Read the book: «Begegnungen im DDR-Knast»
Artur Weiß
BEGEGNUNGEN IM DDR-KNAST
Sittlichkeitsdelikte im DDR-Strafvollzug und -Strafrecht
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Mein Bedürfnis
Neuanfang 1945 in der Russischen Zone
Folterhafte Taktik in der U-Haft
Gespräche mit Tätern und Sonstiges
Geteiltes Leid und Freude
Arbeit in der Küche
Der Weg und Begleiterscheinungen bis zum Mord
Die Strafe für den Henker
Vorbereitung zu meiner Gerichtsverhandlung
Auf dem Weg zum Strafvollzug
Sie hat mich nicht ernst genommen
Zur DDR Amnestie am 13.10.1972
Einzug in Berlin Rummelsburg
Bodos geheime Familie
Der Alltag hinter Gittern
Bodo startet durch
Gnadenlose Bestrafung in der JVA
Wilceks schamlose Sittentat
Arbeiten in ZW und Sonstiges
Wie Fred zum Täter wird
Freds Handeln endete blutig
Sabotage bei Bauabnahme
Gitter für ein Gerichtsgebäude und Alltägliches
Hilfe für einen jungen Täter
Baustelle Gitterwerk Berlin
Silvias Rache
Der Neuzugang
Meinungen von Täter zu ihrer Tat
Der Bau einer Turnhalle
Schlusswort
Weitere Bücher
VORWORT
In meiner Generation war das Zusammenleben von Mann und Frau ein Tabu-Thema, über das gar nicht oder kaum gesprochen wurde. Es wurde streng darauf geachtet, dass wir Kinder bei solchen Gesprächen nicht zugegen waren. Es kam nicht selten vor, dass, wenn Eltern ihre Tochter nach ihrem Freund befragten, es ihr die Schamröte in das Gesicht trieb. Wir Kinder sahen unsere Eltern niemals völlig entblößt. Dieses Schamgefühl ist auch auf uns Kinder übergegangen. Das hat sich erst im Erwachsenwerden leicht geändert. Auch die Beziehungen der Geschlechter untereinander war für uns Neuland. Im Besonderen die Beziehungen Gleichgeschlechtlicher, das ist für mich heut noch unakzeptabel. Das ist für mich und viele andere nicht mit dem Glauben in Einklang zu bringen, weil es da heißt: „Liebet und vermehret euch“. Leider sind diese Werte bei vielen über Bord gegangen, und Jüngere widmen sich stattdessen nur ihrem Vergnügen. Das DDR-Strafrecht hat über Homo und Sitte besonders streng geurteilt. Was unter dem Begriff Sittlichkeit (Sitte) alles möglich ist, habe ich in der U-Haft und später im Gefängnis aus Gesprächen und Akten Verurteilter entnommen. Manches habe ich auch beobachten können. Warum ich mit einer hohen Haftstrafe in Berlin Rummelsburg eingezogen bin und mich mit dem Thema Sittlichkeit befasse, wird in diesem Buch zu lesen sein. Um alle beschriebenen Ereignisse besser verstehen zu können, ist es notwendig zu wissen, wer ich bin und woher ich komme.
Bedingt durch Missernten in Folge herrschte um 1813 europaweit große Hungersnot, dazu brachen noch gefährliche Krankheiten aus, wie Pest, Cholera und andere. Dies bewog Zar Alexander I. zu dem wirtschaftlichen Plan, den notleidenden Menschen zu helfen und gleichzeitig unbebautes Land zu besiedeln. Er bot ihnen das Nomaden- und Steppenland Bessarabien an, was Tausende annahmen und sich auf den Weg gen Osten machten. Dieses verlockende Angebot nahmen auch meine Vorfahren aus Baden-Württemberg (Freudenstadt) an. Sie nutzten dazu die verschiedenen Landwege, aber auch die Donau abwärts nach Galatz oder Ismail. Auf dem Landweg zu Fuß und mit Ochsenkarren erreichten von 2.000 Kolonisten nur 500 das Siedlungsgebiet. Dort empfingen sie die Beamten des Zaren, welche ihnen ihre Privilegien erläuterten. Die Kolonisten wurden registriert und mit Ausweispapiere versehen, das versprochene Steppenland teilten sie ihnen zu. Mit Ochsengespannen und menschlicher Muskelkraft machten sie das Steppenland urbar, was ihnen alles abverlangte. Die fruchtbare Erde ernährte sie 150 Jahre bis zur Aussiedlung 1940 nach Deutschland.

Das Land Bessarabien
Die Aussiedlung aus Bessarabien nach Deutschland, die Ansiedlung in Polen, schließlich durch Krieg, Flucht und Vertreibung wieder in Deutschland angekommen, ist in meinen Büchern ausführlich zu lesen. Auch der Neuanfang 1945 in der damaligen Russischen Zone und das Leben in der DDR Stasidiktatur.

1. Von Bessarabien nach Belzig

2. Die letzten Kinder Bessarabiens
MEIN BEDÜRFNIS
Wenn ein Mann 83-jährig in seinem Leben einige Diktaturen überlebt und in ihnen moralische, seelische Grausamkeiten hat über sich ergehen lassen müssen, ist es schon eine seiner Pflichten, diese Erlebnisse seiner Nachwelt zu übermitteln. Schon als Neunjähriger sind mir 1940 die stalinistischen Gewalttätigkeiten während der Aussiedlung nach Deutschland aufgefallen. Als Kind konnte ich nicht verstehen, warum die Frauen und Mädchen aufgeregt davonliefen, wenn sich betrunkene russische Soldaten auf der Straße lautstark bemerkbar machten. Wenn ich von meiner Mutter den Grund dafür erfahren wollte, wurde mir nur ausweichend geantwortet. Aus dem Verhalten der Erwachsenen und einigen Gesprächsfetzen konnte ich mir früher oder später einen Reim daraus machen. Auf jeden Fall sah ich darin einen unfreundlichen Akt, der den Dorfbewohnern Angst und Schrecken einjagte. Schließlich hatten meine Vorfahren aus Baden-Württemberg 1813 als Kolonisten das Steppenland Bessarabien urbar gemacht. Sie lebten in ihrem Dorf Klöstitz 150 Jahre glücklich und zufrieden auf ihrem eigenen Besitz.
Auch mein Leben begann hier und es war mir ein Bedürfnis, in Klöstitz weiter zur Schule zu gehen wie meine Vorfahren und Eltern. Wir vier Geschwister waren in der Zeit 1931 bis 1939 auf dem elterlichen Bauernhof geboren. In der Klöstitzer Kirche wurden wir getauft, unsere Eltern, Alfred und Anna Maria Weiß geb. Messinger, waren in ihr auch getraut. Als Ältester war ich, Artur, 1937 in einer Rumänischen Schule eingeschult worden. Zu dieser Zeit gehörte Bessarabien zu Rumänien, musste aber durch ein Ultimatum Stalins kurzfristig von den Rumänen geräumt werden. Somit übte Russland wieder Macht über Teile der Ukraine und Moldawien aus. Die politische Entwicklung 1940 führte dazu, dass ein Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin geschlossen wurde. Dieser beinhaltete unter anderem die Aussiedlung der Bessarabien-Deutschen in das Deutsche Reich. Das Eigentum der Bessarabier musste bis auf persönliche Dinge zurückgelassen werden, das bedeutete nicht nur das tote, sondern auch alles lebende Inventar. Alle Dorfbewohner waren schlagartig mittellos, mich traf es als Kind besonders hart, weil ich mich von meinem bulgarischen Hirtenhund Tschornig trennen musste. Nicht nur unsere Eltern, sondern auch wir Kinder hatten das Lachen verlernt und unsere Augen glänzten nicht mehr.

So verließen die Klöstitzer Bauern, somit auch mein Vater, ihre Heimat.
