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Anja Nititzki


E-Mail-Roman

mitteldeutscher verlag

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen ist rein zufällig.

2015

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

ISBN 978-3-95462-609-0

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1. Kapitel – Immer zwei Mal im Leben

2. Kapitel – Beutekunst

3. Kapitel – Sieben Frösche, eine Kröte

4. Kapitel – Freundschaftsanfrage

5. Kapitel – Knusperflocken

6. Kapitel – Liebesfluchten

7. Kapitel – Die Stelle

Danksagung / Die Autorin

Im Mitteldeutschen Verlag erschienen

// 1. Kapitel – Immer zwei Mal im Leben //


Betreff: Wiederbegegnung

Datum: 01. 04. 2019, 20 : 09:00

Liebe Anna,

man trifft sich immer zwei Mal im Leben. Das klingt abgedroschen, ich weiß, aber es scheint zuzutreffen. Dich nach sieben Jahren wiederzusehen!

Ich musste meinen Buchmesserundgang unterbrechen und Dich ansprechen. Wie könnte ich an Dir vorbeigehen, nach dem, was wir zusammen erlebt haben. Ich hatte schon auf den letzten Buchmessen in Leipzig nach Dir Ausschau gehalten. Erfolglos. Jetzt habe ich Dich wieder getroffen.

Anna, als ich damals las, was Klaus Kleemann mir geschrieben hatte, blieb mir mein Herz stehen. Ich konnte nicht mehr atmen, bis mir der tröstliche Gedanke kam, dass die Mitteilung über Deinen Tod „nur“ Ausdruck Deines Schmerzes war. Du warst immer so leidenschaftlich, so euphorisch, immer weit oben fliegend, so dass das Gegenteil Deiner Höhenflüge nur der absolute Absturz sein konnte, sein musste.

Ich klammerte mich an diese Idee, hoffte, dass sie stimmt. Es hätte gut zu Dir gepasst. Jetzt weiß ich, dass ich Recht hatte mit meiner Vermutung. Zum Glück!

Ich hatte Dich in den letzten Jahren immer wieder im Internet gesucht – und gefunden. Das Netz vergisst zum Glück nichts. Geschrieben habe ich Dir nicht. Du hattest Deinen E-Mail-Account aufgelöst. Ich hatte akzeptiert, dass Du nach meinem unrühmlichen Abgang lieber für mich gestorben sein wolltest. Aber nun habe ich Deine neue E-Mail-Adresse entdeckt. „Entdeckt“ ist gelogen. Ich habe sie auf der Homepage Deines Journalistenbüros erspäht. „Fröhlich & Konsorten“ ist übrigens ein origineller Name dafür.

Es tut mir immer noch und auch schon wieder leid, was damals passiert ist.

Aber ich hatte zum damaligen Zeitpunkt auch genug eigene Probleme. Nach unserer Trennung war ich so unglücklich, so am Boden zerstört, dass es mir wohl auf der Stirn geschrieben stand, wahrscheinlich hatte ich sogar eine waschechte Depression. An’s Bücher schreiben war nicht zu denken.

Ich hockte zu Hause wie ein Trauerkloß, meine Frau begann Fragen zu stellen. Ich log tapfer weiter, beteuerte weiterhin, dass nichts los sei mit mir. Ich log so lange, bis sie meinen Rechner befragte. Ich hatte ihn vom Büro aus mit nach Hause genommen, ich dachte, ich könne besser arbeiten, wenn mein Sohn und der Kater in meiner Nähe waren.

Jedenfalls hatte ich unseren Mailverkehr nicht gut genug in den Eingeweiden des PCs vergraben. Meine Frau hatte aufgrund meiner Verstimmung Witterung aufgenommen und nicht aufgehört zu schnüffeln.

Was folgte, nachdem sie alle Mails gefunden, gelesen und unsere Fotos mit viel Interesse gesichtet hatte, ist erst vor wenigen Monaten vor Gericht zu Ende gegangen.

Anna, ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir schreibst, nein, ich wünsche mir sogar, dass Du mir schreibst. Liebe Grüße, Roger

*


Betreff: Re: Wiederbegegnung

Datum: 08. 04. 2019, 22 : 43:08

Hallo Roger,

ich habe jetzt eine gute Woche gebraucht, um darüber nachzudenken, ob ich dir überhaupt antworten sollte. War Deine Mail ein Aprilscherz? Eigentlich bin ich tot.

Ich schreibe Dir jetzt nicht, dass mir leid tut, dass Deine Ehe vor Gericht endete. Tut es nämlich nicht! Anna


Betreff: Aw: Wiederbegegnung

Datum: 08. 04. 2019, 23 : 13:18

Anna, ich bin froh, dass Du mir überhaupt antwortest. Es ist jetzt sieben Jahre her. Ich hoffe Du bist mir nicht mehr böse. Wie geht es Dir? Was machst Du? Drehst Du noch Deine Fernsehbeiträge? Galoppiert Dein Pferd noch? Rollt Dein alter Saab noch? Was hast Du auf der Buchmesse für einen Film gemacht?

*


Betreff: Familienfreundlich!

Datum: 12. 04. 2019, 21 : 08:11

Was für Fragen!!!

Jahrelang hatte ich es erfolgreich vermieden auf der Leipziger Buchmesse zu arbeiten, um Dir, dem Einen unter Tausenden Messebesuchern, nicht begegnen zu müssen. Nun ist es doch passiert.

Denn in diesem Jahr kam ich nicht um den Auftrag des Senders herum.

Du willst wissen, was ich dort gemacht habe? Bitteschön: Mein Thema an diesem Drehtag war „Familienfreundliche Buchmesse“. Ich tigerte mit meinem Kamerateam durch die überfüllten Messehallen, stöberte in Kinderbüchern, besuchte die Messe-Kita, zeichnete dazwischen Umfragen mit genervten Eltern und glücklichen Kindern auf und machte meine Moderationen. Das alles in HD. HD ist gnadenlos. Seit der Sender seine Fernsehbeiträge in High-Definition-Qualität in die Wohnzimmer seiner Zuschauer schickt, kommt es auf jede Kleinigkeit an. HD ist für Moderatoren und Reporter eine Herausforderung. HD rückt jeden Pickel ins Rampenlicht und machte aus jeder kleinen Hautunebenheit einen tiefen Krater.

So, reicht Dir das an Information?


Betreff: Re: Familienfreundlich!

Datum: 12. 04. 2019, 21 : 15:43

Liebe Anna,

so genau wollte ich gar nicht über die technischen Details informiert werden. Ich möchte wissen, wie es Dir geht, was Du machst?

Roger

*


Betreff: Einfach & bequem

Datum: 16. 04. 2019, 20 : 12:33

Roger,

ich will nicht nachtragend sein, aber was Du vor sieben Jahren mit mir gemacht hast, kostete mich ganze zwei Jahre meines Lebens.

Du hast mich innerhalb von 48 Stunden von „Himmel hoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“ befördert. Härter konnte der Aufprall, und tiefer konnte der Abgrund nicht sein. Das konnte ich nicht verkraften. Für Dich und Deine Familie war Deine unwürdige Abschiedsmail die einfachste und die bequemste Lösung, nur für mich nicht. Es tat mir so weh! Der Schuss kam aus dem Hinterhalt. Wer sollte das überleben? Du hast mich in den Himmel geworfen, dann hast Du von unten Pfeil und Bogen angesetzt und mich abgeknallt.

