Read the book: «Ende einer Reise»

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2. Auflage 2012

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Umschlagfoto: Photocase.com – kallejipp

ISBN 9783954620784

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Widmung

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

Für C. P.

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben,

denn ohne daß er etwas Böses getan hätte,

wurde er eines Morgens verhaftet.

Franz Kafka, »Der Prozeß«

I

Vitte, Hiddensee. Endstation. Aus dem Dampfer, der von Stralsund aus die Insel anlief, quoll ein bunter Menschenbrei an Land. Eine leichte Brise, erfüllt vom Rauschen der Brandung, trug das Stimmengewirr heller und tiefer Töne, ein lautes Staunen, aufgeregte Rufe und Kinderlachen auf die Insel, wo es nicht lange blieb, denn der Wind drehte sich und nahm alle Laute und Töne wieder mit hinaus aufs offene Meer.

Die Möwen blieben und kreisten im Tiefflug über uns gut drei Dutzend Neuankömmlinge aller Altersgruppen, die mit Koffern, Taschen und Kisten bepackt in den Ort strömten. Hier und dort flogen Brotstücke in den hellblauen Himmel, die, geschickt gefangen, in den Schnäbeln der Tiere verschwanden.

Die Sonne stand goldgelb zwischen weißen Schleierwolken und warf hinter den sommerlich gekleideten Menschen kurze Schatten auf den Boden. Nur hinter einem großen roten Transparent, das drei ungehobelte in den Boden gegrabene Balken hielten, war der Schatten länger. Aber das muss an der Aufschrift gelegen haben: Wissen, Wachsamkeit und Tat – für den sozialistischen Friedensstaat.

Die Ankömmlinge nahmen keine Notiz von der Botschaft, die sich der Ignoranz der neuen Sommergäste nicht erwehren konnte. In Gruppen und Grüppchen eilten sie die staubige Hauptstraße hinauf, verfolgt vom Kreischen der Möwen und dem unaufhörlichen Geplapper der Nachströmenden. Die ersten Gäste verschwanden bereits in den schmalen Türen der reetgedeckten Häuser, deren blühende Vorgärten sich stolz den neuen Besuchern zeigten.

Nun komm doch endlich, drängelte mein Freund Franklin, der nicht wahrhaben wollte, dass ich so lange dem Zug der Fremden nachschauen konnte, deren Art und Weise, die Insel in Besitz zu nehmen, meine Neugierde weckte.

Komm doch schon, antwortete ich etwas mürrisch, da ich noch gern gewusst hätte, an welchen Stellen sich die Farbtupfer in der Landschaft verlieren würden. So zogen auch wir, gewissermaßen als Nachhut, am Ende des bunten Urlaubertrecks los. Drei junge Leute aus Berlin, Mitte zwanzig und bepackt mit Rucksäcken und Taschen, in freudiger Erwartung erholsamer, wenn auch kurzer Ferien. Die Freude ging so weit, dass sich Claudia aus unserer kleinen Nachhut löste, die Taschen fallen ließ, die weißen langen Arme in den Himmel streckte und sich wie eine Tänzerin beim Ballett um die eigene Achse drehte. Dabei bildeten die dunklen welligen Haare einen Kreis um ihren Kopf und den schlanken Körper. Beifall erhielt sie für diese, wie ich fand, alberne Darbietung auf offener Straße nicht. Auch nicht, als sie »Hiddensee« rief, als wäre es ein Zauberwort und der Schlüssel zum Paradies.

Hiddensee, atmete ich erleichtert durch und konnte mich doch ebenso wenig der freudigen Erwartung entziehen. Lächelnd und mit einem gewissen inneren Abstand nahm ich Anteil an der ungezügelten Freude der jungen Frau, die ich seit Jahren kannte und die in Berlin-Pankow einen Jugendclub leitete. Der Club erfreute sich seit Anfang der Achtzigerjahre wegen eines abwechslungsreichen Musikprogramms einiger lokaler Beliebtheit, wohl auch weil der ausgeschenkte Alkohol, ein merkwürdiges Cola-Wodka-Gemisch, wenngleich gewöhnungsbedürftig, zumindest billig war.

Während ich die schlanke, sich drehende Gestalt von der Seite betrachtete, musste ich einmal mehr anerkennen, wie makellos schön Claudia war. Denn da waren die leuchtenden braunen Augen und das offene, immer lächelnde Gesicht, als müsste sie das Titelblatt einer Zeitschrift schmücken. Ihr Aussehen erinnerte mich irgendwie an Nena, die mit ihren 99 Luftballons gerade die Hitlisten verschiedener, nicht auf Hiddensee zu empfangender Radiosender eroberte. Letzteres nicht, weil die technischen Voraussetzungen der Empfänger fehlten, sondern weil die stets wachsame Staatsmacht zumindest im höchsten Norden der Republik den dekadenten Einfluss westlicher Popikonen und ihrer Luftballons erfolgreich zu verhindern verstand. Ihre Antwort wäre Nina Hagen und ein Micha gewesen, der am Strand von Hiddensee den Farbfilm vergaß, wie das gleichnamige Lied erzählte. Doch war die Rockröhre nach ihrer Ausreise in den Westen auch nicht mehr zu empfangen. Es sei denn, man begnügte sich mit einem der gestörten Mittel- und Kurzwellensender, deren permanentes Quietschen und Pfeifen den Zuhörern ein kaum zumutbares und damit ungewöhnliches Hörvergnügen bereitete.

Trotz der sportlichen Einlage wirkte Claudia mit ihrem Auftritt auch jetzt wieder püppchenhaft unerotisch. Jedenfalls redete ich mir das ein. Denn diese puppenhafte Schönheit, so war ich mir ziemlich sicher, verdarb alle Erotik mit ihrer Makellosigkeit. Schönheit, so dachte ich, verliert eben doch ihre Magie, wenn jener Eros fehlt, der viel tiefer und tiefgründiger ist als aller Schein. Das Bedauern in diesem Gedanken konnte ich nicht ganz unterdrücken, denn er schützte mich zwar bislang vor der Versuchung, in ihr mehr als eine gute Freundin zu sehen, verhinderte aber dennoch nicht manch erotische Fantasie.

Claudia selbst wollte ich niemals Anteil an diesen Gedanken nehmen lassen, zumal es keinen Grund gab, die Eitelkeiten meiner Freundin, von denen ich bereits einige kennenlernen durfte, zu beschwören. Schon gar, weil ich fürchten musste, dass ich sie damit stellvertretend für das gesamte andere Geschlecht provozierte. Und Claudia konnte sich, leidenschaftlich, wie sie war, ganz als Vertreterin aller Frauen dieser Welt sehen.

Vielleicht war auch mein Urteil Unrecht, schließlich haben wir uns in einem Anfall unnötiger Verzweiflung die Ehe versprochen, sollte keiner von uns in spätestens zehn Jahren einen passenden Partner gefunden haben. Für diesen Fall wollten wir uns am 30. Juni des besagten zehnten Jahres ausgerechnet im »Wiener Café« in der Schönhauser Allee treffen, um uns dort das Ja-Wort zu geben.

Ich weiß bis heute nicht, warum wir uns ein solches, allgemein eher belächeltes Versprechen gegeben haben. Zumal es schon damals wegen der Tatsache, dass wir beide keine Kinder von Traurigkeit waren, kaum einzulösen war. Ich weiß auch nicht mehr, in welchem Zustand wir es uns gaben. Was ich noch weiß, ist, dass das Versprechen von ihr ausging, wenn auch der Zusammenhang eher mich betraf. Denn es war die Trennung von meiner langjährigen Lebenspartnerin Susanne, die zwar mich in eine Krise, Claudia aber zu diesem ungewöhnlichen Vorschlag trieb. Und welchen vernünftigen Grund sollte es für mich, der eine gescheiterte Beziehung zu verkraften hatte, geben, den Vorschlag einer attraktiven, ansehnlichen und zudem noch umgänglichen Frau zu widersprechen. Möglicherweise glaubten wir beide, uns damit eine Rückfahrkarte in die uns vorenthaltene Zweisamkeit gelöst zu haben. Ein Reiz, der angesichts des zu erwartenden Preises auch nicht zu verachten war.

So war dieses Versprechen, so widersprüchlich es sich auch anhörte, Teil eines Sicherheitsgefühls, das wir uns gern wie eine Art zweiten Bodens verschafften. Auch die Liebe, selbst die platonische, so rechtfertigte ich mein Tun, benötigt zuweilen dieses Netz, schließlich ist sie ein Hochseilakt im Himmel der Gefühle und gefährlich wie das Leben selbst.

Unabhängig davon gestand mir Claudia am Tag vor unserer Abreise aus Berlin, dass sie sich verliebt habe. Allerdings setzte sie mich nicht in Kenntnis, wer der Glückliche sei.

Unsterblich?, fragte ich mit einem vermutlich nicht überzeugenden, Anteil nehmenden Blick, der mir nur die kalte Schulter und einen beleidigten Gesichtszug einbrachte. Vielleicht, so ärgerte ich mich später, hätte ich sie wenigstens nach dem Auserwählten fragen sollen, eine Aufgabe, die ich während des Urlaubs in Angriff nehmen wollte, schon um unser besonderes, auf seine Art spannendes Verhältnis nicht unnötig zu belasten. Letzteres war mir im Übrigen wichtiger als jenes leichtsinnige Versprechen.

Was blieb, war unsere, wie ich meinte, geradezu brüderlich-schwesterliche Freundschaft, die sich jetzt einmal mehr bewährte. Ob Claudia ähnlich dachte, blieb mir bis dato verborgen, aber ich vermutete in ihrer zur Schau getragenen Unabhängigkeit, in ihrer Art, bewusst Abstand zu halten und nur so viel Nähe wie nötig zuzulassen, eine vergleichbare Auffassung. Dies, obgleich ich verstand, dass es gerade Frauen sind, hinter deren Fassaden wir Männer niemals schauen werden. Claudias Fassade, das hatte ich gelernt, war dabei keine Theaterfassade aus Pappe und bespannten Leinwänden, sondern eine Mauer, so dick, hoch und unüberwindbar wie die von Berlin. Jedenfalls war ich dankbar, dass Claudia ihren Auslandsurlaub aus Solidarität abgesagt hatte, nachdem mir zwei Tage zuvor der Personalausweis höchst amtlich entzogen wurde und damit unser gemeinsam geplanter Prag-Aufenthalt in eine unerreichbare Ferne rückte.

Denn mit dem neuen Dokument, das am Anfang, des von der Abteilung K der heimischen Volkspolizeiinspektion eingeleiteten Vorgangs gegen mich stand und das den Umfang einer einzigen DIN-A5-Seite hatte, blieb mir sogar der Besuch in den sogenannten Bruderländern verwehrt. Dies war nicht verwunderlich, denn das graue dünne Papierchen strahlte keinerlei Autorität aus und verbot folgerichtig jeden auch ostwärts gerichteten Grenzübertritt. Natürlich war das bitter, da ich mich schon mit der Tatsache abfinden musste, nicht vor Renteneintrittsalter gen Westen reisen zu können, auch wenn der »Westen«, wie in meinem Fall, nur am Ende meiner Straße lag. Die Kopenhagener Straße war nicht die einzige Straße, die im Prenzlauer Berg an einer hohen Mauer endete und deren Bewohner von dem klangvollen Namen wenig hatten. Eigentlich wäre die Umbenennung nur konsequent gewesen, zumal Kopenhagen ebenso unerreichbar blieb wie der Wedding. Aber jetzt noch eine neue imaginäre Mauer im Osten vor die Nase gesetzt zu bekommen, wo mir schon die Mauer am Ende meiner Berliner Straße einiges Gewöhnungsvermögen abverlangte, war mehr als ärgerlich und wenig angetan, meine Stimmung so kurz vor Beginn meines Urlaubs zu heben.

Vielleicht hätte ich mich damit trösten können, dass die Geschichte der Reiserestriktionen lang war, bedenkt man, dass bereits ein Befehl des langobardischen Königs im 8. Jahrhundert jedem Reisenden das Verlassen des Königreiches ohne Einverständnis des Monarchen verbot. Wenig Trost bot auch die Tatsache, dass das Vorgehen besagter Abteilung K die Arbeit unzähliger Angestellter in den öffentlichen Verwaltungen und damit den Unterhalt etlicher Familien sicherte.

