Read the book: «Melea»

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Inhalt

Impressum 3

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Flucht 4

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Medon 42

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Königin Nalia 67

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Bewusstseinsstarre 108

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Der Dunkle 140

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Wahrträume 177

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Oreus 217

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Devorador 249

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Zukunftsvisionen 284

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Fürst Praxion 324

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Auf Leben und Tod 352

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Das Magmaross 385

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere Neugeboren 423

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Seelenbrüder 451

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Zweimal Prinzessin 482

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Prinzessin Sonnensplitter 517

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Treuer Feind 550

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Ankunft der Könige 589

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Anandur 624

9. Mond, im 988. Jahr der Barriere Torgulas 645

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-903861-73-2

ISBN e-book: 978-3-903861-74-9

Lektorat: Mag. Eva Zahnt

Umschlagfoto: Godfer, Catiamadio, Dmitr1ch, Thomas Hertwig, Visualism Studio | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere

Flucht

1

„Los, beeilt euch und sichert die Beiboote, sobald alle an Bord sind“, rief Geralt.

Er eilte übers Deck, zum Bug seines Schiffes, und blickte angestrengt in die Finsternis. Sturm und peitschender Regen machten es unmöglich, etwas Genaueres zu erkennen. Aber eines sah er deutlich, und das waren die Wellen, welche haushoch über das vorgelagerte Riff brandeten.

„Da kommen wir niemals durch!“

Er drehte den Kopf zu Matt, der dies gesagt hatte, dann wandte er sich den übrigen Inselbewohnern zu.

„Matt hat Recht! Es ist ja schon gefährlich, bei Tageslicht zwischen den Riffen zu segeln. Aber bei diesen Widrigkeiten ist es absolut unmöglich.“

„Diese Biester werden uns garantiert folgen. Und wer weiß, was für Bestien noch so im Wasser lauern. Ich sage, wir verschwinden von hier, solange wir noch können. Am besten werfen wir die kleine Hexe über Bord. Vielleicht genügt ihnen ja ein Opfer, und sie lassen uns unbehelligt ziehen“, sagte Jon.

„Jetzt reicht es mir aber, Jon! Lass gefälligst meine Tochter zufrieden. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätten wir vorhin Getica verloren“, schimpfte Rion.

„Dann erklär mir mal, warum sie so lange die Luft anhalten kann! Und wie es sein kann, dass sie von einem monströsen Bullenhai ans Boot gebracht wurde?“

Melea presste sich fester an Rion, der schützend seine Arme um sie legte, und flüsterte: „Ich weiß nicht, wieso der Hai das getan hat, Vater. Aber ich bin ganz sicher keine Hexe.“

„Getica war bereits von uns gegangen und …“, brüllte Jon aufgebracht, wurde aber von Adaric unterbrochen. Und der brüllte nicht leiser: „Melea hat meine Gemahlin unter Einsatz ihres eigenen Lebens gerettet. Und wenn du jetzt nicht sofort aufhörst, uns gegen sie aufbringen zu wollen, dann vergesse ich mich.“

Adaric drückte seine zitternde Frau an sich und ging mit ihr an die Reling.

„Wir beruhigen uns jetzt alle und überlegen, was wir tun können“, sagte Geralt beschwichtigend und fügte hinzu: „Sobald wir hier weg sind und die Gefahren hinter uns gelassen haben, werden wir über alle Geschehnisse sprechen. Aber ganz sicher nicht jetzt.“

„Bis auf Jon hat sich bisher keiner aufgeregt, Geralt. Und wenn es nach ihm geht, ist Melea eine Hexe und der schwarze Mann wahrscheinlich ein Totenbeschwörer, weil er Getica ins Leben zurückgeholt hat“, sagte Respa.

Sie stand bei Melea und tätschelte ihre Hand.

„Hör nicht auf den alten Griesgram, Kindchen! Selbst wenn du eine Hexe wärst, sollte er in Anbetracht der Situation froh darüber sein und hier keinen Aufstand proben. Denn gegen diese Kreaturen werden wir jede Hilfe brauchen, die wir bekommen können.“

„Jetzt reicht’s aber wirklich! Meinst du nicht, meine Kleine hätte genug durchgemacht? Musst du ihre Furcht auch noch weiter schüren?“, regte sich Rion auf.

„Wir sind zwar von der Insel runter, aber noch lange nicht außer Gefahr. Diese Kreaturen können sich im Wasser und an Land fortbewegen. Und was ihre scharfen Krallen und Zähne anzurichten vermögen, sah ich vorhin an meinem Sohn. Auch Geralt und Melea haben ihn gesehen“, blaffte Respa zurück.

Melea ergriff daraufhin Respas Hand und flüsterte:

„Es tut mir so leid, dass wir ihm nicht helfen konnten.“

„Dir muss gar nichts leidtun, Kindchen. Safrax’ Zeit war gekommen, und ich werde ihm bald folgen.“

„Sag so was nicht!“

„Ich kam nur mit euch, weil ihr nicht lockergelassen habt“, sagte Respa.

Geralt kam heran und legte eine Hand auf die Schulter der alten Respa.

„Die Frauen können den Lagerraum nutzen und sich ausruhen. Dort liegen allerhand Decken, und in einer Truhe sind noch einige Kleidungsstücke.“

Matt trat vor und fragte: „Hast du Waffen an Bord, Geralt?“

„Ich glaube, unten sind noch ein paar Speere. Ich werde sie holen, nachdem ich die Frauen einquartiert habe. Also, meine Damen. Folgt mir bitte!“

Geralt öffnete die Luke zum Unterdeck und stieg die steile Treppe hinab. Diese führte in einen dunklen, nach Fisch stinkenden Raum. Eine Weile hantierte er in einer Ecke, bis schließlich das warme Licht einer Öllampe den rechteckigen Raum erhellte. Er hängte die Lampe in eine Halterung unter der Decke, wo sie hin und her pendelte. Respa kam zuerst herein, gefolgt von Livilia, die Getica stützte. Susan trug ihre kleine Tochter auf dem Arm und Matt seinen Sohn, den Abschluss bildete Melea.

Sie blieb unter dem Türrahmen stehen und beobachtete, wie sich die Frauen einfach irgendwo an die Wand setzten und dort still verharrten. Geralt kramte derweil in einer Truhe und brachte einige Kleidungsstücke zum Vorschein. Er legte sie auf eine Hängematte und durchforstete einen Berg mit Hanfsäcken und anderen Sachen, bis er erleichtert aufatmete.

„Ah, da sind sie ja. Komm mal her, Matt.“

Matt nahm einige Kurzspeere entgegen, die sie auch zum Fischen benutzten.

„Verteile sie an die anderen, ich komme gleich nach oben“, sagte Geralt.

Matt ging vor seiner Frau in die Hocke und gab ihr sowie seinen beiden Kindern einen Kuss. Als er an Lea vorbeieilte, bedachte er sie mit einem seltsamen Blick. Das entging Geralt nicht, ebenso wenig wie die furchtsamen Blicke der Frauen, die ebenfalls zu Lea schauten. Nur die alte Respa blickte eher bewundernd auf sie. Geralt seufzte innerlich.

„Macht es euch bequem, dort liegen noch einige Decken“, sagte er.

Er ging zu Lea und lächelte sie aufmunternd an.

„Kommst du bitte mit mir?“

Lea folgte ihm in seine Kajüte, wo sie sich zunächst umsah, nachdem er Licht gemacht hatte. An der Wand vor ihr standen ein Schreibtisch und ein Stuhl. Die rechte Seite füllte ein Bett aus, auf dem einige Felle und Decken lagen, und an der linken Wand stand eine mittelgroße Holztruhe mit Eisenbeschlägen. Der Raum maß vielleicht vier Meter in der Breite und fünf in der Länge, und dementsprechend gab es noch genug Bewegungsfreiheit. Leas Blick fiel auf Geralt, der sich soeben daranmachte, das Schloss der Truhe zu öffnen. Dabei fluchte er leise vor sich hin, bis es endlich aufsprang und er den Deckel anheben konnte. Einen Moment lang kramte er darin und drehte sich schließlich zu ihr um. Er reichte ihr ein längliches Bündel und meinte: „Ich möchte, dass du den an dich nimmst und auch trägst.“

Lea nahm es zögerlich entgegen, öffnete die Verschnürungen und schlug den Stoff zurück. Ehrfürchtig zog sie den langen Dolch aus einer Lederscheide. Diese bestand aus gehärtetem Leder, auf der ein schönes Bild eingebrannt war. Unter einem großen Kirschbaum mit ausladenden Ästen stand ein äsender Hirsch, der sie anzusehen schien. Der Dolch mit der leicht gekrümmten Klinge war ein absolutes Meisterwerk. Geralt bemerkte ihre Faszination und erklärte: „Der Griff besteht aus Hirschhorn, und die Klinge wurde aus Zwergen-Erz geschmiedet. Was die Schriftzeichen auf der Klinge bedeuten, kann ich dir leider nicht sagen. Das musst du selbst herausfinden, er gehört dir.“

Lea bestaunte immer noch den Dolch, der so lang war wie ihr Unterarm. Die Klinge schimmerte blaugrau und war rasiermesserscharf, wie sie leider rasch feststellte. Sie schob sich den blutenden Daumen in den Mund und Geralt nahm ihr den Dolch aus der Hand, um ihn in die Scheide zurückzustecken.

„Dass er sehr scharf ist, brauche ich dir ja jetzt nicht mehr zu erklären“, sagte er lächelnd.

Er nestelte an den Riemen herum, die an der Scheide befestigt waren, und deutete auf ihr Bein.

„Darf ich?“

Lea nickte und beobachtete, wie er den Dolch seitlich an ihrer rechten Wade festband.

„Ich würde dich gerne etwas fragen.“

Geralt erhob sich und sah in ihre moosgrünen Augen, in denen die winzigen goldenen Sprenkel im Licht der Öllampe funkelten.

„Dann frag“, sagte Lea nach einigen Herzschlägen, da ihr sein durchdringender Blick unangenehm wurde.

„Mich würde interessieren, wie du das mit dem Hai angestellt hast.“

Lea seufzte leise.

„Wenn ich das selbst begriffen habe, werde ich es dir erklären.

Versprochen.“

Geralt sah sie noch einen Moment forschend an, nickte dann und wandte sich wieder seiner Truhe zu. Er nahm noch einige Bündel heraus, die er auf den Schreibtisch legte. Dann kam er wieder auf Lea zu.

„Darf ich mal?“

Er zog sie in den Raum hinein, da sie nach wie vor im Durchgang stand, und schloss die Tür. An der Wand dahinter hing eine Schwertscheide mitsamt Schwert. Er nahm es herunter und legte es sich um.

„Lea, ich möchte, dass du hier bleibst und zumindest versuchst, etwas zu schlafen. Du kannst dich hier wie zu Hause fühlen.“

Er schob sie zum Bett, bis sie sich zwangsläufig darauf setzen musste, und hockte sich vor sie.

„Und mach dir bitte keine Gedanken um die anderen, sie werden sich schon wieder beruhigen. Ich meine, nun ja … wann sieht man schon mal eine junge Frau, die anscheinend mit einem ausgewachsenen Bullenhai befreundet ist? Und sich auch noch mit diesem unterhält. Mir ist fast das Herz stehengeblieben. Aber du hast Getica das Leben gerettet, und das haben sie auch gesehen. Glaube mir, die Vernunft wird siegen. Sie werden aufhören, dich so anzusehen.“

Er streichelte sanft über ihre Wange.

„Ich muss jetzt nach oben, bitte schlaf ein wenig.“

Geralt erhob sich, drückte Lea einen Kuss auf die Stirn und nahm die Sachen vom Tisch.

„Danke“, sagte sie leise.

„Du musst mir nicht danken.“

„Geralt?“

Er wandte den Kopf zu ihr.

„Ja?“

Ihre Stimme bebte leicht.

„Dieses Wesen, das Getica und mich töten wollte …“

Geralt sog scharf die Luft ein und unterbrach sie.

„Was denn für ein Wesen?“

„Es hatte Getica über Bord gezogen, und ich bin ihr daraufhin hinterhergesprungen.“

Geralt hockte sich wieder vor sie und legte die Bündel zur Seite.

„Bei den Göttern! Ich dachte, sie wäre aus dem Boot gefallen und durch die Strömung unter Wasser gezogen worden?“

„Dieses Wesen … es hatte lange Fangarme, wie die eines Kraken.“

„Du meinst, ein Riesenkalmar hat sie aus dem Boot geholt?“

Lea schüttelte den Kopf und schloss die Augen, während sie zitternd durchatmete.

„Was dann?“

„Du wirst mir wahrscheinlich nicht glauben. Ich kann ja selbst kaum glauben, was ich da unten gesehen habe.“

„Natürlich werde ich dir glauben. Also, erzähl! Was ist passiert?“

„Ich tauchte Getica hinterher und bekam ihre Hand zu fassen. Doch als ich sie zu mir ziehen wollte, durchfuhr ein heftiger Ruck meinen Arm, und ich wurde mit ihr in die Tiefe gezogen. Dabei fiel mir auf, dass sich irgendwas um ihre Körpermitte gewickelt hatte. Es leuchtete fahl, und ich zog mich heran, um danach zu greifen. Aber meine Hände rutschten ständig daran ab. Ich dachte noch, dass es wie ein Fangarm aussah, als sich auch schon einer um mein Handgelenk wickelte. Ein stechender Schmerz schoss daraufhin durch meine Hand, bis in die Schulter hinauf. Ich ließ Geticas Hand los und versuchte, den glitschigen Fangarm von meinem Handgelenk zu lösen, was allerdings höllisch wehtat. Tja, und dann sah ich den Angreifer.“

Erneut schloss Lea die Augen, und Geralt ergriff ihre zitternden Hände, als sie leise weitersprach.

„Ich bekam allmählich Atemnot, trotzdem konnte ich den Blick nicht abwenden. Das Wesen besaß silbergraue, fahl leuchtende Haut. Vom Stirnansatz bis weit über den Rücken hatte es eine stachelige Rückenflosse. Drei große hellblaue und lidlose Augen starrten mich an, sie befanden sich auf der Stirn des Wesens. Es hatte ein vor Zähnen starrendes Maul, drei Fangarme an jeder Körperseite, und von der Hüfte abwärts folgte eine Schwanzflosse.“

Sie blickte kurz auf und fragte: „Du kennst doch das alte Buch von Vater? Das mit den Mythen und Sagen?“

Geralt konnte nur nicken, da sein Mund und der Hals staubtrocken waren.

„Dann hast du bestimmt die Zeichnung von der Nixe darin gesehen.“

Erneut nickte er.

„So eine Schwanzflosse hatte das Wesen auch.“

Lea starrte nach unten auf seine Hände, die ihre hielten.

„Wie konntet ihr euch befreien?“, fragte er heiser.

„Gar nicht! Dieses Wesen wollte uns töten, und ich bekam Panik, als Getica jegliche Gegenwehr einstellte. Ich sah dem Wesen in die Augen und flehte in Gedanken, dass es uns freigeben soll. Dabei zerrte ich an meiner Hand, so lange, bis es den Kopf schieflegte und mich ganz überrascht ansah. Dann wiegte es den Kopf hin und her, als wenn es überlegen würde, und wieder sagte ich in Gedanken: ‚Lass uns los!‘

Daraufhin entblößte es seine spitzen Zähne zu einem grausigen Grinsen und schüttelte langsam den Kopf.“

„Warte mal! Meinst du etwa, es hat dich verstanden?“

„Ich weiß, wie sich das anhören muss, aber es ist so geschehen. Und nach dem, was Mo mir heute Nachmittag erzählt hat …“

Sie schüttelte leicht den Kopf und zuckte mit den Schultern.

