Read the book: «Liebe ist die größte Macht»
Anny von Panhuys
Liebe ist die größte Macht
Saga
Liebe ist die größte MachtCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1955, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629415
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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1.
Der Gutsherr von Arnsdorf, Ferdinand von Arnsdorf, lief aufgeregt im Zimmer auf und ab. Seine Frau saß am Fenster und machte ein verstimmtes Gesicht. Inge, seine Tochter, und Waltraut, seine Nichte, drückten sich dicht an der Tür herum, als stände sie auf dem Sprunge, im nächsten Augenblick das Zimmer eilig zu verlassen.
Beide Mädchen waren sehr schön. Inge war dunkelblond. Rötliche Lichter lagen auf dem weichwelligen, gut ondulierten Scheitel, während das silberblonde Haar Waltrauts sich von Natur lockte und sich in wirrem Gestrudel um das schmale Köpfchen legte.
Inge hatte große braune Augen und eine schmale, leicht gebogene Nase; Waltrauts große Augen waren grau, die Nase war gerade, vielleicht ein wenig zu kurz. Der Mund beider aber hatte Familienähnlichkeit aufgefangen, er war scharf herzförmig geschnitten. Doch während Inges Kinn weich war und ein Grübchen zeigte, war das Waltrauts kräftig geformt.
Waltraut hatte ihre Eltern schon in ihrem achten Jahr verloren. Ihr Vater war der einzige Bruder des Gutsherrn, war Arzt in der Kreisstadt gewesen, und sie war hier, zusammen mit Inge, wie eine Tochter erzogen worden. Beide Mädchen galten im ganzen Kreise als Schönheiten, und wenn Gelegenheit dazu war, machte man ihnen den Hof. Aber gediegene ernsthafte Freier waren knapp gesät, man munkelte es schon zu laut, um Gut Arnsdorf stände es sehr schlecht, der Gerichtsvollzieher wäre dort ständiger Gast. Ferdinand von Arnsdorf, ein Mann von fünfzig, mittelgroß, sehr breit, mit derben Gesichtszügen und dickem Schnurrbart, fuhr sich mit der Rechten über das braune, schon leicht graumelierte dünne Haar.
„Ihr seid alle besessen, Weibsvolk. Wo soll ich denn das Geld hernehmen für eure Wünsche. Wir geben kein Frühlingsfest. Quatsch ist die Idee. Heutzutage ist dergleichen geradezu grober Unfug, wenn man sich das Geld dazu erst mit tausend Opfern verschaffen muß.“
Berna von Arnsdorf — sie hieß eigentlich Bernhardine — widersprach:
„Wenn man eine Tochter hat und eine Nichte mit Tochterrechten, beide erst neunzehn Jahre alt, muß man eben solche Opfer bringen oder man ist ein schlechter Vater und Onkel. Außerdem muß man es aus Klugheit tun. Herr Ulrich interessiert sich für Inge, und wenn er sich entscheidet, sind wir mit einem Male aus unserer schwierigen Lage heraus. Ein Schwiegersohn wie er, kann ohne besondere Anstrengung unser Gut schuldenfrei machen.“
Inge lächelte: „Ja, Vater, das könnte er wohl. Man sagt, er wäre unerhört reich.“
Waltraut mischte sich ein: „Du liebst ihn nicht, und es wäre sehr häßlich von dir, wenn du ohne Liebe seine Frau würdest.“
Inge erwiderte gereizt: „Du bist ja bloß neidisch, weil er mich so sehr auszeichnet!“
Waltraut wandte sich ab.
„Schäme dich, so etwas zu sagen!“
Es klopfte. Ein Mädchen kam, brachte auf kleiner Silberschale eine Besuchskarte. Herr von Arnsdorf nahm die Karte, brummte: „Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt!“
Er sagte dem Mädchen Bescheid, sie solle Herrn Ulrich in das sogenannte blaue Zimmer führen, wo man Besucher zu empfangen pflegte.
„Macht euch ein bißchen zurecht“, wandte er sich an seine Damen, „ihr müßt ihm doch auch guten Tag sagen!“
Waltraut wandte leise ein: „Mich befreist du wohl von dem Gutentagsagen, Onkel. An meiner Gesellschaft liegt Herrn Ulrich ja doch nichts, und ich habe noch allerlei zu tun.“
„Mach, was du willst!“ warf ihr der Gefragte hin und ging, seinen Besucher zu begrüßen.
Frau von Arnsdorf blieb mit den Mädchen allein. Sie lächelte:
„Herr Ulrich hat sich bis jetzt selten bei uns blicken lassen, und ich weiß bestimmt, vor vierzehn Tagen auf der kleinen Abendgesellschaft bei Landrats, fiel sein Werben um dich schon auf. Er ist aber ein äußerst korrekter Mensch und fängt keine Liebelei hinter dem Rücken der Eltern an. Mir sagt eine Ahnung, er besucht uns deinetwegen, Inge.“ Sie umarmte die Tochter. „Schön wäre das! Dann kämen wir mit einemmal aus aller Bedrängnis heraus, und du würdest eine reiche Frau, eine steinreiche Frau.“
„Du darfst nicht ohne Liebe seine Frau werden!“ Waltraut stand vor Inge und sah sie bittend an. „Du würdest doch nur unglücklich und er auch. Wir brauchen ja gar nicht so nötig Hilfe. Vater verkauft Arnsdorf, und wir behalten das Vorwerk, richten uns da ein.“
Inge lachte laut auf. „Waltraut, jeder ist seines Glückes Schmied. Laß mich das meine allein schmieden. Nein, ich liebe Fred Ulrich nicht, er ist mir zu ernst oder richtiger ausgedrückt, zu langweilig, aber ich liebe auch keinen anderen, und er wirkt sehr dekorativ trotz seines bürgerlichen Namens. Laß gut sein, Waltraut! Wenn er mich will, nehme ich ihn. Ich habe es satt, daß Vater wegen jeden Kleides oder Hutes, den ich brauche, gleich Lärm schlägt, als wenn ich Unerhörtes von ihm fordere, und ich habe die ewige Angst satt, daß uns eines Tages Arnsdorf über den Kopf weg versteigert wird. Nebenbei bemerkt, bin ich ziemlich sicher, er ist meinetwegen gekommen.“
Die Mutter nickte. „Heutzutage muß man ein bißchen nüchtern denken. Es geht wohl auch ohne die große Liebe. Wer weiß denn, ob die jemals zu Inge kommt? Und dann sitzt sie da und drückt sich als Altjüngferchen herum bei fremden Leuten, falls Arnsdorf uns verlorengeht. Inge ist nur für ein gutes Leben geboren. Sie braucht Reichtum wie der Fisch Wasser. Du bist anders, trotzdem du auch schön bist und Ansprüche machen könntest. Auch möchten wir Arnsdorf halten, Joachims wegen. Der Junge ist doch wichtig. Er hängt an Arnsdorf wie an einem Heiligtum.“ Sie ermunterte: „Los! Wollen uns umkleiden. Inge, zieh dein braunes Samtkleid an! Es steht dir am besten!“
Es schien, Waltraut wollte noch etwas sagen; doch sie schwieg und verließ still das Zimmer.
Es war Frühling, und um Gut Arnsdorf blühte und grünte es wundervoll. Im Park standen die Bäume im Schmuck der frischen glasigklaren Blätter so stolz und freudig, und die Sonne lag darüber, versprühte aus unerschöpflichem Born ihr herrliches Goldgeflimmer.
Weit in den Park lief Waltraut hinein. Aber sie sah nicht das wundervolle Grün, nicht das überwältigend goldene Licht ringsum, sie lief, als wäre sie stumpf gegen all den verschwenderischen Reichtum des Frühlings um sie her, lief auf einen kleinen Pavillon zu, der ganz am Ende des Parkes auf einem Hügel stand, und dessen Rückwand, in die hohe Abschlußmauer des Parkes übergehend, wie ein Luginsland mit zwei Fensterchen weit über die Wiesen und Felder blickte bis zu den fernen Bergen.
Uralt war der Pavillon und Waltrauts Lieblingsaufenthalt. Sommersüber wohnte sie oft tagelang hier und hatte sich alles in die zwei Stuben geschleppt, was im Herrenhaus überflüssig geworden war und ihr gefiel. Sie öffnete die schmale, schwere Eichentür mit einem Schlüssel, den sie immer bei sich trug, und schob nach dem Eintreten in den kleinen Vorflur den Riegel vor. Plötzlich schluchzte sie; sie konnte das Weinen nicht länger zurückhalten, das sie quälte. Dann öffnete sie das Zimmer zur Rechten. Es enthielt nicht viele Möbel, und alle stammten aus der Rumpelkammer des Herrenhauses; aber es war anheimelnd hier unter den alten Möbeln und Bildern. Tüllgardinen bauschten sich vor dem Fenster, und ein kleiner gutgefüllter Bücherschrank enthielt Waltrauts Lieblingslektüre.
Waltraut ließ sich wie ermattet auf einen alten Armstuhl fallen, der mit verblaßtem grünem Samt überzogen war. Ihr lichtblonder Kopf drückte sich gegen die hohe Lehne, und ein verzweifeltes wehes Weinen wurde laut. Waltraut weinte und weinte. Weinte fassungslos.
Endlich riß sie sich zusammen; langsam versiegten die kleinen lauen Quellen; die Augen brannten; dennoch fühlte sich Waltraut leichter. Sie hatte die Tränen schon zu lange zurückgedrängt, immer zurückgedrängt, wenn die Tante und Inge ganz sachlich und nüchtern davon gesprochen, daß es gut wäre, wenn Inge Fred Ulrich heiraten würde, damit er mit seinem vielen Geld Gut Arnsdorf schuldenfrei und Inge zur reichen Frau machen könne.
