Read the book: «Am Ende des Schattens»

Font::



Inhalt

Teil 1

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

Teil 2

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

1

Unmerklich hatte der Novemberhimmel die Farbe gewechselt, vom hellen Grau des Zements zum dunkleren von nassem Beton. Eine minimale Verschiebung des Lichts, als ob jemand einen Regler bediente und die Netzhaut verschattete. Segal Dolphin fiel es schwer, die Augen offen zu halten. Er lag fast waagrecht in seinem Schreibtischstuhl und sah zu, wie das Tiergartenviertel im Nebel verschwand. Unten auf dem Trottoir wurden Kohlen in den Keller geschaufelt. Ein störrisches Geräusch, von langen Pausen unterbrochen.

Er richtete sich auf, fuhr mit dem Zeigefinger über die Tasten der Schreibmaschine, um die Kühle des Metalls zu spüren. Das deutsche Wort Fingerspitzengefühl traf ungefähr seine Empfindung. Mit der Zärtlichkeit eines Pianisten strich er über die Imperial Good Companion, die erst kürzlich in der Berliner Redaktion des Daily Standard eingetroffen war, samt einer Karte mit Grüßen von Lord Bakerfield. Er schätze, so schrieb der Verleger, modernste Technik und – hier hatte er einen raumgreifenden Bindestrich eingefügt – gierige Reporter. Warum dann dieser Anruf?

Aus heiterem Himmel hatte der Lord ihm mitgeteilt, er werde ihn bald nach London zurückberufen und zum Chefkorrespondenten in Westminster machen. »Drei Jahre reichen«, nuschelte er in den Hörer, »Sie müssen etwas Neues kennenlernen.«

Dolphin war wie benommen und wusste nicht, was er sagen sollte. Der Herausgeber deutete sein Schweigen als freudige Überraschung und sprach von dem nächsten Schritt in der Karriere eines jungen Journalisten, für den es nun an der Zeit sei, sich mit der britischen Innenpolitik vertraut zu machen.

»Lord Bakerfield«, brach es schließlich aus ihm heraus, »das geht nicht. Es gibt noch so viel hier zu tun. Kapitale Geschichten. Sie müssen mir vertrauen.«

»Sachte, sachte«, sagte der Verleger nun deutlich kühler, »überschätzen Sie sich nicht.« Er wisse besser, was Dolphins Karriere zuträglich sei. Er halte ihn für ein Talent, doch das bedürfe zunächst einmal der weiteren Ausbildung. Erst Berlin, dann London, und wer weiß, vielleicht gehe es in ein paar Jahren nach New York, Sydney oder Kapstadt. Außerdem habe er schon einen Nachfolger. Einen Doktor der Germanistik, frisch aus Oxford.

»Also, liefern Sie mir noch das Stück über das Kaiser-Wilhelm-Institut, und am ersten Januar sind Sie hier.«

Dolphin holte Luft. »Meine Mission ist noch nicht beendet«, sagte er, ohne zu wissen, woher diese Worte kamen.

»Werden Sie nicht pathetisch, Dolphin.«

Er stand auf und öffnete das Fenster. Mit mechanischen Bewegungen zündete er sich eine Zigarette an und sah lange dem Rauch nach, wie er sich im Grau auflöste.

Um die Reportage über das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik hatte Bakerfield ihn erst vor Kurzem gebeten, und bis jetzt hatte Dolphin sich vergeblich um einen Termin bemüht. Kein Geringerer als Winston Churchill hatte den Lord auf diese Berliner Forschungseinrichtung hingewiesen, als sie, wie er berichtet hatte, über die Malaise der Gesundheitspolitik gesprochen und dabei auch das Problem der Geistesschwachen und Verrückten gestreift hätten, welche ohne Frage Wohlstand, Vitalität und Kraft der britischen Gesellschaft bedrohten. Der Politiker sei sogar so weit gegangen, Segregation und Sterilisierung als unverzichtbar zu bezeichnen, damit der Fluch mit diesen Menschen aussterbe und nicht an nachfolgende Generationen weitergegeben werde. Offenbar verfolge jenes Institut in Berlin eine ganz ähnliche Richtung, um mit gezielter Bevölkerungspolitik die Degeneration des eigenen Volkes abzuwenden. Außerdem hätten die Wissenschaftler im früheren Deutsch-Südwestafrika Mischlinge aus Weißen und Eingeborenen vermessen, um den Einfluss von Umwelt, Erbe und Rasse zu untersuchen, was gleichfalls interessante Erkenntnisse für die britische Kolonialpolitik bringen könne. Und dann hatte er ein zerstreutes good luck in den Hörer genuschelt und aufgelegt.

Dolphin machte das Fenster zu. Der Nebel war so dicht geworden, dass er die Stadt dahinter fast völlig zum Verschwinden brachte. Ebenso gut könnte man in London sein. Doch eines wusste er: Er würde nicht nach London gehen.

Wie immer, wenn Dolphin die Dinge zu entgleiten drohten, beschloss er, sich zu rasieren. Vielleicht war es zu einem Tick geworden, doch ihn verlangte nach jener Form der Konzentration, die das Schweifen der Gedanken mit dem Gefühl der Reinigung verband, und so fuhr er vom Büro in seine Wohnung in der Knesebeckstraße.

Auf dem Weg ins Badezimmer passierte er den Rundfunkempfänger, der auf einer Anrichte thronte. Er zwang sich, einen Moment innezuhalten, schaltete behutsam den Apparat ein. Das Summen der Röhren beruhigte ihn. Und dann vernahm er die Stimme des Ansagers, der das Vormittagsprogramm verkündete.

Während er den Rasierschaum auftrug, wurden vom Flur her Fetzen eines Schlagers hereingeweht. Ja, bei den Hottentotten, sang Efim Schachmeister, da tanzt man den Black Bottom, als Dolphin die Klinge über die Wange zog. Einer strengen Symmetrie folgend, vollendete er erst einen Sektor auf der linken, dann auf der rechten Gesichtshälfte, bis mit jeder Links-rechts-Kombination ein weiteres Stück seiner Haut freigelegt wurde.

Er widmete sich nun seinem Kinn, das Ella besonders männlich fand. Dann betrachtete er die fein geschwungene Oberlippe, die im Kontrast zur Unterlippe durchaus etwas voller hätte ausfallen können. Mit seinem dunklen, leicht gewellten Haar konnte er zufrieden sein.

Jenseits des Spiegels, in den Tiefen des Radioapparats, tanzten die Hottentotten weiter ihren Black Bottom zu den Klängen des Jazz-Symphonie-Orchesters, und als jene Stelle mit den schwarzen Puppen kam, die man beim Tanzen nicht bezuppen darf, klatschte er sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht und griff zu dem Handtuch, das seine Hauswirtschafterin bereitgelegt hatte.

Fräulein Herrmann kam dreimal die Woche, und hinterher war immer alles frisch, duftend und hell, wie die Schleiflackmöbel, die sich Dolphin in einem Anfall von Neusachlich-sein-Wollen hatte aufschwatzen lassen, gleich im Einrichtungsgeschäft um die Ecke. Seitdem überlegte er hin und wieder, wie er das Bauhausartige in seiner Wohnung mildern und ihr mehr das Gepräge eines britischen Gentlemans verleihen könnte. Er hatte bereits Brennholz und Reisig in dem offenen Kamin aufgeschichtet, doch dann begannen die Straßenschlachten und Schießereien, und er entschloss sich, einen alten Kupferstich vor die Öffnung zu stellen, um nicht mehr in das dunkle Loch starren zu müssen.

Das Telefon klingelte. Er schaltete den Rundfunkempfänger aus. Es war Ella, die ihn am Abend treffen wollte.

Als er aus der Haustür trat, schlug ihm dichter Nebel entgegen. Er stellte den Mantelkragen hoch und bewegte sich durch schlierige Streifen und Felder verschwommener Dinge.

Das Licht der Laternen versickerte im Wasserdampf, die Auslagen in den Schaufenstern, die Plakate an der Brand-mauer gegenüber, alles schien hinter einer Schicht aus Glas zu verschwinden. Beim Näherkommen erkannte er einen verblichenen Anschlag, der Das indische Grabmal annoncierte.

Ella mochte exotische Monumentalfilme. Zum Glück fand sie wenigstens an den gemeinsamen Kinobesuchen Gefallen, auch wenn sie sich ansonsten weigerte, mit ihm in das Berliner Nachtleben einzutauchen. Für ihn war es unbegreiflich, wie man den Verlockungen der Varietés oder dem Rausch eines Sechstagerennens widerstehen konnte, wenn sich alles in der Ewigkeit des Augenblicks drehte, bis man am Ende der Nacht auf die seltsamsten Geschichten stieß, die britische Leser interessieren mussten. Ella wollte nichts davon wissen. Sie bestand darauf, mit ihm allein zu sein, wozu auch intime Essen oder die Abende im Lichtspieltheater zählten. Vor allem aber wollte sie reden. Doch was sie zu sagen hatte, kreiste zunehmend um Verlobung, Heirat und Kinder, und vermutlich waren es genau diese Themen, denen Dolphin immer häufiger ausweichen wollte.

Er kam am Milchladen vorbei, sah das Licht durch die Fenster schimmern und freute sich an der Tautologie der Milchglasscheiben. Auf einer war ein Strichmännchen aufgemalt mit der Aufschrift Trink Milch, du Knilch. Und dann hörte er tief in seinem Innern die Stimme des Milchmanns und das Scheppern der Flaschen, wie er es zum ersten Mal vernommen hatte, als er endlich, ein Jahr vor Kriegsende, mit seinen Eltern nach England ausreisen durfte. Die Londoner Geräusche kamen ihm damals, nach all den Kriegsjahren als feindliche Ausländer in Berlin, so unendlich fremd und zivilisiert vor.

Mit einem Mal verlangte ihn nach einem Glas Milch, das er, kaum dass es vor ihm auf der Theke abgestellt worden war, in der atemlosen Art eines Jugendlichen leer trank.

Wie so oft ging Dolphin zum Kiosk am Savignyplatz, wo er die Mittagsblätter kaufte. Sie kamen noch feucht aus der Druckerpresse und rochen nach Petroleum und Neuigkeiten. Mit dem Zeigefinger strich er über eine Schlagzeile und verwischte die Blockbuchstaben. Er konnte nicht sagen, warum er das tat, vielleicht, um sich in einem magischen Akt die Druckerschwärze einzuverleiben, vielleicht war es auch eine Kampfansage an die Konkurrenz.

Er griff in seine Manteltasche, holte ein paar Münzen heraus und bezahlte. Er achtete stets darauf, Kleingeld für den Kriegsinvaliden übrig zu haben, der ein paar Meter weiter auf dem Boden saß und mit dem Rücken am Sockel eines Hauses lehnte. Seinen Beinstumpf hatte er auf die Holzleisten seiner Krücke gelegt, daneben waren auf einer Decke Heftpflaster, Bindfäden, Reißverschlüsse und Sicherheitsnadeln ausgebreitet. Aus Verlegenheit kaufte Dolphin eine weitere Packung Sicherheitsnadeln, die sich nutzlos mit den anderen in der Nachttischschublade stapeln würde.

2

Am Nachmittag fuhr er ins Büro und versuchte Lord Bakerfield zu erreichen. Die Sekretärin in London richtete ihm in ziemlich hochnäsigem Ton aus, der Verleger sei nicht zu sprechen. Ob es Sinn habe, es heute nochmals zu probieren, wollte Dolphin wissen. Sie fürchte nein, sagte sie in einer Weise, in der wenig Furcht, aber viel Schadenfreude durchklang. Wusste sie von jenem katastrophalen Telefonat, das mit einem Ultimatum geendet hatte?

Er ließ sich eine Kanne Kaffee bringen und schaute auf die Uhr an der Wand gegenüber. In London war es jetzt 16.23 Uhr. Keinesfalls wollte er Parlamentskorrespondent in Westminster werden. Er wollte nicht analysieren und kommentieren, sondern aufdecken und verändern. In England war alles viel zu festgefahren, um als Journalist Karriere machen zu können. Die Langeweile verregneter Nachmittage im Commonwealth Club, die verstaubten Rituale im Oberhaus.

Dolphin verstand den Lord nicht. Nie zuvor in der Geschichte des Standard hatte die Berichterstattung aus der Reichshauptstadt einen so breiten Raum eingenommen. Darüber hinaus war es allein dem Spürsinn des gebürtigen Berliners und seines mühsam aufgebauten Netzes aus Informanten zu verdanken, dass er die exklusiven Reportagen, oftmals lange vor der Konkurrenz, platzieren konnte. Und war es nicht die Londoner Zentralredaktion, die immer wieder anrief, wenn sonst nichts los war und eine schlagzeilenträchtige Geschichte gebraucht wurde und der Chef vom Dienst fragte, ob er eine Story liefern könne? Wie sollte ein Doktor aus Oxford sein Nachfolger werden, der weder die Sprache richtig beherrschte noch die hiesigen Verhältnisse kannte?

Dolphin trank einen Schluck Kaffee. Erst neulich hatte er wieder einen scoop gelandet, als er an vorderster Front über die Gefechte zwischen SA und Kommunisten berichtete. Mit Fotoapparat und Notizblock bewaffnet, vertauschte er Tweedanzug und maßgefertigte Full Brogues mit seiner Kampfmontur aus Lederjoppe, Kniebundhosen und Schnürstiefeln und raste von einem Unruheherd zum anderen, um zwischen den Kämpfen seine Artikel durchzugeben, und nur mit sehr viel Glück war er damals einer Schießerei entkommen.

Er rief Ella an. Als sie sich meldete, musste er lächeln. Aus ihrer Stimme klang unverkennbar der Stolz der Fremdsprachensekretärin, die für eine große Aktiengesellschaft arbeitet. Doch sogleich wurde ihr geschäftlicher Ton weicher, als er vorschlug, sich später im Ambassadeur zu treffen.

Er nahm das Kinoprogramm zur Hand und blätterte darin. Im UFA-Theater zeigten sie wieder alte Stummfilme. Der zweite Teil des Indischen Grabmals war für die Spätvorstellung angekündigt. Mit Ella hatte er kürzlich Folge eins gesehen, die ihr offenbar auch wegen des

Dieners des Maharadschas gefallen hatte, ein düsterer, groß gewachsener Schwarzer, der aus den Kolonien nach Berlin gekommen war. Auch im letzten Teil spielte er mit, und das könnte ein Argument sein, um sie nach dem Abendessen ins Kino zu locken.

