Read the book: «Marylin»

ARTHUR RUNDT
MARYLIN
ROMAN
Herausgegeben und mit einem Nachwort
versehen von Primus-Heinz Kucher

Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel IX
Nachwort des Herausgebers
Anmerkungen
Biografie
I.
Marylin hatte in Chicago eine Fünfundzwanzig-Dollar-Stellung.
Sie fuhr jeden Morgen mit dem gleichen Hochbahnzug in ihr Office, vom Nordwesten der Stadt bis zur Station an der Ecke der Wabash und Madison Street.
Aber was half es Philip, daß er täglich diese selbe Linie benutzte, daß er täglich sechs Stationen vor Madison Street gerade diesen bestimmten Zug erwartete und ihn zugleich mit Marylin verließ?
Die Züge, die nach dem Geschäftsviertel fahren, sind ja um diese Zeit so voll, daß man froh sein muß, überhaupt mitzukommen. Es so einzurichten, daß man in einem gewissen Waggon fahren, vielleicht in der Nähe einer gewissen Person stehen kann, das ist ganz unmöglich.
Marylin hatte meist einen Sitzplatz. Also kam sie wohl von weit her, aus einem Stadtteil, in dem die Züge noch nicht so voll waren.
Philip begnügte sich damit, einen Platz bei der Wagentür zu erwischen, als einer der ersten herauszuspringen und Marylin in der Menge aufzuspüren. Dann ging er ein paar Straßenblocks die Madison Street entlang hinter ihr her.
Er wußte: An der Dearborn Street bog sie nach links ab und verschwand wenige Schritte weiter im Haustor eines Wolkenkratzers.
Es war ein tägliches Glücksspiel darum, einmal auf irgendeine Art – er hatte keine Vorstellung davon, auf welche – ein paar Worte zu dem Mädchen zu sprechen. Einmal meinte er, mußte die Chance doch kommen.
Philip kannte Marylin in zwei Kleidern. Das eine, das sie öfter trug, war ärmellos; so hatte er sie auch das erstemal gesehen. Die dünnen Arme, von denen man auf eine Fünfzehnjährige hätte schließen können, hatten seinen Blick auf sich gezogen. Und wenn er ihr durchs Menschengewimmel der Straße folgte, sah er kaum mehr vor sich als diese zarten Kinderarme, die aus den behutsam wiegenden Schultern hin- und herpendelten.
Marylin ging in der allgemeinen Hast langsamen Schrittes bis an ihr Haustor, wie jemand, der sicher ist, nicht zu spät zu kommen. Ihre ungezwungen aufrechte Haltung steigerte diesen Eindruck von Ruhe.
Nach drei Wochen begegnete Philip dem Mädchen eines Nachmittags auf dem Heimwege, und nun verdoppelte er die Chance seines Spieles, indem er sie von jetzt an auch am Schluß der Arbeitszeit erwartete, und zwar oben an der Station, bei den Zügen, die von Madison Street nach dem Nordwesten führten.
Dann, als er sich auf der Heimfahrt schon ein paarmal einen Platz im selben Wagen erkämpft hatte, stieg er einmal an seiner sechsten Haltestelle nicht aus. Er fuhr, ohne einen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben und ohne genau zu wissen, warum er es tat, so weit mit, bis Marylin den Zug verließ, dann folgte er ihr auf die Straße hinab.
Aber unten blieb er stehen und blickte ihr nach.
Sie ging auch hier den gleichen langsamen Schritt, sich in den Schultern wiegend; die Nähe des Ausruhens am Ende des Tages beschleunigte ihren Gang ebensowenig wie der Beginn der Arbeit am Morgen.
Plötzlich ging Philip, als habe er sich auf etwas Unrechtem ertappt, quer über die Straße zum Aufgang für die stadteinwärts fahrenden Züge und lief dort die Treppe hinauf.
Aber dann verlangsamte er seinen Schritt und blieb mitten auf der Treppe stehen. Ihm war unversehens klar geworden, daß er gar keinen Grund hatte, davonzulaufen. Es hätte nichts ausgemacht, wenn das Mädchen sich umgewendet und ihn gesehen hätte. Denn sie wußte ja nichts von ihm.
Da steht also auf der steilen Treppe, die zur Plattform dieser Hochbahnstation führt, ein junger Mensch, bekommt einen roten Kopf und macht ein verdutztes Gesicht.
Der Hut ist ihm ein wenig nach hinten gerutscht, er hält die Hände in den Hosentaschen; er hat sich seitwärts ans Geländer gelehnt, der rechte Fuß steht um eine Stufe höher als der linke. Er ist rot geworden wie ein Schulbub, ein erwachsener Mensch von sechsundzwanzig Jahren.
Um diese Zeit fährt nur selten jemand aus den Außenbezirken ins Innere der Stadt. Ein Vorübergehender hätte wohl meinen können: Diesem jungen Mann wäre plötzlich eingefallen, daß er zu Hause etwas hat liegen lassen, und nun denkt er nach, ob er noch einmal zurück muß.
Es ist alles sehr schnell gegangen, das Hinauflaufen, das Stehenbleiben, das Stutzigwerden. Aber in diesem kurzen Zeitraum hat sich allerhand durch sein Gehirn gedrängt: Erinnerungen, Überlegungen und dann ein Entschluß.
Kitty … Ja, wie war das damals mit Kitty, im letzten Jahr auf dem College? Er war immerfort mit ihr zusammen, zu Tanzgesellschaften, bei Sonntagsausflügen, oft auch in der Woche ohne besonderen Anlaß. Er war ihrer auf eine bestimmte Art ganz sicher. Nur – hatte er nicht daran gedacht, es ihr zu sagen. Er war oft mit ihr zusammen, aber sie wußte so wenig von seinen Gedanken und Absichten, daß sie ihm eines Tages um den Hals fiel, um ihm mitzuteilen, daß sie sich mit einem anderen verlobt hatte.
Das ist jetzt bald fünf Jahre her, fünf Jahre, in denen er ein Mann geworden ist. Und trotzdem ist er im Begriff, sich nun noch dümmer zu benehmen als damals.
Denn, sagt er sich, dieses Mädchen, das dort die Straße hinabgeht, weiß ja nichts von dir. Sie hat keine Ahnung davon, was du seit einem Monat täglich um ihretwillen treibst!
Und du rechnest mit diesem Mädchen als etwas endgültigem. Du bist entschlossen, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Du glaubst an etwas Gemeinsames zwischen ihr und dir.
Daran hat diese Minute hier an der Treppe zur Hochbahnstation nichts geändert.
Aber so etwas wie damals mit Kitty – nein, so etwas soll nicht wieder geschehen. Nein!
Bis hierhin war er gelangt, als er sich, wie jemand, der einen Sprung machen will, straffte und die Treppe weiter hinaufging.
Alles zusammen, die Erinnerung an Kitty, die Überlegung und der Entschluß, etwas Entscheidendes zu tun – das alles zusammen hatte nur den Bruchteil einer Minute gedauert.
Auf dem Wege von jener Hochbahnstation zu ihrer Wohnung besuchte Marylin täglich einen jener Läden, in denen aus Eis, Mineralwasser, Milch, Fruchtsäften und vielerlei Chemikalien nach den Wünschen der Gäste Getränke gemischt wurden.
Wenn Marylin eintrat, das Fräulein an der Kasse im Vorübergehen lächelnd grüßte und sich hinten im Laden niedersetzte, griff der Mann am Bartisch nach einem der Nickelbecher und begann unaufgefordert seine Arbeit. Marylin trank von den zahlreichen Mischungen immer die gleiche: eisgekühlte Milch, in die ein Ei, etwas Zucker und ein Löffel gelben Malzpulvers geschüttet wurden, alles das auf einem elektrisch betriebenen Apparat zu einem schaumigen Getränk durcheinander gesprudelt.