Sie erhob sich und trat vor ein Bild hin, ein Bild, das sie sich auch aus der Rumpelkammer auf dem Boden des Herrenhauses geholt, wo es mit der Malerei der Wand zugekehrt gestanden. Es stellte eine Tante ihres Vaters und ihres Onkels dar, eine, die in der Familie als Verlorene galt, weil sie in jungen Jahren mit einem Mann, den sie nicht hatte heiraten sollen, fortgegangen war. Weit fort. Nach Spanien sagte man. Ihre Briefe hatte niemand beantwortet, und dann war sie verschollen. Das Bild zeigte ein lichtblondes junges Mädchen mit Zöpfen um den schmalen Kopf, und Waltraut sah ihr sehr ähnlich. Nur viel energischer als die ihren waren die Züge des gemalten Gesichts. Waltraut blickte zu der im weißen Kleide auf, sagte leise: „Wenn er Inge heiratet, will ich auch fortlaufen in die weite Welt wie du. Ich kann nicht mit ansehen, daß Inge ohne Liebe seine Frau wird. Ich kann es nicht mit ansehen!“
Schon wieder wollten sich Tränen in ihre Augen drängen, aber sie wurde ihrer Herr. Nur nicht mehr weinen! Es würde lange genug dauern, bis die Tränenspuren von vorhin getilgt. Sie trat an das Fenster, zog die Tüllvorhänge ein wenig auseinander. Ihr Blick flog weit über Wiesen und Felder bis dorthin, wo die Bergkette den Horizont begrenzte. Alles war in Sonne gebadet, und Waltraut dachte, die Welt wäre doch wunderschön, wenn es darin so zuginge, daß immer Liebe und Liebe einander begegneten, und daß nicht Liebe von Spekulation und Egoismus betrogen wurde. Sie flüsterte: „Warum muß ich dich liebhaben, Fred, warum? Und du weißt es nicht, und dir liegt nichts an mir. Inge aber liebt dich nicht.“ Wie ein Krampf schüttelte herztiefer Schmerz den schlanken und doch kraftvollen Mädchenkörper. Ihre Hände ballten sich, und ihre Nägel gruben sich dabei tief in das Fleisch. „Fred!“ stöhnte sie, „lieber, geliebter Fred, du tust mir so bitter leid!“ Sie lächelte schmerzlich verkrampft und dachte: Sie selbst tat sich auch bitter leid. Sie selbst ja auch.
Ihr Blick irrte weit über Wiesen und Felder bis zu den fernen Bergen, und sie sann: Dort hinter den Bergen begann die große weite Welt, in die Großtante Maria hineingelaufen; sie wollte es ihr nachtun. Ganz gleich, unter welchem Vorwande sie von hier fortkäme, aber sie könnte nicht mit ansehen, wenn Inge dem geliebten Manne Liebe heuchelte. Inge hatte ja schon seit langem mit ihm Blicke gewechselt und getan, als gelte er ihrem Herzen etwas. Man hatte sich im Winter oft in der Nachbarschaft getroffen, auf Bällen und Gesellschaften. Auch Einladungen nach Arnsdorf hatte Fred angenommen.
Waltraut ließ die Lider über die Augen fallen, fest, ganz fest. Nur nicht mehr weinen! befahl sie sich schmerzdurchbebt, als sie sich vorstellte, jetzt stand Inge wohl schon in ihrem goldbraunen Samtkleid, das so wunderschön saß, vor Fred Ulrich und sagte: Ja, ja, ja! und er küßte sie vor den Augen der Eltern, und Inge dachte dabei nichts anderes, als daß sie eine reiche Frau würde.
Mit einem Wehlaut sank die schlanke Waltraut Arnsdorf vor dem Stuhl am Fenster in die Knie und drückte das Gesicht fest in die Hände.
Ihr war es, als stieße man ihr einen Dolch ins Herz, einen spitzen, blinkenden Dolch. So lag sie lange auf den Knien wie eine schöne junge Märtyrerin.
2.
Inge hatte das goldbraune Samtkleid angezogen und stand nun vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers, in dem sie sich vom Kopf bis zu den Füßen betrachten konnte. Sie war mit sich zufrieden und trällerte vor sich hin. So, nun noch einen Hauch von Perlpuder auf das Gesicht gestäubt und ein wenig Rot auf die Lippen. Sie lächelte sich im Spiegel an und dachte, Fred Ulrich war reich, sie war schön, und das paßte gut zusammen. Schönheit braucht Reichtum, um sich voll zu entfalten.
Indessen hatte sich der Gutsherr im blauen Zimmer mit dem Besucher unterhalten. Zuerst waren ein paar allgemeine Sätze gewechselt worden, dann war die Rede auf eine Angelegenheit gekommen, die Herrn von Arnsdorf ungemein interessierte.
Ferdinand von Arnsdorf sprach ein bißchen zu lebhaft. Es war wohl Nervosität in ihm, ob einer der reichsten Männer des Kreises, der Fabrikbesitzer Ulrich, wirklich Inge zur Frau begehrte, und Fred Ulrich fand nicht den rechten Übergang zu der Frage, die ihn eigentlich hierhergeführt. Schließlich kam es aber auch auf eine Viertelstunde mehr dabei nicht an. Er glaubte seiner Sache ja sicher zu sein. Inge von Arnsdorf hatte ihn diesen Winter, wenn man sich bei gemeinsamen Bekannten und hier getroffen, stets sehr liebenswürdig behandelt, und ihre Augen hatten noch eine besondere Sprache gesprochen, hatten ihn merken lassen, daß er ihr nicht gleichgültig war. Vielleicht hätte er sie selbst schon fragen können, und es war vielleicht etwas altmodisch von ihm, erst mit ihren Eltern zu sprechen.
Er wollte doch nun endlich das Gespräch abbrecben, um auf den Anlaß seines Besuches zu kommen, als es klopfte und das Mädchen meldete: „Der Inspektor ist da. Er möchte ganz schnell nur ein paar wichtige Worte mit Herrn von Arnsdorf sprechen.“
Ferdinand von Arnsdorf nickte. Er wußte schon Bescheid. Es handelte sich um den Verkauf einer kleinen Wiese; der Inspektor vermittelte das Geschäft.
Fred Ulrich ermunterte: „Lassen Sie mich ruhig ein paar Minuten allein, Herr von Arnsdorf. Nachher reden wir über eine wichtige Sache, die mich hergeführt.“
Der Gutsherr, gespannt, ob der Verkauf der Wiese, an dem ihm viel lag, zustande gekommen, nickte dankend.
Ich bitte also um Entschuldigung. In spätestens fünf Minuten bin ich wieder zurück, Herr Ulrich. Wenn Sie sich inzwischen unterhalten wollen“ — er öffnete die Tür zum Nebenzimmer — „hier in der Bibliothek gibt es allerlei zu kramen.“
Nachdem sich Arnsdorf entfernt, ging Fred Ulrich in die Bibliothek. Er war ein großer Bücherfreund, und die Bibliothek von Arnsdorf war im ganzen Kreise berühmt als Schatzkammer uralter Bücher. Er wußte nicht, daß sich nebenan die Wohnstube der Gutsfrau befand, und wußte nicht, daß sie, die sich sehr schnell umgezogen, dort auf Inge wartete. Als er eine Tür gehen hörte, wußte er nicht, daß es Inge war, die eben nebenan eingetreten. Aber er hörte sprechen, vernahm die Stimme Inges, die deutlich sagte: „So, Mutti, jetzt kann es losgehen. Vater wird uns ja holen. Ich freue mich ja so sehr!“
Fred Ulrich schmunzelte! Also wußte Inge schon, warum er heute hierhergekommen! Und sie freute sich so sehr!
Wie schön das war, wie beglückend!
Er konnte nicht anders, er mußte ein wenig lauschen, denn leider sprach die helle Stimme jetzt leiser. Aber wenn er dicht an die Flügeltür zum Nebenzimmer heranträte, müßte er eigentlich alles verstehen, überlegte er.
Ich freue mich ja so sehr! klang es glückselig in ihm nach. Er stand vor einem deckenhohen Bücherschrank mit einem alten in Schweinsleder gebundenen Folianten in der Hand. Nun machte er ein paar Schritte und neigte sein Ohr gegen die Tür, vernahm, wenn auch noch immer gedämpft, so doch ganz klar: „Weißt du, Mutti, die ganz große Liebe kommt meist bloß in Romanen vor. Darauf kann man nicht warten. Fred Ulrich ist mir nicht unsympathisch, das muß genügen. Über alles andere hilft dann sein Reichtum weg. Ich freue mich auf die eleganten Toiletten, die ich mir bald werde kaufen können, und auf den Schmuck, mit dem ich den Neid des ganzen Kreises herausfordern will.“
Eine andere Stimme erwiderte: „Vor allem muß er Arnsdorf halten, besonders für deinen jungen Bruder. Vater weiß oft nicht mehr ein und aus. Also sei klug, Inge. Und dann für später den Rat: Laß Ulrich nie merken, daß du ihn nicht liebst. Alles verzeiht ein Mann seiner Art eher als das. Einer wie er will Illusionen.“
Der große Foliant zitterte in den Händen Fred Ulrichs. Er schob ihn lässig sacht wieder in die Reihe, der er ihn entnommen, ging auf den Zehenspitzen in das blaue Zimmer zurück, nahm auf dem Stuhl von vorhin Platz und tat, als hätte er sich gar nicht von hier fortbewegt, seit Herr von Arnsdorf ihn verlassen.
Der Gutsherr trat jetzt ein. Er hatte ein vergnügtes Lächeln um den dicken, braungrauen Schnurrbart hängen. Der Verkauf der Wiese war geglückt, ein für übermorgen drohender Wechsel konnte bezahlt werden.
Lächelnd kam er näher, sagte ein wenig burschikos: „So, nun wollen wir von dem reden, was Sie heute hierhergeführt, Herr Ulrich, Sie sagten vorhin, es wäre eine wichtige Sache.“
Fred Ulrich war dunkelhaarig, viel größer als Herr von Arnsdorf und war schlank. Sein scharfgeschnittenes Gesicht sah beinahe ein wenig spöttisch aus, als er aufstand und sagte: „Ich bin gekommen, um Sie um die Hand eins der bekannt schönen Arnsdorfmädchen zu bitten. Ich habe noch nicht mit ihm über meinen Wunsch gesprochen, denn ich hielt es für richtiger, mir erst bei Ihnen die Gewißheit zu holen, daß ich auch Ihnen mit einer Bitte willkommen bin.“
Ferdinand von Arnsdorf, sehr zufrieden durch den Verkauf der Wiese, erst recht in froher Stimmung durch die Gewißheit, einen der reichsten Männer der ganzen Gegend bald Schwiegersohn nennen zu dürfen, klopfte ihm auf die Schulter.
„Sie sind ein bißchen verlegen, mein Verehrtester, ich verstehe! Liebe macht befangen, wenn man noch nicht ganz genau weiß, woran man ist. Aber beruhigen Sie sich, das Mädel ahnt schon, um was es heute geht, und ich kann Ihnen verraten, sie hat sich bereits in Wichs geworfen, damit sie Ihnen das Jawort würdig geben kann. Meine Frau und ich nehmen Sie natürlich mit weitgeöffneten Armen in unsere Familie auf. Und nun wollen wir das Verfahren abkürzen, ich rufe das Mädel.“
Er war schon zur Tür hinaus, und Fred Ulrich sah ihm nach; ein scharfer Zug prägte sich um seine Lippen ein. Seinen Züge schienen hart geworden.
Gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Frau von Arnsdorf, in schwarzem Seidenkleid, das Gesicht leicht überpudert, das dunkle Blondhaar glänzend gebürstet, trat zuerst ein. Ihr folgte in strahlender Schönheit Inge; zuletzt kam der Gutsherr.
