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Andreas Schröfl

Pfaffensud

Bier-Krimi


Zum Buch

Heiliger Sanktus „Ich müsst schnell zum Pieseln“, meint der Graffiti noch kurz bevor die Firmung von Sanktus Tochter Martina beginnt. Sanktus, der ihm kurze Zeit später folgt, überrascht seinen Freund in einem Handgemenge mit einem Geistlichen in den Waschräumen des Pfarrheims – der Abt, der die Firmung durchführt, wie sich später herausstellt. Nach der heiligen Messe wird Abt Philipp tot in der Sakristei aufgefunden, neben ihm eine blutige Monstranz sowie der Graffiti, der in der blutverschmierten Hand eine Karte mit dem Abbild Luzifers hält. Ist der Graffiti, bekennender Atheist, der Mörder, oder ist das ein weiteres Werk des Unbekannten mit der Luzifermaske, der in Internetbotschaften die Verfehlungen von Geistlichen, die Missbrauchsdelikte und die stockenden Diskussionen um den Zölibat und die Liberalisierung der Kirche anprangert? Pfarrer Remigius Hintermeier und sein afrikanischer Kollege Joseph „Sepp“ Mbewu bitten den Sanktus bei der Aufklärung um Hilfe. Für den Sanktus ist der Fall die Chance von daheim Reißaus zu nehmen. Seine Frau Kathi hat nämlich Besuch aus Dresden.

Andreas Schröfl, 1975 in München geboren und aufgewachsen, erlernte das Handwerk des Brauers und Mälzers in einer Münchner Großbrauerei. Anschließend studierte er an der Universität Weihenstephan und arbeitete fünf Jahre als Braumeister in einer bayerischen Brauerei. Andreas Schröfl lebt mit seiner Familie in einem Dorf am Rande der Hallertau. Die Sanktus-Bier- und München-Krimis vereinigen seine Liebe zum Beruf, die Verbundenheit mit München und der bayerischen Tradition sowie seine langjährige Leidenschaft für Kriminalromane.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ffphoto / stock.adobe.com

und © fotoduets / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6780-6

Zitat

Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander …

(5. Mose 7,22)

Personenverzeichnis

Alfred Sanktjohanser, der »Sanktus«, Bierbrauer und Hobbydetektiv

*

Familie:

Kathi, seine Frau, Programmiererin, ruhender Gegenpol zu ihrem Mann

Martina, Kathis Tochter, schwierig, da in der Pubertät

Schorschi, Sanktus’ und Kathis Sohn, der einzig Vernünftige

Anna, Sanktus’ große Schwester und Mutterersatz

Jean-Pierre, »Hannes«, ihr Lebensgefährte, Autohändler, zünftig, trinkfreudig

Der alte Sanktjohanser, Sanktus’ Vater, Familienoberhaupt, oft anstrengend

*

Sanktus’ Freunde und Ermittler:

Quirin Himsl, der »Graffiti«, Sanktus’ Jugendfreund und zwielichtiger Geschäftsmann, sehr gutaussehend, Bazi

Schlauch-Gernot, Bierbrauer im Gärkeller, cholerisch

Malte Rosen, der »Piefke«, Biersieder im Sudhaus, Erbsenzähler

Giovanni, Hilfskraft im Lagerkeller, aufbrausend

Helmut Ehrensberger, Brauer im Flaschenkeller, ruhig, besonnen

Bhuphinder Singh, Inder, Wirt und Koch im Stammlokal ›Neue Kirche‹, katastrophaler Autofahrer

Ashwini, seine Nichte, Bedienung in der ›Neuen Kirche‹, trägt Sari, Schönheit

Hanspeter Häberle, Mitinhaber der ›Haidhauser Bierwerkel‹, Bierbrauer, gemütlicher Schwabe

*

Die Polizei:

Bine Schranner, junge Kommissarin, hat alles im Griff

Rudi Bergmann, amtierender Kommissar, Franke, alter Freund von Sanktus, Pfundskerl

Charlie Burgmaier, Polizist, Sanktus’ langjähriger Feind

Lenz Hofer, Polizist, Handlager des Burgmaiers

*

Pfarrer:

Pfarrer Remigius Hintermeier, Pfarrer Sankt Johann Baptist, Bekannter von Sanktus, fortschrittlich und dynamisch

Pater Joseph Mbewu, Pfarrer aus Südafrika, Freund Hintermeiers, zünftig

Abt Philipp, Engelbert Praetorius, Abt vom Berg

Pfarrer Maximilian Aust, Münchner Pfarrer

Pfarrer Edmund Siebler, Münchner Pfarrer

Rosina Muxeneder, Pfarrsekretärin

Gregor, Oberministrant Sankt Johann Baptist

*

Graffitis Handlanger

Murat, Nikos, Pröbstl, Binser, Skywalker, Gump, Ganswürger, Wast

*

Weitere

Birthe Dombrowski, Kathis Freundin aus Dresden, rotes Tuch für den Sanktus

Manu Schmiedinger, Graffitis große Jugendliebe

Lily Pfisterer, Bekannte aus Graffitis Jugendzeit

Sandy, doof

Prolog

Pfarrer Matthias Zechbauer wachte am späten Abend auf seiner Chaiselongue auf, und sein Schädel drohte zu zerplatzen. Er grunzte einen letzten lauten Schnarcher, bevor er die Augen öffnete und sich umsah. Sodbrennen, war sein einziger Gedanke.

Er wuchtete seinen adipösen Körper von der Liege hoch und schleppte sich torkelnd ins Bad seiner Pfarrwohnung. Keuchend öffnete er den Allibert, um eine Natrontablette aus einer Dose herauszupfriemeln. Mit seinen dicken Fingern war das gar nicht so einfach.

Er schluckte die Tablette gierig mit einem großen Schluck Wasser hinunter und schickte gleich noch zwei Kopfwehtabletten hinterher. Sofort wurde das Brennen gelindert, und ein satter Rülpser stieg aus der Speiseröhre hoch. Die Magensäure war neutralisiert, und er war wieder halbwegs hergestellt. Er bespritzte sein Gesicht kurz mit Wasser und fuhr mit den feuchten Händen durch seinen spärlichen Haarkranz. Haareschneiden war auch wieder einmal angesagt Aber für wen? Die alten Weiber in der ersten Reihe würden ihm auch so bei seinen unmotivierten Predigten zuhören.

Nun erst bemerkte er seinen furchtbaren Durst. Was würde er nun für eine Weißweinschorle geben? Haus und Hof? Ein Königreich? Seine Seele? Allein der Gedanke an das prickelnde kühle Nass mit dem säuerlichen Geschmack ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ein Fall für eine weitere Natrontablette.

Er öffnete den Kühlschrank, rülpste noch einmal, aber weit und breit kein Chardonnay, kein Veltliner noch sonst eine Rebsorte zu entdecken. Aber eines war klar: Ohne Gute-Nacht-Schluck würde er keinen Schlaf finden und sich ewig im Bett wälzen. Am nächsten Tag würde er total verkatert und zerstört aufwachen, und die Frühmesse würde eine Tortur für ihn darstellen. Solche neumodischen Sachen wie das Wiederaufleben einer Roratemesse, die gefühlt mitten in der Nacht stattfand, lehnte er aus diesem Grund völlig ab.

Missmutig schloss er den Kühlschrank und streifte seine Soutane über, die zwar über seinem Ranzen spannte, aber selbst zu solch einer späten Stunde hätte er sich nicht im Bademantel in die Sakristei getraut. Auch wenn er lediglich eine Flasche Messwein holen wollte.

In diesem Moment fiel ihm ein, dass er den Ministrantenstammtisch wieder einmal vergessen hatte. Also eher verschlafen, aber der anstrengende Tag eines Geistlichen mit Weißwurstfrühstück im Kreis seiner Kollegen und ein opulentes Mittagessen mit dem CSU-Ortsverband hinterließen Spuren. Dazu kamen Kaffee und Kuchen beim Tanztee im Pfarrsaal mit den älteren Damen. Anschließend ein paar Halbe im Bierstüberl gegenüber. Da kannst du einen Stammtisch schon mal versäumen.

Er zog seine Hose unter dem Pfarrersgewand hoch und merkte, dass der Gürtel trotz des neu hinzugefügten zusätzlichen Lochs schon wieder zu eng war. Missmutig schloss er ihn trotzdem. Ab morgen würde er eine Diät anfangen.

Er öffnete die Tür, die vom Pfarrheim zu Kirche führte, und wollte sich im spärlich beleuchteten Gotteshaus zur Sakristeitür schleichen, doch schon als er in den Altarraum trat, kam ihm etwas anders vor als sonst. Von rechts, aus dem hintersten Teil der Kirche, wo sich der Hochaltar befand, konnte er einen flackernden Lichtschein ausmachen und zischende Geräusche vernehmen.

Pfarrer Zechbauer schritt zögerlich aus der Tür und schwenkte in diese Richtung.

Vor dem Altar, der ganz an der hinteren Wand der Kirche erbaut war, war eine Leiter aufgestellt worden, die von einer schwarzen Gestalt gesichert wurde. Oben auf der Leiter stand eine weitere Gestalt, die dabei war, die weiße Wand über dem Altar mit Farbe zu besprühen.

Wehe denen, die sich früh am Morgen aufmachen, um Rauschtrank nachzujagen, die bis spät am Abend bleiben, dass der Wein sie erhitze! Zither und Harfe, Tamburin und Flöte und Wein gehören zu ihrem Gelage. Aber auf das Tun des HERRN schauen sie nicht, und das Werk seiner Hände sehen sie nicht, Jes 5,11-13

war in roter Farbe in großen Lettern zu lesen.

Die Gestalt auf der Leiter drehte sich zu Zechbauer um. Es war das gehörnte Gesicht des Teufels, das ihn feindselig anblickte.

Pfarrer Zechbauer grunzte wieder, und ihm entkam ein leise gehauchtes »Zefix!«. In diesem Moment wurde er ohnmächtig.

FREITAG

1.

Es war soweit. Das langersehnte Fest war endlich da. Heute war Firmung! Die von der Martina, also von Sanktus’ Stieftochter. Eigentlich hat sich der Sanktus, obwohl er nicht der wirkliche Extremkatholik vor dem Herrn war, auf den Tag gefreut, doch jetzt ist er, gefühlt seit fast einer Stunde, auf dem engen Klo der Haidhauser Altbauwohnung gesessen und hat auf sein Handy gestarrt. Nicht, dass du meinst, eine schlechte Nachricht auf dem Display, nein, nur das Solitär-Kartenspiel. Kurz und gut, der Sanktus hat sich einfach nicht aus der Toilette hinausgetraut, weil draußen Chaos. Meinst du, kannst du ihm nachfühlen, da die Kathi und die Martina herumgefuhrwerkt haben wie zwei Berserkerinnen? Das natürlich auch, aber es war zusätzlich ein weiterer Krisenfaktor hinzugekommen: Birthe Dombrowski, eine alte Freundin von der Kathi, und jetzt halt dich fest, aus Dresden!

Das »Dadüdada« hätte der Sanktus ja auch noch vertragen, weil ja Dialektfan, aber diese Frau, wenn sie geredet hat, hat direkt gesungen, mit so einer hohen Stimme, und jetzt pass auf, die Zeit, in der sie am Tag den Mund einmal gehalten hat, war so ungefähr auf 20 Minuten begrenzt. So ist es dem Sanktus zumindest vorgekommen, denn dieses Weib hat den ganzen lieben langen Tag geschnattert, da wirst du verrückt. Dauerbeschallung kein Ausdruck. Und das Schlimme an der Sache, sie hat die Kathi mitgezogen, und die hat somit ungefähr zehnmal so viel geredet wie sonst. Normalerweise hat die Kathi nie kopflos drauflosgeplappert, sondern immer erst ihr Hirnkastl eingeschaltet. Das war die Eigenschaft, außer ihren wunderschönen Zehen und ihrem Humor natürlich, die der Sanktus an der Kathi so gemocht hat, aber dieser Schalter war anscheinend gerade auf »Off« gestellt und der Sanktus am Leiden.

