Read the book: «Psychophysiologische Störungen»

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Allan Abbass, Howard Schubiner

Gewidmet John E. Sarno, Arzt und Pionier der Psychosomatischen Medizin (1923–2017)

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Englische Originalausgabe:

Hidden from View: A clinician’s guide to psychophysiologic disorders

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 Allan Abbass, Howard Schubiner, Psychophysiologic Press.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

1. Auflage 2020

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036732-6

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-036733-3

epub: ISBN 978-3-17-036734-0

mobi: ISBN 978-3-17-036735-7

Die Autoren

Allan Abbass, MD, ist Psychiater und Professor. Gründungsdirektor des Centre for Emotions and Health an der Dalhousie University in Halifax, Kanada. Er studierte psychosomatisch basierte Therapie an der McGill University bei Dr. Habib Davanloo. Im Jahr 2002 gründete er das Zentrum für Emotionen und Gesundheit zum Studium der Psychosomatik. Dr. Abbass hat abteilungsbezogene, regionale und nationale Auszeichnungen für hervorragende Leistungen in der Bildung erhalten.

Sein innovatives Programm zur Diagnose und Behandlung der emotionalen Auslöser von medizinisch unerklärlichen Symptomen in der Notfallaufnahme wurde mit einem Qualitätspreis ausgezeichnet und er erhielt die nationale Auszeichnung als »Canadian Leading Practice«. Er wurde von Regierungen, Universitäten und Gesundheitsbehörden umfassend konsultiert und hat auf Einladung über 300 Präsentationen auf der ganzen Welt gehalten. Er bietet Fachleuten in mehreren Ländern der Welt fortlaufend videobasierte Psychotherapie-Schulungen an.

Darüber hinaus erhielt Dr. Abbass 17 Forschungsstipendien und hat über 250 Publikationen veröffentlicht. Sein erstes Buch Reaching through Resistance wird allgemein als Meilensteinwerk in der aktuellen beschleunigten dynamischen Therapiemethode angesehen.

Howard Schubiner, MD, ist Facharzt für Innere Medizin und Direktor des Mind Body Medicine Program am Providence Hospital in Southfield, Michigan.

Er ist klinischer Professor an der Michigan State University, College of Human Medicine. Er hat in mehr als 100 Publikationen geforscht und mehr als 250 Fachvorträge im In- und Ausland gehalten. Dr. Schubiner ist im Vorstand der Gesellschaft für Psychophysiologische Erkrankungen und ist Oberlehrer für Achtsamkeitsmeditation. Seit 2003 steht er auf der Liste der besten Ärzte Amerikas. Seine anderen Bücher beinhalten Unlearn Your Pain (Verlerne den Schmerz) und Unlearn Your Anxiety and Depression (Verlerne die Angst und Depression). Dr. Schubiner lebt mit seiner Frau im Raum Detroit und hat zwei erwachsene Kinder.

Inhalt

1  Einführung der Übersetzer

2  Zum Hintergrund des Praxismanuals

3  Zur Begriffswahl »psychophysiologische Störungen«

4  John E. Sarno

5  Emotionsfokussierte Psychotherapie

6  Terminologie in der deutschsprachigen Übersetzung und im englischen Original

7  Anmerkungen zur Übersetzung

8  Danksagung der Autoren

9  1 Psychophysiologische Störungen – eine Übersicht

10  1.1 Übersicht

11  1.2 Multifaktorielles Ursachenspektrum

12  1.3 Lernerfahrungen

13  1.4 Unbewusste Konflikte

14  1.5 Ein Kontinuum

15  1.6 Settingfaktoren und Interventionen

16  1.7 Die zentrale Rolle einer vertrauensvollen Beziehung

17  1.8 Zusammenfassung

18  2 Diagnostik bei Patienten mit psychophysiologischen Störungen

19  2.1 Typische Klinik, typische Probleme

20  2.2 Die Neurophysiologie der psychophysiologischen Störungen

21  2.3 Den Weg vorbereiten

22  2.4 Erste klinische Überlegungen

23  2.5 Anamneseerhebung

24  2.6 Körperliche Untersuchung und Bewertung der Untersuchungsergebnisse

25  2.7 Symptomchecklisten

26  2.8 Erfassen der Kindheitserfahrungen

27  2.9 Die Verknüpfung psychophysiologischer Störungen mit aktuellen Belastungen

28  2.10 Persönlichkeitsmerkmale

29  2.11 Die Diagnose stellen

30  2.12 Rekapitulation und partizipative Entscheidungsfindung

31  2.13 Zusammenfassung

32  3 Psychophysiologische Störungen erklären

33  3.1 Aufbau der therapeutischen Beziehung

34  3.2 Überprüfung der Befunde

35  3.3 Wenn es Unsicherheiten gibt

36  3.4 Das Konzept der psychophysiologischen Störung einführen

37  3.5 Neuronale Verschaltungen erklären

38  3.6 Patienten helfen, das Gehirn besser zu verstehen

39  3.7 Personalisieren der Informationen

40  3.8 Ergebnis der Patientenaufklärung

41  3.9 Psychophysiologische und organpathologische Faktoren

42  3.10 Ein Beispielskript für eine kurze Psychoedukation am Beispiel von Schmerzen (für andere Symptome entsprechend abzuändern)

43  3.11 Zusammenfassung

44  4 Kognitiv-behaviorale Interventionen

45  4.1 Grundlagen der Anwendung kognitiv-behavioraler Interventionen

46  4.2 Symptomauslöser identifizieren

47  4.3 Entängstigung durch Vermittlung einer anderen Sichtweise auf psychophysiologische Symptome

48  4.4 Der Tyrann: Wie psychophysiologische Symptome als Peiniger verstanden werden können

49  4.5 Top-Down Interventionen

50  4.6 Verhaltensorientierte Interventionen

51  4.6.1 Beispiel einer Anleitung zur Reduzierung psychophysiologischer Symptome

52  4.6.2 Beispiel einer Anleitung für den Abbau des Vermeidungsverhaltens

53  4.7 Meditation und Achtsamkeitsübungen

54  4.8 Selbstmitgefühl

55  4.9 Expressives Schreiben

56  4.10 Emotionale Aufmerksamkeit

57  4.11 Überprüfen der Lebensumstände

58  4.12 Das Leben wieder in die Hand nehmen

59  4.13 Strukturierung des Patientenkontaktes

60  4.14 Zusammenfassung

61  5 Physiologie und Psychologie der Emotionen

62  5.1 Bindung

63  5.2 Bindungstrauma

64  5.3 Übertragung

65  5.4 Körperliche Ausbreitungswege unbewusster Angst

66  5.5 Ausbreitung der unbewussten Angst in die quergestreifte Willkürmuskulatur

67  5.5.1 Selbstreflexion über emotionale Zustände

68  5.6 Unbewusste Angst in der glatten Muskulatur

69  5.6.1 Repression

70  5.7 Unbewusste Angst im kognitiven und perzeptiven System

71  5.7.1 Projektion

72  5.8 Motorische Konversion

73  5.9 Welche Patienten sind für eine emotionsfokussierte Diagnostik geeignet?

74  5.9.1 Patienten mit leichtgradigem Widerstand

75  5.9.2 Patienten mit mittelgradigem Widerstand

76  5.9.3 Patienten mit hochgradigem Widerstand

77  5.9.4 Fragile Charakterstruktur

78  5.10 Emotionen erleben

79  5.10.1 Positive Gefühle

80  5.10.2 Wut

81  5.10.3 Schuldgefühle angesichts der Wut

82  5.10.4 Trauer

83  5.11 Zusammenfassung

84  6 Psychodiagnostik

85  6.1 Erläuterung der Vorgehensweise

86  6.2 Aktivierung vermiedener Gefühle durch Fokussierung

87  6.3 Gefühle, Angst, Abwehr und Gedanken differenzieren

88  6.4 Zusammentragen der Befunde: Verknüpfungen erarbeiten

89  6.4.1 Einordnen des Ansprechens auf die Interventionen

90  6.4.2 Repression

91  6.4.3 Körperliche Ausbreitungswege der Angst

92  6.5 Vorgehen bei Angstausbreitung in die glatte Muskulatur

93  6.5.1 Projektion

94  6.5.2 Motorische Konversion

95  6.6 Ansprechen auf Fokussierung im Prozess

96  6.7 Die Angst in die quergestreifte Muskulatur lenken

97  6.8 Abwehrmechanismen unterbrechen

98  6.9 Hinweis auf ein Nachlassen der Abwehr

99  6.10 Passen Sie Ihre Aktivität der Aktivität der Abwehr an

100  6.11 Wahrnehmen der somatischen Ausbreitungswege der Gefühle

101  6.12 Schuld, somatische Symptome und gegen sich gerichtete Wut

102  6.13 Interventionen zur Angstreduktion

103  6.14 Rekapitulieren und Überprüfen

104  6.15 Interpretation der Ergebnisse

105  6.16 Wann muss der Patient an eine Fachklinik überwiesen werden?

106  6.17 Zusammenfassung

107  7 Modifizierte ISTDP für Ärzte und Psychologen

108  7.1 Voraussetzungen

109  7.2 Kerninhalte der Behandlung

110  7.3 Ablauf der therapeutischen Sitzung

111  7.4 Orientierungsphase

112  7.5 Den Prozess einleiten

113  7.5.1 Vorgehen, wenn Angst im Vordergrund steht

114  7.5.2 Vorgehen, wenn Abwehrmechanismen im Vordergrund sind

115  7.5.3 Vorgehen, wenn Gefühle in den Vordergrund treten

116  7.5.4 Vorgehen, wenn keine Signale zu erkennen sind

117  7.6 Mobilisierung vermiedener Emotionen beim Erarbeiten des Behandlungsziels

118  7.6.1 Reaktion 1: Spürbares Erleben von Gefühlen

119  7.6.2 Reaktion 2: Zunahme der Abwehr

120  7.6.3 Reaktion 3: Aktivitätsverlust »Going Flat«

121  7.7 Das Erleben der Gefühle

122  7.8 Erkunden der mit der Vergangenheit verknüpften Emotionen

123  7.9 Rekapitulieren

124  7.10 Die therapeutische Beziehung nutzen

125  7.11 Die Natur der komplexen Gefühle

126  7.12 Selbstwahrnehmung im therapeutischen Prozess

127  7.12.1 Sich von eigenen Emotionen leiten lassen

128  7.12.2 Überprüfen, ob Gefühle erlebt werden

129  7.12.3 Eigene Gefühle bearbeiten

130  7.12.4 Burnout-Prävention

131  7.13 Die zentrale Bedeutung der Schuld

132  7.13.1 Ist es legitim, auf die Gefühle zu fokussieren, obwohl der Patient Abwehren dagegen zeigt?