Am Morgen des 30. September 1940 begann für die Klöstitzer der Abschied von ihrem Dorf. Mit Pferd und Wagen ging es zum Donauhafen Galatz. Die Männer machten mit ihren Wagen den Anfang der Umsiedlung nach Deutschland. Es folgten die Frauen mit ihren Kindern in Bussen und auf LKW. Es ereigneten sich herzzerreißende Abschiedsszenen am Wegesrand, bis sich dann die Fahrzeuge in Gang setzten. Ich hatte ein großes Problem mit meinem bulgarischen Hirtenhund Tschornig, der unserem Bus nachlief, bis ihn der aufgewirbelte Steppenstaub verschlang. Es tat mir in der Seele weh und meine Tränen konnte ich nicht zurückhalten. Es war eine Tragödie zu sehen, wie das freigelassene Vieh umherirrte. Da wünschten sich sicherlich alle, in unserem Dorf Klöstitz zu bleiben. Noch hörten wir den Glockenklang der Klöstitzer Kirche, bis ihn das Motorengeräusch des Busses übertönte. Die Weiterfahrt nach Galatz, wo uns die Donauschiffe erwarteten, wurde mit Klagen und Weinen der Frauen und Kinder begleitet.

Pastor Immanuel Baumann verabschiedet die letzten Klöstitzer.
Am späten Nachmittag erreichten Busse und LKW den Donauhafen Galatz, wo die Umsiedler in bereitliegenden Schiffen an Bord gingen. Es herrschte drangvolle Enge an Bord, zumal noch die Väter der Familien hinzukamen. Kurzfristig kam Freude auf, waren doch die Familien wieder vereint. In die Freude des Zusammenseins hinein ertönten die Schiffssirenen und ein Schiff nach dem anderen nahm donauaufwärts Fahrt auf. Diese endete nach zwei Nächten und einem Tag in Serbien bei Belgrad. Nach einer Woche Lagerleben ging es mit der Eisenbahn in das Deutsche Reich, wieder in ein Lager. Das Lagerleben in Mülhausen Thüringen dauerte bis 1941. Dann siedelte das NS-Regime die bessarabischen Bauern im besetzten Polen an.

Heute beleben moderne Schiffe die Donau

Dampfschiffe brachten 93.000 Bessarabiendeutsche 1940 nach Semlin (Serbien)
Das Leben im besetzten Polen endete wegen des Krieges gegen Russland im Januar 1945. Als Familie ohne unseren Vater mussten wir uns mit Pferd und Wagen am 04. 01. 1945 auf die Flucht nach Deutschland begeben. So verloren wir zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren unsere Heimat. Vater war Soldat an der Ostfront, wo er an einem verlorenen Krieg teilnehmen musste. Nach einer 14tägigen Flucht war Mutter mit uns vier Geschwistern per Eisenbahn am 21. 01. 1945 in Belzig, Mark Brandenburg, angekommen. Hier hat man uns warme Mahlzeiten verabreicht und unsere erfrorenen Gliedmaßen behandelt. Das Dorf Mörz bei der Kreisstadt Belzig wurde unsere dritte Heimat.
Der Krieg erreichte uns noch einmal im Mai 1945 mit voller Wucht und wieder gab es viele Tote und einige Bauerngehöfte im Dorf brannten nieder.
NEUANFANG 1945 IN DER RUSSISCHEN ZONE
Als die seelischen und moralischen Wunden, die uns der Krieg geschlagen hatte, nicht mehr so wehtaten, gingen wir Heimat- und Mittellosen ohne finanzielle Mittel daran, den Neuanfang zu wagen. Dies geschah, indem Mutter als Magd und ich als Knecht stundenweise auf dem Bauernhof eine Arbeit aufnahmen. Später erhielten wir eine Vollbeschäftigung, die bis zum 15. 10. 1947 andauerte, dann erlernte ich in Belzig den Schmiedeberuf. Mein Lehrbetrieb war mit kurzer Unterbrechung für viele Jahre mein Arbeitsplatz, bis ich 1966 die Meisterprüfung ablegte und den Betrieb übernahm. Diesen kleinen Reparaturbetrieb baute ich zu Gunsten einiger VEB-Betriebe zur Serien-Produktionsstätte aus. Mit meinen Mitarbeitern erzielte ich hohe Umsätze, was vom Finanzamt jährlich überprüft und bestätigt wurde.

So fing alles es an

In dieser alten Schmiede lernte ich und machte Kariere
Amtlicherseits abgesichert, konnte ich sagen, die Investition und vor allem die eigene Arbeit hatten sich gelohnt. In der Zeit meiner Aufbauphase war aus der Russischen Zone die so genannte DDR entstanden, die den Privatunternehmen nicht wohlgesonnen gegenüber stand und 1972 die Sozialisierung derselben beschloss. Dem widersetzte ich mich mit allen Mittel der Rechtsprechung des Landes. Ich verwehrte mich entschieden dagegen, mir als Arbeiter- und Bauernsohn mein Lebenswerk zu nehmen. Auch mein Hinweis, dass meine Eltern durch Krieg, Flucht und Vertreibung schon zweimal Habe und Heimat verloren hatten, stieß auf taube Ohren. Ich beschwerte mich und riet, dass hierzulande die Diktatur des Proletariats solche Fehler wie Hitler und Stalin nicht machen sollten. Meine Verärgerung war so groß, dass ich der Abordnung Hausverbot erteilte.
Das war wohl zu viel für die SED- und Stasi-Genossen, so dass sie beim Verlassen der Werkstatt mir Folgen androhten, weil ich mich nach ihrer Meinung mit der Staatsmacht angelegt hätte. Fortan wurde gegen mich ermittelt, so dass ich spürte, wie eine Lawine auf mich zurollte. Dies bestätigte sich Wochen später, als ich eine Ladung der VP (Volkspolizei) erhielt, „zwecks Klärung eines Sachverhalts“ nach Potsdam zu kommen. Wie es in Diktaturen üblich ist, wird kurzer Prozess gemacht. Ein Uniformierter brachte mich zu einem Staatsanwalt, der mir meine angeblichen Vergehen vortrug. Es waren dies:
1 Verbrechen zum Nachteil sozialistischen Eigentums
2 Widerstand gegen die Staatsgewal.
3 Boykotthetze
Als ich dann noch einem Haftrichter vorgeführt und verhaftet wurde, brach eine Welt in mir zusammen. Ein Beamter der JVA legte mir die Handschellen an und brachte mich auch in die U-Haft Potsdam. Auf dem Weg dorthin wurde ich von ihm misshandelt. Sein Schlagstock landete des Öfteren in meiner Nierengegend, so dass mir die Luft wegblieb. Auch auf dem Weg zur Sammelzelle spürte ich seinen Knüppel auf meinem Rücken. Als 18. U-Häftling stieß mich der Schließer in die Zelle hinein, mit dem Bettzeug auf den Händen machte ich eine Bauchlandung. Nun war ich in der Hölle angekommen und bezog ein Dreistockbett, ganz oben unterhalb der Zellendecke.
FOLTERHAFTE TAKTIK IN DER U-HAFT
Die erste Nacht in der U-Haft belastete mich sehr, zumal meine Familie nicht wusste, wo ich abgeblieben war. Auch die Ankündigung des Schließers, dass ich diese Nacht nicht vergessen werde, bestätigte sich. Zum wiederholten Male riss man mich in dieser Nacht bei höllischem Lärm aus dem Schlaf und brachte mich zum Verhör. Immer spürte ich den Knüppel im Rücken und ich musste mir Sprüche anhören: „Wir haben bis jetzt alle klein gemacht!“ Diese Schikanen dauerten etwa eine Woche bei Tag und Nacht. Als der Druck nachließ und etwas Ruhe eintrat, machte ich den Versuch, das Geschehene einzuordnen. Ich stellte fest, dass mir die Hände gebunden waren und ich der DDR Stasi-Diktatur voll ausgeliefert war.
