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GANIJEWA • VERLETZTE GEFÜHLE

ALISSA GANIJEWA

Verletzte Gefühle

Roman

Aus dem Russischen

von Johannes Eigner


Gefördert von der Autonomen NPO

»Institut für Übersetzung«, Russland.



A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12

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Copyright © 2021 bei Wieser Verlag GmbH,

Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Josef G. Pichler

ISBN 978-3-99029-458-1 (Print Ausgabe)

ISBN 978-3-99047114-2 (Epub)

Zweifelsohne gibt es heute schon nicht mehr jene feierliche, bange Haltung gegenüber der Denunziation wie früher.

Aleksandr Sinowjew, »Homo sovieticus«

So Glotzäugige.

Fjodor Sologub, »Der kleine Dämon«

Personen

Andrej Iwanowitsch Ljamzin: Regionalminister für wirtschaftliche Entwicklung

Ella Sergejewna Ljamzina: Schuldirektorin, Ehefrau Ljamzins

Marina Anatoljewna Semjonowa: Unternehmerin, Geliebte Ljamzins

Pjotr Iljuschenko: Pope

Lena (Lenotschka): Sekretärin Ljamzins

Viktor: Kriminalpolizist

Natalja Petrowna: Stellvertreterin Ljamzins

Nikolaj (Kolja): Angestellter in Semjonowas Firma

Tolja: Angestellter in Ljamzins Ministerium

Tanja: Haushälterin der Ljamzins

Kapustin: Oberstaatsanwalt

Katuschkin: Journalist

Sopachin: Geschichtelehrer in Ljamzinas Schule

Ernest Pogodin: Salonmaler

Tschaschtschin: Theaterdirektor

1

Ein Mann lief torkelnd im Nieselregen. »Der ist wohl betrunken«, dachte Nikolaj, »den schmeißt es ordentlich hin und her.« Die Straße verschwamm schon im Dämmerlicht, im Schein der unregelmäßig flackernden Lampen auf ihren Aluminiummasten. In der städtischen Beleuchtung ging allem Anschein nach das Quecksilber zu Ende. Ivan der Schreckliche litt an Quecksilbervergiftung, kam es Nikolaj plötzlich in den Sinn. Er behandelte seine Syphilis und rieb die Beine mit Quecksilbertinktur ein. Oder man rieb sie ihm ein? Am Bächlein, am Bächlein, an jenem Uferstückchen, wusch sich Marusenka die weißen Füßchen, mit wem warst du, Marusenka, die ganze Nacht unterwegs, mit wem, Ma…

Eine große Hand klatschte mit voller Wucht ans nasse Seitenfenster. Nikolaj ließ die Scheibe herunter: Es war eben jener Torkelnde. Teure Jacke, goldener Ring am Finger, ein durchaus solider, aber aus irgendeinem Grund aufgeregter Gesichtsausdruck. Betrunken ja, aber nicht einer aus der Gosse.

»Nimm mich mit, mein Freund!«, flehte der Mann mit unerwarteter Bass-Stimme, wobei er sich nervös über das vom Regen nasse Gesicht wischte.

»Schau ich etwa aus wie ein Taxifahrer?«, knurrte Nikolaj verdrossen.

»Es ist dringend, Bruder, sehr dringend! Ich zahl’ auch dafür!«

»War ich nicht deutlich genug? Ich bin nicht dein Kutscher!«

Die Ampel leuchtete grün auf, und hinten begann man ungeduldig zu hupen. Doch der sonderbare Mann legte sich mit seinem gesamten Elefantengewicht auf das Auto, ein Losfahren war nicht möglich.

»Hör zu, verschwinde von hier!«, schnauzte ihn Nikolaj an. Da zog der Unbekannte vor dessen Nase die Geldtasche hervor – feinstes Kalbsleder – und begann plötzlich Fünfhunderterscheine in das Wageninnere zu werfen. Das Geld fiel auf Nikolajs Schultern, auf sein rundliches Bäuchlein und flatterte irgendwo hin unter den Sitz. Hinter ihm auf der Straße ging das erboste Gehupe weiter.

»Geht’s noch?«, brummte Nikolaj in immer größer werdender Verzweiflung, und er entriegelte nach kurzem Zögern die hintere Tür. Der Mann ließ sich schwer atmend auf die Sitzbank plumpsen. Die Tür fiel ins Schloss, der Wagen fuhr stotternd los.

Nikolaj richtete den Rückspiegel ein, der dort hängende Rosenkranz kam in heftiges Baumeln. »In der Hand der Rosenkranz, im Kopf die Weiber ganz …«, huschte es Nikolaj unangebrachterweise durch den Kopf. In der regennassen Fensterscheibe spiegelte sich das angstvolle Gesicht des Passagiers.

»Wohin musst du überhaupt?«, erkundigte sich Nikolaj streng.

»Und du selbst?«, schreckte der Mann hoch.

»Ich muss ins Zentrum.«

»Ich auch. Aber mach bitte einen Umweg, machen wir eine Extra-Runde.«

»Bist wohl vor jemandem auf der Flucht, oder?«

Der Mann verstummte und stieß weiter kurze, heftige Atemzüge aus. Er roch, was verwunderlich war, überhaupt nicht nach Alkohol. Nikolaj starrte gedankenverloren auf die nasse Straße. Irgendwo hatte er gelesen, dass sich jede Minute sieben Prozent der Menschheit in betrunkenem Zustand befinden. Wie viele sind das insgesamt? Nikolaj legte die Stirn in Falten und schätzte. Fünfzig Millionen? … Wenn dieser schnaufende Alte tatsächlich einen sitzen hat, müsste man das ziemlich riechen. Vielleicht überdeckt das Kräutersäckchen, das seine Frau an der Windschutzscheibe angebracht hat, den Geruch. Ätherische Öle. Selbstgenähtes Aroma-Sachet. Unregelmäßige Stickerei.

Die Frau hat gesagt, das ist ein Gebrauchtwagen, das heißt, er ist von der Energie der früheren Besitzer verseucht. Da bedarf es eines Reinigungsrituals. Du hältst über der Motorhaube eine mit einem Geldschein entzündete Kerze, wenn auch nur mit einem Hundertrubelschein, Hauptsache, er verbrennt ganz, und du rufst laut: »Auf den Erfolg gezahlt!« Du gehst zwölf Mal im Uhrzeigersinn um das Auto herum, bläst die Kerze aus, wirfst den Stummel weit von dir, und die Sache ist erledigt.

Nikolaj sog den Lavendelduft ein.

»Haben Sie das gehört?«, er wandte sich an den Passagier, den er auf einmal mit »Sie« ansprach. »Vor kurzem hat mir ein Kollege erzählt, dass die Ameisen, also wissen Sie, die Ameisen sich über den Geruch verständigen.«

»Hm, was?«, rührte sich der Mann auf dem Hintersitz.

»Die Ameisen, habe ich gesagt. Die haben Pheromone. Und wenn nun eine Ameise stirbt, so bleiben diese Pheromone noch eine Weile erhalten, und, stellen Sie sich vor, die übrigen Artgenossen plaudern mit ihr noch eine Woche. Sie glauben, sie lebt noch. Und wenn man umgekehrt auf eine lebende Ameise Fäulnisgeruch sprüht, so als ob sie schon in Verwesung begriffen wäre, dann ist es aus mit ihr. Sie wird zu Grabe getragen.« Nikolaj schmunzelte. »Die Arme wehrt sich dagegen, will zurücklaufen in den Ameisenhügel, aber zack, sie wird erneut gepackt und zur Beerdigung geschleppt. Unglaublich, was? Dass so was möglich ist!«

Der Passagier begriff anscheinend, worum es ging, und nickte zustimmend. Er schnaufte noch immer und griff sich in Brusthöhe an seine modische Jacke.

»Ich wusste nicht, dass es bei Ameisen Beerdigungen gibt.«

»Die haben wahrscheinlich auch ihren Leichenwagen, das würd’ mich nicht wundern«, grinste Nikolaj. Es erheiterte ihn auf einmal, dass er ohne jeden Hintergedanken, einfach so unversehens den Passagier am Haken hatte. »Und warum haben Sie nicht ›Uber‹ genommen?«

»Uber … Uber … damit die nachverfolgen können, wohin und woher? Nein, mir reicht es.«

»Wer ist denn hinter Ihnen her?«

Der Mitfahrer jedoch zog sich wieder in sich zurück und schwieg.

»Ein jeder hat seine Ängste«, sinnierte Nikolaj laut vor sich hin. »Manche haben Angst, das Telefon zu Hause zu vergessen. Meine Tochter ist so eine. Das hat sogar eine eigene Bezeichnung. Ich hab’s vergessen. Irgend so eine Phobie. Es gibt Angst vor Mikroben. Vorm Altern. Vor Maulwürfen, Flugzeugen, Gold, Blindheit. Angst davor, an Krebs zu erkranken, in Scheiße zu treten. Zu heiraten. Sich zu verlieben. Leute anzufurzen. Vor einer Menge im Rampenlicht zu stehen. Vor Ärzten, der Schwiegermutter, dem eigenen Spiegelbild. Vor Läusesucht, Strahlung, AIDS, Terroristen. Einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen, ein Haar im Abendessen zu finden. Vor Clowns, Computern, Zugluft. Mundgeruch. Leeren Räumen. Tunnels, Höhe, Wasser, Geld, Medikamenten. Bösen Geistern …«

»Was arbeiten Sie?«, unterbrach ihn der Passagier unvermittelt.

»Ich? In einer Baufirma. Und Sie?«

»In einer Baufirma?« Der Mann wurde lebhafter. »In welcher?«

»Sie etwa auch?« Nikolaj richtete von Neuem den Rückspiegel ein, um irgendwie das Gesicht des Gesprächspartners zu sehen zu bekommen.

Doch anstatt zu antworten starrte der Mann nur ins feuchte Dunkel.