Doch ehe jemand der drei Eingetretenen auch nur ein Wörtchen zu sagen vermochte, lächelte Fred Ulrich: „Sie verrieten mir doch eben offenherzig, lieber Herr von Arnsdorf, das Mädel ahne schon, um was es heute geht, und hätte sich bereits in Wichs geworfen. Warum kommt es dann aber nicht mit? Ich erwarte es doch voll Unruhe. Es braucht sich ja gar nicht so schön zu machen für mich; mir gefällt das Fräulein auch im einfachsten Hauskleid.“
Inge erblaßte, und der rotgeschminkte Mund sah jetzt fast zu brennend aus in dem bleich gewordenen Gesicht. Frau Berna fühlte ihre Knie wanken, und der Hausherr stieß ein wenig plump hervor: „Von wem reden Sie denn eigentlich? Meine Tochter Inge steht doch vor Ihnen.“
Inge rief heftig erregt und krampfhaft lächelnd: „Ich verstehe dich nicht, Vater! Was hat denn Herrn Ulrichs Besuch mit mir zu tun?“
Ein seltsamer Blick aus den dunklen Männeraugen traf sie.
„Natürlich, gnädiges Fräulein, Sie errieten wohl längst den Grund meines Besuches. Ich kam, um Ihre verehrten Eltern um die Hand Fräulein Waltrauts zu bitten.“
Herr und Frau von Arnsdorf wechselten einen raschen und sehr verständnislosen Blick, Inge aber, der zumute war, als hätte der schlanke Mann ihr mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, behielt Haltung. Sie konnte sogar scheinbar vergnügt lachen, und unter Lachen brachte sie hervor: „Mein Vater hat anscheinend geglaubt, Sie und ich ―“
Sie brach jäh ab, als könne sie vor Lachen nicht weiter, sagte schließlich atemlos: „Zu komisch ist das! Nicht wahr?“ Sie sah ihren Vater an. „Ich sagte dir doch erst gestern, Herr Ulrich müsse sich sehr für Waltraut interessieren, ich hätte das beobachtet.“ Sie schnippte mit den Fingern. „Ein Glück, daß Sie nicht meinetwegen kamen, denn dann hätten Sie sich einen ordentlichen Korb geholt.“
Komödiantin! dachte Fred Ulrich, aber er lächelte und wandte sich zu Frau von Arnsdorf: „Darf ich wohl hoffen, daß Fräulein Waltraut mir günstig gesinnt ist?“
Berna von Arnsdorf hatte sich schnell mit der neuen Hoffnung angefreundet. Sie nickte eifrig. „Ich glaube dessen sicher zu sein!“ Sie hatte überlegt, schließlich war es wohl ziemlich gleich, welches der beiden Mädchen die glänzende Partie machte. Da Inge ja Fred nicht liebte, würde sie über die Enttäuschung rasch wegkommen.
Sie beauftragte Inge: „Hole doch Waltraut und bereite sie vor!“
Inge ging sofort; aber Frau von Arnsdorf folgte ihr bald. Man konnte bei Waltraut nicht wissen, wie sie die überraschende Werbung aufnahm.
Die Herren unterhielten sich ein bißchen bedrückt. Es war jetzt etwas zwischen ihnen wie eine Mauer von Peinlichkeit.
3.
Im ganzen Haus suchten Inge und ihre Mutter Waltraut vergebens. Schließlich dachten sie an den Pavillon. Inge ging neben ihrer Mutter her wie ein Automat. Sie fühlte das Bewegen ihrer Glieder wie einzelne Rucke, und ihr Gesicht war kalkweiß von der Erregung, die in ihr zurückgeblieben infolge der Enttäuschung, die sie eben erlebt — eine Enttäuschung, die sie wie eine fressende Wunde spürte. Im Hause hatte sie über die Enttäuschung kein einziges Wort verloren — aus Furcht, sich zu sehr gehen zulassen, aber als sie neben der Mutter durch den Park schritt, dem Pavillon zu, brach es wie ein Wutschrei aus ihrer Brust: „Was bedeutet das nur, Mutter? Er hat bestimmt ganz deutlich merken lassen, er wäre in mich verliebt. In mich! Und ich hatte das ganz sichere Empfinden, er wollte schon auf der Gesellschaft bei Landrats etwas zu mir sagen. Ich konnte also nur annehmen, er käme heute meinetwegen. Warum handelte er nun so befremdend, so ganz unverständlich? Nie habe ich bemerkt, daß er Waltraut besonders beachtete. Er war stets freundlich und höflich zu ihr, mich aber zeichnete er aus. Seine Blicke suchten mich immer und immer wieder.“ Sie faßte die Mutter am Ärmel. „Bleibe doch einmal stehen, Mutter, ich kann ja kaum weiter vor grenzenloser Aufregung. Sprich doch endlich, wie denkst du über das Unglaubliche?“
Berna von Arnsdorf war stehengeblieben. Sie war genauso erstaunt, ja, verblüfft gewesen über die Werbung Fred Ulrichs um Waltraut, wie Inge selbst, aber sie hatte sich schon damit abgefunden. Und so, wie sie jetzt die Dinge ansah, wollte sie alles auch der Tochter klarmachen.
Sie lächelte. „Von meiner Verwunderung habe ich mich inzwischen erholt, und da es eigentlich gleichgültig ist, ob durch dich oder Waltraut unser Gut vor dem Zusammenbruch gerettet wird, bleibt doch im Grund alles, wie es gewesen. Es ist nur ein wahres Glück, daß du dich nicht in Fred Ulrich verliebt hast.“ Sie schmunzelte: „Wenn man so aussieht wie du, findet man noch Männer genug. Wollen uns damit trösten, daß Ulrich wenigstens um eine von euch beiden angehalten.“
Inge sah die Mutter mit flackernden Augen an.
„Ganz so einfach, wie du das auffaßt und auch mir klarmachen möchtest, sieht die Sache für mich doch nicht aus. Nein, bestimmt nicht. Fred Ulrich hat mich gekränkt, hat mich schwer beleidigt. Ich mußte glauben, er wollte mich zur Frau. Denke nur an die peinliche Szene, als er vor mir stand und Waltrauts Namen aussprach. Er mußte uns allen ansehen, was wir erwarteten, und das hat er auch getan. Ich habe sogar das ganz bestimmte Gefühl, es machte ihm Freude, mich ordentlich zu demütigen.“ Sie riß am rechten Ärmel der Mutter herum. „Aber ich komme nicht dahinter, warum das alles. Er wollte mich demütigen und hat es getan, aber der Anlaß dazu ist rätselhaft.“
Frau von Arnsdorf zuckte die Achseln.
„Zerbrich dir nicht den Kopf. Wir irrten uns wohl alle, Vater, ich, du und Waltraut, als wir an Ulrichs Liebe zu dir glaubten.“ Sie stutzte, wiederholte den Namen: „Waltraut“ wie fragend und sagte dann: „Waltraut benahm sich sonderbar, als uns Herr Ulrich gemeldet wurde. Erinnere dich doch. Sie mahnte dich, du dürfest nicht ohne Liebe Fred Ulrichs Frau werden.“
Inge schüttelte den Kopf.
„Wenn sie eine Ahnung davon gehabt, Ulrich wäre ihretwegen gekommen, hätte sie das doch gar nicht geäußert. Ich behaupte, sie hatte gar keine Chancen bei ihm, sondern etwas Unbegreifliches, spukhaft Unbegreifliches hat sich im letzten Augenblick eingemischt — oder Waltraut müßte nur alles so hingeredet und ahnungslos getan haben, damit ich bis zum letzten Augenblick nicht merken sollte, daß sie mir den reichen Freier vor der Nase weggeschnappt hat. Aber zu solcher Handlungsweise ist Waltraut nicht gerissen genug.“ Ihre Augen standen voll Tränen vor Zorn und Enttäuschung.
Ihre Mutter drängte: „Laß zunächst alles gut sein, bitte, wir müssen Waltraut suchen, das ist doch jetzt das Wichtigste.“
Ihr lag vor allem daran, den reichen Freier festzuhalten, ganz gleich, ob für die Tochter oder für die Nichte. Sie war überzeugt, Waltraut liebte ihn so wenig wie Inge, aber sie wußte auch, die Liebe würde sich schon in der Ehe einfinden. Sie war von ihren Eltern überhaupt nicht gefragt worden, ob sie Ferdinand von Arnsdorf, den derben, grobschaligen Junker hatte heiraten wollen, und ihre Ehe war zwar nicht rührend glücklich, aber auch nicht unglücklicher geworden als viele Liebesheiraten.
Die Tür im Pavillon war zu, aber der Schlüssel steckte. Also war von innen zugeriegelt. Inge schlug mit der Faust eine Art Wirbel gegen die Tür.
Nach einem Weilchen öffnete Waltraut. Sie hatte Herzklopfen, dachte, jetzt kam man sie holen, damit sie Glück wünschen sollte.
Sie wich zurück, sie fand Inges Gesicht seltsam verzogen, es sah gar nicht aus wie das einer frohen Braut.
Inge stieß die Tür vollends auf, ging an ihr vorbei in das offene Zimmer. Waltraut folgte, zuletzt kam die Mutter.
Frau von Arnsdorf begann: „Waltraut, es ist etwas sehr Sonderbares geschehen. Fred Ulrich hat beim Vater nicht, wie wir erwartet, um Inges Hand gebeten, sondern er will dich zur Frau.“
Waltraut war ein paar Schritte zurückgeprallt vor dieser Neuigkeit. Ihr war, als stocke ihr Atem, als höre ihr Herz in der Brust auf zu schlagen. Und ihr Gesichtsausdruck war unbeschreiblich. Befremden und Freude kämpften darauf. Schreck lag über den feinen Zügen; aber um den schön gezeichneten Mund erblühte langsam ein Lächeln. In den großen Augen war unirdischer Glanz, als sie schwerfällig und mühsam fragte: „Ist das kein Scherz? Ist das wahr? Ich soll Fred Ulrichs Frau werden? Ich?“
Inge lachte rauh auf. „Jawohl du, die du immer so scheu und verhalten tust, so mimosenhaft in dich zusammenkriechst und doch meisterhaft verstanden hast, den Mann, mit dem ich gerechnet, an dich zu locken!“
Waltrauts glückliches Lächeln erregte sie aufs neue, schien ihr ein Beweis dafür, daß die Kusine es in schlauer Weise verstanden, Fred Ulrich zu sich herüberzuziehen.
Waltraut richtete sich auf und antwortete stolz: „Ich verstehe nicht, wie Herr Ulrich auf mich verfallen ist. Ich habe bisher geglaubt, er liebe dich.“
Frau von Arnsdorf hob wie beschwörend die Rechte gegen Inge, die sprechen wollte.
