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Madame Therese
Emile Erckmann
Inhaltsverzeichnis
Madame Therese
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
Impressum
Madame Therese


I.
Wir lebten in tiefem Frieden im Dorfe Anstatt, mitten in den deutschen Vogesen, mein Oheim der Doktor Jakob Wagner, seine alte Magd Lisbeth und ich. Seit dem Tode seiner Schwester Christine hatte Onkel Jakob mich zu sich genommen. Ich ging in’s zehnte Jahr und war blond, rotbäckig und frisch, wie ein Posaunenengel. Ich trug eine baumwollene Mütze, ein kurzes Wams von braunem sammt, das aus alten Beinkleidern meines Onkels gemacht war, Hosen aus grauer Leinwand und Holzschuhe, oben mit Wollflocken eingefaßt. Man nannte mich im Dorf den kleinen Fritzel, und jeden Abend, wenn Onkel Jakob von seinen Ausgängen heimkam, nahm er mich auf seinen Schooß, um mich in der Naturgeschichte des Herrn von Buffon französisch lesen zu lehren.
In Gedanken bin ich noch in unserer niederen Stube mit ihrer von schwarz geräucherten Balken gestreiften Decke. Ich sehe links die kleine Gangthüre und den eichenen Schrank; rechts den mit einem grün serschenen Vorhang abgeschlossenen Alkoven, hinten den Eingang zur Küche, daneben den eisernen Ofen, mit seinen dicken, die zwölf Monate vorstellenden Platten, dem Widder, den Fischen, dem Steinbock, dem Wassermann etc., und nach der Straßenseite zu die zwei kleinen Fenster, die zwischen Rebenlaub hindurch auf den Platz mit dem Brunnen blicken.
Ich sehe auch den Onkel Jakob, eine hohe Gestalt mit freier Stirne, schönem blondem, über seine breiten Schläfe anmuthig herabfallendem Haar, leichter Adlernase, blauen Augen, gerundetem Kinn und weichen und gutmüthigen Lippen. Er trägt Beinkleider von schwarzem rauhem Tuch, einen himmelblauen Rock mit messingenen Knöpfen und weiche Stiefel mit hellgelben Kappen, über welche eine seidene Eichel herunter hängt. sitzend in seinem ledernen Armstuhl, die Arme auf den Tisch gestützt, liest er, während der Schatten der Nebenblätter auf seinem etwas langen und von der frischen Luft gebräunten Gesicht leicht hin und her schwankt.
Er war ein gefühlvoller, friedfertiger Mensch, nahe an den Vierzigen, und galt für den besten Arzt der Umgegend. Ich habe seit der Zeit erfahren, daß er sich gerne mit Theorien über die allgemeine Verbrüderung beschäftigte, und daß die Bücherpäcke, die ihm der Bote Franz von Zeit zu Zeit brachte, diesen wichtigen Gegenstand betrafen.
Ich sehe dies alles, ohne unsre Lisbeth zu vergessen, eine gute Alte, lächelnd und runzlich, mit kurzer Juppe und blau leinenem Unterrock, wie sie in einer Ecke spinnt. Auch unsres Katers Roller muß ich gedenken, wie er auf seinem Schwanze hinter dem Ofen sitzt und spinnt, mit großen, eulenartig durch die Dunkelheit leuchtenden, goldenen Augen.
Noch ist mir’s, ich dürfe nur über den Gang gehen und mich in den Obstgarten mit seinen guten Gerüchen schleichen; ich glaube noch, ich dürfe nur die hölzerne Stiege aus der Küche in meine Kammer erklettern, wo wir die Meisen hatten, mit welchen wir, der kleine Hans Adam, des Holzschuhmachers Sohn und ich, unsern Vogelfang betrieben. Es waren blaue und grüne drunter. Die kleine Elisa Meyer, die Tochter des Bürgermeisters, kam oft, unsere Vögel zu sehen und mir davon abzubetteln; und wenn Hans Adam, Ludwig, Franz Seppel, Karl Stenger und ich mit einander die Kühe und die Geißen zur Weide führten, dort hinten neben dem Birkenwald, so klammerte sie sich an mein Wams und sagte:
»Fritzel, laß mich deine Kuh führen, scheuch mich nicht fort!«
Und ich gab ihr meine Geißel; wir machten Feuer auf dem Rasen und brieten Kartoffeln in der Asche.
O! die schöne Zeit! Alles war ruhig und friedlich um uns her und ging seinen regelmäßigen Gang, ohne die geringste Störung. Montag, Dienstag, Mittwoch, alle Tage, die Gott gab, verliefen einer wie der andere.
Jeden Tag stand man zu derselben Stunde auf, zog sich an und legte sich zu Lisbeths guter Mehlsuppe nieder. Der Onkel ritt dann fort, und ich machte Schläge und Schlingen für Drosseln, Sperlinge, Finken, je nach der Jahreszeit.
Mittags waren wir wieder zurück. Da gab’s Kraut mit Speck, Nudeln oder Knöpflen. Nachher ging ich Vieh hüten, nach meinen Schlingen sehen, oder ging’s auch wohl, wenn es heiß war, zum Bad in die Queich.
Abends hatte ich guten Appetit, der Onkel und Lisbeth auch, und wir dankten bei Tisch dem Herrn für seine Wohlthaten.
Alle Abende, gegen das Ende des Nachtessens, wenn es anfing, im Zimmer dunkel zu werden, ertönte ein schwerer schritt durch den Gang, die Thüre öffnete sich, und ein untersetzter, viereckiger Mann, von breiten Schultern, einen großen Filz auf dem Kopfe, erschien auf der Schwelle mit den Worten:
»Guten Abend, Herr Doktor!«
[4]
»Setzt Euch, Mauser,« antwortete der Onkel, »Lisbeth mach’ die Küche auf!«
Lisbeth öffnete die Thüre, und die rothe auf dem Herd flackernde Flamme zeigte uns den Maulwurffänger unsrem Tische gegenüber, wie er mit seinen kleinen grauen Augen betrachtete, was wir aßen. Er hatte ganz das Aussehen einer Feldmaus, lange Nase, kleinen Mund, zurücktretendes Kinn, vorstehende Ohren und einen Schnurrbart von vier gelben, zerzausten Haaren. sein Kittel von grauer Leinwand ging ihm kaum bis zu den Lenden; seine große rothe Weste mit tiefen Taschen schlotterte um seine Schenkel und seine ungeheuren Schuhe, welche stets die Farbe des Erdreichs trugen, hatten große Nägel, die von den dicken Sohlen herauf wie Krallen glänzten.
Der Mauser konnte fünfzig Jahre haben; seine Haare fingen an grau zu werden; große Runzeln furchten seine geröthete Stirne, und weiße Augbrauen mit einem goldenen Anflug fielen ihm bis auf den Augapfel herab.
Man sah ihn immer auf den Feldern beschäftigt, seine Fallen zu stellen, oder auch wohl an der Thüre seines Bienenstandes am Abhang in der Birkenwaldheide mit seiner Drahtmaske, seinen dicken Leinenen Handschuhen und seinem großen schneidigen Löffel, mit dem er den Honig von den Stöcken löste.
Zu Ende des Herbstes verließ er auf einen Monat das Dorf, seinen Zwerchsack über dem Rücken. Vorne hatte er den Honig drin, hinten das gelbe Wachs in Platten, das er den Pfarrern der Umgegend zu Wachskerzen zum Verkaufe trug. Das war der Mauser. Nachdem er wohl über den Tisch hingeblickt hatte, hub er an:
»Da habt ihr Käs; das da sind Haselnüsse!«
»Ja,« antwortete der Onkel. »Greift zu.«
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»Dank schön, ich rauche jetzt lieber eine Pfeife.«
Damit zog er eine schwarze Pfeife mit kupfernem an einem Kettchen hängenden Deckel aus der Tasche. Er stopfte sie bedächtig, indem er seine Augen fortwährend umherlaufen ließ, ging dann in die Küche, nahm eine glühende Kohle in seine hohle schwielige Hand und legte sie auf den Tabak. Ich meine ihn noch zu sehen, mit seinem Rattengesicht, wie er, die Nase in der Luft, vor dem purpurnen Herde große Wolken blies, und wie er dann wieder hereinkam und sich im Schatten des Ofenwinkels mit verschränkten Beinen niedersetzte.
Außer den Maulwürfen und den Bienen, dem Honig und dem Wachs hatte der Mauser noch eine andere ernste Beschäftigung; er weissagte die Zukunft nach dem Vogelflug, der Menge der Heuschrecken und Raupen, und gewissen in ein großes Buch mit hölzernem Deckel eingeschriebenen Ueberlieferungen, das er von einer alten Tante zu Geming geerbt hatte, und das ihm über zukünftige Dinge Aufschluß gab.
Aber um ihn auf das Kapitel seiner Wahrsagungen zu bringen, war ihm die Gegenwart seines Freundes Koffel nöthig, des Schreiners, Drehers, Uhrenmachers, Hundsscheerers, Thierarztes, kurz des größten Genies von Anstadt und Umgegend. Koffel trieb alles; er flickte das zersprungene Geschirr mit Eisendraht, er verzinnte die Pfannen, er reparierte altes verdorbenes Hausgeräthe, er stellte die Orgel in stand, wenn Pfeifen und Blasbalg in Unordnung waren; Onkel Jakob hatte ihm selbst verbieten müssen, gebrochene Beine und Arme einzurichten, denn er hielt sich auch für einen geschickten Mediziner. Der Mauser zollte ihm viele Bewunderung und sagte manchmal: Wie schade, daß Koffel nicht studiert hat,’s ist ewig schad’! und alle Gevatterinnen auf dem Lande betrachteten ihn als ein Universalgenie.
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Aber all dies stieg ihm nicht zu Kopf, und die sicherste seiner Einnahmsquellen Floß im Herbst: da ging er krauteinschneiden, seinen Krauthobel, wie einen Butten auf dem Rücken, und rief von Thüre zu Thüre: Kraut einschneiden! Der Krauteinschneider!
Da sah man’s, wie große Geister belohnt werden.
Koffel, ein kleiner magerer Mann, schwarz von Bart und Haar, mit langer, dünner wie ein Entenschnabel niederhängender Nase, säumte auch nicht zu erscheinen, die Hände in den Taschen seines runden Kittels, die Zipfelmütze im Nacken, die Zottel zwischen den Schultern, mit kurzen Hosen und dicken blauen Strümpfen voll Leimflecken, schlotternd um seine spindeldürren Beine, und mit schlurfen, die an mehreren Stellen aufgerissen waren, um seinen Schwielen Platz zu machen. Er trat einige Augenblicke nach dem Mauser herein, schritt mit kleinen Schritten vorwärts und sagte mit ernsthafter Miene:
»Guten Appetit, Herr Doktor!«
»Wenn’s Euch beliebt,« antwortete der Onkel.
»Danke vielmal; wir haben diesen Abend Salat gegessen; das ist mein Leibessen.«
Nach diesem Gespräche setzte sich Koffel hinter den Ofen und rührte sich nicht, bis der Onkel anhub:
»Flink, Lisbeth, zünde das Licht an und nimm das Tischtuch weg.«
Dann stopfte auch der Onkel seine Pfeife und rückte zum Ofen. Man schickte sich an, vom Regen, vom schönen Wetter, von den Ernten etc. zu reden. Der Maulwurffänger hatte im Lauf des Tags so und so viel Fallen gestellt, er hatte während des Gewitters das Wasser von irgend einer Wiese abgeleitet; er hatte so und so viel Honig aus seinen Bienenständen gewonnen; seine Bienen sollten bald schwärmen, hängten sich schon vor dem Korbe an, und der Mauser rüstete daher bereits neue Körbe, um die jungen schwärme aufzunehmen.
Koffel aber kaute immer irgend einer Erfindung wieder;, er sprach von seiner Uhr ohne Gewicht, an der die zwölf Apostel schlag zwölf Uhr erscheinen mußten, während der Hahn krähte und der Tod mähte; oder sprach er von seinem Pflug, der, aufgezogen wie eine Uhr, ganz allein marschieren sollte oder von einer ähnlichen, wunderbaren Erfindung.