Wie kannst du dir die Birthe jetzt vorstellen? Sie war blond, ihre Haare hat sie zu einem Knoten auf dem Kopf zusammengefasst gehabt, aber nicht hinten, sondern zentral oben, wie die kleine My von den Mumins, also Fernsteuerantenne Anfänger. Ihr Gesicht war, abgesehen von dem brutal überschminkten roten Mund, ganz hübsch, aber die Erscheinung! Nix für den Sanktus. Die Birthe hat circa 100 Kilo gewogen und hat in ihrer unpassenden Kleidung ausgesehen wie eine abgepresste Blutwurst. Wäre auch noch gegangen, aber ihre Füße für den Sanktus halt überhaupt nicht tragbar. Sie hat extrem hässliche Zehen gehabt, die sie, es war ja warm, da Juni, barfuß zu jeder Gelegenheit auf dem Sofa oder auf einem Stuhl in die Höhe gereckt hat. Und immer »Dadüdada und Gänsefleisch«.

Der Sanktus, der die Birthe vorher nicht gekannt hat, war voller Tatendrang gewesen und hatte den Damen einen Schweinsbraten mit Blaukraut und Knödel gekocht, weil man muss ja jemand aus einem anderen Bundesland die bayerischen Schmankerl näherbringen, aber weit gefehlt, da Veganerin. Wie kannst du jetzt, wenn du nur Grünpampf frisst, so einen Ranzen in der Gegend umeinander schleppen, hat sich der Sanktus gefragt. Ist ihm dann auch plausibel erklärt worden, denn der Veganerwahn sei aus ihrem Abnehmwahn entstanden. Jo-Jo-Effekt-Vorbeugung hat es geheißen. Alkohol hat sie aber schon getrunken, und bei den Mengen an Wein, die sie weggepumpt hat, hätte sie auch eine halbe Sau in der Semmel essen können, Meinung vom Sanktus. Aber die war ja bei den Damen nicht gefragt. Ob das Etikett der Weinflasche mit veganem Kunstleim oder auf gar ketzerische Weise mit nichtveganem, auf Milcheiweiß basierendem Caseinleim draufgepickt war, war der Dame aber wurscht.

So hat sie halt das Blaukraut und die trockenen Kartoffelknödel mit zwei Flaschen Merlot runtergespült, und der Lärmpegel hat proportional zur Rotweinabnahme zugenommen.

»Ünd do Zwinger und die Semperöper und da müsstet ihr ünbedingt mol kömm. Und weste noch früher?«, und so weiter.

Und dann haben die Damen in Erinnerungen geschwelgt, wie toll es damals war, als die Kathi sie mal in Dresden besucht hat, und wie viel Männer die Birthe seinerzeit abgekriegt hat und so weiter. »Gloobste nüsch, nö?«

Und wenn der Sanktus die Birthe angeschaut hat, hat er das auch nicht geglaubt. Aber mei, weiß man’s? Steckst du nicht drin.

Die Martina hatte den Ausführungen am Anfang noch interessiert gelauscht, weil Weibergespräch, hatte aber dann auch schnell eine Müdigkeit vorgetäuscht und war ins Bett gegangen. Der Schorschi, Sanktus’ Sohn, und er selbst waren auch, nach Verstreichen eines unauffälligen Zeitraums, gefolgt. Die Frauen hatten noch bis 1 Uhr weitergemacht, und da das »Dadüdada« inzwischen recht laut gewesen war, war für den Sanktus an Schlaf nicht zu denken gewesen.

Wenn du jetzt meinst, das kannst du deiner Frau zuliebe mal aushalten, liegst du falsch, weil die Birthe war nicht nur zwei Nächte, sondern jetzt schon eine geschlagene Woche bei ihnen in München und der Sanktus kurz vor dem Durchdrehen. Baldiger Amoklauf relativ wahrscheinlich!

Der Sanktus hat gerade auf »Neues Spiel« drücken wollen, da hat es an der Klotür geklopft.

»Sanktüs, gännstefleisch ma fertschwerden? Ich müsste ooch mal«, hat die Birthe gesungen.

»Na bravo«, seitens Sanktus, und er hat gezwungenermaßen gespült. Klopapier hat er keins gebraucht, da er ja schon seit einer halben Stunde fertig war. Alibimäßig hat er noch etwas Lavendelduft versprüht, hat das kleine Fenster geöffnet und »Sofort!« gerufen. Hat sie doch noch ein bisserl zusammenzwicken sollen, die dumme Gans.

Nach circa drei Minuten hat der Sanktus die Tür geöffnet, und die Birthe ist mit 180 Sachen in die Toilette hineingestürmt. Nachdem der Sanktus eigentlich fluchtartig hinaus hat wollen, weil ja nicht länger als notwendig in einem Raum mit diesem Weibsstück, haben sich die beiden fast im Türrahmen verkeilt. Dabei ist dem Sanktus aufgefallen, dass die Birthe nur in Unterwäsche, aber mit Seidenstrumpfhose bekleidet war. Ein Bild zum Scheiße-Schreien. Anscheinend hatte sie ihr Bedürfnis beim Anziehen verspürt und war losgesprintet.

Der Sanktus hat jede ihrer Fettrollen an seinem Körper spüren können, und das rote Fischmaul war direkt vor seinem Mund. Jetzt wenn sie schnappt, also ihr Fischmaul direkt ins Gesicht drückt, sterb ich, hat er gedacht, aber die Birthe hat nur den Kopf geschüttelt und sich weiter an ihm vorbeigedrängelt.

»Endlüsch«, hat sie mit einem erzürnten Blick nur gezischt, ihn aus dem Klo geschoben, die Tür zugeschlagen und abgesperrt.

Die Kathi, die gerade, auch nur mit Unterwäsche bekleidet, am Sanktus vorbeigegangen ist, hat ihn angeschaut und verwundert gefragt, ob er einem Geist begegnet wäre, so blass, wie er aussehe.

»Fast, Kathi. Fast. Aber geht gleich wieder.«

»Zieh dich auch an«, hat die Kathi genörgelt. »Um 9 Uhr geht die Kirch los!«

»9 Uhr schon? Die spinnen ja!«, hat der Sanktus gerufen.

Seit wann ist denn so früh ein Gottesdienst? Echt jetzt, oder? Meinung vom Sanktus.

»Und hoffentlich ist da heut nix, weißt schon, wegen dem Wahnsinnigen mit den Psalmen«, hat die Kathi noch aus dem Schlafzimmer gerufen.

2.

Vor der Kirche auf dem Johannisplatz praktisch Auflauf aller Angehörigen und allem, was Füße hat, kannst du dir vorstellen. Jeder Einzelne aufgebrezelt bis zum Dorthinaus. Auf einer Firmung auf dem Land siehst du schöne Trachten, und die Kinder sind auch traditionell angezogen, aber hier in der Landeshauptstadt hast du meinen können, die Queen von England kommt mit ihrem Hofstaat gleich um die Ecke. Manche Mütter oder vielleicht auch Tanten haben Hüte aufgehabt, dass sie auch in Ascot beim Pferderennen durchgegangen wären. Affig kein Ausdruck.

Die Kathi hat sofort die Verwandtschaft gesehen, also Sanktus’ Schwester, die Anna, samt ihrem Lebensgefährten, dem Hannes, und dem alten Sanktjohanser, Sanktus’ Vater. Alle Gott sei Dank dem Anlass entsprechend, aber normal gekleidet. Die Kathi selbst hat keine Verwandtschaft gehabt. Ihr Vater hatte vor Jahren Selbstmord verübt, und ihre Mutter war ihm kurz darauf gefolgt.

Nachdem sich alle begrüßt hatten, ist die Martina, die ein elegantes hellblaues Cocktailkleid angehabt hat, mit ihrer Firmpatin, der Anna, ebenfalls schick im Kleid, in Richtung Altarraum verschwunden, wo sich die Firmlinge und Paten vor der Messe mit dem Pfarrer noch einmal kurz getroffen haben.

Der alte Sanktjohanser hat seinen Sohn zu sich hergezogen.

»Wos is na des?«, hat er gefragt und auf die Birthe gezeigt.

Die Birthe war in einem engen, zitronengelben knielangen Kleid unterwegs. Ein gleichfarbiger Hut hat schief ihren Schädel geziert, und der Schopf war heute einmal hinten am Kopf, sonst hätte der Hut wahrscheinlich nicht auf ihren Kohlrabi gepasst. Der einzige farbige Kontrast war das unvermeidlich rot angeschmierte Fischmaul. Gott sei Dank hat sie geschlossene Schuhe angehabt, und der Zehennagel-Farbklecks ist dem Sanktus erspart geblieben.

»Ein Zitronenfalter«, hat der Sanktus geantwortet.

»San die ned a bisserl zierlicher«, hat der alte Sanktjohanser gefragt und mit beiden Händen ein kleines Wesen angedeutet. »Ist sie das?«

»Ja, das ist die Birthe Dombrowski, gebürtig in Dresden, Eltern aus Ostberlin.«

»Um Gottes willen!«, war alles, was der alte Sanktjohanser noch rausgebracht hat, bevor der Graffiti, Sanktus’ langjähriger Spezl, von hinten auf sie zugekommen ist.

Der Graffiti wie immer model-like. Ein Meter 90, dunkle Haare, dunkler Anzug und schwarzes Hemd. Durch den Anzug hast du seine durchtrainierte Figur erahnen können. Im Schlepptau hat er eine junge, gutaussehende blonde Dame gehabt.

»Servus, Sanktus«, hat er gerufen. »Bin ich z’ spät?«

»Naa, passt scho, Graffiti. Grad recht.«

Beide haben sich die Hände geschüttelt, aber nicht normal, sondern so auf cool, wo du die Daumen umgreifst und dann ein bisserl hin und her rüttelst. Der Sanktus hat der Begleitung auch seine Hand gegeben, und der alte Sanktjohanser hat es ihm mit verzücktem Blick gleichgetan.

»Sanktjohanser. Sehr angenehm«, hat er gemeint, und die Begleitung hat gestrahlt.

»Ich bin die Sa-andy.«

»Ja genau. Das ist die Sandy«, hat der Graffiti gesagt. »Sie ist die Tochter von einem meiner Geschäftspartner. Der ist mit dem Binser und dem Murat unterwegs, und die Sandy wär sonst ganz allein gewesen.«

»Und so ’ne Firmung wollt ich ja schon lange mal see-hen«, hat die Sandy fast kindlich gelallt.

Graffiti jetzt beschämter Blick zum Sanktus und der Schulterzucken.

»Ja dann«, hat der Sanktus gestammelt und in die Hände geklatscht. »Dann bist ja heut bei uns genau richtig, Sandy. Sehr schön. Sehr schön. Papa, magst du der Sandy mal kurz die Gegend zeigen? Ich hätt was mit dem Graffiti zu bereden.«

Dem Sanktus war nämlich gerade eine rettende Idee gekommen.

»Graffiti, ich muss raus von daheim«, hat er angefangen.

»Sanktus, du wirst doch ned …«, hat der Graffiti fast geschrien.

»Pst! Sei stad. Nein, nein. Natürlich ned. Aber wir haben seit einer Woche Besuch.«

»Besuch?«

»Ja, ich sag nur Zitronenfalter. Mehr sog i ned«, hat der Sanktus geflüstert und in Richtung Birthe gedeutet, die gerade den Hannes belabert hat.

Der Hannes, mit süßsaurem Lächeln, hat ganz Gentleman immer wieder ihre Hand von seinem Oberarm entfernt. Aber lange würde er es nicht mehr aushalten. Das hat ihm der Sanktus angesehen.

»Jessas, Maria und Josef. Was ist denn das?«

»Das ist einfach nur grausam und brutal, Graffiti. Ich halt des nimmer aus. Ich sag’s dir. Ganz ehrlich!«

»Und die Kinder?«

»Jetzt sind dann Ferien. Die Martina fährt mit der Anna in den Urlaub, hat sie zur Firmung gekriegt, und der Schorschi ist mit meinem Papa unterwegs.«

»Und der Zitronenfalter?«, hat der Graffiti wissen wollen.

»Hat noch nicht angedeutet, wann er wieder heimfliegen will.«

Der Graffiti hat ein verständnisvolles Gesicht gemacht.

»Ich trau mich ja gar ned fragen«, hat der Sanktus fast gewinselt. »Am End sagt die, sie bleibt noch drei Wochen.«

»Nicht auszudenken«, hat der Graffiti gemurmelt. »Das kriegen wir schon irgendwie hin. Apropos fürchten, was sagst denn zu dem neuen Psalm-Fall?«

»Find ich cool«, hat der Sanktus gesagt. »Warum? Is scho wieder was passiert?«

3.