Bis dahin hatte mich das Erlebte so in Anspruch genommen, dass ich alles, was um mich herum geschah, kaum wahrgenommen hatte. Langsam bekam ich das Gefühl, mich in mein Schicksal widerspruchslos fügen zu müssen, wie es meine Zellenbewohner auch taten. Fortan brachte ich mich in die Gespräche mit meinen Leidensgenossen ein. So erfuhr ich, welche schrecklichen Täter mit mir in der Zelle sind: Einbrecher, Betrüger, Totschläger, Schwule, Sitte, Vergewaltiger und Mörder. Wenn ich mir die Männer so anschaute, konnte ich es nicht glauben, dass sie zu solchen Taten fähig waren. Die Tage vergingen mit Verhören draußen und Gesprächen in der Zelle, wodurch man sich näher kennen lernte. Mir fiel auf, dass ein Gleichaltriger des Öfteren zu nah an mich heranrückte. Ich stellte ihn zur Rede und verbot ihm unmissverständlich Kontakte dieser Art. Eine Zeitlang unterließ er es. Hier stand ich zum ersten Mal einem Mann gegenüber, der auf Männer und Kinder stand, was mir Unbehagen einflößte. Weil ich aber im Gespräch mit ihm bleiben wollte, verbarg ich ihm gegenüber meine Abneigung. Oft sind unsere Gespräche von JVA-Angestellten unterbrochen worden, weil man mich zum Verhör holte.
Weil bei den Verhören immer dieselben Fragen gestellt wurden, veränderte ich mein Verhalten den Beamten gegenüber. Es erschien mir wichtig, einen Rechtsanwalt zu beauftragen, um vielleicht noch etwas zu retten. Ein Anwalt aus meiner Heimatstadt erklärte sich bereit, mich zu vertreten. Als Erstes beauftragte ich ihn, eine Sprecherlaubnis für meine Frau zu erwirken, weil mich die Ungewissheit um das Schicksal meiner Familie Tag und Nacht quälte. War es doch so, dass wir am Tag meiner Verhaftung einfach auseinander gerissen wurden. Es war mir nicht gestattet zu telefonieren, um meine Frau zu informieren. Dies empfand ich skrupellos und menschenunwürdig, was aber zum zweiten Gesicht der DDR passte. Nach langer Zeit des Verhörs brachte mich ein Schließer in die Zelle zurück, wo kurz darauf das Mittagessen gereicht wurde, was nur der Hunger reintrieb.
GESPRÄCHE MIT TÄTERN UND SONSTIGES
Was mir ungerechterweise vorgeworfen wurde, ist schon genannt, so macht es Sinn, über die Tatbestände anderer zu reden. Weil es in der U-Haft keinerlei Medien gab, war es ohnehin der einzige Gesprächsstoff, worüber aus Langeweile gesprochen wurde. In Gruppen oder zu zweit unterhielten sich die U-Häftlinge über ihre Taten und Vernehmungen. Auch mein Gesprächspartner, ich nannte ihn Schwuli, suchte das Gespräch mit mir. Meine Absicht war es herauszufinden, mit wem ich es hier zu tun hatte. Das eindringliche Auf-ihn-Einreden führte dazu, dass er gestand, wegen Sitte schon einmal zwei Jahre gesessen zu haben. Nun wollte ich es genau wissen. Zunächst zögerte er. Dann erzählte er aber wie ein Wasserfall seine Geschichte.
„Schon in meiner Kindheit“, so Schwuli, „fühlte und bemerkte ich gewisse Unterschiede zwischen mir und meinen Spielkameraden. Dieses Anderssein war immer da und ich bekam zunehmend Probleme damit. In der Zeit, als ich meinen Schlosserberuf erlernte, zog es mich in der Berufsschule zu einem Gleichgesinnten hin. Dies gab mir die Bestätigung, dass noch andere mit den gleichen körperlichen Problemen konfrontiert waren. Weil wir uns gut verstanden, wurden wir für lange Zeit gute Freunde. Meine Eltern waren nicht erfreut darüber, dass ich schwul war und das war für mich immer eine Belastung. Sie wünschten sich wie alle Eltern, dass junges Leben in das Haus einzieht und dass sie Enkel heranwachsen sehen. Diesen Wunsch werde ich ihnen nie erfüllen können, weil es mir nicht möglich ist, Liebesgefühle und Zuneigung zu Frauen zu entwickeln. Dann schwieg er eine Weile, sah mich fragend an: „Könntest du mit einem Mann Sex haben?“ Verlegen war meine Antwort: „Niemals, weil es mich anekelt.“
Wieder einmal war ich aus der Zelle geholt worden, diesmal war der Grund mein Rechtsanwalt. Dieser kam gleich zur Sache, bestellte Grüße von meiner Frau und den Kindern, die wie ich am Boden zerstört waren. Dass er eine Sprecherlaubnis erwirkt hatte, war nach langer Zeit für mich ein freudiges Ereignis. Dann kamen wir schnell zu dem Eigentlichen, meine Anklage. Er hatte Akteneinsicht genommen. Es folgte ein sachbezogenes Gespräch über die Anklageschrift, von der er mir eine Abschrift übergab. Für mich stand jetzt schon fest, dass ich dieses Schreiben niemals unterzeichnen werde. Das riet mir auch mein Anwalt, der sich um meine beschlagnahmten Beweismittel kümmern wollte, die beim Finanzamt in Potsdam lagern. Er versäumte auch nicht, mich auf das kommende Gerichtsverfahren hinzuweisen. Um mich darauf vorzubereiten, bekam ich ein Schreiben von ihm mit den für mich notwendigen Gesetzblättern.
Es war mir ein Bedürfnis, mich über die Schikanen der JVA-Angestellten bei meinem Anwalt zu beschweren. Somit war erstmals alles gesagt, worauf der Anwalt sich von mir mit den Worten verabschiedete: „Wir bleiben in Verbindung.“ Dann klapperte der Schließer mit den Handschellen, die er mir anlegte, und er brachte mich zurück in die Zelle.
Auf dem Weg dorthin war ich gedanklich bei meiner Familie und freute mich, bald meine Frau wiederzusehen. Andererseits fürchtete ich mich vor dem, was auf mich zukommt, weil die Ungewissheit an meinen Nerven nagte. Die Gespräche mit dem Anwalt hatten sich in die Länge gezogen, so dass inzwischen das Abendbrot ausgegeben wurde. Die nie so üppigen Malzeiten waren schnell von den Insassen eingenommen und die Langeweile nahm wieder Besitz von uns. Die Raucher sorgten dafür, dass die stinkende Luft in der Zelle zusätzlich vernebelt wurde. Die Nichtraucher, zu denen auch ich gehörte, hatten es besonders schwer, zumal es nicht möglich war, den Raum zu lüften. Dicht unter der Zellendecke empfand ich den Gestank besonders stark. Um Neun wurde Nachtruhe ausgerufen und das Licht erlosch.