Mit einem Mal fühlte er sich müde und leer. Draußen regnete es. Er griff zum Regenschirm und ging zum Savignyplatz, wo es ihm nur mit Mühe gelang, ein Taxi anzuhalten. Er stieg ein und nahm den feuchten Hut vom Kopf. Dann drängte er den Chauffeur zur Eile, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aber auch, um die eigene Antriebslosigkeit zu verscheuchen. Der Fahrer schwieg, wischte mit einem Tuch über die beschlagene Frontscheibe und zeigte auf die Wagen vor ihm. Heck an Heck standen sie auf dem glitzernden Asphalt, klebrig wie die Schnecken.

In der Friedrichstraße schließlich ein Stau vor dem Film-theater. Säulen aus Glühbirnen wuchsen an dem Palast empor, gekrönt von der funkelnden Raute der UFA. Der Himmel darüber war von Wolken gefleckt. Streifen und Zacken unterschiedlicher Helligkeiten, Camouflagemuster, als wolle die Nacht sich tarnen.

Alles in dieser Stadt war Inszenierung: das Lichtspiel am Himmel, die Bewegungen der Kinogänger, die, einer geheimen Dramaturgie folgend, ihre Regenschirme ausschüttelten, bevor sie das Kino betraten. Selbst die Wassertropfen schienen aus Glas, das lautlos auf dem Trottoir zersprang.

Er ging hinein und kaufte zwei Karten für die Spätvorstellung, was überhaupt nicht notwendig sei, wie die grauhaarige Billettverkäuferin versicherte. Der Film laufe schon so lange, das sei nur noch etwas für Schlaflose und Verliebte. Nach dem Essen schmiegte Ella sich an ihn, als sie im Taxi in die Friedrichstraße fuhren. Kerzen, Burgunderwein, das Parfüm, das er im Kaufhaus Wertheim extra in kornblumenblaues Papier hatte schlagen lassen, das alles schien jenes Fluidum zu erzeugen, das sie von einem Abend zu zweit ersehnte. Sie hatte nicht einmal den Umstand zur Sprache gebracht, dass sie sich bald ein Jahr kannten und noch immer nicht verlobt waren.

Im Kino saß nur eine Handvoll Zuschauer. Sie lehnte sich in ihrer üppigen Blondheit zu ihm herüber und verstand es, ihr Madonnengesicht so ins Bild zu rücken, dass Dolphin das Geschehen auf der Leinwand nur noch aus den Augenwinkeln verfolgen konnte. Er vertiefte sich in das Dreieck aus Ellas Engelshaar, ihren blauen Augen und dem vielleicht etwas zu kleinen Mund. Wenn sie zuschaute und schwieg, konnte er sich darin versenken. Sie schien es zu mögen, wenn er die Linien ihres Gesichts studierte. Eigentlich konnte man gar nicht von Geometrie sprechen, es hatte, zu seinem leisen Bedauern, eher etwas Daunenweiches, das wenig Widerstände bot.

Plötzlich richtete sie sich auf. Dolphin sah, wie sich der Diener des Maharadschas seinem Herrn näherte. Der Mann mit dem mächtigen Oberkörper beugte sich zu seinem Gebieter hinab. Er flüsterte in dessen Ohr, finster dreinblickend, verstärkt noch durch den Kontrast zwischen tiefschwarzem Gesicht und blendend weißem Turban. Etwas Undurchdringliches ging von ihm aus, ein Gesicht wie eine Maske, mit polierten Wangenknochen, um die sich sichelförmig Lichtpunkte verteilten, Reflexe von Härte, von Stolz, der sich nicht brechen ließ, auch wenn er nun den indischen Domestiken gab.

Es entging Dolphin nicht, wie sich ihre Pupillen weiteten, als sie den Schauspieler betrachtete. Er tippte sie an. »Wer ist das?«

»Louis Brody«, wisperte sie ihm ins Ohr, »das müsstest du eigentlich wissen.«

Dolphin lachte. »Mich interessiert eher die indische Tänzerin. Gefällt er dir?« Über Conrad Veidt, den Hauptdarsteller mit den ebenmäßigen Zügen, die in einem edlen Bronzeton geschminkt waren, hatte sie noch nie ein Wort verloren.

»Aber nein«, protestierte sie und boxte gegen seinen Arm. Ihr gefielen doch keine Afrikaner! Aber gut spielen könne er. So groß, so schaurig, er mache einfach Effekt.

Es war sehr spät, als sie in die Knesebeckstraße kamen. Ella bestand darauf, noch ein Bad zu nehmen. Und dann weckte sie ihn, mit einer Leidenschaft, die er so nicht von ihr kannte. Wie immer blieb sie stumm, aber ihr Keuchen verriet eine Erregung, die Dolphin, obgleich er über einen Meter achtzig maß und die Schultern eines Sportruderers besaß, nicht vollständig auf sich beziehen konnte. Das Feuer flammte nur kurz auf, dann lag sie erschöpft neben ihm und schlief sofort ein. Er roch das Parfüm, das er ihr geschenkt hatte. Es hieß Tabu. Ein Duft mit einer orientalischen Note, hatte die Verkäuferin im Wertheim gesagt und ihm den Flakon überreicht, verpackt in Ellas Lieblingsfarbe. Er schien so schnell zu verfliegen wie ihr nächtlicher Rausch.

3

Als er am nächsten Morgen ins Büro kam, versuchte er es erneut bei Lord Bakerfield. Der Verleger, so wurde ihm knapp beschieden, habe sich in Klausur begeben und wünsche keinesfalls gestört zu werden.

Auch beim Kaiser-Wilhelm-Institut hatte er kein Glück. Professor Fischer sei leider noch immer auf Reisen, beschied ihm dessen Vorzimmerdame und riet dazu, es nächste Woche wieder zu probieren.

Um auf andere Gedanken zu kommen, ließ er sich aus dem Zeitungsarchiv die Filmrezensionen kommen. Mit schüchternem Stolz verkündete seine Sekretärin, dass sie auch Material über den Schauspieler aus dem früheren deutschen Schutzgebiet gefunden habe. Dolphin blätterte in den vergilbten Seiten und stellte fest, dass er mal Lovis, dann Lewis, schließlich Louis Brody geschrieben wurde, was sich allmählich durchzusetzen begann. Fest stand, dass er in der deutschen Kolonie Kamerun als Ludwig M’bebe Mpessa geboren und mit fünfzehn Jahren ins Reich gekommen war, wo er sich offenbar überraschend schnell als Sänger, Musiker, Tänzer und Boxer etablieren konnte. Seine erste Rolle als riesenhafter Schwarzer, der im Namen der Blutrache einen Weißen tötet, erhielt er in dem Kriminalfilm Das Gesetz der Mine. Und nach Kriegsende tauchte er dann regelmäßig in großen Produktionen wie Die Herrin der Welt, Der kleine Muck oder Die Boxerbraut auf, dass sogar in Filmkritiken seine schauspielerische Leistung gewürdigt wurde.

Er war so in seine Lektüre vertieft, dass er zusammenzuckte, als das Telefon klingelte. Der Chef vom Dienst fragte nach, ob Berlin nicht etwas für ihn habe. Vielleicht ein follow-up zur letzten Schießerei? Dolphin versprach, darüber nachzudenken und sich bald zu melden.

Er hatte sich in vorderster Linie befunden und unentwegt fotografiert, bis er plötzlich zwischen die Fronten geraten war. Auf der einen Seite verschanzten sich SA-Trupps hinter einem umgekippten Lastwagen, auf der anderen lagen Rotfrontkämpfer hinter Barrikaden aus Leitern und Gerüsten, die Bauarbeiter in voller Absicht hatten liegen lassen. Plötzlich wurde es ganz still, und er spürte jenes Vibrieren in der Lendengegend, das Angst und Lust verheißt. Der Kitzel schien ihm Konturen zu verleihen, die bislang verborgen geblieben waren. Er fühlte seinen Brustkorb anschwellen, den Rücken breiter werden, fühlte den Nacken, wo Nervenstränge hervortraten. Er zog ihn ein, als erwarte er einen Hieb, spürte die Schweißperlen auf seiner Stirn, wenn sich der Körper gegen die Auslöschung aufbäumt und sich gegen fremde Kräfte stemmt, die im Kopf schon zu wirken beginnen. Und dann hörte er das Sirren einer Kugel, die knapp an seiner Schläfe vorbeistrich. Er warf sich auf den Boden, rappelte sich auf und konnte sich im Kugelhagel in einen Hinterhof retten, wenn Rettung auch bedeutet, dass man in einer Ecke mit einer Eisenstange niedergeschlagen wird und bewusstlos liegen bleibt, bis der Schmerz sich meldet, sobald man erwacht. Später gelang es ihm, sich in die Notaufnahme zu schleppen. Zum Glück, sagte der diensthabende Arzt, habe er einen Dickschädel und eine Konstitution wie ein Pferd.

Der Zwischenfall hatte ihn nicht davon abgehalten, einen zweiseitigen Artikel mit einzigartigen Fotos von der Bürgerkriegsfront zu publizieren, der auch in anderen englischen Zeitungen nachgedruckt wurde. Der Chef vom Dienst hatte ihn eigens angerufen und zu der Reportage gratuliert. Es galt nun, die Geschichte weiterzudrehen. Vielleicht könnte Professor Borsig helfen. Er kannte den Pathologen, einen profunden Gin-Trinker und Liebhaber alles Britischen, aus der Bristol Bar. Der war sichtlich bemüht, seine Freude über Dolphins Anruf zu dämpfen, und brummte, er habe etwas für ihn, um der Story, und hier ließ er ein fast akzentfreies Oxford English hören, den nötigen background zu verschaffen. Die letzte Straßenschlacht hätte ihm jedenfalls neue Kundschaft beschert.

Als er die Leichenhalle im Neuköllner Bezirkskrankenhaus betrat, winkte der Professor ihn herbei. Dann schlug er die Decke um und enthüllte einen grauenhaft zugerichteten Körper. Dolphin spürte, wie sein Gegenüber ihn beobachtete. Er musste sich beherrschen, als er ein amüsiertes Zucken der Mundwinkel zu sehen glaubte, und rettete sich mit der Frage, wie es passiert sei.

Borsig erklärte in leierndem Tonfall, der Nachwuchskommunist sei auf dem Nachhauseweg zunächst mit einem Faustschlag gegen das Kinn niedergestreckt worden, rückwärts auf das Straßenpflaster gefallen, vom Angreifer mehrfach mit den Stiefeln ins Gesicht getreten, dann in Hüfthöhe wiederholt aufgehoben und fallen gelassen worden. Das ergäbe das typische Bild: schwere Schürfungen am Unterkieferwinkel und am Hinterhaupt mit Blutunterlaufung in der Hirnschwarte, dazu grobfleckige und flächig angeordnete Hämatome, die für Faustschläge und Tritte mit dem beschuhten Fuß sprächen.

Dolphin musste sich zwingen, die Leica hervorzuholen, um das zerstörte Antlitz zu fotografieren. Borsig kam langsam in Fahrt. Die Aussicht, in der meistgelesenen Zeitung des Empire zitiert zu werden, schien ihn zu beflügeln. Er zog die nächste Decke beiseite. »Oder hier, ein SA-Mann im gleichen Alter«, kommentierte er, und bei diesem Anblick musste Dolphin sich abwenden, »ein typischer Fall von Enthirnung samt scharnierartigem Aufklaffen des Schädels in der Bruchlinie.«

Er verspürte einen Brechreiz. Der Pathologe musterte ihn. Es gelang ihm gerade noch, sich zu beherrschen, was Borsig nicht entgangen war. Auf seinen knappen Dank hin erwiderte der Professor: »Das kostet Sie einen Tanqueray.«

Als er im Freien war, ließ Dolphin sich auf eine Bank sinken und zündete sich eine Zigarette an. Er brauchte lange, seine gewölbte Hand vermochte die Flamme nicht vor dem Wind zu schützen, mehrere Versuche schlugen fehl, sodass er schon aufgeben wollte. Als er schließlich das Nikotin einsog, war der Ekel einer tiefen Traurigkeit gewichen. Was sollte er noch tun, um den Lord umzustimmen? Die Zentralredaktion, das wusste er, war von der Qualität des Berliner Büroleiters überzeugt. Konnte der Verleger nicht begreifen, dass er keine Karriere in London anstrebte?

Es kam ihm vor, als ob er das zweite Mal aus seiner Geburtsstadt vertrieben wurde, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen. Gegen Ende des Kriegs hatte er sich nach dem fremden England und seiner unfassbaren Zivilität gesehnt. Doch dieses Mal war er kein Jugendlicher mehr, sondern ein gestandener Reporter, der in der aufregendsten Metropole Europas, wenn nicht der ganzen Welt, arbeitete. Vielleicht fühlten Kriegsberichterstatter wie er, wenn er in seiner Kampfmontur ins Ungewisse aufbrach. Diese seltsame Mischung aus Erregung und Bedrohung. Wenn er sich dann im Getümmel befand, zog sich in seinem Kopf ein dunkler Raum zusammen, zu einem Netz aus Farben, Schreien, Schüssen, Schweiß, Blut, es war, als würde das eigene Ich sich auflösen und in Wellen wilder Euphorie treiben. Doch wenn er es recht bedachte, waren es nicht nur die Gefahren des Straßenkampfes, die ihn mitrissen, sondern die immer neuen Geschichten, die diese Stadt hervorbrachte. Die Tatsache, dass er seine Reportagen für eine britische Zeitung schrieb, schärfte sein Bewusstsein für die Einzigartigkeit der deutschen Hauptstadt. Sie injizierte eine Energie in seinen Körper, die kein Benzedrin mobilisieren konnte. So staunte er selbst darüber, dass er, wann immer es ging, sein Rudertraining auf dem Wannsee absolvierte. Neulich hatte er sogar einen Boxclub aufgesucht, um wie in Studententagen den Sandsack mit einer Kombination aus Jab und Uppercut zu traktieren, und wie damals floss der Schweiß über seine behaarte Brust, in der sich die Silberkette verfangen hatte. Sie glitzerte rhythmisch im Scheinwerferlicht, als sende sie Morsezeichen.

