Read the book: «Die Bargada / Dorf an der Grenze»

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Über dieses Buch

1943 erschien in der Büchergilde Gutenberg «Die Bargada», eine Familiensaga der Bewohner eines Tessiner Bauernhofes vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Der Roman «Dorf an der Grenze» erzählte diese Saga weiter durch die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ohne Scheuklappen verarbeitete Aline Valangin die Ereignisse im Schweizer Dorf an der Grenze, so daß das Buch wegen politischer Brisanz nicht gedruckt wurde, es erschien erst 1982 im Limmat Verlag. Zum ersten Mal sind jetzt beide Teile gleichzeitig zugänglich.

Der Hof mit dem Namen «Bargada» ist größer als die anderen und liegt etwas ­abseits des Dorfs, es soll darin spuken. Die Dörfler hingegen leben eng beieinander, bei ihnen spukt es nicht, denn ihre Geheimnisse dringen alle durch die Mauern ins Nachbarhaus. Aline Valangin erzählt die Geschichte dieser ländlichen Gemeinschaft über mehrere Generationen hinweg. Sie erzählt vom Patriarchat und seiner Aufweichung durch die ­Abwesenheit der Männer, von Familienintrigen, Schmugglern und Partisanen, Krieg und Flüchtlingselend, hartem Existenzkampf und verzagter Resignation. Und sie erzählt vom Traum, den die Bargadatöchter über Generationen träumen: den Hof zu erben und einen Mann einzuheiraten.

«Unbeschönigend, ohne jedes niedliche Beiwerk, in einem eigenwillig prägnanten Stil gelingen ihr namentlich starke, unverwechselbare Frauengestalten höchst beeindruckend.» Tages-Anzeiger


Aline Valangin, 1889–1986, auf­gewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Mit ihrem Mann Wladimir Rosenbaum empfing und betreute sie im Zürich der dreißiger Jahre in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Ab 1936 lebte sie im Tessin als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin.

Aline Valangin

Die Bargada

Dorf an der Grenze

Eine Chronik

Limmat Verlag

Zürich

Die Bargada

I. Der seltsame Hof

Vor dem letzten, hochgelegenen Dorfe des Tales springt zwischen zwei Schluchten eine schön gerundete Anhöhe breit und frei ins Land hinaus. Sie ist von ferne und weit herum sichtbar. Die ersten Sonnenstrahlen vergolden ihre Kuppe, und sie glänzt noch im Abendschein, wenn alle andern Halden und Hügel längst im Schatten liegen. Es ist die Bargada, der schönste Bühl der ganzen Gegend.

Doch die Schluchten, die sie begrenzen, sind düstere Orte. In der ersten, der Bocca delle Torre, treten die Flühe wie riesenhafte versteinerte Burgen mit Zinnen und Türmen im Rund auseinander zu ödem Kessel. Ein Bach braust hindurch. Wo er sich staut, bevor er in kühnem Sprung als Wasserfall tosend in die Tiefe stürzt, führt eine Brücke darüber. Man nennt sie die Turmenbrücke.

In der zweiten, dem Dorfe näherliegenden Schlucht, stoßen Felsschichten schräg und so nah aufeinander, daß nur eine Spalte offen bleibt, zu eng, um eine Hand hineinzulegen. Doch müssen sich innen Räume ausweiten, denn nie verstummt da dumpfes Rauschen von strömendem Wasser. Aus der Spalte fallen Tropfen mit hellem Klang in einen flachen Steintrog, neben dem Blöcke zu einer Bank aufgeschichtet sind. Im dreieckigen Plan davor wuchern Farnkräuter, fette Vergißmeinnicht und andere Schattenpflanzen. Das Gras steht hoch. Auch allerlei Getier, das Feuchte liebt, hat hier sein Revier. Niemand stört es. Niemand würde sein Vieh dort tränken, niemand dort rasten. Der Grund ist gemieden, so einladend er aussieht und obwohl dort die Brücke beginnt, über die es dem Dorfe zugeht. In ihrem Bogen hängt mit verkralltem Gebein das Gerippe eines Fuchses. Das Tier soll vor Zeiten hier aufgeknüpft worden sein, um böses Gelichter zu bannen. Die Brücke heißt darum: Ponte della Volpe, Fuchsenbrücke. Gleich weit entfernt von beiden Tobeln, nahe der Fahrstraße, steht ein großes, in guten Ausmaßen erbautes Haus. Es schaut aus vielen Fenstern stolz nach Süden. Unter dem kassettenverzierten Vordach ist ein blau schabloniertes griechisches Muster als Fries zu sehen. Der übrige einst hellrote Anstrich ist schlecht erhalten bis auf ein gemaltes Fenster im zweiten Stock, das, der Wirklichkeit täuschend nachgeahmt, eine geschickte Hand noch erkennen läßt. Neben dem stattlichen Balkon in der Mitte der Front sind Sprüche zu erraten: «Besser beneidet als bedauert» und «Wen der Herr liebt, den züchtigt er».

Zum Haus gehören größere und kleinere Nebenbauten, Ställe und Speicher, fast alle zerfallen. Der Garten zieht sich in zwei Terrassen dem Berg entlang. Er wird gegen die Straße von einer hohen Mauer gestützt, auf der Steinvasen in klassischem Stil prangen. Einige davon sind umgestürzt oder geborsten, andere von Rosengebüsch und Geißlaub überwachsen. Oben im Garten lehnt an einem Baum ein altes Gartenhaus. Gleich dahinter beginnen sanft geneigte Wiesen. Sie steigen, allmählich steiler werdend, bis zu senkrechten Felsen an, die das ganze Gebiet nach oben verrammeln. Auch unterhalb des Hauses liegen Matten und Felder, die rasch in Gehölz, Gestrüpp und Heide übergehen, da der Abhang immer steiniger wird und in einer abfallenden Wand endet.

In frühern Zeiten, als nur Saumpfade ins Tal hinauf gingen, war die Bargada, von Felsen oben und unten, links und rechts abgeschlossen, mühsam zu erreichen gewesen, und ihre Lage hatte den Armini, die seit Gedenken ihre Besitzer waren, ein abgesondertes Leben aufgezwungen. Seit aber die neue Fahrstraße über die Brücken auf das Anwesen führte, stand der Hof in bequemer Verbindung mit dem übrigen Tal und der weitern Welt. Obgleich keine äußere Veranlassung mehr bestand, sich abseits zu halten, blieben die Armini für sich. Ebenso pflegten die Leute vom Dorf wenig Umgang mit ihnen. Das hatte seine Gründe, doch suchte man danach, waren sie verwickelt und im übrigen nicht derart, daß man frei hätte darüber sprechen wollen. Man begnügte sich, festzustellen, es sei von jeher so gewesen; das war ja Grund genug, es weiter so zu halten.

Immerhin übten die Dörfler von ferne und scheinbar unbeteiligt eine neugierige Aufsicht über die Bargada aus, gehörte sie doch zu den auffallendsten Anwesen des Tales. Nirgends stand das Gras so fett, reifte das Korn früher und wurden die Kartoffeln größer. Im Garten prangten die Pfingstrosen zweimal so dick wie anderswo, und oben, am Gartenhaus, wuchs eine Rebe, ein echter Weinstock, der nicht nur blühte, aber dunkelblaue, süße Trauben trug, wennʼs Jahr gut war. Er galt als der höchstgelegene Weinstock im Land. Daß er gerade auf dem Boden der Armini stand, daß überhaupt alles auf diesem Boden so viel besser gedieh, als auf anderer Leute Boden, war das nicht sonderbar? Sonderbar und nicht unverdächtig. Gewiß, man hörte nicht mehr auf das Geplapper der Alten, die wissen wollten, die Frauen der Bargada – nun, es war lächerlich es nur auszusprechen – seien allerlei besonderer Künste fähig, sie wüßten kräftige Sprüche zu verwenden, um die Fruchtbarkeit ihres Bodens anzuspornen und den Herbstsegen zu erzwingen, sie verstünden es, durch geheime Mittel die Krankheit von ihrem Stall zu bannen und Hagel und Unwetter an den eigenen Feldern vorbei auf die Felder des Nachbarn zu leiten … Unsinn! Geschwätz! Über Aberglauben war man hinaus. Aber immerhin … seltsame Leute waren die Armini, von jeher, und alles taten sie anders, als es der Brauch wollte. Sie nahmen wenig Anteil an den Gemeindeangelegenheiten, sie stellten keine Taglöhner vom Ort ein, sie kauften und verkauften nichts im Dorf. Ihre Frauen holten sie sich aus andern Gegenden. Sie schickten ihre Söhne in die Fremde, nicht um ihr Brot zu verdienen, wie es die meisten jungen Männer taten, weil der Heimatboden zu karg war, um sie zu ernähren, nein, nicht aus Not, aus Überfluß schickten sie sie weg, denn sie konnten es sich lei­sten, ihren Söhnen ein freies Jahr zu gönnen. Sie kleideten sich anders, aßen anders und sprachen anders; kurzum, sie waren eigenartige, unvertraute Leute, und Vorsicht und Zurückhaltung schienen ihnen gegenüber am Platze.

So bewußt und stolz die Armini ihrerseits sich als Besondere und Auserwählte fühlten, so litten sie doch unter dem ablehnenden Verhalten ihrer Dorfgenossen, das einer Ausschließung nahe kam. Sie trugen ihr Los aber mit gelassener Geduld, als wäre ihnen auferlegt, eine verborgene, ihnen selbst unbekannte Schuld abzubüßen. Zudem hatten sie genug mit sich selbst zu tun, denn das Leben auf der Bargada, wenn es gut sein mochte, war doch nicht leicht.

Vielleicht kam es daher: So weit man sich zurückerinnern konnte, wurde den Armini nach vielen Töchtern erst der Sohn geboren, stets nur ein Sohn, der sittegemäß beim Tode des Vaters den Hof erbte. Die zahlreichen Frauen der Familie blieben ledig und rechtlos im Hause, wenn sie nicht wegheirateten, was aber selten geschah. So lebte der Meister als einziger Mann in einem Schwarm von Weibern, die alle, ihrer Unmündigkeit zum Trotz, nur das eine im Sinne hatten, sich die Macht über ihn und damit über den Hof anzueignen.

Schon im voraus, um des Knaben Gunst schon, stritten sie sich. Sie lockten ihn mit Schleckereien, mit aufreizenden Geschichten und Spielen, sie halfen ihm seine kleinern und größern Unarten vor dem Vater verstecken und nahmen ihm jede Arbeit ab. Es mußte an der guten Art der Arminisöhne und an ihrer angebornen Klugheit liegen, daß sie ungeachtet solcher Verziehung rechte Männer wurden und sogar eher zu früh als zu spät ein gesetztes Wesen annahmen. Sie sahen ein, Heil war für sie nur zu erhoffen, wenn sie sich das ganze Weibervolk vom Leibe hielten und es alles, was nicht klare Männersache war, unter sich ausmachen ließen. Sie fristeten inmitten der Röcke ein einsames, mehr vorsichtiges als unternehmendes Leben, bemüht, sich selbst zu genügen und ihr Urteil für sich zu behalten. Dabei fanden sie Muße, sich ihre Gedanken über die Zeiten, den Weltlauf, über das Woher und Wohin zu machen. Fromm waren sie nicht. Sie gingen wenig zur Kirche und nahmen den Besuch des Pfarrers freundlichgleichgültig hin. Doch besaßen sie alle Sinn für nachdenkliche Worte und Sprüche, die sie sich merkten und nach denen sie sich gerne richteten. So hing das 4. Gebot in klarer Antiqua unter Glas in der Schlafkammer der Eltern, neben dem Himmelbett mit den weißen Vorhängen: Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlergehe auf Erden! Alle Arminisöhne hatten daran die Buchstaben lesen gelernt, lange bevor ihnen die Forderung, die der Spruch enthält, aufging. Später bestimmte er ihr Verhalten. Es war kein Beispiel in der Familie bekannt, daß je ein Sohn gegen dieses Gebot gehandelt hätte. Sie standen zu ihren Eltern in ehrfürchtigem Verhältnis und beugten sich, auch in vorgerückterem Alter, ihrem Willen.

Ganz im Gegensatz zu der stillen Art der Männer stand die vorlaute, leidenschaftliche der Frauen. Als besäßen sie die Lust am Werk, die dem Meister fehlte, doppelt und dreifach, und die Kraft dazu, sie auszukosten, gab es keine Verrichtung, vor der sie zurückgeschreckt wären oder die sie nicht so gut wie ein Knecht verstanden und ausgeführt hätten. Ihre Tatkraft kannte keine Grenzen. Sie kämpften um die Arbeit in Feld und Wald, im Stall und im Hause wie um ein hohes Gut. Jede suchte sich ein Tätigkeitsgebiet zu erobern. Gelang es ihr mit List oder Gewalt, dann verteidigte sie ihr Reich scharf gegen die andern, wußte es geschickt zu erweitern und gab es, bei zunehmendem Alter, nur ungern einer jüngeren ab, denn jedes dieser Gebiete, kostete es auch Schweiß und Mühe, bot doch die beste Gelegenheit, dem Meister wert zu werden, Einfluß auf ihn zu gewinnen und schließlich – wer weiß –, die Rivalin zur Seite zu schieben und die Herrschaft über den ganzen Hof an sich zu bringen. So weit kam es aber nie. Verstand es die eine, sich eine Vorzugsstellung zu erringen, fielen die andern sogleich unbarmherzig über sie her, und kein Mittel war verpönt, um die gemeinsam Verhaßte zu entthronen. Aus Furcht, diese oder jene könnte unvermutet in die Höhe kommen, arbeiteten sie auch zu Zeiten, wo nichts dergleichen anzunehmen war, gegeneinander. Es blieb nicht dabei, daß sie sich zuleide werkten und das Dasein erschwerten, so sehr sie konnten, den Mann mit allerlei Listen gegen die Gefährliche aufhetzten, und, wenn dies mißlang, sich offen balgten, das Haus mit Geschrei erfüllten, wobei Geschirr und Ware zu Schaden kamen, die Kinder erschrocken flüchteten und auch der Mann, wollte er nicht in das Unwesen gezerrt werden und Prügel ernten, sich in den Stall verzog, bis der Sturm vorüber war. Dabei blieb es nicht, und es war nicht das Schlimmste. Streit und Zank gibt es in allen Häusern, talab und talauf. Was das Leben der Frauen auf der Bargada in besonderer Weise entstellte, war etwas anderes, versteckt Gefährlicheres. Es war der böse Verdacht, eine jede von ihnen suche mit Mitteln, die nicht laut zu nennen waren, gegen die übrigen das erwähnte Ziel zu erreichen. Daß alle die ledigen Frauen einen eigenen Raum im Hause, oft sogar eine eigene Wohnung in einem der Nebengebäude bewohnten, diente den schlimmen Gedanken. Nach getanem Tagewerk zogen sie sich in ihre Kammern zurück. Sie saßen dort wie in einer Festung, prüften Lage und Aussichten der Gefährtinnen, berechneten ihre eigene Stärke oder Schwäche und entwarfen Pläne, nach denen günstig vorzugehen wäre. Was sie sich an ungewöhnlichem Beginnen ausdachten, um den Mann für sich einzunehmen und die Nebenbuhlerin zu besiegen, das muteten sie, da man leicht eigene Absichten dem Nächsten unterschiebt, jener selbst zu. Und etwa nicht zu Recht? Die Chronik der Bargada, von Tante zu ­Nichte weitergeflüstert, gab Beweis genug dafür, daß verborgene Kräfte einzufangen und dienstbar zu machen waren und daß die Arminifrauen dies verstanden. Wie man sich die Gunst des Mondes gewann in allen jenen Dingen, die sprießen oder verderben sollten, wie man erfuhr, ­welche Nächte und Orte dem Mutigen Vorteile boten, in den Lauf des Ge­schickes einzugreifen, wie Kräuter von Kräutern zu unterscheiden, wie zu mischen und herzurichten, wie die Worte zur Handlung zu wählen waren, damit Wirkung entstehe, das wußten sie alle. Darum galt es auf der Hut sein, kein Zeichen zu übersehen und mit kräftigen Gegenmitteln nicht zu sparen, ja, damit aufzutrumpfen.

Ob nun Tränke gebraut, Friedhofblumen gesammelt und unter Betten gestreut, ob Wachsglieder geformt und durchbohrt wurden, Erfolg hatten die Praktiken nicht. Es gelang nie einer Frau, das Regiment an sich zu reißen, wie sie auch, so oder so, darum kämpfte.

In dieser Weiberwirtschaft stritten nicht, wie es den Anschein haben konnte, gleicherweise alle gegen alle. Es zeichneten sich Gruppen ab: die der Mütter und Schwiegertöchter, die der ledigen Schwestern, Tanten und Nichten. Auch darin von andern Familien verschieden, wo die ­Mutter meist ungern die Frau des Sohnes kommen sieht, freuten sich die Arminifrauen auf ihre Schwiegertöchter, nahmen sie freundlich auf und hätten sie gerne vor allen ausgezeichnet, wenn nicht lange Erfahrung mit den Ledigen sie gelehrt hätte, ihre Vorliebe behutsam zu verbergen. ­Mutter und Schwiegertochter standen aber, wenn sie sich auch offen bekriegen mochten wie die andern, in Verbindung, weil beide nicht von der Bargada waren und daher eine geheime, natürliche Partei gegen die echten Armini bildeten. Es gab Zeiten, wo auch zwischen Ledigen Eintracht herrschte, etwa zwischen einer Tante und ihrer Nichte oder ­zwischen zwei ältern Schwestern. Dieser Bund wurde den andern laut gepriesen und als Machtzuwachs dargestellt. Die neuen Freundinnen waren unzertrennlich. Es kam vor, daß sie in eine Kammer zogen. Man hörte sie bis spät plaudern und lachen oder nachts zusammen durchs Haus schlurfen, die schwere Haustüre öffnen und hinausgehen. Zu welchem Zweck, fragten sich mißtrauisch und ängstlich die vom ungewohnten Geräusch Geweckten. Es hieß aufpassen … Doch lange dauerten diese Freundschaften nicht. Sei es, daß die ungewohnte Men­schen­nähe die Frauen verwirrte und verführte, der Freundin mit ihren Schubladen auch ihre Absichten, geheimsten Wünsche und Künste zu eröffnen und auszuliefern, was stets noch zu Verdruß führte, sei es, daß auch in diesen Bünden die Sucht zu herrschen keine der Partnerinnen je verließ: die Freundschaften gingen bald mit Lärm in die Brüche, und giftiger als vordem hockten die wieder Einsamen in ihren Gehäusen und sannen auf Rache, während die andern sie schadenfreudig auslachten.

So arg die Frauen im Hause einander nachstellten, nach außen gaben sie nichts von ihrem Hader preis. Mehr als das: gegen Fremde standen sie zusammen, verteidigten sich und waren bereit, füreinander zu leiden. Man sah sie ab und zu einträchtig zur Messe gehen, eine ganze Schar, schön geputzt, fast feierlich. Sie waren alle groß und knochig gebaut, von dunklem Typus. Ihre Gesichter trugen den selben Stempel: eine niedere, breite Stirn mit tiefem Haaransatz, welche hohe, sehr buschige Brauen noch niedriger erscheinen ließen. Darunter ungewöhnlich große, schwarze und nahestehende Augen. Die Nase war lang und fein gebogen, doch der Schwung artete mit den Jahren und bei zunehmender Magerkeit zur Hakennase aus. Der schmallippige Mund erhielt schon früh den zweifelhaften Schmuck eines kleinen Schnurrbartes, der sich zu grausigem Gestrüpp verdichtete, wenn die Frauen ein hohes Alter erreichten. Auffallend waren die Ohren, gut geformt, groß und blaß wie aus Papier. Sie klebten sehr nahe am Kopf, der sich in edler Kurve schmal nach hinten wölbte und stolz den schweren Knoten aus schwarzem Haar trug. Sie waren schön, die Frauen von der Bargada, sie hätten schön sein können, wäre nicht ihr Blick gewesen, der, brennend und saugend, so glänzte, daß mancher, den er traf, nach dem Zahn fingerte, der zur Abwehr gegen das böse Auge an seiner Uhrkette baumelte.

II. Wohin?

Zur Zeit, als Tomaso auf dem Hof saß, war von der frühern großen Hausgemeinde nicht viel mehr übrig: er und seine Frau Detta, die er sich aus Italien geholt hatte, seine Schwester Giulia, viel älter als er, und seine Kinder Orsanna und Bernardo, der Sohn wieder um fünfzehn Jahre jünger als die Tochter. Zwischen den beiden waren mehrere Kinder in zartem Alter gestorben.

Mit der Verkleinerung der Familie war es im Hause stiller geworden. Der Krieg, den die weiblichen Angehörigen sich einst lieferten, war in ein stummes Sich-aus-dem-Wege-Gehen ausgelaufen. Doch hatten sich die Leidenschaften dabei nicht beschwichtigt. Unter der ruhigeren Oberfläche gärte der Unfriede zwischen der Hausmutter und ihrer Schwägerin, zwischen dieser und ihrer Nichte weiter und giftiger, weil das, was sich einst in der breiten Schicht vieler abspielen konnte, nun auf ein paar Vereinzelte beschränkt war. Die Möglichkeit, sich in Gruppen zu verbinden und in gemeinsamem Erleben Erleichterung zu finden, fiel dahin. Wollte Orsanna sich nicht zur alten Giulia schlagen, blieb diese allein, das Los der ledigen Arminifrauen zu tragen, das kein freundliches war: bedingungslos sich der fremden Meistersfrau beugen und arbeiten, nicht anders als ein Knecht. Sie bäumte sich dagegen auf, rüttelte daran wie ein Tier an den Stäben seines Käfigs. Es half ihr wenig. Die alte Ordnung der Dinge stand fest.

