Read the book: «Das Erbe der Macht - Band 32: Sigilschwingen»
Table of Contents
Sigilschwingen
Was bisher geschah
Prolog
1. Nächste Schritte
2. Temporalmagie und ihre Tücken
3. Nur der Tod öffnet den Weg
4. Moriartys Zugang
5. Das temporale Interdikt
6. Die Resonatoren
7. Verfaulendes Wissen
8. Zwischen schwarzen Flammen
9. Ich bin Kastoel
10. Ein Riss in der Wirklichkeit
11. Wer ist Alfie Kent?
12. Schlagabtausch
13. Zwei Seiten im Streit
14. Doppelschwingen
15. Ein erwachender Gedanke
16. In Ketten gelegt
17. Realitätsverschränkung
18. Gefangen
19. Die Ketten der Tiefen
20. Erneuerung
21. Ein gefallener Engel
22. Ritter Baby-Kent
Epilog
Vorschau
Seriennews
Glossar
Impressum
Das Erbe der Macht
Band 32
»Sigilschwingen«
von Andreas Suchanek

Was bisher geschah

Nach den Ereignissen um die Zerstörung des Onyxquaders landen Jen und Alex in einer veränderten Gegenwart. Sie werden mit einer Welt konfrontiert, in der die Magier alles beherrschen und Nimags einfaches Fußvolk darstellen. Es gelingt ihnen, Tyler zu finden, der zusammen mit Joshua im Bernstein geschlafen hat. Sie erfahren, dass Kevin die Zeit nicht zerstört und neu geschaffen hat, stattdessen wurde die Zeitlinie gesplittet. Es gibt jetzt zwei verschiedene Linien, die nebeneinander existieren. Noch. Denn in Kürze wird eine davon endgültig ausgelöscht.
Auf beiden Seiten müssen die Essenzstäbe der Macht vereint und ein neuer König gekrönt werden. Die jeweiligen Könige werden dann auf dem Schlachtfeld darüber entscheiden, welche Zeitlinie überlebt.
Joshua stirbt aufgrund seiner Verletzungen, hat vorher aber ein Portal für Alex und Jen geöffnet. Gemeinsam mit Tyler treten sie hindurch in eine sichere Zuflucht.
Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, die Passage zu finden, die beide Seiten verbindet, und damit nach Hause zurückzukehren. Wo der Übergang sich befindet, ist jedoch ein Rätsel. Auch der Verbleib von Kevin und Artus ist ungewiss.
Prolog

Regen peitschte vom Meer heran.
Annora schlug den Kragen ihrer Jacke in die Höhe. Es wäre so einfach gewesen, diesen lächerlichen Sturm zu bändigen. Doch niemand sollte wissen, dass sie sich hier trafen. Noch nicht. Jeder weitere Schritt musste mit Bedacht gegangen werden.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich auftauchst«, sagte Max Manning mit der ihm typischen hochgezogenen Augenbraue, mit der er jeden verhöhnte.
Niemand schien auf der gleichen Stufe wie er zu stehen, zumindest aus seiner Sicht. Sie hätte ihn liebend gerne hier und jetzt erledigt. Bedauerlicherweise hatten die Dinge sich geändert.
»Gibt es Neuigkeiten?«, fragte sie anstelle einer Begrüßung.
Er trat neben sie. Gemeinsam gingen sie die leere Straße am Meer entlang. Der Wind störte ihn offenbar wenig. Der Höchste Magier von Australien war nach einer Handvoll Schritten klitschnass. Das dunkle Haar klebte an seinen Wangen. Einzig die sanften Gesichtszüge, die so viele Feinde getäuscht hatten, blieben unverändert. Er trug eine simple Herbstjacke, die er nicht einmal geschlossen hatte.
»Der falsche Kevin Grant befindet sich noch immer in London«, erklärte er. »Moriarty hält seine schützende Hand über ihn.«
Jeder, der auf dem Parkett der Macht verkehrte, hatte Zuträger, Informanten, Spione in den Reihen der anderen. Ein Geheimnis existierte niemals lange.
Sah man von jenem ab, das sie selbst seit langer Zeit verbarg. Aber sie, Annora Grant, war nun einmal etwas Besonderes.
»Wir wissen ebenso, wo sich Artus befindet«, sagte sie. »Jennifer, Alexander und Tyler sind jedoch durch ein Portal verschwunden, dessen Magie sich hinter ihnen aufgelöst hat.«
»Konntest du keinen Zeitschattenzauber weben?«, spie er ihr vorwurfsvoll entgegen.
»Nein«, sagte sie leichthin.
»Es geht um unsere Welt.« Ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen, als er stehen blieb und sich ihr zuwandte.
Regen perlte über seine Haut, dunkelblonde Haarsträhnen klebten auf seiner Stirn. Hass schillerte in seinem Blick in jeder erdenklichen Facette, wie ein dunkler Regenbogen.
»Tut es das nicht immer?«, fragte sie. »Der Anbeginn bedroht uns seit einer Ewigkeit, und wir existieren nach wie vor.«
Unnötig zu erwähnen, dass sie auch dabei ihre Finger im Spiel hatte.
»Mach mich nicht noch wütender, Annora Grant.« Max’ Stimme war kalt wie Eis und scharf wie Stahl. »Du weißt nicht, wozu ich fähig bin.«
»Ich habe Erinnerungen gesehen«, setzte sie dagegen. »Wie hieß diese Stadt noch gleich, die du ausgelöscht hast, weil eines der Noblen Häuser dich beleidigt hatte?«
»Du weißt nicht, wozu ich fähig bin«, wiederholte er nur.
Sie seufzte. »Es ist unabdingbar, dass wir die sieben Stäbe finden und den dazugehörigen König. In der Zwischenzeit gibt es nur ein Ziel: Wir müssen die Passage in Besitz nehmen, bevor Jennifer, Alexander und Tyler dies tun. Kontrollieren wir diese, können die drei ihre Seite nicht warnen.« Sie lächelte. »Außerdem dürfte es dann recht simpel sein, Agenten dort einzuschleusen.«
Für einige Augenblicke gab es nur das Meer hinter, den Sturm über und den Hass vor ihr.
»Dann sei es so«, sagte Max.
»Und all das sollte uns gelingen, bevor das Institut sich einschaltet.«
Er runzelte die Stirn. »Ich stelle mich nicht gegen das Institut. Nicht einmal ich wage das.«
Wieder einmal fühlte Annora sich in ihrer Tat bestätigt: den Zwillingsfluch erschaffen zu haben, geborene Magier mit eigenen Sigilen. Unangreifbar durch das Institut. Was sie nicht gegeben hatten, konnten sie nicht nehmen.