Ohne Zweifel befand er sich hier am richtigen Ort zur richtigen Zeit, ob er sich nun in spektakuläre Betrugsprozesse vertiefte oder den Forschungen des Kaiser-Wilhelm-Instituts auf der Spur war. Seine Neugierde trieb ihn voran, und er war fest entschlossen, diese atemlose Epoche in einem Buch zu verewigen, das er für sich das Berlin-Buch nannte.

Als er in das Büro kam, beauftragte er seine Sekretärin, den Film entwickeln zu lassen. Und nachdem er telefonisch weitere Auskünfte von einem Polizeispitzel, der ebenfalls auf seiner Gehaltsliste stand, und einem Informanten aus dem Innenministerium eingeholt hatte, setzte er sich an die Schreibmaschine und begann verschiedene Anfänge auszuprobieren, um nicht nur die britschen Leser, sondern auch den Herausgeber vom ersten Satz an zu fesseln.

Stunden später goss er sich ein Glas Whisky ein und schaute in die Nacht hinaus. Alles war dunkel, nur die Schreibtischlampe brannte. Er hatte gerade erst seinen Artikel nach London durchgegeben und im Anschluss wieder versucht, den Verleger zu erreichen. Es sei sehr dringend, sagte er dessen Privatsekretär. Doch offenbar war die Sache für den Lord längst erledigt. Aus Ärger schüttete er den Whisky in den Papierkorb, wo sich dunkle Lachen auf dem zusammengeknüllten Manuskriptpapier bildeten.

Er überlegte, Ella anzurufen. Dann fiel sein Blick auf die Einladungskarten, die er Woche für Woche um den Fuß der Schreibtischlampe gruppierte. Botschaften luden ein, Indus-trieverbände, Parteien, Sportveranstalter oder Börsenspekulanten. Dolphin sortierte sie nach Wochentagen, und siehe da, heute hatte der Finanzmagnat Hugo von Ernst geladen.

Einen Moment lang dachte er daran, einfach bei Ella vorbeizufahren und sie zu überraschen, doch sie würde sowieso ablehnen. Festivitäten dieser Extravaganz, das wusste er, kamen auf keinen Fall infrage. Egal, was er tun würde, sie wäre verstimmt. Schließlich verschwand er im Badezimmer, wo neben der Dusche auch ein Kleiderschrank Platz fand. Nachdem er die Haare gekämmt, mit einem Hauch Pomade geglättet und aus Zeitgründen auf eine Rasur verzichtet hatte, zog er ein frisches Hemd an, band sich eine Fliege um, und nach und nach komplettierte sich das Bild mit Frack, Zylinder und Abendcape. Er verscheuchte die Gedanken an Ella und schwang den Gehstock mit dem Derby-griff. Zum Teufel mit Lord Bakerfield! Noch war er in Berlin. Dolphin tänzelte die Stufen hinab, zum berühmtesten aller Gastgeber in der Tiergartenstraße.

Als er am nächsten Morgen erwachte, war es halb elf. Er hatte den Wecker nicht gehört. War das alles tatsächlich passiert? Er suchte nach verdächtigen Spuren. Keine Scherben, keine fremden Gegenstände. Dann sah er das Taschentuch voller Blut auf dem Nachttisch liegen. Und offene Sicherheitsnadeln, die so verstreut waren, als kämpften sie mit erhobener Klinge.

Nach einer eiskalten Dusche und einem viel zu heißen Schluck Kaffee, den er fluchend in das Spülbecken spuckte, knallte er die Wohnungstür zu.

In der Knesebeckstraße suchte er eine Weile nach seinem Cabriolet. Womöglich hatte er es eine Straße weiter geparkt, und tatsächlich, es stand vor dem Milchladen. Er ging hinein und bestellte ein Glas.

So langsam beruhigte er sich. Let the past be the past, hörte er seinen verstorbenen Vater sagen, wie damals, als sie nach England gekommen waren.

Dolphin zwängte sich in seinen BMW. Als er auf die Potsdamer Straße fuhr, waren die Trottoirs voller Fußgänger, auf der Straße drängelten sich Radfahrer zwischen Lastwagen und Automobilen. Er verfluchte den Verkehr. Jetzt kam er nicht einmal mehr schrittweise voran.

Sein Kopf schmerzte. Er öffnete das Handschuhfach, fand unter den Wagenpapieren eine an den Rändern gelblich verfärbte Benzedrintablette, würgte sie hinunter, öffnete das Fenster und spürte die kalte Luft in seinem Gesicht.

Woran er sich erinnern konnte:

Das Strahlen des Gastgebers, das selbst dann nicht erlosch, als er Dolphin dem Ex-Kronprinzen vorgestellt und seine Exzellenz erwidert hatte: »Verzeihung, muss ich ihn kennen?«

Das Bassin in der Empfangshalle, eigens für den Abend aufgebaut, samt den darin schwimmenden Fässchen voll Kaviar, aus denen sich die Badenden mit den Händen bedienen konnten

Das Monokel des Generalobersts, das wie in einer Schmierenkomödie herausfiel, als jemand ihn versehentlich anstieß

Die Silbertabletts voller Champagner und Liköre, die sich immer schneller um ihn drehten, als stünde er im Zentrum eines Karussells

Ein Hauch von Knoblauchgeruch, als Harry Graf Kessler ihm ein so good to see you zuwarf und dabei dem Bildhauer Mail-lol erklärte, warum Englisch die zweitschönste Sprache Europas sei und die Froschschenkel im Borchardt ein Graus

Der Bechstein-Flügel, der einsam aussah, obwohl er gespielt wurde

Ein schlaksiges Mädchen im Badeanzug, gerahmt in einem Kristallspiegel, bis es aus dem Bild kippte und verschwunden war

Der Klang von Eis, das in ein Whiskyglas gefüllt wurde

Mehr Schollen aus Eis, nun an Caspar David Friedrich erinnernd

Das Mädchen im Badeanzug, das sich als junge Frau entpuppt, mit hochstehenden Beckenknochen und komplizierten Bewegungen, als gehe sie bergauf, bis sie Anlauf nimmt und springt

Der gelbe Urinstrahl, versickernd in den Eiswürfeln des Pissoirs

Die Schwimmerin plötzlich neben ihm an der Bar, mit dunklem nassem Haar und einem Lächeln, bei dem sie ein Stück Zahnfleisch zeigt

Warum sie einen Hosenanzug anhat und eine Leica in der Hand hält, weiß er nicht, dafür sprechen sie eine Ewigkeit über Kleinbildkameras, Belichtungszeiten und, ja, Vogelperspektiven

Ihre Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, das Zahnfleisch: Es kommt ihm vor, als zeige sie Wunden, die sie nicht hat

Warum überall so viel Eis? In den Gläsern, im Pissoir, im November?

Sie sprechen und trinken, als seien sie vor dem Verdursten

Irgendwann werden sie von jemanden fotografiert

Die kontrollierenden Blicke ihrer älteren Geliebten, so streng wie ihr Jungenscheitel

Leere Gläser voller Gin

Fast fällt sie herunter, als sie auf den Barhocker steigt, um ihn aus der Vogelperspektive zu fotografieren

Wieder die eifersüchtige Geliebte, ihr linkisches Zerren an der Leica, erfolgreich letztlich, ihr Abgang unter schweizerdeutschen Flüchen

Später Gelächter: Was hat Ablichten mit Abblitzen zu tun?

Ja, bei den Hottentotten wünscht er sich von dem Pianisten, doch der tut so, als ob er noch nie davon gehört habe und klappt den Klavierdeckel herunter

Wie lange er schon im Stau stand, konnte er nicht sagen. Erst, als ein Lastkraftwagen hinter ihm hupte, legte er den Gang ein und fuhr an. Er fühlte sich frischer, vielleicht war es die kalte Luft, die hereinströmte, vielleicht tat die Tablette ihre Wirkung. Er hatte sie von Dr. Benjamin, der ihn schon seit Kindheitstagen behandelte, gegen einen hartnäckigen Schnupfen verschrieben bekommen, und das Mittel hatte die wohltuende Nebenwirkung, dass man hellwach wurde. In letzter Zeit hatte er fast täglich eine Benzedrin genommen, bis ihn das Gefühl beschlich, damit aufhören zu müssen.

Als er endlich im Büro ankam, versuchte er Ella zu erreichen. Sie habe sich krankgemeldet, war die Antwort der Kollegin. Er probierte es zu Hause. Sie nahm nicht ab. Vielleicht schlief sie. Wahrscheinlicher schien ihm, dass sie gekränkt war, weil er sich gestern Abend nicht mehr gemeldet hatte. Ehe man es sich versah, war sie beleidigt. Und vermutlich wusste sie, dass er ohne sie ausgegangen war.

Er spürte, wie die Müdigkeit ihn übermannte, und schleppte sich vom Schreibtisch zum Diwan in der Ecke gegenüber, wo er in letzter Zeit immer häufiger übernachtete. Seine Fingerspitzen strichen über den Kelim, den er darübergeworfen hatte, und er versank in einen traumlosen Schlaf.

Er schrak auf, als der Fernsprecher klingelte. Wie lange war er eingenickt? Als er sich mühsam aufrichtete und nach dem Hörer griff, war niemand am Apparat. War es Ella gewesen? Oder London?

Das Mädchen im Badeanzug kam ihm in den Sinn. Hieß sie tatsächlich Sidonie?

Irgendwie mussten sie mit einem Taxi in die Knesebeckstraße gekommen sein. Was er mit Bestimmtheit wusste, war, dass sie sich nicht hatte ausziehen lassen.

Sie hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt und selbst die Führung übernommen. Dolphin lag, nackt bis aufs Unterhemd, im Bett, während sie in die Küche ging, um nach etwas Trinkbarem zu suchen. Er war zu betrunken, um ihr zu folgen. Ihm war rätselhaft, woher sie diese Energie nahm. Die Energie einer, wie er hoffte, mindestens Einundzwanzigjährigen. Sie reichte ihm die Whiskyflasche und musterte ihn.

Sidonie klang viel zu onduliert für das kurze Haar und den drahtigen Körper, sie hatte nichts Welliges und Vielsilbiges. Etwas Entschiedenes ging von ihr aus. Selbst im größten Rausch schien sie in der Lage zu sein, ihr Gegenüber, ihre Nacktheit, das, was sie preisgeben wollte und was nicht, zu kontrollieren.

Irgendwann versuchte Dolphin, aus einem unbekannten Gefühl der Demütigung heraus, sie zu bezwingen. Er hielt sie fest. Seine Zunge wanderte über immer nasseres Fleisch. Er fühlte ihren Widerstand schwinden, bis ihr schmaler Körper vor und zurück schnellte, kämpfte mit ihr, sie hatte Bauchmuskeln aus Stahl, presste ihre Arme nach hinten, hatte sie so weit und wollte endlich in sie eindringen, als sie ihn plötzlich, mit Kräften, die unerklärlich schienen, von sich stieß. Er spürte einen grellen Schmerz, irgendetwas Feuchtes mitten im Gesicht. Seine Nase blutete. Sie war erschrocken und schaute sich hilflos um. Er öffnete die Nachttischschublade und griff nach einem Taschentuch.

Dann tranken sie abwechselnd aus der Flasche, bis sie ihm das Taschentuch wegnahm und das getrocknete Blut aus den Nasenlöchern lecken wollte. Es war grotesk und sehr aufregend.

Er wusste nicht mehr, wann es war, aber plötzlich wurde ihr kalkweißer Oberkörper von einem Lachkrampf geschüttelt. Sie zeigte auf die Packungen, die aus der Schublade quollen.

Sie wurde still und schaute ihm prüfend ins Gesicht. »So einer bist du also«, sagte sie lüstern. Und dann begann sie, sich langsam zu schmücken. Aufreizend langsam öffnete sie eine Sicherheitsnadel und stach sie in ihr Ohrläppchen. Es folgte der Nasenflügel und in absteigender Folge die Brustwarze links, rechts. Dann spreizte sie die Beine, wovon Dolphin sie abhalten wollte, doch sie umklammerte sein Hand-gelenk, stieß einen Zischlaut aus, tschtschtsch, um ihn zur Ruhe zu bringen, drückte fester. Und schließlich schaute sie ihn triumphierend an, als sie die letzte in die Schamlippen stach.

Dolphin empfand einen unbeschreiblichen Ekel und spürte, wie er eine Erektion bekam.

4

Er sagte seiner Sekretärin Bescheid und fuhr nach Hause. Er musste den Kopf freibekommen. Im Bad war es ganz still. Er schäumte sich das Gesicht ein, griff zum Rasierer und konzentrierte sich auf die Symmetrie der Links-rechts-Serie. Er stellte sich Ella vor, wie sie ihn beobachtete. Diese Vorstellung hatte, wenn er ehrlich war, ihren Reiz verloren. Wenn sie sich von hinten an ihn heranschlich und seinen Stiernacken küsste, führte das in der Regel zu einem Geschlechtsverkehr der konventionellsten Sorte. Oder sie weckte ihn, wie neulich, und entfachte eine Art von Leidenschaft, die sich als Strohfeuer entpuppte. Plötzlich tat sie ihm leid, doch das konnte er ihr unmöglich sagen.

Mit beiden Händen wusch er den Schaum weg und trocknete sich ab. Die Schwimmerin war noch immer vom Erdboden verschluckt. Warum meldete sie sich nicht? Sie wusste, wie er zu erreichen war. War ihre Geliebte schuld?

Wenn es nach Lord Bakerfield ginge, würde er sie nie mehr wiedersehen. Eine Frau, wie man sie nur in dieser Stadt treffen konnte.

Die meiste Zeit seines Lebens hatte Dolphin sich geschämt, in Berlin geboren zu sein. Sein Vater Winston Segal Dolphin war Brite und arbeitete an der Humboldt-Universität als Lektor für englische Sprache und Literatur. Zur Entbindung wollte seine Mutter Elizabeth, die aus Cambridge stammte, nicht ohne ihren Mann nach England fahren. So kam es, dass Segal Dolphin in einem Gartenhaus am Savignyplatz zur Welt kam und dank den Bemühungen des Generalkonsuls zum Untertan Seiner Majestät des Königs wurde.

Als Kind hatte er seinen Vater gefragt, woher der Nachname stamme, was nie befriedigend geklärt werden konnte. Auf Deutsch hieß es Delfin. Und Delfine gab es nicht einmal im Zoologischen Garten.

