Read the book: «Wäldar ka nüd jedar sin!»

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Abbildung in Johann Georg Schlehs »Hystorischer Relation«, 1616.


© 2020 Universitätsverlag Wagner Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

E-Mail: mail@uvw.at

Internet: www.uvw.at

ISBN 978-3-7030-6550-7

Umschlag- und Buchgestaltung, Satz: Hana Hubálková/Universitätsverlag Wagner Umschlagbild: Ansichtskarte nach einem Relief von Georg Feurstein, das die »Weiberschlacht an der Roten Egg« darstellt (Foto: Vorarlberger Landesbibliothek)

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.uvw.at

Vorwort

Mit der im Jahr 1847 erschienenen Arbeit »Früheste Kunde über den Bregenzerwald […]« legte der aus Hittisau stammende, in Wien wirkende Gelehrte Joseph Bergmann den Grundstein für eine quellenbezogene, den damals eben erst entwickelten wissenschaftlichen Grundlagen verpflichtete Erforschung der Talschaftsgeschichte. Seither sind zwar weitere Spezialstudien sowie zahlreiche ortskundliche Darstellungen – man nannte sie hierzulande zumeist »Heimatbücher« – erschienen. Angesichts der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung, die der Bregenzerwald stets besaß (immerhin lebte bis ins 19. Jahrhundert ein Viertel der Landesbevölkerung in seiner Gemarkung), verwundert es jedoch, dass eine zusammenfassende Darstellung der regionalen Geschichte bis heute fehlt.

»Wäldar ka nüd jedar sin – eine Geschichte des Bregenzerwalds« soll diesem Mangel abhelfen und einem breiten Leserkreis auf kompakte Weise näherbringen, wie die Talschaft zu dem wurde, was sie heute ist. Es geht darin um Land und Leute, um Geschichte und Gegenwart, um Identität und die Faktoren, die es zu ihrer Entstehung braucht, um das Spannungsfeld zwischen Mythen und Realität. Heraklits berühmte Feststellung, dass die einzige Konstante im Universum der Wandel sei, gilt auch für den überschaubaren Bregenzerwälder »Kosmos«. So ist auch hier immer wieder von den Strategien die Rede, die es brauchte, um mit veränderten Rahmenbedingungen zurecht-zukommen.

Dass das Buch in so ansprechender Aufmachung – die Gestaltung lag in den bestens bewährten Händen von Hana Hubálková – erscheinen konnte, ist der materiellen Unterstützung durch das Land Vorarlberg, Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung, durch die Regionalplanungsgemeinschaft Bregenzerwald und die Bregenzerwald Tourismus GmbH zu verdanken. Eingedenk vieler fröhlicher, gelegentlich auch ernster Gespräche über das »Psychogramm einer Talschaft« widme ich es herzlich meinen Bregenzerwälder Freundinnen und Freunden.

Alois Niederstätter

Inhalt

Hinführung

Eingrenzungen

Zugänge

Der Blick von außen

EXKURS: Die sagenhafte »Weiberschlacht« an der »Roten Egg«

EXKURS: Mythos Tracht

Wie der »Wald« zu seinen »Wäldern« kam

EXKURS: Gab es die »seligen Geschwister« Diedo, Merbod und Ilga wirklich?

Herren, Knechte, »freie« Bauern – und eine »Wälderrepublik«?

Unter Grafen und Herzögen

Entscheidung über Tod und Leben: Gerichtswesen und Politik

Mythos »Wälderrepublik«

Frei und unfrei

Reich und Arm

Wirtschaftliche Vielfalt: Bauern, Handwerker, Unternehmer und Arbeitsmigranten

Agrarischer Wandel: Ackerbau und Viehzucht

»Vertikale Stufenwirtschaft«

Appenzeller Entwicklungshelfer und »Käseboom«

Arbeitsmigranten: Söldner, Handwerker, Baumeister, »Fremdler«, »Schwabenkinder«

»Bildungswanderer« und eine herausragende Künstlerin

Textilfabrikanten, Weber und Stickerinnen

Gasthäuser und Bäder

»Von Haus aus ist der Wälder religiös und kirchlich treu gesinnt«

Eine neue Zeit: Reformen und Widerstand

Die »Politisierung« des Bregenzerwalds

Traditionen und Brüche – vom 19. ins 20. Jahrhundert

Der Weg in die Moderne

Anhang

Verwendete bzw. weiterführende Literatur (Auswahl)

Bildnachweis


Die Nutzung verschiedener Höhenstufen für die Milchwirtschaft – hier die »Vorsäß«-Siedlung Schönenbach (Gemeinde Bezau) – ist ein wichtiges Merkmal der Bregenzerwälder Kulturlandschaft.

»Nach des Tages Mühen und Sorgen kommen hier die Dorfbewohner mit den gefüllten Butten zusammen, um den Segen des Stalles, die Milch, die hier gesennet wird, sich messen und aufschreiben zu lassen. Jeder kommt hieher als abhängiger Bauer, als Arbeiter und in seinen Werktagskleidern, wie er den Kuhstall verläßt; daher gilt denn auch immer der am meisten, der die anderen am besten unterhält. Früher war es gewöhnlich der beste Spaßmacher, jetzt, seit dem man etwas ernster worden, ist es der Zeitungsleser oder wer sonst Kunde zu bringen weiß von dem, was in der Welt geschieht.«

Franz Michael Felder, Gespräche des Lehrers Magerhuber mit seinem Vetter Michel

Hinführung

An regional begründetem Selbstbewusstsein mangelt es den Bewohnerinnen und Bewohnern des Bregenzerwalds, eben den Wälderinnen und Wäldern, die sich niemals Bregenzerwälderinnen bzw. -wälder nennen würden, in der Regel nicht. Ihr noch nicht gegendertes »Wäldar ka nüd jedar sin« (»Wälder kann nicht jeder sein«) toppt nur die Feststellung der Schwarzenberger, dass es »Männle, Wible« und – gleichsam als Krone der Schöpfung – eben sie gebe.

Dafür lassen sich mehrere Gründe ins Treffen führen: Bevor die Industrialisierung das Rheintal und den Walgau erfasste, lebte gut ein Viertel der Vorarlberger im Bregenzerwald. Das gab ihm wirtschaftliches und politisches Gewicht. Mit den vor allem in Schwaben, der Schweiz und im Elsass wirkenden Barockbaumeistern, der weltberühmten, aus Schwarzenberg stammenden Malerin Angelika Kauffmann (1741–1807), dem in Wien tätigen Gelehrten Joseph Bergmann (1796–1872) als erstem Erforscher der Geschichte seiner Heimat sowie dem Dichter und Sozialreformer Franz Michael Felder (1839–1869), den die Leipziger Zeitschrift »Europa« kurz vor seinem frühen Tod »eines der wunderbarsten Phänomene unserer Zeit« nannte, besaß und besitzt die Region wirkmächtige Propagandisten.