„Ruhig, Inge! Zänkereien sind jetzt sinnlos. Du hast selbst erklärt, du liebst Fred Ulrich nicht, also mache Waltraut keine Szenen.“ Sie zog die Nichte an sich. „Mädelchen, nun kommt das ganz große Glück zu dir statt zu Inge. Ich freue mich mit dir, du warst ja immer ein gutes Ding und hast ein großes Glück verdient.“
Waltraut fühlte ein Zittern, das ihren ganzen Körper durchrieselte.
„Glaubst du bestimmt, Tante, daß er mich liebt?“
„Selbstverständlich glaube ich das, Trautchen. Er hätte doch sonst keinen Grund zu dem Antrag.“
Waltraut sah die Kusine an.
„Und du liebst ihn wahr und wahrhaftig nicht?“
Inge stampfte mit dem Fuß auf.
„Ich bin wütend, weil er vorher so getan, als interessiere er sich für mich, aber ich liebe ihn nicht. Nicht soviel!“
Sie tat, als schnippste sie mit dem Finger ein Staubkörnchen von ihrem Kleid.
Da lachte Waltraut laut auf wie in elementarer, jäher Freude.
„O Gott, dann ist ja alles gut, alles! Dann irrten wir uns, und er kam heute meinetwegen. Er liebt mich! Versteht ihr denn beide, was das für mich bedeutet: Er liebt mich?“ Ihr Gesicht hatte sich sanft gerötet, die Augen leuchteten unirdisch. „Ich liebe ihn ja auch“, bekannte sie.
Inges Gesicht drückte Empörung aus.
„Also weiß er Bescheid, und ihr ließt mich absichtlich in dem Glauben, er liebe mich. Na, auch gut, werdet glücklich! Es gibt noch mehr Männer auf der Welt als Fred Ulrich.“
Waltraut verteidigte sich: „Ich ahnte nichts, gar nichts, und ich fasse mein Glück überhaupt noch nicht.“
Frau von Arnsdorf zog Waltraut mit sich.
„Komm, Kind, er wartet. Aber erst mußt du dich etwas zurechtmachen, dein Haar ist zu wirr und — ja, wirklich, du siehst aus, als ob du geweint hättest.“
Inge betrachtete die Kusine, mit der sie schwesterlich aufgewachsen, scharf forschend. Tatsächlich, Waltraut hatte geweint. Sonderbar! Das sprach wieder nicht dafür, daß sie gewußt haben konnte, Fred Ulrich wollte sie heiraten.
Sie schüttelte den Kopf. Sie wurde aus der Geschichte nicht klug. Es mußte hinter allem noch etwas stecken, was sie nicht wußte, etwas, was der Schlüssel für Fred Ulrichs eigenartiges Handeln war.
Aber sie behielt das für sich, drängte nur:
„Schnell, schnell! Vater wird ungemütlich, wenn du nicht bald kommst.“
Wie Waltraut in ihr Zimmer gelangt, wußte sie selbst nicht. Sie wusch sich, bürstete ihr Haar, und die Tante warf ihr das blaue Tuchkleid über, das ihr am besten stand. Sie blickte auch in den Spiegel wie Inge vorhin, nachdem sie das braune Samtkleid angezogen, aber ihr Gesicht verriet keine Zufriedenheit und Freude über die junge Schönheit, die ihr aus dem Glas entgegenschaute; ganz bescheiden und demütig stand sie vor dem schimmernden Glas.
Inge war in ihr eigenes Zimmer gegangen. In ihr brannte noch glührot Zorn ob der Demütigung, die ihr zuteil geworden.
Die beiden Herren saßen im blauen Zimmer und warteten. Sie sprachen von Wirtschaftsdingen und von Politik, aber sie berührten, wie auf Verabredung, die Angelegenheit nicht mehr, an die doch beide dachten, wenn auch jeder auf ganz andere Weise.
Endlich erschien Frau von Arnsdorf, und ihr folgte Waltraut. Ein befangener Blick flog dem heimlich geliebten Manne entgegen. Ein fragender Blick. Ein Lächeln erblühte dabei um den Jungmädchenmund.
Hochaufgerichtet stand Fred Ulrich vor ihr.
„Mein gnädiges Fräulein, ich bat Ihre Eltern um Ihre Hand und füge dem hinzu, Sie würden mich durch Ihr Jawort sehr glücklich machen.“
Waltraut war, als müsse sie dem Manne laut entgegenjubeln: „Ich liebe dich, tausendmal sage ich ja!“ Aber sein ernstes Gesicht irritierte sie. Sie wagte nicht einmal ein lautes Ja, sondern ganz dünn und leise klang das Wörtchen, mit dem sie sich Fred Ulrich angelobte.
Er nahm ihre Rechte und küßte sie.
Ferdinand von Arnsdorf lachte dröhnend.
„Aber, lieber Ulrich, was für‘n Hofzeremoniell wollen Sie denn bei uns einführen! Handkuß und so, das gibt‘s doch nicht für Liebesleute.“
Seine wuchtige Gestalt schob sich ein paar Schritte vor, und die Arme ausbreitend, drängte er die beiden so eng zusammen, daß Fred Ulrich nicht anders konnte, als Waltraut küssen.
Er dachte, warum sollte er es denn auch nicht tun? Schließlich würde er Waltraut ja doch bald heiraten. Er bekam in ihr eine junge und schöne Frau. Daß er eigentlich Inge liebte, darüber mußte er wegkommen. Diese hier, die wohl ebenso schöne Verwandte Inges, liebte ihn natürlich ebenfalls nicht. Auch sie lockte nur sein Geld, wie es die andere gelockt. Aber das schadete nichts. Inge hatte wenigstens ihre Lektion erhalten, weil sie in ihm nur den Familienretter und reichen Mann gesehen.
Obwohl er überzeugt war, Waltraut sah ihn mit denselben Augen, kränkte ihn das doch nicht so sehr, weil er Waltraut nicht liebte. Nur die Menschen, die man liebt, können einem so weh tun, wie Inge ihm heute weh getan. Ihre Blicke hatten von einer Liebe gesprochen, von der das Herz nichts gewußt.
Sie hatte ein häßliches Spiel mit ihm getrieben.
Waltraut taumelte, als sie sich nach dem Kusse von Fred Ulrich löste, und dann saß man bei einem Gläschen Wein beisammen.
Sehr bald empfahl sich Fred Ulrich. In vierzehn Tagen sollte die offizielle Verlobung sein. Und ehe er ging, küßte er Waltraut wieder.
Kaum war er gegangen, floh Waltraut wie gescheucht durch den Park in den Pavillon. Dort, vom Fenster aus, konnte sie Fred Ulrichs Auto nachblicken — weit, weit. Und sie tat es. Dabei fühlte sie, wie sich lindes Naß durch ihre Wimpern drängte. Aber jetzt waren es Glückstränen, die sie weinte, Tränen, die nicht schmerzten, die nur wohltaten, Tränen vollkommenster Seligkeit.
Waltraut dachte nicht mehr darüber nach, weshalb Fred Ulrich niemals hatte merken lassen, daß er sie liebte. Er liebte sie, das genügte ihr, sonst hätte er nicht um sie angehalten.
Inge war erst, kurz bevor Fred Ulrich gegangen, ins Zimmer gekommen und hatte gratuliert, mit anscheinend freudig geröteten Wangen. Sie, die selten Rot auflegte, hatte es heute getan, denn sie hatte im Spiegel festgestellt, sie sah totenbleich aus. Ihren Groll drängte sie mit aller Kraft zurück, aber ihre Gedanken flogen umher und suchten: Warum hatte Fred Ulrich um Waltrauts Hand gebeten? Denn immer sicherer wurde sie in der Annahme, gekommen war er doch ihretwegen, nur ihretwegen!
Dunkel und schwer wie eine graudüstere Wolke schien ihr das Rätsel, eine Wolke, die häßlich am blauen Himmel dieses strahlend schönen Frühlingshimmels hing. Äußerlich fand sich Inge sofort mit dem Geschehenen ab, aber innerlich nicht. Da grübelte sie und grübelte sie.
4.
Am nächsten Vormittag befand sich Ferdinand von Arnsdorf in der Bibliothek, um ein bestimmtes Buch zu suchen. Auch Inge war da. Sie stäubte Kleinkram ab, der hier in einer Vitrine aufgehoben wurde — Ordensbänder von Vorfahren, Meißner Figürchen, Tassen aus Sevresporzellan und sonst noch allerlei.
Ihr Vater schalt ärgerlich: „Wer war denn wieder am großen Bücherschrank? Die Bücher sollen doch immer alle ordentlich in Reih‘ und Glied stehen wie die Soldaten, und nun ist gerade der wertvolle Foliant aus Schweinsleder ganz schief reingedrückt. Wer ist zuletzt an diesem Bücherschrank gewesen? Gestern früh war ich gerade noch an dem Schrank, aber da standen die Bücher alle wie die Grenadiere.“
Inge zuckte die Achseln: „Ich war schon seit Wochen nicht mehr bei den Büchern, und soviel ich weiß, Waltraut auch nicht. Mutter liest nur Familienblätter; also wirst du wohl selbst der Sünder gewesen sein, Vater.“
Ferdinand von Arnsdorf erklärte: „So gehe ich nicht mit den Büchern um. Ich lese nicht gerade besonders viel darin, doch ich achte darauf, daß sie gerade dastehen. Aber da fällt mir ein, vielleicht war Ulrich gestern vormittag in der Bibliothek. Ich wurde für ein paar Minuten hinausgerufen und öffnete ihm die Tür zur Bibliothek, damit er sich, wenn er Lust hätte, die Zeit mit den Büchern vertreiben sollte. Als ich zurückkam, saß er zwar wieder im blauen Zimmer, doch das schließt nicht aus, daß er ein Weilchen in der Bibliothek gewesen ist. Natürlich, so wird es sein! Na, da ist‘s ja gut. Hauptsache, daß keiner von euch das Buch so liederlich ‘reingestopft hat.“
Er steckte sich eine Zigarre an und achtete nicht auf Inge. Die stand da wie erstarrt. Sie sah plötzlich Zusammenhänge zwischen dem liederlich in seine Reihe geschobenen Buch und der seltsamen Werbung Fred Ulrichs um Waltraut. Sie erinnerte sich mit übergroßer Deutlichkeit daran, was sie in dem neben der Bibliothek gelegenen Wohnzimmer der Mutter gestern vormittag über Fred Ulrich geäußert. Natürlich! Fred Ulrich hatte sich in der Bibliothek befunden und Wort für Wort gehört. Das aber hatte ihn in letzter Minute bestimmt, statt um sie, um Waltraut zu werben.
Sie fühlte Eiseskälte über ihren Körper gleiten und sann, war da denn nichts mehr gutzumachen? Nein, es war nichts mehr gutzumachen, darüber war sie sich sofort klar. Er hatte sie geliebt, ihre Worte aber hatten ihn verletzt, und um ihr den Trumpf des Reichtums aus der Hand zu nehmen und sie zu demütigen, hatte er getan, als wäre er Waltrauts wegen gekommen.