»Wir machen es einfach, wie die Römer es taten«, sagte sie: »Teile und herrsche. Ich denke, es ist an der Zeit, dass das Institut sich um die gefährlichen Subjekte kümmert. Immerhin sind mit Alexander, Jennifer und Tyler drei Magier dort draußen unterwegs, die Sigile besitzen, obwohl sie ihnen nie vom Institut verliehen wurden. Das wird die Jäger des Instituts eine Weile beschäftigen.«
Sie las die Zustimmung in den Augen von Max, bevor er etwas sagte. »Willst du ihnen den Tipp geben oder soll ich es tun?«
Annora lächelte seinem Hass überlegen entgegen.
1. Nächste Schritte

Alles wirkte so idyllisch.
Jen starrte durch das Fenster und betrachtete die Wolken. Im Unterschied zu sonst sah sie diese heute aus anderer Perspektive – von oben. Joshua hatte Wort gehalten und ihnen einen sicheren Unterschlupf geschaffen. Ein Haus, das im Himmel schwebte. Getragen von einem Fundament aus Bernstein, in das ein Permanentzauber eingewoben war. Eine Illusionierung hatte diese Zuflucht unsichtbar werden lassen.
»Die Wolken sehen aus wie ein Meer unter uns«, sagte Jen leise zu sich selbst.
Die Sonnenstrahlen kitzelten ihr Gesicht. Sie spürte Wärme und Frieden.
Und einen Körper.
Ihren eigenen.
Wie lange war sie nicht mehr gewesen als pure Gedanken, in Form gehalten von einem magischen Artefakt; davor bewahrt, als Geistessplitter in der Zeit verloren zu sein.
In den vergangenen Tagen hatte sie Schaumbäder genommen, war auf dem Balkon durch die frische Luft spaziert, hatte ihre Muskeln trainiert. Jedes Gefühl hatte sie genossen, jede Berührung.
Sie blickte hinüber zum Bett, wo Alex noch immer schlief. Er lag quer auf der Matratze, wie immer, sobald sie das Bett verlassen hatte. Sein brauner Haarschopf lugte zerzaust hervor, während die Decke den Rest seines Gesichts bedeckte. Seine Füße hatte er natürlich freigestrampelt. Bei jedem Atemzug bewegte sich der Deckenhügel. Er atmete regelmäßig und entspannt, was ein gutes Zeichen war.
Die vergangenen Tage hatten sie alle bis ans Limit gebracht, aber wenigstens nicht darüber hinaus. Alex schlief die meisten Nächte durch. Im Gegensatz zu ihr. Immer wieder schreckte sie hoch und überprüfte, ob ihr Körper noch da war, ob Haut und Knochen nach wie vor existierten.
Sie schlüpfte in die Jogginghosen, streifte sich ein Shirt über und schlich aus dem Raum. Sollte Alex noch etwas schlafen. Sie benötigten ihre Kräfte für das, was ihnen bevorstand.
Eines musste man Joshua lassen: Er hatte vorgesorgt. Immer wieder war er aus dem Zeitschlaf gekommen, wobei er direkt auch dieses Haus ausgestattet hatte. Mit Kleidung, Nahrungsmitteln, Kaffee.
Sie lebten in purem Luxus, weitab von jedem Problem. In einer fliegenden Villa. Es hätte ein wunderbarer Urlaub sein können, doch stattdessen tickte die Uhr. Kevins Tat hatte die Zeitlinie gesplittet in jene, die sie kannten, und eine zweite, die einer Dystopie ziemlich nahekam. Der Anbeginn war dort stärker, machtgierige Magier hatten die Kontinente und Länder unter sich aufgeteilt, und ein ominöses Institut herrschte über die Verteilung von Sigilen.
Irgendwo gab es ein Portal, das beide Seiten verband. Es war für sie der Weg nach Hause. Zurück zu ihren Freunden.
»Und wir müssen ja auch nur Artus und Kevin finden, den Übergang und das alles, und zwar noch rechtzeitig, bevor unsere Zeitlinie ausradiert wird.«
Sie aktivierte die Kaffeemaschine, die mit einem Summen zum Leben erwachte. Wie aufs Stichwort schoss der Körper eines jungen Mannes vorm Fenster vorbei. Mit ausgebreiteten Flügeln setzte Tyler auf dem Balkon auf. Wie so oft mittlerweile trug er weiße 1980er-Sneakers, verschlissene Jeans und ein Hemd. Auf seinem Gesicht lag ein versonnener Ausdruck, wie immer, wenn er von einem Rundflug zurückkehrte. Er stürzte sich in die Wolken, flog hinauf Richtung Sonne, badete im Licht. Pure Freiheit.
»Guten Morgen«, begrüßte er sie.
»Morgen.«
Es folgte eine kurze Umarmung.
»Hast du dich auf magische Art mit der Kaffeemaschine verbunden?«, fragte Jen. »Du tauchst immer auf, wenn sie angeschaltet wird.«
Tyler grinste über beide Ohren und wirkte dadurch wie eine jüngere Version seines Vaters Chris. Das traf auch auf die Muskeln zu. »Das ist so toll. Man drückt auf einen Knopf und frischer Kaffee fließt in die Tasse.«
Jen lachte leise. Tyler war zuerst in einem Splitterreich aufgewachsen, bevor er später in die normale Welt gewechselt war und in der Vergangenheit gelebt hatte. Mit den Zeitreisenden hatte er dann die Wall-Erschaffung erlebt oder das Chaos, das Kevin angerichtet hatte. Von moderner Technik wusste er quasi nichts.
»Warum schaust du mich so an?«, fragte er und wirkte prompt noch jünger.
»Ich denke darüber nach, wie du reagierst, sobald du Computer und Smartphones kennenlernst«, sagte Jen.
»Ach«, Tyler winkte ab, »Joshua hat mich doch einmal aus dem Bernstein geholt, damit ich ihm bei einem Diebstahl helfe. Du weißt schon.« Er nickte mit dem Kopf in Richtung Arbeitszimmer. »Da habe ich mir so einen Computer angeschaut. Man sitzt die ganze Zeit vor diesem schwarzen Glasding …«
»… Monitor.«
»… und gibt irgendwelche Wörter ein. Und einmal habe ich gesehen, wie sie eine Karte mit Löchern benutzt haben, um ein Buch von einem mechanischen Arm aus einer Bibliothek herauffahren zu lassen.« Er schüttelte den Kopf. »Mit einem Zauber geht das viel effektiver.«
Jen grinste innerlich. »Ich gehe jede Wette ein, dass du mit dem ersten App-Spiel nicht mehr vom Smartphone aufsehen wirst.«
»Wie du meinst.« Er glaubte ihr offensichtlich kein Wort, linste aber ständig hinüber zum Kaffeevollautomaten.