Seit dem Besuch meines Anwalts hatte ich eine für mich wichtige Aufgabe zu erfüllen, die Vorbereitung auf den Tag X. Zunächst aber möchte Schwuli mir seine Geschichte zu Ende erzählen. Als gelernter Schlosser nahm er eine Arbeit als Hausmeister in einer Schule an, wo es ihn auf Grund seiner körperlichen Verfassung hinzog. Der Direktor zeigte ihm seinen zukünftigen Arbeitsbereich und übergab ihm eine kleine Werkstatt. Auch auf die Hausordnung wurde er hingewiesen. Nun hatte er eine gute Arbeit. Sorge bereitete ihm die Tatsache, dass sein langjähriger Freund mit seinen Eltern verzogen war. So verlor er nicht nur einen Freund, sondern auch seinen ganzen Halt. Das Naheliegende trat ein, er begab sich auf die Suche, um neue Freunde zu finden. Vorerst konzentrierte er sich auf seine Arbeit, die ihn voll in Anspruch nahm. Auch genoss er die Pausen, wo die Kinder Groß und Klein sich auf dem Schulhof tummelten. So verging die Zeit ohne besondere Vorkommnisse, bis eines Tages eine Prügelei auf dem Schulhof entstand. Größere Jungs attackierten einen ihnen Unterlegenen, diesem kam Schwuli zu Hilfe. Fortan machte er es sich zur Aufgabe, in den Pausen den Schulhof zu überwachen. Dies brachte ihm ein Lob des Direktors ein und die Zuneigung des Jungen, was ihm zum Verhängnis wurde. Die Eltern des Jungen hatten ihn als Kleinkind adoptiert, wenig später verstarb der Vater. Das konnte der Junge, namens Philip, seinerzeit sechs Jahre alt, nicht so richtig verarbeiten. Es fehlte ihm an der Seite seiner Mutter der Vater, zu dem er ein besonders gutes Verhältnis hatte. So konnte sich zwischen Schwuli und dem Jungen eine Vater-Sohn-Beziehung entwickeln. Ihre Freundschaft und Zuneigung vertiefte und festigte sich. Beide verbrachten viel Zeit miteinander. In den Pausen aßen sie ihre Brote in der Werkstatt und tranken Tee dazu. In ihrer Freizeit gingen sie schwimmen und bekamen so Körperkontakt. Das löste bei Schwuli seine Gefühlsströmungen aus, die er nur schwer unter Kontrolle bringen konnte. So begann er den Jungen zu befummeln, auch an seinem Unterleib. Philip wehrte sich verzweifelt, konnte aber gegen den kräftigen Mann nicht ankommen. In seinem Wahn schlug er Philip so heftig, dass dieser die Besinnung verlor. Schwuli schleppte den Jungen in ein Gebüsch, wo er sich dann an ihm verging. Während des Aktes kam Philip wieder zu sich und rief jämmerlich um Hilfe, worauf Schwuli ihn würgte. Erst als er seinen Orgasmus hatte, ließ Schwuli von dem Jungen, der fast leblos und wimmernd am Boden lag. Selbst erschrocken von dem, was er angestellt hat, rief Schwuli lautstark um Hilfe. Eine Gruppe Frauen und Männer eilten herbei, die dem Jungen halfen. Andere benachrichtigen die Polizei und das DRK. Der Täter wurde mit Handschellen festgenommen und Philip in ein Krankenhaus gebracht.
Hier stoppte er seinen Redefluss und bemerkte, dass ihm alle zuhörten, einer rief lautstark: „Du bist ja nicht nur schwul, sondern echt krank.“ Dann senkte Schwuli seinen Kopf und verbarg das Gesicht hinter seinen Händen. Ich hatte das Gefühl, dass er sich nicht nur maßlos schämte, sondern auch die Tat bereute.
Nachgefragt
Etwas derart Schreckliches hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört und schon gar nicht für möglich gehalten. Daher unternahm ich den Versuch, seine Beweggründe für eine solch schändliche Tat zu ergründen. Die Frage an Schwuli war: „Was war der Auslöser, um eine solche Tat zu begehen?“
Er begann damit, dass er schon einmal eine ähnliche Straftat begangen habe, die ihn aber nicht geändert hat. Obwohl seine Unmoralität medizinisch behandelt und therapiert wurde, ist Schwuli doch zum Kinderschänder geworden. Dass er zum Wiederholungstäter wurde, begründete er damit, dass in ihm ein unlöschbares Programm installiert ist, das immer dann in Aktion tritt, wenn er Kinder sieht und mit ihnen in Körperkontakt kommt. Es ist für ihn wie ein Rausch, dem er willenlos ausgesetzt ist.
So schlimm es auch für die Täter ist, dürfen aber nicht die Opfer vergessen werden, die aus der Lebensbahn geworfen, oder gar getötet werden. Immerhin werden den vergewaltigten Frauen und Kindern tiefe seelische und moralische Wunden geschlagen. Für die Täter wird am Ende immer gesorgt, die Opfer jedoch oft allein gelassen. Aus der Sicht der Verletzten ist es eine Zumutung, dass sie mit ihren Steuern den Täter im Gefängnis unterstützen. Vielmehr herrscht die Meinung vor, dass der Täter im Gefängnis durch seine Arbeit dem Opfer Schmerzensgeld schuldet.
GETEILTES LEID UND FREUDE
Wieder einmal holte mich ein Schließer aus der Zelle, wie ich glaubte, zum Verhör. Ich wurde aber in eine andere Richtung geschoben. Was mich wunderte war, dass man mir nicht die Handschellen anlegte. Ich traute meinen Augen nicht, als vor einer Zimmertür Halt geboten wurde. Ich erkannte die Aufschrift: „Besucherraum“.
Mir rutschte vor Schreck das Herz in die Hosentasche, als sich die Tür öffnete und ich meine Frau entdeckte. Als wir, durch eine Glasscheibe getrennt, uns gegenüber saßen, standen uns beiden die Freudentränen in den Augen. Durch ein Sprachgitter in der Scheibe war es möglich, miteinander zu reden. Es dauerte einige Minuten, bis es uns gelang, sachbezogen miteinander zu sprechen. Irene zog einen Zettel mit Notizen aus ihrer Tasche, die wir dann abarbeiteten. Wir hatten uns viel zu sagen. Es war mehr eine Berichterstattung von Irene, bei der sie auch Fragen stellte und ich sie beantwortete. Ich erfuhr, sie hatte erst Tage später von meinem Verbleib erfahren, es gab eine Hausdurchsuchung, der Betrieb musste geschlossen und die Technik verkauft werden, um eine angebliche Schuld an das Finanzamt zu zahlen. Zu all den Dingen machte ich Vorschläge und auch zur Abwicklung des Betriebes. Die dazu notwendigen Behördengänge muss Irene selbst erledigen und das wird lange so bleiben. Telefonieren, um sachbezogen zu helfen, war nur mit Genehmigung und unter Bewachung möglich. Die ein Stunde Sprechzeit pro Monat ging zu Ende, und ich durfte mich kurz von meiner Frau verabschieden. Eine Glanzleistung erbrachte der Schließer, als er mir vor den Augen meiner Frau die Handschellen anlegte. Beim Verlassen des Raumes versuchte ich noch, einen Blick zu erhaschen, aber mein Wächter versperrte mir die Sicht.
Anmerkung
Wieder in der Zelle angekommen, unternahm ich den Versuch, die Ereignisse in meiner Familie und im Betrieb zu ordnen. Es erschien mir wichtig, in einem Brief zu allen anliegenden familiären und betrieblichen Problemen umfassend Stellung zu nehmen. Diesen ließ ich durch meinen Anwalt meiner Frau als Vorgabe zur Lösung der anstehenden Arbeiten zukommen. Mir blieb nur die Hoffnung, dass es meiner Familie gelingen möge, der Belastung standzuhalten.
In meinen Gedanken versunken, was meiner Familie und mir zurzeit widerfährt, näherte sich Schwuli, um mich zu trösten. Ich begegnete ihm mit den Worten: „Deine Last ist schwer und unmenschlich, daran musst du arbeiten.“ In Anbetracht dessen, was er getan hatte und was ihm vorgeworfen wurde, kann aus meiner Sicht nicht gesühnt werden. Für diese Täter ist die Psychiatrie der einzige Ort, wo sie mit der Öffentlichkeit nicht in Berührung kommen.
Die Politik räumt den Schwulen und Lesben weitreichende Kompetenzen ein, das ist aus meiner Sicht mit der Natur nicht in Einklang zu bringen. Wenn ihnen dann noch Kinder zur Adoption anvertraut werden, kann man das nicht nachvollziehen. Irgendwann werden die Kinder fragen: „Wer ist meine Mutter oder mein Vater.“ Dann muss dem Kind erklärt werden, wie zwei Männer oder Frauen miteinander verkehren. Stellt sich die Frage, wann und wie sage ich es dem Kinde, ohne Scham aufkommen zu lassen. Ob sich in einer solchen Umgebung Kinder normal entwickeln können? Daran kann man ernsthaft zweifeln.