Seit einigen Wochen war die religiöse Welt Münchens im Aufruhr. Ein mit einer Luzifermaske vermummter Unbekannter rief im Internet zum kritischeren Umgang mit katholischen Priestern auf, die seiner Meinung nach Schande über ihr Amt brachten. Er prangerte sexuelle Übergriffe, Habgier, Amtsmissbrauch und Gotteslästerung an. In einigen Münchner Kirchen wurden Altäre und Kirchenwände mit Psalmen besprüht, die diese Sünden kritisierten. Auch der Punkt Entschädigung von Missbrauchsopfern wurde thematisiert, was die Debatte um die Schandtaten einiger katholischer Priester wieder aufleben ließ. 2018 wurde von den deutschen Bischöfen eine Studie veröffentlicht, die die Missbrauchsfälle im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 1946 und 2014 dokumentierte. Die darauffolgenden Zahlungen aus einem eigens eingerichteten Entschädigungsfonds wurden jedoch als zu gering eingestuft. Das Paradoxon, dass hier für die schändlichen Verfehlungen der Geistlichen die Kirchensteuer zur Hilfe herangezogen werden könnte, die von braven, gläubigen Katholiken entrichtet wird, und trotzdem weiterhin neue Fälle bekannt wurden, bescherte dem Unbekannten Tausende von Klicks im World Wide Web. Als Grundübel identifizierte der provokant den heutzutage überholten Zölibat, der die Auswahl fähiger Menschen mit Lebenserfahrung seiner Meinung nach fast unmöglich machte. Somit sollten auch verheiratete Diakone zum Priester geweiht werden, wolle man mit der Zeit gehen und dem Rückgang der Zahl katholischer Geistlicher entgegenwirken. Auch die Einsetzung weiblicher Diakoninnen wurde von »Luzifer« propagiert. Die Weihe von Priesterinnen in der katholischen Kirche komischerweise jedoch nicht, was die Follower-Gemeinde verwirrte. In einem Video legte der Unbekannte dem katholischen Klerus nahe, sich auf die Amazonas-Synode im Herbst des Jahres zu besinnen und die katholische Kirche zurück zum wahren Glauben und dennoch in eine florierende Zukunft zu führen. Bis dahin werde mit weiteren Anregungen zu rechnen zu sein.

»Einen Kuttenbrunzer hat’s wieder getroffen«, hat der Graffiti gemeint.

Du musst wissen, dass der Graffiti ein Kirchenhasser war. Er war so unkatholisch, wie es nur gerade möglich war. Ob er ein heimlicher Atheist war, hat der Sanktus nicht gewusst, denn immer, wenn er in diese Richtung gefragt hat, ist ihm der Graffiti ausgewichen. Er hat dann jedes Mal etwas von einem einschneidenden Ereignis in seiner Vergangenheit gefaselt.

»Herr Himsl«, hat der Sanktus angefangen, »ich bin jetzt a ned der Katholik number one in the house, aber heut hamma Firmung. Also reiß dich bitte a bisserl z’samm.«

»Weng meiner«, hat der Graffiti zerknirscht zugestimmt. »Aber sei froh, dass ich heut überhaupt da bin. Ich bin seit über 20 Jahr in keiner Messe mehr g’wesen. Schau, das mach ich heut alles nur wegen dir und der Martina.«

»Passt! Rechne ich dir in alle Ewigkeit hoch an, aber sag, was war los?«

»Einen Pfarrer haben s’ wieder erwischt. Der Luzifer hat’s am Tag zuvor im Internet angeprangert. Psalm 73,12, Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich. Am nächsten Tag hat’s den Pfarrer Altenböck aus Sendling derbröselt. Zuerst hat er eine Karte mit einem Luziferbild erhalten, und dann sind Beweise aufgetaucht, dass er sich bei den Spendenaktionen immer selbst was zukommen lassen hat. War jetzt ned viel, aber trotzdem. Er wollt’s für die Orgelreparatur zurücklegen, sagt er. Na, ja, wer’s glaubt, wird selig.«

»Sauber. Vatikanische Geheimpolizei, oder was?«, hat der Sanktus gefragt. »Das wenn der Bummerl noch erleben könnt. Da wär er voll in seinem Element. Herrschaft, da muss ich auch amal wieder ans Grab. War ich scho ewig nimmer. Aber heut reden wir ned von den Toten. Heut is Firmung.«

»Ich müsst schnell zum Pieseln«, hat der Graffiti auf einmal gemeint. »Wo kann ich denn da hin?«

»Geh rüber ins Pfarrheim. Da gibt’s ein Klo!«

Und weg war der Graffiti.

Idee gar nicht so dumm, hat sich der Sanktus gedacht, weil sicher ist sicher, und es schaut schon recht blöd aus, wenn du während der Firmung deiner Tochter raus auf die Toilette musst. An allen Leuten in der Bank vorbei und dann diese vorwurfsvollen Blicke. Kann man doch vorher erledigen, solch eine Pennäler-Blase. Typisch, wieder der. Wahrscheinlich zu viel Weißbier zum Frühschoppen getrunken und so weiter. Also dem Graffiti hinterher ins Pfarrheim.

4.

Als der Sanktus gerade die Klinke zur Toilettentür hat herunterdrücken wollen, hat er Geschrei von innen hören können. Es hat auch etwas gerumst, also alle Anzeichen für ein Gerangel oder Kampf. Er hat kurz nachgedacht, dann aber sofort hinein, weil vielleicht muss er ja dem Graffiti aus irgendeiner Patsche helfen.

So hat er also die Tür aufgerissen und sofort zwei Gestalten ausmachen können. Den Graffiti und einen Herrn in schwarzer Soutane, über der ein goldenes Kreuz an einer Halskette gehangen ist. Der Geistliche, etwas derangiert, hat gerade seine Brille wieder aufgesetzt, aber es war erkennbar, dass das filigrane Metallgestell etwas Schaden genommen hat. Wie das passiert ist, hat sich der Sanktus gar nicht vorstellen wollen.

Er hat dem Geweihten ins Gesicht gesehen. Dort war extreme Erleichterung zu erkennen, da die Farbe von tiefrot wieder in normale Gefilde gewandert ist. Tiefes Durchschnaufen seitens Pfarrer. Dann hat sich dieser die Soutane wieder zurechtgerückt und den Blick vom Graffiti zum Sanktus schweifen lassen.

Den Graffiti hat der Sanktus ja jetzt schon lange Jahre gekannt, und dessen Gesichtsausdruck nach war er gerade bei etwas äußerst Unangenehmem ertappt worden. Der Sanktus hat Angst, Wut und Hass gesehen und ist sich vorgekommen wie ein Jedi-Ritter, der die innersten Gefühle und Gedanken anderer Leute durch die »Macht« spüren kann.

Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid, hat er sich Meister-Yoda-like gedacht. Rausgebracht hat er aber nur: »Ois klar bei euch? Passt ois?«

»Freillä«, hat der Graffiti gestottert, und der Geistliche hat nur genickt und sich am Sanktus vorbei in Richtung Ausgang gedrängt. Im Vorbeigehen hat der Sanktus gemeint, dass er leise »Verwechslung« gehaucht hat.

Wie der Sanktus in den Gang vor der Toilette hinausgelugt hat, hat er eine etwa 60-jährige große Dame, die ihn an die Elisabeth Flickenschild aus den Edgar-Wallace-Krimis erinnert hat, ausmachen können. Sie musste die ganze Szene beobachtet haben, da die Klotür, die der Sanktus zuvor mit aller Wucht aufgerissen hatte, hängengeblieben ist, und somit freie Sicht auf die Szene gegeben war.

»Alles in Ordnung, Frau …?«, hat der Sanktus gefragt, da die Dame einen etwas blassen Teint und verwirrten Ausdruck gehabt hat.

»Muxeneder, Rosina Muxeneder. Ich bin die Pfarrsekretärin hier«, hat sie gestottert.

Jetzt hat der Sanktus die Dame angeschaut. Ja, Pfarrsekretärin hat gepasst. Wahrscheinlich hatte sie eigentlich Nonne werden wollen, so war ihr Auftreten. Sie war ganz dunkel gekleidet. Schwarzer Rock, schwarze Strümpfe, dunkelgraue Bluse. Der einzige Farbtupfer war eine goldene Kette mit einem Kreuz um ihren Hals.

Fast wie bei dem Pfarrer grad, hat sich der Sanktus gedacht.

Er und der Graffiti haben die Frau angesehen und sie die beiden. Immer wieder hat sie in Richtung Ausgang gelugt, durch den der Geistliche gerade verschwunden war. Sie hat auf die Tür gedeutet, und der Sanktus hat den Eindruck gehabt, als ob sie etwas sagen hat wollen. Dann hat sie wieder den Graffiti angesehen, und der Blick, den sie nun aufgehabt hat, war den Bruchteil einer Sekunde eisig. Nein, eisigst! So, als würde sie den Graffiti einfrieren wollen.

Logisch, Gedanke vom Sanktus, weil Pfarrsekretärinnen haben es halt gar nicht gern, wenn man Pfarrern in ihren Toiletten an die Gurgel geht. Kurz darauf hat sich die Dame aber schon wieder ein Lächeln abgerungen.

»Ich glaub, es ist besser, Sie gehen jetzt«, hat sie gemeint.

»Ja, genau. Pack ma’s«, der Sanktus.

Murmeln seitens Graffiti.

»Was war denn das?«, hat der Sanktus beim Hinübergehen, eigentlich eher Hinüberhasten, zur Kirche wissen wollen.

»Nix.«

»Wie? Nix? Du hast doch den am Krawattl g’habt. Erzähl mir doch keinen Schmarren, Graffiti«, hat der Sanktus gekontert.

»Halt die Pappn jetzt. Verwechslung. Hat er doch g’sagt«, hat der Graffiti geschimpft. »Jetzt ist Firmung, und a Ruh is!«

Der Sanktus hat gewusst, dass er in diesem Moment nicht mehr weiterkommen würde, und war somit wirklich still.

Auf dem Kirchplatz ist ihm die Kathi schon entgegengekommen.

»Wo bist denn schon wieder, zefix?«, hat sie gerufen. »Herrschaft, es geht gleich los.«

»Frau Sanktjohanser«, hat der Sanktus mit mahnender Stimme und erhobenem Zeigefinger deklamiert, »auf dem Platze der Kirche darfst du doch nicht fluchen. Schäme dich, Weib! Wir hatten ein Bedürfnis, dem nachgegangen werden musste.«

»Hä?«

»Beim Pieseln waren wir halt, der Graffiti und ich.«

»Ja, is scho recht. Jetzt komm. Alle sitzen schon drin.«

5.

Und jetzt ist dem Sanktus genau das passiert, was er eigentlich mit dem Gang zur Toilette vermeiden hat wollen. Die Leute haben in der Kirchenbank wegen ihm aufstehen müssen, und natürlich Kopfschütteln und abfälliges Gemurmel. Der Kathi war das furchtbar peinlich, nur dem Graffiti war das egal. Er ist einer Übermutter, die sich am lautesten beschwert hat, dass man ja auch pünktlich zum Gottesdienst in die Bank kommen könnte, einfach auf ihre weißen Lackschuhe getreten, ist da drauf kurz verweilt, hat sich freundlich entschuldigt, noch einmal das Gewicht verlagert, damit die Zehen wirklich blau werden würden, und hat sich mit einem Lächeln zum freien Platz neben der Sandy weiter durchgearbeitet. Kommentare der Übermutter gar nicht so christlich.

Direkt, nachdem der Graffiti gesessen war, hat die Glocke geläutet, die Gemeinde hat sich erhoben, die Ministranten und der Pfarrer Hintermeier, ein mittelgroßer, etwas korpulenter Herr mit Bart und Brille, sind in den Altarraum geschritten, aber dann hat den Sanktus fast der Schlag getroffen, denn die Kathi hatte weit vorn einen Platz ergattert, und somit hat er eine gute Sicht gehabt. Der zweite Geistliche mit der Bischofsmütze, der Abt vom Berg, der die Firmung durchgeführt hat, ist nun aus der Sakristei gekommen, und er war niemand anderes als der Mann, den der Graffiti grad vorher auf dem Pfarrheimklo am Schlawittl gehabt hat.

Der Sanktus hat zum Graffiti geschaut, und der hat ein diabolisches Lächeln auf den Lippen gehabt. Gar nicht gut. Nein. Gar nicht gut, Meinung vom Sanktus. Gefährlich, aber hat ja jetzt gerade nichts passieren können. Wenn der Sanktus gewusst hätte, wie falsch er mit dieser Schlussfolgerung gelegen ist, hätte er sich nicht so entspannt in die Kirchenbank gefläzt und durchgeschnauft.