Ich habe Dir mit der Verkündung meines Todes durch die hilfreiche Hand meines treuen Freundes Klaus Kleemann einen Stich versetzen wollen, einen den Du nie vergisst. Genauso wenig, wie ich vergessen kann, was Du mir zugemutet hast.

Ich gebe zu, mein Abgang war theatralisch, aber in vollem Umfang gerechtfertigt! Mein Leben hatte keinen Geschmack mehr.

Warum hast Du Dich nach unserer Trennung einfach tot gestellt? Nach Deiner Abschiedsmail kam nichts mehr. Am schlimmsten war nicht einmal die Tatsache dass Du mich verlassen hattest, sondern die unbeantwortete Frage nach dem ganz konkreten Warum und die Art und Weise WIE Du es gemacht hattest. Eine Mail. Punkt. Das war’s. Kein Anruf, kein Gespräch, kein Treffen – nach all dem?

Geht man so mit jemandem um, dem man noch 48 Stunden zuvor die ganz große Liebe erklärt hat?

Ich habe Wimpern gepustet und Blütenblätter gezupft. „Meldet er sich, meldet er sich nicht, meldet er sich, meldet er sich nicht.“ Ich habe sogar gebetet, was mir als bekennendem Atheisten gänzlich fremd war. Aber von Dir kam nichts. Dein Totstellen danach war schlimmer als die Trennung selbst. Mit ihr hast Du mir zunächst nur Hände und Zunge abgeschnitten, so dass ich nicht mehr handlungsfähig war. Aber was danach kam, war wie langsam von innen zerschnitten werden, über 730 Tage lang jeden Morgen Glasscherben schlucken und nicht zu begreifen, warum!

Warum SO?

Es ist zwar Schnee von gestern, aber vergessen habe ich es nicht. Werde ich wohl nie.


Betreff: Re: Einfach & bequem

Datum: 16. 04. 2019, 22 : 45:55

Liebe Anna,

vor sieben Jahren um diese Zeit habe ich Tag und Nacht nur an Dich gedacht. Und wenn ich nicht an Dich gedacht habe, habe ich Dir geschrieben oder mit dir telefoniert. Neben Dir war gerade noch Platz für meine Arbeit.

In dieser Zeit verlor mein bester Freund seinen Job, ich hatte kein Ohr für seine Sorgen, meiner Frau ging ich aus dem Weg, mein Sohn wurde schlechter in der Schule, hatte Probleme in seiner Basketballmannschaft und ich habe es nicht einmal bemerkt.

Ich war so verliebt in Dich, dass ich alles um mich herum vergessen hatte.

Mein Doppelleben hat mich fertig gemacht. Es war so anstrengend. Ich konnte so nicht weitermachen, ich musste mich entscheiden. Ich wollte nicht auf Dich verzichten, aber ich musste, sonst hätte es mich zerrissen. Ich hatte Angst, meinen Sohn zu verlieren. Außerdem dachte ich, dass es nicht heldenhaft ist, Frau und Kind zu verlassen. Ich dachte, dass ein Held ist, wer bei seiner Familie bleibt, auch wenn er sich neu verliebt.

Und nach unserer Trennung konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich sonst nie hätte loslassen können. Das war egoistisch von mir, ich weiß. Ich bereue es.

Meine Ehe war eingeschlafen, wie von innen ausgehöhlt, nur die Hülle stand noch, wie eine Fassade oder eine Bühnendekoration. Nichts dahinter. Ich wollte es nicht wahrhaben, mir nicht eingestehen. Mein Ofen war aus.

Nachdem meine Frau unsere Mails gelesen hatte, begann der Krieg. Meine größte Befürchtung war, dass mein Sohn zur Kriegsbeute würde. Sie trat nicht ein. Sonja hat nicht versucht unseren Victor zu zerteilen, wobei „teilen“ ein Wort ist, was ihrem Rachefeldzug in keiner Weise gerecht wird. Sie wollte nicht teilen, sie wollte alles.

*


Betreff: Weltuntergang 2012

Datum: 17. 04. 2019, 18 : 34:00

Nun, mein Mitleid hält sich in Grenzen. Du erwartest jetzt nicht, dass ich Dich bedauere, oder? Und warum wolltest Du ein Held sein? Wozu?

2012, unser Jahr, sollte das Jahr des Weltuntergangs sein, nach dem Maya-Kalender zumindest. Dirk Bach war gestorben und Obama wurde wiedergewählt. Meine Welt ging wirklich unter, kurz vor Weihnachten! Leider gibt es keine Versicherung gegen Katastrophen wie diese.

Erzähl mir lieber, wie die heiße Schlacht um Haus und Hof vonstattenging und warum Du mich auf der Messe angesprochen hast.


Betreff: Dein Duft!

Datum: 17. 04. 2019, 18 : 54:12

Es war Dein Duft, ich konnte ihm nicht widerstehen, ich musste meinen Messerundgang unterbrechen und ihm folgen. Dein Parfüm ist noch dasselbe. Ich hatte es seitdem nie wieder gerochen. Ich hatte es so geliebt, es so gierig inhaliert damals. Ich konnte nicht anders als meiner Nase nach.


Betreff: Re: Dein Duft!

Datum: 17. 04. 2019, 19 : 34:11

Und? Wie heißt der Duft? Ich konnte ihn nach Deiner Notbremsung nicht mehr an mir selbst ertragen, monatelang habe ich ihn nicht mehr benutzen können.


Betreff: Ertappt!

Datum: 17. 04. 2019, 19 : 39:22

Ich weiß es nicht. Irgendetwas Teures aus Frankreich, oder?


Betreff: L’Instant magic

Datum: 17. 04. 2019, 20 : 19:55

Der Kandidat erhält null Komma null Punkte und darf mir dafür eine Anleitung geben, wie man seinem Ehemann die Haare vom Kopf grast. Wobei, in Deinem Falle ist das nicht der richtige Ausdruck. Du trägst noch immer dieselbe pflegeleichte Frisur wie damals, nämlich gar keine.

Also, ich bin ganz Ohr, möchte hören, wie es sich anfühlt, von der „Schwarzen Witwe“ gebissen zu werden.


Betreff: Schwarze Witwe

Datum: 17. 04. 2019, 20 : 45:15

Gut Anna, Du sollst die Anleitung zum Männer-Verspeisen haben. Ich gebe sie nur Dir, niemand außer meinem Anwalt weiß, was mir passiert ist. Es ist mir peinlich, weil es nicht sehr rühmlich für einen Mann ist, so ausgenommen zu werden. Aber es ist wirklich passiert. Meine Frau war unglaublich verletzt und in ihrer Eitelkeit getroffen. Sie hat ihren Schmerz in eine (also meine) Finanzkrise umgeleitet. So etwas passiert ja oft, aber die Fantasie meiner Frau erwies sich in dieser Beziehung als grenzenlos.

Im Gegenzug möchte ich von Dir wissen, wie Du Deine letzten Jahre verbracht hast.


Betreff: Re: Schwarze Witwe

Datum: 17. 04. 2019, 20 : 59:10

Ich habe Männer gesammelt.


Betreff: Hallo?

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 30:04

Roger? Habe ich Dich erschreckt? Ich hoffe nicht. Ich muss jetzt Schluss machen, ich möchte noch ein paar Mails schreiben, die nicht an Dich adressiert sind.

Tschüss, Anna.