»Der erste gehört mir«, stellte Jen klar.
»Du warst gestern wieder so lange wach, oder?«
»Nicht zu lange.«
»Aber nur, weil Alex dich geschnappt hat und ihr dann … äh … ins Schlafzimmer verschwunden seid.« Seine Wangen nahmen einen zarten Rotton an.
Jen beschloss, darauf nicht näher einzugehen. »Wir müssen den Übergang finden.«
»Ihr habt euch also entschieden.«
Jen nickte nach einem kurzen Zögern. »Zuerst das Portal. Unsere Seite muss wissen, was auf dem Spiel steht. Weißt du, hier spielt Merlin keine Rolle. Drüben sieht das anders aus. Der Widerstand ist komplett darauf fokussiert zu überleben, ihn zu stürzen. Die wissen gar nicht, dass eine Katastrophe bevorsteht.«
Tyler schob die Hände in seine Jeanstaschen und knabberte auf seiner Unterlippe. »Das verstehe ich doch. Aber Onkel Kevin hat das alles nicht aus böser Absicht getan. Wir müssen ihm helfen.«
»Ty.« Jen suchte seinen Blick. »Falls unsere Zeitlinie ausgelöscht wird, leben wir für immer in diesem Höllenloch. Und haben mit dem Anbeginn ein noch größeres Problem.« Sie deutete auf das Arbeitszimmer. »Ich habe die Unterlagen von Joshua studiert. Natürlich nicht alle. Er hat Geschichtswälzer zusammengetragen, Mentigloben wurden hier ja scheinbar verboten. Alles ziemlich restriktiv. Aber so weit ich das gesehen habe, ist der Anbeginn hier noch stärker als bei uns. Irgendwie findet er immer ein Schlupfloch.«
Jen nahm die Kaffeetasse, goss ein wenig Milch hinein und streute Zimt darüber.
»Das weiß ich«, sagte Ty. »Aber Onkel Kevin wollte meinen Vater zurückholen. Ich kann ihn nicht im Stich lassen. Wer weiß, was die ihm antun.«
»Wir werden ihn aufspüren«, versprach Jen. »Artus befindet sich in der Gewalt von Chris, das wissen wir durch Annora, dein Onkel vermutlich ebenfalls – und das ist immerhin sein Bruder, irgendwie. Joshua hat ein paar Zauber hinterlegt, außerdem Namen von Informanten. Einige stammen noch aus den 1980ern, aber wir können sie prüfen. Es gibt sogar Inkognito-Magie.«
Hinter der Schlafzimmertür rumorte es. Kurz darauf öffnete sich die Tür. Ein verschlafener Alex stand ihm Türrahmen und sah aus, als habe man ihn vor eine Flugzeugturbine gestellt.
»Guten Morgen«, sagte er. »Ihr seid ganz schön laut.«
»Es war doch garantiert der Kaffeegeruch, der dich geweckt hat, gib es zu.« Jen drehte sich so, dass er nicht an ihre Tasse herankam.
Ty schob schnell die eigene unter den Auslauf. »Ich war zuerst.«
Während die Jungs sich um den Kaffee stritten, ging Jen langsam ins Arbeitszimmer.
In einem riesigen Stapel aus handschriftlichen Notizen, Büchern und kryptischen Zeichnungen lag die Wahrheit verborgen.
»Nur wo?«
Jen trank einen Schluck und ging an die Arbeit.
2. Temporalmagie und ihre Tücken

Alex zupfte an seinem Kragen, und Jen stand kurz davor, ihm auf die Finger zu hauen. »Hörst du jetzt auf.«
Er zog eine Grimasse. »Ich bin eben kein Fan von diesen Dingern. Wie Halskrausen.«
»Es ist ein Seil mit Steinchen daran, sonst nichts.«
»Ein schweres Steinchen«, sagte Alex leise.
»Fingernagelgroß«, gab sie trocken zurück.
Joshua hatte ihnen Inkognito-Zauber verschafft, die auf alter Magie der Inkas beruhten. Ein Seil, in das Knoten eingeflochten waren, in denen wiederum Kiesel hingen. Auf jedem davon waren Symbole eingeritzt. Jen hatte nicht herausfinden können, wie das Ganze funktionierte, so völlig ohne Bernstein. Es schien ein Passivzauber zu sein, der aktiv wurde, sobald ein anderer Mensch sie anblickte. Letztlich wurde ihr Aussehen nicht verändert, die betroffene Person dachte nur, dass Alex und Jen niemandem ähnelten, den sie kannten.
Jen vollendete den Sprungkreis, in dessen Zentrum sie standen, und sagte: »Corpus Aportate, Corpus Disparere.«
Die Umgebung des Gebäudes verschwand, wurde überlagert von einem heruntergekommenen Hinterhof.
Überfüllte Mülltonnen standen in der Ecke, das Gras wucherte. Unkraut war dabei, die verholzten Rosen zu ersticken. Rissige Trittplatten schlängelten sich durch den Garten bis zum Tor.
»Los!«, sagte Jen.
Sie eilten hinaus, bevor die Bewohner sie entdecken konnten. Nicht, dass das ein Problem dargestellt hätte. Jen trug den Sigilring, den sie bei einem Kampf gegen einen Magier erbeutet hatten. Mit diesem war es möglich, lautlos und unsichtbar Zauber zu wirken. Wenn ein Nimag diesen sah, zog er den Kopf zwischen die Schultern und eilte davon.
Hinter ihnen verblasste der Sprungkreis und löschte jeden Hinweis auf ihre Anwesenheit aus.
»Wenigstens benutzen die hier nur die Portale«, sagte Alex. »Damit haben wir einen Vorteil. Keiner kann uns aufspüren oder Schutzzauber wirken.«
Jen nickte, zählte im Stillen aber all die negativen Dinge auf, die in dieser Zeitlinie gegen sie arbeiteten. Geflügelte Beobachter, unsichtbare Magie, gefangene Sigile. »Schade, dass Joshua das Portal auf unserer Seite nicht längst gefunden hat.«
»Immerhin hat er noch eine Menge mehr erleben können, bevor er wieder gestorben ist.« Alex versuchte sich in einem Lächeln, das jedoch verunglückte. »Und Tyler wollte nicht mit?«
»Ach, er hat doch nur darauf gewartet, dass wir losziehen, damit er selbst nach Kevin suchen kann«, erwiderte Jen.