Sicherlich ist es so, dass nicht alle Schwulen und Lesben zu Verbrechern werden, sondern zu zweit oder in Gruppe gut miteinander leben und auskommen. Was aber in der Öffentlichkeit, vor allem in den Medien zur Show gestellt wird, fällt oft aus dem Rahmen. Es ist bedauerlich, dass die Natur den Menschen einen Streich gespielt hat. Das verlangt aber nicht, dass daraus ein kostümiertes Spektakel gemacht wird. Bekanntlich ist es so, dass die Geschmäcker und Meinungen verschieden sind, was bewirkt, dass jeder nach seiner Fasson selig werden kann.
ARBEIT IN DER KÜCHE
Die vierzehn Tage U-Haft in der Sammelzelle, auch wenn der Gesprächsstoff noch lange nicht erschöpft war, langweilten mich. Deshalb bemühte ich mich um eine Arbeit, diesen Wunsch hat ein Schließer für mich weiter gegeben. Ein positiver Bescheid wäre ganz in meinem Sinn, um dem Gestank in der Zelle zu entkommen. Nach der Geschichte von Schwuli war mein Gespräch mit dem Schlossermeister an der Reihe. Er war der Erste, welcher mir half, als ich in die Zelle gestoßen wurde. Ihm war das Gleiche widerfahren wie mir und vielen anderen, auch er hatte heftig sein Eigentum verteidigt. Beim Fachsimpeln gerieten wir schnell zu seinem Problem, das er mir in allen Einzelheiten schilderte. Voller Wut ging er auch auf die Rücksichtslosigkeit seiner Peiniger ein.
Es waren einige Tage vergangen, als nach dem Mittagessen die Zellentür entriegelt und aufgeschlossen wurde. Ein Uniformierter betrat den Raum mit den Worten: „U-Häftling Weiß, raustreten!“ Dieser brachte mich in ein Büro, das ich noch nicht kannte, wo ein Unterleutnant am Schreibtisch saß. Mit ernster Miene fragte er mich: „U-Häftling Weiß, Sie wollen arbeiten“, was ich mit Ja beantwortete. Bei dem Wortwechsel stellte ich fest, dass wir uns kennen, was auch er bemerkte. Etwas nachdenklich und mit freundlicher Stimme sagte er: „In zwei Tage werden Sie in der Küche eingesetzt.“ Das war Musik in meinen Ohren, komme ich doch endlich aus der stinkenden Raucherkammer heraus. Auf dem Weg zur Zelle überlegte ich, woher der Unterleutnant mich kennt. Nach langen Überlegungen stellte es sich heraus, dass er ein Bürger meiner Heimatstadt Belzig ist. Das kann unter Umständen für mich hilfreich sein, soll er etwa mein Schutzengel werden? Neugierig empfingen mich meine Leidensgenossen. Einige freuten sich, andere waren neidisch über meinen Erfolg. Zur gegebenen Zeit war Abendbrot-Ausgabe, wo jeder seine Portion entgegennahm. Teils nachdenklich, auf ihr karges Essen starrend nahmen alle Achtzehn ihr Abendbrot ein. Als Getränk gab es meistens Muckefuck oder Tee, was allmählich langweilig wurde.
DER WEG UND BEGLEITERSCHEINUNGEN BIS ZUM MORD
Nicht mehr hungrig legten sich die meisten auf ihre Betten und vertrieben sich die Zeit mit Rauchen, was mich als Nichtraucher zunehmend belastete. Andere erzählten sich ihre Geschichten. So auch einer, der zum Mörder wurde.
Sie waren eine intakte Familie, wenn auch hin und wieder Probleme auftraten, doch die waren immer zur Zufriedenheit aller gelöst worden. Seine Eltern zielstrebig und ehrlich, erzogen ihn, Horst, und seine Schwester Inge ebenso. Beide waren Durchschnittsschüler, so dass kaum Beschwerden von Seiten der Schule kamen. Seine Schwester, zwei Jahre älter, bestand als Erste den Abschluss der zehnten Klasse. Ihr Wunsch war es, im Gesundheitswesen tätig zu werden, so entschied sie sich für Krankenschwester. Als vierköpfige Familie lebten sie in einem Einfamilienhaus, glücklich und problemlos. Das Haus hatten die Eltern von ihren Eltern 1945 übernommen, hier kamen auch die Kinder Inge und Horst zur Welt. Die beiden Eltern waren stolz auf ihre Tochter Inge, weil sie ihren kleinen Bruder immer hilfreich unterstützte. Nun war auch Horst so weit, dass er die Zehnklassen-Oberschule erfolgreich abschließen konnte. Er erhielt eine Lehrstelle in einem VEB Chemiewerk, wo er später im Labor als Laborant sich einen Namen machte. Auch sein Vater hatte sich in diesem Werk hochgearbeitet, sein Lohn war entsprechend. Die Mutter von Inge und Horst hatte eine Halbtagsarbeit, am Nachmittag erledigte sie den Haushalt. Jeder hatte eine gute Arbeit und beteiligte sich angemessen am Lebensunterhalt. So lebte die Familie nun schon seit Jahren als könnte sie nichts umwerfen. Bis durch Zufall bei einer Routine-Untersuchung bei der Mutter Krebs diagnostiziert worden ist. Durch diese Feststellung kam schlagartig das familiäre Leben ins Wanken. Durch eine intensive Untersuchung und eine folgende Operation wurde erkannt, dass keine Hoffnung mehr bestehe, die Mutter zu retten. Zumal 1960 nicht nur in der DDR die Krebs-Bekämpfung noch in den Kinderschuhen steckte. Der Vater mit seinen nun schon erwachsenen Kindern war auf das Schlimmste gefasst. Es folgten Tage und Wochen des Bangens, weil sich der Zustand seiner Frau, zusehends verschlechterte. Wenn abends seine Kinder ihrer Wege gingen, war er plötzlich allein. Das nagte an seiner Substanz und er musste sich neu orientieren. An seinen Kindern bemerkte er auch eine gewisse Veränderung, hauptsächlich an seinem Sohn. Seine Frau war in guten Händen, lag sie doch in dem Krankenhaus, wo seine Tochter tätig war. All abendlich brachte Inge düstere Nachrichten mit nach Hause. An einem Morgen sah Inge im Krankenhaus betroffene Gesichter. Ihre Mutter war in der Nacht auf die Intensiv-Station verlegt worden. Dort stattete sie ihr gleich einen Besuch ab, der Arzt riet ihr, sie solle ihren Vater und Bruder benachrichtigen. Als diese eintrafen, konnten sie sich nicht mehr von ihr verabschieden. Sie, die Frau und Mutter, war ihrer schweren Krankheit erlegen.