»Wo sind wir da?«

»So wie Sie gebeten haben. Wir fahren jetzt außen herum, und dann ins Zentrum.«

Der Mann beruhigte sich anscheinend. Er wandte sich vom Fenster ab und sagte im Vertrauen: »Das mit den Ängsten … in letzter Zeit habe ich auch Angst vorm Telefon. Augen, überall Augen, verstehen Sie?«

Nikolaj schien verstanden zu haben. Getrübtes Urteilsvermögen. Verfolgungswahn. Wie heißt das noch mal, paranoide Schizophrenie. Schrittweise hat sie sich in die Stadt geschlichen und offenbar jeden Einzelnen in ihren Würgegriff genommen. Bekannte von Nikolaj setzten sich während Gesprächen immer öfter auf ihre Telefone, ließen sie unter ihren warmen Hinterbacken verschwinden, verklebten das Video-Auge der Notebooks mit Isolierband, bewegten sich auf Zehenspitzen im Netz, nur anonymisiert …

In Nikolajs Kopf tauchten kuriose alte Plakate auf. »Schwätze nicht am Telefon, den Schwätzer findet der Spion«. »Der Feind ist bös und schlau – mit beiden Augen schau« … Die Schwiegermutter kam ganz aufgeregt aus dem Krankenhaus. Es stellte sich heraus, dass die Urin- und Stuhlproben der Patienten in ein kommerzielles Labor geschickt wurden. Und von dort angeblich direkt an ausländische Agenten für irgendeine ungeheuerliche Sabotage. Welche genau, konnte niemand vernünftig erklären, doch das Labor wurde schon von Leuten aus den Diensten durchsucht. Die ganze Aufregung wegen einer einzigen zufälligen Mitteilung »an die Stellen«. Ein achtsamer Bürger. »Achtsamkeit ist des Feindes Leid« …

Nikolaj rief sich noch einmal das Bild der wie ein aufgeregtes Huhn gestikulierenden Schwiegermutter in den Kopf … Gut, er hat noch weit bis zur Pension. Eine fatale Sache. Grütze und Schwarzbrot. Er erinnerte sich an einen Witz, den er gestern von Stefan, einem Arbeitskollegen beim Generalunternehmer, gehört hat:

»Auskunft – was wollen Sie?« – »Hallo, Enkelchen, gib mir das Nümmerchen vom Telefon, wo sie, na, die Pension auszahlen.« – »Entschuldigen Sie, wir vermitteln keine Auslandsgespräche …«

Nikolaj wieherte vor Lachen, Beljaewa, die mürrische Schachtel, schielte missbilligend auf sie: Worauf, möchte ich wissen, spielt ihr da an.

Übrigens, mit der Arbeit hatte Nikolaj Glück, über einen Freund ist er hineingekommen. Beschaffungsabteilung, Großaufträge von der Stadt und der Regionalregierung. Unlängst wurde die Eishalle für das Sportfest übergeben. Blitzlichter, rote Bänder, Festtagsreden. Dann wurden die Wände feucht, die Fugen waren schlecht abgedichtet. Alles wurde auf den Sub-Unternehmer geschoben … »Man hätte es so wie die Chinesen machen sollen«, scherzte Stepan. »Als sie ihre Mauer bauten, haben sie gekochten Reis zum Zement getan.«

Reis mochte Nikolaj nicht, und ein Teil der für die Halle bestimmten Metalldachfliesen soll auf dem neuen Dach der Landvilla der Chefin entdeckt worden sein. Marina Semjonowa ist die Generaldirektorin. Junges Blut, gepflegteste Hände. Nikolaj hat sie erst einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen, beim Silvesterbesäufnis. Dafür hing ihr Ölportrait im Empfangszimmer. Eine Arbeit des jungen Künstlers Ernest Pogodin. Zobelpelz, herausfordernder Blinzelblick. Leichtes Sfumato, lasuriert. Schwerer Goldrahmen. Stammkunden erhalten Rabatt.

Das Auto holperte voran, die dunkle Straße war mit Schlaglöchern übersät, die Räder durchfurchten schmatzend die Pfützen. Nikolaj fluchte. Der Asphalt war erst im Vorjahr erneuert worden – während Schneefalls und kunterbunt mit Dreck vermischt, nur damit es zum Stichtag fertig wurde. Und jetzt, bitte, nichts als Schlick und Gräben.

»Haben wir’s?«, keuchte der Passagier auf.

»Sie haben mich ja hierher gejagt, was grummeln Sie jetzt daher. Gleich steigen wir aus«, schnappte Nikolaj über die Schulter zurück.

Der Regen wurde heftiger, es prasselte hernieder und klatschte unverfroren auf das Wagenäußere, wie eine Männerhand auf einen Frauenschenkel. Die Scheibenwischer flogen tachykardisch rasend hin und her. An den Straßenseiten waren schon keine hölzernen Wohnbaracken mehr zu sehen, bloß noch eine Betonabzäunung. PO-2-Zaunelemente mit hervorspringenden Rhomben. Die Aufschriften waren in der hereinbrechenden Dunkelheit nicht zu erkennen, aber die paar größten hielten sich jahrelang, Nikolaj hatte sie sich gemerkt. Eine weit ausladender Anschlag »Tamada[1] und Akkordeonist« samt Telefonnummer, ein schiefes, halb verblichenes »Russland für die Traurigen!«

»Jetzt noch um die Ecke und wir drehen um. Wie geht es Ihnen?«, rief Nikolaj dem auf dem Rücksitz hin und her sackenden Passagier zu, doch der war anscheinend eingenickt und keuchte nur etwas Unverständliches.

»Das hat noch gefehlt, dass ihm womöglich schlecht wird«, dachte Nikolaj. Die Fahrbahn bot nun keinerlei Halt mehr, das Auto heulte auf, die Räder verwirbelten die Pfütze zu schmutzigem Schaum.

»Wir kommen nicht vom Fleck!«, schrie Nikolaj und stieg bis zum Anschlag auf das Gaspedal. Wieder und wieder. Der Reifen kratzte am abgebrochenen Rand des Asphalts, das schwere Vordergestell hob sich, der Wagen erzitterte mit Geheul, um schließlich kraftlos wieder zurück ins Schlammwasser zu rutschen. Es fehlte bloß ein Quäntchen mehr Antrieb. Wenn doch der Passagier für einen Augenblick ausstiege …

Nikolaj drehte sich um. Der Mann lag halb da, an die Seitentür gedrückt, und war, so schien es, gänzlich weggetreten.

»He, Alter«, rief Nikolaj, »wir sind steckengeblieben! Aussteigen!«

Schweigen. Keine Reaktion.

»Schei…benkleister«, stieß Nikolaj verärgert hervor, schlug den Mantelkragen hoch und stieg vorsichtig hinaus in das rauschende, nasse Etwas.

Er stand sofort bis zum Knie im kalten Wasser und fluchte noch lauter. Vorsichtig begann er, das abgesunkene Heck anzuheben, wobei er jeden erdenklichen Halt zu finden versuchte. »Dieser Ganter dort hinten ist ja schon ganz gaga, der schiebt mich nicht hinaus. Nun gut, allein schaffe ich es nicht, jemand wird schon anhalten und helfen«, dachte Nikolaj, den es am ganzen Leib fröstelte. Die Straße war allerdings schon vollkommen menschenleer, nur ein Ungetüm von LKW dröhnte vorbei, noch von der Ferne umgab es ihn mit grauen Schwaden.

Nachdem sich Nikolaj zur Hintertür durchgearbeitet hatte, klopfte er einige Male an die Scheibe, doch sein Mitfahrer rührte sich kein bisschen. Seine Nase war an die Scheibe gedrückt, eine weiß schimmernde, unförmige Knolle.

»Na komm«, knurrte Nikolaj, riss an der Türschnalle und öffnete die Tür auf Anschlag.

Da kippte der Mann aus dem Wageninneren und fiel Nikolaj wie niedergemäht vor die Füße. Mit der Stirn schlug er an den schiefen, aus der Pfütze ragenden Randstein, seine Arme waren unter dem Gewicht des Rumpfes unnatürlich verdreht. Die kurzen Beine in feinsten Lackstiefeletten verschwanden im schwarzen Wasser. Der Mann bewegte sich nicht.

»Hören Sie!«, schrie Nikolaj, nervös schluckend, mit einer ihm fremden kreischenden Stimme. »Machen Sie da irgendwelche Spielchen?«

Er hockte sich nieder und schüttelte den Mann an den Schultern. Sein Körper war völlig reglos, und von der Stirn floss Blut in einem dünnen Rinnsal, das alsbald vom Regen weggewaschen wurde. Ein Auge starrte leblos auf den Tanz der Regentropfen auf der Straße, das andere war zum Boden gedrückt. Unter leisem Zähneklappern legte Nikolaj seine Fingerkuppen auf den Kehlkopf des Mannes und tastete seitwärts bis zur weichen Vertiefung am Hals. Er hielt inne, wartete. Kein Puls zu spüren. Da durchfuhr es ihn: am Handy muss eine Taschenlampe sein; das Wichtigste jetzt ist, keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Im Übrigen waren ohnehin keine Autos auf der Straße. Kein Arbeitstag, kaum bewohntes Gebiet. Keine Beleuchtung, keine Menschenseele.

Er schaltete die Taschenlampe ein und richtete den Lichtstrahl auf das eine Auge. Die Pupille reagierte nicht. Über Nikolajs Brust rannen Schweißtropfen, obwohl ihm die Kälte durch und durch ging. Es musste etwas getan werden. Die Polizei anrufen? Da wird man ihm sofort einen Mord anhängen. Nein, kommt nicht in Frage. Die Jacke des Mannes durchstöbern, nach Ausweis, Telefon? In der Geldtasche des Toten müssen ja Kreditkarten sein … nein, geht nicht, das hinterlässt Fingerabdrücke.

Die Flucht ergreifen, es blieb nichts anderes übrig! Nikolaj packte den Mann am Kragen seiner Lederjacke und zog ihn auf das, was ein Gehsteig sein sollte, geradewegs zum Zaun. Die nasse Jacke war ganz glitschig, fast wie flüssiger Teer, und rutschte aus den vor Anspannung verkrampften Fingern, das Herz pochte dumpf in seinem knöchernen Käfig. »Schneller, schneller«, hämmerte sich Nikolaj ein. Nachdem er den Leichnam weggeschleppt hatte, klopfte er die Taschen seines Mantels ab – alles da, nichts verloren in der Pfütze. Er lief zur Fahrertür. Sprang hinein, versperrte von innen, legte die Hände aufs Lenkrad, atmete durch und fuhr los.

Es kam ihm in den Sinn, dass die Geldscheine, die der Tote ins Wageninnere geworfen hatte, jetzt unter seinem Sitz, unter dem tropfnassen Mantel, aufgeweicht sein müssen. »Warum nur hab ich diese seltsame Figur einsteigen lassen!«, ging es ihm wie eine Leier durch den Kopf. Er fuhr auf eine beleuchtete Straße und dann immer weiter durch den strömenden Regen, er wusste selbst nicht, wohin. Der im Regen wankende Unglücksvogel hatte sich in seinem Gedächtnis festgekrallt. Nun liegt sein Leichnam beim Betonzaun, mit dem Gesicht nach unten, die Nasenlöcher im Dreck. Der hat schon beim Petrus angeklopft … Hätte er zuvor zufällig noch gelebt, so wäre er jetzt sicher erstickt. Das Genick angehoben, der nasse Kragen der Jacke zerknautscht. Nikolaj musste daran denken, dass sich auch Tote noch bewegen können. Elektrochemie. Muskelkontraktionen. Spasmen der Gliedmaßen, Zusammenkrampfen der Finger. Scheinbare Kopfbewegungen infolge inneren Gasdrucks. Ein plötzlicher Stöhnlaut der von Luft umspielten Stimmbänder … Vielleicht machte auch der jetzt einen Katzenbuckel oder bog sich zu einem Rad.