Sie kamen auf eine belebte Straße und ließen sich von der Menge treiben. Jen hatte sich den Stadtplan genau eingeprägt und wusste, in welche Richtung sie sich wenden mussten.
»Das sieht hier gar nicht aus wie ein Stubenviertel«, sagte Alex.
Jen grinste. »Das ist so eine historische Sache. Du kannst auch einfach 1. Bezirk sagen. Die Universität hat übrigens einen Namen.«
»Haben Sie das nicht alle?«
»Hier ist es wohl üblich, Bildungsstätten nach dem jeweiligen Noblen Haus zu benennen.«
»Höchster Magier ist Herrscher des Kontinents, hoher Magier Herrscher des Landes und Nobels Haus ist dann …«
»… die jeweilige Familie, die die Stadt kontrolliert. In unserem Fall handelt es sich um die Steiners«, erklärte Jen. »Wir betreten also gleich die Steinersche Universität. Hier werden die Professoren noch vom Noblen Haus selbst berufen. Für Nimags ist der Zutritt verboten.«
Alex knurrte auf.
Sie hatten sich lange über die Ungerechtigkeit und Ausgrenzung unterhalten, die in dieser Zeitlinie herrschte. Einigen Nimags, die auf der anderen Seite Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Sexualität, äußeren Merkmalen oder ihrer Religion unterdrückten, diskriminierten und verfolgten, hätte ein Aufenthalt hier durchaus mal gutgetan. Sie hätten am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, zu einer Person zweiter Klasse degradiert zu werden.
Jen wusste, dass Alex in diesem Augenblick an seine Mutter und seinen Bruder dachte. Alfie war nur dank Bernsteinkörnern in seinem Körper dazu in der Lage, Magie zu wirken. Vermutlich hätte das allmächtige Institut auf dieser Seite ihn kurzerhand getötet.
»Mal ehrlich, ich würde diese Zeitlinie nicht mal erhalten wollen, wenn ich selbst hier leben würde«, sagte er grimmig.
»Und stattdessen sterben?« Jen schüttelte den Kopf. »Ich hoffe wirklich, dass wir noch irgendeine andere Lösung finden. Natürlich bin ich froh, dass Kevins Veränderung nicht unsere Gegenwart vernichtet oder umgewandelt hat, aber das alles hier sind Menschen.«
Bevor sie weitersprechen konnten, waren sie auch schon angekommen. Ein Gebäude aus weißem Marmor ragte vor ihnen auf. An beiden Seiten des Durchgangs standen Statuen aus Bernstein, was puren Protz darstellte.
Als vor ihnen ein Student an den Abbildern irgendwelcher noblen Magier vorbeiging, leuchteten diese kurz auf.
»Das ist eine Überprüfung«, realisierte Alex.
»Falls es schiefgeht, rennen wir in die nächste Gasse und nutzen einen Sprungkreis.«
Ein letztes Durchatmen, dann nahmen sie den gleichen Weg wie der Student.
Die Statuen leuchteten auf, Jen spürte ein Tasten. Ihr Sigil wurde erkannt. Nichts geschah.
»Ich will gar nicht wissen, was mit einem Nimag geschieht, der hinein möchte«, sagte Alex.
Die Gesinnung der Magier in dieser Welt war gnadenlos.
Sie eilten zum Hauptgebäude, traten ein und Jen warf einen Blick auf eine Tafel. Hier waren die einzelnen Fakultäten aufgelistet, die sich vor Ort oder in einem anderen Gebäude befanden.
»Da, Fakultät für Temporalmagie.« Sie deutete auf den Eintrag. »Wenn es stimmt, was Joshua herausgefunden hat, dann könnte dies die Lösung sein.«
Sie stiegen eine Steintreppe hinauf und eilten durch lange Flure. Am Ende ragte eine wuchtige schwarze Tür auf. Alex ballte die Hand und schlug dagegen.
Als eine Weile nichts geschah, drückte Jen die Klinke herunter. Sie traten ein.
Ein Mann in den Fünfzigern sah von seiner Arbeit auf. Beinahe hätte Jen verwirrt aufgeschrien, so ähnlich sah der Professor Albert Einstein; wenn auch nur im ersten Moment.
»Ich hatte Sie nicht hereingebeten«, blaffte er in seinen Vollbart.
Aus der Nähe schwand die Ähnlichkeit zu Albert rapide. Professor Steiner – bei dem es sich vermutlich um einen Abkömmling der Familie des Noblen Hauses handelte – wirkte grimmig. Er schien eine nach außen gerichtete Härte abzustrahlen, was seine gepflegte Kleidung noch betonte. Er trug eine Weste über einem Hemd und Stoffhosen. An der rechten Hand glänzte der Sigilring.
»Wir kommen in wichtiger Angelegenheit«, stellte Jen klar und hob ihre rechte Hand, zur Faust geballt.
Der Professor runzelte die Stirn. Er machte eine schnelle Bewegung mit den Fingern, prüfte wohl auf irgendeine Art den Ring. Sein Gesicht nahm einen verwirrten Ausdruck an. »Mir wurde kein Besuch eines Hohen Hauses angekündigt.«
»Eine drängende Angelegenheit«, erklärte Jen.
Sie hatten sich die Abschriften Joshuas über die komplizierten Allianzen und Hochzeiten zwischen den Familien der Höchsten Häuser und Hohen Häuser angeschaut, in der Hoffnung, mit dem erbeuteten Ring niemandem gegenüberzustehen, der feindlich gesinnt war.
»Willkommen in meiner Fakultät.« Steiner sprang auf und schüttelte ihnen nacheinander die Hand.
»Aber Sie tragen keinen Ring.« Er musterte Alex.
»Ich denke nicht, dass das notwendig ist«, erklärte dieser mit einer gespielten Leichtigkeit, für die Jen ihn bewunderte. »Sie können sich natürlich gerne an das Institut wenden, um mich zu überprüfen.«
Der Professor erbleichte. »Das wird nicht nötig sein.«
Die Angst vor dem allmächtigen Institut war in jede Faser dieser Welt eingesickert. Joshua hatte zahlreiche Notizen dazu angefertigt. Solange sie mit Fingerspitzengefühl vorgingen, konnte das hier und da nützlich sein.
»Wie kann ich ihnen helfen?«, fragte Professor Steiner.
Jen lächelte.
