Read the book: «Das Salz der Friesen»
Andreas Scheepker
Das Salz der Friesen
Historischer Kriminalroman

Zum Autor
Andreas Scheepker ist gebürtiger Ostfriese. 1963 wurde er in Hage geboren. Nach dem Abitur am Ulrichsgymnasium in Norden studierte er Evangelische Theologie und später noch Literaturwissenschaft, Geschichte und Pädagogik. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Aurich, wo er als Schulpastor am Gymnasium Ulricianum unterrichtet. Außerdem arbeitet er als Studienleiter in der Arbeitsstelle für Ev. Religionspädagogik und ist dort vor allem für Fortbildungen zuständig. Scheepker hat mehrere Kriminalromane und Kurzgeschichten verfasst, die in Ostfriesland spielen. Dabei stehen oft Themen der ostfriesischen Geschichte im Hintergrund. Sein Kriminalroman Tote brauchen keine Bücher wurde für den Literaturpreis »Das neue Buch« 2004 nominiert.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2019 im Leda-Verlag)
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lamer
unter Verwendung eines Bildes von: Ubbo Emmius –
http://www.library.ucla.edu/yrl/reference/maps/blaeu/frisiae.jpg
ISBN 978-3-8392-6476-8
Vorwort
Dies ist kein historisches oder theologisches Sachbuch über Ostfriesland in der Reformationszeit. Dies ist ein Kriminalroman. So steht es auch vorn auf der Titelseite.
Gleichwohl habe ich mich bemüht, den Leserinnen und Lesern Einblicke in eine spannende und überaus interessante Epoche der ostfriesischen Landesgeschichte und Kirchengeschichte zu vermitteln. Dabei werden in der Fantasie des Autors Ereignisse in sachliche und zeitliche Zusammenhänge gestellt, die historisch so nicht in Verbindung stehen. Beispielsweise werden die Ereignisse aus dem zweiten Ostfriesland-Aufenthalt Melchior Hoffmanns im Kontext seines ersten Aufenthaltes erzählt.
Alle Personen in diesem Roman sind Fantasiefiguren – auch die, die ein wenig wie historische Persönlichkeiten kostümiert sind, wie z. B. Graf Edzard oder Junker Balthasar. Ich zeichne sie in erster Linie als Romanfiguren. Einige historische Ungenauigkeiten, vor allem Ausdrücke, die es so in der frühen Neuzeit nicht gab, oder die Angleichung von Texten aus historischen Quellen an unsere heutige Sprechweise sollen die Lesbarkeit des Buches erleichtern. Und hin und wieder hat der Autor die Tatsachen so verändert, wie er sie für seine Romanhandlung brauchte.
Herzlich danken möchte ich allen, die mich mit guten Ideen und Hinweisen zu diesem Buch bereichert haben und die meine Fragen geduldig und kundig beantwortet haben, allen voran Pastor i.R. Hillard Delbanco aus Aurich, André Janssen aus Westerende, Dr. Hans Kimmich aus Leer-Loga und Landschaftsdirektor i.R. Dr. Hajo van Lengen aus Aurich. Ein ganz besonderer Dank gilt Axel Heinze vom Museum am Meer in Esens, der nicht nur theoretische Kenntnisse über die Salzgewinnung an unserer Nordseeküste hat, sondern gemeinsam mit seinen Schülern vom Niedersächsischen Internatsgymnasium Esens auch praktische Versuche zu diesem Thema durchführen konnte. Axel Heinze hat mir mit seinem umfangreichen Wissen zur Geschichte unserer Region eine Reihe sehr hilfreicher Informationen zur Verfügung gestellt und mir viele weiterführende Hinweise gegeben.
Für alle sachlichen Fehler in diesem Buch – seien sie beabsichtigt oder unbeabsichtigt – bin ich selbst verantwortlich!
Herzlich danke ich Maeve Carels für ihr Lektorat sowie Heike und Peter Gerdes vom Leda-Verlag für alle Unterstützung. Ich freue mich, dass dieses Buch nun erneut aufgelegt wird und im Gmeiner-Verlag erscheint. Ich danke Claudia Senghaas für die sehr gute Zusammenarbeit. Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Angelika, die die Entstehung des Buches und Rimbertis Wege durch das alte Ostfriesland begleitet und an nicht wenigen Stellen aus Irrwegen und Sackgassen herausgeholfen und neue Wege gewiesen hat.
Last but not least möchte ich zwei Menschen danken, die mich schon vor einigen Jahren, als die Idee zu diesem Buch entstand, an ihrem umfangreichen Wissen über unsere Küstenregion teilhaben ließen: Heie und Elke Erchinger aus Norden. Die inhaltsreichen Gespräche mit beiden haben erheblich dazu beigetragen, mich auf die Spur zu diesem Buch zu bringen, auch wenn ich es erst etliche Jahre später fertigstellen konnte. Heie Erchinger konnte glücklicherweise noch vor seinem Tod das lesenswerte Buch Sturmfluten mit wunderbaren Fotos von Martin Stromann veröffentlichen (siehe Literaturverzeichnis im Anhang). In diesem Buch vermittelt uns der ehemalige Leiter des Staatlichen Amts für Insel- und Küstenschutz in Norden etwas von seinen umfassenden Fachkenntnissen und seinem reichhaltigen Wissen über Natur und Kultur unserer Küstenregion. Hier widmet er sich u. a. dem Thema der Salzgewinnung an der Nordseeküste und deren Folgen.
Widmen möchte ich dieses Buch Elke Erchinger und der dankbaren Erinnerung an Heie Focken Erchinger (1933–2007).
Personenverzeichnis
Die Reisenden:
Lübbert Rimberti, Rechtsgelehrter
Ulfert Fockena, Häuptling
Gisbert van Woerden und Dr. Nicolas Haykema, Rechtsgelehrte
Friedrich von Issenhusen, Staatsrat im Dienst von Königin Margarete
Graf Enno und seine Leute:
Enno II. Cirksena, Graf in Ostfriesland
Johann Cirksena, Bruder des Grafen
Eggerik Beninga, Drost, Befehlshaber der Festung Leerort und Historiker
Haiko Ibenga, Häuptling und Drost
Evert Bruns, Stellvertreter des Amtsmanns
Die Kaufleute:
Jakob Sanders, wohlhabender Kaufmann und Vertrauter des Grafen
Berend Sanders, Bruder von Jakob Sanders, Kaufmann
Rinelde Sanders, Ehefrau von Jakob Sanders
Tjark Andreesen, Lehrling im Handelshaus Sanders
Hilko Boyen, wohlhabender Kaufmann und Kompagnon von Jakob Sanders
Frau Hiske, Schwiegermutter von Hilko Boyen
Die Geistlichen:
Frauke von Oldekamp, Nonne im Klostervorwerk Oldekamp
Meta Hallenga, Vorsteherin des Klostervorwerks Oldekamp
Konrad Sanders, Bruder von Jakob Sanders, Bibliothekar im Kloster Ihlow
Andreas Karlstadt, Professor der Theologie auf Wanderschaft
Adriaan de Beer, Pfarrer in Norden, Seelsorger auf der Insel Bant
Heddo Kankena, Pfarrer der Hager Ansgarikirche
Magister Cornelis, Pfarrer in Wilsum
und:
Junker Balthasar von Esens, Häuptling des Harlingerlandes
Kapitel 1
Meta Hallenga ließ ihren Blick durch das Refektorium schweifen. Keine der anderen Schwestern im Speiseraum des Klostervorwerks schien etwas gehört zu haben. Alle aßen schweigend weiter. Hatte sie sich den Schrei nur eingebildet?
Der Platz von Schwester Frauke war leer, wie so oft in letzter Zeit. Vorsteherin Meta Hallenga wusste, dass es gegen die überlieferten Regeln verstieß, aber in so bewegten Zeiten musste man gegen Regeln verstoßen, um die Ordnung bewahren zu können.
Meta Hallenga hatte ihr Klostervorwerk Oldekamp sicher durch diese stürmischen Zeiten gebracht. Zweiundzwanzig Nonnen lebten außer ihr noch in Oldekamp, und nur sieben Schwestern hatten im vergangenen Jahr das Kloster verlassen. Eine von ihnen war vor einigen Wochen sogar zurückgekommen: Schwester Frauke.
Die kurze Zeit im Leben da draußen hatte Schwester Frauke verändert. Die lebenslustige junge Frau war still geworden. Das Zusammensein mit den anderen war anstrengend für sie. Am liebsten tat sie ihren Dienst draußen bei den Hütten, in denen Kranke versorgt wurden. Schwester Frauke kümmerte sich hingebungsvoll um die beiden alten Frauen, die dort zurzeit gepflegt wurden. Und sie betreute die Bienenkörbe, die in der Nähe standen.
Wegen dieser Aufgaben hatte Schwester Frauke sich die Erlaubnis geben lassen, in Ausnahmefällen nicht zu den gemeinsamen Mahlzeiten erscheinen zu müssen und ihre Gebete auch dort draußen verrichten zu dürfen. Meta Hallenga hatte sich damit einverstanden erklärt, obwohl sie wusste, dass der Grund ein anderer war.
Warum mied Schwester Frauke die Gemeinschaft mit den anderen? Und was hatte sie in den Monaten außerhalb des Klosters erlebt? Vielleicht war es an der Zeit, Schwester Frauke darauf anzusprechen und ein längeres Ausweichen nicht mehr zu dulden. Sicher, alles hatte seine Zeit, das wusste Meta Hallenga. Aber manchmal musste die Liebe auch ungeduldig sein und ein wenig nachhelfen. Sie machte sich Sorgen um Frauke.
Vielleicht war der Schrei, den nur sie gehört hatte, keine Einbildung, sondern ein Zeichen Gottes, dass Schwester Frauke jetzt ihren Beistand brauchte.
Gleich nach der Mahlzeit verließ Meta Hallenga das Kloster und machte sich auf den Weg zu den Krankenhütten. Sie fand Schwester Frauke bei den Bienenkörben.
Meta Hallenga brauchte einen Moment, um das Bild aufzunehmen, das sich ihr bot.
Frauke lag auf dem Rücken, die Arme weit ausgebreitet, mitten in der Brust der Schaft eines Pfeiles. Die Wucht des Geschosses hatte sie in die Bienenkörbe geschleudert, und im Fall musste Frauke zwei Körbe mit umgerissen haben, sodass sie von Bienen umschwärmt wurde.
Langsam löste sich Meta Hallenga aus der Erstarrung, und vorsichtig näherte sie sich Frauke. Lebte die Schwester vielleicht noch?
Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus den Büschen, ein Zweig knackte. Ein Tier? Oder hatte sich dort Fraukes Mörder versteckt?
Meta Hallenga war eine furchtlose Frau. Ihr war klar, dass der Mörder nicht zögern würde, auch auf sie zu schießen. Aber der Anblick von Schwester Frauke versetzte sie in Wut. Sie nahm den Knüppel, der an der Tür lehnte, ging schnurstracks auf die Büsche zu und schlug mit dem Stock auf sie ein. Zornig war sie, und sie fühlte sich hilflos. Und die Hilflosigkeit vermehrte ihren Zorn. Immer wieder drosch sie mit dem Knüppel in das dichte Buschwerk. Wenn der Mörder wirklich noch hier wäre, hätte er längst auch auf sie geschossen. Sicher hatte er sich davongemacht.
Meta Hallenga ließ den Stock sinken. Sie sprach mit erhobener Stimme: »Das verspreche ich Euch, wer auch immer Ihr seid: Ich werde nicht Ruhe geben, bis ich Euch von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe und Rechenschaft von Euch verlange. Darauf gebe ich Euch mein Wort!«
Sie wusste, dass diese Drohung an eine abwesende Person genauso sinnlos war wie ihre Suche mit dem Knüppel im Unterholz. Sie wandte sich ab, um ihre Mitschwestern zu holen.
Atemlos hatte er jedes Wort gehört, das die Vorsteherin in seine Richtung gesprochen hatte. Sein Herz klopfte so laut, dass er dachte, sie müsste es hören. Er hatte keinen zweiten Pfeil für seine Armbrust mitgenommen, nur diesen einen, der für Frauke bestimmt war und seinen Zweck erfüllt hatte. Niemandem sonst wollte er ein Leid zufügen.
Er war erleichtert, als die Frau endlich ging. Ihm würde nicht viel Zeit bleiben. Schon bald würde sie mit den anderen Nonnen hier sein.
Rasch kehrte er zu seinem Opfer zurück, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Vorsteherin wirklich gegangen war. Nun musste er vollenden, was er sich vorgenommen hatte und wobei er von der Vorsteherin gestört worden war. Was er zu tun hatte, war schnell erledigt. Nur wegen der vielen Bienen musste er behutsam sein.
Er nahm einen kleinen Lederbeutel, schnürte ihn auf und schüttete den Inhalt auf die Tote. Salz.