Der Pfarrer Hintermeier hat die Messe in seiner umgänglichen, niederbayerischen sympathischen Art perfekt gestaltet und der Sanktus war froh, dass die Zeit wie im Flug vergangen ist.

Als die Firmlinge mit ihren Paten vorgetreten sind, hast du ein Blitzlichtgewitter gesehen, dass du meinst, du bist bei den Filmfestspielen in Cannes oder bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles. Tausende von selbsternannten Hoffotografen haben sich aus den Bänken geschält, um den besten Blick auf ihre pubertierenden Schratzen zu erhalten und den Schnappschuss ihres Lebens zu machen.

Der Pfarrer Hintermeier hat die umtriebige Fotografenmenge mit einem Grinsen im Gesicht aufgefordert, sich wieder zu setzen, da er sonst nicht weitermache, und die Kirche dann wohl so lange dauern würde, dass die Weißwürste definitiv das Zwölf-Uhr-Läuten hören würden oder es sie gar zerreißt. Ein Affront im katholischen Bayern, und so hat sich die Menge wieder zurück in die Bank gepresst. Völkerwanderung Scheißdreck dagegen.

Der Sanktus hat von hinten auf seine Martina geschaut und war stolzer Vater, obwohl sie nicht seine leibliche Tochter war. Aber sie hatte seine Prägung, sprich, sie war halt doch irgendwie eine Sanktjohanser, auch wenn die Pubertät alles versucht hat, um die humorige bayerische Gelassenheit aus ihr zu vertreiben. Ja, sie hat sogar angefangen, daheim Hochdeutsch zu reden, also nach der Schreibe, was den Sanktus wirklich fertiggemacht hat. Aber zwischendrin, also zwischen Telefon und Smartphonewischen, war sie dann wieder ganz die Alte, und der Sanktus hat erneut Hoffnung geschöpft. Sie war halt sein kleines Mäderl und würde es für immer bleiben.

Der Schorschi, der neben ihm gesessen ist, hat ganz leise gefragt: »Wann ist des endlich aus? Ich hab Hunger!«

Der Sanktus hat ihm über den Kopf gestreichelt und gemeint, dass es wohl noch 20 Minuten dauern würde.

»Bei dir dauert immer alles 20 Minuten«, hat der Bub gemeint. »Und dann dauert’s ewig.«

Der Sanktus hat schmunzeln müssen. Wie so oft hatte ihn sein Sohn wieder einmal entlarvt. Die Kathi, die den Dialog mitbekommen hatte, hat gelächelt und dem Schorschi die Hand gedrückt.

Als Firmling und Patin an der Reihe waren, hat die Anna der Martina von hinten die Hand auf die Schulter gelegt, und der Abt hat dem Mädchen ein Kreuzzeichen mit Chrisam auf die Stirn gezeichnet. Dann hat er sich kurz mit der Martina unterhalten, und die nächsten waren an der Reihe. Eigentlich ein sympathischer Mensch, hat sich der Sanktus gedacht. Was hat der Graffiti wohl gegen ihn gehabt? Oder doch eine Verwechslung? O mei! Das würde wieder ein Gewürge werden, bis er das aus seinem alten Spezl herausbekommen würde.

6.

Nachdem der Gottesdienst vorbei war, haben sich alle Beteiligten auf dem Vorplatz der Kirche versammelt, wo bereits weiße Stehtische aufgestellt waren. Nun konnte sich jeder stärken, denn es gab Sekt, Bier, alkoholfreie Getränke sowie Canapés.

Der Schorschi ist schnurstracks zur Bar gerannt und mit einer Orangenlimonade zurückgekommen.

»Der ist viel zu brav«, hat der Sanktus gemeint. »Der kommt dir nach, Kathi. Ich hätt auf jeden Fall ein Cola dahergebracht.«

»Oder gleich eine Halbe Bier«, hat die Kathi schmunzelnd gemeint. »Aber hast recht. Ein braver Bub ist er, Gott sei Dank.«

Die Martina ist gerade mit der Anna zu der Gruppe hergekommen, beide Damen waren mit einem Glas Sekt mit Orangensaft bewaffnet, da war auch schon die Birthe wieder auf dem Tableau. Gott sei Dank hatte sie in der Sandy ein williges Opfer gefunden, das sich nicht getraut hat, ihr einen Korb zu geben oder einfach abzuhauen, und die Birthe hat gnadenlos in sie hineinblubbern können. Dem Sanktus war es recht, da der Graffiti eh noch nicht aus der Kirche herausgekommen war. Komisch, denn der Sanktus hat sich nicht vorstellen können, dass sein Freund länger als nötig in einem Gotteshaus verweilt. Aber sei’s drum, die Sandy und die Birthe waren aufgeräumt, die Mädels haben geratscht und der Hannes war mit dem alten Sanktjohanser völlig unterhopft zu dem Tisch, wo es das Bier gegeben hat, durchgestartet. Natürlich haben sie dem Sanktus und dem Graffiti auch ein Bier mitgebracht. Doch der Spezl war immer noch nicht da.

Auf einmal ist der Pfarrer Hintermeier bei den Herren gestanden und hat mit ihnen angestoßen. Wie immer war er in eine schwarze Soutane gekleidet. Anders hast du ihn nirgends antreffen können. Selbst wenn er mit seinem Mountainbike durch München geradelt ist, hat er dieses Gewand angehabt. Wie er es geschafft hat, mit dem Stoff nicht in der Kette des Radls hängenzubleiben, war dem Sanktus ein Rätsel.

»Prost. Kennen mia zwoa uns?«, hat er den Sanktus gefragt. »Sie komma mir so bekannt vor. Aber ich weiß jetzt ned, wo ich sie hintun muss.«

Der Sanktus, personengedächtnismäßig seit eh und je schlecht, hat den Kopf geschüttelt.

»Ich auch ned, aber bekannt schon, äh, ja, ja …«, hat er geflunkert.

»Wurscht. Komma schon no drauf, aber hobts es den Abt g’sehn? Der geht ma no ab. I hob ja drin versprochen, dass na alle jetzt Fotos mit eahm machen können. Wo is na der? Der wollt sich eigentlich nur noch in Ruhe umziehn. I schau amoi«, hat er gemeint und sich zum Gehen umgedreht.

»Moment, Herr Pfarrer«, hat der Sanktus gemeint. »Ich geh mit. Mir geht nämlich mein Spezl, der Himsl Quirin, noch ab.«

»Na pack ma’s! Auf geht’s«, hat der Hintermeier gemeint, und die beiden sind in Richtung Kirche und durch das große Portal wieder in den mächtigen Backsteinbau hinein.

Sie sind durch die langen dunklen Bankreihen mittig durch das Kirchenschiff in Richtung Altar geeilt. Dem Sanktus war bereits klar, dass irgendetwas nicht stimmen hat können, denn, wenn der Graffiti jemanden am Vormittag eine aufstreichen will und zwei Stunden später gehen diese Person und der Graffiti ab, dann kannst du eins und eins zusammenzählen. So schaut’s aus! Nicht, dass der Graffiti aggressiv wäre oder ein großer Schläger, brauchst du nicht glauben. Außerdem hat es lange gedauert, bis man den Graffiti so gereizt hat, dass er ausfallend wird. Handgreiflich eigentlich nie, also privat. Geschäftlich hätte der Sanktus jedoch keineswegs seine Hand für ihn ins Feuer gelegt, denn was die Firma Himsl In- und Export so getrieben hat, ist ihm Gott sei Dank völlig verborgen geblieben. Ob die Geschäfte alle ganz legal gelaufen sind, hat er bezweifelt. Eigentlich war es dem Sanktus ganz recht, dass er nie etwas mitbekommen hat und seine Freundschaft zum Graffiti ausschließlich privater Natur war. Geschäftliche Querelen haben stets seine zwielichtigen Angestellten, der Murat, der Nikos, der Binser oder der Pröbstl, geregelt.

Vor ihm hat der Pfarrer Hintermeier gewinkt, und dem Sanktus ist aufgefallen, dass ihnen eine Gestalt zwischen den Bankreihen entgegengekommen ist. Dabei hat es sich um die große Dame aus dem Pfarrheim gehandelt, die Pfarrsekretärin Muxeneder.

»Muxi«, hat der Hintermeier gerufen, »hast du den Abt g’sehn?«

»Naa, Herr Pfarrer. Der ist noch ned aus der Sakristei rausgekommen. Ich hab mir jetzt natürlich nicht hineinschauen trauen, weil ich als Frau und ein geweihter Herr … Naa, müsst ich mich ja der Sünden fürchten.«

Die Muxeneder hat sich sofort bekreuzigt.

»Muxi, so wild wär’s jetzt auch ned. Aber hast recht. Wissen S’«, hat er sich an den Sanktus gewandt, »unser Mesner ist krank, und die Muxi, also die Frau Muxeneder, hilft grad a weng aus.«

Nun sind sie eiligen Schrittes zum Eingang der Sakristei gelaufen, der sich auf Höhe des Altars befunden hat. Der Hintermeier hat an die Tür geklopft.

»Bertl«, hat er gerufen, »Bertl, bist du da drin? Engelbert. Mach auf!«

Dann hat er an der Tür gerüttelt. Sie war verschlossen.

Er hat sich zur Aushilfsmesnerin hingedreht.

»Also, Muxi, sperr auf!«

»Meinen S’, ich sollt, Herr Pfarrer? Ned, dass der ehrwürdige Herr Abt vielleicht noch ned ganz angezogen ist«, hat die Ersatzmesnerin gestammelt.

Der Hintermeier hat der Muxeneder den Schlüssel aus der Hand genommen und die Tür zur Sakristei aufgesperrt und geöffnet. Drinnen ist auf einem Teppich in einer Blutlache der Abt vom Berg gelegen. Sein Kopf hat eine klaffende Wunde aufgewiesen, und es war klar, dass er erschlagen worden war. Das Mordwerkzeug war offensichtlich. Es hat sich dabei um die Monstranz vom Altar gehandelt. Sie war blutverschmiert zu Füßen des Abts hingestellt worden.

Neben dem Toten ist ein blasser Graffiti gekniet. In der Hand hat er eine Karte mit einem Luzifer-Bild gehabt. Seine Finger waren blutverschmiert.

Die Muxeneder hat einen gellenden Schrei ausgestoßen und geschrien: »Das ist er! Das ist der Mann, der den ehrwürdigen Abt heute schon auf der Toilette angegriffen hat. Polizei! Polizei!«

Sofort ist sie aus der Sakristei hinaus, durch das Kirchenschiff und durch das Portal auf die Treppen gerannt und hat in die Menge geplärrt: »Er hat den ehrwürdigen Abt umgebracht! Er hat ihn mit der Monstranz erschlagen! Abt Philipp ist tot!«

Dann ist sie bühnenreif ohnmächtig vor der Kirche zusammengebrochen.

7.

In der Sakristei hat es von Polizisten gewimmelt. Die Schranner Bine und der Bergmann Rudi, beide Münchner Kriminalbeamte, waren da, außerdem ein Rechtsmediziner und mehrere Streifenbeamte. Der Pfarrer Hintermeier ist neben dem Toten gestanden und hat gebetet.

»So«, hat er gesagt, »seids amal stad und ihr singts jetzt alle mit.«

Er hat »Segne du, Maria« angestimmt, und der Sanktus, die Bine und der Rudi haben ganz leise mitgesungen. Die Polizisten haben etwas gebrummt, also Maikäfersyndrom. Nur der Graffiti hat kein Wort rausgebracht. Er hat die Anweisung gehabt, sich nicht vom Fleck zu rühren, da ja schließlich Hauptverdächtiger, scheint’s. Eigentlich hat nur der Hintermeier gesungen, weil er der einzige Textsichere war, aber feierlich war es trotzdem, denn einen toten Abt begleitest du halt nicht jeden Tag auf seinem letzten Weg.

»Hast du den umbracht?«, hat der Sanktus dem Graffiti zugeflüstert.

»Spinnst du komplett, du Vollgaserer«, hat der zurückgezischt. »Bin doch ned deppert! Der war scho hin, wie ich kommen bin!«

Dann sind, wie sollt’s auch anders sein, der Leichen-Seppi mit seinem narrischen Vater, also Bestattungsdienst Hingerl, in bester Blues-Brother-Manier aufgetaucht.

»Des hätt i mir ja glei denken können, dass du wieder da bist, wenn’s wo eine Leich gibt, Sanktus«, hat der Seppi gemeint und den Sanktus entsetzt angeschaut.