3. Nur der Tod öffnet den Weg

Die andere Seite
Er brach in die Knie. Blut rann aus seinen Augen, sein anklagender Blick traf Annora. Ringsum begannen die Steinwände zu diffundierten, wurden zu grauem Nebel.
»Einzig der Tod ebnet den Weg«, sagte Alfie Kent mit seinem letzten Atemzug.
Annora fuhr in die Höhe. Ihr Atem ging stoßweise. Vor dem Fenster graute der Morgen. Immerhin, in dieser Nacht war es nicht das rötliche Glühen des Immortalis-Kerkers, das sie verfolgt hatte. Auch nicht die grauenvollen Zwillinge.
»Es war mehr«, realisierte sie. »Ein Echo.«
Eines, das sie schon einmal gespürt hatte. In der Weißen Krypta, als sie zur Ritterin geweiht worden war.
Sie sprang aus dem Bett und schlüpfte in ihre Kleidung. Ihr erster Schritt führte wie jeden Morgen in die Küche der Zuflucht, wo die gute Seele Tilda ihr bereits einen Kaffee zubereitet hatte. Frisch gemahlen, mit geschäumter Milch obenauf, dazu eine Prise Zimt.
»Ich danke dir.«
Tilda winkte ab. »Solange ihr mir nur Kyra, Max, Titik, Kevin, Jen und Alex findet.«
»Keine Sorge, wir bringen sie zurück.« Annora nippte an ihrem Kaffee.
Die Tasse in der Hand eilte sie zu einem der Studierzimmer. Hier hatte Grace wie immer Bücher vor sich liegen und recherchierte.
»Guten Morgen«, grüßte sie. »Ich habe zwischenzeitlich mit Albert und H. G. Wells gesprochen. Albert trägt alles zusammen, was er über die Erschaffung des Walls findet. Und H. G. möchte sogar dorthin reisen, um sich das Drama genauer anzusehen. Allerdings könnte er unseren Freunden wohl nicht helfen, da sie mittlerweile Teil der Geschichte sind. Und er könnte damit auch nichts ändern, weil die Zeit sich selbst schützt.«
Annora nahm einen weiteren Schluck ihres Kaffees. »Kann ich deine Aufmerksamkeit einen Augenblick beanspruchen?«
Grace musste ihren Tonfall richtig gedeutet haben, denn sie sah von dem Buch auf, in dem sie gerade etwas nachgeschlagen hatte. Wie immer, wenn sie recherchierte, wirkte sie sogar nach einer Nacht ohne Schlaf fit und tatkräftig. Sie ging auf in ihrer Leidenschaft, was aus sich selbst heraus Energie generierte. Ihr Haar fiel ihr in Wellen auf die Schultern, seit einigen Tagen hatte sie sich Pulli, Hose und Schuhe im 1990er-Style besorgt. Der grau-bunte Pullover, die Jeans, die am Knöchel endete, und die Turnschuhe verliehen ihr die Ausstrahlung einer 90er-Ikone.
Annora berichtete von ihrem Albtraum.
Grace verschränkte die Arme auf dem Rücken und überdachte ihre Worte. »Wie wir wissen, verhält sich die Magie bei Rittern nach ihrer Ernennung unterschiedlich. Der Hinweis auf den nächsten Essenzstab kommt zeitverzögert und different. Die Seher und Essenzstabmacher haben das alles nach einem ganz bestimmten Takt aufgebaut.«
»Du gehst also davon aus, dass es der nächste Hinweis sein könnte?«
»Tust du es?«
Annora nickte. »Es war auf beklemmende Weise real.«
»Dann ist meine Vermutung, dass Alfie Kent irgendwie der Schlüssel zum nächsten Essenzstab ist, diese Suche für ihn aber überaus gefährlich werden könnte.«
»Wie für uns alle«, entgegnete Annora. »Aber sie ist von elementarer Bedeutung.«
»Davon gehen wir zumindest aus.« Grace kehrte zurück zu ihrem Buch. »Letztlich wissen wir nicht, weshalb die Seher überhaupt dachten, dass ein König notwendig ist. Aber lassen wir das einstweilen aus. Selbst wenn Alfie und du dazu bestimmt wären, den Stab zu suchen – dein Traum hat nicht wirklich einen Hinweis darauf erbracht, wo der nächste Essenzstab der Macht zu finden ist.«
Annora nutzte die einsetzende Stille, um Grace‘ Worte zu überdenken. Sie benötigten die Essenzstäbe schon allein deshalb, weil die Magier der Zuflucht bisher keine weiteren besaßen. Merlin hatte alle zerstört. Max’ Stab hatte bewiesen, wozu diese mächtigen Artefakte fähig waren.
Gleichzeitig durften sie all die anderen Dinge nicht außer Acht lassen. Max versuchte, das Agentenprogramm zu reaktivieren. Anne Bonny baute weiter an der Schiffsflotte, die im Hafen von Talanis beständig wuchs. Einstein und H. G. kümmerten sich um die Verschollenen, und Kleopatra braute einen neuen magischen Trank nach dem anderen. Wesley hatte ihr erste Besuche abgestattet, da er bei ihr von einem Trauma durch die Gefangenschaft im Immortalis-Kerker ausging.
Tomoe untersuchte zum einen zusammen mit den Heilmagiern Moriarty, zum anderen überprüften sie nach der Entdeckung, dass Alex’ Mutter von Merlin mit dem Pakt des falschen Glücks auf seine Seite gezogen wurde, die übrigen Familienangehörigen der Widerständler. Nikki half dabei, indem sie ihre Magie als Sprungmagierin zur Verfügung stellte.
»Was sollte ich also …?«
Ein Klopfen an der Tür erklang. Kurz darauf stürmte ein rotwangiger Alfie Kent herein. »Grace, ich … Oh, hallo Annora.
»Guten Morgen. Kommst du vom Sport?«
Die Röte auf Alfies Wangen nahm zu. »Also … hm … irgendwie kann man das wohl so sagen. Ich musste meine Bernsteinkörner aufladen.«
Mittlerweile war es ein offenes Geheimnis, dass Alfie Essenz von anderen Magiern abziehen konnte, um die Bernsteinkörner in seinem Blut aufzuladen. Hier musste der jeweilige andere Magier allerdings in einem Zustand sein, in dem die Aura nicht im Schutz- oder Verteidigungsmodus war.
Da kam es ihm zugute, dass er in einer Beziehung mit Jason und Madison lebte. Die roten Wangen deuteten also darauf hin, dass er gerade Sex gehabt hatte und nun bis obenhin voll war mit Endorphinen und frischer Essenz.