****


Betreff: News

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 36:33

Carlchen,

bist Du online? Wenn ich mich recht erinnere waren wir heute zum E-Mail-Update verabredet. Das ist billiger als nach Australien zu telefonieren. Wie geht es Dir, meine liebste, beste Freundin? Du bist so weit weg.

Annuschka


Betreff: Re: News

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 39:59

Klar bin ich drin. Guten Morgen! Du solltest langsam wissen, dass Du Dich auf Deine gute alte Carla verlassen kannst, auch morgens um sieben Uhr. Du hast News? Ich bin sehr gespannt was Du zu beichten hast, denn bei mir ist alles ruhig, „ohne Befund“ sozusagen. Was treibt Dich um, meine Liebe? Hast Du Stefan endlich dazu gebracht, mit Dir die Paartherapie zu beginnen? Ihr habt Euch ja nur noch im Kreis gedreht, nach meinem letzten Informationsstand zumindest.


Betreff: Schmoll-Hase

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 42:19

Ja, meine Beste, wir hatten gestern die erste Sitzung mit dem Therapeuten. Er hat einen wunderschönen Namen. Er heißt Dr. Schmoll-Hase. Wir sprechen ihn nicht „Schmoll – Bindestrich – Hase“ aus, sondern „Schmollhase“ in einem Wort. Der Name ist Programm.

Ja, Du hast es auf den Punkt gebracht, wir drehten uns im Kreis, es musste Hilfe von außen ran. Ich hoffe, dass Schmoll-Hase uns retten kann. Es ist schon schlimm, dass mir bereits nach zwei Jahren mit Stefan irgendwie die Lust abhanden gekommen ist. Wie lange dauert so etwas normalerweise?


Betreff: Re: Schmoll-Hase

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 44:44

Keine Ahnung, ich nehme an, irgendwann finden sich Paare immer damit ab, dass der Ofen aus ist. Dann ist eben etwas anderes wichtig. Vertrautheit, Geborgenheit, gemeinsame Erinnerungen oder einer von beiden geht fremd, wenn die Gewohnheit gar zu gewöhnlich wird. Ganz einfach. Aber jetzt lass mich nicht länger zappeln, ich will wissen, was bei einer Paartherapie passiert. Was hat Schmoll-Hase mit Euch gemacht?


Betreff: Aw: Schmoll-Hase

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 49:33

Nun, mein liebes Carlchen, er hat erst so etwas wie eine Anamnese gemacht. Wir mussten die Karten auf den Tisch legen, aussprechen was uns zu ihm treibt. Meistens habe ich geredet. Stefan saß schweigend neben mir im Beratungszimmer. Ich habe ihn gedrängt mitzukommen, dementsprechend saß er da wie lebendiges Inventar oder wie ein Statist. Ich denke er schämte sich oder glaubt nicht daran, dass die Sache durch Gespräche ins Lot zu bringen ist. Und dann hat uns Schmoll-Hase etwas bauen lassen, mit Holzbauklötzchen. Was sagst Du dazu?


Betreff: Ich staune Bauklötze

Datum: 17. 04. 2019, 21 : 50:54

Jetzt mach es nicht so spannend, was ist da passiert? Was habt ihr gebaut?


Betreff: Holzbauklötzchen

Datum: 17. 04. 2019, 22 : 25:00

„Wenn Sie bitte Ihre Sexualität mit diesen Holzbausteinen darstellen würden!“, hat Schmoll-Hase gesagt. Dabei hing er lässig in seinem Sessel, äugte mich und Stefan über den Rand seiner schwarzen, eckigen, dickrandigen Brille an. Wir saßen ihm gegenüber. Mich überkam ein leichtes Schmunzeln. Himmel, da bin ich froh, dass ich meine Sexualität nicht tanzen oder aufmalen muss, dachte ich. Ich schnappte mir vier von den kleinen länglichen Holzbausteinen, die Schmoll-Hase zuvor auf dem runden Tisch in seinem Beratungszimmer ausgelegt hatte. Es waren kleine längliche Quader aus Kiefernholz, daumendick und nicht länger als eine Zigarettenschachtel.

Stefan fand die Sache nicht ganz so amüsant und auch nicht so spannend wie ich. Ich sah ihm an, dass sich alles in ihm sträubte. Ich glaube er fühlte sich vorgeführt. Ich hatte ihn zur Paartherapie geschleppt, ihn dazu überredet, weil er mich mit seinen ständigen Begehrlichkeiten massiv unter Druck gesetzt hatte. Je mehr er von mir verlangte, umso mehr hatte ich mich zurückgezogen. Wir wollten aber nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und uns trennen. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir nur eine schlechte Phase in unserer Beziehung zu durchleben haben. Ich habe Stefan gesagt, er soll mitkommen, oder ich mache die Therapie allein. Dann würde sie aber länger dauern. Es muss unbedingt etwas passieren, so wie es jetzt zwischen uns war, will ich nicht alt werden. Ich bin erst 45, ich will nicht leidenschaftslos 80 werden und sterben. Und ich möchte auch nicht zu den Frauen gehören, die irgendwann damit aufhören, sich beide Beine zu rasieren und die Prozedur nur auf ein Bein beschränken, um im Bett das Gefühl zu haben, dass noch ein Mann daneben liegt.

Es ist mir wichtig, dass wir etwas unternehmen. Meine Argumente haben Stefan überzeugt, aber wohl fühlt er sich dabei nicht.

Er raffte also den gesamten Rest der Bauklötzchen an sich und begann konzentriert zu stapeln. Schmoll-Hase hatte uns kleine Tabletts als Unterlage gegeben, damit er die Bauwerke unbeschadet bis zur nächsten Sitzung vom Tisch nehmen und auf sein Regal herüberretten konnte.

Ich hatte meine vier kleinen Bausteine übereinander gestapelt und ein filigranes Gebilde entstehen lassen, in sich verdreht wie eine kleine Wendeltreppe, die nur vier Stufen hat. Obwohl das kleine Bauwerk etwas kopflastig wirkte, fiel es nicht um. Gute Statik, dachte ich mir. Es ging ganz schnell, ich hatte nicht lange überlegen müssen. „Fertig.“, sagte ich.

Schmoll-Hase schien zufrieden mit mir und schrieb etwas in seinen Notizblock. Der sieht aus wie ein Muttiheft. Erinnerst du Dich noch daran? Als Kind hatte mir meine Mutter eines von diesen kleinen grauen linierten Heftchen mit in die Schule gegeben, damit sich Eltern und Lehrer darin über meine Lernfortschritte und mein Benehmen austauschen konnten. Manchmal wurde sogar mit einem kleinen Stempel ein Bienchen hinein gedruckt, ein Lob.

Schmoll-Hase sieht übrigens ziemlich gut aus, wenn er da so tiefenentspannt in seinem Sessel lümmelt. Ich schätze ihn auf Mitte vierzig. Er ist schlank, drahtig, trägt ein lässiges Hemd und Jeans, teure Schuhe, gepflegte Hände hat er auch, keinen Ehering. Darf ich so etwas denken, während Stefan neben mir Bauklötzchen stapelt?

„So, habe auch fertig!“ Mit seinem unvollständigen Satz machte Stefan deutlich, dass er die Sache nicht ganz ernst nahm. Er lehnte sich stolz in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie ein Kind, das stolz den „Kuchen“ in seinem Nachttopf betrachtet und ihn, Bestätigung erheischend, seiner Mutter zeigt. Herausfordernd schaute er zu Schmoll-Hase herüber.