»Salz!«, sagte Evert Bruns, der neben der toten Nonne kniete. Bruns war als Stellvertreter für seinen kranken Drosten ins Klostervorwerk Oldekamp gekommen und sah sich die getötete Schwester Frauke und den Fundort der Leiche an. Vorsteherin Meta Hallenga stand stumm neben ihm, während Bruns’ Männer das Unterholz durchsuchten.
»Arcubalista!«, bemerkte Häuptling Ulfert Fockena, der gerade einen Krankenbesuch beim Drosten gemacht hatte, als die Nachricht von der Ermordung einer Nonne eingetroffen war. Er hatte es sich nicht nehmen lassen wollen, Evert Bruns auf der Jagd nach dem Mörder zu begleiten. Zwei Männer hatten inzwischen die Bienenkörbe beiseitegeschafft, und die Bienen beruhigten sich langsam.
»Arcu … ja, ja, und überall ist es verstreut«, erwiderte Bruns.
»Eure Lateinkenntnisse sind so enorm wie Euer ganzer Verstand!«, foppte Fockena den ratlosen Mann.
»Warum streut denn jemand Salz auf eine Tote?«, murmelte Bruns.
»Und warum ist sie überhaupt ermordet worden?«, fragte Meta Hallenga. »Wer schießt mit einem Bogen auf eine Braut Christi?« Ihre Stimme hatte nicht den sonst üblichen Nachdruck.
»Arcubalista«, wiederholte Ulfert Fockena und hob die Augenbrauen. »Dies ist der Bolzen einer Armbrust. Diese Waffe ist etwas aus der Mode gekommen in den letzten Jahren.«
»Es geht hier nicht um Mode, sondern um Mord, lieber Herr Ulfert!«, gab Evert Bruns zurück.
Ulfert Fockena hörte schon gar nicht mehr hin und sah sich um. Er ging an der Stelle auf das Unterholz zu, wo er den Standort des Schützen vermutete. Der große, schwergewichtige Mann schritt leichtfüßig um die Bienenkörbe herum in das Gebüsch.
»Kommt hierher, aber vorsichtig, tretet nicht alles platt«, forderte er die anderen auf. Bruns gab seinen Männern mit umständlichen Handbewegungen zu verstehen, dass sie bleiben sollten, wo sie waren, und dass er den Fundort der Leiche allein besichtigen wollte.
Meta Hallenga dachte gar nicht daran, diese Anweisung auf sich zu beziehen, und schob Bruns beiseite. Noch ehe er sie zurechtweisen konnte, packte sie ihn am Arm: »Na los, Bruns! Wollt Ihr hier Wurzeln schlagen?« Vorsichtig ging sie zu der Stelle, wo Ulfert Fockena kniete.
»Und was soll hier sein?«, fragte Evert Bruns enttäuscht, als er nur Büsche und Gras vorfand.
»Hier ist gleich gar nichts mehr, wenn Ihr so weitertrampelt«, antwortete Fockena gereizt. »Von hier ist der Schuss auf Schwester Frauke abgegeben worden. Dazu passt auch, wie sie auf dem Boden liegt. Ihr Mörder muss lange gewartet haben. Das Gras ist so platt gedrückt, dass er eine ganze Zeit gesessen haben muss. Man hat durch das Gebüsch einen ausgezeichneten Blick auf das Haus und den Stall. Er musste nur auf die Schwester warten. Vielleicht hatte er es direkt auf sie abgesehen und wusste, dass sie an diesem Ort anzutreffen war.«
»Schwester Frauke hielt sich gern draußen auf«, bestätigte Meta Hallinga. »Seit sie zu uns zurückgekehrt war, brauchte sie immer Abstand zu uns anderen. Sie hatte ein besonders enges Verhältnis zu Schwester Idje, unserer Imkerin. Idje ist vor einem halben Jahr verstorben, und war immer so etwas wie eine Mutter für sie. Als Frauke zurückkam, hatte ich gehofft, dass ich Schwester Idje ein wenig für sie ersetzen könnte. Aber Frauke war so anders geworden in dieser kurzen Zeit …«
»Das ist doch unwichtig, Frau Meta«, polterte Evert Bruns. »Langweilt uns doch nicht mit solchen Plaudereien. Es war sicher ein Dieb, der etwas holen wollte und den Frauke überrascht hat.«
»Sie war so seltsam bedrückt. Da stimmte etwas nicht mit ihr«, wandte Meta Hallenga ein.
»Geht, und lasst uns das machen. Das ist nichts für Frauen. Kümmert Euch um Eure anderen Lämmlein besser als um dieses!«, forderte Bruns sie auf.
Meta Hallenga drehte sich zu ihm um und maß ihn von oben bis unten mit einem durchdringenden Blick, dass Bruns ein wenig mulmig wurde. Dann sagte sie leise und bestimmt: »Jeder gepökelte Schweinskopf hat mehr Verstand als Ihr, Amtmann Bruns. Nur Euer Benehmen ist noch schlechter als Euer Denkvermögen. Wie übel muss es um uns bestellt sein, wenn der Graf Leute wie Euch das Land führen lässt.«
Evert Bruns stand mit offenem Mund vor ihr und glotzte sie an. Bevor er überhaupt daran denken konnte, ob und wie er darauf passend antworten wollte, fuhr die Vorsteherin fort: »Ich verstehe nichts vom Waffenhandwerk. Aber es wurde nicht der Mörder überrascht, sondern die arme Frauke. Der Mörder hat hier seelenruhig gesessen und gewartet. Ein überraschter Räuber schlägt vielleicht jemanden nieder oder geht mit dem Messer auf ihn los. Aber dieser Schuss wurde gezielt auf etwa zehn Schritte aus einem sicheren Versteck abgegeben.«
»Da ist vielleicht was dran, also … wenn Ihr meint …«, wollte Bruns einlenken.
»Ich meine gar nichts!« Meta Hallengas Stimme wurde lauter. »Als ich eintraf, war der Mörder noch da. Ich hörte es rascheln im Gebüsch. Und wenn ich ein Mann gewesen wäre, dann …« Sie hatte Tränen in den Augen und schluckte. »Ich werde jetzt zu den anderen gehen und sie trösten.«
Mit erhobenem Haupt und kleinen, tippelnden Schritten ging sie davon. Ulfert Fockena sah ihr mit großen Augen hinterher.
Kapitel 2
Lübbert Rimberti seufzte behaglich. Allzu bequem war der Reisewagen nicht, aber draußen ritt sein Schreiber mit dem Packpferd und Rimbertis Reitpferd. Rimberti war froh, dass sein Sattel leer und der leere Platz im Reisewagen besetzt war.
Bei der letzten Rast hatten sie im Gasthof zwei Reisende kennengelernt, Juristenkollegen von Dr. Lübbert Rimberti, und sie hatten ihn und seinen Schreiber freundlich eingeladen, mit ihnen zu reisen. Der Schreiber hatte sich gern bereit erklärt, mit den Pferden vor der Kutsche herzureiten. Schon beim Essen hatte der unaufhörliche Redefluss der beiden ihn sichtlich erschöpft. Aber für Rimberti war das Angebot, eine Wegstrecke zurücklegen zu können, ohne reiten zu müssen, überaus verlockend gewesen.
Nach dem reichlichen Mittagsmahl waren die beiden eingeschlafen, und Rimberti hatte Zeit, seinen Gedanken nachzugehen, bevor sie wach werden und ihre endlosen Diskussionen fortsetzen würden.
Schon morgen würde er alte Freunde wiedersehen, und er würde Graf Enno gegenübertreten müssen. Immerhin hatte Graf Enno von Ostfriesland selbst den Kaiser um Rimbertis Vermittlung in einem heiklen Rechtsstreit gebeten.
Rimberti betrachtete seine beiden Mitreisenden. Magister Gisbert van Woerden war Syndikus einer niederländischen Hafenstadt, und Dr. Nicolas Haykema war Notar. Sie waren unterwegs nach Bremen und machten einen Umweg über Ostfriesland.
Beiden sah man an Kleidung und Erscheinung an, dass sie wohlhabend waren. Beide waren von kräftiger Statur, aber nicht korpulent. Van Woerden hatte nur noch einen spärlichen Haarkranz auf dem Kopf, dafür schmückte ihn ein dichter, kurz geschnittener weißer Vollbart. Rimberti schätzte ihn auf etwa sechzig Jahre. Seine blauen Augen schauten immer etwas belustigt umher, und er sprach mit einer hellen Stimme, die gar nicht zu einem Mann seiner Statur passen wollte. Haykema war etwas kleiner und mochte ein wenig älter sein. Er hatte volles graues Haar. Er sprach, wenn er die Stimme erhob, immer etwas durch die Nase.
Lübbert Rimberti hing seinen Gedanken nach, Gedanken an die Ereignisse vor einem Jahr, Gedanken an neue Freunde, die er damals kennengelernt hatte und hoffentlich in den nächsten Tagen wiedersehen würde.
Haykemas nasale Rede holte ihn aus den Gedanken. Offenbar waren die beiden Reisegefährten in der Zwischenzeit aufgewacht und hatten nach ihrem Nickerchen das Gespräch genau an dem Punkt fortgesetzt, an dem sie vorher eingeschlummert waren.
»Ihr vertretet da eine absurde Theologie, mein lieber van Woerden. Ihr könnt doch nicht so ein kleines Wörtchen, das in vielen Sprachen nur drei Buchstaben hat, im Lateinischen sogar nur zwei – also so ein Wörtchen könnt Ihr doch nicht zum Angelpunkt Eurer Theologie machen.«
»Und doch steht es schon im ersten Satz der Bibel und ist nach dem Himmel das zweite, was der Allmächtige geschaffen hat«, versetzte van Woerden mit seiner hellen Stimme.
»Die Erde«, warf Rimberti ein, der nicht genau wusste, worum es in diesem Gespräch ging, sich aber aus Höflichkeit beteiligen wollte.
Haykema grunzte bestätigend, aber van Woerden schüttelte den Kopf, wobei er bei jeder Bewegung des Kopfes ein hohes Räuspern vernehmen ließ. »Nein, nein, nein! Hört doch, was da steht: ›In principio creavit Deus caelum et terrem– im Anfang schuf Gott Himmel und Erde‹. Drei Dinge hat er geschaffen: den Himmel, die Erde und die Verbindung zwischen beiden. Das und. Der Schöpfer hat mit seinen Werken diese Werke zugleich in eine Beziehung zueinander gesetzt.«
Rimberti war verwundert über diese eigenartige Gedankenführung. »Ihr behauptet, das Wörtlein ›und‹ sei ein eigenes Werk des Schöpfers? Ihr wisst doch, dass das Wörtlein ›und‹ im Hebräischen nur aus einem einzigen Buchstaben besteht, aus dem Waw.« Rimberti war überrascht, wie engagiert er diskutierte, obwohl er gar nicht genau wusste, worum es ging.
Van Woerden erwiderte: »Sagt nicht unser Heiland, dass nicht ein Jota vom Gesetz fallen wird? Und der hebräische Buchstabe Jota ist doch nur halb so groß wie ein Waw, das für das Wörtchen ›und‹ steht. Die Kürze eines Wortes bedeutet doch wohl nicht, dass sein Inhalt unbedeutend sei.«
Rimberti zog den ledernen Vorhang zur Seite und schaute auf die Landschaft, die an ihnen vorbeiruckelte. Gleich kamen sie an die Stelle, an der im letzten Jahr ein Toter entdeckt worden war. Rimberti zog den Vorhang zu und tat so, als machte er ein Nickerchen.
Kapitel 3
Graf Enno II. von Ostfriesland betrachtete das Geldstück, auf das sein Porträt geprägt worden war.
»Gute Arbeit«, lobte er den Münzmeister. »Nehme Er die erste Münze als Geschenk.« Der Graf gab dem Mann mit einer Geste zu verstehen, dass er nun nicht mehr gebraucht wurde.
»Nun? Wie gefallen Euch die neuen Münzen?«, fragte er seine in der Norder Residenz am Marktplatz versammelten Berater. Drei der vier Männer nickten stumm. Einer stand ein wenig abseits und blickte zu Boden. »Euer Beifall hält sich ja in Grenzen«, stellte Enno in beleidigtem Ton fest.
»Euer Vater hat ein Bild unseres Herrn am Kreuz auf seine Münzen prägen lassen«, bemerkte Drost Eggerik Beninga.
»Steht nicht im Evangelium, dass wir dem Kaiser geben sollen, was des Kaisers ist? Und hat unser Herr dies nicht am Exempel einer Münze gelehrt, auf der das Bild des Kaisers eingeprägt war? Oder glaubt Ihr, dass unser Erlöser Wert darauf gelegt hätte, auf eine ostfriesische Münze geprägt zu werden?«, gab Enno spöttisch zurück.
»Vermutlich nicht. Es wäre ihm eine Ehre gewesen, Euch den Vortritt zu lassen«, antwortete Beninga.
»Wie könnt Ihr …«, wollte Enno sich empören, aber Eggerik Beninga unterbrach ihn.