Darüber hinaus hatte Grace das Trio in mehreren Situationen beobachtet und in ihrer typischen Sherlock-Holmes-Art festgestellt, dass sie alle drei ein Tattoo besaßen, das ihre Geister miteinander verband. Es gab also offensichtlich keine Geheimnisse zwischen ihnen. Darauf angesprochen hatten die drei jedoch nur herumgedruckst. Sie wollten oder konnten nichts dazu sagen.
Sprachen sie hier nur mit Alfie oder auch mit Madison und Jason?
»Und du bist hier, um uns das mitzuteilen?«, fragte Grace mit einem Funkeln in den Augen.
»Haha«, erwiderte Alfie. »Tatsächlich geht es um etwas anderes. Artus hat doch vor einiger Zeit nach den Depots von Agnus Blanc gesucht, damit wir an die Artefakte herankommen, die er konstruiert hat. Es war ja fast alles leer, aber uns ist eine andere Idee gekommen.«
Womit er die vollständige Aufmerksamkeit von Grace und Annora genoss.
»Dein Bruder macht kurz vor seinen Enthüllungen auch immer eine Pause. Um die Spannung zu steigern.« Annora schürzte die Lippen. »Ich hasse es.«
»Ihr seid heute ja total lustig.« Alfie grinste frech. »Obwohl das hier tatsächlich Absicht war. Also, Madison erinnerte sich daran, dass es da ja noch ein Archiv gibt, in dem alle möglichen vergessenen Zauber, Mentigloben und so weiter aufbewahrt werden.«
»Wehe, du machst eine Pause«, warf Annora schnell ein.
»Die endlosen Tiefen«, sagte Alfie flink.
Die Worte hingen in der Luft.
Es gab nur wenig, was über das Archiv der ehemaligen Schattenkrieger bekannt war. An einem geheimen Ort existierte es, jedoch unzugänglich. Zumindest war es das für die Lichtkämpfer gewesen. Doch die beiden Fraktionen gab es nicht länger.
»Aber wir kämen überhaupt nicht hinein«, merkte Annora an. »Wo der Eingang zu finden ist, weiß ebenfalls niemand.«
»Da haben wir vielleicht eine Idee.« Alfie verschränkte die Arme.
Und schwieg natürlich, mit einem Grinsen auf den Lippen.
Baby Kent, der Spitzname, den Madison benutzte, traf es bei ihm wirklich ziemlich genau.
4. Moriartys Zugang

Das ist auf absurde Weise lächerlich«, stellte Annora fest.
Gemeinsam mit Alfie, Madison und Jason war es ihnen tatsächlich gelungen. Da Moriarty noch immer im Koma lag, hatten sie ihm problemlos eine Blutprobe entnehmen können. Gekoppelt mit einem Suchzauber, der mit einem der wenigen Pergamente verwoben wurde, die aus den endlosen Tiefen stammten, verrichtete er sein Werk. Dass es dieses überhaupt noch gab, verdankten sie Moriartys Paranoia. Er hatte die wichtigsten seiner Aufzeichnungen nämlich auch gegen Feuer imprägniert, wodurch eine Handvoll den Absturz der East End überstanden hatte.
»Das ist wirklich ein wenig theatralisch«, kommentierte Madison. »Selbst für Moriarty.«
Annora hatte längst realisiert, dass die junge Magierin aus Amerika mittlerweile nicht mehr viel von ihrem ehemaligen Oberen hielt. Sie ließ ihre Finger knacken.
»Eine Kirche«, vollendete Jason.
Sie standen in Schottland vor einem Gotteshaus. Die Szene wirkte, wie einem Historienfilm entsprungen. Gewölbte Bögen und Buntglasfenster, Erker und ein Dach, von dem sich die eine oder andere Schindel bereits gelöst hatte.
Da der Wind inzwischen Nieselregen mit sich brachte, machte Annora eine auffordernde Handbewegung. »Folgen wir der magischen Spur.«
In der Luft schimmerte eine Essenzlinie, die jedoch kurz vor dem Verblassen stand.
Zu dieser Tageszeit war das Kirchenportal nicht verschlossen, sie konnten problemlos eintreten. Die Scharniere quietschten. Ein überlautes Geräusch in dem sonst stillen Gotteshaus. Ein paar aufgestellte Kerzen flackerten.
»So was schaue ich mir am liebsten von einer gemütlichen Couch aus an«, kommentierte Jason.
»Das letzte Mal hast du mir ins Ohr gebrüllt, als wir etwas Gruseliges geschaut haben.« Alfie rieb sich instinktiv das Ohr.
»Alter, das waren steinerne Engel, die auf einem Friedhof standen«, sagte Jason. »Und jedes Mal, wenn dieser Arzt die Augen geschlossen und dann wieder hingesehen hat, kamen sie näher.«
»Doctor«, erklärte Alfie mit Nachdruck. »Das habe ich dir jetzt schon tausend Mal gesagt. Er ist der Doctor.«
»Und er telefoniert gerne«, neckte Madison. »Weil Telefonzelle und so.«
»Das ist keine …« Alfie ballte die Hände und stapfte grummelnd in die Kirche.
Hinter seinem Rücken gaben sich Madison und Jason ein High Five.
»Funktioniert immer wieder«, sagte sie leise.
»Aber dafür werden wir beim nächsten Mal auf der Couch bitter bezahlen müssen«, ergänzte Jason.
Annora schmunzelte. Die drei zu beobachten, die Nähe und Vertrautheit, mit der sie zueinanderstanden, ließ sie hoffen. Auf eine Zukunft der Versöhnung.
»Die Spur endet hinter dem Altar!«, rief Alfie mit donnernder Stimme.
»Zurücktreten«, bat Annora.
Sie zeichnete mit ihrem Essenzstab das notwendige Symbol in die Luft und rezitierte: »Revelio Porta.«
Das typische Essenzecho, an das sie sich nach ihrer Rückkehr aus dem Immortalis-Kerker erst gewöhnen musste, manifestierte sich. In der Luft lag der Geruch von Wintertee. Das Gefühl von Beständigkeit vermischte sich mit dem Geräusch von Eichenholz, das jemand polierte.
Der Altar zerbrach und gab den Blick auf ein Weihwasserbecken frei.