Der Dichter Franz Michael Felder mit seiner Frau Nanni, seiner Mutter und den Kindern Kaspar, Mikle und Jakob.

Von den 1820er-Jahren an erkundeten Dichter, Reiseschriftsteller und Volkskundler die Schönheit der Gegend, den Charakter der Bewohner, ihre Gewohnheiten und Gebräuche. Dabei fanden sie allerlei Bemerkenswertes, darunter die Vorstellung, der Bregenzerwald sei einstmals eine weitgehend autonome »Bauernrepublik« und damit eine Art Schweiz gewesen. Ihre viel gelesenen Berichte erschlossen die Talschaft dem Fremdenverkehr.

Heute steht der Bregenzerwald für einen ungewöhnlichen Mix, der freilich auch Spannungsfelder eröffnet: Er ist eine prosperierende Handwerksregion mit urbanen Merkmalen, die eine Vorreiterrolle in der modernen Baukunst, vor allem im Holzbau, spielt. Was die zahlreichen Touristen – der Bregenzerwald verbucht mehr als 800.000 Nächtigungen im Sommer und eine knappe Million im Winter – als »Landschaft« oder »Natur« schätzen, dient gleichermaßen als Vorarlbergs bedeutendster, immer intensiver und keineswegs nur nach ökologischen Grundsätzen genutzter landwirtschaftlicher Produktionsraum mit etwa 1.000 Betrieben. Eingriffe wie der Ausbau von Liftanlagen für den Wintersport rufen außer den Naturschützern auch jene auf den Plan, die den Gästen »Unberührtheit« in einer »Genussregion« bieten möchten. Selbst »Hochkultur« kann mit bäuerlichen Interessen kollidieren, so in Schwarzenberg, wo vor einigen Jahren das international bedeutende Musikfestival »Schubertiade« und der traditionelle Alpabtrieb unvereinbar schienen.


Alte und neue Architektur sind im Bregenzerwald kein Gegensatz.

Für die Wirtschaft der Talschaft spielt der Tourismus eine große Rolle – Ansichtskarte aus dem Jahr 1956.

Differenzen wurden auch sichtbar, nachdem die Regionalplanungsgemeinschaft Bregenzerwald vor etwa zwei Jahrzehnten den Plan gefasst hatte, die Aufnahme der Talschaft in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes zu betreiben. Begründet wurde das Ansuchen in erster Linie mit der traditionellen »Drei-Stufen-Wirtschaft«, einem System der abwechselnden Nutzung verschiedener Produktionszonen von den Tallagen bis ins Hochgebirge zur Heuernte bzw. als Viehweide. Sie mache den Bregenzerwald zu »einer der herausragenden Kulturlandschaften Österreichs und der Alpen überhaupt« (Hans Peter Jeschke).

Zum Abschluss des Verfahrens kam es nicht. 2008 entschieden die Betreiber, das Projekt nicht weiter zu verfolgen, weil sich, so die offizielle Begründung, die Aufnahmepolitik der UNESCO geändert habe. In der »Neuen Zürcher Zeitung« hieß es am 30. August 2008 dazu freilich, dass die zum Augenschein angereisten Experten vom Argument der Bregenzerwälder nicht überzeugt gewesen seien und das Komitee daraufhin beschlossen habe, das Begehren auf die lange Bank zu schieben. Außerdem sei es zu Spaltungstendenzen innerhalb der Bevölkerung gekommen; vor allem im hinteren Bregenzerwald habe man die strengen Auf lagen der UNESCO und deren Auswirkungen unter anderem auf den Ausbau der Schigebiete gefürchtet. Es mochte ein kleines, allerdings unvergleichlich weniger werbewirksames Trostpflaster gewesen sein, dass es die »Drei-Stufen-Wirtschaft« 2010 in das »Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich« (Kategorie »Bräuche, Wissen, Handwerkstechniken«) brachte.

Es sind aber gerade solche Spannungsfelder, die den Blick auf den Bregenzerwald als eine höchst komplexe Kulturlandschaft interessant machen. Manches davon erklärt sich aus langer geschichtlicher Tradition, anderes aus deren Gegenteil, aus der Notwendigkeit, sich immer wieder neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Bregenzerwald ist ein treffliches Beispiel, dass Beharrungsvermögen und Flexibilität, einstmalige topographische Abgeschiedenheit und Weltoffenheit keineswegs Gegensätze sein müssen.


Als renommiertes Festival lockt die »Schubertiade« Musikfreunde aus der ganzen Welt nach Schwarzenberg.

Eingrenzungen

Während sich andere Talschaften Vorarlbergs wie das Montafon, der Walgau oder die beiden Walsertäler unschwer eingrenzen lassen, decken sich die Gebiete, die die Geographie, die Geschichte oder die Sprachwissenschaft jeweils als »ihren« Bregenzerwald definieren, nicht.

Am nächsten liegend wäre es, ihn als das Einzugsgebiet der Bregenzerach zu bestimmen. Das gelingt aber nur annähernd, weil mehrere ihrer Zuflüsse – Rotach, Weißach, Leckenbach, Bolgenach, Rubach – im benachbarten Allgäu, also in Bayern, entspringen. Sogar die Quelle der Bregenzerach liegt im Gebiet der Gemeinde Lech, die weder historisch noch politisch jemals zum Bregenzerwald zählte.

Geologisch-topographisch erweist sich das Gebiet als höchst uneinheitlich. Wer es vom Rheintal zum Arlberg durchreist, gelangt von den sanften Molassehügeln im Nordwesten zu den schon schrofferen Kreidekalkerhebungen vor Au, passiert die bis zur Enge oberhalb von Schoppernau reichenden Flyschformationen, um schließlich das aus Triaskalken gebildete Hochgebirge zu erreichen.


Blick von Westen über den Pfänder oberhalb von Bregenz in den Bregenzerwald mit seinen unterschiedlichen geologischen Formationen, historische Luftaufnahme.

Der winterliche Hinterwald von der Alpe Baumgarten (Gemeinde Bezau) aus.

Deutlich kleiner als die heute landläufige Vorstellung vom Umfang des Bregenzerwalds ist der Befund der Historikerzunft. Sie beschränkt ihn auf den vom 14. bis ins beginnende 19. Jahrhundert bestehenden, mit bedeutenden Sonderrechten ausgestatteten Gerichtssprengel dieses Namens, der nicht etwa zu Bregenz, sondern zur Herrschaft Feldkirch gehörte. Er umfasste Egg, Schwarzenberg, Andelsbuch, Bezau, Bizau, Reuthe, Mellau, Au, Schnepfau sowie als Exklave Krumbach und Unterlangenegg. Selbstverständlich verwendeten die älteren Landesbeschreibungen den Begriff »Bregenzerwald« ausschließlich in diesem Sinn. Seine Entstehung verdankt dieser Sprengel einer im Jahr 1338 von den damaligen Landesherren, den Grafen von Montfort, vollzogenen Besitzteilung.