Und Waltraut liebte ihn — —
Mechanisch beschäftigte Inge sich wieder mit den Nippsachen. Nun hatte ihr ein Zufall enthüllt, wie es gekommen, daß nicht sie, sondern Waltraut die Braut Fred Ulrichs geworden. Sie rief sich die Worte, die sie im Wohnzimmer zur Mutter gesprochen, klar ins Gedächtnis zurück und darunter die: Fred Ulrich ist mir nicht unsympathisch, und über alles andere hilft mir dann sein Reichtum weg! Sie wußte auch noch genau, daß die Mutter gesagt: Und dann für später den Rat: Laß Ulrich nie merken, daß du ihn nicht liebst. Alles verzeiht ein Mann seiner Art eher als das. Einer wie er will Illusionen!
Ja, jetzt wußte sie genau, warum Fred Ulrich gestern vormittag nicht um sie geworben hatte.
Sie hätte sich selbst vernichten mögen, so zornig war sie auf sich. Aber wie hatte sie auch ahnen können, daß ihm der Vater die Bibliothek öffnen würde!
Sie entfernte sich schnell; sie mußte mit ihren aufgeregten Gedanken allein sein.
Eins aber wußte sie jetzt auch, Fred Ulrich liebte Waltraut nicht, nein, er liebte sie nicht. Beinahe tat Waltraut ihr ein bißchen leid; aber der Zorn in ihr, daß alles anders gekommen, als sie gehofft, war noch zu stark, drängte das Mitgefühl zurück.
5.
Waltraut ging mit stillverklärtem Gesicht durch die Tage. Sie hatte sich damit abgefunden, daß ein großes Gotteswunder an ihr geschehen war. Denn war es nicht ein Gotteswunder, daß Fred Ulrich sie liebte? Nimmermehr hätte sie das für möglich gehalten.
Wie hatte er aber auch seine Liebe zu ihr bisher zu verbergen gewußt!
Alle zwei bis drei Tage erschien jetzt Fred Ulrich im Herrenhaus von Arnsdorf, und sie erbebte vor Glück, wenn sie den Hupenton seines vor der Freitreppe anfahrenden Autos hörte. Dann trat sie schnell noch einmal vor den Spiegel und betrachtete sich eingehend, freute sich ihrer Schönheit, und es war ein Etwas in ihr, das sie dem Manne entgegenriß, so daß sie die Stufen hinuntersprang wie ein übermütiger Junge. Es drängte sie vorwärts und drängte sie in seine Arme.
Aber wenn sie dann in das Zimmer trat, in dem er sie erwartete, stockte ihr Schritt, und sie reichte ihm nur befangen die Hand, ihm, dem sie gern um den Hals geflogen wäre. Er sah immer so ernst aus; selbst sein Lächeln war ernst.
Seltsam, sie erinnerte sich doch, daß sie ihn früher beim Treffen in befreundeten Häusern oft vergnügt und heiter gesehen. Aber er war wohl einer von den Männern, die alles, was mit der Liebe zusammenhing, bitterernst auffaßten, fast tragisch.
Sie erschauerte manchmal vor dem ernsten Blick, mit dem er sie ansah, und dachte, eine übergroße, fast feierliche Liebe beherrschte Fred Ulrich.
Er küßte sie nur, wenn Onkel und Tante oder Inge dabei waren, sonst nicht. Sie lächelte heimlich darüber. Ein bißchen altmodisch war er darin, der liebe, geliebte Mann. Ihre neunzehn Jahre stießen sich nicht allzusehr an dem, was sie sich eigentlich anders gewünscht. Sie dachte, das wird schon alles anders werden, wenn ich erst seine Frau bin. Er brachte ihr immer Blumen mit oder Konfekt. Zur Verlobung schenkte er ihr einen kostbaren Brillantring.
Frau von Arnsdorf schlug vor, recht bald zu heiraten. „Ein langer Brautstand ist nicht gut“, meinte sie, und er war darauf eingegangen, hatte mit seinem ernsten Lächeln gesagt: „Also heiraten wir bald, Waltraut. Je eher ich mir die junge Herrin ins Haus holen darf, um so besser.“
Ihr schien es, als betone er jedes Wort, und war bewegt von der Tiefe seiner Liebe, die jedes Wort hinwarf wie Glückssteinchen, klingend vor Zukunftsfreude.
Inge aber faßte die betonten Worte anders und richtiger auf. Sie wußte jetzt, Fred Ulrich wollte sie damit treffen. Und sie hatte auch schon bemerkt, Fred Ulrich küßte Waltraut nur, wenn die Eltern zugegen waren. Manchmal beim Zusammensitzen traf Inge ein feindlich kalter Blick, der ihr dann immer wieder ins Gedächtnis zurückrief, auf welche törichte Art sie um eine bleibende Zukunft gekommen.
So ging die Zeit weiter, und man begann sich in Arnsdorf mit der Aussteuer zu beschäftigen.
Fred Ulrich meinte zu Frau von Arnsdorf: „Ich bitte, für Waltraut nur Kleider und persönliche Wäsche anzuschaffen; in meinem Hause ist Wäsche genug vorhanden.“ Er lächelte und sah Inge dabei wie zufällig an. „Meine Frau findet überhaupt vieles vor. Zum Beispiel Schmuck. Meine Mutter hinterließ schöne Brillanten und Perlen, auch sonst mancherlei wertvolle Juwelen. Ich freue mich, daß sich nun wieder eine schöne Frau damit schmücken darf!“
Inge zitterte vor Erregung. Sie liebte Schmuck über alles, und ihr fiel ein, sie hatte Fred Ulrich das einmal in einer Gesellschaft gestanden. Sein Blick schien ihr spöttisch und dreist.
Sie senkte die Lider, und Fred Ulrich war ihr in diesem Moment nicht einmal mehr gleichgültig, sondern beinahe verhaßt.
Fred Ulrich war zweiunddreißig Jahre und elternlos. Vor wenigen Jahren waren seine Eltern kurz hintereinander an einer bösartigen Grippe gestorben. Er besaß eine große Maschinenfabrik dicht vor den Toren der nahen Kreisstadt, wo er auch ein hübsches, geräumiges Haus hatte.
Es wurde verabredet, Anfang September sollte die Hochzeit sein.
In der Familie Arnsdorf sah es in diesen herrlichen Frühlingstagen, die sich allmählich schon ganz sommerlich aufspielten, ein bißchen bedrückt aus. Von dem Erlös der kleinen Wiese war zwar ein Wechsel rechtzeitig bezahlt worden, aber nun standen neue Verpflichtungen vor der Tür, die eingelöst sein wollten — zwei neue Wechsel, Hypothekenzinsen, Steuern und viele Läpperschulden. Herr von Arnsdorf ging gereizt in Haus und Hof herum, und man beschrieb am besten einen weiten Bogen um ihn.
Eines Morgens beim Frühstück faßte Frau Berna von Arnsdorf Mut. Nachdem ihr Mann gegessen und getrunken, begann sie so fest, wie es ihr möglich: „So kann das hier bei uns nicht mehr weitergehen, Ferdinand, das ist ja, als ob ständig ein paar böse Gewitter über unserem guten alten Arnsdorf ständen. Ich rate dir, rede endlich mit Fred. Er gehört doch jetzt schon zu uns. Dann weißt du, woran du bist. Denke an unseren Jungen, der in seinem Internat nicht ahnt, daß sein Stück Heimat hier in Gefahr schwebt, ihm für immer verlorenzugehen. Geh‘ zu Fred! Ich bin überzeugt, er hilft dir sicher.“
Da fuhr Herr von Arnsdorf in die Stadt und suchte Fred Ulrich auf. Er betrat bei der Gelegenheit zum ersten Male das Fabrikgrundstück und staunte, welchen Umfang das Werk hatte. Beim Vorbeigehen und Vorbeifahren achtet man doch nicht so genau darauf.
Da standen Maschinen in großen offenen Schuppen, von deren Bestimmung er nicht die geringste Ahnung hatte, und alles um ihn her war in Bewegung. Krane balancierten eiserne Lasten; Loren rollten irgendeinem Ziele zu; schwerer Hammerschlag dröhnte dumpf, und dazwischen klang das Pinkpank leichterer Hämmer, die Nägel einschlugen, wie das Läuten kleiner Glocken.
Ferdinand von Arnsdorf saß dann Fred Ulrich gegenüber in einem großen, mit glatten, praktischen Möbeln eingerichteten Büro. Er war freundlich-kühl begrüßt worden, eine Art der Begrüßung, an die Ferdinand von Arnsdorf längst gewöhnt war, und die sehr im Gegensatz stand zu seiner eigenen derben, leicht burschikos werdenden Art.
Etwas zögernd begann der Gutsherr das Thema anzuschneiden.
Nach einem Weilchen unterbrach ihn Fred Ulrich: „Ich verstehe Sie jetzt schon vollkommen, Herr von Arnsdorf. Sie befinden sich in etwas bedrängter Finanzlage, nicht wahr? Bitte, kürzen wir das Verfahren ab. Ich bin bereit, Ihnen in vollem Umfange zu helfen. Nennen Sie mir die Summe, die Sie brauchen. Weiter ist nichts vonnöten.“
Mit einem so überschnellen Erfolg hatte Ferdinand von Arnsdorf doch nicht gerechnet; er schlug dem anderen auf die Schulter, daß er zusammenzuckte.
„Sie sind wirklich patent, lieber Ulrich. Aber fortan können Sie sich auf mich verlassen!“
Die Unterredung dauerte noch ein Viertelstündchen, dann war alles in schönster Ordnung.
Waltraut wußte nichts von dieser Fahrt ihres Onkels zu Fred Ulrich. Aber als Ferdinand von Arnsdorf heimkam, schrie er seine Zufriedenheit nur so heraus. Frau Berna lächelte glücklich. Die ewige Angst um das Dach über ihrem Kopf hatte sie manchmal ganz verhetzt in die Welt sehen lassen. Und vor allem ging es doch um das Erbe ihres Jungen!
Waltraut lächelte auch glücklich und sagte innig: „Mein Fred ist so gut und liebenswert!“
Inge aber überkam bei der Gewißheit, daß Fred Ulrich eine so große Summe, wie er dem Vater überweisen wollte, gewissermaßen aus dem Ärmel schütteln konnte, neuer Zorn. Diese weltfremde, immer wunschlose Waltraut würde nun bald im Schoß eines beneidenswerten Reichtums sitzen, und sie würde sich hier vom Vater weiter jedes Kleid erst erbetteln müssen.