»Wenn das jedes Mal auf diese Art funktioniert, ist es ein ziemlicher Verschleiß«, sagte Madison. »Oder müssen wir das wieder reparieren, sobald wir zurückkehren?«
»Sie hat den Stab.« Jason deutete auf Annora. »Ist doch ein Klacks.«
Alfie schüttelte den Kopf. »Spürt ihr es nicht? Dieser Nachhall.«
»Essenzecho genannt, Baby Kent.«
Wieder schüttelte er den Kopf. »Da ist etwas anderes.«
»Alfie hat recht«, bestätigte Annora. »Da ist eine Präsenz, die in der Magie gebündelt war. Der Zauber ist bereits fort, doch der Nachhall deutet auf ein Siegel hin. Wir konnten es leicht zerstören, weil es schon länger nicht erneuert wurde. Andernfalls hätte es uns einiges an Mühe gekostet. Ohne Essenzstab wäre es selbst jetzt noch unmöglich gewesen.«
»Bedeutet es, dass jemand Moriarty aussperren wollte?«, fragte Madison.
Alfie ballte die Hand um seinen eigenen Essenzstab fester. Er hatte längst begriffen, dass hier Gefahr drohte. Annora betrachtete das Artefakt in seinen Händen. Es war natürlich kein echter Essenzstab. lediglich eine von Agnus Blanc geschaffene Krücke, mit der auch ein Nimag Magie wirken konnte.
Jason trat an das Weihwasserbecken. »Das ist kein Weihwasser.« Er tauchte seine Finger in das schwarze Pulver und zerrieb es. »Asche.«
»Ich sollte besser allein …«, begann Annora.
»Kommt nicht infrage«, stoppte Alfie sie sofort.
Natürlich hatte sie ihm von dem Traum erzählt. Ihre Idee dahinter war gewesen, dass er keinesfalls kopfüber in das Abenteuer springen sollte. Bedauerlicherweise interpretierte der Bruder von Alexander Kent die Sache ein wenig anders. Schließlich könnte man den Essenzstab der Macht ganz eindeutig nur mit ihm gemeinsam erbeuten. Deshalb müsse er quasi mit.
Waren Kevin und Chris auch so schlimm gewesen, als sie noch Teenager waren? Sie gab sich selbst die Antwort. Schlimmer.
»Ich habe ja nicht viel für Religion übrig«, kommentierte Jason. »Meine Eltern waren da anders.« Ein Schatten zog über sein Gesicht.
Madison legte ihm die Hand auf die Schulter.
Annora konnte sich denken, dass die Jugend von Jason nicht die beste gewesen war. In einer konservativen Familie aufzuwachsen, die alles außerhalb des religiösen Korsetts ablehnte, konnte einen Menschen zerstören.
Alfie trat ebenfalls hinzu. Er und Madison küssten Jason nacheinander sanft auf die Lippen, darüber hinaus fiel kein Wort.
»Also, ich erkläre dir, wie es normalerweise geht.« Alfie ging zum Weihwasserbecken, tauchte die Finger hinein und machte dann drei Kreuze. Eines auf seiner Stirn, eines auf dem Kinn und eines auf der Brust. Was natürlich entsprechende Aschekreuze hinterließ. »Wobei das ja nicht bei allen gleich ist.«
Wie Nebel, der vom Wind vertrieben wurde, verschwand Alfie. Einfach so.
»Der Eingang!«, schaltete Madison sofort.
Bevor Annora reagieren konnte, hatten sie und Jason ihre Finger in die Asche getaucht und machten es Alfie nach. Auch sie verschwanden.
»Wunderbar. So viel zu wohl überlegtem Vorgehen.« Annora fluchte lauthals, was sich als Echo wirklich unangenehm anhörte.
Sie tauchte ihre Finger in die Asche und machte die drei Kreuze ebenfalls.
Die Umgebung verwischte.
Annora fand sich direkt neben Alfie, Jason und Madison wieder. Beide starrten auf die Regalbretter und Tische, die überall um sie herum zu finden waren.
»Okay«, sagte Alfie. »Das hätte ich jetzt nicht erwartet.«
Dem konnte Annora nur beipflichten.
5. Das temporale Interdikt

Die andere Seite
Zeitreisen«, echote Professor Steiner.
Jen nickte nachdrücklich, Alex ließ sich nichts anmerken, ganz in seiner Rolle als Abgesandter des Instituts. Solange der Prof Angst vor ihm hatte, würde er ihn nicht nach dem Sigillum fragen – eine Art von unfälschbarem Ausweis, den die Vertreter dieser unsichtbaren Macht wohl mit sich führten.
»Es ehrt mich natürlich, dass Sie bezüglich dieses Themas ausgerechnet mich aufsuchen, aber soweit mir bekannt ist, gibt es keine neueren Erkenntnisse, nachdem das Interdikt verhängt wurde.«
Glücklicherweise basierten Zauber auf der Basis der Sprache Latein, oder genauer: Die tote Sprache basierte auf jener der Magie. Deshalb war es für Magier auch recht simpel, die Worte zu deuten.
»Das Verbot, natürlich«, gab sie sich wissend.
»Ist das ein Test?«, fragte der Professor vorsichtig.
Jen bedeutete ihm mit einer beruhigenden Geste, dass keinerlei Gefahr bestand. »Nehmen Sie uns an die Hand, damit wir Sie zur eigentlichen Frage leiten können. Zeitreisen waren nicht immer verboten.«
Steiner schluckte. »Das ist natürlich richtig, obgleich ich vollkommen und absolut mit dem Institut übereinstimme, dass es die einzig mögliche Entscheidung war.«
»Ist notiert«, sagte Alex.
»Nachdem das geklärt ist: Bitte, sprechen Sie.«
»Nun, wir alle kennen die Geschichte. Die Manipulationen des Anbeginns führten dazu, dass die Unsterbliche Cixi versuchte, den Wall zu erschaffen. Sie lebte als Nimag später, als Unsterbliche früher. Basierend auf diesem fatalen Ereignis, das uns beinahe alle unserer Macht beraubt hätte, wurde wenige Jahre nach der Befreiungsnacht von Alicante das Interdikt erlassen.«
Jen hätte beinahe aufgelacht. In dieser Zeitlinie war es also tatsächlich so, dass die Sieger den Kampf umgedeutet hatten. Aus der Blutnacht war die Befreiungsnacht geworden. Dass Merlin Cixi manipuliert hatte, war allerdings richtig.
»Das Institut benötigte natürlich seine Zeit, um die Kontrolle zu erlangen«, führte Steiner weiter aus. »Die Jahre des Chaos nach der Befreiungsnacht … Es muss schrecklich gewesen sein. Doch sie erwuchsen. Das führte schließlich dazu, dass Mentigloben und Zeitreisen mit dem Interdikt belegt wurden.«
Jen zweifelte keinen Augenblick daran, dass ein Blick in die Vergangenheit über kurz oder lang zu einem Aufstand geführt hätte. Doch ohne Mentigloben gab es nur jene Geschichte, die das Institut verkündete.