Der Onkel hörte ernsthaft zu; er gab mit einem Zeichen des Hauptes seinen Beifall, dachte aber wohl zugleich an seine Kranken.
Im Sommer saßen die Nachbarinnen auf der steinernen Bank vor unsern offenen Fenstern und plauderten mit Lisbeth über Haushaltungsgegenstände. Die eine hatte letzten Winter so und so viel Ellen Leinwand gesponnen, einer andern Hennen hatten täglich so und so viel Eier gelegt.
Ich, meines Theils, benutzte einen guten Augenblick, um zu Klipfel’s Schmiede zu laufen, deren Flamme von weitem her, am Ende des Dorfs, durch die Nacht glänzte. Hans Adam, Franz Seppel und mehrere andere hatten sich dort schon versammelt. Wir sahen zu, wie die Funken wie Blitze unter den Hammerschlägen davon flogen. Wir pfiffen beim Lärmen des Amboßes. Brachte man eine alte Mähre zum Beschlagen, so halfen wir ihr den Fuß halten. Die Aeltesten unter uns versuchten Nußblätter zu rauchen, bis es ihnen übel wurde; einige andere rühmten sich, schon alle Sonntage zum Tanz zu gehen; das waren Burschen von fünfzehn bis sechs zehn Jahren. sie setzten den Hut auf’s Ohr und rauchten mit wichtiger Miene, die Hände in den Taschen.
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Endlich um zehn Uhr zerstreute sich die ganze Bande; jeder zog seiner Heimath zu.
So verliefen die gewöhnlichen Wochentage; aber am Montag und Freitag erhielt der Onkel die »Frankfurter Zeitung« und an diesen Tagen war das Haus besuchter. Außer Mauser und Stoffel sahen wir unsern Bürgermeister, Christian Meyer, und Herrn Karolus Richter, den Enkel eines alten Bedienten des Grafen Salm-Salm, herbeikommen. Weder der eine noch der andere wollte auf die Zeitung abonnieren, aber sie hörten sie gerne umsonst vorlesen.
Wie oft habe ich mich seitdem unsres dicken Bürgermeisters mit seinen scharlachrothen Ohren, seinem wollenen Camisol und seiner weißen baumwollenen Mütze, im Lehnsessel, an des Onkels gewöhnlichem Platze sitzend, erinnert. Er schien über tiefe Dinge nachzudenken; aber seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, die Neuigkeiten wohl zu behalten, damit er sie seiner Frau, der tugendsamen Barbara, mittheilen könne, welche die Gemeinde in seinem Namen regierte.
Und dann der große Karolus, eine Art Windhund, in seinem Jagdhabit, und mit seiner Kappe von gesottenem Leder, der größte Wucherer des Landes, der alle Bauern von oben herab ansah, weil sein Großvater Lakai bei Salm-Salm gewesen, der sich einbildete, den Leuten einen Gefallen zu er weisen, wenn er von ihrem Tabak stopfte, und der unaufhörlich von Parks und Fasanerien, von Hetzjagden und von den Rechten und Privilegien des gnädigsten Herrn von Salm-Salm sprach. Wie oft habe ich ihn in unsrem niedrigen Zimmer aus- und eingehen sehen. Da saß er mit gerunzelten Augenbrauen und schien zuzuhören, aber plötzlich fuhr er mit der Hand in die große Rocktasche des Onkels, holte sein [9] Tabakspäckchen heraus und stopfte sich seine Pfeife, die er am Licht »Mit Erlaubnis« anzündete.
Ja, alle diese Dinge stehen mir noch lebhaft vor den Augen.
Armer Onkel Jakob! Der gute Mann ließ sich seinen Tabak wegrauchen und merkte es nicht einmal, mit so viel Aufmerksamkeit las er die Tagesneuigkeiten. Die Republikaner nahmen damals die Pfalz weg und zogen den Rhein hinab; sie wagten es, sich den drei Kurfürsten, dem König von Preußen und dem Kaiser Joseph gegenüber zu stellen.
Alle Zuhörer des Onkels entsetzten sich über ihre Kühnheit.
Herr Richter sagte, das könne von keiner Dauer sein, diese Lumpen werden bis auf den legten Mann ausgerottet werden.
Der Onkel beschloß immer seine Vorlesung mit irgend einer verständigen Betrachtung. Er sagte:
»Loben wir den Herrn, daß wir mitten in Wäldern leben und nicht im Weinland, auf rauhem Gebirg und nicht in der fruchtbaren Ebene. Diese Republikaner glauben nichts bei uns erwischen zu können; darauf beruht unsere Sicherheit; wir können uns in Frieden auf’s Ohr legen. Aber wie viele andere sind ihren Räubereien ausgesetzt! Diese Leute wollen alles mit Gewalt durchsetzen; aber die Gewalt hat nie etwas Gutes erzeugt. sie sprechen uns von Liebe, Gleichheit, Freiheit; aber sie bringen diese Grundsätze nicht zur Anwendung; sie verlassen sich auf ihre Fäuste und nicht auf die Gerechtigkeit ihrer Sache. Vor ihnen und lang vorher sind andere gekommen, um die Welt zu befreien; diese schlugen nicht und tödteten nicht; sie gingen den Tausenden nach zu Grunde, und an ihre Stelle trat im Verlauf der Jahrhunderte das Lamm, [10] welches die Wölfe verschlungen hat. Man sollte glauben, von diesen Menschen sei kein Andenken mehr übrig; aber nein: sie haben die Welt überwunden; sie haben nicht das Fleisch, sie haben die Seele des Menschengeschlechts erobert, und die Seele, das ist alles. Warum folgen diese nicht demselben Beispiel?«
Da rief Karolus Richter mit verächtlicher Miene:
»Warum? Weil sie selbst an keine Seele glauben, und weil sie die Mächtigen der Erde beneiden. Und dann! alle diese Republikaner sind Atheisten, vom ersten bis zum letzten; sie achten weder Thron noch Altar; sie haben Dinge um gestürzt, die seit dem Ursprung der Zeit bestanden; sie wollen keinen Adel mehr, wie wenn der Adel nicht das Wesen der Dinge auf Erden und im Himmel wäre; als ob es nicht anerkannt wäre, daß unter den Menschen die einen zur Sklaverei, die andern zum Herrschen geboren sind; als ob man diese Ordnung nicht selbst in der Natur gewahrte: die Moose stehen unter dem Gras, das Gras unter dem Busch, der Busch unter den Bäumen und die Bäume unter dem Himmelsgewölbe. Ebenso stehen die Bauern unter den Bürgern, die Bürger unter dem Richterstand, der Richterstand unter dem Geburtsadel, der Geburtsadel unter dem König und der König unter dem Papst, der von seinen Kardinälen, Bischöfen und Erzbischöfen repräsentiert ist. Das ist die natürliche Ordnung der Dinge. Man mag wohl reden; aber nie wird sich eine Distel zur Höhe eines Eichbaumes erheben, und nie wird ein Bauer das Schwert führen, wie der Abkömmling eines erlauchten Geschlechts von Kriegern.
»Diese Republikaner haben einige vorübergehende Erfolge erzielt, wegen der Ueberraschung, die sie durch ihre wahrhaft unglaubliche Kühnheit und Sinnlosigkeit der Welt bereitet haben. [11] Indem sie alle Doktrinen und alle bestehenden Prinzipien leugneten, haben sie alle vernünftigen Leute mit Betäubung geschlagen; das ist die einzige Ursache dieser Umwälzungen. Gerade wie man manchmal einen Ochsen und selbst einen Stier plötzlich beim Anblick einer jählings aus der Erde schlüpfenden flinken Natter still stehen und fliehen sehen kann, so sehen wir unsere Soldaten verblüfft und selbst in unordentlicher Flucht vor einer solchen Kühnheit. Aber alles dies kann nicht lang dauern, und wenn die erste Ueberraschung einmal vorüber ist, so bin ich versichert, unsre alten Generale vom siebenjährigen Krieg schlagen diese zusammengerafften Barfüßler in Grund’s Boden hinein, und es kommt keiner wieder in sein unglückliches Vaterland zurück.«
Nachdem er solches gesprochen, zündete Herr Karolus seine Pfeife wieder an und ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken, mit der Miene großer Selbstbefriedigung. Alle andern dachten über das nach, was sie soeben gehört hatten, und endlich nahm der Mauser das Wort:
»Alles was geschehen soll, geschieht,« sagte er. »Daß diese Republikaner ihre Herrn und ihre Geistlichen verjagt haben, das stand im Himmel geschrieben seit dem Anfang der Zeiten. Gott wollte es! Zu wissen, ob sie wieder umkehren, das hängt davon ab, was unser Herrgott für gut findet; ob er die Todten wieder erwecken will, hängt von ihm ab. Aber vergangenes Jahr, als ich meine Bienen arbeiten sah, bemerkte ich, daß einstmals diese kleinen Dinger, so sanft und hübsch, sich auf die Drohnen stürzten, sie stachen und aus dem Stock schleiften. Das wiederholt sich alle Jahre. Diese Drohnen zeugen die Jungen und die Arbeitsbienen unterhalten sie, so lange der Stock ihrer bedarf; aber dann tödten sie sie. Es ist abscheulich; aber doch, wie’s geschrieben steht. Indem ich [12] das betrachtete, dachte ich an die Republikaner. sie sind im Zug, ihre Drohnen zu tödten; aber seid ruhig, man kann sie nicht entbehren; es werden andere nachkommen; man wird ihnen wieder aufhelfen und sie ernähren, und die Bienen werden sich wieder aufs Neue erbosen und sie wieder dem Hundert nach umbringen. Man wird glauben, jetzt sei alles fertig; aber es werden wieder andere nachkommen; und so fort und fort; es muß so sein; es muß so sein!«.
Der Mauser warf den Kopf auf, und Herr Karolus, mitten im Zimmer stehend, rief:
»Was nennt Ihr Drohnen? Die wahren Drohnen sind dieses übermüthige Geschmeiß, das sich zu allem für befähigt hält, und nicht die Herren und die Geistlichen.«
»Mit Verlaub, Herr Richter,« entgegnete der Mauser, »die Drohnen sind die, die nichts schaffen wollen und doch alles genießen. Die, welche. ohne einen andern Dienst zu leisten, als um die Königin zu sumsen, verlangen, daß man sie reichlich füttere. Man füttert sie. Aber endlich, so steht’s geschrieben, wirft man sie hinaus. Das ist tausend und tausendmal vor gekommen, und es kann sich nicht fehlen, daß es sich immer wiederholt. Die Arbeitsbienen voll Ordnung und Sparsamkeit können keine Wesen ernähren, die zu nichts nütz sind. Es ist unglücklich; es ist traurig; aber es ist so. Wenn man Honig macht, so möchte man ihn gerne auch für sich behalten.«
»Ihr seid ein Jakobiner!« schrie Karolus entrüstet.