Einen Grund für den Entzug des staatsbürgerlichen Vertrauens, in dessen Folge ich mich mit einem grauen Schein ohne Passbild und mit eingeschränktem Gebrauchswert begnügen musste, erfuhr ich trotz Nachfrage bei der zuständigen Volkspolizeibehörde nicht. Das verwunderte nicht, schließlich war es gänzlich unüblich, dass der allmächtige Staats- und Verwaltungsapparat seinen Bürgern auch noch Erklärungen für offensichtlich notwendiges Verwaltungshandeln gab. Das System also funktionierte und jeder Widerstand wäre angesichts der Kräfteverhältnisse sinnlos gewesen. So stellte ich mich vierzig Jahre nach dem Untergang Preußens quasi als preußischer Untertan ganz den widrigen Gegebenheiten und damit meinem Schicksal, das als deutlichstes Zeichen diesen Schein wie ein Brandmal der staatsbürgerlichen Aussätzigkeit trug. Mir war sehr wohl bewusst, dass, egal wo auch immer ich diese neue Legitimation vorwies, ich mit erheblichem Ärger zu rechnen hatte. Schon die Form des Scheines mit der blassen blauen Schrift verbot jegliche Anteilnahme potentieller Kontrolleure mit dem Besitzer. Vielmehr provozierte der Schein geradezu das staatliche Gewaltmonopol und ließ jeden Staatsdiener aufgeschreckt und hellhörig das merkwürdige Exemplar von Papier und logischerweise auch Mensch begutachten.

Jedenfalls setzte ich mir im Bewusstsein dieser Anfälligkeiten und der durch diesen Schein ohnehin versagten Prag-Reise mit dem ebenso reizvollen Hiddensee ein neues Ziel. Und Hiddensee schien mir als idealer Ersatz, nicht nur, weil die romantische Ostseeinsel mit ihren landschaftlichen Reizen, der weiten unberührten Heide, dem sanften Hügelland, das im Norden schroff zum Meer abfällt, und den verschlafenen Fischerdörfern eine magische Anziehung ausübte. Hier hatte ich bereits einmal, weitab von der Welt, einen Sommer verbracht und die Nähe zum großen, aber dennoch vielfach vergessenen Gerhart Hauptmann gesucht, den ich aus vielerlei Gründen verehrte. Er war es, der hier oben seine Sommer verlebte und im nördlichsten Inseldorf mit dem Namen Kloster, ein stattliches Anwesen erwarb, so als wollte auch er vor der Unbill des Reiches fliehen. Und auf der Flucht war ich irgendwie auch.

Ohnehin war ich damit mit meinem Freund Frank, den alle nur in der amerikanischen Form Franklin riefen und den das gleiche Schicksal bereits vor Jahren ereilte, eine Schicksalsgemeinschaft eingegangen. Auch sein Ausweispapier, das immerhin im Gegensatz zu meiner neuen einseitigen Legitimation zwei Seiten umfasste und den amtlichen Titel PM 12 führte, berechtigte nicht zum Verlassen des geliebten Vaterlandes. Warum dieser Ausweis, dessen Umschlag auf die Ersatzlegitimation »Für eingezogenen Personalausweis« verwies, diesen technischen Titel PM 12 trug, vermochte keiner zu sagen. Zumindest ließen die Buchstaben auf das sogenannte Personal- und Meldewesen, also eine Verwaltungsstelle schließen, alles andere war, ebenso wie unsere unterschiedliche staatsbürgerliche Klassifizierung, geheimnisvoll.

In jedem Fall hatte Franklin keine Probleme mit der Wahl des Ferienortes, denn im Rahmen seines PM-12-eingeschränkten Reiseradius’ galt Hiddensee fast als Fernreiseziel. Erleichternd kam hinzu, dass mich Franklin bereits vor vielen Jahren nach Agnetendorf, dem letzten Wohnort Hauptmanns im schlesischen Riesengebirge begleitete und, angetan von der Gegend, meine Begeisterung zu Dichter und literarischer Landschaft teilte. Damals waren wir beide noch im Besitz eines ordentlichen, weil üblichen Personalausweises und damit eines Reisedokuments, das zum polnischen Grenzübertritt berechtigte, obgleich wir niemals das Gefühl hatten, damit privilegiert zu sein. Wie schnell sich diese Auffassung ändert, kann nur nachempfinden, wer im Besitz anderer Legitimationen einmal in einem Land mit stets misstrauischen und damit kontrollsüchtigen Ordnungshütern lebt. Dieser Kontrollsucht war man mit einigem Pech bei den verschiedensten Gelegenheiten ausgesetzt, sei es in öffentlichen oder halböffentlichen Gebäuden, in Parks, in Bahnen, in Krankenhäusern, Universitäten und Schulen, ja sogar bei ausgesuchten Kulturveranstaltungen oder auf der Straße. Ein Anlass zum Misstrauen und damit zur Kontrolle fand sich immer.

Zum Glück teilte Franklin nicht nur meine Auffassung, was Hiddensee und Hauptmann betraf, sondern der heiße Sommer nährte auch alle Hoffnung, die Tage in den kühlenden Fluten oder an den lauen Abenden am Meer auf die angenehmste Weise zu verbringen.

Man muss nur aus der Not eine Tugend machen, klärte mich der dürre schlaksige Kerl mit dem halblangen strohblonden Haar und dem schmalen Gesicht tröstend auf. Wie weit er dies selbst verinnerlichte, konnten Claudia und ich am Ende des Urlauberzuges nun gleich wieder hören: Da hat sich der Herrgott aber eine schöne Wiedergutmachung einfallen lassen, uns dieses Hiddensee vor die Füße zu legen, stellte er trocken fest und zündete sich eine Zigarette an.

Wieso Wiedergutmachung, wollte Claudia wissen, die ihre Taschen nach der Ballettvorführung längst wieder aufgenommen hatte und uns nachtrottete.

Wiedergutmachung für den entgangenen Urlaub in Prag, was sonst, erklärte Franklin und ließ große Qualmwolken in den hellblauen Inselhimmel steigen.

Eine schöne Wiedergutmachung, sagte sie und zeigte vorwurfsvoll auf mich. Musst dich doch alle fünf Tage bei der Polizei in Berlin melden!

Schulterzuckend bestätigte ich. Das ist nun mal die Auflage, schließlich hatte mein neuer Ausweisersatz, auch wenn er nur aus einer Seite bestand, einen Extraabschnitt, in dem sich die Stempelabdrucke meiner Meldungen bei der Polizeibehörde finden sollten.

Zugegebenermaßen war diese Anordnung die schmerzlichste, schließlich bedeutete diese alle »Fünf-Tage-Vorstellung« im heimischen Volkspolizeikreisamt erheblichen Aufwand und schränkte auch längere Urlaubsfreuden empfindlich ein. Dennoch wollte ich nicht auf einige schöne Stunden am Ostseestrand auf Hiddensee verzichten, auch wenn mir nicht einmal vier ganze Tage blieben.

Ordnung muss eben sein, kommentierte Franklin den Vorgang trocken, obgleich er wusste, welche täglichen Einschränkungen der Besitz eines solchen Ausweises nach sich ziehen konnte.

Du hast gut reden, wandte sich Claudia wütend an Franklin, du musst dich nicht alle fünf Tage melden.

Besser so, als wenn sie ihn gleich dabehalten hätten, gab Franklin zur Antwort und fügte in seiner ihm eigenen Art hinzu: Ist doch schon eine Schande genug, wenn sich unsere Ordnungshüter alle paar Tage seiner annehmen müssen. Und das in gewohnter Verantwortungsbereitschaft und so seltener menschlicher Hingabe. Die Genossen tun mir jetzt schon Leid, haben schließlich noch mehr zu tun, als sich dieser merkwürdigen Elemente zu erwehren, die den reibungslosen Ablauf in unseren Verwaltungsorganen gefährden. Dabei zeigte er auf mich, wie einen auf einen Aussätzigen. Früher, ja früher … ich sag nur Sibirien! Da war die Welt noch in Ordnung. Aber nein, man lässt sie heute auch noch frei in Hiddensee herumlaufen. Das ist doch so, als bekäme der Beelzebub eine Fahrkarte ins Paradies.

Ich schmunzelte, erwartete ich doch nichts anderes von Franklin, und es käme einem Wunder gleich, wenn er seine Lust an der Provokation im Umgang mit den Gegebenheiten im Zaum gehalten hätte. Nicht umsonst wurde er als der Villon vom Prenzlauer Berg bezeichnet, was er seinem großen, stets zu ironischen, zuweilen auch zynischen Provokationen bereiten Mund, aber wohl auch seinem Aussehen zu verdanken hatte. Irgendwie wirkte es immer, als sei er stets unterwegs, gehetzt von der Zeit und den äußeren Umständen, einem fahrenden mittelalterlichen Vaganten gleich, mit seinen zu kurzen Hosen, die über den Knöcheln schlackerten und dem abgeschabten Jackett. Und wirklich, Franklin war eines jener durch Unbefangenheit und unerschöpflichen Lebensmut ausgezeichneten Wesen. Während andere sich selbst zur Verzweiflung trieben, wartete er immer mit einem Lächeln auf oder hatte einen passenden Witz parat, um so tapfer und unerschrocken die Realitäten zu ignorieren. Möglicherweise waren aber auch Ironie und Zynismus Formen, sich mit seiner nicht so komfortablen Situation als PM-12-Träger anzufreunden.

Wovon er wirklich lebte, wusste keiner. Vielleicht schämte er sich auch dafür. Wenn man ihn fragte, nannte er sich einen Verkäufer, Verkäufer des Vergessens. Und ging sofort zur Gegenfrage über: Wie viel möchten Sie vergessen, groß, klein, viel, wenig?

Aber vom Vergessen kann man doch nicht leben!

Oh doch, gab er zur Antwort. Wenn so viele Menschen, ja ganze Staaten von der Lüge leben können, dann will er wenigstens vom Vergessen leben. Das ist doch nur gerecht, schließlich brauchen die, die mit der Lüge leben ja auch kein Vergessen. Viele Menschen aber brauchen das Vergessen, weil sie vor sich selbst bestehen müssen und nicht immer an das Gestern erinnert werden wollen. Das gute Gewissen, so Franklin brauche das Vergessen, genauso wie der Mensch die Luft zum Atmen, denn mit dem Vergessen käme auch das Glück zurück.

Meinen Einwand, dass es kein Glück, bestenfalls Zufriedenheit gäbe, wehrte er mit der Bemerkung ab, dass ich zu viel Schopenhauer gelesen hätte, sonst würde ich wissen, dass im Vergessen das ganze Glück der Menschheit ruhen würde.

Da ich nie wusste, wie ernst er seine Aussagen meinte und ich die Erklärung zwar nicht besonders einleuchtend, aber schön und originell fand, ließ ich es dabei bewenden.

Manchmal nannte sich Franklin auch einen Meister des Vergessens, der die Aufgabe hatte, mit schönen Worten den Alltag vergessen zu machen, jenen Alltag, der durch zu viel Realität und noch mehr Realismus getrübt wurde. Zum Vergessen gehören auch Worte. Folgerichtig nannte er sich auch Dichter des Vergessens und dafür wurde er, unabhängig davon, dass allen klar war, dass er vom Dichten nicht leben konnte, auch gehalten.

Auf den Einwand, er müsse sich einmal entscheiden, ob er nun Dichter oder Verkäufer sei, antwortete er nur ausweichend, dass das eine das andere nicht ausschließe.

In der Tat, bei einiger Überlegung konnte man die Seelenverwandtschaft zwischen dem Vergessen und dem Dichten nicht ausschließen. Auch Dichter sind Meister der Entrückung und helfen so zu vergessen. Sie verschönern damit auf ihre Art die Welt, die im tristen Alltag, wie er meinte, dringend eines Neuanstriches bedurfte.

Folgerichtig eröffnete er mir eines Tages, dass er nun ein Buch schreiben werde. Der Name war schnell gefunden: Das große Buch des Vergessens.

Ob es je dazu kommen würde, wusste er wahrscheinlich selbst nicht, denn als stadtbekannter Boheme traf man ihn in der Regel in den einschlägigen Etablissements der sogenannten intellektuellen Szene zwischen Schönhauser Allee und Greifswalder Straße, wo er mit fremden und seinen eigenen Gedichten glänzte. Arbeiten vermochte er demnach nur nachts, was auch wieder an Villon erinnerte, jenem Pariser Galgenvogel und Vagabunden, der vor über fünfhundert Jahren das Leben der feinen Gesellschaft mit wortgewaltigem Spott karikierte.