Ihr Besuch in dem Laden dauerte immer nur wenige Minuten. Sie trank ihr Glas langsam und in Abständen aus. Manchmal las sie in dem kleinen ungebundenen Buch, das sie bei sich trug, bis zu einem Abschnitt, der zum Unterbrechen geeigneter war als jener Punkt, an dem sie in der Hochbahn hatte aufhören müssen. Aber meist saß sie still da, scheinbar ohne an irgend etwas zu denken.
Dann zahlte sie, dann lachten die beiden Mädchen einander wieder an, und Marylin ging nach Hause.

Sie wohnte bei einer Irländerin, die das kleine Boardinghouse erst vor kurzem gekauft hatte. Zwei Zimmer lagen nach der Straße hinaus, ein langer, dunkler Gang verband die Vorderzimmer mit der Küche; von diesem Gang aus gingen fünf Türen in fünf voneinander abgesonderte kleine Zimmer.
Marylin wohnte im vorletzten.
Die Wohnung lag im siebenten Stock eines alten, nicht sehr gepflegten Hauses. Der Schwarze, der den Aufzug bediente, sagte allen heimkehrenden Bewohnern, sobald er die Lifttür geschlossen hatte, einen Satz über das Wetter und über die allgemeine Laune, die sich aus dem Wetter ergab. »’N wunderschöner Tag heute, muß sehr schön sein, ein Stückchen spazieren zu gehen« oder »Schrecklich, der Regen, will nicht aufhören, man muß froh sein, nach Hause zu kommen« oder dergleichen. Der Schwarze sagte das zu allen mit gleich betonter Freundlichkeit. Manche erwiderten mit einem höflichen Wort, manchen nickten nur mechanisch mit dem Kopf; die meisten hörten seine Worte wie das Geräusch der Aufzugsmaschine, wie etwas Unvermeidliches. Marylin gehörte zu diesen letzten.
Sobald sie oben in ihrem Zimmer war, legte sie ihr Täschchen aufs Bett, wechselte das Kleid gegen ein Hausgewand und setzte sich eine Weile in den Schaukelstuhl, der zwischen Fenster und Toilettetisch seinen Platz hatte.
Das Zimmer war ein kleiner, aber heller Raum. Er enthielt das Bett, in der Ecke den Verschlag für Kleider, ein Waschgestell, die Kommode, die zugleich Schreib- und Toilettetisch war, einen einfachen Stuhl und den Schaukelstuhl. Neben der Kommode stand Marylins großer Koffer, der die selten gebrauchten Kleidungsstücke enthielt und im untersten Fach Briefe, das Bankbuch und ihre Dokumente. Über der Kommode hing neben dem Spiegel in einem Holzrahmen, den ein paar Feldblumen schmückten, die Photographie eines stolzen, aber traurig dreinblickenden Mannes mit einem unmodischen Vollbart. Alles war an seinem sorgfältig gewählten Platz, links auf der Kommode, über die eine Decke gebreitet war, drei Flakons, rechts zwei Glasdosen, in der Mitte eine Vase, vor ihr die Schreibmappe.
Marylin blieb meist in ihrem Zimmer, bis die Wirtin sie zur Abendmahlzeit rief, die beide in der Küche einnahmen. Nachher pflegte Marylin noch eine Weile hinunterzugehen, einmal oder zweimal in der Woche ins Kino.
Es gab keine Ereignisse in diesem Leben, nichts Erwartetes, nichts Unerwartetes.
Marylin fiel es nicht auf, als eines Tages kurz hinter ihr ein junger Mann in den Laden trat, in dem sie ihr Nachmittagsgetränk einnahm. Er bestellte ein Glas Soda mit Fruchtsaft und setzte sich an einen Tisch vorn neben der Kasse.
Philip konnte Marylin nicht sehen. Er saß so, daß er ihr beinahe den Rücken kehrte. Sein Blick war dem vorderen Teil des Ladens zugekehrt, der Kasse und der offenen Tür, die ein Rechteck der Straße zeigte.
Hatte Philip es nicht gewagt, sich anders hinzusetzen? Es war selten Unsicherheit in dem, was er tat, obwohl er außerhalb des Bureaus seinen scharf zugreifenden Verstand fast wie eine Maschine abschaltete. Saß er nicht im Office des Architekten, bei dem er arbeitete, über Plänen und Berechnungen, so lenkte ihn nur sein zuversichtlicher jungenhafter Glaube, daß das, was er wollte, das richtige war und auch immer gut ausging.
Für seine Beziehung zu Marylin wäre es nicht ganz treffend, das Wort »Liebe« zu gebrauchen. Was in ihm vorging, war frei von jedem Konflikt. Er hatte sich für dieses Mädchen entschieden, ohne mehr von ihr zu wissen, als jeder wissen konnte, der zu bestimmten Zeiten des Tages aus dem Nordwesten von Chicago mit der Hochbahn zum Zentrum der Stadt fuhr oder zurück.
Er hatte einfach einen Entschluß gefaßt. Und wenn er glaubte, daß es auf nichts anderes ankomme als auf diesen Entschluß, so lag hierin nicht ein Übermaß von Selbstbewußtsein oder gar eine Geringschätzung des Mädchens.
Sein Entschluß war nicht leichtfertig. Ihm war klar, daß es hier um eine Entscheidung für sein Leben ging.
Ein paarmal hatte er von Marylin geträumt.
Er war durch die belebte Straße hinter ihr hergegangen, immer diesen sonnengebräunten Kinderarmen nach, die er für Augenblicke aus dem Gesicht verlor, dann, sich emporreckend, suchte und immer wieder fand. Er sah eine Hand, die von seitwärts herankam und den Arm des Mädchens streichelte. Da sprang er ganz schnell nach vorn, versetzte dem Burschen einen Schlag vor die Brust, so daß er gegen die Häuserwand taumelte; von der heftigen Bewegung des Hiebes war er aufgewacht.
Oder: Sie waren verheiratet, sie hatten eine kleine Wohnung mit einem Vorhang von Perlschnüren in der Tür zwischen den zwei Zimmern. Es war Abend, sie saßen beim Eßtisch unter der Lampe, er hatte auf dem Heimweg die Zeitung gekauft und las, bevor Marylin hereinkam, das Großgedruckte. Dann brachte sie die Suppe, stellte sie vor ihn hin und reichte ihm den Schöpflöffel. Drüben im Schlafzimmer spielte das Grammophon.
Einmal in seinen Träumen hatte er sie auch in den Armen gehalten und leidenschaftlich an sich gedrückt. Aber das war der verschwommenste seiner Träume.
Am klarsten waren das Bild am Eßtisch unter der Lampe und ihr Blick, mit dem sie ihm den Schöpflöffel reichte.
Beim ersten Besuch des kleinen Ladens in der Vorstadt lag vor ihm die Silhouette des Zahltisches mit dem Kassenfräulein, dahinter die Straße in der gelben Sonne des Herbstnachmittags. Das war kein glücklich gewählter Platz, das mußte das nächste Mal besser gemacht werden.
Also saß er am nächsten Tag so, daß er Marylin sehen konnte.

Sie las in ihrem Buch, sie trug wieder das ärmellose Kleid, das sie jetzt nicht mehr lange tragen würde, da es am Morgen und gegen Abend schon kühl zu werden begann.
Er sah in ihren großen, rehbraunen Augen, daß die Geschichte, die sie las, ihre Aufmerksamkeit völlig fesselte. Einmal, beim Umblättern, schien es ihm, als flog ein Zittern über ihre Oberlippe.