Ich starrte entsetzt auf das monumentale, trutzige Bauwerk was da neben meiner kleinen Wendeltreppe auf dem Tisch vor sich hin protzte.

Stefan hatte gebaut!

Aus achtundzwanzig Klötzchen hatte er einen Turm errichtet, so breit und hoch wie ein Industrieschlot gewaltigen Ausmaßes! Am Fuß war das Gebilde breit, es verjüngte sich nach oben. Diese Schlote kenne ich aus meiner Kindheit. Auf dem Weg zu Verwandten war ich mit meinen Eltern oft durch ein riesiges Industriegebiet zwischen Leipzig und Halle gefahren. Mehrere dieser Schlote standen dort in Buna-Leuna und bliesen giftige weiße Dämpfe in den grauen Himmel des Ostens. Erinnerst Du Dich, Carlchen? Diese Szenerie wirkte damals sehr beängstigend auf mich im Trabant meiner Eltern, dessen Abgasgestank sich mit dem Geruch aus den Industrieschornsteinen vermischt hatte. Ich hatte immer Angst vor der „Wolkenfabrik“.

Und jetzt hatte ich auch Angst – vor Stefan. Ich fühlte mich einfach nur erschlagen von der gewaltigen Lust meines Freundes, die er mit Bauklötzchen dargestellt hatte. Ich schaute Hilfe suchend zu Schmoll-Hase herüber. Der verzog keine Miene, machte sich nur eine Notiz in sein Mutti-Heft.

Was denkst Du dazu, Carla?


Betreff: Pffff

Datum: 17. 04. 2019, 22 : 30:01

Pffff. Ich denke, Euer Schmoll-Hase hat Euch auf ganz einfache Weise gezeigt, was los ist. Ich glaube allerdings nicht, dass er mit Holzbauklötzchen Eure Beziehung retten kann. Und dann? Was kam dann?


Betreff: Dann war Schluss

Datum: 17. 04. 2019, 22 : 32:03

Er hat uns einen neuen Termin gegeben. Wir sollten wohl alles erst einmal setzen lassen. Stefan ist sehr schweigsam. Meinst Du, wir kriegen das hin?


Betreff: Kopf hoch!

Datum: 17. 04. 2019, 22 : 38:44

Ich denke, Du kannst froh sein, dass Stefan überhaupt mitgekommen ist. Die meisten Männer würden sich weigern, meiner übrigens auch. Du bist ihm wichtig, Annuschka. Also, ich würde sagen, nach dem nächsten Termin meldest Du Dich und dann sehen wir weiter.

Ich umarme Dich! Bis bald. Carla

****

// 2. Kapitel – Beutekunst //


Betreff: Raubzug

Datum: 18. 04. 2019, 19 : 32:14

Liebe Anna, zum einen bin ich neugierig auf Deine Männersammlung. Zum anderen will ich mir eigentlich gar nicht wirklich bildhaft vorstellen, wie engagiert Du Deiner Sammelleidenschaft möglicherweise nachgegangen bist.

Meine Frau hat auch gesammelt. Während meines Gerichtsprozesses gegen sie stellte sich heraus, dass ich nicht ihr erstes Opfer war.


Betreff: Opferstammtisch?

Datum: 18. 04. 2019, 19 : 39:04

Dann scheint sich ihre Vorgehensweise bewährt zu haben. Deine Frau ist sich treu geblieben. Respekt! Warum hast Du während fast zwei Jahrzehnten Ehe nie bemerkt, dass Deine Frau so viel negative Energie hat, um es freundlich auszudrücken?

Habt ihr Opfer eine Selbsthilfegruppe gegründet?


Betreff: Re: Opferstammtisch?

Datum: 18. 04. 2019, 20 : 39:33

Das habe ich mich auch gefragt. Im Grunde gab es Anzeichen, die ich aber gar nicht als so negativ empfunden hatte. Meine Frau war schon immer ein Sparfuchs mit Streitlust. Es gab keine Reparatur in Küche oder Bad, die ohne anschließenden Rechtsstreit zu Ende gebracht wurde. Meine Frau fand immer Mängel, ließ die Handwerker mehrfach antreten, so lange bis die Sache vor Gericht landete. Da wurde über Kaminkacheln und Küchenabflüsse gestritten. Sie hat das immer allein gemanagt, ich bekam das nur am Rande mit, worüber ich sehr froh war. Es war so zusagen ihr Fachgebiet in unserer Ehe.

Ich musste aber auch feststellen, dass Handwerker nicht zimperlich sind. Für sie lebte ich mit einem Handwerkerschreck zusammen, mitgehangen und mitgefangen. Sie zerstachen mehrfach die Reifen meines Autos. Das meiner Frau blieb verschont.

Opferstammtisch? Ja. Ihr Beutezug hatte System, auch bei meinen Vorgängern. Obwohl Sonja mit den beiden nicht verheiratet war, gab es viel zu holen. Inventar und Geld. Mit einem der beiden habe ich Kontakt aufgenommen. Ich brauchte Rat. Beim Bier stellten wir fest, dass meine Frau nach einem bestimmten Muster vorging: Ist der Mann aus dem Haus, räumt die Maus die Bude aus.

Ich war auf einer Lesereise, deshalb nicht zu Hause. Alles fühlte sich normal an. Ja, der Haussegen hing schief, dennoch freute ich mich auf meinen Sohn und betrat nach vier Tagen Abwesenheit unsere Wohnung. Ich dachte bis zu diesem Zeitpunkt zumindest, dass es „unsere“ Wohnung war.

Meine Schritte hallten im Flur. Das war ein neues, mir bisher an dieser Stelle unbekanntes Geräusch und das Erste was mir spanisch vorkam. Es lag wohl daran, dass der Flur leer war. Ich ging weiter ins Wohnzimmer. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass wir so schöne gepflegte, gut aufgearbeitete Eichendielen hatten. Der Teppich und das Mobiliar waren verschwunden.

Weiter: die Küche. Sie sah aus wie ausgeweidet. Aus der Wand ragten Wasseranschlüsse, wie Gedärm hingen Kabel aus den Löchern in der Wand, wo früher Steckdosen waren, sogar die Einbauküche hatte sie ausgebaut, die tonnenschwere Granitplatte herausgeschleppt oder herausschleppen lassen.

Im Schlafzimmer traf ich nur auf ein paar Staubmäuse, im Bad auf mein Parfum und meine elektrische Zahnbürste, natürlich ohne Ladegerät. Das Katzenklo war das Einzige was an Leben erinnerte und sogar gefüllt war, nicht mit dem Kater, sondern mit seinem Nachlass. Aber das Schlimmste kommt noch: mein Arbeitszimmer. Alle Bücher weg, mein Rechner weg, alle Ordner mit Buchführung und Kontoauszügen, Recherchematerial, Krankenkassenunterlagen, Versicherungsordner, Reisepass. Alles weg. Ich war quasi nackt, unmündig, arm und vor allem hilflos, eine Person ohne persönliche und berufliche Identität.

Zunächst ging ich zu unseren Nachbarn. Die freuten sich, mich noch einmal zu sehen, dachten ich sei in der vergangenen Woche ausgezogen. Und wie schnell das alles ging, so viele Leute hätten mitgeholfen, sagten sie. Die Beschreibung der Diebesbande passte auf die beiden Brüder meiner Frau und auf einen Unbekannten, vermutlich ihr nächstes Opfer.