Umso seltsamer war, dass sein Großvater Malcolm Dolphin Walfänger gewesen war. Er hatte blaue Augen. Das war Vater wichtig. Ansonsten schien er froh zu sein, dass der Ärmelkanal zwischen ihm und seinem Erzeuger lag. Weit weg von dem Tranöl, das ihm als Kind eingeflößt worden war.

Winston war aus der Art geschlagen. Statt Wale zu jagen, kam er, ausgestattet mit einem Stipendium der Universität Oxford, nach Europa, wo ein Strohhut mit grün-weiß-roten Bändern Zeuge für den Studienaufenthalt in Neapel war, während ein Kochbuch, mit unzähligen Varianten der berühmten Klopse, auf die Zeit in Königsberg verwies. Schließlich Berlin, wo ihm der Professorentitel verliehen wurde.

In seinen Stolz mischte sich Dankbarkeit, und so sprach er mit seinem Sohn bis zu dessen fünftem Geburtstag nur deutsch. Dann schickte er Segal mit der Mutter zum Englischlernen nach Cambridge. Nach einem Jahr Winstons Entzücken über die Sprachfertigkeit seines Sohnes. Und schließlich, im August 1914, die grässliche Gewissheit, dass er und seine Familie überrascht worden waren. Der Krieg. England gegen Deutschland. Sie saßen in der Falle, und Segal war mit einem Mal der Feind.

Ein Junge aus seiner Klasse beschloss, den dreckigen Engländer Mores zu lehren. Er traktierte ihn so lange mit einer Eisenstange, bis Dolphin zu Boden ging und sich beim Fallen die Zunge durchbiss. In seinem Mund explodierte ein Schmerz aus Splittern und Kanten, Zähne zerfetzten das Fleisch, und er brüllte, wie er sich noch nie hatte brüllen hören. Dolphin wusste nicht, wie er nach Hause gekommen war. Er brachte kein Wort heraus.

Der Hausarzt Dr. Benjamin sagte, es handle sich um einen Teilabriss, man müsse ständig kühlen und Geduld haben. Seine Mutter war außer sich. Sie schrie den Doktor an, er müsse auf der Stelle etwas tun. Doch Geld für eine Behandlung in der Charité hatten sie nicht. So dauerte es Wochen, bis er wieder zaghaft zu beißen versuchte. Zurück blieb eine Stelle, die für sein Gefühl niemals richtig verheilt war. Er konnte den Riss fühlen, vor allem, wenn etwas zu heiß war, und es blieb eine Verunsicherung, die er nicht in Worte fassen konnte.

Weil sein Vater es ablehnte, sich als Deutscher naturalisieren zu lassen, wurde er als feindlicher Ausländer interniert.

Mutters Gesicht war eine einzige Sorge.

Die ständige Angst, ertappt zu werden.

Sie bewegten sich wie Diebe durch die Tage.

Drei Jahre lang schreibt der Vater Bittschriften, bis die Behörden nachgeben und die Familie im Mai 1917 nach England ausreisen darf.

In London fühlt Segal sich als Flüchtling. Ein Jugendlicher, der nicht ganz sicher ist, ob er dort wirklich hingehört.

Das Rudern hilft, auch für das College in Oxford, wo er mit dem Achter bei der Henley-Regatta triumphiert. Dann das enttäuschende magna cum laude im Schlussexamen, auch die Bestnote in Germanistik kann kein summa herbeizaubern.

Schließlich das Schicksal in Gestalt eines kleinen Mannes mit wuchtigem Schädel und buschigen Brauen, der ihn grinsend fragt: »Mr. Dolphin, möchten Sie für den Daily Standard nach Berlin gehen?«

Was Lord Bakerfield in ihm sah, wusste er nicht so recht einzuschätzen. Ebenso wenig, wie er zu der Ehre kam, dass der Verleger ihn anlässlich der Unterzeichnung des Arbeitsvertrags in den Colony Room einlud, der hinter einer Enfilade aus Empfangssalon, Bibliothek und Arbeitszimmer lag und nur wenigen Auserwählten vorbehalten war, wie ihm die Sekretärin zugeflüstert hatte.

Der Saal war mit einer Täfelung aus Tropenholz und Ledersesseln ausgestattet, und nachdem man in ihnen versunken war, wies der Lord auf die Trophäen, die effektvoll illuminiert waren. Mit dem Stolz des Großwildjägers betrachtete er Löwen- und Leopardenfelle, Elefantenstoßzähne, Nashornkopf und Büffelschädel und klärte Dolphin darüber auf, dass es sich um die Big Five handelte. Ein fragender Blick genügte, um zu erfahren, dass sich die Größe nicht in erster Linie auf die Statur der Tiere bezog, sondern vorwiegend auf die damit verbundenen Gefahren bei der Jagd.

Besonderes Vergnügen bereitete ihm darüber hinaus die Tatsache, dass er seine Beute auf dem Boden der Südafrikanischen Union, notabene im früheren Deutsch-Südwestafrika, erlegt habe. So seien es auch Trophäen, die ihn für immer an das schmachvolle Ende von Wilhelm dem Zweiten erinnerten, der, obgleich ein Enkel Königin Victorias, die Niedertracht besessen hatte, das United Kingdom anzugreifen.

Lord Bakerfield gluckste und zeigte auf die Masken an der Wand gegenüber, die im Schein des Kaminfeuers lebendig wurden und darauf zu warten schienen, ob sich auch die präparierten Tiere regten. Helm-und Kopfaufsatzmasken, kommentierte er fachmännisch, die meisten aus dem letzten Jahrhundert, aber keine nach 1918, doch das Amüsante daran sei, dass auch sie aus einer ehemaligen deutschen Kolonie stammten.

Da ihm nicht verborgen blieb, dass sein Gast sich nicht vom Anblick der Objekte losreißen konnte, fragte er diesen, ob er raten wolle.

Dolphin zuckte zusammen. Wie stumme Zuschauer schienen sie die Szenerie zu mustern. Antlitze, deren Träger verschwunden und doch anwesend waren.

Nach einer Pause sagte er schnell: »Deutsch-Ostafrika«, und als der Verleger die Stirn runzelte, verbesserte er sich, nein, »Kamerun« müsse es heißen, was mit einem anerkennenden Nicken quittiert wurde. Schließlich ließ der Lord die Sekretärin kommen, nahm Mappe samt Füllfederhalter entgegen und legte Dolphin den Vertrag zur Unterschrift vor, bevor er ihn mit einem launigen good luck entließ.

5

Auch als er am folgenden Tag am Schreibtisch saß, ging ihm die Schwimmerin nicht aus dem Kopf. Wo steckte sie bloß? Dolphin schaute zum soundsovielten Mal hinüber zur Wand. Neben einer Weltkarte tickten dort fünf Uhren, die er jeweils mit einem Schild versehen hatte: Berlin, London, Sydney, Ottawa und Kapstadt. Er wollte seine Besucher beeindrucken, sie mochten darin das Reich des Daily Standard erkennen, in dem, gleich dem British Empire, die Sonne niemals unterging.

In London war es jetzt 14.57 Uhr. Er musste etwas tun, es wenigstens versuchen. Er rief den Chef vom Dienst an, um ihm mitzuteilen, dass er womöglich Adolf Hitler an einem Wochenende nach Berchtesgaden begleiten könne, als erster ausländischer Journalist überhaupt, doch der Redaktionsleiter befand sich in einer Besprechung. Dann wartete er auf seinen Rückruf.

Kein Geringerer als SA-Chef Röhm hatte Dolphin versprochen, den Führer, einen Duzfreund aus alten Kampftagen, um ein Exklusivinterview zu ersuchen, nachdem er den englischen Reporter in seine Lieblingsbars geführt hatte. Dort trugen junge Männer Perücken, Gummibrüste und Schminke, und Röhm ließ seinen Blick über ihre knochigen Körper gleiten, als er, wie aus einer Spendierlaune heraus, seine Berchtesgaden-Offerte unterbreitete. Würde er sich überhaupt noch daran erinnern, und mehr noch: Wort halten? Und falls ja: Befände Dolphin sich dann überhaupt noch in Deutschland?

Erneut griff er zum Hörer, nur um zu erfahren, dass der Chef vom Dienst bereits zu einem anderen Termin aufgebrochen sei.

Dolphin schaltete die Schreibtischlampe an, schaltete sie aus. Draußen fiel Schneeregen. Der Kippschalter ging ziemlich schwer. Welch lächerliche Kraft war nötig, um Licht in die Welt zu bringen. On, Off, er wiederholte das Spiel.

Er schaute zur Uhr. In makelloser Parallelität waren die fünf Uhrzeiger auf vier Kontinenten um eine Minute vorgerückt. Wie wäre es, wenn er in den großen Berliner Zeitungen, eine Suchanzeige schalten würde? Aber las sie überhaupt jene Rubrik im hinteren Teil des Blatts, mit dem für die Deutschen so typisch bürokratischen Terminus Anschlussgesuche? Ihm würde fürs Erste die Nummer ihres Anschlusses genügen.

Nach einer weiteren Stunde reichte es ihm. Er hatte das Gefühl, dass die Welt sich in einen Wartesaal verwandelt hatte. Die Schwimmerin war abgetaucht. Hugo von Ernst meldete sich nicht. Ebenso der Chef vom Dienst. Kein Zeichen, trotz mehrmaligen Nachfragens, vom Kaiser-Wilhelm-Institut. Offenbar war immer noch nicht klar, wann der Direktor zurückkehren würde.

Kurz entschlossen fuhr er ins Romanische Café. Wenn die Welt schon einem Wartesaal glich, konnte man ebenso gut den verheißungsvollsten in Berlins Kulturwelt aufsuchen.

Er bekam ein Tischchen in der Nähe der Kuchentheke zugewiesen, die von einer Säule im romanischen Stil flankiert wurde. Es wurmte ihn, dass er vom Kellner im Hauptraum platziert wurde, den die berühmten Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Regisseure oder Journalisten Bassin für Nichtschwimmer nannten. Hier drängelten sich Leute, die seit Jahrzehnten nicht müde wurden, tagtäglich auf das Talent zu warten, wie der Schriftsteller Erich Kästner bemerkt hatte. Seinesgleichen residierte im Nebenraum. Dolphins Prominentenradar hatte erst kürzlich auf engstem Raum Dix, Remarque und Fritz Lang geortet. Verstohlen schaute er in diesen Bezirk, wo die Arrivierten sich lässig zuprosteten. Die Ungezwungenheit ihres Auftretens, die Gleichzeitigkeit fremder Blicke und scheinbarer Selbstvergessenheit, das alles trug zum Eindruck einer Natürlichkeit bei, die unverstellter nicht sein konnte. Man bewegte sich, als sei man im eigenen Wohnzimmer, nur mit dem Unterschied, dass dieses im Bewusstsein der Protagonisten in die Kulissen eines Filmstudios verlegt worden war.

Dolphin bestellte Kaffee und verlangte Ham and Eggs. Es verschaffte ihm Genugtuung, dass der blasierte Kellner ihn erst auf Nachfrage verstand.

Er strich über die kühlen Adern des Marmortischs. Bäche, Flüsse, ganze Deltas verzweigten sich, die ins Meer, ins Tiefe, ins Offene führten. Dann blätterte er in seinem Notizheft, in dem er Material für sein Berlin-Buch sammelte. Es sollte einen großen Atem haben. Und so hatte er es sich angewöhnt, auch die Nebensächlichkeiten festzuhalten, die Stimmungen und Gefühlsfarben, die er zum Ausschmücken seiner Geschichte brauchte. Es war wie bei einem Detektiv, jedes Detail konnte sich im Nachhinein als wichtig erweisen.

Schon lange war ihm klar: Wenn er den nächsten Schritt machen wollte, musste er etwas Größeres schaffen als die Artikel für den Standard. Er wollte nicht nur Zaungast am Bassin für Schwimmer sein.

In seinem Heft notierte er: Berlin im November 1930. Dann überlegte er fieberhaft, welches Thema er wählen sollte. Das Treffen mit Röhm? Ihm fehlte die Lust dazu. Er müsste vielmehr über die Schwimmerin schreiben und den Abend bei Hugo von Ernst. Die Spekulanten, Offiziere, Politiker, Künstler. Das Bassin, in dem Kaviarfässchen schwammen. Ihr nasser Bubikopf. Alles hatte sich im Glanz der Spiegel und Lüster gedreht. Der Rausch hatte sie in sein Schlafzimmer getragen, wo er sich, wie aus dem Nichts, in eine Nüchternheit verwandelte, die der Ausleuchtung in einem Operationssaal glich. Dolphin sah sie vor sich, wie sie sich systematisch perforierte, als wolle sie sich für etwas durchlässig machen, das sie noch nicht kannte. Mit ihrem Blick hielt sie ihn fest, wie sie ihn, hoch oben auf dem Barhocker balancierend, hatte bannen wollen mit der Leica. Er wusste kaum noch, was sie gesprochen hatten, all die Stunden. Sie hatte ein Netz aus Worten um ihn gesponnen, die immer noch nachklangen. Er wusste nicht, wer sie war und wo sie wohnte, niemand schien sie zu kennen, bis auf diese Schweizer Geliebte, die sie ganz hatte für sich haben wollen.

Dolphin klappte das Notizbuch zu, ohne eine Zeile geschrieben zu haben. Es war schwer, für solche Dinge eine Sprache zu finden. Er beschloss, zur Kuchentheke zu gehen, um sich ein Dessert auszuwählen. Über die Schlange davor war er nicht unglücklich, konnte man doch von hier aus einen Blick in den Nebenraum werfen.

Dass Brecht da war, erstaunte ihn nicht. Er saugte an einer zeppelinhaften Zigarre, die er sich gerade von einem Kellner anzünden ließ. Nicht weit weg davon saß der Film- und Literaturkritiker Willy Haas und schrieb, begleitet vom gelegentlichen Nippen an einem Likör, in eine Kladde.

Ein Gast, der, etwas abseits, an einem Marmortischchen Hof hielt, irritierte ihn. Es war ein breitschultriger Schwarzer in Nadelstreifenanzug. Er ließ gerade einen Stock aus Ebenholz so durch seine Finger gleiten, als gebe er mit dem silbernen Knauf den Takt an. Etwas von der Art eines Tambourmajors schwang mit, nur folgte er einem eigenen Rhythmus, der mit jenem der Märsche nichts gemein hatte. Er war umringt von einer Handvoll junger Frauen, die an seinen Lippen hingen, jederzeit bereit, in Gelächter auszubrechen, wenn die Lippen sich schürzten und das Signal für eine Pointe gaben. Er zog die Blicke auf sich und die Welt mit seinen Blicken an. Und als er sein Auge auf den Rücken des Obers warf, drehte der sich um, als sei er gerufen worden.

