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Anne Preckel

Der Synodale Weg

Fragen und Antworten


1. Auflage 2020

© 2020 Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Gestaltung und Satz: Finken & Bumiller, Stuttgart

Hersteller gemäß ProdSG:

Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Lípová 1965,

737 01 Česky Těšín, Czech Republic

Verlag: Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH,

Silberburgstraße 121, 70176 Stuttgart

www.bibelwerk.de

ISBN 978-3-460-25606-4

eISBN 978-3-460-51085-2

Gliederung

Die Vorgeschichte – Die katholische Kirche im Umbruch

Wie kam es zum Synodalen Weg?

Wer verantwortet den Synodalen Weg?

Wer hat die Debatten vorbereitet?

Die Themen

Worum geht es im Macht-Forum?

Worum geht es im Forum Sexualmoral?

Worum geht es im Priester-Forum?

Worum geht es im Frauen-Forum?

Ein- und Abgrenzungen

Ist der Synodale Weg eine Synode oder ein Konzil?

Ist der Synodale Weg wieder ein Gesprächsprozess?

Ist der Synodale Weg eine zweite Würzburger Synode?

Bewahren und Verändern

Gibt es Vorgaben vom Vatikan?

Was sagt Papst Franziskus zum Synodalen Weg?

Frauen in der Kirche – auch im Vatikan ein Thema?

Was hat die Amazonas-Synode mit dem Synodalen Weg zu tun?

Was hat der Synodale Weg mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu tun?

Was kann uns die Bibel zu solchen Fragen sagen?

Der Blick von außen

Wie geht die Evangelische Kirche (EKD) mit so was um?

Gibt es in anderen Ländern auch Synodale Wege?

Die Entscheidungsprozesse

Wie werden beim Synodalen Weg Beschlüsse gefasst?

Warum gibt es eine Geistliche Begleitung?

Wie kann man beim Synodalen Weg mitmachen?

Erwartungen, Ängste, Hoffnungen

Warum wurde der Synodale Weg so heiß diskutiert?

Droht jetzt ein Sonderweg der deutschen Kirche?

Wird jetzt bald der Pflichtzölibat abgeschafft?

Gibt es jetzt bald Diakoninnen und Priesterinnen?

Wird der Synodale Weg die katholische Kirche verändern?

Anhang

Quellenverzeichnis

Linksammlung

Die Autorin


Wie kam es zum Synodalen Weg?

Es kriselt und brodelt in der katholischen Kirche in Deutschland. Mit dem Priestermangel, dem Glaubensschwund sowie Skandalen rund ums Geld und sexuellen Missbrauch hatte sie ja schon länger zu tun. Im Herbst 2018 war dann ein neuer Tiefpunkt erreicht. Laut einer von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche, der ersten bundesweiten Auswertung, lagen bei 1.670 Klerikern Beschuldigungen vor. (1) Die Rede war von 3.677 durch Missbrauch Betroffenen im Zeitraum von 1946 bis 2014, die Dunkelziffer wurde noch höher geschätzt. Die Studie bescheinigte der katholischen Kirche zudem verheerende Fehler im Umgang mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs. Statt es an der Wurzel zu packen, wurde versetzt, vertuscht und vergeben, wie die kirchlichen Akten zeigten, die ausgewertet wurden. Auch für die jüngere Zeit waren zahlreiche Fälle vermerkt.

Die Bischofskonferenz sprach mit Blick auf diese Ergebnisse von „Erschütterungen“ und einer „Zäsur“ für die katholische Kirche. (2) Die Emotionen schlugen hoch, die Debatte wurde hitziger. Mit der Frauengruppe Maria 2.0 gingen Teile des katholischen Kernmilieus auf die Barrikaden, andere Menschen wandten sich ganz von der Kirche ab. Kritik kam jetzt zunehmend auch aus der Kirche selbst, und der Ruf nach grundsätzlichen Reformen wurde lauter. Diskussionen über klerikale Macht und „Risikofaktoren“ für Missbrauch in der Kirche, über mehr Mitsprache für Laien und Frauen gewannen an neuer Fahrt. Vor dem Hintergrund immer neuer Enthüllungen auch in anderen Ländern der Welt und in höchsten kirchlichen Kreisen geriet das System Kirche zunehmend ins Visier. Angesichts der offenbar gewordenen Vertuschungen war der „Verdacht entstanden, die Kirche diene nur ihrem eigenen Vorteil und der Sicherung ihrer Macht“, brachte der päpstliche Missbrauchsbeauftragte Pater Hans Zollner dies auf den Punkt. Die Kirche müsse jetzt „über ihre jahrzehnte- und jahrhundertelang eingeübten Denkmuster streiten. Keine Beschäftigung mit dem Einzelfall und kein päpstliches Machtwort kann das ersetzen“, so der Jesuit, der im Februar 2019 eine internationale Kinderschutzkonferenz im Vatikan ausrichtete. (3)

Fehlendes Vertrauen in die Kirche

Mehr als 200.000 Menschen traten 2018 in Deutschland aus der katholischen Kirche aus. Es war die zweithöchste Zahl seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Bis 2060 könnte sogar die Hälfte der Kirchenmitglieder wegbrechen. (4) Eine Ursache dafür dürfte der sexuelle Missbrauch sein. Das Vertrauen in die Kirche hat sehr gelitten. Der Gemeinwohlatlas 2019 zeigt wie sehr, laut dem die katholische Kirche aktuell auf Platz 102 liegt, das ist ziemlich weit hinten und knapp vor dem Deutschen Fußballbund. (5)