Ich ging wie betäubt zurück in meine leeren Hallen und ließ mich auf der verwaisten Kloschüssel nieder, der einzige Ort, der mir gemütlich erschien, die einzige Sitzgelegenheit. Ich starrte auf das Katzenklo direkt neben mir und sehnte mich zum ersten mal in meinem Leben nach einem Schnaps. Ich war wie schockgefrostet, zu keiner Entscheidung fähig. Meine erste Nacht in nunmehr allein „meiner“ Wohnung verbrachte ich im Schlafsack.


Betreff: Ob sie sauer war?

Datum: 18. 04. 2019, 21 : 13:54

Starker Tobak! Ich kann mich nicht des Eindruckes erwehren, dass Deine Frau ein wenig sauer war. Entschuldige, aber ein leichtes Grinsen musst Du mir zugestehen. Deinen Humor hast Du Dir immerhin bewahrt.


Betreff: Re: Ob sie sauer war?

Datum: 18. 04. 2019, 21 : 44:34

Wahrscheinlich habe ich meinen Humor erst nach all dem entwickelt.

Oh ja, sie war sauer, sie hat eine echte Mutation durchgemacht. Das war ja nur der Anfang. Das Schlimmste kam freilich noch. Das Wort „Ehegatten-Splitting“ hat nun für mich eine völlig neue Bedeutung erlangt. Aber, ich finde, ich habe mir jetzt eine erheiternde Geschichte von Dir verdient, ein glanzvolles Stück aus Deiner Sammlung.


Betreff: Beischlaflos in Bovenmoor

Datum: 18. 04. 2019, 22 : 58:11

Gut, sollst Du haben.

Es trug sich in dem winzigen Ort Bovenmoor zu. Er liegt westlich von Hamburg auf dem ganz platten Land, Kühe und endlose Wiesen, sumpfige Gräben, mehr muss ich nicht sagen. Es war Sommer, Hochsommer. Und es war mein erster Wochenendausflug mit dem Mann. Wir freuten uns auf drei lauschige Tage und zwei heiße Nächte im Haus seiner Schwester, die zum Glück nicht dabei war. Das Hüttlein war traumhaft schön, Baujahr 1787, ein denkmalgeschütztes altes Bauernhaus. Reetdach, verwilderter Garten mit uralten Kirschbäumen, Wiese mit Wegen, die mit rundlichen Steinen gepflastert waren. Ich freute mich auf unsere erste gemeinsame Nacht. Die Situation brüllte geradezu danach. Es verging der erste Tag, er machte keine Anstalten, mir ernsthaft näherzutreten. Das heißt nicht, dass wir uns nicht nahe gekommen wären, aber es blieb eben bei meinen unerfüllten Wünschen. Auch in der zweiten Nacht sollte sich das nicht ändern. Ich wollte explodieren und wurde immer wieder daran gehindert.

Zwischenzeitlich standen wir gemeinsam in der Küche. Er machte Salat, wusch Romanesco-Herzen, schnitt Tomaten und briet klein geschnittene Hähnchenbruststreifen. Ich bot meine Hilfe an. Doch er lehnte ab. „Heute musst Du das noch nicht machen, es ist erst ab morgen Deine Aufgabe.“ Ich hielt das für einen Witz, freute mich daran und mochte ihn noch viel lieber.

Am letzten Tag erlebte ich jedoch eine Schlüsselsituation, die sich zum Glück schon im Frühstadium unserer Bekanntschaft einstellte. Wir saßen draußen unter dem alten runzeligen Kirschbaum beim Frühstück. Eigentlich eine himmlische, romantische Situation. Wir hatten das weiße Tischtuch ausgebreitet, Kaffee gekocht, den Tisch gedeckt. Er saß mir gegenüber und sah mich ernst an. „Ernst“ ist eigentlich zu freundlich ausgedrückt. Er starrte mich eher fordernd und streng an. Seine Finger trommelten ungeduldig auf das weiße gestärkte Tischtuch. Er wartete offenbar auf etwas und darin war er sehr ausdauernd. „Was ist?“, fragte ich. Keine Antwort, nur Fingertrommeln. Irgendwann, nach gefühlten zehn Minuten kam die Antwort: „Der Zucker fehlt!“

Von diesem Moment an war mir klar, dass ich es mit jemandem zu tun hatte, für den die Frau eine ganz klare Rolle einzunehmen hatte, eine die nicht meiner Vorstellung von einem Gegenüber auf Augenhöhe entsprach. Der wollte mich doch ernsthaft zum unmündigen, geduckten Heimchen erziehen. Du kannst Dir vorstellen, dass diese Rolle mir nicht gerade auf den Leib geschneidert ist. Alle meine Alarmglocken schrillten. Ich war verblüfft und entsetzt darüber, dass es in unserem Zeitalter immer noch Männer gibt, die sich das Rollenverständnis der Fünfzigerjahre bewahrt haben oder es von der eigenen Mutter so anerzogen bekamen.

Am Abreisetag rief ich ratlos bis verzweifelt einen Freund in Leipzig an und schilderte ihm aufgelöst die Situation. Er hörte geduldig zu und fasste mein Klagen ein wenig spöttisch in nur einem Satz zusammen: „Beischlaflos in Bovenmoor!“


Betreff: Re: Beischlaflos in Bovenmoor

Datum: 18. 04. 2019, 23 : 09:01

Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Aber, jetzt mach es nicht so spannend, ich will wissen, wieso er nicht mir Dir geschlafen hat. Das ist doch unmöglich, für mich zumindest wäre es das gewesen.


Betreff: „Nif“

Datum: 18. 04. 2019, 23 : 11:23

Nun, der Arme war vom Schicksal geschlagen. Weißt Du was eine „Nif“ ist?


Betreff: Re: „Nif“

Datum: 18. 04. 2019, 23 : 12:56

Ein kleines Tierchen?


Betreff: Aw: „Nif“

Datum: 18. 04. 2019, 23 : 13:44

Nein, „Nif“ heißt im Fernsehgeschäft: Nachricht im Film. Und so eine „Nachricht im Film“ ist nicht länger als zwanzig bis dreißig Sekunden. Mehr muss ich nicht erklären, oder? Er wollte sich selbst und mir wohl diesen „Short-Cut“ so lange wie möglich ersparen, ihn hinauszögern.

Und was Dir nicht erspart bleibt, ist mir morgen Deine nächste Geschichte zu präsentieren.

*


Betreff: Hausratversicherung

Datum: 19. 04. 2019, 18 : 19:34

Guten Abend Anna,

Du willst mich ein wenig quälen, stimmt’s? Das macht Dir Spaß, ich weiß. Also, ich zog aus. Die Wohnung war zu groß für mich allein. Mein Sohn lebte zwar fast nur bei mir, aber wir hatten einfach zu viel Freiraum. Wenn ich Dich zitieren darf, war „unsere Wohnung groß genug, um darin eine Fernbeziehung zu führen“.

Ich suchte mir also etwas Kleineres und rief bei meiner Hausratversicherung an, um die Versicherung auf mein neues Domizil umschreiben zu lassen. Ich hatte noch die gute alte Staatliche Versicherung der DDR. Die Allianz hatte nach der Wende alle Verträge übernommen, mit all den Vorzügen, die die uralte Police aus dem Osten zu bieten hatte. Damit war ich gegen alles versichert: Naturgewalten, Flut, Sturm und Feuer sowieso. Das wusste offenbar auch meine Frau.