133  7.13.2 Umgang mit Wendung gegen das Selbst

134  7.13.3 Gefühle mit den Symptomen verbinden

135  7.13.4 Der somatische Ausbreitungsweg der Wut

136  7.13.5 Der Wut Ausdruck verleihen

137  7.13.6 Verbindung zu gegenwärtigen Verlusten

138  7.13.7 Verbindung zur Vergangenheit

139  7.13.8 Ende der Sitzung und Nachbereitung

140  7.13.9 Entscheidungspunkt im therapeutischen Vorgehen

141  7.13.10 Porträtieren der Wut

142  7.13.11 Schuldgefühle

143  7.13.12 Übertragung: Verbindung zu alten Gefühlen

144  7.13.13 Erforschen von anderen alten, verbundenen Gefühlen

145  7.13.14 Zusammenfassung

146  7.13.15 Planung weiterer Sitzungen

147  7.13.16 Patienten mit hochgradigem Widerstand

148  7.13.17 Sicherheitshinweise

149  7.13.18 Depression und Suizidgedanken

150  7.13.19 Paranoide Gedanken

151  7.13.20 Entwicklung neuer körperlicher Symptome

152  7.14 Zusammenfassung

153  8 Das gradierte Format der ISTDP

154  8.1 Zusammenfassung

155  9 Synthese und Schlussfolgerung

156  9.1 Der Prozess der Evaluation, Psychoedukation und Behandlung psychophysiologischer Störungen

157  9.1.1 Schritt 1: Evaluation

158  9.1.2 Schritt 2: Psychoedukative, kognitiv-behaviorale Interventionen

159  9.1.3 Schritt 3: Psychodiagnostische Evaluation und ISTDP-orientierte Behandlung

160  9.1.4 Schritt 4: Intensive psychodynamische Kurzzeit- therapie (ISTDP)

161  9.1.5 Wann überweisen?

162  9.1.6 Zusätzliche Informationen

163  9.2 Zusammenfassung

164  Anhang

165  Auflistung von Instrumenten, die für die Diagnosestellung bei psychophysiologischen Störungen eingesetzt werden können

166  Anamnese

167  Symptomcheckliste

168  ACE Fragebogen zu Belastungsfaktoren in der Kindheit

169  Beschreibung Lebensverlauf Interview

170  Persönlichkeitsmerkmale, die oft mit PPS in Verbindung gebracht werden

171  Literatur

172  Stichwortverzeichnis

Einführung der Übersetzer
Zum Hintergrund des Praxismanuals

Dieses Praxismanual ist im Rahmen eines Versorgungsforschungsprojekts in Neuschottland (Kanada) zur Verbesserung der Behandlung von Patienten mit »medizinisch nicht erklärbaren« bzw. psychosomatischen Beschwerden entstanden (Cooper et al., 2017), nachdem die grundsätzliche Wirksamkeit dieses emotionsfokussierten Psychotherapieansatzes in mehreren klinischen Studien auf überzeugende Weise gezeigt werden konnte (Lilliengren et al., 2016; Abbass et al., 2009b). Geprüft wird derzeit ein gestuftes Versorgungsmodell, das von der hausärztlichen Praxis bis hin zur Fachpsychotherapie und stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Versorgung reicht (Cooper et al., 2017). Das Praxismanual ist die Frucht der intensiven Schulungsmaßnahmen für die teilnehmenden Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte und Sozialarbeiter. Die Übersetzer nehmen deshalb an, dass dieses Manual für eine breite Gruppe von Angehörigen der Gesundheitsberufe in den deutschsprachigen Ländern hilfreich ist. Ärzte in der Primärversorgung, die mit der psychosomatischen Grundversorgung betraut sind, Lehrende im Bereich der Psychosomatischen Medizin und auch Fachpsychotherapeuten, die einen beobachtungs- und praxisnahen Leitfaden für die Behandlung dieser Patienten suchen, werden von diesem Praxisleitfaden profitieren. Es sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass, auch wenn der hier dargestellte emotionsfokussierte Ansatz der Intensiven Dynamischen Kurzzeitpsychotherapie bisher wenig in den deutschsprachigen Ländern wahrgenommen wurde, er in der S3-Leitlinie »Funktionelle Körperbeschwerden« (AWMF-Reg.-Nr. 051-001) ausgiebig rezipiert wird und Standards für die moderne evidenzbasierte Psychotherapie setzt.

Zur Begriffswahl »psychophysiologische Störungen«

In der Übersetzergruppe entschieden wir uns für den im Deutschen wenig gebräuchlichen Begriff der »psychophysiologischen Störungen«, der im ICD-10 nur in Bezug auf die psychophysiologische Insomnie gebraucht wird. Als Alternative stand der Begriff der »funktionellen Störung« zur Debatte, denn das Gros der im Praxisleitfaden abgebildeten Störungsbilder entspricht den in der S3-Leitlinie »Funktionelle Körperbeschwerden« (AWMF-Reg.Nr. 051-001) beschriebenen Krankheitsbildern, die kriteriengemäß als somatoforme Störungen (ICD-10) oder neuerdings als somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen (Krankheitsangststörung; Konversionsstörung; Psychologische Faktoren, die eine körperliche Krankheit beeinflussen; DSM-5, ICD-11) verschlüsselt werden.

Psychophysiologische Störungen umfassen nach Schubiner und Abbass neben chronischen Schmerzbildern (z. B. Fibromyalgie, Migräne, Morbus Sudeck) auch andere Syndrome wie das chronische Erschöpfungssyndrom, chronische Nesselsucht, Tinnitus, depressive Störungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen und Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen. Das Spektrum ist also sehr breit und umfasst letztendlich alle Störungen, für deren Entstehung mehr oder weniger schwerwiegende Bindungstraumatisierungen und unverarbeitete Emotionen relevant sind. Die Zusammenfassung all dieser o. g. Störungen unter dem Dach der »psychophysiologischen Störung« erscheint auch insofern naheliegend, da zwischen den »funktionellen Störungen« und den im engeren Sinne »psychischen Störungen« eine sehr hohe »Komorbidität« besteht. Außerdem betont der Begriff der »psychophysiologischen Störungen« weit stärker als das Konzept der somatischen Belastungsstörung die direkten physiologischen Auswirkungen unverarbeiteter bzw. konflikthafter Gefühle auf den Körper. Die obengenannten Krankheitsbilder sind nicht nur die Folge dysfunktionaler Kognitionen (Abbass et al., 2018), sondern gehen auf direkte physiologische Effekte des überaktivierten Angst-Abwehrsystems zurück.

John E. Sarno

Der Praxisleitfaden wurde John Ernest Sarno (1923–2017), einem im angloamerikanischen Sprachraum bekannten Psychosomatiker, gewidmet. Sarno war Professor of Rehabilitations Medicine an der New York University School of Medicine. Er hat mehrere Bücher zur Mind-Body-Medicine veröffentlicht, zuletzt im Jahr 2006 »The Divided Mind: The Epidemic of Mindbody Disorders«. Einen Eindruck von seinem Schaffen vermittelt auch der Dokumentarfilm »All the Rage« aus dem Jahr 2016, der sich mit der Schmerzepidemie in den USA und der daraus folgenden Opiatsucht befasst. Er vertritt als Rehabilitationsmediziner einen durchweg psychodynamisch-psychosomatischen Ansatz und sieht insbesondere unbewusste Wut, auch getriggert durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, als ursächlich für die Schmerzepidemie in den USA an. Sarno vertritt wie die Autoren die These, dass erlernte zentralnervöse Prozesse als Reaktion auf unverarbeitete komplexe angstmachende Emotionen für die psychosomatischen Beschwerden verantwortlich sind. Das Gehirn generiert quasi die unterschiedlichen Beschwerden, um die Person vor den darunterliegenden Gefühlen zu »schützen«. Die Symptome dienen dabei der Ablenkung von den eigentlichen Ursachen: »Physical symptoms, of either the hysterical conversion or psychosomatic variety, are intended to divert attention from emotions in the unconsciousness so that they will not become overt and thereby known to the conscious mind« (Sarno, 2007, S. 50).

Emotionsfokussierte Psychotherapie

Grundlage der in der zweiten Buchhälfte vorgestellten emotionsfokussierten Psychotherapie ist die Intensive Dynamische Kurzpsychotherapie, ISTDP (Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapy), die von Prof. Dr. med. H. Davanloo begründet wurde. Er war ursprünglich Neurochirurg, wechselte in die Psychiatrie, erlebte seine eigene Analyse bei Helene Deutsch und nutzte die Psychoanalyse als therapeutische und wissenschaftliche Grundlage für sein Wirken als Lehrstuhlinhaber an der McGill Universität in Montréal. Von 1960 an zeichnete er seine Therapien audiovisuell auf. Anhand der Videos studierte er akribisch, welche Interventionen erfolgreicher waren als andere. Auf der Basis seiner Videoanalysen entwickelte er die ISTDP, welche eine einfache und verständliche Neurosenlehre mit differenzierten psychotherapeutischen Interventionstechniken verbindet. Die Anwendung dieser hochwirksamen Therapie erfordert ein hohes Maß an Supervision und Selbstüberprüfung, sodass auch für die Evaluation des Therapieprozesses die Dokumentation der Behandlungsstunden mittels Ton- und Bildaufzeichnung erforderlich ist. Bei der Datenspeicherung sind höchste Anforderungen an die Datensicherheit zu stellen.

Die meisten Patienten kommen in Therapie, weil sie leiden. Sei dies psychisch oder rein körperlich. Bei vielen Körperbeschwerden wird kein körperlicher Auslöser für das Leid gefunden. Die Ursache der Symptome liegt oft in unbewussten Gefühlen, die mithilfe von Abwehren verdrängt werden. In der Kindheit hat das geholfen, sich besser an die Umgebung anzupassen, Spannungen weniger bedrohlich werden zu lassen, Situationen zu deeskalieren und existenzielle Konflikte mit den primären Bezugspersonen zu vermeiden. Auf Dauer können diese Anpassungsmechanismen zu Symptombildung und einem Andauern des Leidens führen.

Das neugeborene Kind sucht die liebende Verbindung zu seinen Bezugspersonen, den Eltern. Wird die Liebe durch Vernachlässigung, körperliche oder seelische Verletzungen gestört, reagiert das Kind, das im frühen Alter nur emotional und nicht kognitiv gesteuert kommunizieren kann, mit Trauer und Wut. Die Wut wiederum löst Schuldgefühle aus, denn es ist wütend auf einen Menschen, den es liebt und braucht, der durch sein Verhalten seine Liebe verletzt hat. Das Kind in der frühen Entwicklungsstufe kann wütende Impulse in seiner Erinnerung nicht von aggressiven Taten unterscheiden, sodass bereits aggressive Handlungsphantasien als reale Tat wahrgenommen werden und zu massiven Schuldgefühlen führen können. Dies geschieht insbesondere dann, wenn die Bezugsperson das Kind durch seine eigene Präsenz und Zuwendung nicht von seiner lebendigen Unversehrtheit überzeugt, sondern sich entzieht.

Das Kind macht die unbewusste Erfahrung, dass es mithilfe von Abwehrstrategien seine gemischten Gefühle vermeiden kann und dadurch nicht mehr von diesen bedrängt wird. Dieser seelische Vorgang hilft ihm auch, sich an die Situation zu adaptieren und die lebensnotwendige Bindung aufrechtzuerhalten. Da der Mensch auf liebende Verbindungen angewiesen ist, sucht er auch als Erwachsener danach. Dadurch setzt er sich der Gefahr aus, alte Erfahrungen zu wiederholen und erneut verletzt zu werden. Durch das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe werden nicht nur die gemischten Gefühle aus der zurückliegenden Lebensgeschichte mobilisiert, sondern auch die Angst davor und damit die in der Kindheit gelernten Abwehrstrategien. Werden die Abwehrstrategien aktiviert, führen sie oft zu einer Einschränkung der Lebensentfaltung, zu seelischen Leiden und körperlichen Symptomen.

