Read the book: «Achtung Steinschlag!»
Christian Köberl • Alwin Schönberger
ACHTUNG STEINSCHLAG
Asteroiden und Meteoriten:
Tödliche Gefahr und Wiege des Lebens

INHALT
EINLEITUNG
Von Asteroiden, Kratern und Katastrophen: Was Sie in diesem Buch erwartet. Ein kleiner Reiseführer durch die Welt der Meteoriten, die manchmal auch ihr charmantes Antlitz zeigen.
WENN GOTT MIT STEINEN WIRFT
Zu allen Zeiten beobachteten die Menschen furchterregende Feuerbälle am Firmament und Felsbrocken, die wie aus dem Nichts herabstürzten – und sahen darin Zeichen für den Zorn der Götter. Die Gelehrten stritten darüber, ob tatsächlich außerirdische Materie die Erde treffen kann.
DAS VERSTECKSPIEL DER KRATER
Können wirklich gigantische Felsbrocken aus dem All die Erde treffen und kilometergroße Löcher reißen? Lange zweifelten die Experten vehement daran. Doch dann opferte ein Mann sein Leben der Erforschung eines Meteoriteneinschlages.
TAGEBUCH EINER KATASTROPHE
Was geschieht im Detail, wenn ein Meteorit die Erde trifft? Wie entsteht eigentlich ein Krater? Und woran erkennt man, dass ein außerirdischer Felsbrocken die Ursache dafür ist? Eine kleine Impaktkunde.
BOMBENSTIMMUNG
Die Geschichte des Sonnensystems ist eine Geschichte dramatischer Kollisionen. Seit der Stunde Null herrscht unentwegt Massenkarambolage. Warum wir ohne Zusammenstöße gar nicht existieren könnten – und weshalb Meteoriten der älteste und wichtigste Baustoff unserer Welt sind.
DER SCHATZ IM KRATERSEE
Wie kann man nach Millionen von Jahren rekonstruieren, was sich im Moment eines Meteoriteneinschlags abgespielt hat? Mit modernster Analysetechnik bei der Untersuchung von Kratern. Dabei lassen sich Forscher auf Abenteuer in den Tropen oder in arktischen Eiswüsten ein - und stoßen manchmal an ihre Grenzen.
DER WELTENBRAND
Was geschieht, wenn ein Monster-Asteroid die Erde trifft? In einem Fall kennen wir die Folgen: Ein Geschoss, größer als der Mount Everest, ließ den Planeten erzittern und verursachte ein globales Massensterben. Über den Tag, an dem der Dino-Killer einschlug.
SCHOCKTHERAPIE
Meteoriten haben auch ihre freundlichen Seiten: Sie können komfortable Behausungen für die Tierwelt schaffen und wertvolle Rohstoffe wie Gold und Erdöl produzieren. Haben Einschläge sogar das Leben auf die Erde gebracht?
DER NOTFALLPLAN
Können wir uns wehren, wenn ein Asteroid Kurs auf die Erde nimmt? Haben wir eine Chance, die Katastrophe abzuwenden? Ja, wir können uns retten. Allerdings wäre es sinnvoll, den Ernstfall bald zu üben.
ANMERKUNGEN
LITERATUR
EINLEITUNG
Von Asteroiden, Kratern und Katastrophen: Was Sie in diesem Buch erwartet. Ein kleiner Reiseführer durch die Welt der Meteoriten, die manchmal auch ihr charmantes Antlitz zeigen.
Meteoriten haben durchaus ihre freundlichen Seiten. Diese offenbaren sich vorzugsweise dann, wenn sich Hersteller erlesener Gaumenfreuden von Geschossen aus dem Weltall inspirieren lassen. Wer in der malerischen deutschen Kleinstadt Nördlingen zu Gast ist, kann seinen Besuch mit einem Schluck Gin der Marke „Krater Noster“ krönen, am besten nach dem Genuss eines gepflegten Glases Kraterbier, Geschmacksrichtung „riesisch herb“. Die Bezeichnung ist eine Anspielung auf die Region, in der die Getränke kredenzt werden: das Nördlinger Ries, eine annähernd runde und fast 25 Kilometer durchmessende Senke in Bayern.
Was sich hier vor 15 Millionen Jahren abspielte, unterstreicht eindrucksvoll die weniger gemütlichen Seiten von Meteoriten. Damals war die Gegend Schauplatz einer Naturkatastrophe, die jede menschliche Vorstellungskraft sprengt. Ein Asteroid von zirka einem Kilometer Durchmesser krachte mit der Wucht tausender Atombomben herab, hinterließ Verwüstungen in katastrophalen Dimensionen, löschte alles Leben in weitem Umkreis aus und riss einen Krater, der heute als Nördlinger Ries bekannt ist – und den Menschen aus Deutschland oder Österreich sogar leicht besichtigen können. Die Reise zahlt sich allemal aus: Ein Kratermuseum informiert multimedial über das Inferno, das sich hier zutrug, Lehrpfade führen an Plätze, die davon zeugen, wie der Crash Gestein zerrüttete und zermalmte, als wäre es aus Pappe. Vereinzelt steht man vor mächtigen Felsen, die durch den Einschlag des außerirdischen Brockens kilometerweit durch die Landschaft geschleudert wurden wie Kieselsteinchen.
Immer wieder wurde unser Planet aus dem Kosmos bombardiert, genau wie alle anderen Himmelskörper unseres Sonnensystems, ob Merkur, Mars oder Mond. Doch während letztere von gut sichtbaren Narben übersät sind und buchstäblich Kraterlandschaften darstellen, sind Überreste des Hagels aus dem All auf der Erde viel schwerer zu entdecken. Knapp 200 Einschlags- oder Impaktkrater rund um den Globus ließen sich bislang nachweisen. Das Aufspüren dieser Strukturen bedeutete eine enorme Herausforderung, weil Wetter, Erosion und Vegetation an den Kratern nagen, sie allmählich zersetzen, abtragen und überwuchern. Aus diesem Grund hielten Gelehrte es lange Zeit für unwahrscheinlich, dass die Erde überhaupt je zur Zielscheibe für Asteroiden oder Kometen werden könnte. So verblüffend es klingt: Die Erkenntnis, dass Meteoriten – so heißen Asteroiden, sobald sie den Erdboden berühren – auf unserem Planeten gewaltige, manchmal hunderte Kilometer große Krater schlagen, ist erstaunlich jung. Und sie ist mit der tragischen Geschichte eines hartnäckigen, geradezu starrköpfigen Pioniers verbunden, der wir uns im ersten Teil dieses Buches ausführlich widmen werden.
Heute wissen wir dank intensiver Forschung, dass unser Planet von Anbeginn vor rund viereinhalb Milliarden Jahren regelmäßig durchs All sausenden Asteroiden in die Quere kam – jener urtümlichen Materie, die quasi Bauschutt aus der Konstruktionsphase des Sonnensystems ist und deren Analyse spannende Einblicke in die Frühzeit der Himmelskörper bietet sowie ein Fenster in eine ferne Vergangenheit öffnet. Für Wissenschaftler sind Asteroiden, Meteoriten und Krater deshalb faszinierende Studienobjekte, die viel über die Rätsel des Universums verraten.
Den meisten Menschen sind diese Brocken aus Gestein oder Metall jedoch vor allem als tödliche Gefahr geläufig. Und tatsächlich bedarf es keiner Hollywood-Blockbuster, um ein Bedrohungsszenario heraufzubeschwören. Was uns Actionfilme mit allen Mitteln der Kinokunst vor Augen führen, geschah in der Realität unzählige Male: in Südafrika und Kanada vor ungefähr zwei Milliarden Jahren, in Mexiko vor 66 Millionen Jahren. Dort ging der wohl berühmteste Asteroid der Geschichte nieder: jener Himmelskörper, der die Dinosaurier vernichtete – und mit ihnen die Mehrzahl aller damals die Erde bevölkernden Spezies. Dieser Einschlag demonstriert auf drastische Weise, was Meteoritentreffer anrichten können: Die Erde bebte, Tsunamis brachen los, Wälder rund um den Globus standen in Flammen, Ruß und andere Substanzen verdunkelten die Sonne, die Temperaturen fielen. Es wurde finster und kalt auf dem Planeten, das Klima spielte verrückt, die Nahrungskette kollabierte, die Tiere verendeten. Es folgte ein Massenaussterben.
Die große Frage lautet natürlich: Kann es wieder passieren? Die Antwort ist ebenso eindeutig wie beunruhigend: Es kann nicht nur neuerlich geschehen, es wird geschehen. Ungewiss ist lediglich: Wann wird es sich zutragen, und wie verheerend werden die Konsequenzen sein? Wir wissen es nicht, doch ohne Zweifel sind wir von kosmischen Geschossen förmlich umzingelt. Dank sorgfältiger Überwachung des Himmels mit modernen Instrumenten kennen wir zurzeit rund 17.000 erdnahe Objekte: Asteroiden verschiedenster Größen, deren Bahnen immer wieder bedenklich nahe an unseren Planeten heranreichen – und sich theoretisch eines Tages mit jener der Erde kreuzen könnten, was eine Kollision bedeuten würde. Mit anderen Worten: Da draußen im All, in unmittelbarer Nachbarschaft, flitzt eine unüberschaubare Zahl von Gesteinsbrocken umher, es herrscht ein dichtes Gedränge von Asteroiden, die unseren Planeten einhüllen wie eine Wolke.
Zum Glück kann die Wissenschaft aufgrund zuverlässiger Berechnungen heute recht genau prognostizieren, dass jedenfalls in absehbarer Zeit kein massiver Zusammenstoß droht, schon gar keiner mit einem Vertreter jener Gewichtsklasse, der den Sauriern ein unerquickliches Ende bereitete. Kleinere Objekte fliegen allerdings unablässig in geringer Distanz vorbei, bisweilen im Monatstakt und so nahe, dass man ihnen, salopp ausgedrückt, beinahe zuwinken könnte. Mitte Oktober 2017 zum Beispiel zog der Asteroid „2012 TC4“ an uns vorbei, und zwar in einer Entfernung von gerade etwas mehr als 40.000 Kilometern. Das entspricht etwa einem Zehntel des Abstandes zum Mond und war empfindlich knapp an Satelliten, die in 36.000 Kilometer Höhe positioniert sind. Bemerkenswert ist, dass die genaue Bahn des ungefähr 50.000 Stundenkilometer schnellen Besuchers aus dem All nicht vor dem Sommer 2017 bekannt war – trotz der präzisen Technik weiß man manchmal erst sehr spät, ob die Sache eng wird.
