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André Schmutz

Das Schweigen der Aare

Kriminalroman


Zum Buch

Vergessenes Geheimnis Unterhalb der Berner Kirchenfeldbrücke wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Es handelt sich um Siri, die jüngste Tochter der Familie Manaresi. Ein Abschiedsbrief lässt keine Zweifel an ihrem Suizid offen. Die Berner Kriminalpolizei schließt die Ermittlungen deshalb rasch ab. Lisa, die älteste der Manaresi Schwestern und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Kriminalpolizei Bern, glaubt nicht an die Selbstmordthese und beginnt, gemeinsam mit ihrem Arbeitskollegen Thomas Zigerli, auf eigene Faust zu ermitteln. Als kurz darauf Alva, ihre andere Schwester, entführt wird, entdeckt Lisa durch Zufall ein dunkles Familiengeheimnis. Doch bevor sie sich der drohenden Gefahr bewusst werden können, geraten Lisa und Thomas in einen Strudel blutiger Verbrechen. Bald befinden sich beide selbst in Lebensgefahr.

André Schmutz, Jahrgang 1966, ist in Ueberstorf, einem idyllischen Ort im Umfeld der beiden Zähringerstädte Bern und Freiburg, aufgewachsen. Nach seinem Pharmaziestudium und anschließender Promotion hat er sich viele Jahre in der Pharmaindustrie mit Impfstoffen beschäftigt. Seine Liebe zum Schreiben entdeckte er bereits in seiner Kindheit. Erst viele Jahre später verwirklichte er einen Lebenstraum und begann mit dem Schreiben eines Kriminalromans. In seinem Debüt ermitteln die beiden ungleichen Hauptfiguren Lisa Manaresi und Thomas Zigerli in einer Serie perfider Verbrechen gegen Lisas eigene Familie.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ramius / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6710-3

Widmung

Für meine Tochter Anaïs

Prolog

An meine Lieben

Nie hätte ich gedacht, dass ich mich auf diese Art von euch verabschieden werde. Es geht nicht auf eine andere Weise – ihr würdet mich nicht verstehen. Seit vielen Monaten ruft mich eine Stimme aus einer wunderschönen Welt. Eine Welt ohne Krieg, Verbrechen und Tod. Ewiges Leben und ewiger Friede erwarten mich dort. Ich will nicht länger warten. Das Leben hier auf der Erde – auch in der kleinen heilen Schweiz – ist voller Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Leid. Egoismus regiert. Dies ist nicht der Ort wo ich sein will. Die schöne, andere Welt ist keine Illusion. Es gibt sie. Deshalb trauert nicht um mich. Ich werde dort glücklich sein.

Lebt wohl!

Siri

Kapitel 1

Bern, 15. November 2019, 07:10

Das Wasser der Aare schimmerte grün und klar in der eisigen Morgenluft. Wäre nicht der bösartige, bitterkalte Novemberwind gewesen, wären bei Peter Siegenthaler auf seinem allmorgendlichen Spaziergang im Berner Mattequartier romantische Herbstgefühle aufgekommen. Der Rentner war wieder besonders früh unterwegs, es war erst kurz nach 7 Uhr. Bis vor wenigen Minuten hatte es geregnet. Die Feuchtigkeit beherrschte das Aareufer in Form von dichten, düsteren Nebelschwaden. In Gedanken war Siegenthaler bereits bei seinem Espresso in der warmen Stube.

»Noch zehn Minuten«, murmelte er zu sich selbst. Er steuerte vom Schwellenmätteli direkt auf die Dalmazibrücke zu. Direkt unterhalb der Kirchenfeldbrücke wurde er jäh aus seinen Träumereien gerissen.

»Was zum Teufel …« Die weiteren Worte blieben dem alten Mann im Halse stecken. Keine drei Meter vor ihm lag die schrecklich entstellte Leiche einer jungen Frau. Das Gesicht war nicht mehr als solches zu erkennen. Der linke Arm und das rechte Bein sahen aus, als ob man ihr diese ausgerissen und anschließend wieder an den Körper gelegt hätte. Siegenthaler merkte, dass seine Knie weich wurden. Alles um ihn herum begann sich zu drehen – der gute Mann stand unter Schock. Es dauerte fast zwei Minuten, bis der Rentner wieder einen einigermaßen klaren Gedanken fassen konnte.

»Von der Kirchenfeldbrücke muss die gesprungen sein«, nuschelte er zu sich selbst.« Dabei sind doch vor einiger Zeit diese neumodischen Fangnetze montiert worden.« Und trotzdem. Die wollte sich um jeden Preis umbringen, wenn sogar die Fangnetze sie nicht aufhalten konnten, dachte sich der morgendliche Spaziergänger.

Statt zu seinem ersten Espresso machte sich Siegenthaler zur Wache der Kantonspolizei am Waisenhausplatz auf.

Ich hätte dieses neue kleine Telefon mitnehmen sollen. Dann könnte ich direkt von hier die Polizei oder zumindest meine Frau anrufen, ärgerte sich der alte Mann.

Auf der anderen Seite würde ich damit eingestehen, dass diese Mobiltelefone doch eine feine Sache sind … Siegen­thaler hatte sich in der Vergangenheit standhaft geweigert, ein Handy zu benutzen.

»Teufelszeug mit gefährlicher Strahlung, Krebsbeschleuniger«, waren seine Argumente bei Erika, seiner Frau. Der ganzen Familie hatte er erklärt, dass er deshalb nie in seinem Leben ein Mobiltelefon benützen und erst recht keines anschaffen werde. Der wahre Grund – Siegenthaler war ja kein Hinterwäldler – hatte mit seinem täglichen Frühschoppen-Ritual zu tun. Durch die ständige Erreichbarkeit, welche mit einem Mobiltelefon einherging, hätte sich der Rentner des Öfteren von Erika nach Hause pfeifen lassen müssen. Speziell dann, wenn der vormittägliche Umtrunk mit seinen Kollegen ein bisschen länger dauerte.

Man kann sich die kleinen Freuden im Leben auch selbst nehmen, hatte er sich immer wieder eingestanden.

»Wo liegt diese Leiche nun ganz genau»? Es war der dritte Versuch von Kommissar Werner Trachsel, seines Zeichens Chef des Dezernats Leib und Leben der Berner Kriminalpolizei, von Siegenthaler eine brauchbare Antwort zu erhalten.

»An der Aare unten ist etwas Schreckliches passiert«, hatte ihm Siegenthaler berichtet.

Gefühlte zwei Stunden später – in Realität waren es weniger als vier Minuten – hatte Trachsel in Erfahrung gebracht, dass beim Schwellenmätteli eine junge Frau mutmaßlich von der Kirchenfeldbrücke gesprungen war und zerschmettert am Rande des Dalmaziquais lag.

Es war kurz vor 8 Uhr, als Trachsel an der Aare bei der Frauenleiche eintraf.

Ein Wunder, dass hier nicht bereits der Teufel los ist, ging es dem Kommissar durch den Kopf. Er hatte erwartet, auf eine Horde Gaffer und Schaulustige zu treffen. Erfahrungsgemäß hätte er dann eine halbe Stunde gebraucht, um das sensationsgierige Pack aus dem ermittlungstechnisch gesperrten Bereich zu schaffen. Er wäre mit den Nerven bereits am Ende gewesen, bevor die Ermittlungen überhaupt losgingen.

Zwar waren keine Sensationshungrigen hier, dafür aber Siegenthaler. Dieser trotzköpfige Rentner hatte Trachsel auf der Wache so lange drangsaliert, bis dieser einwilligte, dass Siegenthaler mit zur Spurensicherung kommen durfte.

»Schließlich habe ich die Leiche entdeckt, und nur ich weiß, wo sich diese ganz genau befindet«, meinte Siegenthaler.

Möglicherweise wird der Tag doch nicht so toll werden, ging es Trachsel durch den Kopf. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er nicht, dass er diesen Novembertag nie mehr vergessen würde.

Trachsel hatte schon viele Selbstmörder unterhalb einer der schönen Brücken Berns einsammeln müssen. Der Anblick der meistens schrecklich entstellten Körper machte ihm schon lange nichts mehr aus. Er war es gewohnt. Routine.

Etwas an dieser Frauenleiche war anders als bei all den anderen zerschmetterten Körpern. Trachsel konnte aber nicht sagen, was dies war. Tief in seinem Inneren war eine Stimme, die ihm einen Hinweis geben wollte. Er konnte sie nicht verstehen. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass dieser unmögliche Siegenthaler wie eine Musikspieldose unaufhörlich neben ihm quasselte. Am liebsten hätte er ihm den Hals umgedreht.

»Hallo, Werner, ich hätte nicht gedacht, dass du im November schon morgens um 8 Uhr an der Aare bist. Aus dir wird noch ein richtiger Morgenjogger.« Abrupt wurde Trachsel aus seinen Tagträumen gerissen. Max Mäusezahl war Mitarbeiter im Dezernat Leib und Leben und dort zuständig für Spurensicherungen. Er liebte es, seinen als argen Morgenmuffel bekannten Chef zur Weißglut zu bringen.

»Dir würde ein bisschen Bewegung auch guttun. Wenn du weiter so zulegst, werden wir auf der Wache schon bald breitere Türen einbauen müssen«, konterte Trachsel.

»Ein Wärmepolster für den kommenden Winter hat noch nie geschadet.«

»Die eigenen Fitness- und Essgewohnheiten scheinen die Herren mehr zu interessieren als die hier am Boden liegende Leiche«, meldete sich Siegenthaler.

Mäusezahl und Trachsel blickten sich kurz an, beide schwiegen. Keine Viertelstunde später war die Identität der Leiche geklärt. Die junge Frau hiess Siri Manaresi. Sie war 21 Jahre alt, eingebürgerte Italo-Schwedin und lebte zusammen mit ihrer um zwei Jahre jüngeren Schwester Alva bei ihren Eltern im Altenbergquartier. Siri hatte an der Universität Bern Französische Literatur und Sportwissenschaften studiert. Ihre ältere Schwester Lisa war bereits ausgezogen und lebte alleine in einer Studiowohnung im Länggassquartier.

Trachsel beschloss, direkt zu Fuß zum Altenbergrain zu gehen, um den Eltern von Siri die Todesbotschaft zu überbringen. Viel schlimmer als der Anblick von entstellten Leichen war das Überbringen einer Todesnachricht. Die Reaktion der Betroffenen war unberechenbar. Die schlimmste Erfahrung, welche Trachsel dabei gemacht hatte, lag knapp drei Jahre zurück. Er musste einem jung verheirateten Paar den Tod ihrer vierjährigen Tochter mitteilen, welche am Aargauerstalden mit dem Fahrrad gestürzt und von einem Touristenbus aus der Slowakei überrollt worden war. Die jungen Eltern waren komplett ausgeflippt. Sie hatten Trachsel, den Überbringer der schlechten Nachricht, in einem Hagel von Honig-, Senf- und Essiggurkengläsern aus der Wohnung geprügelt. Trachsel verbrachte im Anschluss zwei Tage im Universitätsspital Bern, wo ihm die Ärzte mehrere Schädelprellungen, eine gebrochene Nase und ein verletztes Auge behandeln mussten.

Deshalb war es nicht verwunderlich, dass der Daumen ein bisschen zitterte, als Trachsel die Klingel bei Familie Manaresi betätigte. »Elin und Luca Manaresi« stand auf dem hübschen Schildchen neben dem Klingelknopf. Als sich kurz darauf die Tür öffnete, blickte Trachsel in das Gesicht einer attraktiven lächelnden Frau. Elin Manaresi hatte sich längst daran gewöhnt, dass Männer bei ihrem Anblick zuweilen komisch reagierten. Trotz ihrer mittlerweile 52 Jahre war Elin immer noch eine umwerfende nordische Schönheit. Ihre naturblonden schulterlangen Haare, die tiefblauen Augen, die feingeschnittene Nase und die kleinen Wangengrübchen, welche sie oft mit einem freundlichen Lächeln zur Schau stellte, machten sie auf Anhieb sympathisch. Ursprünglich stammte sie aus einer reichen Familie der schwedischen Oberschicht. Sie hatte in Stockholm Betriebswissenschaft studiert und arbeitete heute in Bern als Marketingverantwortliche für ein internationales Unternehmen.

»Guten Tag, Frau Mana…resi«, stammelte Trachsel. »Entschuldigen Sie die frühe Störung. Darf ich kurz hereinkommen? Ich habe leider schlechte Nachrichten für Sie.«

»Ich weiß«, antwortete Elin. »Sie kommen wegen Siri, nicht wahr?«

Für einen Moment war Trachsel konsterniert, hatte sich aber rasch wieder gefangen.

»Ja, ich komme wegen Ihrer Tochter Siri. Man hat ihren Körper heute Morgen am Dalmaziquai unterhalb der Kirchenfeldbrücke gefunden. Tot.«

Elin Manaresi nahm die Worte völlig gefasst auf. Schweigen. Nach ein paar endlosen Momenten konnte Trachsel ein leises Nicken feststellen und sah, wie sich Elins Augen langsam mit Tränen füllten.

»Siri hat sich das Leben genommen. Hat sie sich von der Kirchenfeldbrücke gestürzt?«, fragte Elin.

»Alle Indizien deuten darauf hin«, entgegnete Trachsel.

»Dann war es doch nicht nur ein schlechter Scherz …«, murmelte Elin abwesend und blickte an Trachsel vorbei direkt in die giftgrüne Aare.

Kapitel 2

Bern, Länggassquartier, 15. November 2019, 07:20

Das Schrillen des Weckers traf Lisa in tiefstem Schlaf. Üblicherweise war der Wecker bloß Dekoration. Lisa Manaresi erwachte regelmäßig kurz vor 7.15 Uhr und stellte den verhassten Wecker aus, bevor ihr dieser mit seinem zornigen Läuten den Tag vermiesen konnte. Es war ohnehin eine unruhige Nacht gewesen. Lisa war gegen Morgen zweimal kurz hintereinander aus dem Schlaf aufgeschreckt, unmittelbar danach aber wieder eingeschlafen. Sie konnte sich weder an einen Traum und schon gar nicht an einen Albtraum erinnern. Am Vorabend hatte sie weder zu viel getrunken noch etwas Schweres gegessen. Seltsam. Lisa war für ihren Murmeltierschlaf bekannt.

Es war gegen 8.30 Uhr als sich Lisa nach einem starken Espresso auf ihr Fahrrad schwang und Richtung Innenstadt auf den Weg zur Arbeit machte. Die nächtliche Episode war bereits wieder vergessen.

Lisa war die älteste Tochter der Familie Manaresi. Sie war es gewohnt, ihren Willen durchzusetzen. Deshalb konnte sie richtig hartnäckig, manchmal auch stur sein. Daneben besaß sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einen trockenen Humor. Lisa hatte viel vom Aussehen ihrer Mutter geerbt. Einzig die Haare waren nicht blond, sondern dunkelbraun, fast schwarz. Diese Erbschaft kam zweifellos aus Italien. Ihre große Schwäche – vermutlich auch ein Erbe ihres Vaters – war italienisches Essen. Etwa seit ihrem 20. Geburtstag machten sich die Genüsse aus Bella Italia bemerkbar. Lisa brachte ein paar Pfunde zu viel auf die Waage. Für viele ihrer Freunde machte sie dies nur umso sympathischer und attraktiver.

An der Universität Freiburg hatte Lisa Kommunikationswissenschaften und Geschichte studiert und vor einem halben Jahr mit dem Master abgeschlossen. Sie arbeitete seit etwas mehr als vier Monaten als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Kriminalpolizei Bern. Lisa untersuchte zusammen mit einem kleinen Team von Spezialisten den Zusammenhang zwischen Betäubungsmittelmissbrauch und dem Begehen von Straftaten.

Als Lisa gegen 8.45 Uhr auf der Wache am Waisenhausplatz eintraf, spürte sie sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Ihr Verdacht wurde bestätigt, als sie in ihr Büro trat. Thomas Zigerli, ihr Teamkollege, mit welchem sie auch ihr Büro teilte, wartete bereits ungeduldig auf sie.

»Lisa, Lisa, du sollst dich sofort bei Trachsel melden. Er war vor ein paar Minuten hier und zeigte sich total aufgeregt.«

»Ich muss zuerst rasch eine E-Mail schreiben. Ich werde im Anschluss zu ihm gehen.«

»Er hat aber so ausgesehen, als ob es echt dringend wäre.«

»So dringend, dass es nicht zehn Minuten warten könnte, wird es kaum sein.«

»Das musst du wissen, ich habe dich jedenfalls infor…« Weiter kam Zigerli nicht.

»Frau Manaresi, hat man Ihnen nicht ausgerichtet, sich unverzüglich bei mir zu melden?«, platzte Trachsel urplötzlich in die Unterhaltung der beiden. »Kommen Sie mit, ich habe eine ultradringende Information für Sie.«

»Okay, okay, ich komme,« maulte Lisa. Widerwillig folgte sie Trachsel in sein Chefbüro.

»Wollen Sie sich setzen? Leider habe ich eine schlimme Nachricht für Sie.«

»Nein danke, ich stehe lieber.«

»Wie Sie wollen. Es tut mir leid, aber ich muss Ihnen mitteilen, dass wir heute Morgen Ihre Schwester Siri tot aufgefunden haben.« Trachsel berichtete in knappen Sätzen von der ursprünglichen Meldung des Spaziergängers, vom Leichenfund an der Aare und vom Besuch bei ihrer Mutter Elin.

»Es deutet alles auf einen Suizid hin«, meinte Trachsel. »War Ihnen bekannt, dass Ihre Schwester psychische Probleme hatte? Gab es andere Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte?«

»Was soll der Unsinn? Siri sprühte vor Lebensfreude. Sie war überall beliebt, gesund und stand mit beiden Füßen fest im Leben. Nie würde sich meine Schwester umbringen.«

»Das glaube ich Ihnen gerne, trotzdem scheint aktuell ein Suizid aufgrund des Sturzes von der Kirchenfeldbrücke die wahrscheinlichste Todesursache. Selbstverständlich werden wir auch alle anderen Möglichkeiten prüfen«, fügte Trachsel hinzu. Seine Haltung verriet Lisa, dass er den Fall schon mehr oder weniger abgeschlossen hatte. Tatsächlich gingen Trachsel genau diese Gedanken durch den Kopf.

»Es ist immer dasselbe bei diesen Suiziden. Ich bekomme stets dieselben Antworten zu hören«, entgegnete Trachsel. »Unsere Tochter, nein, nie würde sie sich das Leben nehmen. Sie ist glücklich und eine starke Persönlichkeit. Immer das Gleiche.« Zum wiederholten Mal erklärte Trachsel, was sich beim Erhalt einer schlechten Nachricht beim Empfänger abspielte. Der überhebliche, vor Selbstvertrauen strotzende Trachsel hatte keine Ahnung, dass sich dieser vermeintliche Suizid schon bald zu einem wahren Albtraum entwickeln würde.

Kapitel 3

Bern, Altenberg, 15. November 2019, 09:30

Elin hatte gerade telefonisch ihren Mann Luca über den Besuch von Trachsel und ihren Fund im Zimmer von Siri informiert. Kurz bevor Trachsel bei Elin aufgetaucht war, hatte sie auf dem Pult im Zimmer von Siri einen Brief mit der Aufschrift »Für meine Lieben« gefunden. Ein Abschiedsbrief. Elin konnte nicht glauben, dass Siri ein Problem mit dieser Welt hatte. Nie hatte sie gehört, dass Siri die Welt grausam fand oder die Menschen egoistisch. Siri war von Grund auf positiv und sah immer das Gute in den Menschen und in allen Lebenssituationen. Der Inhalt des Briefes passte so ganz und gar nicht zu ihrer Tochter. Und dennoch – es war zweifelsfrei Siris Schrift.

Sollte sie ihre Tochter dermaßen verkannt haben, ging es Elin durch den Kopf. Konnte es sein, dass sie nicht bemerkt hatte, wie Siri von Problemen erdrückt wurde? Immer wieder liest man von solchen Fällen.