Zu Beginn der Therapie steht die Exploration der Symptome. Dabei versucht der Therapeut zu erfahren, seit wann die Symptome bestehen, wie oft und wie stark sie den Patienten beeinträchtigen und unter welchen Umständen sie auftreten. Während der Exploration erlebt der Therapeut, welche Gefühle der Patient meidet, welche Abwehrstrategien er dazu einsetzt und wie hoch seine Angst ist, wenn es darum geht, mit seinen Gefühlen wieder in Kontakt zu kommen. Wir laden den Patienten ein, sich für sein körperliches Erleben seiner Emotionen, seiner Ängste und Abwehrstrategien zu interessieren. Gelingt es dem Patienten, die Angst vor seinen Gefühlen zu überwinden, seine Abwehrstrategien zu erkennen und abzubauen, kann er seine eigenen Gefühle erleben. Das führt dazu, dass seine Angst im Alltag und mit ihr die Symptome zurückgehen oder sich vollständig zurückbilden. Er lernt, seine Gefühle adäquat zu erleben, ohne sie ausleben zu müssen oder in Form der selbstdestruktiven Abwehrmuster gegen sich selbst zu richten.

Eine wichtige Orientierungshilfe in der ISTDP ist das Konfliktdreieck nach Ezriel (1952) und Malan (1979), das von H. Davanloo und A. Abbass übernommen wurde. Dabei stellt sich stets die Frage: Was zeigt der Patient im Kontakt mit dem Therapeuten? Sind es Gefühle, eine Angst oder eine Abwehrstrategie?


Abb. 1: Das Konfliktdreieck

Zu den Gefühlen zählen wir: Wut, Schmerz, Trauer, Liebe, existentielle Angst.

Angst betrachtet die ISTDP als Aktivierungsmuster des Körpers. Davon werden einerseits Ängstlichkeit und Befürchtungen abgegrenzt, die als Gedanken und Kognitionen eingeordnet werden. Andererseits die existentielle Angst, welche im Zusammenhang mit einer lebensbedrohlichen Situation auftritt. Das Erleben von Angst hat ein körperliches Korrelat. Wenn wir Angst spüren, sind das somatische und das autonome Nervensystem aktiviert. Eine wichtige Entdeckung von Davanloo sind die drei unbewussten Ausbreitungswege der Angst.


Abb. 2: Ausbreitungswege und Symptome unbewusster Angst (modifiziert nach Pfaundler und Quade 2014)

Die Angst kann sich in der quergestreiften Muskulatur niederschlagen (willkürliches Nervensystem), eine Modulierung der Aktivität der glatten Muskulatur (autonomes Nervensystem) bewirken oder sich als eine kognitiv-perzeptive Störung (zentrales Nervensystem) zeigen. Es ist für die Behandlung von fundamentaler Bedeutung, den Ausbreitungsweg der Angst zu erkennen, denn die Auswahl der Interventionen in der ISTDP hängt unmittelbar davon ab. Ist der Therapeut damit vertraut, seine Interventionen auf die körperliche Manifestation der Angst abzustimmen, kann die ISTDP mit ausreichender Sicherheit angewendet werden.

Patienten, bei denen die quergestreifte Muskulatur aktiviert wird, sind in der Sitzung angespannt. Die hauptsächliche Abwehrstrategie ist die Isolierung des Affektes. Diese Menschen wissen z. B., dass sie wütend sind. Ihre Körper sendet aber Angstsignale aus. Ihre Symptome zeigen sich v. a. in der Skelettmuskulatur, was zu Beschwerden im Bewegungsapparat führt. Die Patienten sind in der therapeutischen Situation in der Lage, einen hohen Anstieg an Gefühlen zu tolerieren. Der Therapeut hat also grünes Licht für die weitere Fokussierung auf das emotionale Erleben, da die Gefahr einer psychischen Dekompensation nicht gegeben ist.

Patienten, deren Angst sich in das autonome Nervensystem entlädt, leiden an Symptomen der inneren Organe wie Migräne, Magen-Darm-Störungen, Störungen des Urogenitaltraktes und andere. Die hauptsächliche Abwehrstrategie ist die Repression, die Verdrängung oder Unterdrückung der Gefühle, was mit einer Beeinträchtigung der Selbstwahrnehmung einhergeht. Diese Menschen spüren und merken nicht, dass sie wütend sind. Sie zeigen auch keine Zeichen der Angst in der quergestreiften Muskulatur, sondern sie aktivieren unmittelbar bei einer Änderung der Gemütsbewegung psychische Symptome und körperliche Reaktionen. In dieser Konstellation ist es unabdingbar, bei der Fokussierung auf das emotionale Erleben und der Gefahr einer Angstüberflutung immer wieder durch kognitive Einordnungen eine Entlastung des Patienten herbeizuführen und damit zunehmend eine Desensibilisierung gegenüber seinen gefürchteten Affekten zu erreichen. Der Therapeut muss die weitere Fokussierung sehr zurückhaltend anwenden und gegebenenfalls angstsenkende Methoden einsetzen, da eine Überforderung durch zu intensive Fokussierung zu einer Verschlimmerung der Körpersymptomatik führen kann.

Patienten, deren Angst sich ins zentrale Nervensystem entlädt, zeigen Wahrnehmungsstörungen wie verschwommenes Sehen, Tunnelblick, auditive oder haptische Phänomene und kognitive Beeinträchtigungen in Form von Konzentrationsstörungen, Gedankenabreißen, Blackout oder dissoziativen Symptomen. Auch diese Menschen merken nicht, dass sie wütend sind. Sie sind bereits bei geringer Affektmobilisation von Angst überflutet und können nicht mehr funktionieren. Es liegt auch hier eine Beeinträchtigung der Selbstwahrnehmung vor, Impulse können häufig nicht ausreichend wahrgenommen und in der Folge nicht kontrolliert werden. Die Kommunikation nach innen gelingt kaum. Hier liegt oft eine erhebliche Beeinträchtigung der strukturellen Integration im Sinne der OPD-2 (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik, 3. Auflage, Huber) vor. Die hauptsächlichen Abwehrstrategien sind unreife, d. h. entwicklungsgeschichtlich frühe Abwehrstrategien: Projektion, Externalisierung, Spaltung. Bei diesen Patienten kommen wir rasch in eine rote Zone mit Gefährdung der inneren Kohäsion. Das heißt, wir müssen den Prozess stoppen, die Abläufe gemeinsam mit dem Patienten kognitiv analysieren, damit dieser einen Überblick und eine Orientierung über seine inneren Abläufe gewinnen kann. Diese Menschen geraten durch die Fokussierung auf die Gefühle sehr rasch in eine Angstüberflutung und können dann nicht mehr auf perzeptive, kognitive und exekutive Funktionen zugreifen.

Während die Patienten mit aktivierter quergestreifter Muskulatur eine hohe Toleranz haben, Angst auszuhalten, benötigen Patienten mit Angstentladung in das autonome Nervensystem oder mit kognitiv-perzeptiver Störung zunächst die Fähigkeit, sich vor einer Angstüberflutung schützen zu können. Ihre Ich-Struktur ist zu zerbrechlich und bedarf zunächst eines Aufbaus und einer Stärkung der Abwehrstruktur. Dieses Merkmal wird als Fragilität bezeichnet.

In der psychotherapeutischen Arbeit begegnen uns eine Vielzahl von Abwehrstrategien. Gewisse sind offensichtlicher, andere verborgen.

Die etwas leichter zu erkennenden Abwehrstrukturen sind:

• Obsessive Abwehren: Intellektualisieren, Ruminieren, Rationalisieren, Verneinen. Affekt und Kognition sind voneinander isoliert.

• Regressive Abwehren: Weinerlichkeit, Klagen, Opferhaltung, Unterwerfung, vorwurfsvolle Haltung, oberflächliche Schuldproblematik, Passivität, Panikattacken, Depression, Somatisierung.

• Taktische Abwehren: sich nicht festlegen (vielleicht, möglich, eventuell, vermeidend)

• Maligne Abwehren: Trotz, Provokation, Sarkasmus, vordergründige Unterwerfung, passiv-provokatives Verhalten.

• Unreife/Frühe Abwehren: Projektion, Spaltung

Hinter diesen rasch in der Beziehung deutlich werdenden Abwehren sind zentrale Abwehren verborgen:

• Der Widerstand gegen das Erleben von Gefühlen.

• Der Widerstand gegen Intimität und emotionale Nähe

• Der Über-Ich Widerstand: Sich entwerten, hohe Maßstäbe

• Der Widerstand gegen den eigenen Willen, selber zu entscheiden, die Verantwortung zu übernehmen: Keinen Entscheid fällen, es anderen zu überlassen.

• Der Widerstand gegen das Selbst: Sich selber aufgeben, sich in die zweite Reihe stellen.

In der Behandlung der psychophysiologischen Störungen trifft man all die oben erwähnten Angstmuster und Abwehrstrategien in unterschiedlicher Ausprägung an. Das rasche Erkennen der Abwehr und der Ausbreitung der Angst erlauben einen raschen und effektiven Zugang zum Unbewussten, den verdrängten Gefühlen des Patienten. Werden diese erlebt, führt das zu einer vertieften Lebenseinsicht, einem Verständnis der eigenen Geschichte und oft zu einer raschen Linderung des psychischen Leidens und der körperlichen Symptome.

So einfach die theoretischen Grundlagen sind, so herausfordernd und faszinierend ist die Arbeit nach ISTDP. Kein Patient ist gleich, keine Reaktion ist gleich. Das Tempo ist rasch, da das Gehirn immer und rasch reagiert. Es ist stets faszinierend, die verbale und körperliche Sprache des Patienten zu beobachten und zu verstehen. Die ISTDP orientiert sich an dem, was sich zeigt. Sie ist nicht ein passives Zuhören, sondern eine aktive Interaktion zwischen Patient und Therapeut. Es wird viel Wert auf die körperlichen Kommunikationssignale und die inneren körperlichen Zeichen gelegt, da sie uns eine Orientierung geben, wo das Innere, das Unbewusste des Patienten, sich gerade befindet. Ausbildung und Supervision stützen sich daher auf die Analyse von Bild- und Tonaufzeichnungen der therapeutischen Sitzungen. Ist man vertraut mit dem körperlichen Ausbreitungsweg der Angst und den sich zeigenden Abwehrstrukturen, hat man eine gute Orientierung über das psychische Geschehen und kann dies dem Patienten, der den Prozess selbst erfährt, vermitteln. So beginnt der Patient das Konfliktdreieck zu verstehen. Das gibt ihm Orientierung, Sicherheit und Selbstvertrauen.