Ich rief also in der Allianz-Vertretung an und die nette Frau Schubert, unsere Ansprechpartnerin ging ans Telefon und tat verwundert. „Herr Nowitzki, Sie haben doch gestern erst Ihre Versicherung an Ihre Frau überschrieben.“ „Was habe ich gestern gemacht?“ Frau Schubert dachte wohl, ich wolle sie auf den Arm nehmen oder ich sei betrunken und könne mich an nichts mehr erinnern. „Ihre Frau hat gestern das Schreiben persönlich vorbeigebracht mit Ihrer Unterschrift Herr Nowitzki und mit der Unterschrift Ihrer Frau darauf.“ Aha.


Betreff: Re: Hausratversicherung

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 00:04

Nein, das ist nicht wahr! Sie hat Deine Unterschrift gefälscht? Ich bin sprachlos.


Betreff: Urkundenfälschung

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 06:24

Ja, sie war schnell und kreativ in ihrer Vorgehensweise. Überall, wo ich nach und nach hinschaute, war Sonja längst gewesen und hatte abgegrast, ihre Spuren hinterlassen, beziehungsweise eben keine Spuren hinterlassen. Ich habe, nachdem ich Wochen brauchte, um all das zu begreifen, Strafanzeige wegen Urkundenfälschung erstattet. Gegen meine eigene Frau, es ist absurd und unvorstellbar, aber es war so.


Betreff: Re: Urkundenfälschung

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 09:22

Ich weiß, dass verletzte Frauen zu einigem fähig sind, aber Deine Sonja scheint ein besonderes Exemplar zu sein. Ich bin schockiert. Fühl Dich auf die Schulter geklopft.


Betreff: Schenkelklopfer

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 11:52

Ein echter Schenkelklopfer wäre jetzt eher das Richtige für mich.


Betreff: Re: Schenkelklopfer

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 13:44

Okay, keinen Schenkelklopfer, aber ein Iliosakralgelenk hätte ich für Dich. Das ist die Verbindung von Kreuzbein und Beckenschaufel. Interessiert?


Betreff: Aw: Schenkelklopfer

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 14:33

Her damit! Ich will wissen, was Du in den letzten sieben Sommern getan hast.


Betreff: Geduld!

Datum: 19. 04. 2019, 19 : 17:36

Okay, aber ich muss Dich auf morgen vertrösten. Der dunkle Schatten Deiner Schwarzen Witwe hat mich zum Frösteln gebracht. Ich nehme jetzt ein heißes Bad und lege mich danach ins Bett. Es ist schön, wenn man eines hat und nicht in den eigenen vier Wänden im Schlafsack campieren muss. Gute Nacht, wir lesen uns morgen. Ich muss wirklich Schluss machen. Anna

****


Betreff: Grüße aus der Badewanne

Datum: 19. 04. 2019, 22 : 37:12

Mein liebes Carlchen,

da bin ich wieder. Ich liege mit dem Laptop in der Badewanne und habe ein Sehnsüchtlein nach Dir. Geht es Dir gut? Ich hoffe doch! Annuschka


Betreff: Re: Grüße aus der Badewanne

Datum: 19. 04. 2019, 22 : 39:45

Guten Abend nach Deutschland, ins harte, kalkhaltige Badewasser! Mir geht es bestens. Gleiche Wohnung, gleicher Mann, gleiche Telefonnummer, gleiche E-Mail-Adresse, und leider auch die gleichen Kinder Unverändert gesund und munter. Bekomme ich jetzt die Fortsetzung in Holzbausteinkunde? Ich bin sehr neugierig.


Betreff: Industrieschlot

Datum: 19. 04. 2019, 22 : 59:59

Klar, Carla, deshalb schreibe ich Dir ja. Ich habe nämlich so etwas wie eine Galgenfrist bekommen. Ich kann aufatmen. Heute Morgen waren wir bei Schmoll-Hase.

„Problem erkannt?“, hat er gefragt. Er wies mit seiner linken Hand auf die beiden Holzbausteingebilde, die grundverschiedener nicht sein konnten und augenscheinlich das große Ungleichgewicht zwischen meiner sexuellen Begierde und der Stefans zeigten. Wir starrten, beeindruckt von der Einfachheit dieser Demonstration, auf den runden Beratungstisch, auf dem sich meine kleine Wendeltreppe im Schatten von Stefans Industrieschlot duckte. Schmoll-Hase hatte die Bauwerke nach der letzten Sitzung beiseitegestellt und vorsichtig in ein Regal geschoben.

Ob er sie schön findet?

„Ja, Problem erkannt“, sagte ich und dachte: Bitte hilf uns Schmoll-Hase!

Der schien meine Gedanken lesen zu können und sagte: „Stefan, wenn Sie Ihre Freundin behalten wollen, dann rate ich zu Enthaltsamkeit. Sie erdrücken sie förmlich mit Ihrem ständigen Wollen.“ Stefan schaute wie ein bockiges Kind. „Stellen Sie sich vor, Sie säßen täglich an einer reichlich gedeckten Tafel. Es gibt jeden Tag dasselbe an Speisen und Sie dürfen so viel essen, wie Sie wollen. Wie fänden Sie das?“ Stefan räusperte sich verunsichert: „Schlaraffenland?“ – „Nein, mich würde das langweilen.“, rief ich dazwischen. „Ja, und genauso ist es auch, Stefan, können Sie das verstehen?“, half mir Schmoll-Hase. „Ihre Freundin ist einfach satt vom Überangebot.“ Stefan fühlte sich ertappt, schuldig und vor allem ungewollt, abgelehnt. Er tat mir von Herzen leid. „Ich kann Ihnen nur zu einer Lösung raten, die Sie natürlich so nicht annehmen müssen, aber Sie sollten darüber nachdenken“, schob Schmoll-Hase nach. Wir schauten unseren Paartherapeuten hoffnungsvoll an und wünschten uns, dass der Stein der Weisen ins Rollen kommt und unser Problem mit einem einzigen Satz gelöst würde. Schmoll-Hase lehnte sich zurück: „Sie werden jetzt sechs Monate lang auf Sex verzichten.“ Danke, lieber Schmoll-Hase, dachte ich. Danke! Und was denkst Du?


Betreff: Re: Industrieschlot

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 07:03

Nun, wie fühlst Du Dich mit dem Gedanken an sechs Monate Pause?


Betreff: Erleichtert,

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 08:56

… ehrlich gesagt.


Betreff: Und?

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 09:44

… beunruhigt Dich das?


Betreff: „Jemand“

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 11:43

Sollte es das? Nein, mich beunruhigt etwas anderes. Es ist jemand aufgetaucht, Carla!


Betreff: Re: „Jemand“

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 15:11

Du brauchst gar nicht weiter zu schreiben. Ich kenne Dich, Annuschka. Und ich sage Dir etwas: Ich will es nicht wissen. Ich habe damals vor sieben Jahren mit Dir gelitten und ich will das nie wieder miterleben müssen. Bitte, kümmere Dich um Dich und Stefan, alles andere will ich gar nicht hören.