Manchmal wusste man noch nicht einmal, wessen Gedicht Franklin gerade vortrug und zuweilen ließ er sich auch mal mit einem Plagiat feiern. Hauptsache er provozierte.

Letzteres ärgerte nun auch wieder Claudia, die den Vergleich, dass der Beelzebub in meiner Gestalt eine Fahrkarte ins Hiddenseer Paradies erhalten hätte, nicht stehen lassen mochte. Dass ihr euch auch immer lustig machen müsst, beschwerte sie sich lautstark. Von frei herumlaufen kann bei diesen Auflagen ja nicht die Rede sein!

Aber doch, er ist frei wie ein Aquarienfisch, erwiderte Franklin und stieß mich lachend an. Auch ein Aquarium hat eben seine guten Seiten, man ist immer sicher vor den Haien. Da ist es nur ein Akt der Gerechtigkeit, wenn er sich alle fünf Tage bei der Polizei melden muss, auch wenn er nicht weiß, womit er diese besondere Ehre verdient hat.

Claudia winkte ab. Eigentlich ist es zum Heulen und ihr amüsiert euch noch darüber.

Das kann man so nicht sagen, widersprach ich, wir sind gesund und munter und unser Urlaub auf der sonnigen Insel wird mit Sicherheit viel schöner, als der Aufenthalt in dem verregneten Prag.

Woher willst du denn wissen, dass es dort regnet?

Das haben wir im Wetterbericht gehört, log ich. Stimmts, Franklin?

Nickend bestätigte Franklin mit einem breiten Grinsen. Und das war ein Sender der Deutschen Demokratischen Republik und der lügt ja bekanntlich nicht.

Außerdem ist unsere Situation mit den eingezogenen Ausweispapieren und den verweigerten Erklärungen schon tragisch genug, da muss man nicht noch nach Prag.

Wieder bestätigte Franklin.

Claudia schüttelte den Kopf, schon weil sie es mal wieder aufgab, mit uns zu diskutieren. Natürlich verstand auch sie, worauf wir anspielten. Es war jener »Prozeß«, in dem der literarische Hauptheld Josef K., der Prokurist einer Bank, ohne nachvollziehbare Gründe an seinem 30. Geburtstag verhaftet wird. Wie selbstverständlich identifizierten wir uns mit jenem Ausgestoßenen, der, ohne zu wissen warum, Opfer eines unbekannten geheimnisvollen Sondergerichts werden sollte, dem er sich nach quälender Selbstbefragung hilflos ergeben wird.

Nein, ich hatte Josef K. zurückgelassen und es gab keinen Grund anzunehmen, dass er uns folgen könnte. Auf Hiddensee hatte Kafka keinen Platz, schon weil Hiddensee nicht Prag war, das Prag mit seinen dunklen mittelalterlichen Gassen, durch die der Golem schlich. Hiddensee war Licht und Luft und Sonne und Meer. Hiddensee war wie ein Rausch, den nichts einzugrenzen schien, weil die Insel trotz aller geografischen Beschränktheit etwas von Weite und Ferne atmete. Hier gingen die Uhren anders und schlugen einen eigenen Takt.

Die Insel war zudem mit dem Namen des Nobelpreisträgers Hauptmann verbunden, der wohl wie kein anderer die Insel prägte und das noch weit nach seinem Tod. So lag es nahe, mich mit einem der Werke zu beschäftigen, die hier oben auf Hiddensee durch den greisen Gerhart Hauptmann entstanden sind. Obgleich schon seit 1885 ständiger Sommergast, hatte der Dichter erst 1930 den Sommersitz in Kloster erworben und ihn ausbauen lassen. Im Haus »Seedorn«, das seit Jahrzehnten eine Gedenkstätte war, erblickten eine Reihe seiner Werke, wie das Stück »Vor Sonnenuntergang«, nicht zu verwechseln mit seinem naturalistischen Klassiker »Vor Sonnenaufgang«, das Licht der Welt.

Ich wusste, dass ich mich bei der Beschäftigung mit diesen Texten nicht auf der Höhe der Zeit befand, für die der schlesische Dichter zum Außenseiter geworden war. Hauptmann gehörte einer untergegangenen Welt an und doch war es gerade dies, was mich an ihm faszinierte, die Zeitlosigkeit seiner Aussagen, obgleich er selbst Zeuge mehrerer Epochenwechsel war. Mit Hauptmann hielt man ebenso viel literarischen Abstand von der Welt, wie mit Hiddensee geografischen.

Aber die Mühe, nach einem entsprechenden Text des Nobelpreisträgers von 1912 zu suchen, wollte ich mir spätestens nach den Ereignissen der letzten Tage und der staatsbürgerlichen Deklassierung nicht mehr machen. So griff ich auf einen Gedichtband zurück, der einige der auf Hiddensee entstandenen Gedichte enthielt und der viel eher meiner momentanen Stimmungslage entsprach.

Claudia seufzte. Einen Grund konnte ich nicht erkennen, aber ich vermutete, dass ihr Nervenkostüm auch durch die Vorkommnisse mit mir und die Ungewissheit, wie es weitergehen sollte, gelitten hatte. Dabei mochten Franklins tiefschwarze humoristische Anspielungen ihren Beitrag geleistet haben. Trotzig verweigerte sie das Laufen und blieb mitten auf dem staubigen Weg stehen.

So nahm ich sie in den Arm. Wir werden schöne Tage haben, flüsterte ich vertraulich. Und dann dieses Wetter, die Insel, das Meer, der Sand und all die Farben. Es ist doch paradiesisch.

Ja, antwortete sie fast schluchzend mit ihrer warmen und doch so traurigen Stimme.

Und wir werden das alles vergessen, sagte Franklin, jetzt einlenkend. Wie ein großes Buch schlagen wir das Vergangene hinter uns zu.

Ja, großer Meister!, rief ich. Wir werden alles vergessen!

So zogen wir weiter über die erste große, zum Vitter Bodden hin angelegte Düne hinab durch den staubigen Sand der Dorfstraße, den uns ein leichter Wind um die nackten Beine trieb. Über uns das Kreischen der Möwen, die wie große Schmetterlinge vor der Sonne kreisten und nervöse Schatten auf die Straße warfen. Doch weit kamen wir nicht.

II

Es waren keine dreihundert Meter, die wir auf unserer Insel zurücklegten. Und was sind schon dreihundert Meter. Da trat ein schlanker blonder Mann mittleren Alters, mit einem karierten Hemd und einer schwarzen Lederjacke bekleidet, aus einem der weißen Häuser mit den blühenden Vorgärten und stellte sich bedrohlich in unseren Weg. Fragend schauten wir uns an.

Die Dokumente bitte, sagte der Mann und zog dabei die Worte wie einen Kaugummi auseinander. Nicht Ausweise, nicht Papiere, nein Dokumente, sagte er, was jeder Art von amtlichem Papier immer eine besondere Würde verleiht. Und er sagte es in diesem weichen sächsischen Tonfall, den man eigentlich an der Küste nicht vermutet und der wie ein rauschender Bach dahinsäuselt, sodass an der Ernsthaftigkeit der Anweisungen und Fragen gezweifelt werden könnte, würde der Mann die fehlende Ernsthaftigkeit nicht mit einem durchbohrenden, geradezu tschekistischen Blick und großer Lautstärke ausgeglichen haben. Gleichzeitig fingerte er aus seiner schwarzen Lederjacke eine kleine, mit Stempeln versehene Karte.

Noch bevor jemand die amtlich wirkende Karte lesen konnte, steckte der Mann sie wieder ein. Dann strich er sich mit der Rechten das glatte blonde Haar aus der linken Gesichtshälfte und schob beide Hände in die Gesäßtaschen seiner hellen Hose. So stand er da, wippte ein wenig in den Kniekehlen, dass sich ein kleines Bäuchlein im Rhythmus aus der geöffneten Lederjacke schob, und machte ein ernstes Gesicht. Nur der Hut fehlte dem Mann, dachte ich im ersten Moment, dann würde er aussehen wie ein Cowboy.

Ein Cowboy aus Sachsen im Einsatz auf Hiddensee. Seine Lippen waren breit und von der Sonne aufgerissen. Nur die Colts an einem breiten Patronengürtel fehlten.

Vielleicht tat ich dem Mann in diesem Moment unrecht, denn seine schwarze Lederjacke könnte auch an einen Geheimdienstmann erinnern, wie ich ihn aus einem schlecht gemachten Hollywood-Film kannte.

Warum den Ausweis?, fragte Claudia erstaunt. Schon diese Frage war typisch für sie, denn sie fand das Leben, wider besseres Wissen und meiner vielfachen, leider vergeblichen Einwände, schön und heil. Sie lebte in dieser Schönheit, die sie auch selbst einzubringen hatte. Alle Unbilden des Daseins, versuchte sie zu negieren oder bestenfalls mit gesellschaftlichen Zwängen zu erklären.

Lächerlich, wie ich angesichts der jüngsten Ereignisse fand, aber mit der Überzeugung, mit der sie eine vermeintliche Unschuld der Welt zu kultivieren trachtete, war gegen diese Art weiblicher Blauäugigkeit kein Kraut gewachsen.

Fragen Sie nicht, zeigen Sie die Dokumente, antwortete der sächsische Cowboy in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Franklin zog als Erster seinen Ausweis, der bekanntlich nur ein Hilfsausweis war, aus der Tasche und übergab ihn dem Mann. Das Gesicht des Mannes mit dem tschekistischen Blick erhellte sich. PM 12, sagte er leise, als hätte er das schon geahnt und blätterte in dem zweiseitigen Dokument mit der bekannten Aufschrift: Für eingezogenen Personalausweis.

Ja, PM 12, gab Franklin auch ohne besondere Aufforderung kleinlaut zu und konnte das Zittern in seiner Stimme nicht ganz verbergen. Dabei hatte er, anders als sein großer vagabundierender Pariser Vorgänger, weder einen mittelalterlichen Priester noch einen zeitgenössischen Volkspolizisten auf dem Gewissen.

Dennoch verriet dieses Zittern eine gewisse Anspannung, die er sich sonst niemals eingestehen würde, denn im Gegensatz zu mir empfand er den Einzug seines Personalausweises und die damit einhergehende Deklassierung eher als Kinderei, denn als einen unerklärlichen oder gar merkwürdigen Willkürakt eines staatlichen Verwaltungsorgans. Während ich fürchtete, auf diese Art irgendwie brutal aus dem Leben geworfen zu werden, sah Franklin, ganz Boheme, darin eine Chance, die letzten gesellschaftlichen Bindungen wie eine Last abzustreifen.

Entsprechend neidisch schaute ich auf den Ausweis, auch wenn er nur zwei Seiten hatte, gleichsam nicht zum Grenzübertritt Richtung Osten, gen Westen war eh illusorisch, berechtigte und den Beginn des staatsbürgerlichen Abstiegs im »real existierenden sozialistischen Alltag« einläutete oder gar fortsetzte. Aber der Besitzer war damit wenigstens noch zweitklassig, denn in diesen Seiten gab es sogar ein Passfoto, das keinen Zweifel an der Identität des Trägers ließ, und eine ordentlich eingetragene Adresse. Und das Ganze auf hellblauem Spezialpapier, nicht auf dem grauen Klopapier, das ich als meinen Ausweis auszugeben hatte, und das nicht einmal ein Passbild kannte. Vor allem aber war es kein abgegriffener, sich selbst degradierender DIN A5 Zettel, der geradezu alle Polizisten, Ordnungshüter, Sicherheitskräfte und Verwaltungsorgane dieser Welt in Zivil oder Uniform auf den Plan rufen musste.

Noch aber war ich nicht an der Reihe, denn als Nächste überreichte Claudia ihren Personalausweis. Es war ein reguläres Dokument des ordentlichen Staatsbürgers mit dem blauen Einband, dem Wappen und den Insignien des Arbeiter- und Bauernstaats. Aber den schaute sich der zivile Ordnungshüter erst gar nicht an.

Und, sagte er und beobachtete mich von der Seite. Ihren Ausweis, mein Herr!

Ich suchte lange, verdächtig lange. Vielleicht, weil ich schon ahnte, was kommen würde. Zögernd reichte ich das graue Blatt Papier mit der Aufschrift »Gültig als Ausweis«, das meinen staatsbürgerlichen Absturz in die dritte Klasse dokumentierte. Die Miene des Mannes verfinsterte sich zusehends. Das Wippen nahm ein jähes Ende. Was ist denn das?, fragte er laut und hielt den Schein zwischen Daumen und Zeigefinger gegen die Sonne, als prüfte er einen Geldschein auf sein Wasserzeichen.