„Was erzählte er dir denn?“

„Am besten fragst du ihn selbst. Ich kann nicht in Worte fassen, was er mir alles sagte.“

„Das werde ich, aber jetzt erzähl erst mal weiter.“

„Meine Muskeln verkrampften bereits, und ich schloss innerlich schon mit meinem Leben ab. Ich dachte: Wieso hilft uns denn keiner? Und einen Herzschlag danach war plötzlich der Druck um mein Handgelenk fort. Ich griff hastig nach Getica, da es plötzlich dunkler wurde. Und im letzten Schimmern, das die Haut des Wesens abgab, sah ich den oberen Teil seines Körpers. Dieser schwebte langsam in die Tiefe. Ich befreite Getica eilig von dem Fangarm, da er sie weiterhin umschlossen hielt und uns mit hinab zog. Dabei sah ich den unteren Teil des Wesens, es war in der Mitte zerteilt worden. Darüber war ich so erschrocken, dass ich das letzte bisschen Sauerstoff verlor. Und wenn in dem Moment nicht der Hai gekommen wäre, säßen Getica und ich nicht auf deinem Schiff. Er umrundete mich, bis ich mich an seiner Rückenflosse festhalten konnte. Dann brachte er uns an die Oberfläche und schließlich zum Boot.“

Leas Augen füllten sich mit Tränen, als Geralt vorsichtig ihren Ärmel hochschob und die Wunden an ihrem Handgelenk begutachtete. Zu sehen waren Abdrücke von Saugnäpfen, in deren Mitte es aus kleinen Löchern blutete.

Geralt war entsetzt und wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Es war nicht so, dass er ihr keinen Glauben schenkte. Er selbst war völlig durch den Wind – was kein Wunder war nach den seltsamen Dingen, die er heute beobachtet hatte.

„Alles hatte mit dem Aufziehen des Unwetters begonnen“, überlegte er. Dieses drohte heftig zu werden, weshalb die Bewohner der Insel beschlossen hatten, sich in eine Schutzhöhle im Gebirge zurückzuziehen. Er war mit den anderen vorausgegangen, während Rion nochmal in ihre Bucht zurückgekehrt war, um die Häuser abzusichern und nach Lea zu suchen. Nach einem heftigen Streit zwischen Rion und ihm war sie wütend davongelaufen. Laut Adaric und Getica hatte Lea vor, bei Mowanye unterzukriechen, der eine Höhle im Gebirge bewohnte. Doch ihr Vater wollte sichergehen, dass sie nicht vielleicht doch zum Haus zurückgekehrt war.

Sie weilte jedoch tatsächlich bei Mowanye, wie Geralt feststellte, als er an dessen Höhle vorbeikam. Dies war auf dem Weg zu einer Klippe, wo er sich einen Überblick über den aufziehenden Sturm verschaffen wollte. Und was er dort zu sehen bekommen hatte, bescherte ihm jetzt noch eine Gänsehaut. Durch die düsteren Wolkenmassen wirkte das tobende Meer fast schwarz, und hinter dem vorgelagerten Riff der Insel leuchtete ein Areal von mindestens einhundert Schritten Durchmesser.

Giftgrün. Das Licht drang aus der Tiefe herauf, und er konnte große Schatten erkennen, die sich darin bewegten.

Nachdem es plötzlich verschwunden war, eilte er zu Mowanyes Höhle, um Lea abzuholen. Sie war nicht weniger durcheinander als er selbst. Doch auf die Frage, was der Schamane mit ihr besprochen hatte, erhielt er keine Antwort. Allerdings bekam er eine Antwort auf seine Frage, ob die Lichterscheinung nur seiner Einbildung entsprungen war, als Rion bei der Schutzhöhle eintraf. Denn er berichtete ihm, was er vom Strand aus beobachtet hatte. Es waren eben diese Lichter gewesen.

Daraufhin gab es endlose Diskussionen mit den übrigen Bewohnern, vor allem Jon schenkte ihnen keinen Glauben. Trotzdem kamen sie irgendwann überein, die Männer in zwei Gruppen aufzuteilen. Die erste, bestehend aus Rion, Jon und Matt, übernahm die erste Wache an der Klippe. Doch bevor Rion ging, kam es zu einem kleinen Streit zwischen ihm und Lea, da sie unbedingt nochmal zu Mo wollte, was er ihr ausdrücklich verbot. Und nachdem Rion fort war, versuchte er alles, um Lea davon abzuhalten. Aber er war nun mal nicht ihr Vater, und im Gegensatz zu Rion vertrat er die Meinung, dass Lea alt genug sei, um zu wissen, was sie tat. Und so kam es, dass er sie zu Mo begleitete. Auch jetzt noch, im Nachhinein, wehrte sich sein Verstand dagegen zu glauben, was dort geschehen war. Denn als sie ankamen, stand der Schamane inmitten des Lagerfeuers, und um ihn herum tanzten tropfenförmige Flammen.

Auch Lea dachte an das Ritual, mit dem Mo seine Ahnen beschworen hatte.

Klar und deutlich sah sie sein Gesicht vor sich, verzerrt zu einer unmenschlichen Grimasse. Der Mund geöffnet, als würde er einen stummen Schrei von sich geben, und die Augen verdreht, sodass man nur das Weiße sah. Die Flammen, in denen er stand, besaßen ein bizarres Eigenleben. Sie tanzten um seinen Körper herum, und Lea meinte, Gesichter erkennen zu können.

Furcht und Faszination lösten sich mit jedem Lidschlag ab. Sie hatte nicht auf Geralt gehört, der sie anbrüllte, zurückzukommen, als sie in die Höhle hineingelaufen war. Kaum war sie drinnen, veränderten sich die Flammen. Einzelne lösten sich von Mowanye und der Feuerstelle, in der er stand. In dem Moment wurde Lea klar, dass es sich tatsächlich um flammende Gesichter handelte, denn sie wurde von glimmenden Augenpaaren angestarrt. Die Mehrzahl der Flammen umkreiste weiterhin Mo, wurde dabei immer schneller und drang dann fauchend in seinen Mund, die Nase und die Ohren ein. Lea erwachte aus ihrer Starre aus Faszination und Furcht, da Mowanye plötzlich zusammenbrach. Doch Geralt hielt sie fest, als sie zu ihm wollte. Die Angst um den Schamanen und dass er verbrennen könnte gab ihr die Kraft, sich loszureißen. Aber dann waren es die Flammenwesen, die sie abhielten, zu Mo zu gelangen. Wie zuvor den Schamanen umkreisten sie nun Lea, und eines der Wesen verharrte direkt vor ihrem Gesicht.

Lange Feuerhaare umrahmten das Antlitz einer Frau. Ihre Augen glühten wie glimmende Kohlen, und Lea spürte jetzt noch den Blick, der bis in ihr tiefstes Inneres reichte und anscheinend ihre Seele in Augenschein nahm.

Im Augenwinkel hatte sie gesehen, wie Mo sich aufrichtete. Seine dunkle Haut glänzte vom Schweiß, der in Bächen über seinen Körper floss. Lea musste mehrmals seinen Namen flüstern, bis er völlig entsetzt zu ihr sah. Sofort sprach er seltsame Worte in einer Sprache, die Lea nicht zuordnen konnte.

Nach und nach schwebten die Wesen zum Lagerfeuer zurück und verschmolzen mit den Flammen. Nur eines blieb zurück – das vor ihrem Gesicht.

Mit Verwunderung dachte Lea daran, dass es keinerlei Hitze verströmt hatte, und mit Schrecken an den Umstand, dass sich dieses Wesen nun irgendwo in ihrem Körper versteckte. Sie sah das Lächeln der Frau vor ihrem inneren Auge, bevor diese urplötzlich auf sie zuschoss. Lea stolperte und stürzte auf den Rücken, was zur Folge hatte, dass sie durch den offenen Mund die Luft einzog. In dem Moment verschwand das Wesen fauchend darin.

2

„Geralt?“

Lea und er zuckten erschrocken zusammen, als der laute Ruf sie aus ihren Gedanken riss.

„Ich komme“, rief Geralt zur Tür und wandte sich Lea zu.

„Du wirst dich jetzt hinlegen. Ich schicke dir gleich Mo runter, damit er sich die Verletzungen ansehen kann. Wir reden später weiter, ich muss oben nach dem Rechten sehen.“

Lea sah noch eine Weile zur offenstehenden Tür, bis sie schließlich aufstand und diese schloss. Sie wühlte im Seesack, den sie vorhin in aller Eile gepackt hatte, und zog trockene Sachen an.

Unschlüssig, ob sie sich wirklich einen Moment lang hinlegen sollte, starrte sie anschließend das Bett an. Dann seufzte sie leise und setzte sich auf die Kante. Mit einer Hand strich sie über ein besonders dickes graues Fell, das wohl mal einem Wolf gehört hatte, und kroch darunter. Erschöpft, wie sie war, dauerte es auch nicht lange, bis sie einschlief.

Im Traum lief Lea wieder durch den Höhlengang. Für einen kurzen Moment wunderte sie sich, da sie dieser Traum vor ein paar Stunden schon einmal ereilt hatte. Und auch diesmal war sie sich völlig darüber im Klaren, zu träumen. Mehrere Gänge zweigten von diesem Gang ab, aber sie lief weiter, bis sie in die große Höhle gelangte. Eine Vielzahl von Geräuschen drang zu ihr, es war ihr jedoch nicht möglich zu erfassen, woher diese stammten.

Sie vernahm Gesprächsfetzen. Die fremdartigen Worte wurden von knurrenden und schmatzenden Lauten begleitet. Und wie zuvor bekam Lea eine Gänsehaut. Sie fragte sich: „Was ist das nur für ein seltsamer Ort hier?“

Sie stand noch immer im Höhleneingang und wurde nun von irgendetwas angerempelt. Erschrocken blickte sie sich um, konnte aber nichts entdecken. Allerdings hörte sie etwas, und zwar direkt neben sich. Die Geräusche erinnerten stark an einen witternden Hund, weshalb sie langsam zurückwich. Und als sich ein furchteinflößendes Knurren hinzugesellte, veranlasste dieses sie, sich gehetzt umzusehen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Höhle entdeckte sie einen weiteren Gang, und plötzlich erfasste sie das Gefühl, unbedingt dorthin zu müssen.

Eilig und so leise wie möglich durchquerte sie die große Höhle, stolperte aber einige Male über Dinge, die sie nicht sah. Das Knurren und Wittern verfolgte sie und war beständig hinter ihr. Dennoch blickte sich Lea weiterhin um, wobei sie versuchte, sich einzureden, dass dies nur ein Traum sei und ihr nichts geschehen könne.

Zu ihrer Linken erhob sich ein großes Podest. Sieben Stufen führten dort hinauf, wobei diese für einen Riesen gemacht zu sein schienen. Sie waren einen halben Meter hoch und gut zwei Meter tief.

Lea blieb stehen und betrachtete den riesigen Thron, der sich auf dem Podest erhob. Dieser bescherte ihr abermals eine Gänsehaut. Furcht kroch in ihr hoch, nicht nur wegen der enormen Ausmaße des Throns. Es handelte sich nicht um einen gewöhnlichen Sessel. Dieser schien aus braunem und zähem Schlamm zu bestehen, und immer wieder entdeckte sie eine Bewegung unter der seltsamen Masse – als ob sich etwas aus dem Inneren befreien wollte.

Lea machte schon einen Schritt in Richtung der Stufen, als das Knurren unmittelbar hinter ihr ertönte. Sie dachte nicht nach, als sie losstürmte und in den Gang hineinlief, den sie von der anderen Seite gesehen hatte. Der war allerdings nicht sehr lang, und ihr blieb kurz das Herz stehen, bis sie an der rechten Seite eine schwarze Eichentür erblickte. Diese stand einen Spalt offen, und sie schlüpfte leise hindurch. Wieder stand sie in einer großen Höhle, doch diese war offensichtlich bewohnt.

Die hintere Wand konnte sie bei dem dämmrigen Licht, das hier herrschte, nur erahnen. Links von ihr standen mehrere Regale an der Wand, die mit Büchern und Schriftrollen vollgestopft waren. Zu ihrer Rechten stand ein monströser Tisch, der Platz für zehn schwere Eichenstühle bot. Diese hatten Rückenlehnen, hinter denen sie sich problemlos hätte verstecken können, und die Sitzflächen boten Platz für zwei ausgewachsene Männer.

Lea konnte sich keine Wesen vorstellen, die Verwendung für solche Möbel gehabt hätten, und dachte erleichtert: „Dies ist definitiv nur ein Traum. Und wenn ich gleich aufwache, wird sich herausstellen, dass auch alles andere bloß ein böser Traum gewesen ist.“

Sie ging lächelnd an den Regalen vorbei, bis diese endeten und Wandteppichen und Gemälden Platz machten. Dort verschwand ihre Zuversicht mit einem Schlag, und sie betrachtete angewidert einige Bilder. Darauf waren Menschen mit abgehackten Gliedmaßen zu sehen, die mit weit aufgerissenen Mündern den Betrachter anstarrten und darauf warteten, von der dunklen Gestalt, die sich auf allen Gemälden wiederfand, endlich erlöst zu werden. Mit flauem Magen kehrte sie der Wand den Rücken, und ihr Blick fiel sofort auf einen steinernen Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand. Auf diesem stand eine Öllampe, die einzige Lichtquelle in dieser Höhle. Lea starrte den Stuhl an, der ebenfalls über eine sehr hohe Rückenlehne verfügte, und ein seltsames Gefühl überkam sie.

Wie von selbst bewegten sich ihre Beine langsam voran, als ob sie magisch angezogen würden. Und Lea fragte sich noch, ob dort wohl jemand saß. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende geführt, ertönte eine tiefe Stimme.

„Ich habe befohlen, mich nicht zu stören!“

Abrupt blieb sie stehen und sah den Mann erschrocken an, der urplötzlich vor dem Schreibtisch stand. Er trug einen schweren Ledermantel mit einer Kapuze über seinem Kopf.

Mit einem leisen Knurren ging er knapp an ihr vorbei zur Tür, wobei er sie nicht zu bemerken schien.

„Verzeiht, Meister! Ich bin einer Spur gefolgt, die mich hierher führte.“

„Und, siehst du hier jemanden außer mir?“, fragte der Mann erbost.

Kleinlaut antwortete der andere.

„Nein, Herr. Aber ich bin mir sicher, dass mich meine Nase nicht täuscht.“

Melea konnte ihn nicht sehen, ging aber davon aus, dass es sich um ihren knurrenden Verfolger handelte. Ein wütendes Knurren war nun zu hören, was wiederrum von dem Mann stammte, und er sagte grollend.

„Ich werde deine Nase gleich abschneiden und dir als Nachtmahl zubereiten, wenn du nicht augenblicklich verschwindest.“

Meleas Verfolger winselte leise.

„Ja, Meister, ich bin schon weg.“

Der Kapuzenmann warf die Tür ins Schloss und kehrte langsam in die Höhle zurück. Dabei fiel Lea seine Statur auf. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Der Mann war größer und breiter als Geralt, und der maß bereits knapp zwei Meter. Hinter dessen breitem Kreuz hätte sie sich zweimal verstecken können.

„Wieso kann ich ihn sehen, aber den anderen nicht? Und warum sieht er mich nicht?“, fragte sich Lea unbehaglich.

Als er auf ihrer Höhe war, überkam sie plötzlich ein unbeschreibliches Gefühl der Furcht. Unwillkürlich wich sie zurück. Doch sie hielt mitten in der Bewegung inne, da der Mann abrupt stehenblieb und seinen Kopf in ihre Richtung drehte. Lea konnte nur die Kinnpartie und den Mund sehen, da der Rest des Gesichtes im Schatten der Kapuze verschwand. Sie spürte, dass er sie anstarrte. Leise knurrend wandte er sich zu ihr, und Lea hielt den Atem an. Ganz langsam wich sie zurück und erstarrte erneut, als sie ihren Schatten entdeckte, der bis zur gegenüberliegenden Höhlenwand reichte. Erschrocken blickte sie auf, genau in dem Moment, als sich eine Hand um ihren Hals schloss. Prompt verlor sie den Boden unter den Füßen und krachte mit dem Rücken gegen eine Wand.

„Wer bist du? Zeig dich!“

Lea strampelte wild mit den Beinen und versuchte, ihre Finger unter die Hand des Mannes zu zwängen, um den Griff um ihren Hals zu sprengen.

„Zeig dich“, herrschte er sie erneut an.