Zwei Tage später wurde dem Gutsherrn von einer Berliner Bank mitgeteilt, das Geld stände in einer Woche bar zur Verfügung. An diesem Tage kam Fred Ulrich nachmittags und brachte Waltraut eine Perlenkette mit von zart irisierendem Glanz. Waltraut bedankte sich mit leuchtenden Augen. Inge stand ein wenig abseits. Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen. Die Perlen würden jetzt ihr gehören, wenn sie nicht die Dummheit begangen hätte, die grenzenlose Dummheit, in der Wohnstube ihrer Mutter Dinge zu reden, die man fest in sich verschließen soll.
Als Fred Ulrich Waltraut die Schnur Perlen um den Hals legte, traf sich sein Blick mit dem Inges. Sie las Verachtung in dem seinen, er in dem ihren hilflose Wut.
Heute ließen alle das Brautpaar wie auf Verabredung allein. Ferdinand von Arnsdorf und seine Frau wollten Waltraut Gelegenheit geben, ihrem Verlobten Dank zu sagen für das Gute, was er ihrem Onkel erwiesen. Und Waltraut, die sich, allein mit dem Manne, sonst immer etwas scheu benahm, fühlte sich heute leicht und frei in seiner Gegenwart. Sie nahm seine Hand, zog ihn zum Sofa. Und als sie nebeneinandersaßen, legte sie ihre Arme um seinen Hals, flüsterte: „Ich habe dich grenzenlos lieb, du. Einmal muß ich dir das doch richtig sagen. Du bist immer so ein bißchen feierlich, Fred, und da traue ich mich nicht, so zu sein, wie ich gern möchte. Dank, Fred, für alles, was du an Onkel und Tante tust. Sie hatten gräßliche Angst, Arnsdorf könnte in die Luft fliegen, wie Onkel sich immer ausdrückte. Joachim, Inges junger Bruder, soll doch einmal hier Herr werden, und Onkel und Tante lieben den Jungen über alles.“ Sie lächelte glücklich: „Und die Perlen sind auch sehr schön.“ Sie hob ihr Gesicht, ihr Mund lag nahe dem seinen, und leise schloß sie: „Du bist der liebste Mensch auf der ganzen Welt.“
Impulsiv und warm hatte sie es gesagt, und er dachte, wenn er sich nicht vor kurzem noch von Inges warmen Blicken hätte täuschen lassen, würde er jetzt Waltrauts Worte glauben. Aber Waltraut war genauso berechnend wie ihre Kusine Inge, mit der sie in schwesterlicher Gemeinschaft aufgewachsen. Erst spielte Inge die Liebende, und als er im letzten Augenblick erkannte, daß sie ihn nur seines Geldes wegen in das Netz ihrer Schönheit gezogen, und er um Waltraut anhielt, ging die Rolle der Liebenden auf sie über. Aber von Waltraut tat ihm nicht weh, was ihn von Inge so geschmerzt. Waltraut war ihm gleichgültig. Wenn sie sich in der Rolle der Liebenden gefiel, mochte sie die Rolle spielen.
Er wußte ja, was er von den schönen Arnsdorfmädchen zu halten hatte; sie waren gut dressiert. Ihm lag nur daran, Inge etwas vorzumachen und sie zu kränken. Er stellte fest, sein Tun war kleinlich und gehässig, aber er konnte nicht anders. Aus Gehässigkeit gegen Inge hatte er sich mit der ungeliebten Waltraut verlobt, aus Gehässigkeit gegen Inge ging er in eine Ehe, die nicht glücklich werden konnte, weil sich zwei Menschen verbinden wollten, die einander nichts galten. Wenn Waltraut erst seine Frau war, würde sie die Lüge, daß sie ihn liebe, sicher bald genug fallen lassen.
Er empfand in diesem Augenblick fast Widerwillen gegen sich, dachte, es war eigentlich ein trauriges Spiel, in das er sich hineinverirrt. Waltraut war jung, sie hatte, um dem Onkel zu helfen, tun müssen, was der und seine Frau anordneten, aber erst später, wenn sie an ihn gebunden, würde sie voll und ganz begreifen, daß sie sich ihre ganze Zukunft, ihr ganzes ferneres Leben um der Familie willen verdorben.
Was dann? Dann zerrten sie wohl beide an den harten Stricken der Ehe und rieben sich wund daran, bis der Tod sie befreite.
Er ging heute mit der Bitte, ihn eine Woche lang nicht zu erwarten; er wäre geschäftlich sehr in Anspruch genommen.
Er wollte einmal kurze Zeit nichts mehr hören und sehen von Arnsdorf. Plötzlicher großer Widerwille erfüllte ihn gegen alle dort. Gegen die immer lächelnde Gutsfrau und gegen den derben Ferdinand von Arnsdorf — gegen Waltraut, die ihm Liebe log und auch nur seinen Reichtum liebte, und vor allem gegen Inge, die ihn harmlos anlächelte, und deren Augen, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, doch eine ganz andere Sprache redeten. Diese Augen, die er trotz aller Verachtung wohl noch immer liebte.
Waltraut begleitete ihren Verlobten bis zu seinem Auto. Er chauffierte selbst, und als er seinen Platz eingenommen, sagte sie leise: „Wie schade, daß ich dich nun eine ganze Woche nicht sehen kann, Fred! Die Woche wird mir sehr lang vorkommen.“
Er nickte nur. Was sollte er antworten? Er glaubte ja doch nicht, was sie eben gesagt.
Das Auto fuhr hinaus, und Waltraut sah ihm nach, wandte sich ein bißchen bedrückt ab, weil sich Fred Ulrich nicht ein einziges Mal umgeschaut. Und eigentlich hätte sie doch wissen müssen, er tat das nie. Er war ein sehr kühler Bräutigam, dachte Waltraut, aber das kam wohl daher, weil er schon zweiunddreißig Jahre war. Ein Mann wie er, früh an die Spitze eines großen Unternehmens gestellt, hatte an anderes zu denken als ans Küssen und Lieben. Sie lächelte: Die Hauptsache war doch, er liebte sie.
6.
Heute ging es sehr vergnügt am Abendbrottisch von Arnsdorf zu. Der Gutsherr hatte die zwei letzten Flaschen Sekt aus dem Keller holen lassen und gemeint: „Jetzt wollen wir auf Waltrauts Wohl anstoßen. Sie ist doch nun einmal die Brücke gewesen, über die Fred gekommen ist, uns aus der verflixten Patsche zu helfen.“ Er atmete tief auf. „Kinder, ich kann euch gar nicht sagen, wie quietschvergnügt ich bin über die Rettung. Waltraut, kleine Weißköpfige, los, stoß mit deinem ollen Onkel an auf deine Zukunft.“
Wenn Ferdinand von Arnsdorf Waltraut „kleine Weißköpfige“ nannte, war er immer in seiner glänzendsten Stimmung; aber er verlangte dann auch von den anderen Vergnügtsein und gute Laune.
Inge stieß sehr lässig mit Waltraut an.
Er rief ärgerlich: „Was machst du für‘n miesepetriges Gesicht, Inge! Grollst du noch, weil dir Fred durch die Lappen gegangen ist? Solltest dich eigentlich damit abfinden, daß er Waltraut liebt. Wir haben uns eben alle in Fred geirrt, und du hast ja vorher, wie Mutter mir erzählte, erklärt, du liebst ihn nicht. Also gib dich zufrieden. Einen Flunsch ziehen, wenn wir alle Grund zum Freuen haben, das gibt es nicht.“
Inges Augen hingen wie gebannt an der herrlichen Perlenkette Waltrauts, die sie noch trug, und an dem funkelnden Verlobungsring an ihrer Linken.
Ihr war abscheulich zumute. Heller Neid auf die Kusine erfüllte sie, und sie stürzte ihr Glas Sekt hinunter, lachte laut: „Vater, du redest doch von lauter verschollenen Dingen. Mein Ärger ist längst vorbei. Ich bin sogar sehr froh, daß Fred Ulrich nicht um mich angehalten hat. Ich gebe zu, erst war ich bitter enttäuscht, aber dann habe ich eingesehen, es ist nicht gut, wenn Liebe nur einseitig ist.“
Sie hatte schon ein Glas Sekt getrunken, und das schnelle Hinunterschütten war ihr nicht bekommen in der überreizten Stimmung, in der sie sich befand.
Waltraut wandte ihr den Kopf zu.
„Du hast recht, Inge, einseitige Liebe kann nicht guttun. Aber da du Fred nicht geliebt hast, wäre nicht einmal einseitige Liebe zwischen euch gewesen, weil Fred dich ja auch nicht liebte.“
Ein flirrender Blick traf sie, und dann tat Wut, im Verein mit den paar Gläsern Sekt, ihr Werk. Ehe Frau von Arnsdorf, die das Unheil nahen sah, sich auch nur besinnen konnte, wie Inge an einer großen Torheit zu verhindern wäre, erwiderte Inge schon mit flammenden Wangen:
„Ich liebe Fred Ulrich nicht, nein, ich ihn nicht, aber er hat mich geliebt, und er kam, um mich zu werben. Dich nahm er als Ersatz, als Lückenbüßer, weil du gerade so bequem zur Hand warst, weil er mir eins versetzen wollte.“
Die Worte überstürzten sich fast, und Waltraut, die eben ihr Glas zum Munde hatte führen wollen, stellte es mit hartem Ruck auf den Tisch zurück. Ihr Gesicht war zum Erschrecken bleich.
Frau von Arnsdorf legte Inge eine Hand auf die Schulter.
„Du weißt nicht mehr, was du sprichst. Geh‘ nach oben, lege dich schlafen. Morgen werde ich dich erinnern, welchen Unsinn du geredet hast.“ Sie wollte die Tochter hochziehen von ihrem Stuhl. „Ich bringe dich in dein Zimmer. Du hast ja schon einen Rausch.“
Inge wehrte sich gegen die Hand der Mutter.
„Ich habe keinen Rausch, ich bin vollkommen nüchtern. Das bißchen Sekt hat mir nur den Mut zur Wahrheit gegeben. In einer Ehe mit Fred hätte er mich geliebt. Wenn Waltraut ihn heiratet, liebt sie ihn — einseitige Liebe sowieso.“
Waltraut fragte mit angstvollen Augen: „Du willst sagen, Fred liebt mich nicht? Aber warum hätte er dann um mich angehalten?“
Frau von Arnsdorf befahl: „Du gehst sofort auf dein Zimmer, Inge! Ich verbiete dir, den Unsinn weiter auszuspinnen.“
Inge lachte: „Ich habe Waltraut liebgehabt wie eine Schwester; aber jetzt bin ich böse auf sie, und darum mag sie ruhig wissen, daß Fred sie nicht liebt, sondern mich, und daß ich heute seine Verlobte wäre, wenn ich nicht so dumm gewesen, mich mit Mutter in ihrem Wohnzimmer darüber zu unterhalten, daß ich ihn nicht liebe. Er hat das mit angehört von nebenan, von der Bibliothek aus, die Vater ihm geöffnet, als er ihn ein paar Minuten allein im blauen Zimmer zurücklassen mußte. Gleich darauf erfolgte seine uns alle so befremdende Werbung um dich.“
Frau von Arnsdorf hatte vergebens versucht, Inge zum Schweigen zu bringen; ebensogut hätte sie versuchen können, einen schnell dahinrasenden Wagen in die Speichen zu greifen.