»Nein, im Gegentheil, ich bin ein Bürger von Anstatt, Maulwurffänger und Bienenzüchter; ich liebe mein Land, so gut wie sie; ich würde mich für dasselbe aufopfern, vielleicht besser als sie. Aber ich bin genöthigt, zu sagen, daß die wahren Drohnen die sind, die nichts arbeiten, und daß die Bienen die sind, die schaffen, weil ich es hundertmal gesehen habe.«
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»Ah,« rief Karolus Richter, »ich will wetten, daß Koffel die nämlichen Ideen hat, wie Ihr.«
Darauf antwortete der kleine Schreiner, der bis jetzt nicht gesprochen hatte, mit blinzelndem Auge:
»Herr Karolus, wenn ich das Glück hätte, der Enkel eines Bedienten von Peri-Peter oder Salm-Salm zu sein, und wenn ich ein reicher Erbe wäre, wie sie, daß ich in Ueberfluß und Nichtsthun leben könnte, dann würde ich sagen, daß die Drohnen die Arbeiter und die Bienen die Müßiggänger sind. Aber so wie ich bin, habe ich die ganze Welt nöthig, um zu leben und ich sage nichts. Nur denke ich, jedem sollte das beschieden sein, was er mit seiner Arbeit verdient.«
»Meine lieben Freunde,« hob nun der Onkel mit Ernst an, »sprechen wir nicht von diesen Dingen; denn wir werden uns nicht verständigen. Friede, Friede, das ist, was uns noth thut. Der Friede gibt den Menschen den Wohlstand und stellt alle Wesen auf ihren rechten Platz. Im Krieg sieht man die schlechten Neigungen vorherrschen: Mord, Raub und was sonst daran hängt. Es lieben auch alle Menschen von schlechtem Lebenswandel den Krieg; er ist für sie das einzige Mittel, etwas zu scheinen. In Friedenszeiten wären sie nichts, man würde zu leicht gewahr, daß ihre Gedanken, ihre Erfindungen und ihre Wünsche nichts weniger als genial sind. Gott hat den Menschen zum Frieden, zur Arbeit, zur Liebe seiner Familie und seiner Mitmenschen geschaffen. Weil nun der Krieg gegen alles dieß anlauft, so ist er eine wahre Geißel. Nun schlägt es aber soeben zehn Uhr; wir könnten bis morgen fortdisputiren, ohne uns besser zu verständigen. Ich schlage daher vor, schlafen zu gehen.«
Hierauf erhoben sich alle, und der Bürgermeister, seine dicken Fäuste auf die Arme seines Lehnstuhls stützend, rief:
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»Gebe der Himmel, daß weder die Republikaner, noch die Preußen, noch die Kaiserlichen hier durch kommen, denn alle diese Leute haben Hunger und Durst. Und wie es angenehmer ist, seinen Wein selbst zu trinken, als ihn von andern hinunterstürzen zu sehen, so ist es mir lieber, diese Dinge aus der Zeitung zu erfahren, als sie mit eigenen Augen zu schauen. Das sind meine Gedanken!«
Auf diese Bemerkung hin wandte er sich zur Thüre. Die andern folgten.
»Gute Nacht,« rief der Onkel.
»Guten Abend,« antwortete der Mauser, die dunkle Straße hinwandelnd.
Die Thüre schloß sich, und der Onkel sagte mit bekümmerter Stimme:
»Allons Fritzel, mach daß du gut schläfst.«
»Gleichfalls, Onkel.« Damit stiegen Lisbeth und ich die Treppe hinan.
Eine Viertelstunde später herrschte das tiefste Stillschweigen im Hause.
II.
An einem Freitag Abend im Monat November 1793 knetete Lisbeth nach ihrer Gewohnheit den Teig, um Hausbrod zu backen. Da es zugleich auch Fladen und Aepfelkuchen geben sollte, so hielt ich mich bei ihr in der Küche auf und sah ihr zu, indem ich mich den angenehmsten Betrachtungen hingab.
Als der Teig fertig war, setzte man Bierhefe zu, kratzte ringsherum den Backtrog ab und deckte eine dicke Federdecke darüber, um ihn gehen zu lassen. Dann breitete Lisbeth die Gluthen des Herds im Ofen aus und schob mit der Stange drei große trockene Reisigbündel hinein, die alsbald unter dem [15] finstern Gewölbe zu flammen anfingen. Als nun das Feuer gut brannte, schloß sie das Schürloch und sagte zu mir:
»Jetzt, Fritzel, wollen wir zu Bett gehen; morgen, wenn Du aufstehst, wird’s Kuchen geben.«
Wir stiegen also in unsere Kammern hinauf. Onkel Jakob schnarchte schon seit einer Stunde hinten in seinem Alkoven. Ich legte mich nieder, an die guten Sachen denkend, und brauchte nicht lange, um wie ein seliger einzuschlafen.«
Das dauerte schon ziemlich lange, es war noch Nacht und der Mond glänzte voll in mein kleines Fenster, als ich durch einen sonderbaren Lärm geweckt wurde; es war, wie wenn das ganze Dorf zum Märchen geworden wäre; in der Ferne öffneten und schlossen sich Thüren; eine Menge von Schritten ging durch die kothigen Pfützen der Straße hin und wider. Zugleich hörte ich auch in unserem Haus kommen und gehen, und purpurne Reflexe spielten auf meinen Scheiben.
Man denke sich mein Erstaunen.
Nachdem ich gelauscht hatte, stand ich behutsam auf und öffnete ein Fenster. Die ganze Straße war voll Menschen, und nicht allein die Straße, sondern auch die kleinen Gärten und Gäßchen rings umher: nichts als große muntere Bursche, mit ungeheuren dreieckigen Hüten, mit langen blauen, roth auf geschlagenen Röcken, breiten weißen Wehrgehängen über die Schulter und großen Zöpfen auf dem Rücken; ohne der Säbel und der Patrontasche zu gedenken, die ihnen um die Lenden baumelten und die ich zum erstenmal sah. Sie hatten ihre Gewehre in Pyramiden vor unserer Scheuer aufgestellt; zwei Schildwachen marschierten dabei auf und ab; die anderen gingen in die Häuser, wie wenn sie da zu Hause wären.
An der Ecke beim Stall stampften drei Pferde den Boden. Weiter weg vor der Metzig von Seppel, auf der anderen Seite [16] des Platzes war an den Mauerhaken, wo man die Kälber abstreifte, beim Schein eines großen flackernden und den Platz erleuchtenden Feuers ein ganzer Ochse aufgehängt. Sein Kopf und sein Rücken schleiften auf der Erde. Einer der Männer in Hemdärmeln und mit muskulösen Armen zog ihm die Haut ab; er hatte ihn von oben bis unten aufgetrennt. Die blauen Eingeweide ergossen sich mit dem Blut in den Koth. Die Gestalt des Mannes mit seinem nackten Hals und seiner Haßel war fürchterlich anzusehen.
Ich begriff alsbald, daß die Republikaner das Dorf eingenommen hatten, und während ich mich ankleidete, betete ich im stillen um die Hilfe des Kaisers Joseph, von dem Herr Karolus Richter so oft sprach.
Die Franzosen waren während unseres ersten Schlafes angekommen und gewiß schon vor zwei Stunden, denn als ich mich anschickte, herab zu steigen, sah ich ihrer drei, gleichfalls in Hemdärmeln wie der Schlächter, die mit unserer Schaufel das Brod aus dem Backofen zogen. Sie hatten der Lisbeth die Mühe des Backens, ebenso wie jener andere dem Seppel die Mühe des Schlachtens erspart. Diese Leute wußten mit allem umzugehen; nichts setzte sie in Verlegenheit.
Lisbeth saß in einem Winkel, die Hände über den Knieen gekreuzt und betrachtete sie mit ziemlich friedlicher Miene; ihre erste Furcht war überstanden. sie sah mich oben am Geländer und rief:
»Fritzel, komm herab! sie thun dir nichts.«
Darauf stieg ich herunter, und die Männer setzten ihre Arbeit fort, ohne sich um mich zu bekümmern. Die Thüre zum Gang links war offen, und ich sah im Obstgarten zwei andere Republikaner beschäftigt, den Teig zu einem zweiten oder dritten Einsatz anzumachen. Endlich, rechter Hand sah [17] ich durch die halbgeöffnete Thüre des Wohnzimmers den Onkel Jakob auf einem Stuhle am Tische sitzen, während ein kräftiger Mann mit dickem rothem Backenbart, kurzer runder Nase, hervorspringenden Augbrauen, weit vom Kopf abstehenden Ohren und einer armsdick über die Schulter hinabhängenden Flachsperücke, sich im Lehnsessel niedergelassen hatte und mit Appetit einen unserer Schinken versäbelte. Man sah nur seine großen braunen Fäuste, in der einen die Gabel, in der anderen das Messer, auf- und abgehen, und seine dicken muskulösen Backen arbeiten. Von Zeit zu Zeit nahm er das Glas, trank einen guten Schluck und setzte sein Geschäft fort.
Er hatte bleifarbene Epauletten, einen großen Säbel mit Lederscheide, dessen Griff hinter seinem Ellenbogen heraufstieg, und Stiefel, so mit Koth überzogen, daß man nichts mehr sah, als die gelbe Erde, die an ihnen zu trocknen begann. Auf dem Schranke lag sein Hut mit einem Busch von rothen Federn, die im Luftzug spielten, denn trotz der Kälte waren die Fenster offen; eine Schildwache ging hinten auf und ab, Gewehr im Arm, und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um einen Blick auf den Tisch zu werfen. Während er ruhig den Schinken weiter zerarbeitete, hob der Mann mit dem dicken Backenbart mit barscher Stimme an:
»Also, du bist Arzt?«
»Ja, Herr Kommandant!«
»Nenne mich Kommandant, kurzweg oder Bürger Kommandant; ich habe es dir schon gesagt, die »Herrn und die »Madamen sind abgeschafft. Aber, um auf unsere Rede zurück zu kommen; du mußt das Land kennen; ein Landarzt kennt seine Gegend. Wie weit haben wir nach Kaiserslautern?«
»Sieben Stunden, Kommandant!«.
»Und nach Pirmasens?«
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»Ungefähr acht.«
»Und nach Landau?«
»Ich glaube fünf gute Stunden.«
»Ich glaube, ungefähr, beiläufig, ist das auch die Rede eines Mannes, der in der Gegend zu Hause ist? Höre, du scheinst mir Angst zu haben. Du fürchtest, daß, wenn die Weißröcke hier durchkommen, sie sich für die Auskunft, die du mir gibst, aufhängen. Schlage dir diesen Gedanken aus dem Sinn! die französische Revolution beschützt dich.«
Und indem er den Onkel mit seinen grauen Augen scharf ansah, sprach er, sein Glas erhebend:
»Auf das Wohl der einen und untheilbaren Republik!«
Sie stießen zusammen an, und der Onkel, ganz blaß, trank auf die Republik.
»Nun denn,« hob der andere an, »hat man hier keine Oesterreicher gesehen?
»Nein, Kommandant.«

»Ist das gewiß? Wie! schau’ mir in’s Gesicht.«
»Ich habe keinen gesehen.«
»Bist du nicht in den letzten Tagen in Rehthal gewesen?«
Der Onkel war richtig vor drei Tagen in Rehthal gewesen; er glaubte, der Kommandant sei hiervon durch einen Dorfbewohner in Kenntnis gesetzt und antwortete:
»Ja, Kommandant.«
»So, und es gab dort keine Oesterreicher?«
»Nein!«
Der Republikaner leerte sein Glas und warf einen schiefen Blick auf Onkel Jakob; dann streckte er den Arm aus und faßte ihn mit einer sonderbaren Miene am Faustgelenk:
»Du sagst: Nein.«
»Ja, Kommandant.«
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»Gut, du lägst!«
Und mit langsamer Stimme setzte er hinzu:
»Wir hängen nicht, wir Republikaner, aber wir erschießen manchmal solche, die uns betrügen.«
Das Gesicht des Onkels wurde nun noch blässer. Jedoch wiederholte er mit ziemlich fester Stimme und erhobenem Kopf:
»Kommandant, ich versichre sie auf Ehre, daß vor drei Tagen kein Kaiserlicher zu Rehthal war.«
»Und ich,« rief der Republikaner, dessen graue Augen unter seinen dichten, falben Augenbrauen funkelten, »ich jage dir, daß welche dort waren. Ist das deutlich?«
Es folgte eine Stille. Alle, die in der Küche waren, sahen herein; die Miene des Kommandanten war keineswegs beruhigend. Ich fing an zu weinen und trat mit Thränen in das Zimmer vor, wie wenn ich dem Onkel Jakob Hilfe leisten wollte; ich stellte mich hinter ihn. Der Republikaner betrachtete uns beide mit gerunzelten Brauen, was ihn aber nicht hinderte, noch ein Bissen Schinken zu verschlingen, wie wenn er damit Zeit zum Nachdenken gewinnen wollte. Draußen schluchzte Lisbeth ganz laut.