Ein Weg der Erneuerung und Umkehr

Vom Missbrauchsdebakel und dem Aufruhr im Kirchenvolk umgetrieben beschlossen die deutschen Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung 2019 in Lingen einen „verbindlichen Synodalen Weg“. (6) Angesichts der „schweren Krise“ der Kirche setzen sie sich ab Dezember 2019 mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zusammen, um über kirchliche Reformen zu sprechen. Dabei wird im Rahmen einer strukturierten, zunächst zweijährigen Debatte über Macht und Ämter in der Kirche, Priester, Sexualmoral und die Beteiligung von Frauen und Laien diskutiert. Grundsätzlich geht es um einen „Weg der Umkehr und Erneuerung“, heißt es in der Präambel zum Synodalen Weg. Dabei setze man auf das „große Engagement aller, die in der Kirche aktiv mitarbeiten“. (7)

Bei der Suche nach Reformwegen für die Kirche in Deutschland liegt der Akzent gewollt auf „gemeinsam“: Das Wort „synodal“ leitet sich vom griechischen Begriff „synodos“ ab und bedeutet „gemeinsamer Weg“. Papst Franziskus hat sich im Juni 2019 in einem Brief an Deutschlands Kirche grundsätzlich offen gegenüber dem Projekt gezeigt. (8)

Wer verantwortet den Synodalen Weg?

Der Synodale Weg wird von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gemeinsam verantwortet und partnerschaftlich gestaltet.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und seine Kernforderungen

Das ZdK ist der Zusammenschluss von Vertretern der Diözesanräte, der katholischen Verbände und von Institutionen des Laienapostolates sowie weiterer Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft. Es nahm die Einladung zur Reformdebatte im Mai 2019 unter der Bedingung an, dass bei den Bischöfen „der Wille zu wirklicher Veränderung erkennbar“ sein müsse. Der Synodale Weg dürfe keine „Besänftigungs- und Beschäftigungstherapie“ für das Volk Gottes sein. (1) Er sei eine logische Folge der „tiefen Krise der katholischen Kirche in Folge des in den letzten Jahren bekanntgewordenen Ausmaßes sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch katholische Geistliche“. (2) Kernforderungen des ZdK sind: eine Trennung von Exekutive und Judikative im Kirchenrecht im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz, Transparenz und eine gleichberechtigte Teilhabe von Laien an der Kirchenleitung, der Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, Einsatz für die Abschaffung des Pflichtzölibates, ein Wandel in der kirchlichen Sexualmoral und einheitliche Standards für die Priesterausbildung. (3)

Deutsche Bischofskonferenz

Trotz unterschiedlicher Präferenzen innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz zur Ausrichtung des Synodalen Weges erklärten sich bei ihrer Vollversammlung im September 2019 letztlich alle Bischöfe dazu bereit, das Projekt mitzutragen. (4) Sie begründen den Synodalen Weg vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals: „Erschütterungen verlangen besondere Vorgehensweisen. Die Missbrauchsstudie und in ihrer Folge die Forderung Vieler nach Reformen zeigen: Die Kirche in Deutschland erlebt eine Zäsur. Der Glaube kann nur wachsen und tiefer werden, wenn wir frei werden von Blockierungen des Denkens, der freien und offenen Debatte und der Fähigkeit, neue Positionen zu beziehen und neue Wege zu gehen.“ (5)

Themenschwerpunkte

Die Themenschwerpunkte des Synodalen Weges haben die Bischöfe gemeinsam mit den Laienvertretern festgelegt. (6) Sie lauten „Macht und Gewaltenteilung: Gemeinsame Teilhabe und Teilnahme am Sendungsauftrag“, „Leben in gelingenden Beziehungen: Liebe leben in Sexualmoral und Partnerschaft“, „Priesterliche Existenz heute“. Auf Anregung des Zentralkomitees kam in der Vorbereitungsphase noch ein viertes Thema dazu, das behandelt werden soll: „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“.

Satzung des Synodalen Weges

Gemeinsames Organ der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist die Gemeinsame Konferenz, in der Kleriker wie Laienvertreter sitzen. Für die Vorbereitung des Synodalen Weges wurde diese Konferenz, die im Zuge der Würzburger Synode (1971–1975) als ständiges Organ mit je zehn Vertretern der DBK und des ZdK errichtet worden war, auf rund 50 Personen erweitert. (7) Das Gremium klärte zum Beispiel Fragen zu den einzelnen Foren und zur Satzung ab.

In der Satzung des Synodalen Weges sind die Ausrichtung und Regeln des Reformweges festgeschrieben. (8) Sie definiert, was der Weg ist, was er soll und wer am Ende entscheidet. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte die letzte Fassung dieser Verfahrensordnung einschließlich einer Präambel auf ihrer Herbstvollversammlung im September 2019 in Fulda mit einer großen Mehrheit gutgeheißen, das Zentralkomitee gab Ende November grünes Licht. (9)

Geplanter Verlauf des Synodalen Weges

Nach dem Start des Synodalen Weges am 1. Dezember 2019 soll der Dialog für zunächst zwei Jahre laufen. Meilensteine sind die zwei mehrtägigen Plenarversammlungen Ende Januar und Anfang September 2020. Weitere Synodalversammlungen sind für das Jahr 2021 geplant. Als Ort für den Austausch wurde der Frankfurter Bartholomäus-Dom gewählt, in dessen Vorgängerbau im Jahr 794 auf Einladung Karl des Großen die Synode von Frankfurt zusammentrat, um diverse theologische und politische Fragen zu erörtern.