Im Handschuhfach klingelte das Telefon, langsamer Glockenton. Seine Frau suchte ihn. Nikolaj sollte schon längst zu Hause sein von seinem ehemaligen Institutskollegen. Der hatte ihn eingeladen in sein Häuschen, wie es sie viele gibt in der Stadt. Er wollte auf Freundschaftsbasis zum Großhandelspreis eine Spanndecke fürs Wohnzimmer bestellen.

Motorsäge »Freundschaft« – erinnerte sich Nikolaj auf einmal und erschrak darüber, dass er an so einen haarsträubenden Unsinn dachte, doch dieser Unsinn klebte in seinem Gedächtnis fest. »Freundschaft«. Einzylinder-Verbrennungsmotor. Vier PS. Die Bezeichnung steht zu Ehren des dreihundertsten Jahrestages – 1954 – der Vereinigung der Ukraine mit Russland. Das Hetmanat und das russische Zarenreich. Das Vierundfünfzigerjahr also. Das heißt, sechs Jahrzehnte später … Zuerst die Herstellung der Freundschaft, dann die Herstellung der historischen Gerechtigkeit, dann … die Herstellung feuchten Gipskartons … »Zum Teufel, was geht mir da im Kopf herum?«, stöhnte er laut.

Das Telefon läutete wieder und wieder. Nein, Nikolaj konnte jetzt mit niemandem sprechen … »Mit welchem Glockenton beginnt die Melodie?«, fragte er sich plötzlich besorgt. »Mit dem Ton der kleinen oder der großen Glocke? Wenn mit dem der Kleinen, dann ist es die Trauerstimmung. So ist es wohl – oder nicht?« Nikolaj spitzte die Ohren, als hinge von der Abfolge der Glockentöne seine Zukunft ab. Doch die Melodie brach unvermittelt ab.

Er umrundete zum x-ten Mal das desolate Gebäude des ehemaligen Pionierpalastes und begriff, dass er um ein und dasselbe Viertel kreiste, über die immer selben Kreuzungen. Was, wenn ihn die Straßenkameras fixiert hatten? Obwohl, wegen der Regenfluten sind die wahrscheinlich nicht funktionstüchtig. Nikolaj hielt bei der nächsten Abzweigung an, stellte den Motor ab und stützte sich benommen an die verschwommene Windschutzscheibe. Seine Mutter hatte Regenallergie. Wenn es vom Himmel schüttete, röteten sich ihre Augen, die Stimme versagte und sie bekam Pickel. Sie hatte Angst vor Regen, schloss die Fenster, ging in das hinterste Zimmer. Sie hatte Angst … Dieser Mann hatte gesagt, er habe Angst.

Nikolaj führte sich wieder und wieder das Bild vor Augen, wie der Unbekannte aus seinem Auto kippte. Mit der Stirn auf den Randstein. Den Randstein. Pressbeton … Nikolajs Hand löste sich vom Lenkrad und drückte krampfhaft auf die Hupe. Einige verschwommene Gestalten, die am Gehsteig vorbeihuschten, hielten kurz inne, um zu schauen, woher der Hupton kam, und verschwanden alsbald mit ihren zusammengeklappten Regenschirmen in ein Haus. Es war ein Café.

Schon ein paar Minuten später saß auch Nikolaj drinnen. Er hörte, wie sich seine eigene Stimme, völlig unabhängig von ihm und ziemlich fest, an die Kellnerin wandte und eine Tasse Kaffee verlangte.

»Und vergessen Sie die Milch nicht.«

»Die Milch ist aus«, antwortete die Kellnerin. »Ich kann einen Americano anbieten.«

Nikolaj nickte. Die Kellnerin war sehr jung, etwa im Alter seiner Tochter. Die Haare zu einem Zopf geflochten. Bordeauxfarbene Schürze. Leicht plattfüßig. Sie verschwand hinter den Tischen, an denen junge Leute die Köpfe zusammensteckten und fröhlich durcheinander plapperten. Das Café war gut besucht. In einer Ecke eine ausgelassene Männerrunde. Sie fletschten die Zähne vor Lachen, sodass die Goldkronen funkelnd zum Vorschein kamen. Aus irgendeinem Grund kam Nikolaj eine Freundin seiner Frau in den Sinn, die sich in der städtischen Zahnambulanz mit Hepatitis angesteckt hat. Colgate Zahnpasta. Angeblich heißt das aus dem Spanischen übersetzt »geh und häng dich auf«. Geh und … Nikolaj fasste sich an den Kopf, der ihm dröhnte und voll war von dummem Zeug, welches er einfach nicht losbekommen konnte. Bloß an irgendetwas denken, um sich nicht an den leeren, trüben Blick desjenigen zu erinnern, der jetzt in der Dunkelheit mit dem Gesicht nach unten im Regen lag. Nikolaj befühlte seine Hose – durch und durch nass, gleich wird es ihn frösteln und er sich verkühlen. Und wieder fuhr ihm so eine unnütze Frage durch den Kopf: Warum friert heißes Wasser schneller zu Eis als kaltes? … Was wird aus seinem verstorbenen Mitfahrer, wenn es in der Nacht friert und die Pfütze zu Eis erstarrt? Er wird wohl schon ganz unter Wasser sein.

Die Kellnerin stand vor Nikolaj und klimperte mit der Kaffeetasse. Schwarzer Inhalt, weißer Rand. Sie drehte sich um und ging zur lachenden Runde, von wo man sie gerufen hatte. Der Lauteste von denen, der mit den Goldkronen, erzählt etwas Lustiges, sie wird verlegen und schwenkt ihren Zopf hin und her. Über ihnen laufen auf dem an der Wand befestigten Flachbildschirm tonlos die Nachrichten. Bild um Bild. Inspizierung der beschädigten Stromleitungen, ein Alte im Frotteemantel mit fleckigen Händen klagt, dass es kein Licht gibt, die streng frisierte Ansagerin bewegt unkoordiniert ihren Mund. Nikolaj nippte am Kaffee und zuckte, da er heiß war. Wieder blickte er auf den Bildschirm. Man zeigte irgendeinen Funktionär vor städtischem Hintergrund. Ein bekanntes, aber doch nicht zuordenbares Gesicht, ovale Figur, lässig aufgeknöpfte modische Jacke …

Nicht doch! Plötzlich durchfuhr Nikolaj eine heftige, aufwühlende Ahnung. Er starrte auf das Gesicht des Sprechenden. Dass er ihn nicht gleich erkannt hat! Aus dem Bildschirm blickte und sprach zu ihm sein Mitfahrer von vorhin. Stimmt es wirklich? Nikolaj kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Ja, das war der nämliche Mann. Eben der, der auf der Straße dahingetorkelt war. Da gab es keinen Zweifel. Vor Aufregung nahm Nikolaj einen großen Schluck, verbrannte sich, spuckte den Kaffee geschwind zurück auf die Untertasse und sog Luft durch seine zusammengerollten Lippen. Auf dem Bildschirm bewegte Andrej Iwanowitsch Ljamzin weiterhin energisch seinen Unterkiefer, also niemand anderer als der Regionalminister für wirtschaftliche Entwicklung. Der nunmehr – vorerst hatte außer Nikolaj niemand eine Ahnung davon – verstorbene Minister.

Ihm wurde übel und quälend drängte es ihn zur Toilette. Er stand auf und ging raschen, gleichwohl gehemmten Schrittes zum WC.

2

»Also, es wurde tatsächlich nichts gestohlen?«, wunderte sich Anetschka, die Sekretärin.

»Offizielle Kommentare gibt es keine, aber der Journalist von ›Sirene‹, na, wie heißt er gleich, Katuschkin, der schreibt, dass man beim Toten Geldtasche und Telefon gefunden hat. Nur die Scheine sind nassweich geworden«, merkte Stepan an.

»Von dem, was euer Katuschkin zusammendichtet, muss man die Hälfte abziehen. Warten wir, was in den normalen Nachrichten kommt, dann werden wir es erfahren«, stutzte Beljaewa ihn zurecht, und sie begann geräuschvoll den Heftapparat zu füllen.

Nikolaj saß gedrückt in einer Ecke des Büros der Beschaffungsabteilung und spitzte seinen Bleistift. Von morgens an erörterten die Kollegen die alptraumhafte Nachricht und drehten und wendeten ein und dasselbe in alle möglichen Richtungen. Die Vorgesetzten hatten sich irgendwo in den oberen Stockwerken eilends zu Beratungen zusammengefunden. Durch den plötzlichen Tod Ljamzins waren große Bauprojekte der Firma bedroht. Die Agenturen waren in Aufregung, im Internet spitzte man die Ohren.

»Sonderbar, dass er in dieser verlassenen Gegend ganz allein war«, brach es zum wiederholten Mal aus Anetschka hervor.

»Sonderbar, dass man ihn überhaupt gefunden hat«, erwiderte Stepan eifrig. »Der Kanaldienst kommt da sonst nie hin. Nicht einmal auf dem Hauptplatz haben sie es in drei Jahren geschafft, eine Stelle freizupumpen. Und nun sind sie auf einmal die ganze Stadt abgefahren, um die Auswirkungen des Regens zu begutachten. Hörst du, Kolja? Sie haben sich endlich besonnen. Sonst läge der Minister noch immer am Straßenrand und wär schon von den Hunden zerfressen.«

Nikolaj stammelte wirr vor sich hin. Beljaewa betätigte wie wild den Heftapparat. Alle in der Abteilung wussten, dass sie Haarausfall hatte. Büschelweise verlor sie die Haare. Sorgfältig verbarg sie die blanken Stellen mit einem Dutt. »Dutte und Perücken, wir kaufen Haare zu Bestpreisen«, stand auf einem Plakat im Lift des Hauses von Nikolaj. Die Tochter erzählte gestern beim Frühstück, dass man früher bei Hof morgens schwarze Perücken trug, tagsüber braune und abends weiße. Kontrastprinzip. Gestern beim Frühstück. Noch vor der Katastrophe … Die rotgeränderten Holzkringel fielen aus dem Spitzer, matt erglänzte die Bleistiftmine.

»Wie lang ist er denn dort gelegen?«, fragte Anetschka.