Dass die Urkunden und der Volksmund diesen Bezirk auch den »hinteren« Bregenzerwald – kurz: »Hinterwald« – nennen, lässt die Existenz eines entsprechenden Gegenstücks erwarten. Einen »Vorderwald« gab es allerdings nur inoffiziell. Man meinte damit das nördlich der Subersach gelegene Gebiet der Ortschaften Lingenau, Hittisau und Sibratsgfäll. Sie waren verwaltungsmäßig als »Gericht« Lingenau der Herrschaft Bregenz zugewiesen. Die gleichfalls bis ins frühe 19. Jahrhundert bestehenden »Gerichte« Alberschwende und Sulzberg (mit Doren und Riefensberg) wurden bis in die jüngere Vergangenheit überhaupt nicht zum Bregenzerwald gezählt. Die moderne Einteilung trägt dem Rechnung, indem für dieses Gebiet nicht das »Wälder« Bezirksgericht Bezau zuständig ist, sondern jenes in Bregenz.


Die historischen Verwaltungssprengel Vorarlbergs. Karte von 1783.

Der heutige Bregenzerwald und seine Gemeinden:

An der Grenze zum Rheintal: das Bödele (Gemeinde Schwarzenberg) oberhalb von Dornbirn, 1953.


Auch sprachlich lassen sich Vorder- und Hinterwälder leicht unterscheiden: Im vorderen Bregenzerwald ist der Allgäuer Einfluss sehr deutlich. Charakteristische Merkmale sind etwa die sogenannte »Entrundung« des Vokals »ü« zu einem »i« (also etwa »Hiisr« statt »Hüüsr« für »Häuser«, »Lit« statt »Lüt« für Leute) sowie auch von »ö« zu »e« (»Kepf« statt »Köpf« für »Köpfe«). Typisch für den Vorderwald ist es außerdem, Wörter wie »breit«, »heiser« oder »Laib« mit einem »oi«-Laut auszusprechen. Als »allgäuischste« Gemeinde der Region gilt Riefensberg. Die Hinterwälder Dialekte erkennt man unter anderem am offenen »o« in »broot« (»breit«) oder »Sool« (»Seil«), an der Diphthongierung von »a« beispielsweise in »Aubet« (»Abend«), »Haur« (»Haar«), »Schauf« (»Schaf«), »Saulz« (»Salz«) oder an der Entwicklung von »e« zu »i« in »Hinne« (»Henne«), »winda« (»wenden«).

Das alte historische Korsett hat der Bregenzerwald längst gesprengt, den Sulzberg ebenso vereinnahmt wie die Siedlungen Damüls und Warth, deren Bewohner, wie es heißt, im Spätmittelalter als »Walser« aus dem Schweizer Wallis zugewandert seien. Zuletzt expandierte er sogar bis an den Rand des Rheintals, indem sich die Gemeinden Buch und Langen bei Bregenz der 1970 ins Leben gerufenen Regionalplanungsgemeinschaft (kurz: Regio) Bregenzerwald anschlossen. Dass der Bregenzerwald damit die einzige »wachsende« Talschaft Vorarlbergs ist, mag für die Attraktivität des »Wäldertums« stehen.

Dem nach außen zur Schau gestellten Selbstverständnis – man kann durchaus von einer »Talschaftsideologie« sprechen – steht im Innern ein gleichermaßen kräftig entwickelter Partikularismus gegenüber. Dass etwa Großdorf – als Fraktion der Gemeinde Egg – eine eigene Freiwillige Feuerwehr, einen eigenen Kameradschaftsbund sowie eine eigene Viehzuchtgenossenschaft besitzt, ist einer von vielen augenfälligen Belegen für die Fähigkeit der »Wälder«, diese beiden Positionen miteinander zu verbinden.


Egg und Großdorf, Flugaufnahme 1983.

Zugänge

1841 vermerkte der Geograph Johann Georg Staffler: »Als eine Alpengegend hatte der Bregenzerwald vor ungefähr 50 Jahren noch keine fahrbare Straße, und seine Verbindung mit den Nachbarbezirken mußte mühesam auf Saumwegen unterhalten werden«. Der wichtigste Zugang aus dem Rheintal führte von Schwarzach aus über Linzenberg sowie Farnach nach Alberschwende und weiter über die Lorena nach Schwarzenberg. Von Dornbirn aus gelangten Fußgänger, Reiter und Saumtiere über Winsau nach Alberschwende sowie über die Lose – das heutige Bödele – nach Schwarzenberg. 1546 scheinen die »sömer [Säumer], die die straß über die Losen« benutzten, erstmals urkundlich auf. Im ausgehenden 18. Jahrhundert entstand eine Verbindung von Bregenz aus über Fluh, Langen und Doren bis nach Krumbach.


Säumer mit ihren Tragtieren im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Erst 1836 wurde der Bau einer für den Fuhrverkehr geeigneten »Kommerzialstraße« von Schwarzach durch das Schwarzachtobel nach Alberschwende in Angriff genommen. Geplant hatte sie Alois Negrelli (1799–1858, 1850 nobilitiert als »Ritter von Moldelbe«), der »geistige Vater« des Suezkanals. Die Weiterführung von Alberschwende nach Egg erfolgte 1844/45 sowie in den folgenden Jahren über Egg-Tuppen und Bersbuch nach Bezau. Gleichfalls nach Negrellis Plänen wurde 1833 zur Verbesserung der Route ins Allgäu die Gschwendtobelstraße mit der noch bestehenden Gschwendtobelbrücke zwischen Lingenau und Großdorf erbaut. 1886 eröffnete man die Fahrstraße von Dornbirn-Haselstauden über den Achrain nach Alberschwende. Wer nicht zu Fuß gehen wollte, dem stand von der Mitte des 19. Jahrhunderts an eine in der Regel alle zwei Tage zwischen Bregenz und Bezau verkehrende Postkutsche zur Verfügung. Sie benötigte für diese Strecke etwa sechs Stunden.

Die Gschwendtobelbrücke über die Subersach zwischen Lingenau und Großdorf entstand nach einem Plan von Alois Negrelli, dem »geistigen Vater des Suezkanals«.


Noch heute ist Alberschwende das Tor zum Bregenzerwald.