Mein Ausweis, gestand ich, als würde ich mich selbst für das Papier, das meine Drittklassigkeit aufzeigte, schämen. Dabei hätte ich mich doch nur erinnern müssen, dass ausgerechnet jene deutsche Republik, auf deren Territorium ich mich befand, das hehre Ziel einer klassenlosen Gesellschaft propagierte. Dazu musste ich nicht einmal im Schulunterricht mit seinen Staatsbürgerstunden aufgepasst haben.

Das sehe ich, antwortete der Mann unfreundlich und schaute sich trotzdem hilfesuchend um. Aber nur ein paar neugierige Kinder hatten sich zu uns gesellt und betrachteten jetzt auch diesen merkwürdigen grauen Schein, der in zwei Meter Höhe in der Hiddenseer Ostseeluft flatterte und den Mann zum Schweigen brachte.

Was ist denn los?, fragte ein kleines blondes Mädchen mit Strohhut, dem die offensichtliche Unsicherheit des Mannes nicht entgangen war.

Eine Antwort musste der blonde Cowboy nicht geben, denn die herbeigeeilte Mutter schob das Mädchen unter Protest weiter.

Haben Sie keinen anderen Ausweis?, fragte der Mann, schon um von seiner eigenen Hilflosigkeit abzulenken.

Nein, versicherte ich, der Schein gilt als Ausweis, und zeigte mit dem Finger auf den entsprechenden Aufdruck.

Das seh ich selbst, entgegnete der Cowboy und begann nervös in dem Papier zu lesen. Doch viel Text fand sich in meinem Ausweis nicht, denn außer meinem Namen, Vornamen, dem Geburtsort und dem Geburtstag, sowie meiner Wohnadresse und einer vierstelligen Nummer bot er nicht viel, sieht man einmal von dem amtlichen Hinweis auf den Meldezyklus ab: Alle fünf Tage!

Auch ich wurde nervös, denn die unfreundliche Art des in Zivil gekleideten Mannes, der entweder selbst bei der Polizei war oder wohl eher bei einem landesweit bekannten Organ der inneren Ordnung unter Vertrag stand, beunruhigte mich.

Der Mann las inzwischen, der Vorschrift entsprechend, unsere Namen laut vor. Dabei schaute er abwechselnd zu uns auf, als bedurfte es unserer Bestätigung seiner Leseleistung. Auch wir schauten uns wechselseitig an und hoben hilflos die Schultern.

Körner, Claudia, sagte der Mann und beobachtete dabei die Genannte.

Claudia nickte, was dem Zivilbeamten nicht reichte.

Körner, Claudia, wiederholte er deshalb lauter.

Ja, antwortete Claudia, nachdem sie einen leichten Stoß von Franklin empfangen hatte.

Schreiner, Frank!

Ja, bestätigte auch dieser seinen aus dem zweiseitigen Dokument mit der amtlichen Bezeichnung PM 12 vorgelesenen Namen, auch wenn ihn diese klare Antwort alles andere als leichtfiel. Viel lieber hätte er jetzt Francois Villon zur Antwort gegeben oder gar Gerhart Hauptmann. Wie war noch mal Ihr Name? Gerhart Hauptmann! Das Gesicht des blonden Cowboys, so stellte ich mir amüsiert vor, würde sich zerknautschen, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Aber auch das nur unter der Voraussetzung, dass der Cowboy etwas mit dem Namen anfangen konnte, was bei Lage der Dinge nicht gesichert war.

Doch den Spaß gönnte sich Franklin nicht mal selbst. Und so war ich an der Reihe und bestätigte meine Existenz und die Übereinstimmung mit jenem Herrn Markus Marten auf dem grauen Stück Papier, ein Name, der auch wirklich meiner war.

Na bitte, sagte der Mann und atmete tief durch, so als habe er soeben das mehrseitige Plädoyer einer Anklage verlesen. Alles klar.

Was ist klar?, fragte Claudia, der dieser Tonfall Angst machte.

Alles, wiederholte der Mann und zog die Augenbrauen in die Höhe.

Dann können wir ja gehen, hoffte Franklin die Lage zu entspannen und lächelte freundlich.

Doch der Mann überhörte die Bemerkung. Aus Berlin sind Sie also, sagte er und musterte uns noch einmal.

Ja, antworteten wir fast im Chor.

Ich auch, rief eines der umstehenden Kinder dazwischen, was dazu führte, dass auch ein zweites und drittes Kind ihre Herkunft verrieten. Und das so lautstark, als fürchteten sie, mit dem Nichtaufruf etwas verpasst zu haben.

Der Mann überhörte die Mitteilungen der Kinder, schließlich war er bei der Arbeit. Berlin also.

Prenzlauer Berg, ergänzte Franklin, in der Hoffnung für seine Auskunftsbereitschaft strafmildernde Umstände geltend zu machen.

So genau wollte ich es nicht wissen, gab der Cowboy schroff zurück. Mich würde vielmehr interessieren, was Sie hier wollen. Dabei wandte er sich Franklin zu.

Wir möchten Urlaub machen, beeilte sich Claudia mit einer Antwort und glaubte mit dieser Geste vorauseilenden Gehorsams den Mann freundlicher zu stimmen.

Sie habe ich nicht gefragt, fauchte sie der Cowboy an.

Wir möchten Urlaub machen, wiederholte deshalb Franklin.

Und wo? Wo werden Sie wohnen?

Franklin hob die Schultern und schaute sich hilfesuchend nach Claudia um.

Wir haben einen Bekannten, versuchte Claudia eilig zu erläutern, der hat …

Fräulein Körner!, unterbrach der Mann. Sind Sie Herr Schreiner?

Claudia könnte mit ihren großen braunen Augen alles behaupten, aber das nun wirklich nicht. So blieb ihr nichts anderes übrig, als wahrheitsgemäß den Kopf zu schütteln.

Also, Sie habe ich gar nicht gefragt, klärte der Mann noch einmal auf.

Wir haben einen Berliner Bekannten, wiederholte Franklin. Der arbeitet hier oben in der Saison. Dort bekommen wir eine Adresse.

Aha, sagte der Cowboy, und wo bitte soll die Adresse sein?

Das erfahren wir doch erst, wenn wir den Bekannten getroffen haben, erwiderte Franklin und spielte damit auf Franziskus, einen alten Berliner Freund und Stammgast einschlägiger Prenzelberger Szenekneipen an, der seit einigen Jahren seine Sommer auf Hiddensee verbrachte. Hier wollte er allen weltlichen Gelüsten entsagen und sich ganz und gar der Kontemplation, bestenfalls der Poesie hingeben. Im Gegensatz zum gleichnamigen Heiligen hatte unser Franziskus dabei innerhalb weniger Jahre eine steile, ganz unchristliche Karriere gemacht, die er seinem Redetalent und offensichtlichen Geschäftssinn verdankte. So fing er, der sich eigentlich auf der Insel verkriechen wollte, um eins mit Gottes Natur zu werden, als Heizer im Hotel Dornbusch in Kloster an, wurde nach der ersten halben Saison Hausmeister und schon im nächsten Jahr Kellner. Im dritten Jahr schließlich legte er seine Barschaft, die er dank üppiger Trinkgelder erfolgreich vermehrte, gewinnbringend an, kaufte den Fischern in Vitte einen alten Geräteschuppen ab und vermietete dieses notdürftig hergerichtete Domizil zu Höchstpreisen. Dass dies bei einer Fülle von Unterkunft suchenden Urlaubern nicht schwerfiel, lag auf der Hand.

Inzwischen hatte Franziskus noch weitere »Etablissements«, wie er die spartanisch ausgerüsteten Bretterbuden nannte, in Verwaltung genommen und machte sich so manch Einheimischen durch die Vermittlung der letzten abrissreifen Kate an zahlende Urlauber zum Freund.

Interessanterweise war Franziskus nach Hiddensee gegangen, weil er wegen eines Ausreiseantrages vielfache Probleme mit verschiedenen Staatsorganen hatte und in Berlin keinen Job fand. So verdingte er sich lieber auf der Insel als Saisonkraft, womit er hoffte, wenigstens so viel Geld zu verdienen, um bei seiner kontemplativen Selbsterfahrung nicht zu verhungern.

Das Ergebnis dieses Abtauchens war ungewohnter Wohlstand. Aus dem Aussteiger war mitten im Heimatland des werktätigen Volkes, das im antikapitalistischen Kampf um die tägliche Planerfüllung rang, ein echter Kapitalist geworden, dessen körperliches Aussehen und Physiognomie den Wandel auf anschauliche Weise begleiteten. Der quirlige schlanke Bursche bekam innerhalb weniger Jahre einen mächtigen Bauch und eine Glatze, wurde feist und behäbig und trug zu allem Überfluss als Zeichen seiner neuen gesellschaftlichen Stellung eine dicke Bernsteinkette um den Hals. Damit ähnelte er irgendwie mehr der vergoldeten Buddhastatue in Gerhart Hauptmanns Insel-Arbeitszimmer, als dem christlichen Heiligen, dessen Namen er trug. Aber Franziskus war auch das egal.

Der heilige Franziskus als Immobilienhai, brachte Franklin den Zustand auf eine Kurzformel und fügte kommentarlos hinzu: Der Sozialismus siegt!

Franziskus rechtfertigte seinen Wohlstand mit der Erklärung, dass er sich selbst das Schicksal nicht ausgesucht habe und er auch nichts dafür könne, wenn es auf Hiddensee nun mal so viel Geld wie Sand und Sanddorn gäbe. Letzteres mochte übertrieben sein, doch korrumpierte ihn der Gewinn so gründlich, dass er darüber seinen Ausreiseantrag vergaß und drauf und dran war, in die Fischerfamilie einer Neuendorferin einzuheiraten.

Merkwürdigerweise schien den blonden Mann in der schwarzen Lederjacke aber der Name des Bekannten nicht zu interessieren, dabei hätten wir die allergrößte Mühe gehabt, ihn preiszugeben. Denn natürlich wollten wir ihn nicht kompromittieren und damit seine glanzvolle und ganz unheilige Karriere beenden.

Zu unserer Beruhigung blätterte der Cowboy lieber in den Papieren und hob dann zu seiner nächsten Frage an: Finden Sie nicht auch, dass es ungewöhnlich ist, ohne Adresse, also wenn Sie so wollen, ohne jegliche Planung, nach Hiddensee zu reisen?

Franklin machte ein unschuldiges Gesicht, doch eine Antwort musste er nicht mehr geben, denn inzwischen war die Staatsmacht eingetroffen. Unterleutnant Schmidt, um genau zu sein, Abschnittsbevollmächtigter, so stellte er sich vor. Der Titel eines ABV, so auch die offizielle Abkürzung, verdeutlichte eine gewisse Machtfülle, die auf einer Insel von den Ausmaßen Hiddensees umso nachhaltiger wirkte.

Schmidt hatte wenigstens eine Uniform, was die umstehenden Kinder zu einem ehrfürchtigen Rückwärtsschritt zwang. Dazu passend hatte er ein grünes Moped. Die »Schwalbe«, ein eigentümliches Gefährt mit langen vor den Knien nach oben gezogenen Schutzblechen aus der Suhler Simson Produktion war eine Art Markenzeichen aller motorisierten ABVs der Republik. Sie entfaltete auf Hiddensee, auf dem jeder private motorisierte Verkehr untersagt war, eine besondere Wirkung und das nicht nur, weil der Zweitaktmotor einen zwar kurzen, aber dennoch unnachahmlichen Gestank hinterließ. Zumindest unterstrich sie, mit und ohne blaue Zweitaktfahne, auf der autolosen Insel das Privileg der Staatsmacht.

Schmidt zog seine Dienstschwalbe mit beiden Händen auf den Mopedständer, den er vorher mit einem Fußtritt ausgeklappt hatte. Die zwei kurzen Eisenfüße drückten sich knirschend in den hellen Sand der Hauptstraße. Dann nahm er mit beiden Händen den weißen Schutzhelm ab, der auf seinem breiten Kopf wie eine umgestülpte Schale wirkte. Damit waren auch die wenigen, bereits grauen Haare zu sehen, die auf seinem schweißnassen Kopf klebten. Mit einem Taschentuch wischte sich Unterleutnant Schmidt Stirn und Kopfhaar trocken.