Dennoch war Elin froh, Trachsel vorerst nichts über diesen Brief verraten zu haben. Ihr Ehemann Luca war da allerdings anderer Meinung.

»Wir müssen transparent mit der Polizei kommunizieren und sie in ihren Ermittlungen so gut wie möglich unterstützen«, meinte Luca, als sie mit ihm telefoniert hatte.

Er hatte recht. Er hatte fast immer recht. Aber vorhin konnte sie diesem arroganten Polizisten den Brief nicht aushändigen. Sie würde es nachholen.

Es war kurz vor Mittag, als Elin im Büro von Chefkommissar Trachsel stand. Der konnte sein Glück kaum fassen. Mit dem Abschiedsbrief war der Fall so gut wie abgeschlossen. Zur Routine gehörte noch die endgültige Identifizierung der Leiche durch die Angehörigen und die finale Bestätigung der Echtheit des Briefes. Wenn alles gut lief, wäre dies bis morgen Abend über die Bühne. Kaum hatte Elin Manaresi die Wache wieder verlassen, tippte Trachsel seine neun Lieblingsziffern ins Mobiltelefon. Heute würde er sich in seinem Lieblingsrestaurant in der Berner Altstadt eine Emmentaler Kabiswurst mit Kartoffelsalat gönnen – zur Feier des Tages. Einen schwierigen Fall hatte er einmal mehr in kürzester Zeit souverän gelöst.

Kapitel 4

Bern, Schwellenmätteli, 15. November 2019, 17:30

Lisa saß hinter der Glasfront im Restaurant Schwellenmätteli und wartete auf ihren Kollegen Thomas Zigerli. Vom eindrücklichen Rauschen der Aare, die sich weiter unten über die gewaltige Mattenschwelle wälzte, war nichts zu hören. Es schien, als wäre der Fluss verstummt.

Thomas Zigerli war in Schwarzenburg, einer Kleinstadt im Kanton Bern, aufgewachsen. Seine Eltern führten dort seit Jahrzehnten ein kleines Kleidergeschäft. Zigerli war ursprünglich ausgebildeter Bankkaufmann. Mittlerweile arbeitete er seit einigen Jahren bei der Kriminalpolizei. Bereits kurz nach Lisas Stellenantritt wurde er zu ihrem besten Arbeitskollegen. Thomas und Lisa waren ziemliche Gegensätze. Gemeinsam war ihre Schwäche für gutes Essen. Lisa war zwar nicht die geborene Sportskanone – aber man traf sie einmal in der Woche beim Indoor-Klettern. Zigerli hingegen war der Inbegriff eines Antisportlers. »Sport ist Mord«, lautete seine Devise. Er war jemand, der alle Dinge hinterfragte. Entsprechend war er häufig am Grübeln und hatte manchmal Mühe, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie waren.

Erst gegen 18 Uhr setzte sich der völlig durchnässte Zigerli an den Tisch von Lisa. Draußen hatte es im Verlauf des Nachmittags begonnen, wieder wie aus Kübeln zu schütten. Ganz so, als ob der liebe Gott die Spuren des Sturzes von Siri so rasch und so endgültig wie möglich aus der Welt schaffen wollte. In wenigen Sätzen schilderte Lisa Thomas, was sie bis anhin über den vermeintlichen Selbstmord ihrer Schwester wusste. Sie schloss mit der Bemerkung, dass sie nicht an einen Suizid glaubte.

»Und du bist dir absolut sicher, dass Siri nicht doch ein schwerwiegendes, belastendes Problem hatte?«, entgegnete Thomas.

»Ja, ich kenne Siri. Sie war nicht jemand, der Probleme mit sich herumtrug. Wenn sie etwas derart tief beschäftigt hätte, hätte sie dies mit mir geteilt. Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher.«

»Jeder Mensch hat Geheimnisse. Vielleicht wollte Siri der eigenen Familie einfach nicht zur Last fallen, gerade weil die Probleme sehr ernst waren. Sie wusste, dass so etwas die anderen Familienmitglieder stark belasten würde.«

»Du tönst, als ob du bei der Polizei arbeiten würdest. Es gibt einen vermeintlich einfachen Lösungsweg. Dieser wird von ein paar Indizien gestützt, und schon ist der Fall ohne großen Aufwand gelöst.« Lisa redete sich allmählich in Rage.

»Jetzt beruhige dich doch«, versuchte Zigerli, sie zu beschwichtigen. »Es deutet einfach alles auf einen Suizid hin. Ich verstehe ja auch, dass dies schwer zu akzeptieren ist. Und überhaupt – ja ich arbeite bei der Polizei – du übrigens auch …«

Es war diese letzte Bemerkung, welche Lisa zur Explosion brachte. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hatte sie in weniger als zehn Sekunden das Lokal verlassen. Die Zeit hatte allerdings gereicht, um dem verdutzten Zigerli den kalt gewordenen Latte Macchiato über seine beginnende Glatze zu kippen.

Auch der kalte Novemberregen konnte Lisa vorerst nicht beruhigen. Ihr italienisches Temperament, welches sie von ihrem Vater geerbt hatte, brachte sie des Öfteren in Schwierigkeiten. In der Regel waren diese Emotionen aber positiv. Sie halfen Lisa, Geschehenes zu verarbeiten. Und sie machten Lisa auch zu einer Person, welche bei allen Leuten sehr beliebt war, da sie ihre Gefühle wie ein offenes Buch mit sich herumtrug.

»Ich werde den Fall alleine aufklären«, murmelte Lisa gedankenverloren zu sich selbst. Sie beschloss, trotz des immer stärker werdenden Regens und der Dunkelheit, sich nochmals den nahen Fundort der Leiche unter der Kirchenfeldbrücke anzuschauen. Mittlerweile waren bereits alle Absperrbänder entfernt. Nichts deutete darauf hin, dass hier vor ein paar Stunden eine junge Frau zu Tode gekommen war. Wie jede Nacht verwandelte die majestätische Aare die sich spiegelnden Lichter der Stadt in glitzernde Sterne.

War Siri überhaupt durch den Sturz von der Brücke gestorben? War sie vielleicht schon vorher tot und erst danach von der Brücke geworfen worden?, ging es Lisa plötzlich durch den Kopf. Sie überlegte sich, dass es nicht schaden könnte, auf die Kirchenfeldbrücke zu steigen und sich die vermeintliche Absprungstelle genauer anzusehen. Gedacht, getan. 15 Minuten später inspizierte die bereits bis auf die Unterwäsche durchnässte Lisa den Abschnitt auf der Brücke, welcher für einen Absprung hätte infrage kommen können. Sie war erstaunt, wie breit das Fangnetz an jeder Stelle gespannt war. Es war unmöglich, direkt vom Brückengeländer über das Fangnetz in die Tiefe zu springen. Das heißt, man musste zuerst auf das Fangnetz springen, anschließend bis zu dessen Ende kraxeln und sich im Anschluss in die Tiefe stürzen. Nicht gerade die Selbstmordvariante »kurz und schmerzlos«. Da gab es in der Umgebung von Bern passendere Brücken.

Lisa leuchtete nochmals das Fangnetz mit ihrer kleinen Taschenlampe ab. Vielleicht gab es irgendwo einen Hinweis, dass hier kürzlich jemand über das Netz gerobbt war. Nichts. Lisa beschloss, das Bad im Regen zu beenden und in ihre kleine warme Studiowohnung zurückzukehren. Grübelnd machte sie sich auf den Weg Richtung Innenstadt.

Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, dass ein dunkles Augenpaar interessiert ihre Nachforschungen beim Fangnetz beobachtet hatte. Die Gestalt, zu welcher das Augenpaar gehörte, folgte Lisa in ungefähr 50 Metern Abstand. Ahnungslos erreichte Lisa ihre Wohnung in der Länggasse. Der Unbekannte war ihr bis kurz vor die Wohnungstür gefolgt. Dann verschwand er zufrieden in der Dunkelheit.

Kapitel 5

Bern, Altenberg, 16. November 2019, 03:15

Luca Manaresi war gerade wieder aus dem Tiefschlaf hochgeschreckt. Seit ungefähr drei Jahren war es aus mit seinem ansonsten sprichwörtlichen Schlaf des Gerechten. Sein ganzes Leben hatte der Vater von Lisa nie Schlafprobleme gehabt; weder in seiner Kindheit in Bologna noch während seiner Ausbildung in Schweden und schon gar nicht im beschaulichen Bern. Seit über 30 Jahren arbeitete Luca als Lastwagenchauffeur bei einer in Bern beheimateten Import-Export-Firma. Früher war er mindestens einmal pro Woche in seiner Heimat, der Emilia Romagna. Es ging um die Einfuhr von Parmesankäse, Rohschinken, italienischen Wurstwaren, Balsamico-Essig und Wein. Fiel der Transport einmal aus, gab es postwendend Katzenjammer in der Berner Gastroszene. Mittlerweile war Luca in erster Linie innerhalb der Schweiz unterwegs. Er kümmerte sich um die Belieferung von Restaurants und Spezereiläden.

Zu Beginn kamen die Albträume einmal im Monat. Mittlerweile plagten ihn diese zwei- bis dreimal pro Woche. Das Perfide daran war, dass sich Luca nicht an den Inhalt der Träume erinnern konnte. Deshalb war es sehr schwierig, die Ursache für die bösen Träume zu finden. Niemand hatte ihm bisher helfen können. Sein Hausarzt hatte es nicht geschafft, die Neurologie am Inselspital auch nicht, ebenso wenig die bekannten Schlafforscher am Universitätsspital in Zürich. Man hatte zwar herausgefunden, dass bei Albträumen bestimmte Hirnareale besonders aktiv sind: die Inselrinde und der Gyrus cinguli. Luca waren Rinde und Gyrus einerlei. Er wollte lediglich, dass ihn die schlimmen Träume nicht jede zweite oder dritte Nacht quälten. Von den Ärzten stammte einzig die Hypothese, welche besagte, dass es womöglich ein traumatisches Ereignis in der Vergangenheit gab, welches Luca noch nicht richtig mit sich selbst verarbeitet hatte. Luca wollte davon nichts wissen.

»Es gab kein Trauma. Basta!«

Er beschloss aufzustehen und ein bisschen zu lesen. Eine halbe Stunde lesen half oft. Danach fand er meistens wieder seinen Schlaf. Deshalb schnappte er sich die Berner Zeitung vom Vortag, welche noch ungelesen auf dem Küchentisch lag.

Morgen wird darin wahrscheinlich über den Suizid meiner Tochter berichtet, ging es ihm durch den Kopf.

Der Gedanke verdarb Luca die Lust aufs Zeitunglesen. Dennoch blätterte er gelangweilt von Seite zu Seite. Ein Bild auf Seite fünf ließ ihn urplötzlich aus seinen trüben Gedanken hochschrecken. Mit einem Mal glaubte Luca sein Trauma zu kennen.

Kapitel 6

Bern, Waisenhausplatz, 16. November 2019, 15:05

Trachsel dröhnte immer noch der Schädel. Aber das war es die Kabiswurst von gestern wert. Dabei war nicht die Wurst, sondern die sieben Halbe Aarebier schuld an seinen Kopfschmerzen.

»Hallo Werner, ich habe hier bereits den Obduktionsbericht von der Kirchenfeldbrücken-Leiche. Schwere innere Verletzungen durch Sturz aus großer Höhe. Frakturen an oberen und unteren Extremitäten, offener Wadenbeinbruch rechts, Risse in Lunge, Leber, Milz, diverse Darmperforationen. Multiple Schädel-Hirn-Traumata. Tönt für mich nach der perfekten Beschreibung eines Kirchenfeldbrücken-Jumpers«, konstatierte Max Obermaier, seines Zeichens Oberwachtmeister bei der Kriminalpolizei Schrobenhausen in Bayern. Obermaier absolvierte aktuell seinen sechsmonatigen Austauschdienst bei der Kriminalpolizei Bern im Rahmen einer seit fünf Jahren bestehenden Zusammenarbeit.

»Hallo, Max, du kennst dich ja bereits bestens aus mit den Brücken hier in Bern«, meinte Trachsel.

»Das ist gar nicht so einfach. Es gibt dermaßen viele Brücken, und die haben auch noch komplizierte Namen. Lorrainebrücke – und das in Bern. Tönt nach Genf oder Lausanne. Dalmazibrücke – die würde ich eher in Kroatien suchen.«

»Weißt du, Max, wir sind eben international hier in Bern. Weltoffen. Keine Hinterwäldler wie ihr in Bayern.«

»Hör mir damit auf. Manchmal habe ich das Gefühl, ihr lebt hier immer noch im Mittelalter. Bayern ist da eine ganz andere Liga. Einzig im Fußball, da seid ihr auch toll. Ihr ward schon ein paar Mal Schweizer Meister, und einen coolen Namen hat eure Mannschaft. Young Boys. Ich gebe zu, das tönt echt modern.«

»Wo du recht hast, hast du recht, Max. Steht denn sonst noch etwas Besonderes im Obduktionsbericht?«

»Nein, einfach das Übliche Routineblabla.«

»Gut, danke, dann schieb mir das Ding rüber. Ich werde das Papier heute Abend zusammen mit der Angehörigen­identifizierung unterschreiben.«

»Die habe ich auch schon dabei. Familie Manaresi war kurz nach Mittag in der Rechtsmedizin und hat ihre Tochter identifiziert. Neben den Eltern war auch noch eine Schwester der Selbstmörderin mit dabei. Eine echte Schönheit, bei der könnte ich mich vergucken.«

»Lieber Max, aus dem Alter solltest du raus sein. Die ist nichts für dich. Die steht bestimmt nicht auf 60-jährige Opas. Und ob sie deinen bayrischen biergestählten Schwabbelbauch sexy finden würde, ist auch nicht mit absoluter Sicherheit klar.«

»Mach dich nur über mich lustig. Die junge Frau hat jedenfalls fast zehn Minuten mit mir geplaudert und mich sogar gefragt, ob ich denn von der Suizidthese überzeugt sei. Da konnte ich all mein kriminalistisches Know-how gründlich vor ihr ausbreiten. Glaub mir, die war super beeindruckt von meinem Wissen. Hat einfach nur zugehört und gestaunt.«

»So, es reicht jetzt. Ich muss noch was tun. Also her mit den Schreiben, und dann wünsch ich dir was.«

Leicht verschnupft verließ Obermaier das Büro des Kommissars. Trachsel seinerseits war bereits damit beschäftigt, die Unterschriftenseiten des Obduktionsberichtes und der Leichenidentifizierung zu suchen. Den Inhalt der Dokumente würdigte er keines Blickes. Hätte er dies getan, wäre ihm womöglich im Obduktionsbericht etwas Wichtiges aufgefallen. Vielleicht auch nicht.

Kapitel 7

Bern, Länggassquartier, 16. November 2019, 19:30

Lisa saß bereits seit über einer Stunde an ihrem hübschen Küchentisch aus antikem Kirschholz. Der Tisch war einer der wenigen Luxusgegenstände, welche sich Lisa in ihrem Leben bis anhin gegönnt hatte. Sie hatte den Tisch von ihren Eltern zum Abschluss ihres Studiums geschenkt erhalten, nachdem sie diesen vorher wochenlang fast täglich im Schaufenster der Antikschreinerei Blaser in der Viktoriastraße angebetet hatte. Der Tisch hatte die Manaresis ein kleines Vermögen gekostet. Die Freude, welche Elin und Luca damit ihrer ältesten Tochter machen konnten, war es ihnen wert.

Ein sanftes Klingeln an ihrer Wohnungstür löste sie aus ihren trüben Gedanken.

Thomas, schoss es ihr durch den Kopf. Niemand sonst brachte es fertig, ihre wilde Türklingel zu zähmen und deren Töne nicht aggressiv klingen zu lassen. Die innere Ruhe, die Thomas besaß, schien sich auf die Klingel zu übertragen.

»Hallo, Thomas, tut mir leid wegen gestern Abend. Mir ging es total auf den Keks, dass alle und sogar du an einen Suizid meiner Schwester glauben.«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Vielleicht hilft der Latte Macchiato meinem Haar zu neuem Wachstum. Bedarf wäre vorhanden. Ich habe von Anfang an nicht an einen Selbstmord von Siri geglaubt, aber das konnte ich dir gestern nicht mehr sagen, so wie du aus dem Lokal gerannt bist.«

»Danke, Thomas.«

Lisa mochte Thomas sehr. Sie waren echte dicke Freunde, die sich gegenseitig (fast) alles anvertrauten. Lisa war nie in Thomas verliebt gewesen, ganz im Gegensatz zu ihm. Er vergötterte Lisa seit dem Tag, als sie sich zum ersten Mal im Dezernat getroffen hatten. Am Anfang hatte Lisa seine ungelenken Komplimente, die kleinen Geschenke und die fast unterwürfige Hilfsbereitschaft genossen. Als Thomas sie auf dem gemeinsamen Nachhauseweg von einer Grillparty mit den Dezernatskollegen urplötzlich in einen dunklen Hauseingang drückte und seine feuchte Hand auf ihre rechte Brust drückte, schien die gemeinsame Freundschaft eigentlich für immer in Brüche gegangen zu sein. Dem plumpen Annäherungsversuch von Zigerli hatte Lisa mit einem überaus entschiedenen Tritt in Thomas’ Schritt ein jähes Ende gesetzt. Zigerli verbrachte im Anschluss zwei Tage im Spital. Ein gequetschter Hoden sowie zahlreiche Hämatome waren die unrühmliche Ausbeute seiner kopflosen Avancen. In den Wochen danach verlor Zigerli sieben Pfund an Gewicht, weil er vor lauter Kummer kaum mehr etwas aß. An sich wäre dies gar keine so schlechte Sache gewesen, wäre nicht die große Traurigkeit und die depressive Verstimmtheit hinzugekommen. Nach fünf Wochen hatte Lisa ein Einsehen. In einer über vier Stunden dauernden Aussprache verständigten sich die beiden darauf, wie ihre Freundschaft in Zukunft auszusehen hatte und wie nicht. In der Zwischenzeit hatte sich Zigerli damit abgefunden, dass Lisa für ihn unerreichbar war. Er genoss ihre gemeinsame Zeit und war glücklich, oft mit Lisa zusammen sein zu können.

»Gestern Abend habe ich nochmals die Kirchenfeldbrücke und die Fangnetze untersucht«, begann Lisa. »Ich konnte nirgends eine noch so kleine Spur einer Beanspruchung durch eine Person entdecken. Ich bezweifle immer mehr, dass Siri von der Brücke gestürzt ist. Weder gewollt noch durch Fremdeinwirkung.«

»Im Grunde gibt es drei mögliche Szenarien«, meldete sich nun Zigerli zu Wort. »Erstens: Siri hat sich selbst von der Brücke gestürzt. Wenn ja, bleibt immer noch die Frage, ob in suizidaler Absicht oder ob sie von jemandem dazu gezwungen wurde. Zweitens: Siri wurde bereits vorher umgebracht und anschließend von der Brücke geworfen.«

»Diese Möglichkeit scheint mir bei der Breite der Fangnetze reichlich unwahrscheinlich. Außer, jemand hätte sich die Mühe gemacht, selber mit einer Leiche auf die Fangnetze zu steigen und diese anschließend in die Tiefe zu befördern.«

»Da magst du recht haben«, pflichtete Zigerli Lisa bei. »Allerdings müssen wir alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, schließlich sind wir nun die Ermittler. Drittens: Siri wurde anderswo von großer Höhe in die Tiefe gestürzt. Auch bei dieser Möglichkeit kann sie sich durch den Sturz die tödlichen Verletzungen zugezogen haben oder sie wurde bereits vorher umgebracht und im Anschluss in die Tiefe gestürzt, um exakt einen Sturz von einer Brücke vorzutäuschen.«

»Das heißt, wir haben im Grunde vier Optionen«, präzisierte Lisa.