Der Brocken war zwar maximal 30 Meter groß und hätte wohl nicht einmal den Erdboden erreicht, sondern wäre stattdessen in der Erdatmosphäre explodiert. Trotzdem können solche Ereignisse erheblichen Schaden anrichten. Ein kosmisches Objekt vergleichbarer Dimension detonierte 2013 in der Atmosphäre über Russland. Ein greller Feuerball raste über den Himmel, und in der Stadt Tscheljabinsk barsten tausende Fensterscheiben, Mauern stürzten ein, Menschen wurden verletzt. Der Fall zeigt: Asteroidenbruchstücke können selbst dann eine ernsthafte Gefahr darstellen, wenn sie es nicht mal bis zum Boden schaffen. Solche Zwischenfälle tragen sich deutlich öfter zu als wirklich große Einschläge.
Wir kommen sogar täglich mit Materie aus dem Kosmos in Berührung. Dabei droht allerdings keinerlei Gefahr, und wir können die Fremdkörper kaum sehen. Denn es handelt sich um Mikrometeoriten – um Staub, der aus dem Weltall herabrieselt. Forscher gehen davon aus, dass Tag für Tag ungefähr 100 Tonnen solcher Partikel auf unseren Planeten regnen. Wenn Sie das nächste Mal Staub wischen, vergegenwärtigen Sie sich, dass Sie dabei auch ein paar Körnchen in Händen halten, die vielleicht seit Beginn des Sonnensystems existieren.
Man darf also ohne jede Übertreibung behaupten: Asteroiden und Meteoriten sind höchst faszinierende Objekte. Sie können uns einen leichten Schauder über den Rücken jagen, weil sie ein diffuses Risiko darstellen, dem wir nach wie vor weitgehend hilflos ausgeliefert sind – wenngleich wir uns nicht davor ängstigen müssen, dass uns morgen der Himmel auf den Kopf fällt. Die archaischen Himmelskörper versprechen gleichzeitig tiefe Einsichten in die Entstehungsgeschichte des Universums. Der irritierendste Umstand ist vielleicht, dass sie ein wenig an Dr. Jekyll & Mr. Hyde erinnern: Denn sie können die Apokalypse auf die Erde bringen, umgekehrt aber auch Quelle neuen Lebens sein. In einem Abschnitt dieses Buches werden wir dieses Phänomen eingehend beleuchten: Krater können eine Art Biotop erzeugen, eine Oase für winzige Organismen, die womöglich ein Sprungbrett für die Entwicklung höherer Lebensformen bietet. Es ist sogar denkbar, dass an Bord von Asteroiden organische Moleküle durchs Weltall reisen – und die Erde bereits in grauer Vorzeit mit Leben infizierten. Selbst für die Wirtschaft sind Meteoritenkrater attraktiv: als Rohstoffquellen, die sich anzapfen lassen, um Edelmetalle wie Gold oder Bodenschätze wie Erdöl zu gewinnen. Im hinteren Abschnitt dieses Buches werden wir uns diesen meist wenig beachteten ökonomischen Aspekten zuwenden.
Kurzum: Asteroiden, Meteoriten und die Krater, die sie schlagen, sind dermaßen spannend und vielfältig, entwickeln so destruktive wie konstruktive Effekte, dass wir uns auf den folgenden 200 Seiten mit all ihrem Facettenreichtum befassen wollen. Wir werden Wissenschaftler bei Expeditionen in exotische und entlegene Winkel unseres Planeten begleiten, ins tropisch heiße Ghana ebenso wie ins klirrend kalte Sibirien. Unter enormen Strapazen hefteten sich die Forscher dort auf die Spuren von Impakten und versuchten zu ergründen, wann ein Geschoss welcher Größe und mit welchem Tempo herabdonnerte, welche Zerstörung in welchem Umkreis entstand – und welche Lehren wir daraus ziehen können. Wir werden beschreiben, wie Experten heute mit modernster Analytik herausfinden, woraus die Himmelskörper bestehen, wie alt sie sind, welche Energie sie beim Einschlag freisetzten und welche verräterischen Spuren sie in irdischem Gestein hinterlassen. Wir werden tief ins Innere von Kratern vordringen und enthüllen, was sie uns über die Katastrophen erzählen können, die einst den Planeten heimsuchten. Viele der Studien beruhen zu wesentlichen Teilen auf der Arbeit und den Methoden von Christian Köberl, dem Erstautor dieses Buches, die Untersuchung zahlreicher Krater maßgeblich auf seine Forschungen sowie jene seiner Kollegen und Weggefährten zurück. In aller Bescheidenheit dürfen wir daher sagen: Die Informationen in diesem Buch stammen ganz im Wortsinn aus erster Hand.
Vor allem wollen wir eine Vielzahl von Fragen beantworten, die wahrscheinlich jedem in den Sinn kommen, wenn das Stichwort Meteoriten fällt: Was ist ein Meteorit überhaupt, woraus besteht er, und weshalb kommt es zu Einschlägen auf der Erde? Wie entsteht ein Meteoritenkrater, und wie kann man ihn erkennen? Wie groß ist die Gefahr, dass einer dieser Himmelskörper auf die Erde stürzt? Wann müssen wir das nächste Mal damit rechnen? Was hat es mit der Geschichte vom legendären Dino-Killer wirklich auf sich? Und nicht zuletzt: Können wir etwas dagegen unternehmen, wenn einer dieser kosmischen Felsbrocken Kurs auf die Erde nimmt? Sollen wir tatsächlich dem Hollywood-Prinzip folgen und Asteroiden in die Luft sprengen? Oder ist es klüger, sie abzuschleppen? Und warum fliehen Asteroiden, wenn man sie zur Hälfte weiß anmalt?
Zu Beginn unserer Reise befassen wir uns jedoch mit der Geschichte der Meteoritenforschung. Denn die längste Zeit konnten die Menschen einfach nicht glauben, dass Steine wie aus dem Nichts vom Himmel fallen – und sahen darin ein Zeichen für den Zorn Gottes.
WENN GOTT MIT STEINEN WIRFT
Zu allen Zeiten beobachteten die Menschen furchterregende Feuerbälle am Firmament und Felsbrocken, die wie aus dem Nichts herabstürzten – sie sahen darin ein Zeichen für den Zorn der Götter. Die Gelehrten stritten darüber, ob tatsächlich außerirdische Materie die Erde treffen kann.
Das scheinbar Unmögliche geschah am 20. November 1768 gegen vier Uhr nachmittags. Aufgeschreckt von einem unheimlichen Grollen in der Luft, sahen mehrere Menschen im oberösterreichischen Mauerkirchen zum Himmel empor. Die Augenzeugen, die ihre Beobachtungen später unter Eid zu Protokoll gaben, blickten Richtung Westen und verfolgten ein beängstigendes Schauspiel am Firmament: Plötzlich verfinsterte sich der Himmel, es ertönte ein eigentümliches, bedrohliches Brausen, dann ein gewaltiges Krachen, ähnlich Donnerschlägen oder den Schüssen aus einer mächtigen Flinte. Gleich darauf fiel wie aus dem Nichts ein Stein zu Boden und knallte direkt aufs Feld eines Herren namens Georg Bart.
Eine Vermessung des Brockens sowie des Lochs, das er geschlagen hatte, ergab anschließend, wie ein anonymer Chronist penibel über „das Wunder“ festhielt: „Dieser Stein machte, nach obrigkeitlichem Augenschein, eine Grube von 2 ½ Schuh tief in der Erde. Er hält nicht gar einen Schuh in der Länge, ist 6 Zoll breit und wiegt 38 Baierische Pfunde.“ Auch die Beschaffenheit des seltsamen Geschosses wurde sorgfältig geprüft: Der Stein sei „von einer so weichen Materie, dass er mit den Fingern sich zerreiben lässt.“ Im Inneren seien weiße Linien auszumachen, „außenher aber ist er mit einer schwarzen Rinde überzogen.“
In aktuellen Maßeinheiten ausgedrückt, wog der Stein, der auf damals noch bayrischem Hoheitsgebiet niederging, 21,3 Kilo. Er war 30 Zentimeter lang und gut 15 Zentimeter breit. Der Großteil des Objekts erschien hellgrau, durchsetzt mit dunklen Punkten metallischen Ursprungs. Wie wir heute wissen, handelt es sich bei den Materialien um die Minerale Olivin, Feldspat und Augit sowie um Einsprengsel von Eisen. Die schwarze Rinde entstand durch die enorme Hitzeeinwirkung beim Passieren der Atmosphäre. Der Findling von Mauerkirchen im Innviertel ist einer von acht zweifelsfrei identifizierten Meteoriten auf österreichischem Boden. Er ist zugleich der erste dokumentierte Meteoritenfall Österreichs, während sich der jüngste im April 2002 im Tiroler Reutte zutrug (siehe Tabelle S. 16).
Die Gelehrten um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren noch relativ ratlos oder hochgradig uneins über die Herkunft des obskuren Fremdkörpers. Ein Skeptiker unter den Augenzeugen hielt es für grundsätzlich unmöglich, dass Steine einfach so herabfallen können. Möge noch angehen, argumentierte der Mann, dass feuerspeiende Berge allerlei Trümmer durch die Luft wirbeln. „Dass aber dergleichen Materie so lang in der Luft beysammen erhalten werden könne, bis daraus ein großer schwerer Stein gestaltet wird, das läuft wider alle Gesetze einer Vernunftlehre.“
Der unbekannte Verfasser der Chronik über den Meteoriten von Mauerkirchen tendierte hingegen zur Ansicht, dass sehr wohl „im Himmel Steine können gezeuget werden“.
Fallberichte
Ein Überblick über sämtliche bekannte Meteoriten, die auf österreichischen Boden stürzten.
Die Begebenheit führt zwei Umstände vor Augen: Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Menschen kaum eine Idee davon hatten, warum immer wieder außerirdisches Material auf unserem Planeten landet. Auch viele Fachkundige stellten lange vehement in Abrede, dass tatsächlich Fragmente fremder Himmelskörper durchs All driften und die Erde touchieren könnten. Bei dieser Erkenntnis handelt es sich erst um in jüngerer Vergangenheit akzeptiertes Wissen. Und zweitens: Seit es systematische Aufzeichnungen gibt, fertigen Zeitgenossen Notizen über die Einschläge rätselhafter Felsbrocken auf dem Erdboden an – und zwar in manchen Epochen viel häufiger, als man meinen möchte. Allerdings handelt es sich in den meisten Fällen zum Glück um sehr kleine Objekte, die höchstens lokal begrenzten Schaden anrichten.