Der Hochtannbergpass wurde erst 1954 von Schröcken aus mit einer Autostraße erschlossen.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert machten der rasch an Bedeutung gewinnende Fremdenverkehr und das Einsetzen der Motorisierung einen weiteren Ausbau des Straßennetzes erforderlich. Die Maßnahmen betrafen vor allem die Verbindungen von Au nach Damüls, von Bregenz über Langen zur Staatsgrenze, von Lingenau über Hittisau und Sibratsgfäll zur Staatsgrenze sowie von Bezau nach Schröcken. Erst 1954 wurde von dort aus der Hochtannbergpass mit einer Straße erschlossen.

Schon im Jahr 1870 waren die Gemeindevertretungen der Bregenzerwälder Ortschaften übereingekommen, die Planung einer Bahntrasse von Bregenz nach Bezau in Auftrag zu geben. Sie sollte die Talschaft wirtschaftlich besser erschließen sowie an das überregionale Eisenbahnnetz und an die Bodenseeschifffahrt anbinden.

Allein bis zum Ansuchen an das Handelsministerium, die technischen Vorarbeiten in Angriff nehmen zu dürfen, vergingen aber noch 21 Jahre. Der Vorarlberger Landtag stimmte dem Vorhaben im Januar 1894 zu, obwohl zahlreiche Gemeinden vor allem im Süden des Landes, die Nachteile für ihre Region befürchteten, dagegen Einspruch erhoben hatten. 1899 genehmigte das Ministerium den Bau einer Schmalspurbahn (Spurweite 760 Millimeter) durch das Tal der Bregenzerach mit einer Streckenlänge von etwa 35 Kilometern, mit 18 Bahnhöfen und Haltstellen, 28 Brücken und drei Tunnels.


Rechte Seite: Mit der Eröffnung der Bregenzerwaldbahn im Jahr 1902 brach eine neue Zeit an.

Von da an ging alles sehr schnell: Nur drei Jahre nach der Konzessionierung hatten überwiegend italienischsprachige Arbeiter trotz des schwierigen Geländes das Werk vollendet. Am 15. September 1902 konnte die »Bregenzerwaldbahn« – so der offizielle Name, der Volksmund sprach sogleich vom »Wälderbähnle« – in Dienst gestellt werden. »Und Zuokumpft rumplot mit Gwault daher«, dichtete Gebhard Wölf le aus diesem Anlass.

Seit 1989 verkehrt das »Wälderbähnle« zwischen Andelsbuch-Bersbuch und Bezau als Museumsbahn.

Als Privatbahn gegründet, ging sie 1932 in das Eigentum des Bundes über. Aufgrund negativer Betriebsbilanzen wurde bereits 1936 ihre Einstellung erwogen. Zur stetig wachsenden Konkurrenz durch den Straßenverkehr und der ungünstigen Lage der Stationen im Achtal teils fernab der Siedlungen kam, dass die schwierigen geologischen Verhältnisse und die häufigen Hochwässer der Bregenzerach den Erhalt der Strecke sehr aufwändig machten. 1983 besiegelten Hangrutschungen und Unterspülungen das Schicksal des »Wälderbähnles«. Seit 1989 verkehrt auf der etwa sechs Kilometer langen Strecke zwischen Bezau und Andelsbuch-Bersbuch eine Museumsbahn.

Was einst für die wirtschaftliche Entwicklung der Talschaft von großer Bedeutung war, wird heute zunehmend auch als Belastung empfunden. So passieren derzeit jeden Werktag zwischen 12.400 und 14.200 Kraftfahrzeuge allein die Ortschaft Alberschwende. Besonders dramatisch ist die Situation infolge des Ausbaus der Schigebiete an Winterwochenenden, nicht selten bilden sich auf der Bregenzerwaldstraße – der L 200 – Staus von Alberschwende bis Mellau.

Der Blick von außen

Die Nachrichten aus älterer Zeit sind ebenso selten wie knapp: »Hat starckh, geradt knecht«, bemerkte um 1500 Ladislaus Sunthaym, ein im Dienst Kaiser Maximilians I. tätiger, aus Ravensburg stammender Gelehrter über den Bregenzerwald. Der ein halbes Jahrhundert jüngeren »Kosmographie« Sebastian Münsters zufolge habe es dort »schön, starck und viel Volck, das rauch lebt, und gleichwol nit arm ist«; die »Meidtlein und Jungfrawen« nenne man »ihrer Sprach nach Schmelgen«. Dasselbe erfahren wir aus Johann Georg Schlehs 1618 in Hohenems gedruckter »Hystorischen Relation«, außerdem, dass der Bregenzerwald zwar ein »wild gelend« sei, »jedoch von der vile deß Volcks wol gepflantzt, hat vil Vieh und Molcken, sonderlich erzeucht diß Landt vil Flachs, dahero nehrt es sich meisttheils mit dem spinnen, darob sie den langen Winter zubringen […], hat viel nutzliche Alpen, reich am Wildprät«. Alle drei Autoren verstanden unter »Bregenzerwald« allein den zur Herrschaft Feldkirch zählenden »Hinterwald«.


»Reich am Wildprät«, Abbildung in Johann Georg Schlehs »Hystorischer Relation«, 1616.


Von einer ganzen Bregenzerwälder Familie betriebene Flachsspinnerei, Abbildung in Johann Georg Schlehs »Hystorischer Relation«, 1616.

Bei aller Kürze des Berichteten – der Grundstein für das »klassische« Wälder-Bild war gelegt: Eine ebenso zahlreiche wie tüchtige und gut gewachsene Bewohnerschaft hat ihren Lebensraum, ein »wild gelend«, so trefflich kultiviert, dass die Erträgnisse für ein zwar einfaches, aber keineswegs ärmliches Dasein hinreichen. Nur der Mehrerauer Mönch, Prior in Lingenau und Chronist Franz Ransperg (1609–1670) war den Bregenzerwäldern weniger gewogen. Er nannte sie ein von Natur aus ungewöhnlich streitsüchtiges und gewalttätiges Volk.