Terminologie in der deutschsprachigen Übersetzung und im englischen Original

Die Fachbegriffe werden in der deutschsprachigen Literatur nicht einheitlich benutzt. Wir möchten an dieser Stelle auf die Begriffe aus der Primärquelle hinweisen, da wir den Textfluss im Manual nicht durch englische Begriffe unterbrechen wollen. Ferner erleichtert die Kenntnis dieser Originalbegriffe die Teilnahme an in englischer Sprache gehaltenen Weiterbildungskursen. Die Patientengruppen mit psychoneurotischen Störungsbildern werden im englischen Original als »Low resistant, moderate resistant und highly resistant« bezeichnet, wir haben uns für die Formulierung »Patienten mit niedrig-, mittel- und hochgradigem Widerstand« entschieden. Unter Widerstand verstehen wir das Produkt aus den »defenses«, den »Abwehren«, mit denen das Unbewusste des Patienten ein bewusstes Erleben der Emotionen verhindert. Unter »Emotionen« verstehen wir überwiegend Trauer, liebevolle Gemütsbewegungen, Wut, Freude, Schuldgefühle und Angst. Da uns Angst vor Gefahren warnt, kann sie auch auftreten, wenn eine subjektive innere Gefahr droht. Angstbesetzte und deshalb verdrängte Emotionen können eine solche innere Gefahr darstellen ( Abb. 1: Das Konfliktdreieck). Eine Beziehung zu anderen reaktiviert zurückliegende Emotionen, die in vergangene Begegnungen entstanden sind. Eine Möglichkeit, sich dieser Reaktivierung zu entziehen, ist das »detachment«, das sich Abkoppeln vom gegenüber, der Patient ist »emotionally detached«, meidet die emotionale Begegnung mit dem gegenüber, es entsteht eine Distanziertheit. Werden Emotionen unterdrückt, indem sie in körperliche Symptome verdrängt werden, wird dies von Abbass als «Repression« bezeichnet, in der deutschsprachigen Ausgabe haben wir dies jeweils nach Möglichkeit umschrieben. Um näher am Originalbegriff zu sein, haben wir dies nicht mit »Konversion« übersetzt, obwohl hier eine große inhaltliche Nähe besteht. Angstüberflutung führt zu einer kognitiv-perzeptiven Störung (»cognitive-perceptual disruption«). Darunter versteht man stress- bzw. angstbedingte Denk- und Wahrnehmungsstörungen wie dissoziative Zustände (Depersonalisation, Derealisation, Stupor), Tunnelblick, Verschwommensehen, Augenflimmern, Verlangsamung im Denken, Störungen der Auffassungsfähigkeit bis zum Black-Out, auch psychomotorische Schwäche mit herabgesetztem Muskeltonus. Erste Hinweise auf eine Angstüberflutung sind eine geistige Verlangsamung und verlangsamte Reaktionsgeschwindigkeit. Dieser reduzierte Aktivitätszustand wird von Abbass sehr plastisch als »going flat« bezeichnet. Damit dieser Zustand überwunden werden kann, nutzt der Therapeut u. a. eine Intervention, die wir als »kognitive Einordnung« übersetzt haben, im Original wird an dieser Stelle »recapitulation« oder kurz «recap« benutzt. Die Behandlungsform, in der »recaps« häufig eingesetzt werden, wird im englischen Text als »graded format« beschrieben, in der deutschsprachigen Literatur wird dies uneinheitlich als »graduiertes, sukzessives oder schrittweises Vorgehen« bezeichnet. Aus unserer Sicht ist gradiert am besten geeignet, um zu beschreiben, dass mit geringgradig mobilisierenden Interventionen begonnen wird und in den nächsten Schritten auf die zunehmende Fähigkeit des Patienten aufgebaut wird, angstmachende Affekte zu tolerieren. Diese zunehmende Affekttoleranz ermöglicht zunehmend stärkere Interventionen zur Affektmobilisierung, bis die strukturelle Kapazität ausreicht, um sich mit primären Affekten in Bezug auf das Beziehungstrauma auseinanderzusetzen.

Anmerkungen zur Übersetzung

Bei dem vorliegenden Manual handelt es sich um die Übersetzung des Buches »Hidden from view« von Allan Abbass und Howard Schubiner. Die deutsch-schweizerische Übersetzergruppe entschied sich während einer Weiterbildung bei Allan Abbass im August 2018 in Bern zu diesem Projekt, im Anschluss an die Folgeveranstaltung 2019 wurde das Manuskript beim Verlag eingereicht. Wir hoffen, dass sich trotz unterschiedlicher Sprachstile ein ausreichender Lesefluss ergibt. Die jeweiligen Abschnitte wurden gegenseitig mehrfach überprüft und überarbeitet.

Anders als in der englischen Sprache ist es im Deutschen möglich, männliche und weibliche Personenbezeichnungen zu unterscheiden, beispielsweise Therapeut von Therapeutin. Wir haben nach Prüfung verschiedener Optionen die männliche Form gewählt, da wir Begriffe wie Therapeut und Behandler trotz des generischen Maskulinums als geschlechtsneutral verstehen. Nach unserer Auffassung schließen diese Begriffe alle Geschlechter gleichrangig ein.

Wir hoffen, dass auch Sie, liebe Leser*innen viele Anregungen und Instrumente in diesem Buch finden und es Ihnen damit leichter gelingt, Patienten mit chronifizierten Leiden und daraus resultierenden Eigenheiten in der Beziehungsgestaltung zuversichtlich und partnerschaftlich zu begegnen. Wir würden uns wünschen, dass Sie, ebenso wie auch wir Übersetzer, eine Faszination für diese wirkungsvollen Methoden entwickeln können.

Danksagung der Autoren

Allan Abbass ist voller Dankbarkeit für die Unterstützung seiner Kollegen vom »Centre for Emotions and Health, Family Medicine, Emergency Medicine and Internal Medicine« an der Dalhousie University: Richard Zehr, Angela Cooper, Joel Town und Ryan Wilson. Howard Schubinder bedankt sich als Mitarbeiter in Forschung, Klinik und Lehre sowie als Freund für die Unterstützung von Mark Lumley von der Wayne State University und Alan Gordon vom Pain Psychology Center in Los Angeles.

Wir möchten auch unseren Familien danken: Howards Frau Val Overholt für ihren weisen Rat und ihre Unterstützung und Allans Frau Jennifer und den Kindern Lauren, Will und Anthony für ihre ständige Unterstützung.

Wir möchten uns bei den vielen Kollegen bedanken, die die Entwürfe dieses Buches geprüft und Feedback gegeben haben. Dazu gehören Dr. Bianca Horner, Joanna Zed, Angela Cooper, Lothar Matter, Sam Campbell, Arno Goudsmit und Kollegen der University of Maastrict Family Medicine, Steven Allder, Patrick Luyten und Nat Kuhn.

Wir sind sehr dankbar für einen talentierten Designer, Eric Keller, einen exzellenten Lektor, Michael Betzold, und einen engagierten Korrektor, George Nolte.

Wir beide sind unseren Patienten sehr verbunden, die uns das Privileg geben, sie kennenzulernen und mit ihnen täglich zu lernen, wie Seele und Körper zusammenwirken.

Während wir dieses Buch schrieben, verloren wir John E. Sarno, der unsere Arbeit sehr beeinflusst hat. Dr. Sarno war ein Pionier auf dem Gebiet der Psychosomatischen Medizin und hat in den letzten 40 Jahren wertvolle Beiträge geleistet. Er wird sehr vermisst. Seine Geschichte wurde kürzlich in dem Film »All the Rage« von Michael Galinsky dokumentiert. Dr. Sarno hat eine ganze Generation von Forschern und Klinikern beeinflusst, um Patienten mit psychophysiologischen Störungen zu helfen. Wir sind stolz darauf, zu ihnen zu gehören.

1 Psychophysiologische Störungen – eine Übersicht

Elisabeth, eine 32 Jahre alte Frau, klagt, sie bekomme immer wieder schlecht Luft, sie habe Anfälle von Atemnot und multilokuläre Schmerzen. Zwei frühere Untersuchungen erbrachten keinen pathologischen Befund. Als ich sie über ihre Symptome befrage, rinnt eine Träne über ihre Wange.

Peter, ein 45-jähriger Mann, klagt seit sechs Monaten über anhaltende Rückenschmerzen. Die Beschwerden begannen vor einigen Jahren mit intermittierenden Schmerzen. Der Schmerz strahlt nicht in die Beine aus. Gelegentlich komme es aber zu Kribbelparästhesien im vorderen Bereich der Oberschenkel. Die neurologische Untersuchung ist normal. Im MRT finden sich Anzeichen einer degenerativen Wirbelsäulenerkrankung im Bereich der LWS, eine Bandscheibenprotrusion im Bereich L4/L5 mit einer mäßiggradigen Einengung des linken Neuroforamen. Die zweimalige Verordnung von Physiotherapie hatte zu einer bedeutsamen Verbesserung geführt.

Diese beiden Patienten klagen über häufige Beschwerden, die psychophysiologisch, durch Organpathologien oder durch eine Kombination beider Ursachen hervorgerufen werden können. Beide Vignetten sollen im Folgenden veranschaulichen, wie eine effiziente Diagnosestellung und Behandlung bei dieser Art von Befundkonstellationen gestaltet werden kann.

1.1 Übersicht

Psychische und emotionale Faktoren spielen bei Arztbesuchen eine herausragende Rolle (Kroenke, 2003; Kroenke und Rosmalen, 2006; Stuart und Noyes, 1999). Gemäß einer Metaanalyse weisen in der Primärversorgung zwischen 40–49 % der Patienten mindestens ein psychophysiologisches Symptom auf und bei 26–34 % kann eine somatische Belastungsstörung diagnostiziert werden (Haller et al., 2015). Tatsächlich können psychosoziale Faktoren vielen Krankheitssymptomen zugrunde liegen, wie bspw. Nacken- und Rückenschmerzen, Bauch- und Beckenschmerzen, Fibromyalgie, Angstzuständen, Depressionen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit und autonome Funktionsstörungen wie dem Reizdarm oder der nervösen Blase (Schubiner und Betzold, 2016). Psychosoziale Faktoren spielen außerdem eine bedeutsame Rolle für Behandlungsfehler, Probleme mit der Adhärenz, protrahierte Genesungsverläufe nach Verletzungen und die übermäßige Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. Leider werden diese Faktoren noch zu häufig nicht identifiziert und nicht effektiv behandelt (Kroenke, 2003; Kroenke und Rosmalen, 2006).

Darüber hinaus wirken sich emotionale Faktoren auch ganz entscheidend auf Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und Arbeitszufriedenheit der Ärzte und deren Mitarbeiter aus. Patienten mit behandlungsresistenten Syndromen und schwerwiegenden emotionalen Problemen beeinträchtigen die Zufriedenheit der Behandler und erhöhen das Risiko für Burnout und Kunstfehler (Croskerry et al., 2010).

1.2 Multifaktorielles Ursachenspektrum

Jeder Patient mit psychophysiologischen Störungen (PPS) weist eine einzigartige Krankengeschichte auf, die durch das Zusammenspiel von Symptomen, belastenden Lebensereignissen, der aktuellen Lebenssituation und den Umgang mit den Symptomen gekennzeichnet ist. Demgemäß können für die Ätiologie der PPS leichter zugängliche verhaltensbezogene, kognitive und zwischenmenschliche Faktoren eine Rolle spielen oder aber auch tief verwurzelte dysfunktionale Reaktionsmuster ( Tab. 1.1).

Tab. 1.1: Ursachen und Behandlungen


1.3 Lernerfahrungen

Bei Patienten mit weniger schweren psychophysiologischen Störungen spielen vor allem erlernte Denk- und Verhaltensmuster eine Rolle: Sie verfallen in hypochondrische Sorgen und andere maladaptive Verhaltensweisen. Typische Beschwerden sind Nackenschmerzen und Spannungskopfschmerz. Angst wird vor allem in die quergestreifte Skelettmuskulatur kanalisiert und führt zu muskulärer Verspannung. Außer durch interpersonelle Lernerfahrungen können diese Symptome aber auch durch das Gesundheitssystem verstärkt werden.

In der Regel sind diese Patienten aber in der Lage, Emotionen wahrzunehmen, die auf vorangegangene Bindungstraumata zurückgehen. Sie können in der Regel gesunde Bindungsbeziehungen aufbauen. Sie sind offen für den Zusammenhang von Stress und Symptomentstehung, können ihre wichtigen seelischen Probleme erkennen und sprechen deshalb auf edukative und kognitiv-behaviorale Interventionen an. Die Behandlung besteht in der Psychoedukation über die Bedeutung von Stress und in Methoden der kognitiven Umstrukturierung. Außerdem sollen die Patienten in die Lage versetzt werden, Stressoren weniger maladaptiv zu bewältigen. Ausführlich werden diese Interventionen in den Kapiteln 2–4 erklärt.