Dolphin konnte sein Profil sehen. Jetzt war er sich sicher, dass es sich bei dem Herrn im Maßanzug um Louis Brody handeln musste. Ohne Turban und indisches Gewand war er kaum wiederzuerkennen. Er bezahlte, setzte einen samtweichen Fedora-Hut auf und ging zu Haas, worauf der Journalist aufstand, ihm lange die Hand schüttelte und mit einem Klaps auf die Schulter verabschiedete.

Dolphin fuhr zurück ins Büro und versuchte, Ella zu erreichen. Niemand nahm ab. Er war erleichtert. Doch irgendwann würde er mit ihr reden müssen.

Er schaltete die Schreibtischlampe ein. Ihm fehlte die Lust, die Einladungen durchzugehen, die sich zum Wochenende hin naturgemäß häuften. Sein Blick fiel auf die Mappe mit den Filmrezensionen, die seine Sekretärin herausgesucht hatte. Müde blätterte er in den Zeitungsausschnitten, die umso gelbstichiger wurden, je länger sie zwischen Aktendeckeln begraben lagen. Und siehe da, auf schlechtem, holzhaltigem Papier hatte ausgerechnet Willy Haas vor vielen Jahren eine Kritik über die Verfilmung von Schillers Verschwörung des Fiesco zu Genua verfasst:

Eine der besten Leistungen, wahrscheinlich die stärksten überhaupt, war der Neger Musley Hassan des Lewis Brody: fleischig, verschlagen, bärenstark, mit der fast gutmütigen Ausgewitztheit des schillerschen Originals. An ihm, und vielleicht nur an ihm, ließe sich zeigen, wie viel von Schiller zum Film hinüberzuretten gewesen wäre – ungeheuer viel.

Dolphin rieb sich die Augen. Ein Afrikaner als Retter der Klassik. Vielleicht sollte er ein Porträt über Brody schreiben. Lord Bakerfield, dessen war er sich sicher, wäre auf jeden Fall dagegen. Und ihn zu überzeugen, war im Moment jedenfalls vergebliche Liebesmüh.

6

Eine Woche später meldete sich endlich das Kaiser-Wilhelm-Institut. Ob er gleich vorbeikommen könne, wollte die Vorzimmerdame wissen, Professor Fischer sei nur heute im Büro und dann wieder für mehrere Wochen verreist.

Unverzüglich machte Dolphin sich auf den Weg. Als er aus dem Wagen stieg und sich dem Gebäude näherte, sah er einen Bronzekopf der Minerva, die, als Hüterin der Weisheit, den Eingang mit undurchschaubarer Miene bewachte. Er trat ein und wurde von einer Mitarbeiterin in Empfang genommen, die ihn in den Ostflügel geleitete. Als sie schließlich die Tür öffnete, saß Professor Eugen Fischer gerade am Schreibtisch vor einer Unterschriftenmappe. Ohne den Kopf zur Seite zu wenden, signierte er mit schwungvoller Geste und präsentierte dabei sein Profil, das in gezackten Schwüngen Nase und Spitzbart verband. Das schräg einfallende Licht arbeitete plastisch seine Denkerstirn heraus, die Wimpern senkten sich wie Schirme. Er ließ sich Zeit. Dann stand er endlich auf und hieß den Gast willkommen.

Nachdem er Kaffee und Cognac hatte servieren lassen, sah er, begleitet von allerlei Geplauder, die Zeit gekommen, grundsätzlicher über sein Metier zu sprechen. Er bezeichne sich zwar als Anthropologe, aber im Grunde sei er überzeugter Rassenhygieniker, auch wenn die derzeitige Regierung das Wort Rasse lieber vermeide. So trage man diesen politischen Empfindlichkeiten Rechnung, wobei sich an der Ausrichtung seiner Forschungen seit 1908 wenig verändert habe. Damals habe er in der Kolonie Südwestafrika, in der Gegend um Rehoboth, Menschen untersucht, deren Vorfahren aus Weißen, die meisten davon Buren, sowie Schwarzen bestanden, in der Landessprache Khoikhoi, im Deutschen besser bekannt als Hottentotten. Im Felde habe er Köpfe vermessen, Fotografien angefertigt und Sippentafeln erstellt, um die Wirkung von Umwelt und Erbe zu erforschen, was ihn zu dem Schluss kommen ließ, dass sich menschliche Rassen ebenso nach den Mendelschen Regeln kreuzten wie zahllose Pflanzen- und Tierrassen.

Plötzlich stand Fischer auf und trat vor das Regal, aus dem er einen Folianten herauszog und vor sich auf den Tisch legte. »Gestatten Sie mir, Mr. Dolphin«, sagte er mit einem gewinnenden Lächeln, »dass ich die wenige Zeit, die uns heute bleibt, dazu nutze, Ihnen meine Forschungsergebnisse etwas genauer darzulegen?«

Und während er den Band öffnete, begann er von der Rassenmischung der Rehoboter Bastards zu sprechen, die man als eine Zwischenstufe zwischen überlegenen Weißen und unterlegenen Schwarzen definieren müsse. Aus diesem Grund hatte er selbst ein strenges Apartheidsystem vorgeschlagen, nach dem die Mischlinge den Kolonialherren, unter anderem als Sicherheitskräfte, zu dienen hätten. Jetzt blätterte er in dem Buch hin und her, bevor er mit einem Mal Dolphin ansah und mit leiserer Stimme fortfuhr. Auch wenn man es heute nicht so deutlich sagen könne, gelte immer noch, dass Mischlinge im Grunde nur ein Lebensrecht hätten, wenn es im Interesse der Kolonialmacht sei. Und dann bat er darum, eine Passage aus seiner Studie vorlesen zu dürfen, was Dolphin mit einem aufmunternden Nicken beantwortete. Fischer befeuchtete seinen Zeigefinger, bevor er weiterblätterte, und schließlich fand er jene Stelle, die er als seine Conclusio bezeichnete.

Also gewähre man ihnen eben das Maß an Schutz, was sie als uns minderwertiger Rasse gebrauchen, um dauernd Bestand zu haben, nicht mehr und nur so lange, als sie uns nützen – sonst freie Konkurrenz, das heißt Untergang.

Der Professor machte eine Pause, um die Worte nachklingen zu lassen. Und dann fügte er hinzu, dass diese zugegebenermaßen kompromisslose Schlussfolgerung nur vor dem Hintergrund des hinterhältigen Hereroaufstands zu verstehen sei, dessen Niederschlagung, mit aller gebotenen Härte, die heilige Pflicht der deutschen Schutzmacht gewesen sei, um die Zivilisierung in diesem Teil der Erde weiter voranzutreiben, eine Mission, unter Erbringung beträchtlicher Opfer, die leider mit Kriegsbeginn beendet werden musste.

Kurzes Klopfen war zu hören, dann erschien die Sekretärin mit der Mitteilung, das Taxi warte bereits. Im Hinausgehen entschuldigte sich Fischer, dass er sich leider verabschieden müsse. Er hoffe aber, zum Ausdruck gebracht zu haben, wie wichtig ihm das Interesse einer so renommierten wie international weitverbreiteten Zeitung an seiner Arbeit sei. Er verspreche hoch und heilig, dass Mr. Dolphin es nicht bereuen werde, wenn sie sich das nächste Mal träfen und dann wirklich alle Zeit hätten, in die Tiefe zu gehen, wie es dem journalistischen Anspruch eines Daily Standard angemessen sei.

Es kostete Dolphin Mühe, sich ein Lächeln abzuringen, als Fischer ihm die Hand gab.

Wie würde Lord Bakerfield reagieren, wenn er die Nachricht bekam, dass die Anregung seines Freundes Churchill noch immer nicht Eingang in die Wochenendausgabe fände?

In Gedanken versunken fuhr er zum Savignyplatz und kaufte die Abendblätter. Verstohlen drehte er sich um und schaute zu dem Kriegsinvaliden hinüber, der wie immer an der Hauswand lehnte. Bei jedem Wetter trug er seinen abgeschabten Militärrock, das Eiserne Kreuz seltsam nach unten verrutscht auf jene Höhe, wo sich die Leber befinden musste. Am verstörendsten jedoch war sein Gesicht. Sein Kinn schien zu einer ballonartigen Geschwulst aufgedunsen, die den einen Mundwinkel grotesk nach oben zog. Der schiefe Mund war stets ein Stück weit geöffnet, als strömten Schreie aus ihm heraus, die niemand hören konnte. Dolphin griff in die Manteltasche, um eine Münze herauszuholen. Er schüttelte den Kopf, als der Veteran auf die ausgebreiteten Waren am Boden deutete. Auf Sicherheitsnadeln konnte er vorerst verzichten.

Zu Hause versuchte er, ein Stichwortprotokoll anzufertigen. Es galt festzuhalten, was Fischer preisgegeben hatte. Lord Bakerfield, so viel war sicher, würde auf dem Artikel bestehen, egal wie mühsam die Recherche auch sein mochte.

7

Nach unruhigen Träumen erwachte Dolphin am frühen Sonntagmorgen und stand auf, um sein Frühstück zuzubereiten. Als er sein Ei löffelte, befleckten Spritzer flüssigen Dotters seinen Hausmantel. Er fluchte und versuchte, sie abzuwischen, ohne rechten Erfolg.

Der Stoff mit dem Paisleymuster hatte ihm sofort gefallen, als er das Kleidungsstück in der Savile Row entdeckt hatte, und seitdem war es wie zu einer zweiten Haut geworden, die er sich an den Wochenenden überstreifte. Es war Teil seines Frühstücksrituals, wie das Zubereiten eines speziellen Darjeelingtees, den seine Mutter aus England schickte. Doch viel zu selten gelang es ihm in letzter Zeit, sich zu entspannen. Selbst am Sonntag arbeitete er wie besessen und suchte in Journalen und Beilagen nach Anregungen, die er womöglich für die Leser des Sunday Standard aufbereiten konnte. Lord Bakerfield, so hatte es ihm kürzlich erst der Chef vom Dienst gesteckt, vermisste neuerdings Themen der kontinentalen Lebensart im Blatt. Wer weiß, welcher Berater ihm das eingeflüstert hatte. Aber warum meldete er sich nicht selbst? Es gehörte zu seinem schwer durchschaubaren Führungsstil, dass er mal großzügig Lob verteilte und teure Geschenke machte, dann wieder nicht zu sprechen war, wenn man ihn dringend zu erreichen versuchte, bis er plötzlich selbst zum Hörer griff, um einen Auftrag zu erteilen oder gar die baldige Abkommandierung zu verkünden. Oder man erhielt gelegentlich vom Chef von Dienst einen diskreten Wink, wie der Herausgeber sich offenbar die weitere Entwicklung seines Blatts vorstellte. Man konnte nie sicher sein, was er als Nächstes tat und dachte, und diese Unberechenbarkeit speiste die Aura seiner Macht.

Dolphin trank einen Schluck Tee und griff in den Zeitungsstapel, der vor ihm auf dem Tisch lag. Eine Frau in Badetrikot zierte das Titelbild von Das Leben. Ella blätterte gerne in der Illustrierten. Mode, Kosmetik und Filmstars interessierten sie. Und Skifahren in den Alpen. Vor ein paar Tagen war sie auf Einladung einer Münchner Freundin nach Garmisch aufgebrochen, ohne auch nur einmal anzurufen, bis zu ihrer Rückkehr gestern Abend. In dürren Worten teilte sie ihm mit, sie wolle ihn am Nachmittag sehen. Fast war er erleichtert. Es musste eine Entscheidung geben.

Er zog eine Beilage des Berliner Tageblatts heraus. Eine Überschrift erregte seine Aufmerksamkeit. Die chemisch gefärbte Frau. Darunter der Name der Verfasserin: Claire Goll. Kürzlich hatte er sie im Romanischen Café gesehen, zusammen mit ihrem Mann, natürlich im Bassin für Schwimmer. Dolphin strich über das Papier. Es hatte eine bessere Qualität als das gewöhnlicher Tageszeitungen. Unverrückbar waren die Blockbuchstaben. Er roch daran. Der Duft von Petroleum war nur noch zu erahnen.

Mit einem Mal stand wieder das Bild des Invaliden vor ihm, wie er, in Sichtweite des Kiosks, auf dem Boden lag. Einmal, als er ihm eine Münze in die Hand drückte, hatte Dolphin sich gezwungen, ihn anzuschauen. Er sah in ein Gesicht, das in unzähligen Operationen zusammengeflickt sein musste, zusammengehalten, wie ihm ein Professor aus der Charité einmal erklärt hatte, von Aluminiumgerippen und Prothesen aus Gelatine. Sein Träger schien sich mit trotzigem Aberwitz gegen die Auflösung der Welt zu wappnen. Den Blick starr nach vorne gerichtet, lehnte er an der Wand. Und alles, was er auf der Filzdecke feilbot, ob Bindfäden, Heftpflaster oder Reißverschlüsse, war dazu da, die Dinge zusammenzuhalten. Doch keine Sicherheitsnadel hatte die Schwimmerin festhalten können. Selbst Hugo von Lustig war ratlos über ihren Verbleib. Womöglich, so spekulierte er, sei sie zu ihrer Geliebten in die Schweiz gefahren.

Er zündete sich eine Zigarette an und griff zu Golls Artikel. Sie hatte Strände an der Côte d’ Azur besucht und beschrieb die neue Leidenschaft der Damenwelt für schwarzbraunen Teint. Hier zeige sich der Sieg der Neger über die Weißen.

Dolphin runzelte die Stirn. Da war er wieder, dieser hochgezüchtete Feuilleton-Stil, der im Bassin für Schwimmer gepflegt wurde. Und in gewohnt ironischem Ton ging es weiter, als Goll über chemische Färbereien für Menschenhaut in Paris schrieb, die weiße Damen in ihr Idol Josephine Baker verwandeln sollten.