Betreff: Aw: „Jemand“

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 19:10

Carlchen, es gibt auch nichts zu hören. Es ist nichts passiert und das wird es auch nicht. Wir tauschen nur die Geschichten der letzten sieben Jahre aus. Ich melde mich in ein paar Tagen nach der nächsten Schmoll-Hasen-Session. Lass es Dir gut gehen, grüß Deine Familie und Deine beiden Nervensägen. Habe ich Dir eigentlich schon gesagt, dass sie zu groß sind für die Babyklappe? Annuschka


Betreff: Re: „Jemand“

Datum: 19. 04. 2019, 23 : 25:56

Ja, leider, ich müsste sie zerteilen, um sie da noch hineinstopfen zu können. Wenn sie mich nerven, dann drohe ich damit, dass sie Dich in den nächsten Sommerferien besuchen müssen. Für wen wäre das wohl schlimmer?

Ich drücke Stefan und Dir die Daumen, fühl Dich umarmt. Carla

****


Betreff: Schenkelklopfer

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 18:17

Anna? Bist Du noch da? Ich vermisse Deine Geschichten.

Seit zwei Tagen warte ich vergeblich auf den Knochen, den Du mir zuwerfen wolltest. Ich bin hungrig.


Betreff: Re: Schenkelklopfer

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 28:12

Du Armer, Du bist nicht hungrig, Du bist E-Mail-süchtig. Du bist ein J@nkie! Das war übrigens kein Knochen, sondern ein Gelenk, die Verbindung von Kreuzbein und Beckenschaufel. Es heißt Iliosakralgelenk. Willst Du es trotzdem?

PS: Ich war nicht gut drauf in den letzten Tagen, entschuldige. Da bin ich keine gute Schreibpartnerin.


Betreff: Aw: Schenkelklopfer

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 29:00

Kein Problem. Her mit dem Iliosakralgelenk.

Dein J@nkie.


Betreff: Iliosakralgelenk

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 30:30

Okay, welche ist für einen Mann die schönste Art, zu Tode zu kommen?


Betreff: Re: Iliosakralgelenk

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 35:35

„Oft denke ich an den Tod, den herben,

Und wie am End’ ich’s ausmach’?!

Ganz sanft im Schlafe möcht’ ich sterben – Und tot sein, wenn ich aufwach’!“

Ich denke Carl Spitzweg meinte damit, im Bett einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen, schmerzfrei natürlich. Mir würde dieser Tod auch sehr gut gefallen.


Betreff: Mors in coitu

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 50:34

Falsch. Ich habe einmal gehört, dass es kein schöneres Ende für einen Mann gäbe, als beim Sex, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Tode zu kommen. Der „mors in coitu“ soll gar nicht so selten sein, wie wir annehmen. Für Couch-Potatos ist er offenbar ein sehr gefährliches Bewegungsmuster. Vielleicht ist er aber auch nur eine überdrehte Männerfantasie, aber es ist auch eine Form des Abschiednehmens, die ich keiner Frau wünschen würde. Denn ich durfte einmal miterleben, wie es sich anfühlt, wenn das Ende kommt, aber zum Glück dann doch nicht eintritt. Willst Du das wirklich wissen?


Betreff: Re: Mors in coitu

Datum: 21. 04. 2019, 18 : 53:44

Mein Magen knurrt.


Betreff: Bleierne Stille

Datum: 21. 04. 2019, 19 : 12:14

Es war meine zweite Nacht mit dem Mann. Ich hatte ihn in seinem Haus besucht. Haus ist untertrieben, es war eher ein Schlösschen. Er war sehr wohlhabend, ein Graf.

Und, nein er war nicht betagt, falls Du das jetzt unterstellen wolltest. Es gab dort noch keinen Treppenlift und er war gut zu Fuß. Nichts deutete also darauf hin, dass sein baldiges Ende bevorstehen würde.

Er roch gut. Ich war anfangs so verknallt, dass ich meine Unterwäsche, die nach unserer ersten Nacht und nach seinem Parfum duftete, zu Hause in eine duftdichte Tüte einsperrte, damit ich bei Bedarf noch daran schnüffeln und mich an ihn erinnern konnte.

Er war kein Mann der Worte, sondern ein Mann der Tat. Folglich kamen wir beide schnell zur Sache und in die Waagerechte. Unser Liebesspiel hatte noch nicht einmal rasante Fahrt aufgenommen, als er urplötzlich auf mir verharrte und erstarrte. Er bewegte sich keinen Millimeter, rührte sich nicht mehr. Er schwieg und er war beim Schweigen sehr schwer. Ist das gemeint, wenn man von „bleierner Stille“ spricht?

Was jetzt? Er atmete zumindest noch, was mir selbst unter seiner reglosen Last sehr schwer fiel. Bevor ich etwas sagen konnte, fiel er von mir herunter wie eine dicke unbewegliche Robbe von der Eisscholle ins Meer. Der arme Mann konnte sich nicht mehr bewegen, er konnte nur noch abrollen und starr liegen bleiben. Und er ächzte für diesen Abend sein letztes Wort zu mir: „Iliosakralgelenk!“


Betreff: Re: Bleierne Stille

Datum: 21. 04. 2019, 19 : 14:10

Der Arme, er war nicht verklemmt, sondern hatte sich etwas eingeklemmt.


Betreff: Verklemmt

Datum: 21. 04. 2019, 19 : 15:55

So war es, einen Arzt musste ich nicht rufen. Er wollte einfach nur allein dahinsiechen und still leiden ohne meine Gesellschaft, aber mit Schmerztabletten. Es war wohl nicht das erste Mal, dass er auf diese Weise verklemmt war.

Und nun erwarte ich für morgen mein Honorar für meine Geschichte.

Schlaf gut, Roger!


Betreff: Re: Verklemmt

Datum: 21. 04. 2019, 19 : 17:51

Schlaf gut, Anna. Und genieße jeden Atemzug!

*


Betreff: Honorar

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 10:10

Meine liebe Anna,

„Honorar“ ist ein gutes Stichwort. Dazu habe ich eine Geschichte für Dich, für die ich mich wirklich schämen muss. Die schreibe ich nur Dir, Anna.

Du erinnerst Dich sicher daran, das meine Frau auf einem der Chefsessel des Verlages saß und noch sitzt, für den ich immer noch schreibe.

Wir hatten kein gemeinsames Konto, aber alle Honorare, die ich bei ihrem Verlag verdiente, liefen auf ihr privates Konto. Am Ende haben wir doch ohnehin alles zusammen verbraucht, für die Wohnung und fürs Leben. Sie hatte sich um die Finanzen gekümmert und ich habe ihr vertraut.

Sie hat sich auch nach der Trennung um ihr Konto und um mein Geld gekümmert. Still, leise und emsig wie ein Bienchen.

Sie hat wohl sehr viel Zeit dafür aufgewendet, mein Geld auszugeben. Es musste verbraucht werden, damit nichts mehr da ist, wenn es zum Prozess zwischen uns kommt. Damit hatte sie wohl auch schon gerechnet. Schließlich war ich nicht ihr erstes Opfer.

Erst acht Monate nach unserer Trennung fiel mir auf, dass immer noch alle Honorare, die ich bei diesem Verlag mit meinen Büchern verdiente, auf ihr privates Konto flossen.


Betreff: Re: Honorar

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 12:12

Wieso konntest Du das so lange nicht bemerken?


Betreff: Aw: Honorar

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 14:33

Nun, solange Geld aus dem Automaten kam, war ich zufrieden. Dann kam nichts mehr und ich erinnerte mich an meine Verlagshonorare, die mir jetzt auf meinem eigenen Konto gut getan hätten.