Er sah ihren Mund, ihre kleine Nase, deren gerader Rücken zu einer glatten Stirn hinaufführte, und den klaren Ansatz ihres nach hinten gestrichenen Haares. Es war braun, aber mittendurch, so kam es ihm vor, lief ein hellerer, ein beinahe blonder Streifen.
Dann schlug sie das Buch zu, Philip sah schnell nach dem Bartisch mit den Glasgefäßen und Flaschen.
Die beiden waren fast immer die einzigen Gäste des Ladens, der erst in den späteren Abendstunden lebhaften Verkehr hatte. Wenn Marylin aufstand, an Philip vorüberging und den Laden verließ, folgte ihr sein Blick verlangend, aber ohne Unruhe.
Eines Tages, als sie gerade im Türrahmen verschwand, durchzuckte es ihn: Und wenn sie morgen früh nicht in dem Zuge säße, der kurz vor neun Uhr von hier draußen zur Stadt fährt!
Da sprang er auf und folgte ihr. Er zweifelte nicht daran, daß es das Haus ihrer Wohnung war, an dessen Stufen der schwarze Liftführer sie begrüßte.
Die Furcht, die vor ein paar Minuten seinen Schritt beschleunigt hatte, war geschwunden. Und als wollte er die Lückenlosigkeit seiner Maßnahmen sich selbst bestätigen, zog er sein Notizbuch heraus und schrieb die Straße und Hausnummer auf, wie er sie soeben festgestellt hatte.
Jetzt wußte er, woher sie am Morgen kam, wohin sie am Abend ging.
Er verfolgte sie nicht, er wollte nicht schnüffeln. Er wußte wenig von ihr, dennoch lag, was er wußte, wie eine Klammer um sie.
Aber nun war es schwer, ihr näher zu kommen. Er konnte dieses fremde Mädchen nicht anreden. Er sah, daß alles verloren war, wenn er einen unüberlegten Schritt tat. Aber er zweifelte nicht daran, daß es am Ende doch einen Weg zu ihr geben werde.
Gewiß ging sie in die Kirche, besuchte vielleicht an Sonntagnachmittagen die Zusammenkünfte der Gemeinde, an denen Tee getrunken, auch ein wenig getanzt wurde. Er hätte die Gemeinde herausfinden können und hätte es erreicht, zu einem solchen Sonntagnachmittag eingeladen zu werden. Aber das waren nicht seine Wege.
Manchmal dachte er: Wenn sie in einem anderen Stadtteil wohnte, wenn ihr Office anderswo läge, wenn sie nicht auf dieser Strecke zur täglichen Arbeit fuhr, dann hätte er sie nie gesehen. Was für eine Art Schicksal ist das, das von solchen Zufällen abhängig ist?
Wenn er sich ihr Gesicht oder ihre Art zu gehen vorstellte, so daß er sie fast leibhaftig sah, dann konnte er mit dem Fuß aufstampfen, wobei sich sein Gesicht zu Ungeduld und Unwillen verzog. Das waren häßliche Verzerrungen, harte Bewegungen. Aber es waren nur ungestüme Ausbrüche einer zarten Empfindung, die keine Gelegenheit hatte, sich anders auszudrücken.
Philip kam täglich in den kleinen Laden, er grüßte beim Eintreten den Mann, der die Getränke mischte, und das Fräulein an der Kasse; manchmal, wenn Marylin gerade hinsah, machte er eine unentschlossene Bewegung gegen sie. Einmal hatte sie mechanisch mit dem Kopf genickt und dann schnell wieder in ihr Buch gesehen.
Jetzt kannte sie ihn sicher schon.
Philip blieb immer so lange da wie Marylin; hin und wieder zahlte er schnell, wenn er sah, daß Marylin sich zum Gehen anschickte, und trat vor ihr auf die Straße hinaus. Aber er blieb nie vor der Tür stehen, sondern ging sofort nach der Station zu, also in entgegengesetzte Richtung wie Marylin.
Dann geschah es einmal, daß sie beide gleichzeitig zur Ausgangstür gelangten, daß Philip sie vorangehen ließ und daß sie draußen unwillkürlich stehen blieben, Philip, um den Kragen hochzuschlagen, Marylin, um den Schirm zu öffnen; denn es ging ein langsamer Herbstregen nieder.
Da sagte Philip: »Schrecklich, der Regen will nicht aufhören, man muß froh sein, nach Hause zu kommen.« Marylin nickte, dann ging jeder seinen Weg.
Das hätte Philip ebenso zu dem Mann hinter dem Bartisch sagen können oder zu dem Fräulein an der Kasse oder zu einem Nachbar in der Hochbahn. Diese Worte bedeuteten nichts, aber es waren doch die ersten Worte, die er zu ihr gesprochen hatte.
Und als er am nächsten Morgen im Gedränge der Station Madison Street ihren Blick auffing, durfte er die Hand an den Hut legen, und Marylin mußte mit dem Kopf nikken. Und bald darauf, an einem der folgenden Tage auf dem Heimweg, flog es zwischen ihnen hin und her: »Wie geht’s?« und »Danke, gut!«
Es war nichts, und es war doch alles.
Denn als sie das nächste Mal wieder zugleich aus dem Laden traten und es nicht regnete, sagte Philip: »Wunderschöner Tag heute!«, und dann ging er nicht, wie sonst, zur Station, sondern an Marylins Seite nach der Richtung des Hauses, in dem sie wohnte.
Es war nicht weit bis dorthin; aber ihm kam nicht der Gedanke, dieser kurze Weg müßte gut ausgenützt werden, er ging wortlos neben ihr her.
Von seinem Bubengesicht war jeder Wandel abzulesen: zuerst die Mühe, seine Begleitung selbstverständlich erscheinen zu lassen, dann kurzes Zögern, dann, nachdem sie zwei Straßen überquert hatten, der Wille, jetzt alles klar und übersehbar vor ihr auszubreiten.
Er sprach ohne Überlegung, aber auch ohne Zögern, obwohl er vorher nie daran gedacht hatte, was er ihr sagen wollte. Sie hörte, daß er täglich im selben Zug mit ihr zur Stadt fuhr und dann nachmittags wieder zurück, daß er sie jedesmal bei der Ankunft suchte und begleitete, daß er ihretwegen in den kleinen Laden kam.

Er sah sie, während er sprach, nicht an, sondern blickte geradeaus. Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt, aber er spürte nichts von der Erregung, die hinter seiner äußeren Ruhe lag. Er erwähnte noch kurz seinen Beruf und daß er im Bureau des Architekten fünfzig Dollar wöchentlich verdiente. Er machte keine sentimentalen Phrasen, aber jede Frau mußte aus seinen Worten leidenschaftlichen Ernst heraushören.
Marylin ging neben ihm her wie jemand, dem unvermutet erklärt wird, er sei eines Verbrechens beschuldigt, und der nicht einmal weiß, um welche Art von Verbrechen es sich handelt.
Kurz vor Marylins Haus blieb er stehen. Marylin wunderte sich nicht, daß er das Haus kannte, sie kam nicht auf den Gedanken, zu fragen, wieso er es kannte.
Sie merkte, daß er sich verabschieden wollte, reichte ihm die Hand und ging, ihren Schritt ein wenig beschleunigend, die paar Schritte bis zur Tür, an der der Schwarze sie wie immer höflich grüßte.
Am nächsten Morgen sah sie ihn nicht, aber am Nachmittag war er wieder da.
Er ging vor ihr aus dem Laden und wartete, wie in einem stillen Einverständnis. Sie bogen diesmal nicht in die Straße ein, in der Marylin wohnte, sondern machten einen Umweg.