Ein Dolch aus dem Weltall
Schon antike Philosophen hinterließen Schriften, die von Meteoritenstürzen kunden. So verfasste der Römer Plinius der Ältere im Jahr 77 nach Christus sein Werk „Naturalis Historia“. Ein Kapitel dieser „Naturgeschichte“ widmete er den „Steinen, die vom Himmel fallen“. Dass sich solche Ereignisse immer wieder zutragen, „wird nicht zweifelhaft sein“, behauptete Plinius. Teils stützte er sich auf historische Berichte, darunter auf den Fall eines braunen Felsens von der Größe zweier Mühlsteine im Jahr 464 vor Christus im Norden der heutigen Türkei. Dasselbe Ereignis hatte bereits Diogenes von Apollonia erwähnt, wobei er es als „Fall eines erloschenen Sterns“ deutete. Plinius schilderte aber auch die Leuchterscheinungen in der Atmosphäre, die entstehen, wenn Bruchstücke kosmischer Objekte über den Himmel ziehen. Er prägte für diese Phänomene den Namen „Boliden“, inspiriert von Wurfgegenständen bei griechischen Wettkämpfen. Der Begriff ist heute noch in Gebrauch.
Die Nachricht vom Einschlag eines Meteoriten in Japan durch ausschließlich mündliche Überlieferung überdauerte hingegen Jahrhunderte. Der Vorfall ereignete sich am 19. Mai 861 in Nogata auf der Insel Kyushu: Mitten in der Nacht riss die Menschen eine ohrenbetäubende, von einem grellen Blitz begleitete Explosion aus dem Schlaf. Am nächsten Morgen sahen die Einwohner zaghaft nach, was geschehen war: Im Garten eines im 7. Jahrhundert erbauten Shinto-Tempels steckte ein schwarzer, faustgroßer Stein. Der seltsame Brocken hatte sich direkt vor dem Heiligtum in den Grund gebohrt. Rasch machte die Geschichte vom „fliegenden Stein“ die Runde. Die Priester hatten keinerlei Zweifel, dass es sich um eine göttliche Botschaft handelte. Sie legten den Stein in eine hölzerne Schatulle und bewahrten ihn fortan als besonderen Schatz ihres Schreins auf. Erst Ende der 1970er-Jahre nahmen Forscher umfassende wissenschaftliche Untersuchungen vor. Daher ist heute bekannt, dass es sich bei dem 472 Gramm schweren Objekt um einen Steinmeteoriten handelt – und zugleich um den ältesten bezeugten Meteoritenfall, von dem noch Material vorhanden ist.
Allerdings hielten die Menschen mit Sicherheit schon viel früher Teile von Meteoriten in Händen, ohne jedoch Aufzeichnungen darüber angefertigt zu haben, wie sie in deren Besitz gekommen waren. Schon gar nicht sind Zeitpunkt und Umstände eines Einschlags dokumentiert. Eines der eindrucksvollsten Beispiele für eine sehr frühe Verwendung außerirdischer Materie ist ein kunstvoll gefertigter und opulent verzierter Dolch, der in der Grabkammer des legendären Pharaos Tutanchamun entdeckt wurde. Im Sommer 2016 legte ein italienisch-ägyptisches Forscherteam Analysen der Klinge vor und gelangte zu folgendem Ergebnis: Das Stück bestehe hauptsächlich aus Eisen und enthalte überdies Anteile von Nickel sowie Kobalt. Die spezielle Mischung dieser Zutaten lasse eindeutig darauf schließen, dass der Rohstoff für die Klinge einem der ältesten Objekte des Sonnensystems entstammte – einem Eisenmeteoriten. Der junge Herrscher, so vermeldeten Wissenschaftsmedien, habe fraglos einen Dolch aus dem Weltall besessen.
Die Wissenschaftler spekulieren, dass die Ägypter durchaus Kenntnis davon gehabt haben könnten, dass das Material für die kostbare Waffe vom Himmel gefallen war – und dass Handwerker vielleicht genau deshalb einen einzigartigen Dolch daraus schmiedeten, der nur eines Pharaos würdig war. Wie aber wären die Menschen des Altertums in den Besitz von Meteoritenteilen gekommen? Wie hätten sie überhaupt auf die Idee verfallen können, dass es sich um etwas Besonderes handeln und es daher lohnen könnte, die Eisenfragmente zu bergen und zu verarbeiten? Sahen sie vielleicht mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Erstaunen, wie ein Lichtblitz den Himmel erhellte, ein grelles Glühen die Luft erfüllte und der Meteorit zu Boden stürzte? Es ist zumindest nicht ausgeschlossen. Die Experten fanden heraus, dass in der Region 20 Fundstellen von Eisenmeteoriten dokumentiert sind. Bei einem davon, westlich von Alexandria, passt die chemische Zusammensetzung perfekt zu jener des Dolches.
Doch Tutanchamuns Klinge ist nicht das einzige Relikt, das die Verwendung von Meteoritenmaterial in Ägypten belegt. Noch viel älter als der Dolch sind Perlen, die ebenfalls aus meteoritischem Eisen bestehen: Die Schmuckstücke entstanden vor 5.300 Jahren, zu einer Zeit, als die Gewinnung von Eisenerz aus irdischen Quellen noch längst nicht erfunden war. Die Perlen wurden rund 70 Kilometer südlich von Kairo entdeckt. Blanke Spekulation ist hingegen, ob eines der bedeutendsten sakralen Objekte der Welt aus Meteoritengestein besteht: die Kaaba in Mekka, ein überaus wichtiges Heiligtum des Islam. Manche Experten vermuten zwar eine außerirdische Herkunft des berühmten schwarzen Steins, eine wissenschaftliche Untersuchung hat aber nie stattgefunden.
Die frühesten wirklich aussagekräftigen Dokumentationen von herabstürzenden Steinen in unseren Breiten wurden erst viel später verfasst – Jahrtausende nach der Produktion der außergewöhnlichen Perlen und Jahrhunderte nach dem spektakulären Fall des Meteoriten von Nogata: etwa ab Mitte des zweiten Jahrtausends nach unserer Zeitrechnung. Und manche Geschichten über solch kosmische Felsbrocken zeigen, dass sie nicht nur die Forscher der jeweiligen Epoche in Atem hielten, sondern in gewisser Hinsicht manchmal sogar Einfluss aufs Weltgeschehen nahmen.
Ein berühmter Meteorit stärkt den Kampfesmut
Das Jahr 1492 hat mindestens zwei bedeutsame historische Ereignisse zu bieten. Am 12. Oktober erreichte Christoph Kolumbus den amerikanischen Kontinent. Und knapp einen Monat später, am 7. November, donnerte in Europa ein Meteorit herab. Kurz vor Mittag an diesem Tag erschütterte eine gigantische Detonation das Elsass und Teile der Schweiz. Ein kleiner Bub aus der Stadt Ensisheim beobachtete, wie ein großer Stein mit ohrenbetäubendem Getöse vom Himmel raste und außerhalb der Stadtmauern in ein Weizenfeld krachte. Der Einschlag ließ den Boden erzittern und hinterließ eine Grube von etwa einem Meter Tiefe.
Wenig später eilten die vom Spektakel alarmierten Stadtbewohner herbei. Fast augenblicklich fielen sie über den mysteriösen Stein her, wohl in der Annahme, es handle sich um ein Zeichen Gottes. Sie schabten, kratzten und brachen Teile davon ab und stopften sie in ihre Taschen, vermutlich in der Hoffnung, der Stein besäße wundersame Heilkräfte, könne für magische Rituale oder als Talisman dienen. Behördenvertreter schritten schließlich beherzt ein, untersagten das wilde Treiben, ließen den Stein in die Stadt schaffen und dort sicher verwahren. Heute sind noch 56 Kilo davon übrig, das ursprüngliche Gewicht dürfte rund 135 Kilo betragen haben. Es handelte sich somit um einen durchaus stattlichen Brocken – und zugleich um den ersten sorgfältig dokumentierten Meteoritenfall in Europa.
Kurz nach der Bergung des wundersamen Steins machte der römisch-deutsche König Maximilian I. Station in Ensisheim, damals ein Verwaltungssitz der Habsburger. Maximilian führte seine Armee gerade Richtung Frankreich und inspizierte bei seinem Zwischenstopp auch den mysteriösen Felsen. Grundsätzlich vertrat man die Ansicht, dass derartige Gegenstände ein böses Omen darstellen. Wenn der Allmächtige die Erde mit Steinen bewirft, sei dies als sicheres Zeichen dafür zu werten, dass er grollte – und womöglich auch noch Seuchen, Missernten oder Hungersnöte schickt. In dem Fall allerdings einigten sich Maximilian und die lokalen Autoritäten nach eingehender Beratung darauf, den mächtigen Stein lieber als wohlwollende Botschaft des Himmels zu betrachten, als Signal, Gott werde Maximilian in der nahenden Schlacht zur Seite stehen. Derart optimistisch gestimmt, säbelte Maximilian selbst zwei Stücke vom Meteoriten ab, eines für sich, eines für einen Freund, den österreichischen Landesfürsten Sigismund.
Um der Angelegenheit noch mehr Würde zu verleihen und deren Tragweite für die Nachwelt zu erhalten, verfasste der berühmte Schriftsteller und Poet Sebastian Brant ein aufwendig gestaltetes Flugblatt, das sowohl den Fall des „Donnersteins von Ensisheim“ beschrieb und illustrierte, als auch dem König Mut zusprach. Die Schrift in Latein und Deutsch war recht flott fertig: Bei dem Meteoriten von Ensisheim handelte es sich immerhin um das erste derartige Exemplar seit der Erfindung des Buchdrucks.