Ferdinand von Arnsdorf erhob sich jetzt. Schwer und gewichtig stand er hinter dem Stuhl der Tochter.
„Na, hast du dich nun gründlich ausgekollert, du Wutnickel? Zeit ist‘s, sonst fahre ich dazwischen, Mädel. Ins Bett! Eins, zwei, drei — marsch! Keinen Widerspruch, und morgen bittest du Waltraut um Verzeihung für den Schwindel, den du losgelassen, weil du dich über die Perlen heute geärgert.“
Er hatte sie wie ein Kind vom Stuhl hochgezogen und auf die Füße gestellt. „Bist lange noch nicht einundzwanzig, Inge, und wenn ich dir ein paar Ohrfeigen gebe, darfst du noch nicht weglaufen.“
Inge war zur Tür gerannt. Dem Vater konnte man nicht ganz trauen.
„‘raus!“ kommandierte der Gutsherr, und Inge lief wie gejagt die Treppen hinauf. In ihrem Zimmer aber überfiel sie mit einem Male das volle Bewußtsein dessen, was sie getan. Sie begriff, sie hatte sich von ihrer Erbitterung zu Äußerungen hinreißen lassen, die Waltraut die Augen öffnen mußten über die Liebe Fred Ulrichs, an die sie fest glaubte.
Waltraut war Idealistin, und es konnte eine böse Sache werden, wenn sie ihr Glauben schenkte. Oh, der verdammte Sekt, der ihr den Rest von Verstand genommen, den ihr die Wut auf Fred Ulrich und Waltraut noch gelassen!
Sie hörte die Mutter die Treppe heraufkommen und sah ihr ängstlich entgegen. Mut war nie Inges starke Seite gewesen. Sie fürchtete sich vor der Strafpredigt, der sie nun würde standhalten müssen.
Frau Berna trat hastig ein und sah Inge ärgerlich an.
„Eine schöne Suppe hast du uns eingebrockt. Kennst doch Waltraut. Sie ist überempfindlich und glaubte fest an Fred Ulrichs Liebe, so, wie wir auch. Aber Waltraut geht ohne Liebe in keine Ehe. Heute hatten wir die frohe Gewißheit erhalten, daß dem Vater das Geld, um Arnsdorf zu halten, in einer Woche von heute an, zur Verfügung steht, und nun tust du uns das an. Hast du denn vergessen, wer uns das Geld gibt? Noch kann Fred es zurückziehen. In einer Woche kann viel passieren. Wenn die Verlobung gelöst wird, dürfen wir kein Geld von Ulrich verlangen, dann ist er wieder ein Fremder für uns. Und ein Fremder gibt auf das schuldenüberladene Arnsdorf keinen roten Heller. So sieht alles für uns jetzt aus. Waltraut war zufrieden, war glücklich; aber du mußtest dein Mütchen an ihr kühlen. Der Himmel gebe, daß dein Mund kein allzu großes Unheil angerichtet hat. Waltraut ist sehr blaß, doch leidlich vernünftig. Vater macht ihr immer wieder klar, du wärest total beschwipst; er schwört Stein und Bein darauf und quält sie, noch etwas zu trinken, damit sich ihre Gedanken verwirren sollen und sie morgen nicht mehr genau weiß, was du geredet hast. Es geht doch bei uns um zuviel. Denke doch auch an Joachim! Der liebe junge Kerl ahnt nichts von der Gefahr, in der Arnsdorf schwebt. Schlechte Schwester du!“
Inge fuhr sich mit der Hand über die heiße Stirn.
„Laß gut sein, Mutter! Ich werde morgen schon mit Waltraut reden. Ich gebe zu, ich habe eine große Dummheit begangen, aber ich will sie wieder null und nichtig machen. Morgen, Mutter, morgen, wenn wir alle ausgeschlafen haben!“
Sie hoffte, mit Waltraut schnell einig zu werden. Sie mußte eben lügen. Und das Blaue vom Himmel wollte sie herunterlügen, damit ihre Dummheit von heute abend keine Folgen nach sich zöge. Man hing doch nun einmal von dem reichen Freund Fred Ulrich ab.
Waltraut aber saß unten mit dem Onkel zusammen und ließ ihn reden, nickte immer wieder „ja“, tat, als überzeuge er sie. Wozu widersprechen? Was Inge gesagt, war reine Wahrheit! Sie begriff mit einem Male das Gotteswunder des Tages, an dem Fred Ulrich um sie geworben.
Was sie für ein Gotteswunder gehalten, war nichts weiter als der Rachestreich eines verliebten Mannes, der sich in seinen heiligsten Gefühlen verletzt gesehen, und sie war Fred Ulrich gerade recht dazu gewesen, das Mittel seiner Rache zu sein. Nicht Liebe hatte ihr den funkelnden Verlobungsring an den Finger gesteckt, sondern Rachegelüste waren es gewesen.
Als Frau von Arnsdorf zurückkehrte, brachte sie es sogar fertig, ihr entgegenzulächeln. Oh, jetzt nur keine weiteren Erklärungen, von denen sie ja doch keine glauben konnte!
Sie lächelte: „Ich möchte ausruhen, Onkel und Tante. Morgen sieht alles wieder ganz anders aus.“
Ferdinand von Arnsdorf brachte sie nicht dazu, noch ein Gläschen zu trinken; sie schlüpfte nach raschem „Gute Nacht!“ hinaus.
Ein bißchen beengt sah Berna Arnsdorf ihren Mann an.
„Mir scheint Waltraut fast zu ruhig. Ich meine, es wäre besser, sie hätte ein bißchen geweint, denn das, was Inge gesagt, hat sie tief getroffen.“
Ihr Mann schenkte sich ein.
„Laß das Thema fallen, Berna! Ich habe mich jetzt gerade genug geärgert. Jedenfalls darf Fred von dem bösen Gewäsch kein Sterbenswörtchen erfahren. Sorge dafür, daß Waltraut ihn nicht etwa zur Rede stellt. Zu mir hat sie vorhin gesagt, eine Ehe ohne Liebe wäre unmoralisch. Ach, du, mir ist es eklig zumute. Furcht habe ich, Waltraut könnte uns aus unmodernem Romantikfimmel heraus noch Steine in den Weg werfen. Ich meine, weil wir doch das Geld sehr nötig brauchen, nicht wahr? Arnsdorf soll unserem Jungen erhalten bleiben, und wir haben doch jetzt die Sicherheit. Die soll man mir nicht wieder nehmen. Das könnte mich toll machen. Ich hab‘ ‘ne schöne Wut auf die Katze, die Inge. Hätte ihr am liebsten fühlbar die Krallen verstutzt, die sie heute ein bißchen zu weit ausgestreckt hat.“
„Wollen schlafen gehen“, schlug Frau Berna vor. Sie fror plötzlich, und auf ihrer Brust lag es wie ein Alpdruck kommenden Unheils.
7.
Als man sich mit verärgerten Gesichtern am nächsten Morgen am Frühstückstisch zusammenfand, fehlte Waltraut.
Eins der Mädchen meldete: „Das gnädige Fräulein ist schon sehr früh auf dem Rad fort. Ich soll bestellen, sie hätte Kopfweh und müsse ein paar Stunden an die frische Luft.“
Man aß und trank ziemlich schweigsam. Nur einmal sagte der Gutsherr: „Wenn Waltraut zurückkommt, Inge, ordnest du die Geschichte von gestern abend, ich verlange das von dir.“
Inge nickte nur. Ihr war heute ganz erbärmlich zumute, und sie war froh, daß man sie vorläufig in Ruhe ließ.
Ungefähr um die gleiche Zeit hatte Waltraut auf ihrem Rade die Maschinenfabrik nahe der Kreisstadt erreicht. In riesigen Buchstaben drängte sich ihr der Name auf dem Firmenschild über breitem Torweg entgegen. „Friedrich Ulrich“ stand da. So hatten der Großvater und der Vater des jetzigen Besitzers geheißen, und so hieß er selbst. Fred war eine Abkürzung seines Vornamens. So hatte ihn immer seine Mutter genannt, und so nannte er sich seitdem.
Waltraut wußte, daß Fred Ulrich allmorgendlich um acht Uhr hier sein Tagewerk begann. Sie hatte Glück; denn sie erfuhr, Herr Ulrich sei gerade vor wenigen Minuten gekommen. Sie ließ sich bei ihm melden, betrat gleich darauf sein Privatbüro.
Er sah ihr sehr erstaunt entgegen und stellte dabei fest, daß sie wunderschön aussah in dem einfachen grauen Jumperkleid mit dem schräggestellten grünen Seidenmützchen auf dem sehr hellen Haar.
Er war ihr entgegengekommen und reichte ihr die Hand.
„Was führt dich her, Waltraut? Willst du dich einmal umschauen in meinem Betrieb oder hast du etwas auf dem Herzen? Ich stehe dir gern zu Diensten. Aber, bitte, nimm Platz.“
Sie blieb stehen. „Ich weiß, du hast viel zu tun, Fred, und da möchte ich dich gar nicht besonders aufhalten. Ich bin nur gekommen, um eine einzige Frage an dich zu richten. Aber ehe ich es tue, bitte ich dich bei allem, was dir wert ist, beim Andenken an deine Eltern, beantworte mir meine Frage wahr und offen.“
Er schüttelte verwundert den Kopf.
„Das klingt ja unheimlich feierlich. Aber ich verspreche dir, wenn ich dazu imstande bin, deine Frage wahrheitsgemäß zu beantworten.“
Sie sah ihn groß an und fragte: „Liebst du mich?“
So einfach die Frage war, so schwer schien sie dem Mann zu beantworten. Die großen grauen Augen sahen ihn so forschend an, als wollten sie bis auf den Grund seiner Seele dringen.
Jede andere Frage hätte er eher erwartet als diese.
Eine Befangenheit bemächtigte sich seiner, die er abschütteln wollte und doch nicht abschütteln konnte. Diese großen Augen nahmen ihm die Freiheit, eine leichte Antwort zu geben.
Fred Ulrich wich aus: „Ich begreife dich nicht, Waltraut. Genügt dir nicht, daß du meinen Verlobungsring trägst, und genügt dir die Gewißheit nicht, daß wir im September heiraten werden? Nachdem ich dich an diese beiden Tatsachen erinnert, dürftest du dir deine Frage allein beantworten können.“
Er stand vor einem Rätsel. Was konnte Waltraut an der Beantwortung ihrer Frage liegen? Sie hatte doch so überschnell, so ohne jedes Überlegen eingewilligt, die Seine zu werden, daß auch bei ihr das Wort Liebe ausgeschaltet werden mußte. Sie hatte ihm zwar letzthin erklärt, sie liebe ihn sehr; aber das hatte er nicht höher bewertet, als vordem Inges seelenvollen Augenaufschlag, hinter dem sich doch auch nur Selbstsucht geborgen, nichts weiter. Kein Herz, keine Liebe waren mit dabeigewesen.