»Ich denke, das ist Kommissar Manfred Kopfeck von der Kripo Erding. Die Bayern und ihre Spitznamen. Versteh, wer wolle«, hat der Rechtsmediziner verdutzt gemeint. »Der ist wohl immer da, wenn’s in ’ner Kirche«, das hat er jetzt gesprochen wie Köörche, »’ne Leiche gibt. Ich kenn den von dem Mord in Steinhausen im letzten Jahr. Aber macht, wat ihr wollt. Ergebnisse habt ihr am Montag. Ich geh jetzt ins Wochenende. Tschü-ü-üs!«

»Kommissar Kopfeck?«, hat der Rudi gefragt.

»Notlüge«, hat die Bine hinausgeschossen. »Tut nix zur Sache, gell, Sanktus?«

»G’wiss ned, Bine. G’wiss ned«, hat der Sanktus bestätigt. »Rudi, tu weiter!«

Der Rudi hat nur mit den Augen gerollt und drohend den Finger erhoben.

»Aber guad für ’n Umsatz isser, da Sanktus. Muass ma eahm lassn«, hat der alte Hingerl gefaselt und den Sarg verschlossen.

»Darf ich die Karte amal anschauen?«, hat der Sanktus gefragt, und die Bine hat sie ihm, eingepackt in einer Klarsichtfolie, gegeben.

Die Karte hat einen sitzenden Teufel mit geschwungenen Hörnern gezeigt. Die Flügel haben ausgesehen wie von einer Fledermaus, seine Beine waren behaart, und über seinem Kopf hat ein Pentagramm gethront. Die Zahl 15 war römisch, also XV, dargestellt.

»Der Teufel. Tarotkarte Nummer 15«, hat die Bine kurz gesagt. »Dreh mal um!«

Der Sanktus hat die Rückseite betrachtet. Mit einem wasserfesten Stift war groß »5« draufgestanden.

»Fünf?«, hat der Sanktus gefragt.

»Keine Ahnung«, hat der Rudi gemeint.

»Die Monstranz und die Karte prüfen wir auf Fingerabdrücke«, hat die Bine gesagt. »Und dann schauen wir weiter.«

»Meine werdts auf der Monstranz ned finden«, hat der Graffiti eingeworfen. »Der war nämlich schon tot, wie ich gekommen bin!«

»Tja. Herr Himsl, das können S’ dann alles im Bräsidium zu Prodokoll gebn«, hat der Bergmann Rudi gefränkelt.

»Wir wären jetzt dann aber alle zum Mittagessen im Hofbräukeller am Wiener Platz«, hat der Sanktus gesagt. »Der Graffiti ist nämlich bei uns auf der Firmung eingeladen, und die andern warten alle schon draußen. Geht’s halt mit, ihr zwei. Na könnts in Ruhe verhören, und wir schrotten ned die ganze Feier.«

Der Rudi hat die Stirn gerunzelt, dann gelächelt und genickt.

»Weng meiner. Ausnahmsweise, Sankdus! Geh ma mal naus und schau ma, ob der Krankenwachen scho die hysderische Dame wegbracht hat. Die würd ma aa gern vorher no sprechen.«

8.

Eine Stunde später sind alle, immer noch etwas aufgeregt von den Ereignissen, unter Kastanien im schattigen Biergarten am Wiener Platz gesessen. Natürlich im Teil mit Bedienung. Jeder hat ein Getränk vor sich gehabt, der Sanktus bereits seine zweite Maß in Zubereitung. Der Graffiti hat Wasser getrunken, weil er nicht gewusst hat, was ihm an diesem Tag noch so alles blühen würde.

Natürlich große Diskussion um die Geschehnisse gerade eben, aber die Birthe hat den Fall ohnehin schon gelöst gehabt. Der Sanktus hat schon nicht mehr hinhören können, aber dann sind Gott sei Dank auch schon die Bine und der Bergmann Rudi um die Ecke gekommen und haben Platz genommen.

»Jetzt bestellen wir alle erst einmal was zu essen«, hat die Kathi gesagt. »Esst, was euch schmeckt. Bine und Rudi, ihr seid natürlich auch eingeladen.«

»Für mich bidde ned«, hat der Rudi gesagt. »Mich holt gleich die Lena ab.«

»Ja, genau«, hat der Sanktus lachend gesagt, das Telefon gezückt und die Lena, die er schon seit seiner Gymnasialzeit gekannt hat, angerufen. Sie hatte auch schon mit ihm ermittelt und ihm während der Hopfenkiller-Morde, als er vom Kriminalassistenten Demuth polizeilich gesucht worden war, in ihrer Wohnung Asyl gegeben.

»Du darfst noch bleiben, Rudi«, hat der Sanktus gesagt. »Sie kommt später noch auf eine Halbe vorbei.«

Der Rudi hat gelacht, den Kopf geschüttelt und ein Bier bestellt.

»Jetzt erzähl, Rudi«, hat die Kathi ihn aufgefordert. »Wennst überhaupt darfst.«

»Jetzt hat er ja Feierabend«, hat der alte Sanktjohanser gerufen. »Na derf a scho, gell!«

»Ist der Mann Polizi-ist?«, hat die Sandy gefragt, die irgendwie immer noch an der Birthe gehangen ist. »Der sieht gar nich so a-us! He, voll kra-ass.«

»Isch weeß es nich«, hat die Birthe angefangen. »Fleisch könnte hior mal jemand Klarheit schaffen. Man weeß ja nich, was man sochen darf …«

»Jaja! Is scho recht«, hat der alte Sanktjohanser gemeint. »Das ist der Kommissar Bergmann. Ein alter Freund von meinem Sohn.«

»Kommt Ihr Sohn auch noch?«, hat die Sandy gefragt.

Jetzt hat der alte Sanktjohanser nur noch den Kopf geschüttelt, und der Graffiti hat seinen in den Händen vergraben.

»Er ist der Vater vom Sanktus«, hat der Graffiti geseufzt.

»Hat mir keiner gesa-agt«, hat sich die Sandy verteidigt.

»Rudi, hast du die Hexeneder verhört?«, hat die Martina gefragt.

»Muxeneder heißt die, oder?«, hat die Bine eingeworfen.

»Ja, aber wir nennen sie so, weil sie so furchtbar ist. Sie tut immer so katholisch, derweil ist sie ein giftiges altes Weib!«

»Also Martina!«, hat die Kathi gerufen. »Sag amal! Wie redst denn du?«

»Ja, wir haben sie verhört«, hat der Rudi gesagt. »Sie hat ausgesagt, dass der Graffiti schon vor der Messe auf den Abt losgegangen ist. Auf dem Klo vom Pfarrheim.«

»Stimmt das?«, hat die Bine gefragt.

Der Graffiti hat abgewinkt.

»Kommt ja eh raus. Freilich stimmt’s.«

»Warum?«, hat der Sanktus wissen wollen.

»Weil ich halt mein Maul ned halten kann. Er hat mich beim Pinkeln gefragt, was ich zu dem maskierten Luzifer sag.«

»Na bravo!«, hat der Sanktus gemeint.

Ringsum fragende Blicke.

»Genau! Dann hab ich natürlich gesagt, ich find es ned schlecht, dass man den Kuttenbrunzern und Tabernakelwanzen mal das Gas einstellt und dass sie sich endlich wieder auf das Christentum besinnen sollen und nicht nur kleine Buben vernaschen.«

Jetzt war es still am Tisch.

»Kann ja ich ned riechen, dass das gleich der Abt ist. Ist mir aber auch wurscht, fei wirklich«, hat sich der Graffiti verteidigt.

»Und warum sind Sie ihm dann nach der Messe in die Sagrisdei nach?«

»Hä?«, Frage vom Graffiti.

»Sakristei«, hat der Rudi hochdeutsch wiederholt.

»Bin ich eigentlich ned. Ich wollt nur ein Kerzerl stiften. So ein bisserl als Entschuldigung, weil ich so einen hohen Pfaffen verschreckt hab. Da hab ich ein Wortgefecht in der Sakristei drin gehört.«

»Zwei Männer?«, hat die Bine gefragt.

»Kann ich ned sagen. Die Tür war angelehnt, und wie ich rein bin, war nur noch der Abt da.«

»Das ist aber komisch«, hat die Martina gesagt.

»Ich hab Hunger, Kruzifix!«, hat der Schorschi auf einmal aus heiterem Himmel gerufen.

»Das hat er von dir, Sanktus«, hat die Anna konstatiert, und die Kathi hat nickend bestätigt.

Der Hannes hat vor Lachen fast sein Bier über den Tisch geprustet.

»Gleich gibt’s was«, hat der Sanktus den Buben beruhigen wollen.

»Ja, genau. In 20 Minuten«, haben der Schorschi und die Martina gemeinsam kommentiert und sich schiefgelacht.

»Ich bin sofort zu dem Abt hin und gleich drauf ist hinter mir die Tür versperrt worden. Meints ihr wirklich, ich würd als Mörder warten, bis die Polizei kommt? Bin ja ned deppert. Der Mörder muss sich hinter der Tür versteckt haben, und wie ich mich zum Abt hinuntergebeugt hab, ist er in das Kirchenschiff hinaus und hat abgesperrt.«

»Ja, Herr Himsl. Das ist dheoredisch möchlich, aber man kann das im Nodfall alles doll arrangieren, um von sich selbst abzulenken, oder um während der Dad ned gestörd zu wern. So a Schlüssel is schnell organisiert und wieder wech. Lass ma des mal so stehen. Und wie haben Sie den Abt vorgefunden?«, hat der Rudi wissen wollen.

»Er ist mitten auf dem Boden auf dem roten Teppich gelegen. Er hat noch gelebt. Ich hab seinen Kopf angehoben, weil er mir was sagen hat wollen. Drum hab ich auch blutige Hände gehabt. Aber er hat nichts mehr rausgebracht. Leider. Die Monstranz ist neben seinen Füßen gelegen«, hat der Graffiti erzählt.

»Und die Luziferkarte?«, hat die Bine gefragt.

»Hat er in der Hand gehabt. Die hab ich genommen. Da findets auf jeden Fall meine Fingerabdrücke drauf. Aber echt! Ich hab den nicht umgebracht. Wirklich ned.«

Der Sanktus hat den Graffiti angeschaut und hat ihm 100 Prozent geglaubt, dass er am Tod des Abts nicht schuld war, aber die Story vom Klo, die hat der Graffiti jemandem anderen erzählen sollen.

»Und der Fünfer, der hinten auf der Karte drauf war? Was könnte der bedeuten, Graffiti? Fällt mir nur spontan das fünfte Gebot ein: Du sollst nicht töten.«

»Geh, Schmarren, Sanktus«, hat der Graffiti erwidert. »Die hätte der Mörder ja direkt selber behalten können. Da würd er sich doch selber meinen, oder?«

»Oder Rache«, hat der Sanktus gemeint. »Vielleicht war der Abt an irgendwas beteiligt in seiner Vergangenheit. Weißt du da nix, Graffiti?«

Der Sanktus hat den Graffiti jetzt so angeschaut, dass dieser gewusst hat, dass er ihm die Geschichte auf dem Klo nicht abnimmt.

»Zahl 5 in der Bibel«, hat der Graffiti gemurmelt und gegoogelt. »Fünf kluge Jungfrauen, fünf glatte Steine Davids, fünf Gerstenbrote, fünf verständige Worte … Ich weiß ja ned …«

»Also doch fünftes Gebot, oder? Aber kann der Praetorius wen umgebracht haben?«

SAMSTAG

9.

Die Person saß vor ihrem kleinen kerzenbeleuchteten Altar und blickte auf den Artikel der Münchner Morgenpost. Die Kerzen flackerten, und im Hintergrund spielte ein alter CD-Player die Schubertmesse. Ansonsten war das Zimmer stockdunkel. Der Schatten fuhr die Züge des Gesichts von Pfarrer Altenböck auf dem in der Zeitung abgedruckten Porträt zärtlich mit dem Finger nach.

»Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich. Ist dir zum Verhängnis geworden, alter Depp. Hättest dich auf deine christlichen Werte besinnen sollen. Aber mit euch wird jetzt abgerechnet.«

Die CD spielte gerade Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe.

»Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg Sünder noch sitzt, da die Spötter sitzen, Gabrielskirche. Sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht!, in der Ludwigskirche. Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht; und was er macht, das gerät wohl, in der Bennokirche. Jawohl! Das werdet ihr lesen können, ihr gotteslästerliches Pack«, flüsterte die Person ihrem Bild im Spiegel, der neben dem Altar hing und ihr Gesicht im Flackern der Kerzen wiedergab, zu. Hass und Traurigkeit sahen ihr entgegen.