Mit getrocknetem Haar sah der ABV freundlicher aus, aber vielleicht lag das auch an seinem mecklenburgischen Schädel, der so gedrungen wirkte, dass die Mundwinkel manchmal schon von selbst nach oben gingen.

Schauen Sie mal, sagte der blonde Mann mit der Lederjacke und reichte, als hätte er etwas Außergewöhnliches, Schmidt die verschiedenen Dokumente. Mit einer Kopfbewegung ergänzte er nicht ganz ohne Stolz: Ich habe sie hier aufgegriffen. Dann schob er seine Hände wieder in die Gesäßtaschen und begann erneut in den Knien zu wippen.

Claudia wollte etwas sagen, vermutlich weil ihr das Wort aufgegriffen nicht behagte, doch Franklin hielt sie mit einer Armbewegung zurück.

Schmidt betrachtete die Papiere und schüttelte den Kopf. In Berlin, sagte er ungläubig, hat wohl jeder einen anderen Ausweis. Einen PM 12 habe ich schon mal gesehen, auch bei Leuten, denen der Ausweis eingezogen wurde, aber so einen Schein als Ausweis, der hat ja nicht mal ein Passbild. Und eine Berufsbezeichnung gibt es auch nicht.

Hilflos zuckte ich mit den Schultern, wohl auch, weil ich konstatierte, dass der allmächtige Apparat sich mittlerweile durch das Anlegen unzähliger Vorgänge, Verwaltungsanordnungen und Ausführungsvorschriften selbst infrage stellte. Und zwar durch eine Verkomplizierung und Überorganisation des Systems, sodass am Ende der Abschnittsbevollmächtigte auf Hiddensee nicht mehr wusste, was die hauptstädtischen Dienststellen zum Schutz der inneren Sicherheit verordneten. Der Weg zwischen oben und unten ist eben nicht nur geografisch weit und weiter noch, wenn ein großes Wasser zwischen den Beteiligten liegt.

Wie gern hätte jetzt der sächsische Cowboy vor ABV Schmidt mit der neuen Dienstanweisung aus Berlin geprahlt, aber so blieb auch ihm nur, seine Unwissenheit zu überspielen. Wer weiß, ob der überhaupt arbeitet, gab er also zu bedenken.

Natürlich arbeite ich, bestätigte ich. Beim Theater, wenn Sie es genau wissen wollen, Deutsches Theater in Berlin.

Aha, sagte Schmidt und machte ein nachdenkliches Gesicht. Doch ich war froh, dass er nicht nochmals nachhakte, um herauszufinden, dass er nur einen kleinen Kulissenschieber vor sich hatte, der eigentlich seit Jahren darauf wartete, irgendwann einmal Literatur studieren zu können. Vielleicht würde er dann erst recht hellhörig werden und seiner Vermutung neue Nahrung geben, dass etwas mit mir nicht stimmte. Denn genauso wenig wie ich eine Erklärung für den Einzug meines Ausweises bereithalten konnte, hätte ich eine Erklärung für meine dauerhaften Ablehnungen zum Studium finden können. Irgendwie ging auch ich davon aus, dass es eine, mir nicht bekannte staatliche Verordnung gibt, die diese Frage regelte. Vielleicht, so tröstete ich mich, fehlte mir eben doch jene klassenbewusste Einstellung, die nicht nur an den Sieg des Sozialismus über den kranken dahinsiechenden Kapitalismus glaubte, sondern auch diesen Glauben durch eine Mitgliedschaft in einer der staatstragenden Organisationen unter Beweis stellte. Kein Wunder, wenn die führende Partei ihren Untergliederungen aufgab, bei der Auswahl zukünftiger Eliten den Spreu vom Weizen oder besser den potentiellen Querulanten vom gestählten Klassenkämpfer zu trennen.

Aber natürlich gab es noch mehr, viel mehr Unerklärliches, das immer mit unserer verräterischen Sprache zu tun haben musste. Die Sprache war es, die einen Vorgang begründete und einen Verwaltungsapparat in Gang setzte, soviel war sicher.

Doch was sagt das schon? Vielleicht, dass meine Studienbewerbungen schon deshalb erfolglos bleiben mussten, weil ich nicht die richtigen Worte fand?

Möglicherweise reicht auch das als Erklärung nicht aus. Durch Zufall und Dank der Indiskretion einer frustrierten Mitarbeiterin erfuhr ich wenigstens aus dem renommierten Literaturinstitut, bei dem ich mich beworben hatte, dass eine einflussreiche Instanz dem Institut aufgab, mich, der ich unter einer Vorgangsnummer registriert war, mit einer von dieser Instanz gleichsam vorgegebenen Begründung vom Studium fernzuhalten.

Das System also funktionierte und es funktionierte noch besser, weil sich, wie mir die Frau empört wie mutig erläuterte, auch noch Professoren, die täglich die Freiheit des Wortes proklamierten, bereitfanden, jener Instanz Analysen meiner literarischen Bewerbungstexte abzuliefern. Und das völlig freiwillig, weil allein die Vorgangsnummer vermuten ließ, dass es sich um einen, der einzig wissenschaftlichen Weltanschauung gegenüber, kritisch wahrgenommenen oder mit Worten zu nachlässig umgehenden Zeitgenossen handeln könnte. Aber wohl auch, weil die professoralen Untertanen schnell Solidarität mit den Behörden übten, schon um allem möglichen Verdacht gegen sich selbst zu entgehen.

Bei der Analyse oder besser Umstellung der vermeintlichen Konterbande aus Worten und Sätzen wurden die Herren Professoren – oder sollte ich besser Folterknechte sagen –, auch noch fündig, weil sie diese unter der Folter, wie der Verdrehung von Satzinhalten und der langsamen Sezierung, zu jeder Aussage zwingen konnten. Worte sind eben erpressbar und halten den Folterwerkzeugen ihrer Peiniger seltener stand.

Dabei war mir klar, dass man spätestens seit Heinrich Heine die Konterbande besser im Kopf, als im öffentlichen Text verstecken sollte, und ich hütete mich bewusst vor jeder missverständlichen Äußerung. Doch das Versteckspiel meiner Partisanen half nichts und die Leichtsinnigkeit, mit der sich manchmal die Sätze selbst verrieten, hätte mir zu denken geben müssen und eigentlich eine gewisse Sorgfalt im Umgang mit der Sprache geboten.

Ja, sagte der blonde Mann und zeigte noch einmal auf die Dokumente in Schmidts Hand, das jedenfalls scheinen hier ganz besondere Exemplare zu sein.

Meine Zustimmung für den Satz, die freilich anders begründet wäre, unterdrückte ich lieber, denn wie der Mann es wirklich meinte, entnahm ich besser seiner Kopfbewegung. Und diese verhieß in Verbindung mit den verzerrten Gesichtszügen, die sogar den aufgerissenen Lippen zu einer besonderen Geltung verhalfen, nichts Gutes.

Eine Erklärung meinerseits hätte die Sache auch nicht besser gemacht.

Schmidt kratzte sich nachdenklich an der Stirn. Wieso haben Sie denn so einen Ausweis?, fragte er interessiert und geradezu entblößend offen für einen allwissenden Vertreter der Staatsmacht.

Ich weiß nicht, ich hatte eine Vorladung zur Polizei. Klärung eines Sachverhalts, hieß es. Aber was geklärt werden musste, weiß ich nicht. Nach drei Stunden Wartezeit, in denen nicht passierte, musste ich meinen Ausweis abgeben und bekam diesen Schein. Zugegeben war diese Antwort eine wenig einleuchtende Erklärung, aber in Ermangelung von Alternativen die ganze Wahrheit.

Und Sie wissen nicht warum?, hakte Schmidt nach, der eigentlich wissen müsste, dass polizeiliche Maßnahmen keiner Erklärungen bedürfen und die eine Ebene des Apparates nichts vom Handeln der anderen wusste, ja manchmal sogar nichts wissen durfte. Der Apparat hatte schließlich seine eigenen, für den Laien undurchschaubaren Regeln.

Eine Erklärung wollte man mir nicht geben.

Und wir sollen Ihnen das glauben, was?, fuhr der Cowboy dazwischen.

Ich hob wortlos die Schultern.

Sie wollen uns also weismachen, dass man Ihnen so ohne Weiteres den Personalausweis einzieht und dafür diesen Schein gibt, erboste sich der blonde Mann in der Lederjacke. Wollen Sie uns für dumm verkaufen?

Ich sag doch nur, was ich weiß, stotterte ich. Eine Erklärung, so meine Polizeiinspektion, brauche man mir nicht geben, damit habe ich mich abzufinden, schließlich sei es das Gesetz. Dann wurde ich weggeschickt.

Die Genossen der Hiddenseer Staatsmacht schauten sich fragend, aber gleichsam sprachlos an. Es schien, als hätte das Wort Gesetz auf sie eine magische Wirkung.

Die Pause nutzte Franklin, die Hände in die Taschen der weiten und dennoch viel zu kurzen Hosen zu vergraben, mit einer seiner filmreifen Vorstellungen und zitierte mit gehobener Stimme und verzerrtem Gesicht Villon:

Auch hat Francois die Treu gebrochen

und über mich sehr schlecht gesprochen

und, ohne dass er es bedacht,

viel Drangsal über mich gebracht.

Schmidt und der blonde Mann verstanden nichts mehr. Doch bevor sie explodierten, mischte sich Claudia mit ihrem ganzen Charme in die Szene: Stellen Sie sich mal vor, sogar am nächsten Tag war er wieder bei der Polizeiinspektion und wollte wissen warum. Schließlich konnte es sich doch nur um eine Verwechselung handeln. Aber er hat wieder keine Antwort erhalten.

Ich wusste nicht, warum Claudia glaubte, ausgerechnet bei zwei Herren der Staatsmacht um Verständnis für meine Lage werben zu können, aber das sie es tat, entsprach ihrer Vorstellung von einer Welt, die keine Ungerechtigkeiten zuließ.

Und eine Vermutung haben Sie bestimmt auch nicht!, ergänzte der Cowboy in einem Ton, der deutlich zeigte, wie wenig er Claudias Ausführungen glaubte.

Nein, beteuerte ich, da müssten Sie schon in Berlin fragen.

Worauf Sie sich verlassen können, drohte der Mann.

Damit war mein Auftritt erst einmal beendet.

Und bei Ihnen ist es bestimmt genauso, wandte sich der Zivilbeamte Franklin zu.

Franklin schüttelte den Kopf. Ich kann es wenigstens vermuten, aber auch das muss ein Missverständnis sein. Und zwar ein ganz großes!

Na prächtig, rief der Mann. Dann mal raus!

Es waren aber auch nur Gedichte, mehr nicht. Warum Franklin dies sagte, blieb mir schleierhaft, hatte er wirklich geglaubt, wegen seiner Gedichte hier Milde zu empfangen? Die Zeiten, in denen man auf der Insel mit Lyrik überzeugte, waren doch längst vorbei. Selbst Ringelnatz wäre nicht in diese Falle getapst! Oder war es wieder seine Lust an der Provokation, die mit ihm durchging? Eine Antwort fand ich nicht.

Gedichte?, schrie der blonde Mann. Wird ja immer schöner.

Aber die waren wohl nicht so richtig, gestand Franklin und machte hinter der Haarsträhne ein unschuldiges Gesicht. Ich kann Ihnen gern eines vortragen!

Den letzten Satz hätte Franklin besser nicht sagen sollen, denn während mir das Herz in die Hose rutschte, lief der Zivilbeamte unter dem blonden Haarschopf rot an.

Ihnen wird das Lachen schon vergehen!, tobte er in seinem breiten Sächsisch und einem Ernst, den man dieser Mundart gar nicht zugetraut hatte. Zu Schmidt gewandt fuhr er fort: Da ist wohl klar, was zu tun ist. Sie verstehen!

Schmidts Stirn legte sich in Falten.

Wir haben nichts Unrechtes getan, versicherte Claudia. Wollen doch hier nur unseren Urlaub machen.

Das behauptet hier jeder, entgegnete der Cowboy und stemmte die Arme in die Hüften. Dann begann er, uns musternd zu umrunden. Nicht wahr, Genosse Schmidt!

Genosse Schmidt wirkte unsicher.

Und das im Grenzgebiet, ergänzte der blonde Mann. Das erklärt einiges von selbst.

Grenzgebiet?, fragte Claudia erstaunt.