Seine Stimme erschien Lea wesentlich dunkler als vorhin. Aber das rückte in den Hintergrund, da sie vergeblich nach Atem rang. Sie ging dazu über, nach ihm zu schlagen. Dabei wischte sie ihm die Kapuze vom Kopf, und beim nächsten Schlag fing er ihre Hand ab. Verwundert meinte er: „Das sind keine Männerhände.“

Er ließ ihre Hand los und betastete ihren Körper, worauf Lea reflexartig reagierte und ihm eine schallende Ohrfeige verpasste. Knurrend setzte er sie auf dem Boden ab und umfasste jetzt mit beiden Händen ihren Kopf. Währenddessen hustete Lea würgend und krallte sich an seinem Mantel fest, im verzweifelten Versuch, Atem zu schöpfen. Ihr Zustand schien ihn jedoch nicht zu interessieren. Er riss brutal an ihren Haaren und zwang so ihren Kopf in den Nacken.

„Sieh in meine Augen“, herrschte er sie an.

Lea keuchte erschrocken auf, als sie dies tat und seine pechschwarzen Augen sah, in denen es kein Weiß gab.

„Zeig dich!“, befahl der Mann wieder.

Ein heftiges Ziehen hinter ihrer Stirn machte sich bemerkbar, und sie hörte ihn plötzlich in ihrem Kopf. Sie vernahm düstere und fremdartige Wörter, die ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagten. Außerdem hallten die Worte in ihrem Inneren seltsam nach, und ihr wurde auf einmal heiß. Mit zittrigen Fingern krallte sie sich wieder an ihm fest, da sie das Gefühl hatte, die Besinnung zu verlieren.

„Bitte, hört auf“, keuchte Lea.

Sie hörte ihn wieder knurren, und seine Augen weiteten sich minimal, bevor er sagte: „Grüne Augen? Wer bist …“

„Lea, so wach doch auf!“

Verzweifelt rüttelte Mo an ihren Schultern, bis sie plötzlich hochschreckte und zuschlug. Trotz blutender Nase rappelte sich Mo direkt wieder auf, da ihn dieser Schlag zu Boden geschickt hatte, und ergriff hastig Leas Handgelenke.

„Beruhige dich, Lea! Es war nur ein Traum!“

Sie atmete hektisch und blickte sich panisch um.

„Wo ist er?“

„Wer?“

„Der Mann mit dem schwarzen Mantel! Er hat mich fast umgebracht!“

„Hier ist niemand, du hattest bloß einen bösen Traum.“

„Es war so wirklich, Mo! Ich rieche ihn noch, er hatte einen seltsamen Geruch an sich.“

Sie befreite ihre Hände und rieb über ihre Oberarme, als wäre ihr kalt.

„Was ist denn los?“, fragte Respa von der Tür.

„Wir haben etwas poltern gehört.“

Mo verzog das Gesicht, als er zur Tür sah.

„Es ist alles in Ordnung, Lea hatte nur einen Alptraum.“

Respas Blick fiel auf Lea.

„Sie sieht nicht so aus, als wäre alles in Ordnung.“

Sie betrat den Raum und setzte sich auf die Bettkante.

Die Alte betrachtete besorgt Leas Gesicht und blickte zu Mo auf. Der saß mittlerweile auf dem Schreibtisch und rieb mit tränenden Augen über seine Nase. Respa schmunzelte und drückte Leas Hand.

„Erzähl mir von deinem Traum, Kindchen.“

Beim Gedanken an die schwarzen Augen bekam Lea eine Gänsehaut. Sie begann zu zittern. Mo bemerkte das beunruhigt.

„Nun lass sie doch in Ruhe, alte Hexe. Du siehst doch, dass sie im Moment nicht darüber sprechen möchte.“

Respa funkelte ihn wütend an.

„Ich glaube nicht, dass dich jemand gefragt hat, schwarzer Mann.“

Lea hob beschwichtigend ihre freie Hand.

„Ist schon gut, Mo.“

Tief durchatmend schloss sie für einen Moment die Augen und erzählte dann von ihrem Traum und ihren Eindrücken. Stockend berichtete sie von dem Mann und bemerkte die erschrockenen Blicke, die sich die beiden zuwarfen. Nachdem sie geendet hatte, herrschte zunächst angespanntes Schweigen, bis Lea es nicht mehr aushielt.

„Was ist denn los mit euch?“

Mo räusperte sich.

„Lea, es war tatsächlich mehr als ein Traum.“

Respa nickte zustimmend.

„Da muss ich ihm leider Recht geben, mein Kind.“

Lea schaute entgeistert von Mo zu Respa.

„Was sagt ihr da? Was soll das heißen?“

Nach diesen Worten hob sie abwehrend die Hände und schüttelte den Kopf.

„Ich will es eigentlich gar nicht hören. Das ist doch alles völlig verrückt.“

Die beiden hatten Recht, das wusste Lea. Schon während des Traums war sie sich darüber im Klaren gewesen, dass etwas nicht stimmte. Alles wirkte zu real. Allein der Gedanke, dies wirklich erlebt zu haben, ließ sie schaudern.

Respa beobachtete Lea und spürte ihre innerliche Unruhe. Nach einem kurzen Blick zu Mowanye, der ihr auffordernd zunickte, atmete sie tief durch und ergriff erneut Leas Hand.

„Deiner Beschreibung nach handelt es sich bei dem Mann um einen von Torgulas’ Söhnen. Man nennt ihn den Dunklen. Er hat etwas mit deiner Zukunft zu tun, Lea.

Bisher weiß ich jedoch nicht, ob zum Guten oder zum Schlechten. Du weißt doch, wer Torgulas ist, nicht wahr?“

Lea sah sie furchtsam an.

„Sein Reich befindet sich an den Windschattenbergen, weit im Norden und direkt an der Grenze zur Elfenbarriere. Angeblich ist er ein Halbgott, aber wieso sollte sein Sohn etwas mit meiner Zukunft zu tun haben?“

„Nicht angeblich, mein Kind! Torgulas ist Devoradors Sohn, ein Halbgott und äußerst mächtig. Aber für uns ist nur eines wichtig, er verfügt über eine riesige Armee“, klärte Respa sie auf.

Mo kam zu ihnen herüber und setzte sich neben Lea aufs Bett. Er legte eine Hand auf ihre Schulter.

„Respa spricht wahr! In einem Ahnenritual wurde mir offenbart, dass die Menschen nur mit Torgulas’ Armee eine Chance haben, diesen fremden Wesen zu trotzen und sie zurückzuschlagen. Die Feuerahnen zeigten mir außerdem, dass du in Mesura eine Aufgabe erfüllen musst, Lea. Es wird ausschließlich von dir abhängen, ob sich die geeinten Reiche mit Torgulas verbünden werden. Auch den Halbgott musst du dazu bewegen, seine Armee gegen die fremden Kreaturen aufs Schlachtfeld zu schicken. Und das wird der schwierigere Teil, denn er hasst die Menschen und würde mit Freuden dabei zusehen, wie wir vernichtet werden.“

Lea sah erst Mo und dann Respa sprachlos an.

„Die Geister zeigten mir fast das Gleiche. Als Erstes musst du die Königin von Mesu von der bevorstehenden Bedrohung überzeugen. Es ist erforderlich, dass sie den Herrscherrat einberuft. Sie muss Nachrichten an die anderen Königreiche und zu Torgulas senden, das ist vorerst das Wichtigste.“

Lea hätte fast laut aufgelacht. Es beschlich sie jedoch das ungute Gefühl, dass die beiden ernst meinten, was sie sagten.

„Ihr sprecht von Armeen, von einem bevorstehenden Krieg gegen Wesen, von denen ich gerade mal eines zu Gesicht bekommen habe. Und mal abgesehen davon, dass ich dies ganz sicher nicht tun werde. Wie sollte ausgerechnet ich die Könige sämtlicher Reiche von einer Bedrohung überzeugen, von der wir überhaupt noch nichts wissen? Ihr seid doch völlig irre!“

„Leider ist es so, wie Respa sagt. Unsere Visionen haben anscheinend den gleichen Inhalt, und somit ist ein Irrtum ausgeschlossen“, sagte Mo.

Leas Augen weiteten sich ungläubig. Stockend fragte sie: „Aber … was haben euch diese Visionen denn genau gezeigt?“

Mo blickte sie abschätzend an und nickte schließlich.

„In Ordnung, Lea. Ich gebe dir eine Kurzfassung von zwei meiner Visionen.

In der ersten sah ich dich in Gesprächen mit der Königin von Mesu und ein paar anderen Herrschern. Zudem wirst du anwesend sein, wenn der Herrscherrat stattfindet. Daraufhin zeigten mir die Ahnen die schwarze Armee des Nordens, die sich mit uns verbündet hatte. In der zweiten Vision kamst du nicht vor, Lea. Die geeinten Reiche und auch Torgulas’ Reich wurden vom Feind überrannt. Und diese zweite Vision lässt nur einen Schluss zu: Nur du allein bist befähigt, den Rat von einem Bündnis zu überzeugen!“

Lea schüttelte heftig den Kopf.

„Ausgerechnet ich soll die Herrscher von einem Bündnis überzeugen, und dann auch noch Torgulas? Ihr seid wirklich verrückt geworden! Wie soll ich das denn anstellen? Ich bin nur eine Fischerstochter! Und dann dieser Mann vorhin. Du sagst, er habe etwas mit meiner Zukunft zu tun. Jetzt mal ganz ehrlich! Ich habe nicht den Drang, ihm nochmal zu begegnen. Der hat mich in dem Traum fast erwürgt. Und dass du mich in deiner zweiten Vision nicht gesehen hast, könnte auch den Schluss zulassen, dass es ihm beim nächsten Mal gelingt.“

Respa und Mo sahen sich vielsagend an.

„Wir können nur darüber spekulieren, was es mit ihm auf sich hat. Aber eines ist sicher: Du wirst mit ihm zusammentreffen. Und es war kein Traum, Lea, du warst tatsächlich dort. Zwar nicht körperlich, aber er hat dir trotzdem schaden können. Sieh dir deinen Hals an, auf dem Tisch liegt ein Spiegel“, sagte Respa. Unwillkürlich hob Lea ihre Hände an den Hals und verspürte sofort Schmerzen, die sie bislang erfolgreich verdrängt hatte. Dennoch stand sie auf, schnappte sich den Spiegel und starrte auf die geröteten Fingerabdrücke, die ihren Hals zierten.

„Ich brauche frische Luft“, keuchte sie.

Der Spiegel entglitt ihrer zittrigen Hand und polterte zu Boden. Dann verließ sie fluchtartig die Kajüte und rannte die Stufen zum Deck hinauf.

Mo sah nachdenklich zur Tür.

„Ich befürchte, das wird alles zu viel für sie. Lea versucht, das Erlebte zu verdrängen, was auch kein Wunder ist. Wir hätten sie viel früher einbeziehen müssen. Dies alles an einem Tag zu erfahren, und dann auch noch ihre Erlebnisse. Und da spreche ich nicht nur von der Flucht. Lea kam schon völlig aufgelöst zu mir, bevor der Sturm losbrach. Dem Hai begegnete sie heute Abend nicht zum ersten Mal.“

Seufzend schüttelte er den Kopf, bis Respa sprach.

„Ja, und dabei weiß sie noch nicht einmal alles. Und ich denke, das ist auch besser so. Es ist noch zu früh! Wir müssen warten, bis sich weitere Attribute zeigen.“

„Sehe ich auch so. Derzeit hat sie genug zu verarbeiten.“

„Stimmt es, dass Rion sie geschlagen hat?“

„Ja, aber es ist nicht wie du denkst. Es war Sorge, die ihn dazu verleitet hat“, sagte Mo.

Respa ergriff sein Handgelenk.

„Zu ihrem Wohl sollten wir versuchen, miteinander zu arbeiten. Wir müssen sie beschützen, auch vor ihrem besorgten Vater.“

Mo nickte überrascht, denn bisher waren Respa und er stets uneinig gewesen, was Melea betraf. Dennoch war er gespannt auf die Zusammenarbeit mit der Hexe.

„Zunächst sollten wir uns über unsere Visionen austauschen. Sie ähneln sich zwar, aber ich möchte ausschließen, dass wir etwas übersehen oder sogar falsch deuten“, meinte Respa.

Mo ging zur Tür und schloss diese.

„Also gut, Respa. Aber zuvor sollte ich dir vom Untergang meiner Heimat berichten.“

„Was hat das mit Melea zu tun?“

„Deine Visionen handeln nicht nur von ihr, sondern auch von einem feindlichen Heer, das sich erhebt. Einem Heer, wie man es in unserer Welt noch nie gesehen hat. Nicht wahr?“

Die Alte nickte nur, woraufhin Mowanye den Stuhl heranzog und sich vor sie setzte.

„Diese Kreaturen sind bereits seit etlichen Jahresumläufen in der bekannten Welt. Sie haben meine Heimat überrannt, und ich überlebte als Einziger.“

„Was sagst du da?“

„Es begann in meiner Heimat, einer kleinen Inselgruppe weit im Süden. Mein Volk lebte auf der größten Insel, wir nannten sie Ruls. In der Mitte der Insel erhob sich ein großer Berg, der ab und an Feuer spie. Und wenn dies geschah, flüchteten wir auf eine der drei kleineren Inseln, die Ruls umgaben. Denn mit den glühenden Feuerströmen kamen auch andere Gefahren, aber dazu später mehr.“

„Was interessieren mich die Gefahren eines Vulkans? Wir haben wahrlich andere Probleme.“

„Sie werden dich garantiert interessieren, weil Melea einen meiner Feuerahnen in sich trägt und ich in einer Vision sah, dass ich ihr etwas geben muss.“

„Einen was?“

Mo seufzte anhaltend.

„Unterbrich mich nicht ständig, und du wirst es heute noch erfahren. Ansonsten sitzen wir wahrscheinlich morgen noch hier.“

„Dann rede nicht um den heißen Brei herum“, maulte sie.

„Unser Dorf befand sich in der Nähe eines langen Sandstrandes. Ich war damals etwa so alt wie Melea heute. Alles nahm seinen Anfang mit einem aufziehenden Unwetter und seltsamen Lichtspiegelungen im Meer.

Unser Oberhaupt rief die Schamanen und Ältesten der Insel zusammen, um ein Ahnenritual durchzuführen. Ich war ebenfalls dort, denn ich war bei einem Schamanen in der Ausbildung.“

„Oh je, die Arbeit hätte er sich sparen können.“

Mo räusperte sich ungehalten, sprach aber weiter.

„Unser Dorf besaß vier Schamanen, und jeder von ihnen stand für ein Element: Wasser, Luft, Erde und Feuer. Höchst selten beherrschte ein Schamane zwei Elemente, und noch nie kam es vor, dass jemand drei oder vier in sich vereinen konnte. Da ich ein Schüler war, durfte ich nur beobachten. Mein Element war das Feuer, und so hatte sich mein Augenmerk vorerst auf den Feuerschamanen gerichtet. Aber ich spürte auch eine Verbundenheit zu den anderen Elementen, daher schaute ich auch den übrigen Schamanen über die Schultern.

Wenn alle Elemente gerufen wurden, führten wir die Rituale am Strand aus.

Das Ahnenritual war etwas Besonderes und wurde nicht sehr oft durchgeführt. Die Schamanen riefen dabei die Seelen unserer Verstorbenen und baten sie um Hilfe.“

„Was hat das mit den Elementen zu tun?“

„Wir glauben, dass nach dem Tod unsere Seele in einem dieser Elemente wartet, bis sie schließlich wiedergeboren wird.“

„Die Geister, welche ich rufe, um Visionen zu erhalten, haben absolut nichts mit den Elementen zu tun. Und sie sind ebenfalls Ahnen von irgendwem.“

Mo blickte sie erbost an, worauf Respa genervt die Augen verdrehte.

„Ist ja gut, rede weiter. Was geschah während des Rituals?“

„Die Schamanen nahmen ihre Plätze ein und setzten sich Rücken an Rücken und mit untergeschlagenen Beinen in den Sand. Einer saß direkt an der Wasserlinie zum Meer, der dahinter an einem Lagerfeuer. Der Erdschamane grub seine Hände in den Sand, und der dahinter Sitzende hielt seine Hände in die Höhe. Sie flüsterten ihre Beschwörungen, und ich umkreiste sie langsam, weil ich nichts verpassen wollte.