»Macht weiter so, meine Engel, und die Welt wird wieder eine bessere sein. Der wahre Glauben wird zurück in unsere Gotteshäuser kehren, und der Herr wird uns mit Dank belohnen.«

Die Person öffnete ihre Arme wie ein Priester, legte den Kopf in den Nacken und nahm einen tiefen Atemzug, da vernahm sie einen Lichtschein auf dem Hocker neben dem Altar. Das Display ihres Handys hatte zu leuchten begonnen. Sie öffnete das E-Mail-Postfach und betrachtete den Absender. Dann öffnete sie die Mail. Es war ein Link zu einer Seite der Münchner Morgenpost, die den Mord an Engelbert Praetorius, Abt Philipp vom Berg, ganz in der Nähe, meldete. Nicht mal so schlecht. Bisher jedoch kein Anhaltspunkt auf den Mörder. Wut stieg in ihr hoch. Unendliche Wut.

»Und sie werden erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich meine Rache über sie bringe«, spie die Gestalt dem Altar entgegen und löschte die Kerzen.

10.

»Diese Botschaft geht an alle Gottlosen in unserer Gesellschaft. Besinnt euch endlich auf eure christlichen Werte. Überdenkt euer Wirken, seid barmherzig, großzügig, spendet Liebe. Nehmt Abstand von Egoismus, Habgier, Neid und Hass. Denkt an die nächsten Generationen. Verbaut ihnen nicht die Zukunft mit eurem Streben nach Profit. Geht in die Kirchen und betet für euer Seelenheil. Lebt nach der Vorgabe des Herrn! Ich habe euch drei Psalmen an die Wand unserer Gotteshäuser geschrieben. Beachtet sie und es wird euch nichts geschehen.«

12. Internetvideo des Unbekannten mit der Luzifermaske

11.

Aus der Münchner Morgenpost –

Mord in der Sakristei

Ein Artikel von Severin Birnstingl

Am gestrigen Freitag wurde Abt Philipp, mit bürgerlichem Namen Engelbert Praetorius, ermordet in der Sakristei der Pfarrkirche Sankt Johann Baptist am Johannisplatz aufgefunden. Abt Philipp zelebrierte an diesem Tag die Heilige Firmung mit zahlreichen Firmlingen aus Haidhausen. Alles verlief nach Plan, jedoch erschien der Abt vom Berg nach der Messe nicht zum Umtrunk, der auf dem Vorplatz der Kirche abgehalten wurde.

Pfarrer Remigius Hintermeier, Stadtpfarrer von Sankt Johann Baptist, machte sich auf die Suche nach seinem Kollegen und entdeckte ihn blutüberströmt in der Sakristei am Boden liegend. Anscheinend war er kurz nach der heiligen Messe dort erschlagen worden. Als Tatwaffe kommt die heilige Monstranz aus dem Altar in Betracht. Zeugenaussagen zufolge hielt der tote Ordensgeistliche eine Tarotkarte mit dem Bild des Teufels, auf der die Zahl »5« markiert wurde, in der Hand.

Ob es sich beim Täter um den Unbekannten mit der Luzifermaske, der die katholische Welt seit einigen Wochen in Atem hält (wir berichteten), handelt, oder ob ein Nachahmungstäter seine Hand im Spiel hat, ist bis dato noch nicht geklärt. Ebenfalls unklar ist die Bedeutung der Zahl »5«. Handelt es sich um den fünften Psalm, in dem David den Herrn bittet, Lügner, Mörder und Betrüger zugrunde gehen zu lassen, oder weist »5« gar auf das fünfte Gebot: »Du sollst nicht töten« hin?

Belegt ist jedoch, dass Abt Philipp bereits am Morgen vor der Messe von einem Unbekannten körperlich bedroht wurde. Warum er nach dem Gottesdienst alleine in der Sakristei blieb, ist bisher nicht erklärbar.

Als Resultat bleibt nur ein ungeklärter Mord. Vom Täter fehlt jede Spur, und die Polizei nennt bis dato keinen Verdächtigen. Die Ermittlungen beschäftigen sich nun mit Geschichte und Umfeld des Opfers, in denen das Motiv für die Tat liegen könnten.

Engelbert Praetorius wurde 1974 in München geboren. Er studierte nach dem Abitur zuerst in München und später in Regensburg katholische Theologie. Schon kurz nach dem Studium trat er ins Kloster am Berg ein und nahm den Ordensnamen Philipp an. 2003 wurde Engelbert Praetorius zum Priester geweiht und verbrachte die Jahre danach als Kaplan und Pfarrer in verschiedenen oberbayerischen Gemeinden in der Nähe des Klosters. Den Wunsch, nach München zurückzukehren, hegte Pater Philipp, nach Aussagen seiner Mitbrüder, nie. 2010 wurde Phillip zum Abt des Klosters am Berg gewählt. Philipp galt als umgänglicher, aufgeschlossener Priester, der im Kollegium sowie in den Gemeinden sehr beliebt war und für jeden Gläubigen ein offenes Ohr hatte. Umso unverständlicher ist diese Tat.

DIENSTAG

12.

Am Dienstagmorgen hat der Sanktus in der Haidhauser Bierwerkel, sein und Hanspeters Craftbeer-Shop mit eigener Hausbrauerei, arbeiten müssen. Das Wetter war gut in diesem Jahr, ihr Biergarten im Innenhof des Häuserblocks an der Einsteinstraße war stets bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Gäste haben den Haidhauser Stenz, ihr traditionelles helles Lagerbier, getrunken, als würde es bald keinen Gerstensaft mehr geben. Der Renner war in diesem Sommer 2019 auch das Alt-Münchner Dunkel, das der Sanktus mit seinem Kompagnon rein aus dunklem Malz und im traditionellen Dreimaischverfahren hergestellt hat. Die Farbe war wie sehr dunkles Kupfer und der Geschmack malzig-süß, extrem aromatisch, gepaart mit einer leicht bitteren Note, sodass die Wucht der Süße etwas kompensiert wurde und die Süffigkeit, auf international »Drinkability«, in den Vordergrund getreten ist.

Der Sanktus hat gerade einen Stenz gebraut und die Maische in den Läuterbottich abgemaischt. Der Hanspeter, immer noch Brauer beim Münchner Sternbräu, war in der Arbeit und der Sanktus somit allein. Ein Damoklesschwert ist jedoch noch über ihm geschwebt, da sich die Birthe angemeldet hatte, weil sie »mal so ’ne kleene Brauerei« sehen hat wollen. Sie kannte ja nur die großen aus dem Osten, die du jetzt immer im Fernsehen sehen kannst. Aber hoffentlich würde dieser Kelch zumindest heute an ihm vorübergehen, da die Geschichte um die Leiche des Abts das Tun der Landeshauptstadt bis dato vollends bestimmte. Somit wahrscheinlich auch das der beiden Damen, und die Birthe würde dem Sanktus erspart bleiben.

Heute in der Früh hatte die Anna die Martina abgeholt. Sanktus’ Schwester hatte ihr zur Firmung 14 Tage Griechenland geschenkt. Ein Traum, den die Jugendliche schon lange hatte. Der Schorschi hat natürlich sofort aufbegehrt, denn er will ja schließlich dann auch wegfahren, wenn seine Schwester das darf, weil Ungerechtigkeit sondergleichen, und so geht’s ja wirklich nicht! Hier hatte sich dann der alte Sanktjohanser geopfert und ist mit dem Schorschi kurzerhand in die Berge gestartet. Er hatte den Buben eine Viertelstunde, bevor die Martina los ist, abgeholt, und so war der Kleine happy, weil länger weg als seine große Schwester.

Wenn du denkst, ja super, die Kinder aus dem Haus, wie romantisch, hast du nicht bedacht, dass die Birthe ja noch die Wohnung okkupiert hatte und die Kathi auf einmal so um den Sanktus herumgeschwänzelt ist, ihm schöngetan und gefragt hat, ob es ihm was ausmache, wenn ihre Freundin noch ein bisserl bleiben würde. Der Sanktus, der ja Gott sei Dank mit dem Graffiti dahingehend ein Flucht-Scenario erörtert hatte, hat sich großzügig gegeben und damit natürlich viele Busserl kassiert. Seinen Umzug zum Graffiti hat er lieber noch nicht erwähnt. Sicher ist sicher, hat der Bauer gesagt und den toten Hund an die Kette gelegt, Gedanke vom Sanktus.

Kurz nachdem die Läuterruhe vorbei war und er nach dem Vorschießen und Trubwürzepumpen die Fließgeschwindigkeit der Vorderwürze eingestellt hatte, hat es an der Eingangstür zur Bierwerkel geklopft. Der Sanktus, der gemeint hat, dass es sicherlich der Postbote, der wieder einen Haufen Rechnungen bringen würde, sein musste, ist zum Öffnen gegangen.

Doch beim Postboten weit gefehlt. An der Tür waren der Pfarrer Hintermeier und ein afrikanischer Kollege. Beide haben ziemlich betreten dreingeschaut und dem Sanktus angedeutet, dass sie gerne eintreten würden.

Der Sanktus hat natürlich geöffnet, weil zwei Hochwürden kannst du ja schließlich nicht mitten im Hinterhof stehen lassen. Geht doch wirklich nicht.

»Griaß di, Sanktus«, hat der Hintermeier angefangen. »Jetzt schau ned so kariert. Kennst mi nimmer, oder? I hob’s da doch scho am Freitag g’sagt, dass du mir so bekannt vorkommst. Ha? Sog, alte Wirtshaushupen.«

»Woas host du gerade gsack?«, hat der anscheinend aus Afrika stammende Kollege wissen wollen.

»Alte Wirtshaushupe, which means old tavern horn«, hat der Hintermeier erklärt. »An urold Bavarian expression, woaßt, Sepp. Sanktus, das ist der Pater Joseph Mbewu aus Südafrika. Sozusagen der Mbewu Sepp. Sepp, das ist der Sanktus, und jetzt schau ma, ob er sich wieder erinnert, woher er mi kennt.«

»Griaß dee, Sanctus«, hat der Pater Mbewu den verdutzten Sanktus begrüßt. »Gfreit me, dick kennen su learnen.«

»Servus, Sepp, freut mich aa, aber woher kennen mir zwei uns jetzt, Herr Pfarrer?«

»Jetzt überlegst amal. Warst doch früher aa scho g’scheit. Denk mal nach. Ich sag nur Simon-Knoll-Platz. Schnackelt’s?«, hat der Hintermeier lachend gefragt.

Jetzt hat es im Sanktus-Hirn wieder einmal geraucht, aber die Glut ist einfach nicht entfacht worden.

»Ich komm ned drauf! Echt ned!«

»Da Prälaten-Migi. Sagt da des nix?«

»Der Prälaten-Migi vom Hinterviehbacher Klosterbräu. Der kleine Dicke …«

»No, no, no, gell! So schlimm war i aa wieder ned«, hat sich der Hintermeier verteidigt.

»Na, ja. A bisserl grenzlastig warst schon! Ja verreck, der Migi! Von was war denn das eigentlich die Abkürzung?«

»Remigius, Sanktus, Remigius!«

»Sanktus Remigius. Tät sich gleich gut anhören, gell«, hat der Sanktus philosophiert.

»Very good my friend«, hat der Pater Mbewu dazwischengeworfen.

»Wie bist denn du dann Pfarrer worden?«, hat der Sanktus gefragt.

»Des war scho immer mei Plan. Aber ich wollt halt auch bierbrauen. Geht in am Kloster ja gut. Außerdem, stell dir vor, ich hätt euch 25 versoffenen Brauern erklärt, dass ich nach der Lehr Theologie studieren will. Da hätt i euch sehen wollen. Um Gottes willen.«

Der Hintermeier hat jetzt aus vollem Herzen gelacht.

»Hast recht. Des wär was worden. Aber, was kann ich dir Gutes tun?«, hat der Sanktus gefragt.

»Erst amal a Halbe Bier, bitte«, ist die Antwort blitzschnell gekommen.

»Dunkel?«

»Wia im Kloster. A Traum. Sepp, was magst du?«, hat der Hintermeier gefragt.

»For me aa bittschön a Dunkles. Is dock kloar, oder?«

Dann hat der Mbewu gegrinst.

Und dann haben sie gelacht, und der Sanktus hat drei Halbe Alt-Münchner geholt.