»Ich bin jederzeit gern bereit, mein Amt jemandem zur Verfügung zu stellen, der Euch nach dem Munde redet, anstatt Euch zu beraten.«
»Nur frei heraus«, sagte Enno mit bemühter Ruhe. »Ihr wart ein treuer Diener meines seligen Vaters. Es ist gewiss nicht leicht für Euch, Euch auf die neue Zeit einzustellen. Ich bin eben anders als mein Vater.«
»Ihr sprecht es aus, wie es ist«, antwortete Beninga und deutete müde eine Verbeugung an.
»Doktor Rimbert ist soeben angekommen«, meldete ein Bediensteter.
»Was fällt dir ein, hier so hereinzuplatzen? Was ist das für ein Benehmen?«, herrschte Graf Enno seinen Diener an. »Dies ist die letzte Meldung, die du hier gemacht hast. Ab jetzt kannst du bei den Pferden ausmisten. Melde dich beim Stallmeister!«
Zitternd und mit hochrotem Kopf verbeugte sich der Bedienstete und verließ den Raum. Lübbert Rimberti blieb noch einen Moment in der geöffneten Tür stehen und trat dann ein.
»Hier liegt es: Hillersum!« Graf Enno klopfte energisch mit dem Nagel des Zeigefingers auf die ausgebreitete Karte. Er nickte Drost Eggerik Beninga zu, der Rimberti die Sachlage genauer erklärte.
»Es handelt sich um eine Herrlichkeit. Hillersum hat etwa vierhundert Einwohner. In Hillersum steht eine dem heiligen Nikolaus geweihte Kreuzkirche. Außerdem hat der Ort eine kleine, aber gut befestigte Burg. Dann gehören zur Herrlichkeit noch die beiden Kirchdörfer Rickertsum und Folkmershusen, das kleine Dorf Uiterweer und noch ein paar Bauernschaften. Außerdem gibt es dort das Klostervorwerk Oldekamp.«
Beninga zeigte die Orte auf der Karte an und Rimberti versuchte, sich daran zu erinnern, ob er jemals dort gewesen war.
»Folkmershusen hat einen Hafen«, fuhr der Drost fort. »Das Land ist fruchtbar, der Hafen verzeichnet einen lebhaften Handel. Es gibt tüchtige Handwerker. Insgesamt leben etwas mehr als tausend Menschen in der Herrlichkeit. Was seht Ihr mich an, verehrter Doktor Rimberti? Vermutlich seid Ihr dort schon gewesen und kennt Hillersum durch eigene Anschauung.«
»Ich frage mich: Warum verkauft jemand ein so blühendes Territorium mit diesen wirtschaftlichen Möglichkeiten?«
»Der Besitzer der Herrlichkeit ist Häuptling Eilert Nanninga. Er hat viele Schulden. Durch seine Frau fallen ihm Güter in der Nähe von Oldenburg zu. Dorthin möchte er sich zurückziehen. Er will mit den Geldern für den Verkauf seine Schulden begleichen, und mit dem Rest will er behaglich leben.«
Rimberti zwinkerte Beninga zu. »Das bedeutet, dass in ein paar Jahren ein paar Güter zum Verkauf stehen, um Schulden zu begleichen.«
»Das soll dann nicht mehr unsere Sorge sein«, mischte sich Graf Enno ein.
»Und was ist Eure Sorge?«, fragte Rimberti.
»Die Herrlichkeit Hillersum liegt in der Grafschaft Ostfriesland«, stellte Enno fest. »Es gibt drei Kaufgebote. Eines stammt von mir, und eines stammt von Häuptling Manninga aus Pewsum. Ich denke, wir beide werden uns einigen können.«
»Und der dritte Bieter?«, fragte Rimberti. Er wusste, dass jetzt das Problem kam.
»Das dritte stammt von einem auswärtigen Hof.«
»Und er bietet mehr.«
»So ist es«, antwortete Enno kleinlaut.
»Karl von Geldern hat sein Interesse an der Herrlichkeit Hillersum bekundet«, erklärte Eggerik Beninga. »Wir haben Hinweise, dass es Verhandlungen zwischen ihm und Junker Balthasar von Esens gibt. Wir befürchten, dass die beiden sich verbünden wollen. Mein Vater hat vor vier Jahren Krieg gegen Balthasar geführt. Es gibt Hinweise darauf, dass Balthasar einen neuen Angriff plant. Er hat neue Truppen anwerben lassen, und es häufen sich Nachrichten von Überfällen auf Kaufleute und Handelsschiffe. Erst vor einer Woche hat er ein Schiff aus Emden aufgebracht, beladen mit Bier, Speck und einer großen Lieferung Salz. Bei einem nächsten Waffengang hätte Balthasar einen mächtigen Verbündeten: Herzog Karl von Geldern. Und die beiden hätten einen Stützpunkt mit Hafen und gut befestigter Burg mitten in unserem Land.«
»Ihr habt den Kaiser um Vermittlung angerufen, und er hat mich entsandt, damit ich ein juristisches Gutachten erstelle«, stellte Rimberti fest.
»Es sind mehrere Fragen zu bedenken«, entgegnete der Drost. »Es geht um die Frage, in welchem rechtlichen Verhältnis der Besitzer einer ostfriesischen Herrlichkeit zum ostfriesischen Grafen steht. Kann ein auswärtiger Regent wie Herzog Karl von Geldern überhaupt Besitzer einer ostfriesischen Herrlichkeit sein?«
»Verzeiht«, unterbrach Rimberti, »aber dahinter steht ja die Frage, ob die Herrlichkeiten überhaupt Bestandteil der Grafschaft Ostfriesland sind. Graf Ulrich nannte sich ›Graf in Ostfriesland‹ und nicht ›von Ostfriesland‹.«
Graf Enno spürte, dass seine Autorität in Zweifel gezogen wurde, auch wenn er nicht genau verstand, um welche Frage es ging. »Man merkt Euch an, dass Ihr in einer Herrlichkeit aufgewachsen seid, Doktor Rimberti. Aber die Ära der Häuptlinge ist zu Ende. Vorbei sind die Zeiten, wo die Häuptlinge sich gegenseitig befehden und Unglück über das Land und seine Einwohner bringen.«
Rimberti entgegnete dem Grafen freimütig: »Ihr braucht ein juristisches Gutachten, das den Verkauf der Herrlichkeit an Balthasar oder an Karl von Geldern für unrechtmäßig erklärt.«
Graf Enno legte Rimberti die Hand auf die Schulter. »Wir sprechen die gleiche Sprache. Und mein Ansinnen ist durchaus nicht unrechtmäßig. Ich habe schon Briefe mit Königin Margarete gewechselt. Sie nimmt als Statthalterin für ihren kaiserlichen Neffen die Regierungsgeschäfte von den Niederlanden aus wahr. Königin Margarete hat im Namen des Kaisers zwei Juristen beauftragt, die Sache im Sinne Herzog Karls von Geldern zu untersuchen.«
»Van Woerden und Haykema?«
»Ihr habt die beiden schon kennengelernt?«
Rimberti nickte.
»Zwei ältere Herren, die man mit einem guten Fässchen Wein und ein wenig Gold wohl in unser Fahrwasser lenken kann«, warf Graf Enno ein.
»Zwei hochgebildete und scharfsinnige Juristen mit viel Lebenserfahrung. Man darf die beiden auf keinen Fall unterschätzen«, entgegnete Rimberti.
»Dann ist da noch die Sache mit Uiterweer«, bemerkte Drost Beninga.
Graf Enno warf Beninga einen finsteren Blick zu. Beninga hielt dem Blick stand.
»Ach, das ist eigentlich keine Sache.« Graf Enno machte eine wegwerfende Handbewegung. »An sich sind die Verhältnisse klar. Mit dem Kloster gehen auch seine Güter in den Besitz des Fiskus über.«
»In Uiterweer liegen drei große Höfe, die Eilert Nanningas Vater dem Kloster Ihlow übereignet hat.« Beninga sprach Rimberti direkt an und überging Graf Ennos Bemerkungen wie die eines ungezogenen Schülers. »Mit dieser Übereignung war eine Bedingung verknüpft. Aus den Einnahmen der Höfe soll ein Priester bezahlt werden, der täglich eine Messe für die Häuptlingsfamilie liest. Und es soll jährlich ein festgelegter Betrag für das Klostervorwerk Oldekamp gestiftet werden. Dort wird ein bisschen Landwirtschaft und Bienenzucht betrieben, und Kranke werden gepflegt.«
»Ihr wollt diese Güter einziehen?«, fragte Rimberti.
Drost Beninga wurde sichtlich verlegen, aber Graf Enno kannte diese Form von Schamgefühl nicht. »Mein lieber Rimberti, große Aufgaben liegen vor uns. Meinem Vater ist es leider nicht gelungen, seine Aufgaben zu erledigen. Schulen müssen gebaut und Wege angelegt werden. Wir müssen den Handel ausbauen. Und dann sind unsere Ansprüche auf Jever und das Harlingerland noch nicht durchgesetzt …«
»Krieg?«
»Doktor Rimberti, ich glaube kaum, dass Euer Brotherr, der Graf von Kringenberg, seine Gegner durch gutes Zureden überzeugt«, belehrte der Graf den Rechtsgelehrten und wies ihn gleichzeitig auf seinen untergeordneten Stand hin.
»Graf August von Kringenberg führt selten Krieg. Seine Feldzüge sind kurz und effizient. In der Regel pflegt er seine Gegner zu kaufen«, erklärte Rimberti, wohlwissend, dass er mit diesen beiläufig ausgesprochenen Worten den Neid Graf Ennos provozierte.
Die Grafschaft Kringenberg verfügte ähnlich wie Ostfriesland über sehr fruchtbare Böden. Darüber hinaus wurde Silber gefördert, und die Tatsache, dass sich im Städtchen Kringenberg zwei bedeutende Handelsstraßen kreuzten, brachte den Handel zu stetiger Blüte. Graf Augusts ungemein kluge Regentschaft tat ihr Übriges, diese kleine Grafschaft sehr reich zu machen. Rimberti dachte sogar einen Moment daran, seinem Dienstherrn den Kauf der Herrlichkeit vorzuschlagen.
»Gibt es Unterlagen, Dokumente, Vorverträge?«, fragte er.
Enno sah Beninga verstohlen an. Beninga erklärte: »Drost Haiko Ibenga hat die Vorverhandlungen geführt. Dabei wurden alte Urkunden gesichtet, und es konnten einige Punkte geklärt werden. Leider stehen uns diese Dokumente zurzeit nicht zur Verfügung. Drost Ibenga hat sie bei sich.«
»Gut, dann werde ich Haiko Ibenga aufsuchen und alles mit ihm besprechen.«
»Das ist leider nicht möglich«, sagte Beninga. »Der Drost hat zum Jahresanfang eine Reise zum Hof nach Brüssel unternommen, und er ist noch nicht zurückgekehrt. Wir haben lange nichts von ihm gehört. Seine Familie hat aber Briefe von ihm erhalten, sodass wir hoffen, dass ihm unterwegs nichts geschehen ist.«
»In diesem Fall hättet Ihr mit Sicherheit eine Nachricht bekommen«, stellte Rimberti fest. Er hoffte, in einem späteren Gespräch unter vier Augen mit Beninga die Dinge erörtern zu können, die ihm rätselhaft vorkamen und die in Gegenwart des Grafen wohl nicht offen angesprochen werden sollten.
»Was willst du?«, herrschte Graf Enno einen Bediensteten an, der verlegen in der Tür stand und von seinem Vorgänger anscheinend zu höchster Zurückhaltung ermahnt worden war.
»Der Amtmann ist hier. Es ist ein Mord geschehen.«
Graf Enno winkte den im Hintergrund stehenden Amtmann herein, der nach einer kurzen Verbeugung gleich zur Sache kam: »Euer Gnaden, ein schreckliches Verbrechen ist geschehen. Kaufmann Sanders wurde ermordet in seinem Kontor aufgefunden.«
»Jakob Sanders?« Graf Enno war sichtlich erschüttert, als der Amtmann mit einem Nicken die Bestätigung gab.
»Sanders ist einer der wohlhabendsten Kaufmänner in Norden«, raunte Beninga Rimberti zu.
Lübbert Rimberti nickte. Ihn ging die Sache eigentlich nichts an.
Kapitel 4
Lübbert Rimberti bewohnte zusammen mit seinem Schreiber drei Kammern in einem Nebengebäude des Hochgräflichen Hauses am Norder Markt. Das erste der beiden großen Zimmer diente Rimberti als Schreibstube. Ein Arbeitstisch mit Gesetzeswerken, Papier und Schreibgerät für ihn sowie ein kleinerer Tisch für seinen Schreiber waren aufgestellt. Das andere große Zimmer stand Rimberti als Schlafzimmer zur Verfügung, während der Schreiber in der kleineren Kammer untergebracht war. Eine Magd, die die Zimmer sehr sauber hielt, aber schlecht kochte, führte den Haushalt für die beiden.