Wer hat die Debatten vorbereitet?

Für die Vorbereitung und Durchführung der Debatten greift ein Prozess, der in der Satzung des Synodalen Weges genau festgelegt ist. (1) Grundsätzlich werden Themen und Debatten von der Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gemeinsam aufbereitet und gestaltet.

Für die inhaltliche Vorbereitung der Debatten sind die sogenannten „Synodalforen“ zuständig, die jeweils unter der Leitung eines Mitgliedes der Deutschen Bischofskonferenz und eines Mitgliedes des Zentralkomitees der deutschen Katholiken arbeiten sollen. Über die Zusammensetzung dieser Foren wird auf der konstituierenden Sitzung der ersten Synodalversammlung Ende Januar 2020 entschieden. (2) Wie die Ausrichter des Synodalen Weges im Vorfeld bekanntgaben, sollen die jeweils 30 Mitglieder umfassenden Synodalforen ein breites Spektrum an Hintergründen, Fähigkeiten und Perspektiven abbilden. Verschiedene Altersgruppen sollen repräsentiert sein, ebenso Bischöfe, Ordens- und Gemeindepriester sowie Gemeindereferenten, Professoren, Vertreter des ZdK sowie anderer Organisationen. (3)

Stimmrecht in den Synodalforen

Die Mitglieder der Synodalforen haben in ihrem Synodalforum gleiches Stimmrecht und sind an keine Weisungen aus den Gremien, die sie entsandt haben, gebunden. (4) Inhaltlich knüpfen die Synodalforen an die Vorarbeit von vier Vorbereitungsgruppen beziehungsweise VorForen an, die bis September 2019 zu den vier Themenschwerpunkten des Synodalen Weges gearbeitet haben. Ihre Arbeitspapiere sind auf den Internetseiten der DBK nachzulesen. (5) Aufgabe der Synodalforen ist, Vorlagen für die Sitzungen der Synodalversammlung zu erarbeiten. Die Synodalversammlung ist das Beschlussgremium des Synodalen Weges. (6)

Bereits bei der inhaltlichen Vorarbeit zum Synodalen Weg fiel die heterogene Zusammensetzung der Arbeitsgruppen auf, die sich der vier Themenbereiche annahmen. (7) Die Standpunkte und Erfahrungen der Teilnehmer lagen bisweilen weit auseinander, so dass in den jeweiligen Arbeitspapieren Tabellen aufgeführt wurden, um die unterschiedlichen Standpunkte zu dokumentieren.

Forum „Macht, Partizipation, Gewaltenteilung“

Das Forum „Macht, Partizipation, Gewaltenteilung“ leiteten Bischof Karl-Heinz Wiesemann aus Speyer und ZdK-Vizepräsidentin Claudia Lücking-Michel. In diesem Vorbereitungsforum waren neben Wiesemann die Bischöfe Gregor Maria Hanke, Gebhard Fürst und Franz-Josef Overbeck beteiligt. Sie saßen mit ZdK-Vertretern, mehreren Diözesanvertretern und vielen Hochschulprofessoren in der Runde. Mit Andrea Fischer, die als unabhängige Missbrauchsbeauftrage des Bistums Hildesheim teilnahm, war auch eine Ex-Ministerin vertreten.

Forum „Sexualmoral“

An der Spitze des Forums „Sexualmoral“ standen die Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), Birgit Mock, und der Limburger Bischof Georg Bätzing. Mit in der Runde saßen zudem die Bischöfe Heiner Koch und Franz-Josef Bode. Mit den beiden Vertretern des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Lisi Maier und Thomas Andonie waren zwei Repräsentanten der jüngeren Generation vertreten. Weitere Teilnehmer kamen aus den Bereichen katholische Frauenarbeit und Familienpolitik, Seelsorge und Moraltheologie.

Forum „Priesterliche Lebensform“

Das Forum „Priesterliche Lebensform“ verantworteten der Geschäftsführer des Katholischen Verbandes für Soziale Dienste in Deutschland (SKM), Stephan Buttgereit aus Haltern, und Bischof Felix Genn aus Münster. Die vorbereitende Diskussionsrunde fiel mit elf Personen etwas kleiner als in den anderen Vor-Foren aus. Neben den Bischöfen Genn, Peter Kohlgraf und Wolfgang Ipolt waren mit dem Jesuiten Stephan Kessler und der Franziskanerin Katharina Kluitmann auch zwei Ordensvertreter dabei.

Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“

Das Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ wurde von der Theologieprofessorin Dorothea Sattler von der Universität Münster und Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück geleitet, dem Frauen-Beauftragten der DBK. In dieser Gruppe saßen mit zehn Teilnehmerinnen, davon zwei Ordensfrauen und mehrere Professorinnen, zwei Drittel Frauen. Zu den Fürsprecherinnen der Frauenordination gehörten in der Runde die Vorsitzende des Netzwerkes „Diakonat der Frau“ Irmentraud Kobusch und die Franziskanerinnen-Oberin Katharina Ganz. Die Pastoralreferentin Daniela Engelhard, seit 2002 Leiterin des diözesanen Seelsorgeamtes Osnabrück, war die erste Frau in Deutschland in einer solchen Führungsposition. Unter den männlichen und geweihten Teilnehmern des Frauen-Vor-Forums waren neben dem Vorsitzenden Bode auch die Bischöfe Michael Gerber und Stefan Heße vertreten. Aufgrund thematischer Überschneidungen zum Macht-Forum wurde eine Zusammenarbeit der beiden Gruppen angekündigt.