»Zum Teufel, es ist nicht zu fassen, wir haben noch zusammen den Bericht gelesen. Höchstens zwölf Stunden. Mehr wird vorerst nicht bekannt gegeben«, warf Stepan ein, während er im Zimmer hin und her ging. »Was meinst du, Kolja, ist er so gestorben oder hat man ihn ums Eck gebracht?«

»Er kann auch so gestorben sein …«, murmelte Nikolaj.

»Kennt ihr den?«, grinste Stepan und fuhr fort, wie immer, ohne die Antwort abzuwarten: »Eine Banane und eine Zigarette streiten sich, wessen Tod schrecklicher sei. Die Banane sagt: ›Mein Tod ist grauenvoll. Man zieht mir die Haut ab und verspeist mich lebendig.‹ Darauf die Zigarette: ›Das ist noch gar nichts. Mir zünden sie den Kopf an, und dann saugen sie am Hintern, damit der Kopf weiterbrennt‹.«

Stepan wieherte mit krächzender Stimme los. Anetschka wurde rot. Beljaewa presste die Lippen zusammen und rüttelte empört an den Tischladen.

»Und habt ihr den schon gehört?«, kam Stepan in Fahrt, ohne sie zu beachten. Er ging weiter hin und her, von Ecke zu Ecke. »In der Wohnung eines Mannes tauchte an der Decke ein schwarzer Fleck auf, am nächsten Tag starb der Mann an einem Herzinfarkt. Dann das Gleiche in einer anderen Wohnung – der Bewohner bemerkte einen schwarzen Fleck an der Decke, und am nächsten Tag starb er an einem Herzinfarkt. Und dann tauchte in der Wohnung von Iwanow ein Fleck auf …«

»Mir reichen diese Witze«, seufzte Anetschka laut auf.

»Also ein Fleck bei Iwanow«, fuhr Stepan lauter werdend fort. Der ruft bei der städtischen Hausverwaltung an. ›Hallo, ich hab da einen schwarzen Fleck an der Decke. Kann man das richten? Gut. Und was kostet das?‹ Man antwortete ihm etwas. ›Wie viel?‹, fragte Iwanow nochmals – und starb an einem Herzinfarkt.«

Stepan grunzte wieder vor Vergnügen.

»Wenn Sie sterben, Stepan, werde ich auch lachen«, sagte Beljaewa in schneidendem Ton, stand auf und ging aus dem Zimmer. Am Gang war lebhaftes Stimmengewirr zu vernehmen, ein lautes Durcheinander von Männerstimmen, durchschnitten von Stöckelschuh-Geklapper. Anetschka sprang zur Tür, trippelte dem Haufen nach, steckte dann den Kopf zur Tür herein, um in düsterem Flüsterton zu verkünden: »Die Semjonowa ist gekommen!« Und verschwand wieder.

»Also, wenn die Generaldirektorin da ist, heißt das, dass es brennt«, schloss Stepan und setzte sich zu Nikolaj. Der war mit dem Bleistiftspitzen fertig und klimperte nun stumpfsinnig mit den Lidern, während er auf den vor ihm liegenden Tischkalender schaute, auf dem unten die Monate standen und oben unter der Überschrift »Russlands treue Söhne« vor dem Hintergrund goldener Kuppeln Recken in den Sonnenuntergang ritten.

Stepan blickte zu Nikolaj, seufzte und fragte ihn ganz leise: »Weißt du wohl, dass sie unsere Semjonowa zum Verhör vorgeladen haben?«

Nikolaj riss es: »Wozu?«

»Was heißt da, wozu? Ljamzin war ja ihr Liebhaber. Hast du das nicht mitbekommen?«

Schon eine ganze Zeit lang hatte Nikolaj von solchen vagen Anspielungen und Gerüchten gehört, und dennoch ist es ihm während der ganzen letzten, schlaflosen Nacht kein einziges Mal in den Kopf gekommen.

»Und weiter?« Er fixierte Stepan.

»Nun, gestern hat sie ihn anscheinend bei sich erwartet. Ljamzin hat seinen Chauffeur heimgeschickt und ist mit dem Taxi zu ihr gefahren. Und ist auch, so scheint es, dort angekommen. Aber zu ihr hinaufgegangen ist er nicht. Semjonowa hat vergeblich auf ihn gewartet. Angeblich. Vielleicht flunkert sie auch. Jetzt wird sie sich wohl beeilen, die Dokumente zu verbrennen.«

»Welche Dokumente?«

»Kolja, stell dich nicht so blöd«, Stepans Geplapper wurde immer schneller und schneller, »warum, glaubst du, haben wir die fettesten Aufträge bekommen? Ljamzin hat alle anderen Angebote mit irgendwelchen Begründungen ausgeschieden. Einmal passten die Fristen nicht, ein andermal die Formalitäten. Und wir blieben als Sieger übrig. Die Eishalle – wir, das neue Spital – wir, die Renovierung des Bahnhofs, bei der wir drei Jahre herumgetan haben – auch unser Auftrag. Und diese Brücke für den Schwerverkehr, du erinnerst dich …«

»Ja, natürlich. Da hat sich auf einmal herausgestellt, dass der Grund und Boden nicht der Stadt gehört. Der musste schwarz abgekauft werden.«

»Genau, und wem?«, zwinkerte Stepan verschmitzt.

»Woher soll ich das wissen.«

»Der Semjonowa! Auf dem Papier halt dem Ehemann der Schwester. Sie hat also zweimal aus dem Budget scheffeln können. Für das Grundstück und für den Auftrag. Und Ljamzin war dabei behilflich. Er hat aber auch an sich gedacht und sich einen kleinen Kick-Back genehmigt.«

»Und wieso haben sie ihn bis jetzt nicht zerrissen?«, fragte Nikolaj erstaunt, nachdem er erst so richtig begriffen hatte.

»Es sieht ja ganz so aus, dass sie ihn eben zerrissen haben. Ljamzin balancierte zuletzt am Abgrund dahin. Unser Abteilungsleiter hat mir heute gesteckt, dass es so Gerüchte gab, man habe den Toten mit, na wie sagt man, mit anonymen Anschuldigungen verfolgt. So nach der Art – wir wissen alles, wir werden alles an die zuständige Stelle weitergeben. Dem Gouverneur berichten. Oder halt so ähnlich. Und da hat er das Sausen bekommen.«

»Das heißt, der Denunziant hat ihn auch umgebracht?«, stieß Nikolaj hervor.

Stepan schnalzte mit der Zunge und machte eine abwehrende Handbewegung: »Das sind bloß Gerüchte, und du halt besser still.«

Am Gang waren wieder von fern her Stimmen zu hören, Schritte, undeutliches Rufen. Stepan stand auf, öffnete einen Spalt breit die Tür, schaute hinaus, zuckte mit den Schultern und eilte an seinen Arbeitsplatz zurück, wo er mit der Computermaus fahrig nach neuen Nachrichten suchte. Auch Nikolaj hatte seinen Blick auf den Computer gerichtet, auf die Seite des Stadtforums. Man diskutierte den Mord am Minister. Aber er konnte sich nicht konzentrieren, sein Blick war abgelenkt. »Altersfett? – im Handumdrehen weg mit dem ganz gewöhnlichen, günstigen …«, sprang ihn ein grelles pulsierendes Bild am Rand an. »Um mit 65 wie 43 auszusehen, machen Sie sich zur Angewohnheit, 10 Minuten vor dem Schlaf …«, endete unvollständig ein anderes Bild. Überall blitzten hängende Hüften, rosa Warzen und dreifach aufgeblasene Frauenbrüste.

»Step, es ist ja Mittagspause. Ich habe der Tochter versprochen, gemeinsam zu essen«, sagte Nikolaj schließlich und riss sich vom Bildschirm los. »In einer Stunde bin ich wieder da.«

Nikolaj zog geschwind seinen Mantel an und ging hinaus auf die Straße. Es war windig, kühl und feucht. Vereinzelt schlugen ihm Tropfen ins Gesicht. Der Himmel war wie in einzelne graue Schwaden zerfetzt. Nikolaj erinnerte sich an Ljamzins verlorenen Blick. Es stimmt also, dass man ihn verfolgt hat. Das war keine Paranoia, ganz im Gegenteil. Oder ist das »ganz im Gegenteil« auch eine Diagnose? Wohl Pronoia. Wenn man an Verschwörer glaubt, die einen nicht vernichten, sondern retten wollen. Es kam ihm sonderbarerweise die Geschichte eines Musiklehrers in Kroatien in den Sinn, der ein Zugsunglück, einen Zwischenfall mit einem Flugzeug und drei Autounfälle überlebt hat. Zweimal hat es bei ihm gebrannt, einmal ist er in eisiges Wasser gefallen. Er stürzte in eine Schlucht und konnte sich an einem Baum festhalten. Eine unglaubliche Rettung.

Ein einbeiniger junger Mann auf alten Holzkrücken und in Uniform verstellte Nikolaj den Weg. Die unförmigen Gummi-Enden der Krücken steckten im Schlamm, auf der Brusttasche der Jacke trug er ein St.-Georgs-Band, seine von Brandwunden vernarbte Stirn war faltig wie ein Harmonika.

»Haben Sie eine Zigarette für einen Donbass-Veteranen?«, bat der Einbeinige höflich.

»Ich rauche nicht«, antwortete Nikolaj, wich achtsam rechts am Veteranen vorbei und ging weiter zu seinem Auto.

»Hör zu, du Sauhund«, der Veteran stampfte mit seinen Krücken, »während du im Hinterland deinen Arsch gewärmt hast, habe ich unsere gemeinsame Heimat verteidigt, verstanden?«

»Verstanden«, antwortete Nikolaj gefügig, während er in der Tasche nach dem Autoschlüssel kramte.

»Ich habe für solche Russen wie dich mein Bein geopfert.«

»Ich habe Sie nicht darum gebeten«, antwortete Nikolaj.

»Gib mir etwas, damit ich mir Prothesen leisten kann, guter Mann. Für Medikamente gib mir was! Die Bürohengste haben uns Veteranen im Stich gelassen! Sie haben uns beschissen und sich dann verpisst. Spende ein paar Tausend, hör doch!« Die Stimme des Bettelnden wurde auf einmal ganz gütig und weich.

Nikolaj stieg schweigend ins Auto, während der Veteran ihm immer lauter hinterherschrie und dabei in wüstes Geschimpfe kippte.