In Marylin war während dieser Wege kein Widerstand. Er sprach von einer gemeinsamen Zukunft, von einer Wohnung wie jene, die er geträumt hatte.
Dann ergab es sich von selbst, daß Marylin redete: von ihrem Bureau, daß sie noch nicht lange hier war und daß sie in Baltimore geboren sei.
An einem Oktobertag, als die Sonne noch einmal, wie im frühen Herbst, arm herabschien, saßen sie auf der Bank eines Parks, und Philipp legte seine Hand auf die ihrige.
Zwei Tage später war Marylin verschwunden. Philip sah sie am Morgen nicht und nicht am Nachmittag. Er suchte sie auch am nächsten Tag vergeblich.
Nicht wahr, der Name einer geliebten Frau ist doch nicht das wichtigste an ihr?
Du kennst ihren Gang, eine Bewegung ihrer Hand, du hast den Klang ihrer Stimme im Ohr. Oder gar: Du weißt, sie kommt an jedem Morgen auf die Minute zur gleichen Zeit eine Treppe hinunter, steigt die Treppe am Nachmittag wieder hinauf. Du kannst es manchmal im Gewühl der Gleichgültigen nicht erreichen, daß du neben ihr sitzt, aber dann am Ende kannst du neben ihr hergehen, darfst zu ihr sprechen, und sie hört dich widerstandslos an.
Wie aber, wenn sie auf einmal nicht da ist? Wenn sie vielleicht geflohen ist, vielleicht gerade aus dieser Regelmäßigkeit geflohen, aus dem Zwang, dir zu begegnen, dich anzuhören?
Wirklich, Philip kannte den Namen des Mädchens nicht, das sein Ziel, seine Zukunft war. Jetzt half ihm auch die Vorsicht nichts, daß er eines Tages das Haus ins Notizbuch geschrieben hatte, in dem sie wohnte. Scheinbar war sie auch aus dem Hause verschwunden.
Der Liftführer stand, gegen die Mauer gelehnt, am Tor, grüßte alle, die eintraten, verschwand mit ihnen im Aufzug und führte sie hinauf. Oder er holte, wenn das Glokkenzeichen kam, Fortgehende aus ihrem Stockwerk ab. Er stand vor der Haustür, verschwand und kam wieder.
Philip glaubte nicht einen Augenblick an einen Zufall oder daran, daß sie vielleicht krank war. Er wußte, sie war fort.
Jetzt eben war der Schwarze wieder ins Haus getreten, mit einer älteren Dame, die ein Kind an der Hand führte. Philip sah das matte Licht des Fahrstuhls nach oben verschwinden, dann trat er rasch in den halbdunklen Flur.
Rechts hinten in einem Winkel brannte eine Birne über einem kleinen Tisch vor dem Schaltkasten des Telephons. Auf dem Tisch lagen Papiere, ein Federhalter und Bleistift, seitwärts ein zerlesenes, aufgeschlagenes Bibliotheksbuch. Der Stuhl vor dem Tisch war ein wenig zur Seite gerückt. Es war der Ruhe- und Arbeitsplatz des Schwarzen.
Philip war ohne bestimmte Absicht eingetreten. Was hätte er fragen sollen, nach wem?
Da fiel sein Blick auf einen Briefumschlag, der an die Mauer gelehnt war. Das Wort »Chicago« und auch die Straße und die Hausnummer waren durchgestrichen, andere Worte und Ziffern danebengeschrieben. Er las: »Miß Marylin Palmer …« Aber er konnte nicht weiterlesen, weil hinter dem Gitter wieder das Licht des Lifts erschien und bald darauf der Schwarze.
»Verzeihung, bei wem hat Miß Palmer gewohnt oder – können Sie mir ihre Adresse sagen?«
»Jaa,« kam es in strahlender Bereitwilligkeit zurück, »jaa, natürlich, hab’s aufnotiert, brauch’ aber gar nicht nachzusehen, hier ist noch ein Brief, heut’ früh angekommen. Hier: 12. Ontario Street. Room 1312. Cleveland, Ohio.«
»O, danke vielmals.« Und indem er die Adresse notierte: »Wann ist sie denn abgereist?«
»Vorgestern früh, hab’ ihr den Koffer zum Wagen gebracht. Ganz früh, der Kerl vom Nachtdienst war noch nicht fortgegangen. Sehr unerwartet, vielleicht eine Familiengeschichte oder –«, er zog die Achseln hoch und zündete sich eine Zigarette an. Dann fuhr er, da Philip noch immer dastand, redselig fort: »Miß Palmer hat nicht lange bei uns gewohnt, aber – so ein liebes Mädel! So pünktlich, jaa!«
Eine Stunde später saß Philip in seinem Zimmer an der kleinen Schreibmaschine und schrieb an sie.
Liebe Miß Palmer!
Ich habe Ihnen alles gesagt, aber Sie haben mir nicht gesagt, daß Sie verreisen. Sind Sie abgereist, weil ich zu Ihnen über meine Zukunftspläne gesprochen habe? Ich weiß es nicht genau, aber vielleicht ist es so. Bitte, seien Sie so freundlich, mir bald zu schreiben. Ich will meine Stellung aufgeben und auch nach Cleveland kommen, ich werde dort bald eine neue finden und sicher keine schlechtere. Ich muß hier noch eine Arbeit fertig machen, die eine Woche in Anspruch nimmt, es kann auch etwas länger sein, dann könnte ich sofort kommen. Bitte schreiben Sie mir bald.
Sehr aufrichtig der Ihrige
Philip E. Garrett.
Die Antwort kam so schnell, als sie nur kommen konnte.

Marylin schrieb, daß sie im Bureau der Clevelander Niederlassung jener Gesellschaft arbeite, bei der sie auch in Chicago war.
Aber, lieber Mr. Garrett, ich bitte Sie um Himmelswillen, Ihr Office nicht zu verlassen und mir auch nicht mehr zu schreiben. Warten Sie eine Weile, vielleicht bekommen Sie eines Tages wieder einen Brief von mir. Sie haben recht, ich mußte von Chicago fort, ich kann Ihnen nicht mehr sagen, aber jeder Mensch hat sein eigenes Leben.
Der Brief war mit der Hand geschrieben und noch kürzer als der Philips, es waren kaum zehn Zeilen.
Marylin hatte auch in Cleveland ein Zimmer für sechs Dollar wöchentlich gefunden, das kaum anders aussah als jenes in Chicago. Sie hatte schnell ihren Koffer ausgepackt und alles geordnet. Wieder standen die drei Flakons links auf ihrem Toilettetisch, rechts die beiden Dosen, darüber hing neben dem Spiegel das Bild des Vaters mit den Feldblumen am Rahmen. Sie hatte ihr Geld zur Bank getragen, das sie vor der Abreise abgehoben hatte. Die Reise und alles, was dazukam, hatten ihre Ersparnisse um mehr als dreißig Dollar vermindert. Bevor sie das Bankbuch zu den Dokumenten ins unterste Fach des Koffers legte, warf sie einen mehr schmerzlichen als ärgerlichen Blick auf die kleiner gewordene Ziffer.
Sie hatte auch hier mit ihrer Wirtin vereinbart, um sieben Uhr abends in der Küche zu essen, zwischen ihrer Heimkehr und dieser Mahlzeit saß Marylin auch hier im Schaukelstuhl am Fenster, das in den Hof hinausging.
Sie hatte ihre Stellung an einem Montag angetreten. Als sie am zweiten Mittwoch nachmittags ihr Office unruhigen Blickes und erregt verließ, bemerkte sie nicht, daß ein junger Mann in einem Regenmantel und mit einer kleinen Tasche sie unter dem Haustor erwartete und ihr, als sie eilig zur Tramway ging, folgte.