Ein Blick in die Arbeitspapiere der vier vorbereitenden Foren zeigt Grundlinien auf, an denen sich die Debatten beim Synodalen Weg orientieren werden. Bei der Sitzung der erweiterten Gemeinsamen Konferenz am 13./14. September 2019 in Fulda hatten sich Bischöfe und Laien-Vertreter über die bislang geleistete Vorarbeit ausgetauscht. (1) Ab der ersten Synodalversammlung Ende Januar 2020 werden die einzelnen Themen dann in den Synodalforen weiterentwickelt und konkretisiert, bis sie der Synodalversammlung schließlich zur Abstimmung vorgelegt werden können. Die Arbeitstitel der Vor-Foren wurden für die Synodalforen des Synodalen Weges leicht modifiziert.

Worum geht es im Macht-Forum?

„Macht und Gewaltenteilung in der Kirche: Gemeinsame Teilhabe und Teilnahme am Sendungsauftrag“ lautet der volle Titel dieses Forums. (1) Ein Schwerpunkt dabei: der klerikale Machtmissbrauch, der vor allem im Zuge des Missbrauchsskandals offenbar geworden war. Auf dem Synodalen Weg soll geklärt werden, „was getan werden muss, um den nötigen Machtabbau zu erreichen und eine gerechtere und verbindliche Ordnung aufzubauen.“

Kirchliche Verwaltungsgerichte

Konkret soll zum Beispiel überlegt werden, ob sich für den Bereich der Deutschen Bischofskonferenz unabhängige kirchliche Verwaltungsgerichte einrichten ließen. (2) Neu ist diese Forderung nicht, bereits bei der Würzburger Synode war 1975 der Entwurf für eine solche juristische Instanz vorgestellt worden, die jedoch nie verwirklicht wurde. Im Kontext des Missbrauchsskandals hatte die Forderung zuletzt wieder an Fahrt aufgenommen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hofft nun, dass es auf dem Synodalen Weg dazu einen Durchbruch geben könnte. Möglicherweise werde die Frage „eine der ersten sein, bei der wir erleben, dass die Bischöfe endlich vom Reden ins Handeln kommen“, zeigte sich ZdK-Präsident Thomas Sternberg hoffnungsvoll: „Es ist wirklich höchste Zeit.“ (3)

Klerikalismus

Offen für eine Reform in diesem Bereich hat sich der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper gezeigt, der die Einführung solcher Verwaltungsgerichte als Beschwerde-Instanzen fordert. „Wenn wir zu Recht über arroganten, selbstverliebten Klerikalismus und Machtmissbrauch in der Kirche klagen, dann müssen wir doch auch sehen, welche Formen von Machtbegrenzung und Machtkontrolle sich anderswo bewährt haben, etwa in demokratischen Gemeinwesen“, sagte er im Frühjahr 2019 in einem Interview. „Von einem Bischof zu verlangen, dass er seine eigenen Gesetze oder die Gesetze Roms einhält, ist weder unbillig noch schränkt es den Bischof ungebührlich ein. Es würde seiner Autorität im theologischen Sinne nichts nehmen, sondern im Gegenteil seine Autorität stärken, zu mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit beitragen.“ (4)

Beteiligung von Laien

Weiter geht es im Macht-Forum grundsätzlich um Fragen der Teilhabe und der stärkeren Beteiligung von Laien, wie das Arbeitspapier der Vorbereitungsgruppe aufzeigt. Leitfragen sind hier: Welche Aufgaben könnten Laien in der Kirche stärker als bisher übernehmen? Wo könnten Kleriker mehr Macht abgeben? Wie lässt sich Kirche insgesamt gemeinschaftlicher gestalten? Wer darf welche kirchlichen Ämter warum ausüben und wer nicht?

Dazu gibt es bereits konkrete Vorschläge, über die diskutiert werden soll. Die allgemeine Richtung ist: Laien sollen mehr gestalten und mitbestimmen können. Die kirchlichen Dienste, einschließlich des Bischofsamtes, sollen in ihrem Wirken und Kooperieren „verbindlich festgeschrieben“ werden. Mehr Mitsprache der Laien könnte es zum Beispiel bei der Verteilung der Kirchensteuer geben, auch für die Heilige Messe könnte man einen Predigtdienst von Gläubigen beschließen. Zudem könnten Leitungsämter ausschließlich auf Zeit vergeben und Führungspersonen auf allen Ebenen durch unabhängige Gremien kontrolliert werden, um Machtmissbrauch vorzubeugen.

Theologisch begründet wird die angepeilte Umverteilung mit einer „fundamentalen Gleichrangigkeit aller Kirchenmitglieder“, die sich „im gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen“ ausdrückt. Strukturen und Machtverhältnisse müssten demnach „am Maßstab des Evangeliums überprüft und korrigiert werden“, vonnöten sei eine grundlegende Reform. Der Synodale Weg soll dabei klären, „welche Möglichkeiten das Kirchenrecht bereits gegenwärtig bietet und welche Änderungen einer neuen rechtlichen Fassung bedürfen würden.“

Weihe und Macht

Zur Sprache kommen soll im Macht-Forum auch die Frage, inwieweit Leitungsgewalt und Entscheidungsmacht notwendig an eine Weihe geknüpft sein müssen. Nach dem bisherigen Modell sind es vor allem Bischöfe, denen in vielerlei Hinsicht Macht zugesprochen wird. Hier könnte man Kompetenzen und Verantwortlichkeiten auf mehrere Köpfe, insbesondere Laien, verteilen. In einer Audienz für Mitarbeiter des vatikanischen Laien-Dikasteriums befürwortete der Papst im November 2019 zum Beispiel erstmals auch die Besetzung von Spitzenämtern der Kurie mit Frauen. (5) Diese Ämter sind im Vatikan bislang fast ausschließlich von Erzbischöfen oder Kardinälen besetzt.