»Ja, wenn du so willst, sind es vier Optionen.«

»Die Möglichkeit, dass Siri gar nicht von der Kirchenfeldbrücke gestürzt ist, sondern dass ihre Leiche unterhalb der Brücke deponiert wurde, um einen Sturz vorzutäuschen, ist mir heute Nachmittag auch eingefallen. Der Abschiedsbrief von Siri passt aber nicht richtig dazu. Dieser deutet doch auf einen Suizid hin.«

»Hast du den Brief mit eigenen Augen gelesen? Ist dir dabei nichts Verdächtiges aufgefallen? Theoretisch könnte der Brief auch von jemand anderem geschrieben worden sein«, mutmaßte Zigerli.

»Ich konnte den Brief noch nicht persönlich sehen. Du hast recht. Der Brief könnte uns weiterbringen. Er ist immer noch bei meinen Eltern. Kommst du mit?«

»Wenn es für deine Eltern okay ist.«

»Thomas, es ist für meine Eltern okay.«

Seit seinem Fiasko nach der Grillparty hatte Zigerli Hemmungen, die Eltern von Lisa zu besuchen. Bei der Begrüßung stieg ihm jedes Mal die Schamröte ins Gesicht, und er fühlte sich wie ein begossener Pudel. Lisa hatte ihm 1000 Mal versichert, dass die Affäre ein Geheimnis zwischen ihr und Thomas sei und selbst ihre Eltern nichts davon wüssten. Zigerli war sich dessen nicht so sicher. Die Begegnungen waren für ihn deshalb Teil der Buße für seinen Sündenfall.

Von Lisas Studio bis zur Wohnung ihrer Eltern waren es weniger als 20 Minuten zu Fuß. Bereits wenige Sekunden nach dem Klingeln öffnete eine sichtlich erfreute Elin die Tür.

»Hallå Mamma, dürfen wir kurz reinkommen?«

»Schön, euch beide zu sehen, kommt rein. Coccolone ist auch da.«

Mit Coccolone war Luca gemeint. Es war sein Kosename und bedeutete auf Deutsch so viel wie Kuschelbär. Wenn die Manaresis unter sich waren, genossen sie es, sich in einem oft wilden Mix aus Schwedisch, Italienisch und Deutsch zu unterhalten. Als Coccolone hörte, dass Lisa im Anmarsch war, hellte sich sein trauriges Gesicht schlagartig auf. Es bestand eine besondere Beziehung zwischen Luca und seiner ältesten Tochter. Die beiden waren sich sehr ähnlich. Deshalb verstanden sie sich in vielen Situationen, ohne miteinander sprechen zu müssen. In einem Punkt unterschieden sie sich aber grundlegend: Lisa war von Natur aus dominant. Sie hielt gerne die Zügel in der Hand und war glücklich, wenn sie ihren Willen durchsetzen konnte. Diese Seite hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Luca hingegen war der sanfte, konfliktscheue und herzliche Padre – ein Coccolone eben.

Nach einer herzlichen Begrüßung lenkte Lisa die Unterhaltung rasch in Richtung Abschiedsbrief. Der Originalbrief war tatsächlich noch bei ihren Eltern. Zwar hatte Trachsel darauf bestanden, das Original mitzunehmen und eine Kopie bei der Familie Manaresi zu belassen. Er hatte die Rechnung ohne Elin gemacht. Trachsel hatte kurz versucht, seine polizeiliche Autorität spielen zu lassen. Er war damit bei Elin ungefähr so sang- und klanglos gekentert wie ein Schlauchboot im Aarehochwasser.

Ungeduldig wartete Lisa darauf, dass ihre Mutter ihr den Abschiedsbrief endlich aushändigte.

»Danke, Mamma, Thomas und ich werden uns wahrscheinlich eine Weile mit dem Brief beschäftigen.« Mit diesen Worten verschwanden die beiden ins ehemalige Zimmer von Lisa, welches jetzt als Gästezimmer diente.

Mindestens fünf Mal lasen Lisa und Zigerli den Brief. Es war ohne Zweifel die Handschrift von Siri. Der Brief war ein Original, keine Kopie. Er war mit Tinte geschrieben, fast so, als ob der Abschied stilvoll und nicht billig vonstattengehen sollte. Jedes Wort legten sie auf die Waagschale, sie hinterfragten jede Formulierung und suchten nach versteckten Hinweisen. Nichts. Deprimierend.

Die Tatsache, dass der Brief echt zu sein schien, stützte natürlich die Hypothese des Suizids. Die Stimmung war am Boden.

Und dennoch – irgendetwas in Siris Abschiedsbrief war nicht stimmig. Ganz tief in ihrem Unterbewusstsein erkannte Lisa eine Lampe. Sie leuchtete rot.

Kapitel 8

Bern, Waisenhausplatz, 17. November 2019, 12:30

Die Nacht war niederschmetternd gewesen, ebenso der Morgen. Es gab einen Abschiedsbrief, der auf einen Selbstmord hindeutete, und es gab einen Leichenfundort, welcher diese Hypothese ebenfalls stützte.

Hatte Trachsel doch die richtigen Schlüsse gezogen?, musste sich Lisa eingestehen.

»Hallo, Lisa, wie stehen die Ermittlungen?«, platzte Zigerli in Lisas Mittagsmeditation. Ein kurzer Blick von ihr genügte, und Zigerli bereute seine unterschwellige Provokation.

»War nicht so gemeint«, versuchte er, sich aus der Affäre zu ziehen.

»Setz dich und lass uns noch einmal alles im Detail durchgehen«, entgegnete Lisa gereizt.

Zusammen gingen Lisa und Zigerli nochmals chronologisch alle Geschehnisse und Indizien durch. Sie merkten gar nicht, dass die Mittagspause eigentlich längst vorüber war. Schließlich war es Lisa, welche eine entscheidende Eingebung hatte.

»Ein Puzzleteil haben wir noch nicht im Detail geprüft: die Leiche.«

Außer dem kurzen Augenblick bei der Identifizierung von Siris Leiche, hatte Lisa die sterblichen Überreste ihrer Schwester nicht zu Gesicht bekommen. Würde dort vielleicht ein entscheidender Hinweis zu finden sein? Morgen war die Abschiedsfeier geplant und übermorgen bereits die Kremation. Von ihren Eltern wusste Lisa, dass der Leichnam von Siri in der Rechtsmedizin direkt in den Sarg gelegt und dieser anschließend endgültig verschlossen wurde. Das alles hieß, die Leiche war längstens bis morgen früh noch auf der Rechtsmedizin. Auch wenn sie die Schwester von Siri war, würde es verdammt schwierig werden, in der Rechtsmedizin Zugang zur Leiche zu erhalten, es sei denn, die Kriminalpolizei hätte ein entsprechendes Gesuch ausgestellt.

»Trachsel muss mir ein solches Gesuch zur Leichenschau und zur Einsicht in den Obduktionsbericht unterzeichnen«, murmelte Lisa mehr zu sich als zu ihrem Partner.

»Das wird er dir nie im Leben unterschreiben«, entgegnete Zigerli.

Er mochte recht haben. Zum einen hatte Trachsel den Fall bereits abgeschlossen, und zum anderen hatte er mit Lisa noch eine Rechnung offen. Der Oberkommissar hatte am letztjährigen Weihnachtsessen der Kriminalpolizei spätabends einen eindeutigen Flirtversuch bei Lisa gelandet. Flirtversuch war allerdings etwas untertrieben. Er hatte versucht, Lisa vor der Damentoilette zu küssen. Genau wie Zigerli musste der stark angetrunkene Trachsel auf äußerst schmerzhafte Weise mit der Wehrhaftigkeit der ältesten Manaresi-Tochter Bekanntschaft machen. Resultat seines stümperhaften Annäherungsversuchs waren ein blaues Auge und ein zerrissenes Hemd. Das Schlimmste aber waren Spott und Hohn der Arbeitskollegen. Noch Wochen nach der Feier hatte Trachsel das Gefühl, dass ein schadenfrohes Lächeln über die Gesichtszüge seiner Arbeitskollegen huschte, wenn er diesen im Büro begegnete. Obwohl seit dem Fiasko schon fast ein Jahr vergangen war, hatte sich bis anhin leider noch keine gute Gelegenheit ergeben, um an dieser hochnäsigen Praktikantin Rache zu nehmen. Zwar war Lisa als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt, Trachsel bezeichnete sie aber absichtlich und despektierlich als Praktikantin. Wegen der offenen Rechnung wartete Lisa täglich darauf, dass er ihr einen gehörigen Stock zwischen die Räder werfen würde.

Einen Gefallen von ihm zu verlangen und auch zu erhalten, dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Nahezu hoffnungslos. Es sei denn, man kannte die Schwächen seines Widersachers und drehte den Spieß um. Lisa hatte eine Idee, wie sie den Groll Trachsels möglicherweise in eine Gefälligkeit umwandeln konnte. In wenigen Worten schilderte sie Zigerli ihren Plan.

»Bist du wahnsinnig? Das wird niemals klappen. Willst du dir das wirklich antun? Mit diesem Ekel?«, meldete Zigerli seine Zweifel an.

»Thomas, du kennst mich inzwischen gut. Wenn ich ein Ziel habe, dann erreiche ich dieses auch«, posaunte Lisa selbstbewusster, als ihr zumute war.

Es war inzwischen fast 15 Uhr– die Zeit drängte. Lisa und Zigerli verließen den kleinen Pausenraum und hofften, dass niemand etwas von ihrer überlangen Mittagspause mitbekommen hatte. Unbemerkt erreichte Lisa ihr kleines Büro. Vielleicht würde heute doch noch ihr Glückstag werden. Die Wache war wie ausgestorben, sodass Lisa unbemerkt ihre Sporttasche schnappen und sich zum Umkleideraum im ersten Untergeschoss aufmachen konnte. Lisa wusste, dass Trachsel trotz der happigen Abfuhr jederzeit und ohne zu zögern für ein Schäferstündchen mit ihr alles fallen und liegen lassen würde. Je sichtbarer sie ihre weiblichen Formen zur Schau stellte, desto einfacher würde es werden. Deshalb stürzte sich Lisa in ihre hautengen Lauftights und streifte sich ein pinkfarbenes Laufshirt über. Ab jetzt half nur noch gute Schauspielkunst und Beten.

Ab in die Höhle des Löwen.

Zuerst schien es, als ob ihre Glückssträhne weiter anhalten würde. Trachsel war in seinem Büro alleine und gerade damit beschäftigt, einen Schokoladeriegel in sechs gleichgroße Bissen zu zerschneiden. In der nächsten Stunde würde er sich alle zehn Minuten eine verdiente Stärkung gönnen. Er betrachtete gerade zufrieden sein Werk, als eine schlimm humpelnde Lisa in sein Büro platzte.

»Herr Trachsel, es tut mir leid, dass ich einfach so bei Ihnen hereinschneie. Ich wollte heute ein bisschen früher Feierabend machen und noch bei Tageslicht eine Joggingrunde an der Aare drehen. Beim Hinausgehen bin ich unten an der Treppe gestolpert und habe mir den Knöchel verdreht. Es tut höllisch weh«, mimte Lisa mit schmerzverzerrtem Gesicht den sterbenden Schwan. Sie spielte ihre Rolle perfekt.

»Dann wird es wohl nichts mit dem Rumrennen«, blaffte Trachsel. Er konnte ohnehin nicht verstehen, wie sich jemand freiwillig mehrmals pro Woche bei Wind und Wetter durch die Gegend kämpfte.

»Sie sind doch quasi unser Arzt hier auf der Wache. Ihre Kollegen nennen Sie nicht ohne Grund Doktor Trachsel.« Er hatte zwar die obligatorischen Samariter- und Reanimationskurse besucht. Mehr aber nicht. Das Zertifikat für den Reanimationskurs hatte er sogar verpasst, da er beim Schlusstest die geforderten 80 Prozent an richtigen Antworten mit 47 Prozent knapp verfehlt hatte. Von Arzt konnte keine Rede sein. Von Medizinbanause hingegen schon.

»Ich soll der Dame also den Fuß untersuchen? Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie eng der Terminplan eines Dezernatsleiters aussieht? Ich stelle fest, Sie haben keinen blassen Schimmer, unter welchem Druck ich tagtäglich hier den Laden am Leben erhalte.«

Die Arroganz von Trachsel erstaunte Lisa immer wieder von Neuem. Das Ausmaß an Selbstüberschätzung schien kaum mehr übertreffbar. Dennoch schaffte es Trachsel, sich diesbezüglich immer wieder auf eine neue unrühmliche Ebene zu hieven.

»Natürlich ist mir klar, wie viel Sie zu tun haben. Ich bin gerade ein bisschen verzweifelt, weil ich mit meinem verletzten Fuß nicht einmal Fahrrad fahren kann und nicht weiß, an wen ich mich wenden soll.« Diese Worte hauchte Lisa förmlich über Trachsels Pult, nicht ohne dabei ihre Reize ins beste Licht zu rücken. Für einen Moment konnte Lisa ein lüsternes Flackern in seinen Augen erkennen, und Trachsels Zunge strich kurz über seine Lippen.

Der Fisch hatte angebissen.

»Ich bin einfach zu hilfsbereit. Wenn ich Sie hier jetzt verarzte, heißt es für mich wieder Überstunden schieben. Aber kommen Sie schon, zeigen Sie Ihr Pfötchen mal her.«

Lisa humpelte zu seinem Schreibtisch und setzte sich direkt vor ihm auf den Tisch. Die plötzliche Nähe machte Trachsels Mund ganz trocken. Zufrieden stellte Lisa fest, dass bis jetzt alles nach Plan lief. Lisa hob nun leicht ihr rechtes Bein und hielt Trachsel ihren Fuß mit einem leidenden Blick direkt vor seine Nase. Trachsel seinerseits hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte – medizinisch gesehen. Diesen Verdacht hatte auch Lisa.

»Können Sie sich bitte meinen Knöchel und das Sprunggelenk ansehen. Sie werden mir dann sicherlich sagen können, was am besten zu tun ist.« Um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen berührte Lisa mit ihrer großen Zehe ganz kurz die Nasenspitze von Trachsel. Genau in dem Augenblick, als er aufstand, um sich den Fuß doch anzusehen, ließ sich Lisa rücklings auf den Schreibtisch fallen. Sie lag nun auf Trachsels Schreibtisch, das rechte Bein in Richtung Trachsel ausgestreckt.

»Herr Trachsel, bevor Sie mit der Untersuchung beginnen. Mir ist da gerade noch etwas anderes, Dringendes eingefallen. Morgen wird meine verstorbene Schwester auf der Rechtsmedizin eingesargt. Für mich wäre es sehr wichtig, dass ich sie noch einmal sehen und mich persönlich von ihr verabschieden kann. Ich habe diese Art, sich von einem Verstorbenen zu verabschieden, von meinen Eltern als Kind mitbekommen, und wir haben dies als Familie stets so gelebt. Meine Eltern konnten Siri heute Morgen nochmals sehen. Verstehen Sie mich?«

Trachsel konnte nicht. Trachsel war inzwischen auf Betriebstemperatur und hatte seine eigenen, völlig andersartigen Ziele.

»Können Sie mir eine entsprechende Bewilligung ausstellen, damit ich heute Abend oder morgen in der Früh nochmals zu meiner Schwester kann?«

Im Grunde hatte Trachsel ganz und gar keine Lust, Lisa dieses Schreiben auszustellen. Eigentlich wäre dies eine perfekte Chance, um mich bei dieser arroganten Dame, zumindest ein erstes Mal, für die erlittene Schmach zu revanchieren, sinnierte Trachsel.

Die Aussicht auf ein bevorstehendes Abenteuer, welches sich im Grunde pfannenfertig auf seinem Schreibtisch präsentierte, trübte Trachsels Sinne.

»Also gut, ich unterschreibe Ihnen den Wisch. Das ist aber eine einmalige Ausnahme, die Sie ausschließlich meiner Gutmütigkeit und meinem Altruismus zu verdanken haben.«

Lisa konnte ihr Glück kaum fassen. Sie war am Ziel. Fast.

»Zuerst schauen wir uns aber das verletzte Füßchen an«, zwitscherte Trachsel und schnappte sich Lisas rechten Fuß. Bevor sich Trachsel weiter mit Lisas Bein beschäftigen konnte, war diese mit einem lauten Schmerzensschrei wie ein unter Spannung stehender Bogen aufgeschnellt und stand jetzt mit leidendem Blick direkt vor Trachsel.

»Himmelherrgott, wie soll ich Sie so untersuchen? Sie müssen schon ein bisschen stillhalten«, wetterte Trachsel.

»Es tut mir leid, aber der Fuß schmerzt schrecklich«, versuchte ihn Lisa zu beruhigen. Langsam begann sich bei ihr Panik breitzumachen. Sie hatte sich in eine ausweglose Situation geritten. Die Aussicht, was in den nächsten Minuten folgen konnte, wollte sich Lisa nicht weiter ausmalen. Ihr Hirn arbeitete fieberhaft.

Trachsel setzte zu einem nächsten Untersuchungsversuch an. Er stieß die überraschte Lisa gleichzeitig an beide Schultern, sodass diese nach hinten auf die Schreibtischplatte kippte und dort unsanft mit dem Kopf aufschlug. Trachsel schien dies nicht zu bemerken, und wenn, dann ignorierte er es. Er war wie ein wilder Stier nur noch mit sich und seinen Trieben beschäftigt. Er nestelte ungelenk an seinem Polizeigurt. Exakt in dem Moment, als Trachsels Diensthose auf den sauber gescheuerten Linoleumboden hinunterrauschte, tauchte Zigerlis Kopf im Türrahmen von Trachsels Büro auf. Ihm bot sich ein filmreifes Bild. Eine attraktive Brünette in einem sexy Sportdress lag auf dem Rücken auf einem Schreibtisch. Dahinter befand sich ein Polizist in Diensthemd und Unterhosen, welcher gerade im Begriff war, über seine heruntergelassenen Hosen zu stolpern.

»Entschuldigung, Herr Trachsel. Ich wollte Sie bloß kurz fragen, ob der Termin für mein Mitarbeitergespräch mit Ihnen morgen um 9 Uhr für Sie passt. Sie haben mir den Termin nämlich noch nicht bestätigt.« Ein besserer Vorwand war Zigerli nicht eingefallen.

»Zigerli, Sie Vollidiot! Raus aus meinem Büro! Raus!« Es herrschte plötzlich dicke Luft.

Unter entschuldigendem Gemurmel verschwand Zigerli so plötzlich, wie er aufgetaucht war. Lisa war inzwischen wieder vom Tisch aufgestanden. Ihr brummte noch leicht der Kopf, aber sie war unendlich froh über Zigerlis Kurzbesuch. Weshalb Zigerli genau im richtigen Moment als Erlöser auftauchte, war Lisa ein Rätsel, einen Verdacht hatte sie allerdings. Egal.

Trachsel hatte seine Kleidung in der Zwischenzeit wieder den Dienstvorschriften angepasst – zumindest beinahe. Außer dem Zipfel seines hellblauen Diensthemdes, welcher keck aus dem noch immer offenen Hosenladen lugte, saß die Dienstmontur perfekt. Seine Abenteuerlust hingegen war am Boden.

Statt ein erfolgreicher Racheengel, war er wieder der Blödmann. Es ging jetzt nur noch darum, ohne weiteren Gesichtsverlust aus der Sache rauszukommen. Einer seiner brillanten Einfälle würde ihn retten. Es kam aber kein Einfall – zumindest nicht von ihm.

»Herr Trachsel, wenn Sie mir jetzt gleich die Bewilligung für die Rechtsmedizin ausstellen, bin ich in zwei Minuten weg und habe alles Geschehene für immer vergessen. Ich werde Thomas Zigerli bitten, mich in den Notfall eines der Berner Spitäler zu fahren.«

»Und wenn Sie es sich morgen doch anders überlegen?«, entgegnete der zweifelnde Trachsel.

»Bewilligung mit Unterschrift oder Anzeige wegen … Sie wissen was ich meine. Das ist mein Deal. Unverhandelbar.«

Keine zehn Minuten später tauchte Lisa, frisch umgezogen, in Zigerlis Büro mit Sporttasche und unterschriebener Bewilligung für die Rechtsmedizin auf.