Auch daß Tomaso sich nicht mehr vor einer Schar Frauen zu hüten hatte, wie es seinem Vater noch beschieden gewesen war, und er es daher wagte, offen zu Detta zu stehen, verbitterte Giulia. Ihr Groll gegen die Frau des Bruders, die immer die stärkere war, der sie auch mit geheimem Tun nichts anhaben konnte, da Dettas ruhige Gemütsart sie gegen die Praktiken der Arminifrauen zu schützen schien, ihr Groll, der keinen Ausweg fand, wuchs zu einem dichten Haß aus. Doch hütete sie sich, ihn deutlich zu zeigen. Sie fürchtete ihren Bruder, der sie unsanft in ihre Schranken wies, so oft sie einen Anlauf nahm, Detta zu verdrängen und sich einen bessern Platz zu erobern. Er hatte sie aus dem großen Hause in ein Nebengebäude verwiesen, wo sie nun für sich hauste. Nur die Arbeit brachte sie mit den andern zusammen. Sie besorgte den Stall, fütterte, mistete und molk, zog die Kälber auf und machte die Butter. Da Detta sich im Haus und Garten beschäftigte und Orsanna mit dem Vater und den Taglöhnern aufs Feld zog, kamen sich die Frauen wenig ins Gehege, und es gab kaum mehr Lärm auf der Bargada.

Erst als Bernardo dem engsten mütterlichen Schutz entwuchs, loderte noch einmal die alte Lust an lautem Streit auf. Detta zitterte um ihren Knaben, der ihr so spät und nach so viel Kummer um andere Kinder geschenkt worden war. Sie fühlte sich so innig mit ihm verbunden, daß sie ihn am liebsten in sich beschlossen gehalten hätte. Auch Bernardo hing mit stiller Leidenschaft an seiner Mutter, ganz ihr zugekehrt. Er genoß es noch als großer Bub, von ihr herumgetragen zu werden oder still auf ihrem Schoß zu sitzen, über die runden Knöpfe ihrer Jacke fingernd seinen Kopf an ihre Brust zu pressen, die im Atmen sich ihm entgegenhob oder entsank, und den Geruch ihrer Kleider, ihrer Haare und ihrer Haut vorsichtig prüfend einzuziehen. Die besondere, ausschließende Liebe zwischen Detta und dem Kind kam für die andern fast einer Beleidigung gleich. Giulia faßte es so auf. Sie benützte die ersten Anzeichen, als dem Bub die Lust erstand, über seine Mutter hinaus mehr von der Welt zu erfahren, um ihn Detta abzulisten. Oft verschwand sie mit ihm auf Stunden, worüber Detta in Zorn geriet und sich bis zu Tätlichkeiten hinreißen ließ, wenn die Alte mit scheinheiliger Miene das Kind, das nach solchen Ausflügen auf seltsame Art ungebärdig und verstört war, wieder ablieferte. Sie behauptete, Giulia erzähle dem Kleinen furcht­erregende Geschichten oder nehme mit ihm Gott weiß was für Dinge vor, um ihn an sich zu fesseln. Täte sie nichts Unerlaubtes, warum wäre der Bub so verändert, wenn er von ihr nach Hause zurückkehrte? Aber auch Orsanna versuchte, den Kleinen zwischen den beiden Streitenden für sich herauszufischen und seine Zuneigung zu gewinnen. Sie tat es auf ihre Art, gab ihm verbotene Schleckereien zu essen und redete ihm ein, nur sie liebe ihn, nur von ihr könne er alles haben, was er sich wünsche. Sie erhitzte sich selbst an ihren Worten, so daß sie plötzlich das Kind an sich riß und mit Küssen fast erstickte, worüber Bernardo in Zetergeschrei ausbrach, sobald er Luft bekam, und mit den Fäusten auf die große Schwester einhämmerte, bis eine der andern Frauen ihm zu Hilfe eilte und ihn der Heftigen entriß. Der Zank hörte nicht auf. Hier nun zeigte sich, daß Tomaso, im Gegensatz zu den frühern Armini, welche nie in die Erziehung der Kinder eingriffen, es sei denn zum Strafen, gesonnen war, dem Wesen ein Ende zu setzen, indem er den Knaben den Frauen entzog und an sich band. Er nahm ihn mit zur Arbeit, unterhielt sich mit ihm in lehrhafter, etwas steifer Art und überwachte seine Spiele. Bernardo, stolz, zu den Männern gezählt zu werden, schloß sich dem Vater gerne an. So verlief der Streit, den die Frauen um den Knaben auszufechten bereits begonnen hatten, frühzeitig im Sand, und das Leben auf der Bargada ging seinen Gang weiter. Vielleicht, daß die Schulzeit des Jungen noch Anlaß zu Aufregung gab. Wie jeder Armini, hatte auch Tomaso gehofft, es werde dem Sohn glücken, ein einfaches und gutes Einvernehmen zu seinen Kameraden zu finden. Er irrte sich. Gerade Bernardo, so schien es, traf auf besondern Widerstand der Dorfjugend. Er kam oft beschmutzt, mit zerrissenen Kleidern nach Hause. Die Buben hätten sich auf ihn geworfen und so zugerichtet. Daß sie ihm offenen Kampf ansagten, war nicht das Schlimme, fand Tomaso, schlimmer war, daß sie, nach des Buben weinerlichem Bericht, hinter ihm her lachten und beschimpfende Andeutungen über sein Haus, seine Familie, seine Mutter fallen ließen, die das Kindergemüt verwirren und verletzen mußten. Es waren die alten, dummen Geschichten von Spuk und Zauberei, die nicht verstummen wollten.

Doch sah Tomaso ein, es lag auch an dem Buben selbst, daß sich das Verhältnis nicht bessern konnte. Er zeigte kein Verlangen, sich unter die andern zu mischen. Sein Sinn war nicht darauf gerichtet, mit den Buben zu spielen, sich herumzutreiben, den Mädchen aufzulauern und sie mit Schabernack zu verfolgen oder Tiere zu plagen, ein Hauptvergnügen der Schuljugend. Noch weniger lockten ihn ihre kleinen Geschäfte mit Taschenmessern, Bleistiften und Briefmarken. Höchstens, daß er Glasmarmeln eintauschte. Glasmarmeln hatten es ihm angetan. Um ein schönes Stück zu ergattern, gab er dafür, was ihm abverlangt wurde: Äpfel und Süßigkeiten, Federkasten mit Inhalt, Teile seiner Kleidung, trotzdem er deswegen Schelte zu gewärtigen hatte. Er verteilte die Glaskugeln je nach ihrem Aussehen in verschiedene Täschchen, die Detta ihm nähte: die gestreiften zusammen, die geflammten, die spiraligen, die bunten und die einfarbigen. Die schönste von allen war groß, hellbraun, halb durchsichtig. Darin schwammen goldene Funken. Bernardo hielt sie sich gerne nah vors Auge und starrte hinein, bis ihm schwindlig wurde und er glaubte, die goldenen Funken im eigenen Auge stieben zu spüren. Nie ließ er sie von jemandem anrühren.

War er nicht ums Haus herum mit seinen Marmeln beschäftigt, konnte man sicher sein, ihn bäuchlings auf einer Bank oder Mauer liegend zu finden, die Ellenbogen aufgestützt und den Kopf mit dem braunen Haar über ein Buch gebeugt. Er las. Er las alles, was er fand. Sein Schulbuch wußte er auswendig. Die spärliche Schulbibliothek bot ihm nichts Neues mehr. So hatte er sich der Bücher bemächtigt, die von früher her in einem Schrank auf dem Estrich standen: vergilbte Kalender, Reisebeschreibungen, Heiligenlegenden und Wundermären. Er las sie immer wieder, andächtig. Was er nicht verstand, träumte er dazu. Neben den Geschichten enthielten viele der Bücher Bilder, die Bernardo mehr noch fesselten als der Text. Mit Ehrfurcht schlug er die bunten Seiten auf. Er kannte sie alle bis in die letzte Einzelheit, so lange und so oft hatte er sie betrachtet.

Da waren ungewöhnliche Landschaften zu sehen: Felsen, zehnmal so hoch und so gefährlich, so seltsam zu Fratzen ausgezackt wie der Grat im Norden des Dorfes, jener Grat, der eine liegende Frau mit hohem Leib und gespreizten Beinen darstellte, über deren unschickliches Benehmen er sich wunderte; wilde Meere, auf denen Menschen in kleinen zerbrechlichen Booten den Walfisch jagten, das Riesenungetüm aus der Bibel, das Jonas verschluckte; der verlorene Sohn, der aus Schweinetrögen aß, aussah wie ein Taglöhner und dann doch, auf einer andern Seite des Buches, sich wunderbarerweise wieder nach Hause fand, wo er herzlich aufgenommen wurde; Urwälder, in denen die ersten Christen, fast nackt, gegen gewaltige Bärinnen kämpften, als leuchtendes Beispiel von Mut und Glaube. Doch auch das Konterfei des Mondes war zu betrachten. Daß man es eben wisse, der Mond war keine freundliche Frau, er war eine Kugel, über und über blatternnarbig wie das Gesicht Cechs, jenes Taglöhners, den die Sonne zu Tode gestochen hatte, daß er am Abend leblos im Grase lag, worüber man nie fertig wurde, nachzudenken, denn was war es eigentlich: tot? Die blatterige Kugel war häßlich, und Bernardo überschlug die Seite gerne. Es gab ja andere, ganz andere Bilder. In einem mit Blumenkränzen verzierten Rund saß eine schöne Frau mit langem, goldenem Haar an einem Brunnentrog, in den Figuren eingeschnitten waren halb Fisch, halb Mädchen. Sie umwanden sich und quollen durcheinander wie Schlangen. Die Frau aber streckte ihre Hand ins Wasser und schaute Bernardo lächelnd und etwas wehmütig an. Wie er das Bild auch hielt, die Frau sah ihn an. Sogar wenn er es an die Wand lehnte und sich davon entfernte, nach rechts oder nach links auswich, sah ihn die Frau an. Dies zu erproben, war ein erregendes Spiel, und er spielte es, bis ihm das Herz im Halse klopfte.

Doch gab es ein noch schöneres Bild, das allerschönste, auf dem nur eine einzige riesige Blume gemalt war, die ihr Inneres, wie es Bernardo vorkam, fast schamlos preisgab: samtene Bahnen von glitzernden Kanten umrandet, durchsichtige Wändchen, schimmernde Höhlen, farbig leuchtende Grotten, seltsam gewundene, glattglänzende Zugänge zu der Mitte, wo im Kranz, zwischen langen Fäden, eine kleine, knorpelige Kapsel lag. Und diese Blume duftete. Das war das Aufregende. Es entstieg ihr ein süßlicher Modergeruch, der an Moos oder faulendes Holz erinnerte, vielleicht auch an den Geruch der Erde im Frühling, wenn es taut und der Mist auf den Feldern dampft. Bernardo genoß den Duft mit aufgeblähten Nasenflügeln und geschlossenen Augen.

Es tat Tomaso leid, den Sohn von derlei gefangen zu sehen, ja es verdroß ihn, daß er offensichtlich faul war, da es ihm nichts ausmachte zu lesen, wo doch ringsherum vieles zu tun blieb. Wenn er keine Zeit in gemeinsamem jugendlichem Treiben verlieren wollte, war es doch unrecht, daß er sie mit dem viel unnützeren Bücherkram verlor. Schon lange fehlten Arbeitskräfte auf der Bargada. Die drei Frauen konnten die Arbeit nicht mehr bewältigen, die ihnen zufiel. Das Gut ging nicht recht vorwärts; wenn man genau sein wollte, ging es damit zurück. Weniger Kühe im Stall, kleinere Misthaufen, mageres Gras, mäßiger Erlös; eines griff ins andere. Dazu schien es Tomaso, die Sommer seien weniger warm als früher, alles wachse langsamer und reife später. Da hieß es, sich an die Arbeit halten und nicht träumen, sollte der Hof nicht herunterkommen. Er machte Bernardo Vorstellungen. Der Junge, um dem Vater zu Gefallen zu sein, legte sich ins Zeug, doch jeder sah, er war vielleicht mit dem Willen, aber nicht mit dem Herzen dabei.

Als Bernardo aus der Schule kam, war es für den Alten keine Frage, daß der Sohn ihm mehr als bisher bei der Arbeit auf dem Hof zu helfen habe, um nach und nach in den Gang der Geschäfte hineinzuwachsen und ihn abzulösen. Es hieß auch schon im geheimen an eine Frau für ihn denken, denn nie ist es zu früh, nach der richtigen Frau für den einzigen Sohn Umschau zu halten.

Bis jetzt hatten die Armini ihre Frauen stets draußen geholt. Nie verband sich einer der Sippe mit einem Mädchen aus dem Dorf. Man trug es ihnen als unberechtigten Stolz nach, und Tomaso fragte sich, ob die fremden Frauen der tiefste Grund für ihre Ausschließung sein mochten. Doch in Gedanken hier angekommen, konnte er die Sache umkehren und sagen, weil die Dorfleute nichts von den Bewohnern der Bargada wissen wollten, seien die Armini angewiesen, ihre Frauen aus der Fremde zu holen. Die Dinge waren nicht so einfach. Für seinen Sohn wünschte er, wie dem auch sei, es möge glücken, ein Mädchen vom Ort zu gewinnen, um mit dem Brauche auch den Bann zu brechen, der auf ihnen lag.

Da war die blonde Alda Spertini, ein schönes Mädchen, das dem Sohn gefallen und dem Hof als spätere Meisterin wohl anstehen dürfte. Tomaso wußte, was sie einst zu erwarten hatte: nichts als Schulden. Er kannte die Wiesen ihres Vaters. Sie lagen jenseits der Fuchsenbrücke so, daß er sie gut mit den seinen, ohne viel Zeit für den Weg zu verlieren, besorgen konnte. Spertini suchte Geld, um sich aus den Händen eines Wucherers zu befreien. Er, Tomaso, hatte Geld. Man könnte sehen, dies und das gleichzeitig zum Klappen zu bringen: die Felder und das Mädchen an die Bargada, das Geld an den Alten.

Aus diesem lange und sorgfältig ausgeheckten Plan wurde nichts, und zwar war Bernardo allein schuld, daß er sich zerschlug. Er erklärte eines Tages dem Vater, er wolle fort. Hier bleibe er nicht mehr. Kein Mensch rede mit ihm, man benehme sich im Dorf, wenn er erscheine, als sei er räudig. Die Mädchen kehrten ihm den Rücken und kicherten, sogar die Alda. Er habe genug. Er gehe.

«Wohin?» fragte der Vater, schmerzlich erstaunt.

«Wohin, wohin! Irgendwohin!» erwiderte der Sohn. «Überall wird es besser sein als hier.» Daß Bernardo unter der Absonderung litt, war Tomaso verständlich. Hatte er nicht sein Leben lang darunter gelitten, sich dagegen aufgelehnt und gehadert, bis er sich damit abfand? Aber daß der Bub fort wollte, fort von der Bargada, vom Haus, den Wiesen, dem Vieh, der Arbeit … das verstand er nicht.

«Wohin denn, und was tun?» fragte er wieder. Der Sohn trotzte: «Fort … fort!»

«Von deinem Besitz weg?» versuchte Tomaso den Jungen zu locken.

«Was habe ich davon?» gab Bernardo zurück. «Ich will fort, etwas sehen … fort … fort!»

Er hat zuviel gelesen, dachte Tomaso bekümmert, das ist es. Wochenlang stritten sie sich, zuerst unter lauten, heftigen Worten, dann stiller und zäher, bis der Alte begriff, daß er der Schwächere war und den Jungen nicht zwingen konnte, zu bleiben.

«So geh!» schloß er ein Gespräch, das von Bernardo einsilbig und eigensinnig mit «Ich gehe!» bestritten worden war. «Aber dann geh gleich … mach Schluß!»

Bernardo wollte freudig aufspringen, doch fühlte er sich von dem schweren Ernst des Vaters eingeschüchtert. «Ich danke», murmelte er und ging in seine Kammer.

Auf dem Bett sitzend, überprüfte er nochmals seinen Plan, sann, was er anfangen sollte, um in der Fremde Arbeit zu finden. In seiner Sparbüchse war etwas Geld. Sie stellte ein Schwein dar. Er schmetterte sie auf den Boden, um sie zu zerbrechen. Zwischen den Scherben rollten einige Fünfliber hervor, kleinere Silbermünzen, Nickel und ein goldenes Vögelchen, zwanzig Franken, die einst ein Bruder der Mutter, der aus Amerika zu Besuch gekommen war, in die Sparbüchse hatte gleiten lassen. Alles zusammengerechnet, konnte er, auch wenn ihm der Vater nichts geben wollte, worüber noch zu sprechen war, die Reise nach Mailand wagen und dort ein paar Tage ausharren, bis er einen Meister gefunden haben würde. Er wollte Maler werden.

Von dem Lärm der zerschellenden Sparbüchse geweckt, rief seine Mutter aus der daneben liegenden Kammer, was los sei, warum er die Leute so erschrecke, bei nachtschlafender Zeit. Bernardo ging zu ihr hinüber. Sie lag im hohen Himmelbett mit den weißen Vorhängen. Es wollte ihn beschämen, denn er hatte die Mutter in den letzten Jahren nie liegend gesehen. Stets war sie als erste auf und ging als letzte zu Bett. Sie hielt sich die Nachtjacke am Halse zu, stützte sich auf den Arm und fragte mit leiser Stimme, noch einmal, was los sei.

«Ich gehe fort, Mutter», erklärte Bernardo, «ich habe mein Geld aus der Büchse genommen.»

Sie wußte es schon. Tomaso hatte ihr den Wunsch des Sohnes, die Bargada zu verlassen, mitgeteilt. Oft und lange war darüber zwischen ihnen und Orsanna, die sie zuzogen, hin und her beraten worden. In ihrem Herzen war es aber schon lange eine ausgemachte Sache, daß Bernardo gehen werde. Sie wünschte es ja, er käme von diesem einsamen Orte fort. Sie erinnerte sich ihrer eigenen Jugendzeit, die sie in freundlicher Gegend unter heitern Menschen verbrachte, und maß dagegen das Leben auf der Bargada. Gut genug für sie, die Alten, und für Orsanna, die ob des Alleinseins schon so wunderlich geworden war, daß sie nirgends anders mehr hinpaßte. Aber der Junge sollte nur gehen und sein Glück suchen, wenn ihr damit auch Sonne und Mond versinken mußten.

Bernardo stand immer noch unbeholfen vor dem Bett der Mutter. Es kam ihm in den Sinn, daß bis zu seinem zehnten Jahre sein eigenes kleines Lager hier aufgeschlagen war, und wie er oft, halb im Schlaf, die Eltern zur Ruhe gehen sah. Er hörte wieder das Klirren der Vorhangringe auf dem eisernen Stab, ein gemurmeltes Gebet, ein lautes Amen, das in Gähnen überging, dann tiefe Atemzüge des Vaters, leichtere der Mutter, etwa ein Seufzen. Er schaute nach dem Spruch an der Wand. Wie früher buckelte sich im Kerzenlicht eine Stelle der Glasscheibe, die ihn bedeckte, daß sie aussah wie ein Riesenmarmel. Die Buchstaben dahinter verzogen sich zu dunklen, verwickelten, gelbrot umrandeten Linien. Sie ergaben Zeichnungen und Bilder, die, wenn er den Kopf bewegte, ineinander übergingen: Blumen, Fangarme, Fische, Schweife, Regenbogen, Monde, was noch? Alles sah man da. Wie als Kind versuchte er, den Punkt zu finden, wo ein Bild sich in ein anderes verwandelte. Traf er ihn, hielt er ihn fest, wie eine Schaukel im Gleichgewicht. Er tastete mit großer Behutsamkeit ein Haar breit nach links: ein zottiges Tier mit fletschenden Zähnen erschien, eine Handbreit nach rechts: eine liebliche Mädchengestalt mit blondem, langem Haar.

Auch ein Erlebnis seiner Kindheit fiel ihm wieder ein. Er lag krank. Seine Eltern schliefen schon. Es war nichts zu hören im Hause als das leise Auf- und Zuklappen der Küchentüre und von Zeit zu Zeit das Gestöhne aus dem Keller hervor, von dem der Vater sagte, es zeige Wetterwechsel an. Doch die Tante Giulia wußte es besser. Es war die ururalte Bärin, die zuhinterst im Keller schlief, etwa erwachte und sich drehte, wenn sie Hunger spürte … Er begann, sich zu fürchten, und wollte nach der Mutter rufen, als die weißen Vorhänge des Bettes auseinander wallten und die Mutter – sie war aber die schöne Frau auf dem Bilde im Buch – lächelnd dazwischenstand und ihm winkte. Sofort kletterte er aus seinem Bett und ging auf sie zu. Sie schwebte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, an der Küche vorbei auf die Straße und dort weiter zur Fuchsenbrücke, er immer hinter ihr drein. Auf dem Plan, wo das viele Farnkraut wuchs, setzte sie sich auf die Steinbank und ließ ihre Hand ins Brünnlein tauchen. Ein Geruch von Moos war wie eine Wolke um sie herum.