»Du bist ja um nichts besser als diese Faschisten, du Häuslbrunzer. Ich merk’ mir deine Nummer, du Dreckschwanz, verstanden? Ich bin nicht allein, wir sind viele! Die Motorhaube werden wir dir zerkratzen, du Schwuchtel …«

Die weiteren Drohungen verloren sich im Knattern des gestarteten Motors. Nikolaj reversierte langsam. »Faschist, Faschist!«, war von Neuem das Geschrei des Veteranen zu hören, und der Wagen fuhr vorsichtig aus dem Hof, in dem noch tief das Wasser vom gestrigen Dauerregen stand. Im Rückspiegel zitterte das Bild des Einbeinigen. »In zehn Jahren«, so dachte Nikolaj, »wird man Gliedmaßen künstlich nachwachsen lassen können, für die, die Geld haben.« Man braucht nur das Bein eines Toten. Als Karkasse. Dann werden Muskelzellen des Empfängers injiziert, es kommt in eine Art Brutkasten, Sauerstoff dazu … Hätte man Ljamzin wiederbeleben können? Künstliche Beatmung. Nikolaj hat es nicht einmal versucht. Vielleicht hat er noch gelebt. Wie soll man das feststellen? Benachrichtigung über einen Todesfall, Paragraph 66 …

Nach der schlaflosen Nacht arbeitete sein Kopf nur mit halber Kraft. Zu Hause hatte ihn die Frau befragt, warum er so durchnässt war. Er log, dass er das Auto nicht habe starten können und anschieben musste. Einen Impuls geben. Impuls – das ist doch Masse mal Geschwindigkeit? So scheint es. Die Ejakulationsgeschwindigkeit beträgt 50 km/h. Nikolaj blickte auf den zitternden Zeiger des Tachometers, dann hinauf auf die Windschutzscheibe – und bemerkte plötzlich, dass unter dem Scheibenwischer ein gefaltetes Blatt Papier steckte. Er bremste ab, sprang aus dem Wagen und nestelte das Blatt hervor … Ein ganzes A4-Blatt, schwarze Druckerpatrone. In großen Buchstaben stand im Querformat gedruckt: »Mörder«. Nur dieses eine Wort. Nikolaj erstarrte. Wer? Wer hat dieses Blatt angebracht? Er blickte sich verstohlen um. Bei der Hofausfahrt war niemand. Bloß eine müde Mutter zog einen Buben mit Schultasche hinter sich her, und ein Mann mit einem Paket schlurfte mürrisch irgendwo hin. Der Veteran, am Ende der Veteran?

Nikolaj war perplex, er setzte sich wieder ins Auto und stieg aufs Gas. Seine Hände zitterten am Lenkrad, und für einige Minuten türmte sich in seinem Gehirn eine einzige große Schwärze zusammen. Dann tauchten fetzenweise einige Gedanken auf. Angenommen, den Zettel hat der Einbeinige daruntergesteckt – wer hat ihn dafür angeheuert? Oder tat er es von sich aus? Warum nur hat er ihm kein Geld gegeben? Er hätte ruhig ein wenig großzügig sein können. Aber wenn es nicht der Krüppel war, wer dann? Das heißt, jemand verfolgte ihn.

Der Zettel flatterte auf dem Beifahrersitz. »Mörder!« Nikolaj überlegte, wie man den Verfasser ausfindig machen könnte. Man sagt, früher habe man von der Schrift auf die Schreibmaschine schließen können. Kann man einfach aufgrund der Tinte den Drucker identifizieren? Bei diesen kriminalistischen Überlegungen wurde Nikolaj immer desperater. Wenn es wenigstens Farbdruck wäre. Er hat gehört, dass Farbdrucker auf jedem Blatt einen Code hinterlassen. Kleine, kaum sichtbare gelbe Punkte.

Vor ihm hielt ein Trolleybus. Im kaum durchsichtigen Rückfenster schaukelten die verschwommenen Gesichter der Passagiere. Der Fahrer war ausgestiegen und in seiner Warnweste auf die Außenleiter geklettert, um den Stromabnehmer wieder einzurichten. Trolleybusse … In Murmansk gibt es die weltweit am nördlichsten eingesetzten, und die längste Linie befindet sich wo? Auf der Krim? Der Fahrer hat sich erfolgreich mit den Leitungsdrähten herumgeschlagen und ist flott wieder heruntergestiegen. Fahrer – oder Führer, das kommt doch von Anführer, Chef? Oder von woher sonst? Und das aus dem Französischen stammende Chauffeur bedeutet Heizer, hat die Tochter gesagt. Warum Heizer? Eben deswegen, weil die ersten Verkehrsmittel mit Kohle betrieben wurden. Die Eisenbahn wurde vor dem Automobil erfunden … Der Bus kam langsam wieder in Fahrt, und Nikolaj folgte ihm – aus irgendeinem Grund überholte er ihn nicht.

Er wollte den verdammten Zettel wegschmeißen. Aber wie? Aus dem Fenster? Er langte mit der Rechten auf den Beifahrersitz, wendete das Blatt und schielte darauf. »Mörder!« Noch dazu mit Rufzeichen. Möglicherweise einer der Kollegen? Beljaewa war wütend irgendwohin abgehauen. Nikolaj stellte sich vor, wie sie sich bückt und das Blatt unter den Scheibenwischer steckt. Aber woher wusste sie davon? Nein, das ist doch alles Unsinn, das träumt er. Es träumt ihm. Nikolaj nahm das Blatt, knüllte es mit aller Kraft zusammen und warf es aus dem Fenster, unter die nassen Reifen. Da hörte er seinen Magen laut und fordernd knurren. Aber er sah sich nicht im Stande, stehenzubleiben, durchzuatmen und in ein Café zu gehen, um etwas zu essen, seine Finger zitterten noch zu sehr. »Wer, wer, wer«, murmelte Nikolaj, schon automatisch, dumpf, wie eine Fabriksmaschine, wie ein Maschinengewehr. Immer dasselbe. Immer dasselbe.

Inzwischen hatte er bemerkt, dass er eben die besagte Strecke fuhr. Er passierte die Kreuzung, an der Ljamzin zu ihm ins Auto gesprungen war, und gleich daneben befand sich der neue Luxusbau, in dem tatsächlich Semjonowa wohnte, mit der der Tote seine amourösen Abenteuer hatte. Und jetzt bewegte er sich Richtung Außenumfahrung, entlang der braunen Pfützen von gestern. Wieder knurrte der Magen. Es verlangte ihn unbändig nach warmer Krautsuppe. »Schau nur, was dort ist …«, dachte Nikolaj, und wusste selbst nicht, was er dort an jenem unseligen Straßenrand sehen wollte. Etwa gar den Leichnam Ljamzins? Gleichzeitig mit Ljamzin ging ihm der dampfende Eintopf durch den Kopf. Krautsuppe und Grütze – zu vielem nütze. Wo Krautsuppe, da auch unsre Truppe. Die Frau kocht keine schlechte, aber er eine noch bessere. Das Wichtigste ist, dass Sauerkraut genommen wird. Und möglichst viel Fleisch. Schweinsrippen. Es heißt, schon die Neandertaler hätten Suppen zubereitet. In einem Ledersack, aber nur für Kranke und Zahnlose.

Nikolaj biss sich auf seine wulstige Lippe. Da, der nämliche Zaun mit den Rhomben. Plakatfetzen. Eines mit dem Foto einer Gemeinderätin »Bei den Frauen ist alles Herz, auch der Kopf«; ein großer Anschlag »Verkaufe Schweinefleisch«, aber sonderbarerweise mit einem Bild von Winnie Puuh. Wieder dachte er an die Schweinsrippen. Dem Guten tut man Gutes schlicht, dem Schlechten man die Rippen bricht. Schließlich gelangte er an jene Stelle, an der er gestern seinen Passagier zurückgelassen hatte. Dort machten sich einige Leute in zivil und unbestimmten Aussehens konzentriert zu schaffen, einer hatte wohl ein Maßband oder etwas Ähnliches dabei. Wer waren die Leute? Kriminalbeamte? Daneben, beim Graben, waren Autos geparkt – kein Blaulicht, keine Aufschriften. Nur nicht langsamer werden …

Plötzlich schien es Nikolaj, als ob einer der Männer geradewegs zu ihm blickte. Rasch wandte er seinen Blick ab und schaute starr nach vorne, auf die Straße. Er erinnerte sich daran, dass man zum Stressabbau abwechselnd mit der Brust und dem Bauch atmen sollte. Aber nur der Bauch tat mit. Er blähte sich und sank wieder ein. Nikolaj wog neunundachtzig Kilo, er sollte abnehmen. »Im Gefängnis wirst du schon abnehmen«, grinste eine innere Stimme. Und wieder drehten sich die Rädchen zufälliger Assoziationen. Elvis Presley schlief einige Tage hintereinander, nur um nicht zu essen … Ljamzin war auch füllig. Jetzt schläft er, schläft den ewigen Schlaf. Ein achtjähriger Bub aus einem exotischen Land, der ein Mädchen mit einem Stein erschlagen hatte, erklärte, dass er sie schlafen legte. Die müden Spielsachen schlafen, die Bücher schlafen, wie es in dem Kinderlied heißt …

Nikolaj spürte, wie seine Augen feucht wurden. Würde er gar weinen? Tränen von verheirateten Frauen vermischt mit Rosenwasser ergeben eine Heiltinktur. Balsam auf Wunden … Stepan hat sich einmal mit einem scharfkantigen Blatt Papier das Auge verletzt, er musste zum Schutz der Hornhaut eine Linse tragen. Sollte er Stepan alles erzählen? Nein, der würde es nicht verstehen und es nur ausplaudern.

Er fuhr weiter durch die Gegend, hatte vergessen, dass er hungrig war und dass er eigentlich in die Firma zurück sollte. Wenn Angst tatsächlich zu riechen ist, spüren dann die Leute, dass er Angst hat? Wäre es nicht besser, sich zu stellen? Einfach zu erzählen, wie alles kam? Er hat Ljamzin doch nicht umgebracht, sondern nur im Auto mitgeführt.

Das Telefon vibrierte. Nikolaj hob ab. Seine Frau schnatterte: »Koljuschka, so ein Saustall! Man hat versprochen, dass es in der Früh wieder Strom gibt, und was ist passiert? Nichts! Und Wasser gibt es auch keines! Stell’ dir das vor, Kolja, Kolja, hörst du mich?«

»Ich höre dich«, gab Nikolaj matt zur Antwort.

»Du kannst doch was unternehmen? Ich habe bei der Hausverwaltung angerufen, dort kriegst du nur eine freche Antwort. Die halbe Stadt sei ja ohne Strom, wegen des Regens. Wer hat sie denn geheißen, groß etwas vorzuflunkern und zu versprechen, dass bis Mittag alles wieder in Ordnung sein wird. Die Aufräum- und Reparaturarbeiten abgeschlossen. Zu Mittag! Und schau, wie spät es jetzt ist!«

»So ist es nun einmal, mein Sonnenschein, die halbe Stadt ist ohne Strom«, versuchte Nikolaj sie zu beruhigen, aber seine Stimme klang abwesend.