1.4 Unbewusste Konflikte

Bei schweren Formen psychophysiologischer Störungen werden die Symptome primär durch unbewusste emotionale Faktoren verursacht. Diese Patienten sind oft alexithym, d. h. sie haben Schwierigkeiten, Emotionen wahrzunehmen, innerlich zu erleben und angemessen auszudrücken. Meist sind sie durch die Beschwerden sehr stark blastet, fast immer besteht eine ängstlich-depressive Symptomatik und in der Biografie finden sich gehäuft traumatische Lebenserfahrungen. Es fällt ihnen oft schwer, die Rolle emotionaler Faktoren für die Symptomentstehung zu verstehen. Die Beschwerden dieser Patienten sprechen häufig nicht auf unspezifische medizinische Behandlungen oder psychotherapeutische Bemühungen an. Diese Patienten benötigen eine psychotherapeutische Behandlung, die ihre Fähigkeit verbessert, Gefühle wahrzunehmen und den Zusammenhang zwischen emotionalen Faktoren und der Symptomentstehung zu verstehen. Dieser Behandlungsansatz wird in den Kapiteln 5–8 beschrieben.

1.5 Ein Kontinuum

Zwischen diesen beiden Polen, dem der leichten und schweren psychophysiologischen Störungen, finden sich viele Patienten, die eine Kombination dieser unterschiedlichen Therapieansätze benötigen. Die in den Kapiteln 2–4 beschriebenen, leichter zu erlernenden Techniken eignen sich für die meisten Patienten der Primärversorgung. Auch Patienten mit tief verwurzelten emotionalen Konflikten können von diesen edukativen und kognitiv-behavioralen Techniken profitieren, ebenso wie weniger schwer Betroffene von den emotionsfokussierten Interventionen, die in den Kapiteln 5–8 beschriebenen werden. Für alle Patienten mit psychophysiologischen Störungen ist eine evidenzbasierte und rationale medizinische Herangehensweise sinnvoll, die relevante somatische Ursachen ausschließt und Patienten über die zugrunde liegenden psychophysiologischen Mechanismen aufklärt.

1.6 Settingfaktoren und Interventionen

Patienten mit psychophysiologischen Störungen werden von Klinikern in unterschiedlichen Settings mit unterschiedlichen zeitlichen Rahmenbedingungen gesehen. In manchen Einrichtungen steht nur sehr wenig Zeit für die Untersuchung und Behandlung der Patienten zur Verfügung. Für diese Ärzte ist es hilfreich, unterschiedliche Ursachen funktioneller Störungen zu kennen, ein überschaubares Repertoire kurzer edukativer und kognitiv-behavioraler Interventionen zu beherrschen und zu erkennen, wann sie Patienten in eine fachspezifische Behandlung überweisen müssen.

Ärzte mit mehr therapeutischem Spielraum profitieren in ihrer klinischen Arbeit sehr davon, wenn sie lernen, wie man die spezifischen Ursachen psychophysiologischer Störungen identifiziert, wie man psychoedukative und kognitiv-behaviorale Behandlungen einsetzen kann und dem Patienten hilft, unbewusste Emotionen zu erkennen und zu verarbeiten.

1.7 Die zentrale Rolle einer vertrauensvollen Beziehung

Vertrauen in der Arzt-Patient-Beziehung ist die Basis einer erfolgreichen klinischen Arbeit. Patienten mit psychophysiologischen Störungen haben oft stigmatisierende und diskriminierende Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht: Ihre Beschwerden wurden als »eingebildet« entwertet und sie als »klagsam« oder gar als »Simulant« abgestempelt. Gleichzeitig fühlen sich die Betroffenen wie überwältigt von ihren belastenden Lebensumständen und dem Ausmaß ihrer Beschwerden. Die frühen Lebenserfahrungen der Betroffenen sind oft von Bindungstraumatisierungen, d. h. belastenden Kindheitserfahrungen, gekennzeichnet. Wenn man versteht, dass die Schmerzen der Betroffenen real sind und die Ursachen für diese Symptome auf frühe belastende Lebenserfahrungen in Gestalt von Vernachlässigung, Verlassenheit und Missbrauch zurückgehen, ist es einfacher, eine fürsorgliche Haltung einzunehmen und dem Aufbau von Vertrauen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Machen Sie sich klar, dass die Qualität der therapeutischen Beziehung die notwendige Grundlage für den Erfolg der nachfolgend beschriebenen Interventionen ist. Wir hoffen, dass dieses Buch Ihnen hilft, Ihre Patienten besser zu verstehen und eine gute therapeutische Beziehung aufzubauen.

1.8 Zusammenfassung

• Die Ursachen psychophysiologischer Störungen reichen von erlernten kognitiv-behavioralen Schemata bis hin zu tiefverwurzelten maladaptiven emotionalen Reaktionsmustern.

• Emotionale Faktoren spielen bei sehr vielen Patienten eine Rolle. Diese emotionalen Faktoren müssen im Fokus der Behandlung stehen.

• Die meisten Kliniker können von der Theorie und den Interventionstechniken in diesem Buch profitieren.

• Eine fürsorgliche und vertrauensvolle Beziehung ist entscheidend für die Behandlung von Patienten mit psychophysiologischen Störungen.

2 Diagnostik bei Patienten mit psychophysiologischen Störungen

Elisabeth kommt zu einer zweiten Konsultation. Sie beklagt eine Reihe von Symptomen, darunter Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Arm- und Beinschmerzen und intermittierender Durchfall. Nach der letzten Konsultation war sie in der Notaufnahme wegen Atemnot. Sie ist verzweifelt und enttäuscht, weil sie außer Schmerzmittel keine Erklärung oder gar Hilfe für ihre Beschwerden erhalten hat. Eine Computertomografie und ein MRT des Gehirns waren normal. Eine MRT ihres Halses zeigte nur minimale degenerative Veränderungen; eine Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD), eine Koloskopie und serologische Tests auf Zöliakie zeigten keine Anomalien; ein Lungenfunktionstest, ein Thorax-CT und das Echokardiogramm waren ebenfalls normal. Tests auf Borreliose und systemischen Lupus erythematodes und andere rheumatologische Erkrankungen blieben ebenfalls ohne pathologischen Befund.

Peter kehrt nach einem Besuch bei einem Physiotherapeuten und Rehabilitationsarzt zurück. Sechs Wochen Physiotherapie halfen nur minimal. Später erhielt er drei epidurale Injektionen. Der erste reduzierte seine Schmerzen eine Woche lang um 50 %, aber die anderen Injektionen halfen nicht. Seine Schmerzen bestehen in gleicher Stärke fort wie vor den Injektionen. Er hatte außerdem zwei Neurochirurgen konsultiert, die ihn darüber aufklärten, dass sein Rücken stark beschädigt sei, möglicherweise aufgrund genetischer Faktoren und, dass es nichts gab, was er tun könne. Ein Neurochirurg bot ihm eine Operation an, sobald die Schmerzen unerträglich werden. Peter klagte darüber, dass die Schmerzen immer schlimmer würden. Er habe nahezu jede körperliche Aktivität eingeschränkt. Gegen seine Schmerzen nehme er nun Opiate.

Für die Behandlungsplanung ist es entscheidend, zu prüfen, ob strukturelle Organpathologien vorliegen, ob die strukturellen Beeinträchtigungen mit emotionalen Belastungen einhergehen oder ob es sich um eine psychophysiologische Störung handelt, die durch emotionale Reaktionen auf belastende Lebensereignisse verursacht wird. Auch wenn Organerkrankungen starke emotionale Reaktionen verursachen können, werden sie nicht unmittelbar durch psychophysiologische Faktoren verursacht. Bei vielen Patienten spielen sowohl organpathologische Veränderungen als auch psychophysiologische Mechanismen eine Rolle. Die meisten Ärzte konzentrieren sich aber ausschließlich auf Organpathologien und blenden stressbedingte oder psychophysiologische Faktoren und Störungen aus, obwohl psychophysiologische Störungen weit verbreitet sind und in vielen Fällen vom Primärversorger diagnostiziert und behandelt werden können.

2.1 Typische Klinik, typische Probleme

Schmerzen, Müdigkeit und andere unspezifische Beschwerden ohne fassbare Organpathologie sind häufige Ursachen für Arztbesuche (Abbass et al., 2009a; Rief und Barsky, 2005). Rund ein Drittel bis die Hälfte aller hausärztlichen Konsultationen wird durch Patienten mit psychophysiologischen oder somatoformen Störungen verursacht (Kroenke, 2003; Kroenke und Rosmalen, 2006; Haller et al., 2015; Stuart und Noyes, 1999). Diese Krankheitsbilder – darunter ein Großteil aller Patienten mit Kopfschmerzen, Reizdarm- und Reizblasensyndrom, Fibromyalgie, chronischem Müdigkeitssyndrom sowie Nacken- und Rückenschmerzen – sind häufig mit Angststörungen, Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) assoziiert (Amir et al., 1997; Beckham et al., 1997; Sherman et al., 2000). Allen diesen Störungen gemeinsam sind die hohe psychische Komorbidität, das hohe Ausmaß an Funktionsbeeinträchtigung und eine Anamnese früher Belastungsfaktoren in der Kindheit (Aaron und Buchwald, 2001; Henningsen et al., 2003). Patienten mit psychophysiologischen Störungen sind allgemein sehr stark beeinträchtigt (Stuart und Noyes, 1999) und verursachen einen Großteil der Arbeitsunfähigkeitszeiten (Barsky et al., 2005; Wessely et al., 1999). Für die USA werden die Kosten dieser Erkrankungen auf etwa 100 Milliarden Dollar jährlich geschätzt (Barsky et al., 2005). Die Gesamtkosten unter Berücksichtigung chronischer Schmerzen werden in den USA auf 600 Milliarden US-Dollar geschätzt, mehr als die Kosten für Herzerkrankungen, Diabetes mellitus und Krebs zusammen (Institute of Medicine, 2011).

Frühe belastende Lebenserfahrungen – einschließlich unterschiedlicher Formen von Missbrauch (sexuell, körperlich, emotional) und Vernachlässigung – sind mit der Entwicklung psychophysiologischer Störungen im Erwachsenenalter assoziiert (Felitti et al., 1998; Stuart und Noyes, 1999; Sansone et al., 2001; Spertus et al., 2003, Sachs-Ericsson et al., 2017, van Houdenhove et al., 2001). Belastende Ereignisse im Kindesalter stellen Risikofaktoren für chronische Schmerzen (Green et al., 2001; Goldberg et al., 1999), Kopfschmerzen (Raphael et al., 2004), gynäkologische (Cunningham et al., 1988), gastrointestinale (Bass et al., 1999) und muskuloskelettale Beschwerdebilder dar (Bendixen et al., 1994).

Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen »medizinisch nicht erklärbaren Symptomen« und psychischen Störungen im engeren Sinne. Bei Personen mit Fibromyalgie (Aaron et al., 1996; Merskey, 1989), Reizdarmsyndrom (Thompson et al., 1999; Whitehead et al., 1988), Multiple Chemical Sensitivity Syndrom (Barsky und Borus, 1999) und dem chronischen Fatigue-Syndrom (Manu et al., 1989; Morrison, 1980) finden sich hohe Komorbiditätsraten. Patienten mit funktionellen Störungen habe eine hohe Komorbidität mit Depressionen und Angststörungen (Bass et al., 2001; Katon et al., 2001) ebenso wie Patienten mit Depressionen und Angststörungen häufig funktionelle Körperbeschwerden aufweisen (Kroenke, 2003; Sha et al., 2005).