Da hörte er Lärm und Geschrei, Menschen kamen auf der Straße gerannt. Sie trugen eine Laterne und riefen laut seinen Namen. Er erkannte die Eltern und hintendrein, wie Schatten, die Tante und die heulende Orsanna. Als sie ihn erreicht hatten, begann die Schelte. Der Vater drohte mit strenger Strafe, mit Schlägen, doch wußte Bernardo so beredt von der schönen Mutter zu erzählen, die ihn aufforderte, mit ihr zu gehen, daß alle still wurden. Der Vater nahm ihn auf den Arm und trug ihn in sein Bett zurück. Die Mutter brachte ein heißes Getränk und streichelte seinen Kopf, bis er einschlief.

Auch Detta gedachte in diesem Augenblick der nächtlichen Flucht des Knaben. Sie erschrak damals sehr, das Bett des Kindes leer, die Türen offen zu finden; sie suchte den Sohn im ganzen Haus, im Garten, in den angrenzenden Feldern, betend, es möge ihm nichts Schlimmes widerfahren sein. Sie sorgte sich so um den Verlorenen, daß die Freude, den Ausreißer im langen Hemd endlich auf der Straße zu finden, den eben durchlebten Gram nicht aufzuwiegen vermochte. Auch heute noch, jetzt eben, stieg das Entsetzen über das Verschwinden des Sohnes wieder in ihr auf, so frisch, als stünde das längst Vergangene erst vor ihr.

«Also, du willst uns Alte allein lassen», sagte sie schließlich. Bernardo war verwirrt. Während er so stumm vor seiner Mutter Bett stand, stieg um ihn der süßliche Moosgeruch auf, der ihn in jener fernen Kindernacht umweht und den er vergessen hatte. Er prüfte ihn mit kurzem, schnellem Atem, wie ein Hund eine Fährte schnuppernd aufnimmt. Unsinn, ich bin wohl närrisch, dachte er. Zur Mutter sagte er gemessen im Tone eines jungen Mannes, der schon etliches hinter sich hat: «Ja, ich gehe, und diesmal holt ihr mich nicht mit der Laterne heim!» Er versuchte zu spaßen, doch die Mutter weinte.

III. Die Bärin

Die Alten lebten weiter wie zuvor. In die Arbeit, die Bernardo verrichtet hätte, teilten sich Orsanna und der Vater. Über die Heuzeit und im Herbst, zur Ernte, stellten sie Taglöhner ein, die von unten durchs Tal hinaufzogen und ihre Dienste anboten. Das paßte Orsanna nicht. Sie fand die Leute faul und immer hungrig und durstig. Lieber hätte sie die ganze Arbeit allein übernommen. Sie werkte wie ein Mann, im Stall, auf dem Felde, im Wald. Es gefiel ihr, so zu wirtschaften und ihre Unentbehrlichkeit Tag für Tag bestätigt zu sehen. Bald nahm sie den Platz ein, der dem Bruder zugekommen wäre. Der Vater gewöhnte sich, seine Ge­schäfte mit ihr zu besprechen. Er hörte auf sie. Sie verstand von allem so viel wie er selbst, doch hatte sie ihm eine rasche Entschlußkraft voraus. Sie mußte nicht lange überlegen, gleich wußte sie eine Sache, ohne unvorsichtig zu sein, richtig anzupacken, daß sie vorwärts ging. Tomaso dachte, wie unglücklich es sich schicke, daß nicht diese tüchtige Frauens­person ein Mann und Bernardo das Mädchen war.

Auch die Mutter zog Orsanna zu Rate, tat oft nach ihrem Willen und überließ ihr zu selbständiger Führung, was sie seinerzeit ihrer Schwägerin zäh abgekämpft hatte. Sie war gleichgültig geworden, denn ihre Gedanken weilten nicht auf der Bargada. Sie folgten dem Sohn. In der ersten Zeit nach seiner Abreise verteidigte sie ihn gegen Vorwürfe, die Tomaso gegen den Ausreißer aufbrachte. Sie fand Entschuldigungen und Erklärungen, den Mann zu besänftigen. Ob er nicht mehr daran denke, wie er selbst als junger Bursch ausgezogen war, das Gipserhandwerk zu erlernen und sich in Genua fast als Schiffsjunge hätte anheuern lassen? Ja, wäre sie nicht gewesen, ihn zurückzuhalten! Auch dem Sohn sei Freiheit zu gönnen. Er werde sie nicht mißbrauchen, er schlage nicht aus der Art, und was dergleichen Betrachtungen mehr waren, des Mannes Verdruß zu beschwichtigen. Als aber Tomaso seine Enttäuschung überwand, sich in die Lage schickte, den Sohn selten nur erwähnte, hielt sie die Trauer um sein Fernsein nicht mehr zurück. Sie klagte. Wo sich Gelegenheit bot, kam sie darauf zu sprechen, Bernardo sei zu erwarten. Es gab feste Redewendungen, die sie nie versäumte anzubringen: «Wartet damit, bis er da ist. Wenn er wieder da ist. Er ist ja bald da!» Orsanna ärgerte sich darüber. Sie gab mit scharfer Zunge zurück, da könne man warten bis zum Jüngsten Tag, er habe Eltern und Heimat längst vergessen, oder ob die paar Grüße, die er an Festtagen schicke – sie wies nach dem Küchenschrank, wo in einer Reihe ein paar bunte Ansichtskarten aus Mailand angeheftet waren – als Gegenbeweis gälten? Bernardo sei nicht dumm, das lustige Leben in der Stadt, das die Mutter ja oft genug beschrieben habe, gefalle ihm zu gut, er bleibe, wo er sei. Und überhaupt: als ob Bernardo nötig wäre auf dem Hof! Sie ersetze ihn schon. So trieb sie es, bis Detta weinte und Tomaso sie zur Ordnung wies. Was sie sich eigentlich einbilde! Und wenn man auch bis zum Jüngsten Tage auf ihn warten müsse, seinen Platz würde sie nie einnehmen, das solle sie sich gesagt sein lassen.

Es traf Orsanna, daß die Stellung, die sie sich erarbeitet zu haben wähnte, ihr nur geliehen sein sollte. Empört fragte sie sich, ob sie nicht gescheiter täte, dem Beispiel Bernardos folgend, in die Fremde zu ziehen, wo man ihre Kraft besser zu würdigen wüßte. Mochten die Eltern schauen, wie sie allein fertig würden. Doch das waren zornige Faseleien. Nie könnte sie die Bargada verlassen. Für sie gab es nichts auf der Welt, als hier in schwerer Arbeit sich mühen und mit allen Mitteln versuchen, gegen Brauch und Umstände, gegen den Willen der Eltern sich den ersten Rang auf dem Hof, auf den der Bruder verzichtete und den sie schon so gut wie inne hatte, zu sichern. Es mußte gelingen.

Wenn sich ein Mann für sie fände, bereit, auf den Hof einzuheiraten? Fast lächerte sie der Gedanke. Sie war schon über die Dreißig und hatte nie Zeit gehabt, sich um junge Burschen zu kümmern. Zudem, welcher hätte es ernst mit ihr gemeint? Eine Armini heiratete keiner vom Dorf. Nun war da aber der neue junge Wegknecht Giovanni. Er wohnte weit unten im ersten Ort des Tales und half seiner Mutter, die mit vielen kleinen Kindern Witfrau geblieben war, die Geschwister aufziehen. Man rühmte ihn deswegen. Jede Woche führte ihn sein Arbeitsgang über die Bargada. Orsanna sah ihn gerne kommen und beobachtete ihn etwa vom Garten aus. Er arbeitete mit Schaufel und Harke, fleißig und doch ohne Hast, daß es ihr recht gefiel. Auch sein kantiges Gesicht gefiel ihr. Sie durfte es sich offen gestehen, er war so viel jünger als sie, fast ein Bub noch, kam ihr vor. Oft gab es sich, daß sie ihn auf dem Wege traf, wenn er nach Feierabend die Werkzeuge auf der Schulter den langen Gang in sein Dorf hinunter antrat. Sie plauderten, machten einen Scherz. So hatte es begonnen. Doch wollte ihr bald scheinen, Giovanni wisse es geschickt einzurichten, um sie zu treffen, und was er ihr sage, habe alles einen zweiten Sinn: es wolle anderes und mehr sagen, als was die Worte bedeuteten. Sie ertappte sich dabei, nach diesem Sinn zu suchen und zu prüfen, was darauf zu antworten wäre. Dann schalt sie sich närrisch, hielt sich Launen alter Mädchen vor und schämte sich, Zeit mit Unsinn zu vergeuden. Und doch wurden ihr die Tage der Woche lieb oder unlieb, je nachdem sie näher oder ferner jenem Tag lagen, der den Burschen auf die Bargada brachte.

An einem Abend, ganz außer der Wochenordnung, stand Giovanni neben ihr, als sie die Kühe am Brunnen tränkte. Sie war so verblüfft, daß sie vergaß zu grüßen.

«Guten Abend», sagte er nach einer stummen Weile. «Du staunst mich an, als wäre ich ein Gespenst.»

Orsanna nahm sich zusammen. «Was treibt dich her?»

«Du meinst wohl, es sei ein Mädchen?» gab er zurück.

Orsanna schlug mit der Hand gegen den Wasserstrahl, daß er Giovanni traf. «Das dürfte wohl die Alda sein?»

«Wer weiß!» Es freute ihn, sie zu plagen. «Jedenfalls muß ich ins Dorf.»

«Und gehst heute nacht noch nach Hause?» frug sie weiter.

«Warum nicht?» warf er hin. «Es ist angenehm, nachts zu wandern, allein, und an das zu denken, was man wünscht.»

Orsannas Herz klopfte: «Und was wünschest du dir denn, wenn man es wissen darf?»

Giovanni sagte scherzend: «Vielleicht weißt du es!» Er schaute sie mit harten, klaren Augen an, deren eindringlicher Ernst in Widerspruch stand zu seinem lachenden Mund.

Betroffen wich Orsanna dem Ernst wie dem Scherz aus und fügte gleichgültig bei: «Wenn du auf dem Rückweg bist, tritt bei uns ein; die Alten freuen sich, jemanden zu sehen.»

Er antwortete nichts darauf, grüßte nur mit der Hand und eilte davon, dem Dorf zu.

Orsanna war aufgeregt. Sie brachte nach dem Essen die Küche rasch in Ordnung, legte frisches Holz in den Kamin und setzte sich neben die Mutter auf die Bank. Sie wartete. Ob er kommen würde? Davon hing vieles ab. Endlich hörte sie Schritte. Sie hielt den Atem an. Gingen sie am Haus vorbei? Traten sie ein? Als der Bursche mit leisem Gruß in der Küche erschien, war sie gefaßt.

«Schau, der Giovanni», warf sie hin, stand auf und schob ihn an ihren Platz neben der Mutter. Dem Vater, der verwundert aufschaute, erklärte sie, warum Giovanni so spät erst nach Hause gehe, und daß er am frühen Morgen schon wieder hier oben an der Arbeit sein müsse.

«Viel Schritte umsonst», meinte Tomaso ohne Teilnahme. Doch Detta schlug vor, der Junge solle über Nacht im Heu bleiben, es hätte wohl niemand etwas dagegen.

Er blieb, und von da an kam es vor, daß Giovanni eine Nacht in der Woche auf der Bargada verbrachte, um sich den Weg zu sparen. Ja, um sich den Weg zu sparen. Nur die alte Tante Giulia erriet, daß Giovanni nicht aus Bequemlichkeit auf dem Hof übernachtete.

Man sah sie selten mehr. Sie spann sich in ihrem Hause ein, was sie aber nicht hinderte, alles zu wissen, was sich auf der Bargada zutrug, und mit besonderem Spürsinn zu ahnen, was weder zu sehen noch zu hören war. So war ihr aufgefallen, daß Orsanna an gewissen Tagen eine andere Ordnung in ihre Arbeit brachte, hier war statt dort, ausging, wo sie sich sonst im Hause beschäftigte. Sie fand bald heraus, daß diese Veränderungen im Tagesplan mit dem Auftauchen des jungen Wegknechtes zusammenfielen. Schau, schau! Neugierig strich sie herum, fing mit Or­sanna Gespräche an und tauchte unerwartet im Hause auf. So kam sie eines Abends, als Giovanni in der Küche saß, hereingeschlurft und hockte kichernd dem Jungen gegenüber auf einen niedern Schemel, von wo sie ihn mit kleinen, von Hautsäcken verhangenen Augen musterte. Er erzählte gerade von der Gant des Spertini, der nicht mehr aus seinen Schulden zu retten sei und nun das Tal verlasse, um in einer Stadt als Handlanger seinen Verdienst zu suchen, während seine Frau und die Tochter, jene Alda, die Tomaso für seinen Sohn ausgewählt hatte, die Wirtschaft «Zur Post» übernähmen. Tomaso nickte. So hatte es kommen müssen, weil Bernardo ohne Vernunft seine guten Pläne durchkreuzte.

In dieser Nacht glaubte Giulia durch das Guckloch ihrer Küche zu sehen, wie Giovanni, nachdem alle schlafen gegangen waren, sich nochmals ins Haus schlich. Schau, schau! Wie war das nun? Wenn Orsanna den Burschen heiraten mußte – und wie sollte es anders ausgehen? –, dann kehrte sich auf einmal die Ordnung auf der Bargada um. Nicht die angeheiratete Frau wurde Meisterin, sondern die Zugehörige, die Eingeborene, die Echte: eine Armini. Sie fühlte sich im voraus und hintendrein entschädigt für ein Leben, das sie im Schatten der Schwägerin und Fremden hatte verbringen müssen, verloren, verblaßt, aufgeopfert. Brach Orsanna mit dem alten Brauch, der verlangte, daß die ledigen Schwe­stern des Meisters seiner Frau dienten, dann waren alle Armini-Töchter bis zurück zum Anfang, von dem niemand mehr wußte, gerächt. Sie wurde aufgeräumt und guter Dinge. Man sah sie oft auf der Wiese nach jungen Löwenzahnblättern suchen. Sie füllte ihre Schürze damit und wisperte vor sich hin: «Oh, das Schleckermaul!»

Orsanna begriff, daß die Alte ihr Geheimnis erraten hatte. Es beunruhigte sie, denn sie traute der Tante keine Verschwiegenheit zu. Hätte sie sagen sollen, was sie als Folge eines Geschwätzes mehr fürchtete, ihren Heiratsplan gefährdet zu sehen oder ihre Nächte mit Giovanni, sie wäre in Verlegenheit geraten. Denn das war zweierlei. An eine Heirat mit Giovanni hatte sie gedacht, ohne ihn zu lieben. Eine Heirat war eine Sache für sich: die Möglichkeit, sich die erste Stelle auf der Bargada zu erobern. Nun liebte sie aber Giovanni. Und das wiederum war eine Sache für sich.

Es gab Tage, an denen alles andere dagegen verblaßte. Wie im Traum verrichtete sie ihre Arbeit, eilte hin und her, gab Auskunft, ordnete an, aber ihre Gedanken waren nicht dabei. Wenn sie nachts endlich ihre Kammer aufsuchte, brach die mühsam zurückgehaltene Leidenschaft hervor. Sie warf sich vor dem Bett auf die Knie, wie zum Gebet, sie zitterte und stöhnte, rollte ihren Kopf, daß ihre Zöpfe sich lösten, und biß in die Kissen. Mit stechender Lust überließ sie sich der Erinnerung an die Freuden ihrer letzten Nacht, genoß sie in ihrer Vorstellung wieder und wieder, bis ihr Sinn sich verwirrte und ihr Herz in wilden Schlägen zuckte, als wollte es zerspringen. Dann trieb es sie, davonzuschleichen und zum Geliebten zu eilen, um sich zu vergewissern, ob auch er ihrer Liebe gedenke. Die Furcht, jüngere und schönere Mädchen könnten ihn ihr abspenstig machen, quälte sie grausam und ließ ihr keine Ruhe. Vor allem jene Alda, die nach des Vaters Plan als Bernardos Frau auf den Hof hätte ziehen sollen und ihr schon damals ein Dorn im Auge war, gab ihr jetzt wieder und ärgeren Grund zu Eifersucht. Es hieß von ihr, sie erlaube den Burschen mehr, als sich schicke. Orsanna hatte bemerkt, dass Giovanni gerne seine Arbeit unterbrach, um mit ihr zu schäkern, wenn sie zufällig des Weges kam. War es zufällig? Sicher wußte sie es zu berechnen und einzurichten, daß sie ihn tagtäglich irgendwo an der Straße traf, während sie, Or­sanna, auf dem Hof festgehalten war. Sicher trieben es die beiden zusammen, lachten wohl über sie, die alte Jungfer, der die Liebe so den Verstand geraubt hatte, daß sie nicht mehr klar sah. Doch halt, so weit war es noch nicht. Sie stellte sich das Mädchen vor: blond wie ein ­Sonnenstrahl, von weißer Haut und zierlich gedreht. Und sie dagegen? Sie betrachtete sich im Spiegelchen. Schwarze flackernde Augen unter fast zusammengewachsenen Brauen; graue, eingefallene Wangen, trockene Lippen. Sie befühlte ihren Körper. Er war von der schweren Arbeit mager und sehnig geworden. Vergebens, nach verführerischer Rundung zu suchen. Wie ein schimmliges Stück Schwarte, verglichen mit einem knusperigen Zuckerbrötchen, dachte sie, vom Neid gegen die Bevorzugte durchbohrt, daß sie aufschrie.

Gewann mit dem dämmernden Morgen der Tag wieder Macht über ihr aufgerissenes Wesen, wies sie mit Zorn die Verwirrung von sich, ­verwarf das Bild des Geliebten und stand auf, um ihren Geschäften nach­zugehen. Doch ach, der Liebe konnte sie nicht mehr entrinnen. Die Liebe hatte sie unterworfen und gebunden, sie war so wirklich, so nah, so dringlich, daß alles andere daran verging, daß auch Verdacht und ­Zweifel wie Schatten verblaßten.

Sie tat Giovanni mit ihrem Mißtrauen Unrecht. Wohl hatte er für alle hübschen Mädchen ein Auge, und wohl auch ein Herz, aber Orsanna allein gebot seinem Blute, denn immer brannte er danach, zu erfahren, wie ihr hartes Wesen für ihn in Seufzen und Beben hinschmolz, immer wieder, nie genug. So dachte keines von ihnen weiter als bis zur nächsten Nacht. Ihre einzige Sorge war, Verhinderungen zu beseitigen und sich häufiger zu treffen. Beide waren ungestüm, heftig und ganz ineinander verstrickt, daß Fragen nach der Zukunft sie kaum streiften.

Erst mit der Zeit tauchte der Gedanke einer Heirat deutlicher auf und nahm Gestalt an. Ihr Zusammensein endete oft in vagen Vorschlägen, die eher ein gemeinsames Träumen als ein Pläneschmieden waren. Ob eine Ehe zwischen ihnen möglich wäre, wann und wie, das gab zu raten. Sie lachten noch über ihre Einfälle. Sie stritten im Scherz, als wäre die ganze Übung nur ein Spiel, ob Orsanna zu ihm ins Haus, oder aber ­Giovanni auf die Bargada zu ziehen hätte. In den Beteuerungen Giovannis, es sei keine Frage, daß die Frau dem Manne zu folgen habe, war aber je ein solcher Ernst, daß Orsanna stutzig wurde. Sie prüfte ihre Lage. Sie malte sich aus, wie es wäre, wenn sie von der Bargada weg zu Giovanni zöge, in das armselige Haus, es mit seiner Mutter, die fast ihre Schwester sein konnte, und seinen kleinen Geschwistern zu teilen und die Armeleutearbeit aufzunehmen, die sie dort erwartete: Im Gemeindewald Holz sammeln, bei Reicheren taglöhnern, hinter ein paar mageren Ziegen ­herziehen … nein … unmöglich … Der Geliebte hatte zu parieren. Und bald scheute sie sich nicht mehr, Giovanni mit einem deutlichen Antrag zu Leibe zu rücken. Er wehrte sich. Es kam zum Streit.

So, er wolle also nicht auf den Hof einheiraten. Warum nicht?

Um nicht derjenige zu sein, der mit leeren Händen gekommen, nur eben geduldet würde. Froh wäre man um seine Arbeitskraft.

Nur solange Friede herrsche. Bei der ersten Meinungsverschiedenheit müßte er hören, auch von Orsanna selber hören, er sei ein armer Schlucker und habe nicht mitzureden, sondern zu gehorchen. Er begehre nicht, der Knecht der eigenen Frau zu sein. Und wäre er das etwa nicht?