Im schwächer werdenden Tageslicht las Rimberti die wenigen Unterlagen, die über den geplanten Verkauf von Hillersum existierten. Die Gesetzesbücher aus der Bibliothek des Grafen lagen stumm und schwer vor ihm. Rimberti wusste, dass es nicht um Recht, sondern um die Durchsetzung von Ansprüchen ging.
Die Glocken der Stadtkirche St. Andreas läuteten zum Abendgebet. Rimberti erhob sich von seinem harten Stuhl. Er wollte am Abendgottesdienst teilnehmen. Vielleicht würden ihm die Gesänge und Gebete helfen, etwas Abstand zu gewinnen und die Situation mit klarem Verstand zu durchdenken.
Als er das Haus verließ, folgte ihm jemand. Rimberti drehte sich um und erkannte den Bediensteten des Grafen, den dieser am Nachmittag zum Stalldienst abkommandiert hatte.
»Soll ich ein gutes Wort für dich einlegen?«, fragte Rimberti ihn. »Morgen treffe ich mit Graf Enno zusammen. Vielleicht kann ich etwas ausrichten.«
»Das könnt Ihr jetzt schon«, antwortete der Diener verlegen. Man merkte dem groß gewachsenen, an den Schläfen ergrauten Mann an, dass es ihn beschämte, auf die Fürsprache anderer angewiesen zu sein. »Ich bitte Euch, mir ohne Aufsehen zu folgen.«
Rimberti nickte und folgte dem Diener vorsichtig. »Wie lange bist du schon im Dienst des Grafen?«, fragte er.
»Seit einem halben Jahr. Ich war vorher Mönch im Kloster Ihlow. Ich wollte frei sein. Nun bin ich von einem Gottesdiener zu einem Menschenknecht geworden.«
Ennos Bediensteter lotste Rimberti in Richtung Hafen. Dann bog er in eine Lohne, die zum Neueweg führte. Bevor sie die Lohne verließen, schaute der Diener sich um. Weder hier noch auf dem Neueweg war jemand außer ihnen unterwegs. Sie betraten eines der erst vor Kurzem errichteten Häuser in dieser Straße, durch die das Norder Stadtgebiet nach Süden in Richtung Hafen erweitert worden war.
Rimberti war nicht erstaunt, dass Graf Enno in der Upkamer des Hauses auf ihn wartete. Überraschender für ihn war, den Mann wiederzusehen, der neben ihm am Fenster stand: Ulfert Fockena. Er und Rimberti hatten im letzten Jahr Freundschaft geschlossen, als sie im Auftrag Graf Ennos den Tod eines Mönches aufklären und einen Klosterschatz wiederbeschaffen mussten. Fockena war Häuptling einer kleinen Herrlichkeit in der Nähe von Aurich und hatte Ennos Vater, Graf Edzard, viele Jahre als Offizier und Berater gedient. Aus Verbundenheit zu Edzard stand Fockena auch dessen Sohn Enno hin und wieder zur Seite.
Rimberti deutete Fockenas für den Grafen nicht sichtbare Handbewegung als Zeichen, die Wiedersehensfreude nicht allzu deutlich zum Ausdruck zu bringen.
»Ihr wundert Euch vielleicht, verehrter Herr Doktor Rimberti, dass ich Euch noch einmal rufen lasse«, begann Enno mit gespielter Herablassung.
»Euer Diener hat mir nicht gesagt, wer mich erwartet. Er war überaus diskret«, antwortete Rimberti. »Aber ich nehme an, es geht um den Tod dieses Kaufmanns.«
Ulfert Fockena grinste und zwinkerte Rimberti zu, während Graf Enno sichtlich erschrocken war, dass man ihn so leicht durchschaute.
»Nun ja, Ihr habt mir während Eures letzten Aufenthaltes bei der Aufklärung eines rätselhaften Todesfalles geholfen«, setzte Graf Enno wieder an.
»Und er hat Euch den Klosterschatz aus Bendiktshusen zurückgeholt«, unterbrach ihn Fockena mit dröhnender Stimme. Enno drehte sich verärgert zu ihm um.
Rimberti antwortete: »Der Tod des Kaufmanns hat Euch beunruhigt.«
»Jakob Sanders war nicht irgendein Kaufmann. Er genoss in besonderer Weise mein Vertrauen und meine Wertschätzung. Er hat als Delegierter eine Reihe recht vorteilhafter Handelsabkommen für uns abgeschlossen. Er war ein wichtiger Kontaktmann zu den Hansestädten und in den Niederlanden. Seine Schiffe fahren sogar in die Ostsee.«
Rimberti hatte das Gefühl, dass in dieser Aufzählung etwas fehlte, das Ulfert Fockena später gewiss ergänzen würde.
»Ich wäre Euch nicht undankbar«, fuhr Graf Enno fort, »wenn Ihr während Eures Auftrages in Ostfriesland, der sich sicherlich nicht nur in meinem Anliegen erschöpfen wird, sondern gewiss auch Angelegenheiten Eures Landesherrn zum Inhalt haben wird, etwas Licht in diese unerquickliche Angelegenheit bringen könntet.«
Graf Enno wusste, dass Graf August von Kringenberg mehrere Höfe und andere Besitzungen in Ostfriesland zu eigen hatte. Lübbert Rimberti war als Beamter des Grafen für alle Verträge und juristischen Angelegenheiten dieser auswärtigen Besitztümer zuständig und hatte deshalb in größeren Abständen in Ostfriesland zu tun.
Da Rimberti nicht sogleich reagierte, raunte ihm Enno zu: »Es wird gewiss nicht von Nachteil für Euch und für die Angelegenheiten des Grafen August sein.« Graf Enno wusste ebenfalls, dass Graf August von Kringenberg starkes Interesse daran hatte, Handelsschiffe unter seiner Flagge segeln zu lassen, aber über keinen Hafen verfügte. Rimbertis Landesherr war darauf angewiesen, dass Graf Enno ihm einen zur Verfügung stellte. Graf Enno bot also eine Art Geschäft an.
Nun gut, dachte Lübbert Rimberti, das letzte Mal hatte Graf Enno Wort gehalten. Rechtsstreitigkeiten konnten im guten Sinne beigelegt werden, und mit einigen Kaufleuten aus der Grafschaft Kringenberg waren vorteilhafte Handelsverträge abgeschlossen worden.
»Womit hat Sanders gehandelt?«, fragte er.
»Mit allem«, antwortete der Graf eilig.
Rimberti sah ihn an und antwortete nicht.
Enno räusperte sich. »Seine Schiffe haben vor allem Wein, Honig und Obst hergebracht. Tuch und Waffen mitunter auch. Gehandelt hat er mit Korn, Butter, Fleisch und Fisch. Und Salz.«
Der Graf hatte das letzte so betont beiläufig erwähnt, dass Rimberti hellhörig wurde.
»Salz?«, fragte Lübbert Rimberti seinen Freund Ulfert Fockena, als sie nach dem Gespräch mit Graf Enno im Hinterzimmer eines Gasthofes drei Becher Wein und eine große Schüssel Fleischsuppe lang Erinnerungen ausgetauscht hatten. Jetzt waren sie beim vierten Becher Wein und einem gebackenen Huhn in der Gegenwart angekommen.
»Salz«, bestätigte Fockena. »Jakob Sanders wurde in seinem Kontor ermordet. Jemand muss durch das Fenster einen Armbrustbolzen auf ihn geschossen haben. Da Sanders hinter seinem Tisch an der Wand saß, fiel er nicht zu Boden, sondern sackte tot in seinem Stuhl zusammen. Der Mörder hat eine gute Handvoll Salz über ihn gestreut.«
»Das kann auch jemand anders gewesen sein.«
»Vielleicht. Aber vor gut drei Wochen wurde in Oldekamp eine Nonne ermordet. Man hat den Fall nicht weiter untersucht und vermutet einen Einbruchsversuch in das Kloster. Auch sie wurde mit einem Bolzen der Armbrust getötet, und jemand hat die Tote mit Salz bestreut.«
»Wer sollte in ein Kloster einbrechen?«, fragte Rimberti. »Graf Enno hat die Klöster und Kirchen doch gründlich ausgeplündert. Da gibt es nun wirklich nichts mehr zu holen.«
»Und schon gar nicht im Klostervorwerk Oldekamp«, antwortete Ulfert Fockena und wischte mit einem Stück Brot die Schüssel aus. »Dort gibt es nur Bienen und ein bisschen Ackerland. Ein paar Kranke werden gepflegt, und ein paar Handschriften werden angefertigt. Kein lohnendes Ziel für einen Räuber. Wozu sollte auch jemand am helllichten Tag mit einer solchen Waffe dort einbrechen?«
»Sehe ich das richtig, dass der Graf auch dich mit der Lösung des Falles beauftragt hat?«
»Es gibt keinen Fall. Jakob Sanders war einer der reichsten Kaufmänner Ostfrieslands. Offiziell ist er bei einem …«
»Er ist bei einem Einbruch getötet worden. Ja?«, unterbrach Lübbert Rimberti den Freund.
»So ist es. Eggerik Beninga soll Erkundigungen einziehen, und wir sollen ihm dabei helfen«, bestätigte Fockena.
»Dafür, dass es eigentlich kein Fall ist, betreibt Graf Enno ja einen ziemlichen Aufwand.«
»Sanders war mit der Abwicklung der Kirchenschätze beauftragt. Er hat für Graf Enno einen Großteil der Wertgegenstände aus den Klöstern und Kirchengemeinden zu Geld gemacht.«
Einen Moment schwiegen die Freunde und widmeten sich dem gebackenen Huhn. Im letzten Jahr hatte Graf Enno begonnen, unter dem Deckmantel des evangelischen Glaubens alle Schätze und Wertgegenstände aus Kirchen und Klöstern einzuziehen. Ganze Wagenladungen mit Kelchen, Leuchtern, kostbar eingefassten Büchern, Monstranzen, Messgewändern und anderen Wertsachen hatte er durch seine Leute beschlagnahmen lassen, die sogleich einen erheblichen Teil der Kirchenschätze als Aufwandsentschädigung für sich abgezweigt hatten.
»Also: zuerst die Nonne oder den Kaufmann?«, fragte Rimberti.
Ulfert Fockena grinste. »Zuerst den Kaufmann, der ist noch frisch.«
Kapitel 5
Rinelde Sanders blickte einen Moment auf, als Lübbert Rimberti und Ulfert Fockena in den Raum geführt wurden. Die Witwe des ermordeten Kaufmanns war eine große, schwere Frau mit teigigem Gesicht. Ihre Haare waren ganz unter der enganliegenden Haube verschwunden, was ihr Gesicht noch runder wirken ließ. Mit Herablassung hörte sie sich die Beileidsbekundungen der beiden an und beugte sich wieder über ihre Papiere.
»Ich danke Euch für Euer Mitgefühl«, sagte sie tonlos und tauchte die Feder in die Tinte. »Mein Mann hatte natürlich keine Gelegenheit, uns ein bestelltes Haus zu hinterlassen. So ist es meine Aufgabe, alles zu ordnen. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr Euer Anliegen gleich vorbringen würdet. Ich habe viel zu tun.« Kratzend schrieb Rinelde Sanders etwas auf ihr Papier und blickte dann Fockena und Rimberti ungeduldig an.
»Verzeiht, dass wir Euch an einem so jammervollen Tag mit Fragen belästigen müssen«, begann Ulfert Fockena salbungsvoll. »Aber Graf Enno schätzte Euren Gatten als Freund und als Kaufmann. Ihm ist sehr daran gelegen, den Mörder schnell zu finden und zu bestrafen.«
Rinelde Sanders legte die Schreibfeder beiseite und nickte. »Stellt Eure Fragen.«
»Ist etwas aus dem Kontor Eures Mannes entwendet worden?«, fragte Lübbert Rimberti.
Rinelde Sanders schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich nichts. Mein Mann hatte sein Geld gut versteckt und verschlossen. In seinem Kontor hatte er immer nur ein paar Münzen in einem Schrankfach. Und die sind noch alle da.«
»Ihr hattet schon Gelegenheit, Euch davon zu überzeugen?«, fragte Rimberti so höflich wie möglich.
Rinelde Sanders’ Blick wurde eisig. »In unserem Kontor wimmelt es von Kunden und Bediensteten. Da sollte niemand in Versuchung geführt werden.«
Es polterte an der Tür, und ein hagerer Mann mit rotem Gesicht stolperte herein. Die Kleidung aus elegantem schwarzem Tuch passte nicht zu seiner ungepflegten Erscheinung. Das Haar stand nach allen Seiten ab, der Bart war seit Tagen nicht gestutzt und die Kleidung an Brust und Bauch bekleckert.
»Schwager Berend, was habt Ihr hier zu suchen?«, fragte Rinelde Sanders mit tadelndem Unterton.
»Ich wollte nachsehen, wie es mit Euch steht, liebe Schwägerin«, brachte der Mann mit schwerer Zunge vor.