Das Gewebe, das uns umhüllt, wird chemisch mit einem wasserdichten Braun durchtränkt. Und man behauptet, dass diese Tinkturen gewisser Schönheitsinstitute ebenso haltbar seien wie deutsche Anilinfarben. Die neue Modefarbe ist garantiert waschecht. Fett fleckt nicht darauf ab, geküsste Stellen werden nicht blasser, sogar Rotwein kann von dem braunen Crêpe de Chine spurlos entfernt werden, ohne Zitrone oder Kleesalz, also ohne Gefahr, Löcher zu hinterlassen.

Wider Erwarten amüsierte es ihn. Die Techniken der Schönheit im Chemiezeitalter. Er zückte sein Notizbuch und füllte etliche Seiten, ohne den Stift abzusetzen.

Zur Belohnung öffnete er eine Flasche Champagner und las in seinen Notizen. So könnte es klingen, sein Berlin-Buch. Rasant, wie Fitzgeralds jazz age. Genießerisch kritzelte er in seinen Anmerkungen herum und leerte Glas um Glas, bis nervöse Schöpferlaune in Müdigkeit umschlug und er auf sein Sofa zusteuerte und sich zu einem Mittagsschläfchen niederlegte.

Es passte nicht zu Ella, dass sie darauf bestanden hatte, Dolphin im Sportpalast zu treffen, ebenso wenig, seinen Einwand, dort sei es viel zu laut, einfach in den Wind zu schlagen. Außerdem kam Ella, die Pünktliche, mit mehr als einer Viertelstunde Verspätung auf die Tribüne. Sie hielt eine Papiertüte wie ein Schutzschild vor der Brust.

Das Radrennen war in vollem Gange, seine Begrüßung ging im Getöse unter. Die Massen feuerten einen Spanier an, der um den Ring raste, mit der Zwangsläufigkeit einer Maschine schwangen seine Oberschenkel auf und nieder.

Ella sah gut aus in ihrem kornblumenblauen Mantel, der das volle blonde Haar zur Geltung brachte, doch sie wehrte ab, als er ihr beim Ablegen behilflich sein wollte. Ein Gürtel umschloss ihre Taille. Dolphin bot ihr, da er nichts anderes hatte, einen Schluck Berliner Weisse an, worauf sie angewidert den Kopf schüttelte.

Er machte ihr ein Zeichen, dass er gleich zurück sei, und ging in Richtung des Getränkeausschanks. Als er zurückkam, war sie verschwunden. Auf seinem Sperrsitz lag eine Tüte vom Kaufhaus Wertheim. Er fand ein Kuvert und eine Schachtel darin. Im Briefumschlag kam ihm eine abgerissene Karte des UFA-Theaters in der Friedrichstraße entgegen. Das indische Grabmal. Er stieß auf weitere Kinobilletts der letzten Monate. Dann öffnete er den Karton. Darin stak eine fast volle Flasche Tabu.

Er schaute in das Flutlicht, das hinter einem Schleier aus Zigarettenrauch verschwand. Wie aus dem Nichts kam der Spanier angeschossen und wurde durch die Steilwandkurve katapultiert. Dann tauchte er wieder auf, in halsbrecherischer Schräglage, auf spiegelnder Bahn. Auch wenn es eine Ellipse war, man bewegte sich bloß im Kreis.

Als er kurz darauf auf die Straße trat, begann es zu schneien. Langsam segelten Flocken aus der Unendlichkeit der Wolkendecke herab. Gebannt schaute er nach oben. Er konnte den Blick nicht abwenden. Eine hypnotische Bewegung, von ganz weit oben hinab ins Bodenlose, wo sich das Bewusstsein in einem weißen Flimmern auflöst.

Er gab sich einen Ruck, trocknete mit einem Taschentuch die tränenden Augen und ging zum Auto. Nach einigen Versuchen gelang es ihm, den Motor zu starten, und vorsichtig fuhr er los, als spürte er noch die Langsamkeit der Flocken.

8

Am nächsten Morgen wurde er von einem Anruf des Kaiser-Wilhelm-Instituts überrascht. Professor Fischer war persönlich am Apparat und unterbreitete ihm das Angebot, seinen besten Doktoranden zu treffen. Leider sei er selbst verhindert, es würde ihm jedoch Vergnügen bereiten, wenn sein Promovend dem Korrespondenten des Standard die in der Fachwelt hoch gerühmte anatomische Sammlung zeige, zu der auch er, Fischer, sein Scherflein beigetragen habe, eine Sammlung mit teils aufsehenerregenden Präparaten, die von unschätzbarem Wert für die moderne Anthropologie sei.

Nachdem der Professor eingehängt hatte, kam Dolphin ins Grübeln. Hatte es Sinn, sich mit einem Subalternen zu treffen, dazu noch ohne Fotografen? Letzterer war bei dieser Thematik ohnehin unabdingbar, wenn es zu einer Titelgeschichte im Sunday Standard kommen sollte. Aber da gerade ein Interviewtermin im Reichstag geplatzt war, entschied Dolphin sich, zum Institut zu fahren.

Im weißen Kittel des Wissenschaftlers stand Hubert Bleichert schon vor dem Eingang, um ihn in Empfang zu nehmen. Lebhaft gestikulierend führte ihn der pausbäckige Mann die Treppen hinauf zum Dachgeschoss, wo sich die anatomische Sammlung befand. In dem Speicher lagerten, dicht gedrängt in Regalreihen, Tausende von Skeletten und Knochen, von denen viele aus dem damaligen Deutsch-Südwestafrika stammten, wie Bleichert stolz bemerkte. Dolphin wurde flau im Magen. Vielleicht lag es an der stickigen Atmosphäre, vielleicht an dem undefinierbaren Geruch mit einem Stich ins Modrig-Süßliche, der über allen Dingen lag. Um sich Luft zu verschaffen, musste er etwas sagen, und da ihm nichts Besseres einfiel, wollte er von dem Anthropologen wissen, wie diese Sammlung zustande gekommen sei.

Bleicherts Augen leuchteten. Er schien auf diese Frage gewartet zu haben und begann, vom früheren Direktor des Berliner Völkerkundemuseums zu erzählen, der kurz nach Niederschlagung des Hereroaufstands angeregt habe, ohne Erregung von Ärgernis, wie er sich ausdrückte, Leichenteile für die Wissenschaft zu retten. Und so sandten Forschungsreisende Schädel von verdursteten Herero an das Museum, die nach der Schlacht am Waterberg von den deutschen Schutztruppen in die Omaheke-Wüste getrieben worden waren, um dort den Tod zu finden. In einem anderen Fall, und jetzt trat Bleichert an das Regal heran und deutete auf gelbliche Knochenreste, handelte es sich um die Gebeine von Arbeiterinnen, die versucht hatten, der Farm eines deutschen Kolonisten zu entfliehen, und dementsprechend ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden, und nachdem die Leichen als Corpus Delicti ans Obergericht in Windhuk gelangt waren, schickte sie die Kolonialverwaltung nach dem Gerichtsprozess zu Forschungszwecken nach Berlin.

Dolphin setzte der Geruch zu. Er griff nach seinem Taschentuch und hielt es sich vor die Nase. Unbeeindruckt davon fuhr Bleichert fort. Nur durch Unterstützung von Kolonialbeamten, Rassekundlern, Schutztruppenärzten und Missionaren sei es gelungen, noch in letzter Minute, ehe weitgehende Vernichtung und der Einfluss der modernen Kultur den ursprünglichen Sachverhalt weiter verwischten, die sterblichen Überreste für die Wissenschaft zu sichern. So erst konnte man, vor allem anhand von Schädelreihen, die Merkmale primitiver Rassen genauer bestimmen.

Als der Doktorand kurz innehielt, nutzte Dolphin die Unterbrechung, um auf seine Armbanduhr zu deuten und von einer unaufschiebbaren Telefonkonferenz mit London zu sprechen. Mit Bedauern nahm Bleichert dies auf und führte ihn hinunter zum Eingangstor.

Dolphin atmete tief durch. Er war froh, draußen auf der Straße zu sein, sog die Luft ein, den Geruch von Benzin und Braunkohle. Er sah Bleichert vor sich, mit geröteten Wangen, die sich beim Sprechen zu blähen begannen. Das fanatische Leuchten in seinen Augen, das einen unweigerlich abstieß, als seien Ideen alles und die Objekte seiner Wissenschaft nichts. Und Dolphin wusste nicht, wie er auf den Gedanken kam, der Forscher trage den Ausdruck eines Menschen auf dem Gesicht, der etwas gestohlen hatte.

Zurück im Büro erreichte ihn ein Anruf von Bakerfields Sekretärin, die einen Besuch des Verlegers in der Reichshauptstadt ankündigte. Schon morgen Nachmittag lande er auf dem Zentralflughafen und beabsichtige, im Hotel Adlon abzusteigen. Als Redaktionsleiter werde er gebeten, sich zur Verfügung zu halten.

Dolphin spürte, wie Nervosität in ihm aufstieg. Wie sollte er diese Visite deuten? Bislang hatte der Verleger sich noch nie im Berliner Büro blicken lassen. Kam er, um ihn womöglich noch früher abzuziehen? Oder ging es um die Themen kontinentaler Lebensart? Vielleicht wollte er auch nachschauen, wie weit die Recherche gediehen war. Im Moment verfügte Dolphin lediglich über die wenigen Informationen, die er sich stichwortartig bei den Gesprächen mit Fischer und Bleichert notiert hatte. Ohne ein weiteres Interview mit dem Institutsdirektor, ohne hochwertige Fotos von der Sammlung und eventuell auch historischen Aufnahmen aus Deutsch-Südwest, ergänzt durch aktuelle Auskünfte des Direktors des Völkerkundemuseums, konnte er die Titelgeschichte unmöglich publizieren. Und es gab noch nicht einmal den vereinbarten Folgetermin mit Fischer, der sich, wieder einmal, auf Reisen befand.

Für alle Fälle wies Dolphin die Sekretärin an, Kuchen zu kaufen, denn, so viel wusste er, der Lord liebte Süßigkeiten. Er selbst fuhr zum Kaufhaus des Westens, um dort Bakerfields Lieblingswhisky zu besorgen. Danach saß er lange in seinem Bürosessel, in das kahle Geäst vor seinem Fenster starrend, um vielleicht dort Klarheit zu finden, was dieser Besuch bringen würde.

9

Vorsorglich hatte seine Sekretärin eine Kaffeetafel hergerichtet, als am folgenden Nachmittag das Telefon klingelte und Dolphin ins Adlon beordert wurde. Mit einem Schulterzucken verabschiedete er sich von ihr und sprang in ein Taxi. Als er Dolphin in seiner Suite empfing, war der Verleger von Freunden umringt, die ihn wie einen Kranken umsorgten. Er stellte ihm den Schriftsteller Anthony Bentley vor, der kaum ein Wort sagte, und einen rotgesichtigen Mr. Castleton, der sich, wie er mit einem anzüglichen Lächeln bemerkte, von dem Abstecher nach Berlin Anregungen für seine Kolumnen im Sunday Standard erhoffte.

Zur Begrüßung ließ Bakerfield den mitgebrachten Whisky servieren und äußerte dann, unter reger Anteilnahme seiner Entourage, den Wunsch, dass der hiesige Redaktionsleiter ihnen zunächst einmal das sagenumwobene Berliner Nachtleben zeigen sollte. Dolphins Vorschlag, den Abend mit einem Opernbesuch einzuleiten, stieß auf einhellige Ablehnung, was ihn zur Frage führte, ob ihnen vielleicht eher der Sinn nach Pikanterem stünde. Ein Blick in die Gesichter reichte, um die Kühnheit zu besitzen, einen Tisch im Eldorado zu reservieren.

Der Abend wurde ein voller Erfolg. Die britischen Gäste ließen schnell alle Reserviertheit fahren, ergötzten sich an einem mädchenhaften Afrikaner, der bis auf Schamgurt und Brustschilde seinen ölglänzenden Körper präsentierte, rätselten über dessen täuschend echte Weiblichkeit und sein wahres Geschlecht, bis sie es schließlich anderen Herren gleichtaten und sich den Genuss leisteten, zwischen den Darbietungen mit effeminierten Männern in Frauenkleidern zu tanzen.

In angeheitertem Zustand bat Castleton ihn, Homosexuellen- und Nacktkulturmagazine zu besorgen. Am nächsten Tag, nach einem Katerfrühstück im Adlon, meldete sich auch der schweigsame Bentley. Dolphin bemerkte den prüfenden Blick der Frau am Zeitungsstand, als er zum zweiten Mal erschien. Beim nächsten Botengang, den er im Auftrag des Lords erledigte, schaute sie ihm direkt in die Augen. Es war ihm egal.

Gleich nachdem er Bakerfield und seine Entourage zum Flughafen begleitet hatte, fuhr Dolphin hinaus zum Wannsee. Er atmete tief durch. Der Besuch war völlig anders geendet, als er sich es jemals hätte vorstellen können.

Er genoss es, bei geöffnetem Verdeck, die Sonnenbrille im Gesicht, in seinem Cabriolet zu sitzen, und summte leise einen Schlager. Man konnte, so kurz vor Weihnachten, einfach nur staunen über diese ungewöhnliche Wärme.

Als er in sein Ruderboot stieg, fühlte er sich an seine Kindheit erinnert. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Mit Segelbooten auf einem tintenblauen See, die sich beim Aufklappen in den Horizont hineinstellten. Ein Häuschen aus Karton richtete sich am Ufer auf, das war die Villa des Malers Liebermann, davor der Rasen, auf dem Birken sich entfalteten mit den letzten Blättern, zitternd wie Papierschnipsel, in blinkendem Gold.

Dolphin hatte diese Bilderbücher geliebt, die Landschaften, Städte und Ritterburgen aus Pappe hochschnellen ließen, wenn man sie öffnete, und in Sekunden eine Welt hervorbrachten, auf die man wie ein Riese herabblicken konnte. Und er hatte den Wannsee geliebt, wo er zum ersten Mal mit seinem Vater rudern gewesen war. Die Szenerie hatte sich kaum verändert, wenn man sie vom Wasser aus betrachtete. Er sicherte die Ruderblätter, nahm das Handtuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Da war der Teepavillon am Ufer und der Garten. Man sah das Anwesen des Malers, der es vermochte, die Wahrnehmung so zu manipulieren, dass die Wirklichkeit hinter das Kunstwerk zurückfiel. Liebermanns Birkenallee im Wannseegarten nach Westen war nicht zu übertreffen. Nun lag es in einer entlaubten Fassung vor ihm.