Eine erste umfangreichere, noch lange Zeit nachwirkende Beschreibung des »Volkscharakters« geht auf die »Vorarlbergische Chronik« des Bregenzer Buchhändlers und -druckers Joseph Brentano von 1793 zurück: »Die Bewohner des Walds sind größtentheils anstellige, verständige Leute, zu allen Geschäften und Unternehmungen vorzüglich aufgelegt, und viele wissen sich ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. […] Mit beyspielloser Sorgfalt behalten sie die von Voreltern her angeerbten Ueberlieferungen und Meynungen, die sie sich um alles nicht wegschwatzen lassen. Der Religion sind sie mit dem seltensten Eifer getreu, und man hat keineswegs zu fürchten, daß sie, auch wenn es auf das Märtyrerthum ankäme, sie niederträchtig verläugnen würden. Ihr Charakter ist bieder, leutselig, dienstfertig, gutherzig. Sie leben einfach, begnügen sich mit der Befriedigung der natürlichsten Bedürfnisse und kennen glücklicherweise den geldfräßigen Aufwand des verderblichen Luxus nicht.«

In gleichermaßen hohen Tönen lobten die Reiseschriftsteller des 19.Jahrhunderts das Wälder Volk. Gustav Schwab (1792–1850) attestierte ihm 1827 »viel Anlage zum Witz, Leichtigkeit in Behaltung aufgefaßter Ideen, Fähigkeit in schneller Trennung und Verbindung der Begriffe« […], »viel Gefühl für Anstand und edle Freimüthigkeit« und »schuldlose Schalkheit«. Den »Hügeleinwohnern des vordern Bregenzerwaldes« sage man jedoch einen Hang zur Trunksucht nach. Beeindruckt vom »Selbstgefühl« und dem »edlen Stolz« der Bregenzerwälder zeigte sich Karl Wilhelm Vogt, der 1840 den Bregenzerwald durchwanderte. Ähnlich auch Andreas Oppermann im Jahr 1859: »Was soll ich von den Menschen sagen? Bieder und gutmüthig besitzen sie doch auch einen hellen, schnell Alles erfassenden Verstand und eine anmutige Grazie des Geistes« – oder Heinrich Hirzel 1868: »Der Wälder ist von Natur aufgeweckt und verständig, freundlich und bieder, treu und fromm. Die beiden Elemente von grübelnder Tiefe und gediegener Fröhlichkeit sind in schönem Gleichgewicht in ihm vereinigt.« Einzig Ludwig Steub fand 1878 den Wälder »sehr zugeknöpft«: »Er vergißt sich selten so weit, den Fremdling auf der Straße oder im Wirthshause zuerst zu grüßen, oder ihm das erste Wort zu schenken. Wenn man ihm aber die verdiente Ehre erweist, ihn zuerst grüßt, zuerst anredet, ihm mittheilt, daß er in den letzten Jahren wieder etlichemal entdeckt worden sei und daß sich die Welt jetzt fast nur mit ihm beschäftige, dann schmilzt das Eis um sein stolzes Wälderherz, und er kann recht munter und gesprächig werden.«

Linke Seite: Anfang der Beschreibung des Bregenzerwalds in Johann Georg Schlehs »Hystorischer Relation« von 1616.


1827 erschienen die Bregenzerwälder Reiseeindrücke des schwäbischen Gelehrten und Dichters Gustav Schwab.

Viel Licht also und kaum Schatten? Immerhin ließ sich ein weit verbreitetes Laster mit ziemlich üblen Folgen finden: »Das ›Freßtobakli‹ ist sehr häufig […]. Die ätzende Wirkung verursacht Beulen im Munde und an der Wange, entstellt die Gesichtszüge und hindert am Essen. Dem alten Tabakkauer fällt es schwer, dieser Gewohnheit zu entsagen. Der Kopf schwillt ihm auf und der Zufluß und der Reiz der Säfte ist heftig, daß man oft Männer und Greise sieht, welche, wenn ihnen der Kautabak plötzlich fehlt, sich den Sack herausschneiden und daran kauen« (Wilhelm Vogt). Auch dass Solidarität selten über die Ortsgrenzen hinausreichte, konnte sogar der Gast bemerken: »Es wird auch von den Wäldern selbst zugestanden, daß gemeinnützige Unternehmungen und Verbesserungen bei ihnen nicht durchzuführen, weil die Gemeinden gegen einander zu scheelsüchtig und zu gehässig seien« (Ludwig Steub).

Die besondere Aufmerksamkeit der zumeist alleine reisenden Schriftsteller galt den Bregenzerwälderinnen: »Die Frauen verleihen dem ›Walde‹ erst jenen eigenthümlichen Zauber, der jeden fremden Wanderer auf das Angenehmste überraschen muß«, sie »sind in ihrem Benehmen äußerst unbefangen«, »plaudern außerordentlich gern und viel, doch sind sie leider etwas weniger leicht zu verstehen als die Männer, da sie bei weitem rückhaltloser den Dialekt vorherrschen lassen«, so exemplarisch Andreas Oppermann im Jahr 1859. »Ich habe im Ganzen im Bregenzer Wald zwei Frauentypen gefunden: große stattliche, aber ein wenig ascetische Figuren – Blondinen – und kleine, runde, lebensfrische Gestalten – Tiefbrünette –. Erstere haben etwas Aristokratisches, ihre Haltung ist grade, ernst und würdig, nur beim Sprechen durch große Anmuth bewegt, der Gesichtsschnitt fein und edel, die Gestalten sind ebenmäßig aber mehr dem Magern zugeneigt«. Der andere Typus sei »klein und voll«, »aus den großen schwarzen Augen« spreche »Lebenslust und Schalkheit«. Allerdings: »Nur Eines mangelt ihnen wie ihren blonden Schwestern völlig: die Brust. […] Dies mag mit daher kommen, daß Mütter solchen Töchtern, die etwa vor andern Mädchen sich durch das, was diesen fehlt, auszeichnen könnten, tellerartige Hölzer anschnallen und so mit Gewalt eine der schönsten Zierden des Weibes in ihrer Entwicklung hemmen.« Diese verstörende Praxis entsprang nicht etwa Oppermanns Phantasie, sie ist vielmehr noch mehr als ein halbes Jahrhundert später in der medizinischen Literatur bezeugt.


»Die Frauen verleihen dem ›Walde‹ erst jenen eigenthümlichen Zauber, der jeden fremden Wanderer auf das angenehmste überraschen muß«, Darstellung in Albert Kretschmers »Trachten der Völker« (1864).

August Wilhelm Grube billigte den Wälderinnen 1875 »überhaupt mehr Gewandtheit und Lebensart« zu als ihren Männern, »die, wie es scheint, auch in manchen anderen Stücken das Herrschaftsscepter willig der schöneren Hälfte ihres Ichs überlassen.« Die Bregenzerwälder »Weiberherrschaft« ist auch in Franz Michael Felders Roman »Reich und Arm« thematisiert und auf diesem Weg zum Standardtopos geworden.

Die Talschaftsbewohner ließen sich die im Großen und Ganzen schmeichelhaften Versuche reisender Intellektueller, die regionale Mentalität zu ergründen, offenkundig bereitwillig gefallen. Es soll hier nicht um die Frage gehen, ob man innerhalb weniger Tage, auch wenn man zu Fuß unterwegs war, überhaupt so pauschale Eindrücke gewinnen konnte. Wichtiger scheint eher die Überlegung, ob nicht die Beschriebenen in weiterer Folge bewusst oder unbewusst die Beschreibungen, die vielfach rezipiert bis heute ihr Eigenleben führen, sich zu eigen gemacht haben.

