Read the book: «Neue Welt Mundus Novus»

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Dipl.-Geograph Uwe Schwarz,

geb. 1955, betreibt sein Büro GeoFan in Königswinter-Oberdollendorf. Studium an der Universität Bonn. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge in Kartographie-, Geographie-, Entdeckungs- und Reisegeschichte, Exkursionen und Beratungstätigkeiten bei Ausstellungen. Eigene Buchpublikationen zur Entdeckungsgeschichte Amerikas und zur Darstellung Kölns und seines Umlandes in alten Karten.

Amerigo Vespucci

(1454–1512) wurde in Florenz geboren und stand als Kaufmann in den Diensten des Handelshauses der Medici. Diese entsandten ihn 1491 in ihre Filiale nach Sevilla, um bei der Ausrüstung für Columbus’ erste Expedition zu helfen. 1497 soll er zum ersten Mal an einer Seefahrt nach Amerika teilgenommen haben. Auf seinen Seefahrten in den Jahren 1499–1500 und 1501–1502 erkundete er weite Teile der nordöstlichen und brasilianischen Küste Südamerikas und entdeckte dabei 1499 den Amazonas. In den überlieferten Briefen schildert Vespucci lebhaft seine Beobachtungen bzgl. Flora und Fauna sowie die Sitten und Gebräuche der Einheimischen. 1503–1504 soll er eine vierte Seefahrt in die Neue Welt unternommen haben, ohne aber auf Neuland zu treffen. Noch vier Jahre vor seinem Tod wird Vespucci zum »Piloto Mayor« (Chefnavigator und Chefkartograph) der spanisch / kastilischen Überseehandelsgesellschaft in Sevilla ernannt.

Zum Buch

»Nun in Wahrheit wurden diese Teile der neuen Welt besonders erkundet und ein weiterer Teil von Americus Vesputius entdeckt … und es ist nicht einzusehen, warum jemand es verbieten sollte, das neue Land Amerige, Land des Americus, zu nennen, nach seinem Entdecker Americus, einem besonders scharfsinnigen Mann, oder America, da sowohl Europa als auch Asien ihre Namen von Frauen haben …«

Matthias Ringmann / Martin Waldseemüller

Während Columbus drei Jahre vor der sensationellen Nachr icht Vespuccis in dem von ihm zunächst angenommenen Indien einen neuen Erdteil sieht, erblickt Vespucci später ebenfalls in den neu entdeckten Küstenlandschaften einen eigenen Kontinent. In seinen in Briefform überlieferten Reiseberichten Mundus Novus und Die vier Seefahrten, die zu seinen Lebzeiten nie angezweifelt worden sind, betont er dies immer wieder – bis der Kartograph Martin Waldseemüller zusammen mit dem Humanisten Matthias Ringmann 1507 eine Weltkarte veröffentlicht, die den neuen Kontinent erstmals aufnimmt und mit dem Namen versieht: »America«.

Mit einer ausführlichen Einleitung zu den Hintergründen der Reiseberichte, der Entdeckung Amerikas und einem kommentierten Kartenteil von Uwe Schwarz.

Kein Ereignis in der Entdeckungsgeschichte hat vor allem die Völker Europas so beeindruckt und bewegt wie die Entdeckung der Neuen Welt – Amerikas.

Werfen wir heute einen Blick auf die Weltkarte oder noch besser auf den Globus, so ist es selbstverständlich, dass zwischen Europa im Osten und Asien im Westen der amerikanische Doppelkontinent (Nord- und Mittelamerika, Südamerika) platziert ist. Keineswegs war das immer so. Denn als Christoph Columbus am 12. Oktober 1492 auf seiner Westfahrt nach Indien (damals synonym für Mittel- und Ostasien) die zu den Bahamas gehörige Insel Guanahani (San Salvador) erreichte, betrat er erstmals amerikanischen Boden zunächst in dem Glauben, auf den Fernen Osten Asiens getroffen zu sein.

Nach der Befahrung vor der sich weiter nach Südwesten streckenden südamerikanischen Küste zog Amerigo Vespucci den richtigen Schluss, dass es sich hier nicht um einen Teil Asiens handeln könne, sondern um eine selbstständige Landmasse. Demnach war auf dem von Europa nach Asien westwärts gerichteten Seeweg ein neuer Erdteil entdeckt, der den Weg nach Asien bis zur ersten Weltumsegelung durch Ferdinand Magellans Flotte (1519–1522) zunächst noch versperrte. Im Mundus-Novus-Brief greift diese Erkenntnis, als sensationelle Nachricht schnell um sich.

DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER


Amerigo Vespucci

Amerigo Vespucci

Mundus Novus


Neue Welt

und

Die vier Seefahrten

Mit 7 Karten

Herausgegeben von

Uwe Schwarz


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

© by Edition Erdmann in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014

Der Text wurde behutsam revidiert

nach der Ausgabe Edition Erdmann Stuttgart 1992.

© der Mundus Novus-Übersetzung von Robert Wallisch bei:

Edition Woldan, Band 5, Wien 2012 (3., überarbeitete Auflage).

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH

Hamburg Berlin

Bildnachweis: Südamerikanischer Urwald.

Farblithographie, 1911. © akg-images GmbH, Berlin

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0478-3

www.verlagshaus-roemerweg.de/Edition_Erdmann/

»Nun in Wahrheit wurden diese Teile der neuen Welt besonders erkundet und ein weiterer Teil von Americus Vesputius entdeckt … und es ist nicht einzusehen, warum jemand es verbieten sollte, das neue Land Amerige, Land des Americus, zu nennen, nach seinem Entdecker Americus, einem besonders scharfsinnigen Mann, oder America, da sowohl Europa als auch Asien ihre Namen von Frauen haben …«

Martin Waldseemüller/Matthias Ringmann

INHALT

EINFÜHRUNG

Amerika vor und bei seiner Wiederentdeckung Entwicklungsstränge seiner Entdeckungsgeschichte bis Columbus und Vespucci

KARTENTEIL

MUNDUS NOVUS

MUNDUS NOVUS

Albericus vespucius Laurentio Petri de medicis salutem plurimam dicit.