»Thomas, kannst du mich sofort zur Rechtsmedizin fahren? In etwas mehr als einer Stunde machen die den Laden dicht. Ich muss um alles in der Welt vorher die Leiche meiner Schwester noch einmal sehen.«

»Die Worte Danke und Bitte scheinst du nicht zu kennen. Ich habe dir doch gesagt, dass es mit der Bewilligung bei Trachsel nie klappen wird«, entgegnete Zigerli leicht verschnupft.

»Habe ich die Bewilligung oder habe ich sie nicht?«, konterte Lisa gereizt.

»Wenn ich nicht mein Leben riskiert hätte, hättest du …«

»Ist ja gut, ich will mir gar nicht ausmalen, was hätte sein können, wenn du nicht den Termin für dein Mitarbeitergespräch vorhin mit Trachsel geklärt hättest. Danke, Thomas. Du warst echt ein Engel. Lass uns nun aber aufbrechen, wir können die Zeit in der Rechtsmedizin besser nützen, als uns hier zu streiten.«

Die übel gelaunte Dame an der Loge am Institut für Rechtsmedizin warf nur einen flüchtigen Blick auf das Gesuch. Dienststempel und Unterschrift von Kommissar Trachsel wurden gar nicht geprüft. Kurz ging Lisa durch den Kopf, dass sie sich den ganzen Zirkus hätte sparen können. Aber wer konnte schon wissen, dass mittlerweile auch in der Behördenstadt Bern einige Beamte eine ziemlich lasche Arbeitsmoral an den Tag legten.

Am Institut für Rechtsmedizin in Bern gab es acht Abteilungen. Die sterblichen Überreste von Siri befanden sich auf der Abteilung für forensische Medizin und Bildgebung. Mittlerweile war es bereits fast 16.30 Uhr. Lisa hoffte, dass die Mitarbeiter auf der forensischen Medizin eine bessere Arbeitsdisziplin zeigten als ihre Kollegin an der Loge. Die nüchternen Buchstaben »Forensische Medizin und Bildgebung« an der gelblich-braun verfärbten Glastür passten zu den hier stattfindenden Tätigkeiten. Obduktionen, histopathologische Untersuchungen, aber auch Abklärungen mit modernster Technik wie zum Beispiel die Dokumentation von Körper- und Objektbefunden mittels 3D optischem Oberflächenscanning oder Computertomographie. Zigerli lief ein Schauer über den Rücken. Am liebsten wäre er einfach abgehauen. Lisa schien seine Gedanken zu lesen.

»Komm, Thomas, lass uns endlich reingehen.«

Lisa drückte die Klinke der Abteilungstür und betete, dass sie nicht bereits verschlossen war. Die Tür war noch offen. Lisa und Zigerli schlüpften in den armselig beleuchteten Gang und hofften, auf einen Mitarbeitenden der Abteilung zu treffen. Weit und breit niemand. Totenstille.

»Es scheint, dass wir Tür für Tür abklappern und darauf hoffen müssen, noch einen pflichtbewussten Angestellten beim Leichenwaschen anzutreffen«, stellte Lisa lapidar fest. Die Bemerkung raubte Zigerli das letzte bisschen Motivation. Gerade als Lisa bei der ersten Tür ansetzen wollte, ging zwei Räume weiter eine solche auf. Auf den Gang trat eine vollständig in Weiß gekleidete Frau im mittleren Alter. Bei genauerem Hinsehen erkannten Lisa und Zigerli, dass die Kleidung doch nicht ganz weiß war. Überall befanden sich rote Spritzer. Es war davon auszugehen, dass es sich um Blutspritzer handelte.

»Was suchen Sie hier?«, raunte die Frau. Sie sprach mit einem starken slawischen Akzent. Ihre Körpersprache und ihr Tonfall sagten indessen: »Raus hier.«

»Das wird nicht einfach, auch mit Trachsels Bewilligung«, konstatierte Lisa.

»Wir kommen von der Berner Kriminalpolizei, Dezernat Leib und Leben. Hier ist ein Schreiben von Oberkommissar Trachsel. Wir wollen uns nochmals die Leiche der heute eingelieferten jungen Frau von der Kirchenfeldbrücke ansehen.«

»Da gibt es nichts mehr zu sehen«, blaffte die Frau in Rot-Weiß. »Die Leiche war mehr ein Fleischhaufen als ein Personenkörper. Sie ist bereits eingesargt. Der Sarg ist verschlossen.«

»Jälva skit!1 Die Einsargung war erst für morgen früh geplant. Haben Sie denn keine Dienstvorschriften?«

»Bleiben Sie schön auf dem Boden. An der Leiche gibt es nichts mehr zu untersuchen. Die Todesursache steht eindeutig fest: Sturz aus großer Höhe. Ich würde sagen, mindestens 50 Meter ist die gute Frau runtergesaust.«

»Die gute Frau war meine Schwester. Danke, dass Sie so respektvoll von ihr sprechen.«

»Oh, das tut mir leid«, stammelte die sichtlich beschämte Rechtsmedizinerin.

»Machen Sie sich keinen Kopf. Sie können mir helfen, indem Sie den Sarg nochmals öffnen.«

»Das geht nicht. Den Sarg könnte höchstens mein Vorgesetzter, Professor Entomon, öffnen. Der ist aber vor knapp zwei Stunden in den Zug nach Zürich gestiegen. Er reist zu einem internationalen Cnidarien-Kongress.«

»Cnida… was?«, stammelte Lisa.

»Cnidarien sind Nesseltiere. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Quallenarten, Korallen und Seeanemonen. Ich kann Ihnen einzig den Obduktionsbericht aushändigen. Die Leiche wurde sorgfältig und professionell von uns untersucht. Alle Erkenntnisse stehen in dem Bericht. Und ich garantiere Ihnen, Sie würden nichts finden, was wir nicht bereits entdeckt haben.« Lisa konnte es nicht fassen. Nur wenige Meter von den sterblichen Überresten ihrer Schwester entfernt sollte sie diese nicht mehr zu Gesicht bekommen. Es entsprach ganz und gar nicht ihrem Naturell, in solchen Situationen klein beizugeben. Fieberhaft überlegte sie, was sie noch tun könnte. Es fiel ihr nichts ein. Kein Gedanke, keine Idee. Von Zigerli kam auch nichts. Der Flopp des Tages.

»Also gut, dann geben Sie uns bitte den Obduktionsbericht«, hörte sich Lisa sagen. Dabei wäre sie am liebsten in den Kühlraum gerannt und hätte den Sarg ihrer Schwester einfach aufgebrochen.

Zwei Minuten später saßen Lisa und Zigerli an einem Tisch im Obduktionssaal Nummer zwei und brüteten über dem dreiseitigen Obduktionsbericht. Wie jeder Tod, welcher nicht auf ein natürliches Geschehen zurückzuführen war, wurde auch Siris Ableben als sogenannter außergewöhnlicher Tod eingestuft. Jeder der jährlich gegen 1000 außergewöhnlichen Todesfälle im Kanton Bern musste von Gesetzes wegen einer Leichenschau unterzogen werden. Dabei handelte es sich um eine ärztliche Besichtigung einer verstorbenen Person mit dem Ziel, die ärztliche Todesbescheinigung auszustellen. Die Leichenschau erforderte die persönliche Untersuchung des entkleideten Leichnams zwecks Feststellung von Todeszeichen und Verletzungen. Der Arzt musste ferner Gewissheit über die Identität der verstorbenen Person haben und die Todeszeit schätzen.

Lisa schauderte. Man musste eine dicke Haut besitzen, um einen solchen Job zu meistern.

Wie nicht anders zu erwarten, enthielt der Bericht nur nüchterne und zähe Rechtsmedizinerphrasen. Dazu das übliche Chirurgenchinesisch. Auch wenn sich im Dokument etwas Auffälliges befand, Lisa und Zigerli würden dies kaum entdecken.

»Multiple Frakturen des Corpus femoris rechts. Conquassatio von Schien- und Wadenbein beidseits«, las Lisa.

Die beiden Ermittler kämpften sich tapfer durch das Dokument.

»Blasen wir die Übung ab. Ich lade dich zu Roastbeef und Pommes ins Restaurant Schwarzwasserbrücke ein«, versuchte Zigerli, Lisa auf andere Gedanken zu bringen.

»Ich fasse es nicht. Da versucht man, die letzte Chance auf Aufklärung des Todes seiner Schwester zu nutzen, und du denkst an nichts anderes als ans Fressen«, fauchte die kurz vor einer Explosion stehende Lisa. Eigentlich war sie schon explodiert. Ihr tat die impulsive Antwort bereits in dem Moment leid, als sie diese Zigerli an den Kopf warf. Die Reaktion verfehlte ihre Wirkung nicht. Zigerli knickte ein wie ein umgemähter Grashalm.

»Ich habe es nicht so gemeint, Thomas, aber der Bericht ist die letzte Chance, vor der Bestattung von Siri noch etwas herauszufinden.«

Kaum hatte Lisa die Situation zwischen ihr und ihrem Kollegen beruhigt, hörten sie, wie sich die Tür zum Obduktionssaal öffnete und die Rechtsmedizinerin mit dem roten Dalmatinerkittel verkündete, dass das Institut in fünf Minuten schließe und sie den Obduktionsbericht wieder zurückhaben müsse.

»Geben Sie uns noch zehn Minuten«, bat Lisa verzweifelt.

»Das geht leider nicht. Ich bin mit meiner Tochter verabredet, wir fahren ins Emmental zum Essen. Im Restaurant Rössli in Schafhausen gibt es heute Kalbsnieren, so viel man essen mag. Tut mir leid, maximal vier Minuten.«

Lisa fragte sich, wie jemand den ganzen Tag Leichen obduzieren und am Abend Kalbsnieren essen konnte. Dabei vergaß sie weiter zu verhandeln. Erst als hinter der hinauseilenden Rechtsmedizinerin die Tür wieder krachend ins Schloss fiel, fasste Lisa wieder einen klaren Gedanken. Ein seriöses Studium des Dokuments war nicht mehr möglich. Am liebsten hätte sie einfach drauflos geheult. Zigerli blätterte gerade auf Seite zwei, als Lisa ein komischer lateinischer Ausdruck in die Augen sprang.

»Hydrurus foetidus (goldbraune Alge)« stand in der viertuntersten Zeile auf der zweiten Seite des Berichts. Rasch überflog Lisa den gesamten Abschnitt. Im Haar von Siri wurden offensichtlich Teile dieser Alge gefunden. Die Alge kam in kleinen bis mittelgroßen Flüssen im Schweizer Mittelland vor.

Kleine bis mittelgroße Flüsse, ging es Lisa weiter durch den Kopf. Intuitiv hätte Lisa Siri mit der Aare in Verbindung gebracht, auch wenn die Leiche neben dem Fluss gefunden worden war. Die Aare war aber kein kleiner bis mittelgroßer Fluss. Sie war der längste gänzlich innerhalb der Schweiz verlaufende Fluss.

Ein großer Fluss.

Vielleicht kommt die Hydrurus Alge auch in der Aare vor?«, spekulierte Lisa. Dennoch, eine innere Stimme flüsterte ihr zu, dass hier etwas nicht zusammenpasste. So sehr sich Lisa bemühte, die Ungereimtheit zu konkretisieren, ihr fiel nichts ein.

»Ich muss Sie jetzt endgültig bitten, das Institut zu verlassen«, beendete die Kalbsnierenliebhaberin die Gedankenspiele von Lisa.

Außerhalb des Instituts warteten finstere Dunkelheit und bittere Novemberkälte auf Lisa und Zigerli.

»Ein paar Pommes in der Schwarzwasserbrücke wären doch keine schlechte Idee«, meinte Lisa plötzlich kleinlaut zur großen Überraschung von Zigerli. Der ließ sich in Aussicht auf ein schon entschwunden geglaubtes leckeres Abendessen nicht zweimal bitten.

Die Algengeschichte beschäftigte Lisa auch während des Essens. Am Tisch herrschte Stille.

Zigerli widmete sich mit Inbrunst seinem Roastbeef und später auch Lisas Gericht. Sie hingegen brütete in Gedanken weiter über dem Besuch in der Rechtsmedizin.

»Thomas, ich denke, ich weiß jetzt, was mich gestört hat. Die Alge in Siris Haar. Wie kommt Ende November eine Alge in die Haare meiner Schwester?«

»Vielleicht war sie kurz in der Aare – Vorbereitung für das Weihnachtsschwimmen.«

»Das könnte tatsächlich sein, Siri ist praktisch das ganze Jahr über in der Aare gewesen. Aber die Aare ist kein kleiner oder mittelgroßer Fluss. Das heißt, die Alge müsste aus einem kleineren Fluss stammen, zum Beispiel aus …«

»… der Sense!«

»Du hast’s erfasst. Thomas, ich habe eine Hypothese, wie sich der Tod meiner Schwester erklären lässt. Lass uns die Rechnung begleichen. Wir fahren im Anschluss kurz an die Sense.«

»Lisa, wir haben den 17. November, es ist stockdunkel, und draußen ist es arschkalt.« Thomas war von vornherein klar, dass er damit Lisa nicht umstimmen konnte. Aber sich kampflos herumkommandieren zu lassen, ging auch nicht.

Eine Viertelstunde später parkierten Lisa und Thomas den kleinen knallroten Fiat Cinquecento in der Nähe der kleinen Steinbrücke nicht weit von der großen Schwarzwasserbrücke entfernt. Auf der Strecke von Bern nach Schwarzenburg führt die 65 Meter hohe Schwarzwasserbrücke über den kleinen Fluss Schwarzwasser, ungefähr 100 Meter vor dessen Einmündung in die Sense.

Mit Thomas’ leistungsstarker Autotaschenlampe machte sich Lisa zielstrebig auf den Weg zur Schwarzwasserbrücke. Genau unterhalb der Brücke begann sie, sorgfältig das Flussbett und die umliegenden Geröll- und Steinhaufen auszuleuchten. Lisa wusste nicht genau, was sie eigentlich suchte. Einfach irgendeinen brauchbaren Hinweis. Fluchend stolperte Thomas hinter ihr her. Am liebsten wäre er im Auto geblieben, zumal es ohnehin nur eine Lampe gab. Seine Lampe. Die hatte im Moment aber Frau Manaresi.

Eine knappe halbe Stunde dauerte das Leuchten und Blinken jetzt schon. Thomas fror erbärmlich. Mittlerweile am ganzen Körper. Es sollte noch schlimmer kommen. Gerade als Thomas zu einem entschiedenen verbalen Rückzugsappell ansetzen wollte, passierte es. Er rutschte auf einem feuchten Stein aus und lag kurz darauf, ohne Badehosen, dafür mit Jeans, Pullover und Jacke, im Schwarzwasser. Das Bad dauerte nicht lange. Lisa staunte, wie flink sich Zigerli bewegen konnte, wenn es drauf ankam.

»Elender Mist«, jammerte Lisas Kumpel. »Mir reicht’s mit deinem beschissenen Nachtspaziergang!«

»Hast du dir wehgetan?«, erkundigte sich Lisa in ihrer charmantesten Art.

Hatte er nicht. Aber das brauchte die Dame nicht zu wissen. Ein leises Knurren war alles, was als Antwort von Thomas zurückkam. Mittlerweile war Lisa bei Thomas angekommen und betrachtete amüsiert das triefende Flussungeheuer. Zigerli war in der Tat zu bemitleiden. Seine Zähne klapperten vor Kälte wie eine alte Druckerpresse. Das fahle Licht eines müden Mondes, das eisige Flusswasser und die kleinen braunen Büschel einer namenlosen Wasserpflanze, welche Zigerlis Jacke, Hosen und sogar sein Gesicht zierte, gaben eine unheimliche Szenerie ab.

»Lassen wir es gut sein.« Endlich hatte Lisa ein Einsehen mit ihrem Kollegen. »Ich lade dich auf einen Kaffee oder Glühwein zu mir ein.«

Es war schon fast Mitternacht, als sich Zigerli wieder besser fühlte. Vorausgegangen waren eine warme Dusche und zwei Tassen heißer Glühwein.

Lisas Stimmung hingegen war auf dem Tiefpunkt. Im Keller. Im tiefsten Keller.

Sie versuchte, sich abzulenken, indem sie die vermeintlichen Treckingkleider von Zigerli zum Trocknen auslegte. Bald waren die nassen Kleidungsstücke auf diverse Stühle in der Wohnung verteilt. Einige der Textilien waren bereits wieder so gut wie trocken. Als sie die Jacke über eine Stuhllehne streifte, veränderte sich urplötzlich ihr Gesichtsausdruck.

»Thomas, das Gestrüpp an deiner Jacke sieht irgendwie ähnlich aus wie die Algen, welche in Siris Haar gefunden wurden. Dieselbe braungelbe Farbe und die gleichen Fasern. Allerdings habe ich diejenigen von Siri nur auf Bildern gesehen.«

»Ich weiß nicht. Ich hoffe einfach, dass mir der verdammte Algenmist nicht meine schönen Klamotten ruiniert hat«, ereiferte sich Zigerli.

Lisa war bereits in die Küche geeilt und kam kurz darauf mit einem kleinen Einmachglas wieder zurück. Mit einer Pinzette zupfte sie vorsichtig etwas von dem Pflanzenmaterial von Zigerlis Kleidern. Sie hoffte sehnlichst, dass in der Rechtsmedizin noch etwas von der Algenprobe in Siris Haar vorhanden war, damit sie einen Vergleich der beiden Muster anstellen konnte.

Würde sich herausstellen, dass die beiden Proben von ein und demselben Ort stammen?

Es gab noch eine weitere Möglichkeit den aufkeimenden Verdacht zu erhärten. Dazu musste Lisa nochmals ans Schwarzwasser, noch einmal an Zigerlis nächtlichen Badeort. Ihr war klar, dass keine 20 Kamele Zigerli diese Nacht ein weiteres Mal nach draußen in die Kälte bringen würden. Ans idyllische Schwarzwasser schon gar nicht.

»Leihst du mir kurz deine Macchina2? Ich muss nochmal zu deinem Badeplätzchen.«

»Solange ich nicht mitkommen muss, kannst du mit meinem roten Blitz hinfahren, wohin du willst.«

Wenig später deponierte Lisa den auf der kurzen Autofahrt eingenickten Zigerli in seiner Junggesellenwohnung im Mattenhofquartier. Kurz vor 1.30 Uhr befand sich Lisa wieder beim beliebten Nachtbadeort am Schwarzwasser. Würde sie noch etwas Brauchbares finden? Inzwischen hatte auch der Mond sein karges Licht ausgeschaltet. Es war mittlerweile stockdunkel. Das Schwarzwasser machte seinem Namen alle Ehre. Vom kleinen Fluss war kaum etwas zu erkennen. Ohne das leise Plätschern und Glucksen des Wassers hätte man sich nicht an einem Fluss vermutet. Die Taschenlampe erzeugte zwar einen kräftigen Lichtstrahl, dieser konnte aber immer nur ein kleines Stückchen des Flussbetts ausleuchten. Endlich fand Lisa die Stelle, wo Zigerli kurz abgetaucht war. Es kostete sie eine anständige Portion Überwindung, selbst ins eisige Nass zu steigen. Zum Glück führte der Fluss nur wenig Wasser. Nach wenigen Augenblicken stieß sie auf die Hinweise, auf welche sie gehofft hatte. Neben den von Zigerli hinterlassenen Sturzspuren konnte Lisa deutlich andere Zeichen erkennen. Diese deuteten darauf hin, dass hier vor Kurzem etwas Großes und Schweres wahrscheinlich aus großer Höhe in den Fluss gefallen war. Steine im Flussbett waren verschoben. Auf anderen Steinen waren Teile des Algenbefalls abgerieben.

Hydrurus foetidus, ging es Lisa durch den Kopf. Sollte dieses unappetitliche Flussgewächs am Ende der Schlüssel zum Rätsel um Siris Tod sein?