»Kommandant,« erwiderte der Onkel mit Festigkeit, »sie wissen vielleicht nicht, daß es zwei Rehthal gibt, eines Kaiserslautern zu, und das andere an der Queich, drei kleine Stunden von Landau. Vielleicht waren die Oesterreicher da unten; aber auf dieser Seite hatte man Mittwochabend noch keinen gesehen.«
»Das,« sagte der Kommandant in schlechtem lothringischem Deutsch mit spaßhaftem Lächeln, »das ist nicht übel. Aber wir, zwischen Bitsch und Saargemünd, wir sind so schlau, wie ihr. Wenn du mir nicht beweist, daß es zwei Rehthal gibt, so sage ich dir offen, ist es meine Pflicht, dich arretieren und vor ein Kriegsgericht stellen zu lassen.«
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»Kommandant,« erwiderte der Onkel, indem er den Arm ausstreckte, »der Beweis, daß es zwei Rehthal gibt, findet sich auf allen Karten des Landes.«
Er zeigte unsere alte an der Wand hängende Karte.
Da wendete sich der Republikaner in seinem Lehnstuhl um, schaute hin und sagte:
»Ah, das ist eine Karte der Gegend, laß ein bisschen sehen.«
Der Onkel nahm die Karte herab und indem er sie auf den Tisch ausbreitete, zeigte er die beiden Ortschaften.
»Gut,« sagte der Kommandant, »jetzt ist’s recht; ich verlange nur Deutlichkeit.«
Die beiden Ellenbogen auf den Tisch stützend und seinen dicken Kopf zwischen den Händen haltend, betrachtete er die Karte.
»Sieh, Sieh, das ist herrlich,« sagte er. »Wo kommt die Karte her?«
»Mein Vater hat sie gemacht; er war Geometer.«
Der Republikaner lächelte.
»Ja, die Wälder, die Flüsse, die Wege, Alles ist darauf bemerkt; ich finde mich ganz zurecht; da sind wir vorbei gekommen; das ist gut, das ist vortrefflich.«
Und indem er sich aufrichtete, sagte er deutsch:
»Du brauchst diese Karte nicht, Bürger Doktor; ich habe sie nöthig und ich nehme sie für den Dienst der Republik in Beschlag. Auf, auf. Stoß mit mir an und laß uns mit einem Schluck das Fest der Eintracht Feiern.«
Es läßt sich denken, mit welchem Eifer Lisbeth in den Keller hinabstieg, um noch eine Flasche zu holen.
Der Onkel Jakob hatte seine Sicherheit wieder gewonnen. Der Kommandant, der hierauf mich ansah, fragte ihn:
[21]
»Ist das dein Sohn?«
»Nein, es ist mein Neffe.«
»Ein kleiner, gutgebauter Bursche. Er hat mir gefallen, als ich ihn soeben dir zu Hilfe kommen sah. Wie, komm herbei,« sagte er und zog mich am Arm zu sich. Er fuhr mir mit der Hand durch die Haare und sagte mit einer etwas rauhen, aber gutmüthigen Stimme:
»Erziehe diesen Jungen in der Liebe zu den Menschen rechten; statt Kühe zu hüten, kann er so gut als ein anderer Kommandant oder General werden. Jetzt sind alle Thore offen, alle Plätze zu gewinnen; es bedarf nur Muth und Glück, um voran zu kommen. Ich, wie du mich siehst, bin der Sohn eines Grobschmieds zu Saargemünd; ohne die Republik würde ich noch auf den Amboß klopfen; unser großer Laffe, der Graf, der bei den Weißkitteln dient, wäre ein Held von Gottes Gnaden, und ich ein Esel; jetzt ist’s gerade umgekehrt, durch die Gnade der Revolution.«
Er leerte sein Glas und sagte mit zugekniffenen Augen:
»Das ist ein kleiner Unterschied.«
Neben dem Schinken lag einer der Kuchen, welche die Republikaner bei dem ersten Backschub vorgefunden hatten; der Kommandant schnitt ein Stück für mich ab.
»Beiß’ herzhaft an,« sagte er in der besten Laune, und mach, daß du ein Mann wirst.«
Dann wandte er sich gegen die Küche und rief mit seiner Donnerstimme:
»Sergeant Laflèche!«
Ein alter Sergeant mit grauem Schnurrbart, dürr wie ein Häring, erschien auf der Schwelle.
»Wie viel Laibe gibt’s, Sergeant?«
»Vierzig.«
[22]
»Wir müssen in einer Stunde fünfzig haben; mit unsern zehn Oefen fünfhundert; drei Pfund Brod auf den Mann.«
Der Sergeant kehrte zur Küche zurück.
Der Onkel und ich beobachteten alles, ohne uns zu rühren. Der Kommandant beugte sich auf’s neue über die Karte her, den Kopf zwischen den Händen. Der graue Tag begann draußen anzubrechen; man sah den Schatten der Schildwache, Gewehr im Arm, vor unsern Fenstern hin und her gehen. Es war eine gewisse Stille eingetreten; eine gute Zahl Republikaner lag und schlief ohne Zweifel, den Kopf auf dem Ranzen, um die großen Feuer her, welche sie angezündet hatten; andere ruhten in den umliegenden Häusern. Man hörte die Wanduhr gehen und das Feuer knisterte in der Küche.
Dies dauerte schon einige Augenblicke, als sich ein großer Lärm in der Straße erhob; die Fenster flogen auf, eine Thüre öffnete sich mit Geräusch und unser Nachbar, Joseph Spick, der Schenkwirth, fing an zu schreien:

»Zu Hilfe! Feuer!«
Aber niemand rührte sich im Dorf. Ein jeder war zufrieden, daß es in seinem Hause ruhig war.
Der Kommandant horchte auf.
»Sergeant Laflèche,« rief er.
Der Sergeant war auf Kundschaft fort, und kam erst einen Augenblick später.
»Was geht vor?« fragte ihn der Kommandant.
»Ein Aristokrat von einem Schenkwirth weigert sich, den Requisitionen der Bürgerin Therese Folge zu leisten,« antwortete der Sergeant mit ernsthafter Miene.
»Gut! man führe ihn mir vor!«
Der Sergeant trat ab.
Zwei Minuten später füllte sich unser Gang mit Menschen. [23] Die Thüre ging auf und vier Soldaten der Republik brachten Joseph Spick herein mit seinem kurzen Kittel, seinen weiten Leinwandhosen und seiner wollenen Pudelmütze. So stand er auf der Schwelle zwischen ihnen; sie dagegen, Gewehr im Arm, mit ihren lebkuchenbraunen Gesichtern, mit ihren abgeschabten Hüten, Löchern in den Ellbogen, großen Flickplätzen auf den Knieen, die Schuhe zerfetzt und mit Bindfaden zusammengeflickt, stolz und aufrecht wie die Könige.
Joseph, die Hände in den Taschen, mit gekrümmtem Rücken, die Stirne geduckt und mit schlotternden Wangen, konnte sich kaum mehr auf seinen langen Beinen halten; er blickte bestürzt zur Erde.
Hinten, im Schatten, zeigte sich der Kopf einer blassen und schlanken Frau, die alsbald meine Aufmerksamkeit auf sich zog; sie hatte eine hohe Stirne, gerade Nase, längliches Kinn und blauschwarze Haare. Diese glänzenden Haare waren an die Wangen angelegt und hinter den Ohren heraufgenommen, so daß ihr Gesicht, das wir ganz von vorne sahen, sehr lang erschien. Ihre Augen waren groß und schwarz. sie trug einen Filzhut mit dreifarbiger Kokarde und über den Hut her ein rothes Taschentuch, das unter dem Kinn gebunden war. Da ich bis jetzt in unserer Gegend nur blonde oder braune Frauen gesehen hatte, so gewann mir diese, so jung ich war, doch eine besondere Bewunderung ab. Ich betrachtete sie verblüfft; auch der Onkel schien mir nicht weniger verwundert, und da sie begleitet von fünf oder sechs Republikanern in gleicher Tracht, wie jene ersten, hereintrat, ließen wir sie, so lange sie da war, nicht aus den Augen.
Als sie im Zimmer war, sahen wir, daß sie einen großen Mantel von blauem Tuch anhatte mit dreifachem bis über die Elbogen fallendem Kragen. sie trug ein kleines Fäßchen, dessen Tragband ihr über die Schulter ging, und um den [24] Hals hatte sie ein breites Band von schwarzer Seide mit langen Fransen, wahrscheinlich eine Kriegsbeute, welches die Schönheit ihres ruhigen und stolzen Kopfes noch hervorhob.
Der Kommandant wartete, bis alle eingetreten waren, indem er Joseph Spick scharf im Aug behielt, der mehr todt als lebendig schien. Dann wandte er sich zu der Frau, die soeben mit einer Kopfbewegung ihren Hut empor gerichtet hatte.
»Nun, Therese,« sagte er, »was hat sich zugetragen?«
»Sie wissen, Kommandant, daß mir auf dem letzten Marsch der Branntwein bis zum letzten Tropfen ausgegangen,« sagte sie mit fester und klarer Stimme; »meine erste Sorge, als wir hier ankamen, war daher, das ganze Dorf auszukaufen, um, wohlverstanden gegen Bezahlung, ein Getränk aufzutreiben. Aber die Leute verbargen alles, und erst vor einer halben Stunde hab ich den Tannenzweig vor der Thüre dieses Mannes entdeckt. Der Korporal Merlot, der Füsilier Cincinnatus und der Tambourmajor Horatius Cocles gingen mit mir, um mir Beistand zu leisten. Wir traten ein und verlangten Wein oder Branntwein, was es gebe; aber der »Kaiserlick« hatte nichts; er that als verstünde er nichts und spielte den Tauben. Man schickte sich daher an, selbst nach zusehen und in allen Winkeln umzublicken, und endlich finden wir den Eingang zum Keller, hinter einem Scheiterhaufen im Hof. Es war ein Haufen Reisigbüschel vor die Thüre gebeugt.
»Wir hätten uns darüber erzürnen können; allein wir stiegen friedlich hinab und fanden Wein, Speck, Sauerkraut und Branntwein; wir füllten unsere Fäßchen, nahmen einigen Speck und stiegen ohne Händel wieder herauf. Aber als uns der Mann, der sich ruhig in seinem Zimmer aufhielt, so beladen zurückkommen sah, fing er an, wie toll zu schreien, und [25] anstatt unsere Assignaten anzunehmen, zerriß er sie, faßte mich am Arm und schüttelte mich aus Leibeskräften. Cincinnatus setzte hierauf seine Bürde auf den Tisch ab, nahm den großen Schlingel am Wams und warf ihn gegen das Fenster seiner Baracke. Da kam dann der Sergeant Laflèche dazu. Das ist alles, Kommandant.«
Nachdem die Frau so gesprochen hatte, zog sie sich hinter die anderen zurück, und es trat nun ein langer, dürrer und grober Mensch hervor, den Hut schief auf dem Ohr, einen langen Stock mit Messingknopf unter dem Arme, und sagte:
»Kommandant, was die Bürgerin Therese soeben vortrug, war die Entrüstung über die Treulosigkeit, die jeder Republikaner empfinden muß, wenn er auf einen Kaiserlichen stößt, in dessen Herz kein bürgerliches Gefühl wohnt und der sich so weit vermißt . . . «
»Schon gut,« unterbrach ihn der Kommandant; »das Wort der Bürgerin Therese genügt mir.«
Und indem er sich an Joseph Spick wandte, sagte er ihm auf deutsch und mit gerunzelten Augbrauen:
»Sage mir, du, willst du füsiliert sein? Das kostete nur die Mühe, dich in deinen Garten zu führen. Weißt du nicht, daß das Papier der Republik mehr werth ist, als das Geld der Tyrannen. Paß auf! für diesmal will ich dich begnadigen, in Anbetracht deiner Unwissenheit; aber wenn du dir noch einmal einfallen läßt, deine Lebensmittel zu verbergen und die Assignaten in Zahlung zurückzuweisen, so lasse ich dich auf dem Markt des Dorfs erschießen, andern zum Exempel. Pack dich fort, Schwachkopf!«
Diese kleine Anrede hielt er mit großem Ernst; dann wandte er sich an die Markedenterin:
»Es ist gut, Therese, du kannst deine Fäßchen aufladen; [26] der Mann wird feinen Widerstand leisten. Und ihr Andern, laßt ihn gehen.«
Alle gingen hinaus; Therese voraus, Joseph zuletzt. Der arme Teufel hätte keinen Tropfen Blut mehr gegeben; er war noch gut weggekommen.