EINE NEUE WELT

Brief des Amerigo Vespucci an Lorenzo di Pier Francesco de’ Medici

DIE VIER SEEFAHRTEN

DIE ERSTE SEEFAHRT (1497)

DIE ZWEITE SEEFAHRT (1499)

DIE DRITTE SEEFAHRT (1501)

DIE VIERTE SEEFAHRT (1503)

PERSONEN MIT LEBENSDATEN

EINFÜHRUNG

Amerika vor und bei seiner Wiederentdeckung Entwicklungsstränge seiner Entdeckungsgeschichte bis Columbus und Vespucci

Kein Ereignis in der Entdeckungsgeschichte hat vor allem die Völker Europas so beeindruckt und bewegt wie die Entdeckung der Neuen Welt – Amerikas. Doch schon lange vor Columbus gibt es erste Entdeckungsfahrten, die den amerikanischen Doppelkontinent aus westlicher und östlicher Richtung gewollt oder ungewollt ansteuerten, wie wir aus Zeugnissen der Antike und des Mittelalters wissen. Aber auf einen noch wesentlich längeren Zeitraum müssen wir zurückblicken, als die ersten Einwanderer in das menschenleere Amerika vordrangen und es sukzessive besiedelten.

ERSTE EINWANDERER UND UREINWOHNER

Woher kamen sie? Wann kamen sie?

Die erste Frage nach der geographischen Herkunft der Ureinwohner lässt sich eindeutiger beantworten als die zweite Frage nach dem genauen Datum der Einwanderung.

Und wie war es überhaupt möglich, dass Menschen vor 40 000 oder sogar 70 000 Jahren den amerikanischen Erdteil betreten konnten, ohne im Besitz von hochseetüchtigen Schiffen zu sein?

Diese Problematik beleuchtet der Geograph und Klimatologe Wilhelm Lauer (1981) von zwei natur- respektive klimageographischen Aspekten her. Der erste Aspekt erklärt die Ankunft der ersten Menschen auf amerikanischem Boden, der zweite die Wanderbewegung in den Kontinent.

In der Zeitspanne zwischen etwa 70 000 und 14 000 Jahren senkten Kaltphasen der letzten Vereisung den Meeresspiegel derart herab, dass die Beringstraße, eine wenig unterhalb des nördlichen Polarmeeres zwischen dem asiatischen Kap Deschnew (Tschuktschenhalbinsel) und dem amerikanischen Kap Prince of Wales (Sewardhalbinsel in Alaska) gelegene 60 km lange, 35 km breite und 57 m tiefe Meerenge, frei von Wasser und somit für nordasiatische Bevölkerungsgruppen passierbar wurde. Als die ersten Einwanderer auf den Nordwesten Amerikas trafen, war ein weiteres Vordringen zunächst unmöglich, da sich über den gesamten kanadischen Raum eine geschlossene Eisdecke erstreckte. Erst nach kürzeren wärmeren Klimaphasen konnten Wanderungen durch einen eisfrei beziehungsweise -arm werdenden Korridor zwischen den vereisten Rocky Mountains und dem östlichen Inlandeis in südliche Richtung stattfinden. So wechselten während der letzten Eiszeit kältere und wärmere Phasen einander ab, wobei die kältere die Beringstraße landfest werden ließ, die wärmere den Durchgang nach Süden schuf und damit Wanderungsbewegungen in den amerikanischen Kontinent auslöste.

Den Nordwesten Amerikas erreichten die Ureinwohner irgendwann vor 40 000 bis 70 000 Jahren. Von hier aus konnten sie erstmals vor etwa 36 000 Jahren den Bereich der Inlandeisbarriere durch einen Korridor verlassen und sich in Teilen der USA und Mexikos ansiedeln. Bei den sich südwärts orientierenden Wanderungen in günstigere Klimazonen sonderten sich verschiedene Gruppen voneinander ab. Von Mexiko über den Isthmus von Panama dürften bereits in einem Zeitraum zwischen 12 000 und 16 000 Jahren erste Gruppen den äußersten Süden Südamerikas erreicht haben.

Nach unserem Sprachgebrauch handelt es sich bei den erwähnten Einwanderergruppen um Indianer, die einen hohen Grad an Multiethnizität erreichten, der sich nicht erst allein isoliert auf dem amerikanischen Doppelkontinent (Nord- und Südamerika) herauskristallisierte, sondern bereits während der Ureinwanderung in verschiedenen Rassen- und Sprachzugehörigkeiten angelegt war. Denn setzte man bei den ersten Einwanderungswellen eine homogene Rasse voraus, würde sich heute wohl kaum ein so sehr heterogenes Erscheinungsbild vom Indianer präsentieren können, worauf uns der Völkerkundler Hermann Trimborn (1964) nachdrücklich verweist. Sicher ist, dass die Ureinwohner dem großen mongoliden Rassenkreis Asiens angehörten. Die Bezeichnung »Indianer« leitet sich vom Namen des Subkontinents Indien ab und beruht auf einem Irrtum, der seit der Entdeckung Amerikas durch Columbus nicht mehr zu korrigieren war. Columbus segelte von Europa nach Westen und glaubte, in den vorgefundenen Ländern auf Indien getroffen zu sein.

Bedenken wir, dass die ersten Einwanderer und zugleich Ureinwohner Amerika schon vor 70 000 Jahren erreicht haben können und Columbus erst im Jahre 1492 auf Amerika traf, ist es gerechtfertigt, den Namen »Indianer« zumindest für den einen langen Zeitraum einnehmenden Vorgang der Erstbesiedlung und Inbesitznahme zu meiden und besser von Einwanderern zu sprechen, die als erste menschliche Gruppen Amerika besiedelten und als dessen Ureinwohner gelten.

ERSTE ENTDECKUNGEN

Die westöstliche Entdeckungsrichtung

Die Entdeckung Amerikas setzt bereits lange Zeit vor Christi Geburt ein. Die frühesten Entdeckungen waren nach unserem heutigen Kenntnisstand vom ostasiatischen Kulturkreis aus erfolgt. Ob diese Entdeckungsfahrten von Westen nach Osten über den Pazifischen Ozean bewusst und gezielt in Angriff genommen worden waren, scheint zweifelhaft. Wahrscheinlicher dagegen ist es, dass die ersten Kontakte zwischen Asien und Amerika ungewollt zustande kamen. Geriet nämlich ein Boot aus ostasiatischen Gewässern in den Sog der Kuroshio-Meeresströmung, die östlich Taiwans einsetzt und sich bei etwa 40° nördlicher Breite von Japan aus ostwärts bewegt, so konnte es ohne Weiteres mit der nordpazifischen Strömung in östlicher Richtung auf die Westküste Nordamerikas treiben. Die Besatzung, auf solche Weise einer durch natürliche Kräfte erzwungenen Route folgend, strandete regelrecht auf Neuland, sodass man solch eine unbeabsichtigte Entdeckungsleistung als das Ergebnis einer Verschlagung bezeichnet. Den heimatlichen Gewässern Ostasiens entrissen, mussten sich verschlagene japanische Fischer wie Ausgesetzte vorgekommen sein, als sie ungefähr um 3000 v. Chr. an die Westküste des amerikanischen Doppelkontinents angespült wurden.