Dieses Manual folgt der Grundannahme, dass scheinbar »medizinisch unerklärliche Krankheiten« das Ergebnis psychophysiologischer Prozesse sind: Diese »unerklärlichen« Symptome werden durch erlernte neuronale Bahnungen als Reaktion auf psychischen Stress erzeugt. Reversible psychophysiologische Prozesse und nicht strukturelle Veränderungen oder organpathologische Prozesse verursachen diese Körpersymptome. Man spricht deshalb auch von psychophysiologischen oder funktionellen Störungen. Die Diagnose einer psychophysiologischen Störung erfolgt nach einer sorgfältigen Differentialdiagnostik, die relevante organische Faktoren durch eine adäquate Anamnese, körperliche und ggf. apparative Untersuchungen ausschließt.

2.2 Die Neurophysiologie der psychophysiologischen Störungen

Die zentralen Mechanismen psychophysiologischer Störungen sind in den letzten Jahren zunehmend aufgeklärt worden. Das Gehirn kann in nahezu jedem Körperbereich Symptome unterschiedlicher Schwere erzeugen. Timothy Noakes, ein Sportphysiologe, hat untersucht, wie das Gehirn auf einen Marathonlauf mit dem Phänomen der subjektiven Erschöpfung, des »vor-die-Wand-laufens« (andere Bezeichnungen »Mann mit dem Hammer-Phänomen« oder »Hungerast«) reagieren kann (Noakes, 2001). Er klärte auf, wie auch bei gut trainierten Athleten während eines Ausdauerwettkamps dieses Phänomen entstehen kann: Wenn während eines Marathonlaufs Schmerz und Müdigkeit zunehmen, dann schlägt das Gehirn der Betroffenen Alarm und warnt davor, dass dem Organismus bald die Energie ausgeht. Die Erschöpfung wird vom Gehirn simuliert indem plötzlich weniger Muskeln auf neuronalen Wegen rekrutiert werden, die Betroffenen fühlen sich wie »von einem Hammer getroffen« und können ihre Körperhaltung und Bewegungsabläufe nicht mehr aufrechterhalten. Noakes nennt dies die zentrale »Gouverneursfunktion« des Gehirns und erläutert, dass Athleten diese Warnsignale ignorieren müssen, um den Marathonlauf erfolgreich beenden zu können. Dieses Phänomen der simulierten Erschöpfung entspricht demnach einer Situation beim Autofahren, wenn das Warnlicht einen leeren Tank anzeigt, obwohl der Treibstoff noch für etliche Kilometer ausreicht.

»Dieses neue Verständnis der Fatigue bringt alle verschiedenen Modelle der Trainingsphysiologie zusammen. Tatsächlich lassen sich die Ergebnisse der einzelnen Modelle durch die Tätigkeit eines zentralen Gouverneurs erklären, der die Aktivitäten regelt, um sicherzustellen, dass die Homöostase aufrechterhalten und körperliche Schäden vermieden werden. Müdigkeit ist lediglich der emotionale Ausdruck der subjektiven Symptome, die sich entwickeln, wenn diese unbewussten Kontrollmechanismen sich durchsetzen. Es handelt sich um einen erbitterten Kampf mit dem bewussten Verstand, um sicherzustellen, dass sich das Bewusstsein letztlich dem höheren Willen des Unbewussten unterwirft (Noakes, 2001).«

Das Konzept der geförderten Ruhe (»promoted quiescence« oder »sickness behavior«) von Gracely und Schweinhardt (2015) stellt eine weitere Möglichkeit dar, die Entstehung von Schmerzen, Müdigkeit und anderen psychophysiologischen Symptomen durch zentralnervöse Prozesse zu erklären.

Zu Beginn der Evolution waren Raubtiere und Konkurrenten die Hauptbedrohungen für Gesundheit und Wohlbefinden. Auf die äußere Bedrohung erfolgt eine »Kampf- oder Fluchtreaktion«. Dieser hochaktivierte Zustand ermöglicht es im Dienste des Überlebens, alle verfügbaren Ressourcen des Organismus einschließlich Muskel- und Sinneskraft zu nutzen. Einen derartigen Zustand kann nicht lange aufrechterhalten werden. Während der »Kampf-Fluchtaktivierung« verspürt man im Allgemeinen weder Müdigkeit und Schmerz, selbst wenn man verletzt ist. Erst im Anschluss setzt ein zentralnervöser parasympathisch geführter Aktivierungszustand ein, der auf Ruhe und Erholung abzielt und der mit Müdigkeit, Schmerzen und einer Einschränkung der kognitiven Funktionen einhergehen kann. Dieser wichtige adaptive Zustand dauert in der Regel einige Tage bis wenige Wochen, je nach Verletzungsgrad. Mit Ausheilung der Verletzungen, »schaltet« das Gehirn die Warnsignale Schmerzen und Müdigkeit ab, um die Rückkehr zur vollen Aktivität zu ermöglichen. In der modernen Welt haben äußere Bedrohungen und Gefahren die Gestalt anhaltender emotional belastender Situationen angenommen. Weil das Gehirn auf emotionale Verletzungen genauso reagiert wie auf äußere körperliche Verletzungen (Kross et al., 2011; Eisenberger et al., 2006), kann in Reaktion auf emotional belastende Lebensereignisse das zentralnervöse Ruhe- und Erholungsprogramm aktiviert werden (»sickness behavior«). In diesem Zustand der »geförderten Ruhe« warnt uns das Gehirn vor einer möglichen Gefahr durch Überlastung, indem es weiterhin Symptome wie Schmerz, Müdigkeit und kognitive Beeinträchtigungen erzeugt. Sehr leicht ist man dann versucht, diese Symptomatik als Folge anhaltender struktureller Organpathologien zu interpretieren, wie dies häufig seitens der Patienten und deren Behandler geschieht, selbst wenn die akute Verletzung längst ausgeheilt ist oder von Beginn an eindeutig emotionaler Art war.

Der Zusammenhang von emotionalen Prozessen mit chronischen Schmerzen wurde eingehend von Apkarian et al. erforscht. Eine erhöhte Konnektivität zwischen emotionalen Netzwerken, dem Nucleus accumbens und dem präfrontalen Kortex erwies sich bei Patienten mit einer subakuten Rückenverletzung prädiktiv für die Entwicklung chronischer Rückenschmerzen (Baliki et al., 2012). Diese neuronalen Netzwerke wurden sehr wahrscheinlich in Reaktion auf frühe traumatische Lebensereignisse ausgebildet. In die gleiche Richtung weisen Bildgebungsbefunde, die zeigen, dass Personen mit chronischen Rückenschmerzen emotionale (limbische), anstatt somatosensorisch-nozizeptive Hirnareale aktivieren (Hashmi et al., 2013).

Die Ursache psychophysiologischer Reaktionen sind unbewusste ablaufende zentralnervöse Prozesse, die die Körperfunktionen im Dienste des Überlebens, der Anpassung an unsere Umwelt und der Abwehr angstbesetzter Gefühle kontrollieren. Die Reaktionen auf unsere Umwelt hängen sowohl von angeborenen als auch erlernten neuronalen Verknüpfungen ab. Im Laufe unseres Lebens lernt unser Gehirn, auf potenziell gefährliche Situationen zu reagieren. »Wenn Neuronen zusammenfeuern, werden sie miteinander verkabelt« wie Hebb nachwies. Und diese neuen neuronalen Netzwerke werden umso wahrscheinlicher wieder feuern, je häufiger sie aktiviert werden (Hebb, 1949).

Unser Gehirn kontrolliert jedoch nicht nur Reaktionen auf unsere Umwelt, sondern auch wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Augenzeugenberichte werden durch die verinnerlichten Werte und die Lebenserfahrungen des Betrachters dramatisch verändert (Arkowitz und Lilienfeld, 2010; Drew et al., 2013; Lum et al., 2005; Morgan et al., 2004). Wir können nur das sehen, was der Erwartung unseres Gehirns entspricht. Dies wird als prädiktive Kodierung (»predictive coding«) bezeichnet: Was wir wahrnehmen, wird durch unsere früheren Erfahrungen bestimmt. Exterozeption steht dabei für die visuelle, auditive und gustatorische Wahrnehmung, Interozeption für die Wahrnehmung innerer Prozesse (Feldman Barrett und Simmons, 2015): Das Gehirn erzeugt diejenigen Empfindungen, die es gemäß den Erfahrungen als wahrscheinlich erwartet. Wenn sich das Gehirn in einem Zustand der »geförderten Ruhe« befindet, wird es weiterhin erwarten, dass körperliche Bewegung oder geistige Beschäftigung, Schmerz, Müdigkeit, kognitive Dysfunktionen oder andere Symptome auslöst, die dazu bestimmt sind, Ruhe und Inaktivität zu erzwingen. Je mehr diese neuronalen Netzwerke aktiviert werden, desto mehr werden sie als Ruhezustandsnetzwerk (»default pathways«) normalisiert. Das Gehirn kann, noch lange nachdem sich die Gefahr aufgelöst hat, psychophysiologische Symptome erzeugen. Schmerzen und andere funktionelle Symptome können dann als eine Art Nachricht von unserem Unbewussten verstanden werden. Schmerzen können ohne körperliche Verletzung auftreten (Fisher et al., 1995) und nicht alle körperlichen Verletzungen lösen Schmerzen aus (Beecher, 1951). Schmerz kann auf eine tatsächliche Gewebeschädigung zurückgehen oder ein Signal für eine wahrgenommene Gefahr darstellen. Zur Vertiefung der Themen prädiktive Kodierung, Interozeption und emotionale Prozesse sei auf die Monografie von Feldman Barrett (2017) verwiesen.

2.3 Den Weg vorbereiten

Patienten können mit Widerstand reagieren, sobald man beginnt, nach möglichen Zusammenhängen zwischen Körpersymptomen und Stress zu suchen. Ärzte können ein paar Regeln beherzigen, um diesen Widerstand zu reduzieren. Erstens ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, indem man mit einer fürsorglichen und wohlwollenden Haltung dem Patienten gegenübertritt und zuhört (Fonagy und Allison, 2014). Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung ist von entscheidender Bedeutung für die Diagnostik und Behandlung von Patienten mit psychophysiologischen Störungen. Zweitens ist es sinnvoll, Patienten bereits mithilfe der Aufnahmeformulare auf eine ganzheitlichere Diagnostik vorzubereiten, die simultan somatische und psychosoziale Aspekte berücksichtigt, indem bspw. Fragen wie die folgenden gestellt werden: »Haben Sie in Ihrem Leben viel Stress erlebt«, »Wie viel Stress erleben Sie zurzeit«, »Ist Ihnen aufgefallen, dass Ihre Symptome sich durch Stress verschlimmern?«, »Wo in Ihrem Körper spüren Sie üblicherweise Stress?« So wie im Aufnahmefragebogen üblicherweise nach der Familienanamnese gefragt wird, so kann eine modifizierte »Holmes- und Rahe-Skala« helfen, belastende Lebensereignisse zu erfassen (Holmes und Rahe, 1967; bspw. Tod eines Lebenspartners, Arbeitslosigkeit, Schwangerschaft usw.). Ein weiterer nützlicher Screening-Fragebogen ist der Patientengesundheitsfragebogen (PHQ) mit dem sich unter anderem körperliche Beschwerden, Depressionen und Angststörungen erfassen lassen (Kroenke et al., 2010). Eine dritte Möglichkeit, Patienten auf das Gespräch vorzubereiten, stellen Broschüren im Wartebereich dar, die Patienten über die körperlichen Auswirkungen von Stress aufklären. Derart vorbereitet werden Patienten nicht überrascht sein, wenn der Arzt in seiner Untersuchung auf das Thema Stress als mögliche Ursache für körperliche Beschwerden eingeht. Schließlich geht es darum zu erkennen, dass es normal ist, wenn emotionaler Stress den Körper beeinflusst: Es ist wichtig, dem Patienten zu erklären, dass die Fragen darauf abzielen, herauszufinden, wie der Körper des Patienten auf Stress reagiert. Eine derartige Gesprächsführung wirkt der Befürchtung des Patienten entgegen, der Arzt sei darauf aus, ihm vorzuwerfen, dass er seine Symptome erfindet, sich einbildet oder er übertreibt. Darüber hinaus bereitet dies den Boden für eine tiefergehende emotionsfokussierte Untersuchung des Patienten.