Vielleicht zog Maximilian mit all dem Zuspruch und spirituellen Beistand im Rücken besonders zuversichtlich in die Schlacht. Jedenfalls gewann er sie, und in späteren Gedichten pries Brant den vom Himmel gefallenen Stein als Beweis der göttlichen Gnade, die Maximilian zuteil geworden war. Brant fertigte aber auch sachlichere Notizen an. Zum Beispiel listete er auf, in welchen umliegenden Regionen die Menschen den Knall gehört hatten. Aufgrund seiner Angaben ließ sich rekonstruieren, dass die Explosion über ein Areal von rund 40.000 Quadratkilometern wahrnehmbar gewesen sein könnte.
Ein Zeuge war womöglich ein 21-jähriger Maler namens Albrecht Dürer, der sich am fraglichen Novembertag in Basel aufhielt, nur 40 Kilometer südlich von Ensisheim. Gesichert ist nicht, ob Dürer von dem Meteoritenfall wusste, doch malte er zwischen 1494 und 1496 ein kleines Bild auf die Rückseite seines Gemäldes „Büßender Hieronymus“, das heute zum Schatz der National Gallery in London zählt. Es ist ein düsteres, reichlich abstraktes Werk, in dessen Zentrum knallrot und bizarr gezackt das Schema einer Explosion zu sehen ist – und ein steinförmiges Objekt inmitten dieser Apokalypse.
Der sagenhafte Tisch des Eisens
Ziemlich exakt 100 Jahre später beschäftigten sich Menschen auf der anderen Seite unseres Planeten ebenfalls mit Steinen, die angeblich vom Himmel fielen. Der Gouverneur der Provinz Tucumán im nördlichen Argentinien hatte die Geschichte schon oft gehört: Immer wieder erzählten Indianer von geradezu fantastischen Eisenvorkommen in einer Gegend, die sie „Campo del Cielo“ nannten, das Himmelsfeld. Die Ureinwohner gewannen das Metall und bauten Waffen daraus. Und sie behaupteten, die gewaltigen Eisenmassen seien einfach vom Himmel gefallen. Sie gaben jenem Landstrich, in dem das Metall zum Liegen gekommen war, den Namen „El Mesón de Fierro“: Tisch des Eisens.
Im Jahr 1576 beauftragte der Gouverneur den Capitán Hernán Mexia de Miraval, der Sache auf den Grund zu gehen. Mit acht Mann brach Miraval auf. Indianer führten den Trupp durch unwegsames Gelände, vorbei an gefürchteten Volksstämmen, die man des Kannibalismus verdächtigte. Nach einem beschwerlichen Marsch erreichten die Männer tatsächlich den Mesón de Fierro. Miraval verfasste einen ausführlichen Bericht, in dem er, gestützt auf das Urteil eines Schmieds, die ungewöhnliche Reinheit des Materials lobte. Außerdem verlieh er seiner Vermutung Ausdruck, man sei womöglich auf eine sagenhafte Eisenmine gestoßen. Dann schickte er einen detaillierten Bericht seiner Expedition ab. Das Schreiben landete in einem Archiv in Sevilla. Dort packte es jemand in eine Lade, und darin blieb es liegen – ungelesen und vergessen für die folgenden 340 Jahre.
Im Lauf der nächsten beiden Jahrhunderte wurden weitere Expeditionen in die Region entsandt. Denn die Erzählungen der Indianer kursierten nach wie vor, und die Spanier hofften nicht zuletzt, einer reichhaltigen Mine auf der Spur zu sein. Mitunter war sogar von Silbervorkommen die Rede, was sich jedoch als Irrtum entpuppte. 1783 zum Beispiel brach ein Leutnant der Königlichen Armada namens Rubin de Celis mit 200 Mann in die Region auf. Don Rubin war ein gebildeter, rational denkender Mensch des 18. Jahrhunderts. Er glaubte nicht an außerirdische Steine, fand aber auch keine überzeugenden Hinweise auf eine Mine. Die Masse von El Mesón de Fierro schätzte er auf etwa 15 Tonnen. Sein Bericht unterschied sich teils erheblich von den Schilderungen anderer Entdecker, und heute wissen wir auch, warum: Nicht ein einzelner Brocken ging vor ungefähr 4.000 Jahren über dem Campo del Cielo nieder, sondern ein ganzer Meteoritenschauer. Allein im Zentrum des Areals fanden Forscher inzwischen fast zwei Dutzend Einschlagskrater, jeweils 20 bis 100 Meter im Durchmesser. Damit zählt Campo del Cielo zu den größten Meteoritenstreufeldern unseres Planeten. Die historischen Berichte bezogen sich auf unterschiedliche Teile des Eisenmeteoriten an verschiedenen Fundorten.
In späterer Zeit gestaltete es sich außerordentlich schwierig, die Trümmer wieder aufzuspüren. Viele Suchen verliefen erfolglos, und zwar selbst mit Methoden der Bodenprospektion. Die Ursache dafür war vermutlich, dass die Gegend auch reich an natürlichen irdischen Eisenvorkommen ist und das extraterrestrische Metall deshalb in den Analysen nicht deutlich genug hervorstach. Auf das erste Bruchstück, nach jüngsten Vermessungen 29 Tonnen schwer, stießen Forscher 1969. Es trägt heute die Bezeichnung „El Chaco“. Über die Jahre legten Wissenschaftler immer mehr Teile frei. Erst im September 2016 wurde neuerlich ein gewaltiger Eisenmeteorit am Himmelsfeld entdeckt, gut 30 Tonnen schwer.
Das wirft die stärkste Kuh um
In Europa setzte bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts eine äußerst fruchtbare Zeit für die Meteoritenforschung ein. Zum einen kam es in dichter zeitlicher Abfolge, mitunter im Jahrestakt, zu spektakulären Sichtungen von Boliden und herabstürzenden Gesteinsbrocken. Zum anderen machte die Untersuchung der geborgenen Objekte beachtliche Fortschritte – angetrieben vom zunehmend naturwissenschaftlich orientierten Blick auf die Welt sowie den allmählich besseren Methoden und Instrumenten der Forscher.
Die Serie begann mit einem Meteoritenfall im Oktober 1750 in Nicorps, Frankreich. Gut ein halbes Jahr später, am 26. Mai 1751, sahen sieben Zeugen, wie ein Feuerball bei Hraschina in Kroatien niederging. Noch während das Objekt über den Himmel zog, teilte es sich in zwei Stücke, die wie durch eine brennende Kette miteinander verbunden schienen. Es folgte eine Explosion, dann donnerte eine vorerst undefinierbare Masse auf ein frisch gepflügtes Feld und ließ den Erdboden erzittern. Anfang Juli 1753 verfolgten Menschen in Tabor, unweit von Prag, wie einem Gewitter plötzlich ein Stein entsprang. So wuchs die Sammlung der Berichte über derartige Vorkommnisse ständig, und die zugehörigen Schilderungen wurden mit der Zeit sachlicher, präziser und detailreicher.
Das Muster der Überlieferungen ist naturgemäß stets relativ ähnlich: zunächst ein Zischen, Pfeifen, Grollen in der Luft, dann eine mächtige Explosion, schließlich scheinen die Wolken eine Art Felsen auszuspucken. Solcherart nahm man auch den Meteoritenfall von Albareto bei Modena Mitte Juli 1766 wahr. Gegen fünf Uhr Nachmittag traf der Körper aus dem All mit solcher Wucht auf den Erdboden, dass eine Kuh von den Beinen gerissen wurde. Zwei Frauen klammerten sich an einem Baum fest, um nicht hinzufallen. Schließlich fand man einen schwarzen Gegenstand, der ein etwa einen Meter tiefes Loch geschlagen hatte. Als ein paar Leute aus der Nähe den Stein ausgruben, stellten sie fest, dass er noch warm war. Wie einst in Ensisheim und bei vielen Begebenheiten dieser Art hackten sie auch diesmal den wundersamen Stein in Stücke und trugen sie nach Hause.
Von besonderer Bedeutung ist Albareto, weil es nach dem damaligen Stand der Wissenschaft eine sorgfältige Untersuchung gab. Der Jesuitenpater Domenico Troili archivierte nicht nur Zeugenaussagen des Ereignisses, sondern nahm auch Teile des Steins in Augenschein. Troili beschrieb das Objekt als sehr schwer, magnetisch und teils bedeckt mit einer dunklen Kruste, die für ihn wie Spuren eines Feuers aussah. Weiters prüfte er das Fundstück unter dem Mikroskop und bemerkte: Die Konsistenz erinnere an Sandstein, durchsetzt mit kleinen, leuchtenden Partikeln aus Eisen und Bronzekörnern. Dieses in Meteoriten sehr häufige Material erhielt später die Bezeichnung „Troilit“, womit die historische Rolle des Jesuiten aus Modena bei der Erforschung von Meteoriten gewürdigt wurde.
Innerhalb weniger Wochen verfasste Troili ein 120 Seiten starkes Buch über das analysierte Fragment, in dem er Vermutungen über dessen Herkunft äußerte. Er stellte sich eine gewaltige unterirdische Explosion vor, die das Material in die Luft geschleudert hatte. Der Pater debattierte seine Thesen auch mit anderen Gelehrten seiner Zeit, und zumindest in einem Punkt herrschte Übereinstimmung: Der Stein war gewiss irdischen Ursprungs und durch eine auf der Erde wirkende Kraft emporgewirbelt worden.
Zwei Jahre nach Albareto sauste neuerlich ein extraterrestrischer Brocken zu Boden, der die Wissenschaft auf den Plan rief. Am Nachmittag des 13. September 1768 blieb einigen Erntehelfern in Lucé, Frankreich, der Mund offenstehen, als nach Donnerschlägen aus buchstäblich heiterem Himmel ein Stein aufs Feld fiel und sich ein gutes Stück im Boden eingrub. Die Akademie der Wissenschaften in Paris, die von dem Vorfall unterrichtet worden war, schickte drei Chemiker, um die Sache mit den Methoden strenger Naturwissenschaft zu prüfen. Die Experten, darunter ein Mann namens Antoine-Laurent de Lavoisier, beschrieben ebenfalls eine dünne, schwarze Kruste sowie ein gräulich schattiertes Inneres samt metallischen Körnchen. Vor allem aber nahmen sie die erste chemische Analyse eines Meteoriten vor. Resultat: 55,5 Prozent glasig wirkende Erde, 36 Prozent Eisen, 8,5 Prozent Schwefel.