Orsanna wurde böse. Was fiel dem Jungen ein, ihr Hindernisse in Form dummer Empfindlichkeiten in den Weg zu legen? Natürlich war sie der Meister, wer sonst? Und natürlich hatte Giovanni, der so viel jüngere, ihr zu gehorchen, doch nicht umgekehrt! Heiratete sie etwa, um sich von einem Fremden im eigenen Hause befehlen zu lassen? Sie gab Giovanni ihre Enttäuschung über seinen Eigensinn zu fühlen, verschloß ihm ihre Türe und grollte, bis die Angst, ihn zu verlieren, sie wieder einlenken ließ. Der Zank zwischen ihnen verstummte aber nicht mehr. Die Frage der Heirat, so lange nicht gestellt, wurde zur einzigen Wichtigkeit. Bald war es, als kämen sie nur mehr zusammen, um sich zu streiten, wer dem andern folgen müsse, wobei es Orsanna immer deutlicher aufging, daß sie Giovanni nicht heiraten würde, wenn er nicht auf den Hof einzöge. Er hatte nachzugeben.

Doch Giovanni dachte nicht daran, nachzugeben. Knecht seiner Frau, Knecht der Alten, Knecht des angestammten Meisters Bernardo, der wohl weggezogen war, aber einmal wiederkehren konnte, was auch Or­sanna dagegen behaupten mochte! Nein; wollte Orsanna nicht zu ihm ziehen, sollte sie es sein lassen. Es gab andere Mädchen, weniger hoffärtige, weniger herrschsüchtige.

Kam er auf seiner Arbeitstour vor der Wirtschaft «Zur Post», die nun von der alten Paulina und ihrer Tochter Alda betrieben wurde, vorbei, setzte er sich gerne hinein. Der Wein war gut, und das Mädchen gefiel ihm nicht schlecht. Solange er in der Wirtsstube saß, lachte sie übers ganze Gesicht. Hatte die Mutter draußen zu tun, ging Alda auf den Fußspitzen bis zu seinem Stuhl und lehnte sich an ihn, der es nicht versäumte, ihre runde Weichheit tastend zu prüfen … Vielleicht waren es auch die Gespräche der Frauen, die ihn fesselten. Sie wußten vieles. Sie wußten alles, auch über die Bargada alles, über ihre frühern und jetzigen Bewohner, über Orsanna … Er konnte von diesen Dingen nie genug hören. Und er brauchte nicht zu fragen, die Frauen wurden nicht müde, zu erzählen. Eine seltsame Begebenheit reihte sich an die andere, und wenn Giovanni etwa auflachte, das sei alles Unsinn, so tischten sie gleich noch weit Besseres auf. Ja, er solle nur lachen! Da gab es ein Fenster im zweiten Stock der Bargada; es war nur angemalt des guten Aussehens wegen, aber – wer hätte es nicht schon gesehen – zu Zeiten, wenn einer der Armini am Sterben lag, dann leuchtete es auf, als brenne dahinter ein Licht … In einem solchen Hause sei nicht gut verkehren … Und hatte sich da nicht die Paulina doch einst überreden lassen, bei den Armini einzutreten und Kaffee zu trinken? Die alte Giulia hatte ihn selbst gekocht und schenkte ihn ein. Oben darauf legte sie ein wenig geschlagenen Rahm, mit Brotkrumen vermischt, und wünschte guten Appetit. Gleich verging der Paulina jedes Gelüste auf den Trank. So nimm doch, nimm, sagte die Giulia und stützte sich dabei auf ihre Ellenbogen, nimm doch, nimm, es soll dir gut tun. Und während Paulina aus Furcht ein paar Schlücke nahm, sah sie die Giulia immerzu sonderbar an. Gerade in den Mund sah sie ihr, das war es, zwischen den Zähnen hindurch in den Mund. Und als Paulina endlich aufstehen, danke sagen und gehen konnte, da war ihr so übel, daß sie nur knapp bis zur Fuchsenbrücke kam. Dort mußte sie sich übers Geländer neigen und mit Wucht alles von sich geben, was sie eben eingenommen … Ob es nun ratsam war, in dem Haus etwas zu genießen?

Giovanni schüttelte den Kopf und sagte etwas von verrückten Weibern. Aber da kam er an die Rechte. Gleich fing Paulina wieder an: Und der Peppo selig, hatte er es nicht erfahren, ob es ratsam sei, etwas mit Arminis zu tun zu haben? Er spottete, alle seien Narren, und er wage es wohl, sich eine Ziege aus Arminis Stall zu kaufen. Eine Ziege sei eine Ziege, und wenn sie gut sei, so sei sie es, woher sie auch komme. Und um zu beweisen, daß er recht habe, ging er da nicht hin und kaufte sich die langhaarige, schwarze Ziege von Tomaso, jene seidenweiche, in die er sich dann so vernarrte, daß er darüber alles vergaß, sogar seine eigene Frau, daß es gesagt sei … Nein, nein … es war besser, man hielt sich abseits! Halb um Orsannas Sippe zu verteidigen, halb um mehr noch von diesen Geschichten zu erfahren, gab Giovanni einmal zu, er sei auch schon auf der Bargada ein und aus gegangen – was die Frauen wußten und weshalb sie mit solchem Eifer gegen die Arminis loszogen C; er trete etwa in die Küche und sitze zu den Alten, und ihm sei noch nie etwas Absonderliches aufgefallen. Da kreischte Paulina auf und versteckte das Gesicht in den Händen, während Alda breit das Kreuz schlug. «Nie gehört, wie es im Keller schnarcht und gähnt?» rief sie mit einer Stimme, die sich überschlug. «Gott steh dir bei, die Bärin, du wirst sie noch kennenlernen …»

Giovanni fuhr es kalt über den Rücken. Er faßte das Tischblatt mit beiden Händen, als wolle er ein Stück herausbrechen. Nun sei es aber genug des Blödsinns, rief er aus. Das Glucksen im Keller sei ein Wetterzeichen. Genau wie hier in der Wirtschaft «Zur Post» die hintere Wand feucht anlaufe, wennʼs regnen wolle, so sei dann das Geräusch dort zu hören. Er wolle zahlen. Doch es schüttelte ihn. Er blieb sitzen und bestellte frischen Wein, obschon er wußte, daß Orsanna auf ihn wartete.

Ja, Orsanna wartete auf Giovanni, und oft vergebens. Dann lag sie, überwach, mit weit offenen Augen in ihrer dunklen Kammer und lauschte. Hundert für einmal meinte sie, Giovannis Schritt von weitem zu vernehmen, zu hören, wie er leise die Haustüre öffne, die Treppe hinaufschleiche und bei ihr eintrete. Sie täuschte sich. Er war es nicht. Es war sonst etwas, das sich regte. Knisterte die Finsternis, wispelte der Wind draußen, tappte irgendein Tier herum? Sie wollte aufstehen und nachsehen, aber ihr war, sie sei mit jedem einzelnen Glied ans Bett gebunden, und nur ihre Gedanken könnten schweifen, wohin es sie trieb. In Schmerz und Zorn Giovanni, dem Treulosen, entgegen.

Aber sie wartete nicht allein. Giulia, die Orsannas Liebesangelegenheit als ihre eigene Sache nahm und kaum mehr an anderes dachte, wartete mit. Sie wußte, was zwischen den beiden gespielt wurde; sie erriet, was sie nicht wußte. Sie kannte die Gewohnheiten der Liebenden, denn sie huschte nachts im Hause herum und sah, ungesehen, was die beiden trieben. Sie war nicht wenig stolz, auf ihre Art bei allem dabei zu sein, und bildete sich gerne ein, die Fäden, die halte sie in der Hand, und sie sei es, die daran ziehe und die andern nach ihrem Belieben bewege. Verstand sie doch etwas von Wünschen und Wirkungen … Solange das verliebte Tun des Paares anhielt, war sie vergnügt und beglückwünschte sich selbst dazu. Doch früher als Orsanna spürte sie die langsame Wandlung in Giovannis Gefühlen. Sie kam in Sorge. Was sollte das heißen? Der Bursch entzog sich der Bargada? Orsanna wußte ihn nicht zu halten? Da mußte sie einschreiten. Mit sorgfältiger Beflissenheit machte sie sich bereit, Orsanna zu helfen. Nicht vergebens gab es allerlei erprobte Mittelchen, um widerspenstige Freier zu binden, vergehende Liebe neu entbrennen zu lassen … Sie nahm sich die Zeit zu allem Nötigen, verknotete kunstvoll roten Bindfaden und vergrub ihn auf dem Wege, wo er seine geheime Kraft dem Gemeinten entsenden konnte, legte Steine aus, mit Sprüchen geladen, versteckte hinter Bäumen am Wege Männchen aus dem Holz der alten Bargadaesche, die als kräftige Wegweiser dienen sollten. Daß dies nicht viel zu nützen schien, daß Giovanni trotzdem seltener zu Orsanna kam, wunderte sie. Es hieß also, mehr zu tun, einen Schritt weiter zu gehen. Orsanna selbst mußte Mittel anwenden.

Sie hatte sich bis dahin gehütet, der Nichte gegenüber, die schwieg, deren Liebesbeziehung zu erwähnen. Heimlich freute sie Orsannas Annahme, sie wisse von nichts. Nun aber konnte sie nicht weiter zuwarten, bis es dem Mädchen paßte, sich ihr anzuvertrauen. Als Nacht und Stunde herankamen, die Giulia als die richtigen errechnet hatte, trat sie sachte in die Kammer der Nichte, ein Licht in der einen, ein Pfännchen in der andern Hand. Orsanna setzte sich im Bett auf, mehr verblüfft als erschreckt, obwohl die Alte befremdlich genug aussah. Sie hatte ihren Rock hoch aufgeschürzt. Über ihre Beine hinunter hingen, bis auf die Füße, ein Paar ausgefranste Männerhosen. Das dunkle Kopftuch versteckte fast ihr ganzes Gesicht. Nur die spitze Nase guckte rot daraus hervor. «So gehtʼs nicht weiter», sagte Giulia ohne Einleitung. «Du mußt etwas tun.» Sie hielt Orsanna das Pfännchen hin. «Das mußt du mit ihm trinken. Er kommt heute nacht, es ist sicher.» Orsanna fühlte wie Erleichterung sie durchflutete, als habe sich in ihr plötzlich eine Schleuse geöffnet. Ohne den kürzesten Zweifel war sie für das Unternehmen der Alten gewonnen. Die Frauen sahen sich an. Da gab es nichts zu erklären, auch nichts zu verstecken. Eine Spiegel der andern, nickten sie sich gleichzeitig zu. Orsanna nahm das Pfännchen und neigte ihr Gesicht darüber. Langsam zog sie den herben Geruch der Kräuter ein. Als sie aufsah, war die Alte verschwunden.

Um diese Zeit trat Giovanni ins Haus ein. Er bemerkte den Lichtschein und blieb unschlüssig stehen. Aus Furcht, eine der Alten könnte ihn überraschen, drückte er sich hinter ein Faß, das neben der Küchentür aufgestellt war. Von hier beobachtete er das Licht. Es bewegte sich vorwärts, der Treppe zu. Doch, was war das? Was kam da die Stufen herunter? Das war kein Mensch! Das war ein Tier, mit zottigem Fell, das war die Bärin! Aufrecht ging sie, auf schweren Füßen, fürchterliche Krallen an den Zehen. Giovanni bog sich in jähem Schrecken zusammen und verbarg sein Gesicht in den Armen, sich zu schützen und nichts mehr zu sehen. Es flackerte ihm vor den Augen in roten Flammen und gelben Blitzen. Ihm schien, der Boden bebe, die Luft sei dick wie Rauch und rieche, weiß Gott, nach Schwefel. Zwischenhinein sagte er sich, er habe wohl einen Rausch, der Wein der Alda sei stärker, als man meine, er müsse sich davor hüten. Doch erst nach langer Zeit wagte er, den Kopf zu heben. Es war finster um ihn. Die Küchentüre, nur angelehnt, klappte leise auf und zu, und aus dem Keller dahinter hörte er deutlich das Gähnen, von dem die Paulina zu berichten wußte. Das Wetter wird ändern, sagte er sich, aber er glaubte nicht daran … Statt zu Orsanna hinaufzusteigen, die ihn zitternd vor Ungeduld erwartete, schlich er sich zum Hause hinaus in den Heustock, seinen Rausch auszuschlafen.

Von alledem nahmen Orsannas Eltern wenig Kenntnis. Wohl war ihnen eine Veränderung im Wesen der Tochter aufgefallen. Sie war nachlässiger bei der Arbeit, wechselte ihre Kleider häufiger, schmierte ihr Gesicht mit Schaffett ein und wütete oft arg auf dem Hof herum, eine rechte Plage für die Alten. Die Vermutung jedoch, Orsanna könnte heiraten wollen, und dazu einen so jungen Unwürdigen, wäre Tomaso nie gekommen. Eher deutete Detta das Verhalten der Tochter, in alter Weibereinsicht, als späte Sehnsucht nach Mann und Kind. Es fiel ihr auf, daß die beiden ledigen Frauen seit kurzem zusammenhielten, die Abende in Giulias Küche oder Orsannas Kammer verbrachten und viel geheimnisvoll zu tuscheln und tratschen hatten. Sie glaubte zu erraten, warum. Als sie einst einen langen, roten Zwirn aus Orsannas Tasche heraushängen sah – fast mußte sie auflachen ob der Entdeckung –, war sie ihrer Sache sicher. Aber kümmerte es sie, was da im geheimen gewünscht und getrieben wurde? Es konnte zu nichts führen. Es war im voraus verloren. Es war ganz und gar unwichtig. Wichtig allein war die Gewißheit, daß Bernardo über kurz oder lang nach Hause zurückkehren werde. Was sich daneben begeben mochte, war nicht mehr als ein Traum.

I. Die Glaskugel

Bernardo stieg in Mailand aus dem Zug, das Herz noch geschwollen vom Abschied, aber doch voll neugieriger Ungeduld auf alles Neue, das ihn in der Stadt erwartete. Er trug in seiner Tasche einen Zettel, auf den Detta Namen und Adresse eines ihrer Vettern, der in Mailand Bauunternehmer war, geschrieben hatte. An ihn solle er sich wenden. Beladen mit dem alten Familienkoffer aus Ziegenfell und einem Handkorb voll Eßwaren, wurde es Bernardo nicht leicht, den Vetter zu finden. Der rollende Lärm der großen Stadt, die kreuz und quer verlaufenden Straßen, Gassen und Winkel, die weiten Plätze, die Arkaden, Durchgänge und Höfe verwirrten ihn. Er staunte über das Menschengewühl, die Händler, Musikanten, Bettler, die spielenden und schreienden Kinder, die schön gekleideten Damen und die eleganten Herren. Erst am Abend traf er im Vorort, wo der Vetter wohnte, ein.

Ein junges Dienstmädchen kam barfuß ihm die Türe öffnen. Es führte ihn in einen weißgetünchten, von grellem Gaslicht erhellten Raum, wo an einem großen Tisch, den Rücken gegen die Tür, ein Mann zeichnete. Er kehrte den Kopf nach dem Eintretenden um und sah ihn fragend an. Bernardo nannte seinen Namen, den er schon dem Mädchen schüchtern gesagt hatte. Nun schwang sich der Mann auf dem hohen Stuhl herum und rief aus: «Schau, der Sohn der Base Detta.» Er wollte den Jungen lang und breit von seiner Mutter berichten lassen, die er, seit sie den Talbauern geheiratet und mit ihm weggezogen war, nie mehr gesehen hatte. Als Bernardo nicht viel vorzubringen wußte, fing der Vetter mit Erzählen an. Ein schönes Mädchen sei sie gewesen, die Detta. Wenn sie von Genua, wo ihre Eltern wohnten, zu den Seinen nach Mailand zu Besuch kam, waren alle Burschen des Quartiers ganz verrückt hinter ihr her. Blumen, Ständchen, Mauerklettereien und andere Dumm­heiten … Einer überbot den andern, damit sie ihn ansehe, aber sie hatte nur Tomaso im Sinn, und, zum Lachen, der schien sich nicht viel aus ihr zu machen, denn er faselte nur davon, Matrose zu werden. Daß sie dann doch zusammengekommen und auf Tomasos Hof ge­zogen waren, wunderte den Vetter noch heute. Freilich, es hieß, Tomaso sei ein reicher Mann, Besitzer eines beträchtlichen Gutes … «Und du willst also nicht bauern?» fragte er den Jungen, aus seinen Erinnerungen auftauchend. Bernardo schüttelte den Kopf. «Warum nicht?» Ja, warum nicht? Das war nicht so schnell gesagt. Die richtige Antwort konnte er dem Vetter kaum geben. Wie sollte er ihm verständlich machen, daß es auf der Bargada nicht zum Aushalten war? Die alten Frauen, der stille Vater, er dazwischen, immer allein, von allen schief angesehen, ge­mieden, verpönt … Mit Recht verpönt? Was wußte er! Die Bärin, das Fenster und von was sonst im Dorf geflüstert wurde, das war wohl ­dummes Zeug. Aber wie vieles im Hause blieb bedrückend … unheimlich … Was wußte er!

So erklärte er nur, der Hof bringe nicht mehr soviel ein wie früher, die Zeiten seien eben nicht die besten, für alle im Tal, nicht nur für seine Leute! Es wanderten immer mehr Männer aus, bis nach Amerika und weiter … und da hätten sie zu Hause gedacht, es wäre gescheit, ein Handwerk zu erlernen, für alle Fälle, und Maler wäre etwas Schönes, und da sei der Mutter der Vetter in den Sinn gekommen, und so sei er jetzt da und möchte fragen, ob er ihn irgendwo brauchen könne.

Der Vetter teilte den Jungen seinem besten Malergesellen als Lehrling zu. Am Anfang hatte Bernardo die nebensächlichen Arbeiten zu verrichten: Holzwerk ablaugen, Böden reinigen, Wände abkratzen, Leitern und Kessel herumtragen, Pinsel waschen und Farbe rühren. Dann bekam er eine Türe zu grundieren, einen Sockel zu streichen. Es gefiel ihm, langsam und bedächtig die Farbe recht gleichmäßig mit breitem Strich aufzutragen, mit feinerem Pinsel die Kanten nachzuziehen und die Ecken auszufüllen. Lustiger fand er noch das Tünchen, das flink und mit Schwung zu geschehen hatte. Sein Eifer wuchs, als er selbst die Farben mischen durfte und es hieß, er habe ein gutes Auge dafür. Nun ja, Rot war nicht Rot und Blau nicht Blau. Da gab es Töne und Tönchen. Sie zu treffen, bereitete Freude. Sein großer Wunsch aber war, sich im Schablonieren versuchen zu dürfen. Er bewunderte seinen Meister, wie er es verstand, akkurat und reinlich, ohne den Rapport erraten zu lassen, schöne Friese anzubringen oder Medaillons auf eine Decke zu zaubern, wobei er zum Schluß mit dünnem Pinsel die Blumen, Blätter, die Schleifen, Schmetterlinge und Genien ausmalte, daß sie leibhaftig erschienen. Auch er wollte es so weit in der Kunst bringen.

Wohnung hatte er in einer Arbeiterpension bezogen, wo andere ledige Arbeiter seines Vetters lebten. Er teilte sein Zimmer mit einem gleichaltrigen Burschen, Peppo, der Maurer war und schon selbständig arbeitete. Dieser prahlte gerne Bernardo gegenüber mit seinem Lohn und was er sich alles damit leisten könne: Wein, Bier und Mädchen. Manchmal nahm ihn Peppo mit zum Tanz und zahlte ihm ein Glas. Bernardo saß still am Tisch und schaute zu. Die Mädchen gefielen ihm, doch waren sie frech und so flink im Reden und im Tanzen, daß er sich vor ihnen scheute. Man hänselte ihn deswegen. Es war aber nicht böse gemeint. Man brachte ihm Freundlichkeit entgegen. Es gab keine schiefen Blicke, wenn er sich näherte, kein Getuschel, wenn er ging. Die Leute wußten nichts von den Geschichten, die im Dorf über sein Haus und seine Familie umgingen, und hätten sie davon gewußt, wären sie ihnen dumm vorgekommen. So viel hatte Bernardo bald verstanden, und es erleichterte sein Gemüt. Er verlor nach und nach das Mißtrauen, wurde vergnügt und umgänglich. Ein Gespräch mit Mädchen in Ehren zu bestehen, traute er sich noch nicht zu, oder gar weiterzugehen und sich mit ihnen jene Freiheiten zu erlauben, im Denken und im Tun, von denen unter seinen Kameraden so viel die Rede war. Aber er beobachtete sie, prüfte ihr Aussehen und gestand sich für diese oder jene eine Vorliebe ein. Die netteste, fand er, sei die Teresina, das junge Dienstmädchen des Vetters, die ihm am ersten Abend freundlich die Haustüre öffnete und ihn auch jetzt, an jedem Sonntag, wenn er im Hause zum Essen eingeladen war, anlächelte.