....... EXKURS
Die sagenhafte »Weiberschlacht« an der »Roten Egg«

Zum Bild von der starken und selbstbewussten Wälderin trug eine Geschichte bei, die im Dreißigjährigen Krieg anlässlich der Eroberung von Bregenz und der Besetzung Vorarlbergs durch Truppen des schwedischen Feldmarschalls Gustav Wrangel im Jahr 1647 spielt. Der Lingenauer Kaplan Johann Konrad Herburger (1780–1845) schrieb sie 1818 nieder: Als in Lingenau einquartierte Soldaten zu einem ihrer Plünderungszüge auf brachen, entschlossen sich die Frauen aus Egg, Andelsbuch und Schwarzenberg, ihnen mit Arbeitsgeräten bewaffnet entgegenzuziehen. Am Fallenbach bei Egg trafen die Schweden auf die in Schlachtordnung aufgestellten Wälderinnen, hielten sie wegen ihrer weißen Tracht für österreichische Soldaten und wollten deshalb fliehen. Dazu kam es nicht mehr, die Frauen stürzten sich mit großer Wut auf sie und machten alle nieder. Der mit dem Blut der Getöteten getränkte Platz hieß fortan »die Rote Egg«. Weil dieser Sieg um zwei Uhr nachmittags errungen worden war, läutete man fortan in den Pfarrkirchen der drei Orte um diese Zeit die Glocken, außerdem erhielten die Frauen das Recht, beim Opfergang um den Altar den Männern voranzugehen.

Schwarzenberg vor 1900.


Die wehrhaften Bregenzerwälderinnen als Ansichtskartensujet.

Wenige Jahre später veröffentlichte der in Wien wirkende, aus Hittisau stammende Historiker Joseph Bergmann Herburgers Text und machte ihn damit einem breiteren Publikum bekannt. Mit der Variante, die Wälderinnen seien von den überraschten Schweden für himmlische Wesen gehalten worden, und dem Zusatz des Gelöbnisses der Frauen, die weißen Kleider gegen dunkle zu tauschen, legte Josef Ellensohn 1866 die Grundlage für die Aufnahme der Geschichte in die späteren Vorarlberger Sagensammlungen.

Als »historischer Sage« wird der Geschichte zumindest ein »wahrer Kern« zugestanden, zumal sich die Geschichtsschreibung redlich bemühte, sie in das regionale historische Geschehen am Ende des Dreißigjährigen Kriegs einzubetten. Auch an literarischen Verarbeitungen fehlt es nicht. Bereits 1869/70 nahm sich kein Geringerer als der deutsche Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831–1910) nach einem Sommeraufenthalt in Vorarlberg des Stoffs in seiner Erzählung »Der Marsch nach Hause« an. Der Theaterverein Bizau führte 1936 das »Schwedenspiel« von Kaspar Meusburger sowie 1953 eine Dramatisierung des ebenfalls auf dieser Thematik beruhenden Romans »Schicksal auf Vögin« (1942) von Nathalie Beer auf.

Dass ein Quellenbeleg für die Geschichte fehlt und vor allem die zeitgenössische Kriegsgeschichte des Benediktinerpaters und Priors von Lingenau Franz Ransperg (1609–1670) sie nicht kennt, mindert ihre Popularität nicht – genauso wenig wie die schon vor mehr als hundert Jahren vorgenommene Einordnung der »Schlacht an der Roten Egg« als Lokalisation eines alten Mythos, zu dem unter anderem die Walküren und die Amazonen gehören. So ist sie bis heute ein wichtiger Bestandteil der Bregenzerwälder Identität.


Bei den Feierlichkeiten anlässlich der Eröffnung der Bregenzerwaldbahn durften szenische Darstellungen der »Weiberschlacht an der Roten Egg« nicht fehlen.

Bestandteile der Bregenzerwälder Frauentracht: Juppe, Gürtel, Schapel.

....... EXKURS
Mythos Tracht

»Die Bregenzerwälderin erscheint, zumal an Feiertagen, in einem sehr fein gefalteten, glänzend schwarzen, gegen das Ende mit schmalen Bändern verbrämten, leinenen Rock, einfach schön und leicht geschürzt. Die Aermel des Kleides allein sind bei dem Mädchen des innern Waldes in der Kinderzeit von rother Farbe, und liegen wie Seide an dem anmutig gewölbten Arme. Erst wenn sie mannbar wird, darf sie die schwarzen Ärmel anlegen, und dann ist Jubel unter der männlichen Jugend und es melden sich die Freier. […] An dem schmalen, geschlossenen, weissen Busentuche von feinem Baumwollgewebe (Kammertuch) ist gewöhnlich eine sehr niedliche Stickerei angebracht, und am Busengürtel stehen nicht selten versteckt die Anfangsbuchstaben eines geliebten Namens mit Seiden- und Goldfäden gestickt.« So wie der schwäbische Dichter Gustav Schwab in den 1820er-Jahren zeigten sich auch die meisten anderen Besucher des Bregenzerwalds von der dort getragenen Frauentracht beeindruckt.

Einen Höhepunkt erlebte das Trachtenwesen, als sich im ausgehenden 19. Jahrhundert die Volkskunde und die Heimatschutzbewegung seiner annahmen und aus ihm einen »gesunden« Gegenpol zu den rasch wechselnden Moden der »dekadenten« Großstädte machten. Davon wusste auch der damals rasch zunehmende Tourismus zu profitieren. Wenige Jahrzehnte später spannten der »Ständestaat« und in weiterer Folge das NS-Regime die Tracht als Mittel der politischen Inszenierung vor ihren Karren.


Diese Ideologisierung ließ das Trachtenwesen nach 1945 als »belastet« erscheinen, zumal der Begriff »Heimat« überhaupt brüchig geworden war und es noch lange bleiben sollte. Dazu kamen die vom Zweiten Weltkrieg verursachten Verwerfungen und der wirtschaftliche, soziale sowie kulturelle Wandel, der auch den Bregenzerwald erfasste.

In den letzten Jahrzehnten erlebte die Bregenzerwälder »Juppe« als durchaus kostspieliges Festtagskleid aber eine regelrechte Renaissance. Das auch in anderen Landesteilen verwendete Wort stammt aus dem Romanischen (französisch »la jupe« für Rock, italienisch »giubba« für Jacke, auch das deutsche Lehnwort Joppe hat denselben Ursprung). Es bezeichnet den vom Typus her seit der frühen Neuzeit im ganzen Alpenraum verbreiteten »Tragmiederrock«, bei dem Rock und Mieder zu einem Kleid vernäht sind. Charakteristisch für die wohl in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreichende Bregenzerwälder Ausprägung ist der plissierte und gesteifte Rock aus schwarzem Glanzleinen, der an das spanische Hofkleid der Barockzeit erinnert und die Juppe zum festlichen Kleidungsstück »besserer« Kreise machte. Für den Alltag sowie für die ärmere Bevölkerung gab es eine einfache, ungestärkte Variante.