Eine Störung ging von diesem Bild aus. Einige Birken standen mitten auf dem Weg, als habe der Gärtner sie vor vielen Jahren übersehen. Sie waren, so schien es, einfach aus der Reihe getanzt. Dass der Künstler sie stehen gelassen hatte, zeugte von Großzügigkeit und einem traumwandlerischen Sinn für Komposition. Als Betrachter fühlte man sich geborgen, wenn die Wirklichkeit hinter dem Bild verschwand. Schob sie sich zurück in den Vordergrund, war man wieder mit sich allein. Es war ein Gefühl, das jenem ähnelte, nachdem die Schwimmerin verschwunden war. Mit einem Mal war der Zauber erloschen, und es blieb nur die Erinnerung an eine flirrende Begegnung, die ebenso gut eine Illusion hätte sein können. Falls er sie niemals wiedersähe, wovon auszugehen war, läge es jetzt nicht mehr an Lord Bakerfield. Der Verleger hatte ihn zum Abschiedsessen ins Adlon eingeladen und bei Whisky und Zigarren schließlich verkündet, er sei mittlerweile zu der Einschätzung gekommen, dass Berlin doch in vielerlei Hinsicht aufregender und auch journalistisch ergiebiger sei, als man es von der Insel aus wahrnahm. Es sei eine Art Labor des modernen Lebens, das sicherlich auch auf andere Weltmetropolen ausstrahlen werde, und diese Experimente, die vielfach in neue Dimensionen vorstießen und mit althergebrachten Konventionen brächen, müssten auch die britischen Leser interessieren, wo doch das Reich auch verkehrstechnisch immer näher rücke. Man müsste es ja nicht so weit treiben wie die Schriftsteller Isherwood und Auden, die er gestern Abend zufällig in dem famosen Cosy Corner in der Zossener Straße getroffen habe, denn die Jungautoren seien gleich ganz von London aus übergesiedelt und hätten sich hier, und dabei hob er connaisseurhaft die Augenbrauen, zu Inspirationszwecken niedergelassen.

Er jedenfalls ermutige Dolphin ausdrücklich, neben der politischen Berichterstattung auch an die Themen der kontinentalen Lebensart zu denken, und nach allem, was er nun gesagt habe, werde es seinen Gastgeber nicht verwundern, wenn er dessen Vertrag doch für drei Jahre verlängere und den frisch gebackenen Doktor aus Oxford erst einmal zum Parlamentskorrespondenten mache. Außerdem sei es nun an der Zeit, im Berliner Redaktionsbüro mit einem festangestellten Fotografen zu arbeiten. Das Visuelle gewinne heutzutage immer mehr an Bedeutung. Ohne suggestive Bilder, die zudem exakte Recherche mit Anschaulichkeit und Evidenz untermauerten, sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Und als Zugabe hatte er ihm, unter dem vielsagenden Nicken von Castleton und Bentley, einen Black Label Blended Scotch aus dem Jahr 1918 überreicht.

»Warum Black Label?«, wollte Dolphin wissen.

»Jetzt enttäuschen Sie mich«, schmunzelte Bakerfield.

Er schaute ihn fragend an.

»Keine Idee?«

»Der Afrikaner im Eldorado?« Dolphin wagte ein schüchternes Grinsen,

Lachend schüttelte der Verleger den Kopf. »Kommen Sie«, sagte er und nickte aufmunternd, »das Datum.«

Als Dolphin immer noch schwieg, platzte es aus ihm heraus: »Totale Niederlage, Verlust aller Kolonien, Exil.«

Unter dem Gelächter seiner Freunde öffnete Lord Bakerfield die Flasche, und sie tranken auf den abgedankten Kaiser Wilhelm, dem sein Verrat an der englischen Großmutter einen wenig heldenhaften Abgang beschert hatte.

»Was für ein Hurensohn«, lachte der Verleger, »aber in Holland ist er gut aufgehoben, bevor er in die Grube fährt.« Und dann legte er Dolphin die Hände auf die Schulter, als segne er ihn, und flüsterte: »Ich habe noch Großes mit Ihnen vor.«

Dolphin beugte sich über den Bootsrand und schaute ins Wasser. Hatte Bakerfield es ernst gemeint? Oder war es nur einer Laune entsprungen wie dessen Besuch in Berlin?

Mit dem Schlag des Ruderblatts zerstörte er sein Spiegelbild, das im Kräuseln der Wellen unterging. Und dann legte er sich in die Riemen und ruderte so lange, bis er völlig außer Atem war und die Wirklichkeit von keinem Bild mehr eingeholt wurde.

10

Monate später, in einer schwülen Julinacht des Jahres 1931, raffte Dolphin sich dazu auf, nach Wilmersdorf zu fahren. Schon als er aus der Haustür trat, klebten die Kleider an seinem Körper. In einer fahrigen Parallelaktion öffnete er das Verdeck seines Cabriolets, während er, viel weiter als angemessen, das Hemd aufknöpfte und sich nach der Kühle des Fahrtwinds sehnte. Er bereute es bereits, Fürstenaus Einladung angenommen zu haben.

Die kurze Strecke brachte nur wenig Erleichterung, und nachdem er den Wagen geparkt hatte, näherte er sich widerwillig der Babuschka Bar.

Das Lokal platzte aus allen Nähten. Gelächter vermischte sich mit Balalaikaklängen, dazu der Gesang eines übersteuerten Heldentenors; und immer wieder Getrampel, als fegte eine Kavallerie über die Tanzfläche.

Er ließ sich in einem Séparée im Datscha-Stil nieder, das überraschend kühl war. Verstohlen wischte er sich mit dem Taschentuch über die Stirn, knöpfte das verschwitzte Hemd bis auf den obersten Knopf zu und versuchte, sich in Form zu bringen.

Zu seinem Erstaunen entdeckte er Louis Brody an einem Tischchen in der Nähe des Tanzparketts. Dieses Mal war er nicht von Bewunderinnen umringt, sondern sein Kollege Willy Fritsch saß neben ihm und prostete mit seinem kussmundhaften Filmschauspielerlächeln in die Runde. Dolphin konnte auch William Thomson erkennen, einen massigen Boxer, der es als schwarzer Champion aus Dänisch-Westindien zu einiger Bekanntheit gebracht hatte und sich von Zeit zu Zeit im Romanischen Café sehen ließ.

Nun erhob Brody das Wodkaglas. In perfekter Synchronisation legten die Tischgenossen die Köpfe in den Nacken und richteten sich nach einer Kippbewegung wieder auf. Ihre Sommeranzüge, die Bühnenscheinwerfer in Rosa tauchten, harmonierten ebenfalls, und es schien, als seien sie sich selbst genug, sodass Dolphin nicht einmal den Versuch unternahm, hinüberzuwinken.

Er wartete auf seinen Kollegen André Fürstenau von der Vossischen Zeitung, der ihn zum Essen eingeladen hatte. Das sah ihm ähnlich. Es ging ihm nie um das Essen selbst. Er war ein Mann mit einer Mission.

Dolphin saß in seiner Nische und beobachtete das Trio, wie es scherzte, trank, Blinis und Kaviar vertilgte.

Fürstenau hatte wenig Sinn für die Welt des Films, ganz zu schweigen von der des Sports. Für ihn waren das im Grunde läppische Freizeitvergnügungen. Stattdessen hatte er sich wieder, wie er mit einem mokanten Lächeln zu sagen pflegte, in die Rittmeistersache verbissen.

Im Mittelpunkt seiner Recherchen, die sich, ausgehend von den altbekannten Fakten, ins Reich verschiedenster Hypothesen hinaufschraubten, befand sich Rittmeister Curt von Westphal, der einstmals zu den auffälligsten Figuren im Parlament gezählt hatte. Sein Ruf verdankte sich einer eigentümlichen Mischung aus Realpolitik und Spleen: einerseits machtbewusster Reichstagsabgeordneter mit exzellenten Verbindungen zum Reichskunstwart bis hin zum Innenminister, zum anderen promovierter Musikwissenschaftler mit einem abseitig anmutenden Faible für den Jazz. Laut amtlicher Diagnose hatte er vor zwei Jahren, aus Gründen, die sich nie zufriedenstellend klären ließen, Hand an sich gelegt. Sein Leichnam, vergiftet von einem Cocktail aus Barbitursäure und Alkohol, war in einem Stundenhotel in Spandau aufgefunden worden. Trotz allerlei Merkwürdigkeiten wurde der Fall rasch zu den Akten gelegt, einzig Fürstenau hegte Zweifel an der Selbstmordthese, was sich für Dolphins Begriffe so langsam zu einem Tick steigerte.

Wo andere ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier sahen, bemerkte Fürstenau mikroskopische Flecken, seien es Spuren von Radiergummi oder einer Rasierklinge, mit der womöglich ein getuschtes Geheimzeichen entfernt worden war, und es sah aus, als verliere er sich immer mehr in diesen Kalligrafien des Verschwindens.

Rund herum im Lokal zweifelte niemand. Alles war, was es schien. Und das Einzige, was hier verschwand, war der Wodka in den Kehlen. Doch wo zum Teufel steckte Fürstenau?

Nach einer Weile erschien Natascha Sirina, die Patronin der Babuschka Bar, und servierte Wodka nebst Brot und einem Schälchen Kaviar. Sie lächelte ihn an und fragte: »Noch immer nicht da?«

Er schüttelte den Kopf. Trotz der Hitze hatte sie sich wie gewöhnlich als russisches Großmütterchen mit Kopftuch und Schürze ausstaffiert, und diese Berufsuniform schuf einen reizenden Kontrast zu ihren Apfelbäckchen und der straffen Figur, die sich unter den Stoffschichten abzeichnete.

Etwas abseits von Brodys Tisch kam plötzlich ein Mann ins Bild. Als er von einem Scheinwerfer aus dem Halbdunkel ausgeschnitten wurde, zuckte er kurz zusammen, hob reflexhaft die Hand vors Gesicht, ließ sie sinken, als habe er sich dadurch eine Blöße gegeben, schaute sich um und verfolgte dann missmutig den Lichtkegel beim Weiterwandern.

Dolphin blickte auf die Uhr. Das akademische Viertel war längst vorbei.

Von einem »langsamen Hinübergleiten in den Tod, infolge einer Überdosis eines früher weitverbreiteten Schlafmittels«, hatte der Gerichtsmediziner gesprochen, bei jener eilig einberufenen Pressekonferenz nach dem Ableben des Rittmeisters. Sie nahm Züge einer Haupt- und Staatsaktion an, und Journalisten von überall her drängelten sich neben Dolphin in einem Kellerraum des Reichstags.

Die Todesursache war zweifelsfrei geklärt, nicht so das Motiv. Vor allem der Zeitpunkt warf Fragen auf, fiel doch der Selbstmord in eine Phase erbittertster Auseinandersetzungen zwischen der Republik und den immer stärker werdenden Nationalsozialisten. Und ausgerechnet eine Woche, bevor in Frankfurt am Main der weltweit erste Studiengang für Jazz unter Leitung eines ungarischen Juden die Arbeit aufnahm, war er aus dem Leben geschieden. Die völkische Presse triumphierte. Für sie war Curt von Westphal der Inbegriff all dessen, was hassenswert war an dem verjudeten System. Vor allem aber galt er ihr als Wegbereiter der entarteten Kunst. Ehrabschneiderische Kampagnen waren Teil eines Kulturkampfs, der schon lange tobte und Monate vor Einrichtung der Jazz-Klasse zu einem Schlagabtausch im Preußischen Landtag führte. Damals stellte ein Abgeordneter der Deutschvölkischen Freiheitspartei die Frage, ob die Regierung bereit sei, »die Verniggerung deutscher Musik durch dieses Konservatorium zu verhindern, und wie sie gedenkt, die Schülerschaft vor den Erziehungskünsten des triebhaft undeutschen Lehrers zu schützen«.

Der Rittmeister hatte maßgeblich dazu beigetragen, die Akademisierung der angefeindeten Negermusik durchzusetzen, am traditionsreichen Hochschen Konservatorium, das einst Clara Schumann und Engelbert Humperdinck zu seinen Lehrern zählte, doch am Ende konnte er die feierliche Eröffnung nicht mehr erleben.

Auf der Pressekonferenz hatte das nur am Rande eine Rolle gespielt. Bald ging es nur noch um von Westphals Aktenkoffer, über dessen Verbleib der leitende Kommissar aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen wollte. Und dann war alles im Sande verlaufen. Nur Fürstenau hörte noch immer die Sandflöhe husten, doch der ließ ihn warten.

Wieder streifte ein Scheinwerfer das Gesicht des Mannes. Er hatte helles Haar, das in dünnen Strähnen nach hinten gekämmt war, und ebenso helle, wimpernlose Augen. Widerwillig ließ er das Lichtspiel über sich ergehen, als müsse er die Berührungen einer Fliege ertragen. Die abrupte Art, wie er schließlich emporschnellte, um das Jackett abzulegen, hatte etwas Sprungfederartiges, das Dolphin irgendwoher bekannt vorkam. Jetzt stand er aufrecht und schien mit einem Mal bedeutend kleiner als im Sitzen. In weißem Hemd und Hosenträgern, die seinen sehnigen Oberkörper betonten, stand er da und schaute verstohlen hinüber zum Nebentisch, bevor er sich auf den Stuhl fallen ließ.

Als Natascha noch ein Schälchen Kaviar brachte, erhob sich schräg gegenüber Louis Brody und brachte, offenbar sehr zur Erheiterung von Willy Fritsch, einen Toast aus, dessen Pointe schließlich auch den Schwergewichtler erreichte und seinen Brustkorb stoßweise vibrieren ließ.

Dolphin musste an Ella denken. Was würde sie dafür geben, hier zu sein. Mit ihr hatte er Die Boxerbraut im UFA-Theater gesehen. Brody spielte, umschwärmt von Frauen, die Rolle des berühmten schwarzen Boxers Fighting Bob. Den Kontrapart gab Willy Fritsch als verträumter Fabrikantensohn Fritz Spitz, dessen Verlobte Helen ihm jedoch auf den Kopf zusagt, sie werde nur einen Boxchampion heiraten, worauf es Fritz mit einem Schwindel versucht und sich ihr gegenüber als Fighting Bob ausgibt.