Im Jahr 1974 setzt sich der Österreicher Kuno Knöbl mit sieben Gefährten in eine chinesische Dschunke, die einem Modell aus der Zeit um Christi Geburt nachgebildet wurde, um den eben skizzierten Weg von Asien über den Nordpazifik nach Amerika als mögliche Schifffahrtsroute empirisch nachzuvollziehen. Doch nach einer Fahrtzeit von über einem Vierteljahr muss man nach zwei Dritteln der zurückzulegenden Strecke, nach etwa 8000 von 12 000 km, aufgeben. Schiffsbohrwürmer (häufigste Art der Schiffsbohrmuscheln) fraßen sich in das Fichtenholz der Dschunke »Tai Ki«. Aber hätte man statt wochenlanger Flaute in japanischen Gewässern die gewohnte Zugstärke des Kuroshio-Stroms erwischt, wäre die amerikanische Küste trotz Bohrmuscheln mit großer Wahrscheinlichkeit erreicht worden (K. Knöbl 1975). So erfuhr Kuno Knöbl dann auch Anerkennung von dem wohl populärsten Vertreter der Experimentellen Archäologie, dem norwegischen Forscher Thor Heyerdahl. Persönlich schrieb er an den Gesamtleiter der österreichischen Transpazifik-Expedition: »Ihre Reise mit der ›Tai Ki‹ hat gewiß den Nachweis erbracht, daß primitive Wasserfahrzeuge eine Reise von Südostasien nach Amerika entlang des Großkreises über den Nordpazifik bewältigen konnten. Sie kamen auf jeden Fall weit genug, um die Möglichkeit eines direkten Seeweges von südchinesischen oder indonesischen Gewässern nach Amerika unter Beweis zu stellen« (Zitat aus K. Knöbl 1975, Klappentext). Heyerdahls weltberühmte Kon-Tiki-Expedition befuhr im Jahre 1947 den Südpazifik von Südamerika aus mit einem Balsa-Floß, wie es etwa 1500 Jahre zuvor traditionell in Altperu gebaut wurde. Die sechsköpfige Crew startete im peruanischen Hafen Callao und erreichte nach 101 Tagen das zu Französisch-Polynesien gehörende Atoll Raroia. Rund 7000 km waren geschafft. Diese spektakuläre Expedition zeigte, dass die Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus theoretisch möglich gewesen wäre. Weitere derartige Expeditionen Heyerdahls mit primitiven Schiffstypen folgten mit dem Zweck, woanders noch frühere Migrationsrouten und Verbindungen zwischen den Völkern und Kulturkreisen nachzuweisen. Vorherrschende Winde und Meeresströmungen als Transportbänder spielen dabei eine tragende Rolle. (T. Heyerdahl 1978, 1980)

Um aber wieder auf die westöstliche Entdeckungsrichtung Asien–Amerika zurückzukommen, sei auf den großen Forschungsreisenden und Geographen Alexander von Humboldt verwiesen, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon vermutete, dass amerikanische von asiatischen Kulturen beeinflusst wurden. Und ohne derartige Kontakte über den transpazifischen Weg im Sinne der kulturellen Diffusion Robert Heine-Gelderns wären die vielen übereinstimmenden Kulturmerkmale kaum denkbar. (K. Knöbl 1975)

Als weitere Quelle über frühere Entdeckungen respektive Kenntnisse Amerikas kommt die 1980 erschienene, groß angelegte kartographiehistorische Interpretation des belgisch-argentinischen Gelehrten Paul Gallez in Betracht. Schon vor dieser Arbeit war bekannt, dass vornehmlich Südamerika auf Karten und Globen des 15. und 16. Jahrhunderts einem Drachenschwanz ähnlich aus Südostasien herauswächst. Der Argentinier Enrique de Gandía erblickte erstmals 1942 in dem drachenschwanzartigen Gebilde den südamerikanischen Subkontinent. Als nicht exakt erscheinende und fehlerhafte Kartierung brauchte man den Drachenschwanz angeblich einer wissenschaftlichen Analyse nicht zu unterziehen. Gallez begann als Erster, die verschiedenen Drachenschwanzdarstellungen näher zu untersuchen. Es sei hier nur auf die Londoner Ptolemaios-Karte des deutschen Kartographen Heinrich Hammer aus dem Jahre 1489 verwiesen, welche drei Jahre vor der ersten Fahrt des Columbus »die vollständigste und richtigste Darstellung des südamerikanischen Flußnetzes« beinhaltet, »die vor der Mitte des 19. Jahrhunderts angefertigt worden ist« (P. Gallez 1980). Aber wie war es nur möglich, Südamerika in so früher Zeit zu kartieren? Der Bonner Geographie- und Reisehistoriker Hanno Beck beschreibt dieses Phänomen in seiner einführenden Problemorientierung zum Gallezschen Drachenschwanz-Buch wie folgt: »Wir stehen damit [gemeint ist der Drachenschwanz] vor einem Problem, das in der Wissenschaftsgeschichte nicht unbekannt ist: Wir erkennen ein vorhandenes Wissen, nur können wir uns (noch!) nicht erklären, wie es zustande kommen konnte.« (H. Beck 1980)

Denn »das Geheimnis des Drachenschwanzes« birgt Geheimnisse vergangener Expeditionen, zum einen von solchen, deren Existenz zwar als gesichert gilt, deren Absicht aber noch nicht geklärt werden konnte, zum anderen von denen, welche überhaupt noch nicht bekannt sind, die also erst noch entdeckt werden müssen. Diese Geheimnisse der Vergangenheit ans Tageslicht zu fördern, wird nicht zuletzt auch mit dem Einsatz computertechnischer Neuerungen in Zukunft ermöglicht werden können.

Selbstverständlich betreffen die soeben skizzierten Äußerungen im Hinblick auf vorkolumbische Entdeckungen Amerikas nicht allein die westöstliche, sondern genauso die im Anschluss zu verfolgende ostwestliche Entdeckungsrichtung.