»Immerhin sehe ich, dass Ihr noch steht. Das ist um diese Tageszeit schon sehr bemerkenswert, lieber Schwager«, entgegnete die Witwe schroff.
»Ich …« Der Mann suchte nach Worten. »Er war nicht nur Euer Mann, er war auch mein geliebter Bruder.« Tränen standen in seinen geröteten Augen. Er schniefte und wischte sich mit dem Ärmel die Nase.
Für einen Moment schien Rinelde Sanders von Mitleid berührt. »Ich danke Euch für Euren Besuch. Wir reden später.«
Der Mann druckste. »Auch wenn das jetzt etwas unpassend ist: Vielleicht könnt Ihr mir aus einer kleinen Verlegenheit helfen. Dringende Geschäfte, versteht Ihr?«
Rinelde Sanders’ Gesicht wurde hart. Wortlos griff sie in einen Lederbeutel und holte ein paar Münzen heraus, die sie auf die Tischkante legte. Sie sah nicht hin, als ihr Schwager sich mit ungelenkem Schritt näherte und die Münzen umständlich von der Tischkante nahm.
»Dank Euch für die Hilfe«, sagte Berend Sanders mit übertriebener Ergebenheit. »Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Ich werde in dieser schweren Zeit unerschütterlich zu Euch stehen.« Er deutete eine Verbeugung an und schwankte hinaus.
»Auch das ist ein Erbteil, welches mein Mann mir hinterlässt«, erklärte Rinelde Sanders ungerührt.
»Wird er etwas erben?«, fragte Ulfert Fockena.
»Nein. Mein Schwiegervater hat das Geschäft Jakob hinterlassen. Berend ist der Ältere. Aber er hat es nie zu etwas gebracht. Berend hat beim Tod meines Schwiegervaters eine Leibrente und lebenslanges Wohnrecht im Elternhaus bekommen. Dieses Erbe kann er nicht versaufen. Mein Schwiegervater war ein weiser Mann. Das Elternhaus selbst ist dem Kloster Ihlow überschrieben worden und wird nach Berends Ableben ganz dem Kloster zugutekommen. Es gibt noch einen dritten Bruder. Er heißt Konrad und ist auf eigenen Wunsch in dieses Kloster eingetreten. Er ist dort Bibliothekar.«
»Und mit dem Haus hat er sich gewissermaßen in das Kloster eingekauft«, stellte Ulfert Fockena fest.
»Es bedarf schon eines gewissen Wohlstandes, um das Armutsgelübde ablegen zu können«, erwiderte Rinelde Sanders.
»Jemand hat Salz auf Euren Mann gestreut. Habt Ihr eine Vermutung, was das zu bedeuten hat?«, fragte Lübbert Rimberti. »Hat Euer Mann auch mit Salz gehandelt?«
»Mein Mann hat zusammen mit Hilko Boyen mit Salz gehandelt«, antwortete die Witwe. »Das meiste Salz wird verkauft. Das Fleisch wird damit eingepökelt und überallhin verkauft. Aber etliche Fässer mit Salz verkaufen wir auch nach Westfalen oder verschiffen es in die Ostsee. Und nun, meine Herren, bitte ich Euch, mich allein zu lassen. Ich trauere um meinen Mann und bitte um Euer Verständnis.«
Rimberti und Fockena erhoben sich und verließen den Raum. Als Rimberti sich noch einmal zu Rinelde Sanders umwandte, um ihr einen Abschiedsgruß zu entbieten, war sie schon wieder in ihre Arbeit vertieft und schrieb mit ihrer Feder auf das Papier.
»Da stimmt doch etwas nicht«, sagte Ulfert Fockena, nachdem er den Bierkrug mit einem Zug bis zur Hälfte geleert hatte. »Da wird ihr Mann am helllichten Tag ermordet, und sie sitzt ungerührt da und macht ihre Bestandsaufnahme. Und auf keine Frage hat sie eine Antwort.«
»Nicht so laut«, raunte Lübbert Rimberti seinem Freund zu und sah sich in der Gaststube um. Aber niemand schien Interesse daran zu haben, ihrem Gespräch zuzuhören.
»Und doch trauert sie. Das habe ich deutlich gespürt. Vielleicht trauert sie um ihren Mann, aber ich habe das Gefühl, dass da noch eine andere Trauer ist. Und darüber will sie nicht reden.« Ulfert Fockena grinste. »Glaub mir! Ich verstehe etwas von Frauen.«
Lübbert Rimberti deutete mit einer Kopfbewegung in den hinteren Teil der Gaststube. An einem der Tische im Halbdunkel saß Berend Sanders. Er sprach angeregt mit einem schwarzbärtigen Mann, der in dunkelgrünes Tuch gekleidet war. Der Mann schien Berend Sanders mit einem Anliegen zu bedrängen. Sanders hob mehrere Male abwehrend die Hände und erwiderte etwas. Dabei schüttelte er den Kopf.
Schließlich stand der Mann auf und verließ den Schankraum. Rimberti sah, dass eine Narbe über seine Wange bis unter das Auge lief. Der schwarze Bart verbarg die Entstellung des Gesichts nur teilweise.
»Wir sollten uns um den trauernden Bruder kümmern«, raunte Ulfert Fockena. »Ich übernehme das Trinken und du das Trauern.«
»Dürfen wir Euch unser Beileid aussprechen?«, sagte Lübbert Rimberti, als er und Ulfert Fockena vor Berend Sanders standen.
»Ich danke Euch«, sagte Sanders, sein Desinteresse kaum verbergend.
»Dürfen wir Euch zu einem Trunk auf das Wohl Eures Bruders einladen?«, fragte Fockena.
»Ich danke Euch«, antwortete Sanders sichtlich erfreut, und die Augen leuchteten wie seine rote Nase.
»Es ist sicherlich nicht einfach für Euch«, sagte Rimberti, während er der Bedienung ein Zeichen gab.
»Nein, gewiss nicht«, erwiderte Sanders und stieß laut hörbar auf. Eine Dunstwolke sauren Atems hüllte Rimberti ein, der sich gerade vorgebeugt hatte, um mit dem Mann ins Gespräch zu kommen.
Die Schankmagd kam und wischte mit einem dreckigen Tuch über den Tisch. Dann brachte sie drei große Bierkrüge.
»Auf unsere Lieben, die wir vermissen.« Ulfert Fockena hob den Krug und nickte Sanders zu.
»Jau«, murmelte Sanders, der schon den Krug an den Mund gesetzt und mit dem Trinken begonnen hatte.
»Ein schmerzlicher Verlust«, bemerkte Fockena, der einen großen Schluck genommen hatte. »Nun kommt eine große Verantwortung auf Euch zu.«
Das Geräusch, das Sanders von sich gab, konnte als Zustimmung, aber auch als erneutes Aufstoßen gedeutet werden.
Lübbert Rimberti betrachtete Berend Sanders. Sein Gesicht war nicht nur aufgedunsen von übermäßigem Essen und Trinken. In seine Züge war die Bitterkeit tief eingegraben, der Gram eines Mannes, der immer im Schatten des Bruders leben musste, und der daran gewöhnt war, im Hintergrund zu stehen und sich mit dem zu begnügen, was übrig blieb.
Lübbert Rimberti wusste plötzlich, wie er mit Sanders ins Gespräch kommen konnte. Während Fockena der Wirtin erklärte, was sie nun zu bringen hatte, begann er: »Der Mord an Eurem Bruder kommt für Euch nicht ganz unerwartet. Habe ich recht? Ihr habt geahnt, dass es einmal so enden würde.«
Berend Sanders glotzte ihn an.
»Hätte Euer Bruder öfter auf Euch gehört, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen«, sagte Rimberti.
»Was wisst Ihr?«, fragte Sanders lauernd.
In diesem Moment stellte die Wirtin einen großen Teller mit Brot und kaltem Braten auf den Tisch, und die Magd brachte drei Zinnbecher und eine Kanne mit dunkelrotem Wein. Fockena schenkte Sanders und sich ein und erhob den Becher. Sanders trank seinen in einem Zug fast leer und schenkte sich selbst nach.
»Ich weiß, was ich sehe«, antwortete Rimberti und nahm einen kleinen Schluck aus seinem Bierkrug. »Ich sehe vor mir einen Mann in den besten Jahren, der bisher nur wenig Gelegenheit hatte, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Nun kommen große Aufgaben auf Euch zu: die Verantwortung für das Geschäft, die Sorge um Eure Schwägerin. Ihr seid nicht zu beneiden. Das alles ruht jetzt auf Euren Schultern. Doch Eure Schultern sind stark genug. Ein Mann ohne Eure Erfahrung wäre dem sicher nicht gewachsen. Aber Ihr werdet es schaffen.«
Staunend hatte Berend Sanders zugehört. Den Becher, den er erneut zum Trinken erhoben hatte, stellte er zurück auf den Tisch. »Jakob konnte den Hals nicht voll genug kriegen. Das war schon immer so.«
Nun kam das, was Rimberti und Fockena erwartet und erwünscht hatten. Berend Sanders erzählte seine Geschichte, die Geschichte des zu kurz gekommenen älteren Bruders, der nicht so begabt, nicht so durchsetzungsfähig, nicht so gut aussehend, nicht so rücksichtslos, nicht so verschlagen war wie der jüngere Bruder, auf den immer die Augen der Eltern gerichtet gewesen waren.
Natürlich hatte Jakob die bessere Ausbildung in auswärtigen Kontoren in Hamburg, London und Antwerpen genossen, während Berend zu Hause lediglich Schreibarbeiten und Botengänge verrichtet hatte. Natürlich war Jakob bei seiner Rückkehr vom Vater in die Leitung des Handelshauses aufgenommen und bei Verhandlungen und Vertragsabschlüssen beteiligt worden, und Berend war nur mit Aufgaben betraut worden, die wenig Verantwortung und Eigeninitiative erforderten. Berend musste die wenig versprechende Tochter eines entfernten Verwandten heiraten, die unter die Haube gebracht werden sollte. Jakob heiratete die reiche und selbstbewusste Rinelde, deren Vater mehrere Schiffe besaß.
Als die Wirtin die zweite Kanne mit schwerem süßem Wein brachte, hatten Rimberti und Fockena genug gehört.
»Salz.«
»Salz?«, fragte Sanders erstaunt zurück und sah Lübbert Rimberti an, während Ulfert Fockena ihm und sich selbst nachschenkte.
»Salz«, wiederholte Rimberti. »Auf Euren toten Bruder hat jemand Salz geschüttet. Habt Ihr dafür eine Erklärung?«
Berend Sanders zuckte mit den Achseln. Nun, da es nicht mehr um ihn ging, sondern um seinen Bruder, verfiel er wieder in Lethargie. »Vielleicht hat der Einbrecher bei seiner Flucht ein Salzfass umgestoßen, was weiß ich«, murmelte er beiläufig.
»Euer Bruder hat mit Salz gehandelt?«, fragte Rimberti.
»Friesensalz«, antwortete Sanders. »Wir haben eine Salzbude in Westermarsch, aber das meiste kommt von Bant. Dort haben wir zwei Salzbuden gepachtet. Ich muss hin und wieder auf die Insel fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Wunder, dass mein kleiner Bruder mir so viel Verantwortung zugetraut hat.« Wieder war die Bitterkeit in seiner Stimme. Er stopfte sich ein Stück Bratenfleisch in den Mund und spülte es mit Rotwein hinunter. »Aber mein Herr Bruder hatte so seine kleinen Geheimnisse.«
Erwartungsvoll sahen Rimberti und Fockena ihn an. Sanders lehnte sich behaglich zurück und trank den Becher leer. Rimberti schenkte ihm nach. Er konnte warten. Er wusste, dass Berend Sanders das Interesse an seiner Person genoss. Der Mann würde ihnen ein paar Informationen liefern müssen, um diese Aufmerksamkeit zu erhalten.
»Manchmal trafen spät abends Männer ein. Und wenn ich im Kontor war, ließ er sie warten, bis ich weg war. Ich habe nie etwas von dem mitbekommen, was sie besprochen haben. Manchmal brachte ein Bote einen Brief. Der Bote gab ihn nicht etwa mir. Bestand immer darauf, den Brief nur meinem Bruder persönlich aushändigen zu dürfen. Man kann sich ja denken …« Mit verschwörerischem Blick nahm Sanders den Weinbecher und trank.
»Ja?«, fragte Fockena.
Berend Sanders stutzte einen Moment. Vermutlich hatte er keine Ahnung, worum es in diesen Angelegenheiten gegangen war. Er druckste ein wenig. »Für Rinelde war das auch nicht immer einfach. Wenn ich da nicht hin und wieder mit Rat und Tat …« Geräuschvoll stieß Sanders auf. Er schien das Befremden auf Fockenas und Rimbertis Gesichtern zu genießen.