Schneller als mit den Mädchen auf dem Tanzplatz fand er sich mit den Männern beim Bocciaspiel zurecht. Dort war er in seinem Element. Die Kugeln gehorchten ihm: sie flogen und rollten, sie drehten sich auf der Stelle oder wirbelten über den Grund, sie trafen von fern in hohem Bogen, von nahe wie an einem Faden zum Ziel gezogen. Sein Auge war scharf, seine Hand ruhig und seine Bewegungen stark und geschmeidig. Bald gehörte er zu den besten Spielern im Umkreis. Man suchte ihn als Partner. Man bewunderte, man beklatschte seine Geschicklichkeit. Es tat ihm wohl, wenn er es auch nicht verriet. An einem Wettspiel, das über manche Wochen hin jeden Abend zwischen den Arbeitern des Vetters, alles leidenschaftliche Anhänger des Spieles, ausgetragen wurde, blieb er der Sieger, selbst verwundert über sein Glück. Der Vetter klopfte ihm auf die Schulter und hieß ihn neben sich sitzen. «Das hast du von deinem Vater. Ihr habt ruhigeres Blut als wir, so gewinnt ihr uns schließlich auch die schönsten Frauen ab.» Bernardo ließ sich stolz feiern. Er saß in der Mitte des langen Tisches und schaute in die lachenden, geröteten Gesichter seiner Kameraden. Das erstemal, daß er das Gewicht nicht spürte, das er sonst mit sich trug. Er wunderte sich darüber. Als wäre er aus einer dicken, schweren, pelzigen Haut herausgekrochen, die ihn bis jetzt an allem gehindert, von allem getrennt hatte, und nun irgendwo hinter ihm läge, leer und überflüssig, fühlte er sich befreit, endlich den andern gleich. Er wagte es, nicht nur zu Späßen der Freunde zu lachen, sondern selbst Witze zu erzählen, über die zu lachen war. Woher er sie bezog, das hätte er nicht sagen können. Sie stiegen in ihm auf und sprangen heraus, ihn so verblüffend wie die Gesellschaft, der er sie zum besten gab. An diesem Abend entdeckte er in sich das Vergnügen an raschen, schlagenden Worten, an frechen Gedanken und wohl auch an unerlaubtem Tun.

Es war im Hause des Vetters Brauch, das Fest des Ortsheiligen, das in den Hochsommer fiel, gemeinsam mit den Arbeitern zu feiern. Von ringsherum und oft von weit her kamen Schaubudenbesitzer, Händler und fahrendes Volk gezogen und schlugen ihre Zelte bei der Kirche auf. Nach der Messe begannen die Lustbarkeiten mit einem Rundgang über den Markt, gipfelten in einem lang ausgedehnten Mahl in einer Osteria und schlossen, gegen Morgen erst, im allgemeinen Jubel.

Bernardo verdiente nun schon wie die andern. Er hatte ordentlich Geld im Sack. Es juckte ihn, es an diesem Tage springen zu lassen. Was gab es nicht alles zu kaufen! Die Buden waren voll Ware, was man sich nur wünschen konnte. Samthosen, bunte Tücher, kühne Hüte und Mützen, rostbraune Wolljacken, wie die Matrosen sie lieben, elegante Schuhe für den Sonntag, von dem aufgetürmten Kram, den die Frauen bestaunten, nicht zu sprechen. Berge von ölig duftenden Süßigkeiten, Küchlein und Fladen, von weiß- und rosafarbigem Marzipan, in durchsichtiges Papier gewickelt und mit dem Bild einer schönen, wenig bekleideten Frau besiegelt, von Zuckerstengeln, so bunt und so kunstvoll gedreht, daß man meinen konnte, sie seien aus Glas. Überall standen Männer mit Hunderten von rot-blau-grün-weißen Windmühlchen, die im Luftzuge leise schnarrten, mit wallenden, quellenden Wolken aus seidig schimmernden Luftballons für Kinder, mit Knarren und Pfeifen, falschen Nasen zum Aufsetzen, Spinnen auf Holzscheren, die Mädchen zu erschrecken, huschenden Blechmäusen, Rüsseln, um sie Nichtsahnenden unter anzüglichen Späßen entgegenzurollen. Leierkasten, Klaviere auf Karren, Harmonikas schrillten unbekümmert ihre Weisen durcheinander, Händler schrien ihre Ware aus, Frösche knallten, eine gewaltige Pauke schlug irgendwo im Takt; Gedränge, Gewimmel, Lärm und Hitze.

Vor einer Bude stand, eingeklemmt zwischen andern, das Dienstmädchen des Vetters, die kleine Teresina. Sie hatte sich für den Tag geputzt und trug spitze Schuhe, die sie schmerzten, doch lächelte sie dazu. Man weiß, um schön zu sein, muß man leiden. Sie bewunderte Strohhüte, die da feilgeboten wurden. Bernardo blieb neben ihr stehen. Diese Hüte sollte er kennen. Auf beiden Seiten etwas heruntergebogen, am Rand gezackt, um den Kopf ein vorne gekreuztes Band. Diese Hüte kannte er. Es waren die Hüte, wie die Frauen auf der Bargada sie zur Arbeit aufsetzten. Heimat! … Ob er dem schönen Fräulein einen kaufen wolle, fragte der Händler. Teresina schaute überrascht von dem Mann zu Bernardo. Er nahm den Hut, den ihm der Händler entgegenstreckte, in die Hand und schaute ihn an. Ja, so waren die Hüte der Frauen zu Hause, genau so. Er setzte ihn Teresina aufs Haar. Sie guckte ihn darunter hervor mit glänzenden Augen an. «Behalt ihn auf!» sagte Bernardo und zahlte, was der Verkäufer verlangte. «Nicht einmal gemarktet hat er», flüsterte Teresina stolz Peppo zu, der sich zu ihnen gesellte.

Zu dritt gingen sie weiter von Stand zu Stand. Es gab immer Neues zu sehen. Was meint ihr, was ein rechter Jahrmarkt ist, das läßt sich nicht in einer Stunde abschreiten! Da waren die Auslagen mit Geschirr für Küche und Haus, mit Binsentaschen und Besen, Kerzenstöcken, Nachttöpfen, Kellen und Bottichen. Die Gaffer stauten sich davor, man kam schier nicht durch. Ein Mann, der aus einem kleinen Karren zierlich Eis auf Tellerchen häufte und mit einem Kompliment herumbot, versperrte den Weg. Ein anderer hockte neben einem Korb voll Wassermelonen und schnitt mit einem großen Messer halbmondförmige Stücke von den Früchten ab. Die Durstigen stürzten sich darauf und bissen hinein, daß die Kerne wegsprangen und der Saft zu Boden floß.

Im wirbelnden Gewühl verlor Bernardo seine Gefährten. Er trieb allein einer stilleren Ecke zu und spähte musternd in einen Stand hinein. Fern von den Händen der Kauflustigen standen da auf Regalen die wundersamsten Dinge. Waren sie aus Zucker oder aus Eis? Sie waren aus Glas. Auf verschnörkelten, zarten Füßchen hielten sich Schalen und Becher schwebend im Gleichgewicht, gerippt und gewunden, mit Rüschen versehen und Fächern verziert, in allen Farben schimmernd, oder halbmatt mit goldenen Tupfen, Flitter und Staub darin. Zerbrechlich, zerbrechlich! Verknäuelte, grüne Schlangen krönten hohe Pokale, silberne Schwäne breiteten ihre Flügel aus, Fische spielten in erstarrtem Schaum. Überall Spitzen und Netze, gedrehte Bänder, bunte Stabbündel, Hörnchen, Zacken und Bogen. Alles aus Glas. Fahnen und Fransen aus Glas, Wassergüsse und Strudel aus Glas, Paläste, Berge und Himmel, alles aus Glas. Dort aber – Bernardo hielt den Atem an –, dort lag das Schönste von all dem Schönen: eine reine Kostbarkeit, eine Kugel. Weiter nichts als eine Kugel, aus Glas auch sie, durchsichtig, schwimmende Funken darüber verstreut, und innen, da war ein Gebilde beschlossen. Eine Blume: samtene Bahnen von glitzernden Kanten umrandet, flimmernde Höhlen, farbig leuchtende Grotten, seltsam gewundene, glattglänzende Zugänge zur Mitte, wo im Kranz zwischen langen Fangarmen ein gleißendes Herz lag. Die Blume war aus rotem Saft. Nein, wenn man genauer hinsah, waren es zwei Blumen, nicht eine. Zwei Blumen aus lebendigem Blut, die ihre Stengel ganz ineinander verwickelt hatten. Auch ihre Blumenblätter schoben sich aneinander, krempelten sich um und um, als wären sie ein einziges Ding. Und dieses Ding strahlte ein Licht aus, ein rotes, von goldenem Sprühen durchglitzertes Licht. Es ist nicht möglich, daß es etwas so Schönes gibt, dachte Bernardo, ich träume. Es zog ihm das Wasser im Munde zusammen vor Begierde, das Ding zu berühren. Wie mußte es sich anfühlen? Wie ein Riesenmarmel, zuerst kalt und dann warm, wie die eigene Hand.

Die Verkäuferin näherte sich und fragte ihn, ob er etwas wünsche. Sie bot ihm allerlei an. Bernardo sah nur die Kugel. Schließlich fragte er nach dem Preis. Das Ding sei nicht zu verkaufen, es liege nur da, daß man es ansehe. Das stimmte wohl, so etwas war nicht zu kaufen. Er wäre weiter und weiter davor stehengeblieben, wenn ihn nicht Peppo aufgefunden und am Arm weitergezerrt hätte. Ganz benommen folgte Bernardo dem Freund.

Auf einem kleinen Platz, wo Wege sich kreuzten, standen in dichtem Ring Leute und klatschten. Was gabʼs denn da zu sehen? Peppo drängte vorwärts. Sie vernahmen die Schläge der Pauke und zu mageren Klängen einer Drehorgel aufmunternde Zurufe und Befehle. Über die Köpfe der Gaffer hinweg war auf der Achsel eines dunkelhäutigen Menschen ein kleiner Affe zu erspähen. Er hielt sein Händchen ausgestreckt und bat mit eindringlichen Gebärden um milde Gaben. Doch nicht das Äffchen konnte die Leute so fesseln, es mußte etwas anderes sein. Plötzlich gewahrte Bernardo zwischen zwei Zuschauern den Kopf eines Bären. Er fuhr erschrocken zurück. Peppo bemerkte seine Angst und lachte ihn aus. «Ein Tanzbär!» meinte er verächtlich. Mit den Ellbogen bahnte er einen Weg nach vorn und zog den widerstrebenden Bernardo nach, der nun, in der ersten Reihe stehend, das Tier genugsam von nahem betrachten konnte. Sein Schreck war nicht verklungen. Er zitterte, so oft der Bär sich tanzend ihm zuwandte. Aber gleichzeitig besah er sich neugierig die Bestie. Er war enttäuscht. Das sollte eine Bärin sein? Er hatte sich eine solche ganz anders vorgestellt, viel größer und fürchterlicher, mit Augen wie aus Phosphor und einem rauchenden Rachen. War das alles? Eigentlich eine armselige Kreatur. Ein Ring in der Nase, Ketten an den Füßen und das schäbige Fell hinten verunreinigt, daß es in stinkenden Zotten einen widerlichen Anblick bot. Das war alles? Plötzlich lachte er laut auf. Als er vorhin für Teresina den Hut kaufte, war eine seltsame Schwere über ihn gefallen. Auch während er sich an der Glaskugel entzückte, hielt sie ihn nieder, ja, sie vertiefte sich zu leiser Angst. Die lächerliche Erscheinung des Bären nun, obwohl sie ihm zuerst Furcht eingejagt hatte, enthob ihn der drückenden Laune. Unvermittelt verfiel er in große Lustigkeit.

Bei Tisch wußte er die besten Scherze vorzubringen, antwortete am witzigsten, erzählte die gewagtesten Geschichten und übertrumpfte sich zum Schluß selbst durch eine Fertigkeit, die er soeben an sich entdeckte. Um der Hitze auszuweichen, hatte sich die Gesellschaft im Sälchen der Osteria das Essen auftragen lassen. Die Speisen zogen Schwärme von Fliegen an, die lästig wurden und über die sich schließlich alle beklagten. Bernardo, der ziemlich getrunken hatte, hob lässig die Hand, um eine Fliege zu vertreiben. Sie flog ihm zwischen die Finger, die er nur zu schließen brauchte – schon war sie gefangen. Er schob sie unter ein umgekehrtes Glas. Ein zweites Mal gelang ihm dasselbe. Da rief er den andern über den Tisch hin zu, sie sollten schauen, wie man es mache, um die Fliegen loszuwerden, man nehme sie ganz einfach so – und so – und so. Er griff ruhig in die Luft, und jedesmal erwischte er eine Fliege, nicht anders, als ob es das Einfachste der Welt wäre. Man lachte, man versuchte, es ihm nachzutun. Es gelang niemandem, während er weiterfuhr, gemächlich Fliege um Fliege aus der Luft zu pflücken und unter die nächsten Gläser zu sperren, wo sie wild durcheinander surrten. Aus dem anfänglichen Lachen um ihn herum wurde stürmisches Gelächter, Gebrüll, dröhnendes Toben. Leute, die draußen saßen, kamen an die offenen Fenster und starrten hinein, schnell von der Heiterkeit gewonnen. Neugierige drängten nach. Bald waren alle Fenster mit Pyramiden von Leuten angefüllt, die kreischend zusahen, wie Bernardo mit größter Ruhe die Fliegen, ohne je eine zu verfehlen oder eine Bewegung zuviel zu machen, eine nach der andern einfing. Er begriff nicht, wie es zuging, er hatte nie geübt, Fliegen zu fangen. Es ist wie beim Bocciaspiel, dachte er, es geht von selbst. Man klatschte ihm maßlosen Beifall, der sich bis auf die Straße fortsetzte. Im Taumel seines Erfolges vergaß er den Hut aus der Heimat, den Riesenmarmel und die Bärin. Er war glücklich.

In später Nacht, nach viel Tanzen und Singen unter den lampionbehangenen Bäumen des Wirtschaftsgartens, holte er sich bei Teresina den Dank für sein Geschenk.

II. Zwiespalt

Als Bernardo ins Alter kam, erhielt er den Befehl, sich zum Militär zu stellen. Die Armini waren keine Soldaten. Sie hatten es immer noch verstanden, sich dem Dienst zu entziehen. Mochten andere sich dazu hergeben. Sie nicht, sie waren dafür zu gut. Bernardo entschloß sich aber, ohne bestimmten Grund, es anders zu halten. Bis dahin hatte er selten der Heimat gedacht. Stiegen in ihm Erinnerungen auf, verscheuchte er sie mit einem Witz. Nun aber, als er das Aufgebot in der Hand hielt und darauf starrte, war es ihm, er schaue in einen Guckkasten und erblicke darin, von Wetterschein ungewiß beleuchtet, die Bargada. Gut denn: das gab Gelegenheit, einmal nach den Alten zu sehen.

Pfeifend und singend packte er seinen Handkorb und nahm Ab­schied. «Für kurze Zeit, für kurze Zeit!» rief er den Kameraden zu, die ihn zur Bahn begleiteten. Solange der Zug durch die Ebene klapperte, sah er, die Füße von sich gestreckt, die Hände in den Taschen, gleich­mütig Felder sich drehen, auf denen der junge Mais schon hoch stand, Bewässerungsrinnen das Land durchziehen, einzelne große Höfe in ihren weiten Anlagen stehen. Es ging ihn nichts an. Er schälte sich eine Orange und warf die Schalen unter die Bank. An der Grenzstation hielt der Zug lange. Über das Dach des Bahnhofgebäudes ragten Berge auf. Schau, Berge! Schnee lag noch auf den höchsten Kuppen. Frühling! ­Bernardo schnupperte die Luft. Sie roch nach Kohle. Er schneuzte sich in sein frisches Taschentuch. Es wurde schwarz. So ein Dreck, dachte er. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr durch hügeliges Gelände in raschen Kurven dem Gebirge zu. Bernardo stand aufrecht und schaute hinaus. Er reckte den Hals oder zwängte den Kopf durchs halboffene Fenster, um mehr vom Vorüberflirrenden zu fassen. Es ging dem Seeufer entlang, an Dörfern vorbei, die sich immer rascher folgten, durch Tunnels und Schluchten, auf die Höhe, von der aus über üppige Kastanienwälder hin die Mauern und Türme der Hauptstadt zu sehen waren. Sie lag da auf niedrigen Hügeln, vor dem Eingang des Tales, abwehrend, finster und stolz. Da wären wir denn. Er fühlte sich halb schmerzlich, halb freudig bewegt. Der Zug rasselte in Hast den Hang hinunter, als könne er nicht mehr warten, anzukommen. Die Lokomotive pfiff schrill bei jeder Brücke, jedem Übergang, daß es Bernardo in den Ohren gellte. Er nahm seinen Korb, riß die Türe auf und fuhr das letzte Stück auf der Treppe, über das Getrommel und Gehämmer der Räder lachend, barhäuptig im starken Wind.

Statt auf die Post zu warten, machte er sich zu Fuß auf den Weg in sein Tal hinauf. Je höher er stieg, desto schöner erschien es ihm. Hatte er das alles früher nicht gesehen? Angebaute Felder, Wiesen und Matten, hohes Gras und Blumen, Hügel an Hügel, Gehölz, wilde Kirschbäume in Blust, Tannenwälder, Wasserfälle, die schäumend über Felsen stürzten, Flühe, Gräte, Spitzen hinter Spitzen, darüber ein seidiger Himmel, in dem ein dünnes Mondschiffchen dahinfuhr, und ganz weit oben, inmitten der Herrlichkeit, der grüne Buckel der Bargada. Wo hatte er seine Augen gehabt? Begeistert zog er bergan und gönnte sich vor Ungeduld kaum eine Rast.

Doch kurz bevor die Straße in die Bocca delle Torre einbog, setzte er sich an den Wegrand. Er überlegte. Sie ahnten zu Hause nicht, daß er komme. Er würde sie überraschen. Auch er würde vielleicht überrascht sein von der Bargada, wie ihn das Tal überraschte, dieses Tal, von dem er erst heute begriff, wieso der Vater in ernstem Tone sagen konnte, es sei das schönste Tal der Welt. Er suchte sich seine Leute vorzustellen, den Vater, die Mutter, die Alte, die Schwester. Er konnte sich kein Bild von ihnen machen, er wußte nicht mehr, wie sie aussahen. Darüber nachsinnend, folgte er mit dem Blick dem Berggrat im Norden. Schau, über dem Kirchturm des Dorfes, der von unten her darauf wies, lag die Frau. Mit gespreizten Beinen und hochaufgewölbtem Leibe, nicht anders als früher, wenn er sie auf dem Schulweg betrachtete und sich über ihr Benehmen schämte. Ein weißer, sehr dünner Schleier deckte sie halb zu. Trotzdem erkannte Bernardo jede Einzelheit: die gewölbte Stirne, den langen Rücken der Nase, die wulstigen Lippen, Kinn und Hals, die schweren Brüste, den kugeligen Leib, von wo aus die Beine sich öffneten – genau so lag sie, wie er sie zum ersten Male sah. Nicht einmal das einzelne Haar, das ihr unter der Nase stand, hatte sich verändert. Bernardo spürte es sauer im Munde aufsteigen, aber das kam vom Sauerampfer, den er gekaut.

Beim Hause angekommen, trat er ein und stieß die Türe zur Küche auf. Drei Frauen hockten um den Tisch und rührten stumm in ihren Kaffeetassen. Er erkannte nicht sogleich, welche von ihnen die Mutter war, so ähnelten sie einander, so gleich alt sahen sie aus. Alle verrunzelt und grau, mit tiefen Furchen neben der Nase und Säcken unter den Augen, das strähnige Haar wirr um den Kopf. Aus der Herdasche erhob sich eine Katze und machte gähnend einen Buckel. Die Türe zum Keller stand halb offen. Dort hinten tropfte Wasser. Es roch nach Moder und Rauch.

Die Frauen hielten im Rühren inne und schauten Bernardo an, als wäre er ein zudringlicher Fremder. Endlich rief die Mutter aus: «Nein, er ist es!» Bernardo trat herzu und küßte Detta, die vor Freude schluchzte, auf beide Wangen, reichte der Schwester die Hand – er fand, die ihre fühle sich an wie ein Lappen – und nickte der Alten zu. «Setz dich und trink mit!» forderte Orsanna ihn auf, «und berichte, was dich herführt!»

«Wo ist der Vater?» fragte Bernardo dagegen. «Im Garten», meckerte die Tante und wackelte mit dem Kopf.

Bernardo stellte seinen Korb zur Seite und eilte davon, die kleine Treppe zum Garten hinauf. Der Duft der Pfingstrosen stieg ihm in die Nase, so süß, fast widerlich, daß er die Hand aufs Herz drückte. Er ging der Mauer entlang. Die Steine waren warm. Eine Eidechse sonnte sich darauf. Sie guckte ihn pfiffig an und verschwand dann in einer Spalte. Beim Gartenhaus sah er den Vater stehen. Er sprang ihm entgegen.

«Da bist du ja», sagte Tomaso, ohne die Augen von der Rebe zu heben, die er eben aufband. «Siehst du, sie schlägt aus.»

Die Männer setzten sich nach der Begrüßung auf die Mauer, den Rücken der Sonne zugekehrt, und schauten schweigend zu den steilen Hängen hinauf. Die Wiesen davor standen voller Blumen, und dort, wo das Gestrüpp begann, loderte gelber Ginster. Der Vater streifte Bernardo mit einem Blick und sagte, stolz und ergeben in einem: «Schöner Tag!» Bernardo nickte. Schöne Bargada, schönste Bargada! Wie lange war er fort gewesen und hatte das alles vergessen! «Bald könnt ihr heuen», gab er zurück.