Zur Abenddämmerung hin wurde der Sturm immer heftiger, und Regen setzte ein. Und in dem Moment zeigten sich die ersten Ahnen. Sie umkreisten den jeweiligen Schamanen, und es wurden stetig mehr. Die Luftelementare, bestehend aus dichtem, waberndem Nebel, schwebten um den Kopf des Schamanen. Um den Erdschamanen erhoben sich ebenfalls die Ahnen, groß wie eine Faust. Ihre tropfenförmigen Körper bestanden aus Sand, und sie bildeten Gliedmaßen aus, um am Schamanen emporzuklettern. Die Wasserelementare flossen an den Armen ihres Schamanen hinauf, bis auch sie sich zu Tropfen formten. Sie vereinnahmten seinen Oberköper, Hals und Kopf. Tja, und die Feuerahnen haben eine rundliche Form. Auch sie umkreisten ihren Schamanen, so wie die Luftelementare. Alles verlief völlig normal, bis ganz plötzlich sämtliche Ahnen zum Stillstand kamen. Und anstatt sich den jeweiligen Schamanen zu öffnen, scharten sie sich alle um eine andere Person.“

„Um dich“, hakte Respa nach, da er nicht weitersprach.

„Die Wasser- und Erdelementare krochen an mir empor, und die Feuer- und Luftelementare umkreisten mich, wobei sie immer schneller wurden. Ich bekam mit, wie die Schamanen entsetzt aufsprangen und mit Zaubersprüchen versuchten, die Ahnen zu verbannen, was jedoch nicht gelingen wollte.“

„Vier Schamanen, und es gelang ihnen nicht, eure Geister zurückzupfeifen?“

„Ahnen, nicht Geister! Und nein, es war ihnen nicht möglich“, antwortete Mo, wobei er sie ärgerlich ansah.

Respa hob abwehrend die Hände.

„Anstatt gleich aus der Haut zu fahren, könntest du mal langsam zum Ende kommen.“

„Ich wäre schon längst fertig, wenn du mich nicht ständig …“

„Ach was, erzähl endlich weiter.“

Mo schloss seine Augen und atmete tief durch, bevor er weitersprach.

„Ich brach zusammen, als die Seelen etwas in meinem tiefsten Inneren berührten. Dann verlor ich den Halt zur realen Welt.“

„Wie meinst du das?“

„Na ja, wenn mir die Ahnen etwas mitteilen wollen, bemächtigen sie sich meines Geistes. Auf diese Weise können sie mich mitnehmen und lassen mich die Antworten sehen. An jenem Abend war das allerdings anders. Ich hatte keine Fragen gestellt, und dennoch zeigten mir die Ahnen unglaubliche Dinge, teils aus der Vergangenheit und Gegenwart. Aber vor allem die Zukunft spielte eine Rolle.

In meiner ersten Vision offenbarten sie mir ein magisches Tor, das sich am Grund des Meeres öffnete. Es war riesig und flimmerte in verschiedenen Grüntönen. Zunächst war ich überwältigt und fasziniert von diesem Anblick, was sich aber schnell änderte. Denn kurz darauf strömten unzählige Wesen aus dem Portal. Es waren so unglaublich viele, und sie wirkten irgendwie missgebildet. Aber meine Sicht verschwamm, und ich sah Ruls in der Morgendämmerung. Der Sturm war vorbei, und die aufgehende Sonne tauchte die Strände in blutiges Rot. Das Licht passte zu den Kreaturen, die sich an die Ufer zogen.

Zuerst dachte ich, sie würden sterben, denn sie krümmten und wanden sich kreischend im Sand, aber das täuschte.“

„Inwiefern?“

„Bei diesen Kreaturen handelte es sich um Mischwesen. Ihre Oberkörper muteten fast menschlich an, doch anstelle der Beine besaßen sie Schwanzflossen, wie die von Nixen oder Wassermännern. Dies änderte sich, sobald sie vollständig am Ufer waren. Denn bereits nach kurzer Zeit zerfielen die Flossen, und darunter kamen Beine zum Vorschein. Dies ging recht schnell vonstatten, und schon bald standen sie auf ihren Füßen und marschierten in mein Dorf.

Ihre Köpfe erinnerten an verschiedene Meeresbewohner, überwiegend Haie. Ich sah aber auch Wesen mit Fangarmen, wie die eines Kraken. Oder welche, die über lange Stachelschwänze verfügten. Äußerlich unterschieden sie sich völlig, aber eines hatten sie alle gemein – es waren blutrünstige Bestien.

Jeder, der sich wehrte, wurde unerbittlich getötet, zerfleischt und zum Teil auch gefressen. Die anderen, die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder, und ein paar Stammeskrieger wurden auf dem Dorfplatz zusammengetrieben. Dort erwartete sie ein Wesen, das die Fischköpfigen völlig in den Schatten stellte. Anderthalbmal so groß wie Geralt, kohlrabenschwarze Haut, muskelbepackt, eisige graue Augen, lange schneeweiße Haare und riesige schwarze Flügel. Er begutachtete jeden einzelnen Dorfbewohner, und bis auf drei wurden alle anderen fortgebracht.

Die Ahnen brachen dort die Verbindung zu mir ab, und ich wurde wohl bewusstlos. Als ich erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war nicht mehr auf Ruls. Ich brauchte eine Weile, um herauszufinden, dass ich mich auf einer Nachbarinsel befand. Und bis heute ist mir schleierhaft, wie ich dorthin gelangen konnte. Aber da meine Heimatinsel nicht allzu weit entfernt war, baute ich mir ein schlichtes Floß und setzte über. Abgesehen von Kampfspuren und trockenem Blut fand ich nichts.

Fast einen Mond lang irrte ich über die Insel, in der Hoffnung, noch jemanden aus meinem Volk zu finden, aber ich war allein. Letztlich führte ich Totenrituale durch, auch wenn es an Leichen fehlte, und baute mir ein besseres Floß. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wieso ich dies tat. Wo sollte ich auch hin? Trotzdem sammelte ich einiges an Vorräten, füllte etliche Wasserbeutel und verstaute alles auf dem Floß. Ich tat diese Dinge wie in Trance, und heute denke ich, es waren die Ahnen, die mein Tun lenkten. Wie dem auch sei, in meiner letzten Nacht auf der Insel erwachte ich am Fuße des Feuerberges. Wieder einmal hatte ich keine Ahnung, wie ich dort hingekommen war, was mir in dem Moment auch zweitrangig erschien. Denn der Erdboden bebte, und der Berg spie plötzlich Rauch und flüssiges Feuer. Und mit den Feuerströmen kamen dann auch die Feuerfresser.“

„Feuerfresser? Was soll das sein?“

„Dazu komme ich gleich“, sagte Mo, wobei er ziemlich genervt klang.

Da Respa ausnahmsweise nichts dazu sagte, erzählte er weiter.

„Im Berg gab es einige tiefe Spalten und ein paar Höhlen, aus denen etliche dieser furchteinflößenden Kreaturen kamen. Starr vor Angst beobachtete ich, wie sie in den Magmaströmen badeten und die glühende Schlacke soffen. Und zu spät bemerkte ich das Ross, das wenige Schritte hinter mir stand.“

„Ross?“

Mo ignorierte die Frage.

„Ich spürte seinen kochend heißen Atem im Nacken und fuhr erschrocken herum, woraufhin sich das Magmaross direkt aufbäumte. Seine unglaubliche Hitze trieb mich zurück, aber es sprang mir sofort hinterher, und seine flammende Mähne streifte meine Schulter.“

Mo schob sein Hemd ein wenig zur Seite, um Respa die Brandnarben zu zeigen, die Schulter und Oberarm verunstalteten.

„Ich ging zu Boden und beobachtete entsetzt, wie es mit seinen Vorderbeinen aufstampfte. Ich konnte armdicke Muskelstränge sehen, die unter der schwarz-roten Haut hervortraten, und blickte nach oben in seine glimmenden Augen. Diese beobachteten mich tückisch, während ich auf dem Hintern von ihm wegrutschte. Ich schloss bereits mit meinem Leben ab. Aber es kam anders.

In mir regte sich etwas, und es fühlte sich an, als ob ich innerlich zerrissen würde. Ich weiß noch, dass ich den Mund aufriss, allerdings war es kein Schrei, den ich von mir gab. Die Ahnen des Wassers quollen aus mir heraus und sprangen sofort das Magmaross an. Dieses wieherte und schrie gequält, seine Haut dampfte, und als es ein paar Wasserelementaren gelang, in sein Maul einzudringen, wurde es stetig kleiner.“

„Es schrumpfte?“

„Ja, und nicht nur das. Es wurde zu einer kleinen Figur aus Lavastein, und nachdem dies geschehen war, kamen die Ahnen zu mir zurück. Sie waren sichtlich geschwächt und besaßen gerade einmal ein Zehntel ihrer vorherigen Größe. Doch darüber konnte ich mir keine weiteren Gedanken machen, denn der Berg bebte so heftig, dass ein Teil des Kraters einbrach. Mit einem ohrenbetäubenden Knall wurden unvorstellbare Massen an Lava und glühenden Gesteinsbrocken gen Himmel katapultiert.

Dies rüttelte mich aus meinem Schockzustand. Ich schnappte mir die Figur und rannte los. Wie oft ich wegen der bebenden Erde stürzte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen, aber ich schaffte es irgendwie zum Strand.

Völlig erschöpft und zerschunden zerrte ich mein Floß ins Wasser und ruderte einige hundert Meter aufs offene Meer hinaus. Und von dort beobachtete ich, wie meine Heimat vom Feuer verschlungen wurde. Irgendwann schlief ich ein, und die Ahnen zeigten mir Visionen von der Zukunft. Ich sah eine Insel vor meinem geistigen Auge und eine junge Frau, der ich eines Tages zur Seite stehen sollte.“

Als er dies sagte, blickte er Respa vielsagend an.

„Hast du die Figur des Feuerwesens noch?“

„Ich hätte von dir so ziemlich jede Frage erwartet nach dem, was ich dir soeben erzählt habe, aber gewiss nicht diese. Um sie dir zu beantworten: Dies war auch Meleas erste Frage, nachdem ich Geralt, Rion und ihr meine Geschichte erzählt hatte. Und da sie völlig von dem Magmaross fasziniert schien, schenkte ich ihr die Figur. Aber nicht nur deswegen. Die Feuerahnen ließen mich damals schon wissen, wem sie diese Figur zugedacht hatten.“

„Nicht das einzige Geschenk, das du ihr heute gemacht hast, nicht wahr?“

„Wieso fragst du?“

„Ich sah in einer meiner Vision einen Meerstein, den sie um den Hals trug. Und ich fragte mich, von wem sie diesen wohl erhalten hat.“

„Der Stein wird sie schützen.“

„Ja, das wird er. Allerdings ist es fraglich, ob die Magie des Steins ausreicht, um sie vor dem Dunklen und dessen Vater zu beschützen. Gibt es noch etwas, was du ihr gegeben hast?“

„Nein. Von mir erhielt sie nur diese beiden Dinge. Aber als sie zu mir kam, hatte sie eine Meeresschnecke dabei, und sie trug einen neuen Armreif.“

Mo seufzte leise und schüttelte den Kopf.

„Was?“, hakte Respa nach.

„Sie hat heute unglaublich viel erlebt, und ich frage mich, wieso ausgerechnet alles auf einmal geschehen musste. Ich meine, sie war schon völlig fertig, als sie bei mir ankam.“

„Sie hat sich dir anvertraut?“

„Ja, Melea kommt oft zu mir, wenn ihr etwas auf der Seele liegt. Aber heute überschlugen sich die Ereignisse, und anstatt sie zu beruhigen, musste ich auch noch Öl ins Feuer gießen.“

„Was hat sie dir denn erzählt?“

„Von ihrer ersten Begegnung mit dem Hai und der Meeresschnecke, die sie kurz zuvor fand. Dann von einem kostbaren Geschenk, das Geralt ihr gemacht hat, und von der Prügelei zwischen ihm und ihrem Vater.

Tja, und als sie mir von dem Hai berichtete, war für mich klar, dass es begonnen hatte. Die erste Gabe hat sich gezeigt. Es ist nun an uns ihr zu helfen, damit umzugehen.“

„Was bezweckte Geralt mit dem Geschenk? Sag jetzt bloß nicht, der Schwerenöter hat ihr einen Antrag gemacht.“

Mo musste unwillkürlich lächeln, weil Respa mehr entsetzt als ärgerlich klang.

„Er machte ihr keinen Antrag. Aber ich denke, es läuft darauf hinaus. Ich gehe davon aus, dass Rion davon ebenso wenig angetan sein wird wie du.“

„Deswegen die Schlägerei?“

„Lea wusste nicht, warum sich die beiden gestritten haben. Und keiner der beiden hat sich bis jetzt dazu geäußert.“

„Oh je, das kann ja noch heiter werden.“

Er nickte und wich etwas zurück, als die Alte ihn plötzlich anfunkelte.

„So! Und jetzt erzählst du mir, wie Melea an einen deiner seltsamen Feuergeister kam.“

„Es sind Ahnen, oder nenn sie meinetwegen Elementare. Lea kam an einen, weil er sich sie ausgesucht hat. Oder, wenn es nach Lea geht, dann war es eine ‚sie‘.“

„Wenn es nach Lea geht? Wie meinst du das?“

„Ich sehe in den Ahnen feurige Kugeln. Auch Geralt, der mit Lea zusammen in das Ritual reinplatzte, sah sie so. Doch Lea erzählte uns, nachdem der Ahne in sie gefahren war und sie aus einer kurzen Bewusstlosigkeit erwachte, etwas anderes. Sie erkannte Gesichter in den feurigen Kugeln, und jene, die sie verfolgte, besaß wohl ein weibliches Antlitz. Und nur einen Lidschlag, bevor sie durch Leas Mund in ihren Körper drang, hat die Frau sie angelächelt.“

„Seltsam!“

„Und da ist noch was. Obwohl Lea in die Nähe mehrerer Ahnen gekommen war und sogar einen verschluckte, machte ihr die Hitze nichts aus. Zudem konnten Geralt und ich beobachten, wie ihre Augen glühend rot aufleuchteten, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwachte. So wie die Augen des Magmarosses, als sie seine Figur berührte.“

„Dann hat sie wohl auch schon eine weitere Gabe erhalten.“

3

Lea stand an der Reling und atmete die kühle Nachtluft ein. Als sie jedoch für einen Moment ihre Augen schloss, sah sie direkt in die tiefschwarzen Augen des Dunklen. Und ganz nah an ihrem Ohr vernahm sie ein finsteres Knurren. Erschrocken riss sie die Augen auf und wandte den Kopf nach links, da von dort das Knurren erklungen war. Aber dort war niemand. Ein eisiger Schauer überlief sie.

„Wie kann das sein?“, fragte sie sich.

Sie tastete über ihren Hals und fühlte stechende Schmerzen.

„Ob dieses Flammenwesen damit zu tun hat?“

Lea zermarterte sich das Hirn, auch über die anderen Dinge, von denen Respa und Mo gesprochen hatten.

„Was hat das bloß alles zu bedeuten?“, flüsterte sie in den Wind.

„Was meinst du?“, fragte Rion, der urplötzlich neben ihr stand.

Lea zuckte zusammen.

„Wo kommst du so plötzlich her?“

„Ich stehe schon eine ganze Weile hinter dir. Aber sag, wie geht es dir? Du siehst mitgenommen aus.“

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es ist so viel passiert in den letzten Stunden.“

Rion legte einen Arm um ihre Schultern.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Ja, natürlich.“

„Wie hast du den Hai dazu gebracht, euch zu helfen? Heute Morgen, das hätte ich noch als glücklichen Zufall gewähnt. Aber als er euch vorhin zum Boot brachte …“

Er unterbrach sich seufzend und bedachte Lea mit einem Kopfschütteln.

„Wenn ich ehrlich sein soll, ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll“, meinte er.

„Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Als ich Getica hinterhergetaucht bin und dieser Fischmann uns in seinen Fängen hatte, habe ich gedanklich um Hilfe gerufen. Der Hai hat mich anscheinend gehört. Er tötete das Wesen und bewahrte uns anschließend vor dem Ertrinken.“

„Geralt hat mir von der Kreatur erzählt. Ich begreife trotzdem nicht, wie dich der Hai verstehen konnte, oder diese seltsame Kreatur.“

Lea warf die Hände in die Luft.

„Ich weiß es doch auch nicht! Am besten fragst du Mowanye. Er meint, ich würde eine Gabe besitzen, die es mir erlaubt, mit Tieren zu sprechen. Ich hielt ihn daraufhin für verrückt, bis er mir mitteilte, dass magische Fähigkeiten vererbt werden können.“

Rion bekam große Augen.

„Vererbt?“

„Weißt du, ob meine Mutter über eine solche Gabe verfügte?“

„Deine Mutter? Ich … weiß nicht“, druckste er herum.

„Du hast mir noch nie etwas über sie erzählt. Warum eigentlich nicht?“

Rion seufzte und wich ihrem Blick aus.

„Ich weiß, Lea. Und es tut mir auch leid. Ich verspreche dir, wenn das hier vorbei ist, werde ich dir alles erzählen.“

„Das würde mich sehr freuen.“

Vorne im Bug schrie plötzlich jemand auf. Rion reagierte sofort und lief los.

„Geh hinunter und bleib dort“, rief er ihr über die Schulter hinweg zu.

Im Fackelschein konnte Lea die Männer sehen, die mit Speeren wild auf etwas einstachen.

„Was ist da los?“, murmelte sie und wandte sich der Luke zum Unterdeck zu, da sie im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm.

Die Abdeckung stand noch offen. Irgendetwas schlängelte sich soeben hindurch und verschwand in der dunklen Öffnung. Lea überlegte nicht lange und sprintete hinterher. Bereits auf der steilen Treppe hörte sie aufgeregte Schreie, dennoch schloss sie die Luke über sich. Dann zog sie den Dolch und polterte eilig die Stufen hinab.

Im Lagerraum liefen die Frauen durcheinander, und Mo kam gerade aus Geralts Kajüte gestürmt.

„Was ist passiert?“, fragte er alarmiert.

Lea achtete nicht auf ihn und fragte die Frauen: „Wo ist es?“

Getica deutete mit zittriger Hand in eine Ecke, in der sich einige aufeinandergestapelte Säcke türmten.

„Hat es euch angegriffen?“, fragte Lea, als sie vor dem Stapel in die Hocke ging. Sie versuchte, das Tier oder was auch immer es war zwischen den Lücken zu entdecken.

„Es klatschte die Treppe runter und ging sofort auf die Kinder los. Susan hat danach getreten, traf es am Kopf und dann verschwand es in der Ecke“, antwortete Livilia.

„Was ist es?“, fragte Lea.

Niemand kam zu einer Antwort, denn in diesem Moment schoss etwas unter einem Sack hervor und auf Lea zu. Sie reagierte, indem sie den Dolch niederfahren ließ. Durch einen glücklichen Treffer nagelte sie es am Boden fest. Es wand sich zischend um den Dolch, und Mo, der neben Lea in die Hocke ging, meinte: „Es hat Ähnlichkeit mit einem Aal.“

Das Tier war gut einen Meter lang und so dick wie Leas Oberarm. Die graue Haut sonderte Unmengen von Schleim ab, aber da hörte die Ähnlichkeit mit einem Aal auch schon auf. Wo normalerweise der Kopf sein sollte, befand sich ein rundes Maul mit hunderten von nadelspitzen Zähnen, die in mehreren Reihen bis in den Rachen hinein reichten.

Mo bückte sich und begutachtete das seltsame Tier genauer.

„Es scheint keine Augen zu haben“, stellte er fest.

Lea stand auf und stellte einen Fuß einige Zoll unterhalb des vor Zähnen starrenden Mauls auf das Wesen. Dann zog sie den Dolch heraus und setzte diesen unmittelbar hinter dem vermeintlichen Kopf an, da, wo sie den Nacken vermutete. Die scharfe Klinge durchtrennte problemlos die ledrige Haut und das Fleisch, doch Lea wartete vergeblich auf den Widerstand der Wirbelsäule.

„Seltsam, das Vieh hat anscheinend keine Knochen im Körper“, meinte sie irritiert.

Der kopflose Körper zuckte und schlängelte sich wild hin und her, als Lea ihren Fuß wegnahm, doch der Kopf lag still. Mit dem Dolch drehte sie diesen auf die andere Seite, und sie sahen in ein großes blaues Auge.

„Es hat ein Auge, um genau zu sein“, sagte Lea und blickte Mo an.

„Gib mir mal einen leeren Sack.“

Mo reichte ihr einen, und Lea warf mit Hilfe des Dolches die Überreste des Wesens hinein und verknotete den Sack.

„Ich teile den Männern mit, wie sie die Viecher töten können“, sagte Lea und sah zu den Frauen, die wieder an der Wand kauerten.

Getica, Livilia und Susan wichen furchtsam ihren Blicken aus. Lea wandte sich Mo zu, der sofort ihre feuchten Augen bemerkte.

„Würdest du hier unten aufpassen?“

„Natürlich, Lea!“

Er beobachtete, wie Lea zur Treppe eilte und sah dann entgeistert zu den Frauen. Als das Geräusch der zufallenden Luke ertönte, schnaufte er verärgert.

„Das kann doch wohl nicht euer Ernst sein. Nur weil sie eine besondere Gabe besitzt, lasst ihr sie jetzt im Stich? Weil sie anders ist? Sie hat euch soeben vor diesem Biest beschützt.“

Er wandte sich Getica zu und herrschte sie erbost an: „Und gerade du! Lea hat vorhin ihr Leben für dich riskiert. Obwohl du sie derart hintergangen hast.“

Die Frau ließ betrübt den Kopf hängen, und er blickte nochmal jede einzelne an.

„Ich muss schon sagen, bei solchen Freunden braucht es keine Feinde mehr. Überlegt mal, was ihr der Kleinen damit antut. Ihr seid wie eine Familie für sie.“

Mo drehte sich zornig um und rannte Respa fast um, die im Türrahmen stand. Sie bedachte ihn mit einem anerkennenden Blick und wollte ihm folgen, als er in Geralts Kajüte verschwand. Respa hielt inne und sagte: „Melea ist etwas ganz Besonderes und hat es nicht verdient, so von euch behandelt zu werden.“

Leas Kleidung triefte vor Blut und Schleim, noch bevor sie einem der Männer begegnete. Sie bewegte sich an der Reling entlang, und sobald sich eines der Biester darüber schlängeln wollte, hackte sie den Kopf ab. So arbeitete sie sich immer weiter vor und traf unterwegs auf Sander, der mit einer Fackel hantierte. Auch er stand an der Reling und verbrannte gerade eines der Wesen, das zischend ins Meer zurückfiel. Als er sie erblickte, grinste er übers ganze Gesicht, da sie gerade einem Wesen den Kopf abschlug.

Lea nickte Sander lächelnd zu und ging weiter, bis sie Matt und Jon entdeckte. Die beiden standen Rücken an Rücken und stachen mit Kurzspeeren auf die Kreaturen ein, was aber wenig Erfolg brachte. Lea rief ihnen zu: „Ihr müsst ihnen die Köpfe abschlagen, oder sie mit Feuer bekämpfen.“

Sie selbst schlug noch einige Köpfe ab, bis sie schließlich bei Geralt, Adaric und Rion ankam. Auch ihnen teilte sie mit, wie die Wesen am besten zu bekämpfen waren und eilte wieder an die Reling.

„Sander ist in der Mitte des Schiffes allein, und im Heck steht niemand“, rief sie über die Schulter hinweg.

„Ich werde Sander helfen“, sagte Adaric sofort und lief los.

Geralt unterließ es, die Biester mit seinem Schwert in mehrere Teile zu zerhacken und hieb jetzt nur noch auf die Köpfe ein. Rion schnappte sich eine Fackel, ließ den Speer fallen und zog sein Messer.

„Ich geh zum Heck“, rief Lea, woraufhin er direkt zu ihr kam.

Eigentlich rechnete sie damit, dass er sie wieder unter Deck schicken würde und war entsprechend überrascht, als er meinte: „Nicht ohne mich!“

Am Heck des Schiffes hatten die beiden noch einmal viel zu tun, bevor die Invasion endlich nachließ und schließlich ganz verebbte. Erschöpft lehnte Lea am Segelmast und blickte zu ihrem Vater auf, der sich mit verschränkten Armen vor ihr aufgebaut hatte.

„Sag mal, solltest du vorhin nicht nach unten gehen?“

„Da war ich, und dort habe ich dem ersten Biest den Kopf abgeschlagen“, sagte sie grinsend.

Rion schüttelte seufzend den Kopf. Matt lachte laut auf.

„Sie ist halt ganz der Vater, ebenso dickköpfig“, sagte er.

Rion drehte sich um und erblickte neben Matt auch die anderen Männer. Abgesehen von Jon grinsten alle breit, zumindest bis Geralt vortrat und Aufgaben verteilte.

„Wir haben noch etwa eine Stunde bis zur Dämmerung. Wir sollten die Zeit nutzen und das Deck säubern. Dort draußen toben hohe Wellen, und die Planken sind glatt von Schleim und Blut. Ich will nicht, dass jemand über Bord geht.“

Jon und Adaric kamen an seine Seite.

„Wir sollten einige Tiere mit aufs Festland nehmen, sozusagen als Beweis.“

Geralt nickte.

„Das ist eine gute Idee. Nehmt euch eine Kiste und sammelt ein paar ein. Und die anderen schnappen sich Eimer und Schrubber.“

Geralt und Rion besahen sich kurz darauf eines der Tiere genauer. Rion begutachtete das runde Maul mit den wulstigen Lippen.

„Sieht aus wie die Kreatur, die sich an den Klippen hochgezogen hat.“

„Es könnten Jungtiere sein“, meinte Geralt.

„Wäre möglich, aber dann durchlaufen sie gerade mal das Larvenstadium. Denk mal an die monströse Größe der Kreatur, die wir gesehen haben“, sagte Rion und drehte das Wesen um.

„Wo kommen diese Biester nur her? Ich habe noch nie ein Tier mit nur einem Auge gesehen, und die Farbe ist unglaublich. Außerdem ist es riesig, es würde bequem meine Handfläche ausfüllen“, stellte Geralt verblüfft fest.

Kopfschüttelnd richtete er sich auf.

„Ich werde den anderen helfen.“

Die Männer hatten sich auf dem Schiff verteilt und säuberten das Deck. Auch Lea nahm einen Eimer und warf diesen an einem Seil ins Wasser. Während sie ihn wieder einholte, durchfuhr ein heftiger Schmerz ihren Oberarm. Zischend zog sie die Luft zwischen den Zähnen ein und ließ das Seil fahren, denn an ihrem Arm zappelte eines der Tiere. Hastig griff sie danach, da es sich um die eigene Achse drehen wollte, um ihr das Fleisch von den Knochen zu reißen. Mit einem unterdrückten Schrei zog sie an dem Tier, welches aber ihren Fingern entglitt. Sofort bäumte es sich erneut auf, um sich zu drehen. Der Schmerz war heftig. Lea schrie auf. Daraufhin kam Geralt angelaufen und starrte schockiert auf ihren Arm.

„Es ist zu glitschig, ich kann es nicht packen“, stöhnte Lea beim nächsten Versuch, das Biest festzuhalten.

Geralt zog sein Hemd aus, nahm sein Messer zur Hand und sah ihr kurz in die Augen.

„Halt still! Ich will dich nicht unnötig verletzen.“

Er nahm sein Hemd, um das Tier festzuhalten, setzte das Messer ein paar Zoll hinter dem Maul an und schnitt blitzschnell den Kopf ab. Den windenden Körper warf er über Bord und hantierte dann mit seinem Messer, um den Kopf von Leas Arm zu lösen. Doch er hielt inne und sah sie aus großen Augen an.

„Ich glaub, das wird wehtun. Das Mistvieh hat sich richtig verbissen.“

Lea betastete den Kopf und versuchte, mit den Fingern unter die Kiefer zu kommen.

„Verdammt, tut das weh. Ich geh runter zu Mo und Respa, vielleicht können die beiden etwas tun.“

„Ja, mach das! Ich sag deinem Vater Bescheid.“

Geralt öffnete die Luke für sie und schloss diese hinter ihr, bevor er zu den Männern lief und von dem Vorfall berichtete.

Bis auf Rion, der direkt unter Deck verschwand, begannen die anderen Männer, jeden Winkel des Schiffes zu durchsuchen.

Rion fand Lea in Geralts Kajüte, wo Mo den Schreibtisch freigemacht hatte und diesen gemeinsam mit Getica in den Raum hineinzog.

„Lea, geht es dir gut?“, fragte Rion.

Er setzte sich neben sie aufs Bett und nahm ihren Arm in Augenschein. Das Biest hatte sich durch den Stoff tief in den Oberarm verbissen. Während er den Kopf betastete, verzog Lea schmerzlich das Gesicht und funkelte ihn ärgerlich an.

„Wenn niemand daran rumfummelt, dann merke ich gar nicht, dass dort etwas ist. Und ja, mir geht es gut“, antwortete sie barsch.

Lea war gereizt, weil jeder unbedingt an dem Kopf ziehen musste, und dies verursachte irrsinnige Schmerzen.

Rion zog seine Hand zurück und wandte sich an Mo.

„Kannst du es entfernen?“

Der Schamane drehte sich zu ihm und warf einen besorgten Blick auf Lea.

„Respa und ich werden es versuchen. Aber du und Getica, ihr wartet besser draußen.“

Wie aufs Stichwort betrat Respa den Raum. Sie trug mit beiden Händen eine Wasserschüssel, und unter ihren Armen klemmten saubere Tücher. Sie wies mit dem Kopf zur Tür.

„Ihr habt ihn gehört. Raus hier und schließt die Tür.“

Nachdem Rion und Getica die Kajüte verlassen hatten, wandte sich Respa an Lea.

„So, und du, mein Kind, legst dich bitte auf den Tisch.“

Lea stand langsam auf und ließ sich zögernd auf dem Tisch nieder.

Respa legte ihre Utensilien auf der Truhe zurecht, und Mo erschien mit einem sehr spitzen Dolch neben dem Tisch. Er blickte Lea mitleidig an.

„Bist du bereit?“

Obwohl sie am liebsten davongelaufen wäre, nickte Lea. Daraufhin kam Respa und drückte ihren Oberkörper hinab, sodass Lea flach auf dem Tisch lag. Dann hielt sie Leas Arm fest und sagte leise: „Am besten guckst du in die andere Richtung.“

Das tat Lea, als Mo den Dolch hob. Doch gegen die Schmerzen half es nicht.

Sie spürte die kalte Spitze der Klinge, und obwohl diese noch nicht mal unter der ersten Zahnreihe war, knirschte Lea mit den Zähnen. Die Schmerzen waren unglaublich, und sie war drauf und dran aufzuspringen, als Respa sagte: „Das bringt nichts!“

Der Schmerz verebbte sofort. Lea atmete tief durch. Dabei beobachtete sie Respa, die ein Tuch fest zusammenrollte und an den Tisch zurückkam.

„Hier, beiß darauf.“

Ohne Umschweife schob sie das Tuch zwischen Leas Zähne und wandte sich wieder an Mo.

„Gib mir den Dolch, und halt sie fest.“

Nachdem sie den Kopf nochmal in Augenschein genommen hatte, setzte sie den Dolch an.

„Ich werde den Kopf in der Mitte teilen. Dann wird es einfacher sein, die Zähne aus dem Fleisch zu ziehen.“

Ihr Vorhaben entpuppte sich als nicht so einfach, da die Klinge ständig auf Zähne traf, die in mehreren Reihen vorhanden waren. Doch letztlich schaffte sie es, und Respa setzte den Dolch erneut an. Es gelang ihr, die Mitte des Kopfes herauszulösen, da es dort keine Zähne gab. Und so sahen sie, wie sehr sich die kreisrunden Kiefer in Leas Arm verbissen hatten. Es waren gleich drei Zahnreihen, und die Zähne waren nach hinten ausgerichtet, sodass sie Leas Fleisch zerfetzen würden, sollten sie diese einfach herausziehen.