Päpstliche Kritik des Klerikalismus

Dass die Machtfrage in der katholischen Kirche heute mit Nachdruck gestellt wird, kann sicher nicht getrennt von Papst Franziskus gesehen werden. Regelmäßig übt er Kritik am Klerikalismus, womit der Papst die Selbstüberhöhung und Überlegenheitsgefühle mancher Kleriker gegenüber Laien meint. Unvergessen ist seine Weihnachtsansprache an die Römische Kurie, in der er 15 kuriale Krankheiten benannte und den Kardinälen ins Gewissen redete. (6)

Auch den Zusammenhang zwischen Machtmissbrauch und sexuellem Missbrauch hat der Papst benannt. Sexueller Missbrauch sei „immer die Folge von Machtmissbrauch, der Ausbeutung der schwächeren Position der wehrlosen missbrauchten Person, welche die Manipulierung ihres Gewissens und ihrer psychischen und körperlichen Schwachheit ermöglicht“, sagte er im Februar 2019 bei einer internationalen Kinderschutzkonferenz im Vatikan. (7)

Worum geht es im Forum Sexualmoral?

Unter dem Titel „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualmoral und Partnerschaft“ sollen in diesem Forum Fragen der kirchlichen Sexualmoral behandelt werden. (1) Hintergrund ist der Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche in Fragen der Sexualmoral in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen und zweitens die schon länger beklagte Kluft zwischen der kirchlichen Lehre und dem Leben der Gläubigen.

„Der Vorwurf lastet schwer, die Kirche genüge ihren eigenen hohen moralischen Ansprüchen nicht“, heißt es im Arbeitspapier der vorbereitenden Gruppe mit Blick auf die Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Immer weniger Menschen trauten der Kirche nach den Missbrauchsskandalen überhaupt noch ein Urteilsvermögen in Fragen der menschlichen Sexualität zu.

Empfängnisverhütung, außerehelicher Sex, wiederverheiratete Geschiedene und Homosexualität

Eine Kluft zwischen Lehre und Leben zeige sich heute besonders hinsichtlich Fragen der Empfängnisverhütung, des außerehelichen Sex, der wiederverheirateten Geschiedenen und der homosexuellen Partnerschaften, heißt es weiter. Kardinal Reinhard Marx formulierte dazu im Vorfeld des Synodalen Weges: „Die Sexualmoral der Kirche hat entscheidende Erkenntnisse aus Theologie und Humanwissenschaften noch nicht rezipiert. Die personale Bedeutung der Sexualität findet keine hinreichende Beachtung. Wir spüren, wie oft wir nicht sprachfähig sind in den Fragen an das heutige Sexualverhalten“. Die Moralverkündigung gebe der überwiegenden Mehrheit der Getauften keine Orientierung. (2)

Im Umgang mit und der Bewertung von Homosexualität hat Papst Franziskus seit seinem Amtsantritt eine gewisse Offenheit gezeigt. Es wandte sich im Jahr 2013 gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung von Homosexuellen. Auf seinem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien sagte er vor Journalisten: „Wenn einer homosexuell ist und Gott sucht und guten Willen hat – wer bin dann ich, ihn zu verurteilen?“ (3) Gleichwohl lehnt die katholische Kirche auch unter Franziskus eine gelebte Homosexualität und die gleichgeschlechtliche Ehe ab. (4)

Das Vorbereitungsforum zum Thema Sexualmoral war sich bei der Frage, ob es eine neue kirchliche Sexualmoral braucht, nicht ganz einig, wie aus seinem Arbeitspapier hervorgeht. Eine Mehrheit der Teilnehmer hielt es für notwendig, die bisherigen Normen grundsätzlich zu überprüfen. Wogegen ein anderer Teil forderte, sie müssten heute lediglich plausibler erklärt und vermittelt werden. Dementsprechend unterschiedliche Antworten gaben die Teilnehmer hinsichtlich konkreter Fragen der Sexualität und des Umgangs mit Sexualität. Uneins war man sich zum Beispiel bei der Frage der sexuellen Selbstbestimmung und hinsichtlich einer Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

Evangelii gaudium und Amoris laetitia

Für die Vorbereitung des Gesprächsforums zum Thema Sexualmoral wurden Ergebnisse von Befragungen einbezogen, die Papst Franziskus im Vorfeld der beiden Weltbischofssynoden zum Thema Ehe und Familie von 2014 und 2015 weltweit unter Gläubigen durchführen ließ. Es war das erste Mal, dass der Vatikan auf diese Weise Meinungen der Gläubigen in die Vorbereitung einer Synode einbezog. (5) Auch stützte sich das Vor-Forum zur Sexualmoral auf die beiden Schreiben von Papst Franziskus „Evangelii gaudium“ (2013) und „Amoris laetitia“ (2016). In „Evangelii gaudium“ hatte er dazu ermutigt, das Evangelium nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Frische und Freude zu vermitteln. (6) In „Amoris laetitia“ hatte der Papst betont, dass das Gewissen der Gläubigen bei Fragen der Ehe und Familie ernster genommen werden müsse. (7)