In Lisas Kopf ratterten die Gehirnzellen auf Hochbetrieb, obwohl es mittlerweile fast 2 Uhr geworden war. Lisa war dermaßen mit ihren Gedanken beschäftigt, dass sie nicht bemerkte, wie ein Auto mit ausgeschalteten Scheinwerfern oben mitten auf der Brücke angehalten hatte. Eine hagere Gestalt beobachtete sie, seit sie unten am Fluss angekommen war. Als sich Lisa auf den Rückweg machte, schlich der Schatten leise fluchend zu seinem Fahrzeug. Dieses rollte kurz darauf lautlos und ohne Licht in die dunkle Nacht davon.

1 schwedisch und bedeutet so viel wie »verdammter Mist»

2 Italienisch und bedeutet wörtlich »Maschine«, sinngemäss »Auto»

Kapitel 9

Bern, Länggassquartier, 18. November 2019, 07:30

In Anbetracht der kurzen Nacht – Lisa war erst gegen 3 Uhr eingeschlafen – fühlte sie sich voller Energie. Sie kannte auch den Grund dafür. Lisa konnte es nicht erwarten, ihre Algenprobe mit derjenigen aus Siris Haaren zu vergleichen. Eigentlich eine Routineangelegenheit. Wenn man aber lediglich als Hobby-Ermittler an einem Fall arbeitete, stellten sich einem eine ganze Liste von beträchtlichen Hürden in den Weg.

1.) Lisa hatte Dienst und musste in 30 Minuten an ihrem Arbeitsplatz am Waisenhausplatz sein.

2.) Wer würde ihr in der Rechtsmedizin die Haarprobe von Siri aushändigen?

3.) Wer konnte die Laboranalyse durchführen?

Problem Nummer eins ließ sich mit einem Telefonat ins Dezernat und einer Notlüge einfach lösen. Problem Nummer zwei war da schon ein anderes Kaliber. Lisa konnte sich nicht im Traum vorstellen, dass ihr die kalbsnierensüchtige Rechtsmedizinerin die Probe aushändigte. Die Ärztin in die Ermittlungen miteinzubeziehen und sie zu bitten, gleich selber die Vergleichsanalyse zu machen, kam noch viel weniger infrage. Sackgasse.

Lisa wollte sich gerade ihren Mantel schnappen und mangels Alternativen doch zur Arbeit gehen, als ihr Handy klingelte. Zigerli.

»Hallo, Lisa. Hat sich dein zweiter Ausflug ins Schwarzwasserland gestern Nacht gelohnt? Oder hast du einfach die wunderbare Nachtstimmung am Fluss genossen?«

»Spar dir deine müden Witze. Natürlich habe ich etwas Entscheidendes gefunden«, entgegnete Lisa beleidigt. In wenigen Worten berichtete sie Zigerli, was sie gestern Nacht am Schwarzwasser entdeckt hatte. Sie schloss mit der frustrierenden Aussage, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, wie und von wem sie die beiden Algenproben miteinander vergleichen lassen konnte.

»Nicht verzagen, Zigerli fragen«, hörte sie ihren Kumpel am anderen Ende der Leitung ungewohnt selbstbewusst. »Ein Freund, den ich aus unserer gemeinsamen kaufmännischen Ausbildung kenne, absolviert zurzeit eine Zweitlehre als Laborant. Und zwar in der Rechtsmedizin Bern. Vielleicht kann ich ihn überreden, die Analyse der beiden Proben durchzuführen – sofern er Zugang zu Siris Probe bekommt.«

»Die Proben in der Rechtsmedizin stehen dort nicht einfach herum. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dort jeder Laborantenlehrling einfach bedienen kann«, zweifelte Lisa.

»Sei doch nicht so pessimistisch. Timo, so heißt mein Kollege, ist mir noch einen Gefallen schuldig. Während unserer gemeinsamen Ausbildung wurde er nach einem Saufgelage an der Aare bei der Rückfahrt mit seiner Vespa beim Überfahren eines Rotlichts in der Berner Innenstadt geblitzt. Ich saß hinter ihm auf dem Roller. Timo hätte seinen Führerschein abgeben müssen, da er Rotlichter schon des Öfteren ignoriert hatte. Da ich in der Beziehung noch jungfräulich war, habe ich mich als Fahrer ausgegeben. Für mich setzte es lediglich eine saftige Buße ab. Timo hat diese gerne beglichen.«

»Dann bin ich gespannt, was dein Timo drauf hat«, versuchte Lisa, den Ehrgeiz von Zigerli weiter anzustacheln. »Falls uns dein Kompagnon die Analysenresultate liefern kann, koche ich für euch beide Ragù alla Bolognese.« Zigerlis Leibspeise.

Kompagnon Timo lieferte. Und erst noch speditiv. Am folgenden Nachmittag, es war am 18. November gegen 16 Uhr, streckte Zigerli sein nach Ragù alla Bolognese gelüstendes Haupt in ihr gemeinsames Büro. In seiner rechten Hand schwenkte er ein Dokument.

»Voilà, Frau Oberkommissarin. Der Analysenbericht aus der Rechtsmedizin Bern ist eingetroffen.«

»Im Ernst? Und was sagt er aus?« Lisa konnte ihre Ungeduld kaum mehr im Zaum halten.

Da Lisa alleine im Büro war, hatte sich Zigerli in der Zwischenzeit neben sie gesetzt. Er genoss die Situation in vollen Zügen. Mit breiter Brust legte Zeremonienmeister Zigerli Lisa die Analyseergebnisse auf den Schreibtisch. In wenigen Sekunden überflog Lisa den Inhalt des Dokuments. Mit pochendem Herzen landete sie bei den Ergebnissen.

Schlussfolgerungen: Es handelt sich beim Inhalt der Proben AX23pK und BZ45qR mit an 100 Prozent grenzender Sicherheit um ein und dieselbe Süsswasseralge: Hydrurus foetidus. Die ursprüngliche Herkunft der Proben kann ebenfalls als identisch bezeichnet werden: Schwarzwasser, Kanton Bern, Koordinaten: 46° 51′ 47’ N, 7° 21′ 35’ O; CH1903: 593983 / 190217.

Damit war für Lisa klar, dass Siri an praktisch derselben Stelle wie Zigerli im Schwarzwasser gelegen hatte. Aufgrund der Spuren im Fluss war anzunehmen, dass Siri von der Schwarzwasserbrücke heruntergestürzt war. Der Tod von Siri warf immer bedrohlichere Fragen auf. Obwohl sie es noch nicht abschließend beweisen konnte, stand für Lisa fest, dass Siri ermordet worden war. Höchstwahrscheinlich durch einen Sturz von der Schwarzwasserbrücke.

Kapitel 10

Laupen, Wührenweg, drei Tage zuvor, 16. November 2019, 10:00

Die Kaffeetassen stapelten sich im Spülbecken. Als er den kleinen Küchenschrank öffnete, um sich eine saubere Tasse zu schnappen, fluchte er. Der Schrank war leer. Missmutig säuberte er eine Tasse aus der Deponie im Spültrog. Kurz darauf saß er am quadratischen speckigen Küchentisch und grübelte.

Sein rechtes Ohrläppchen, beziehungsweise die Überbleibsel davon, hatte wieder zu jucken begonnen. Bei einem Unfall vor einigen Jahren wurde ihm fast das gesamte rechte Ohr abgetrennt. Bei Nervosität, Angst, Frustsituationen oder auch bei schlechter Laune plagte ihn seither ein starker Juckreiz in seinem Ohrstumpf. Vor einem Jahr hatte er sich dabei dermaßen an seinem verkrüppelten Ohrläppchen zu schaffen gemacht, dass er aufgrund einer nicht zu stillenden Blutung ins Spital eingewiesen werden musste.

»Weshalb konnte diese hochnäsige Italo-Zicke nicht einfach die Ermittlungsergebnisse der Polizei akzeptieren? Die Ermittlungen waren offensichtlich abgeschlossen: Suizid. Perfekt. Er hatte alles meisterhaft inszeniert. Sich minutiös an seinen Plan gehalten. Suizid wie aus dem Lehrbuch, die Polizei hat applaudiert.«

Gestern Abend überfiel ihn plötzlich dieses dumpfe Gefühl. Zweifel.

Hatte er nicht doch vielleicht Spuren hinterlassen? Spuren am Fangnetz bei der Kirchenfeldbrücke? Nein, das war unmöglich. Er machte keine Fehler. Nie. Oder doch?

Kurz nach 21.30 Uhr hatte er den Kampf gegen seine Selbstzweifel verloren. Im strömenden Novemberregen hat er sich aufgemacht. Auf zur Kirchenfeldbrücke. Dort war er auf dieses arrogante Weibsbild gestoßen. Er beobachtete sie, wie sie mitten auf der Brücke mit einer kleinen Taschenlampe die dortigen Fangnetze ausleuchtete. Trotz der Dunkelheit konnte er zweifelsfrei erkennen, dass es sich bei der Frau um ein Mitglied dieser elenden Manaresi-Sippe handelte. Als die Zicke kurz darauf die Übung abbrach und Richtung Innenstadt davonging, war er ihr gefolgt. So hatte er herausgefunden, dass es sich um Lisa Manaresi handelte und dass sie in einer Studiowohnung im Länggassquartier wohnte. Der Rest war ein Kinderspiel. Dank seinen Beziehungen zu einschlägigen Hackerkreisen wusste er in der Zwischenzeit beinahe mehr über Lisa als ihre Eltern. Die geilste Information lieferte ihm Branko Dangvac. Branko gehörte zum innersten Kreis der kroatischen Dark Cyber Community. Er hatte die IP-Adresse von Lisas iPhone herausgefunden. An die Handynummer von Lisa zu kommen, war noch einfacher gewesen – lächerlich einfach. Mit diesen Informationen konnte er, GPS-gesteuert, zu jeder Zeit wissen, wo sich Lisa aufhielt. Genial.

Deshalb war er ihr auch gefolgt, als sie zum zweiten Mal ans Schwarzwasser ging. Von der Brücke aus hatte er beobachtet, wie sie unten in der Dunkelheit das Gewässer absuchte. Hatte die oberschlaue Möchtegernpolizistin etwas entdeckt?, fragte er sich. Es ärgerte ihn, dass er sich tatsächlich Sorgen machte. Natürlich hat sie nichts gefunden!, versuchte er, sich einzureden. Es blieb ein Zweifel, der ihn wie ein Dornenstachel quälte.

Zum richtigen Zeitpunkt würde diese Tusse ihre Strafe bekommen. Er spürte, wie sich bei dem Gedanken in seinem Schritt etwas regte. Er stand auf, schüttete den kalt gewordenen Kaffee in die Spüle und gönnte sich einen kräftigen Schluck aus der Jack-Daniels-Flasche. Diese stand immer irgendwo in Griffnähe. Zur Feier des Tages.

Der Whiskey brannte ihm in der Kehle, löste aber kurz darauf ein wohliges, wärmendes Gefühl im ganzen Körper aus. Er entspannte sich und begann zu überlegen. Je mehr er nachdachte, desto mehr hellte sich sein Gesicht auf. Er war schon fast wieder in Hochstimmung. Kein Grund zur Beunruhigung. Alles war perfekt.

Fast alles.

Kapitel 11

Bern, Waisenhausplatz, 21. November 2019, 10:15

Lisa saß mit Zigerli im Pausenraum des Dezernats Leib und Leben. Seit ihrem Ermittlungserfolg mit den Algenproben waren sie keinen Schritt weitergekommen. Keinen Millimeter. Es waren seither fast zwei Tage vergangen. Die Gedanken drehten sich bei Lisa im Kreis. Zig Mal war sie mit Zigerli die bisherigen Ereignisse nochmals durchgegangen. Verzweifelt hatten sie versucht, irgendwo einen Hinweis zu finden, der ihnen half, den Ermittlungsfaden wieder aufzunehmen. Der Faden war gerissen. Gerissen und verschwunden. Noch schlimmer, als an die Suizidthese von Trachsel zu glauben, war ein unaufgeklärter Mord. Lisa spürte, wie ihre Unzufriedenheit und Frustration wuchsen; von Stunde zu Stunde. Sie konnte nicht wissen, dass der Faden bald wieder auftauchen würde.

Und mit dem Faden eine Katastrophe. Eine schreckliche Katastrophe.

Kapitel 12

Murten, Hauptgasse, 22. November 2019, 09:10

Alva Manaresi saß in einem behaglichen Café in der Innenstadt von Murten und hoffte, in gemütlicher Kaffeehausatmosphäre leichter Zugang zu Franz Kafkas Die Verwandlung zu finden. Bisher Fehlanzeige. Sie hasste Kafka. Seine grotesken und absurden Erzählungen waren nicht ihr Ding. Überhaupt nicht.

Die jüngste Tochter von Elin und Luca Manaresi unterschied sich grundlegend von ihren älteren Schwestern Lisa und Siri. Alva hatte weder die Schönheit und Ausstrahlung ihrer Mutter Elin noch viel von der Italianità ihres Vaters Luca geerbt. Alva war ein 19-jähriges Mädchen, welches gerne seinen Tagträumen nachhing. Sie war eine Einzelgängerin, im Grunde sehr liebenswürdig, konnte Leute aber gehörig vor den Kopf stoßen, da sie oft einfach drauflos plapperte und erst dann überlegte. Sie hasste Sport, egal in welcher Ausprägung. Dennoch machte Alva einen durchaus sportlichen Eindruck, was ihre Einstellung, keinen Sport zu treiben, weiter bestärkte.

Zurzeit befand sich Alva im Abschlussjahr am Gymnasium Kirchenfeld. Und damit auch bei Kafka und seiner idiotischen Erzählung Die Verwandlung. Es ging dort um den Geschäftsreisenden Gregor Samsa. Dieser war von seiner Arbeit ausgelaugt. Eines Morgens erwachte Samsa aus seinen unruhigen Träumen und machte eine schockierende Feststellung: Geprägt von Leid und Schmerz hatte er die Gestalt eines Käfers angenommen. Die Erzählung drehte sich langfädig und surreal um das Leben dieses doofen Käfers. Zäh.

Das waren zumindest die Einschätzungen aus der Perspektive von Alva Manaresi.

Ein leises Surren ihres Smartphones holte Alva in die viel spannendere Gegenwart zurück.

»Hallo, Sophia. Du bist meine Rettung. Ich werde gerade von einem Käfer zermürbt.«

Sophia, eine Klassenkameradin von Alva, war es gewohnt, dass Alva manchmal komisches Zeug daherredete. Die Geschichte mit dem Käfer hatte sie deshalb nicht groß aufgeschreckt.

»Alva, hast du Lust, heute Abend mit mir zum Stufenbau zur Felsenau-Biernacht zu kommen?«

Der Stufenbau war ein Eventlokal am Stadtrand von Bern und Felsenau der Name einer alteingesessenen Bierbrauerei, unweit des Stufenbaus direkt an der Aare.

»Ich … ich weiß nicht«, stotterte die überrumpelte Alva. Bierfeste standen in Alvas Gunst gleich neben Kafka. Nicht ihr Ding. Sie konnte nicht verstehen, dass sich viele ihrer Freundinnen und Freunde Woche für Woche mit diesem bitteren, urinfarbenen Gesöff volllaufen ließen.

»Sei kein Frosch. Die Caribic-Night im Stufenbau vor zwei Wochen hast du geliebt.«

Da hatte Sophia recht; aber eine vergangene coole Party war noch lange kein Grund, einen freien Abend für ein ekliges Bierfest zu vergeuden. Auf der anderen Seite wollte Alva dem Enthusiasmus ihrer Freundin keinen Dämpfer versetzen. Deshalb hörte sie sich sagen:

»Okay, wann geht es los?«

»Um 20.30 Uhr, treffen wir uns direkt am Eingang beim Stufenbau.«

»Abgemacht«, beendete Alva das Gespräch. Kaum hatte sie aufgelegt, bereute sie bereits die gemachte Zusage. Die Aussicht, die kommenden Stunden in erster Linie mit Kafka und Bier zu verbringen, verursachten ihr eine leichte Übelkeit. Alva überlegte sich, ob sie die Zusage zum Bierfest wieder rückgängig machen sollte. Sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Es blieben die trüben Aussichten und die dunklen Gedanken. Novemberblues.

Alva merkte deshalb nicht, wie der Gast am Tisch neben ihr aufstand, sich kurz am rechten Ohrläppchen kratzte und zügig das Lokal verließ.

Kapitel 13

Bern, Waisenhausplatz, 22. November 2019, 12:40

Während der Mittagspause hatte sich Max Obermaier, der bayrische Gastkommissar, zu Lisa an den Kantinentisch gesetzt und sie mit seiner einfallslosen Angeberei genervt. Am liebsten hätte ihm Lisa direkt ins Gesicht gesagt, dass er sie mit seinem Gesülze in Ruhe lassen soll. Sie hatte aber ein Einsehen mit dem Gast aus Bayern und musste nun dafür büßen. Endloses Gefasel. Obermaier lobte gerade seinen Kollegen Trachsel über den grünen Klee. Weltklasse sei es gewesen, wie Trachsel den Fall mit dem Sturz von der Kirchenfeldbrücke in Rekordzeit gelöst hatte. Man sei sehr stolz in Schrobenhausen, dass man mit Leuten wie Trachsel zusammenarbeiten dürfe. Zum Kotzen.

Schließlich passierte das Unerwartete. Obermaier fand für Lisa den Ermittlungsfaden wieder, wenn auch unbeabsichtigt.

Irgendwann waren die Berichte über die Heldentaten von Obermaier und Trachsel erschöpft. Obermaier war deshalb dazu übergegangen, Lisa mit Komplimenten zu überhäufen und ihr mehr oder weniger eindeutige Avancen zu machen.

»Frau Manaresi, für mich sind Sie die Aphrodite Berns«, säuselte Max Obermaier in Lisas Ohr. Lisa war kurz versucht, ebenfalls die griechische Mythologie zu bemühen und ihm zu antworten:

»Und Sie für mich die Schrobenhausener Hydra.« Sie ließ es im letzten Moment bleiben.

»Die Männer stehen auf Sie, Frau Manaresi. Aber das wissen Sie selbst. Erst vor drei oder vier Tagen hat sich ein ziemlich schräger Typ direkt hier bei uns auf der Hauptwache nach Ihnen erkundigt. Der wollte eine Menge über Sie wissen. Was Sie in Ihrer Freizeit tun, wo Sie gerne essen gehen und …«

»Und Sie gaben bereitwillig Auskunft. Die Polizei, dein Freund und Helfer.«

»Wo denken Sie hin, natürlich nicht. Datenschutz ist mir heilig. Erst recht, wenn es dabei um Kollegen geht. Einzig Ihre Schwäche für Roastbeef im Restaurant Schwarzwasserbrücke ist mir herausgerutscht. Das ist ja zum Glück keine sensible Information.«

Allmählich kam sich Lisa wie in einem schlechten Film vor. Sie hatte immer mehr den Verdacht, dass die Schrobenhausener Polizei den Kollegen Obermaier nach Bern abgeschoben hatte, um für ein paar Monate in Ruhe arbeiten zu können. Dass der Austausch eine Belohnung für außerordentliche Leistungen sein sollte, konnte sie sich nicht vorstellen.

»Herr Obermaier, es geht niemanden etwas an, was ich gerne und wo esse«, entgegnete Lisa lauter als geplant. Obermaier zuckte leicht zusammen.

»Es tut mir leid. Zur Wiedergutmachung lade ich Sie zu Ihrem Leibgericht ins Restaurant Schwarzwasserbrücke ein. Wann immer Sie wollen.«

»Danke, das brauchen Sie nicht. Erzählen Sie mir lieber, was an dem Mann, der sich über mich erkundigt hat, so schräg gewesen ist«, wiegelte Lisa ab.

»Nun, die Fragen, die er gestellt hat. Und dann hatte er auf der rechten Seite ein völlig verkrüppeltes Ohr. Es sah aus, als ob ihm jemand einen kleinen Blumenkohl an den Kopf genäht hätte.«

»Können Sie mir genau sagen, wann dieser Mann hier aufgetaucht ist?«

»Das muss am Freitag gewesen sein, das heißt am 16. November – vor vier Tagen. Ich weiß das so genau, weil Trachsel und ich gerade zum Feierabendbier aufbrechen wollten. Es war gegen 15.30 Uhr.«

Auch wenn womöglich alles reiner Zufall war, wurde Lisa das Gefühl nicht los, dass mit dem Auftauchen dieses Fremden und seiner Fragerei irgendetwas nicht stimmte.