Die ostwestliche Entdeckungsrichtung

Das bisher älteste bekannte Dokument, das die Anwesenheit phönizischer Seefahrer in Amerika belegt, wurde 1873 im brasilianischen Paraíba (heute João Pessoa) an der Ostspitze Südamerikas gefunden. Nachdem die Inschrift etwa zwei Jahrzehnte für echt gehalten wurde, bezweifelte man später deren wahren Charakter. Erst 1969 ließ sich aufgrund einer minutiösen philologischen Studie die Echtheit des achtzeiligen Textes nicht mehr anzweifeln. Dem Bonner Theologen und Aramaisten Lienhard Delekat (1969) war es fast 100 Jahre nach dem Fund von Paraíba gelungen, die Anwesenheit der Phönizier in Amerika auf das 5. Jahrhundert v. Chr. zu datieren. Bevor die Phönizier aber in Paraíba schriftlich Zeugnis ablegten, müssen sie nach den Interpretationen Delekats zunächst auf Mittelamerika gestoßen sein, wo sie in erste Kulturkontakte getreten sind.

Dass phönizische Seefahrten auch technisch durchaus im Bereich des Möglichen lagen, bewies der Nestor authentischer, auf Hochseefahrten erprobter Schiffstypen: der bereits erwähnte Anthropologe, Zoologe und Geograph Thor Heyerdahl. 1970 gelangte Heyerdahl mit sieben Reisegefährten in 57-tägiger Fahrt von der marokkanischen Hafenstadt Safí nach Bridgetown auf der Insel Barbados, die im Südosten der Kleinen Antillen zugleich den östlichsten Punkt Mittelamerikas markiert. Der nach ägyptischen Vorbildern entwickelte und bei den Phöniziern bekannte Schiffstyp, ein rekonstruiertes Papyrusboot, absolvierte die 6100 km weite Transatlantikroute (Ra-II-Expedition) ähnlich erfolgreich, wie es seinerzeit den Phöniziern gelungen sein dürfte (T. Heyerdahl 1980). Von den Fähigkeiten phönizischer Seefahrer berichtet schon Herodot aus Halikarnassos, der uns vor allem als der Vater der Geschichtsschreibung ein Begriff ist. Ergänzend hierzu dürfen wir in diesem großen Griechen auch den »Vater der Geographie Europas« erblicken, wie ihn Hanno Beck (1982) bezeichnet hat. Etwa 150 Jahre nach einer phönizischen Afrikaumsegelung, die um 600 v. Chr. stattgefunden hatte, berichtet uns Herodot über dieses Ereignis. Den Befehl zu dieser Expedition erteilte Pharao Necho II. so klar, dass die Umschiffbarkeit des afrikanischen Kontinents schon vorher bekannt gewesen sein musste, da Necho die Expedition vom Roten Meer in der Gewissheit aussandte, dass diese nach der Umfahrung Südafrikas sowie nach dem Passieren der Säulen des Herakles (Straße von Gibraltar) ohne Weiteres in Ägypten zurückerwartet werden konnte. Die ersten Umschiffungen Afrikas müssen demgemäß von Osten nach Westen vollzogen worden sein. Auch der sprachwissenschaftliche Nachweis des phönizisch geprägten Begriffs Ozean spricht für dieses bedeutende Seefahrervolk (C. Ritter 1861; M. Büttner 1980).

Ob die im Mittelalter in irischen Überlieferungen angeführten Seefahrten über den Atlantik tatsächlich stattgefunden haben, darf wohl spätestens seit der im Jahr 1977 in heyerdahlscher Manier geglückten Überfahrt von Irland nach Neufundland durch Timothy Severin nicht mehr als vollkommen unmöglich erscheinen (T. Severin 1979).

Aus einer normannischen Landnahmesage um 1200 geht hervor, dass norwegische Siedler unter Floke Vilgerdson um 865 den ersten Versuch einer Besiedlung Islands wagten, sich aber infolge einer zu kalten Klimaepoche während einer besonders strengen winterlichen Phase geschlagen geben mussten. Angesichts klimatisch widriger siedlungsfeindlicher Umstände und eines voll mit Eis bedeckten Fjords bezeichnete man das ganze Land respektive die ganze Insel als »Eisland«, was zu »Island« synonym aufzufassen ist. Aber schon wenig später konnte unter Führung von Ingolf Arnarson im Jahr 874 aufgrund eines günstigeren, siedlungsfreundlicheren Klimas die Inbesitznahme der 103 000 qkm großen Insel erfolgen. Bis zum Jahre 930 vollzog sich die isländische Landnahme durch die norwegischen Siedler.

Grönland, was »Grünland« bedeutet, verdankt seinen gar nicht typisch erscheinenden Namen dem normannischen Entdecker Erik Thorwaldson, der uns als Erik der Rote bekannter ist. Dieser wurde 982 wegen Totschlags zu dreijähriger Verbannung verurteilt und musste somit seinen isländischen Hof verlassen. Die so geahndete Straftat und die Erinnerung an einen gewissen Gunnbjörn Ulfsson, der als einer der Pioniere Islands während einer Umsegelung der Insel weiter nach Westen abgetrieben sein muss und dort Land gesichtet hatte, veranlassten Erich den Roten, in westwärtiger Fahrt neues siedlungsfähiges Land zu erkunden. So erreicht er noch im selben Jahr mit seiner Gefolgschaft die mit einer Fläche von 2 175 600 qkm absolut größte Insel der Erde an einem Küstensaum im Südwesten, der wegen seiner blühenden Vegetationsdecke zum Zeitpunkt einer ohnehin wärmeren Klimaepoche den Normannen günstigere natürliche Gegebenheiten versprach, als diese zunächst ahnen konnten. Auch nach Ablauf der Verbannungsfrist und Rückkehr nach Island entschied sich Erich der Rote für eine grönländische Landnahme. Die Bezeichnung »Grünland« sollte wohl für eine sich lohnende Siedlertätigkeit werben. Island und Grönland hätten eigentlich ihrer natürlichen Ausstattung nach jeweils den Namen der anderen Insel erhalten müssen, aber Klimaschwankungen spiegelten oberflächlich andere natürliche Verhältnisse wieder (C. D. Schönwiese 1979).