Bildliche Darstellungen seit dem 18. Jahrhundert, darunter zwei Selbstportraits der berühmten, väterlicherseits aus Schwarzenberg stammenden Malerin Angelika Kauffmann, zeigen jene Bestandteile, die mit zahlreichen Modifikationen bis heute verwendet werden: so etwa den »Blätz«, einen bestickten Brustlatz, die Spitzhaube aus Fell oder – exklusiv für ledige Frauen – das »Schapel«, ein Krönchen aus Goldfäden und -plättchen. Bis etwa 1800 war das bis zur Taille reichende Mieder rot. Aufwändige Zierelemente brachte der Stickereiboom mit sich, wie der Krumbacher Pfarrer Brändle 1829 beklagte: »Die Kleiderpracht nahm überhand, indem man sich mit der einfachen Leib- und Kopfbedeckung, dem zierlosen Gürtel und unverbrämten Brustlätzen der Alten nicht mehr begnügte, sondern so viel möglich alles mit Seide, Silber und Gold behangen sein mußte«. Der im Sommer getragene schwarze Strohhut ist ebenso eine »Erfindung« des späteren 19. Jahrhunderts wie die »Jungfernjuppe« aus weißer Baumwolle als historisierende »Rekonstruktion« jener Kleidung, die die Wälderinnen in der Sage von der Schlacht an der »Roten Egg« getragen hätten. Historisch belegt ist, »dass die Juppe des 17. Jahrhunderts aus Leinwand war […]. Rohfarbig, durch oftmaliges Waschen in Aschenlauge aufgehellt, wird man sie sich in hellen Grautönen vorstellen dürfen« (Paul Rachbauer).


Selbstporträts der berühmten Malerin Angelika Kauffmann in heimatlicher Tracht.

Angesichts des ausgeprägten Talschaftsbewusstseins erstaunt es nicht, dass der Bregenzerwald heute die einzige wirklich aktive Trachtenlandschaft Vorarlbergs ist, Wenn es um einen so augenfälligen Ausdruck von Zugehörigkeit geht, können Emotionen nicht ausbleiben – vom Hüten echter oder vermeintlicher Originalität über die grundsätzliche Frage, wer zum Tragen der Tracht berechtigt sei, bis hin zur zwar gut gemeinten, aber irrigen Vorstellung, es handle sich um die älteste ihrer Art im ganzen Alpenraum.


Trachteninszenierung im Jahr 1939.

Wie der »Wald« zu seinen »Wäldern« kam


Im Jahr 1784 verfassten die Amtsorgane des Gerichts Hinterbregenzerwald eine Art »Landesbeschreibung«, die sie mit einer Erschließungsgeschichte einleiteten. Bis ins 13. Jahrhundert sei ihr Sprengel »ein unbewohnter Jägerwald« gewesen, den die Grafen von Montfort vom Reich zu Lehen hatten. Als die Stauferherrschaft in Schwaben ihr Ende fand, habe es eine Flüchtlingswelle gegeben, derer sich die Montforter zur Urbarmachung des Bregenzerwalds bedienten: »Sie bothen den Flüchtlingen mit Bewilligung der Kayser alle möglichen Vorzüge und Rechte an, um die Unannehmlichkeiten einer rauhen, felsigten Gegend in etwas zu ersetzen. Durch diese Anerbiethungen lockten sie in kurzer Zeit ihrer eine solche Menge herbei, daß nach Zeugniß der ältesten Urkunden schon 1300 alle jezigen Hauptörter vollkommen bewohnt waren.«

Dieses bemerkenswert säkulare, ganz auf Heilige und Klöster verzichtende Geschichtsbild stützte sich bereits auf die regionale urkundliche Überlieferung, die tatsächlich Mitte des 13. Jahrhunderts einsetzt. Am 17. September 1249 findet der Bregenzerwald in einem von Papst Innozenz IV. in Lyon für das Benediktinerkloster Mehrerau ausgestellten Schutzbrief seine erste urkundliche Erwähnung – sogar in deutscher Sprache als »Bregenzaervald«. Dass die Strukturen verhältnismäßig dicht waren und daher schon länger bestanden, legte die große Zahl der in diesem Dokument genannten Orte nahe.

Aber schon jene Urkunde aus dem Jahr 1059, mit der Kaiser Heinrich IV. die Breitach, den Widderstein und die Üntschenspitze als die südlichen Grenzmarken des dem Bischof von Augsburg verliehenen Wildbanns bestimmte, zeigt Vertrautheit mit den Örtlichkeiten. »Üntsche« ist ebenso wie manche anderen Berg- und Alpnamen in der Talschaft romanischen Ursprungs, was eine zumindest frühmittelalterliche Nutzung voraussetzt. Die Ergebnisse weiterer namenkundlicher Forschungen lassen auf eine nicht unbedeutende vorchristliche Bevölkerung mit entsprechender kultischer Praxis schließen.


Schon im Jahr 1059 wurde die Üntschenspitze (Gemeinde Schoppernau) erstmals urkundlich genannt.

Wichtige Einblicke in die regionale Siedlungsgeschichte geben Bodenprofile, die dem Grebauer Moos in Bezau entnommen wurden. Holzkohlenpartikel bezeugen Rodungen ab etwa 800 v. Chr., Roggen wurde dort von der späteren Eisenzeit (ab etwa 450 v. Chr.) an als Nutzpflanze angebaut. Das häufigere Auftreten von Getreidepollen, dazu die Walnuss und sogar die Edelkastanie kennzeichnen die Römerzeit. Im Verlauf des Mittelalters und in der Frühneuzeit gingen – einem weiteren Siedlungsausbau entsprechend – die Baumpollen stark zurück, während die Zahl der Kultur- und Weidepflanzen weiter anwuchs.

Selbst auf mehr als 1.600 Metern Seehöhe wurde schon früh gesiedelt. Seit der mittleren Bronzezeit griffen Menschen am Tannberg durch Beweidung und Brandrodung in die Vegetation ein, von ca. 800 v.Chr. an betrieben sie auch Ackerbau.