2.4 Erste klinische Überlegungen

Es ist wichtig von Anfang an bei allen Patienten einen biopsychosozialen Ansatz zu verfolgen und zu überprüfen, ob es sich primär um Symptome einer organischen Krankheit, einer psychophysiologischen Störung oder einer Kombination aus beidem handelt. Genauso wie der Arzt mit den Grundlagen des Herzkreislaufsystems und dessen Beurteilung vertraut sein muss, muss er in der Lage sein, das psychische Funktionsniveau des Patienten zu beurteilen, nämlich die Fähigkeit des Patienten, Emotionen wahrzunehmen, zu erleben, angemessen auszudrücken und mit belastenden Situationen umzugehen. Es ist nicht hilfreich für den Patienten, bei persistierenden Schmerzsyndromen primär von einem organpathologischen Prozess auszugehen. Psychophysiologische Prozesse sind eine sehr häufige Ursache für chronische Schmerzen. Akuter Brustschmerz kann Symptom einer Angina pectoris oder eines Myokardinfarkts sein. Brustschmerz kann aber auch als Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis plötzlich auftreten, wenn das Ereignis eine unbewusste Angst mobilisierte, die dann über eine muskuläre Verspannung zu thorakalen Schmerzen führt. Genauso können chronische Rücken- oder Kopfschmerzen funktionell bedingt sein. Wenn sich durch Anamnese, körperliche Untersuchung und rationale apparative Diagnostik kein Hinwies auf eine relevante organische Störung ergibt, ist eine psychophysiologische Störung hochwahrscheinlich. Da die Behandlungswege sehr unterschiedlich sind, ist es entscheidend, sorgsam zwischen psychophysiologischen und organpathologischen Störungen zu unterscheiden.

Bestimmte Symptommuster können auf spezifische organpathologische Erkrankungen hinweisen, wie bspw. akute kolikartige Flankenschmerzen mit Blut im Urin für eine Nierenkolik und Nierensteine sprechen. Allerdings spielen Stress und psychische Faktoren auch für organpathologische Erkrankungen eine bedeutsame Rolle, die üblicherweise als rein körperlich betrachtet werden: Die Entstehung einer koronaren Herzerkrankung bzw. kardiovaskulärer Ereignisse konnte durch die höhere Ruheaktivierung der Amygdala vorhergesagt werden (Tawakol et al., 2017). Patienten mit einer mittelgradigen bis schweren Parkinsonerkrankung sprachen signifikant und objektivierbar hinsichtlich der Verbesserung ihrer Motorik auf die Injektion eines »teuren« Placebo-Medikaments an (Espay et al., 2015). Eine weitere Studie zeigte wie die kognitiven Grundannahmen der Studienteilnehmer die Auswirkung von körperlicher Aktivität auf Blutdruck, Body-Mass-Index und Metabolisierung der Nahrung veränderten (z. B. Veränderungen des Ghrelinspiegels; Crum und Langer, 2007; Crum et al., 2011).

Elizabeth klagt über linkstemporale Kopfschmerzen und anfallsweise Erstickungsgefühle, außerdem dumpfe wechselnde Schmerzen im Nacken und in den Armen. Bisher war ihr nicht bewusst, ob bestimmte Faktoren die Schmerzen verstärken oder lindern. Nach Belastung würden die Schmerzen erheblich zunehmen. Körperliche Anstrengung führe nicht zu einer Verstärkung ihrer Atembeschwerden. Auf Nachfrage berichtet sie, dass sie als Kind häufig unter Kopfschmerzen litt und einen »nervösen Magen« hatte.

Peter gibt an, dass die Rückenschmerzen nach dem Aufwachen am Morgen geringer sind und im Laufe des Tages zunehmen. Er vermeide deshalb unnötige Bewegungen. In den letzten zwei Wochen hätten sich die Schmerzen in den unteren Teil des Thorax ausgebreitet, vor allem im paravertebral beidseits. Ein MRT der Brustwirbelsäule war unauffällig. Lediglich bei einem mehrstündigen Bootsausflug mit Freunden sei er längere Zeit schmerzfrei gewesen.

Die wichtigste Aufgabe der ärztlichen Untersuchung ist die Identifizierung pathologischer Zustände. Mithilfe einer sorgfältigen Anamnese, der körperlichen Untersuchungen sowie dem gezielten Einsatz apparativer Methoden, ist es meist möglich, organpathologische Zustände festzustellen. Wenn ein organpathologischer Prozess ausgeschlossen wurde, liegt sehr wahrscheinlich eine psychophysiologische Störung vor. Der Ausschluss eines organpathologischen Prozesses ist ebenso wichtig wie die positive Identifizierung der den Symptomen zugrunde liegenden psychophysiologischen Prozesse. Die hierfür notwendigen Arbeitsschritte werden in den Kapiteln 5 und 6 dargestellt. Bestimmte Erkrankungen werden sehr häufig durch psychophysiologische Störungen versursacht ( Tab. 2.1). Patienten sollen damit vertraut gemacht werden, dass das Gehirn, Muskelverspannungen, Darm- oder Blasenkontraktionen, eine Beschleunigung der Herzfrequenz und viele andere körperliche Vorgänge hervorrufen und beeinflussen kann.

2.5 Anamneseerhebung

Die Anamnese gibt wichtige differentialdiagnostische Hinweise auf das Vorliegen einer organpathologischen oder psychophysiologischen Störung. Eine psychophysiologische Störung tritt nicht selten nach dem Aufwachen und ohne Hinweise auf eine Verletzung auf. Schmerzsyndrome, die den anatomischen Grundlagen widersprechen sind typisch für psychophysiologische Störungen. Beispielsweise ist eine Nervenläsion unwahrscheinlich, wenn Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle alle fünf Finger einer oder beider Hände betreffen. Schmerzen, die sich über den gesamten Rumpf oder Körpers ausbreiten, Schmerzen, die von der Rückseite des Kopfes bis zum Gesicht ausstrahlen, und Schmerzen, die vom unteren Lendenwirbelbereich bis zum Nacken ausstrahlen, gehen sehr wahrscheinlich nicht auf organpathologische Ursachen zurück. Auch Schmerzen, die zunächst in einem Bereich beginnen und sich dann mit der Zeit auf benachbarte Regionen ausbreiten, sind sehr wahrscheinlich ebenfalls funktioneller Natur. Besonders häufig beginnen psychophysiologische Schmerzen zunächst auf einer Seite und breiten sich dann auf die andere Seite aus.

Gelegentlich spielt für die Genese psychophysiologischer Störungen auch soziale Ansteckung eine Rolle. Für Nikotinabhängigkeit, Adipositas und affektive Störungen konnte bereits das Phänomen der »sozialen Ansteckung« nachgewiesen werden (Christakis und Fowler, 2013). Dies scheint auch für Rückenschmerzen zu gelten, wie eine Studie nahelegt. In Deutschland war die Häufigkeit von Rückenschmerzen unmittelbar nach der Wiedervereinigung im Jahr 1989 in Ostdeutschland viel niedriger als in Westdeutschland. Zwanzig Jahre später hatten sich aber die Häufigkeiten im Osten denjenigen im Westen angeglichen (Raspe et al., 2008).

Symptome, wechselnder Lokalisation oder Symptome, die in Abhängigkeit von Tages- und Wochentagen kommen und gehen, sind wahrscheinlich eher psychophysiologisch als organpathologisch bedingt. Ebenso spricht eine Verschlimmerung durch Stress oder Emotionen für eine psychophysiologische Genese. Psychophysiologische Beschwerden treten oft in Zusammenhang mit belastenden Ereignissen auf, wie bspw. Familientreffen, Schulbesuch oder Arbeit, Fristen

Tab. 2.1: Häufige psychophysiologische Syndrome


* Die systemische Anstrengungsintoleranz gilt im NIH als organische Störung auch wenn dies ähnlich wie beim Chronic Fatigue Syndrome sehr kontrovers diskutiert wird.

oder im Vorfeld schwieriger zwischenmenschlicher Situationen. Auch zu Beginn einer Reise (insbesondere, wenn man eine belastende Auto- oder Flugreise erwartet) oder wenn man von einem Urlaub in eine belastende Familien- oder Arbeitssituation zurückkehrt, können psychophysiologische Beschwerden auftreten oder sich verschlimmern. Auch positive und erwünschte Lebensereignisse, wie die Geburt eines Kindes oder eine Beförderung können psychophysiologische Störungen auslösen. Bestimmte äußere Trigger sind nicht ungewöhnlich für funktionelle Störungen. So können beispielsweises das Sitzen auf einem Stuhl oder anspruchsvolle körperliche Tätigkeiten, Schmerzen verschlimmern, wohingegen Radfahren überraschenderweise kein Problem darstellt.

Chronologische Muster können ebenfalls auf eine psychophysiologische Ursache hinweisen. Ein Patient, der immer wieder an Werktagen, aber nie an Wochenenden unter Kopfschmerzen leidet – und keine Hinweise auf eine Sinusitis, erhöhten intrakraniellem Druck, Fieber oder neurologischen Defizite aufweist – leidet sehr wahrscheinlich unter einer psychophysiologischen Störung. Vorausgesetzt, es liegen keine besondere berufliche Exposition oder pathologische Laborbefunde oder Bildgebungsbefunde vor. Einer anderen Patientin fiel auf, dass ihre Hände unter der Arbeitswoche beim Tippen schmerzten, dann traten die Beschwerden aber auch am Wochenende auf, obwohl sie keine derartigen Belastungen hatte. Symptome, die im Urlaub, am Wochenende oder wie zufällig verschwinden, sind wahrscheinlich psychophysiologischer Natur. Ein Patient litt über mehrere Jahre unter ständigen Rückenschmerzen, nicht jedoch während eines einwöchigen Urlaubs. Symptome, die durch Wetteränderungen, bestimmte Lebensmittel, Licht oder Aromen verschlimmert werden, sind ebenfalls vermutlich eher psychophysiologische Genese. Daher ist es wichtig, den zeitlichen Kontext der Symptome zu erfragen bzw. nach chronologischen Mustern der Symptomverschlimmerungen und Linderungen zu fahnden.

Die Symptomatik psychophysiologischer Störung wandelt sich häufig mit der Zeit: Wenn bestimmte Symptome nachlassen, treten neue auf oder andere verschlimmern sich. Kopfschmerzen können beim Auftreten von Bauchschmerzen abnehmen oder umgekehrt. Eine Patientin litt über Wochen an den meisten Tagen unter starken Bauchschmerzen. Doch während einer über sechs Monaten dauernden Brustkrebsbehandlung, hatte sie keine derartigen Symptome. Ein anderer Patient litt unter schweren Muskelzuckungen, die fast alle seine Aktivitäten beeinträchtigten, außer wenn er im Orchester musizierte.