Betreff: Kasse gemacht?

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 16:13

Sie hat stillschweigend abkassiert? Sie hat Dich nicht darauf hingewiesen, dass immer noch und fälschlicherweise Dein Geld auf ihr Konto fließt?


Betreff: Re: Kasse gemacht!

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 18:56

Nein, hat sie nicht. Vor Gericht hat sie später behauptet, wir hätten in besagten acht Monaten noch zusammengewohnt und das Geld wäre für das Auffüllen unseres gemeinsamen Kühlschrankes ausgegeben worden.


Betreff: Kassensturz

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 21:51

Das nenne ich doppelte Buchführung oder besser doppelte Haushaltsführung! Und? Hast Du Dein Geld zurückbekommen?


Betreff: Re: Kassensturz

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 23:11

Ja, die Richterin hat durch ihre klugen Fragen und durch die vorliegende Strafanzeige wegen Diebstahls gegen meine Frau herausbekommen, das mir von Sonja auch das gesamte Inventar (bis auf das Katzenklo) geraubt worden war und somit kein gemeinsamer Kühlschrank mehr befüllt werden konnte. Das war meiner Anwältin eigentlich bekannt, doch die Gegenseite hielt wohl nichts vom Wahrheitsgebot. Jetzt weiß ich, was es heißt, wie gedruckt zu lügen. Meine Frau hatte dann doch etwas Respekt vor der Richterin und vergessen weiter zu schwindeln, als sie direkt von ihr befragt wurde.


Betreff: Wirtschaftskrise

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 25:09

Mal ehrlich, mein Lieber. Das ist dreist und unfair von Deiner Ex-Frau, aber ein wenig muss „Dummheit auch bestraft werden“, wenn ich das mal so sagen darf. Wie kann Mann denn nur so nachlässig mit seinem Geld umgehen!


Betreff: Re: Wirtschaftskrise

Datum: 22. 04. 2019, 20 : 26:00

Ich weiß Anna, ich weiß. Solch ein Börsencrash passiert mir nicht ein zweites Mal.


Betreff: Gute Nacht

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 28:05

Anna, hast Du in den letzten sieben Jahren gelegentlich an mich gedacht?


Betreff: Re: Gute Nacht

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 32:15

Roger, ich dachte, wir tauschen nur unsere Geschichten aus, Geschichten, die nichts mit „uns“ zu tun haben. Ja, ich habe natürlich an Dich gedacht. Immer an unseren Jahrestagen.

Und Du? Hast Du an mich gedacht, Roger?


Betreff: Gedenken

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 34:30

Ja.


Betreff: Re: Gedenken

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 35:07

Und was genau hast Du gedacht, wenn Du an mich dachtest?


Betreff: Aw: Gedenken

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 36:17

Ich habe an Deine sonnengebräunten Arme gedacht und an das weiße Sommerkleid, was Du bei unserer ersten Begegnung in Moritzburg beim Fernsehdreh getragen hast.


Betreff: Gute Nacht 2.0

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 37:02

Gute Nacht, Roger!


Betreff: Re: Gute Nacht 2.0

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 38:00

Träum was Schönes, Anna!

****


Betreff: Annuschka?

Datum: 22. 04. 2019, 22 : 39:00

Annuschka? Wo bist Du? Was machst Du? Weinst Du oder lachst Du? Carlchen


Betreff: Hausaufgaben

Datum: 22. 04. 2019, 23 : 19:10

Meine liebe Carla,

ich liege schon im Bett und lache, denn ich weiß, Du bist neugierig auf die News aus der Praxis des berühmten Dr. Schmoll-Hase. Du sollst sie haben.

Nach unserem letzten Besuch bei ihm habe ich sehr erleichtert und Stefan sehr entsetzt die Praxis verlassen. Ich freute mich, dass der enorme Druck aus unserer Beziehung gewichen war, Stefan konnte sich nicht vorstellen, wie er seinen ganz persönlichen Druck ein halbes Jahr lang ertragen sollte. Dennoch haben wir beschlossen, auf Schmoll-Hases Vorschlag einzugehen.

„Wie geht’s“, hat er uns gefragt, wie immer, wenn wir bei ihm ankamen. Stefan wusste auf die Frage, die in diesem Falle gar nicht rhetorisch gestellt war, sondern wirklich nach einer Antwort verlangte, nicht, was er erwidern sollte. Also war ich wieder einmal schneller: „Alles fit bei uns, Herr Schmoll-Hase“, sagte ich und meinte eigentlich nur meinen eigenen Zustand. Von Stefan ließ sich ein schwaches „Naja, geht so“, vernehmen.

„Nun, dann überlegen wir jetzt gemeinsam, wie es weitergehen kann mit Ihnen beiden.“ Schmoll-Hase rückte sich in seinem Sessel zurecht und schaute uns an, als erwarte er den Vorschlag von uns. Schweigen.

„Haben Sie Geheimnisse voreinander?“, fragte er keck in die Runde. Stefan und ich sahen uns irritiert an. Ich bekam sofort meine beiden Grübelfalten auf der Stirn. „Nein, ich hoffe nicht, sollten wir?“, fragte ich.

„Schade für Sie beide, Geheimnisse verursachen nämlich Neugierde. Sie sollten neugierig aufeinander sein! Sind Sie nicht neugierig auf Ihre Freundin, Stefan? Wissen Sie etwa schon alles über sie?“ Schmoll-Hase hatte irgendetwas vor mit uns. Stefan dachte angestrengt nach. Während er noch nach den richtigen Worten suchte, kam ihm Schmoll-Hase zuvor.

„Sie bekommen eine Hausaufgabe.“, hat er gesagt. „Jeder von Ihnen überlegt sich bis zu unserem nächsten Treffen eine Überraschung für den anderen, ein Geschenk. Was es ist, wird nicht verraten. Das Geheimnis wird erst gelüftet, wenn Sie wieder hier bei mir am Tisch sitzen, vorher dürfen Sie kein Sterbenswörtchen darüber verlieren. Bis dahin machen Sie sich gegenseitig interessant.“ Schmoll-Hase guckte triumphierend, als wüsste er bereits, womit wir uns überraschen würden.

Ich hatte sofort eine kreative Idee für meine Überraschung für Stefan. Ich platzte fast vor Vorfreude. Schenken hat mir schon immer Spaß gemacht, nicht nur zu Weihnachten und an Geburtstagen.

Stefan schaute ernst. Du kennst ihn. Das bedeutet: Er denkt. „Was soll das für ein Geschenk sein? Etwas Materielles? Ein Wellness-Wochenende? Ein Ausflug?“, hat er gefragt. „Das ist Ihnen überlassen, Sie könnten gemeinsam auf einen Berg steigen, vielleicht ist aber auch ein Kuss schon ein Geschenk für Ihre Anna. Sie sollten aber auf keinen Fall etwas schenken, wovon sie schon zu viel hat. Solch ein Geschenk würde sie nur noch satter machen, Sie wissen, worauf ich hinaus möchte, Stefan?“ Schmoll-Hase ist eben auch nur ein Mann. Er hatte Stefan sofort durchschaut. In dessen Augen erlosch die letzte Hoffnung auf ein bisschen Sex. Sechs Monate könnten zur Ewigkeit werden. Mir verschafften sie Luft.

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Release date on Litres:
26 May 2021
Volume:
154 p. 7 illustrations
ISBN:
9783954626090
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