Tage später trugen der Vater und seine Kinder die Verstorbene zu Grabe, wohin sie viele Freunde und Bekannten begleiteten. Nach der Trauerfeier wurde eines klar, dass sie viele Freunde gehabt hatte und nicht nur bei ihnen eine Lücke hinterließ. Inge begriff schnell, dass sie die Stelle ihrer Mutter übernehmen musste. Ihr Bruder Horst hatte Probleme, ihn hat es aus der Bahn geworfen. Vater und Schwester konnten ihn nur mühsam in der neuen Situation lenken. Mittlerweile war es spät geworden und es wurde Nachtruhe befohlen, kurz danach erlosch das Licht. Am Morgen wie immer gab es das Frühstück: Brot, zwei Scheiben Wurst und Marmelade. Ein wenig später wurde das Geschirr eingesammelt. Echt erschrocken war ich, als der Schließer in die Zelle rief: „U-Häftling Weiß, fertig machen, Sie werden gleich abgeholt.“ Innerlich machte ich einen Luftsprung, weil der Unterleutnant Wort gehalten hatte. Während des Wartens ging mir alles, was ich in dieser Zelle erlebt und gehört hatte, durch den Kopf. Einige Geschichten, die mir hier bekannt wurden, werde ich sicherlich noch erzählen. Während ich noch Gespräche führte, öffnete ein Schließer die Zellentür, forderte mich auf herauszutreten. Es ging die Treppe hinunter in den Keller, wo sich die Küche befand. Hier übernahm mich ein Koch, der auch ein Häftling war. Dieser setzte mich zum Kartoffelschälen und zur Essenausgabe ein, so bekam ich einen weitläufigen Überblick. Diese Arbeit blieb mir lange erhalten, sie brachte Abwechslung in meinen Tagesverlauf. Die Küche war mit acht Mann besetzt, wobei Küchenarbeit für mich Neuland war. Nach der Ausgabe des Abendbrotes war Küchenreinigung angesagt und somit hatte ich den ersten Arbeitstag hinter mich gebracht. Pünktlich um Sechs war Küchenschluss, wo dann der Unterleutnant die Küche abnahm. Ein JVA-Angestellter brachte das Küchenkommando wie immer in die Küchenzelle. Dort angekommen war mir das frei gewordene Bett vom Küchenchef zugewiesen worden. Das frische weiße Bettzeug lag bereits auf dem Bett, mit welchem ich das Bett bezog. In meinem Spint lag ein weißer Anzug, Socken und eine Mütze, was von nun an meine Bekleidung war. Bis zur Nachtruhe blieb noch genügend Zeit, uns miteinander bekannt zu machen. Es werden zukünftig viele Geschichten zu hören sein, jetzt aber möchte ich die Geschichte von Horst zu Ende erzählen.
Horst hat den Tod seiner Mutter nicht so gut verkraftet wie seine Schwester, er entwickelte sich zum Sorgenkind. Sein Vater unternahm alles, um seinen Sohn zu motivieren, weil es bereits betriebliche Probleme mit ihm gab. Auch kam er nicht mehr mit seinen Finanzen klar, ein Grund könnten seine Freunde sein. Seine Schwester unternahm auch den Versuch, ihrem Bruder Mut zu machen, obwohl sie es nicht leicht hatte. Familiär musste sie den Haushalt bewältigen und auch ihre Arbeit im Krankenhaus. Dem Vater, im Rentenalter, ging es auch nicht besonders, er brauchte immer mehr Hilfe. Das alles nagte an ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden so sehr, dass sie erkrankte. Die besten Ärzte des Krankenhauses kümmerten sich um sie, leider ohne konkreten Befund. Vater und Sohn waren bestürzt über das Ergebnis, sie drängten die Ärzte um weitere Untersuchungen. Durch eine gründliche Blutanalyse war ein unbekannter Virus entdeckt worden. Während der wochenlangen Suche nach dem Unbekannten war Inge stark abgemagert, das machte die Ärzte ratlos. Im Haus der beiden Männer herrschte inzwischen das blanke Chaos. Der Vater war durch die Umstände in letzter Zeit völlig entnervt und bettlägerig. Sein Sohn Horst war nicht Herr der Lage, er musste ihn vom Krankenbett aus anleiten. Auf diese Weise bekamen beide ihre Situation in den Griff. Durch gute medizinische Versorgung kam der Kranke schnell wieder auf die Beine. Aber die Sorgen um seine Kinder belasteten ihn, die Krankheit seiner Tochter war besonders schwer. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend und die Ärzte machten ihm keine Hoffnung mehr. Für Vater und Sohn zeichnete sich eine düstere Zukunft ab, zumal sie schon das wichtigste Familienmitglied verloren hatten. Es hatte den Anschein, als läge zurzeit ein Fluch über der Familie. Genau das bestätigte eine Nachricht aus dem Krankenhaus, Inge war ins Koma gefallen. Daraufhin eilten Vater und Sohn zu der Kranken, wo die Ärzte um ihr Leben kämpften. Auf Anraten der behandelnden Ärzte verließen nach kurzem Besuch beide das Krankenhaus. Dass jetzt noch die Tochter des Hauses mit dem Tode rang, war für die beiden Männer einfach zu viel. Sie machten sich Gedanken, wie es ohne die Frauen weitergehen soll. Eine Männerwirtschaft konnten sie sich nur schwer vorstellen. In der Zeit des Hoffens und Bangens kam die Todesnachricht von Inge. Obwohl Vater und Sohn darauf vorbreitet waren, hatte es sie doch hart getroffen. War doch der Schmerz vom Tod der Mutter noch zu frisch. Trotz des zweiten Schicksalsschlages mussten sie den ihnen schon bekannten Weg gehen. Mit ihnen gingen Freunde, Bürger des Ortes und eine Abordnung des Krankenhauses. Es war der Wunsch von beiden trauernden Männern, dass Inge neben ihrer Mutter ihre letzte Ruhe fand.
Die beiden vom Schicksal schwer getroffenen Männer unternahmen den Versuch, ihr Leben neu zu ordnen. In einem Gespräch zwischen Vater und Sohn stellten sie fest, dass sie beide eng zusammenrücken müssen. Der Tod von Mutter und Schwester hatte Horst sehr mitgenommen und ihn nachdenklich gemacht. Er, jetzt schon achtundzwanzig Jahre alt, besann sich der mahnenden Worte seiner Mutter und Schwester, sich seinem Leben zu stellen. Dies setzte er in die Tat um und übernahm den Haushalt so gut er konnte. Sein Vater wusste das zu schätzen, was sie zu einem Team werden ließ. So war es auch eine Überraschung, dass Horst eines Tages eingekauft hatte und eine Freundin mit nach Hause brachte. Daraus ist zu ersehen, dass sich das Leben im Hause langsam wieder normalisiert. Was Horst fehlte, waren die abendlichen Zusammenkünfte mit seinen Freunden, welche er, aber eingeschränkt, wieder aufnahm, um ab und zu etwas Spaß zu haben. Seine zwei Freunde waren froh, dass Horst seinen Weg, von dem er durch die familiären Ereignisse etwas abkam, wieder gefunden hatte. Das Trio hatte eigene Vorstellungen vom Jugendleben als der Jugend Verband FDJ. Sie standen distanziert und ablehnend der DDR-Politik gegenüber. Ihnen war die persönliche Freiheit wertvoller als durch die SED-Politik gedengelt zu werden. Oft kam es vor, dass sie Diskotheken aufsuchten, wo Alkohol getrunken wurde, der dann seine Wirkung zeigte. So auch in der Nacht vom 16. zum 17. Juni 1972, wo die Stasi ganz besonders aktiv unterwegs war. An den Tagen davor und danach hatte die DDR-Regierung Angst, dass es zu Aufständen wie am 17. Juni 1953 kommen könnte. In dieser Nacht kam es tatsächlich zur Randale, wobei Transparente und Fahnen heruntergerissen wurden. An diesem Krawall hatten sich Horst und seine Freunde beteiligt. Mit dieser Tat bekräftigten sie ihre ablehnende Haltung der SED-Politik gegenüber. Auf ihrem Heimweg folgten ihnen unbemerkt einige Stasi-Leute. An einer Straßenkreuzung trennten sich die drei Freunde. Von nun an waren sie einzeln von jeweils zwei Stasi-Leuten verfolgt worden. Horst und einer seiner Freunde bemerkten, dass die Stasi ihnen folgt, so konnten sie zunächst entkommen. Den Dritten hat man im Dunkeln gestellt, der sich mit seinen Judokenntnissen zur Wehr setzte. Er hatte aber gegen zwei Stasischläger keine Chance, sie schlugen ihn mit ihren Stahlruten brutal nieder. Blutend ließen sie ihn liegen und verließen dann den Tatort. Als er wieder aufstehen konnte, gelang es ihm, sich schleppend sein Zuhause zu erreichen. Die Eltern, zutiefst erschrocken und in Sorge, wollten wissen, was geschehen ist. Sie hielten es aber für dringend, einen Krankenwagen zu rufen, damit ihr Sohn ärztlich versorgt wird. Noch in der Nacht wurde Werner gründlich untersucht und es wurde eine Diagnose erstellt. Sie ergab: Rippenbrüche, Verletzung innerer Organe sowie Hämatome am ganzen Körper. Die Ärzte verordneten mehrtägige Bettruhe für den Patienten. Gegen die Täter erstatteten Werners Eltern Anzeige gegen Unbekannt. Auch benachrichtigten sie seine Freunde Horst und Heinz, die über das brutale Vorgehen der Stasi entsetzt waren.