Den Fünfzig-Dollar-Wochenlohn, von dem Philip gesprochen hatte, bezog er noch nicht lange. Bis vor einem Monat waren es nur vierzig Dollar gewesen.
Der Architekt, bei dem er arbeitete, hatte in letzter Zeit ein paarmal hintereinander den Auftrag erhalten, Pläne für den Ausbau eines Blocks mit Reihenhäusern herzustellen. Das sind jene kleinen Einfamilienhäuser, die dort, wo der Grund nicht allzu teuer ist, von einer Straßenekke bis zur nächsten aufgestellt werden, alle völlig gleich und nebeneinander, ohne trennende Zwischenräume. Es gibt natürlich Typen für solche Häuserreihen; sie hatten in Philips Atelier ausgeschnittene Schablonen, brauchten die Baufläche immer nur auf einen gewissen Maßstab zu bringen, die gewählte Schablone aufzulegen, dann blieb alles weitere beinahe ausschließlich mechanische Arbeit.
Zwei Generationen spekulativer Gehirne hatten an diesen Typenentwürfen gearbeitet. Trotzdem war Philip eine Verbesserung gelungen. Zwanzig Treppen wurden um eine Kleinigkeit gedreht und gekürzt, was die Stufen ein wenig steiler machte, zwanzig Rauchfänge wurden an einen anderen Platz gelegt. Die Änderung sah sehr geringfügig aus und bewirkte dennoch, daß für ein einundzwanzigstes Haus, freilich ein etwas schmäleres, Platz geschaffen wurde.
Der Chefarchitekt hatte, als Philip ihm den Plan zeigte, den Arm auf Philips Schulter gelegt, und am nächsten Wochenende wurde ihm die Zulage angekündigt.
Die Stellung aufgeben und dem Mädchen nachreisen, war ein großer Einsatz. Es konnte leicht ein vergebliches Opfer werden, denn es war möglich, daß Marylin noch einmal fliehen wollte. Es galt, ihr unausweichbar klarzumachen, daß eine weitere Flucht vergeblich war, ihre Schwäche – ihre Flucht war sicher Schwäche – in Hingabe zu wandeln.
Vor seiner Abreise von Chicago hatte Philip auf dem Bahnhof einen Brief an Marylin in den Kasten geworfen, der seine Ankunft für den nächsten ankündigte, also für einen späteren als den wahren Zeitpunkt.
Diesen Brief mußte Marylin soeben, kurz vor Bureauschluß, bekommen haben.
Philip sah sie das Haus verlassen, sprang hinter ihr auf die Tramway, verließ den Wagen zugleich mit ihr.
Er beobachtete das Haus, das sie betreten hatte, bis spät nachts, und war frühzeitig, als alle Straßen noch leer waren, wieder da.
Gegen neun Uhr morgens ging Marylin aus, zum Bankgebäude im nächsten Straßenblock, von wo sie bald wieder heimkehrte.
Marylin sah das Auto nicht, das eine halbe Stunde später dem ihrigen zur Bahn folgte, sah den jungen Menschen nicht, der ein paar Schritte hinter ihr stand, als sie die Karte nach New York löste.
Bei der Ankunft in der Großen Stadt führte ihr Weg die Lexington Avenue entlang nach der unteren Stadt bis zur Gegend von Gramercy Park.
Zweimal, an der 40. und an der 28. Straße, war ihr Auto von einem zweiten getrennt worden, das dicht hinterdrein fuhr.
Aber als sie an ihrem Ziel neben dem Chauffeur stand und ihm zusah, wie er das Seil aufknotete, mit dem der Koffer angebunden war, trat Philip auf sie zu und reichte ihr harmlos die Hand: »Freue mich, Baby, daß Sie gut angekommen sind. Wollen erst das Gepäck zum Lift schaffen und dann weitersehen.«
II.
Marylin mietete bei der Witwe Perkins im achten Stock das drittletzte von sechs kleinen Zimmern, die an einem langen, dunklen Gang lagen.
Philip stand dabei, während die kurze Unterhaltung über den Preis, über das Frühstück und die Badezeit geführt wurde.
Mrs. Perkins sah, daß die beiden soeben erst in New York angekommen waren. Als alles erledigt war, hätte sie ein zweites Zimmer gern an Philip vermietet, aber Philip quartierte sich drei Stockwerke tiefer ein.
Nach einer Viertelstunde kam er zu Marylin herauf. Sie hatte nur ihre kleine Handtasche mit den Toilettetaschen geöffnet, sie rief »Herein!« und stand wie wartend aufrecht da, die Hand nachlässig auf die Tischplatte gestützt.
Sie fragte Philip nicht: »Warum sind Sie mir nachgereist?« oder: »Wie haben Sie es angestellt?« Sie sagte auch nicht: »Eines Tages werde ich doch wieder fortsein.«
Philip fragte nicht: »Warum laufen Sie so hartnäckig vor mir davon?«, er forschte nicht: »Haben Sie einen anderen gern?« oder: »Was steckt hinter alledem?«
Philip machte ein paar Schritte auf Marylin zu. Die kleine Hand auf der Tischplatte paßte nicht zu dem schmalen Gelenk, sie war eine volle, rundliche Hinterhand mit zwei Grübchen auf dem Rücken.
Philip sah von der Kinderhand aufwärts in Marylins Augen, die geweint hatten. Sein stummer Blick sagte: »Hab’ keine Angst, Baby!« Und: »Später einmal, aber nur, wenn du es ebenso wollen wirst wie ich, werden wir eine kleine Wohnung haben, und wir werden Kinder haben, und dann werden wir die Wohnung gegen eine größere wechseln, in einer besseren Gegend, und dann das gleich noch zwei- oder dreimal, so oft ich es eben dahin bringen werde, daß wir einen Schritt höher klettern.« Alles das sprach aus seinem zuversichtlichen Blick.
Wenn ein zum Tode Verurteilter in seiner letzten Minute den Henker anschaute, sein Blick wäre dem Marylins ähnlich, der zu fragen schien: »Warum ist es gerade dieser? Ich hab’ ihm doch nichts getan.«
Dann sprach Philip das erste Wort: »Ich werde hier bleiben, Miß Palmer, in New York und bei Ihnen. Aber ich werde Sie nicht quälen. Ich werde warten, bis wir einig sind. Sind Sie damit einverstanden?«
Sie zögerte nur ganz kurz, dann nickte sie mit dem Kopf.
Aber im nächsten Moment wandte sie sich ab und begann wild zu schluchzen. Philip sah das Zucken, das ihren Körper durchschüttelte; zuletzt hob und senkte sich nur noch der Rücken, dann wurde sie ruhig.

Philip blickte auf die Uhr. Sie waren am späten Nachmittag angekommen, jetzt war es dunkel geworden. Er zog an der kleinen Kette des Beleuchtungskörpers, der von der Decke herabhing, und es wurde hell. »Sie waren während der Reise nur ein einziges Mal im Speisewagen, Miß Palmer, Sie müssen was essen. Ich denke, wir wollen hinuntergehen.«
In dem kleinen Restaurant sprachen sie so wenig wie Leute, die seit langer Zeit täglich um die gleiche Stunde miteinander die Mahlzeit einnehmen und sich nach einem ereignislosen Tag nichts zu erzählen haben. Sie saßen am Ende eines langen Tisches einander gegenüber; mitten im Essen mußten beide zu gleicher Zeit lachen, aus Müdigkeit, aus Erregung oder weil sie von der Selbstverständlichkeit, mit der sie hier saßen, überrascht waren, vielleicht auch in einem Wohlgefühl, ähnlich jenem, mit dem man nach einer Seefahrt die erste Mahlzeit am Lande einnimmt.