Einstweilen war der Tag angebrochen.
Der Kommandant erhob sich, legte die Karte zusammen und steckte sie ein. Dann ging er zu einem der Fenster vor und schickte sich an, das Dorf zu betrachten. Der Onkel und ich sahen zum andern Fenster hinaus. Es mochte damals fünf Uhr Morgens sein.
III.
Ich werde mich Zeitlebens der stillen, von schlafenden Leuten versperrten Straße erinnern, die einen ausgestreckt, die andern zusammengekauert, den Kopf auf dem Tornister. Ich sehe sie noch mit ihren kothigen Füßen, ihren durchgetretenen Sohlen und verflickten Kleidern, die Jungen mit gebräunten Gesichtern, die Alten mit runzligen Wangen und alle mit geschlossenen Augenlidern; dazu die großen Hüte, die abgeblaßten Epauletten und Pompons, die wollenen Decken mit rother, ausgefranzter Einfassung, voll Löcher, die grauen Mäntel und das im Koth zerstreute Stroh. Und diese tiefe Stille des Schlafs nach dem angestrengten Marsch, diese todtenähnliche Ruhe; und den jungen Tag, wie er das alles mit seinem unbestimmten Lichte halb verhüllt; die bleiche, aus dichtem Nebel aufsteigende Sonne, die Häuschen mit ihren breiten Strohdächern, aus kleinen schwarzen Fenstern blickend, und zu beiden Seiten des Dorfs, auf dem Altenberg und dem Rehbuckel, oberhalb der Baumstücke und der Hanfäcker, die Bajonette der Schildwachen, die im letzten Sternenschein [27] erglänzten; nein, nie werde ich dieses ungewohnte Schauspiel vergessen. Ich war damals noch sehr jung, aber solche Erinnerungen bleiben.
Mit dem wachsenden Tag belebte sich nun auch das Gemälde. Ein Kopf erhob sich, stützte sich auf den Ellbogen, schaute um sich, gähnte und legte sich nochmals nieder. Anderwärts richtete sich ein alter Soldat plötzlich auf, schüttelte das Stroh von seinen Kleidern, bedeckte sich mit seinem Filz und faltete seinen Lappen von Decke zusammen; wieder ein anderer rollte seinen Mantel auf und schnallte ihn auf seinen Ranzen; ein dritter zog einen Pfeifenstummel aus der Tasche und schlug Feuer. Die sich zuerst erhoben hatten, traten zusammen und schwatzten; andere schlossen sich ihnen an und träppelten mit den Füßen, denn in der Frühe war es noch tüchtig kalt. Die auf der Straße und dem Dorfplatz angezündeten Feuer waren erloschen.
Uns gegenüber auf dem kleinen Platz war der Brunnen; eine Anzahl Republikaner wusch sich dort, um zwei große moosige Tröge gruppiert, lachend und scherzend trotz der Kälte; andere streckten ihre Lippen nach dem Rohre aus.
Bald öffneten sich nun die Häuser, eines um das andere, und man sah Soldaten heraustreten, indem sie sich mit ihren großen Hüten und ihren Tornistern unter den kleinen Thüren bückten. sie hatten fast alle die Pfeife angezündet.
Rechts von unserer scheuer, vor Spick’s Herberge, hielt der kleine Karren der Markedenterin, mit einer großen Blähe bedeckt; er war zweiräderig, einem Schiebkarren ähnlich, und ruhte auf seinen Lannen.
Hinten zog das Maulthier, das mit einer alten wollenen roth und blau gewürfelten Schabracke bedeckt war, aus unserem Schuppen eine lange Locke Heu, und kaute daran ernsthaft, mit gefühlvollem Ausdruck und mit halb geschlossenen Augen.
[28]
Die Markedenterin, am Fenster gegenüber, flickte eine kleine Hose und neigte sich von Zeit zu Zeit, um einen Blick unter den Schuppen zu werfen.
Dort saßen der Tambourmajor Horatius Cocles, Cincinnatus und Merlot, ein großer, jovialer, ausgetrockneter Bursche, rittlings auf Heubündeln einer hinter dem anderen, kämmten sich die Zöpfe und glätteten sie, indem sie sich in die Hand spuckten. Horatius Cocles, an der Spitze der Bande, trillerte eine Arie und seine Kameraden wiederholten den Schlußvers mit halber Stimme.
Ihnen Zunächst, an zwei alte Fässer gelehnt, schlief ein kleiner Tambour von etwa zwölf Jahren, ganz blond wie ich, der mich besonders interessierte. Er war’s, den die Markedenterin überwachte und dessen Hosen sie ohne Zweifel flickte. Er streckte sein rothes Näschen in die Luft, hatte den Mund halb offen, und wie sein Rücken gegen die Fässer, so ruhte sein einer Arm auf der Trommel; seine Schlegel waren aus dem Bandelier herausgefallen, und auf seinen mit Strohhalmen bedeckten Füßen lag ein ganz kothiger Pudel, der ihn erwärmte. Jeden Augenblick erhob das Thier den Kopf und betrachtete ihn, wie wenn es sagen wollte: »Jetzt möchte ich gern einen Gang durch die Küchen des Dorfs machen.« Aber der Kleine regte sich nicht. Er schlief so gut! Und da in der Ferne einige Hunde bellten, so, gähnte der Pudel; er hätte gerne Gesellschaft geleistet.
Bald darauf traten zwei Offiziere aus dem Nachbarhaus; zwei aufgeschossene junge Männer, in knappe Röcke gekleidet. Als sie am Haus vorüberkamen, rief ihnen der Kommandant:
»Duchêne, Richter!«
»Guten Morgen, Kommandant,« sagten sie, sich umkehrend.
»sind die Posten abgelöst?«
»Ja, Kommandant!«
[29]
»Nichts Neues?«
»Nichts, Kommandant!«
»In einer halben Stunde wird der Marsch wieder an getreten, laß zur Sammlung schlagen, Richter! Komm herein, Duchêne!«
Einer der Offiziere trat herein, der andere ging zum Schuppen und sagte einige Worte zu Horatius Cocles. Ich betrachtete den Neueingetretenen. Der Kommandant hatte eine Flasche Branntwein kommen lassen, sie tranken mit einander, als eine mir neue Art von Lärm sich von draußen her hören ließ; es war der Appell. Ich lief fort, um zu sehen, was es gebe. Horatius Cocles vor fünf Trommlern, der kleine auf der linken Seite, gab mit dem Stock in der Luft das Zeichen zum Wirbel. Er dauerte, so lang der Stock erhoben war. Die Republikaner kamen aus allen Gäßchen des Dorfs herbei; sie stellten sich vor dem Brunnen in zwei Linien auf, und die Sergeanten begannen das Ablesen. Der Onkel und ich waren erstaunt über die Ordnung, welche bei den Leuten regierte; sie antworteten auf den Aufruf so geschwind, daß es wie ein vielseitiges Gemurmel erklang. Sie hatten ihre Gewehre an sich genommen und hielten sie nach Gefallen auf der Schulter oder Gewehr bei Fuß.
Nach dem Verlesen trat eine große Stille ein, und einige Mannschaft aus jeder Kompagnie ging unter der Führung von Korporälen ab, um das Brod zu fassen. Dann spannte die Bürgerin Therese ihr Maulthier an das Wägelchen. Nach einigen Augenblicken kamen die Rotten wieder und brachten das Brod in Säcken und Körben. Die Austheilung begann.
Da die Republikaner schon bei ihrer Ankunft abgekocht hatten, so schnallte jetzt einer dem anderen seinen Brodlaib auf den Ranzen.
»Auf,« schrie der Kommandant mit freudigem Ton »fort!«
[30]
Er nahm seinen Mantel, warf ihn über die Schulter und ging, ohne uns weder guten Tag noch guten Abend zu sagen. Wir glaubten dieser Leute für immer ledig zu sein.
Eben da der Kommandant hinaus ging, kam der Bürgermeister, um den Onkel Jakob geschwind zu seiner Frau zu bitten, die der Anblick der Republikaner krank gemacht habe.
Sie gingen sogleich mit einander fort. Lisbeth stellte schon die Stühle in Ordnung und kehrte das Zimmer aus. Man hörte draußen die Offiziere kommandieren: »Vorwärts, Marsch!« Die Trommeln schlugen an; die Markedenterin rief: »Hüh!« und das Bataillon marschierte ab, als plötzlich ein schauerliches Krachen vom Ende des Dorfs her ertönte. Es waren Flintenschüsse, deren oft mehrere zugleich, manchmal einer um den anderen fielen.
Die Republikaner besetzten die Straße.
»Halt!« rief der Kommandant, der in den Steigbügeln stehend, sich umsah und horchte.
Ich hatte mich an das Fenster gestellt und sah die Leute alle in gespannter Aufmerksamkeit, die Offiziere außer dem Glied um ihren Anführer gruppiert, der mit Lebhaftigkeit sprach.
Plötzlich erschien ein Soldat an der Wendung der Straße, sein Gewehr auf der Schulter.
»Kommandant,« rief er von weitem ganz athemlos: »die Kroaten! der Vorposten ist aufgehoben . . . sie kommen! . . . «
Kaum hatte der Kommandant dies gehört, als er sich umwandte, gestreckten Galoppes an der Linie hinritt und rief:
»Bildet das Carré!«
Die Offiziere, die Tambours, die Markedenterin zogen sich zugleich um den Brunnen her zurück, während die Kompagnien sich wie ein Kartenspiel mischten; in weniger als einer Minute bildeten sie ein Carré von drei Gliedern, die Ersteren [31] in der Mitte, und fast zugleich entstand in der Straße ein entsetzlicher Lärm. Die Kroaten sprengten an, daß die Erde zitterte. Ich sehe sie noch um die Straßenecke herumkommen ihre großen rothen Mäntel hinter ihnen herflatternd, wie die Falten von fünfzig Fahnen, und so niedergebogen auf ihre Sättel mit vorgehaltener Lanze, daß man kaum ihre knochigen braunen Gesichter mit ihren langen dunkeln Schnurrbärten sah.
Die Kinder müssen vom Teufel besessen sein, denn anstatt mich davon zu machen, blieb ich, wo ich war, mit aufgerissenen Augen stehen, um das Treffen zu sehen. Ich hatte zwar wohl Angst, aber die Neugierde überwog.
Während ich schaute und zitterte, waren die Rothmäntel auf dem Platz. Ich hörte in der nämlichen Sekunde den Kommandanten rufen: »Feuer!« Dann ein Donnerschlag, dann nichts als ein Gesumm in meinen Ohren. Die ganze Seite des Carré’s gegen die Straße zu hatte zugleich Feuer gegeben; die Scheiben unserer Fenster fielen klirrend zusammen; der Rauch drang mit Stücken der Patronen in das Zimmer, und Pulvergeruch erfüllte die Luft.
Ich, mit sträubenden Haaren, schaute immer zu und sah die Kroaten auf ihren großen Pferden hoch vor uns in dem grauen Rauch ansprengen, abprallen und wieder ansprengen, wie wenn sie das Carré erklettern wollten, ich sah, wie die hinteren vorrückten, und immer wieder vorrückten, indem sie mit wilder stimme heulten: »Vorwärts, Vorwärts!«
»Zweites Glied, Feuer!« schrie der Kommandant durch das Gewieher und Geschrei ohne Ende.
Es war, wie wenn er in unserem Zimmer spräche, so ruhig war seine Stimme.
Ein neuer Donnerschlag folgte, und als da der Kalkbewurf von den Häusern fiel, die Ziegel von den Dächern rollten, und Himmel und Erde sich zu mischen schienen, stieß Lisbeth [32] hinten in der Küche so durchdringende schreie aus, daß man sie, selbst durch den Tumult, wie den Pfiff einer Pfeife hörte.
Nach den Pelotonfeuern begannen die Rottenfeuer. Man sah nichts mehr als die Gewehre des zweiten Glieds sich senken, Feuer geben, sich wieder erheben, während das erste Glied, knieend, die Bajonette kreuzte und das dritte die Gewehre lud und sie dem zweiten übergab.