»Was denkt Ihr, wie das ohne mich gegangen wäre?«, setzte er wichtigtuerisch fort. »Neulich war mein Herr Bruder über ein halbes Jahr fort. Und niemand wusste, wo Jakob war. Nur seinen Knecht hatte er bei sich. Rinelde tat so, als wüsste sie genau, wo Jakob ist. Aber ich habe gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Sie antwortete immer ausweichend. Vor ein paar Wochen war er plötzlich wieder da. Er sah hundeelend aus und gab vor, auf der Geschäftsreise schwer krank geworden zu sein.«
»Und? Wo ist er gewesen?«, fragte Rimberti, während Fockena Sanders wieder einen gefüllten Becher zuschob.
»Kein Wort hat er gesagt. Nix«, sagte Sanders, dessen Blick immer glasiger wurde und dessen Gesichtsfarbe immer mehr der des Weines ähnelte. »Und der Knecht war nicht mehr bei ihm. Jakob sagte, sein Knecht sei in die neue Welt gegangen. Er wollte sein Glück im Goldland machen. Mein Bruder hatte Verbindungen zu den Welsern in Augsburg. Der Kaiser hat dieser Familie die Statthalterschaft über ein riesiges Gebiet in der neuen Welt überlassen.« Sanders rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. »Gegen Bares natürlich. Viele vermuten dort das Goldland. Kein Wunder, dass viele Abenteurer und Taugenichtse dort reich werden wollen.«
Rimberti hoffte, dass Berend Sanders noch so lange klar im Kopf blieb, bis er Antworten geliefert hatte. »Und Euer Bruder hat nie darüber geredet, wo er gewesen ist und was passiert ist?«
»Darüber hat er nich’ mit mir gesprochen«, antwortete Sanders. Er machte ein Schmollgesicht. »Er brauchte ein paar Wochen, um sich zu erholen, und so ganz der Alte war er bis zuletzt nicht.«
»Nun wird ja alles anders«, brummte Ulfert Fockena und prostete Sanders zu.
Sanders lächelte dümmlich. Der schwere Wein stieg ihm zu Kopf.
Was Rimberti wissen wollte, musste er jetzt aus ihm herausholen. Ein paar Weinbecher später würde dazu keine Gelegenheit mehr sein. »Vorhin habt Ihr mit einem Mann gesprochen. Ich meine, dass ich ihn von irgendwoher kenne. Aber ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern.«
»Ich weiß nich’, von wem Ihr redet.« Sanders schüttelte den Kopf.
Aber Rimberti wollte diese Information unbedingt von ihm haben. »Der Schwarzbärtige mit der Narbe im Gesicht. Ihr habt Euch laut mit ihm unterhalten, und er hat mich noch im Vorbeigehen gegrüßt.«
»Keine Ahnung. Er hatte irgendein Geschäft mit mei’m Bruder.« Berend Sanders fing an zu lallen. »Ich hab gar nich’ verstanden, was er wollte. Das sind die Sachen von mein’ Bruder. Da will ich nix mit zu tun haben. Damit is’ jetz’ Schluss. Aus un’ vorbei. Nu’ bin ich der Kaufmann Sanders.«
Kapitel 6
»Ich glaube kaum, dass Euch das etwas angeht. Schlaft erst einmal Euren Rausch aus!«, herrschte Rinelde Sanders Rimberti und Fockena an, die am frühen Morgen nach der durchzechten Nacht reichlich angeschlagen im Kontor standen.
»Tjark Andreesen, begleite die beiden Herren zum Ausgang«, sagte sie beiläufig und verharrte dann einen Moment, weil der Angesprochene nicht auf ihre Anweisung reagierte.
Am Fenster saß ein Junge, der etwa vierzehn Jahre alt sein mochte. Er war von kräftiger Gestalt und hatte blitzende hellblaue Augen. Seine blonden Locken ringelten sich lustig auf dem Kopf und um die Ohren. Tjark hatte Frau Rinelde nicht gehört. Er sah aus dem Fenster. Ein Junge in seinem Alter trieb draußen ein paar Kühe am Haus vorbei.
»Tjark!«, fuhr Rinelde Sanders den Jungen an, der sofort zusammenschrak. »Bist du in Gedanken wieder auf deinem Hof? Am besten wärst du geblieben, wo du herkommst. Nur weil mein Mann deinem Vater einen Gefallen schuldig war, sitzt du hier im Kontor und hast die Möglichkeit, eine Ausbildung zu erhalten, von der deine Brüder nur träumen können. Und du schaust den Kühen hinterher? Eine Schande bist du, Tjark Andreesen. Da, wo andere ihren Verstand im Kopf haben, hast du nichts als eine Fuhre Schweinemist. Ich weiß nicht, warum ich dich nicht sogleich aus dem Haus jage.«
Der Junge lief rot an vor Scham und erhob sich zögernd. Rimberti sah seine ungeschickten Bewegungen, er erkannte aber auch die klugen Augen, die alles sehr genau wahrnahmen, und eine Beherrschtheit, die der Junge schon lange verinnerlicht hatte. Sie half ihm wegzustecken, dass er von der Herrin vor zwei Männern bloßgestellt wurde.
»Ja, gewiss …« Tjark Andreesen nickte und wollte weitersprechen, aber Rinelde Sanders hatte die Tür lautstark geschlossen.
»Wir wollten dich nicht in eine unangenehme Situation bringen.« Ulfert Fockena klopfte dem Jungen auf die Schulter.
»Es ist …« begann Tjark, und Ulfert Fockena setzte den Satz fort.
»Es ist genau, wie die Herrin sagte. Du bist hier nicht glücklich.«
»Ich schäme mich dafür. Mein großer Bruder würde von einem solchen Leben träumen: Papiere, Zahlen, Buchstaben, Bücher, Listen, Briefe. Seht, mit was für einer Krakelschrift ich mich durch die Zeilen quäle. Ich schreibe so, wie mein Bruder pflügt.«
»Aber nicht er sitzt hier, sondern du«, stellte Lübbert Rimberti fest.
Tjark nickte. »Er ist der Ältere, und er übernimmt den Hof. So haben es die Eltern bestimmt. Obwohl Frerk nur ein Jahr älter ist.«
»Bei Esau und Jakob waren es vermutlich nur wenige Augenblicke«, bemerkte Rimberti.
»Ich werde meine Lehre zu Ende machen und lerne so viel, wie ich kann. Und dann muss es weitergehen, wie Gott, der Herr, es will«, schloss Tjark.
»Aber der Wille des himmlischen Vaters ist nicht immer derselbe wie der Wille des irdischen Vaters«, sagte Rimberti.
»Ich bringe Euch zur Tür. Danke für Eure freundlichen Worte«, sagte Tjark niedergeschlagen.
»Moment noch«, erwiderte Ulfert Fockena mit gedämpfter Stimme. »Euer Kaufmann war lange Zeit verreist.«
Tjark blinzelte gewitzt. »Ihr seid die Männer, die im Auftrag des Grafen Erkundigungen einziehen.«
Fockena fiel es schwer, seine Stimme gedämpft zu halten. »Woher weißt du …?«
»Ich bin vielleicht dumm«, antwortete Tjark. »Aber ich bin nicht doof. Ich bekomme mehr mit, als die Sanders’ ahnen. Der Kaufmann war viele Wochen fort. Und seine Frau wusste nicht, wo er war. Obwohl sie immer vorgab, es zu wissen.«
»Und du weißt, wo er war.«
»Niemand wusste das, und der Kaufmann hat nie auch nur ein Wort darüber verlauten lassen. Niemand von uns durfte davon sprechen. Schnitt einer von uns aus Neugierde oder aus Zufall das Thema an, lenkten der Kaufmann und seine Frau das Gespräch gleich auf ein anderes. Oder sie gaben uns deutlich zu verstehen, dass wir nicht zu fragen, sondern nur auf ihre Fragen zu antworten hätten.«
»Könnte jemand etwas wissen?«
»Hilko Boyen. Er hat oft mit dem Kaufmann zusammengearbeitet. Meistens waren das die großen Geschäfte, die für einen allein nicht zu schaffen waren. Ich bin ja noch nicht lange hier, obwohl es mir schon zu lange vorkommt. Wenn einer etwas weiß, dann ist es Hilko Boyen.«
»Hast du einen Verdacht?«, fragte Fockena lauernd.
»Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber als der Kaufmann hier war, war er verändert. Er wirkte auf einmal so anders.« Der Junge suchte nach Worten. »Er wirkte, als ob er in den Wochen um Jahre gealtert wäre. Im Kontor war er manchmal fahrig. Mitunter kam er gar nicht ins Kontor, und manchmal ging er tagsüber für längere Zeit fort.«
»Gab es ein besonderes Ereignis vor der Reise deines Kaufmanns?«, wollte Rimberti wissen.
»Nein.« Tjark Andreesen rieb seine sommersprossige Nase. »Es war eigentlich alles so wie sonst auch.« Er sah zu Boden.
»Was überlegst du? Es muss vielleicht gar nichts Außergewöhnliches sein. Gab es eine Angewohnheit deines Herrn, die dir aufgefallen ist, auch wenn sie dir nicht der Rede wert zu sein scheint? Kamen Leute zu ihm? Hat er etwas verändert? Eine Gewohnheit vielleicht?«
»Der Kaufmann hat sich oft mit Freunden getroffen. Nicht hier im Haus, nur zweimal waren sie hier, und da wurde ich weggeschickt.«
»Weißt du, wo diese Treffen stattfanden?«
»Im alten Speicher am Hafen. Und als der im letzten Herbst abgebrannt ist, trafen sie sich in einem anderen Speicher. Dort war auch ein kleines Kontor eingerichtet. Ich nehme an, dass sie dort zusammensaßen.«
»Das nimmst du an, aber du weißt es nicht?«, unterbrach ihn Rimberti. »Kennst du denn jemanden, der zu diesen Treffen kam?«
»Nein. Ich bin einige Male mit dem Kaufmann gegangen und habe den großen Korb mit Essen und Trinken getragen. Aber der Kaufmann hat mich nicht mit hereingelassen. Vor der Tür hat er mich wieder nach Hause geschickt und hat selbst den Korb mitgenommen.«
»Ein Mann mit einer Gesichtsnarbe unter schwarzem Bart – trieb der sich ab und zu hier herum?«, fragte Rimberti.
Tjark nickte. »Ich habe so einen Mann zweimal gesehen. Aber der gehörte nicht zu den Freunden, mit denen sich mein Kaufmann traf. Einmal wartete der Mann mit der Narbe vor dem Haus, als ich hinausging, um einen Botengang zu erledigen. Ich wollte umkehren, weil ich noch etwas vergessen hatte. Da sah ich, dass dieser Mann hineinging, ohne zu klopfen. Ein anderes Mal war ich noch am späten Abend damit beschäftigt, einen Vertrag abzuschreiben. Beim Aufsetzen des Vertrages hatte ich einen Fehler gemacht und musste nun alles noch einmal schreiben. Da betrat der Mann das Kontor. Und als er mich sah, eilte er gleich durch den Raum in die Wohnung des Kaufmanns. Da kam nach wenigen Augenblicken der Bruder des Kaufmanns zu mir und sagte, ich solle für heute Schluss machen.«
»Du hast ein gutes Gedächtnis«, lobte ihn Fockena.
Plötzlich stand Rinelde Sanders in der Tür. »Habe ich etwa gesagt, du sollst die Herren mit deinen Bauernreden aufhalten? Was bist du für ein ungezogener Tölpel! Geh sofort wieder an deine Arbeit. Auch ohne Ablenkung brauchst du dafür schon zu lange.«
»Du hast uns sehr geholfen«, sagte Fockena. »Vielleicht können wir dir auch noch einmal von Nutzen sein.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Tjark.
Kapitel 7
Hilko Boyen bewohnte ein prächtiges Haus mit Kontor in der Nähe des Norder Hafens. Sonntags hielt er sich meist bei den Eltern seiner Frau auf, die in dem Dorf Wilsum in der Nähe von Norden lebten.
Rimberti hatte dort durch einen Boten ihren Besuch für die Zeit nach dem Gottesdienst ankündigen lassen. Nun aber waren er und Fockena so gut auf der halbwegs passierbaren Straße vorangekommen, dass der Gottesdienst noch längst nicht zu Ende war, als sie an der Kirche vorbeikamen.
Sie gingen leise hinein. Der Pfarrer stand vor dem Altar und sprach mit der Gemeinde das Glaubensbekenntnis in deutscher Sprache. Er trug nicht das bunte Messgewand des Priesters, sondern einen schwarzen Talar mit einem weißen Kragen. Bevor der Pfarrer vom Altar wegtrat und die Gemeinde das nächste Lied sang, nickte er einem anderen Mann zu, der ebenfalls in Schwarz gekleidet war und nun gemessenen Schrittes auf die Kanzel zuging.
Lübbert Rimberti und Ulfert Fockena blieben im halbdunklen hinteren Teil der Kirche. Sie versuchten, den Kaufmann Hilko Boyen auszumachen, und sahen, dass in der Nähe der Kanzel zwei Priechen aufgebaut waren: Sitzplätze, die mit einer Art Holzgehäuse verkleidet waren, um sie von der übrigen stehenden Gemeinde ein wenig abzuschirmen. Rimberti sah wohlhabend gekleidete Familien dort sitzen. Da er Boyen nicht kannte, konnte er nur vermuten, dass der mit seiner Frau und den zwei Söhnen in der Prieche gegenüber der Kanzel saß.