Als sie fertig waren, griff Philip nach den beiden kleinen Rechenzetteln, die die Kellnerin neben ihre Teller gelegt hatte. Marylin wehrte sich gegen seine Absicht, mit beiden Zetteln zur Kasse zu gehen und zu zahlen. Aber Philip erklärte: »Von morgen an wird jeder das seinige erledigen. Heute müssen Sie es mir schon erlauben, heute sind Sie mein Gast, Miß Palmer. Denn Sie sind ja meinetwegen und mit mir hierher gereist.« Da lachten beide noch einmal und Philip durfte zahlen.
Die große Seidenstrumpffabrik von Indianapolis im Staate Indiana hatte auch in New York ein Verkaufsbureau. Freilich hatte Marylin, als sie in Cleveland, durch Philips Brief aufgeschreckt, die Stellung so plötzlich verließ, nicht daran gedacht, sich ein paar Zeilen an den New Yorker Manager mitgeben zu lassen; sie hätte es auch nicht gewagt, da sie so plötzlich fortging, daß sie nicht einmal das Ende der Woche abwartete.
Während sie hinter der Barriere stand, sah Marylin, daß sich hier alles genau so abspielte, wie sie es von Chicago und Cleveland her kannte. Die Bestellungen der Kaufleute und Privatkunden wurden auf Formulare übertragen, mit Rubriken für die Sorten und für die Größen, für die Anzahl der bestellten Paare und für die Farben, die ihr alle geläufig waren: Malve, Melone, Rosagrau, Champagne, Mondschein und Atmosphere. Es wurden ebensoviele Blätter Carbonpapier zwischen die Formulare gelegt wie in Chicago und Cleveland, sie hielten auch hier bei der »Fünften Jahres-Rabatt-Offerte«, die dem Käufer progressiv immer mehr Freipaare gewährte, je größer sein Auftrag war.
Daß Marylin alles das wiedersah, steigerte ihre Sicherheit für die Unterhaltung mit dem Manager. Als sie hineingerufen wurde, begann sie sofort: »Ich bin erst gestern abend in New York angekommen, ich habe schon in anderen Bureaus der Real Silk gearbeitet und kenne die ganze Organisation, alles, auch die ›Fünfte Jahres-Rabatt-Offerte‹. Ich bleibe jetzt ständig in New York. Wenn Sie mich brauchen könnten, würde ich gern schon am Montag anfangen.«
»Kommt mir ganz gelegen«, sagte der Manager, der ihre Angaben sofort als zuverlässig erkannte. »Wieviel haben Sie …«
»In Cleveland.«
»… in Cleveland pro Woche bekommen?«
»Fünfundzwanzig Dollar.«
»Also gut, das gleiche. Und – seit wann sind Sie aus dem Clevelander Bureau fort?«
»Erst seit Mittwoch, Sir. Ich – mußte plötzlich von Cleveland weg.«
»Hm – warum? Ich hoffe, es ist …«
»Nein, es hat nichts Unangenehmes gegeben. Es ist nur – es ist jemand hier in New York, der mich heiraten will und deshalb … aber bis dahin wird’s noch eine gute Weile dauern, ja.«
»Also, am Montag früh, das ist ja schon übermorgen. Vergessen Sie nicht, draußen Ihren Namen und Ihre Adresse anzugeben. Wiedersehen.«
Sonntag vormittags kam Philip in Marylins Zimmer, die beiden wollten zur Kirche gehen. Da sie fremd waren, erkundigten sie sich bei Mrs. Perkins, die ihnen ihre Kirche nannte.
Es war ein kleiner romantischer Bau; der Geistliche, ein junger Mensch, predigte über den Herbst als die Zeit der Ernte und Erfüllung. Die beiden waren von der Predigt wenig befriedigt, weil sie schwunglos war und ohne Beziehung zu den Dingen des Lebens. In Chicago, meinten sie, gab es bessere Prediger.
Dann gingen sie eine Weile planlos durch die Straßen. Nach einem leichten Lunch beschlossen sie, in die untere Stadt zu fahren, um von der Spitze der Landzunge Manhattan aus den Hafen zu sehen und auf dem Weg dorthin das Viertel von Wall Street.

Sie nahmen die Tramway, die den Broadway entlang geht. Sie wunderten sich, daß sie die einzigen Passagiere im Wagen waren. Was taten denn die Millionen New Yorker um diese Zeit, um die Mittagsstunde eines sonnigen Herbsttages? Wo waren sie denn? Warum sah man so wenige Menschen auf der Straße?
Je niedriger die Nummern an den Broadway-Häusern wurden, umso stiller war es. An der Trinitaskirche stiegen sie aus und bogen in die Wall Street ein, und dann in die Broad Street und dann in die Beeaver Street und spazierten so im Kreis herum. Überall waren sie die einzigen Menschen.
Sie gingen wie durch eine tiefe, einsame Schlucht. Hoch über ihnen hing mit gezackten Rändern ein Streif des klarblauen New Yorker Himmels. Auf der einen Seite waren die obersten Stockwerke der Riesenhäuser von der Mittagssonne grell beschienen, alles andere lag in tiefgrauem Schatten. Die Asphaltsohle der Schlucht war kühl.
Sie hatten unwillkürlich das Trottoir verlassen, gingen mitten auf dem Straßendamm. Nirgends, nirgends ein Mensch zu sehen. Ihre Schritte hallten durch die Stille.
Marylin dachte an einen Ausflug ins Gebirge, den sie einmal gemacht hatte, als sie noch im Westen war. Damals war sie auch durch eine Schlucht gegangen, von der vorher viel gesprochen wurde als von dem schönsten und seltsamsten Teil der Partie. Dort war’s ebenso frostig, aber man ging über moosbewachsene Steine, die steilen Seitenwände waren zerklüfteter Fels, oben lief zwischen Stein und Himmel ein grüner Saum entlang. Hier war’s unheimlicher.
Philip sagte: »Das ist Wall Street. Hier haben sich gestern mittag die Menschen gedrängt, so daß man nur mühsam vorwärts kam, und morgen früh wird’s wieder so sein. Wir hätten vielleicht nicht am Sonntag hierherkommen sollen. Man glaubt kaum, daß in diesen toten Häusern die größten Banken der Welt ihren Sitz haben. Nicht wahr, Miß Palmer?«
Dann fanden sie den Ausweg aus dem steinernen Irrgarten, gelangten zum Battery Park, besichtigten im Vorübergehen das Aquarium und saßen am Ende eine Stunde lang auf einer Bank vorn am Wasser.
Philip sagte: »Eines Tages werden wir hier besser Bescheid wissen. Unsere Kinder werden in dieser Stadt zu Hause, werden New Yorker sein.«
Marylin ging am nächsten Morgen ins Bureau der Real Silk, Philip suchte fast drei Wochen hindurch vergeblich eine Stellung.
Eines Mittags traf Philip auf dem Dach eines Omnibusses Charles Newton, der vor Jahren einmal mit Philips Schwester verlobt gewesen war und sich am Ende nicht ganz gut benommen hatte. Sie waren einander seit damals aus den Augen gekommen.