Die Kroaten wirbelten um das Carré herum, und führten aus der Ferne Stöße mit ihren Lanzen; von Zeit zu Zeit fiel ein Hut, manchmal ein Mann. Einer der Kroaten prallte, indem er sein Pferd herumwarf, so weit vor, daß er über die drei Glieder setzte und in das Carré fiel; da warf sich der republikanische Kommandant auf ihn und nagelte ihn so zu sagen mit einem wüthenden Stich auf das Kreuz seines Pferdes; ich sah den Republikaner seinen bis zum Heft gerötheten Säbel zurückziehen. Dieser Anblick machte mich schaudern; ich floh, allein ich war kaum fort, als die Kroaten Kehrt machten und abzogen, nicht ohne eine große Zahl Menschen und Pferde auf dem Platz zu lassen.
Die Pferde versuchten sich zu erheben und brachen wieder zusammen. Fünf oder sechs Reiter, die unter ihren Thieren steckten, machten Versuche, ihre Beine zu befreien; andere schleppten sich ganz blutend auf allen Vieren daher, erhoben die Hand und schrieen mit erbärmlicher Stimme: »Pardon, Franzos!« in der Angst, daß sie massakriert würden; einige, die ihre Leiden nicht mehr aushielten, baten um den Gnadenstoß. Die meisten blieben bewegungslos.
Zum erstenmal begriff ich, was der Tod ist; diese Menschen, die ich zwei Minuten vorher voll Leben und Kraft, in wüthendem Angriff auf ihre Feinde, wie springende Wölfe gesehen hatte, da lagen sie jetzt durcheinander, gefühllos wie die Steine am Weg.
[33]
Auch in den Reihen der Republikaner hatte es Lücken gegeben: auf dem Gesicht ausgestreckte Todte und einige Verwundete, Wangen und Stirne voll Blut; sie verbanden sich den Kopf, Gewehr bei Fuß, ohne ihre Reihe zu verlassen; ihre Kameraden halfen ihnen das Taschentuch umbinden und den Hut darüber stülpen.
Der Kommandant zu Pferd beim Brunnen, seinen großen Federhut auf dem Kopf und den Säbel in der Faust, ließ die Reihen zusammenrücken; neben ihm waren die Trommler in Linie aufgestellt, und etwas entfernter, ganz nahe dem Trog, die Marketenderin mit ihrem Wägelchen. Man hörte die Kroaten zum Rückzug blasen. An der Wendung der Straße hatten sie Halt gemacht; eine ihrer Schildwachen wartete dort hinter dem Winkel des Rathhauses; man sah nur den Kopf des Pferdes. Einige Flintenschüsse fielen noch.
»Stellt das Feuern ein!« rief der Kommandant. Und alles schwieg; man hörte nur noch fernher die Trompete.
Hierauf machte die Marketenderin den Gang durch die Reihen, um der Mannschaft Branntwein einzuschenken, während sieben oder acht große Burschen am Brunnen mit ihren Soldatenschüsseln Wasser holten für die Verwundeten, die alle mit kläglicher Stimme zu trinken verlangten.
Ich hatte mich weit zum Fenster hinausgelegt, um die verlassene Straße ganz hinunter zu sehen, und fragte mich, ob die Rothmäntel es wohl wagen würden, zurück zu kommen. Der Kommandant schaute auch nach dieser Richtung aus und sprach, gestützt auf den Sattel seines Pferdes, mit einem Hauptmann. Plötzlich schritt der Hauptmann durch das Carré, schob die Reihen zur Seite und trat eilends in unser Haus.
»Der Hausherr,« rief er.
»Er ist ausgegangen.«
[34]
»Nun, du, führe mich in eure Scheue! Geschwind!«
Ich ließ meine Holzschuhe da und schickte mich an, am Ende unseres Hausgangs, wie ein Eichhörnchen die Treppe zu erklimmen. Der Hauptmann folgte mir. Oben sah er mit schnellem Blick die Leiter zum Taubenschlag und stieg sie vor mir hinauf. Im Taubenschlag stützte er die beiden Ellbogen auf den Sims des etwas niedrigen Dachfensters, um hinaus zu sehen. Ich schaute über seine Schulter weg. Der ganze Weg, so weit das Auge reichte, war mit Menschen bedeckt: Kavallerie, Infanterie, Kanonen, Munitionswagen, Rothmäntel, grüne Pelze, Weißröcke, Helme, Kürasse, Reihen von Lanzen und Bajonetten, Linien von Pferden, und Alles dies bewegte sich gegen das Dorf zu vorwärts.
»Das ist eine Armee,« murmelte leise der Hauptmann vor sich hin.
Er wandte sich kurz um, und wollte wieder hinabsteigen; aber es kam ihm ein Gedanke. Er zeigte mir längs des Dorfes, auf zwei Büchsenschußweiten, einen streifen Rothmäntel, die sich hinter Obstgärten in einen Einschnitt des Terrains verbargen.
»Du siehst diese Rothmäntel?« sagte er.
»Ja!«
»Ist das ein Fahrweg, der da vorbeigeht?«
»Nein, es ist ein Fußweg.«
»Und die große Schlucht, die ihn gerade vor uns mitten durchschneidet, ist sie tief?«
»O ja!«
»Gehen nie Fuhrwerke oder Narren darüber?«
»Nein, das geht nicht an.«
Darauf stieg er, ohne mich weiter zu fragen, rückwärts die Leiter wieder hinunter, so geschwind wie möglich, und eilte nach der Stiege. Ich folgte ihm; wir waren schnell drunten; [35] aber wir waren noch nicht am Ende des Gangs, als eine anrückende Masse von Kavallerie die Häuser erzittern machte. Dessen ungeachtet trat der Hauptmann hinaus, ging über den Platz, drückte zwei Mann im Glied zur Seite und verschwand.
Tausend kurze fremde Schreie, wie von einem Schwarm Raben: »Hurrah, Hurrah!« erfüllten nun die Straße von einem Ende zum anderen und übertönten fast das dumpfe Gepolter des Galopps.
Ich war ganz stolz, daß ich den Hauptmann in den Taubenschlag hatte führen dürfen, und hatte die Unklugheit, unter die Hausthüre zu treten. Die Uhlanen, denn diesmal waren es Uhlanen, kamen wie der Wind daher, die Lanze hinten über, auf dem Rücken den wallenden Schafpelz-Dolman, die großen härenen Mützen über die Ohren, die Augen weit aufgesperrt, die Nasen in die Schnurrbärte vergraben und die großen am Kolben mit Kupfer beschlagenen Pistolen im Gürtel. Das war wie eine Erscheinung. Ich hatte gerade nur Zeit, mich zurück zu werfen; ich hätte keinen Tropfen Blut mehr gegeben, und erst als das Kleingewehrfeuer wieder anfing, wachte ich unseren zerbrochenen Fenstern gegenüber, hinten in unserer Stube wie von einem Traume wieder auf.
Die Luft war verdunkelt; das Carré ganz weiß von Rauch. Der, Kommandant war hinten am Brunnen allein, unbeweglich auf seinem Pferd; man hätte ihn durch diesen bläulichen Schwall, aus dem hunderte von Flammen sprühten, für eine Bronzestatue halten können. Die Uhlanen schwärmten wie unzählige Heuschrecken umher, legten ihre Lanzen ein und zogen sie zurück; andere feuerten ihre großen Pistolen auf vier Schritte in die Reihen ab.
Es kam mir vor, das Carré weiche zurück, und es war auch so.
[36]
»Schließt die Glieder, haltet fest!« rief der Kommandant mit seiner ruhigen Stimme.

»Aufrücken, fest aufrücken!« wiederholten die Offiziere von Distanz zu Distanz.
Aber das Carré wich; es bildete in der Mitte einen Halbkreis. Das Centrum berührte fast den Brunnen. Auf jeden Lanzenstoß erfolgte die Parirung des Bajonetts; aber manchmal ließ es den Mann im Stich. Die Republikaner hatten keine Zeit mehr zum Laden, sie schossen nicht mehr, und die Uhlanen kamen immer wieder, zahlreicher, verwegener, wickelten das Carré in ihren Wirbel ein und erhoben bereits ein triumphierendes Geschrei, denn sie hielten sich für die Sieger.
Ich selbst hielt die Republikaner für verloren, als der Kommandant, da die Sache auf der Spitze stand, seinen Hut auf seinen Säbel steckte und einen Gesang anhob, der einem die Haut schaudern machte; das ganze Bataillon fiel einstimmig ein.
Und augenblicklich stellte sich die Vorderseite des Carré’s wieder her und trieb mit dem Bajonett diese ganze Masse mit ihrem Lanzenwald zurück.
Es war, wie wenn dieser Gesang die Republikaner wüthend gemacht hätte. Ich habe nie etwas Fürchterlicheres gesehen. Und ich habe seitdem oft gedacht, daß in der Schlacht erhitzte Menschen wilder als die wilden Thiere sind.
Aber was noch entsetzlicher war, die letzten Reihen der österreichischen Kolonne, ganz hinten in der Straße, drängten, ohne zu sehen, was am Eingang zum Platze vor sich ging, mit dem Rufe: »Hurrah, Hurrah!« immer vorwärts, so daß die in den ersten Gliedern, welche vor den Bajonettstößen der Republikaner nicht zurückweichen konnten, sich in unaussprechlicher Verwirrung herumtrieben und ein schreckliches Angstgeschrei [37] ausstießen. Ihre großen, in die Nüstern gestochenen Pferde stiegen mit aufgerichteter Mähne, heraushängenden Augen, schrillem Wiehern und fabelhaften Sprüngen empor. Ich sah von ferne diese unglücklichen Uhlanen in toller Angst sich zur Flucht wenden, sich mit dem Griff ihrer Lanzen unter ihren eigenen Kameraden Platz machen und sich wie Hasen längs der kleinen Bauernhäuschen aus den Staube machen.
Man sah nichts als ganze Haufen todter Pferde und Menschen; das Blut floß darunter weg und folgte dem Graben bis zur Furth.
»Stellt das Feuer ein!«, schrie der Kommandant zum zweitenmal. »Zum Angriff!«.
Jetzt eben schlug es neun Uhr auf der Kirche.
Wie das Dorf in diesem Augenblick aussah, läßt sich nicht beschreiben. Die Häuser durchsiebt von Kugeln, die Läden an ihren Angeln hängend, die Fenster ausgebrochen, die Kamine wankend, die Straße voll zerbrochener Ziegel und Backsteine, die Dächer der schuppen durchlöchert, und diese Haufen von Todten, diese unter einander geworfenen zappelnden und blutenden Pferde: man kann es sich, nicht vorstellen.
Die auf die Hälfte zusammengeschmolzenen Republikaner mit hinten überhängenden Hüten, stramm und fürchterlich anzusehen, standen Gewehr im Arm in Erwartung.
Hinten, ein paar Schritte von unserem Haus, berieth sich der Kommandant mit seinen Offizieren. Ich hörte ihn ganz gut:
»Wir haben eine österreichische Armee vor uns,« sagte er mit resolutem Ton; es handelt sich darum, unsere Haut in Sicherheit zu bringen. In einer Stunde werden wir zwanzig oder dreißigtausend Mann auf dem Halse haben; sie werden das Dorf mit ihrer Infanterie einschließen und dann sind wir [38] verloren. Ich werde zum Rückzug schlagen lassen. Hat einer etwas einzuwenden?«
»Nein, es ist gut,« sagten die andern.
Dann brachen sie auf, und zwei Minuten später sah ich eine große Zahl Soldaten in die Häuser dringen und Stühle, Tische, Schränke außen auf einen Haufen tragen; einige warfen von den Scheuern Stroh und Heu herab; andere führten aus den Schuppen Karren und Wägen heraus. Innerhalb zehn Minuten hatten sie am Eingang der Straße eine haushohe Barrikade errichtet. Heu und Stroh waren darüber und darunter. Sie arbeiteten unter Trommelschlag. Alsbald fing das Feuer an von einem Strohbündel zum andern bis zur Höhe der Barrikade hinauf zu klettern; die Dächer zur Seite erglänzten von der rothen Flamme, und ein schwarzer Rauch lag wie ein ungeheures Gewölbe über dem Dorf.