Die beiden Freunde, Horst und Heinz, ließen es sich nicht nehmen, ihren misshandelten Kumpel Werner im Krankenhaus in einem Vierbettzimmer zu besuchen. Er war sichtlich erfreut, seine Freunde zu sehen. Sie trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, wie ihn die Stasi zugerichtet hatte. Heinz war besonders betroffen und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Nach einer kurzen Begrüßung kamen sie schnell auf das, was in dieser Nacht geschehen war. Inzwischen hatten Horst und Heinz eine Vorladung von der Stasi erhalten. Als das Wort „Stasi“ fiel, meinte Heinz, „lasst uns in die Cafeteria gehen.“ Er traute den Mithörern im Zimmer nicht. Ihrem Freund Werner fiel das Laufen schwer, weil ihm alles wehtat. Lange noch hat sich das Trio am Kaffeetisch über ihre derzeitige Lage unterhalten. Es sah nicht gut für sie aus, weil die Stasi sie als Außenseiter eingestuft hatte. Dies sollte zur Gewissheit werden, weil die Drei ständig von allen Behörden überwacht wurden, auch in ihren Betrieben. Horst hatte mit seinem Vater über die Geschehnisse des Abends ausführlich gesprochen. Alles beunruhigte ihn sehr und er machte seinem Sohn heftige Vorwürfe. Er wusste aus eigener Erfahrung, wozu die DDR-Diktatur fähig ist. Er war bis zu seiner Rente leitend tätig und konnte somit hinter die Kulissen der Machthaber schauen.
Auf alles gefasst und mit gemischten Gefühlen befolgten Horst und Heinz die Ladung der Stasi. Der Empfang dort war alles andere als freundlich, sie waren doch in deren Augen Staatsfeinde. Nach einer angemessenen Wartezeit wurden sie getrennt zur Sache vernommen. Während der Verhöre waren sie massiven Behandlungen und Drohungen ausgesetzt. Unverhohlen hatte man Heinz die Frage gestellt, ob er auch wie Werner eine Sonderbehandlung brauche. Er ließ sich aber nicht einschüchtern und vertrat im Rahmen des Möglichen seine Meinung. Die aufrechte Haltung und Furchtlosigkeit von Heinz verunsicherte den Vernehmer, so dass dieser den Raum verließ. Wenig später betrat er mit neuer Instruktion wieder den Raum. Es hatte den Anschein, dass in diesen Minuten ein Urteil gefällt worden war. Sich in seinem Sessel zurücklehnend und Heinz anstarrend, meinte der Stasi-Mann: „Du hast den Kampf gewählt, wir sind bereit dazu.“ Mit dem Entzug seiner Ausweispapiere und dem Hinweis, seinen Heimatort nicht zu verlassen, konnte Heinz wieder gehen. Auf dem Weg nach Hause versuchte er das Ganze einzuordnen und zu begreifen. Eine weitere Sorge war, wie seine Eltern das alles aufnehmen werden. Irgendwie tat es ihm leid, seinem Vater und seiner Mutter so viele Sorgen zu machen. Er bekam den Eindruck, dass ihn das alles noch hart treffen wird.
Etwas geschickter stellte es Horst an, seinen Vernehmer nicht zu provozieren. Er hatte sich auf die mahnenden Worte seines Vaters besonnen, was sich für ihn auszahlte. Trotz rücksichtslosem Vorgehen der Stasi verhielt sich Horst besonnen, was ihm aber gegen den Strich ging. Er konnte das brutale Vorgehen gegen Werner nicht verstehen, der schwer verletzt im Krankenhaus seine ihm von der Stasi zugefügten Wunden auskuriert. Im Gegensatz zu Heinz war Horst von den Beamten mit der Bemerkung entlassen worden: „Sie hören von uns.“
Mittlerweile sind einige Wochen vergangen, in denen sich Werner von seinem Überfall erholte. In dieser Zeit hat er hart an sich gearbeitet. Er musste für sich eingestehen, dass er allein gegen die Diktatur nichts ausrichten kann. Die ständige Bespitzelung im Krankenhaus überzeugte ihn davon. Seine behandelnden Ärzte entließen ihn, verordneten ihm aber drei Wochen Genesungszeit.
Die Eltern und Werner selbst haben nur schwer die Ereignisse der letzten Wochen überstanden. Gemeinsam unternahmen sie den Versuch, mit sich ins Reine zu kommen. Sie wurden bei den Behörden vorstellig, hinsichtlich der Anzeige gegen Unbekannt, was sehr mutig von ihnen war. Werner wurde in ein Zimmer geholt und dort zu seiner Sache vernommen. Man machte ihm den Vorwurf, sich mit seinen beiden Freunden im Krankenhaus abfällig über die DDR geäußert zu haben. Womit bewiesen ist, dass flächendeckend die Menschen im Stasistaat bespitzelt wurden. Werner machte mehrmals den Versuch, das Geschehene herunterzuspielen, was ihm aber nicht gelang. Die Antwort auf Werners Ausführungen war: Übermut und Dummheit schützt vor Strafe nicht. In dem noch folgenden Gespräch stellte sich heraus, wer die Täter waren. Was aber mit ihnen geschehen wird, liegt allein im Ermessen der Behörden. Der Beamte erklärte das Gespräch für beendet und führte noch ein Telefonat. Daraufhin erschien ein Polizist, der Werner die Handschellen anlegte. Sein Vernehmer erklärte, dass er verhaftet sei und in U-Haft genommen wird. Seine Eltern warteten schon ungeduldig auf ihren Sohn und erkundigten sich schließlich nach seinem Verbleib. Die Antwort darauf hat sie fassungslos gemacht, weil sie Hilfe suchten und Leid bekamen. Was man ihnen noch auf den Heimweg mitgab war, wo und wann sie ihren Sohn besuchen können.
Zum Besuch kam es nicht, weil sie Tage später als Eltern einen Bescheid zur Gerichtsverhandlung ihres Sohnes erhielten. Sie trauten ihren Augen und Ohren nicht, was dem Sohn alles angelastet wird. So die Anklage: Vandalismus, Verunglimpfung der DDR und Rowdytum, wird zur Verhandlung stehen. Sachbeschädigung hätte hier vollkommen ausgereicht. Wie allgemein bekannt, in der DDR lag bereits das fertige Urteil bei Gericht in der Schublade. Zum angegebenen Termin erschienen Werners Eltern und auch seine Freunde. Die Verhandlung war öffentlich, eine Art Schauprozess, um die Macht zu demonstrieren. Der Saal füllte sich mit meist linientreuem Publikum. Im Schnellverfahren verlas der Staatsanwalt die Anklage und auch das Strafmaß: zwei Jahre und drei Monate Haft. Dem Rechtsanwalt waren die Hände gebunden, weil er Genosse war. Somit konnten Werners Taten nicht geschmälert und abgewertet werden. Auch ein Einspruch könne das Urteil nicht schmälern, so der Anwalt. Es ist offensichtlich und nicht von der Hand zu weisen, dass hier ein Exempel statuiert wurde.
Werner waren noch im Saal die Handschellen angelegt worden und man brachte ihn in den Strafvollzug. Hier hatte, wie schon so oft, die Diktatur in ihrem Sinne ganze Arbeit geleistet und das Menschenrecht mit Füßen getreten. Die Eltern von Werner und auch seine Freunde traten brüskiert den Heimweg an.