«Ja, Arbeit ist genug, es ist nicht das, was hier fehlt», sagte Tomaso mit Bedeutung. Bernardo verstand. Sollte er nun ausrufen, er, er werde mähen? Einen Herzschlag lang glaubte er, es sei getan, er sei wieder zu Hause und fange gleich morgen mit Heuen an. Da rief Orsanna mit schriller Stimme nach den Männern. Die drei Frauen in der Küche fielen ihm ein, gleich alt, gleich häßlich; sie rührten in ihren Tassen, als hätten sie all die Jahre hindurch nichts anderes getan; die gähnende Katze, das Glucksen des Wassers tief im Keller, der Modergeruch … Im Zwiespalt seiner Gefühle würgte er hinunter, was er eben hatte herausschreien wollen. «Wir kommen», rief der Vater. Doch blieb er sitzen und wartete, als könne er damit den eben verflossenen günstigen Augenblick zurück­rufen. Er fand Bernardo verändert, jetzt, da er ihn aufmerksam betrachtete. Aus dem Buben war ein Mann geworden. Noch hatten seine Augen den frühern weichen Glanz, doch verrieten sie mancherlei Erfahrung, die der Vater mehr ahnte, als daß er sie hätte benennen können. Das Haar trug er seitlich kurz geschnitten, auf dem Kopf zu einer welligen Mähne aufgebauscht. Die Nase war die Armininase, groß und kühn. Der Mund aber war fremd. Niemand in der Sippe hatte diese aufgeworfenen breiten Lippen. Die mußte er sich von Mutters Seite her geholt haben. Sonst war er ein ganzer Armini, schloß der Vater stolz die Prüfung, gleich­zeitig bedrückt, daß dieser Armini die angestammte Pflicht nicht übernehmen wollte.

Im Laufe des Abends ging er mit dem Sohn über die Felder und Matten, in den Stall, durch das Gehölz, zeigte ihm alles und schaute verstohlen, ob nicht der freudige Ausdruck auf das junge Gesicht wiederkehre, den er diesen Morgen aufgefangen. Nein, das Gesicht blieb unbewegt. Enttäuscht dachte der Alte, die Zeit sei noch nicht da.

Es war mitten in der Rekrutenschule. Bernardo und ein paar seiner Kameraden benützten einen Urlaub, um die alte Burg zu besuchen, die auf einer Anhöhe, nahe dem Städtchen, wo er Dienst tat, übers Land schaute. Der Ruf, die Burgwartsfrau, die eine kleine Wirtschaft führte, schenke einen guten Wein aus und habe eine hübsche Tochter, lockte die Soldaten mehr als die schöne Aussicht. Sie zogen singend durch den lichten Wald bergan und trieben Schabernack und Unfug.

Wo der Wald aufhörte und in Matten überging, kniete an einem flachen Brunnentrog ein Mädchen. Sie wrang Wäsche aus und legte sie, Stück für Stück, in die danebenstehende Hotte. Etwas ängstlich schaute sie auf die jungen Kerle, die, kaum hatten sie die Wäscherin bemerkt, im Wettrennen auf sie zustürzten, als kämen sie vor Durst um und suchten bei ihr Erquickung. Sie erwiderte knapp die überschwenglichen Begrüßungen und beeilte sich, mit ihrer Arbeit fertig zu werden. Da erlaubte sich der eine eine anzügliche Bemerkung. Das Mädchen wurde rot. Die Burschen brachen in wieherndes Gelächter aus. Es war der pure Übermut, weiter nichts. Aber Bernardo faßte eine plötzliche Wut. Er packte den Frechen und warf ihn vor dem Mädchen zu Boden. Dieser ließ sich die Demütigung nicht gefallen. Er erhob sich flink und stürzte sich mit Wucht auf Bernardo. Die andern mischten sich in den Streit. Es entstand eine Prügelei, und ehe man sichʼs versah, floß Blut. Bernardo trug einen Schnitt im Arm davon. Die Gesellschaft war ernüchtert. Das Mädchen, das entsetzt dem Tumult zusah, bot ein Wäschestück an, das Blut zu stillen. Sie legte es Bernardo geschickt um den Arm. Er lächelte sie an und sie senkte die Augen.

Der Streit hatte Folgen. Die Verletzung war nicht zu verheimlichen gewesen. Die Burschen mußten mit der Wahrheit herausrücken. Sie wurden bestraft. Bernardo kam ins Krankenhaus, dann in Arrest. Es ließ ihn gleichgültig. Seit der Begegnung mit der Wäscherin war er in einem sonderbaren Zustand. Er hielt ihn nicht für Verliebtheit. Er wünschte nicht einmal sehr, das Mädchen wiederzusehen. Er staunte nur in sich hinein, in ungewohnter, heißer Schläfrigkeit, ganz innern Bildern hin­gegeben, die sich mit Erinnerungen aus der Kinderzeit mischten. Die schöne Traummutter, Teresina in Mailand, die weiße Frau aus dem Kinderbuch, die ihn ansah, die buntlackierten Damenbildnisse der Marzi­panschnitten, Alda, das blonde Mädchen vom Dorf, die Diven in rosa Trikots, deren verfängliche Photographien er gelegentlich im Guckka­sten bewundert hatte, die Kellnerinnen Carmen und Rosita und wie die Zufallsbekanntschaften heißen mochten, er konnte sie nicht mehr auseinanderhalten. Sie verwuchsen zu einer einzigen, in voller Schönheit ihm vorschwebenden Figur, die ihn durch ihre Nähe bedrängte. Er konnte ihr keinen Namen geben, aber er glaubte, der Name der unbekannten Wäscherin würde ihr am besten passen. Sein erster Ausgang führte ihn dann zum Brunnen am Waldrand, und er war enttäuscht, das Mädchen dort nicht zu finden. Sie hatte ja nichts anderes zu tun, als auf ihn zu passen, spottete er über sich, und stieg weiter, bis zur Burg, die er damals wegen des Streites nicht erreicht hatte. Durch ein breites, offenes Tor trat er in den Hof. Er war leer. Nur ein Huhn gackerte herum. Vor dem Hauptgebäude standen Granittische und grün gestrichene Bänke. Er setzte sich. Wie still es hier war. Fast wie auf der Bargada.

Aus der Haustüre trat eine Frauengestalt. Bernardo, geblendet von der Sonne, legte die Hand über die Augen, um besser zu sehen. Sein Herz klopfte. Es war das Mädchen vom Brunnen. Sie machte eine Bewegung auf ihn zu, hielt sich dann zurück und fragte schüchtern nach seinem Begehr. Bernardo schwieg. Er nahm aus der Brusttasche ein weißes Tuch, sorgsam gefaltet, und hielt es ihr hin. Es war das Wäschestück, das sie ihm um den Arm gewickelt hatte. Sie nahm es und dankte. Dann lachten beide auf. Das Mädchen wollte die Narbe sehen. Er schob den Ärmel hoch, daß am braunen Arm der hellrote Strich sichtbar wurde. «Es hätte dumm gehen können», meinte das Mädchen. «Es ist aber gut gegangen», fand Bernardo und zog sie neben sich auf die Bank.

Nun erst konnte er sie richtig betrachten. Sie sah anders aus, als er gemeint hatte. Kein blondes Lockengewirr, nur schlichte, dunkelbraune Zöpfe, ordentlich um den Kopf geschlungen, und statt der honigbraunen Augen mit den Funken darin ein sehr dunkler, ernster Blick. Sie war ganz anders, ach, aber sie war hübsch, und sie gefiel ihm. Auch ihr Wesen, vorsichtig und doch zutraulich, fand er reizend. Bald plauderten sie wie alte Bekannte. Um ein weniges und er hätte ihr von der Bargada erzählt. Wie kam er dazu? Die lag doch hinter ihm!

Als die Mutter des Mädchens, die Wirtin, aus dem Hause kam, um nachzusehen, warum die Bestellung so lange daure, hielt Bernardo das Mädchen mit einem Arm umschlungen. Die jungen Leute schauten einträchtig und versunken ins Land hinaus. Über ihnen schwirrten und zwitscherten die Schwalben. Die Wirtin traute ihren Augen nicht. Was fiel Bellinda ein? Sonst brachte sie die Tochter kaum dazu, einen Gast zu bedienen, und nun setzte sie sich mit dem ersten besten an den Tisch und tat schön mit ihm. Zornig segelte sie heran, daß die Falten ihres weiten Rockes wedelten, und schlug mit der Hand auf den Tisch. Bellinda schien nicht zu wissen, wie ungewöhnlich ihr Benehmen war. Sie stand auf und sagte freudig zu der Mutter: «Das ist der Soldat, der sich für mich einsetzte.» Die Mutter, etwas besänftigt, hatte nicht im Sinn, schon ein­zulenken. Unwirsch murrte sie: «Ein feiner Soldat, der mit Messerhelden geht!» Bernardo wehrte sich für den Freund, er sei sonst recht, sie seien eben hitzig geworden, und so geschehe schnell ein Unheil. Es lohne sich übrigens nicht, davon zu sprechen. «So, so, es lohnt sich nicht», sagte spitzig die Frau, «aber es lohnt sich, wie ich sehe, meiner Tochter nachzu­stellen!» Zu Bellinda gewendet, befahl sie: «Geh ins Haus!» Dann kehrte sie sich mit gemachter Freundlichkeit zu Bernardo: «Und was wünscht der Herr?» Bellinda stand beschämt auf und verschwand in der Haustüre. Bernardo aber sagte: «Wenn Ihrʼs so nehmt, dann könnt Ihr auch Euren Wein behalten. Es gibt Orte, wo man freundlicher ist», schnallte seinen Gurt um, den er abgelegt hatte, schob sich die Mütze auf dem Kopf zurecht und ging mit lauten Schritten zum offenen Tor hinaus.

Doch wo und wann hat eine strenge Mutter ihre Tochter verhindern können, Mittel und Wege zu finden, sich mit ihrem Liebsten zu treffen! Bellinda und Bernardo kamen zusammen, zufällig zuerst, dann auf Verabredung hin immer häufiger und immer länger. Oft kehrte das Mädchen erst spät und zerzaust nach Hause zurück. Die Mutter wußte ziemlich genau, was die Tochter trieb, doch schwieg sie dazu. Der Militärdienst würde ein Ende nehmen und Bernardo fortziehen, wie das so geht mit Soldaten, Bellinda den Kopf hängen lassen und den Burschen ­vergessen. Kindereien!

Sie irrte sich. Die Liebe zwischen den beiden war nicht leichter Art. Weder Bellinda noch Bernardo wollten einander lassen. Es war beiden klar, daß Bernardo einen neuen Arbeitsplatz im Städtchen suchen müsse, damit sie bald heiraten könnten. Freilich, der Verdienst würde gering sein. Große Sprünge konnten sie nicht machen, denn Bellindas Mutter, das war sicher, würde ihnen nichts beisteuern, und den Vater um Hilfe angehen, das kam nicht in Frage. Nun, sie waren beide jung und gesund, es mußte gehen. Lebten nicht genug andere ebenso bescheiden, wie es ihnen vorgeschrieben war! Und Bernardo konnte sich hinaufarbeiten. Auch der Vetter in Mailand hatte als Arbeiter begonnen. Nur vorwärts!

Es gab zwei Malermeister am Ort, Nerina erede di Nerina und Rossi, beide alt und als schwierig bekannt. Sie lagen in ständigem Krieg miteinander, denn, war der eine eine Hauptstütze der Kirche, so feierte der andere Triumphe als Redner an Arbeiterversammlungen. Ihre Kundschaft bestand aus den Anhängern der beiden Parteien, die sie zierten, und eher wäre im Sommer Schnee gefallen, als daß je ein Gartenzaun der einen vom alten Nerina gestrichen oder eine Schlafkammer der andern von seinem Rivalen Rossi geweißelt worden wäre. Man hielt im Städtchen auf Ordnung. Bernardo mußte sich also entscheiden, zu welchen er gehören wollte. Nicht leicht für ihn, denn weder waren ihm die Grundsätze des Nerina teuer, noch traute er den Ansichten des Rossi. Ohne Wahl ging es aber nicht. Und so traf er sie, lieber mit den Wölfen heulend als mit den Schafen blökend, wie er Bellinda erklärte, und stellte sich bei Rossi vor. Er hatte Glück. Dem alten Plagegeist war ein Arbeiter entlaufen, und Bernardo bekam seine Stelle.

So waren die Liebenden nach einem Jahr verheiratet. Mutter Bice hatte eingesehen, daß sie mit der Tochter nicht fertig wurde. Sie mußte ihr den Willen lassen. Doch wünschte sie, das Paar solle bei ihr wohnen. Bellinda sei zu unerfahren, einen eigenen Haushalt zu führen, und zudem begehre sie, die Mutter, nicht allein zu bleiben. Es wurde eine Kammer im Turm für die Jungen eingerichtet. Als der Raum frisch gereinigt war, zeigte Bernardo seine Kunst. Er malte nach der schönsten Vorlage, die er auftreiben konnte, auf die gewölbte Decke eine reiche Dekoration: Sträuße und Gewinde von Farnkraut und Schlingpflanzen, Blumenkränze, Rebenranken mit vollen, blauen Trauben, und in der Mitte, in einem rosigen Himmelsgrund, Vögel, Schmetterlinge und zwei schöne nackte Engel, die Vergißmeinnicht streuten und freundlich winkten, alles so deutlich, als könne man es greifen.

Die Mutter schalt wegen des überflüssigen und anstößigen Bildes, wie sie überhaupt an allem, was Bernardo unternahm, gerne etwas aussetzte. Es war aber mehr aus Gewohnheit, und weil sie den Übergang zu einem andern Ton nicht fand. Im Grund war sie froh, die Tochter verheiratet und einen Mann im Haus zu haben, der, so jung er war, doch zum Rechten sah.

Die Heirat des Sohnes wurde auf der Bargada lang und breit erörtert. Detta wollte darin eine Annäherung Bernardos an die Heimat sehen, Tomaso eher den Beweis, er gebe sie auf, da er, entgegen jedem Brauch, ins Haus der Frau einziehe. Sie führten eifrige Wortgefechte darüber.

Orsanna hörte stumm zu. Sie hätte allen Grund gehabt, sich zu freuen. War nicht der sehnlich erwartete Augenblick gekommen, den Eltern Giovanni als Schwiegersohn und Ersatz für Bernardo vorzuschlagen? Das Schwätzen der Alten verdroß sie jedoch nur, denn zwischen ihr und dem Jungen stand es nicht zum Besten. Es war gar nicht an der Zeit, den Eltern von ihren Plänen zu sprechen.

Die zänkische Freundschaft, in die ihre verliebte Lust sich gewandelt hatte, war daran, langsam in Feindschaft überzugehen. Sie glaubte, dahinterzukommen, warum Giovanni sich wehrte, auf den Hof einzuheiraten. Er fürchtete sich, das war es; er fürchtete sich vor dem Unerklärlichen, das sich dem Gerede der Leute nach auf der Bargada begeben sollte. Es entfielen ihm Äußerungen, die verrieten, woher er seine Weisheit bezog: aus der Wirtschaft «Zur Post». Und daß die alte Paulina aus früherer Enttäuschung gegen die Armini hetzte, war nichts Neues. Giovanni, der Dummkopf und Hasenfuß, fürchtete aber auch sie, Orsanna. Seit langem schon bemerkte sie sein wachsendes Mißtrauen. Wollte sie ihn deswegen zur Rede stellen und auslachen, tat er großartig, für wen sie ihn halte, er sei kein altes Weib, dem man Märchen anhängen könne. Wenn auch die Heftigkeit solcher Beteuerungen verdächtig genug war und eher auf das Gegenteil schließen ließ, Orsanna war bereit, zu glauben. Dann fand sich aber ein weiterer Grund, Giovanni gram zu sein. Alda. Ahnung und Verdacht wurden ihr zum Wissen. War der Junge nicht feige, so war er falsch. Ihre Spürnase sagte ihr, daß Giovanni immer öfter in der Wirtschaft «Zur Post» sitze und bald nicht mehr herausfinde, ob es sei, um Alda über die Bargada auszufragen, oder ob er seine Neugierde vorschiebe, um in Aldas Nähe zu bleiben.

Trotz alledem gab sie die Hoffnung nicht auf, den Widerspenstigen einmal auf den Hof zu zwingen. Vorausschauend veranlaßte sie ihn, ihr in besondern Fällen beizustehen, einen Brief zu schreiben, den der Vater nicht mehr schreiben mochte, eine Angelegenheit zu ordnen, eine Auskunft einzuziehen, so daß er mit allem, was die Bargada anging, vertraut war. Er hatte einst nur hineinzuspringen. Die geheime Sorge, der Bruder könnte auf den Hof zurückkehren wollen, war sie los. An seiner Hochzeit, die sie als Abgesandte der Eltern mitfeierte, konnte sie sich davon überzeugen, daß Bellinda, ein verwöhntes Stadtmädchen, wie es ihr vorkam, nie daran denken würde, Bäuerin zu werden, gar in dem für seine Rauheit berüchtigten Tal. Der Bruder war dem Hof verloren.

Das Weitere mußte man abwarten. Seit seinem kurzen Besuch zu Hause hatte Bernardo alle Gedanken an die Bargada begraben. Er war mit Bellinda glücklich. Darüber hinaus zählte nichts. Nun war es aber gerade Bellinda, die ihn an einen neuen Besuch zu Hause denken hieß. Schließlich hatten die Eltern das Recht, seine Frau kennenzulernen. Sie würden sich wundern. Und auch Bellinda mußte die Bargada sehen, erfahren, woher er stamme, und auch sie würde sich wohl wundern. Nicht ohne Gewissensbisse dachte er daran, daß er der Frau nie etwas davon erwähnt hatte, was ihn vom Elternhaus wegtrieb und fern hielt. Sie hätte es wissen müssen, nicht? Oder war es überflüssig, sie von Unerfreulichem zu unterrichten, mit dem sie kaum in Berührung kommen sollte? Es war schließlich eine ausgemachte Sache, daß er nie ins Tal zurückkehren würde, um dort zu leben. Und nur wegen des Besuches bei den Alten sie in seine Kindernöte blicken lassen? Besser, weiter schweigen. Er entschloß sich aber, im ersten Frühling ihrer Ehe Bellinda den Eltern vorzustellen.

Die junge Frau fürchtete sich vor dem Besuch. Es war ihr unmöglich, sich ein Bild von Bernardos Heimat und Leuten zu machen. Er sprach selten von der Bargada und stets in einer abgemessenen Art, die sie einschüchterte. Sie hätte die Reise lieber noch hinausgeschoben, doch Mutter Bice drang darauf, es gehöre sich, endlich die Schwiegereltern zu begrüßen. Im stillen wunderte sie sich schon längst, wie wenig Eile Bernardo habe, seine Frau den Eltern zu zeigen, und fragte sich, wessen er sich schäme, ob Bellindas vor den Eltern oder der Eltern vor Bellinda. Es war Zeit, ins reine zu kommen, und so trieb sie zur Reise.

Der Tag, an dem das Paar die Fahrt im Postwagen durchs Tal hinauf unternahm, war so schön, die Bargada glänzte schon von weitem so grün und verheißungsvoll, daß die jungen Leute ihre unausgesprochenen Besorgnisse vergaßen und sich der Freude des ungewohnten Reisevergnügens hingaben. Sie hatten sich angemeldet. Vater und Mutter standen vor dem Haus, Orsanna sprang, den Wagenschlag zu öffnen. Bernardo überblickte rasch die Gesellschaft. Er war erleichtert, die alte Giulia nicht zu sehen, als wäre mit ihr alle Bedrohung ferngehalten. Sie tauchte später erst auf, sich zu den Frauen zu gesellen, die entzückt um Bellinda herumstanden und sie bewunderten. Die Stimmung war aber so heiter, daß das befremdliche Aussehen und Gehaben der alten Frau nicht mehr störten. Bellinda fand auch ihr gegenüber den rechten Ton. Von da an nahm die Lustigkeit überhand. Bernardo fragte sich, ob er verzaubert sei oder früher alles falsch gesehen habe. Wo war da unheimlich Düsteres? Seiner überflüssigen Bedenken wegen schalt er sich einen Toren.

Oder war es bloß Bellindas Frohsinn, der alle Schatten vertrieb, war es ihre rasch entzündete töchterliche Liebe zu Detta, ihr liebliches Staunen über den Familienbesitz, der ihre gewagtesten Erwartungen übertraf? Oder nahmen sich vielleicht bloß alle vor dem Besuch zusammen, um die junge Frau über das wahre Gesicht der Bargada zu täuschen? Er fand die Antwort nicht, aber er freute sich an den ungewöhnlichen Anstalten, die getroffen worden waren, Bellinda zu ehren: Lammbraten, Eierspeisen, Kuchen und Süßigkeiten. Er lauschte belustigt dem eifrigen Ge­spräch der Frauen über Einrichtung und Hauswäsche und genoß stolz die sich immer wieder lärmend äußernde Freude an Bellindas schöner Jugend. Ein Vergnügen, das er sich wahrlich eher hätte leisten können.

