Bemerkung zu machen, denn es ist ein Privileg, in diesem Haus zu arbeiten und Diskretion ist ohnehin oberstes Gebot.

Allerdings wissen nur ganz wenige Gäste, die zum Freundeskreis zählen, von der Verbindung. Obwohl das Paar sie nicht verschweigt, wird sie auch nicht an die große Glocke gehängt, zumal ihre ­Aufgabenbereiche ohnehin unterschiedlich sind: Andrés Mutter, in deren Händen alle Fäden zusammenliefen, hatte ihren Sohn nach der Diagnose eines fortgeschrittenen Leberkarzinoms gebeten, die Geschäftsführung von Restaurant und Hotel zu übernehmen und er hatte es nicht übers Herz gebracht, abzulehnen. Keine einfache Entscheidung, denn als Geschichtswissenschaftler war er für die Redaktion des Feuilletons einer überregionalen Zeitung zuständig. Die Zusage, im Status eines freien Mitarbeiters weiter an deren Gestaltung mitwirken zu können, hatte den Ausschlag gegeben. ­Glücklicherweise blieb Zeit für eine gründliche Einarbeitung, sodass er nach dem Ableben seiner Mutter für die Aufgabe gerüstet war.

Johannes berührt Laura leicht am Arm. »Nun, wie sieht es aus, wollen wir ein Gläschen Champagner nehmen, bevor wir in die Unterwelt hinabsteigen?«

Sie winkt ab. »Nein, lieber nicht. Es gibt nachher noch genug Alkohol. Ich bin leider nicht diszipliniert genug, den Probeschluck wieder auszuspucken, wenn mir ein Wein besonders gut gefällt. Außerdem freue ich mich auf die Privatführung zu den Kostbarkeiten.«

Gut, dass wir nicht wirklich hinabsteigen müssen, denkt Laura, als der geräumige Aufzug ein Stockwerk tiefer gleitet, meinem Knie wäre das nicht gut bekommen. Kühle Luft schlägt ihnen entgegen, als sich die Tür öffnet und Laura zieht unwillkürlich ihren Mantel etwas enger um sich. Mehr als fünfzehn Grad werden es wohl nicht sein. Ein Glück, dass sie mit der Kleidung vorgesorgt hat, auch wenn die Temperatur im Probierraum etwas höher liegen dürfte.

Johannes hat die Führung übernommen. Seine weit ausholende Geste umfasst das ausgedehnte Gewölbe. »Mein Reich.« Stolz schwingt in seiner Stimme mit. »Du kennst es ja bereits.«

Ja, Laura kennt es und kann seinen Stolz nachvollziehen. Die Anzahl der Flaschen ist atemberaubend, aber noch atemberaubender ist, dass ihr Begleiter jede einzelne kennt, sie in der Hand gehalten, das Etikett betrachtet und Rückschlüsse auf den Inhalt gezogen hat. Er ist für den Einkauf und die optimale Lagerung verantwortlich. Weine aus ganz Europa sind hier versammelt, aber auch solche aus Kalifornien, ­Argentinien, Brasilien, Chile, Australien, Südafrika und Neuseeland, wo in den letzten Jahren riesige Kulturflächen mit Reben entstanden sind. Wenn auch ein großer Teil der Produktion zu gefälligen Industrieweinen verarbeitet wird, so sind doch auch Tropfen von ausgezeichneter Güte dabei, wie selbst Christoph zugeben musste, der oft genug monierte, dass ein großer Teil der Rotweine ›marmeladig‹ schmecke. »Die reinsten Fruchtbomben«, war sein häufig wiederkehrender Kommentar, »längst nicht so facettenreich wie die hiesigen Gewächse.« Laura jedoch konnte sich damit anfreunden, ihr gefallen die schweren Geschütze ausgesprochen gut zu kräftigen Fleischgerichten. Dies mag allerdings auch darauf beruhen, dass ihr kein so differenzierter Geschmacks- und Geruchssinn wie ihrem verstorbenen Mann und Johannes gegeben ist. Die beiden jedenfalls waren sich in ihrer Einschätzung einig und öffneten im privaten Rahmen nur in Ausnahmefällen einen Wein aus Übersee.