Wie hatte Ella sich über das pechschwarz angemalte Gesicht von Willy Fritsch amüsiert, die schwarzlockige Perücke und die muskulöse Gestalt, nachdem er sich einen aufblasbaren Bizeps umgeschnallt hatte. Und sie hatte sich zu Dolphin herübergebeugt und ihn geküsst, als am Ende der Schwindel aufflog und Helen plötzlich von ihrer Boxleidenschaft wie von jener für schwarze Männer geheilt war und mit ihrem Verlobten im Schlafzimmer verschwand.

Dolphin überlegte, ob er Ella anrufen sollte. Dann verwarf er es. Es würde sie zu sehr verletzen. Er strich mit dem Zeigefinger über den Rand des Wodkaglases und steckte ihn, als wolle er den Geschmack prüfen, in den Mund.

Aus dem Gewühl tauchte Natascha auf und steuerte den Tisch des Trios an. Unter großem Gebalze bezahlte Fritsch die Rechnung und verschwand mit seinen Zechkumpanen.

Natascha schaute ihnen nach, drehte sich plötzlich um und nickte Dolphin kurz zu. Er hob das Glas und zwang sich dann, den Blick abzuwenden. Fürstenau schien in einer unklaren Beziehung zu ihr zu stehen, die immer unklarer wurde, je öfter er die russische Exilantin in ihrem Nachtlokal aufsuchte. Dolphin war sich nicht sicher, was Fürstenau für sie empfand. Ob er überhaupt wahrnahm, wie reizend sie aussah, wenn aus ihrem Mund slawische Vokale und Kaskaden von gerollten Rs strömten. Doch Fürstenau und die Frauen, das war ein eigenes Kapitel. Dolphin musste lächeln. Einmal hatte er Fürstenau bei einem Bekannten unterbringen müssen, als der von seiner eifersüchtigen Ex-Frau verfolgt wurde. Sie konnte ihm nicht glauben, dass seine einzige Leidenschaft die Arbeit war. So war sie auch nicht von dem Verdacht abzubringen, dass er viele Liebhaberinnen hatte, und diese Besessenheit führte letztlich zu seiner Flucht.

Diese Episode hatte beide Reporter, trotz aller Peinlichkeit, miteinander verbunden. Das Seifenopernhafte konnte indessen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fürstenau ein hartnäckiger Rechercheur war, der mitunter beträchtliche Risiken auf sich nahm, um tatsächliche Skandale aufzudecken, oder Vorgänge, die er für solche hielt. Mit konventionelleren Tugenden wie Rücksichtnahme oder Pünktlichkeit dagegen konnte er wenig anfangen.

Es war seltsam, plötzlich den Gegenstand seiner Gedanken vor sich zu sehen. Wie üblich klopfte er ihm zur Begrüßung viel zu stark auf die Schulter, in jenem linkischen Überschwang, der, ohne es zu wollen, gleichsam Distanz schuf, rutschte auf die Holzbank gegenüber und erzählte von seinem Besuch bei Bettine von Westphal.

»Warum die Witwe?«, fragte Dolphin.

»Wer, wenn nicht sie«, entgegnete Fürstenau und winkte eine Kellnerin heran, um eine Flasche Mineralwasser zu bestellen. Ohne sie ein einziges Mal anzuschauen, machte er ihr im gleichen Atemzug klar, dass er keinesfalls Wodka wünsche, weder als Aufmerksamkeit des Hauses noch seitens alkoholisierter Damen an etwaigen Nebentischen. Er habe zu arbeiten, und fürs Erste genüge ihm Wasser und ein Teller Borschtsch. Als er seinen Kollegen fragend anschaute, bestellte Dolphin sich Blinis.

Nachdem sie alles notiert hatte, drehte sie sich auf dem Absatz um und kreuzte für einen Moment den Weg des Mannes. Er hatte eine junge blonde Frau im Schlepptau und strebte der Tanzfläche zu. Er war nur wenig größer als sie. Doch in der Art, wie er sie um die schmale Taille fasste, sie an sich presste und die Arme um sie schlang, lag eine mühsam kaschierte Aggression, die Dolphin gleichermaßen abstieß und erregte. Die Blonde war nicht willfährig, im Gegenteil. Ihre Widerspenstigkeit schien Teil des Spiels zu sein. Sie löste ihre Arme aus der Umklammerung und schob ihn weg. Nur kurz duldete er den Befreiungsversuch, und wieder hielt er sie umklammert, bis sie sich wie ein störrisches Kind beruhigte.

Ohne den Borschtsch und das Wasser auch nur anzurühren, erzählte Fürstenau, wie aufgeräumt und zugleich kämpferisch Bettine von Westphal gewirkt habe. Sie wollte endlich jenen Falschmeldungen und Verleumdungen entgegentreten, die nach dem Tod ihres Gatten zunächst in den völkischen, dann aber auch den liberalen Blättern verbreitet worden waren. Sie habe Fürstenau in ihrer Wannseevilla, übrigens nur einen Steinwurf weit entfernt vom liebermannschen Anwesen, mit selbst gebackenem Apfelkuchen und ihrer Tochter Clara auf dem Schoß empfangen, fest entschlossen, ihr Schweigen zu brechen und für die Rehabilitierung ihres Gatten zu kämpfen.

Fürstenau trank einen Schluck Wasser und wirkte erschöpft. Die Blonde drehte sich in den Armen des Mannes. Es sah aus, als wolle er sie in einem diffizilen Ritual unter Kontrolle bringen, wenn er sie mit schleichenden Bewegungen einlullte, um sie dann mit einem Hüftschwenk zu überrumpeln und zum Rande des Parketts zu führen, wo er geschmeidig, als absolviere er einen Slalom, um die Sektkühlerständer herumtanzte. Und bei all diesen Manövern hatte er seine Lippen an ihrem Ohr und redete die ganze Zeit auf sie ein.

»Das Problem ist nur«, sagte Fürstenau und seufzte, »dass die Witwe erst jetzt an die Öffentlichkeit gehen will.« Unmittelbar nach Westphals Tod sei sie wie gelähmt gewesen, außerstande, die Fragen des Kriminalkommissars zu beantworten, geschweige denn der Presse gegenüber jene Gerüchte zu widerlegen, nach denen ihre Ehe zerrüttet gewesen sei. Nach Fürstenaus Schilderungen war sie mit der gerade geborenen Clara und ausdrücklicher Unterstützung ihres Gatten in ihr Elternhaus gezogen, um sich dort von den Strapazen der Geburt zu erholen. Und der besuchte sie, sooft es seine Pflichten zuließen, glücklich wie selten zuvor, als zugegebenermaßen später, aber desto zärtlicherer Vater, schloss Fürstenau und schickte, wie das Zitat eines Zitats, ein zerstreutes Lächeln hinterher.

Der Tänzer flüsterte noch immer in das Ohr seiner Partnerin. Andere Paare waren auf das Parkett geströmt und verdeckten sie für einen Moment. Es mussten aufregende Dinge sein, welche die junge Frau zu hören bekam. Dinge, die Dolphins Fantasie entzündeten. Das Funkeln in ihren Augen. Reflexe einer unbestimmten Lust, gipfelnd in einem Aufschrei, worauf er mit dem Daumen über ihre Unterlippe strich, was unglaublich obszön aussah. Sie ließ es über sich ergehen, den Mund geöffnet, und Dolphin sah eine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, die ihn seltsam berührte.

Fürstenau redete und redete. Der Haken an der ganzen Geschichte sei, und jetzt hob er die Stimme, dass die Westphals eine, sagen wir mal, sehr moderne Auffassung des Ehelebens vertraten. Bettine habe ihm seine Freiheiten gelassen, von Anfang an, wie sie freimütig erklärte. Er war ein richtiger Mann und mochte junge Dinger, er holte sich dort den Appetit, aber immer wieder sei er zurückgekommen. Doch ein schlagendes Argument, murmelte Fürstenau, habe die Witwe vorgebracht. Wenn er sich schon umbringen wollte, dann sicher nicht in einem Stundenhotel, das hätte er weder seiner Familie noch sich selbst zugemutet. Wenn, dann wäre der Abgang mit Würde erfolgt, mindestens im Adlon.

Sie waren untergetaucht in einem Gewirbel aus Köpfen, Rücken, Armen. Jetzt sah er den Mann, wie er ihren Nacken knetete. Sie krümmte sich, starr wie eine Katze.

»Was willst du tun?«, fragte Dolphin, um etwas zu sagen, und schaffte es doch nicht, sie aus den Augen zu lassen. Fürstenau schwieg, was erstaunlich war. So müde hatte er ihn noch nie erlebt.

Sie duckte sich weg, als ein kostümierter Kosak auf die Tanzfläche stürmte und mit zackigen Kommandos eine Polonaise anführte. Irgendwie rutschte dabei ihr blonder Haarschopf nach vorne, bis auf die Nase, während der Mann feixte und lachte, bis sie ihn wütend von sich stieß und die Frisur geraderückte. Als er ihr gleich darauf mit spöttischer Miene durch das Haar fuhr, sah es einen Augenblick lang aus, als wolle sie ihm ins Gesicht schlagen. Doch dann rauschte die Polonaise durch das Bild und sie gingen im Getümmel unter.

»Hörst du mir zu«, knurrte Fürstenau, »hier bin ich«, sagte er und wedelte mit den Händen, »hier, Herr Dolphin.«

Er nickte und zwang sich, Fürstenau anzuschauen.

»Ich werde«, sagte er nun grimmig entschlossen, »nicht lockerlassen, bis der Fall neu aufgerollt wird.« Westphals Ehe sei eigenartig, aber nicht zerrüttet gewesen. Und der Rittmeister war keinesfalls der Typ, der vor den Nazis in die Knie gegangen wäre, mochten noch so viele Morddrohungen in seinem Briefkasten gelegen haben. Jemand musste das sehr geschickt inszeniert haben, das sage ihm sein Instinkt. Und wenn es kein Suizid war, dann wanke die Republik.

Eher pflichtschuldig und ohne rechte Energie wollte Dolphin widersprechen, doch die Kellnerin erlöste ihn und schenkte Wodka nach, während Fürstenau demonstrativ die eine Hand über das Glas hielt. Mit der anderen schaufelte er einen letzten Löffel Borschtsch in sich hinein, schob den Teller weg und bezahlte. Dann drängte er zum Aufbruch und wollte wissen, ob er ihn mitnehmen solle. Dolphin schüttelte den Kopf. Er deutete auf sein Wodkaglas. »Bleib sauber«, murmelte Fürstenau und verschwand.

Auf dem Weg zur Toilette kam Dolphin an einer Vitrine vorbei. Sie schwankte ganz leicht. Umrahmt von gläsernen Regalböden multiplizierten sich zahllose Matroschkas in den Spiegeln. Natascha bot die Puppen zum Verkauf an. Sie kamen noch immer aus Russland, das ihrer Familie so übel mitgespielt hatte. Die Farben, das Birkenholz, die Erinnerung an den Geruch des Frühlings, das alles speicherte die Heimat wie in einer Kapsel. Und wenn auch die äußere Hülle zerstört wurde, gab es eine weitere, die die nächste beschützte, und so gab es die Hoffnung, dass wenigstens der innerste Kern, der nichts mehr enthielt, unzerstört bleiben würde.

Das Heimweh war ihre Ressource. Er mochte den Gedanken. Es glich der Unendlichkeit in der Vitrine. Sein Heimweh, wenn man es überhaupt so nennen konnte, war komplizierter. Er lebte dort, wo er geboren und aufgewachsen war. Er sprach wie alle anderen, doch die Erinnerung an etwas, was er nie richtig kennengelernt hatte, schob sich dazwischen. Seinem Britischsein haftete etwas Theoretisches, Angelerntes an, und deswegen hatte er das Bedürfnis, es stärker zur Geltung zu bringen, während er sich zugleich der Lächerlichkeit bewusst war, nicht einmal als expatriate durchzugehen.

Er hing dem Gedanken nach. Er kam ihm notierenswert vor. Wenn er getrunken hatte, spürte er eine Weite, die er, so er es denn endlich in Angriff nähme, für sein Berlin-Buch brauchen würde. Es war jenes Stadium zwischen Nüchternheit und Betrunkensein, in dem er sich von den täglich wechselnden Neuigkeiten und dem Kampf um die nächste Story löste. Man musste sich auf das Wesentliche konzentrieren, doch was das Wesentliche war, das vergaß er unter dem zunehmenden Druck seiner Blase.

Dolphin stand vor der Rinne, aus der stechende Dämpfe aufstiegen, und konzentrierte sich darauf, einen bestimmten Punkt über dem Abfluss anzuvisieren. Das Geräusch klang wie Regen auf einem Blechdach.

Wie gewöhnlich hatte er sich in die hinterste Ecke der Herrentoilette verzogen, obwohl niemand sonst da war. Vom Saal wehten Wortfetzen und Gesang herein, untermalt vom Klang einer Balalaika.

Weiter vorne öffnete sich leise eine Klotür. Zu seiner Überraschung kam der Tänzer heraus. Nach ein paar Schritten stand er vor dem Waschbecken. Er schien Dolphin nicht zu bemerken und schaute lange in den Spiegel. Sein Blick war eigenartig leer, als wäre er zugleich wach und schliefe. Die gleiche Art von Ausdruckslosigkeit lag darin, wie vorhin, als er die Tanzfläche verlassen hatte. Als versuche er, sich auszulöschen, um keine fremden Blicke auf sich zu ziehen.

Er stand da in seinem makellosen weißen Hemd, fast unnatürlich aufrecht, die Daumen unter die Hosenträger geschoben. Er betrachtete sich, offenbar nicht unzufrieden mit dem Ergebnis, und reckte das Kinn in die Höhe. Dann ließ er, als sei es das Normalste auf der Welt, mit einem lauten Knall die Gummibänder schnalzen. Das Geräusch befremdete Dolphin. Es brachte eine Saite in ihm zum Klingen, hart und wollüstig, wie sein Verursacher.

Und dann war er weg.

Er war nicht sicher, ob der Mann ihn gesehen hatte. Er stand am Waschbecken, spürte das Schwanken und vermied es, in den Spiegel zu schauen. Langsam seifte er die Hände ein, rieb sie lange aneinander, als sei Gründlichkeit mit einem Mal wichtig.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
304 p. 8 illustrations
ISBN:
9783963115929
Copyright Holder::
Автор
Download format:

Similar books