In freien Stunden wanderte er auf dem Hof herum, schaute hier und dort hinein, stieg über die Matten, sie waren mager, besichtigte den Stall, es stand nur noch eine Kuh darin, prüfte und untersuchte. Im Garten wuchs mehr Unkraut als Kraut, hinter dem Haus lagen Abfälle aller Art, verlechte Zuber, Faßreifen, Leitern ohne Sprossen, am Zaun hingen vergessene Wäschestücke, die an der Sonne vergilbten. Vieles war nicht in Ordnung, und er nahm sich vor, Orsanna darüber zur Rechenschaft zu ziehen. So konnte die Wirtschaft nicht weitergehen. Vater und Mutter waren zu alt, sie leisteten nicht mehr viel. Ein Knecht mußte eingestellt werden.

Als er die Schwester zufällig im Heustock traf, fing er gleich von dem zu reden an, was ihn beschäftigte.

«Was kümmertʼs dich?» fragte Orsanna scharf. «Schau du zu deiner Sache!»

«Eben, ich schaue dazu», gab er deutlich zurück.

«Ich glaubte, zu wissen, deine Sache sei das Anstreichen», sagte sie spöttisch, «das Anschmieren!»

«Was nicht hindert, daß das da alles doch meine Sache ist!» Sein Ton klang herausfordernd, und Orsanna schwieg. «Also wird ein Knecht eingestellt?»

«Der Knecht will Lohn, Essen, Kleider. Es schaut heute knapp genug heraus für uns … Nicht ein Knecht fehlt hier, ein Meister», sagte sie frech. «Soll ich für einen Meister sorgen?»

Bernardo wußte nicht, was aus dieser Antwort schließen. Er war betroffen. Gewiß, ein Meister wäre nötig, und er hätte Meister zu sein. Aber er, er wollte hier nicht Meister sein. Er zog es vor, unter fremden Leuten ein fremdes Handwerk zu betreiben. Als ertappe er sich auf einer Schuld, war er betreten, und von Kind her gewohnt, Orsannas stichligen Reden auszuweichen, ging er ohne ein weiteres Wort davon. Seine gute Stimmung war dahin.

Er mochte jetzt niemandem begegnen und wanderte langsam, wie früher als Bub, wenn ihn etwas bedrückte, zur Fuchsenbrücke, um sich dort ans Geländer zu lehnen und zu überlegen. Was hatte vorhin Orsanna damit sagen wollen: ob sie einen Meister stellen solle? Es war ihm zu Ohren gekommen, daß sie mit dem Wegknecht Giovanni eine Liebesbeziehung unterhalte. Man lachte genug darüber, man munkelte und prophezeite allerlei. Sicher war es Giovanni, den sie vorhin meinte. Giovanni als Meister auf der Bargada. Giovanni an seiner Stelle? Ein Fremder, ein armer Bursch? Es wäre vielleicht eine Lösung; er sei fleißig und tüchtig, hieß es. Aber der Gedanke war befremdlich und quälend, er verwarf ihn. Ratlos wollte er sich peinigender Grübelei hingeben, als er auf dem grünen Plan vor der Felsenspalte Bellinda sitzen sah. Sie lachte ihm fröhlich zu und winkte mit einem Strauß, den sie dort pflückte. Der Anblick seiner jungen Frau an diesem düsteren Ort lenkte ihn von den schweren Gedanken ab, doch nicht in freundlicher Art. Er brachte ihm neuen Ärger, den zu klären er sich die Mühe nicht nahm, aber er rief Bellinda unwirsch herbei. Sie erschrak über seinen Ton und sein finsteres Gesicht. Rasch sprang sie ihm entgegen. Schon besänftigt, legte er seinen Arm um ihre Schulter, sagte aber belehrend: «Nicht dort sitzen, es zieht dort.» Bellinda spürte, daß nicht Sorge um ihre Gesundheit es war, was ihn so barsch sein ließ. Es mußte etwas anderes sein, das ihn verdroß. Ihr Kopf erriet es nicht, aber ihr Herz.

Sie schmiegte sich an ihn, innig und ohne Versuch, ihn durch Schelmereien umzustimmen, bereit, mit ihm zu tragen, was es sein mochte. In dankbarer Zärtlichkeit für ihr stilles Verstehen fand Bernardo sein Gleichgewicht wieder, und die letzten Stunden auf der Bargada verliefen ohne weitere Störung.

So war es immer: Bellindas Fähigkeit, in jedem Augenblick so zu empfinden wie er, beruhigte ihn. Sie spürte rasch, wie ihm zumute war, und stimmte sich danach. Nie, daß sie etwas anderes wünschte als er, zu Spaß und Lachen aufgelegt war, wenn er ernst sein mochte, oder den Kopf hängen ließ, statt bei jungem Unfug mitzuhalten, wenn ihn danach gelüstete. Sie war sein reiner Wiederklang. Bei ihr durfte er jede Vorsicht vergessen, denn eher hätte sie sich selbst verletzt, als ihm weh zu tun.

Oft reizte es ihn, diesen sanften, eifrigen Gehorsam zu prüfen, abzutasten, wo er sich in Widerspruch wenden mußte. Er fand den Punkt nicht. Weder ihr Glaube an ihn noch ihre Heiterkeit waren zu erschüttern. Sie scherzte noch wie ein kleines Mädchen, kicherte und lachte, bis ihr der Atem ausging, und über nichts, nur weil sie glücklich, weil sie verliebt war.

Über ihre Ergebenheit und ihren frohen Sinn hinaus war diese Verliebtheit, in der sie sich ganz verlor, der tiefe Grund von Bernardos Glück. Er dachte oft und nie ohne Erbeben daran. Wenn er von der Arbeit heimkehrte, wartete Bellinda beim Waldbrunnen auf ihn. Sie hängte sich an seinen Hals, als hätten sie sich ein Jahr lang nicht gesehen. Daß sie, die Sanfte, so ungestüm sein konnte! Nach dem Essen, wenn alles in Ordnung gebracht war und Mutter Bice schlafen ging, stiegen sie in ihre Kammer hinauf. Das Kerzenlicht flackerte über die schön bemalte Decke und beleuchtete die Himmelskinder, die ihnen zulächelten. Am Morgen kam Bernardo oft zu spät, weil ihnen die Nacht nicht lang genug war. Ohne zu frühstücken, schwang er sich in Eile auf sein Rad und sauste den Rain hinunter. Mutter Bice schüttelte mißbilligend den Kopf. «Alles zu seiner Zeit, auch beten und frühstücken.» Sie fand die beiden wenig ernst für Eheleute. «Soll denn die Ehe ein Vergnügen sein, tagein, tagaus?» schalt sie. «Soll man nichts als sich küssen, wenn man zusammen ist? Ist das der Sinn des Ehestandes?» Als sie sich einst vor Bernardo solche Sprüche erlaubte, erwiderte er belustigt, ob sie denn der Meinung sei, der Ehestand habe ein Kreuz zu sein. «Vielleicht nicht gerade das», brummte sie, «aber wie ihr es auffaßt, kann nichts werden. Die Liebe allein tut es nicht.» Bellinda, vor Vergnügen kichernd, suchte die erboste Mutter zu besänftigen. «Wir sind jung, wir haben noch alle Zeit, ernst zu werden», spaßte sie, «und wie hast du es mit deinem Mann gehalten, als du in meinem Alter warst?»

«Anders, ganz anders», eiferte rühmend Mutter Bice. «Dein Vater, doppelt so alt wie ich, war ein gesetzter Mann, als er mich zur Frau nahm. Keine Kindereien, keine Faxen! Nach seinem Willen und Gutdünken trug er mich über die Schwelle der Kammer, wie ein Kind. Ich fürchtete ihn … und so soll es sein.»

«Über die Schwelle trug er dich?» fragte neugierig Bellinda.

«Ja», betonte Mutter Bice, «über die hohe Schwelle, an welcher du später das Gehen lerntest. Du wolltest es alleine tun, wehrtest meine Hand ab, bis du hinfielst, eine Schramme im Kopf.»

«Da war der Vater auch schon tot», schloß Bellinda mit Grabesstimme.

Mutter Bice spürte den Spott heraus. Obschon ihr Unglück weit zurücklag, tat es ihr weh, so respektlos von der Tochter daran erinnert zu werden: «Sterben kann man, wannʼs ist. Dazu braucht man nicht alt zu sein.»

Bellinda war es nicht recht, die Mutter im Übermut verletzt zu haben. Um sie aufzuheitern, griff sie nach ihrem oft erprobten Mittel: sie bat, ihr mehr aus ihrer Kindheit zu erzählen.

«Was ist da zu erzählen?» lenkte die Alte ein. «Warst ein Kind wie alle andern, nur eigensinniger … Die Sache mit dem Luftballon … Ein Händler kam bis vor unsere Türe. Dutzende von Luftballons wallten wie eine bunte Wolke an seinem langen Stab. Du warst darüber närrisch vor Freude; wolltest einen Ballon haben. Ich mußte sparen und schlug dir den Wunsch ab. Du betteltest aber so lange und so schön, bis der Mann, ein alter bärtiger Kauz, einen loslöste und ihn dir gab, einen roten, ich weiß es noch. Ich schämte mich, das Geschenk von dem Unbekannten anzunehmen, und wollte ihn bezahlen. Er aber weigerte sich, die Batzen, die ich hervorklaubte, anzunehmen. Geschenkt sei geschenkt. Während wir noch zusammen stritten, was meinst du, was du tatest? Du öffnetest deine kleine Hand und ließest den Ballon fliegen, nicht aus Ungeschick, mit Fleiß, weil es dir gefiel, ihn in den Himmel steigen zu sehen. Du jauchztest, aber der gute Mann war böse, man sah es ihm an. Und ich schämte mich nun erst recht. Was blieb mir übrig, als das Geld wieder hervorzuziehen und es dem Manne, der es nun nahm, in die Hand zu drücken.» Bellinda kannte die Geschichte auswendig, sie hörte nur halb zu, bis Mutter Bice mit dem Satz endete: «Ja, du wirst sehen, was es heißt, ein Kind zu erziehen!»

Nun, darauf freute sich Bellinda. Es dauerte ihr nur zu lange. Sie waren schon ein Jahr und mehr verheiratet, und nichts wollte werden. Sie stahl sich in die Kirche vor das Bild der Mutter Gottes, ihr Vorwürfe zu machen, die schönen Kinder, die Bernardo in die Mitte der Zimmerdecke gemalt hatte, winkten ihr vergebens. Sie wich ihren Freundinnen aus, die sie mit neugierigen Fragen in Verlegenheit brachten. Gerne hätte sie der Mutter ihre Besorgnis anvertraut, aber Trotz oder Scheu verschlugen ihr das richtige Wort. Wenn sie, in Zärtlichkeiten, Bernardo ihre Ungeduld verriet, lachte er sie aus, ein wenig Zeit sei ihnen zu gönnen, das Leben zu genießen, bevor ihnen die Last einer Familie auferlegt werde.

Aber auch er war glücklich, als Zoe geboren wurde. Kaum war das Kind groß genug, drängte er, man möge mit ihm die Reise auf die Bargada unternehmen, es den Eltern zu zeigen, damit auch sie sich daran freuen könnten.

Zoe war auf der Reise brav. «Ein Engel!» behaupteten mitreisende Frauen, die das niedliche Ding nicht genug bewundern konnten, «ein Schatz, ein Stern! Die Rosenwänglein, die Grübchen darin, die zwei weißen Zähnchen, die Ringellöckchen und die Augen, hast du die Augen gesehen? Goldbraun mit helleren Funken darin. Ein Wunder!» Das Kind lächelte freigebig im Kreise herum und verstand es, auch die Männer für seine kleine Person zu gewinnen, sogar einen mürrischen Alten, der abweisend in seiner Ecke saß, bis Zoe mit zierlichen Fingerchen ihm in den Bart fuhr und ihn ankrähte, daß er lachte. Ein Engel, ein Schatz, ein Stern! Bellinda strahlte, und Bernardo hatte alle Mühe, unter einer würdigen Miene sein Schmunzeln zu verstecken.

Doch als er Zoe über die Schwelle der Bargada trug, fing sie an zu schreien, und je mehr Gesichter sich über sie beugten, desto wilder sträubte sie sich. Sie verlor den Atem vor Zorn, wurde blau im Gesicht und machte so zuckende Bewegungen – wie ein Fisch, fand Orsanna mißbilligend –, daß Bellinda sich mit dem Kind in eine Kammer einschließen und warten mußte, bis es schlief.

«Das kleine Ding hat Kraft, sich zu wehren», bemerkte der Vater.

«Es braucht sich doch gegen uns nicht zu wehren», ereiferte sich Or­sanna.

«Wer weiß», warf Tomaso leicht hin und sah Bernardo mit einem halben Lächeln an.

Bei jenem Besuch klagte der Vater zum ersten Male, er und die Mutter seien müde. Orsanna könne nichts Weiteres auf sich nehmen, sie trage schon genug, und die alte Giulia sei nicht mehr bei Sinnen, sie zähle nicht. Taglöhner seien teuer und schwer zu finden, zu einem Knecht lange es nicht. Er erwähnte sein und der Mutter hohes Alter und meinte, eigentlich hätten sie es verdient, auszuruhen. Bernardo hörte zu. Daß die Alten schon so betagt waren, kam ihm überraschend. Er hatte sie nie anders als runzlig und zerfurcht gesehen, nun waren sie also so alt, so nah dem Tode …, wenn man es recht bedachte. Und dann, was sollte aus dem Hof werden? Schon jetzt wurde zurückgewirtschaftet. Was sollte erst später sein? Ein Mann fehlte, ein junger Mann, der arbeiten konnte und Augen im Kopf hatte, alles zu sehen. Dieser Mann war er. Er wußte es. Wer sollte den Hof übernehmen, wenn nicht er? So verstand es auch der Vater. Es klang deutlich aus seinen vorsichtigen Reden.

Darüber geriet Bernardo in tiefste Mißstimmung. Was tun? Aber was tun? Mit Freuden hätte er nun Giovanni als Meister auf die Bargada ziehen sehen; er hätte ihn darum bitten mögen, mit erhobenen Händen. Aber es war zu spät. Es hieß, Giovanni heirate die blonde Alda, die ein Kind von ihm habe, einen Knaben. So war es mit dieser Lösung nichts. Eine andere fand er nicht. Es gab keinen Meister als ihn selbst, das war wohl klar. Und doch konnte er sich nicht entschließen, dem Vater zuzusagen, ihm zu versprechen, er trete an seine Stelle. Er wollte nicht, er wollte nicht! Und schließlich: Hatte er das Recht, Bellinda hierher zu versetzen? Was wußte sie vom Leben auf der Bargada? Sie fand es schön und gut, weil alle um sie herumtanzten, wenn sie zu Besuch kam, und es ihr schmeichelte, auf eigenem Grund und Boden zu stehen, sie, die immer nur zur Miete gewohnt hatte. Auch genoß sie es, den Augen der Mutter Bice, die nichts durchgehen ließ, entrückt zu sein. Sie ahnte nicht, und er hatte ihr nie angedeutet, daß das Leben hier schwierig war, und weshalb. Oft drängte es ihn, mit ihr darüber zu sprechen, doch wartete er wohl zu lange damit, das Wort gab sich nicht, es verdrehte sich ihm im Munde, und er sagte etwas anderes, als das, wozu er angesetzt hatte.

Aus diesen trüben Betrachtungen riß ihn bald ein Streit mit seinem Meister. Rossi war zwar mit seinem jungen Arbeiter sehr zufrieden. Er überließ ihm auch schwierige Aufträge zu selbständiger Ausführung, und es schmeichelte ihm, daß es im Städtchen hieß, wer eine heikle Maler­arbeit zu vergeben habe, müsse sich an ihn wenden. Mochte Nerina sich nur ärgern! Doch ertrug er schlecht Bernardos mangelndes Interesse für Politik. Er zwang ihn gelegentlich, mit ihm eine Versammlung zu be­suchen, schon damit ihm seine Genossen nicht vorhalten konnten, er stelle einen Flauen ein, dann, weil es ihm nicht in den Kopf wollte, jemand könne gleichgültig bleiben in einer Sache, die ihm selbst wichtig war und für die er so hinreißend zu sprechen wußte. Daß Bernardo unberührt blieb, enttäuschte ihn, regte ihn auf. Wäre er offen im gegnerischen Lager gestanden, dann hätte man wenigstens gewußt, woran man mit ihm war, aber er ging auch nicht zur Kirche. Weiß Gott, für was er sich erwärmte!

Nun war wirklich sonderbar, was Bernardo trieb, statt am Sonntagmorgen zur Messe zu gehen oder Versammlungen zu besuchen: er malte. Er versuchte richtige Bilder zu malen, auf Holz oder Leinwand, mit dünnen Pinselchen und feinen Farben aus Tuben, wie er es in Mailand Künstlern abgeguckt hatte. Die Tätigkeit fesselte ihn. Er vergaß oft darüber alles andere, so daß Bellinda sich deswegen beklagen mußte. Sie schmollte, wenn er es vorzog, mit seinen Malsachen auszuziehen, anstatt bei ihr zu bleiben und den Sonntag zu genießen.

Er hatte damit begonnen, den Brunnen am Waldrand zu malen, eine Wäscherin daneben. Es gelang nicht übel. So fuhr er fort, malte den alten Turm, den Hof, die umliegenden Matten, Bäume, Berge. Solange er an der Arbeit saß, fühlte er sich beseligt. Er tiftelte, bis jedes Blättchen, jedes Gras so aussah, wie es sich gehörte. War das Bild fertig, befriedigte es ihn nicht. Es stimmte nicht mit der Wirklichkeit überein. Das Dargestellte war auf bedrückende Art leer, hohl, so, als müsse im nächsten Augenblick etwas hineinstürzen, als wäre das Gemalte eine Kulisse, wie sie im Theater auf der Bühne stand, nichts als Rahmen für eine Geschichte, die sich darin abzuspielen hätte. Aus jedem Haus, hinter jedem Baum hervor, vom Himmel herunter konnte es losbrechen. Unzufrieden stellte Bernardo das fertige Bild fort und begann ein neues, mit dem es ihm aber nicht besser erging. Doch zweifelte er nicht daran, mit der Übung geschickter zu werden.

Nun waren Wahlen im Anzug. Der Kampf um die Kandidaten beherrschte schon seit Wochen das Leben der Männer. Rossi hatte seine große Zeit. Er warb im Lande herum mit seinen besten Reden und viel Lärm für den Mann seiner Partei. Es mußte dieses Mal gelingen, ihm genügend Stimmen zu sichern. Jede einzelne war wichtig, um jede einzelne wurde gekämpft. Um sie zu gewinnen, waren viele Mittel gut. Warum auch nicht? Der Zweck heiligte sie im voraus. Daß bei Bernardo keines dieser Mittel verfing, daß er weder auf feurige Worte noch auf Versprechungen aller Art antwortete, war stark, es traf Rossi wie eine persönliche Beleidigung. Er konnte sich das nicht bieten lassen. So nahm er sich Bernardo vor und sprach ihm ins Gewissen. Man könne doch nicht leben wie ein Tier, ohne sich für das Allgemeine zu interessieren; er müsse, wie jedermann, wissen, für wen er stimmen wolle, und da sei es doch klar, dass es für seinen Freund sei.

Bernardo war nicht so gleichgültig, wie er schien und tat. In Mailand war viel unter seinen Kameraden debattiert worden, und er hatte mit feinen Ohren zugehört, wie sie sich über den Gang der Ereignisse und wie er zu lenken wäre, heiß redeten. Selbst trug er nichts zu den Gesprächen bei. Wurde er nach seiner Meinung gefragt, wich er aus, er verstehe nichts davon. Doch ordnete er das Gehörte zu guter Übersicht. Er dachte oft, die vielen großen Worte, die da gemacht wurden, um die Welt zu verbessern, versteckten nur schlecht kleinliche Interessen, es gehe weniger um die hohen Ziele, von denen die Rede sei, als darum, sich gegenseitig zu bekriegen und die Kastanien für sich selbst aus dem Feuer zu holen. Bei Versammlungen nun, in die Rossi ihn mitschleppte, wurde ihm das noch deutlicher. Wenn die einen oder andern sich für ­Menschenrechte einsetzten, meinten sie bloß die eigenen oder die der nächsten Anhänger, und diese Rechte ließen sich, so wollte Bernardo scheinen, rasch in Zahlen ausdrücken. Der ganze Betrieb war ihm wider­wärtig und langweilte ihn.

Er fragte Rossi, wieso es klar sei, daß er für seinen Freund stimmen müsse. Er selbst habe doch mehr als einmal angetönt, der Mann habe Dreck am Stecken … Rossi war verblüfft. Konnte man so naiv sein? Er setzte Bernardo auseinander, daß das private Leben mit dem öffentlichen in keinem Zusammenhang stehe, daß sein Freund in seinem eigenen Hause und in seinem Geschäft tun und lassen könne, was ihm beliebe, daß es einzig darauf ankomme, einen Mann zu wählen, dessen Gesinnung felsenfest sei. Und das nun sei bei seinem Freunde der Fall. Hatte man ihn doch lange genug gestützt und getragen, ihm durch die Finger gesehen, seine Dummheiten gedeckt und was sonst; er war der Partei verpflichtet. Und hatte er einmal seinen Platz in der Behörde, dann …

«Dann wird er die Dienste abzahlen müssen», fiel Bernardo lachend ein.

Rossi wurde böse. Es lohnte sich nicht, mit diesem Esel da lange Sperenzchen zu machen. Er stellte es ihm kurzerhand anheim, so zu wählen, wie er es von ihm verlange, oder sich als entlassen zu betrachten.