»Hallo, Philip, auch in der großen Stadt? Schon lange?«
»Noch ganz frisch. Noch auf der Suche nach einem Platz. Bin, weißt du, Architekt geworden, war zuletzt in Chicago.«
»Na und?«
»Scheint nicht ganz leicht, hier das zu finden, was ich suche.«
Newton überblickte sofort die Lage. »Muß es denn durchaus und gleich zu Beginn bei einem Architekten sein? Ich – bin in einem Hotel, Assistent des Managers, es ist ein großes Haus. Wenn du willst, spreche ich mal mit Edward Tylor. Du machst eine gute Figur, ich glaube, ich könnte es durchsetzen, wenn irgend was frei ist.«
»Du meinst, daß das klüger ist, als die Bureaus der Bauleute abzuklappern? Um dir die Wahrheit zu sagen: Es steigert nicht gerade die Courage, überall sich anzutragen und immerfort ›Nein‹ zu hören.«
Ein paar Tage später stand Philip früh um 8 Uhr hinter dem Empfangstisch des Prince Albert Hotels. Er hatte sein schwarzes Jacket und das gestreifte Beinkleid an, er tat vorläufig nichts, aber es sah aus, als hätte er immer hier gestanden.
Nach einer halben Stunde führte Newton ihn an den Posttisch, an dem die Gäste ihre Zimmerschlüssel abgaben und ihre Briefe verlangten. Hier blieb Philip. Newton, der hinter seiner dienstlichen Miene Gefälligkeit und tätige Freundschaft verbarg, kam hin und wieder, die Hände auf dem Rücken, vorüber; gegen Mittag warf auch Tylor einen Blick auf den neuen Mann.
Es ging nicht übel, Philips gute Manieren bewährten sich, es machte ihm auch Spaß, die Promenade der Gäste an sich vorüberziehen zu sehen, immer bereit zu sein und auf lässige und hastige Fragen gleichmäßig flott zu antworten.
Von dem Fünfzig-Dollar-Wochenlohn war Philip freilich weit entfernt. Aber er brauchte, da er eine Mahlzeit im Hause bekam, nicht länger vom Ersparten zu leben.
Marylin freute sich, als Philip ihr von Charles Newton und dem Posten im Prince Albert Hotel erzählte. Sie ertappte sich dabei, daß sie beim Anhören der endgültigen Nachricht einen tiefen Atemzug tat, wie von einer Last befreit. Ja, jetzt, da sie auf diese drei Wochen der Unsicherheit zurückschaute, konnte sie sich’s nicht verhehlen: Philips vergebliche Wege hatten ihr Sorge bereitet.
Als sie eines Abends in ihrem Zimmer saß, trat ihr das Erlebnis mit Philip zum erstenmal als ein Ganzes ins Bewußtsein. Ein Fremder verfolgt sie, anfangs ohne daß sie es merkt, dann spricht er zu ihr. Er verfolgt sie nicht nur von einem Straßenblock zum andern, nein, in fremde Städte über Hunderte von Eisenbahnmeilen hinweg. Dann legt er die Hand auf ihre Schulter, wie einer, der den Ausweis in der Tasche hat.
Sie hat vergeblich darum gekämpft, ihr Leben für sich allein zu führen, jedem einen Einblick verwehrend, und sei es auch um den Preis eines Opfers an Lebensglück.
War Philip für sie etwas wie Glück? Oder war nicht schon daß sie ihm Macht über sich einräumte, Beginn unabwendbaren Unglücks?
Sie war allein, als das alles langsam durch ihren von der Tagesarbeit ermüdeten Kopf rann.
Glück? Unglück? – sie neigte den Kopf zur Seite, Mund und Augen schienen zu lächeln. Sie gab sich dem Bewußtsein hin, daß einer, der nicht der schlechteste war, um sie warb, daß es aussah, als wollte er nie fortgehen.
Am Ende sank ihr Kopf kraftlos abwärts, so daß ein Teil ihres kurzen Haares, auch jener blonde Streif, nach vorn fiel. Sie hatte aufgehört zu denken, sie war fast ohne Bewußtsein ihrer selbst.
Plötzlich und ohne Anlaß fuhr sie in die Höhe.
Sie stand da, trotzig, mit einer harten, senkrechten Falte auf der Stirn, die Finger zusammengekrampft, ein Bild ekstatischer Abwehr; der Schaukelstuhl hinter ihr machte, als erhole er sich allmählich von einem Schrekken, noch ein paar letzte Bewegungen, bis er zur Ruhe kam.
So schwankte Marylin von der Schwäche und Hingabe zu Trotz und Auflehnung.
Niemand sah diesen Kampf, am sorgfältigsten wurde er vor Philip verborgen.

Philips Dienststunden im Prince Albert waren nicht immer die gleichen. Bisweilen hatte er früh um sieben Uhr da zu sein und war von drei Uhr ab frei, an anderen Tagen trat er um drei Uhr nachmittags an, dann waren seine acht Stunden erst am Abend um elf Uhr vorüber.
Als er sich ans Mechanische der Arbeit und an die ständige Sprungbereitschaft gewöhnt hatte, begannen die zwölfhundert Brieffächer, an denen er hantierte, für ihn mehr zu sein als tote Rechtecke aus Glas und Holz.
Der Gast exponierte sich dem Mann am Posttisch nur ein- oder zweimal während der täglichen Dienstzeit, aber mancher ließ trotzdem ein Erinnerungsbild zurück. Mitten in der Platte des Tisches befand sich ein Schlitz, in den, wer sein Zimmer verließ, den Schlüssel warf; aus der Schublade unterhalb der Öffnung wurden die Schlüssel dann nach ihren Nummern sortiert und an die kleinen Haken verteilt, die in jedem der zwölfhundert Brieffächer angebracht waren.
Morgens kamen zuerst die Frühaufsteher, waren frisch, zeigten heitere Mienen, warfen mit leichter Handbewegung den Schlüssel zum Schlitz. Die sich nur schwer entschließen konnten, dem Tag ins Auge zu sehen, mühsam und spät aufstanden, neigten eher zu übler Laune, manche sogar zu Melancholie.
Freilich gab es Ausnahmen. 615, der täglich seine Post persönlich zu einem der Frühzüge schaffen mußte, erfüllte die Pflicht unwillig und gegen seine Natur. 712, vollblütig und korpulent, war ein heiterer Langschläfer.
580 lieferte nie seinen Schlüssel ab, trug ihn, auch wenn er ausging, bei sich, was mancherlei Mißverständnisse schuf und oft Anlaß war zu unnötigen Liftfahrten der kleinen farbigen Grooms. Die Tochter von 1113 bekam täglich mit der zweiten Post einen Brief ihres Liebsten, sie lauerte am rückwärtigen Eingang dem Postboten auf und störte dann das Geschäft des Sortierens. Der Deutsche von 411 kam mit einer Geste zum Tisch, als wäre er der einzige, der nach Briefen fragte; einmal, als er das Fach leer fand, herrschte er Philip an: »Wieso ist nichts da? Gestern abend ist der Dampfer gekommen. Ich weiß genau, wann die Dampfer kommen, jawohl.«
Philip sah das alles nicht aus Freude an der Vielfältigkeit der Gesichter und Charaktere, sondern übte, als wäre es ein Sport, sein Gedächtnis. Jedem, der drei Tage im Haus war, ersparte er’s, die Zimmernummer zu nennen, griff unfehlbar ins richtige Fach und gab ungefragt Bescheid. Tylor sah dieser Praxis befriedigt zu, Newton augenzwinkernd und beinahe mit Stolz.
Rechts vom Posttisch, auf einer eingebauten Holzbank, lümmelten die farbigen Grooms, balgten sich, wenn alle sechs da waren, um die Sitzgelegenheit, denn die Bank bot nur dreien Platz, höchstens vieren, wenn sie sich sehr zwängten. Aber wenn der Knirps Teddy, der beinahe so breit war wie hoch, Dienst hatte, dann nützte das Zwängen nichts, dann gingen um keinen Preis vier auf die Bank.