Später entwickelte Lavoisier eine eigene Theorie über die Entstehung derartiger Objekte. Er vertrat die Ansicht, sie könnten unter besonderen Umständen in der Erdatmosphäre geformt werden. Würden Luftschichten elektrisch aufgeladen, gewissermaßen „entzündet“, könnte sich Staub womöglich zu Brocken aus Gestein und Metall zusammenballen. Auf diese Weise würden solide Körper in der Atmosphäre heranwachsen, aus der sie anschließend zur Erde fielen.
Von besonderem wissenschaftlichen Wert war außerdem ein Fund in Sibirien. Der deutsche Naturforscher Peter Simon Pallas durchstreifte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts das russische Reich. Im Jahr 1772 machte er Station in einer Stadt namens Krasnojarsk. Während Pallas sich von den Strapazen erholte, schickte er einen Gehilfen auf Erkundungstour. Der schnappte im Dörfchen Ubeisk eine seltsame Geschichte auf: Dort lag ein riesiger Klumpen aus Metall, durchsetzt von rätselhaften Hohlräumen, die teils mit einer gelblichen Substanz gefüllt waren. Die Struktur des Objekts erinnerte ein wenig an einen Schwamm. Pallas beschloss, den mysteriösen, mehr als 700 Kilo schweren Körper zur näheren Untersuchung nach Sankt Petersburg transportieren zu lassen.
Eine mühevolle Prozedur, die sich über vier Jahre hinzog: Während der Wintermonate schleifte man das Trumm durch die Schneelandschaft, im Sommer kam man per Floß auf Flüssen voran. Im Mai 1776 traf die Fracht schließlich in der Kunstkammer von Sankt Petersburg ein. Nicht zuletzt das genaue Studium dieser Materialmischung, (heute heißen Meteoriten dieses Typs „Pallasit“), sollte einige Jahre später zu einem grundlegenden Umdenken über die wahre Herkunft der Meteoriten führen.
Ein brillanter Denker widerspricht Isaac Newton
Ernst Florens Friedrich Chladni, geboren 1756 in Wittenberg, war ein deutscher Physiker, der bereits bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Akustik veröffentlicht hatte, als er sich für Meteoriten zu interessieren begann. Den Anstoß gab vermutlich eine Debatte mit seinem Fachkollegen Georg Lichtenberg, der die damals gängigen Erklärungsmodelle anzweifelte. So vertiefte sich Chladni ins Studium der merkwürdigen Steine, die aus dem Nichts auf die Erde zu fallen schienen.
Wie viele seiner Vorgänger, die Pionierleistungen auf dem Gebiet der Meteoritenkunde erbracht hatten, untersuchte auch Chladni zunächst eine Reihe von hinlänglich dokumentierten Ereignissen. Er schloss historische Darstellungen wie jene von Plinius ebenso wie zeitgenössische in seine Betrachtungen ein, darunter Tabor in Tschechien, Hraschina in Kroatien und einen Vorfall im britischen Sussex Mitte Juli 1771: Tausende von Menschen hatten dort gegen halb elf Uhr abends das Erscheinen eines gigantischen Feuerballs beobachtet, der später seine Bahn von Sussex bis nach Frankreich zog, vorbei an Paris, wo er weitere 50 Kilometer südwestlich in einer heftigen Explosion verschwand. Einige Augenzeugen behaupteten, der Feuerball sei mindestens so hell gewesen wie der Vollmond.
Chladni überlegte unter Berücksichtigung der damals geltenden Gesetze der Physik, wie die Phänomene erklärbar sein könnten. Riefen Nordlichter solche Leuchterscheinungen hervor? War Elektrizität im Spiel? Chladni ging die verschiedensten Ideen durch und schloss eine nach der anderen aus. Er hielt sie alle nicht für überzeugend. Der deutsche Physiker befasste sich insbesondere auch mit dem von Peter Simon Pallas geborgenen Ungetüm aus Eisen, und dieses Fundstück war letztlich titelgebend für sein im April 1794 publiziertes Buch: „Über den Ursprung der von Pallas gefundenen und anderer ihr ähnlicher Eisenmassen und über einige damit in Verbindungen stehende Naturerscheinungen.“
So sperrig die Überschrift am Buchdeckel klang, der Inhalt des Textes war aufsehenerregend und stellte eine Provokation für die zeitgenössische Fachwelt dar. Denn Chladni behauptete: Es gebe nur eine einzige plausible Erklärung für auf die Erde fallende Steine. Sie kämen aus den Weiten des Weltalls und würden als Meteoriten auf unserem Planeten einschlagen.
Im Wesentlichen formulierte Chladni drei Postulate. Erstens: Massen aus Stein oder Eisen stürzen tatsächlich vom Himmel herab. Zweitens: Feuerbälle entstehen, wenn solide Körper in der Erdatmosphäre abgebremst werden. Drittens: Die erwähnten soliden Massen haben ihren Ursprung weit draußen im Kosmos, entweder als kleine Objekte oder als Bruchstücke von Planeten, die zum Beispiel bei Kollisionen im All abgesprengt werden. Wörtlich schrieb er: „Das gesamte Beweismaterial macht es erforderlich, die Ansicht aufzugeben, dass im Weltenraum (Sonnensystem) nur die großen Weltkörper (Planeten, Monde) existieren.“
Diese Ausführungen waren hochgradig visionär, und Chladni befand sich fraglos auf der richtigen Fährte. Dennoch: Die Kollegenschaft war gar nicht begeistert. Sie kritisierte, Chladni stütze sich bei seinen Schlussfolgerungen auf Anekdoten und Ammenmärchen. Schon früher waren die Augenzeugenberichte häufig einfacher Menschen vom Land mit größter Skepsis ins Reich des Aberglaubens verwiesen worden. Man verspottete deren Schilderungen als Hirngespinste und irrationale Folklore, die der Aufmerksamkeit ernsthafter Gelehrter nicht würdig seien. Vor allem jedoch monierten viele Wissenschaftler: Chladnis Thesen widersprächen schlicht den Naturgesetzen. Und an denen sei ja wohl nicht zu rütteln.
Denn trotz aller Errungenschaften der Aufklärung, trotz der zunehmend rationalen Sicht auf die Welt hingen manche Dogmen der Antike mächtig nach, und vermeintlich unumstößliche Gebäude der Physik waren fest in den Köpfen verankert. Zum einen durchdrang die Philosophie des Aristoteles immer noch das Denken: Die Welt sei eine durch und durch göttliche und daher in jeder Hinsicht perfekt. In diesem Modell gab es keinen Platz für hässlich verbeulte, missgestaltete Steine, die durchs All schlingern und unvorhersehbar auf die Erde treffen. Zum anderen vertrug sich die Theorie der Gesteinsbrocken aus dem Kosmos nicht mit der Gravitationslehre von Isaac Newton: Sollten seine Gesetze der Schwerkraft Gültigkeit behalten, musste der Weltraum zwischen den Planeten leer sein. Umherdriftende Felsen hatten darin definitiv nichts verloren. Newton hatte festgeschrieben: Damit die Bewegung der Himmelskörper langfristig stabil bleibe, müsse der Himmel frei sein von sonstiger Materie, ausgenommen vielleicht ein paar Dämpfe oder Gase. Heute wissen wir, dass die Theorie des einstigen Säulenheiligen der Physik nur eingeschränkt richtig ist. Doch damals war eine widersprüchliche Ansicht fast Ketzerei.
Es half alles nichts: So sehr sich viele Zeitgenossen wehrten, Chladni hatte Recht, auch wenn er selbst eine Reihe von Fehlern beging. Der Kern seiner Theorie traf zu: Meteoriten stammen nicht aus Vulkanen und werden auch nicht in der Atmosphäre geboren, sondern aus den Weiten des Alls auf die Erde geschleudert. Aus diesem Grund gilt Chladni heute als Begründer der modernen Meteoritenwissenschaft.
Trotz aller Vorbehalte der Fachwelt hatte Chladni in gewisser Weise aber auch Glück: Hätte ein Verlag gezielt einen Bestseller planen wollen, er hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können als den Erscheinungstermin von Chladnis Werk. Denn kaum war sein Buch veröffentlicht, fielen an zahlreichen Orten weitere Meteoriten auf die Erde. Zwischen 1794 und 1796 landete kosmisches Gestein in Italien, England, Portugal, Indien, Sri Lanka und der Ukraine. Es war, als hätte Chladni seine Schrift punktgenau auf aktuelle Anlässe zugeschnitten.
Abzocke mit gefälschten Meteoriten
Zwei Monate nach dem Erscheinen von Chladnis Buch war das italienische Siena Schauplatz von Meteoritenfällen. Am frühen Abend des 16. Juni 1794 erfüllte Rauch den Himmel in nördlicher Richtung, Funken sprühten, hoch oben zuckten Blitze, gefolgt von den obligatorischen Detonationen. Dann flammte eine Wolke rot auf, und ein Schauer von Steinen ging über einem Vorort von Siena nieder. Augenzeugen gaben später zu Protokoll, dass ringsum Steine auf den Boden hagelten. Manche der Geschosse versengten Blätter auf den Bäumen, eines davon durchdrang angeblich sogar die Hutkrempe eines Buben. Einheimische sammelten die merkwürdigen Steine rasch ein und begannen, sie als Souvenirs an Touristen zu verkaufen. Als der Nachschub zur Neige ging, produzierten sie Fälschungen der Himmelssteine und verhökerten diese.
Siena war Universitätsstadt, weshalb die Gelehrten sogleich von dem Ereignis erfuhren. Der Mathematiker Ambrogio Soldani veröffentlichte innerhalb von drei Monaten ein 288-seitiges Buch darüber, in dem er außerdem seine Korrespondenz mit einem Mineralogen aus Neapel anführte. Dieser Mann mutmaßte, die Steine könnten eventuell einem Vulkan auf dem Mond entsprungen sein.
Im Jahr darauf traf es Wold Cottage, Yorkshire, England. Am 13. Dezember 1795 sah der Landarbeiter John Shipley zu, wie ein Stein aus den Wolken fiel und direkt vor seinen Füßen einschlug. Als der Brocken auf den feuchten Boden klatschte, spritzte Matsch auf Shipleys Kleidung. Einen Monat später erfuhr der Landeigentümer, ein etwas exaltierter Verleger namens Edward Topham, von der Sache und sorgte für öffentliche Aufmerksamkeit. Topham stellte den Stein in London aus und kassierte einen Shilling Eintritt pro Besichtigung. Später ließ er ein Denkmal errichten – bis heute vermutlich das einzige derartige Bauwerk, das einem Meteoriten gewidmet ist.