Als der Prediger die Kanzel bestieg und sich der Gemeinde zuwandte, war Rimberti überrascht: Es war Andreas Karlstadt. Rimberti hatte ihn seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Er kannte Karlstadt aus seiner Wittenberger Studienzeit, und es waren nicht nur gute Erinnerungen, die ihm in den Sinn kamen.
Karlstadt war Professor in Wittenberg gewesen. Er war mit Luther ein wichtiger Streiter für den evangelischen Glauben gewesen. Eigentlich war sein Name Andreas Bodenstein, aber meist ließ er sich nach seinem Geburtsort Karlstadt nennen.
Zu den bewegendsten Erinnerungen Rimbertis an seine Wittenberger Studienzeit gehörte der Weihnachtsgottesdienst 1521 in der Stadtkirche. Luther hatte sich in seinem Versteck auf der Wartburg aufgehalten, und Karlstadt hatte damals die Erneuerung der Kirche weiter vorangetrieben. Die Stadtkirche war voller Menschen gewesen. Nahezu alle Einwohner Wittenbergs mussten gekommen sein, um den ersten Gottesdienst nach evangelischer Ordnung mitzufeiern. Zum ersten Mal hatte Rimberti die Predigt in deutscher Sprache gehört. Und zum ersten Mal hatte er bei der Messe nicht nur die Hostie erhalten, sondern auch den Kelch in die Hand genommen und daraus getrunken. Seine Hände hatten gezittert. Karlstadt selbst hatte als leitender Geistlicher und Prediger in diesem Gottesdienst kein buntes Messgewand getragen, sondern seinen schwarzen Gelehrtentalar.
Rimberti erinnerte sich an Karlstadts Abreise aus Wittenberg. Während Luther sich auf der Wartburg verborgen halten musste, war es in Wittenberg zu Ausschreitungen gekommen. Selbst ernannte Propheten traten auf und nahmen in Anspruch, Offenbarungen Gottes empfangen zu haben. Kirchen wurden geplündert, Bilder und Figuren zerstört.
Man hatte Karlstadt für die Unruhen verantwortlich gemacht und ihm verboten, öffentlich zu predigen. Karlstadt war der Arbeit an der Universität überdrüssig geworden. Damals hatte er sich auf sein Landgut bei Wörlitz zurückgezogen. Rimberti hatte in den Jahren danach immer wieder einige von Karlstadts Schriften gelesen und von dessen unruhigem Wanderleben gehört, bis Karlstadt zuletzt wieder in Gnaden in Wittenberg aufgenommen worden war und mit seiner Familie unter bedrückenden Verhältnissen leben musste.
Warum war Karlstadt hier? Wollte Graf Enno ihm eine Pfarrstelle geben? Oder sollte Karlstadt der leitende Theologe für die anstehende Kirchenreform in der Grafschaft werden?
Die Gemeinde stimmte die letzte Strophe an, und Karlstadt ließ seinen Blick über die Menschen schweifen.
Rimberti betrachtete ihn genau. Gealtert sah Karlstadt aus. Und müde. Rimberti bemerkte, dass einige Männer einander Handzeichen machten. Was hatten sie vor?
»So spricht Christus: Mein Haus ist ein Bethaus und ihr macht eine Mördergrube daraus!« Karlstadt begann seine Predigt. Eine Energie schien ihn zu durchströmen, die seine Worte kraftvoll und lebendig machte.
Mit beiden Händen wies er auf die beiden Nebenaltäre, die dem heiligen Nikolaus und dem heiligen Georg geweiht waren, und fuhr fort: »Diese Bilder sind Lügner und Mörder. Sie trügen euch und töten alle, die sie anbeten. Dass wir sie mit bunten Farben bemalen und mit Gold bekleiden, zeigt, dass wir sie lieben und nicht Gott. Gott hasst Bilder und betrachtet sie als Gräuel. In Gottes Augen werden Menschen das, was sie lieben. Die Bilder der Ölgötzen aber sind widerwärtig, folglich werden auch wir widerwärtig werden, wenn wir sie lieben und anbeten. Es wäre tausendmal besser, die Bilder ständen in der Hölle und im feurigen Ofen als in Gottes Häusern. Sie machen den Tempel Gottes zu einer Mördergrube, denn sie töten unseren Geist und unseren Glauben.«
Karlstadt wurde immer heftiger, und Rimberti musste an den Bildersturm in Wittenberg denken, den er als Zuschauer miterlebt hatte: Grölende Männer zogen durch die Kirchen und warfen mit Steinen und Unrat nach den Priestern, die an den Altären Messen lasen. Mit Äxten wurden Heiligenfiguren zerschlagen und vor der Kirche zusammen mit Büchern und Priestergewändern verbrannt.
»Gott wird dich fragen!« Karlstadt erhob seine Stimme. Eindringlich sah er einzelne Personen in der Gemeinde an. Es war so still in der Kirche, dass Rimberti das schwere Schnaufen von Fockena hinter sich hören konnte.
»Gott wird dich fragen«, wiederholte Karlstadt eindringlich. »Warum kannst du nicht genug bekommen, dass du Bilder und Ölgötzen in meinem Hause stehen lässt? Wie kannst du so dreist sein, dass du dich in meinem Hause vor Bildern verneigst und vor ihnen kniest, obwohl Menschen sie mit ihren Händen gemacht haben? Diese Ehre steht allein mir zu! Ihnen bringst du Opfer und dankst ihnen für Leib und Leben und Gut. Aber sie haben dir nichts gegeben. Alles hast du von mir. Und nun betest du fremde Götter an.«
Atemlos nahm die Gemeinde jedes einzelne Wort auf.
Karlstadt holte einmal tief Luft und sprach dann eindringlich und konzentriert weiter: »So spricht der Prophet Hosea im Namen Gottes zu seinem Volk: ›Ich habe sie ernährt und hochgebracht, aber sie verachten mich.‹ So rennen wir, Schwestern und Brüder, zu den toten Ölgötzen, wie Krähen und Raben sich auf Aas und einen Leichnam stürzen. Wir schmähen Gott in seinem eigenen Haus. Dabei ist es uns geboten, diese Bilder und Götzen aus dem Hause Gottes fortzuschleppen.«
»Die da vorn führen doch etwas im Schilde«, brummelte Fockena. Er knuffte Rimberti in die Seite und nickte zu den Männern hin, die vorn bei den Nebenaltären standen und zwischendurch Blicke austauschten.
Erst jetzt erkannte Rimberti den Mann, der halb verdeckt hinter einer Säule stand. Es war der Bärtige mit der Narbe auf der Wange, der vorgestern Abend mit Berend Sanders in der Schänke gesprochen hatte.
Rimberti hörte nicht mehr auf die Predigt. All diese Argumente hatte er zu oft gelesen und gehört. Dass mit dem Geld für Heiligenbilder vielen Armen geholfen werden konnte, war ihm natürlich klar. In seiner jetzigen Heimatstadt war auch vor einigen Jahren eine reformierte Kirchenordnung erlassen worden. Man hatte auf Anordnung der Regierung die Nebenaltäre und Heiligenfiguren aus der Kirche entfernt. Das war ohne Aufruhr und Bildersturm geschehen. Die Altarbilder, Skulpturen und Reliquien hatte sein Landesherr gewinnbringend an die römischen Bischöfe der Region verkauft und mit dem Erlös den Grundstock einer Armenkasse gelegt. In den letzten Jahren hatte sich jedoch herausgestellt, dass die Spenden für die Armenkasse bei Weitem geringer ausfielen als die Stiftungen für Heiligenfiguren, Altarbilder und Messen in den Jahren zuvor.
Rimberti beobachtete, dass der Narbige ganz am Rand der Gemeinde stand und sich unbeteiligt gab. Aber er war es, zu dem andere aus der Gemeinde immer wieder blickten. Der Narbige fasste seinen Sitznachbarn am Arm, einen kräftigen Mann mit roter Gesichtsfarbe und buttergelbem Haar. Er flüsterte ihm etwas zu.
»So spricht der Herr!« Karlstadts Stimme wurde auf einmal wieder heftig und überschlug sich: »Ihre Altäre sollt ihr einreißen, ihre Steinbilder zerbrechen, ihre heiligen Holzbilder umhauen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen.«
Für einen Moment wurde es ganz still in der Kirche. Rimberti sah, wie der Mann mit der Narbe den anderen zunickte und dem rotgesichtigen Mann neben sich kurz die Hand auf die Schulter legte. Sofort stand dieser auf. Er stiefelte ein paar Schritte in den Altarraum und griff sich eine kleine Skulptur des Heiligen Georg mit dem Drachen, die dort in einer Wandnische stand.
»So haben wir’s gehört. So müssen wir’s tun. Des Herrn Wort selbst hat es gesagt«, sprach er mit heller und zittriger Stimme. Dann schlug er Georg mitsamt dem Drachen krachend gegen eine Säule. Arme, Beine, Kopf und Rumpf des Heiligen kullerten über den Boden. Nur der Drache blieb heil.
Beherzt erhoben sich einige Männer und begannen, die Mondsichelmadonna aus ihrer Aufhängung zu lösen. Der Mann mit dem roten Gesicht holte eine Axt unter seinem Gewand hervor.
»Siebo Heiken!« Eine Frauenstimme, die das Befehlen gewohnt war, ertönte in der Kirche. Eine Tür klappte, und eine kleine alte Frau kam aufrecht aus ihrem Herrensitz neben dem Lettner. »Siebo Heiken, wage es nicht, die heilige Mutter Gottes mit deinen ungewaschenen Pfoten anzufassen.«
Der Mann mit dem roten Gesicht drehte sich um. »Frau Hiske, Ihr habt gehört, was der Herr sagt.«
»Was der Herr da oben auf der Kanzel gesagt hat, habe ich sehr wohl gehört. Aber höre nun auch, was ich sage: Wenn du es wagst, der Mutter Gottes, die mein seliger Mann unserer Kirche gestiftet hat, etwas zuleide zu tun, dann wirst du in unserer Familie nie wieder auch nur für einen Tag Lohn und Brot erhalten.«
Siebo Heiken ließ die Axt sinken. Mit einem Mal begannen die Leute zu reden. Einige riefen, die Männer sollten weitermachen. Neben Rimberti sprachen zwei Frauen laut ein Ave Maria.
Der Pfarrer stellte sich vor den Altar. Sofort wurde es leiser. »Frau Hiske. Das Wort Gottes gebietet uns, die Götzenbilder aus unserer Kirche zu entfernen. Dieses Wort ist uns lieb und teuer. Darum müssen wir gehorchen, ob wir wollen oder nicht.«
Die kleine alte Frau stellte sich aufrecht vor ihren Herrenstuhl und wirkte auf einmal groß, als sie ihre Stimme erhob. »Magister Cornelis, lieb und teuer ist auch das gute Stück Land, das mein seliger Mann damals mit der Madonna für die Pfarre gestiftet hat und dessen Pachtzins Eurer Pfarre zugutekommt, damit Ihr die Messe für ihn lest. Gebt meiner Familie das Land zurück, und Ihr könnt die Mutter Gottes haben und meinetwegen Brennholz aus ihr machen.«
Pfarrer Cornelis stand mit offenem Mund und fand keine Antwort. Die Leute begannen zu reden. Frau Hiske wandte sich an Heiken: »Siebo, du bringst mit deinen Leuten die Madonna zu mir nach Hause. Und danach könnt ihr mit Pfarrer Cornelis das Haus Gottes zu Kleinholz schlagen, wenn euch danach ist.«
Siebos riesige Arme umklammerten die Madonna und hoben sie vorsichtig aus der Verankerung. Mit zwei anderen trug er sie aus der Kirche. Frau Hiske folgte der Madonna, und etliche schlossen sich ihr an und verließen die Kirche. Als die Tür hinter ihnen geschlossen wurde, begannen andere aus der Gemeinde damit, die Altarbilder und Heiligenfiguren abzunehmen. Das alles hatte wenig von einem Bildersturm aufgebrachter Gemeindeglieder. Wie bestellte Handwerker bauten die Männer alles ab und trugen die Skulpturen und Bilder aus der Kirche.
Auf dem Kirchplatz brannte schon ein Feuer. Die Heiligenfiguren und Bilder wurden hineingelegt. Pfarrer Cornelis breitete die Arme aus und sagt: »Ihre Götzenbilder sollst du mit Feuer verbrennen, spricht der Herr.«
Den Mann mit der Narbe im Gesicht konnte Rimberti nicht mehr entdecken. Vermutlich hatte er sich davongemacht.