Worum geht es im Priester-Forum?
Sendung aller Gläubigen

Die Aufgaben, das Amt und die Lebensform der Priester in der heutigen Zeit sind ein Schwerpunkt des Forums „Priesterliche Existenz heute“. Allerdings legte das vorbereitende Forum Wert darauf, die priesterliche Existenz „nicht als Stand, sondern nach den Kriterien der Evangelisierung“ zu behandeln und grundsätzlich über die Sendung aller Gläubigen in einer säkularer werdenden Gesellschaft zu sprechen. (1) Der Ansatz ist hier, dass Priester ebenso wie nicht geweihte Gläubige Wege finden müssen, um auf den Glaubensschwund und die Krise der Kirche zu reagieren.

Zölibatäre Lebensform

Gleichwohl waren im Kontext des Missbrauchsskandals gerade klerikale Lebensformen und Ämter problematisiert worden. Mit Blick auf die katholischen Geistlichen war von Schwierigkeiten mit der eigenen Sexualität und dem Zölibat sowie Amtsmissbrauch die Rede gewesen. (2) „Wir wissen, dass die Lebensform der Bischöfe und Priester Änderungen fordert, um die innere Freiheit aus dem Glauben und die Orientierung am Vorbild Jesu Christi zu zeigen“, formulierte Kardinal Marx im Vorfeld des Synodalen Weges: „Den Zölibat schätzen wir als Ausdruck der religiösen Bindung an Gott. Wie weit er zum Zeugnis des Priesters in unserer Kirche gehören muss, werden wir herausfinden.“ (3) Im Vor-Forum zur priesterlichen Existenz wurde dann unter anderem die Frage formuliert, ob der Zölibat die allein angemessene Lebensform der Priester sei.

Ausbildung und Rollenbild

Weitere Fragen, die beim Synodalen Weg mit Blick auf die Priester zur Sprache kommen sollen, beziehen sich auf die Ausbildung und Eignung, persönliche Reife und Identität sowie den Umgang mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Zudem soll es um das Rollenbild der Priester und das Verhältnis von Sakramentalität und Macht gehen. Dabei soll überlegt werden, wie einer Selbstüberhöhung und einem Machtmissbrauch im Priesteramt vorgebeugt werden kann.

Heutiges Berufsbild der Priester

Alltag und Berufsbild der Priester haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Priester müssen heute nicht nur Seelsorger sein, sondern in ihrem Alltag oft auch als Manager und Vermittler auftreten. Sie sind selten nur noch für einzelne Gemeinden zuständig, sondern müssen sich um Großpfarreien kümmern, die vielfältige Herausforderungen mit sich bringen. Für die Priester bedeutet dies oft eine Zerreißprobe, Frust und Erschöpfung. Hinzu kommt, dass die Strukturreformen bei vielen Gläubigen umstritten sind, die damit ein Ende der Seelsorge und die Abschaffung der Kirche vor Ort vorhersehen. (4) Eine weitere Frage, die deshalb beim Synodalen Weg thematisiert werden soll, ist die Amtsfrustration: Wie und wo ließe sich das priesterliche Leben besser gestalten? Hier ließe sich etwa über gemeinschaftliche Lebensformen von Geistlichen sowie neue Formen der Gemeindeleitung sprechen.

Frauenpriestertum kein Thema

Die Teilnehmer des Vor-Forums waren im Grundsatz uneins darüber, ob das Priesteramt auch für Frauen gedacht werden kann. Deshalb verweisen sie bei dieser Frage auf das Frauen-Forum beim Synodalen Weg, wo dieses Thema zur Sprache kommen soll.

Worum geht es im Frauen-Forum?
Rolle der Frau in der Kirche

Das Forum „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ stellt die Frage nach der Rolle der Frau in der Kirche. (1) Dazu sollen auf dem Synodalen Weg konkrete Vorschläge erarbeitet werden, wie Frauen stärker an der Kirchenleitung beteiligt werden können. Bereits existierende Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des Kirchenrechtes müssten sichtbarer gemacht und verbindliche Verabredungen dazu getroffen werden, heißt es im Arbeitspapier der vorbereitenden Arbeitsgruppe.

In diese Richtung zielt etwa das Mentoring-Programm für Frauen, dass die Deutsche Bischofskonferenz seit 2015 in Zusammenarbeit mit dem Hildegardis-Verein für die Erzbistümer durchführt. (2) Bei dem Förderprogramm geht es um alle Ämter, die nicht an ein Weiheamt geknüpft sind. Ein hohes Amt, in das in den letzten Jahren immer mehr Frauen aufsteigen, ist zum Beispiel das der Seelsorgeamtsleiterin.