Das Verbot von Zeitreisen verhinderte ebenfalls Beobachtungen der Vergangenheit. Eine Änderung war schließlich sowieso nicht möglich gewesen.
»Und dieses Interdikt wird bis heute lückenlos eingehalten?«, hakte Jen nach, um den Professor zur eigentlichen Frage zu lenken.
»In der Tat«, bestätigte der. »Sieht man von den wenigen ab, die vom Institut die Erlaubnis erhalten. Sie müssen sich natürlich einer Befragung stellen und dürfen danach nicht zurückkehren an ihre alte Wirkungsstätte.«
Alex verdrehte die Augen, was der Professor glücklicherweise nicht sehen konnte.
Vermutlich endeten jene ›Befragungen‹ schlicht damit, dass der jeweilige Magier oder die Magierin getötet wurden. Nie und nimmer würde ein so restriktives Regime Zeitreisen zulassen. Jen fragte sich unweigerlich, wer dieses anführte. Selbst Joshua war es nicht gelungen, das zu enthüllen. In der Gegenwart war das Institut ein Mythos, seine Beobachter und Agenten waren allgegenwärtig. Niemand wagte es offen, Kritik zu äußern. Annora Grant hatte nicht umsonst mit dem Zwillingsfluch alles riskiert. Sie wollte in ihrer Familie Magier mit Sigilen, die nicht entrissen werden konnten. Ein schlauer Schachzug.
»Und diese lückenlose Überwachung wurde wie genau ermöglicht?«, fragte Jen.
»Ah, ich verstehe, worauf sie hinauswollen.« Steiner nickte, geradezu stolz. »Nachdem alle temporalen Artefakte eingesammelt worden waren, wurde ihre Signatur ausgelesen. Von mir.« Er räusperte sich. »Auf dieser Basis half ich dem Institut, die Resonatoren zu entwickeln.«
Joshua war es gelungen, bis zu diesem Punkt Informationen zu erlangen. Alles darüber hinaus war jedoch unbekanntes Land.
»Womit wir in der Gegenwart angelangt wären.« Jen lächelte, als habe sie jedes Wort genauso erwartet. »Denn um diese geht es.«
»Ist etwas damit nicht in Ordnung?«, fragte Steiner. »Bei meiner letzten Kontrolle waren sie unbeschädigt. Ich habe jeden einzelnen Standort untersucht und alles getestet. Mit der Erlaubnis des Instituts natürlich.« Er nickte in Alex’ Richtung. »Das Artefakt öffnete einen temporalen Riss und die Resonatoren konnten es sofort feststellen. Ein Einsatzteam war in der gleichen Sekunde neben mir. Niemand kann eine Zeitreise unbemerkt ausführen, das versichere ich Ihnen.«
»Was wäre, wenn jemand einen permanenten Riss in der Zeit schaffen würde?«, hakte Jen nach.
Denn letztlich war das Portal, das von dieser Seite auf ihre eigene führte, genau das: ein Riss in der Zeitlinie, ein Durchgang.
»Es würde bemerkt werden«, war sich Professor Steiner sicher.
»Sagen Sie mir, Professor, falls eine solche Beschädigung früher entstanden ist – bevor die Resonatoren aufgestellt wurden –, würden diese ihn ebenfalls erkennen?«
Joshuas Vermutung legte nahe, dass es wie bei einer Küchenwaage funktionierte. Schaltete man diese ein und die Ablage blieb leer, pegelte sie sich auf null ein. Legte man danach etwas auf, wurde das Gewicht bestimmt.
Wurde jedoch zuerst etwas aufgelegt und die Wage dann eingeschaltet, pegelte sich das Gerät auf null, obwohl etwas auflag. Nahm man es dann herunter, ging die Anzeige ins Minus.
Waren die Resonatoren also später aufgestellt worden, nachdem das Portal sich etabliert hatte, nahmen sie es nicht mehr korrekt wahr.
»Verblüffend«, sagte Steiner wie in Gedanken. »Und Sie haben recht. Im Falle einer bereits bestehenden Problematik würden die Resonatoren es als Normalwert definieren und keinen Wert zurückliefern.«
»Und genau deshalb sind wir hier.« Jen schnippte mit den Fingern. »Sehen Sie, wir haben diese Thematik intensiv besprochen, und auf Basis einer Recherche wurde die Überlegung aufgeworfen, dass wir uns aktuell möglicherweise in einem solchen Fall befinden. Doch eine Überprüfung wäre nötig.«
Alex nickte schwer. »Ein Riss in der Zeit würde auf keinen Fall konstant bleiben. Über die Jahre würde er ganz langsam wachsen. Vermutlich würde das gar nicht auffallen. Korrekt?«
»Da es durch unsere Magie ständig zu Schwankungen kommt – es müssen nur ausreichend viele Magier einen Zeitschattenzauber ausführen –, gibt es einen gewissen Pufferwert, der als ›normal‹ definiert ist.«
»Wäre es möglich, diesen Wert über die vergangenen hundert Jahre zu prüfen?«, fragte Jen. »Sollten wir Auffälligkeiten feststellen, könnten wir die Resonatoren entsprechend auf die Quelle ausrichten und herausfinden, wo das Problem zu finden ist.«
Womit sie auf simple Weise das Portal entdeckt hätten. Sie mussten lediglich darauf achten, dass der Professor den Zielort nicht interpretieren konnte, bevor sie die gesamte Apparatur vernichteten – und die Resonatoren gleich mit. Ein simpler Ablauf.
»Ich denke, das dürfte kein Problem sein«, erklärte Steiner und bedeutete ihnen, ihm durch die Tür zu folgen. »Sie haben Glück, dass ich Ihnen darauf überhaupt eine Antwort geben kann.«
»Wie meinen Sie das?« Jen schlenderte locker neben dem Professor her und ließ ihren Charme spielen.
»Es gab schon einmal eine Magierin, die fast exakt die gleichen Fragen stellte wie Sie jetzt«, erwiderte er. »Nach ihrem Besuch habe ich umgehend das Institut verständigt. Agenten wurden hier postiert. Sie ist jedoch nicht mehr aufgetaucht.«
»Ich erinnere mich.« Die Lüge kam Alex glatt über die Lippen.
Jen nickte.
Und fragte sich unweigerlich, um wen es sich bei dieser Magierin gehandelt haben könnte. Hatte sie am Ende aufgegeben –oder war ihre Suche von Erfolg gekrönt gewesen?
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