»Frau Hiske hat mir imponiert«, brummte Fockena, der das ganze Treiben fast regungslos verfolgt hatte. »Schade, dass sie nicht dreißig Jahre jünger ist.«
Kapitel 8
»Seid froh, dass sie nicht dreißig Jahre jünger ist, Junker Fockena, sonst hättet Ihr sie vielleicht geheiratet und sie hätte Euch das Leben zur Hölle gemacht«, sagte Hilko Boyen mit einer so tiefen Stimme, dass auch im leisen Ton des Kaufmanns jedes Wort zu verstehen war. »Aber als Schwiegersohn bin ich ganz gut mit ihr gefahren, und sie auch wohl mit mir.«
Er sah in die Diele, wo Frau Hiske gerade Siebo Heiken und seine beiden Begleiter anwies, die Madonna mit Säcken zu umwickeln und in Stroh einzupacken. Zwei Mägde waren dabei, in der Upkamer den Tisch für Hilko Boyens Familie und die beiden Gäste zu decken.
»Wenn Frau Hiske in Wittenberg gelebt hätte, dann hätte sich die evangelische Bewegung vermutlich gar nicht erst ausgebreitet«, bemerkte Ulfert Fockena grinsend.
»Da täuscht Ihr Euch«, antwortete der Kaufmann. »Sie hat sogar Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes gekauft. Es ist eine Ausgabe der neuen Auflage vom Dezember 1522, gebunden und mit Initialen geschmückt. Sie hat ein Vermögen gekostet: anderthalb Gulden.«
»Nur ein Teil dessen, was Euer Schwiegervater für Eure Dorfkirche gestiftet hat«, stellte Fockena fest.
»Groß im Nehmen, groß im Geben – das war sein Wahlspruch. Im Herbst vor drei Jahren ist er gestorben. Und Pfarrer Cornelis muss jede Woche eine Messe für ihn lesen, genauso wie sein Vorgänger, Pater Klemens.« Boyen lächelte. »Römisch oder evangelisch: bezahlt ist bezahlt.«
Er lehnte sich zurück. Hilko Boyen war ein untersetzter, kräftiger Mann. Nur wenige graue Fäden durchzogen sein schwarzes Haar, seine Gesichtsfarbe war frisch und gerötet, seine Augen blickten lebendig und wach. Sein Gesicht war glattrasiert, und trotz seiner humorvollen Bemerkungen zogen sich seine Mundwinkel nach unten. Für einen Moment schien er in seinen Gedanken versunken.
Frau Hiske gab den drei Männern ein paar Anweisungen, dann reichte sie ihnen eine Münze. »So habt ihr an diesem Tag doch noch ein gutes Werk getan, während eure Genossen in der Kirche randalieren, als wäre es eine Kneipe.«
Siebo Heiken nahm das Geld und verneigte sich. Dann trottete er mit seinen beiden Begleitern davon.
»Ich werde die Madonna zu meinem Neffen schicken. Er ist Kirchvogt in Bagband. Dort wird man wissen, wie man ein Bild der Mutter Gottes respektvoll behandelt. Ist Ubbius schon da?«, fragte Frau Hiske ihren Schwiegersohn. Der schüttelte den Kopf.
Rimberti und Fockena erhoben sich, um Frau Hiske zu begrüßen. Sie musterte die beiden Männer von oben bis unten und bemerkte: »So, Ihr seid nun die Berater unseres neuen Grafen. Dann werden uns ja glanzvolle Zeiten bevorstehen. Und wenn dazu noch solche tüchtigen Prediger im Land sind wie Karlstadt und Melchior Hofmann, dann ist der Lauf des reinen Wortes Gottes wohl nicht mehr aufzuhalten.«
»Ihr meint doch nicht etwa …«, wollte Rimberti erwidern, doch Frau Hiske unterbrach ihn und wies mit ausgebreiteten Händen auf den reich gedeckten Tisch, auf dem Schüsseln mit Fleisch und Gemüse dampften. »Lasst uns erst danken und essen. Alles andere hat Zeit. Sprecht Ihr das Tischgebet, Junker Ulfert?«
»Salz?«, fragte Hilko Boyen erstaunt, als der Tisch abgeräumt worden und seine Schwiegermutter in die Mittagsruhe gegangen war. Seine beiden Gäste hatten ihn über Einzelheiten am Mord von Jakob Sanders informiert.
»Wir haben mit Salz gehandelt«, erklärte Boyen. »Wobei ich zugeben muss, dass ich fast keine Ahnung habe, wie das Salz an der Küste produziert wird. Das hat alles Jakob von Norden aus gemacht, und ich war als Partner beteiligt. Dafür habe ich mich um den Ankauf und Weiterverkauf von Rindern und Schweinen gekümmert. Da war Jakob als Partner dabei. So haben wir es auch mit Nord- und Ostseehandel gemacht, mit Wein, mit Honig, mit Flachs und Wolle. Lief es einmal in einem Bereich schlecht, so machten wir in einer anderen Sparte Gewinne.«
Hilko Boyens Gesicht wirkte bekümmert. Er trank klares Wasser aus seinem Becher und atmete schwer durch. Dann sprach er weiter: »Jakob und ich kannten uns viele Jahre. Wir haben als Jungs unsere Ausbildung in Rostock gemacht. Wir hatten verschiedene Lehrherren, aber da die beiden viele Geschäfte gemeinsam durchführten, haben wir nicht nur einander, sondern auch die Vorzüge einer verlässlichen Zusammenarbeit kennengelernt. Nicht nur gegenseitige Hilfe in Notfällen, das versteht sich ja von selbst.«
Rimberti nickte.
»Es gibt Geschäfte, die sind für einen Kaufmann allein zu groß«, erklärte Boyen. »Zu zweit verfügten wir über mehr Kapital, wir waren auch in Engpässen beweglich, und vor allem konnte jeder von uns seine besonderen Fähigkeiten einbringen, und so haben wir einander ergänzt. Jakob hatte ein Gespür für gute Gelegenheiten, den Kaufmannsinstinkt. Und ich hatte die nötige Menschenkenntnis. Und Kaltblütigkeit.«
»Kaltblütigkeit?«, fragte Lübbert Rimberti zurück.
»Jedenfalls bis vor Kurzem.« Der Kaufmann sah aus dem Fenster. Sein Blick konzentrierte sich auf einen Punkt draußen.
»Ich glaube, ich mache einen kleinen Spaziergang«, seufzte Ulfert Fockena. »Nach dem guten und vielen Essen wird mir etwas Bewegung guttun.«
»Ich spüre Euren Schmerz um Jakob Sanders«, sagte Rimberti.
Boyen nickte. »Vor einem Vierteljahr sind meine Frau und meine Tochter ums Leben gekommen. Sie wollten den Bruder meiner Frau in Amsterdam besuchen. Ein Dorf, in dem sie übernachteten, wurde von Wiedertäufern besetzt. Die Aufrührer stürmten gemeinsam mit den Dorfbewohnern das Kloster. Einigen Mönchen gelang die Flucht, und sie holten spanische Soldaten aus der nächsten Garnison. Die stürmten am nächsten Tag das Dorf und ließen fast niemanden am Leben.«
Hilko Boyen schwieg einen langen Moment. Dann sprach er weiter: »Ich weiß nicht einmal, wo und wie sie beigesetzt worden sind.«
Von draußen war zu hören, wie jemand an die Außentür klopfte und von einer Magd in Empfang genommen wurde.
»Hinrich!« Hilko Boyen erhob sich und begrüßte einen großen und schlanken Mann, den Rimberti auf Mitte dreißig schätzte, also in seinem eigenen Alter. »Was für eine Freude, dich zu sehen. Selten genug, dass die Kölner dich einmal freigeben für die alte Heimat.«
Verhalten erwiderte Hinrich Ubben die Umarmung seines Freundes. »Meine Freude ist nicht weniger groß. Aber getrübt ist sie durch die traurigen Ereignisse.« Er sah zu Rimberti hin und entschied wohl, zunächst nicht mehr zu sagen.
Boyen trat einen Schritt zurück. »Doktor Rimberti hat ebenfalls Rechtswissenschaften studiert. Er ist Syndikus in … Ich habe noch nicht einmal genau zugehört vorhin. Auf jeden Fall soll er Graf Enno in einer rechtlichen Angelegenheit beraten und einen Todesfall untersuchen, der mich sehr traurig macht.«
»Jakob Sanders. Ich habe davon gehört«, antwortete Ubben und erklärte Rimberti: »Wir sind in Norden aufgewachsen. Unsere Wege führten dann in unterschiedliche Richtungen, aber Hilko und ich sind immer in Verbindung geblieben.«
»Ich habe schon viel von Euch gehört«, antwortete Rimberti, »und auch davon, dass Ihr in Köln zurzeit mit niemand Geringerem zusammenarbeitet als mit Professor Johannes Frissemius, eine Zierde unserer Juristenzunft und ein Meister glanzvoller Sprache. Man erzählt, dass Ihr an einem Werk über Friesland schreibt.«
Ubben nickte ihm zu, und Rimberti spürte, dass diesem Mann jede eitle Selbstdarstellung fremd war. »Frisia descriptio soll es heißen. Das ist auch ein Grund für meine Reise in die Heimat. Es gibt eine Reihe von Fragen, die ich für meine Beschreibung Ostfrieslands klären möchte. Außerdem werden die Eltern alt, und ich möchte jede seltene Gelegenheit nutzen, sie zu besuchen. Aber erzählt von Euren Geschäften, Doktor Rimberti.«
Nur kurz berichtete Rimberti von seinem Gutachten, dass er zum Verkauf der Herrlichkeit Hillersum schreiben sollte. Ausführlicher erzählte er vom Mord an Kaufmann Sanders.
»Salz?«, fragte Hinrich Ubben erstaunt, als Rimberti seine Erzählung unter Auslassung einiger Details beendet hatte. »Das wird an der Küste gewonnen. In meiner Heimat Ostermarsch, aber vor allem in der Westermarsch und auf Bant werden im Vorland große Mengen Salz gewonnen. Aber auch im Watt vor der Küste bei Esens wird Salztorf ausgegraben.«
Rimberti sah ihn staunend an. Obwohl er in Ostfriesland aufgewachsen war und ihm bekannt war, dass im Bereich der Küste Salz gewonnen wurde, so wusste er nichts darüber, wie diese Salzgewinnung vor sich ging.
»Hier ganz in der Nähe, an der Westermarscher Küste, solltet Ihr Euch das einmal ansehen«, sagte Hinrich Ubben. »Die Torferde unter dem Kleiboden und unter dem Schlick ist sehr salzhaltig. Sie wird ausgegraben und getrocknet. Später wird sie dann verbrannt, und die Asche wird mit Wasser ausgelaugt. Und das wird dann eingekocht. Es wird so viel Salz gewonnen, dass unsere Heimat gut versorgt wird und sogar damit gehandelt werden kann. Wie man bei meinem lieben Freund Hilko Boyen sieht.«
Boyen nickte. »Ich lasse hauptsächlich Fisch damit einpökeln. Und wenn das Salz sehr weiß und rein ist, salze ich auch Butter und Fleisch damit ein. Aber das wisst Ihr bereits. Wenn es Euch interessiert, werde ich mich darum kümmern, dass Ihr die Salzsiederei in Westermarsch besichtigen könnt. Alle paar Tage fährt auch jemand zur Insel Bant, um Vorräte zu bringen.«
»Berend Sanders erzählte, dass die Aufsicht über die Salzbuden seine Aufgabe ist«, erklärte Rimberti.
»Berend ist ein Großmaul. Eigentlich hätte er als Ältester die Geschäfte übernehmen müssen, aber er hat schon das Erbe seines früh verstorbenen Onkels in ein paar Jahren verbraucht. Glücksspiele, falsche Freunde, Liebschaften, und die wenigen Investitionen in den Handel waren schlecht gewählt. Dann war das Geld weg. Der alte Sanders hat seinem jüngeren Sohn Jakob das Geschäft übergeben, und er hat für Berend alle Schulden bezahlt und ihm eine Leibrente festgesetzt. Berend musste alle Ansprüche auf die Firma aufgeben. Das ist vertraglich geregelt.«
»Und dann ist da noch ein dritter Bruder«, stellte Rimberti fest.
»Konrad. Er hat die freien Künste studiert und ist Bibliothekar im Kloster geworden, in der Schola Dei in Ihlow. Der alte Sanders hat ihn dort eingekauft.«
»Und was wird aus ihm, wenn das Kloster aufgelöst wird?«, erkundigte sich Rimberti.
»Ihlow?«, fragte Heinrich Ubben erstaunt. »Die Schola Dei? Graf Enno wird es nicht wagen, die Schule Gottes aufzulösen. Die edelsten Familien des Landes haben ihre Söhne diesem heiligen Ort anvertraut. Seine große Bibliothek und die Gelehrsamkeit und Frömmigkeit seiner Mönche sind weit über Ostfriesland bekannt.«
»Die Axt ist schon an die Wurzel gelegt«, sagte Rimberti. »Graf Enno hat bereits gewisse Pläne. Und Bruder Konrad in der Schule Gottes ist nun alleiniger Erbe des Sanders’schen Handelshauses.«
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