»Wo bist du eigentlich?«, fuhr die Frau hoch.

»Ich fahre zum Mittagessen. Eine Kleinigkeit. Hast du gehört, dass man einen Minister tot aufgefunden hat?«

»Den Ljamzin? Natürlich! Was sagt man denn bei euch in der Firma? Weiß eure Chefin, was da wirklich passiert ist? Eure Fiffi, die Semjonowa?«

»Was hat die damit zu tun?«

»Er hat sie ja angeblich ausgehalten. Du hast es mir doch selbst gesagt.«

»Ich? Das hatte ich schon vergessen …«, murmelte Nikolaj schwach.

»Komm, seine Frau hat ihn ums Eck gebracht. Aus Rache. Sie hatte es wahrscheinlich satt, dauernd betrogen zu werden. Hat ihn erdrosselt und am Schlafittchen zum Zaun bugsiert«, vermutete Nikolajs Frau, halb im Spaß und halb im Ernst. »Vergiss am Abend nicht einzukaufen, ich habe dir die Liste gegeben.«

»Fleisch am Knochen?«

»Unbedingt! Und dreimal Perlgraupen. Die sind jetzt in Aktion. Zwanzig Prozent billiger. Koljuschka, bitte nicht vergessen!«

Nikolaj nickte, als könnte die Frau ihn sehen. Er verabschiedete sich, nun schon mit fester Stimme. Er verstand plötzlich, dass er sich unweigerlich stellen müsse. Sofort, augenblicklich, auch ohne gegessen zu haben, damit seine Entschlossenheit nicht schwinde. Er beschleunigte auf ein höheres Tempo, wie in Entsprechung zu seiner Stimmung. Die feuchtnassen Straßen mit ihren Passanten flogen vorüber. Er fuhr vorbei an sich gegenseitig missmutig etwas zurufenden Elektromonteuren mit ihren orangen Helmen, an vom Regen abgerissenen Leitungen, und an Schuhputzläden, die von Armeniern oder Assyrern betrieben wurden. Dann weiter vorbei an einer ganzen Reihe von Wohnhäusern aus der Stalinzeit mit ihren verrotteten Balkonen, am mit Plakaten vollgehängten Kino »Morgenröte« mit seinem neuen, aber schon nicht mehr funktionierenden Außenbildschirm, und schließlich an der Sportanlage für Kinder, welche die neunziger Jahre überlebt haben und wo man ihm einmal die Nase gebrochen hat. Rhinokyphose, sagte man. Das wird ein effektvolles Häftlingsbild abgeben. Nasenhöcker, römisches Profil. Fahndungsfoto.

Und wenn auch. Besser, jetzt alles auf den Tisch zu legen, als später dann, wenn die große Aufregung herrschen wird. Und ein Anwalt muss her. Sorge um seine Tochter hat sich eingenistet, wie ein Hamster in seinem Bau. Sie wird außer sich sein, sich für den Vater schämen, was werden die Kolleginnen sagen … Wäre es nicht besser, es zunächst mit der Familie zu besprechen? Nein, die Frau würde einen Heulkrampf bekommen. Sie bat, Perlgraupen zu kaufen …

Nikolaj spürte auf der Zunge deutlich den Geschmack von Rassolnik[2] mit Perlgraupen auf Basis von Rindsbouillon. Und dann noch Sauerrahm dazu …

Der Wagen erhielt einen starken Schlag, und in seinem eisernen Unterbauch brach unter Ächzen die Vorderachse. Er war mit einem Rad in ein tiefes Loch geraten.

»Ach du heiliger Bimbam!«, zischte Nikolaj, während er weiter unvermittelt aufs Gas stieg. Das Auto steckte jedoch in der Grube, und der Motor heulte und rauchte bloß. Nikolaj sah, wie einer der neugierigen Passanten ihm zu Hilfe eilte, aber in diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Gehupe und von links nahte etwas Riesiges und Unabwendbares und krachte donnernd in sein Auto. Die Zeit dehnte sich und verfloss tropfenweise, langsam und unerbittlich. »Ein Kamaz![3]«, wurde es Nikolaj noch klar. »Das darf doch nicht sein!« Doch schon platzte und schnalzte etwas in seinen Ohren, und Nikolaj war zermalmt.

3

Kapustin atmete heftig, schob ihr den Rock hoch und fuhr mit seinen dicken Fingern ungeschickt am spitzenbesetzten Strumpfgürtel herum. Marina Semjonowa dachte schwermütig daran, wie diese widerliche Hand nun hinaufrutschen würde, sie sich entwinden und Kapustin auf die Schultern schlagen muss, und der sich dann noch drängender an sie drücken, wütend werden und alles schließlich mit einem Streit enden würde. Und Streit mit dem Oberstaatsanwalt des Gebiets brauchte sie wahrlich nicht.

»Wie bist du so widerspenstig«, zischte Kapustin in das sich rötende Ohr Semjonowas, fasste sie an ihren dichten Haaren am Hinterkopf und drängte mit seiner fleischigen Zunge zwischen Marinas erschrocken zusammengepresste Lippen.

»Warum auch nicht?«, dachte sich Semjonowa einen Augenblick lang, doch die Zunge des Staatsanwalts war derart unangenehm, kalt und dick, und es tat so weh, wie er an den Haaren am Hinterkopf nach unten zerrte, sodass sie unterdrückt stöhnte und auf einmal den Vergewaltiger mit unerwartet rasender Wut von sich stieß.

»So, also«, murmelte Kapustin beleidigt, nachdem er die Beute losgelassen und wie ein Elefant nach dem Baden geschnauft hatte, »Andrej Iwanowitsch durfte, und ich darf nicht.«

»Ich habe ihn geliebt«, antwortete Marina Semjonowa aus irgendeinem Grund, und begriff sofort, wie dumm das klang.

Kapustin wurde fröhlicher und grinste schlau: »Wie auch nicht, Marina Anatoljewna. Der Verstorbene hat Ihnen Ihr ganzes Business auf dem goldenen Tablett serviert. Sie lebten wie eine Made im Speck … wenn der Vergleich erlaubt ist.«

Er setzte sich an den Rand des Schreibtisches, direkt unter dem großen goldenen doppelköpfigen Wappen, und schaute Marina tief in die Augen, dann wanderte sein Blick auf die halbgeöffnete Seidenbluse und ihre rosigen Schlüsselbeine. Sie wusste nicht gleich, was sie antworten sollte, nahm unvermittelt den schweren Füllhalter vom Tisch, mit dem sie die Aussage unterschrieben hatte, rollte ihn in ihren feuchten Händen hin und her, legte ihn zurück und sagte erst dann: »Sehen Sie, ich konnte kein Interesse am Tod von Andrej Iwanowitsch haben. Die Überwachungskameras zeigen es eindeutig … Er ist nicht zu mir heraufgekommen.«

»Es beschuldigt Sie doch niemand irgendeiner Sache!«, versicherte Kapustin mit breitem Grinsen. »Im Gegenteil, ich fühle mit Ihnen. Wer nimmt Sie jetzt in Schutz, wenn es zu einer Hetzjagd kommt? Wer sichert Ihrer Baufirma sozusagen die Projekte zu?«

»Wir schaffen das schon«, schmollte Marina.

»Freilich«, pflichtete Kapustin bereitwillig bei. »Sie haben ja da noch diese, na, diese Schönheitsklinik ›Basilisk‹. Von den Immobilien rede ich gar nicht, die Sie erfolgreich vermieten, drei als Büros, eines als Restaurant. Sehen Sie, ich verfolge Ihre Erfolge.«

Semjonowa schlug mit der Faust auf den Tisch: »Zählen Sie etwa mein Geld?«

Ihre Nase weitete sich vor Zorn, die nach den Hyaluron-Spritzen zarten und straffen Wangen erzitterten vor unterdrücktem Weinen. Sie begriff, dass sie einen Fehler begangen hatte, dass sie Kapustin hätte freimütig küssen müssen, dass er ihr diese Abweisung nicht verzeihen würde. Da machte er sich erneut an sie heran, so als ob er ihr noch eine Chance geben wollte, und seine Hand mit den Stummelfingern betastete unsicher und lüstern jene Stelle hinten, die Ljamzin so rühmte und Marina dafür Kallipyga nannte.

»Kleine«, flüsterte Kapustin ihr lechzend an den Hals, »du wirst mit mir teilen. Fünfzig Prozent des Gewinns, und die Sache ist erledigt.«

»Erledigt?«, fragte Semjonowa ungläubig.

»Du gehst als eine unbedeutende Nebenzeugin durch. Alles ganz einfach. Unser Andrej Iwanowitsch erlitt einen Aortariss.«

Während Semjonowa ihrer einzigen Vertrauensperson, Pjotr Iljuschenko, von diesem Gespräch erzählte, sprang sie andauernd vom Sofa hoch, ging nervös im luxuriösen Salon hin und her, setzte sich, um bald darauf wieder aufzuspringen. Iljuschenko hingegen war über die Maßen entspannt, lag mehr als er saß in seiner seidenen Kutte im Lederfauteuil und hatte die Beine weit von sich gestreckt. Diese Kutte war für die echten Popen seit je ein Ärgernis, sie hielten Iljuschenko für einen dummen Hochstapler, verachteten sein Geschwätz und munkelten, dass er das Priesterseminar gar nicht abgeschlossen habe und also das Habit nicht tragen dürfe. Iljuschenko selbst zog es vor, sich als Anhänger der Ökumene zu empfehlen, und er liebte es, bei einem Glas puren Whiskeys über das filioque zu streiten, diese völlig nichtssagende und unsinnige Formel, die man endlich austilgen müsse, um so die gespaltene Kirche wieder zu versöhnen. Marina band ihn mit Geld an sich und hielt sich ihn anstatt der Freundinnen, die sie schon in der Studentenzeit verloren hatte.

»Aortariss?«, artikulierte Iljuschenko nachdenklich, wobei er ein Nuss-Trüffel-Konfekt zu sich nahm. »Ich habe was von Schläfentrauma gelesen.«

»Und?«

»Du hast doch gesagt, dass ihr am Vorabend Streit hattet.«

»Petja, willst du damit sagen, ich hätte Andrej zu einem gottverlassenen Winkel gebracht und dort seinen Kopf auf den Randstein gedroschen? Hast du sie noch alle?«

Semjonowa erhob sich wieder und rieb sich vor Aufregung die gepflegten Hände. Ihr kam plötzlich Ljamzins Rücken in den Sinn, unbehaart und mit einem kaffeebraunen Muttermal am Rumpf. Seine suchenden Pupillen und das in den Minuten der Nähe verzerrte Gesicht. Die großzügigen Geschenke, immer von einem kleinen Billett begleitet. Er ließ sie von seiner Assistentin Lena überbringen, ein langhaariges, farbloses Geschöpf mit fahlen Wimpern und feuchten, wie von Hornhautablösung erkrankten Pupillen.