Um Waltrauts Lippen zuckte es wie in verhaltenem Schmerz.
„Einen Verlobungsring kann man auch einer Ungeliebten an den Finger stecken, und heiraten kann man eine Ungeliebte auch.“ Ihre Stimme war von Vorsicht gedämpft; dennoch schien sie Fred Ulrich laut, weil sie so heftig bebte, weil sie schwer und beladen war von Erregung, die sich losgelöst aus allertiefstem Herzen.
Und die leise, heftig bewegte Stimme sagte: „Ja, auch mit einer ungeliebten Frau kann man sich verloben und kann sie zum Altar führen, und es mag viele Frauen geben, die damit zufrieden sind, selbst wenn sie genau wissen, alles geschieht ohne Liebe.“ Sie richtete sich unwillkürlich auf. „Ich aber, Fred, ich gehöre nicht zu ihnen. Und deshalb bin ich heute gekommen, um die kurze, einfache Frage an dich zu richten. Daß du sie nicht ebenso kurz und einfach beantworten konntest, ist mir schon Antwort genug. Ich weiß Bescheid und könnte nun gehen. Aber ich glaube, ich bin dir doch noch ein paar Erklärungen schuldig, und du sollst sie haben.“
Fred Ulrichs Befangenheit wuchs. Er, der Lebenssichere, stand vor dem schmalen jungen Mädel wie ein auf einer Dummheit ertappter Schüler vor seinem Lehrer; aber all seine Sicherheit war klein geworden vor diesen klaren grauen Augen, vor dem seltsam traurigen, doch festentschlossenen Ausdruck des schönen Gesichts.
Waltraut sah sich um. „Sind nebenan Menschen? Könnte irgend jemand etwas von unserer Unterhaltung hören?“
„Die Türen sind schalldicht gepolstert. Liebes Kind, vergiß nicht, du befindest dich im Privatbüro des obersten Heerführers der Ulrichwerke.“
Er sagte es im scherzhaften Ton, zu dem er sich gezwungen, weil die seltsame Situation ihn zu sehr beengte. Er wollte ein Lächeln um den Mund Waltrauts erwecken.
Und das Lächeln zeigte sich wirklich; aber es tat ihm fast weh, es huschte fast flüchtig über ihr Gesicht und glich fast einer Schmerzempfindung.
Er bat: „Setze dich doch!“
Es war plötzlich Mitleid in ihm mit ihr, und er wußte noch nicht einmal, warum. Nur wie ein Ahnen empfand er, was hinter ihrer Frage gesteckt.
Sie setzte sich. „Wie du willst, Fred. Aber setzte dich auch.“
Und nun saßen sie sich gegenüber — er auf seinem Schreibtischsessel, sie in einem Klubsessel, der einen breitgewichtigen Rahmen um ihre schlanke Sportfigur bildete.
Sie sah ihn jetzt nicht an; ihr Blick haftete in einer entfernten Ecke des sehr großen Zimmers.
„Jetzt meine Erklärung, Fred. Sie ist sehr einfach. Als du um mich anhieltest, war mir, als hätte sich der Himmel geöffnet und mir sein höchstes Glück heruntergeworfen. Ich hatte geglaubt, du wolltest Inge zur Frau, so, wie Onkel und Tante es geglaubt hatten, und ich begriff nicht, daß ich die Glückliche sein sollte. Ich war erst fassungslos, fand mich aber schließlich doch in das Ueberraschende, Schöne. Ein Mann wie du stand für mich zu hoch, als daß er Dinge hätte tun können, die häßlich und verwerflich waren.“ Ihr Blick kehrte zu ihm zurück. „Ich ahnte nicht, daß ich nur ein Mittel für dich war, um dich an Inge zu rächen. Du liebtest mich nicht, du liebtest Inge. Ich aber glaubte nur zu gern an eine Liebe, für die du nie ein Wort fandest. Ich glaubte einfach daran, ohne daß du es mir jemals sagtest. Ganz selbstverständlich war das für mich, weil du mich ja sonst nicht begehrt hättest. So dachte ich! Aber Inge wußte es besser. Gestern abend verriet sie mir, in Gegenwart ihrer Eltern, die volle Wahrheit. Du liebst sie, du kamst, um ihre Hand zu erbitten, und dann hörtest du von der Bibliothek aus ein Gespräch mit an, das sie im Nebenzimmer mit ihrer Mutter führte. Ein Gespräch, dem du entnehmen mußtest, sie empfand nichts für dich; nur dein Reichtum lockte sie. Und der Zorn darüber gab die den Gedanken ein, dich an ihr zu rächen. Für diese Rache schien ich dir eben recht.“ Sie erhob sich. „Ich aber lasse mich nicht als Werkzeug deiner Rache benützen, Fred, weil ich dich liebte. Seit langem. Ich war traurig, als ich hörte, Inge wollte dein Werben aus selbstsüchtigen Gründen annehmen. Ich versuchte das sogar zu verhindern, weil du mir zu schade warst, nicht wiedergeliebt zu werden. Jeder hätte ich das Glück gegönnt, deine Frau zu werden, wenn ich gewußt, sie liebe dich. Ich habe dich geliebt, und ich glaubte an deine Liebe. Wie hättest du denn sonst an mich gedacht. Ich habe dich geliebt wie einen, der hoch über dem Alltag steht, und im Grunde warst du nur ein rachsüchtiger Verliebter, dem es in seiner Enttäuschung gar nicht darauf ankam, einen andern Menschen zu opfern, nur um die Befriedigung der erfüllten Rache zu kosten.“ Ihr Blick flammte. „Ich habe dich geliebt über alles, aber du bist klein, Fred Ulrich, sehr klein! Ich verlange für meine Liebe Gegenliebe, ich lasse mich nicht für Geld kaufen. Und da hast du deinen Ring wieder und die Perlen dazu, die Anzahlungen auf eine lieblose Ehe.“
Sie stellte das Etui mit der Perlenschnur auf den Schreibtisch und legte den Brillantring daneben.
Im Zimmer herrschte tiefe Stille. Fred Ulrich saß noch immer auf seinem Stuhl, aber er sah Waltraut längst nicht mehr an; er hatte den Blick senken müssen vor den flammenden grauen Augen.
Die Stille wurde schwer und lastend. Immer schwerer, immer lastender! Mit einem tiefen Atemzug erhob sich endlich Fred Ulrich, und langsam sagte er: „Ich wußte nicht, daß du mich liebst, Waltraut.“
Sie verbesserte: „Ich liebte dich, aber ich liebe dich nicht mehr. Meine Liebe zerbrach an der allzu großen Enttäuschung.“
Er dachte, warum traf ihn ihre Verbesserung seines Satzes fast wie ein Schmerz?
So sprach er ganz sanft — wie zu einem Kinde. „Waltraut, ich bedaure, was ich getan, ich bedaure, dir Schmerz zugefügt zu haben. Ich schätzte dich in meiner jähen Erbitterung genauso ein wie Inge. Verzeih mir, Waltraut.“
Jetzt erst sah er sie an. Die Erregung schien von ihr gewichen; eine matte Ruhe lag auf ihrem Gesicht, ihr Blick war ernst und traurig.
„Laß, Fred! Ich trage dir nichts nach. Wir wollen in Frieden auseinandergehen.“ Sie war schon an der Tür. „Ich will Onkel bitten, mich fortzulassen, vielleicht finde ich irgendwo Stellung als Kinderfräulein oder Gesellschafterin. Ich glaube nämlich, Onkel und Tante werden sich wenig über die Auflösung unserer Verlobung freuen. Es ist nun gut, ich gehe fort.“ Sie lächelte jetzt. „Aber das sind Dinge, die nur mich angehen.“
Er wußte nichts zu erwidern, und ehe er sich noch besinnen konnte, war sie fort.
Als er die Tür öffnete, um ihr nachzurufen, war sie schon die Treppe hinunter. Was hätte er ihr denn auch sagen können? In ihren Augen war er schuldig und war es auch in seinen eigenen.
Er sah das Etui an, das die Perlen enthielt, die er ihr erst gestern gebracht hatte, und er sah den Ring an, den funkelnden Ring, den er Inge hatte geben wollen, den er Waltraut an den Finger gesteckt, und der sich nun zu ihm zurückgefunden. Jetzt konnte er ihn wieder in den Schmuckkasten seiner Mutter legen, dem er ihn entnommen.
Am Fenster stehend, blickte er auf die Land-Straße hinaus, die schnurgerade in der Nähe vorüberzog und die auch nach Gut Arnsdorf führte. Da sah er Waltraut auf ihrem Fahrrad. Die schlanke, straffe Gestalt saß fast regungslos auf dem Rad. Wie schön sie war. Schöner vielleicht als Inge, fiel ihm ein. Er sah ihr nach, so weit er sie sehen konnte, dachte, nun war die Komödie also vorbei, die er Inges wegen in Szene gesetzt.
Fred Ulrich ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder und stützte den Kopf in die Hand. Er erinnerte sich jetzt mit großer Deutlichkeit, daß Waltraut ihm gestern gesagt, sie liebe ihn grenzenlos, und wie er das aufgefaßt. Heute wußte er, sie hatte wahr und tief empfunden, was ihr Mund gesprochen.
Ein Gefühl quälte ihn, das er nicht zu deuten wußte. War es Mitleid mit Waltraut, Aerger über Inge, die Waltraut so rauh aufgeklärt, oder war es Aerger über sich selbst? Vielleicht ein Gemisch von allem.
Weg jetzt mit all den Gedanken! Er mußte froh sein, daß das Schicksal ihn davor bewahrt hatte, die ungeliebte Frau heiraten zu müssen. Nun war er wieder frei. Die schönen Arnsdorfmädchen sollten keine Rolle mehr in seinem Leben spielen.
Mit diesem Entschluß klingelte er und bat seinen ersten Prokuristen zu einer geschäftlichen Besprechung. Er hatte noch anderes zu denken und zu tun, durfte sich den Kopf nicht verwirren mit Liebesdingen. Arbeit brauchte er, Arbeit, um seine Liebe zu Inge zu vergessen und sein Mitleid mit Waltraut.
So schob Fred Ulrich das Etui mit der Perlenkette in ein Schreibtischfach, dann streckte er seine Hand nach dem Ring aus und mußte unwillkürlich denken, der glitzernde weiße Stein hob sich von dem dunkelgrünen Tuch des Schreibtisches ab wie eine große Träne.
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