Mit zusammengekniffenen Augen besah sich Respa die Zahnreihen und seufzte gequält.

„Was ist los?“, fragte Lea, die das Tuch aus dem Mund genommen hatte.

„Die Zähne sind wie Widerhaken nach hinten gebogen. Ich werde den Kiefer herausschneiden müssen.“

Mo stupste die Alte an und deutete auf eine grünliche Flüssigkeit, die von einigen Zähnen in Leas Wunde tropfte. Ihre Augen weiteten sich daraufhin entsetzt.

„Du musst jetzt die Zähne zusammenbeißen, Lea. Ich muss den Kopf sofort entfernen, er scheint Gift in deinen Körper zu pumpen. Wir können nicht warten, bis wir zum Festland kommen.“

Lea blickte sie aus wässrigen Augen an.

„Tut es, aber bitte schnell“, wisperte sie unter Tränen.

Sie hatte eben schon unglaubliche Schmerzen ausgehalten und dachte, auch dies aushalten zu können. Außerdem wollte sie das Ding einfach nur loswerden.

Respa nickte und rief nach Rion. Sie hatte den Namen noch nicht ausgesprochen, da stand er auch schon in der Tür.

„Du musst Mo helfen und Lea festhalten“, sagte sie.

Rion stellte sich auf die andere Seite des Tisches und legte besorgt eine Hand auf Leas Stirn, während Mo ihr den Stoff zwischen die Zähne klemmte.

„Was habt ihr vor?“, fragte Rion beunruhigt.

„Wir müssen den Kopf herausschneiden, da er Gift in ihren Körper pumpt“, sagte Mo.

„Was? Ihr könnt doch nicht einfach …“

Respa unterbrach Rion und sah ihn streng an.

„Wir haben keine andere Wahl! Ich weiß nicht, um was für ein Gift es sich handelt, und ich will kein Risiko eingehen. Also, seid ihr so weit?“

Rion sah die Alte noch einen Moment schockiert an und ergriff Leas Hand. Mit der anderen fixierte er ihre Schulter auf dem Tisch, und Mo tat es ihm auf der anderen Seite nach.

Lea starrte derweil angestrengt in die braunen Augen ihres Vaters, bis Respa die Klinge ansetzte. Die Spitze des Dolches schrammte an den Zähnen vorbei, und sie spürte, wie die Klinge tief in ihr Fleisch fuhr.

Respa versuchte, so schnell wie möglich zu arbeiten, aber Lea machte es ihr nicht leicht. Und sie war ein wenig verwundert, weil die beiden Männer die junge Frau kaum halten konnten. Lea bäumte sich immer wieder auf und schaffte es öfter als einmal sich aus dem Griff ihres Vaters zu winden. Doch Rion bekam sie immer wieder in den Griff, und letztendlich schaffte Respa es, beide Teile des Kopfes zu entfernen. Leas gedämpfte Schreie verstummten.

Rion legte eine Hand auf ihre tränennasse Wange und befreite sie von dem Tuch, weil sie hektisch atmete und kaum Luft bekam. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich etwas beruhigte.

Derweil riss Respa den Ärmel ab.

„Mo, schnell, Wasser und die Tücher“, forderte sie ihn auf.

Sie säuberte die tiefe und stark blutende Wunde, während Mo ein Tuch in Streifen riss. Danach reichte er Respa einen kleinen Tiegel Salbe, mit der sie einen Stofffetzen bestrich. Diesen legte sie direkt auf die Wunde und bandagierte Leas Oberarm.

„So, das wird erst mal reichen. Sobald wir in Mesura sind, müssen wir uns die Wunde aber nochmal ansehen“, meinte Respa und schob Mo zur Seite, um Lea in die Augen zu sehen.

„Geht es dir gut, Kindchen? Deine Augen sind etwas trüb.“

Lea hielt mühsam weitere Tränen zurück.

„Ja, es geht schon. Ich möchte einfach nur an die frische Luft, mir ist ganz schön warm geworden“, sagte sie leise.

Sie rutschte vom Tisch und musste sich an ihrem Vater festhalten, da ihr schwindelte.

„Sicher, dass es dir gut geht? Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn du dich eine Weile ausruhst“, meinte Rion besorgt.

„Nein, ich muss raus. Mir wird übel!“

„Also gut, ich bringe dich nach oben.“

Er stützte Lea unter den Armen. Sobald die beiden draußen waren, wandte sich Respa an Mo.

„Wir müssen sie im Auge behalten. Wer weiß, was das für ein Gift war.“

„Zumindest nichts Tödliches, sonst käme sie nicht in unseren Visionen vor“, versuchte Mo die Alte zu beruhigen.

„Lass den Blödsinn! Du und auch ich hatten Visionen darüber, was passiert, wenn Lea den Rat nicht überzeugt. Und dass sie ihn nicht überzeugt, könnte durchaus daran liegen, weil sie es nicht mehr kann.“

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere

Medon

1

Leas erster Weg führte an die Reling, wo sie mehrmals erbrechen musste.

„Du solltest dich ausruhen, Lea. Am besten gehst du gleich runter und legst dich eine Weile hin.“

Rion streichelte beruhigend über ihren Rücken. Lea musste erst mal tief durchatmen, bevor sie etwas sagte.

„Ich möchte gerne hier oben bleiben, die kühle Luft tut mir gut.“

Kopfschüttelnd führte Rion sie zum Bug, wo Geralt direkt auf sie zukam.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt, als er Lea ansah.

Rion schüttelte den Kopf und erzählte.

„Respa musste den Kopf rausschneiden, weil das Mistvieh Gift in Leas Körper pumpte. Es war eine äußerst schmerzhafte Prozedur, und jetzt ist ihr übel.“

Geralt beugte sich vor, um Lea in die Augen sehen zu können.

„Dann solltest du dich vielleicht etwas hinlegen.“

Sie verdrehte genervt die Augen und murmelte irgendetwas Unverständliches, woraufhin Rion grinsen musste.

„Glaub mir, dasselbe habe ich ihr auch schon gesagt. Aber sie möchte an der frischen Luft bleiben.“

„Also gut, dann kommt mit“, sagte Geralt seufzend.

Er führte die beiden auf den Aufbau, der von einem niedrigen Holzgeländer umgeben wurde. Sander stand hier oben, mit einem Kurzspeer in der einen und einer Fackel in der anderen Hand, und schien das Steuerrad zu bewachen.

Geralt trat auf ihn zu.

„Ich bringe dir Verstärkung.“

Sander lächelte Lea an, als sie an ihm vorbeiging.

„So, Lea. Hier oben kannst du dich hinsetzen. Und wenn irgendetwas sein sollte, dann schickst du Sander zu uns“, sagte Geralt.

Sie setzte sich tatsächlich direkt hin und lehnte sich mit dem Rücken gegen das nasse Holzgeländer. Dann schluckte sie angestrengt.

„Ja, mach ich!“

Rion ging vor ihr in die Hocke.

„Es dauert nicht mehr lange, gleich sind wir hier weg.“

Geralt nahm Sander zur Seite und sprach leise mit ihm.

„Du hast jetzt eine ganz wichtige Aufgabe. Du musst auf Lea aufpassen. Wenn es ihr schlechter geht oder irgendetwas anderes nicht stimmt, dann sagst du Rion oder mir sofort Bescheid. Schaffst du das?“

„Ja, Sander schafft das!“

Geralt trat nun an Rion heran.

„Komm, wir müssen das Hauptsegel kontrollieren und uns um die Ruder kümmern. Die anderen halten Wache, damit wir keine bösen Überraschungen mehr erleben.“

Die beiden verabschiedeten sich von Lea und machten sich an die Arbeit.

Kaum dass sie fort waren, stöhnte sie leise und legte den Kopf in den Nacken. Ihr war richtig übel, und ihr Arm brannte wie Feuer.

„Dein Hemd ist kaputt! Warum?“, fragte Sander.

Lea räusperte sich und drehte den Kopf zu ihm. Da sie nicht die ganze Geschichte erzählen wollte, sagte sie nur: „Es ist vorhin beim Kampf gegen die Biester kaputtgegangen.“

Er deutete auf den Verband.

„Hast du dir dabei auch wehgetan?“

Wieder blickte sie zu Sander auf, wobei sie einen großen Schatten bemerkte, der über sie hinwegglitt.

„Tut es noch weh?“

„Nein, Sander, es ist alles in Ordnung.“

Mit verengten Augen suchte sie den Himmel ab, und ganz kurz erblickte sie einen weiteren Schatten unter den finsteren Wolkenbergen hinweggleiten.

„Was war das?“, flüsterte sie und sagte: „Hol Geralt oder meinen Vater! Beeil dich!“

Sander hielt erschrocken die Luft an.

„Geht es dir wieder schlecht?“

„Sander, tu einfach, was ich dir sage. Sofort“, rief sie.

Erschrocken ging er ein paar Schritte rückwärts und prallte gegen etwas. Lea bekam große Augen, denn es sah so aus, als würden ihm Flügel wachsen. Dann erhob sich eine große Gestalt hinter ihm.

„Renn weg!“, schrie sie ihn an.

Sander drehte sich langsam zu dem Hindernis um. Seine Fackel spiegelte sich im schwarzem Metall eines Brustpanzers. Als er die Fackel höher hielt, sah Lea fasziniert und entsetzt zugleich dabei zu, was sich ihnen offenbarte. Oberhalb des Brustpanzers kam ein kräftiger Hals mit wulstigen Muskelsträngen zum Vorschein, dann ein breites Kinn und ein hämisch grinsender Mund, der lange Eckzähne entblößte. Diese stachen weiß hervor, da die Haut der Kreatur nachtschwarz war. Zudem musste Sander seinen Arm fast ganz ausstrecken, um das Gesicht der Kreatur zu beleuchten. Aber das war zu viel für ihn. Abrupt ließ er die Fackel sinken, wobei das flackernde Licht die riesigen, abgespreizten Schwingen der Kreatur aus der Dunkelheit riss.

Sander ließ die Fackel fallen, drehte sich zu Lea um und machte einen Schritt in ihre Richtung. Dies ließ sie aus ihrer Erstarrung erwachen, und sie stand hastig auf. Dann ging alles blitzschnell.

Sander wurde von hinten gepackt, verlor den Boden unter den Füßen, und Lea brüllte aus Leibeskräften.

„Nein!“

Sie rannte auf ihn zu, sprang hoch und klammerte sich an Sanders Schultern fest.

„Wir brauchen Hilfe!“, schrie sie.

Die Kreatur musste unglaublich stark sein, denn sie erhob sich weiter in die Luft und hielt sich nun, trotz des Gewichtes, ein paar Meter über dem Schiff. Allerdings gewann er nicht sehr schnell an Höhe.

Die schwarzen Schwingen erzeugten beachtlichen Wind. Lea musste ihre Augen zusammenkneifen.

„Melea, lass ihn los“, brüllte ihr Vater von unten.

„Nein, niemals“, schrie sie.

Dabei sah sie in Sanders Augen. Sie würde diesen ängstlichen Blick wohl niemals vergessen.

„Keine Angst, ich lasse dich nicht allein. Wir schaffen das“, versuchte sie, ihn zu beruhigen.

Allerdings ließ ihre Kraft allmählich nach. Sie zog sich mühsam noch ein Stück höher. Vor Schmerzen stöhnte sie auf. Aber sie schaffte es, Sanders Oberkörper mit ihren Beinen zu umklammern. So hatte sie mehr Halt und konnte zumindest einen Arm nutzen. Sofort ballte sie ihre Hand zur Faust und schlug nach dem Kopf der Kreatur. Die Schmerzen, die ihr dabei durch den Arm schossen, versuchte sie zu ignorieren. Sie vergaß diese tatsächlich, als sie plötzlich das Gesicht des Wesens sehen konnte. Und dessen amüsiertes Grinsen. Dies veranlasste Lea, erneut zuzuschlagen. Sie landete einen Treffer auf der Nase. Außer einem unwilligen Knurren und dem Erlöschen seines Grinsens erfolgte jedoch keine weitere Reaktion.

Also holte Lea erneut aus, doch dieses Mal fing er ihre Hand ab. Sander rutschte ein Stück nach unten.

Die Kreatur hielt Sanders und ihr Gewicht jetzt nur noch mit einem Arm.

„Melea, lass endlich los“, brüllte ihr Vater wieder.

Der Geflügelte löste ihre Hand, ergriff grob ihr Kinn und zwang sie, in sein Gesicht zu sehen.

„Dich werde ich mitnehmen. Wir werden eine Menge Spaß miteinander haben, kleine Schönheit“, grollte er mit tiefer Stimme.

„Ganz sicher nicht“, keuchte Lea.

Er hob Sander und somit auch sie höher, und Leas Gedanken überschlugen sich. Angespannt suchte sie nach einer Lösung, doch Sander wimmerte in einem fort, und unter ihnen herrschte das reine Chaos. Alle schrien durcheinander. Jon brüllte nach seinem Sohn, und Geralt und Rion riefen nach ihr. Das alles bekam sie mit, während sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch dann verschwanden die Geräusche plötzlich, und sie vernahm das Pochen ihres Herzens. Es dröhnte fast schon in ihren Ohren, als sie beobachtete, wie der Geflügelte den Mund aufriss, seine kräftigen Eckzähne entblößte und diese in Sanders Nacken rammte. Ihr Herz setzte aus. Als sie Sanders Namen brüllte, vernahm sie wieder die normale Geräuschkulisse. Und das Schmatzen des Geflügelten, der genüsslich Sanders Blut trank. Dabei hielt er immer noch ihren Kiefer fest, und es schien ihm nicht im Geringsten etwas auszumachen, dass sie nach ihm schlug und sogar seinen Unterarm aufkratzte.

„Hör auf, du Bestie!“, schrie sie.

Seine kalten Augen, mit denen er sie die ganze Zeit anstarrte, funkelten amüsiert. Heiße Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie zu Sander schielte, der leise stöhnte.

„Bitte, lass ihn gehen“, presste sie mühsam hervor, da der Griff der Kreatur um ihr Kinn fester wurde.

Es war zu spät. Sanders Kopf fiel haltlos nach vorn, und Lea sah entsetzt den zerfleischten Nacken. Der Geflügelte lachte, als Lea zu würgen begann.

„Verzeih, wie unhöflich von mir! Willst du auch was?“

Er ließ ihr Kinn los, packte stattdessen ihren Hinterkopf und drückte ihr Gesicht in die blutende Wunde. Lea schrie gedämpft und schlug auf ihn ein, was jedoch nichts brachte. Sie krallte ihre Finger in seine langen Haare und riss heftig daran. Endlich nahm er seine Pranke fort, aber dafür ließ er Sander los und legte seinen Arm um ihre Körpermitte.

Lea stöhnte auf, hielt Sander aber noch mit ihren Beinen fest. Zornig sah sie zu dem Biest auf. In dem Moment spürte sie, dass jemand an ihrem Hosenbein zog. Das rückte jedoch in den Hintergrund, als der Geflügelte nach ihrem verletzten Oberarm griff. Er drückte unerbittlich zu, aber Lea tat ihm nicht den Gefallen, zu schreien. Sie presste die Kiefer so hart aufeinander, dass diese protestierend knirschten. Die Schmerzen nahmen zu, als er nun auch noch die Kralle seines Daumens in den Verband drückte.

Lea kämpfte darum, nicht besinnungslos zu werden. Dabei half ihr der Geflügelte, denn er schürte ihre Wut, als er sagte: „Lass ihn los! Ich brauche Platz für die nächste Mahlzeit.“

„Niemals, du elender Mistkerl“, giftete sie ihn unter Tränen an.

Lea wusste, dass sie verloren wäre, sobald sie Sander losließ. Außerdem wollte sie nicht herausfinden, ob er sich sofort ein neues Opfer holen würde.

Der Geflügelte lachte dunkel.

„Mistkerl? Du kannst mich ruhig bei meinem Namen nennen. Man nennt mich Medon.“

„Mistkerl passt besser zu dir“, keuchte Lea.

„Hoffentlich fällt den anderen langsam mal was ein“, dachte sie gequält.