Zum ersten Mal ist Ljamzin der Semjonowa vor zehn Jahren begegnet, als er noch ein knackiger Geschäftsmann war und Mitglied aller möglichen hohen Kommissionen und Beiräte. Marina lief in ihrem Baumwoll-Shirt mit einer Schar frecher, ausgelassener Aktivistinnen die Hauptstraße entlang, in den Händen glänzten Flaschen mit aus der örtlichen Fabrik stammendem süßem Sprudel. »Gönnt euch unsren Sprudel!«, hieß es auf den Plakaten. Die Brustwarzen der studentischen Aktivistinnen wippten im Takt des Laufes auf und ab, das grüne Kohlensäure-Getränk perlte ihre nackten Hälse entlang, rann in den Kragen und spritzte und zischte unter dem Kichern und Kreischen der versammelten Menge. Es war das Fest der heimischen Nahrungsmittelerzeuger. Der Triumph des Wohlstandes des Landes.

Ljamzin war der Inhaber dieser kleinen Fabrik. Noch war er nicht Minister, seine flache Nase lachte gutmütig der Menge zu, die buschigen Brauen standen nach oben. Er warf einen klebrigen, gerührten Blick auf Marina, wie auf ein gezähmtes Tier. Er nutzte die Gelegenheit und hielt ihr eine Visitenkarte hin, die sie ohne sich zu zieren mit ihren nicht sehr eleganten Fingern entgegennahm. Ein paar Tage später trafen sie sich in einem Restaurant. Er bestellte Lammnacken, sie marinierten Lachs mit rotem Kaviar. Sie tranken alten Toskaner dazu, und der Abend endete gegen Morgen, im Zimmer eines neueröffneten Hotels. Ljamzin lag auf dem völlig zerknitterten Leintuch, schwitzend und außer Atem. »Maretschka, Maretschka«, flüsterten seine matten Lippen. Er war streichweich und überwältigt von der Woge des Glücks. Marina aber lief nackt durchs Zimmer, schaute zum Fenster hinaus, sprang zum dreiteiligen Spiegel und konnte ihr Hochgefühl nicht bezähmen. Es war, als ob sie spürte, dass dieser reiche, unternehmerische Mann ihr von nun an mit Haut und Haar verfallen war.

»Ich habe ja nicht gesagt, dass du ihm den Schlag versetzt hast«, erklärte Iljuschenko mit der krachenden Nuss im Mund. »Vielleicht habt ihr euch gestritten, er ist außer sich geraten, und es hat alles so entsetzlich geendet.«

»Wir haben uns am Tag vor seinem Tod gestritten. Davor. Und nicht ich habe ihn aus der Fassung gebracht. Das waren diese verfluchten anonymen ›Hinweise‹.«

Sie hatten sich wegen der Kinderfrage gestritten. Marina wollte unbedingt eines haben, träumte davon, aber Ljamzin fürchtete sich, diese Linie zu überschreiten. Natürlich wusste seine Frau von der Dauergeliebten und ihrem üppigen Lebensstil, doch ein Kind wäre zu viel gewesen und hätte seinem gewohnten Leben mit Donnerschlag ein Ende bereitet. Noch dazu wollte Marina, dass sie heirateten. Ljamzin suchte Ausflüchte, berief sich auf seinen Sohn, der im Ausland studierte, auf die Frau, der er alles verdanke, und kaufte Marina wieder irgendein wertvolles Geklimper. Innerhalb von zehn Jahren wurde aus Marina eine feine Dame, die mit dem Bürgermeister und allen andern Würdenträgern der Stadt auf Du und Du war, Schauspieler und Sänger unter ihre Fittiche nahm, mit Hochglanzjournalen Vertraulichkeiten austauschte, einen Kosmetiksalon unterhielt und sich auf Bali für Fotoaufnahmen im Bikini räkelte. Ljamzins wurde sie dann langsam überdrüssig, doch nachts fehlte er ihr schrecklich, warum auch immer, und sie heulte ins Kissen und lief dann in ihren Salon, um sich Kollagen spritzen zu lassen und damit die Spuren der schlaflos verbrachten Nacht zu verbergen.

Semjonowa ging zum bronzegerahmten ovalen Spiegel, warf einen missbilligenden Blick zu Iljuschenko, der gerade Schokokrümel von sich wischte, und betrachtete mit Befriedigung ihr Spiegelbild. Das Gesicht straff wie ein Pfirsich. Lange Nerz-Brauen. Mandelschwung der Lider. Ein Blick, der alle in den Bann schlägt.

»Weshalb also habt ihr euch angeschrien?«, schmatzte Iljuschenko. »Hat er dir ein Kind verweigert?«

»Er hat mir ja sogar eine Katze verweigert, er hat Allergie. Das heißt, hatte Allergie«, seufzte Semjonowa.

»Katzen kommen kein einziges Mal vor in der Bibel«, warf Iljuschenko unvermittelt ein. »Hunde vierzehn Mal. Löwen fünfundfünfzig Mal. Katzen kein einziges Mal.«

»Wirklich?«, wunderte sich Semjonowa. Sie ließ sich wieder auf das Sofa nieder und nestelte an ihrem phantasievoll besticken roten Umhang herum, den ihr Ljamzin aus China mitgebracht hatte. Rot – die Farbe der Aristokraten; wer von den einfachen Leuten rot trug, dem hat man, so heißt es, den Kopf abgeschlagen …

Iljuschenko verzehrte ein Konfekt, während er den Plafond fixierte, der mit sechsflügeligen Seraphen bemalt war, die inmitten von bauschigen Wolken schwebten.

»Marina, sag mir, wozu musstest du so in Saus und Braus leben?«

»Wie?«, fragte Marina verständnislos.

»Na, das teure Essen, Glanz und Glitzer, Botox. Alle diese krummen Ausschreibungen. Ljamzin hat dir doch schon dieses Anwesen gekauft, eine Villa am Land gebaut, wozu noch eine eigene Baufirma und Immobilien? Aus Gier?«

»Jetzt geht es also los mit der Pfaffenpredigt! Als ich dir die Reise ans Meer bezahlt habe, hast du ohne Murren angenommen. Und bist schön gebräunt zurückgekommen. Was juckt dich jetzt auf einmal?«

»Erstens war das keine Urlaubsreise«, beeilte sich Iljuschenko einzuwerfen und zog die Beine ein, »ich fuhr auf eine wissenschaftliche Theologen-Konferenz. Kirchenfragen, Gesellschaft und Staat …«

»Ja, ja!«, entgegnete Semjonowa ungeduldig.

»Und zweitens will ich hier keine Moralpredigten halten, ich bin ja kein Frömmler. So wie euer Geistlicher.«

»Nicht meiner, der von Andrej Iwanowitsch.«

»Egal. Ich wollte dich nicht belehren, mich interessiert es bloß von der psychologischen Warte her. Also, wozu?«

»Wie wozu?« Semjonowa zuckte mit den Schultern und erhob sich erneut. »Ich bin ja keine fünfundzwanzig mehr, das verstehst du doch selber. Die Zellen beginnen zu altern und die Haut wird trockener …«

»Willst du damit sagen, dass du das Geld für Botox brauchst?«, unterbrach Iljuschenko. »Aber wohl nicht alles! Denk einmal vernünftig nach.«

»Das tu ich ja!«, zischte Semjonowa, die schön langsam in Wut geriet. »Weißt du, was heute eine Laser-Epilation kostet? Für eine Behandlung gehen an die Hunderttausend drauf, und die Haare sprießen trotzdem da, wo sie nicht sollen.«

»Schon gut, schon gut.« Iljuschenko legte seine Stirn in Falten.

»Und die Massagen!«, setzte Semjonowa immer aufgeregter fort. »Und das LPG-Liften? Die Laserbestrahlung für das Blut? Die Kryotherapie? Und das Plasma? Und die Füllungen? Dabei ist das erst der Anfang. Weißt du, was ein Paar anständige Stiefel kostet? Eine Burberry-Tasche? Oder ein Kleid von Dior?«

Semjonowa griff sich mit beiden Händen an den Kopf und schritt von einer Ecke zur anderen, wobei sich ihr Hausmantel öffnete und ihre unerträglich weißen Oberschenkel zum Vorschein brachte.

»Beruhige dich, Marina.« Iljuschenko erhob sich ein wenig und brachte mit einer Art hypnotisierender Handbewegung die Freundin dazu, dass sie sich wieder setzte. »Du bist aufgedreht. Ich mache dir keine Vorwürfe. Ja, es kostet ein Sümmchen, wenn sich eine schöne Frau in Form halten will. Aber hier geht es ja um Millionen. Nicht umsonst läuft dem Kapustin das Wasser im Mund zusammen. Der hat ein klein wenig Appetit bekommen.«

»Was willst du eigentlich, Petja?«, fragte Semjonowa in schon ruhigerem, versöhnlichem Ton, wobei sie den Kopf müde nach hinten auf die Sofalehne legte. Sie erinnerte sich daran, wie Ljamzin sie geradewegs hier nahm. Er kam von einer Besprechung mit dem Gouverneur zurück, strahlend und vor Freude zappelnd. Man hatte ihn vor allen Leuten als vorbildliches Beispiel gelobt. Er habe sich bei der Verwaltung von Staatsvermögen bewährt, alle bei der Importsubstitution übertroffen, das heimische Unternehmen »Horizont« und dessen Produktion von Schleifmaschinen angekurbelt.

Schon an der Türschwelle nahm er seinen Hosengürtel ab und zerrte, ohne sich die Schuhe auszuziehen, Semjonowa in den Salon (sie blieben dabei am Teppich hängen und stießen eine Porzellanvase um), drückte sie auf das Sofa, drehte sie, wie er sich auszudrücken pflegte, rittlings zu sich, schob den Rock hoch, schlug auf ihre Hinterbacken ein, bis sich kleine rote Wülste darauf abzeichneten und vögelte sie dann stürmisch durch. Ihr flimmerte das Muster des Sofas – kleine grüne Knospen und geschwungene Blumenornamente – wie wild vor den Augen, der Hintern brannte unerträglich. Wann war das? Vor einem Monat, erst vor einem Monat.