13.

Als das Triumvirat schon fast die Hälfte seiner Getränke vernichtet hatte, hat der Hintermeier angefangen zu erzählen, warum sie gekommen waren.

»Sanktus, wir brauchen deine Hilfe. Die Situation wachst uns über den Kopf. Du kennst doch die G’schicht von dem Typen mit der Luzifermaske. Den vom Internet, mein ich.«

Nicken seitens Sanktus.

»Heute früh hat man drei weitere Psalmen in Kirchen gefunden. Einen in der Gabrielskirche, einen in der Ludwigskirche und einen in der Bennokirche. Psalm 1.1 bis 1.3.Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg Sünder noch sitzt, da die Spötter sitzen, sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht!, der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht; und was er macht, das gerät wohl. Der Luzifer klagt die Menschen an, die sich gottlos verhalten. Ist in der Sache ja ned weiter schlimm.«

Aha, Gedanke beim Sanktus.

»Aber, dass die Kirchen beschmiert werden, ist furchtbar. Außerdem macht das den Menschen Angst. Das hat etwas Bedrohliches! Die Kirche ist ein Ort der Ruhe und Zuflucht. Man möchte sich da sicher fühlen. Dann die G’schicht mit dem Altenböck. Das ist schon wieder was anderes.«

»But du muass sagen, dass die Anschuldigung ricktick woar«, hat der Mbewu eingeworfen.

»Ja, auch recht. Aber dafür gibt’s die Polizei und ned das Internet. Da wird ein Hass aufgebaut, dass braucht’s ned«, hat sich der Hintermeier gerechtfertigt.

»Und was soll ich da machen?«, hat der Sanktus gefragt.

»Du bist sozusagen eine Koryphäe in der Aufklärung von Kriminalfällen. Hat der Horvat Boži zumindest behauptet«, hat der Hintermeier angefangen.

»Aha, jetzt weiß ich, woher der Wind pfeift«, hat der Sanktus lachend eingeworfen. »Jetzt wird’s mir klar.«

»Ja, ja, genau!«, hat der Hintermeier gesagt, und der Sanktus hat begriffen, dass er eigentlich nicht nur wegen der Schmierereien hergekommen war.

»Ja, ja. Und jetzt auch noch diese Sach mit dem Abt Philipp, gell«, hat der Sanktus eingeworfen.

»Wenn das alles zusammenhängt, Gott bewahre, dann haben wir eine Inquisition, nur dieses Mal gegen uns. Und zusammenhängen muss es irgendwie, weil einige meiner Kollegen solche Luziferkarten mit dem Aufruf zu Buße und Christlichkeit per Post gekriegt haben. Ich weiß von drei befreundeten Pfarrern«, hat der Hintermeier erzählt.

»Sauber. Jetzt wird ein Schuh draus«, hat der Sanktus gemeint.

»Genau. Der Abhishek aus Solln, der Stevens aus Sendling und sogar dein Spezl, der Horvat Boži aus Steinhausen. Jetzt sagst nix mehr, oder?«

»Nein, jetzt sag ich nix mehr, Migi. Sauber!«

»Sanktus, wenn das ein Irrer ist, der da umeinanderläuft? Die Psalmen lass ich mir ja noch eingehen, aber die Karten und der Mord? Die machen mir Angst«, hat der Hintermeier zitternd gemeint.

»Yes, indeed. Dös is ned guuuaad«, hat der Mbewu bestätigt.

»Und ihr wolltet mich fragen, ob ich mich der Schmierereien annehmen kann und wenn ich schon dabei bin, den Mord auch gleich untersuchen könnt, oder?«, hat der Sanktus scheinheilig gefragt.

»War des gar so offensichtlich, ha?«, hat der Hintermeier gefragt und verlegen gegrinst.

Der Sanktus hat belustigt genickt.

»And? Du willsta uns helfa, Sanctus?«, hat der Mbewu fast gefleht.

»Burschen, wissts ihr eigentlich, was ihr für ein Glück habts?«, hat der Sanktus geantwortet. »Bei mir daheim wohnt der Teufel in Person einer Frau Birthe Dombrowski aus Dresden. Und die bleibt noch zwei Wochen. Ich steh also voll zu eurer Verfügung, zumal mein Spezl, der Himsl Quirin, also der Graffiti, kurz einmal der Hauptverdächtige war. Und ich hab da das unbestimmte Gefühl, dass da noch was kommt.«

Die Augen der beiden Geistlichen haben geleuchtet, da sagst du Sie!

»Als Erstes brauchen wir die Briefe mit dem Aufruf zur Buße. Dann solltet ihr rausfinden, ob die fünf Pfarrer irgendwie angreifbar sind.«

»Angreifbar. Wos hoasst dös?«, hat der Mbewu in afrikanisch angehauchtem Bayerisch gefragt.

»Ob s’ Dreck am Stecken haben«, hat der Hintermeier gesagt, und nachdem der Mbewu kritisch geschaut hat, hat er übersetzt: »If sey have dirt on se stick?«

Doch G’schau noch ungläubiger.

»If they have skeletons in their cupboard. So müsst’s heißen«, hat der Sanktus korrigiert.

»Jetza hab i kapiert«, hat der Mbewu grinsend gesagt.

»So einen Brief hab ich natürlich dabei. Bin ja ned zum Spaß da, obwohl des Bier recht gut schmeckt«, hat der Hintermeier betont.

»Magst noch eins?«, der Sanktus.

»So war des natürlich ned g’moant«, hat der Hintermeier versucht, jeglichen Verdacht von sich zu weisen, dass er nur wegen einem weiteren Bier bleiben mögen würde.

»Dock, dock, das woar scho so g’moant!«, ist der Mbewu dem Hintermeier zuvorgekommen.

»Kommen gleich. Muss zuerst anschwänzen. Oder machst des du, Migi? Hast es no ned verlernt, oder?«

»Mach lieber du. Ich hab mich inzwischen aufs Trinken beschränkt, obwohl ich nach meinem Studium zuerst fünf Jahr lang in einer Klosterbrauerei gewirkt hab. Weißt, ned, dass i dir zu viel Wasser drauflass, und na wird’s a Leichts.«

»Ja, genau! Ein Pfaffenscheps!«

»Aber Sanktus«, hat der Hintermeier jetzt mit einem Glänzen in den Augen gesagt, »wenn des alles vorbei is, na brauen mia zwei einen schönen Bock. Einen Pfaffensud, verstehst!«

»Passt!«, hat der Sanktus lachend bestätigt. »Den Namen haben wir auch schon und vor allem einen Grund, dass wir den Fall lösen. Weil mit dir ein Bier brauen, das wird ein Event, auf das ich mich jetzt schon freu!«

Der Sanktus hat den ersten Nachguss auf den Läuterbottich gelassen, dann lächelnd noch drei Dunkle geholt und sich wieder zu den beiden Pfarrern gesetzt.

»Da schau her«, hat der Hintermeier angefangen, »der Brief vom Stevens. Den hat er mir zukommen lassen. Des is a Preiß, der ist da lockerer wie der Kroate und der Inder. Ist ja auch der Jüngste. Die andern wollten das Schriftstück ned rausgeben. Ich hab ihnen schon alles aus der Nase ziehen müssen, bis sie überhaupt zugegeben haben, dass die so was gekriegt haben.«

»Nachdem der Remigius aber von the Sanctus erzählt hat, ruhen alle hope, i moan Hoffnung, auf dir!«

»Na bravo!«, ist’s vom Sanktus gekommen. »Aber jetzt zeig her!«

Der Sanktus hat den Brief gelesen, aber der war im Endeffekt nichts anderes als die Videobotschaften, die im Netz kursiert sind. Das Schreiben war mit dem Computer verfasst und hat keine Auffälligkeiten aufgewiesen. Die Luziferkarte, die der Pfarrer voraussehend in eine Plastikfolie gepackt hatte, war jedoch exakt die gleiche, die der Praetorius in der Hand gehabt hat. Der Sanktus hat tief geseufzt.

»Darf ich die haben? Die sollen sie auf Fingerabdrücke prüfen, mein ich. Und eine Frage zum Schluss hab ich auch noch: Auf der Karte vom Praetorius war auf der Hinterseite ein Fünfer draufgemalt. Was hat denn das zu bedeuten?«

»Ein Fünfer?«, hat der Hintermeier geschluckt. »Hab ich gar ned mitgekriegt.«

»Hm«, der Sanktus. »Fünfter Psalm? Die Zeitung hat da so was in der Richtung geschrieben.«

»Herr, höre meine Worte, merke auf meine Rede!«, hat der Hintermeier zitiert. »Herrschaft, wia geht’s weiter?«

Jetzt hat er sein Smartphone gezückt und gegoogelt.

»Logisch. Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott; denn ich will vor dir beten … wer böse ist, bleibt nicht vor dir … du bist feind allen Übeltätern …Du bringst die Lügner um; der Herr hat Gräuel an den Blutgierigen und Falschen«, hat er gemurmelt.

»Also, Migi«, hat der Sanktus fordernd gesprochen, »Lügner, Blutgieriger, Falscher … War er das, der Praetorius?«

»Oh, oh. Migi. Des gefallta ma neda«, hat der Mbewu geflüstert.

»Sanktus«, hat der Hintermeier geantwortet, »man kann ja ned in jeden Menschen reinschauen, aber ich hab den Engelbert doch besser gekannt. Ich hab mich auch wirklich gefreut, dass er die Firmung gemacht hat. Also so war er bestimmt nicht. Definitiv nicht.«

»Und das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten?«

»Der Engelbert, ein Mörder?«, hat der Hintermeier gekeucht.

14.

Der Sanktus hat, während der Sud gekocht hat, die Schranner Bine angerufen und sich über den Stand der Ermittlungen erkundigt, doch es hat noch nichts Neues gegeben. Auf der Monstranz waren keine Fingerabdrücke zu finden.

»Gut, dass wir den Graffiti im Biergarten verhört haben«, hat die Bine gemeint. »Die Presse hat dadurch keinen Wind von der Sache gekriegt.«

»Aber die Muxeneder muss mit jemand g’sprochen haben«, hat der Sanktus bemängelt. »Da ist durchgesickert, dass wer den Abt schon am Vormittag bedroht hätte. Und die Details von der Tarotkarte hat auch nur sie weitergeben können. Bin gespannt, wie lange wir den Graffiti da heraushalten können. Apropos Karte. Fünftes Gebot: Du sollst nicht töten. Ihr müsstet schauen, ob der Abt mal in irgendeinen Mordfall verwickelt war.«

»Sauber. Und Psalm 5?«

»Könnt auch sein. Aber die schreiben sie ja eher an die Kirchenwände. Ned auf Karten. Und wie sehts ihr das mit dem Kerl in der Luzifermaske?«, hat der Sanktus gefragt.

»Bisher ist das lediglich Sachbeschädigung. Es werden Kirchenwände besprüht. Im Internet stößt er zwar Drohungen aus, die aber nie konkret auf Schäden an Personen hinweisen oder zur Folge haben.«

»Hm!«, vom Sanktus.

»Meiner Meinung nach will der nur aufschrecken. Der will die Leute und vor allem die Pfarrer, die ihren Job nicht ganz so ernst nehmen, wie soll ich sagen, auf den richtigen Weg zurückführen? Stimmt ned ganz.«

»Er will, dass sie sich wieder auf ihre wahre Aufgabe besinnen«, hat der Sanktus gemeint.

»Genau!«

»Und der Fall Altenböck?«

»War nichts Kriminelles dabei«, hat die Bine gesagt. »Die Informationen, die preisgegeben worden sind und den Altenböck der Polizei sozusagen ausgeliefert haben, waren alle vollständig korrekt. Außerdem hat es keine Erpressung gegeben, also liegt nichts Strafbares vor.«

»Tja. Ein Robin Hood der katholischen Kirche, oder was?«

»Irgendwie schon. Sanktus, denen ihre Mitglieder werden jedes Jahr weniger. Es gibt immer weniger Pfarrer. Wer hat denn bei uns Lust, diesen Job zu machen? Heiraten darfst du nicht …«

»… und in den Beichtstühlen musst du dir den Schmarren von den Leuten anhören«, hat der Sanktus lächelnd dazwischengeworfen.

»Depp, sei mal ernst«, hat die Bine ihn ermahnt. »Heutzutage hast du eine Work-Life-Balance. Zumindest die jungen Leute. Arbeiten um zu leben, nicht leben, um zu arbeiten. Da scheidet der Job des Pfarrers ja total aus. Da musst du schon dazu berufen sein.«

»So hab ich das noch gar nicht betrachtet«, hat der Sanktus zugestimmt.