Genüsslich leckte sich Medon mit seiner schwarzen Zunge über die Lippen.

„Außer seinen Augen und den Zähnen ist alles schwarz an ihm“, dachte Lea.

Er hielt ihren Arm noch immer fest gepackt. Seine Augen funkelten vergnügt, als er fragte: „Es hat dir gefallen, nicht wahr?“

Jemand schlug mit einem Gegenstand gegen Leas Bein.

„Na endlich“, dachte sie erleichtert.

Um den Gegenstand greifen zu können, musste sie allerdings den Arm lösen, mit dem sie Sander am Hemdkragen festhielt. Und sie befürchtete, da ihre Beine heftig zitterten und die Muskeln mit jedem Lidschlag mehr verkrampften, dass sie ihn dann nicht mehr halten könnte. Aber es war ihre einzige Chance. Sie nahm alle Kraftreserven zusammen, als sie ihre Hand löste und ganz langsam den Arm ausstreckte. Sie ertastete etwas Heißes. Ein leiser Fluch folgte, und als sich der Geflügelte anspannte und über Leas Schulter nach unten schauen wollte, ließ sie ­Sander los. Dies veranlasste Medon zu einem hämischen Grinsen, doch bevor er Sanders Absturz kommentieren konnte, riss Lea ihren Arm hoch.

„Mistkerl!“, schrie Lea und rammte ihm die brennende Fackel ins Gesicht. Medon brüllte gepeinigt, schlug mit beiden Händen nach der Fackel, und Lea stürzte wie ein Stein in die Tiefe. Der Sturz dauerte keinen Lidschlag. Sie wurde von jemandem aufgefangen, der mit ihr zu Boden ging.

Hastig rollte sie sich zur Seite und erblickte in vier Metern Höhe Medon. Er brüllte schmerzerfüllt und wutentbrannt zugleich, schlug kraftvoll mit den Flügeln und verschwand aus ihrem Sichtfeld.

Lea sah sich hektisch um und entdeckte Geralt, der wankend auf dem Geländer stand. Er hatte ihr wohl die Fackel gereicht. Matt, Adaric und Jon standen, mit Speeren und Fackeln bewaffnet, um das Steuerrad herum. Dann fiel ihr Blick auf ihren Vater, der neben ihr lag und sich soeben aufrappelte.

„Er hat mich aufgefangen“, dachte sie noch, bevor er sie ungestüm umarmte.

Er schob sie jedoch schnell wieder von sich. Seine Augen weiteten sich, bevor er entsetzt flüsterte: „Du bist verletzt!“

Rion fuhr mit dem Daumen sanft über ihr Gesicht, und Lea bekam feuchte Augen, weil sie direkt an Sander denken musste.

„Es ist nicht mein Blut.“

Über ihnen erklang das Rauschen mächtiger Schwingen. Ein furchterregendes Brüllen ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Rion sprang sofort auf und zog Lea auf die Füße.

„Hebt die Fackeln, er kommt zurück“, rief er.

Medon rauschte über die anderen Männer hinweg. Rion schob Lea direkt hinter sich, hob den Speer und stach blitzschnell zu. Just in dem Moment, als Medon vor ihm landete. Die Speerspitze drang tief in den Hals der Kreatur ein, und Rion riss sie direkt wieder heraus. Dann fiel er auf ein Knie, so dass Medons niedergehende Pranke knapp über seinen Kopf hinwegrauschte.

Derweil stachen die anderen Männer auf Medons Rücken ein, aber die ausgebreiteten Flügel und das dichte Federkleid schützten ihn vor schwerwiegenden Verletzungen. Erst als Geralt sein Schwert zog, hervorsprang und die Klinge in die Wade des Geflügelten stieß, erhielten sie dessen Aufmerksamkeit. Unerwartet schnell drehte er sich, brachte Geralt mit einem Flügel zu Fall und entriss ihm das Schwert. Dabei schnitt er sich selbst die halbe Wade auf, was Medon jedoch kaum zu spüren schien. Er kam sofort wieder hoch und trat mit voller Wucht gegen Geralts Brustkorb. Der rutschte einige Meter über die Planken, bevor er unsanft vom Steuerrad gebremst wurde.

Medon ließ das Schwert achtlos fallen, spreizte die Flügel und fegte Jon, Adaric und Matt von den Füßen, bevor er sich zu Rion und Lea umdrehte.

Rion duckte sich unter einer niedergehenden Pranke hinweg und hob direkt den Speer, um auf Medons Kopf einzustechen. Dieses Mal fing der Geflügelte den Speer jedoch ab, zog kraftvoll daran und schickte Rion mit einem brutalen Schlag seiner Rückhand zu Boden.

Lea fiel neben ihrem Vater auf die Knie, rüttelte an seiner Schulter, jedoch vergeblich. Ihr Vater war bewusstlos, und als Medon sich zu ihr beugte, sprang sie hastig auf die Füße.

„Was willst du von uns?“, brüllte sie und wich zurück, weg von ihrem Vater.

Einen Moment lang verharrte seine klauenbeschwerte Hand über Rions Kopf, bis Lea erneut brüllte.

„Verschwinde, du widerliches Scheusal!“

Sofort richtete er sich auf. Lea schaute entsetzt zu Geralt, der sich an Medon vorbeischieben wollte, doch dieser schickte ihn erneut zu Boden, indem er nur kurz den Flügel hob.

Lea hatte inzwischen das Geländer erreicht und wollte sich daran entlang schieben, was Medon direkt mit seinen Flügeln unterband. Auch die andere Seite versperrte er. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um in sein Gesicht zu sehen. Dieses lag im Schatten, dennoch fiel ihr erst jetzt auf, wie groß er war. Er maß gute drei Meter, und mit ausgebreiteten Schwingen nahm er den gesamten Aufbau des Schiffes ein. Außerdem fiel Lea auf, dass er nun alles andere als amüsiert war. Sein furchteinflößendes Knurren ging ihr durch und durch, als er sich vorbeugte und ihre Oberarme packte. Dieses Mal vermochte sie es nicht, einen Schrei zu unterdrücken, da er zielgenau zwei Krallen in ihre Wunde presste und immer tiefer hineindrückte. Dabei hob er sie empor. Lea vergaß den Schmerz, als sie sein Gesicht erblickte. Die linke Hälfte war eine blutige Masse, wahrscheinlich, weil er sich die Brandblasen aufgekratzt hatte. Das Auge war als solches nicht mehr zu erkennen.

„Das wollte ich nicht“, flüsterte Lea schockiert.

Medon erwiderte nichts darauf, schloss allerdings seine Pranke noch fester um ihre Wunde, sodass die Krallen ihren Arm vollständig durchbohrten.

Lea wurde schwarz vor Augen. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Kopf auf seine Schulter fiel. Aber sie schaffte es irgendwie, bei Bewusstsein zu bleiben und sogar ihre Augen zu öffnen. Sie sah dabei direkt in Geralts Augen, der voller Sorge zu ihr hochschaute. Matt und er waren dabei, den Inhalt zweier Öllampen auf Medons Schwingen zu gießen, was sie entsetzt zur Kenntnis nahm.

„Nein“, keuchte sie.

Medon riss ihren Kopf an den Haaren zurück und presste sie mit einem Arm an sich.

„Siehst du meine Gedanken?“, fragte er knurrend.

„Was? Wie meinst du das?“

„Ist jetzt egal! Ich habe mich entschieden, dir dein Leben zu nehmen. Und niemand wird mich davon abhalten.“

Lea stemmte eine Hand gegen sein Kinn und nahm die zweite zur Hilfe, um seinen Kopf wegzudrücken, was Medon jedoch ziemlich unbeeindruckt ließ. Er entblößte seine Zähne. Diese näherten sich unaufhaltsam ihrem Hals.

„Verabschiede dich von deinen jämmerlichen Freunden. Obwohl, das ist gar nicht nötig. Sie werden dir in Kürze folgen.“

„Das bezweifle ich. Und ich hoffe, du kannst schwimmen, denn fliegen wirst du ganz sicher nicht mehr.“

Er gab einen verwunderten Laut von sich und legte sogar den Kopf etwas schief. Doch dann sog er witternd die Luft ein und knurrte aufgebracht, als er den Ölgeruch wahrnahm. Ruckartig drehte er sich um, jedoch zu spät.

Jon hatte die brennende Fackel bereits geworfen, und die schwarzen Federn seiner Schwingen standen bald lichterloh in Flammen.

Alle Männer warfen sich auf den Boden, als sich der Geflügelte im Kreis drehte. Dabei brüllte er aus Leibeskräften und schleuderte Lea gegen das Steuerrad, an dem sie benommen liegenblieb. Allerdings sah sie noch, wie er sich abstieß, ein paar Meter an Höhe gewann und dann wie ein Stein ins Meer stürzte.

Geralt fiel vor Lea auf die Knie und zog sie in seine Arme.

„Ich bin fast gestorben vor Angst. Ich dachte, ich würde dich verlieren“, keuchte er.

Sie spürte sein rasendes Herz, aber noch viel mehr die Prellungen an ihrem Rücken. Sie schob ihn ein Stück zurück.

„Hilfst du mir bitte hoch?“

Mit Geralts Hilfe kam sie auf die Füße. Kaum dass sie stand, fiel ihr Blick auf ihren Vater.

Der lag immer noch am Boden, und Geralt konnte nicht so schnell reagieren wie Lea loslief. Es waren nur wenige Schritte, bei denen sie heftig schwankte. Es war wohl eher nicht beabsichtigt, dass sie neben Rion hart auf die Knie stürzte. Doch sie gab keinen Schmerzlaut von sich und legte eine Hand auf Rions Wange, der daraufhin hochschreckte.

„Das Meer hat den Bastard einbehalten.“

Geralt drehte den Kopf zu Adaric, der ihm dies mitgeteilt hatte, und sah dann kurz zum Geländer, an dem Matt stand. Mit einer Fackel, die er an einem langen Speer befestigt hatte, leuchtete er das Wasser ab.

„Allerdings konnten wir einen Schwarm von den Biestern sehen. Sie bewegten sich knapp unter der Oberfläche, und so wie es aussieht, ziehen sie Kreise um dein Schiff. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, sie warten nur auf den Befehl zum Angriff.“

„Wird höchste Zeit zu verschwinden“, sagte Geralt, als plötzlich jemand aufschluchzte.

Alle sahen zu Jon, der über der Leiche seines Sohnes kauerte und bittere Tränen vergoss.

Tränen rannen auch über Leas Wangen, als sie hinter Jon zum Stehen kam und zögerlich eine Hand auf seine Schulter legte.

„Es tut mir so schrecklich leid“, flüsterte sie.

Unwirsch schüttelte Jon ihre Hand ab, sprang auf die Füße und schrie Lea an.

„Das ist alles deine Schuld!“

Sie wich erschrocken vor ihm zurück, doch er folgte ihr und hob sogar einen Speer auf. Adaric errang als erster die Fassung zurück und hielt Jon am Arm fest. Geralt baute sich schützend vor Lea auf.

„Verfluchte Hexe! Nur ihretwegen ist er jetzt tot!“, brüllte Jon zornig.

Rion führte Lea ein Stück weg.

„Er meint es nicht so. Die Trauer trübt seinen Verstand.“

„Jon meint es genau so, wie er es sagt“, sagte sie unter Tränen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie hinter dem Handgemenge zwischen Geralt und Jon eine Bewegung. Als sie dort hinsah, keuchte Lea entsetzt auf.

„Das kann nicht sein“, flüsterte sie.

„Was ist los?“, fragte Rion und folgte ihrem Blick.

Hastig zog er sie ein paar Schritte fort.

„Das ist unmöglich“, sagte er schockiert.

2

Geralt und Adaric ließen Jon entgeistert los und wichen ebenfalls zurück.

„Aus welchem Grund schreist du so, Vater?“

Jon drehte sich langsam um, starrte seinen Sohn an und sackte zusammen. Geralt ging neben Jon in die Hocke, wobei er Sander im Auge behielt. Der kam langsam näher, schaute in die Runde und dann auf seinen Vater herab, der bereits wieder zu sich kam.

„Stimmt etwas nicht? Ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen“, fragte Sander verunsichert.

Lea ging auf Sander zu, wobei sie ihren Vater ignorierte, der ihr zuraunte:„Nicht, Lea!“

Er wollte sie festhalten, doch Lea ließ sich nicht beirren und schüttelte seine Hand ab. Währenddessen half Geralt Jon auf die Füße, der sich nun auch ein Herz fasste und seinen Sohn ungestüm umarmte.

„Du lebst! Den Göttern sei Dank, du lebst!“

Lea blieb zwei Schritte vor Sander stehen und schaute ihn aus schmalen Augen an. Auch er sah sie über Jons Schulter hinweg an und schob seinen Vater von sich, bevor er fragte: „Kannst du mir sagen, was geschehen ist? Ich verstehe das alles nicht. Ich fühle mich so seltsam.“

Lea räusperte sich und schluckte schwer.

„Erinnerst du dich an die geflügelte Kreatur? Sie hat dich angegriffen.“

Er legte den Kopf schief und schien nachzudenken, bis sich Jon vor ihm aufbaute. Mit seinem Zeigefinger fuchtelte er vor Leas Nase herum und sah sie bitterböse an.

„Du wirst dich von Sander fernhalten, du verdammte Hexe. Deinetwegen ist er fast gestorben. Wenn ich dich noch einmal in seiner Nähe sehe, dann …“

Geralt trat neben Lea, schlug Jons Hand weg und sagte zornig: „Bist du jetzt total überschnappt? Lea versuchte alles, um Sander zu retten und hätte dafür fast mit dem Leben bezahlt.“

Geralt legte einen Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich.

„Und noch was, Jon. Wenn du ihr noch einmal drohst, dann vergesse ich mich“, fügte Geralt gefährlich leise hinzu.

Jon zitterte vor Wut und wollte gerade auf Geralt losgehen, als Sander eine Hand auf seine Schulter legte. Mühelos zog er seinen Vater einige Schritte zurück.

„Geralt hat Recht, Lea hat mein Leben gerettet. Als der Geflügelte mich packte, ist sie an mir hochgesprungen und behinderte ihn mit dem zusätzlichen Gewicht.“

Jon baute sich nun vor Sander auf.

„Widersprich mir nicht, Junge! Ich weiß, was ich gesehen und gehört habe. Er wollte ‚sie‘.“

Sander zuckte die Achseln.

„Vielleicht, nachdem er mich ausgeschaltet hatte. Aber vorher wollte er Lea nur leiden sehen, er fand dies äußerst amüsant. Ich erinnere mich jetzt wieder an alles.“

Jon hob seine Hand zum Schlag, doch Sander fing sie ab und sah seinem Vater fest in die Augen.

„Das wirst du nie wieder tun, Jon. Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, nachdem mich diese Kreatur gebissen hat, aber es hat mich verändert. Ich sehe plötzlich alles viel klarer.“

Jon stolperte einige Schritte zurück, schaute seinen Sohn noch einen Moment lang verwirrt an und eilte dann vom Aufbau hinunter.

Rion zog Geralt zur Seite und flüsterte mit ihm. Auch Adaric und Matt tuschelten miteinander. Lea bemerkte dabei die Blicke, die sie Sander zuwarfen. Sie nahm seine Hand, um mit ihm zum Geländer zu gehen. Dort setzte sie sich auf den Boden und stöhnte leise auf.

Sie spürte jeden Knochen im Leib, und vor allem ihr Arm schmerzte fürchterlich.

Sander hockte sich mit untergeschlagenen Beinen vor sie.

„Darf ich mal deinen Nacken sehen?“, fragte Lea leise.

Es dauerte einen Moment, doch dann beugte er seinen Kopf, und Lea schob vorsichtig das blutgetränkte Hemd zur Seite.

„Unfassbar! Es ist rein gar nichts zu sehen. Wie ist das nur ­möglich?“

Lea sank wieder zurück und schaute ihn verwundert an.

„Kannst du dich an etwas erinnern, nachdem er dich gebissen hat?“

„Nein. Seit meinem Erwachen fühle ich mich ganz seltsam. Alles ist viel klarer und … ich weiß auch nicht“, seufzte er.