Iljuschenko setzte sich neben Semjonowa und begann bedächtig auszuführen: »Das will ich sagen: Du hast fraudulent gehandelt. Dein Liebhaber hat dir Aufträge zugeschanzt und du hast sie dir zielsicher sofort unter den Nagel gerissen. Vom Standpunkt der Deontologie ist das falsch und kriminell. Vom Standpunkt des Utilitarismus hingegen hast du vollkommen recht. Und Andrej Iwanowitsch hat recht. Und jeder Funktionär, der Schmiergeld nimmt, ist moralisch einwandfrei. Und jeder, der Schmiergeld gibt, ist frei von jeder Schuld. Konsequenzialismus …«

»Schwätz’ mir nicht den Kopf voll, Petja«, unterbrach ihn Semjonowa.

»Marischa, hör mir zu. Ich will es dir erklären. Du empfindest doch keinerlei Schuld, dass du zum Beispiel eine mehrstöckige Villa besitzt, während ein Philosophie-Professor eine Zweizimmerwohnung in einer Chruschtschowka[4] und eine Karotte im Kühlschrank hat. Dabei hast du nicht einmal fertig studiert und lebst in Saus und Braus.«

»Ich habe ein Diplom.«

»Das hast du nachträglich als Geschenk von unserer Universität bekommen. Als ›Dankeschön‹ des Rektors für das Hallenbad, das eure Firma ihm gebaut hat. Dabei hast du höchstens dreieinhalb Vorlesungen besucht.«

»Petja, hör auf damit«, bat Semjonowa ganz ohne Groll.

»Lass mich doch ausreden. Du hast keine Schuldgefühle. Im Gegenteil, du freust dich. Und Andrej Iwanowitsch, Gott hab ihn selig, hat sich gefreut. Und der Rektor, und die Arbeiter in deiner Firma, und deine Schwester und ihr Mann, und deine Mama in der Regionalverwaltung – alle sind sie glücklich. Vom utilitaristischen Standpunkt aus gesehen habt ihr also, da es euch allen gut geht, recht. Der Zweck heiligt die Mittel.«

»Und?«

»Die Mittel bestehen, wie sich zeigt, darin, dass angeblich rundherum gestohlen wird und das alles angeblich ungerecht ist. Doch letztendlich zeigt es sich, dass es zu Nutz und Frommen ist. Du hast deine Inseln und deine Massagen, deine Untergebenen haben Arbeit und kostenloses Baumaterial, Andrej Iwanowitsch hatte dich. Eine Schönheit. Und je mehr er in dich investierte, umso mehr schätzte er dich. Wertzuwachs …«

»Du gehst im Kreis, Petja …«, bemerkte Semjonowa und kaute nachdenklich an den Spitzen ihrer kastanienbraunen Locken.

»Ich will dir ja nur zeigen, Marischa, dass du völlig logisch gehandelt hast. Ganz und gar. Das ist wie beim Gefangenendilemma. Stell dir vor, du hättest dich zur Verrücktheit verstiegen, beim Korruptionskarussell nicht mitzumachen. Stell dir das vor.«

»Das hätte keinen Unterschied gemacht«, antwortete Semjonowa selbstbewusst.

»Genau! Es hätte sich eine andere gefunden, die sich die Chance nicht hätte entgehen lassen. Was ergibt sich daraus? Es nützt niemandem, die Regeln zu brechen. Erst wenn Millionen von Menschen im Land mit einem Mal übereinkämen, kein Schmiergeld zu nehmen und zu zahlen, die Budgets nicht anzuzapfen, Verwandte und Freunde nicht mit Posten zu versorgen, dann, ja dann, wäre die Herrschaft des Gesetzes angebrochen. Aber sobald nur einer anzapft, werden es alle anderen auch tun, verstehst du?«

»Warum redest du dich da so in Fahrt, Petja?«, winkte Semjonowa ab. »Was für Banalitäten und leeres Zeugs du da von dir gibst!«

Sie stand auf, ging zum geöffneten Klavier, das ihr Ljamzin zum Dreißiger geschenkt hatte, und schickte sich an, ein betont trauriges Motiv zu spielen. Offenbar »Die Beerdigung der Puppe«. Doch die Tasten wollten ihr nicht so recht gehorchen, und nach einigen falschen Tönen schlug sie den Deckel zu.

»Tschaikowski?«, vermutete Iljuschenko und machte sich erneut an das Konfekt heran. »Weißt du, dass er gestorben ist, nachdem er nicht abgekochtes Wasser getrunken hatte? Womöglich hat auch dein Andrej Iwanowitsch deswegen die Patschen gestreckt?«

Semjonowa antwortete nicht. Sie blickte zu den Gardinen, hinter denen sie an jenem Abend stand, als Ljamzin umkam. Sie hatte darauf gewartet, dass ihr Liebhaber endlich vom Hof heraufkommen würde. Und aus dem Fenster geschaut, an das wüst der Regen trommelte. In letzter Zeit hatte Ljamzin die Wochenenden immer öfter mit seiner Frau verbracht und sich auf die Berge von Arbeit ausgeredet. Semjonowa war wütend darüber. Was wollte er mit seiner Ella Sergejewna zu zweit anstellen, mit dieser wabbeligen, massiven, so unweiblichen Person? Man stelle sich vor, Schuldirektorin. Hüterin der heranwachsenden Generation. Während hier, unter den sechsflügeligen Seraphen, sie, Marina Semjonowa, auf ihn wartete, im funkelnagelneuen Gipüren-Korsett aus der Boutique, mit abnehmbaren Strapsen. Ein paar Tropfen Parfum auf den Hals, die Brust, die Handgelenke. Dichte Locken bis zu den Schultern. Und solch ein Wesen musste in Qualen auf ihn warten.

»Ich habe wo gehört«, sagte Semjonowa schließlich, dass Liebhaber der klassischen Musik weniger zu Untreue fähig sind als Anhänger des Rock ’n’ Roll.«

»Also gut«, erkundigte sich Iljuschenko, »vertraue dich mir als Beichtvater an, hast du ihn betrogen? Den Andrej Iwanowitsch?«

»Wüstling«, lächelte Semjonowa. »Nur ein Wüstling interessiert sich für so etwas. Ich stelle uns einen Tee zu.«

Sie ging in die Küche, die mit nach Art von Ofenkacheln bunt gemusterten Fliesen ausgestattet war, Sonderanfertigung. Sie füllte den elektrischen Wasserwärmer und drückte auf den Knopf. Eine Leuchtdiode zeigte an, dass das Wasser siedete.

Hat sie ihn betrogen oder nicht? Kann man diese besoffene Geschichte mit einem Untergebenen in der Firma, Stepan, Untreue nennen? Damals bei der Silvesterfeier fühlte sie sich besonders einsam. Ljamzin war mit seiner Frau ins Ausland verschwunden, zum Sohn, und sie war in der Stadt ohne Mann und ohne Wärme zurückgeblieben. Sie wusste nicht mehr, was sie an Stepan anziehend gefunden hatte. Wohl seine feurigen, leicht vulgären Trinksprüche, die sehr gut zu seinen breiten Schultern und dem betörend bäuerlichen Namen passten.

Semjonowa selbst hatte ihn in ihr Büro geführt. Betrunken stolperten sie die Stiegen entlang, und da fasste er sie unter Gelächter an der Kruppe. Sie schlugen die Tür zu, wälzten sich ohne dunkel zu machen auf den mit Tuch bezogenen Eichentisch. Er ließ die Hose herunter und im Rauscheseifer vergrub er seine Nase in ihren großen, freigelegten Brüsten. Ihr war heiß und schlecht, und sie wollte Stepan so schnell wie möglich in sich spüren. Doch sobald sein Stoßen einsetzte, er über ihr seinen zerzausten Haarschopf schüttelte und vor unendlicher Brunst wild mit seiner Zunge lechzte, verging ihr vollkommen die Lust. Nur etwas Unangenehmes drückte und wetzte in ihr, und sie musste an etwas Nebensächliches denken – an einen abgerissenen Knopf, und daran, ob es nicht besser wäre, die Augen zuzumachen, sodass Stepan nicht merken würde, dass da keinerlei Genuss ist, sondern nur ein ungelenkes Aneinanderreiben, leichte Übelkeit und draußen Straßenlärm.

Nach ein paar Wochen kam sie in die Firma, um sich Kostenvoranschläge durchzusehen, Stepan tummelte sich am Gang herum und wollte ihr unter die Augen kommen. »Ob er es etwa Andrej weitergesagt hat …«, ging es ihr durch den Kopf und sie rief ihn zu sich.

»Marina«, begann Stepan, während er vielsagend lächelte und über die Bespannung des Tisches strich, jenes Tisches, auf dem er sich damals liebestoll abgearbeitet hatte.

»Marina Anatoljewa«, korrigierte ihn Semjonowa schlicht und streng und hielt ihm ein Kuvert hin. »Für Sie, Stepan, eine kleine Prämie. Fahren Sie mit Ihrer Frau und den Kindern auf Urlaub. Sie haben es verdient als Arbeiter in der Abteilung für …«

»Beschaffungsabteilung«, ergänzte Stepan für sie; er wurde ernster und sein gesundes Gesicht verfinsterte sich ein wenig. Doch das Kuvert nahm er an und ging ehrerbietig hinaus, so wie es sich eben gehört bei der großen Chefin.

Beschaffungsabteilung … Da hat doch dieser arme Teufel gearbeitet, der unlängst den Unfall hatte. Lebensgefährliche Verletzungen. Schlampereien des Straßendienstes …

Der Wasserkocher siedete, die Leuchte blinkte. Iljuschenko kam in die Küche, er half Semjonowa, das Porzellangeschirr aus der Kredenz zu nehmen. Das metallene Kreuz baumelte auf seiner Kutte.

»Marischa, wie also hat das geendet mit Kapustin, dem Oberstaatsanwalt?«

»Ich habe ihn auf dreißig Prozent des Gewinnes heruntergehandelt.«

»Und das war’s?«

»Plus meine Aktien an der Getränkefabrik. Kontrollpaket. Andrej hat sie mir überschrieben, als er zum Minister ernannt wurde. Damit nicht alles seinem Hausdrachen zufiel.«

Sie erinnerte sich an Kapustins zitterndes Kinn. Das zitternde Kinn mit den Bartstoppeln und der gierige, gleichzeitig flehentliche, wehrlose Blick von oben. Er schaute auf das, was Marina mit ihm dort unten machte, und seine Vene pulsierte an der Schläfe wie ein Bergbächlein. In Marinas Händen war Kapustin klein und dick, wie eine Rotkappe, und nach einigen Augenblicken spritzte es herb auf ihren Gaumen, der Staatsanwalt zitterte und wich unsicheren, knieweichen Schrittes zurück. Sie nahm ein Taschentuch aus der Burberry-Tasche und wischte sich den Mund ab, damit nicht Kapustins Samen um ihre Lippen herum eintrocknete.

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242 p. 5 illustrations
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9783990471142
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