Bernardo biß die Lippen aufeinander. Er spürte, wie sie zitterten. Doch wartete er nicht lange und sagte: «Gut, ich lasse mich morgen auszahlen.» Unwillig über die Wendung, die die Sache nahm, flüchtete Rossi sich in Zorn. Er bewarf Bernardo mit Beschuldigungen, seiner Pflicht als Bürger nicht zu genügen, sich zu drücken, zu versagen, und schloß, als dieser schwieg, mit schnöden Verdächtigungen, er halte es eben doch, als Bauernsohn, mit den Reichen, den Gegnern, den Bösewichten. Er gehöre zu ihnen, und man werde es sich merken.

Was nun? Schon längere Zeit spielte Bernardo mit dem Gedanken, sich selbständig zu machen. Er hatte etwas Erspartes. Bellinda war anspruchslos und fleißig. Sie verschwendete keinen Rappen. Mutter Bice selbst, eine Musterhausfrau, gab es zu. Ihre Erziehung trug eben doch Früchte. Bernardo durfte also den Übergang wagen. Nun kam ihm die Gelegenheit entgegen. Er mietete passende Räume im Städtchen, ließ Empfehlungskarten drucken und warf sich in das Unter­nehmen. Der Anfang war nicht leicht. Die beiden Malermeister, ­Nerina und Rossi, sahen es gleich ungern, daß sich ein Dritter niederließ. Wenn sie sich sonst bekämpften, hier begegneten sie sich, ja, sie schlossen sich zusammen, um gegen Bernardo zu hetzen: ein Fremder, ein Irgendwoher aus den Bergen, ein Junger, ein Niemand, der sich erfrechte, durch Konkurrenz ihre Existenz zu erschweren. Er würde es büßen müssen.

Sie täuschten sich aber, wenn sie annahmen, Bernardo erhalte keine Aufträge. Viele waren nur froh, weder zu Nerina noch zu Rossi gehen zu müssen. Doch, entschloß sich einer, Bernardo eine Arbeit zuzuhalten, so weigerte er sich, den üblichen Preis dafür zu bezahlen. Bernardo sei frisch etabliert, er müsse entgegenkommen. Verlange er dasselbe wie die alten Firmen, könne man ebensogut zu ihnen gehen. Andere nahmen den Preis an, doch sah Bernardo von ihnen nie einen Rappen. Sie schoben das ­Zahlen hinaus und hinaus, und Bernardo scheute sich, um nicht in Verruf zu kommen, sie schärfer zu mahnen oder gar zu betreiben. So hieß es, wollte er durchhalten, von früh bis spät und über die gewöhnliche Arbeitszeit hinaus sich tummeln, nicht nur in der Werkstatt und auf dem Arbeitsplatz, auch zu Hause, wohin er seine Rechnungen und Bücher mitbrachte, um sie nach Feierabend zu ordnen. Mit Scherzen und ­Spielen, mit dem Malen von Bildern war es aus. Und das Fleißigsein, das ­Sparen und Sorgen genügten nicht einmal. Er mußte sich drehen und wenden, freundlich tun, wo es ihm nicht drum war, sich Bemerkungen gefallen lassen; er mußte mit Leuten schwatzen, mit ihnen in der Wirtschaft sitzen, ihre Gespräche anhören und seine Meinung äußern, wobei es eben nicht seine Meinung sein sollte, sondern die des andern. Das alles fiel ihm lästig. Doch tröstete er sich damit, daß die Einnahmen, wenn auch langsam, steigen würden und er alles in allem zufrieden sein durfte.

Trotzdem, gerade in Augenblicken innerer Aufmunterung, kam es vor, daß er sich überlegte, ob er nicht ein Narr sei, hier so zu buckeln, wo er doch auf der Bargada, zwar nicht mit weniger Arbeit, niemandem etwas nachzufragen hätte. Nun, alles hatte seine guten und seine schlechten Seiten. Man sah sie nicht sofort. Sie zeigten sich erst nach und nach. Alles hatte zwei Gesichter, wer weiß, sogar das Glück.

Und er hatte Glück. Sein Geschäft kam in Schwung. Kunde um Kunde sprang ihm zu. Man sprach von ihm als von einem tüchtigen Mann, der es weit bringen werde. Er selbst glaubte es. Als drei Jahre nach Zoe Umberto zur Welt kam – man denke, ein Sohn! –, war er seiner Sache sicher. Dem Kleinen zuliebe gelobte er sich, auf dem Platze, den er selbst gewählt hatte, standzuhalten und alles daran zu wenden, um dem Sohn ein gutes Los zu sichern. An der Taufe ging es hoch her. Die nähere und fernere Verwandtschaft war geladen. Bernardo führte mit der Patin, die das schön geschmückte Kind unter dem viermal zusammengelegten Brautschleier Bellindas trug, den Zug an. Während der Zeremonie in der Kirche, der Bernardo gerührt folgte, richteten Mutter Bice und Bellinda zu Hause das Essen. Es gab nach dem Antipasto vier Gänge und viel Wein dazu. Die Gesellschaft war in bester Stimmung. Es wurde gescherzt und gesungen. Bernardo hielt eine Rede, in welche er so viele Späße einflocht, daß die Frauen kreischten und die Männer sich zu allerlei Anzüglichkeiten veranlaßt sahen. Die Hochrufe hörten nicht auf: Es lebe die Freiheit … es lebe die Liebe … es lebe das Leben! Alle fanden, so gut habe man sich seit langem nicht mehr unterhalten.

Den Brief Orsannas, in dem sie um Entschuldigung für ihr Ausbleiben bat, weil der Vater krank sei, nahm er nicht ernst. Er las über die Zeilen hinweg, die berichteten, Tomaso habe einen leichten Schlaganfall erlitten, seine eine Gesichtshälfte sei gelähmt, und er sehe sehr verändert aus. Schlaganfall? Gelähmt? Verändert? Nun, an etwas mußte man schließlich sterben. Daß ihn die Nachricht zutiefst erschüttert hatte, war Bernardo im Hochgefühl des Tages entgangen. Ganz entgangen.

III. Der Kirchturm

Eines Morgens, Bernardo trat eben zum Tor hinaus, um sich zur Arbeit zu begeben, schob der Briefträger zu ungewohnter Zeit sein Rad den Rain hinauf. Bernardo sah ihn kommen. Er blieb wartend stehen. Oben angelangt, streckte ihm der Bote einen Expreßbrief entgegen. Jetzt hat es sich entschieden, hörte Bernardo eine Stimme in sich sagen. Er nahm den Brief und hielt ihn steif in der Hand, bis der Mann nach ein paar freundlichen Worten aufgesessen und fortgefahren war. Dann öffnete er den Umschlag und las das Schreiben durch. So war es: Dem Vater ging es schlecht. Es wäre nötig, daß Bernardo käme. So war es.

Er trampte auf den Hof zurück, wo vor dem Hause Bellinda am Granittisch saß und dem kleinen Umberto aus einem Schüsselchen Brotbrocken in den Mund stopfte. Stumm stellte er sich daneben und wartete, bis sie fertig war. Bellinda fiel der Brief in Bernardos Hand auf, aber sie fragte nicht danach. Ruhig beendete sie ihr Geschäft, wischte dem Kind den Mund und schob es davon, es möge spielen gehen. Bernardo ließ sich an seinen Platz neben Bellinda nieder.

«Da, lies, ein Brief von zu Hause», brachte er hervor und hielt ihr den Umschlag hin.

«Sage mir lieber, was drin steht», erwiderte Bellinda und faltete die Hände.

«Nun, dem Vater gehe es schlecht. Ich muß heim, helfen. Mach mir das Köfferchen!»

Bald war er reisebereit. Er gab Bellinda einiges zu besorgen, Arbeiten abzusagen, Geld einzuziehen, eine Rechnung zu bezahlen.

«Wie lange bleibst du?» fragte die Frau. Er sah sie groß an. «Wie lange?» fragte er selbst, ohne zu antworten. Er küßte sie auf den Mund und dachte, wie kalt ihre Lippen doch seien. Dann ging er, ohne sich umzusehen, zum Tor hinaus.

Bellinda setzte sich auf die Mauer und schaute angestrengt gegen den Wald, in dem der Weg verschwand, als könnte sie noch etwas von dem Fortgehenden erspähen. Wann würde er wiederkommen? Sie wußte, er kehrte nicht zurück. Was sollte aus ihr werden? Würde sie auch von hier fortgehen müssen? Sie schaute sich um: der Hof, das alte Gemäuer, der Turm. Es war nichts Besonderes, aber dies alles kannte und liebte sie. Sie brach in Weinen aus. So fand sie später Mutter Bice, die von einem Gang zurückkehrte. «Was ist», rief sie bestürzt, «ist dem Kind etwas geschehen?» Doch der Kleine spielte in der Nähe mit Steinchen und sprang der Großmutter entgegen. Sie nahm ihn bei der Hand, und zusammen gingen sie zu der Weinenden. Bellinda schneuzte sich in den Schürzenzipfel. «Immer verlegt!» tadelte leise die Mutter, zog ihr Tuch aus der Tasche und reichte es der Tochter. «Bernardo hat nach Hause gehen müssen», erklärte nun Bellinda, «der Vater sei übel dran.»

Die Mutter wunderte sich, daß der voraussichtliche Tod des Alten ihre Tochter so treffe, und suchte nach Worten, um ihr zu helfen, sich mit dem Tode, der auf uns alle wartet, in ein Einvernehmen zu stellen. «Er ist alt, er ist krank, und das Leben hat keinen Wert mehr für ihn. Man geht gerne, wennʼs so weit ist.»

«Ach, ich weine nicht wegen des Vaters», klagte Bellinda, «ich bin traurig, weil Bernardo nicht mehr zurückkommt. Du wirst sehen! Und was soll ich dann unternehmen?»

Jetzt verstand Mutter Bice. Das fehlte noch, daß der Schwiegersohn, den die Tochter ihr aufgedrängt, sie ihr nun weghole, wenn möglich samt den Kindern! Das gab es nicht. Da würde man noch ein Wort dazu zu sagen haben. Sie machte sich innerlich hart. Zu Bellinda meinte sie, so weit sei man nicht, sie solle durch ihr Weinen nicht das Unglück heraufbeschwören. Bernardo werde es sich zweimal überlegen, wegen der paar wilden Wiesen dort oben hier alles fahren zu lassen, wo er doch rühme, es gehe mit seinem Geschäft vorwärts; wo er daran denke, in die neugegründete Partei einzutreten, und wo doch Zoe bald zur Schule müsse. Bellinda ließ sich trösten. Die Mutter hatte recht. So wenig sie in der letzten Zeit Bernardo manchmal verstand, so war sie doch bereit, anzunehmen, er laufe nicht einfach davon. Sie verscheuchte die dummen Gedanken und brachte es fertig, mit den Kindern zu lachen und zu spaßen. Je länger der Briefträger keine Nachricht von der Bargada brachte, um so ruhiger wurde sie. Es mußte dem Vater besser gehen, und bald würde Bernardo zurück sein.

Bernardo fand den Alten im hohen Lehnstuhl in der Küche sitzend, unkenntlich. Sein Gesicht war bis auf die riesige Nase zusammengeschrumpft. Der Mund verlor sich, ohne Zähne, samt dem Kinn gegen den Hals zu. Man sah ein kleines Bächlein Speichel heruntertropfen. Seine Hände lagen wie dürre Tabakblätter auf den Armlehnen des Stuhles. Die Frauen hatten ihn angebunden, damit er nicht herausfalle. Or­sanna bemühte sich sehr, ihm etwas einzuflößen. Die Mutter schaute mit gefalteten Händen zu, und die alte Giulia plärrte hinter dem Tisch.

«Guten Abend», sagte Bernardo, ging auf den Vater zu und wollte ihm die Hand geben. «Er kann sich nicht bewegen», kam ihm Orsanna zuvor. «Er kann auch nicht reden …, aber er versteht uns, gelt, Vater», sagte sie laut und neigte sich über den Kranken. Nur an einem Glanz im Auge war die Antwort zu lesen. «Wir haben dir geschrieben», fiel die Mutter ein, «weil es Zeit ist zum Heuen. Orsanna kommt nicht nach. Es gibt keine Taglöhner, alle Männer sind auf Arbeit in den Städten. Wir zwei, die Tante und ich, sind zu nichts mehr nutze.»

Bernardo wußte, was er zu tun hatte. Am nächsten Morgen früh war er an der Arbeit. Das Mähen kam ihn schwer an. Seine Knie zitterten, und er fuhr mit der Sense mehr als gut war in Steine und Erdbuckel. Aber bald fand er die alten Bewegungen wieder. Wie man eine Sense wetzt, konnte man das verlernen? Wie man sie ins Gras legt, ausholt und zieht? Konnte man den zirrenden Ton vergessen, mit dem die Schwade Gras umsank und sich hinlegte?

Am Abend zog er seinen Stuhl zum Vater und berichtete, was zunächst und dann weiterhin zu tun sei. Tomaso hörte aufwerksam zu und schien befriedigt. Die Mutter saß daneben und rühmte, man sehe, wie es den Vater beruhige, zu wissen, daß Bernardo zu Hause sei. Sie wartete darauf, daß der Sohn sie korrigiere, er sei wohl vorderhand zu Hause, werde aber für Heuer sorgen und wieder gehen. Doch Bernardo schwieg. Er begriff nicht mehr, daß er sich hatte wehren können, heimzukehren, da es doch nichts half. Hier war er, hier würde er sein. Einen andern Ort gab es für ihn nicht auf der Welt.

Nach den ersten heißen Tagen starb der Vater. Bernardo schickte ein Telegramm an Bellinda und wartete, daß sie komme. Am Abend traf sie auf einem Fuhrwerk, welches sie unterwegs auflud, ein.

«Wo sind die Kinder?» fragte Bernardo sofort. «Ich ließ sie bei der Mutter», antwortete Bellinda zögernd, «ich dachte … »

«Was hast du gedacht?» fuhr er sie an. «Die Kinder gehörten her. Es ist ihres Vaters Vater, der da liegt.»

«Sie sind noch so klein», entschuldigte sich Bellinda, «Umberto kaum drei Jahre alt. Was soll er da verstehen?»

«Eben, damit sie es verstehen lernen, hättest du die Kinder mitbringen sollen. Es ist nie zu früh, zu verstehen, wohin man gehört!»

Mit Verwunderung sah Bellinda den Mann an. Wie er sprach! So hatte er nie geredet. Was war in ihn gefahren?

Am nächsten Tage, nach dem Begräbnis, saß die Familie um den Tisch beim Essen. Alle schwiegen. Als Orsanna die Teller wegräumte, erhob sich Bellinda, setzte ihren Hut auf und sagte, es sei wohl Zeit, zu gehen, der Weg sei lang, sie möchte den letzten Zug erreichen, um am Abend zu Hause zu sein. Die Frauen schauten auf. Bernardo fragte, als sei er überrascht: «Du willst schon gehen?»

«Nun ja, die Kinder, die Mutter, die Arbeit», gab Bellinda als Grund an.

«Arbeit gibtʼs auch hier», lachte Bernardo ungut, «wirst sie noch kennenlernen.»

Bellinda erschrak. «Ja, kommst du denn nicht nach Hause?»

«Ich … ich bin hier zu Hause», erwiderte der Mann und machte eine weite Armbewegung. «Du fährst jetzt zurück, räumst unsere Sachen zusammen und kommst mit den Kindern her!»

Bellinda mußte sich setzen. «So schnell», fragte sie in bittendem Ton.

«Ja, je schneller, desto besser», bestimmte Bernardo. «Wir haben schon zu lange damit gewartet. Schau, wie alles verlottert ist, weil die Alten nicht mehr konnten. Das muß anders werden.»

Im Hintergrund der Küche war Orsanna still stehengeblieben. Sie horchte auf das Gespräch der Eheleute, daß ihr kein Wort verloren gehe. So standen also die Dinge, so schlimm. Von dieser Minute hing alles ab. Wenn Bellinda sich weigerte, zu kommen, wenn sie sich gegen Bernardos Zumutung auflehnte und es vorzog, uneins mit ihm zu sein, statt nachzugeben und auf die Bargada zu ziehen, dann würde der Bruder sich besinnen, es sich reiflich überlegen und zum Schluß nachgeben. Wann war die Frau nicht stärker gewesen als der Mann? Unterzog sich aber die Dumme, fürchtete sie, den Mann zu verdrießen, ihn zu verlieren, dann standen die Dinge schlecht für Orsanna. Haß regte sich in ihr gegen die Jüngere, die Fremde, die ihr mit einem Wort entwinden konnte, nach was sie ohne Unterlaß einzig gestrebt. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht über sie herzustürzen und sie zum Hause hinauszujagen. Ihre Finger krümmten sich im Gelüste, ihr ins Haar zu fahren, und sie spürte, wie ihre Kopfhaut sich zusammenzog. Mit der ganzen Kraft ihrer Seele suchte sie auf Bellinda einzuwirken, daß sie wegbleibe.

Bernardo schaute keine der Frauen an. Sein Blick hing lässig am Gewehr, das neben dem Kamin stand. Er nahm sich vor, es zu putzen. Er erriet aber genau, was in Orsanna vorging, und als er jetzt aufblickte und in ihr verzerrtes Gesicht sah, erschrak er nicht. So war Orsanna. Er rief ihr zu:

«Was stehst du dort und lauschest? Mach deine Sache und laß uns die unsrige!» Nach einer Weile fügte er bei: «Du wirst übrigens zu der Tante hinüberziehen. Es ist genug Platz in ihrem Hause für beide. Hier bleiben wir mit der Mutter allein.»

Da hatte der Blitz schneller eingeschlagen, als Orsanna auch in ihren verzweifeltsten Stunden je gefürchtet hatte. Sie war ratlos, betäubt. Nach den Regeln, die in der Familie galten, kam ihr kein Recht zu. Sie hatte sich zu unterziehen. Sie tat es mit tausend Verwünschungen.

Auch Bellinda blieb nichts, als zu gehorchen. Das Schwerste war, ­Bernardos Entschluß Mutter Bice beizubringen. «Aber Zoe bleibt hier», wiederholte die Alte. Davon ließ sie sich nicht abbringen. «Das Kind gehört mir», beteuerte sie, «ich habe es immer um mich gehabt, es ist meines und bleibt bei mir.» Bellinda kannte ihre Mutter; sie wußte, wie starr sie sich wehrte, von einem Wort zu lassen, das sie in Heftigkeit aussprach. Es war gescheiter, sich ihrem Wunsche zu fügen. Mit der Zeit würde sie selbst einlenken und ihr das Kind überlassen, wie es natürlich war.

Bellinda fand zudem keine Zeit, ihr Heimweh zu pflegen. Es gab zu viel Arbeit auf der Bargada, wer konnte da an anderes denken? Am Anfang erlaubte sie sich wohl, zu jammern, sich aufzulehnen und dem Manne Vorwürfe zu machen, aber als sie sah, wie unermüdlich und verbissen er daran ging, das Anwesen vor der drohenden Verlotterung zu retten, als sie seine Ungeduld zu spüren bekam, daß die Arbeit nicht rasch genug vorwärts schreite, da überwand sie ihre Sehnsucht. Bald verwuchs sie mit dem Hof. Sie lebte im Gang der Geschäfte durchs Jahr hindurch, in ihrer unumstößlichen Folge, als wäre sie nie anderswo gewesen.

Im Frühling, kaum leckte die Sonne den letzten Schnee weg, war der Dünger aufs Land zu bringen. Die Hände in die Hüften gestemmt, trugen die Frauen die schweren Hotten auf Felder und Matten und bis an die steilsten Halden, wo der fruchtbare Boden aufhört und in Wildnis übergeht, während Bernardo die glänzenden, feuchtwarmen Ballen verteilte, daß die Bargada von weitem aussah wie mit Zimt überstreut. War der Himmel freundlich und erlaubte es, die Arbeit ohne Unterbruch zu beenden, konnte ans Kartoffellegen gedacht werden. Tagelang zogen die Frauen mit ihren Harken die Furche ins Erdreich, gerade und ausgerichtet, nicht zu tief und nicht zu flach, daß die Frucht, regelmäßig hineingelegt, ungestört wachsen könne. War das getan, kam der Garten an die Reihe. Mit Umgraben, Beete anlegen, Säen und Pflanzen vergingen wieder Tage, und gleich begann der Kampf mit dem Unkraut, der den ganzen Sommer über dauerte. Gras und Klee, Nesseln und Wolfsmilch und die hundert kleinen Kräuter, die sich mit zäher Ausdauer gegen ihre Vernichtung wehrten und alles überwuchert hätten, wäre ihnen Bellinda nicht mit derselben Ausdauer zu Leibe gerückt. Wuchsen der Kohl und die Rübchen, sprossen die Bohnen zwischen ihren Stangen hervor und kletterten eifrig daran empor, breiteten sich die Rhabarberblätter üppig und prahlerisch aus, wie Überreste einer tropischen Vegetation, reiften die Erdbeeren der warmen Mauer entlang, fing der Salat zu steigen an, war der Garten also in seiner Fülle eine Herzensfreude und lud er so recht zum Verweilen und Versäumen ein, so hieß es ans Heuen gehen.

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