Zugang von Frauen zu Weiheämtern

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hatte ein Frauen-Forum für den Synodalen Weg ursprünglich vorgeschlagen; und zwar unter dem Titel „Zugang von Frauen zu Weiheämtern“. Auch wenn dieser Titel abgeändert wurde, soll beim Synodalen Weg auch das Thema Weiheämter für Frauen besprochen werden. Wie aus dem Arbeitspapier der Vorbereitungsgruppe hervorgeht, sollen Begründungen des Ausschlusses von Frauen von den Weiheämtern unter die Lupe genommen und theologische Gegenargumente angehört werden. Unter den geladenen Experten, Theologen und Kirchenrechtlern sollte, so war es ursprünglich geplant, auch die deutsche Theologin Marianne Schlosser sitzen. Aufgrund der Frage der Frauenordination ist Schlosser jedoch auf Distanz zum Frauen-Forum gegangen. Für sie ist eine Weihe von Frauen zum Priesteramt ausgeschlossen und lehramtlich abschließend geklärt. (3)

Eine „Nagelprobe“ für den Reformwillen

In der öffentlichen Wahrnehmung sei die Frauenfrage eine „Nagelprobe“ für die Authentizität des Reformwillens der katholischen Kirche, hält das Vorbereitungsforum grundlegend fest. (4) Es gehe um die Zukunft der römisch-katholischen Kirche, gingen der Institution doch gerade immer mehr Frauen verloren. Zudem seien mit dem Thema der Evangelisierungsauftrag, die Glaubwürdigkeit der Kirche und Fragen der Gerechtigkeit berührt. Papst Franziskus habe in seiner Schrift „Evangelii gaudium“ (2013) betont, es brauche Frauen an Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden: es gebe also Raum für weitere Entwicklung.


Ist der Synodale Weg eine Synode oder ein Konzil?

Offiziell nicht. Allerdings war nach der Ankündigung des Projektes ein Streit darüber entbrannt, was unter dem Begriff „verbindlicher Synodaler Weg“ denn nun eigentlich zu verstehen sei. Das liegt daran, dass es für Beratungen und Entscheidungen in der katholischen Kirche eine Reihe von Versammlungsformen mit jeweils unterschiedlicher Verbindlichkeit gibt. Diese folgen bestimmten Regeln und Abläufen und sind im Kirchenrecht genau festgelegt. Auf Weltkirchenebene gibt es zum Beispiel Bischofssynoden, die den Papst zu bestimmten Themen beraten. Wenn hingegen auf Ebene der Kirche eines bestimmten Landes Bischöfe zu Beschlüssen zusammentreten, wird dies Partikularkonzil oder auch Nationalkonzil genannt. Damit deren Vorschläge oder Beschlüsse rechtskräftig werden können, müssen sie in der katholischen Kirche grundsätzlich vom Papst abgesegnet werden.

Die bisherigen Formate passten für den Synodalen Weg alle nicht, und je mehr man über das Projekt erfuhr, desto verwirrender wurde es: Hatte das Ganze nicht den Zuschnitt eines Konzils? Wie verbindlich sollte es werden? Ging es nur um Beratungen oder auch um Entschlüsse? Diese Diskussion schlug ebenso in der Weltkirche Wellen.

Kardinal Marx bemühte sich in der Vorbereitungsphase des Synodalen Weges um eine Eingrenzung. Der Synodale Weg sei „keine Synode im klassischen kirchenrechtlichen Sinn“, die Veranstaltung bewege sich „aber auch nicht außerhalb des Kirchenrechts“, erklärte er Journalisten. (1) Die deutschen Bischöfe hätten für den Reformdialog bewusst keines der üblichen Formate gewählt, man wolle den Synodalen Weg als „eigenen Prozess“ verstanden wissen, erklärte er dem Vatikan. (2) Warum diese Vagheit? Das wurde einen Monat vor dem offiziellen Startschuss deutlich: „Eine Synode bedarf der Zustimmung durch den Heiligen Stuhl, die oft erst nach einem längerfristigen Verfahren erteilt werden kann. Das verlangsamt das notwendige Tempo in der Behandlung der anstehenden Fragen“, schrieb die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Homepage. (3)

Zwischen Synode und Gesprächsprozess

Angesichts der tiefen Krise der deutschen Kirche sollte möglichst schnell über alles geredet werden, ohne Einschränkungen, ganz offen. Zugleich wollte man wohl auch jene Bischöfe mit ins Boot holen, die der ganzen Reformdebatte eher skeptisch gegenüber eingestellt waren. Auf der DBK-Internetseite wiesen die Veranstalter das Projekt schließlich als Mischform aus: Der Synodale Weg bewege sich „als Format zwischen einer Synode und einem Gesprächsprozess“. (4)

Im Klartext heißt das: Es soll nicht nur geredet werden, sondern Bischöfe und Laien sollen auch zu gemeinsamen Beschlüssen gelangen. Ob und wie diese umgesetzt werden, steht allerdings auf einem anderen Blatt. So ordnete der deutsche Theologe und Professor für Kirchenrecht Georg Bier die Beschlüsse des Synodalen Weges im Vorfeld eher als Empfehlungen ein. „Je mehr Leute hinter diesen Voten stehen, umso höhere moralische Verbindlichkeit haben sie“, sagte Bier: „Aber auch eine noch so hohe Zustimmungsquote genügt nicht, um einen Bischof rechtlich verbindlich dazu zu bringen, sie umzusetzen. Rechtswirkung erlangen die Voten nur durch die Inkraftsetzung der einzelnen Bischöfe. Das widerstrebt zwar dem demokratisch geprägten Verständnis der Gesellschaft – aber so funktioniert die Kirche.“ (5)

Keine Entscheidungen über grundlegende Fragen

Darüber hinaus gibt es beim Synodalen Weg hinsichtlich der Entscheidungsprozesse eine Einschränkung, die mit den verhandelten Themen zusammenhängt. Über grundlegende Fragen, die die ganze Weltkirche betreffen, wie den Zölibat oder die Frauenordination, kann die Teilkirche Deutschland sich zwar einigen, aber nicht entscheiden. Allein der Papst kann hier die Weichen neu stellen. Der Synodale Weg der deutschen Kirche will dieses Prinzip nicht in Frage stellen, wie die Veranstalter mehrfach betonten.