Ja, Grenzgebiet, junge Frau. Tun Sie doch nicht so, als wüssten Sie das nicht.

Die ganze Ostseeküste ist Grenzgebiet, erklärte Schmidt.

Genosse Cowboy nickte.

Schon das Wort Grenzgebiet war wie eine höhere Weihe, die man jeder Untersuchung und Kontrolle, und damit jeder Verordnung und jedem Gesetz, das sich in seiner Wirkung um ein Vielfaches potenzierte, geben konnte. Sollte es Schmidt und dem blonden Cowboy wirklich gelingen, einen solchen Zusammenhang zu konstruieren, verschlechterte sich unsere Situation schlagartig.

Schon die Verbindung des Wortes Vorgang mit dem Wort Grenzgebiet musste alle Alarmglocken schrillen lassen, denn damit war jeder Vorwand gegeben, uns einer ausführlichen Überprüfung zuzuführen. Meine Erfahrungen mit dieser Art Zuführung waren nicht die besten, aber ein Land, das guten Grund hatte, seinen Bürgern zu misstrauen, aus Angst, sie könnten es nicht nur mit allzu kritischen Worten strafen, sondern ihm im schwereren Fall, sogar auch den Rücken kehren, bediente sich nun mal zwangsläufig eigener, manchmal höchst unangenehmer Methoden.

Auch das war nichts Neues, wie ich mir in Erinnerung rief. Denn nicht nur der erwähnte langobardische König, sondern auch die französische Nationalversammlung verbot einst das Verlassen des Landes und drohte bei Zuwiderhandlung mit Verhaftung und Strafe. Allerdings gingen dieser Verordnung die versuchte Flucht des Königs und die Angst voraus, die Fliehenden könnten das monarchistisch geprägte Ausland zum Kampf gegen die neue Ordnung mobilisieren.

Dennoch schien die Partei- und Staatsführung der Republik aus der Geschichte gelernt zu haben, auch wenn der Begriff Grenzgebiet nun einer gewissen geografischen Beliebigkeit anheimfiel.

Das Überschreiten einer Grenze, so leuchtete mir ein, stellte auch die innere Ordnung des Arbeiter- und Bauernstaates infrage, da das System nur dann funktionierte, wenn es einen direkten Zugriff auf seine Bürger sicherte, die in den allgemeinen Prozess der Verwaltung, wie der ökonomischen und politischen Entwicklung eingebunden bleiben müssen.

Also, sagte Schmidt entschlossen und steckte die so unterschiedlichen Dokumente wie die Beweise unserer Schuld in seine lederne Umhängetasche. Dann muss ich Sie bitten, mir zu folgen!

Warum?, fragte Claudia.

Fragen Sie nicht, das ist ein Befehl!, entgegnete der Cowboy.

Wir sind nicht bei der Armee, wehrte sich Claudia.

Aber im Grenzgebiet und das braucht einen besonderen Schutz! Also machen Sie keinen Ärger.

III

Geschlossen trotteten wir los. Der blonde Cowboy mit der schwarzen Lederjacke, die gar nicht in den Sommer passen wollte, vorn, dahinter wir, die Berliner Sommergäste, und am Ende ABV Schmidt mit der Schwalbe, gefolgt von einer Schar braungebrannter neugieriger Kinder. Ein Kreuzzug ins geheiligte Land, daran erinnerte zumindest die inzwischen erbarmungslos brennende Sonne. Doch statt durch die kleinasiatischen Weiten gen Jerusalem zogen wir vorbei an den Kiosken von Hiddensee, in denen mancherlei Kram, wie bunte Fähnchen, Sonnenbrillen, Luftballons und Ansichtskarten, angeboten wurde, vorbei an der ersten HO-Gaststätte, vor der eine unendlich lange Menschenschlange hoffte gegen Mittag einen Platz zu ergattern und dem ehemaligen »Hotel zur Ostsee«, dessen Nebengebäude einst »Freeses Gasthof« war. Hier logierte Gerhart Hauptmann, der aus der schlesischen Heimat meiner Vorfahren stammte, bereits vor der Jahrhundertwende. Eine schäbige Tafel erinnerte an den bekanntesten Dichter der Insel, der im Gasthof Teile der »Versunkenen Glocke« verfasst hatte. Sein Leben und seine Lebensansichten, die ihn zwischen ausgelassenen bacchantischen Gelagen, Frauenabenteuern, Weltschmerz und Verzweiflung pendeln ließen, fanden in jedem der Orte Hiddensees eine Heimstatt. Hauptmann hatte sie alle gezeichnet, auf seine literarische, künstlerische, ja menschliche Weise.

Vieles an diesem Gerhart Hauptmann war mir nicht fremd, vielleicht war es sogar dies, was einen besonderen Reiz auf mich ausübte. Auch die Erinnerungen der Zeitgenossen hinterließen der Nachwelt ein faszinierendes Bild. Kein Wunder, dass die Insel seinen Leichnam bekam, obgleich er ihr nicht zustand.

Die Situation ließ mir leider keine Zeit, darüber nachzusinnen, denn unsere Gesetzeshüter drängten zur Eile, was mir und meinen Begleitern einige Sorgen bereitete. Und selbst das Meer, das wir in der Ferne an der Westküste der Insel rauschen hörten, vermochte uns jetzt nicht von einer bösen Vorahnung zu befreien.

Das hat uns noch gefehlt, bemerkte ich stöhnend. Besser hätte der Urlaub nicht beginnen können. Und das alles in fünf Tagen!

Abenteuerurlaub, erwiderte Franklin. Betrachte es als Abenteuerurlaub im Grenzgebiet. Und das in netter Begleitung.

Claudia rollte mit den Augen.

Sind Sie still, fuhr uns der blonde Mann lautstark an, wohl auch um zu zeigen, dass er das Kontroll- und Untersuchungshandwerk beherrschte. Sie reden nur noch, wenn Sie gefragt sind, sonst müssen wir Sie gleich isolieren. Sein Gesicht wirkte ernst.

Der Weg führte zu einem der Einfamilienhäuser in der Dorfmitte. »Abschnittsbevollmächtigter« stand mit schwarzer Schrift auf einem Aluminiumschild am Gartentor. Im gepflegten Vorgarten empfingen uns blühend rote und gelbe Rosen, blauer Rittersporn und dunkelrote große Bauernmalven. Ein schmaler, mit Steinplatten ausgelegter Weg führte zur verglasten Veranda, die gleichsam als Eingangsbereich des Hauses diente. Von dort aus öffnete sich der Flur mit den seitwärts gelegenen Zimmern.

Nehmen Sie hier Platz, befahl Unterleutnant Schmidt und wies vier Holzstühle in der Veranda an, während der Cowboy an der Haustür Posten bezog. Dann verschwand der ABV durch den Flur ins Dienstzimmer. Durch die offen gebliebene Tür waren ein aufgeräumter Schreibtisch, das schwarze Telefon, die Lehne des Schreibtischstuhles, ein weiterer Holzstuhl und ein alter Aktenschrank zu sehen. Das Zimmer wirkte trotz der militärisch preußischen Ordnung der Dinge nicht ungemütlich.

Mehr dürfte auch kaum in das Zimmer passen, stellte ich fest und schob meinen Kopf neugierig um die Ecke, als vermisste ich noch etwas. Doch mein Blick blieb schnell auf dem Bild über dem Schreibtisch haften, denn dort thronte er wieder mit dem ewigen Lächeln: der Genosse Generalsekretär und Vorsitzende des Staatsrates und oberste Hüter im sozialistischen Heimatland der Werktätigen. Er lächelte, als wäre er Teil dieser vertrauten Welt zwischen einem gepflegten Vorgarten und Schmidts Dienstzimmer in einem kleinen Einfamilienhaus auf Hiddensee.

Unterleutnant Schmidt trat an seinen Schreibtisch und begann in dicken Unterlagen zu blättern, die er vorher aus dem Aktenschrank geholt hatte. Bis in unsere Glasveranda drang das Rascheln von Papier, das beim Blättern, Sortieren, Auf- und Zuschlagen von Büchern entstand und eine Geschäftigkeit vortäuschte, die ich Schmidt, der zunächst irgendwie unbeholfen wirkte, gar nicht zugetraut hatte. Dann ratterte auch noch die Telefondrehscheibe, ein untrügliches Zeichen für die Suche nach Hilfe oder Verstärkung. Unruhig rutschten wir auf den knarrenden Holzstühlen umher.

Doch kein Wort folgte dem Rattern der Drehscheibe, niemand wollte an diesem frühen Freitagnachmittag mit Unterleutnant Schmidt reden.

Claudias Blick ging inzwischen nervös in den Vorgarten, von dort hinauf in den strahlend blauen Himmel und wieder zurück zur Tür, wo unser Cowboy Wache hielt.

Der Generalsekretär schien die Unruhe in der Veranda nicht bemerkt zu haben. Sein Lächeln lag still und vertrauensselig über der Szene. Zeit genug, um mir zu überlegen, wann mir dieses Lächeln das erste Mal begegnet war. Aber ich konnte mich nicht mehr erinnern. War es im Kindergarten, in der Schule?

Irgendwann war es da und es blieb, wie ein vertrautes Zeichen, ein Muttermal einer eingegrenzten Welt. Zeitlos lag es über dem Land und gab jedem öffentlichen und halböffentlichen Gebäude eine besondere staatstragende Würde. Es war immer dasselbe Lächeln, sodass man schon fürchtete, dass es erstarren würde. Oder erfrieren im Gold- oder Holzrahmen.

Millionenfach lächelte es von da oben, als wäre es ein höheres göttliches Lächeln, aber nicht das heilige eines feisten dick gewordenen Franziskus, das dem Inselparadies den schönen Schein rauben konnte. Nein, dieses Lächeln auf Litfaßsäulen oder Wandzeitungen, in Postämtern und Bahnhöfen, in Krankenhäusern und Gaststätten, in Schulen und Universitäten, in Kindergärten und Ferienlagern, in den Kasernen der Nationalen Volksarmee und in den volkseigenen Betrieben war ein anderes, bedeutungsschwereres und allgegenwärtiges. Und dieses Lächeln ließ niemals nach.

Wer das Licht der Welt erblickte, musste es eigentlich schon sehen, irgendwo an einer Wand im Kreißsaal und er sollte es das letzte Mal sehen, bevor er die Augen in einem der staatlichen Altersheime schloss. Doch das Altern selbst war diesem Lächeln fremd geworden, das da jahrzehntelang aus allen Amts-, Schul- und Betriebsstuben starrte. Dem Genossen Generalsekretär war, von wem auch immer, nicht nur die ewige Jugend versprochen, er hatte sie geradezu gepachtet und in seinen Fotos und Bildern verewigt. So ist das mit Überirdischen. Und der Generalsekretär war ein Überirdischer, auch wenn er jetzt freundlich lächelnd von der gelben Tapetenwand aus Schmidts Dienstzimmer auf den aufgeräumten Schreibtisch, das schwarze Telefon und durch die halb geöffnete Tür hinaus in den Flur und die verglaste Veranda blickte.

Fast hätte ich erwartet, dass er mich grüßen würde, so wie man alte Bekannte begrüßt, die man an unvorhergesehenen Orten wiedertrifft. Aber der Genosse Generalsekretär grüßte nicht.

Warum auch sollte er drei Berliner Sommergäste grüßen, die bewacht auf einer kleinen Veranda in Vitte auf Hiddensee saßen, mit sich und ihren Gedanken allein und die, im Gegensatz zu ihm, keine Zeit hatten? Denn abwechselnd schauten sie auf ihre Uhren und dann auf den Cowboy, der an der Tür Wache hielt.

Claudia stöhnte leise. Ihre Augen hatten trotz des hellen Tages an Glanz eingebüßt.

Die Sonne war bereits weit nach Süden gewandert und neigte sich dem offenen Meer zu.

Im Dienstzimmer versuchte Schmidt noch immer zu telefonieren. Hallo, hallo!, rief er immer lauter werdend in den Apparat, ist dort Stralsund?

Stralsund meldete sich nicht.

Wütend warf er den Hörer auf die Gabel. Wir schauten uns achselzuckend an.

Schmidt trat jetzt aus der Tür. Freitagnachmittag, sagte er zu dem blonden Mann, das ist nicht leicht. Dann kratzte er sich am fast kahlen Kopf und verschwand wieder im Dienstzimmer. Diesmal schloss er die Tür hinter sich.