Hier war er also wieder, der Faden.

Lisa beschloss, mit Zigerli darüber zu sprechen. Der würde ihr wahrscheinlich auch nicht weiterhelfen können. Aber Lisa hatte in solchen Gesprächen schon oft neue Ermittlungsansätze gefunden. Sie hoffte, dass es auch dieses Mal so sein würde.

Lisa traf sich kurz nach Arbeitsschluss mit Zigerli im Restaurant Tibits beim Hauptbahnhof. Ungeduldig berichtete sie ihm über das Gespräch mit Obermaier. Es tat ihr gut, dass Zigerli ihre Meinung teilte, was die Fragerei dieses fremden Mannes betraf. Hier stimmte etwas nicht. Hier stank etwas. Und zwar gewaltig.

Natürlich hatte Lisa Obermaier bereits gefragt, ob er den Namen des Fremden registriert hatte oder ob er irgendwelche andere Information über ihn hatte. Nichts.

Aber es gab dieses Blumenkohl-Ohr. Das war immerhin etwas. Vielleicht konnte man diesbezüglich im Internet etwas finden? Handelte es sich um eine geburtliche Missbildung oder um einen erst später erlittenen Unfall? Das würde Knochenarbeit werden, zumal sie nicht auf die Datenbanken der Polizei zugreifen konnten, auch wenn sie diese direkt vor ihrer Nase hatten. Wenn Trachsel herausfinden würde, dass sie private Ermittlungen über die IT-Systeme der Berner Kriminalpolizei anstellten, wäre die Polizeikarriere zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Bei solchen Dingen kannte Trachsel keinen Spaß. Und bei Lisa erst recht nicht.

Die halbe Nacht surfte Lisa im Web. Sie hatte das Gefühl, Hunderte von Suchbegriffen und Kombinationen ausgetestet zu haben. »Bern«, »Missbildung«, »Ohr«, »Unfall«, »chirurgisch«. Die Liste wurde immer länger. Das Resultat war immer dasselbe. Nichts.

Am folgenden Morgen hatte sich Zigerli bei verschiedenen Kollegen im Dezernat und der ganzen Hauptwache erkundigt, ob jemandem am vergangenen Freitag ein Mann mit einem Blumenkohl-Ohr auf der rechten Seite aufgefallen war. Zigerli ging es nicht besser als Lisa. Nichts.

Sollten sie nach der Algengeschichte bereits wieder in eine Sackgasse geraten sein? Sie hatten zum Glück nicht allzu lange Zeit, darüber zu grübeln.

Kapitel 14

Bern, Stufenbau, 22. November 2019, 23:30

Leider übertraf das Bierfest Alvas schlimmsten Befürchtungen. Bereits kurz vor Mitternacht hatte sie das Gefühl, von einer einzigen Horde stinkender und rülpsender Biersäufer umgeben zu sein. Alles kam ihr total primitiv vor. Niveaulos.

Auf drei Ebenen verteilt, gab es verschiedene Bars. Ungefähr in der Mitte des stufenförmigen und verwinkelten Baus befand sich eine Bühne, auf welcher abwechselnd lokale Bands ihr mehr oder weniger großartiges Schaffen zum Besten gaben. Überall konnte Bier der Marke Felsen­au bestellt werden. Wenn man wollte, auch in rauen Mengen. Im stolzen Eintrittspreis von 60 Schweizer Franken war nämlich unlimitierter Bierkonsum inbegriffen. Der Renner unter den Bieren war das Bärner Müntschi3, ein helles naturtrübes, süffiges Bier. Alva hatte knappe zwei Stunden mit der kleinen Flasche, ihrer ersten, gekämpft. Ein 20-jähriger Jungberner hatte Alva schließlich erlöst, indem er die noch halbvolle Bierflasche unabsichtlich umkippte. Zumindest glaubte dies Alva. Keine drei Minuten später tauchte der junge Herr bereits wieder auf – mit einem neuen, prall gefüllten Bärner Müntschi.

»Tut mir leid, dass ich dein Bier verschüttet habe,« lallte der offensichtlich nicht mehr nüchterne Jüngling. Man sah ihm an, dass er Alva am liebsten ein echtes Bärner Müntschi auf ihren Mund gedrückt hätte. Sein bisheriger Bierkonsum reichte allerdings noch nicht, um genügend Mut dafür aufzubringen. Deshalb stand Alva kurz darauf wieder alleine am Geländer über der Bühne. In der rechten Hand hielt sie ein frisches, kühles Bärner Müntschi und überlegte angestrengt, wie sie sich dessen am elegantesten entledigen konnte.

Sophia hingegen amüsierte sich prächtig. Sie genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Aus diesem Grund hatte sie für den Abend ein Outfit gewählt, welches ihre rundlichen Formen und ihren großen Busen perfekt zur Geltung brachte. Für sie gab es nichts Schöneres, als den ganzen Abend mit Komplimenten eingedeckt zu werden und sich Bier um Bier zu gönnen. Da konnte man auch über die eine oder andere vulgäre Bemerkung unter der Gürtellinie hinwegsehen.

Alva war inzwischen ihr Bier los geworden. Sie hatte es einfach auf einen leerstehenden Tisch gestellt. So einfach war das. Trübselig starrte sie auf die gut vier Meter unter ihr spielende Band. Spielen war im Grunde das falsche Wort. Lärmen beschrieb das Tun der vier langhaarigen Bandmitglieder weit besser. Der Schlagzeuger mit dem auffälligen tätowierten roten Totenkopf auf dem rechten Unterarm versuchte seit gut 20 Minuten, sein Schlagzeug mit seinen Trommelstöcken zu zertrümmern. Bis jetzt noch ohne Erfolg. Die Schweißperlen des Trommlers glitzerten wie kleine Edelsteine im nervösen Licht der Partybeleuchtung.

Weshalb zermartere ich mir die ganze Zeit den Kopf, wie ich am besten von hier abhauen könnte?, fragte sich Alva. Einfach raus hier!

Sie könnte Sophia später von zu Hause eine kurze SMS senden und ihr mitteilen, dass sie urplötzlich höllische Kopfschmerzen bekommen hätte.

Ein paar Minuten später war Alva die zahlreichen Stufen des Eventlokals hinuntergeeilt und unten an der Pulverstraße angekommen. Sie überlegte sich, ob sie zu Fuß nach Hause gehen oder an der angrenzenden Worblentalstraße auf einen Bus warten sollte. Der Antisportler in ihr setzte sich durch. Alva machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Kurz vor dem Ende der Pulverstraße hielt unvermittelt ein Auto neben ihr. Genauer gesagt ein grauer Ford Kuga-Allroad.

Durch das offene Autofenster hörte Alva eine Männerstimme:

»Falls Sie auch Richtung Innenstadt unterwegs sind, können Sie gerne ein Stück mit mir mitfahren.« Alva war vom unerwarteten Angebot völlig überrumpelt. Es kam von einem unsympathischen Typen. Alva schätzte den Mann auf 55 bis 60 Jahre. Natürlich werde ich nicht zu diesem ungepflegten Unbekannten ins Auto steigen, erst recht nicht mitten in der Nacht, waren ihre spontanen Gedanken. Ihre depressive Stimmung und die bleierne Müdigkeit einerseits und die ruhige, unaufdringliche Art des Fremden andererseits ließen Alva dennoch zögern. Wenn sie mitfahren würde, wäre sie in wenigen Minuten zu Hause im warmen Bett. Verlockend.

»Gerne! Wenn ich bis zum Viktoriaplatz mitfahren könnte, wäre dies super nett«, hörte sie sich antworten.

»Ich fahre dort vorbei. Steigen Sie ein.« Mit diesen Worten öffnete der Unbekannte die Tür zum Beifahrersitz. Beim Einsteigen verspürte Alva ein mulmiges Gefühl. Die Aussicht, in ein paar wenigen Minuten zu Hause zu sein, beruhigte sie jedoch wieder. Der Fremde entpuppte sich zum Glück als schweigsamer Zeitgenosse. Keine Anmache, nicht einmal ein Ansatz von Small Talk. Genau das Richtige für Alva.

Sie befanden sich auf der Tiefenaustraße und fuhren in Richtung Innenstadt, als sich Alva ihren Fahrer ein bisschen näher anschaute. Der Mann war keine Schönheit. Er hatte schütteres schlecht gepflegtes, strähniges Haar. Die harten Gesichtszüge gaben dem Fremden einen verbitterten Ausdruck. Alva fragte sich, was der Grund dafür sein könnte. Waren es Schicksalsschläge, übertriebener Ehrgeiz oder vielleicht tiefgründige Frustration? Während sie über die Psyche ihres Fahrers nachdachte, merkte sie nicht, dass sie nicht mehr Richtung Innenstadt unterwegs waren, sondern auf der Autobahn A6 in Richtung Thun. Erst die kleinen Lichter der Landebahn des Flughafens Bern-Belp sagten Alva, dass etwas nicht stimmte.

»Wo fahren Sie hin? Hätten wir nicht bei der Ausfahrt Wankdorf die Autobahn verlassen müssen, um zum Viktoriaplatz zu gelangen?«, erkundigte sich Alva.

Sie erhielt keine Antwort. Ein kurzes stummes Lächeln war alles, was sie dem Fremden als Reaktion auf ihre Frage entlocken konnte. Alva war mit einem Mal klar, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Sie spürte, wie sich Panik wie eine dunkle Gewitterwolke in ihr ausbreitete. Ihr Bauch verkrampfte sich, und in ihrem Hals wuchs ein Kloß, der immer größer wurde.

»Bitte halten Sie an und lassen Sie mich aussteigen«, bettelte Alva. Zu ihrer Überraschung verließ der Mann kurz darauf bei der Ausfahrt Kiesen die Autobahn.

Alva schöpfte Hoffnung, dass alles gut werden würde. Vielleicht hatte sie den Teufel doch zu früh an die Wand gemalt. Wenig später rumpelte das Auto über einen kleinen unbefestigten Parkplatz und hielt hinter einer Abfallmulde. Dann ging alles sehr schnell.

Alva wollte mit einem kurzen »Danke« einfach aus dem Auto stürmen. Der Fremde hatte einen anderen Plan. Das Auto war noch nicht völlig zum Stillstand gekommen, als er sich zu Alva umdrehte und sie mit seinem rechten Arm in den Sitz drückte. In der linken Hand schwenkte er ein kleines Seil. Bevor Alva reagieren konnte, war er über ihr und presste sie mit seinem Gewicht fest in den Beifahrersitz. Er hatte nun beide Hände frei. Alva konnte sich keinen Millimeter bewegen, geschweige denn zur Wehr setzen. Es war für ihn ein leichtes Spiel, Alva zu fesseln und ihr die Augen mit einem Tuch zu verbinden. Schließlich stopfte er ihr einen Stofflappen in den Mund, damit sie weiter still blieb. Alva hatte nicht einmal versucht zu schreien. Sie war wie gelähmt. Geschockt.

Kurz darauf packte sie der Fremde und warf sie sich wie einen Mehlsack über die Schulter. Ein paar Sekunden später landete sie unsanft im Kofferraum des Autos. Als er diesen verschloss, wurde das Schwarz vor ihren Augen noch schwärzer.

Kurz darauf setzte sich das Fahrzeug wieder in Bewegung. Nach ein paar Minuten wurde das Motorengeräusch regelmäßiger. Alva nahm an, dass sie sich wieder auf der Autobahn befanden.

Wohin würde er mit ihr fahren? Und was würde sie dort erwarten?, begann sich Alva zu ängstigen. Etwas in ihrem Inneren riet ihr, nicht in Mutlosigkeit zu verfallen. Sie musste jetzt kämpfen. Dabei dachte sie fast augenblicklich an ihre ältere Schwester Lisa. Lisa würde wahrscheinlich nie in eine solche Situation geraten. Und wenn doch, dann würde sie sich wehren – bis aufs Blut.

Nach ein paar Minuten hatte sich Alva soweit beruhigt, dass sie wieder halbwegs klar denken konnte. Es war wichtig, alle Informationen über ihren Peiniger zusammenzutragen.

Was wusste sie über ihn? Nichts. Fast nichts.

Sie kannte sein Gesicht und sein ungefähres Alter. Daneben besaß der Fremde zwei weitere Auffälligkeiten. Erstens: Das rechte Ohr glich einem Blumenkohl. Alva erinnerte es auch an ein bösartiges Geschwür. Zweitens: Der Fremde stank nach Alkohol. Als er sie fesselte, roch sie seinen süßlichen Atem. Sogar im Kofferraum konnte sie seine unangenehme Ausdünstung riechen. Sie betete, dass sie sich nicht in den Knebel übergeben musste.

3 »Bärner Müntschi»: Berner Kuss

Kapitel 15

Bern, Altenberg, 23. November 2019, 07:35

Luca hatte wieder eine böse Nacht hinter sich. Seine Albträume hatten ihn über Stunden gemartert. Als er gegen Morgen endlich in einen unruhigen Schlaf verfiel, wurde er durch das leise Schluchzen von Elin geweckt. Sie kämpfte mit dem Schmerz, welcher der Tod von Siri in die Familie Manaresi gebracht hatte. Luca spürte, wie auch ihm Tränen in die müden Augen stiegen. Damit war das Thema Schlaf für eine weitere Nacht erledigt.

Als kurze Zeit später der Wecker mit schadenfrohem Gebrüll den Tag einläutete, hatte Luca das Gefühl, dass seine Arme und Beine über eine Streckbank gezogen worden waren. Besonders die Schmerzen in seiner rechten Hand waren derart stark, wie er sie seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Als Jugendlicher hatte Luca in seiner Heimat einen schlimmen Unfall mit der Pizzateigmaschine seines Onkels gehabt. Bei einer Mutprobe mit Freunden hatte ihm der Knethacken die Mittelhand- und Handwurzelknochen seiner rechten Hand zertrümmert. Die Chirurgen am Ospedale Maggiore in Bologna konnten zwar die Hand retten, aber als Folge erinnerten ihn regelmäßig wiederkehrende Schmerzen an seine damalige Dummheit. Seit diesem Unfall hasste Luca Pizza. Bereits der Anblick von Pizzateig konnte bei ihm einen Brechreiz auslösen.

Obwohl sich Luca elend fühlte, fiel ihm plötzlich wieder ein, dass er vor ein paar Tagen in der Zeitung eine Spur, womöglich sogar die Ursache für seine qualvollen Albträume entdeckt hatte. Er musste dringend mit den Ärzten darüber sprechen. Seine italienische Lebensart hatte ihm aber bis anhin stets andere Prioritäten auf seine Tagespläne gesetzt. Heute würde er gleich nach dem Morgenessen Doktor Capol in der neurologischen Klinik am Inselspital anrufen. Er wollte wissen, ob der Experte seine Hypothese teilte.

Luca war auf der Suche nach der Telefonnummer von Doktor Capol, als ein Schrei die friedliche Stille am Altenbergrain durchschnitt.

»Luca, das Bett von Alva ist leer! Sie wollte gestern mit Sophia ans Bierfest im Stufenbau und ist noch nicht zurück«, meldete sich Elin in höchster Aufregung.

»Wahrscheinlich ist sie zu Sophia und hat bei ihr übernachtet.«

»Das hätte sie mir gesagt. Wenn Alva bei einer Kollegin übernachtet, macht sie mir immer eine Mitteilung. Zumindest hätte sie mir eine SMS geschickt.« Elin wirkte immer besorgter.

»Hast du ihr schon geschrieben?«, erkundigte sich Luca.

»Ja klar. Wenn sie tatsächlich bei Sophia ist, werden die beiden noch schlafen. Es ist erst kurz vor 8 Uhr. Auf jeden Fall hat sie sich die Nachricht noch nicht angeschaut.«

»Warten wir bis 9.30 Uhr. Wenn sich Alva bis dahin nicht gemeldet hat, kannst du sie anrufen – auch wenn du sie aus dem Schlaf holst«, schlug Luca vor.

Elin hätte Alva am liebsten gleich angerufen. Sie machte sich schreckliche Sorgen. Die Geschehnisse um Siri trugen das Ihre dazu bei. Quälend langsam krochen die Minuten vorbei. Immer langsamer. Wie Schnecken, welche von der warmen Sonne nach einem Gewitterregen überrascht wurden. Um 9.28 Uhr hielt es Elin nicht mehr aus. Sie wählte die Nummer von Alva und hoffte verzweifelt, in den nächsten Sekunden die Stimme ihrer jüngsten Tochter zu hören. Es meldete sich niemand außer dem Anrufbeantworter des Mobiltelefons. Von aufsteigender Panik getrieben, stammelte Elin eine kurze Nachricht und legte deprimiert ihr Handy zur Seite. Sie ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte. Konnte es sein, dass innerhalb weniger Tage zwei ihrer Töchter ein Unglück erlitten?

Luca hatte in der Zwischenzeit mit dem Neurologen gesprochen. Basierend auf dem kürzlich entdeckten Zeitungsbild hatte er ihm seine Vermutung, was der Auslöser seiner Albträume sein könnte, geschildert. Doktor Capol hatte ihn gefragt, weshalb Luca bis anhin nie über dieses Ereignis gesprochen hätte. Darauf hatte Luca keine klare Antwort. Er mutmaßte, dass er das Erlebte wahrscheinlich verdrängt habe. Erst das Zeitungsbild brachte die Erinnerung daran wieder zurück. Der Arzt hatte geschwiegen und im Anschluss gemeint, dass es gut wäre, baldmöglichst einen Termin für eine Besprechung in der Klink zu vereinbaren. Man einigte sich auf den 27. November, 10 Uhr.

Es war fast Mittag, als die Türklingel Elin und Luca aus ihren dunklen Gedanken riss. Sie hörten, wie kurz darauf die Wohnungstüre geöffnet wurde. In ihren Ohren klang die Hausglocke heute wie Himmelsgeläute und die anschließenden Schritte tönten wie von einem Engel.

»Hallå, Mamma, salve, Coccolone«, begrüßte Lisa ihre Eltern.

Es beschämte Elin und Luca, dass der Besuch von Lisa bei ihnen beiden im ersten Moment keine Freude, sondern Enttäuschung auslöste.

»Was ist denn euch über die Leber gelaufen? Ihr seht aus, als ob ihr Besuch vom Betreibungsbeamten erhalten habt.« Lisa wurde auf einen Schlag wieder bewusst, wie tief der Tod von Siri ihre Eltern offensichtlich getroffen hatte.

»Es tut uns leid«, entgegnete Elin. »Wir machen uns große Sorgen um Alva. Sie wollte gestern Abend ans Bierfest im Stufenbau und ist nicht wieder aufgetaucht. Nicht einmal eine Nachricht haben wir von ihr erhalten.«

Lisa wollte bereits entgegnen, dass sie sich keine Sorgen machen sollten. Die kleine Schwester würde mit Sicherheit bald wieder hier sein. Die Tatsache, dass Alva nichts von sich hatte hören lassen, beunruhigte aber auch Lisa. Ihre jüngste Schwester war zwar eine Träumerin, besaß aber ein gesundes Verantwortungsbewusstsein.

Eigentlich hatte Lisa aus einem anderen Grund ihre Eltern aufgesucht. Der morgendliche Termin beim Zahnarzt hatte Lisa völlig überraschend einen wichtigen Mosaikstein im Zusammenhang mit dem Tod von Siri geliefert. Nach der Zahnkontrolle hatte Lisa direkt einen Folgetermin für das kommende Jahr vereinbart. Als die medizinische Praxisassistentin den Termin in der Praxisagenda vermerkte, hätte Lisa beinahe laut aufgeschrien. Die ältere Dame verwendete einen Füllfederhalter. Einen Tintenschreiber.