Naturgeographisch war mit Grönland bereits ein zum nordamerikanischen Subkontinent gehöriges Land betreten. Leif Eriksson, ein Sohn Erichs des Roten, rüstete zu einer Entdeckungsfahrt nach Westen in der Annahme, weiteres siedlungsgünstiges Land zu erreichen in der Weise, wie es seinem Vater 18 Jahre vorher geglückt war. Dass man westlich Grönlands auf Neufundland treffen konnte, wusste man von dem Bericht des Bjarne Herjolfsson, der 985 seinen Eltern, die sich den Siedlungsplänen Eriks des Roten anschlossen, nach Grönland folgte. Dabei verschlug es ihn zu weit nach Westen, sodass er die amerikanische Küste im Süden Labradors erstmals sichtete. Dem norwegischen Archäologen Helge Ingstad (1966) zufolge haben sich die Normannen erstmals im Norden Neufundlands bei L’Anse aux Meadows niedergelassen. Da man hier wilde Reben antraf, wurde allgemein vom »Vinland« (= Weinland) gesprochen. Die normannischen Entdecker drangen auf ihren sogenannten Vinlandfahrten bis in den heutigen US-amerikanischen Bundesstaat Minnesota vor, westlich des größten Süßwasserseengebietes der Erde. 1898 wurde bei Kensington in Minnesota ein Stein gefunden, dessen Inschrift die Anwesenheit von acht Schweden und 22 Norwegern bezeugen soll, die 1362 im Auftrag des norwegisch-schwedischen Königs Magnus nach verschollenen Landsleuten suchten. Anhand zahlreicher zur Befestigung von Bootstauen dienenden Vertäuungssteine ließ sich die Schiffsroute jener Expedition rekonstruieren. Von Newport im heutigen Rhode Island umfuhr man zunächst Labrador, stieß in die später so genannte Hudsonbai hinein, fuhr den dort einmündenden Nelson River stromauf weiter durch den Winnipegsee und erreichte schließlich Minnesota. Vermutlich haben sich die Expeditionsteilnehmer mit der einheimischen Bevölkerung vermischt, denn nach Newport kehrten sie nicht mehr zurück. Interessanterweise ist noch nach drei Jahrhunderten der Name Magnus bei den Indianern bekannt. Eine Kolonisation des amerikanischen Festlands war den Normannen nicht gelungen. Dagegen waren an der Südwestküste Grönlands ungefähr 100 Siedlungsplätze mit etwa 5000 Bewohnern entstanden. Nachschubprobleme und das Eindringen der Eskimos unterbrachen dann den Kontakt zum im Osten gelegenen Heimatkontinent Europa (H. Trimborn 1961).

Schritt für Schritt tasteten sich die Normannen von Norwegen über den Nordatlantik nach unbekannten Ländern und letztlich sogar an einen neuen Erdteil heran. In drei Etappen mit den beiden Zwischenstationen Island und Grönland gelangten normannische Seefahrer in einem Zeitraum von 126 Jahren nach Vinland, dem Festland Nordamerikas. Dort hinterließen sie auch im Landesinnern ihre Spuren, ohne jedoch eine fortwährende Kolonisation auszulösen. Zweifelsohne besaßen die Normannen eine überdurchschnittliche Entdeckungsenergie, doch die Eroberung Amerikas sollte anderen europäischen Völkern überlassen bleiben.

WANDEL IM GEOGRAPHISCHEN DENKEN

Das christliche Abendland besaß im ausgehenden Mittelalter und zu Beginn des sich anschließenden Zeitalters der Renaissance noch keinerlei Vorstellung von einem weiteren, bis dahin unbekannten Erdteil. Das Dokument, welches die phönizische Anwesenheit auf amerikanischem Boden bestätigt, ist ja nicht in Europa, sondern erst viel später in Südamerika gefunden worden. Auch die Vinlandfahrten der Normannen wurden nicht beachtet. Aber war denn umgekehrt den Frühentdeckern sowohl der West- als auch der Ostküste Amerikas überhaupt bewusst, einen selbstständigen Erdteil betreten zu haben? Dass an jenen frühen Entdeckungsfahrten nicht konsequent angeknüpft worden war, schmälert deren Leistung keineswegs.

Das Weltbild der Christen in Europa war im Verlauf des Mittelalters von der römisch-katholischen Kirche aus biblischer Sicht »religiös geprägt und symbolisch bildbedingt« (H. M. Nobis 1982) vermittelt worden. So stellte man sich die Erde als eine runde Scheibe vor, auf welcher die zu jener Zeit bekannten drei Erdteile Asien, Europa und Afrika von einem riesigen Ozean umströmt sein sollten. Der Nabe eines Rades gleich erkennt man Jerusalem als Mittelpunkt der Erdscheibe. Im unteren Kreisausschnitt trennt der größte Teil des Mittelmeers in Form einer auf Jerusalem gerichteten Halbachse die beiden Erdteile: Europa auf der linken sowie Afrika auf der rechten Seite. Der in das Schwarze Meer einmündende Don, das Schwarze Meer selbst, das östliche Mittelmeer und der in dasselbe einströmende Nil bilden als sie einigendes Band in Form einer waagerecht verlaufenden Achse die Abgrenzung zwischen Europa und Afrika im unteren Kreisausschnitt sowie dem dritten Erdteil Asien im oberen Kreisausschnitt. So nehmen Europa und Afrika jeweils ungefähr die Fläche eines Viertelkreises ein, wohingegen Asien nahezu den übrigen Halbkreis beansprucht. Wegen seines scheibenförmigen Aussehens bezeichnet man diesen mittelalterlichen Kartentyp als »Radkarte«. Drehten wir einmal solch eine Karte wie ein Rad um 90 Grad nach rechts, verschöbe sich Asien von der oberen zur rechten Kreishälfte, Europa vom linken unteren zum linken oberen Kreisviertel und Afrika schließlich vom rechten unteren zum linken unteren Kreisviertel. Damit hätten wir die Karte unserem heutigen kartographischen respektive geographischen Denkschema nach eingeordnet. Dagegen ist jener Kartentyp in seiner Ausgangssituation aufgrund der religiösen Motivation nach Jerusalem und damit nach Osten ausgerichtet respektive orientiert (lat. oriens = Ost). Da die drei Erdteile von den beiden angesprochenen Trennungsbändern T-formartig (= Halbachse und Achse der Gewässer, s. o.; T = das griechische Tau als Zeichen des Kreuzes) voneinander abgegrenzt und von einem allumfassenden Weltmeer kreisförmig umschlossen werden, hat sich bei diesem mittelalterlichen Kartentyp in der Fachterminologie auch der Begriff »TO-Karte« eingebürgert. Eine kleine Weltkarte im TO-Schema gilt als die älteste bekannte europäische Holzschnittkarte. Das Konzept stammte vom Kirchenlehrer Isidor von Sevilla (um 560–636). Die Karte erschien 1472 in Augsburg, also noch 20 Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus.