Ist der Synodale Weg wieder ein Gesprächsprozess?

Bereits zwischen 2011 und 2015 haben sich Bischöfe und Laien in Deutschland landesweit zusammengesetzt, um über Herausforderungen ihrer Kirche zu sprechen. In der Tat nennt die Deutsche Bischofskonferenz diesen „Überdiözesanen Gesprächsprozess ‚Im Heute glauben‘“ als einen Wegbereiter des Synodalen Weges. (1)

Gesprächsprozess und Glaubwürdigkeit

Ähnlich wie auch beim Synodalen Weg ging es beim Gesprächsprozess darum, die Kirche wieder glaubwürdig zu machen. (2) Begonnen wurde der Prozess noch unter dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, beendet unter Kardinal Reinhard Marx. An den bundesweiten Dialogtreffen nahmen Bischöfe und Laien, Vertreter katholischer Verbände und verschiedener Berufsgruppen der Kirche teil.

Reaktion auf sexuellen Missbrauch

Schon mit dieser Reihe an Treffen hatten die Bischöfe versucht, auf das Problem des sexuellen Missbrauchs in der deutschen Kirche zu reagieren. Dabei ging es jedoch vorrangig um die „gestörte Kommunikation“ zwischen Klerus und Laien, die man verbessern wollte; nicht um kirchliche Strukturreformen. Nachdem der Jesuitenpater Klaus Mertes im Jahr 2010 Fälle sexualisierter Gewalt am Berliner Canisius-Kolleg bekanntgemacht hatte und immer mehr Betroffene an die Öffentlichkeit traten, hatten sich Gräben in der Kirche aufgetan. Austritte und Generalverdacht war die Rechnung, die viele Gläubige der Institution ausstellten.

Vor diesem Hintergrund ging es den Bischöfen um Schadensbegrenzung: „Wir sehen die reale Gefahr, dass wir uns in unserer Kirche so zerstreiten, dass Brücken abgebrochen und bestehende Einheit aufgegeben wird. Auf Barrikaden aber lässt sich bekanntlich schlecht miteinander reden“, schrieben sie in einem Brief an die Gemeinden. (3) Die Glieder der Kirche müssten wieder zusammengeführt werden und sie luden das Kirchenvolk zum Gesprächsprozess ein.

Gesprächsthemen

Worüber wurde gesprochen? Weniger über kontroverse Themen wie Zölibat oder Sexualmoral als vielmehr über kirchliche Erneuerung allgemein. So ging es etwa um die „gemeinsame Verantwortung aller Getauften in der Kirche“, das „erneuerte christliche Zeugnis in unserer Gesellschaft“ und das „geschwisterliche Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche“; um ein paar Themenbeispiele zu nennen. (4)

Erfahrungen aus Gesprächsprozess

Vielen Menschen war das rückblickend nicht konkret genug; sie hätten sich angesichts des Missbrauchsdebakels mindestens ein paar bindende Beschlüsse gewünscht. Aus diesem Grund sind nach der Erfahrung des Gesprächsprozesses bei vielen Gläubigen die Erwartungen an den Synodalen Weg hoch. Sabine Demel, Professorin für Kirchenrecht in Regensburg, bemängelte in einem Interview, dass beim Gesprächsprozess letztlich „alles im Unverbindlichen geblieben ist“. Mit Blick auf die Struktur ist ihr Hauptkritikpunkt, dass es „keine transparente, geschweige denn gemeinsam erarbeitete Verfahrensordnung über die Steuerungs-, Planungs- und Themenkompetenz“ gegeben habe. (5)

Auch Kardinal Marx sieht die Unverbindlichkeit des Gesprächsprozesses rückblickend als falsch an: „Das machen die Leute nicht mehr mit, da war eine große Unzufriedenheit“, sagte er bei Ankündigung des Synodalen Weges im März 2019 in Lingen. (6) Der Synodale Weg soll also auf Augenhöhe stattfinden und zu gemeinsamen Beschlüssen führen; die Satzung des Reformweges ist dafür die formale Grundlage.

Ist der Synodale Weg eine zweite Würzburger Synode?

Als einen weiteren Wegbereiter des Synodalen Weges nennen die deutschen Bischöfe die Gemeinsame Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland, also der westdeutschen Bistümer, die von 1971–1975 im Würzburger St.-Kilians-Dom stattfand und deshalb auch „Würzburger Synode“ genannt wird. (1)

Approbierte Synode durch den Vatikan

Diese historische Synode, die vom Vatikan abgesegnet war, veränderte das Gesicht der Kirche nachhaltig. Ihre Beschlüsse prägen die kirchliche Struktur und Seelsorge in Deutschland bis heute. Fünf Jahre lang rangen Laien und Bischöfe in Würzburg um eine Erneuerung der Kirche, darunter eine stärkere Mitsprache der Laien. Im Großen ging es um die Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965), das einen Wandel in der Weltkirche eingeleitet hatte. Diese Aufbruchsstimmung schlug sich in Deutschland in lebhaften Debatten nieder, unter Eindruck der 68er-Bewegung brodelte es im Kirchenvolk; kontrovers wurde zum Beispiel über Sexualmoral und Empfängnisverhütung sowie wiederverheiratete Geschiedene diskutiert.

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136 p. 11 illustrations
ISBN:
9783460510852
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