Ein Knoten löste sich in Lisas Hirn. Der Abschiedsbrief von Siri war ebenfalls mit Tinte geschrieben. Nie zuvor hatte Lisa erlebt, dass Siri eine Füllfeder verwendet hatte. Offensichtlich wollte Siri damit ausdrücken, dass mit dem Brief etwas nicht in Ordnung war.

Alles passte immer besser zusammen. Wurde Siri gezwungen, einen Abschiedsbrief zu schreiben, um einen Suizid zu suggerieren? Für Lisa gab es nur eine Antwort: ja. Auf der einen Seite war Lisa zufrieden, dass sie ein weiteres starkes Indiz für die Mordthese gefunden hatte, auf der anderen Seite gab es nach wie vor keine Spur, welche zum Mörder führen könnte. Diese niederschmetternde Erkenntnis war keine ideale Basis, um den deprimierten Eltern eine Stütze zu sein.

Elin und Luca hofften nämlich, dass Lisa einen Vorschlag hatte, was am besten zu tun sei. Schließlich arbeitete sie bei der Kriminalpolizei. Sie wurden enttäuscht. Ausser Warten wollte Lisa nichts Gescheites einfallen. Sie versuchte, ihre Eltern in ein Gespräch über andere Themen zu verwickeln, um sie aus ihren trüben Gedanken herauszuholen. Der Erfolg war mäßig. Lisa merkte, wie sich die Diskussionen im Kreis drehten und sich die Stimmung wie eine Bohrmaschine immer weiter nach unten grub. Auch wenn es sie schmerzte, sie musste zurück auf die Wache und ihre Eltern wohl oder übel den eigenen traurigen Gedanken überlassen.

Eine gute halbe Stunde später berichtete sie Zigerli über ihre Erleuchtung in Bezug auf den Abschiedsbrief von Siri und vom Besuch bei ihren Eltern. Sie hoffte, dass Thomas eine Idee hatte, was an Stelle der quälenden Warterei gemacht werden könnte.

Ihre Hoffnung war nicht besonders groß. Die Idee von Zigerli genial.

Handyortung hieß das Zauberwort. Lisa hatte keine Ahnung, wie so etwas im Detail funktionierte. Zigerli erklärte es ihr. Es war verblüffend einfach. Es braucht dazu lediglich eine spezifische App, die auf vielen iOS Geräten vorinstalliert war. Mit der App können zum Beispiel iPhones von Freunden geortet werden. Allerdings musste die betreffende Person die Standortfreigabe aktiviert haben.

Alva hatte die Freigabe leider nicht aktiviert. Sackgasse. Beschissene Sackgasse.

Während Lisa eine Salve schwedischer Fluchworte losfeuerte, schien Zigerli der Misserfolg nicht sonderlich zu stören.

»Es gibt noch andere Möglichkeiten zur Handyortung«, meinte er. »Die sind allerdings der Polizei vorbehalten. Es braucht spezielle Bewilligungen, um solche Ortungen zur Datenbeschaffung durchführen zu dürfen.«

»Wie läuft eine solche Ortung ab?«, erkundigte sich Lisa.

»Moderne Smartphones können mit Hilfe von Satel­litennavigationssystemen wie GPS ihre eigene Position sehr präzise feststellen. Die Polizei hat aber in der Regel keinen Zugriff auf diese Daten, sondern ortet die Handys im Funknetz. Solange sich ein Mobiltelefon im Stand-by-Modus befindet, weiß ein Provider nur ungefähr, in welcher Gegend sich ein Gerät befindet. Dieser Bereich kann mehrere Quadratkilometer und viele Funkstationen umfassen. Um den Standort genauer bestimmen zu können, sendet die Polizei eine stille SMS an das Handy. Der Empfang der SMS bewirkt eine Rückmeldung des Mobiltelefons bei der Funkzelle. Der Provider sieht dadurch, in welcher Funkzelle das Telefon eingebucht ist und kann diese Information an die Polizei weitergeben.« Zigerli war sichtlich stolz, Lisa beeindrucken zu können. Es kam selten genug vor.

»Und wer kann uns eine entsprechende Bewilligung beschaffen?«, fragte Lisa.

»Trachsel …«

»Vergiss es. Trachsel weiß noch gar nichts von Alvas Verschwinden. Zum aktuellen Zeitpunkt würde er nie seine Zustimmung geben. Von Trachsel dürfen wir ohnehin keine Gefälligkeiten erwarten.«

»Obermaier könnte die Bewilligung auch erteilen. Er hat mir vor ungefähr zwei Wochen mit geschwellter Brust erzählt, wie er das Handy eines Bergsteigers, welcher im Jungfraumassiv vermisst wurde, geortet hat. Er, Obermaier, hätte ihm das Leben gerettet.«

Lisa schöpfte neue Hoffnung.

Kapitel 16

Berner Oberland, Balisalp, 23. November 2019, 08:25

Alva fror. Bitterlich.

Die eisige Kälte hatte ihr den Schlaf geraubt. Kälte war der perfekte Folterknecht. Zuverlässig, hartnäckig, grausam.

Alva zitterte am ganzen Körper. Ihre Lippen waren blau angelaufen. Die Stiche an Fingern und Zehen waren in einen permanenten dumpfen Schmerz übergegangen. Alva vermutete, dass sie sich in einem Stall irgendwo auf einer Alp in den Bergen befand. Sie schätzte, dass die Fahrt im Kofferraum etwas mehr als eine Stunde gedauert hatte. Vielleicht auch eineinhalb Stunden. Das bedeutete, dass sie sich bereits über sieben Stunden in ihrem ungemütlichen Gefängnis befand.

Gegen Ende war die Fahrt immer kurvenreicher geworden. Die Straße musste stark angestiegen sein, da Alva im Kofferraum schmerzhaft nach unten gerollt war. Plötzlich hatte das Fahrzeug angehalten. Der Fremde hatte sie wortlos, dafür unsanft, aus dem Kofferraum in eine Almhütte, welche wahrscheinlich früher als Heuspeicher gedient hatte, geschleppt.

Alva war noch immer an Händen und Füßen gefesselt. Der Knebel verhinderte nach wie vor sehr wirksam, dass Alva um Hilfe rufen konnte. Lediglich die Augenbinde hatte ihr der Peiniger abgenommen. Mit der Morgendämmerung konnte sich Alva ein klareres Bild ihres Gefängnisses machen. Die Hütte war fensterlos. Sie besaß nur ein großes Tor, welches ursprünglich dazu diente, die großen Heuballen in die Hütte zu transportieren. Der Boden bestand aus festgetretener eiskalter Erde. Alva schätze die Temperatur in ihrem Verlies auf nur knapp über null Grad Celsius. Der Fremde hatte sie zwar mit einer alten fleckigen Matratze und zwei verlausten, stinkenden Wolldecken versorgt. Im Kampf gegen die boshafte allgegenwärtige Kälte hatten sich diese als völlig unzureichend herausgestellt. Ein weiterer Grund, weshalb die Kälte leichtes Spiel mit der bemitleidenswerten Alva hatte, war der Hunger. Alva hatte am vergangenen Abend nur wenig gegessen. Es fiel ihr immer schwerer, an ihrem Vorsatz, »nicht aufgeben und kämpfen«, festzuhalten. Sie spürte, wie die Kälte ihrem Mut den Garaus zu machen drohte.

Dennoch gelang es ihr, sich ein bisschen Hoffnung zuzusprechen. Einerseits wusste sie einiges über den Fremden. Andererseits musste es sich bei ihrem Versteck nicht um einen völlig abgelegenen Ort handeln, da der Entführer mit dem Auto direkt bis zur Hütte gefahren war. Es gab also Hoffnung, dass sich andere Personen in der Nähe befanden. Aufgrund der Fahrzeit vermutete Alva, dass sie sich irgendwo im Berner Oberland befanden. Und schließlich lebte sie, ja, sie war sogar unverletzt. Alva spürte, wie ihr Mut, der eben noch gedroht hatte, einfach aufzugeben, sich anders entschlossen hatte. Er gab ihr neue Energie.

Alva versuchte, trotz der Fesseln aufzustehen. Unmöglich. Auch die Handfesseln ließen keine Bewegungen zu. Es gab keine Möglichkeit, an ihr Handy zu kommen, welches immer noch in ihrer Gesäßtasche steckte. Sie war perfekt verschnürt – das musste man ihrem Entführer lassen.

Als sich ihr kurzer Euphorieanfall in triste Niedergeschlagenheit zu verwandeln begann, wurde das Hüttentor geöffnet. Unter großer Anstrengung schob der Fremde eine komische Apparatur in den Raum. Auch bei Tageslicht war es in der fensterlosen Hütte unangenehm dunkel. Ein Akku-Baustrahler tauchte das Innere auf einen Schlag in gleißendes Licht. Alva erinnerte die Lampe an eine Operationsleuchte beim Zahnarzt. Die Apparatur hingegen glich keinem Zahnarztbohrer. Sie sah aus wie eine altmodische Sägemaschine. Das Sägeblatt war allerdings nicht senkrecht, sondern horizontal montiert. Offensichtlich eine Eigenkonstruktion. Ein Prototyp.

Als sich das Gerät in der Mitte der Hütte befand, schien der Fremde zufrieden zu sein. Er näherte sich Alva und riss sie grob in die Höhe, sodass sie, wenn auch wacklig, auf ihren eigenen Beinen stehen konnte.

Anschließend tastete er sie am ganzen Körper ab. Der naheliegende Gedanke, dass ihr der Entführer Gewalt antun könnte, schoss Alva augenblicklich in den Kopf. Nackte Angst überfiel sie. An der Art und Weise, wie der Fremde sie berührte, merkte Alva, dass ihn keine sexuellen Motive leiteten. Zumindest hoffte sie dies. Als er an ihren Hintern griff, bemerkte sie ein Lächeln auf seinem Gesicht. Alva ergriff Panik. Das Lächeln wurde zu einem Grinsen, als er ihr Handy aus der Gesäßtasche zog und es bei sich einsteckte. Während der ganzen Prozedur hatte er kein Wort von sich gegeben. Überhaupt hatte er sich, seit er Alva vor dem Stufenbau angesprochen hatte, völlig stumm verhalten.

Wozu soll das Ding mit dem Sägeblatt gut sein?, fragte sich Alva. Der Unbekannte schien ihre Gedanken zu erraten. Ein kurzes boshaftes Zucken um seine Mundwinkel ließ Alva erschaudern. Das Rätsel würde sich sehr bald lösen.

Kapitel 17

Bern, Waisenhausplatz, 23. November 2019, 13:35

Obermaier war noch keine zwei Minuten aus seiner Mittagspause zurück, als Lisa und Zigerli bereits in sein Büro platzten. Ein fünfliber-großer Fettfleck zierte auf Brusthöhe das Diensthemd von Obermaier und legte Zeugnis vom gemeinsamen Mittagessen mit Trachsel ab. Die beiden hatten sich wahrscheinlich, wie mindestens zweimal pro Monat, eine Zytglogge-Röschti mit Bauernwurst, Speck und Spiegelei in ihrem Lieblingsrestaurant Anker gegönnt. Für das Vorhaben von Lisa war dies äußerst positiv, weil anzunehmen war, dass Obermaier nach dem feinen Mahl bester Laune sein würde. Tatsächlich begrüßte er die beiden Ermittler überschwänglich.

»Ah, Frau Kollegin Manaresi und der Herr Kollege … ähm …« Den Namen von Zigerli konnte sich Obermaier nie merken. Er interessierte ihn schlicht nicht.

»Was kann ich für Sie tun?«, erkundigte sich Obermaier.

»Herr Obermaier, einmal mehr brauchen wir Ihren Rat, das heißt Ihre Unterstützung«, umgarnte Lisa den bayrischen Pfau.

»Na, dann schießen Sie mal los. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Es geht um eine vermisste Person. Genauer gesagt um meine jüngste Schwester Alva. Sie ist seit drei Tagen nicht von einem Besuch bei einer Kollegin zurückgekehrt.« Lisa hatte absichtlich die Abwesenheitsdauer von Alva verlängert, weil sie befürchtete, dass Obermaier ansonsten versuchen würde, auf simples Abwarten zu plädieren. »Kürzlich haben Sie persönlich mit einer sehr erfolgreichen Handyortung einem Bergsteiger in Grindelwald das Leben gerettet. Ich bin immer noch tief beeindruckt, wie Sie dies hingekriegt haben. Könnten Sie netterweise auch eine Ortung von Alvas Handy veranlassen?«

»Nun ja, grundsätzlich liegt dies in meinem Kompetenzbereich. Allerdings scheint mir, dass im vorliegenden Fall keine Bedrohung von Leib und Leben vorliegt. Das wäre eine zwingende Voraussetzung. Jede Handyortung wird nämlich registriert, und im Rahmen von Qualitätskontrollen wird periodisch überprüft, ob die durchgeführten Ortungen auch tatsächlich angebracht waren. Es tut mir leid, aber in Ihrem Fall kann ich leider nicht helfen.«

Lisa hatte damit gerechnet, dass der deutsche Wichtigtuer widerspenstig sein würde. Auf eine Anmachnummer wie vor Kurzem bei Trachsel hatte sie keine Lust. Sie musste Obermaier auf eine andere Art überzeugen. Ihre Antwort hatte sie sich deshalb im Voraus sorgfältig überlegt.

»Herr Obermaier, Sie sind unsere letzte Hoffnung. Wir sind total verzweifelt. Aber ich verstehe Sie. Dienstvorschriften sind Dienstvorschriften. Die muss man penibel einhalten.«

»Da bin ich absolut Ihrer Meinung, junges Fräulein«, betonte Obermaier.

»Sagen die Dienstvorschriften nicht auch, dass während dem Dienst über Mittag kein Alkohol getrunken werden darf? Mir ist vorhin die Quittung des Restaurants Anker von heute Mittag auf Ihrem Pult aufgefallen. Dort werden sechs Halbe Bier ausgewiesen. Das wären drei für Sie und drei für Trachsel.«

»Rechnen kann ich selber! Worauf wollen Sie hinaus, Frau Manaresi?«, fauchte Obermaier. Seine gute Laune hatte sich in Sekundenbruchteilen in Ärger verwandelt. Feindselig blinzelte er Lisa an. Es kostete sie Mühe, weiter die Rolle der gestrengen, pflichtbewussten Polizistin zu spielen.

»Wenn man die Dienstvorschriften beim Essen großzügig auslegen kann, sollte dies beim Handyorten auch möglich sein«, kombinierte Lisa.

Obermaier schluckte leer und überlegte fieberhaft. Es passte ihm überhaupt nicht, nach der Pfeife einer Juniorpolizistin zu tanzen. Ihm fiel aber nichts ein, das ihn aus der Affäre retten könnte. Zähneknirschend antwortete er:

»Für Sie, Kollegin Manaresi, mache ich eine Ausnahme. Schätzen Sie sich glücklich, über Beziehungen zu den richtigen Stellen zu verfügen.«

Lisa ließ ihm die erneuten Wichtigtuereien durchgehen. Sie war zu ungeduldig und wollte so rasch als möglich Kontakt mit ihrer Schwester herstellen. Leicht ungehalten reichte sie Obermaier einen Zettel mit Alvas Handynummer.

Eine knappe halbe Stunde später war Obermaier zurück.

»Tut mir leid. Die Ortung war nicht erfolgreich. Ich vermute, dass das Handy ausgeschaltet ist.«

Kurz hegte Lisa den Verdacht, dass Obermaier gar keine Ortung durchgeführt hatte. Die Enttäuschung im Gesicht von Zigerli, welcher Obermaier unauffällig gefolgt war, ließ sie innehalten. Mit einem kurzen »Danke« verdrückten sich Lisa und Zigerli aus Obermaiers Büro.

Inzwischen war es Lisa gewohnt, mit Rückschlägen umzugehen. Es gehörte dazu, immer wieder in einer Sackgasse zu landen. Die Kunst des Ermittelns lag darin, beharrlich zu bleiben und auch Spuren zu verfolgen, welche auf den ersten Blick aussichtslos wirkten.

Lisa und Zigerli brauchten eine neue Spur. Sowohl auf der Suche nach dem Mörder von Siri als auch auf der Suche nach Alva. Siri konnte niemand mehr helfen, Alva war möglicherweise in Gefahr. Sie beschlossen deshalb, zum Stufenbau zu gehen. An den Ort, an welchem Alva bekanntermaßen zum letzten Mal von anderen Personen gesehen worden war. Es ging bereits gegen Ende des Nachmittags, als die beiden den Eingang des Eventlokals erreichten. Dieser war verschlossen, es war auch keine Menschenseele zu entdecken. Eine Verlegenheitsspur hatte sich leider einmal mehr als aussichtslos herausgestellt. Frustrierender Alltag der Kriminalpolizei.

Lisa und Zigerli beschlossen, zu Fuß den Rückweg zur Wache am Waisenhausplatz anzutreten. Die kühle Novemberluft würde ihren rauchenden Köpfen guttun. Es war ein ruhiger Frühwinterabend. Die einbrechende Dämmerung malte stimmungsvolle Wolkenbilder in den Berner Himmel. Gedankenverloren stapften Lisa und Zigerli der Innenstadt zu. Lisa überhörte das schwache Signal ihres Handys, als eine Kurznachricht eintraf. In demselben Moment summten auch die Mobiltelefone von Elin und Luca.

Das Böse kam auf leisen Sohlen.

Kapitel 18

Berner Oberland, Balisalp, 23. November 2019, 15:05

Er spürte, wie sich allmählich dieses erhabene Gefühl in ihm ausbreitete. Das Gefühl, für welches er die vergangenen 20 Jahre gelebt hatte. Das Gefühl, welches aus einer Mischung aus Stolz, Vorfreude, Erregung und Rachelust bestand.

Sein Plan war perfekt aufgegangen. Alles war viel einfacher gewesen, als er es sich vorgestellt hatte. Die kleine Schlampe hatte sich ihm nach dem Sauffest regelrecht aufgedrängt. Sie hatte sich kaum gewehrt und war nie in Hysterie verfallen. Er fragte sich, ob sie seine Gegenwart womöglich sogar genoss. In ein paar Minuten würde der Spaß beginnen. Ein weiterer Schritt zur späten Genugtuung.

Tristan saß an einem kleinen Holztisch in einer noch kleineren Küche. Sie glich eher einer Abstellkammer mit Spülbecken. Kochgelegenheit gab es keine. Wasser musste mit einem in die Jahre gekommenen Gaskocher auf dem Tisch erhitzt werden. Er befand sich in einem winzigen Chalet. Dieses lag in unmittelbarer Nähe zum Heuschober, in welchen Alva eingesperrt war.

Vor zwei Jahren hatte er auf einer Wanderung im Gras einen Schlüssel mit einem beschrifteten Anhänger gefunden. Der Fundort befand sich in der Nähe des kleinen Holzhauses. Deshalb hatte es ihn keine große Mühe gekostet, herauszufinden, dass es sich dabei um den Hausschlüssel des Miniaturchalets handelte. Der Schlüsselfund war für ihn pures Glück. Damit besaß er das perfekte Versteck. Das Häuschen war auf einen anderen Besitzer eingetragen, weshalb es nie irgendwelche Spuren zu ihm geben würde.

»Endlich kann ich mein schönes Feriendomizil sinnvoll nutzen«, sagte er zufrieden zu sich selbst. Tristan hatte das Handy von Alva wieder eingeschaltet und spielte damit. Er zappte sich durch Hunderte von Fotos. Aufnahmen, welche eine glückliche junge Dame zeigten. Am Strand von Chia, auf dem Torre Asinelli in Bologna, mit Freundinnen in London. Überall Lächeln und Glückseligkeit. Über ein Bild war er regelrecht gestolpert. Zuerst hatte er es sich minutenlang unter Tränen angeschaut. Schließlich hatte er es sich auf sein eigenes Handy geschickt. Das Foto zeigte Alva, Siri und Lisa am Aareufer bei einem Picknick. Juli 2019. Womöglich das letzte gemeinsame Sommerpicknick. Er musste Schluss machen. Ihm war bewusst, dass man das Handy orten konnte, wenn es eingeschaltet war. Den Stümpern bei der Polizei würde es ohnehin nicht groß helfen. Bis hier jemand auftauchen würde, wäre er längst über alle Berge. Weit weg.