Als sie den größten Teil des Kellers durchschritten haben, deutet Johannes nach rechts. »Hier entlang. Um die Ecke gibt es ein kleineres Nebengewölbe, von dem man vermutet, dass es früher als Eiskeller diente.«

Nur wenige Schritte sind sie gegangen, als der Sommelier so abrupt innehält, dass seine Begleiterin fast gegen ihn prallt. »Was zum Teufel …« Er beugt sich vornüber. »Das darf doch nicht wahr sein! Sieh dir diese Bescherung an.«

Laura drängt sich an ihm vorbei und nimmt die Bescherung in Augenschein. Direkt hinter dem Eingang der offen stehenden, schmiedeeisernen Tür liegen in einer riesigen Pfütze die Überreste einer Weinflasche, von der nur das untere Drittel mit dem dicken Boden heil geblieben ist. Vorsichtig, um sich nicht die Schuhe zu beschmutzen, tritt sie hinzu und dreht mit spitzen Fingern eine Scherbe mit dem größten Teil des Etiketts nach oben.

»Ach du lieber Himmel!« So viel versteht sie von Wein, um einschätzen zu können, dass hier eine Menge Geld vernichtet wurde. »La Tache, Jahrgang 1961. Das ist ja wirklich ein Malheur. Burgund, wenn ich mich nicht irre?«

Es dauert einen Moment, bis Johannes die Sprache wieder findet. »Ja, Côte de Nuits, einer der teuersten Weine überhaupt. Viele dieses Jahrgangs gibt es nicht mehr. Wir wollten ihn irgendwann auf einer Auktion versteigern lassen. Einige Tausender hätte er auf jeden Fall gebracht.« Er fährt sich mit beiden Händen durch die Haare, sucht nach Worten. »Er war mir anvertraut, ich bin für ihn verantwortlich. Es ist mir völlig unbegreiflich, wie das passieren konnte. Nur ganz wenige haben einen Schlüssel. Ich natürlich, André und ­Marcel, der Küchenchef. So viel ich weiß, war keiner von beiden in der letzten Zeit hier und bei mir ist es auch schon eine Weile her.«

»Wieso Marcel? Der hat doch eigentlich hier unten nichts verloren.«

»Eigentlich nicht, aber auch er schätzt edle Tropfen und kauft ab und zu einen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet. Sein Keller eignet sich nicht zur Lagerung und so bot ich ihm an, die Flaschen hier aufzubewahren.« Er deutet auf ein kleineres Regal. »Die gehören ihm. Es sind interessante Sachen dabei.«

Vorsichtig die Pfütze umgehend nähert sich Laura den Flaschen und betrachtet die Etiketten ohne sie zu berühren. »Überwiegend Bordeaux und viele aus den 80er Jahren«, stellt sie fest.

Johannes nickt. Er hat die Fassung wiedergewonnen. Das Gespräch über sein Lieblingsthema gibt ihm Sicherheit zurück. »Ja, das beste Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Außer 1984 – und auch der ist teilweise noch gut in Form, obwohl gegenteilig prognostiziert – alles sensationelle Jahrgänge, im tradierten Stil ausgebaut.«

Sie erinnert sich daran, dass auch Christoph von einem neuen Stil sprach, der sich Ende des ­vergangenen Jahrhunderts durchgesetzt habe, war aber nicht weiter in die Materie eingedrungen. Jetzt allerdings ergreift sie die Gelegenheit, nachzufragen. »Was ist heute anders?«

»Um die Weine dunkler und dichter zu machen, konzentriert man den Most durch Wasserentzug. Das bedeutet, dass nicht nur der Zuckergehalt höher ist, sondern auch die Säure, die Inhalts-, Farb- und Aroma­stoffe. Die Bordeaux früher Zeiten wiesen niemals den intensiven, fast ins Violette spielenden Rotton auf, sondern waren wesentlich heller. Engländer, als große Liebhaber dieser Weine, bezeichneten sie als ›Claret‹ und bis heute hat sich dieses Synonym für Bordeaux im anglophonen Raum erhalten.«

»Ich verstehe. Allein daran kann man also schon mal eine grobe Datierung vornehmen.«

»Genau. Es gibt natürlich eine ganze Menge weiterer Kriterien der Zuordnung.«

»Von denen mir zumindest eines geläufig ist«, fügt Laura an. »Meistens erkenne ich, ob ein Wein rechts oder links der Rhone angebaut wird. Die von der rechten Seite mag ich lieber, weil der Merlotanteil höher ist.«

»Ich weiß, was du meinst. Sie sind etwas gefälliger, sanfter. Viele Damen sind der gleichen Meinung, was wohl damit zusammenhängen mag«, er lächelt charmant, »dass euch die gleichen Attribute auszeichnen.«