Patienten fragen oft, wie das Gehirn »entscheidet«, mit welchen Symptomen sie auf Stress reagieren. Oftmals gibt es hierauf keine klare Antwort. Manchmal sind die Symptome aber symbolisch zu verstehen. Ich begegnete einmal einer Frau, die Schmerzen in ihrem Gesäß hatte. Als ich fragte, wann es losging, antwortete sie: »Als mein Mann in Rente ging«. Fußschmerzen können symbolisch für »das Bedürfnis, die Füße hochzulegen« stehen und Bauchschmerzen können für etwas stehen, das einen »krank« macht.

Psychophysiologische Störungen können auch durch entsprechende Erwartungen erzeugt werden und über »Ansteckung« verbreitet werden. Ein Mann trat sein Graduiertenprogramm voller Angst an, durch zu viel Tippen ein Repetitive-Strain-Injury-Syndrom (RSI, umgangssprachlich: Sekretärinnenkrankheit, Mausarm) zu erleiden. Er hatte nämlich einen Artikel darüber gelesen und tatsächlich innerhalb weniger Monate Schmerzen an beiden Handgelenken entwickelt. Wir haben schon häufig Patienten gesehen, deren Symptome auftraten, nachdem sie einen Artikel über derartige Beschwerden gelesen oder herausgefunden hatten, dass jemand, den sie kannten, diese Symptome hatte. Vorausgegangene Verletzungen sind Prädilektionsstellen für funktionelle Schmerzen. Das Gehirn hat diesen Schmerz »gelernt«, sodass unter Stress diese bereits erlernten Bahnen wieder leicht aktiviert werden können. Häufig entwickeln Menschen auch Symptome, die sie bei anderen Familienmitgliedern kennengelernt haben. Es handelt sich dabei nicht um eine genetische Vererbung wie bspw. bei der Mukoviszidose oder Sichelzellenanämie, sondern um eine Art epigenetische Vererbung, wie man es oft bei Migräne-Kopfschmerzen findet: Eine genetische Veranlagung, die erst durch Umwelteinflüsse und Stress eine Krankheit auslöst. Das Gehirn modelliert bestimmte Symptome, die »in der Familie liegen«. Schließlich treten viele funktionelle Symptome in häufig genutzten Muskelgruppen auf, wie z. B. dem unteren Rücken oder Nacken.

Ein weiterer wichtiger Hinweis auf eine psychophysiologische Genese stellt es dar, wenn während des Interviews beim Aufkommen emotional belastender Themen, die Symptome – bspw. Bauchkrämpfe oder Nackenschmerzen – auftreten oder sich verschlimmern. Auf diese Weise können die somatischen Auswirkungen unverarbeiteter Emotionen direkt im Interview untersucht werden ( Kap. 5 und Kap. 6).

2.6 Körperliche Untersuchung und Bewertung der Untersuchungsergebnisse

Zu den häufigsten Symptomen zählen Nacken- und Rückenschmerzen und andere muskuloskelettale Schmerzsyndrome. Bei der körperlichen Untersuchung achtet man auf Anzeichen einer Kompression der Nervenwurzel, wie z. B. objektivierbare Taubheitsgefühle, Veränderung der tiefen Sehnenreflexe oder Muskelschwäche. Umschriebene Druckschmerzhaftigkeit und Einschränkung des Bewegungsumfangs (z. B. des Hüftgelenks) können auf strukturelle organpathologische Prozesse hinweisen, insbesondere, wenn bildgebende Untersuchungen diese Ergebnisse bestätigen. Jedoch sind muskuläre Verspannungen oder Schmerzen bei Vorwärts- oder Seitenbeugung des Rückens häufig bei Menschen mit funktionellen Störungen. Schmerzen, die bereits bei leichtem Druck auftreten – wie bei der Fibromyalgie – sind mit hoher Wahrscheinlichkeit psychophysiologisch bedingt. Ebenfalls typisch für funktionelle Schmerzsyndrome ist, dass die Schmerzausstrahlung sich nicht an anatomische Gegebenheiten wie dem Innervationsgebiet der Spinalnerven hält. Beispielsweise kann dies dazu führen, dass ein Druck auf den Musculus Trapezius Schmerzen auslösen, die in die Oberseite des Kopfes, in das kontralaterale Auge oder den unteren Rücken ausstrahlen.

Bei Erkrankungen des Bewegungsapparates werden in Röntgen-, CT- oder MRT-Untersuchungen häufig Anomalien festgestellt. Bei der Interpretation dieser Befunde ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Mehrheit der gesunden Erwachsenen ohne Rückenschmerzen im MRT Anomalien wie degenerative Bandscheiben, Bandscheiben-Vorwölbungen oder -Vorfälle, leichtgradige von Spinalkanalstenosen oder Spondylolisthesen, eine Skoliose, Tarlov-Zysten und andere Befunde aufweisen (Boos et al., 2000; Borenstein et al., 2001; Brinjikji et al., 2015). In einer Studie wiesen 50 % der gesunden 21-Jährigen ohne Schmerzen degenerative Bandscheiben und 25 % einen Bandscheibenvorfall auf (Takatalo et al., 2009). Brinjikji et al. (2015) fanden bei 80 % der 50-Jährigen ohne Rückenschmerzen Bandscheibendegenerationen, bei 60 % Protrusionen und bei 36 % Bandscheibenvorfälle ( Tab. 2.2). MRT-Befunde taugen – mit Ausnahme von Fällen von Wirbelsäulentumoren, Infektionen oder Frakturen – kaum zur Unterscheidung von Patienten mit und ohne strukturell bedingten Rücken- oder Nackenschmerzen. Dennoch gehen entgegen der Evidenz viele Ärzte und Physiotherapeuten generell davon aus, dass die Ursache für die Beschwerden in den strukturellen Anomalien der MRT Bilder sichtbar wird.

Tab. 2.2: Prävalenz auffälliger Bildgebungsbefunde bei Personen ohne muskuloskelettale Beschwerden in Abhängigkeit vom Alter


Alter (Jahre)20304050607080

Mit Genehmigung von The American Journal of Neuroradiology

Es ist natürlich wichtig vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung auszuschließen dass ein Tumor, eine Infektion, Frakturen oder pathologische Prozesse intraabdominaler oder intrathorakaler Organe für die Schmerzentstehung verantwortlich sind und ob ein Bandscheibenvorfall oder andere Anomalien das Rückenmark oder die Wurzeln der Spinalnerven in Mitleidenschaft ziehen. Erste gehen häufig mit Blasen/Mastdarmstörungen einher, spinale Kompressionssyndrome manifestieren sich mit reproduzierbare Paresen, Veränderung der Muskeleigen- und Fremdreflexe oder dermatombezogenen Sensibilitätsausfällen. Derartige Untersuchungsergebnisse weisen auf strukturelle oder organpathologische Prozesse hin. Wenn die klinische Untersuchung keine objektiven Anzeichen einer Nervenwurzelkompression zeigt, der Schmerz nicht dem MRT-Befund zusammenpasst und es zusätzlich positive Hinweise in der Anamnese gibt, dann ist eine psychophysiologische Genese wahrscheinlich.

Patienten mit Schmerzen im unteren Rückenbereich weisen zu 85 % keinen erklärenden organpathologischen Befund auf (Deyo et al., 1992). Rückenschmerz stellt das häufigste funktionelle Schmerzsyndrom dar und ist weit mehr von psychischen als von somatischen Faktoren abhängig (Carragee et al., 2005; Christensen und Knardahl, 2012). Röntgenbefunde korrelieren bei der Arthrose nur sehr schlecht mit der Ausprägung der Gelenkschmerzen (Creamer und Hochberg, 1998). Anamnese und körperliche Untersuchung sind daher entscheidend um festzustellen, inwieweit Nacken-, Rücken- oder Gelenkschmerzen durch eine organpathologische Störung, funktionelle Mechanismen oder eine Kombination beider verursacht werden. Arthrose kann natürlich schmerzhaft sein, aber wenn der Schmerz übermäßig groß oder inkonsistent ist, spricht dies für ein Überwiegen psychophysiologischer Faktoren, insbesondere, wenn Symptomdarbietung und Anamnese darauf hinweisen.

Ein ähnliches Prozedere bietet sich auch für andere Symptomkonstellationen an: Beklagt ein Patient Taubheitsgefühle in den Armen, Beinen, Händen und/oder Füßen, die von den typischen Innervationsgebieten abweichen ohne dass eine systemische Störung vorliegt (z. B. Diabetes mellitus, Alkoholismus), die eine periphere Neuropathie verursacht und ohne entsprechende Untersuchungsbefunde wie reduziertes Berührungs- und Vibrationsempfinden, dann ist die Diagnose einer psychophysiologischen Störung gerechtfertigt. Bei Patienten mit funktionellen Störungen ist die Symptomatik oft bilateral und symmetrisch. Manchmal können auch spezifische Organpathologien solche symmetrischen Syndrome erklären, meist handelt es sich aber um psychophysiologische stressbedingte Störungen. Ein typisches Szenario ist, dass ein Patient Schmerzen in einem Körperteil entwickelt, die dann später in einem anderen auftreten. Multilokuläre Gelenk- und Muskelschmerzen erfordern den Ausschluss einer rheumatischen Erkrankung, Kopfschmerzen den Ausschluss pathologischer Prozesse des Schädels, der Nasennebenhöhlen- oder auch dentaler Erkrankungen. Magen-Darm- und Urogenitalsymptomatiken sind ebenfalls häufig funktionell bedingt. Durch Routinetests kann in der Regel eine organpathologische Störung ausgeschlossen werden. Diagnosen wie Spannungs- oder Migränekopfschmerzen, Fibromyalgie, Reizdarm- oder Reizblasensyndrom und Beckenschmerzsyndrom bezeichnen keinen spezifischen organpathologischen Prozess, sondern beschreiben lediglich Symptombilder. Nach sorgfältiger leitlinienbasierter Abklärung eines Chronischen Fatigue Syndroms oder der systemischen Anstrengungsintoleranz (»systemic exertion intolerance disease« (SEID)), kann vielen Patienten mit diesen psychophysiologischen Symptomkomplexen mit dem in diesem Manual beschrieben Methoden geholfen werden.

Die körperliche Untersuchung von Elisabeth verlief völlig normal mit Ausnahmen muskulärer Verspannungen im Bereich der Schläfen, okzipital, Hals-Nackenbereich sowie Armen und Beinen. Es fanden sich keine Gelenkschwellungen, keine Hypermobilität und keine Entzündungszeichen. Allerdings war sie an vielen Stellen überempfindlich gegenüber leichten Berührungen. Außerdem beschrieb sie bilateral in die Arme ausstrahlende Schmerzen bereits bei einem leichten Druck auf eine Seite des Nackens.

Peters Untersuchung zeigte normale Sehnenreflexe, normale Muskelkraft und eine normale Sensibilität. Beim Vorwärts- und Seitwärtsbeugen traten leicht bis mittelschwere Schmerzen im unteren Rückenbereich auf. Im MRT fanden sich degenerativen Veränderungen und eine Bandscheibenvorwölbung, die jedoch diese Schmerzen nicht erklären konnte, weil die Verengung des Formans nur auf einer Seite bestand und die Nervenwurzeln, die die vorderen Oberschenkel versorgen, nicht in Mitleidenschaft gezogen waren. Außerdem breiteten sich die Schmerzen entlang der Wirbelsäule nach oben aus, obwohl sich im MRT für den Bereich der Brustwirbelsäule ein Normalbefund ergab. Die abnormalen MRT-Befunde der Lendenwirbelsäule sind darüber hinaus bei etwa 50–70 % der Gleichaltrigen ohne derartige Beschwerden zu sehen.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
26 November 2025
Volume:
276 p. 27 illustrations
ISBN:
9783170367340
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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