»Gell? Die Kirche ist altmodisch und verzopft. Das haben sie zu lange ausgesessen, und jetzt kommt die Quittung. Unser jetziger Papst würde, glaub ich, gerne schneller was bewirken, aber selbst er scheitert. Er hat aber schon des Öfteren von Veränderungen und Einschnitten gesprochen. Es bleibt spannend. Vielleicht beschleunigt der Unbekannte etwas«, hat die Bine philosophiert.

»Du meinst also, er ist kein Krimineller?«, hat der Sanktus gefragt.

»Ich hoffe nicht, weil, ich bin halt auch christlich aufgewachsen und glaub an das Gute im Menschen.«

»Und wenn’s nur der Auftakt zu einer Mordserie ist? Vielleicht kommt ja noch wer nach dem Abt? Dass sie ernst machen und Pfarrer, die besondere Verfehlungen begangen haben, ausmerzen? Dass es ein Verrückter ist?«, hat der Sanktus den Teufel an die Wand gemalt.

»Das ist auch die Theorie vom Rudi. Er sieht die Sache nicht so entspannt wie ich«, hat die Bine erwidert.

»Wir müssen auf jeden Fall in der Vergangenheit vom Praetorius graben und schauen, ob da was war. Missbrauch oder so! Hört man ja zurzeit immer wieder.«

»Wir, Sanktus? Und denk dran, nicht alle Pfarrer sind Kinderschänder. Auch, wenn es manche gerne so hinstellen.«

»Ja, wir! Wir zusammen, wieder einmal. Heute waren der Pfarrer Hintermeier und ein Pater Joseph Mbewu bei mir. Sie haben mich um Hilfe gebeten, weil mehrere Pfarrer Drohbriefe erhalten haben. Einer davon ist der Horvat Boži. Den kennst du auch noch.«

»Logisch! Deinen Schulspezl aus Steinhausen. Für den würd ich aber die Hand nicht ins Feuer legen. Und Sanktus«, hat die Bine noch eingeworfen, »der Graffiti ist immer noch unser Hauptverdächtiger. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Du könntest mal ein bisserl in seinem Leben graben und schauen, ob du was Interessantes findest. Ich persönlich glaub jetzt zwar nicht, dass er der Täter ist, aber umsonst hat der den nicht am Schlawittl gehabt, gell!«

»Wird erledigt, Frau Kommissar. Ich hab schon einen Schlachtplan.«

15.

Der Kelch ist jedoch nicht, wie zuvor erhofft, am Sanktus vorbeigegangen, denn schon kurz, nachdem er die Pfannen gereinigt hatte und der Sud im Gärtank angestellt war, sind die Birthe und die Kathi zur Tür der Bierwerkel hereingeschneit gekommen. Dem Sanktus ist ein leises »Zefix« entfahren, aber dann hat er sich mit einem Kunstlächeln umgedreht und die beiden Damen aufs Herzlichste begrüßt.

»Ja, was tuts denn ihr da? Freut mich ja riesig, dass ihr Zeit g’funden habts, mich zu besuchen. Mögts an Pfiff?«

»Oh, gerne«, hat die Birthe gelechzt, »wir sind zü Füß hergekömm. Kilomädorweit! Gloobste nüsch!«

»Ja so was! So weit, ha? Ja, Kathi, von wo aus hast denn die Birthe her gehetzt?«, hat der Sanktus wissen wollen.

»Von daheim nur«, hat die Kathi verwundert geantwortet.

»Uiui. Des san ja gewiss 700 Meter. Verreck Kaffeehaus, ha?«

»Nur 700 Mädor? Kam mir viel längor vör!«, hat die Birthe hechelnd und schwitzend von sich gegeben.

»Passt scho! Ich hol euch was zu trinken.«

Kurz darauf ist der Sanktus mit drei Bhupindia Pale Ales zurückgekommen. Ein bisserl stark, aber sehr hopfenaromatisch und blumig. Ein Bier, das bei Frauen sehr beliebt war.

Die Birthe hat angesetzt und das Gesicht verzogen.

»Ei ferbibbsch, is das biddor. Das kann isch ned trinken. Sörry!«

Der Sanktus hat das Glas ausgeschüttet und der Birthe ein Helles hingestellt. Die hat das in einem Zug runtergeschüttet.

»Das is güd! Schmeckt nach nix. Wie früher in do DDR. Fühlsch mich gleich heimisch.«

Der Sanktus hätte sie jetzt ungespitzt in den Boden schlagen können, aber die Kathi hat ihm sanft auf die Hand gelangt, und er ist sofort ruhiger geworden. Ihr Blick hat ihm gesagt: Sie meint’s nicht so. Gib ihr eine Chance.

Der Sanktus hat kurz kalkuliert und ist draufgekommen, dass die Birthe vom Alter her nicht mehr viel DDR-Bier hat mitbekommen können, also hat es wohl ein Witz sein sollen. Na ja! Für den, der’s mag …

Beim Brauerei Anschauen hat die Birthe wieder punkten können, denn das Arrangement an Edelstahlgefäßen hat ihr sehr gut gefallen. Am liebsten hätte sie mit dem Sanktus sofort den zweiten Sud des Tages gestartet, aber das war dann anscheinend auch nur ein Witz, und der Sanktus war ganz froh darüber.

»Eigentlich wollten wir dir nur sagen, dass wir heut mit zwei Kolleginnen von mir einen Damenabend machen. Macht dir doch nix aus? Und keine Angst: nicht bei uns daheim.«

Der Sanktus, der gerade kurz vor dem Herztod war, hat wieder durchgeschnauft.

»Kein Problem«, hat er gemeint.

Er würde hier fertig machen, heimgehen, einen 200-Gramm-Burger braten und sich einen James-Bond-Film reinziehen. Vielleicht würde er auch ein bisserl was über den Unbekannten mit der Luzifermaske googeln.

»Güd! Na mach mer lös!«, hat die Birthe freudig ausgerufen.

16.

Der Graffiti ist, wie jeden Dienstag, das war inzwischen hinlänglich bekannt, am Tresen der Neuen Kirche in Haidhausen gesessen und hat Cocktails, die der Bhupinder mit Herzblut gemixt hat, getrunken. Es hat oft sein können, dass er allein gekommen war, jedoch am späten Abend das Lokal in weiblicher Begleitung verlassen hat. Dameneskapaden waren nichts Besonderes für den Himsl Quirin.

Seit seine große Liebe, die Meierhofer Daniela, Reporterin beim Münchner Morgenblatt, sozusagen verräumt worden war, hatte er keine neue feste Beziehung eingehen können. Dieser Verlust letztes Jahr hatte ihm das Herz gebrochen, auch wenn er so etwas nie zugegeben hätte. Ein Himsl doch nicht!

Er hätte kurz darauf auf die Schranner Bine spekuliert, die aber wiederum so gar nicht angebissen hatte. War wahrscheinlich auch besser so, denn obwohl sich das Graffiti-Geschäftsgebaren schon weit in Richtung Legalität gebessert hatte, war schon noch ein Restpotenzial an Konflikten vorhanden bei einer Beziehung mit einer Polizeibeamtin. So hat es der Graffiti vorgezogen, sich auf One-Night-Stands zu spezialisieren bis die Richtige daherkommen würde.

Heute war ihm jedoch nicht nach einer kurzzeitigen Affäre, da ihn der Mord in der Sakristei noch geistig voll in seinem Bann gehabt hat. Er war Hauptverdächtiger in diesem Fall, was ihm sehr zugesetzt hat, denn so etwas ist natürlich nicht das Gelbe vom Ei. Stress praktisch brutal. So etwas hatte er noch nie gehabt. Gott sei Dank haben die Bine und der Rudi ermittelt, sprich, die haben den Graffiti ja gekannt. Sonst hätte in den nächsten Tagen definitiv Untersuchungshaft oder sonst was gedroht. Er hat geglaubt, die beiden eigentlich recht schnell von seiner Unschuld überzeugen zu können, was für einen geübten Schlawiner, wie er einer war, nicht wirklich ein Problem darstellen würde. Die Bine hatte er sofort auf seine Seite gezogen, beim Rudi war er sich nicht so sicher. Der Franke war zwar ein alter guter Spezl vom Sanktus, aber er war neu in München und hat einen sehr akkuraten Eindruck gemacht, Beamter pur sozusagen. Das Wichtigste war nun auf jeden Fall, den Generalverdacht endgültig zu entkräften, aber der Graffiti hatte noch keine Idee, wie er das anstellen hat sollen. Die einzige Möglichkeit war, den Sanktus um Hilfe zu bitten, der in fünf Fällen mit diversen Morden eine Aufklärungsquote von 100 Prozent aufzuweisen hatte.

Der Graffiti wollte sich gerade einen weiteren Singapore Sling, eine Spezialität des Inders, bestellen, da hat sich eine Dame zwei Hocker weiter neben ihm an die Bar gesetzt und ebenfalls einen solchen Cocktail geordert.

»Ist der da herinnen gut?«, hat sie den Graffiti gefragt und ihm zugelächelt. »Ich hab mal das Original im Raffles in Singapur getrunken. Der war schon eine Wucht.«

Der Graffiti hat die Frau wahrscheinlich angeschaut wie eine Allgäuer Kuh auf der Weide. Dummes G’schau Anfänger, verstehst? Sie war perfekt. Schlank, lange blonde Haare und dunkle Augen. Eine Kombination, das war genau sein Wetter. Kernkompetenz kein Ausdruck. Sie hat ihn angelächelt und er, völlig hin und weg, sie ebenfalls.

»Und?«, hat sie ihn gefragt.

»Was?«, hat der Graffiti gestottert.

»Ist er gut, der Singapore Sling?«

»Ähm, ja freilich. Ausgezeichnet. Den macht der Hansä, äh der Bhupinder selber. Der tut da noch irgendwas zusätzlich rein, das sagt er uns aber nicht. Also, eigentlich müsst der noch viel besser sein als der im Raffles, also in Singapur. Jaja. Singapur, da wollt ich auch schon einmal hin. Da gibt’s doch den Tierpark, den man in der Nacht anschauen kann, und noch an ganzen Haufen …«

»Sie san lustig, zuerst sagen S’ gar nix und jetzt reden S’ wie ein Wasserfall. Aber sagen S’ amal. Sind Sie ned der Himsl Quirin? Der von der Au?«

Jetzt hat den Graffiti der zweite Bus diese Woche gestreift. Die Göttin, zuerst schaut sie nur gut aus, dann ist sie auch noch witzig, ist aus München, und jetzt kennt sie ihn auch noch.

»Jetzt bin ich platt. Ja klar! Der bin ich. Und Sie?«

»Eigentlich könnten wir du sagen, oder? So alt sind wir auch no ned«, hat sie gesagt.

»Logisch, Quirin! Also eigentlich nennen mich alle …«

»Graffiti! Weiß ich doch«, hat sie den Satz vollendet. »Lily! Lily Pfisterer. Also jetzt heiß ich Brückl.«

»Pfisterer, Pfisterer …«, hat der Graffiti überlegt. »Die kleine Schwester vom Pfisterer Jochen? Ich hätt mir denkt, du wolltst nach Australien auswandern.«

»Für Australien hat’s ned gereicht«, hat sie lächelnd verneint. »Aber Wien ist es dann geworden.«

»Ja, verreck, die Pfisterer Lily. Des g’fallt mir heut!«, hat der Graffiti gejauchzt. »Und was machst du beruflich?«

»Und hier is the Singapore Sling«, hat der Bhupinder in seinem Bayrenglisch, also halb Bayerisch, halb Englisch, geflötet. »San Sie sum ersten Mal hier in Neuer Kirtsche? Weil müssen Sie aufpassen bei Graffiti, weil isser big Bazi. Women never safe, you know!«

Die Lily hat gelacht und gemeint, dass sie so etwas schon einmal über ihn gehört hatte.

»Was machst du beruflich, Lily?«, hat der Graffiti gefragt.

»Stewardess.«

»Verheiratet?«, hat der Graffiti wissen wollen.

»Geschieden, wie fast alle«, hat die Lily geseufzt. »Weißt du eigentlich, dass ich bis zur zehnten Klasse in dich verliebt war, Quirin Himsl?«

The free sample has ended.

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Release date on Litres:
25 May 2021
Volume:
253 p. 6 illustrations
ISBN:
9783839267806
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