Dass ein Meteoritenfall in Portugal vom Februar 1796 der Nachwelt erhalten ist, verdanken wir dem Umstand, dass sich zu der Zeit gerade ein britischer Poet und Schriftsteller in der Gegend aufhielt. Er notierte Augenzeugenberichte und merkte an: „Wir hören manchmal, dass solche Phänomene historisch erwähnt sind, aber nie wollen wir daran glauben.“ Im selben Jahr wurde eine ähnliche Episode aus Irland bekannt, die sich bereits 1779 zugetragen hatte. Ein gewisser William Bingley aus Pettiswood, Westmeath County, schilderte einer Zeitschrift, wie ein Stein das Zaumzeug seines Pferdes getroffen habe. Das arme Tier sei augenblicklich ohnmächtig geworden. Überall habe es nach Schwefel gerochen. Bisher habe er niemandem davon erzählt, so Bingley, weil er gefürchtet habe, sich mit der Schauergeschichte lächerlich zu machen.
Aus wissenschaftlicher Sicht bedeutsam war, dass der junge englische Chemiker Edward Charles Howard mehrere Stücke von Meteoritenabstürzen aus dieser Zeit studierte. Howard verglich die chemische Zusammensetzung der Objekte und folgerte: Erstens gebe es äußerst auffällige Übereinstimmungen, beispielsweise einen ungewöhnlich hohen Gehalt des seltenen Elements Nickel. Und zweitens passe die Materialkomposition weder zu Vulkangestein noch zu den in der jeweiligen Gegend üblichen Mineralien.
Auch Ernst Chladnis Fachkollege Georg Lichtenberg publizierte um diese Zeit eine Arbeit über den „Steinregen zu Siena“, in der er Chladnis Interpretation hinsichtlich des Ursprungs der mysteriösen Himmelskörper beipflichtete. Außerdem beauftragte er zwei Studenten, einen Mathematiker und einen Astronomen, zwei Monate lang den Nachthimmel zu überwachen und nach verdächtigen Objekten Ausschau zu halten, die womöglich Chladnis Theorie stützen könnten. Die Studenten traten ihren Wachtposten in Lichtenbergs Garten in Göttingen an. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: Im September und Oktober 1798 beobachteten die Studenten 402 Meteore, 22 davon zogen sogar gleichzeitig übers Firmament. Beeindruckt von diesen Resultaten, notierte Lichtenberg: „Gott möge verhindern, dass solch feurige Körper jemals die Erde streifen.“ Und fügte noch hinzu: „Zumindest hoffe ich, dass mir nichts dergleichen jemals auf den Kopf fallen möge.“
Trotzdem war noch nicht allgemein akzeptiert, dass Meteoriten aus den Tiefen des Kosmos zur Erde gelangen. Das änderte sich erst nach einem weiteren Steinregen 1803. Am 26. April dieses Jahres prasselten nahezu 3.000 Boliden auf L’Aigle in der Normandie. Der französische Innenminister schickte den jungen Physiker Jean-Baptiste Biot in die Region. Biot zeichnete zunächst eine detaillierte Karte des Meteoritenstreufeldes. Er befragte Augenzeugen und stellte mathematische Berechnungen über die Bahn solcher zur Erde fallenden Objekte an. Mitte Juli 1803 trug er seine Erkenntnisse in Paris vor, und dies gilt heute als der große Wendepunkt: Seine Ausführungen wurden als definitiver Beweis für die Tatsache gewertet, dass Steine kosmischen Ursprungs sind und daher auch vom Himmel fallen können. Biot selbst geizte nicht gerade mit Superlativen. Er betrachtete seine Erkenntnisse „ohne Zweifel als das erstaunlichste Phänomen, das jemals von Menschen beobachtet wurde“. Das mochte zwar dezent übertrieben sein, doch war damit das Rätsel über die Herkunft der Meteoriten gewissermaßen offiziell gelöst.
Wien – internationales Zentrum der Meteoritenforschung
Im Lauf des 19. Jahrhunderts gelang es, immer mehr Typen von Meteoriten zu erfassen, zu beschreiben und je nach ihrer chemischen und mineralogischen Zusammensetzung zu unterscheiden. Die Wissenschaftler studierten unter dem Mikroskop zum Beispiel die „Chondren“, Erkennungsmerkmale der häufigsten Kategorie von Meteoriten. Der Name leitet sich vom griechischen Wort „chondros“ ab, das „Korn“ bedeutet. In dieser Sorte von Meteoriten sind winzige Kügelchen aus Silikat eingeschlossen, 0,2 bis einige Millimeter groß, deren Form an Körner erinnert. Deshalb tragen diese Meteoriten die Bezeichnung „Chondriten“. Mehr als 80 Prozent der Steine, die auf die Erde fallen, zählen zu dieser Klasse. Sie repräsentieren die ursprünglichste, seit viereinhalb Milliarden Jahren praktisch unveränderte Materie unseres Sonnensystems. Älter als die Himmelskörper selbst sind sie, bildlich gesprochen, Zeitzeugen der Planetenentstehung.
Zugleich stellen die Chondriten den überwiegenden Anteil einer Oberfamilie, nämlich der Steinmeteoriten. Zu diesen zählen auch die „Achondriten“, die keine Silikatkugeln enthalten. Außerdem kennt man sogenannte kohlige Chondriten, bestehend unter anderem aus Tonmineralien mit hohem Kohlenstoffanteil sowie Wasser. Insgesamt gehören rund 95 Prozent aller kosmischen Brocken zur Klasse der Steinmeteoriten, nur knapp fünf Prozent entfallen auf Eisenmeteoriten, die beinahe zur Gänze aus Nickeleisen geformt sind. Schließlich gibt es noch eine Mischform, die Stein-Eisenmeteoriten, die jedoch eine echte Rarität darstellen (zur genauen Klassifikation von Meteoriten siehe (siehe Kasten S. 37).
Stück um Stück entschlüsselten die Forscher auch alle Bestandteile von Meteoriten. Rund 300 Minerale sind heute bekannt, die diese Felsfragmente beinhalten können. Je nach charakteristischer Materialkomposition unterscheiden Experten heute Exemplare mit teils exotischen Namen wie Ureilit, Angrit oder Aubrit. Die Naturforscher und Archivare des 19. Jahrhunderts nahmen sogar Stücke in ihre Sammlungen auf, die, allerdings von anderen Himmelskörpern stammten, beispielsweise vom Mars, wie sich erst viel später nachweisen ließ. Sie beschrieben außerdem auffällige, signifikante Muster auf diesen Objekten, etwa die „Widmanstättenschen Figuren“: regelmäßige, einander kreuzende Lamellen, die ein unverwechselbares Merkmal von Eisenmeteoriten darstellen. Deren Namensgeber war ein Naturforscher aus Österreich: Alois von Beckh-Widmanstätten, geboren 1754 in Graz, wurde in der Mineraliensammlung der Wiener Hofburg auf Meteoritenfundstücke aufmerksam. Er stellte eine Reihe von Experimenten mit den Objekten an, schliff sie glatt und ätzte deren Oberfläche mit Salpetersäure. Dabei traten die typischen Lamellen zutage, die Widmanstätten 1808 entdeckte.
Wien gilt als überragendes Zentrum der internationalen Meteoritenforschung, in der Geschichte wie auch in der Gegenwart. Bei der Beschreibung der extraterrestrischen Körper spielten Fachleute des k.k. Naturalien-Cabinets – des Vorläufers des heutigen Wiener Naturhistorischen Museums – oft eine wichtige Rolle. Im Jahr 1748 begründet, war das erste Objekt der ältesten und mit fast 8.000 Stücken größten Sammlung der Welt jener Meteorit, der 1751 bei Hraschina in der Nähe von Zagreb niederging. Viele Gelehrte aus Wien machten sich im Lauf der Jahrzehnte sowohl um die detaillierte Dokumentation als auch um die wissenschaftliche Einschätzung der kosmischen Brocken verdient.
Der Familienstammbaum
Eine Klassifikation der Meteoriten und ihre wichtigsten Kategorien.
Undifferenzierte Meteoriten
Diese Klasse ist identisch mit den Chondriten, jenen Steinmeteoriten, welche die typischen Silikateinschlüsse (die körnchenförmigen Chondren) enthalten. Sie machen mehr als 80 Prozent aller Meteoriten aus, beinhalten die frühesten Elemente des Sonnensystems und waren kaum Änderungen unterworfen. Kein Gestein spiegelt den Urzustand des Sonnensystems so unverfälscht wider und öffnet ein Fenster so weit in die Vergangenheit. Die Bezeichnung „undifferenziert“ rührt daher, dass diese Gesteine niemals so heiß wurden, dass sie schmolzen. In ihrem Inneren hat keine Trennung von Elementen, eine sogenannte „Fraktionierung“, stattgefunden. Genau deshalb blieb jene Zusammensetzung erhalten, die vor rund 4,5 Milliarden Jahren entstand.
Die häufigste Kategorie innerhalb dieser Familie bilden die gewöhnlichen Chondriten, weiters gibt es Enstatit-, Rumuruti- und kohlige Chondriten. Der Name der letzteren bezieht sich auf deren schwarze Farbe. Sie stellen die ursprünglichsten unter allen Vertretern dieser Gruppe dar.
Differenzierte Meteoriten
Diese zweite große Klasse besteht aus drei Gruppen. Zum einen aus den Achondriten – aus Steinmeteoriten, die aber keine körnigen Einschlüsse aufweisen. Zu den Achondriten zählen auch jene sehr seltenen Exemplare, die nicht von Asteroiden stammen, sondern von anderen Himmelskörpern – etwa die auf der Erde aufgefundenen Bruchstücke vom Mond und vom Mars.
Bei den beiden anderen Untergruppen handelt es sich um die Eisenmeteoriten sowie um die Eisensteinmeteoriten, die gemeinsam kaum mehr als fünf Prozent aller Meteoriten ausmachen.
„Differenziert“ heißt diese zweite Großfamilie, weil ihre Materialien komplett oder teilweise schmolzen und es zu erheblichen chemischen Veränderungen oder zu stofflichen Trennungen kam, wodurch sich schwere Metalle im Zentrum sammelten.