Von Ferne hörte man großes Geschrei; Flintenschüsse ertönten von der andern Seite; aber man sah nicht hindurch, und der Kommandant gab Befehl zum Rückzug.
Ich sah die Republikaner vor unserem Hause langsamen und festen Schritts mit funkelnden Augen, mit rothen Bajonetten, schwarzen Händen, hohlen Wangen vorüber ziehen. Zwei Trommler marschierten hinten nach, ohne zu schlagen; der kleine, den ich unter unserem Schuppen hatte schlafen sehen, war dabei. Er hatte seine Trommel auf der Schulter und ging niedergebeugt; große Thränen liefen über seine runden Wangen, die der Pulverdampf geschwärzt hatte. Sein Kamerad sprach ihm zu. »Allons, kleiner Jean! Courage!« Aber es schien nicht, als ob er auf ihn hörte. Horatius Cocles war verschwunden und die Markedenterin auch. Meine Augen folgten der Truppe bis an die Wendung der Straße.
Seit einigen Augenblicken läutete die Glocke des Rathhauses, und ganz fern ab hörte man jammernde stimmen rufen: »Feuer! Feuer!«
Ich schaute nach der Barrikade der Republikaner; das Feuer hatte die Häuser ergriffen und stieg himmelhoch auf; von der andern Seite her erfüllte Waffengeräusch die Straße, und schon sah man aus den Häusern der Nachbarschaft lange schwarze Stangen aus den Dachläden heraus kommen, um das Gerüst des Brandes zu zerstören.
IV.
Nach dem Abzug der Republikaner verging wohl eine Viertelstunde, ehe sich unsrerseits jemand auf der Straße zeigte. Alle Häuser schienen verlassen. Auf der andern Seite der Barrikade hingegen stieg der Tumult. Das Geschrei der Leute: »Feuer! Feuer!« klang schauerlich fort und fort.
Erschreckt von dem Brand, war ich unter den Schuppen herausgetreten. Nichts regte sich; man hörte nur das Knistern des Feuers und die Seufzer eines Verwundeten, der, gegen die Mauer unsres Stalles gelehnt, da saß. Er hatte eine Kugel in der Seite und stützte sich mit beiden Händen, um nicht umzusinken. Es war ein Croat; er sah mich mit einem fürchterlichen und verzweiflungsvollen Blicke an. Ein wenig weiterhin lag ein Pferd auf der Seite, das seinen Kopf auf dem langen Hals wie einen Pendel hin und her bewegte.
Indem ich so da stand und dachte, was die Franzosen doch für arge Räuber seien, die uns ohne irgend einen Grund niederbrennen, ließ sich hinter mir ein schwaches Geräusch vernehmen. Ich wandte mich um und sah im Schatten des Schuppens zwischen den Strohbündeln, die von den Balken fielen, das Scheunenthor halb offen und dahinter das blasse [40] Gesicht unsres Nachbars Spick mit weit aufgesperrten Augen. Er streckte den Kopf behutsam vor und horchte; nachdem er sich dann überzeugt hatte, daß die Republikaner den Rückzug angetreten hatten, stürzte er hervor, schwang seine Haue wie ein Wüthender und rief:
»Wo sind sie, die Lumpen? wo sind sie? ich werde ihnen allen den Garaus machen.«
»Ach,« sagte ich zu ihm, »sie sind fort; aber wenn ihr lauft, könnt ihr sie noch am Ende des Dorfs einholen.«
Darauf sah er mich mit einem schiefen Blicke an. Er mußte sich aber überzeugt haben, daß ich ohne Bosheit redete, denn er lief dann dem Feuer zu.
Gleichzeitig öffneten sich mehrere Thüren; Männer und Weiber kamen heraus, sahen sich um, hoben die Hände zum Himmel und schrieen: »Die verfluchten Kerle! die verfluchten Kerle!« Und jeder beeilte sich, seinen Eimer zum Löschen zu holen.
Der Brunnen war bald von Leuten umgeben; es war kein Platz mehr; man bildete eine Kette auf beiden Seiten bis in die Gänge der bedrohten Häuser hinein. Einige auf den Dächern stehende Soldaten gossen Wasser in die Flamme, aber alles, was man thun konnte, bestand im Schutz der Nachbarhäuser. Gegen elf Uhr stieg eine bläuliche Feuergarbe zum Himmel; unter der Zahl der zur Barrikade verwendeten Fuhrwerke befand sich auch das Wägelchen der Markedenterin, und die zwei Fäßchen Branntwein, die darauf waren, explodierten in dem Brand.
Auch der Onkel war in der jenseitigen Kette unter der Aufsicht von österreichischen Schildwachen, es gelang ihm aber, sich los zu machen und über einen Hof weg und durch die Gärten kam er zu uns herüber.
»Gott sei Dank!« rief er, »Fritzel ist gerettet!«
[41]
Ich sah bei dieser Gelegenheit, daß er mich sehr liebte, denn er küßte mich und fragte:
»Wo bist du denn gewesen, armes Kind?«
»Am Fenster,« erwiderte ich. Da wurde er ganz blaß und rief: »Lisbeth, Lisbeth!«
Aber sie antwortete nicht, und es war uns nicht möglich, sie aufzufinden; wir gingen durch alle Zimmer, schauten selbst unter den Betten nach und dachten, sie habe sich zu irgend einer Nachbarin geflüchtet.
Einstweilen war man des Feuers Meister geworden und plötzlich hörten wir die Oesterreicher draußen rufen:
»Platz, Platz, zurück!«
Zu gleicher Zeit sprengte ein Regiment Kroaten blitzschnell an unserem Hause vorbei. Sie jagten den Republikanern nach, allein wir erfuhren den andern Tag, daß sie zu spät kamen. Der Feind hatte die Wälder von Rothalps gewonnen, die sich bis hinter Pirmasens erstrecken. Nun begriff man endlich, warum sie die Straße verbarrikadiert und Feuer ein gelegt hatten. sie wollten die Verfolgung der Kavallerie verzögern, was ihre große Geschicklichkeit im Kriegführen bewies.
Von diesem Augenblick bis fünf Uhr Abends defilierten zwei österreichische Brigaden durch das Dorf an unsern Fenstern vorbei: Uhlanen, Dragoner, Husaren, dann Kanonen, Gepäck und Munitionswagen; gegen drei Uhr kam dann der Obergeneral in der Mitte seines Stabs, ein großer alter Herr mit einem Dreispitz auf dem Kopf und in einem langen weißen polnischen Rock, der so mit Wülsten und Goldstickereien bedeckt war, daß neben ihm der republikanische Kommandant mit seinem abgeschabten Hut und Uniformrock nur wie ein einfacher Korporal ausgesehen hätte.
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Der Bürgermeister und die Gemeinderäthe von Anstatt erwarteten ihn auf dem Dorfplatz in ihren Sonntagskleidern mit langen Schößen und entblößten Hauptes. Er hielt dort zwei Minuten still, betrachtete die um den Brunnen herum liegenden Haufen von Todten und fragte:
»Wie viel Mann Franzosen waren hier?«
»Ein Bataillon, Exzellenz,« antwortete der Bürgermeister mit tiefem Bückling.
Der General erwiderte nichts; er lüpfte seinen Dreispitz und setzte seinen Weg fort.
Dann kam die zweite Brigade, voran Tyroler Jäger in grünen Röcken, mit schwarzen Hüten, mit aufgeschlagenem Bord und mit gezogenen Innsbrucker Stutzen; dann andere Infanterie mit weißem Rock und himmelblauen Hosen und großen bis zum Knie reichenden Kamaschen. Dann die schwere Reiterei, sechs Schuh hohe, in Kürassen steckende Männer, von denen man unter dem Visier ihrer Helme nur das Kinn und lange rothe Schnurrbärte sah; dann endlich das große Fuhrwesen der Ambulanz mit über Reifen gespannter grauer Leinwand und zuletzt die Lahmen, die Nachzügler und die Memmen.
Die Chirurgen der Armee gingen auf dem Platz herum; sie hoben die Verwundeten auf und legten sie auf die Wägen und einer ihrer Vorgesetzten, ein kleiner Greis mit weißer Perücke, sagte zum Bürgermeister, indem er auf den Rest hinwies:
»Das alles lassen sie baldmöglichst begraben.«
»Nach Ihrem Befehl,« antwortete der Bürgermeister gravitätisch.
Endlich waren die letzten Fuhrwerke vorüber; es war ungefähr sechs Uhr Abends. Die Nacht war angebrochen. Onkel Jakob stand mit mir auf der Schwelle des Hauses. Fünfzig Schritte vor uns am Brunnen lagen die Todten über die Staffeln hergelegt, das Gesicht nach oben, mit aufgerissenen Augen, weiß wie Wachs, da sie all ihr Blut verloren hatten. Die Weiber und Kinder des Dorfs wandelten um sie her.
Und als der Todtengräber Jeffer mit seinen zwei Buben, Karl und Ludwig, die Hauen über der Schulter, ankam, sagte ihnen der Bürgermeister:
»Nehmt zwölf Männer mit euch und macht auf der Wiese im Wolfthal eine große Grube für alle diese Leute. Ihr versteht mich? Und alle, die Wagen und Karren haben, müssen mit ihrem Gespann helfen, denn das ist eine Gemeinde frohn.«
Jeffer verbeugte sich und machte sich sogleich mit seinen zwei Buben und den Männern, die er sich ausgewählt hatte, nach der Wiese im Wolfthal auf.
»Wir müssen aber doch Lisbeth auffinden,« sagte hierauf der Onkel zu mir.
Wir fingen wieder an vom Speicher bis zum Keller Alles zu durchsuchen, und erst am Ende, als wir wieder hinaufsteigen wollten, sahen wir hinter unserer Sauerkrautstande zwischen den zwei Kellerlöchern im Dunkel ein Ding wie eine Pack Leinwand liegen; der Onkel schüttelte es, da rief Lisbeth mit kläglicher Stimme:
»Tödtet mich nicht! Habt um’s Himmels Willen Mitleid mit mir!«
»Steh auf!« rief der Onkel mit Güte; »es ist alles vorüber!«
Aber Lisbeth war noch so erschüttert, daß sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte, und daß ich sie an der Hand, wie ein Kind hinauf führen mußte. Dann, als sie in ihrer Küche den Tag wieder sah, setzte sie sich in den Winkel hinterm Herd und fing an bitterlich zu weinen, und betete [44] und dankte dem Herrn für ihre Rettung, ein Beweis, daß alte Leute so zäh am Leben hängen, wie die jungen.
Die Stunden des Jammers, welche nun folgten, und die Anstrengung, der sich der Onkel unterziehen mußte, um all den Unglücklichen zu folgen, welche seine Hilfe in Anspruch nahmen, werden meinem Gedächtnis immer eingeprägt bleiben. Es verging kein Augenblick, wo nicht eine Frau oder ein Kind in unser Haus trat und rief:
»Herr Doktor, geschwind! Kommen sie! mein Mann, mein Bruder, meine Schwester ist krank!«
Der eine war verwundet, der andere aus Angst toll geworden; wieder einer lag da und gab kein Lebenszeichen mehr.
Der Onkel konnte nicht überall sein.
»Ihr werdet ihn in dem und dem Hause treffen,« erwiderte ich den Unglücklichen. »Eilet!«
Und sie gingen.
Erst sehr spät, gegen zehn Uhr, kam er endlich heim. Lisbeth hatte sich ein bisschen erholt; sie hatte Feuer auf dem Herd gemacht und den Tisch gedeckt, wie sonst; aber der Bewurf des Plafonds, Glas und Holzsplitter bedeckten noch den Boden. Mitten in all dem setzten wir uns zu Tisch und aßen still schweigend zu Nacht. Von Zeit zu Zeit erhob der Onkel den Kopf und sah nach den Fackeln, die sich auf dem Platze um die Todten her bewegten, auf die schwarzen Karren, die vor dem Brunnen mit ihren kleinen Kleppern hielten, auf die Todtengräber und auf die Neugierigen, alles in der Finsternis. Er betrachtete den Vorgang mit Ernst und gegen das Ende des Essens hob er mit ausgestreckter Hand an:
»Das ist der Krieg, Fritzel! Betrachte alles wohl und vergiß es nie! Ja, das ist der Krieg, Tod und Zerstörung, Wuth und Haß, Vergessenheit alles menschlichen Gefühls. Wenn uns der Herr mit seinem Fluch belegt, wenn er uns die Pest [45] und die Hungersnoth schickt, so sind dies unvermeidliche, von seiner Weisheit beschlossene Geißeln; aber hier ist es der Mensch selbst, der das Elend gegen seinesgleichen beschließt und seine Verwüstungen erbarmungslos auf’s äußerste treibt.