Die soeben gemachten Ausführungen legen als plausiblen Schluss nahe: Die Erde ist eine Scheibe. Die Erdfigur aber als eine Scheibe zu deuten, war in den Gelehrtenkreisen der Zeit keinesfalls die vorherrschende Meinung. Vielmehr wusste man von der Kugelgestalt dank der antiken Leistungen Griechenlands. Wie war das möglich?

Die Griechen entwickelten schließlich die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde vor allem durch reine Naturbeobachtungen: allmähliches Emportauchen von Schiffen am kreisförmigen Meereshorizont, Änderung des Himmelsanblicks bei Positionswechsel, kreisförmiger Erdschatten bei Mondfinsternissen. Dieses Wissen veranlasste Eratosthenes von Kyrene – Bibliotheksvorsteher in Alexandria – im 3. Jahrhundert v. Chr. dazu, erstmals den Erdumfang zu berechnen, indem er wahrscheinlich die aus ägyptischen Katasterplänen bekannte Distanz von 5000 Stadien zwischen Alexandria und Syene (Assuan) mit 360° multiplizierte und durch den aus der unterschiedlichen Sonnenstandshöhe ermittelten Breitenunterschied beider Orte (7° 10') dividierte. Der heutige über die Pole gemessene Erdumfang beträgt 40 009 km. Welches Stadionmaß der Antike Eratosthenes angewandt hat, wissen wir nicht. So sind zum Beispiel Umfangswerte von 37 200 oder 44 400 km möglich. Dennoch, diese Methode der »Gradmessung« ist für seine Zeit genial. Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. schuf Krates von Mallos in Pergamon einen steinernen, nicht mehr erhaltenen Erdglobus. Das antike Wissen über die Gestalt der Erde und ihrer Länder gipfelte im 2. Jahrhundert n. Chr. in den Schriften des in der berühmten Bibliothek von Alexandria wirkenden Claudius Ptolemaeus (um 100 bis 178 n. Chr.). Dieses Wissen der alten Griechen von der Kugelgestalt der Erde blieb dem christlichen Abendland als direkte griechische Quelle zwar noch lange im Verborgenen, war aber durch die Araber im Mittelalter erkannt und weiter tradiert worden. Mit der Übersetzung der Geographie des Ptolemaeus (griech.: Ptolemaios) ins Arabische war dies möglich gewesen. So wissen wir aus der wichtigsten Quelle zur älteren arabischen Literaturgeschichte, dem »Fihrist«, dass es zwei Übersetzungen aus dem Syrischen (Aramäischen) gegeben hatte. Eine Überarbeitung ca. 826/um 830 durch den arabischen Mathematiker, Astronomen und Geographen Abū Ğa’far Muhammad ibn Mūsā al-Ḫuwārizmī ist dagegen erhalten geblieben. Dem von griechisch-muslimischer Tradition geprägten Kartenschaffen im 9. Jahrhundert folgten im 10. Jahrhundert unter original arabischem Einfluss groß angelegte Kartenwerke verschiedener Autoren, die als »Islam-Atlas« bezeichnet werden. Sie beinhalteten stets 21 Karten: Weltkarte, 3 Meereskarten (Mittelmeer, Persischer Golf, Kaspisches Meer) und 17 Länderkarten ausschließlich islamischer Gebiete. Im Zentrum der runden Weltkarte ist Mekka gelegen. Der bedeutende marokkanische Geograph und Kartograph Abū ’Aʽbdallāh Muhammad al-Idrīsī vertritt die normannisch-arabische Periode der islamischen Kartographie. Er stand in Palermo im Dienste des Normannenkönigs Roger II. von Sizilien. In seinen Kartenwerken (1154, 1161) rekurrierte er auf die antike Tradition des Ptolemaeus und verband diese mit den Berichten und Wegekarten arabischer Reisender und Geographen. Auskünfte für Nordeuropa erhielt er von normannischen Seefahrern, die aber keine Hinweise zu Grönland und Nordamerika lieferten.

Das Spätmittelalter ist von Ereignissen und Entwicklungen geprägt, die mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus 1492 für den europäischen Kulturkreis historisch die Epoche der Frühen Neuzeit beginnen lassen, welche eine etwa 300-jährige Zeitspanne bis zum Beginn der Französischen Revolution 1789 einnimmt. Dabei ist der Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit eng mit den kulturhistorischen Strömungen und Leistungen der Renaissance verknüpft, die wiederum ohne die wiedergewonnen Kenntnisse der Antike nicht vorstellbar gewesen wären.

Das Spätmittelalter wartet mit einem spektakulären, geheimnisumwitterten Kartentyp auf, dessen Existenz unmittelbar mit der Verwendung des Kompasses verbunden zu sein scheint. Der Kompass, eine ursprünglich chinesische Erfindung (um 100 n. Chr.), erreichte durch arabische und persische, eventuell auch normannische Vermittlung Europa und wurde ab dem 10./11. Jahrhundert im Mittelmeergebiet angewendet. Um 1300 tauchen dann erstaunlich genaue Seekarten auf, die, auf Pergament mehrfarbig gezeichnet, die Ausmaße einer ganzen Tierhaut annehmen konnten. Der kartenhistorischen Nomenklatur gemäß werden sie als Portolankarten tituliert, die als zeichnerische bzw. kartographische Ergänzung zu den schriftlich älteren Segelanweisungen bzw. Segelhandbüchern, den Portolanen, wertvolle navigatorische Hilfestellung boten. Die Konfiguration des größten Teils der europäischen Küsten erhielt ein bemerkenswert realistisches Abbild. Bei der Kartierung der Küstenlinien wurde fast peinlichst genau auf die für einen gesicherten Schifffahrtskurs bedeutsamen topographischen Erscheinungen wie Lichtzeichen, Strömungsverhältnisse, vorherrschende Winde, Kaps, Buchten, Flussmündungen und Häfen verwiesen, wogegen das Landesinnere durch verschiedenste allegorische Darstellungen topographisch in den Hintergrund trat. Die italienische Vokabel »portolano« birgt ja auch schon den Sinn und Zweck jener handgezeichneten Seekarten, die nämlich das Anlaufen von Häfen kartographisch zu veranschaulichen hatten. Die Hafennamen sind überwiegend senkrecht zur Küstenlinie landeinwärts eingetragen. Als ein weiteres Charakteristikum dieses Kartentyps springen dem Betrachter die an unterschiedlichsten Stellen willkürlich eingetragenen Windrosen ins Auge. Ihre differenzierten Himmelsrichtungsangaben verlaufen linienhaft über das gesamte Kartenblatt und kreuzen sich dabei mehrfach mit den strahlenartig ausgehenden Linien anderer Windrosen. Die strahlenförmig erscheinenden Linien bezeichnet man als Rumben. Die Küstenkartierung und damit der eigentliche Aufbau und Inhalt einer Portolankarte ist von dem blattumfassenden Rumbennetz vollkommen unabhängig, da der seinen Kompass benutzende Seemann die vielen Linien lediglich als Hilfestellung zur Auffindung des Kurses benötigte. So konnte der Schiffspilot die Himmelsrichtung einer ausgewählten Linie verfolgen und dabei die Karte in Richtung des eingeschlagenen Kurses drehen. So spricht man auch von Kompasskarten.