Häufigkeit der einzelnen Meteoritentypen
Chondriten: 86,2 %
Achondriten: 7,8 %
Eisenmeteoriten: 4,7 %
Stein-Eisen-Meteoriten: 1,3 %
Andreas Xaver Stütz erstellte als Direktor der Naturaliensammlung den ersten Meteoritenkatalog des Hauses und verfasste 1790 eine Schrift, für die er mehrere Meteoriten miteinander verglich – darunter den aus Kroatien, jenen aus Tabor in Böhmen sowie ein Fundstück, das am 19. Februar 1785 im bayrischen Eichstädt in den Schnee gefallen war. Von Chladnis Theorie konnte Stütz natürlich noch nichts wissen, weshalb er streng den in seiner Ära geltenden Gesetzen der Physik folgte und daher die Idee verwarf, dass Steine von Himmel kämen. Ähnlich argumentierte auch fünf Jahre zuvor der Wiener Mathematiker und Naturforscher Franz Güssmann. Er bezog sich ebenfalls auf den Vorfall in Hraschina sowie auf das berühmte Pallas-Eisen und postulierte, die Objekte müssten irdischen Ursprungs sein. Einige Jahrzehnte später, mit dem inzwischen deutlich erweiterten Wissen zur Verfügung, schufen auch Wiener Experten Werke von bleibender Gültigkeit. Wilhelm Haidinger, Kurator der Hofmineraliensammlung, publizierte 1859 die erste umfassende Abhandlung über den Meteoriten von Hraschina, und Gustav Tschermak, ab 1868 Direktor des Mineralien-Cabinets, veröffentlichte 1885 ein Standardwerk über die Meteoritenkunde.
Zusätzlich befeuert wurde die Forschung des 19. Jahrhunderts durch zahlreiche weitere Meteoritenfälle, die angesichts des nunmehrigen Kenntnisstandes wohl noch mehr das Augenmerk der Fachwelt auf sich zogen als in den Epochen davor. Man mag erstaunt die Frage stellen: Wenn schon damals so häufig Meteoriten beobachtet oder entdeckt wurden – müssten solche Ereignisse dann nicht heute, wo wir über hochmoderne Überwachungssysteme verfügen, noch viel öfter registriert werden?
Die Antwort lautet: Genau so ist es. Tatsächlich wächst der Bestand an eindeutig identifizierten Steinen aus dem Weltall kontinuierlich. Im langjährigen Mittel werden pro Jahr fünf bis sechs zu Boden fallende Meteoriten oder Fragmente beobachtet. Dabei handelt es sich aber nur um jene Fälle, bei denen sich mehr oder minder zufällig gerade jemand vor Ort aufhielt und zusah – womit naturgemäß all jene Objekte nicht erfasst sind, die über den Meeren oder in Wüsten herabstürzen. Und selbst Ereignisse, die sich über bewohnten Gebieten zutragen, entgehen manchmal schlicht unserer Aufmerksamkeit. Die systematische Auswertung der Bahnen solcher Himmelskörper lässt die wahre Zahl der auf die Erde treffenden Meteoriten rapide emporschnellen: Pro Jahr gibt es aktuellen Daten zufolge rund 19.000 Fälle. Berücksichtigt man nur die Landfläche, kommt man immer noch auf jährlich knapp 6.000 Meteoriteneinschläge – zum Glück fast immer kleine Objekte zwischen zirka 100 Gramm und ein paar Kilo. Streifschüsse aus dem All sind also keineswegs selten, sondern sogar sehr häufig.
Eigentlich fast verblüffend, dass angesichts dieses dichten Hagels nicht regelmäßig größere Zerstörungen oder Verletzungen zu beklagen sind. Entsprechende Anekdoten kursieren zwar sonder Zahl, wobei es sich fast immer um Sachschäden oder getötete Tiere handelt – ob ein angeblich erschlagener Hund in Ägypten, eine niedergestreckte Kuh in Venezuela oder ein zerschmettertes Auto, Marke Chevrolet, in Malibu. Sehr viele glaubwürdige Geschichten über solche Zwischenfälle existieren allerdings nicht, und bis heute ist ein einziger Fall verbrieft, in dem nachweislich ein Mensch verletzt wurde: Am 30. November 1954 lag die Hausfrau Elizabeth Hodges aus Sylacauga, Alabama, gerade auf der Couch, als ein gut fünf Kilo schwerer Felsbrocken das Dach ihres Hauses durchschlug. Der Stein knallte auf Hodges’ Radioapparat, prallte davon ab und traf die Dame an Arm und Hüfte. Ob und wie Hodges die daraus resultierenden Blutergüsse ihrem Arzt erklärte, ist nicht überliefert.
Jedenfalls bestanden schon im 19. Jahrhundert kaum mehr Zweifel daran, dass Steine aus dem Weltraum die Schuld an solchen Missgeschicken tragen können. Doch damit waren längst nicht alle Fragen geklärt. Denn: Woher genau kommen Meteoriten eigentlich? Ist es denkbar, dass in einer fernen Vergangenheit nicht nur kleine Steinchen, sondern wirklich mächtige, gefährliche Objekte die Erde trafen? Und könnten noch heute Spuren von diesen Katastrophen auf dem Planeten zeugen? Darüber stritten Wissenschaftler in aller Welt erstaunlich lange – bis in die jüngere Vergangenheit.
DAS VERSTECKSPIEL DER KRATER
Können wirklich gigantische Felsbrocken aus dem All die Erde treffen und kilometergroße Löcher reißen? Lange zweifelten die Experten vehement daran. Doch dann opferte ein Mann sein Leben der Erforschung eines Meteoriteneinschlages.
Daniel Moreau Barringer war ein echter Pechvogel. Der amerikanische Jurist, Mineningenieur und Unternehmer, geboren 1860, war buchstäblich besessen von der Idee, dass mächtige Körper aus dem All bisweilen die Erde treffen und dabei unauslöschliche Spuren hinterlassen: gewaltige Krater, in denen die Überreste eines mit unserem Planeten kollidierten Meteoriten begraben liegen. Drei Jahrzehnte seines Lebens widmete Barringer der Untersuchung eines solchen Kraters – in der unerschütterlichen Zuversicht, darin Belege für einen Meteoriteneinschlag aufzuspüren. Barringer sollte die triumphale Bestätigung seiner Überzeugung nicht mehr erleben, die zum ersten Beweis führte, dass die Erde voller Relikte extraterrestrischer Bombardements ist.
Die Geschichte begann Jahrzehnte, bevor Barringer die Bühne des Geschehens betrat. Im Jahr 1871 stießen Kartographen der amerikanischen Armee auf eine unerklärliche Bodenformation im Coconino County in Arizona, 60 Kilometer östlich von Flagstaff. Vor den Augen der Kundschafter erstreckte sich inmitten einer rotbraunen Steinwüste ein beinahe kreisrundes Loch, rund 1.200 Meter im Durchmesser, 180 Meter tief. Umgeben war die riesige Senke von einem bis zu 60 Meter hohen Wall aus Gestein. Worum mochte es sich hier wohl handeln? Die Männer hatten nicht die geringste Ahnung.
Eineinhalb Jahrzehnte später fand ein Schäfer in der Gegend nahe des Canyon Diablo einen Haufen Metallstücke und dachte, er habe Silber entdeckt. Ein Experte bekam das rätselhafte Metall ebenfalls zu Gesicht: der versierte Mineralienhändler Albert E. Foote aus Philadelphia, der 137 dieser Objekte einsammelte und genauer unter die Lupe nahm. Foote stellte fest, dass er offensichtlich Eisenmeteoriten in Händen hielt. Die Schlussfolgerung war keineswegs abwegig: Denn zu dieser Zeit war die Tatsache, dass immer wieder Steine aus dem Weltraum auf die Erde fallen, längst akzeptiert. Allerdings zählte es nicht zum etablierten Stand des Wissens, dass Meteoriten ausgedehnte und noch heute sichtbare Krater hinterlassen. Im Gegenteil: Das schien damals noch hochgradig unwahrscheinlich.
Im Jahr 1902 erfuhr Barringer von den Meteoritenfunden. Er war augenblicklich elektrisiert und sicherte sich die Schürfrechte in der Region, ohne überhaupt je vor Ort gewesen zu sein. Sein Interesse war vorwiegend ökonomischer Natur: Er hoffte auf abertausende Tonnen Eisen und Nickel, die er dort abbauen könnte. Und er träumte von einem Millionen-Dollar-Gewinn.
Zunächst galt es, den vermutlich unter dem Kraterboden vergrabenen Meteoriten freizulegen. Barringer war überzeugt, dass sich ein herabgestürzter Himmelskörper tief in den Grund gebohrt hatte und dort gigantische Massen an Metall verschüttet sein müssten. Er konnte nicht ahnen, welche physikalischen und chemischen Prozesse bei einem Einschlag tatsächlich ablaufen. So ließ er sich voller Energie auf ein tragisches Abenteuer ein, das ihn letztlich das Leben kostete – und zugleich den Auftakt zur modernen Kraterforschung bildete.
Die Gelehrten und die Wunder des Kosmos
Zu dieser Zeit hatte die Wissenschaft schon einiges über Meteoriten und deren Herkunft gelernt. Es gab Augenzeugenberichte über herabfallende Steine aus früheren Jahrhunderten, und es gab die zunehmend präziseren Erklärungen für diese Phänomene von Forschern wie Ernst Florens Chladni. Außerdem hatten Gelehrte die Kenntnisse über den Kosmos nach und nach beträchtlich erweitert. Die Erfindung des Fernrohrs machte es zum Beispiel möglich, die Beschaffenheit fremder Himmelskörper zu studieren. So richtete Galileo Galilei sein Teleskop in die Nacht und bemerkte schon 1609, dass die Mondoberfläche über und über von Kratern bedeckt ist. Bloß verfügte man über keine plausible Erklärung, wie diese Krater zustande gekommen sein mochten. Bald setzte sich die Annahme durch, dass Vulkane die Narben im Gestein verursacht hatten.