Gestern waren wir noch im Frieden, wir verlangten von niemand etwas, wir hatten nichts Schlechtes gethan, und plötzlich kommen fremde Menschen, die uns überfallen, ruinieren und alles zerstören. Oh! Verflucht seien die, welche solches Unglück aus Ehrsucht anstiften; sie sollen ein Gräuel sein für alle kommenden Jahrhunderte.
»Fritzel! behalte das wohl in deinem Gedächtnis; es ist das Abscheulichste, was es auf Erden gibt. Menschen, die sich nicht kennen, die sich nie gesehen haben, und die sich plötzlich auf einander stürzen, um sich zu zerfleischen. Das allein reicht hin, daß wir an einen Gott glauben. Denn ein Rächer solcher Ungerechtigkeit muß bestehen.«
So sprach der Onkel ernsthaft; er war sehr bewegt, und ich hörte gestreckten Hauptes zu, behielt jedes seiner Worte und grub sie in mein Gedächtnis ein.
Nachdem wir so eine halbe Stunde da saßen, erhob sich draußen auf dem Platze eine Art Streit. Wir hörten einen Hund heftig knurren und die Stimme unseres Nachbars Spick gereizt sagen:
»Gib Acht, gib Acht! du Lump von einem Hund! Ich geb’ dir ein’s mit der Haue in’s Genick. Das Thier ist gerade wie seine Herren; das zahlt mit Assignaten und mit Beißen; aber du kommst schlecht weg.«
Der Hund brummte noch stärker. Und andere Stimmen folgten mitten in der der Nacht:
»Das ist doch sonderbar. Seht einmal her! er will nicht von der Frau weg! Vielleicht ist sie nicht ganz todt.«
Auf das hin erhob sich der Onkel rasch und ging hinaus. Ich folgte ihm.
Es gab nichts Fürchterlicheres anzusehen, als [46] die Todten bei dem rothen Fackelschein. Kein Lüftlein regte sich, aber die Flamme schwankte doch und alle diese bleichen Gestalten mit ihren offenen Augen schienen sich wieder zu bewegen.
»Nicht todt?« schrie Spick, »bist du ein Narr, Jeffer. Glaubst du mehr zu wissen als die Chirurgen der Armee? Nein, nein, ihre Rechnung ist gemacht und das ist recht; das ist die Frau, die mir meinen Branntwein mit Papier bezahlt hat. Fort, bekümmert euch nicht darum! Der Hund muß hin sein, und die Geschichte muß ein Ende haben!«
»Was geht denn hier vor?« fragte hierauf der Onkel mit starker Stimme. Und alle die Leute wandten sich erschrocken um.
Der Todtengräber nahm die Mütze ab, zwei oder drei andere entfernten sich und wir sahen auf den Brunnenstaffeln die Marketenderin ausgestreckt, weiß wie der Schnee, ihre schönen schwarzen Haare in einer Blutlache entrollt, ihr kleines Fäßchen noch an der Hüfte und die bloßen Hände rechts und links herabhängend. so lag sie auf dem feuchten Stein, über den das Wasser lief. Mehrere andere Leichname umgaben sie, und der Pudelhund, den ich am Morgen bei dem kleinen Tambour gesehen hatte, brummte zu ihren Füßen mit gesträubten Haaren, feurigen Augen und bebenden Lippen; wenn er den Spick ansah, schien er sich kaum halten zu können.
Trotz seines großen Muths und seiner Haue wagte der Schenkwirth doch nicht heranzukommen, denn es war leicht zu sehen, daß wenn er seinen Streich verfehlt hätte, das Thier ihm nach der Gurgel gesprungen wäre.
»Was ist denn das?« fragte der Onkel noch einmal.
»Weil der Hund nicht weggeht,« sagte Spick grinsend, so sagen sie, die Frau sei noch nicht todt.«
»sie haben recht,« sagte der Onkel kurz und grob. »Gewisse [47] Thiere haben mehr Herz und Verstand, als gewisse Menschen. Geh da weg!«

Er drückte ihn mit dem Elbogen auf die Seite und ging, sich bückend, gerade auf die Frau zu. Der Hund, statt auf ihn zu springen, schien sich zu beruhigen und ließ ihn machen. Alles war hinzugetreten, der Onkel knieete nieder, entblöste den Busen der Frau und legte die Hand auf ihr Herz. Man schwieg; es war mäuschenstill. Dies dauerte eine Minute, als Spick rief:
»He, he, he, man soll sie begraben? nicht wahr, Herr Doktor?«
Der Onkel erhob sich mit gerunzelten Augenbraunen, sah den Mann von Kopf bis zu Fuß an und sagte zu ihm:
»Elender! Wegen ein paar Maaß Branntwein, die diese arme Frau dir so gut bezahlt hat, als sie konnte, möchtest du jetzt sie gerne tödten und vielleicht lebendig begraben sehen.«
»Herr Doktor,« schrie der Schenkwirth und warf sich stolz in die Brust, »wissen sie, daß es Gesetze gibt und daß . . . «
»Schweig still,« unterbrach ihn der Onkel, »du bist ein erbärmlicher Mensch.«
Und indem er sich zu den anderen wandte, sagte er:
»Jeffer, bring diese Frau in mein Haus, sie lebt noch.«
Er warf noch einen letzten Blick der Entrüstung auf Spick, während der Todtengräber und seine Söhne die Frau auf die Tragbahre legten. Man setzte sich in Gang; der Hund folgte dem Onkel, dicht an seinen Beinen. Was den Schenkwirth anbelangt, so hörten wir ihn noch hinter uns beim Brunnen spöttisch wiederholen:
»Die Frau ist todt, der Arzt weiß ja viel als meine Haue. Es ist aus mit der Frau! ob man sie heute oder morgen begrabt, thut nichts zur Sache. Man wird sehen, wer von uns beiden recht hat.«
[48]
Als wir über den Platz schritten, bemerkte ich den Mauser und Koffel, die uns folgten, was mir das Herz erleichterte, denn seit es Nacht war, hatte sich meiner eine Art von Furcht bemächtigt, hauptsächlich vor den Todten, und es war mir lieb, viel Leute um mich zu haben.
Der Mauser ging vor der Tragbahre her, eine dicke Fackel in der Hand, Koffel an der Seite des Onkels sah traurig aus.
»Das sind entsetzliche Sachen, Herr Doktor,« sagte er im Gehen.
»Ah, seid Ihr es, Koffel,« erwiderte der Onkel. »Ja, ja, der Genius des Bösen ist in der Luft. Die Geister der Finsternis sind entfesselt.«
Wir traten nun in die schmale Hausflur, in welcher der herabgefallene Gips herumlag; der Mauser hielt an der Schwelle, leuchtete Jeffer und seinen Söhnen, die langsamen Schritts daher kamen. Wir folgten ihnen alle in das Zimmer, und der Maulwurffänger erhob seine Fackel und rief mit feierlichem Ton:
»Wo sind sie, die Tage der Ruhe, die friedlichen heimlichen Augenblicke der Ruhe nach der Arbeit? wo sind sie? Herr Doktor? Ach sie sind durch alle diese Löcher hinaus entflohen.«
Da erst sah ich recht das trostlose Ansehen unseres alten Zimmers, die zerbrochenen Scheiben, deren schneidende Scherben und glänzende Spitzen sich von dem schwarzbeschatteten Boden abhoben; ich verstand des Mausers Worte und fühlte, daß wir unglücklich seien.
»Jeffer, lege diese Frau auf mein Bett nieder!« sagte der Onkel traurig, unser eigenes Elend darf uns nicht vergessen lassen, daß andere noch unglücklicher sind, als wir.«
Und gegen den Maulwurffänger gewendet, sprach er: »Ihr bleibet da, um mir zu leuchten und Koffel muß mir helfen.«
Der Todtengräber und seine Söhne hatten die Tragbahre auf dem Boden niedergesetzt und legten nun die Frau auf das Bett hinten im Alkoven. Der Mauser, dessen ziegelfarbige Wangen beim Schein der Fackel eine purpurne Färbung an nahmen, leuchtete. Der Onkel stellte Jeffer einige Kreuzer zu, worauf sich dieser mit seinen Jungen entfernte.
Die alte Lisbeth war auch zum Zusehen herbeigekommen; ihr Kinn zitterte; sie wagte nicht, heranzutreten, und ich hörte sie ganz leise das Ave Maria hersagen. Ihre Furcht flößte mir Mitleid ein, als der Onkel rief:
»Lisbeth, was denkst du denn? um’s Himmels Willen, bist du denn toll? Ist diese Frau nicht wie alle Frauen, und hast du mir nicht hundertmal bei meinen Operationen geholfen? Fort, fort, ich glaube, du hast ganz den Kopf verloren. Geh, mach Wasser warm. Das ist alles, was ich dir heute zumuten kann.«
Der Hund hatte sich vor dem Alkov niedergesetzt und betrachtete durch seine zottigen Haare die auf dem Bett liegende unbewegliche und todesblasse Frau.
»Fritzel,« rief der Onkel, »schließ die Läden; es wird weniger ziehen. Und Ihr, Koffel, macht Feuer in den Ofen, denn jetzt von Lisbeth etwas zu erlangen, ist nicht möglich. Ach! wenn unter so vielem Elend uns nur ein bisschen Ruhe vergönnt wäre. Aber es geht alles durcheinander. Wenn der Teufel einmal im Zug ist, so weiß man nicht, wo er wieder anhält.«
So sprach der Onkel ganz niedergeschlagen. Ich lief hinaus, die Läden von außen zu schließen und ich hörte, wie er sie innen befestigte. Gegen den Brunnen zu blickend, gewahrte ich, daß zwei neue Wägen mit Todten abfuhren. Ich kam ganz zitternd zurück.
[50]
Koffel hatte inzwischen das Feuer angezündet, welches schon im Ofen knisterte. Der Onkel hatte sein chirurgisches Besteck auf dem Tische ausgebreitet; der Mauser wartete und sah, wie die vielen kleinen Messer glänzten.
Der Onkel nahm nun eine Sonde, trat zum Bett und zog die Vorhänge zurück; der Mauser und Stoffel folgten ihm. Mich überkam eine große Neugierde und ich ging zuzusehen; der Schein des Lichts erfüllte den ganzen Alkoven, die Frau war bis zum Gürtel nackt; der Onkel hatte ihr soeben die Kleider vom Leibe geschnitten. Koffel wusch ihr mit einem großen schwamm die Brust, die mit schwarzem Blut bedeckt war. Der Hund sah immer zu, er rührte sich nicht. Lisbeth war auch ins Zimmer zurückgekehrt; sie nahm mich an der Hand und murmelte, ich weiß nicht, welches Gebet. Im Alkoven sprach niemand, und als der Onkel die alte Dienerin hörte, rief er, wirklich erbost:
»Willst du still sein, alte Gans! Frisch; Mauser, hebet den Arm!«
»Ein schönes Geschöpf,« sagte der Mauser, »und noch dazu sehr jung.«
»Wie blaß sie ist,« meinte Koffel.
Ich trat näher herzu und sah die Frau schneeweiß, mit offener Brust und zurückgeworfenem Kopf und ihre schwarzen aufgelösten Haare. Der Mauser hielt ihr den Arm empor und darunter zwischen dem Busen und der Achselhöhle zeigte sich eine bläuliche Oeffnung, aus der einige Tropfen Blut flossen. Diese Wunde sondierte Onkel Jakob mit geschlossenen Lippen; die Sonde wollte nicht hinein. Ich war um so aufmerksamer, als ich nie etwas Aehnliches gesehen hatte, meine ganze Seele war dahinten im Alkoven. Ich hörte den Onkel murmeln:
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