Der Bedarf nach Seekarten war groß. Für den praktischen Gebrauch waren sie bei Seeleuten und Kaufleuten begehrt, außerdem bei Herrschern, Politikern, Reisenden, Missionaren und Wissenschaftlern. Ein herausragendes Zentrum dieser Kartenherstellung bildete Mallorca.

Den Kompass als Auslöser für die Entstehung dieses Kartentyps zu deuten, scheint logisch, ist aber nicht beweisbar. Die Wurzeln des Portolans reichen dagegen in die Antike zurück. Die Griechen zeichneten das Vorbeifahren an den Küsten auf, und so entstand die literarische Form des Periplus. Der Portolankarte fehlt dagegen das Bindeglied zur Antike. Denkbar wäre eine Anknüpfung an die römische Reichsvermessung, von der aber keine Karten überliefert sind.

Mit Portolan, Portolankarte und Kompass an Bord wurde es nun möglich, sich von der bloßen Küstenorientierung hinaus auf das offene Meer zu wagen. Außerdem besaß man in dem von Portugiesen konstruierten Schiffstyp der Karavelle seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zusätzlich noch ein besonders seetüchtiges Fahrzeug. Der sich so allmählich vollziehende Wandel von der Küsten- zur Hochseeschifffahrt ebnete als einer von zwei maßgebenden Faktoren auch die Bahn für die folgenden großen Entdeckungsfahrten, welche von Portugal und Spanien ausgelöst wurden. Waren bei diesem ersten Faktor technische Neuerungen vorausgegangen, so handelte es sich bei dem zweiten Faktor um eine Neuerung fundamentalster Art. Ein längst vorhandenes Wissen vergangener Zeiten wurde wiederentdeckt. Der darauf rasch einsetzende Wandel in Bezug auf das christliche mittelalterliche Weltbild kam einer Revolution gleich, deren geostrategische Konsequenzen noch gar nicht abgesehen werden konnten. Gemeint ist hier die Wiederentdeckung des antiken Wissens von der Kugelgestalt der Erde. Nachdem im Jahre 1406 die »Geōgraphikḕ Hyphḕgēsis« bzw. »Geographie« (»Erdbeschreibung«, »Erdzeichnung«) des im zweiten Jahrhundert in Alexandria wirkenden griechischen Gelehrten Claudius Ptolemaeus (oder griechisch: Klaudios Ptolemaios) von Jacobus Angelus (auch Jacopo d’Angelo) aus Scarperia erstmals aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt worden war, wurde dem christlichen Abendland ein etwa 1200 Jahre verborgenes Weltbild in einer Weise bewusst, wie es einem nichtsahnenden Vater ergehen mag, der von der Existenz seines Kindes erst lange nach dessen Geburt erfährt. Dafür konnte man aber jetzt umso mehr die Geburt eines neuen Zeitalters bewusst miterleben, das mit dem französischen Wort »renaissance« (Wiedergeburt, Wiederaufleben, Wiederaufblühen) seine adäquate Bezeichnung erhielt. Angelus widmete seine Übersetzung Papst Alexander V. Sie wurde sowohl in den Humanistenkreisen als auch während der informellen Treffen des Konstanzer Konzils (1414–1418) diskutiert, wo abseits des Konzils ein Markt der Bücher und Manuskripte stattfand (I. Baumgärtner; S. Schröder 2010). Das Wissen von der Kugelgestalt der Erde war jetzt nicht mehr zu leugnen, zumal es durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern (um 1440) von Johannes Gutenberg (ca. 1397 bis 1468) noch schneller Verbreitung fand.

Ptolemaeus »Geographische Anleitung zur Anfertigung von Karten« in 8 Büchern bildete das Fundament für eine zunehmend wissenschaftlich orientierte Kartenaufnahme. Er führte die einfache Kegelprojektion ein, legte ein Gradnetz über die damals bekannte Welt nach Vorbild des Mathematikers und Geographen Marinus von Tyrus (um 100 n. Chr.) an und begann im Westen mit der Längengradzählung (Nullmeridian Ferro/Hierro, westlichste Kanareninsel), die in Ostasien bei 180° endet. Die geographischen Breiten sind zwischen 65° Nord (Nordeuropa, Nordasien) und 15° Süd (Zentralafrika) dargestellt. Die einzelnen Teilkarten von Europa, Afrika und Asien sind in Trapezprojektion abgebildet. Die erste gedruckte Ptolemaeus-Ausgabe in Vicenza 1475 enthielt keine Karten. Den Folgeausgaben ab 1477 sind Karten beigegeben. Späteren Versionen sind vermehrt moderne Karten (tabulae modernae) angefügt. Ist die in Bologna 1477 erschienene Ptolemaeus-Ausgabe bereits im Kupferstichverfahren gedruckt (Weltkarte + 25 Teilkarten), so gilt die Ulmer Ptolemaeus-Ausgabe von 1482 (Weltkarte + 26 Teilkarten + 5 tabulae modernae) als die älteste erhaltene Kartenserie in der Holzschnitt-Technik.