Laura ist noch immer mit dem Studium der Etiketten beschäftigt, als ihr plötzlich etwas auffällt. »Schau mal.« Sie deutet auf eine Flasche. »Die muss erst letztens rausgenommen worden sein. Ihre Staubschicht ist völlig verwischt.«

»Tatsächlich. Es sieht Marcel überhaupt nicht ähnlich, so unvorsichtig mit seinen Preziosen umzugehen. Château Canon 1947. Ausgezeichneter Jahrgang. Könnte durchaus noch gut trinkbar sein. Vielleicht hat er die Flasche neu verkorkt und deshalb herausgenommen. Das ist die einzige Möglichkeit, die mir einfällt. Aber wie dem auch sei, wenigstens ist sie noch heil und wird ihm irgendwann Freude machen, egal ob er sie selbst öffnet oder weiterverkauft. Ich frage mich nur, was mit dem Burgunder geschehen ist. Von allein ist er mit Sicherheit nicht aus dem Regal gerutscht. Irgendjemand hatte seine Hand im Spiel. Wer und warum ist mir allerdings ein Rätsel.«

»Vielleicht, um ihn zu stehlen«, schlägt Laura vor. »Ich denke an jemanden, der sich sehr gut mit Wein auskennt. Schließlich hat er zielstrebig mit zum ­teuersten gegriffen, der hier unten zu finden ist. Und das wiederum weist auf jemanden hin, der mit der Materie vertraut ist. Wie viele kennen sich denn hier aus?«

»Du hast in allen Punkten recht und genau das ist es auch, was mich so irritiert. Natürlich hat das Servicepersonal Zutritt, denn wir verkaufen jeden Abend einiges an Flaschenweinen und ich habe nicht immer die Zeit, sie heraufzuholen. Aber dieser Teil wird durch eine Tür gesichert, die immer verschlossen ist.«

»Und wenn die Tür durch ein Versehen nicht verschlossen war? Dann hätte jeder hineinspazieren und sich bedienen können. Nein«, Laura ignoriert die abwehrend erhobenen Hände, »sag nicht, das ist unmöglich. Wie oft ist man total davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben und das Gegenteil ist der Fall. Mir ist das vor ein paar Tagen so gegangen. Ich hätte schwören können, mein Auto wie immer abgeschlossen zu haben und als ich einsteigen wollte, waren alle Türen offen. Nur ein Glücksfall, dass nichts weggekommen ist. Was hast du jetzt vor? Willst du die Polizei informieren?«

Johannes zuckt unschlüssig mit den Schultern. »Ich weiß nicht genau, vielleicht sollte ich zunächst versuchen, die Sache intern zu klären.«

»Das würde ich dir ehrlich gesagt nicht empfehlen. Jetzt können noch Spuren gesichert werden. Eigene Recherchen dauern eine Weile. Du müsstest die Tür wieder verschließen, was bedeutet, dass Scherben beiseite geschoben werden, deren Lage möglicherweise Hinweise geben. Ein paar tausend Euro sind ja schließlich kein Pappenstiel. Ihr seid doch versichert?« Johannes nickt. »Selbstverständlich.«

»Also, dann muss auf jeden Fall Anzeige erstattet werden, ansonsten wird es Schwierigkeiten mit der Versicherung geben. Wenn ich es richtig sehe, kann das Debakel auch noch nicht lange her sein.« Sie bückt sich, um mit dem Zeigefinger in die Lache zu tupfen. »Siehst du, frisch. Da ist noch nichts eingetrocknet.« Sie zögert einen Moment. »Obwohl Luftfeuchtigkeit und Temperatur natürlich Einfluss haben. Ich will mich lieber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, vielleicht sind doch schon ein oder zwei Tage vergangen. Übrigens sieht es so aus, als hätte jemand halbherzig versucht, den Boden zu säubern«, sie deutet auf Wischspuren, »es aber dann wieder aufgegeben. Und schau mal, hier ist sogar der Teil eines Schuhabdrucks. Vielleicht kann der ja auch weiterhelfen.«

»Wenn auch ungern, muss ich zugeben, dass mir deine Argumente einleuchten. Auch im Ruhestand kannst du deinen früheren Beruf nicht verleugnen. Außer­dem ist mir gerade noch etwas aufgefallen. Es riecht irgendwie merkwürdig.«

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Volume:
231 p. 3 illustrations
ISBN:
9783948972011
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