Horst und Heinz überfielen bange Überlegungen darüber, was die Stasi mit ihnen vorhaben könnte. Schließlich war ihnen ja von den Behörden ein Wiedersehen angedroht worden.
Die Eltern von Horst und Heinz bangten von nun an um ihre Söhne, war ihnen doch drastisch vor Augen geführt, was alles möglich sein kann. Die beiden Freunde, noch in Freiheit, machten sich auch Gedanken um ihre Zukunft, die sie nicht mehr allein gestalten können. Sicherlich wird sich die Staatsmacht massiv in das Geschehen einbringen und den Betroffenen das Leben schwer machen. Die Geschehnisse in der letzen Zeit hatten Horst und Heinz näher zusammenrücken lassen, so dass sich ihre Freundschaft festigte. Das Vorgehen der Machthaber gegen Werner hatte die beiden Freunde nachdenklich gemacht. Sie waren erschüttert darüber, wie hart und unerbittlich die Staatsmacht zugeschlagen hat.
Nun waren Horst und Heinz nur noch zu zweit und gingen wie immer ihrer täglichen Arbeit nach. Aber nichts ist mehr so, wie es mal war, einige schauten sie jetzt mit anderen Augen an. Andere wieder ließen eine gewisse Sympathie im Gespräch erkennen. Es fiel auch auf, dass sie bei der Arbeit und auf dem Heimweg beobachtet wurden. Das setzte sich auch im Privaten sowie bei Diskothekenbesuchen fort. Hier kam es zu einem Wortwechsel zwischen Heinz und einem Spitzel. Er verbat sich die Einmischung in sein privates Leben. Die Antwort kam prompt: „Wer auf der Abschussliste steht, hat sich nichts mehr zu verbieten.“ Es kam dann noch zu weiterem Wortwechsel, wobei Horst seinen Freund zur Ruhe ermahnte. Verärgert redete er auf Heinz ein, weil er erkennen soll, die Stasi will, dass sie sich widersetzen.
So vergingen die Wochen beim täglichen Allerlei. Horst und Heinz besuchten an einem Wochenende ihren Freund Werner im Strafvollzug. Sie trafen einen bedrückten und niedergeschlagenen Freund an, von dem sie wissen wollten, wie es ihm geht. Der ging aber nur ausweichend oder gar nicht auf ihre Fragen ein. Die Besucher merkten, dass ihr Freund unter Druck stand und sie behelligten ihn nicht weiter. Daher lenkte Horst das Gespräch auf das, was ihnen angetan wurde. Werner hörte nur schweigend zu. Die Stunde Besuchszeit ging schnell zu Ende, die drei Freunde mussten sich ohne Händedruck verabschieden. An dem dunklen Freitagabend machten sich Horst und Heinz auf den Heimweg. An der Straßenkreuzung trennten sie sich wie immer mit einem „Tschüs bis morgen in der Disko.“
Am Samstagvormittag rief Horst seinen Freund Heinz an, um sich mit ihm für den Abend zu verabreden. Die Eltern waren erschrocken, weil sie glaubten, ihr Sohn sei, wie schon so oft, bei Horst über Nacht geblieben. Schnell stellte sich heraus, dass Heinz am Freitagabend nicht zu Hause angekommen war. Nun überschlugen sich die Ereignisse, so dass eine Suchaktion gestartet wurde. Alle Freunde, Bekannten und Verwandten wurden befragt – ohne Erfolg. Die Suche setzte sich bis in die späten Abendstunden fort, so dass etwas Ernsthaftes nicht mehr auszuschließen war. Auch am Sonnabend blieb eine Umfrage in der Disko unter den jungen Leuten ergebnislos. Die Eltern entschieden sich, eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Daraufhin wurde zum Sonntagmorgen eine Suchaktion anberaumt, angeleitet von Gemeindevertretern. Daran nahmen verstärkt Jugendliche teil, aber auch die Stasi und Polizei. Vom Marktplatz der Kleinstadt strömten viele Helfer nach allen Richtungen aus. Es wurden die nähere Umgebung sowie Waldgebiete durchsucht. Nach stundenlangem Suchen schallten plötzlich Rufe durch den Wald. Das Schlimmste ahnend, liefen alle in die Richtung, woher die Rufe kamen. Es bildete sich ein regelrechter Menschenauflauf. Alle wollten wissen, was dort geschehen war und schon bald waren klagende Stimmen zu hören. Jetzt hatten auch die Eltern von Heinz und sein Freund Horst die Stelle erreicht. Sie kämpften sich einen Weg durch die Menschenmenge zum Ort des Geschehens. Es war grauenhaft anzusehen. Heinz hing an einem Baum – erhängt, tot. Seine Eltern brachen zusammen, aus der Menge heraus schallte der Ruf: „Mörder, Mörder, Mörder!“ Aus Kenntnis der Sachlage war es für einige sicher, dass hier die Stasi ihre Hand im Spiel hatte. Denn Heinz als couragierter und bodenständiger junger Mann hätte sich das nie angetan. Es ist sicher, dass die Zeit Licht in das Dunkel bringen wird. Der Täter war sicher am Tatort.
Inzwischen war die Feuerwehr angerückt und stellte sich an der Eiche, wo Heinz immer noch hing, auf. Mit Technik und Werkzeugen wurde das Stromkabel durchschnitten und die Leiche geborgen. Während der Bergung waren laufend Schmährufe zu hören, die gezielt an die Menschen verachtende Politik der SED gerichtet waren. In einem Leichenwagen wurde schließlich der Leichnam abtransportiert, die Menschen wurden zum Verlassen des Waldes aufgefordert. Horst und sein Vater brachten die Eltern von Heinz nach Hause. Beim Verabschieden bot Horst ihnen seine Hilfe an, wofür sie sich bedankten. Auf dem Heimweg brach in Horst eine unbändige Wut über das Geschehene aus. Sein Vater ermahnte ihn zur Zurückhaltung, damit ihm nicht Ähnliches widerfährt. Im Moment waren alle entsetzt und ratlos, nicht imstande klar zu denken. Werner beherzigte die Worte seines Vaters und zwang sich zur Ruhe, war aber fest entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Horst glaubt den Täter zu kennen, zumindest hatte er einen Verdacht.
Nach dem tragischen Vorkommnis waren die Bewohner des kleinen Städtchens in Aufruhr. Jeder wollte wissen, was es mit dieser Tat auf sich hatte und wer dahinter steckt. Vor allem die Eltern von Heinz, die inzwischen zur Identifizierung ihres Sohnes geladen waren. Auf diesem Weg begleitete sie Horst. Es kann sich jeder vorstellen, dass dies ein schwerer Gang für sie war. In der Pathologie sahen sie Heinz ein letztes Mal, wo sie ihre Tränen freien Lauf ließen. Bei dieser Inaugenscheinnahme stellte Horst Blutergüsse an beiden Handgelenken des Freundes fest, was auf eine Fesselung hinwies, aber bei der Bergung der Leiche waren Fesseln nicht mehr vorhanden. Das bestätigte Horsts Verdacht gegen eine bestimmte Person. Darüber sprach Horst mit seinem Vater, dem er ja voll vertrauen konnte. Weil es nun schon spät geworden war, suchten Vater und Sohn ihr Nachtlager auf. Lange konnten beide nicht zur Ruhe kommen. Ihre Familie musste in letzter Zeit so viel Leid ertragen. Werner sah die Bilder, wie es zum Verlust seiner Mutter gekommen war, wenig später die Leiden der Schwester und wie nun sein Freund Werner zusammengeschlagen wurde und im Gefängnis litt. Jetzt hatte er noch seinen letzten Freund auf tragische Weise verloren. Das machte ihn betroffen, aber auch entschlossen, den Mörder zu finden. Er war es seinen Freunden schuldig.
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