In der Veranda blieb es still. Nur das Schlurfen unserer Füße, die wir von Zeit zu Zeit über den dunklen Dielenboden zogen oder anders übereinanderlegten, weil wir bald nicht mehr so oder so sitzen konnten, unterbrach die Stille.

Das kann jetzt dauern, stöhnte Franklin und atmete tief aus.

Sind Sie still, fuhr der blonde Wachposten, der jetzt am Eingangstor lehnte, dazwischen. Hier wird nicht geredet!

Nicht mal reden? Wir sind doch keine Verbrecher!, erboste sich Claudia, der offenbar die Wartezeit in Schmidts Veranda und das Nichtstun zugesetzt hatten.

Sei ruhig, beschwichtigte ich sie und legte meine Hand auf ihren Unterarm.

Aber Claudia stieß die Hand zur Seite und sprang auf. Was werfen Sie uns denn vor?, wandte sie sich anklagend an unseren Bewacher und konnte dabei das Beben in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

Das müssen Sie mal unsere Sache sein lassen, junge Frau!, schrie der blonde Cowboy zurück, dessen Autorität unter den Anwürfen Claudias zu leiden drohte und der den Autoritätsverlust nun durch größere Lautstärke auszugleichen versuchte.

Schmidt war der Lärm in seinem Dienstzimmer nicht entgangen. Was ist denn los?, rief er, als er aus der Tür geeilt kam.

Ach, diese Leute führen sich hier auf, beschwerte sich der Cowboy. Denken wohl, sie sind was Besonderes. Nur weil sie aus Berlin sind.

Das ist doch gar nicht wahr, versuchte sich Claudia zu verteidigen und hätte ihre Frage nach dem Vorwurf auch gleich noch an Schmidt gerichtet.

Aber der ließ erst gar keinen Widerspruch zu. Setzen Sie sich, forderte Schmidt Claudia auf und wies mit der Hand auf den leeren Platz. Was denken Sie, wo Sie sind?

Claudia setzte sich ohne Widerrede. Ihre Lippen zitterten.

Schmidt schüttelte den Kopf und zog den blonden Mann am Ärmel in den Flur, um ihm dort etwas ins Ohr zu flüstern. Genosse Cowboy nickte.

Das wird jetzt eine Weile dauern, sagte Schmidt, als er wieder in der Glasveranda stand. Die Genossen in Stralsund werden sich in Berlin erkundigen. Dann sehen wir weiter.

Könnten wir denn nicht so lange im Ort spazieren gehen oder ans Meer, schlug Claudia leise vor. Es ist doch unser Urlaub und dann das Wetter! Sie haben doch unsere Ausweise, sozusagen als Pfand und in einer Stunde sind wir wieder da.

Das ist eine gute Idee, ergänzte Franklin. Verschwinden können wir doch von der Insel sowieso nicht, der nächste Dampfer geht erst morgen früh.

Ich wusste nicht, ob das Vortragen dieser Idee geschickt war. Zwar wurde einerseits klar, dass wir wie die Verbannten auf einer sibirischen Insel ohnehin nicht fliehen konnten, andererseits fürchtete ich, dass insbesondere der junge Wächter, sich in seiner Autorität verletzt fühlen müsse, sollten die durch sein Engagement Festgesetzten noch Privilegien genießen dürfen.

Schmidt kratzte sich am Kopf, was ich als deutliches Zeichen seines Nachdenkens interpretierte.

Nur unser Cowboy aus der sächsischen Prärie dachte erst gar nicht nach. Wie befürchtet, prustete er ungehalten los: Das könnte Ihnen so passen! Für wen halten Sie uns?

Die Frage hätte ich gern ehrlich beantwortet oder auch Franklin die Antwort überlassen, aber jetzt schien es angebrachter zu schweigen. Allein die ernste Miene, mit der der Mann wieder seinen Postendienst an der Verandatür aufnahm, verriet nichts Gutes und die Art, wie er es tat, ließ mich glauben, dass er in jedem Moment einen Sturmangriff auf seine Bastion, die einem Wehrturm glich, erwartete. Von dort oben trompetete er über die Zinnen: Hier bestimmen wir, wo es langgeht!

Irgendwie schien der Mann damit die Losung vom Hafen verinnerlicht zu haben: Wissen, Wachsamkeit und Tat – für den sozialistischen Friedensstaat. Und in der Tat drängte sich mir der Eindruck auf, als müsste genau dieser Cowboy mit seiner Verbissenheit den Weltfrieden retten, der durch niemand anders als durch uns gefährdet war.

Schmidt nickte. Wir müssen erst genaue Anweisungen von Stralsund und Berlin haben, sagte er. Vorher passiert hier nichts. Dann ging er zurück in sein Dienstzimmer.

Eine weitere Stunde verging. Inzwischen hatte sich der Himmel bedeckt. Ein dunkelblaues Band zog sich langsam über die Nachmittagssonne. Der Wind wurde stärker.

Es wird bald regnen, stellte ich leise fest und versuchte in dem Hauptmann-Gedichtbändchen zu lesen. Doch weit kam ich mit dem Gedicht »Die Insel« nicht. Bereits hinter den so passenden schönen Zeilen war Schluss:

Wir waren zu drein

Vor Jahrtausenden mag es gewesen sein.

Es war einsam hier,

tief, tief!

So waren auch wir.

Mit dem Hinweis, dies sei keine Lesestube, sondern ein amtlicher Verwaltungs- und Untersuchungsort, verbot unser Weltfriedensretter, die Lektüre. Sich dagegen aufzulehnen bedeutete Gefahr zu laufen, dass das Gedichtbändchen als mögliches Beweisstück eines wie auch immer gearteten Vergehens konfisziert würde.

Widerstandslos steckte ich das Bändchen wieder ein.

Wir sitzen wenigstens trocken, ergänzte also Franklin und lehnte sich nach hinten, um seinen Hinterkopf an eine der vielen kleinen Verandascheiben zu legen.

Ruhe, hab ich gesagt, mahnte der blonde Bewacher.

Auch ich hatte nun den Hinterkopf an eine Scheibe gelegt. In dieser Haltung beobachtete ich Claudia, die eingeschlafen war. Dabei musste ich an unsere erste Begegnung während eines Open-Air-Konzertes denken. Wer, was spielte, konnte ich nicht mehr sagen, möglicherweise war es eine der bekannten Berliner Bluesbands mit Namen wie Engerling oder Monokel. Was ich sicher weiß, ist, dass es eine laue Sommernacht mit unzählig vielen Menschen war, die sich bei ausgelassener Stimmung prächtig amüsierten. Es war Zufall, dass sich unsere großen Freundeskreise, genau an diesem Tag und an diesem Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt überschnitten. Und es war wiederum kein Zufall, denn Berlin war eben doch manchmal auch nur ein großes Dorf. Und erst recht dörflich mit einer eingeschworenen Gemeinschaft Gleichgesinnter ging es im Prenzlauer Berg zu, wo in der sogenannten Szene jeder über Dritte und gegebenenfalls Vierte erschließbar war. Das mochte an den einschlägig bekannten Cafés und Kneipen mit den klangvollen Namen »Wiener Café«, »Fengler«, »Hackepeter« oder »Dorle« gelegen haben, in denen die Szene und damit auch jene Bohemiens wie Franklin verkehrten, oder an den kiezbekannten Partys, heimlichen Lesungen, alternativen Ausstellungen und nicht ganz legalen Konzerten auf Dachböden, in Kellern und in Hinterhöfen, in denen früher oder später jeder jedem einmal über den Weg lief. Die Gemeinde traf sich eben auch, wenn das Dorf gute Hunderttausend Seelen zählte.

Claudia fiel mir sofort auf, was auch bei ihrer Erscheinung nicht verwunderte. Sie trug eine knallenge hellblaue Jeans und eine weiße Bluse mit aufgestelltem Kragen. Und wie immer hatte sie ein Lächeln auf den Lippen, das nicht nur ihre weißen Zähne zeigte, sondern auch eine ganze Umgebung in Verzückung versetzte. Da sie in einer großen Gruppe stand, hatte ich alle Mühe, mich ihr irgendwie unauffällig zu nähern, um sie dann selbst anzusprechen. Dafür war der Abstand zu groß, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass mich die große Zahl der Zuhörer abgeschreckt hätte. So begnügte ich mich mit meinen Beobachtungen, die mein Interesse an der jungen Frau nur verstärkten.

Sie trank Bier und aus der geradezu graziösen Geste, wie sie das Glas hielt, erkannte man, dass sie niemals Bier, sondern offensichtlich nur Wein zu trinken gewohnt war. Aber in der Unbeholfenheit im Umgang ihrer schmalen Hände mit dem Bierglas, das wie ein Weinkelch behandelt wurde, lag etwas Faszinierendes. Vielleicht sogar etwas Zerbrechliches, das in mir kurzzeitig die Hoffnung weckte, auf jenen Moment zu warten, in dem ihr das Glas aus den Fingern gleiten würde. Als fürsorglicher Helfer wollte ich dann mit wohlgeformten Worten, die ich mir schon zurechtgelegt hatte, genau in jenem Moment des Schrecks in Erscheinung treten. Doch den Gefallen tat sie mir nicht und so vergingen weitere drei Wochen, bis ich sie im »Wiener Café« wieder traf und in Anspielung auf das besagte Konzert das Gespräch eröffnen konnte.

Sie erinnerte sich natürlich nicht an mich, wie ich erst später erfuhr, aber ließ mich trotzdem gewähren. Es folgte ein unendlich langes Gespräch, an deren Ende ich sie auch noch im Vorgefühl eines neuen Glückes nach Hause bringen konnte. Fortan trafen wir uns häufiger und es begann eine Freundschaft, die ich nicht mehr missen wollte.

IV

Der Himmel hatte sich dunkel über die Insel gewölbt. Während der Wind die Blumen in Schmidts Vorgarten zu Boden drückte, begann er im Reet zu pfeifen. Die ersten Regentropfen trommelten auf das Verandadach.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Mit geschlossenen Augen hörte ich, den Hinterkopf noch immer an eine Scheibe der Veranda gelehnt, dem Trommeln zu. Es war, als würde jemand unaufhörlich an eine Tür klopfen. Das Klopfen kam mir bekannt vor, so schloss ich die Augen, um besser zu hören. Und da wusste ich es: Es war meine Wohnungstür, Kopenhagener Straße 73, Zweiter Hinterhof, drei Treppen. Claudia, schoss es mir durch den Kopf. Genauso war es: Ich drehte mich im Bett und rieb mir die Augen. Das Klopfen an der Tür nahm kein Ende. Leicht benommen wanderte mein Blick im Zimmer umher, vom alten Eisenbett zum Schreibtisch, dann weiter zum Bücherregal, das bis zur Decke reichte, hinauf zur Messinglampe mit den sechs Schalen und wieder hinunter zum ausgetretenen Teppich, auf dem mehrere Bücher- und Zettelstapel lagen. Über dem Klavier hingen verschiedene Kleidungsstücke, die in einiger Eile dort abgelegt wurden. Langsam erhob ich mich und torkelte, nur mit einer kurzen Unterhose bekleidet, schlaftrunken zur Tür, um diese gähnend zu öffnen.

Da stand sie, schlank, schön und mit langem, dunklem Haar. Ihr Gesicht und die Arme, die sie vor der Brust verschränkte, hatten einen verführerischen braunen Glanz, als müsste sie persönlich den Sommer in den zweiten Hinterhof der alten dunklen Mietskaserne tragen. Warum öffnest du nicht?, fragte sie vorwurfsvoll. Hast wohl noch geschlafen?

Warum nicht, sagte ich und schaute erschrocken auf meine Armbanduhr. Dann fasste ich mich an den Kopf, so als müsse ich prüfen, ob er noch dran sei.

Du musst doch bald ins Theater, sagte sie. Oder stellen sich die Kulissen heute selbst.

Besser wär es, antwortete ich und ging zurück in die Wohnung. Aber den Gefallen werden sie mir nicht tun.

Claudia schüttelte den Kopf.

Wo bleibst du, rief ich aus der Küche.

Sie trat in den Flur, schloss die Haustür und lehnte sich an die hölzerne Einfassung der Küchentür. Das Türblatt fehlte. Ich hatte inzwischen den Wasserhahn aufgedreht und hielt den Kopf unter das fließende Wasser. Das kalte Wasser tat mir gut.

Schöne Begrüßung, sagte sie.