Noch viel früher hatten aufmerksame Beobachter herausgefunden, dass nicht nur Planeten ihre Bahnen übers Firmament ziehen, sondern auch seltsame Objekte, die einen leuchtenden Schweif besitzen. Bereits der römische Philosoph Seneca verfasste um 60 nach Christus eine Abhandlung mit dem Titel „De Cometis“. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangen dem dänischen Astronomen Tycho Brahe wichtige Kometenstudien, und gut 100 Jahre später erkannte Edmond Halley, dass sich Kometen auf Ellipsenbahnen bewegen und in bestimmten berechenbaren Intervallen wiederkehren. Die Wiege der Kometen konnte allerdings erst im 20. Jahrhundert eingegrenzt werden: Weit draußen im All, an den Grenzen unseres Sonnensystems, umgibt uns eine dichte Hülle aus solchen Körpern, ein riesiger Kometenspeicher. Man schätzt, dass in dieser „Oort’schen Wolke“ mehrere hundert Millionen Kometen umherschwirren. Und manchmal wird einer davon, beeinflusst durch Schwerkrafteffekte anderer Himmelskörper, in Richtung des inneren Sonnensystems bugsiert.
Mitunter könnte durchaus ein Komet unserem Planeten in die Quere kommen. Doch von Bedeutung für die Geburtsstätte von Meteoriten, die auf die Erde fallen, sind hauptsächlich andere Körper im All, wenngleich sie einiges mit Kometen gemeinsam haben (siehe Kasten rechts) die Asteroiden. Deren Entdeckung beruhte – wie oft in der Geschichte der Wissenschaft – darauf, dass man nach etwas völlig anderem suchte: nach weiteren Planeten. In früheren Jahrhunderten kannten die Astronomen nur acht Himmelskörper in unserem Sonnensystem: die Planeten Merkur, Venus, Mars, Erde, Jupiter und Saturn sowie die Sonne und unseren Mond. Doch schließlich setzte sich die Meinung durch, dass das Bild nicht vollständig sein konnte.
Den Anstoß dafür bildeten Formeln, die Gelehrte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufstellten, um die Abstände der Planeten zur Sonne möglichst anschaulich zu definieren und miteinander vergleichen zu können. Der deutsche Mathematiker Johann Daniel Titius veröffentlichte damals die Übersetzung eines französischen Werks, das eine Art Skala für die kosmischen Distanzen enthielt. Zwischen Sonne und Saturn lagen demnach 100 Einheiten dieser Skala, Merkur fand sich auf Markierung 4, die Erde auf 10, der Mars auf Einheit 16. Heute verwendet die Wissenschaft ein vergleichbares System: „Astronomische Einheiten“ (AE). Eine Astronomische Einheit basiert auf dem Abstand zwischen Erde und Sonne, der rund 150 Millionen Kilometer beträgt. Mithilfe dieser Werte lassen sich extrem große Strecken in vergleichsweise kleinen Ziffern ausdrücken.
Das Asteroiden-Lexikon
Was die vielen Namen der Felsbrocken aus dem Weltall bedeuten.
Manchmal lesen wir von Kometen, dann von Asteroiden, Meteoroiden oder Meteoriten. Was ist aber der Unterschied zwischen all diesen Objekten? Der Name hängt von der Zusammensetzung ab, von der Größe und auch davon, wo sich einer dieser Steine gerade befindet. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um Material aus der Frühzeit des Sonnensystems handelt – um Reste des Baustoffs, aus dem die Planeten entstanden.
Kometen halten sich meist weit draußen in den Außenregionen des Sonnensystems auf und verirren sich eher selten in Erdnähe. Sie sind Asteroiden ähnlich, unterscheiden sich aber in ihrer Chemie, Kometen besitzen einen höheren Anteil an leicht flüchtigen Substanzen wie Wasser und Kohlenmonoxid. Diese Stoffe sind auch für den berühmten Schweif verantwortlich: Sie befinden sich zunächst in gefrorener Form nahe der Oberfläche des Kometen. Nähert sich dieser der Sonne, taut diese Schicht auf und umhüllt ihn mit der sogenannten „Koma“. Werden die Teilchen dieser Koma vom Sonnenwind weggeblasen, bildet sich der oft Millionen Kilometer lange Schweif.
Asteroiden sind eng verwandt mit Kometen und ebenfalls Bauschutt aus der Frühphase des Sonnensystems. Es hängt im Wesentlichen von der Größe ab, ob man einen Felsbrocken Asteroid oder aber Meteoroid nennt. Asteroiden sind dabei die großen Trümmer, und alle gewaltigen Einschläge auf der Erde wurden von solchen Objekten verursacht. Ob nun zum Beispiel 70 Meter, ein paar 100 Meter oder mehrere Kilometer groß – all diese Geschosse fallen in die Asteroidenklasse. Die Mehrzahl ist allerdings kleiner als 100 Meter.
Meteoroiden sind die kleinen Geschwister der Asteroiden. Diese zusätzliche Kategorie wurde eingeführt, um die sehr unterschiedlichen Dimensionen der kosmischen Steinbrocken zu berücksichtigen. Eine allgemein akzeptierte Definition, bei welcher Größe die Trennlinie zwischen Asteroid und Meteoroid zu ziehen ist, fehlt zwar. Doch man kann davon ausgehen, dass die Kategoriegrenze bei etwa 50 Metern liegt – was größer ist, darf als Asteroid bezeichnet werden.
Einen Meteor kennt man besser unter der volkstümlichen Bezeichnung „Sternschnuppe“. Wenn ein kleiner Meteoroid auf die Erdatmosphäre trifft, werden durch die Reibungshitze Luftmoleküle zum Leuchten angeregt. Dieses Aufleuchten am Himmel können wir manchmal beobachten. Der Name Meteor bezieht sich also auf die Leuchterscheinung.
Zu einem Meteoriten wird ein Asteroid oder Meteoroid schließlich, wenn es ihm gelingt, die Atmosphäre zu durchdringen und auf dem Erdboden aufzuschlagen. Ausschlaggebend für die Bezeichnung Meteorit ist somit der Bodenkontakt.
Auf Basis ihrer Skala stach Wissenschaftlern der damaligen Zeit ein Umstand besonders ins Auge: Zwischen Mars und Jupiter klaffte eine gewaltige Lücke im All. Sollte dort nur leerer Raum sein? Titius konnte sich nicht vorstellen, dass der „Schöpfer“ auf diesen Bereich einfach vergessen hatte. Im Jahr 1772 schlug der Berliner Astronom Johann Elert Bode vor, dass man sich auf die Suche nach einem Planeten machen müsse, welcher der Aufmerksamkeit der Forscher bisher wohl entgangen war. So wurde in der Folge eifrig der Himmel beobachtet. Nach wenigen Jahren hatten die Planetenjäger Glück: 1781 verlautbarte der Astronom und Musiker Friedrich Wilhelm Herschel, ein unbekanntes Objekt gefunden zu haben. Zunächst hielt er es für einen Kometen, doch bald war klar, worum es sich tatsächlich handelte: um einen Planeten, den wir heute als Uranus kennen. Zwar befindet sich Uranus weit jenseits des Jupiters und damit viel weiter draußen im Sonnensystem, doch nun stand fest, dass das bisherige Verständnis des Kosmos nicht komplett war.
Das stachelte die Forscherneugier erst recht an. Vielleicht drehten da draußen ja noch mehr Planeten ihre Runden? Der Italiener Giuseppe Piazzi meldete Anfang 1801 einen spektakulären Erfolg: Während andere ausgelassen das neue Jahr feierten, hatte sich Piazzi die Nacht zum ersten Jänner in der Sternwarte von Palermo um die Ohren geschlagen. Er wollte dabei einen Planeten entdeckt haben, der später Ceres getauft wurde – und dieser lag wirklich in der Zone zwischen Mars und Jupiter. Gut ein Jahr danach stieß der deutsche Astronom Heinrich Wilhelm Olbers auf einen Himmelskörper, der heute Pallas heißt. In recht dichter zeitlicher Abfolge folgten Juno, Vesta und Astraea. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte man bereits rund 300 kosmische Trabanten aufgespürt. Es schien, dass sich zwischen Mars und Jupiter keineswegs bloß ein einzelner Planet befand, sondern überraschend viele vormals unbekannte Objekte. Allerdings: Sie alle waren ziemlich klein, zu klein für Planeten. Bei Ceres etwa war rasch ein Durchmesser von lediglich rund 1.000 Kilometern bestimmt. Deshalb regte Herschel an, einen neuen Begriff für diese neue Klasse einzuführen: Asteroiden, sternähnliche Körper. Heute nennt man sie alternativ auch Kleinplaneten.
Freilich hätten Herschel und seine Zeitgenossen wohl ungläubig gestaunt, wenn man ihnen erklärt hätte, was für ein Gedränge dort draußen tatsächlich herrscht. Der vermeintlich leere Raum zwischen Mars und Jupiter, der heute „Asteroidengürtel“ heißt, besteht in Wahrheit aus einer dichten Ansammlung kleiner Himmelskörper, die sich um die Sonne bewegen (Siehe doppelseitige Karte auf S. 210). Von mehr als 700.000 Asteroiden sind mittlerweile die Bahnen bekannt, jedes Jahr werden tausende weitere katalogisiert. Und viele dieser Objekte rempeln einander ständig an, es herrscht eine permanente Massenkarambolage.
Der Grund dafür liegt in der Entstehungsgeschichte der Asteroiden: Sie sind Überreste aus der Frühzeit des Sonnensystems und stellen damit die älteste bekannte Materie dar. Während anderes Gestein im Lauf der Jahrmillionen bei sanften Zusammenstößen aneinander haften blieb und sich allmählich zu formschönen Planeten fügte, klappte dies bei den Kleinplaneten nicht. Denn die Anziehungskraft des Jupiter, der mehr Masse besitzt als alle anderen Planeten im Sonnensystem zusammen, verhinderte solche Verschmelzungsprozesse. Weil die Gravitation, die Jupiter aufgrund seiner Masse ausübt, stärker ist als jene der Asteroiden untereinander, blieben letztere dazu verdammt, für immer als lose Trümmer durchs All zu driften. Ständig brechen infolge von Kollisionen einzelne Teile ab, schlingern durch den Weltraum und nehmen mitunter Kurs auf andere Himmelskörper – fallweise auch auf die Erde. Meist dauert es viele Millionen Jahre, bis die Bahn eines solchen Fragments dann jene unseres Planeten kreuzt, was manchmal zu einem Volltreffer führt.
Von all diesen Zusammenhängen ahnten die Forscher lange Zeit wenig. Nicht die des 19. Jahrhunderts und schon gar nicht jene in den Jahrhunderten zuvor. Die klugen Köpfe früherer Epochen konnten lediglich Spekulationen über solche Abläufe anstellen, was sie auch ausgiebig betrieben. Neuerlich stachen dabei einige Pioniere hervor.
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