So träge und langsam die Jungen in ihrer Ruhezeit waren, so flink waren sie auf den Beinen, sobald ein Gast oder ein Angestellter des Hotels sie rief. Philip mußte oft über die staunenswerte Wirkung seines Winks lachen, wenn er ein Zeichen gab und wenn dann, wie aus der Schachtel gesprungen, einer der Kleinen jenseits des Tisches stramm stand in der enganliegenden Uniform mit den glänzenden Kugelknöpfen vom Kinn bis zum Nabel.
Aber blind und taub gegen alles Winken und Rufen von irgendwoher waren die Jungen, sobald Bill Patterson sich in der Halle zeigte, der große Negerboxer, der seit acht Tagen im Prince Albert wohnte.
Natürlich nahm Tylor sonst keinen Schwarzen im Haus auf, aber Bill Patterson – das war eine andere Sache. Bill war zu Ende des letzten Winters aus Milwaukee zu einem Match mit Benjamin Foster nach New York gekommen, hatte Foster in der ersten Runde besiegt und kurz darauf fast ebenso spielend leicht Sam Chase.
Foster und Chase waren aussichtsreiche Anwärter auf die Mittelgewichtsmeisterschaft; der Stil, in dem Bill Patterson beide hingelegt hatte, machte ihn schnell zum Helden.
Bill war eine Attraktion für das Prince Albert. Überdies war er ein Mann von Erziehung, er hatte Hampton besucht und trotz seiner vierundzwanzig Jahre die medizinischen Kurse an der Howard-Universität in Washington absolviert. Bill war der bestgekleidete unter allen Gästen des Hauses, die Anzüge, die sein Athletenkörper trug, stammten aus der Werkstatt eines ersten Londoner Schneiders.
Um Patterson und die Nummer seines Zimmers dem Gedächtnis einzuprägen, bedurfte es für Philip natürlich keinerlei Mühe. Wie alle Angestellten des Hauses wandte er ihm besonderes Interesse zu, und er suchte, so oft Bill an den Posttisch kam, die Chance, ein paar Worte mit ihm zu reden.
»Wie geht’s, Mr. Patterson?«
»O, danke, alles in Ordnung.« Patterson antwortete von dem Telegramm aufblickend, das er soeben geöffnet hatte.
»Wann wird denn die Sache mit dem Holländer sein? Will natürlich hingehen.«
Bill zog die ohne Schneiderkunst breiten Schultern hoch: »Keine Ahnung, Sir. Brown, mein Manager, kabelt mir gerade, er hofft, in der letzten Januarwoche.« Dann schob er das zusammengefaltete Telegramm in die Seitentasche seines Sakkos, nickte und ging nach dem Frühstücksraum.
Keiner der sechs Grooms war fort, alle waren zur Stelle. Aber die Bank in der Nische war leer.
Wenn Philip Frühdienst hatte, holte er manchmal Marylin aus dem Real-Silk-Office ab. Es lag am mittleren Broadway auf der Höhe der Vierziger Straßen.
Der Winter hatte mit einem mächtigen Schneesturm eingesetzt. Er hatte Gebirgszüge von Wolken aus Nord-Nordwest zur Atlantischen Küste getrieben, und nun schneite es schon drei Tage und drei Nächte. Wenn in den Abendstunden dem Straßenpassanten am Broadway der Gedanke kam, aufwärts zu blicken, sah er durch einen dichten weißen Schleier hoch oben die Lichtreklamen nur als einen magisch bewegten Schein: Unklar umrissene helle Flecken tauchten auf und verschwanden, drehten sich im Kreis, wuchsen von links nach rechts in der Richtung der schreibenden Hand, verloschen dann und kamen wieder. Unten schob sich an den Häuserfronten entlang eine niedrige schwarze Mauer: New York auf dem Heimweg nach der täglichen Arbeit an Schreibmaschinen, Geschäftsbüchern und Kartotheken. Der Schnee auf dem Pflaster machte den Schritt unhörbar, vom Straßendamm her kamen Hupen, das Klingeln der Tramway und ungeduldige Rufe.

Philip erwartete Marylin im Haustor am Lift. Er trug ein kleines Paket, er wollte in seinem Zimmer zu Abend essen und dann auf ein Glas Tee zu Marylin kommen. Marylin aß um sieben, also verabredeten sie sich für acht.
Philip brachte ein paar Orangen mit, und für Marylin, die es gern hatte, ein paar Stück Konfekt und Schokolade.
Er zog eine Zigarettenschachtel hervor: »Darf ich?«
»Natürlich. O, Melachrino? – Dann will ich auch eine haben.«
»Sie rauchen?«
»Ja, manchmal. Das wußten Sie nicht?«
Sie sahen sich fast täglich, jeder wußte immer, was der andere tat, und doch wurde ihnen oft die unnatürliche Fremdheit klar, die zwischen ihnen herrschte.
Marylin kannte den Westen und den Mittelwesten, ihr war eine neue Stadt nicht so sehr ein großes Ereignis wie für Philip. Aber bei allem Neuen, das er sah, vergaß Philip an keinem Tag, was ihn nach New York geführt hatte. Er sprach fast nie zu Marylin darüber. Er wußte, daß es auch in ihr fortlebte. Er wollte warten, ohne ungeduldig zu werden, er schwieg, so viel Beherrschung es ihn auch manchmal kostete.
Das kleine Zimmer war überheizt, in Abständen pochte es in den Rohren, den Heizer im Keller hatten die Schneemassen wohl verführt, mehr zu tun, als nötig war.
Da saßen sie an einem Winterabend bei Tee und Früchten und Näschereien in diesem sehr kleinen Zimmer und rauchten jeder seine Zigarette.
Vielleicht sprachen sie so wenig, weil beide die Nähe der Gefahr spürten.
Marylin begann eine Orange zu öffnen. Dann hörte sie mittendrin auf.
»Was war im Bureau?«, unterbrach Philip das Schweigen.
»Nichts. Und im Hotel?«
»Auch nichts.«
Marylin war wieder mit der Orange beschäftigt. Sie hielt die Zigarette im Mundwinkel und bog den Kopf zurück, um den Rauch von den Augen fernzuhalten.
Philip war unvermittelt aufgestanden, war von seinem Platze nach der Zimmerecke gegangen, aber war doch nur drei oder vier Schritte von Marylin entfernt.
Er streifte mit beiden Händen über sein nach hinten gekämmtes Haar und sagte scheinbar sehr ruhig: »Ich weiß nicht – ich weiß nicht, ob es noch lange so gehen wird.«
Keine Antwort.
Marylins Finger, die die Orange teilen wollten, tasteten unsicher um die Frucht. Dann fiel ihre Zigarette zu Boden auf den Teppich. Sie bückte sich, Philip sprang gleichzeitig heran und war eher am Ziel.
Er kniete vor ihr. Marylin sah über ihn hinweg ins Leere, sie spürte zwei Hände auf ihren Knien.
Sie fühlte, daß sie zu zittern begann, schnellte in die Höhe. Philip stand neben ihr, ganz nahe neben ihr.
Da legte er seinen Arm um ihre Schultern und preßte sie, die keinen Widerstand leistete, an sich.
Seine Hand glitt über ihren Rücken abwärts zur schlanken Hüfte. Er spürte den Duft dieses Körpers, dem er zum erstenmal so nahe war. Ein neuer, fremdartiger, süßer Duft, er zog ihn zögernd, aber gierig ein.
Er suchte ihre Lippen, dann ergriff er ihre Hände, küßte beide närrisch auf Rücken und Innenflächen, drückte ihre Finger gegen seine Stirn und stürzte ohne Hut aus dem heißen Zimmer.
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