Was sagst du?, rief ich aus dem Abwaschbecken.

Claudia winkte ab.

Ich drehte den Wasserhahn zu und trocknete mir mit einem Handtuch, das über einem Stuhl hing, die Haare, die nun zerzaust nach allen Seiten standen. Dann trat ich ganz dicht an sie heran.

Entschuldigung, murmelte ich und gab ihr einen kurzen Begrüßungskuss, der immerhin lang genug war, um den Duft eines blumigen Parfüms in der Nase zu haben. Den zog ich genüsslich ein und bedauerte, die Nacht allein verbracht zu haben. Manchmal möchte ich in diesem Duft aufwachen, provozierte ich, wohl wissend, dass die Grenze zwischen einer platonischen und einer wirklichen Liebe auch fließend sein konnte. Vielleicht war das Spiel an dieser Grenze der besondere Reiz und ließ eine besondere Offenheit untereinander zu. Sie wandte sich kopfschüttelnd ab.

So muss es wohl im Elysium riechen, bemerkte ich lächelnd. So verdammt verführerisch, da müsste man eigentlich …

Sich schnell anziehen, antwortete sie schroff und drehte sich mir wieder zu.

Wenn du meinst, wandte ich mich ab und verschwand im Wohnzimmer. Als ich wieder in der Küche stand, noch immer barfuss, trug ich eine ausgewaschene Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Jetzt erst sah ich ihr neues Kleid. Es war aus einem hellen, fast durchsichtigen Leinenstoff und hätte mir wegen der Farbe und Transparenz längst auffallen müssen. Glücklicherweise wurde ich nicht gleich belehrt, dass ich mal wieder nichts mitbekommen würde und sie sich schon nackt in die Tür stellen müsse, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. So aber hatte ich, obgleich ein schlechter Charmeur, noch genügend Zeit, selbst mit einem Kompliment aufzuwarten, bevor mich der Vorwurf der Ignoranz ereilte.

Meine Güte, sagte ich und drehte einen ehrfürchtigen Halbkreis um die Freundin. Vom Onkel, was?

Sie nickte. Rom, sagte sie stolz und ließ mich ganz neidisch darüber nachdenken, wie es jetzt in Rom sein müsste, wo der Bruder ihres Vaters an der Botschaft irgendein drittklassiger Angestellter war. Immerhin reichte es für den kleinen Beamten der Konsular­abteilung aus, um aus Feindesland Paketsendungen in das Heimatland der Werktätigen zu versenden, wo eine Schar von Verwandten sehnsüchtig auf jedes neue West-, in diesem Fall Südpaket wartete.

Tja, an so einer Botschaft müsste man sein, bemerkte ich vielleicht zu trocken. Da kann man sogar auf den letzten Schrei mit dem klangvollen Namen Präsent 20 aus den hiesigen Schaufensterauslagen verzichten. Jetzt ist mir auch klar, warum dein Onkel das so lange an der vordersten Klassenkampffront aushält. Zugegeben war die Anspielung auf die, vom volkseigenen Modeinstitut kreierte und alles andere als beliebte Modelinie, die eher an die Trends vergangener Jahrzehnte, als an tragbare zeitgemäße Kleidungsstücke erinnerte, starker Tobak. Aber irgendwie war es für mich schon unverständlich, dass ausgerechnet die Verteidiger der sozialistischen Planwirtschaft, auf teure Importe setzten, statt aus Solidarität mit ihren Landsleuten auch jenem angepriesenen Präsent 20-Fummel zu huldigen, der so manchen Zeitgenossen zur wandelnden Vogelscheuche machte.

Mach dich nicht lustig, sagte sie.

Mach mich gar nicht lustig, verteidigte ich mich, dachte nur darüber nach, wie schwer das sein muss, in Rom mit revolutionärer Wachsamkeit den Klassenkampf gegen das Böse der Welt zu führen und das allein mit dem Glauben an die historische Mission der Arbeiterklasse und ihre wissenschaftliche Weltanschauung. Ja, zwischen Trajansforum, Kolosseum und Peterskirche bekommt die Parole »Dein Arbeitsplatz – Kampfplatz für den Frieden« eine besondere Bedeutung. Das ist eine aufopferungsvolle Aufgabe, ach was eine revolutionäre Heldentat!

Hör auf!, unterbrach sie. Du willst doch auch, dass ich gut aussehe. Oder wär dir eine graue Maus lieber?

Nein, die braungebrannten mit ihren schönen Kleidern sind mir schon am liebsten, erwiderte ich, legte den Kopf zur Seite und drückte mich an Claudia, die eine unglaubliche Wärme verströmte. Vor allem, wenn sie so schick sind, legte ich also nach, denn da kann man sich eigentlich überhaupt nicht beherrschen.

Du wirst es verkraften, sagte sie lächelnd und schob mich zur Seite. Außerdem stinkst du immer noch nach Bier. Fürchterlich sogar!

Hm, wenn du meinst, erwiderte ich und schaute in den Spiegel, wo ich jemand sah, der mir immerhin ähnlich war.

Wo hast du dich denn rumgetrieben? Ich hab doch einen Zettel an der Tür hinterlassen!

Ich konnte mich an keinen Zettel erinnern, obgleich ich ihn hätte sehen müssen. Denn er war von außen auf einen Nagel gespießt, der in der Wohnungstür steckte. Üblicherweise schaute ich immer auf die Zettel, die sich in großer Zahl auf dem Nagel befanden und der simplen Nachrichtenübermittlung von Menschen dienten, die wie ich kein Telefon besaßen, dafür aber handgeschriebene Nachrichten für die abwesenden Empfänger an den Wohnungstüren hinterließen. Aber in der letzten Nacht hatte ich wohl von dieser gewohnten Art von Informationsverkehr oder besser fliegendem Zettelverkehr keine Notiz genommen. Zettel, ja, stotterte ich und wusste nicht weiter.

Lass mich raten, sagte sie und hob die Stimme: »Wiener Café«. Wo sonst! War wohl wieder Franklin da und hat neue Gedichte vorgestellt. Doch alle Macht will zeitlos prangen, will lüstern noch die Ewigkeit … ich kenne das schon. Unseren Verszauberer, der uns die Zukunft lehrt und das Vergessen.

Leider nicht, sagte ich. Bin gar nicht mehr ins »Wiener« gekommen. Im »Weißen Elefanten« war Schluss.

Da gehst du noch hin? In diese … na ja, du weißt schon …

Immerhin sind meine Kollegen vom Theater da, verteidigte ich die kleine Kneipe unweit des Luxemburgplatzes, die in der Tat etwas Anrüchiges hatte. Aber das mag wohl mehr an den Gästen, als an dem runtergekommenen Ambiente einer »Altberliner Bierstube« liegen. Doch gerade dies machte das Flair dieser typischen Kiezkneipe, wie sie es nicht mehr so oft gab, aus. Nicht umsonst hatte Franklin ihr den grausamen Beinamen Genickschussdiele gegeben, obgleich sie mit ihrem eigenen Namen schon genug gestraft war. Mit Kugeln oder anderer Munition wurde allerdings auch nicht geschossen, doch der reichlich ausgeschenkte Alkohol erzielte bei den Besuchern oft die gleiche, in der Regel verheerende Wirkung.

Im »Weißen Elefanten« war, wie Franklin immer betonte, das Volk in allen seinen Schattierungen zu Hause. Hier trafen sich die Zimmerleute, Maurer und Kohlenträger der Nachbarschaft, Kulissenschieber verschiedener Berliner Theater und tätowierte Ex-Häftlinge, gescheiterte Existenzen jeder Couleur und andere zwielichtige Gestalten. Aber auch Studenten, denen das Bier für 45 Pfennige noch immer zu teuer war, und so manche bereits früh verblühte alte Dame, die, während sie über Stunden an einem Kaffee nippte, von längst vergangenen Zeiten träumte. Dazwischen war Marlene, die schöne rassige Kellnerin mit schwarzem wallenden Haar und großen grünen Augen, die neben dem reichlich fließenden Bier, das hauseigene Standardgetränk zum Ausschank brachte. Es war eine Art Pfefferminzlikör, der wegen seiner grünen Farbe und dem zuckerhaltigen Geschmack selbst bei den hart gesottenen Gästen den Namen »Grüner Würger« trug. Zwar setzte ein Würge- und Brechreiz bei den geübten Elefanten-Trinkern nur selten ein, aber sicher war, dass der stark alkoholhaltige Zuckersaft die Kehlen geradezu verklebte. Marlene hatte dann alle Hände voll zu tun, für die ausreichende Spülung zu sorgen, was wiederum den Bierkonsum ankurbelte. Dennoch war sie es, die eigentlich gar nicht in den Elefanten passte und von einer Karriere in einem schicken Restaurant träumte, wo man zuweilen auch Westmark als Trinkgeld erwarten konnte. Trotzdem vollendete ausgerechnet Marlene den morbiden Charme der Eckkneipe auf ihre unnachahmliche Weise. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das ist ja ein feiner Umgang für dich, sagte Claudia. Findet man dich da jetzt öfter?

Warum nicht, antwortete ich. Auch die Kohlenträger von nebenan waren da, revolutionäre Arbeiterklasse, wenn du so willst. Dein Onkel hätte seine Freude daran, wie ich ganz und gar in der einst unterdrückten Klasse aufging.

Mach dich nicht immer lustig und lass vor allem meinen Onkel aus dem Spiel. Also was war denn nun mit dem Elefanten!

Ach so, mit dem Elefanten, sagte ich. Nichts eben, es ging wohl nicht anders.

Was ging nicht anders?

Mit dem Elefanten.

Das kann ja ein schöner Urlaub werden. Ich hoffe du trinkst dann nicht auch so viel!

Was heißt hier trinken? Im Übrigen besteht die Gefahr erst gar nicht.

Was soll das heißen?

Ich nahm den Kamm aus der Schublade, stellte mich vor das Fenster, damit ich Claudia nicht anschauen musste, und kämmte mir das zerzauste Haar. Erst dann sagte ich leise: Dass ich nicht mitfahre.

Was?

Du hast richtig gehört! Ich fahre nicht mit nach Prag. Ich weiß selbst nicht, ob ich diesen Satz in diesem Moment nicht anders hätte sagen sollen, schon um die erwartete Wirkung abzumildern, aber irgendwie war ich nicht dazu in der Lage. Vielleicht wollte ich auch ihre Reaktion abwarten, selbst wenn ich wusste, dass es bessere Möglichkeiten gab, unangenehme Wahrheiten zu verkünden.

Claudia ging langsam zum Fenster, von wo aus sie, zwischen zwei Bücherstapeln hindurch, in den Hof sehen konnte. Aber der lag wie immer leer und verlassen, nur die Sonne war hereingetreten und malte hinter den Wäschestangen lange Schatten auf den Beton. Das sagst du mir erst jetzt, sagte sie leise und in einem Ton tiefer Enttäuschung.

Es ist nicht, was du denkst, sagte ich nun, schon um sie nicht länger im Ungewissen zu lassen.

Was sonst?

Ich zog den grauen, noch ganz jungfräulichen Schein aus der Tasche und reichte ihn ihr.

Was ist das?

Siehst du doch!

Claudia las. Was soll das?

Das würde ich auch gern wissen, antwortete ich und beteuerte meine Unschuld. Jedenfalls kann man damit nicht das Land verlassen und muss sich alle fünf Tage melden. VP-Inspektion, Schönhauser Allee. So ist die Anordnung.

Du bist doch kein Verbrecher!

Vielleicht doch?

Claudias Hände krallten sich in meine Oberarme. Dann schüttelte sie mich mit beiden Armen. Lass den Quatsch!

Ich riss mich los, was schmerzhaft genug war, und ging wortlos in der Küche auf und ab. Vielleicht hätte ich in diesem Moment wütend sein sollen, aber ich war es nicht, schon gar nicht auf Claudia, deren Unmut ich gut verstehen konnte. Ich habe die Gesetze nicht gemacht, sagte ich.

Was für Gesetze?

Ich hob die Schultern. Die Gesetze eben.

Das kannst du unmöglich auf dir sitzen lassen, rief Claudia so laut, dass es in der Küche wie im Chor einer Kirche hallte. Du musst dahin gehen! Wir wollen doch nach Prag! Ihr Gesicht bekam eine rote Farbe, was sie in ihrem Aufzug noch schöner machte.

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Release date on Litres:
26 May 2021
Volume:
252 p. 4 illustrations
ISBN:
9783954620784
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