Man geht heute davon aus, dass die Talschaft seit dem 11. Jahrhundert immer wieder von Erschließungsschüben erfasst wurde, die die bestehenden Strukturen veränderten bzw. überlagerten. Wer zunächst dahinterstand, gibt schon der Name »Bregenzerwald« preis. »Wald« ist in diesem Zusammenhang nämlich kein botanischer, sondern ein juristischer Begriff, der einen eigens ausgewiesenen Nutzungsbezirk des Königs bezeichnete. Es handelte sich also offenkundig um Reichsgut, auf das auch die benachbarten Grafen von Bregenz sowie deren Nebenlinie, die Grafen von Pfullendorf, einwirkten. Im Jahr 1290 verpfändete König Rudolf I. den Grafen von Montfort als den Erben der Bregenzer die in der Talschaft noch vorhandenen Reichsrechte. Schon zuvor war ein Teil des Reichsguts, vor allem das im Bereich von Schwarzenberg befindliche, dem Benediktinerkloster St. Gallen übertragen worden. Auch die Ritter und späteren Reichsgrafen von Ems/Hohenems verdankten ihren Besitz im Hinterbregenzerwald, darunter das Jagdrecht, wohl ihrer Stellung als Dienstmannen des Reichs.


Sedimentprofile unter anderem aus dem Kalbelesee am Hochtannberg belegen, dass dort schon in der Bronzezeit Menschen dauerhaft siedelten.

Ein weiterer wichtiger Akteur war das von den Grafen von Bregenz gestiftete, von ihnen und ihren Erben, den Montfortern, immer wieder beschenkte Kloster Mehrerau. Seine Bregenzerwälder Güter befanden sich vor allem in Andelsbuch und Lingenau, aber auch in zahlreichen weiteren Ortschaften.

Alle diese Machtträger waren mit ihren Grundherrschaften an der weiteren Besiedlung bzw. Erschließung der Talschaft beteiligt, in welcher Intensität, ist in der Forschung aber umstritten. Mathias Moosbrugger hält dazu fest: »Es gab also […] ein starkes, sozusagen grundherrschaftliches Kräftefeld im Hinteren Bregenzerwald und es gab wohl auch nichtgrundherrschaftlich organisierte, kleinräumige, spätmittelalterliche Rodungsinitiativen. Vor allem aber muss […] davon ausgegangen werden, dass es eine nicht unbedeutende ›einheimische‹ Bevölkerung gegeben hat, die offensichtlich nicht nur auf einige wenige Siedlungen im Talhintergrund beschränkt war, sondern auch mitten im Bregenzerwald selbst siedelte«, aber alsbald »in die sich neu entwickelnden organisatorischen Strukturen vor Ort« integriert wurde.

Im 14. Jahrhundert kam die grundherrschaftlich gesteuerte Erschließungstätigkeit weitgehend zum Erliegen. An ihre Stelle traten die Initiativen bäuerlicher Nutzungsgenossenschaften. Durch freie Rodung wurden außerhalb der bestehenden Güter neue Siedlungen angelegt; aus nicht selten als »Rodungsinseln« angelegten Einzelhöfen entstanden durch Teilung Weiler. Dazu kam die Erschließung höher gelegener Landschaftsteile. Vielfach ging der Dauersiedlung die Nutzung als Sommerweide voraus.

Nur die Mehrerauer Benediktiner konnten ihre Position noch einige Zeit behaupten. Da die Zahl der Schenkungen stark zurückging, wuchs ihr Besitz vor allem durch Käufe, die der Arrondierung des Bestehenden dienten. Den letzten großen Zuwachs brachte 1464 der Kauf der Schwarzenberger Güter des Klosters St. Gallen. Bald darauf verschlechterte sich allerdings auch die wirtschaftliche Lage der Mehrerau, sodass wichtige Positionen wie der Propsteihof in Lingenau oder der Hof in Andelsbuch veräußert werden mussten.

Im ausgehenden Mittelalter war die Talschaft bereits verhältnismäßig dicht besiedelt. Einem Verzeichnis des Bischofs von Konstanz aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zufolge gab es im Bregenzerwald etwa 750 Höfe. Daraus schloss man auf etwa 3.800 Bewohner, knapp 13 Prozent des modernen Bestands. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren es bereits circa 5.700, 1769 an die 15.000 Menschen.

Das Wachstum verlief allerdings nicht kontinuierlich. So wurden exponiertere Siedlungen im 16. und 17.Jahrhundert als Folge der Klimaverschlechterung wieder aufgegeben oder nur mehr saisonal genutzt. Ein neuerlicher Siedlungsvorstoß erfolgte schließlich im 18. und an der Wende zum 19. Jahrhundert. Bis 1850 wuchs die Bevölkerung um weitere 70 Prozent an, um während der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts teils dramatisch zurückzugehen und schließlich bis in die 1970er-Jahre zu stagnieren. Seither nimmt die Einwohnerzahl wieder zu, gegenwärtig leben etwa 30.000 Menschen im Bregenzerwald. Sein Anteil an der Vorarlberger Landesbevölkerung beläuft sich damit auf gerade einmal acht Prozent – gegenüber etwa 25 Prozent in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts!


Die Gemeinde Andelsbuch setzt sich aus einer Vielzahl von Gruppensiedlungen zusammen.

Der Katasterplan von 1857 dokumentiert eindrücklich die von der Realteilung verursachte Aufsplitterung der Schwarzenberger Dorfflur.

Mit den Erschließungs- und Ausbauvorgängen hängen auch die Siedlungsformen zusammen. So setzen sich die alten Hinterwälder Orte Schwarzenberg, Egg und Andelsbuch aus einer Vielzahl von Gruppensiedlungen zusammen. Allein Egg besteht aus über 60 Weilern und Dörfern unterschiedlicher Größe. Weiter im Süden treten dagegen geschlossenere Dorfformen auf, darunter ausgeprägte Reihendörfer mit deutlich weniger Weilern und Einzelhöfen.

Die Streusiedlungen des Vorderwalds, wo Einzelhöfe und kleinere Weiler dominieren, gehen hingegen meist auf frühneuzeitliche »Vereinödungen« (Güterzusammenlegungen) zurück. Die erbrechtliche Gewohnheit der »Realteilung«, bei der die Wirtschaftsflächen unter allen Nachkommen aufgeteilt wurden, hatte zu einer teils außerordentlichen Zersplitterung der Güter geführt. Seit dem 17. Jahrhundert wirkte die Obrigkeit dieser Entwicklung durch Arrondierung entgegen. Die vielen kleinen Parzellen wurden zunächst zusammengelegt, dann erhielten die Gemeindemitglieder neu geschaffene, in sich weitgehend geschlossene Güter zugewiesen. Die Lingenauer Flur etwa gewann durch die »Vereinödung« von 1769 ein völlig neues Aussehen: An die Stelle von 674 Grundparzellen traten etwa 30 große Güter. Auch die baugeschichtlichen Auswirkungen dieses Prozesses, in dessen Verlauf zahlreiche Höfe abgerissen und neu errichtet wurden, wirken bis heute.

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203 p. 123 illustrations
ISBN:
9783703065507
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