Alva hörte, wie sich Schritte der Hütte näherten. Seine Schritte. Inzwischen kannte sie seinen Gang. Es war ein unregelmäßiger Gang. Sie hatte bemerkt, dass er leicht hinkte. Es schien, dass etwas mit seinem linken Bein nicht in Ordnung war. Vielleicht von einer früheren Verletzung oder einem Unfall?

Alva war zwar noch nicht einmal 24 Stunden in Gefangenschaft. Diese fühlten sich aber – vielleicht wegen dem fehlenden Schlaf – wie eine Ewigkeit an. Die vergangenen zwei Stunden hatte sie an nichts anderes als an eine Fluchtmöglichkeit gedacht. Erst kurz bevor er zurückkam, hatte sie einen Einfall. Hoffnung keimte auf – vielleicht die letzte Chance?

Kurz nachdem sie merkte, dass er zur Hütte kam, war Alva zur Hüttenwand gerobbt und hatte sich mit dem kleinen Metallteil, welches dort in der Holzwand steckte, an der Innenseite des Unterarms eine Wunde zugefügt. Diese blutete ziemlich stark, und sie brannte. Kurz darauf wurde die Tür aufgestoßen, und er trat in ihr Gefängnis. Augenblicklich realisierte er, dass etwas nicht stimmte. Der Grund war nicht zu übersehen. Alvas gesamter rechter Arm war blutüberströmt. Am Boden hatte sich bereits eine kleine Blutlache gebildet.

Alva hoffte, dass ihr Peiniger ihre Wunde zumindest notdürftig verarzten würde. Dazu müsste er ihre Handfesseln lösen, um an die Wunde zu gelangen. Das wäre ihre Chance, ihre kleine Chance.

Alvas Verletzung schien ihn nicht zu beeindrucken. Im Gegenteil, wieder zeigte sich ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. Er konnte sein Glück kaum fassen. Die doofe Zicke half ihm, sein Schauspiel noch besser werden zu lassen.

Wegen dem Knebel konnte Alava nicht sprechen. Ihr Blick flehte aber geradezu um Hilfe. Noch während Alva ihren verzweifelten, stummen Appell an ihn richtete, sah sie in seinen Augen, dass er ihr nicht helfen würde. Keine Chance. Er hatte inzwischen festgestellt, dass Alvas Wunde kaum noch blutete. Die Blutung würde bald komplett aufhören, auch ohne Verarztung. Alva bot einen erbärmlichen Anblick. Mittlerweile waren ihre Kleider und ihr Gesicht überall mit Blut verschmiert. Obwohl die Verletzung nicht bedrohlich war, sah Alva aus wie eine Schwerverletzte.

Er hatte seinen eigenen Plan. Ohne Alva eines Blickes zu würdigen, machte er sich an der Sägeapparatur zu schaffen. Kurz darauf surrte das waagrecht montierte Sägeblatt und begann, sich zu drehen. Innerhalb weniger Sekunden schwoll das Surren zu einem grässlichen Pfeifen an. Er näherte sich nun Alva und schleifte sie zur Säge. Dort stellte er sie wieder auf ihre eigenen Beine. Alva wagte nicht, sich fallen zu lassen. Sein Blick verriet, dass er daran keine Freude hätte. Er nestelte kurz in seiner Jackentasche und holte ein Handy hervor. Alvas Handy. Schließlich befahl er Alva, sich auf das Sägeblatt zuzubewegen.

Blankes Entsetzen spiegelte sich in Alvas Gesicht. Das waren exakt die Sekunden, auf welche er gewartet hatte. Er hatte sie festgehalten. Mit dem Handy gefilmt. Ein Kurzfilm – ein Horrorfilm. Das sich nähernde tödliche Sägeblatt, die blutverschmierte Alva und die nackte Todesangst. Alles in einem Film, alles echt, alles in zwölf Sekunden.

Kurz darauf verstummte das Sägeblatt, und er verließ die Hütte ohne ein weiteres Wort. Nach ein paar Minuten hörte Alva, wie der Motor des Fords aufheulte und dieser wenig später davon rollte. Zuerst spielte er mit dem Gedanken, via Gotthardtunnel und Lugano bis nach Mailand zu fahren. Da er nicht ausschließen konnte, dass bereits intensiv nach der Schlampe gesucht wurde, entschied er, dass ein Grenzübertritt zu riskant wäre und er nur bis ins Tessin fahren würde. Bei Biasca verließ er die Autobahn und fuhr weiter ins wildromantische Bleniotal. Er stoppte auf einem abgelegenen Forstweg in der Nähe von Malvaglia. Eine feine Schnee- und Eisschicht bedeckte die Straße und die umliegenden Felder. Da es inzwischen kurz vor 18 Uhr war, konnte man wegen der Dunkelheit kaum etwas von der schönen Landschaft erkennen. Als er sich sicher war, dass ihn niemand beobachtete, löschte er auf dem Handy von Alva die Standortinformationen aus seinem oscarverdächtigen Kurzfilm. Ein paar Klicks später war das Meisterwerk an die Eltern von Alva und an Lisa verschickt. Er freute sich diebisch. Zu gerne hätte er beobachtet, wie die Empfänger auf die hübsche Nachricht reagierten. Die Polizei würde rasch herausfinden, dass die Nachricht aus dem Bleniotal abgeschickt wurde. Dann würde es hier von Bullen wimmeln. Endlich wäre in dem gottverlassenen Tal mal etwas los. Leider könnte er sich das nicht live anschauen – er würde längstens über alle Berge sein. Bestens gelaunt startete er seinen Ford und befand sich bald wieder auf der Autobahn in Richtung Norden. Aus dem Autoradio dröhnte The moment of truth von Survivor. Sein Hochgefühl hätte einen krassen Dämpfer erlitten, wenn er realisiert hätte, dass ihm ein Fehler unterlaufen war.

Kapitel 19

Bern, 23. November 2019, 17:55

Lisa und Zigerli hatten beschlossen, auf ihrem Rückweg in die Innenstadt im Rosengarten einen Kaffeehalt einzulegen. Auch wenn sich ihnen ein betörender Blick auf die Lichter der Berner Altstadt bot, wollten sie diesen nicht so recht genießen. Fehlende Ergebnisse waren für einen Ermittler schlimmer als Niederlagen für einen Sportler. Aus Niederlagen konnte man Schlüsse ziehen, man konnte etwas daraus lernen. Fehlende Ergebnisse waren nichts anderes als purer Frust.

Während Zigerli bei der Bedienung zahlte, warf Lisa rasch einen Blick auf ihr Smartphone.

»Eine Nachricht von Alva!«, hörte Zigerli sie frohlocken. Nachdem sich die Bedienung entfernt hatte, widmeten sich beide dem Kurzvideo. Wie paralysiert spulten sie die Zwölf-Sekunden-Aufnahme wieder und wieder ab. Sie konnten nicht glauben, was sie auf den Bildern sahen. War der Film tatsächlich echt? Handelte es sich bei dem offensichtlichen Opfer wirklich um Alva? Alles war völlig surreal. Solche Dinge gab es doch nur in erfundenen Geschichten. Zigerli fand als Erster wieder die Fassung und begann, die richtigen Fragen zu stellen.

»Schauen wir nach, wo die Aufnahme gemacht wurde. In der Regel werden diese Daten in der Mediendatei festgehalten«, schlug Zigerli vor.

»Das ist sogar mir als IT-Banause bekannt«, fauchte die dünnhäutige Lisa zurück. »Hier ist das Handy, worauf wartest du noch?« Mit diesen Worten schob sie ihr Smartphone zu Zigerli.

Nach ein paar Minuten hektischer Tastenbearbeitung meldete dieser enttäuscht:

»Die Registrierung der Ortsdaten wurde entweder deaktiviert oder nachträglich gelöscht. Ich kann nicht feststellen, wo die Aufnahme gemacht wurde.«

»Eigentlich habe ich nichts anderes erwartet«, ließ sich Lisa nicht ohne Sarkasmus vernehmen. Auch wenn es nur Ausdruck von Lisas Frust war, verschränkte Zigerli demonstrativ die Arme und lehnte sich eingeschnappt zurück. Dennoch war er es, der das Heft wieder in die Hand nahm.

»Es nützt nichts in Selbstmitleid zu zerfließen, schauen wir uns die Aufnahme nochmals an. Vielleicht können wir etwas Auffälliges entdecken, das uns weiterhilft.« Lisa tat es sichtlich gut, ihren Kollegen aktiv zu sehen. Schon fast ein bisschen euphorisch stürzten sich die beiden wieder auf den Film. Zehn, zwanzig, vielleicht sogar dreißig Mal spielten sie die Aufnahme ab. Vergrößern, anhalten, Ton aus, maximale Lautstärke. Alle Optionen kamen zum Zuge. Sie hatten sich gerade darauf geeinigt, dass sie noch zwei Durchgänge machen würden, als Lisa plötzlich rief:

»Da, siehst du den kleinen Plastikfetzen in der Ecke der Hütte?«

Zigerli konnte nichts erkennen. Schließlich sah auch er, was Lisa gemeint hatte. Mit der maximalen Vergrösserung konnte, wenn auch sehr unscharf, eine Art Zettel mit einem Logo darauf erahnt werden. Minutenlang betrachteten die beiden das Bild. Stille. Keiner wagte einen möglichen Verdacht zu formulieren.

Schließlich brach Lisa das Schweigen.

»Es tönt zwar lachhaft, aber mich erinnert das nebulöse Bild an einen Hasen mit einer Skibrille und einem Helm.« Wie nicht anders zu erwarten, quittierte Zigerli Lisas Vorschlag lediglich mit einem schrägen Blick.

»Hat der Herr eine bessere Idee?«, zischte Lisa zurück.

»Der Herr hat nicht. Aber lieber keine Idee als solcher Bockmist.« Diese Antwort brachte das Pulverfass zur Explosion. Beleidigt stapfte sie wutentbrannt aus dem Lokal. Zigerli kannte ihr italienisches Temperament mittlerweile zur Genüge und nahm das Ganze deshalb gelassen. Er blieb noch eine Weile sitzen, schüttelte immer wieder den Kopf und machte sich schließlich auch auf den Heimweg.

Auf dem Weg nach Hause, der durch die schmucken Lauben der Berner Altstadt führte, konnte sich Lisa wieder beruhigen. Kaum war sie in ihrem Studio in der Länggasse angekommen, hatte sie bereits ihren Laptop hochgefahren. Zu ihrer großen Überraschung landete sie mit den Suchbegriffen »Logo«, »Hase«, »Skibrille« und »Helm« innerhalb weniger Minuten einen vielversprechenden Treffer. Sie stieß auf das Logo des Snow-Parks Balis Park. Dieser Freestyle-Park befand sich im Berner Oberland, genauer gesagt in der Region Hasliberg auf der Balisalp. Lisa kannte dieses Skigebiet. Vor drei oder vier Jahren hatte sie dort ein Wochenende verbracht. Sie verband wunderschöne Erinnerungen mit der märchenhaft schönen Gegend. Wenn das Wetter mitspielte, boten sich atemberaubende Ausblicke auf die grandiose Bergwelt des Berner Oberlandes.

Lisa verglich das orangebraune Logo auf ihrem Laptop mit dem unscharfen Standbild auf ihrem Handy. Auch wenn die Bildqualität aus dem Video miserabel war, bestand kein Zweifel, dass es sich bei beiden Bildern um dasselbe Logo handelte. Zwar war dies noch kein wasserfester Beweis, dass sich der Heuspeicher aus dem Video auch tatsächlich auf der Balisalp befand. Es war hingegen unwahrscheinlich, dass der Logofetzen mit der Balis Park-Werbung in einem anderen Skigebiet auftauchte, noch dazu in einem Heuschober.

Am liebsten hätte sich Lisa direkt auf den Hasliberg gebeamt. Leider würde sie nicht um eine knapp 90-minütige Autofahrt herumkommen. Vorausgesetzt, dass ein Auto zur Verfügung stand. Normalerweise hätte sie kurzerhand Zigerli angerufen und ihn gefragt, ob sie seinen kleinen Cinquecento ausleihen dürfte. Heute war es anders. Nach der unrühmlichen Szene im Rosengarten ließ es ihr Stolz nicht zu, bei Zigerli bereits wieder um einen Gefallen zu betteln. Sie würde bei ihren Eltern anklopfen. Nachdem sie sich ihre warme Daunenjacke und eine Taschenlampe geschnappt hatte, machte sie sich auf den kurzen Weg zum Altenbergrain.

Es war bereits nach 21 Uhr, als Luca auf seinem Smartphone das Zwischenresultat des Fußballspiels der Italienischen Serie A zwischen dem FC Bologna und Sassuolo Calcio suchte. Dabei stieß er auf die Kurznachricht von Alva. Das Video ließ ihm das Blut in den Adern stocken. Luca spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, und seine Knie weich wurden. Es zerriss ihm sein Herz. Nachdem er einige Minuten auf der Wohnungstreppe still vor sich hin geweint und seine Fassung zumindest ein bisschen wiedergefunden hatte, machte er sich auf, Elin die bittere Nachricht zu überbringen. Es hätte die Situation auch nicht besser gemacht, wenn Luca zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, dass sein FC Bologna 3:0 in Führung lag.

Elin reagierte überraschend gefasst auf das Horrorvideo, obwohl sie von der Nachricht total überrascht wurde. Kurz fragte sich Luca, ob die geballten Hiobsbotschaften zu ihren Töchtern bei Elin eine Art Gefühlskälte verursacht hatten. Er konnte es sich nicht vorstellen und schob das besonnene Auftreten von Elin ihrer nordländischen Coolness und ihrem starken Charakter zu.

Die Türklingel und kurz darauf die vertraute Stimme von Lisa holten Luca aus seiner sorgenvollen Grübelei. Lisa war froh, dass ihre Eltern die Nachricht von Alva schon kannten. Sie stellte erleichtert fest, dass die beiden, das heißt in erster Linie ihre Mutter, die Schreckensnachricht offensichtlich recht gut verdaut hatte. Coccolone sah man an, dass er litt.

In wenigen Worten schilderte Lisa ihren Eltern, wie sie zu ihrer Vermutung gekommen war, dass sich die Hütte auf dem Hasliberg befand. Die Frage nach dem Autoverleih brauchte Lisa gar nicht zu stellen. Elin und Luca kannten ihre älteste Tochter lange genug, um zu wissen, dass Lisa so schnell wie möglich auf die Balisalp wollte, auch wenn es inzwischen gegen 22 Uhr ging.

»Wird dich Thomas begleiten?«, erkundigte sich Luca.

»Ähm … Thomas … Thomas kann gerade nicht. Ich werde alleine hinfahren«, stammelte Lisa.

»Dann fahre ich mit dir. Wir lassen dich nicht alleine mitten in der Nacht auf den Hasliberg fahren«, erwiderte Luca energisch.

Lisa war froh, dass ihr Vater sie begleiten wollte. Nicht, dass sie sich gefürchtet hätte. Sie freute sich, Zeit zu haben, um mit ihm in Ruhe über die Ereignisse der vergangenen Tage zu sprechen. Tochter und Vater waren schon kurz nach der Abfahrt in ein tiefes Gespräch verwickelt. Entsprechend kurzweilig verlief die Fahrt zur Balisalp. Es herrschte praktisch kein Verkehr. Ab Hasliberg Hohfluh kamen sie für die letzten fünf Kilometer nur noch langsam voran. Die Straße war sehr schmal und führte in engen Kurven steil bergauf. Lisa, welche am Steuer saß, war froh, dass der Saab 9-4 über einen Vierradantrieb verfügte. Gegen Mitternacht erreichten sie das Alprestaurant Balis. Da die Wintersaison erst im Dezember starten würde, hatte das Restaurant Betriebsferien. Die Alp schien völlig verlassen, keine Menschenseele war zu sehen.

Die Balisalp bestand aus einer kleinen Ansammlung von Hütten und Ställen. Alle aus braunem Holz im typischen Stil des Haslitals gebaut.

»Wo sollen wir beginnen?«, fragte Lisa mehr sich selbst, als an ihren Vater gerichtet. Luca war in der Zwischenzeit ausgestiegen und suchte in der Dunkelheit nach einem brauchbaren Ansatzpunkt.

»Ich denke, wir können uns auf die Hütten ohne Fenster konzentrieren. Im Video war klar zu erkennen, dass der Speicher keine Fenster besaß«, schlug Lisa vor.

Getrennt machten sie sich an die Überprüfung der Bauten. Nach einer guten Stunde hatten sie die meisten Gebäude der Alp inspiziert. Von Alva keine Spur. Lisa hoffte, dass ihr Vater mehr Ermittlerglück gehabt hatte. Leider blieb es bei der Hoffnung. Noch zwei Gebäude, beide am Rand der Siedlung, wollte Lisa überprüfen. Noch zwei Lose. Falls sich beide als Nieten entpuppten, wäre es der perfekte Abschluss eines totalen Frusttags. Als Lisa die nächste Hütte umrundete, hielt sie plötzlich inne. Ein kleiner Gegenstand auf dem Kiesboden hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.

Als sie danach griff, machte ihr Herz einen Sprung. Lisa hielt eine Haarspange in ihren Händen. Alvas Haarspange. Es gab keinen Zweifel. Die Spange war einzigartig. Ein Unikat. Lisa hatte sie Alva auf der Piazza Ducale in Vigevano vor ungefähr zwei Jahren gekauft. An der Spange befand sich eine Art kleine Brosche mit einem Bildchen. Das Bildchen zeigte die Basilika Santo Stefano in Bologna. Luca war in unmittelbarer Nähe dieser Kirche in der Via Caldarese aufgewachsen.

Lisa hätte am liebsten laut gejubelt.

Du sollst den Tag nicht vor dem Abend verdammen, musste sie sich erfreut eingestehen.

Als Lisa dem herangeeilten Luca die Haarspange zeigte, sah sie, wie sich seine Augen wieder mit Tränen füllten.

»Schauen wir uns das Innere der Hütte genauer an«, schlug Lisa vor.

Wie zu erwarten, war der Eingang verschlossen. Ein Lächeln auf Lucas Gesicht verriet Lisa, dass ihr Vater eine Lösung zur Hand hatte.

»Diese Tür wird zu öffnen sein. Ich hole rasch ein paar Werkzeuge.« Mit diesen Worten machte sich Luca auf den Weg zu seinem Fahrzeug. Es dauerte nicht lange, und Lisa sah ihren Vater mit einer Werkzeugkiste und einem länglichen Gegenstand wieder näherkommen. Luca war sichtlich stolz, endlich einmal Verwendung für seinen Werkzeugkoffer zu haben. Elin hatte sich in der Vergangenheit des Öfteren vorwurfsvoll über den nutzlosen Gemischtwarenladen im Kofferraum beklagt.

»Es liegt in der Natur der Sache, dass man nicht weiß, wann man solche Werkzeuge braucht. Entscheidend ist, dass man die Utensilien zur Verfügung hat und deshalb stets mitführen muss«, hatte Luca jeweils entgegnet.

Als er fast wieder bei Lisa war, konnte sie sehen, dass der längliche Gegenstand eine Art Geißfuß war. Kurz darauf war die Tür offen. Nur zweimal hatte Luca die Stange angesetzt. Beiden klopfte das Herz bis zum Hals, als sie die Hütte betraten. Innerhalb von Sekunden wich der Aufregung bittere Enttäuschung. Die Hütte war leer. Fast leer.

In der Mitte des Heuspeichers befand sich eine komische Apparatur. Eine Art Säge mit horizontal montiertem Sägeblatt. Zweifelsfrei das Gerät, welches auch auf dem Video mit Alva zu erkennen war. Ihre Schwester musste demzufolge in diesem Raum gewesen sein.

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0+
Release date on Litres:
26 May 2021
Volume:
333 p. 6 illustrations
ISBN:
9783839267103
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