Mit der Wiederentdeckung und dem Bekanntwerden des ptolemäischen Weltbilds schlugen die Entdeckungswellen unaufhaltsam über den gesamten Erdball, wobei schon recht bald die ersten kartographischen Korrekturen und Ergänzungen eine immer wirklichkeitsgetreuere Abbildung der Erdoberfläche nach sich zogen und damit die ursprünglich rein ptolemäisch geprägte Weltkarte in den Schatten stellen konnten. Im Gegensatz dazu ebbte die jahrhundertelang andauernde Flut an Entdeckungen erst in jüngerer Zeit ab. So entdeckte der Schwede Sven Hedin (1865–1952) als »letzter großer Landreisender der Geschichte« (H. Beck 1971) auf seiner in den Jahren 1905 bis 1909 durchgeführten Expedition in Zentralasien das Gebirgssystem des Transhimalaja. Carl Troll (1899–1975), deutscher Forschungsreisender und »Geograph im Geist Alexander von Humboldts« (H. Beck 1982), interpretierte nach Tausenden von Flugkilometern über der kolumbianischen Pazifik- und Karibikküste im Jahre 1928 die geomorphologische Verwandtschaft zwischen Süd- und Mittelamerika. Der große Schweizer Kartograph und Reliefbauer Eduard Imhof (1895–1986) füllte 1930 die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Chinas. Dabei berechnete er auch die Höhe des mit 7590 m (heute auf 7556 m korrigiert) höchsten Berges im eigentlichen bzw. inneren China, des Minya Konka in der Provinz Szetschuan.

Schließlich ist mit der Kenntnis und dem Vordringen in die letzten unbekannten Winkel auf der Erdoberfläche die Entdeckungsgeschichte für uns heute als ein in der Renaissance einsetzender kontinuierlicher Prozess verfolgbar.

Fassen wir zusammen: Die beiden maßgebenden Faktoren für große Entdeckungsfahrten bestanden einerseits in den technischen Neuerungen, andererseits in der Vorstellung der Erde als Kugel. So war die Saat gestreut, die durch entsprechenden seemännischen Tatendrang noch zum Keimen gebracht werden musste. Um aber endlich auf Entdeckungsfahrt gehen zu können, bedurfte es zusätzlich eines zwingenden äußeren Anlasses, welcher die langfristig angelegten und risikoreichen Unternehmungen nicht zuletzt im Hinblick auf die damit verbundenen hohen Investitionen rechtfertigen würde.

AUFTAKT GROSSER ENTDECKUNGSFAHRTEN

Historische und geographische Konstellation

Der Startschuss zu den großen See-Expeditionen fiel in Portugal. Warum aber gerade dort derartige Pläne geschmiedet und zur Reife gebracht worden waren bzw. werden konnten, erklärt uns ein kleiner Griff in die politische Historie der Iberischen Halbinsel, die in den Jahren 711 bis 715 von arabisch moslemischen Eindringlingen fast völlig überrannt wurde. Aber schon im selben Jahrhundert beginnen die ersten iberisch christlichen Gegenkräfte wirksam zu werden. Obgleich sich die Moslems aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen iberischen Königreichen sukzessive nach Süden haben vertreiben lassen müssen, so konnten sie sich doch im Süden der Halbinsel für einen langen Zeitraum etablieren. An einem historisch nicht exakt zu definierenden Datum zwischen den Jahren 1094 und 1097 wird dem aus der französischen Königsfamilie stammenden Ritter Heinrich von Burgund von seinem Schwiegervater, König Alfons VI. von León und Kastilien, eine Grafschaft namens Portugal als Lehen übertragen. Dabei handelte es sich um ein Gebiet, das von den Flüssen Minho im Norden und Mondego im Süden der geographischen Breite gemäß abgegrenzt war und vom Atlantischen Ozean im Westen keine 200 km nach Osten ins Landesinnere reichte. Der Name Portugal leitet sich von der am Atlantik im Mündungsbereich des Douro-Flusses gelegenen Hafenstadt Porto (Portucale) ab. Nachdem Alfons Heinrich, Sohn Heinrichs von Burgund, im Jahre 1139 bei Ourique südlich von Beja den Moslems eine empfindliche Niederlage beibringen konnte, vollzog er damit zugleich den politischen Wandel Portugals von der Grafschaft zum Königreich. Vier Jahre später wird der Titel des ersten portugiesischen Königs Alfons I. von dem Lehensherrn Kastilien-León offiziell bestätigt. Wenig später, 1147, schaffte es Alfons I. mit Unterstützung west- und mitteleuropäischer Kreuzfahrerverbände, den Moslems Santarém und Lissabon zu entreißen, wodurch sein junges Königreich weiter nach Südwesten ausgedehnt wurde. Der von Osten nach Südwesten entwässernde und bei Lissabon in den Ozean mündende Tejo bildete vorerst im portugiesischen Süden die natürliche Grenze zur islamischen Einflusssphäre. Mit der Vertreibung der Mohammedaner aus der Algarve im Jahre 1250 durch Alfons III. endet der territoriale Zuwachs für Portugals Krone auf der Iberischen Halbinsel. Die neue Grenze orientierte sich in etwa am Unterlauf des Guadiana im Osten und fand sowohl im Westen als auch im Süden an der Atlantikküste ihren Abschluss. Der damalige Grenzverlauf des portugiesischen Königreichs spiegelt sich noch heute auf der Iberischen Halbinsel in der portugiesischen Republik wider. Zugleich schloss Portugal als erstes iberisches Königreich die Wiedereroberung ehemaliger christlicher Gebiete ab, die seit Anfang des achten Jahrhunderts von arabischen und arabisierten Moslems beansprucht wurden. Zug um Zug erkämpften sich Portugals Nachbarreiche im Osten wertvollen Boden gegenüber dem Islam, sodass dessen Terrain immer weiter nach Süden zurückgedrängt wurde, ohne jedoch die Iberische Halbinsel schon ganz verlassen zu müssen. Bis auf ein von Kastilien umschlossenes Restreich in Andalusien war die islamische Macht, die durch das nasridische Königreich in Granada repräsentiert wurde, auf iberischem Boden zusammengeschrumpft. Dieser Schrumpfungsprozess stagnierte dann seit der Mitte des 13. Jahrhunderts für nahezu zweieinhalb Jahrhunderte. Damit war in der Geschichte der Rückeroberung früherer christlicher Gebiete, deren Vorgang als Reconquista bezeichnet wird, ein wichtiges Etappenziel erreicht worden. Nachdem sich die Portugiesen Ende des 14. Jahrhunderts gegenüber ihrem Nachbarn Kastilien durchzusetzen vermögen, können sie ihre Kräfte auf neue politische Dimensionen verlagern.

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