Lea nahm seine Hand und drückte sie.

„Mach dir keine Gedanken! Vielleicht solltest du mal mit Mo und Respa sprechen?

Könnte sein, dass die beiden wissen, was mit dir geschehen ist.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Sander.

Lea zuckte mit den Schultern.

„Die beiden hatten seltsame Visionen. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, dann kann man diesen nicht unbedingt Glauben schenken.“

„Visionen? Was haben sie dir darüber erzählt?“

Mit einem Mal wurde Lea unglaublich müde, sodass ihr fast die Augen zufielen.

„Ich soll die geeinten Reiche und Torgulas von einem Bündnis überzeugen. Denn so, wie die beiden sagten, können die Reiche nur gemeinsam gegen diese Kreaturen bestehen. Außerdem werde ich wahrscheinlich dem Mann mit den schwarzen Augen wiederbegegnen. Er hatte so einen seltsamen Geruch an sich. Er war nicht unangenehm, aber irgendwie merkwürdig“, erzählte sie leise.

„Wer ist der Mann?“

Lea schlug die Augen auf, sah ihn verdattert an und schüttelte dann seufzend den Kopf.

„Tut mir leid, Sander. Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist.“

„Du siehst schlecht aus, Lea. Ich hole dir Wasser und eine Decke, du zitterst am ganzen Leib. Oder soll ich dich runterbringen?“

„Nein, das ist lieb von dir. Aber hier draußen fühle ich mich wohler. Ich mag keine engen Räume.“

„Na gut, dann hole ich dir ein paar Sachen.“

Er stand auf und verschwand nach unten. Keinen Herzschlag später hockten Rion und Geralt vor ihr.

„Meinst du, er ist ungefährlich? Was ist, wenn er ein Wiedergänger ist oder so was“, fragte Geralt.

Lea schüttelte erschöpft den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass wir ihn fürchten müssen. Auch wenn ich nicht verstehe, wieso er plötzlich mehr Verstand zu besitzen scheint als so manch anderer hier.“

Ein Ruck ging plötzlich durch das Schiff. Geralt erhob sich.

„Es geht los! Adaric hat den Anker gelichtet, ich muss ans Steuerrad. Rion, du könntest mit Adaric das Segel setzen. Danach werdet ihr mit Matt und Jon versuchen, uns vom Riff fernzuhalten. Für den Zweck liegen an der Reling lange Stangen.“

Geralt schaute Lea besorgt an und hockte sich wieder vor sie.

„Ich bin gleich hier vorne, falls etwas sein sollte.“

Rion strich über ihren Kopf.

„Gleich sind wir endlich hier weg.“

Die beiden gingen nun eilig davon, und Lea schaute zum Himmel empor.

„Hoffentlich ist es noch nicht zu spät“, flüsterte sie.

Sander interpretierte ihren Blick falsch, als er wieder bei ihr war.

„Glaubst du, er kommt zurück?“

Er reichte ihr eine Decke und einen vollen Wasserbeutel.

„Nein, ich denke er ist tot“, antwortete sie leise.

„Würdest du mir erzählen, was passiert ist, nachdem er mich gebissen hat?“

Lea nickte und berichtete ihm, was geschehen war.

Geralt stand am Steuerrad und drehte sich ständig zu Lea um. Es tat ihm in der Seele weh, sie so zu sehen. Ihr Gesicht war blutverschmiert und verdeckte schlimme Prellungen, die zum Teil von Rions Schlag herrührten. Auch der Geflügelte hatte reichlich Spuren hinterlassen.

Das Schiff fing plötzlich an zu bocken, und Lea erhob sich wankend.

Zur rechten und linken Seite des Schiffs ragten hohe Felsklippen empor, aber es waren jene unter Wasser, die ihnen gefährlich werden konnten. Bei dem herrschenden Wellengang würden sie mehr als Glück brauchen, um heil durchzukommen. Aber auch wenn Geralt die Ausfahrt der Bucht meistern würde – direkt hinter den Felsen wartete das Riff. Dieses bei dem Wetter zu überqueren grenzte an Selbstmord.

„Das ist Irrsinn, das schaffen wir nie.“

„Wenn es einer schafft, dann Geralt“, versuchte Sander, sie zu beruhigen. Dabei sah sie zu Geralt. Der schien all seine Kraft aufbringen zu müssen, um das Steuerrad zu halten. Sein Hemd spannte sich über den Muskelbergen, die sich darunter erhoben.

„Die Felsen haben wir geschafft“, meinte Sander.

Lea löste ihren Blick von Geralt.

„Es dauert nicht mehr lange, bis wir im tiefen Wasser sind“, sagte sie.

Mo stöhnte neben ihr.

„Na hoffentlich. Das heftige Schaukeln halte ich nicht mehr lange aus.“

Lea erschrak und schaute ihn verwirrt an.

„Wo kommst du denn so plötzlich her?“

Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie sich zu ihm drehte.

„Eine Weile“, murmelte er und legte eine Hand an Leas Wange.

„Was ist denn mit dir geschehen? Wieso bist du voller Blut?“

„Hast du ihnen nicht erzählt, was hier oben los war?“, fragte sie Sander.

„Als ich nach unten wollte, sah ich Mo an der Reling, wo er ausgiebig kotzte. Dabei wollte ich ihn nicht stören. Deshalb bin ich runter und habe mit Respa gesprochen. Die schickte mich wieder hoch, um Mo zu holen. Doch er war noch nicht fertig damit, die Fische zu füttern. Darum kam ich erst mal zurück.“ Lea musste grinsen, da Mo von ihr abgelassen hatte und stattdessen Sander genau in Augenschein nahm. Mit Daumen und Zeigefinger zog er dessen Lider auseinander, um in die Augen des jungen Mannes zu glotzen.

„Hast du Respa denn Bescheid gesagt?“

„Nein! Ich hatte keine Lust auf weitere Untersuchungen, denn sie reagierte genauso wie Mo jetzt. Nur, dass sie auch an meinen Ohren zog, um hineinzusehen, und meinen Mund aufzwang. Als ob sich darin die Antwort befinden würde, die meine Wandlung erklärt.“

„Unglaublich“, flüsterte Mo, wobei er eine Hand auf Sanders Stirn legte.

Aber seine Untersuchung wurde jäh unterbrochen, als Sander ihn zur Seite schob und an das Geländer trat.

„Seht nur, was ist das?“

Wegen des großen Segels konnte Lea nur einen kleinen Ausschnitt des Strandes erkennen. Was sie im morgendlichen Dämmerlicht erblickte, raubte ihr allerdings den Atem.

„Sind das die Kreaturen, die seinerzeit auch deine Insel eingenommen haben?“

Mo trat neben sie. Seine Stimme zitterte ein wenig, als er antwortete.

„Ja, Lea. Allerdings ist kein geflügeltes Wesen unter ihnen, so wie ich es in Ruls sah.“

„Eines war hier, was aber nicht genau deiner Beschreibung entsprach. Seine Haare waren nicht schneeweiß, sondern schwarz. Das bedeutet wohl, dass es nicht nur eines davon gibt?“

„War?“, hakte Mo atemlos nach.

Er bemerkte Leas Hände, mit denen sie sich verkrampft an der Reling festhielt, und ihm fiel ihr schwerer Atem auf.

„Was ist geschehen?“, fragte er Sander, da Lea nicht antwortete.

„Sander, du musst mir helfen“, rief Geralt plötzlich.

In dem Moment neigte sich Geralts Schiff „Die Seeschlange“ extrem zur Seite. Mo und Lea beobachteten, wie Sander schlitternd bei Geralt ankam.

Gemeinsam stemmten sich die beiden gegen das Steuerrad, bekamen es aber auch zu zweit kaum gehalten.

„Die Rückströmung muss wahnsinnig stark sein“, meinte Lea.

Ihr Blick wanderte zu den anderen Männern, die unter ihnen an der Reling standen. Mit dicken Holzstangen versuchten sie, die Seeschlange von den spitzen Felsen des Riffs fernzuhalten, die sich knapp unter der Wasseroberfläche verbargen. Dann ging ein heftiger Ruck durchs Schiff, als der Wind mit voller Wucht ins Hauptsegel griff.

„Wir haben es geschafft“, flüsterte Lea.

Doch Mo war nicht mehr neben ihr. Er hatte sich nicht mehr halten können und rutschte auf dem Hintern über die Planken, wobei ihn die heftigen Wellen sämtliche Ecken des Aufbaus besuchen ließen.

Lea bewegte sich langsam auf ihn zu. Normalerweise bereitete ihr ein solcher Wellengang keine Probleme, doch ihr Befinden machte ihr immer mehr zu schaffen. Allein sich auf den Beinen zu halten bereitete ihr gewaltige Mühe. Und als sie endlich bei Mo ankam, fehlte ihr die Kraft, ihm aufzuhelfen. Sie schaffte es allerdings, sich am Geländer festzuhalten und seine Hand zu ergreifen, als er an ihr vorbeischlitterte. Dies führte dazu, dass er gegen das Geländer krachte. Er hielt sich direkt fest, und wenig später stand er neben ihr.

„Danke, du hast mein Leben gerettet“, sagte er grinsend.

Das Grinsen verging Mo jedoch, als er Lea anblickte, die sämtliche Farbe eingebüßt hatte und am ganzen Leib zitterte. Bevor er etwas sagen konnte, wurde die Seeschlange von einer hohen Welle getroffen und überspült.

Das eiskalte Wasser traf die Männer unten wie ein Hammerschlag. Sie hielten sich verzweifelt an der Reling fest. Auch Mo klammerte sich an das Geländer, wobei er Lea zwischen seinen Armen hielt. Eine weitere Welle traf das Schiff, zwar nicht ganz so heftig, aber die Wucht reichte für eine weitere eisige Dusche.

3

Allmählich wurde die Fahrt ruhiger, und Mo schaute erleichtert zu Geralt. Er hatte es geschafft, das Schiff in die Wellen und in tiefes Wasser zu steuern.

„Ich bringe dich unter Deck, Lea“, sagte Mo besorgt, da sie sich schwer auf seinen Arm stützte.

Sie drehte sich zu ihm, wandte dann aber hastig den Kopf zu Seite.

„Was ist los?“

Mos Frage erübrigte sich, als Lea zu würgen anfing. Er half ihr eilig die Stufen hinab zur Reling. Dort erbrach sie sich mehrmals, und als sie sich völlig fertig umdrehte, erblickte sie einige verschwommene Gesichter.

„Geht es dir etwas besser?“, hörte sie ihren Vater fragen.

Außer einem Nicken brachte Lea nichts zustande. Es ging ihr richtig schlecht, was sie ihrem Vater aber nicht sagen wollte.

Ihr Arm pochte, und ein fieser kleiner Kobold schien sich einen Spaß daraus zu machen, mit einem Messer in der Wunde herumzurühren. Zudem plagten sie heftige Kopfschmerzen, und ihr Magen rebellierte bei jedem Atemzug.

Jemand drückte ihr einen Wasserbeutel in die Hand, den Lea dankbar annahm. Sie trank und verschluckte sich prompt. Hustend und würgend kämpfte sie gegen den Drang an, sich erneut übergeben zu müssen.

Mo trat an ihre Seite.

„Du gefällst mir gar nicht. Ich werde mir die Wunde nochmal anschauen, hoffentlich hat sie sich nicht entzündet“, sagte er.

„Schiffe! Seht nur, dort sind eine Menge Schiffe“, hörten sie plötzlich Matt rufen.

Und dann vernahm sie wieder ihren Vater.

„Bei allen guten Göttern, wie viele es sind.“

Zitternd drehte sie sich zur Reling um und stöhnte dabei gequält. Eine Hitzewelle überkam sie plötzlich. Binnen weniger Herzschläge war sie schweißgebadet und krallte sich an der Reling fest, da ihre Beine wegknickten. Benommen schüttelte Lea den Kopf und versuchte, irgendetwas zu erkennen, doch dann wurde es dunkel um sie herum.

Rion hatte nach den fremden Schiffen geschaut, ebenso wie alle anderen. Er konnte Lea gerade noch auffangen, bevor sie auf den Boden fiel.

„Mo, was ist mit ihr?“

Der Schamane fühlte ihre Stirn und hob die Augenlider.

„Schnell, bring sie runter.“

Mo eilte voraus. Wenig später legte Rion seine Tochter aufs Bett und wurde von Respa prompt zur Seite geschoben. Sie fühlte ebenfalls Leas Stirn und sah dabei entsetzt auf den zerfetzten Verband. Blut rann Leas Arm hinab und tropfte vom Ellenbogen auf den Boden.

„Sie hat sehr hohes Fieber und ich muss sofort an die Wunde ran. Rion, leg sie auf den Tisch und dann will ich wissen, wie das passiert ist.“

„Bei den Göttern! Es war zu dunkel draußen, das ist mir gar nicht aufgefallen“, keuchte Rion, als er das viele Blut sah, und sagte bitter: „Das war diese Bestie! Aber ich verstehe nicht, wieso Lea nichts gesagt hat. Sie muss doch unglaubliche Schmerzen haben.“

Besorgt nahm Rion seine Tochter wieder hoch und legte sie auf dem Schreibtisch ab.

„Ja, die hat sie, ganz bestimmt sogar. Aber ich fürchte, das ist nicht der Grund für ihre Bewusstlosigkeit.“

Mo hatte in der Zwischenzeit eine Schüssel frisches Wasser besorgt und trat neben Rion, der Leas Hand hielt.

„Was ist denn nur los mit ihr?“

Respa löste vorsichtig den improvisierten Verband. Ein bestialischer Gestank verbreitete sich in der Kajüte.

Rion presste den Handrücken auf seinen Mund und wich ein Stück zurück, als er die Blutklumpen am Verband sah. Eiter hielt diese zusammen. Er musste arg mit sich kämpfen, um die Fassung zu bewahren.

Sofort begann Mo, die Wunde auszuwaschen, während Respa Leas Augenlider anhob und erneut ihre Stirn fühlte.

„Sagt mir jetzt mal jemand, was los ist?“, fragte Rion aufgebracht.

Respa sah ihn an und wollte gerade antworten, als die Tür aufgestoßen wurde und Geralt hineinpolterte.

„Adaric hat mir erzählt, was passiert ist. Geht es ihr gut?“

Respa schüttelte den Kopf und holte tief Luft, um erneut etwas zu sagen. In dem Moment bäumte sich Lea auf, und ihr Körper begann unkontrolliert zu zucken.

„Haltet sie fest, sie hat eine Art Anfall“, sagte Mo schockiert.

Geralt kam herbei und hielt Leas Beine fest, während Mo und Rion ihre Schultern und Arme auf den Tisch drückten. Ihre Muskeln verkrampften immer mehr, und sie bäumte sich plötzlich mit unglaublicher Kraft auf. Völlig schockiert hielten die Männer Lea, und es dauerte eine Weile, bis sie sich endlich entspannte und still lag.

„Ohne bestimmte Kräuter kann ich nicht viel für sie tun. Wir müssen dringend nach Mesura, sonst …“

„Sonst was?“, blaffte Rion den Schamanen an.

„Wir tun, was wir können. Aber wenn wir die Entzündung und das Gift nicht aufhalten, dann steht es schlecht um Lea.“

Mo liefen Tränen über die Wangen, als er dies sagte.

„Durch die Entzündung hat Melea hohes Fieber, und ihre Bewusstlosigkeit ist sehr tief. Das heißt, wenn wir das Fieber nicht senken und die Entzündung nicht aufhalten können, dann wird sie wahrscheinlich nicht mehr erwachen. Der Anfall soeben … ich denke, dass es mit dem Gift des Wesens zusammenhängt.“

Geralt stützte sich auf dem Tisch ab und fragte mühsam beherrscht: „Könnt ihr mit euren Heilkräutern überhaupt etwas ausrichten?“

Mo sah Respa an. „Ich hörte, dass es im Palast außergewöhnliche Heiler gibt. Ich halte es für das Beste, Lea zu ihnen zu bringen. Abgesehen davon, sollte der Weg zum Palast sowieso unser erster sein.“

Respa schüttelte den Kopf.

„Nicht zu diesen Quacksalbern. Das kann nicht dein Ernst sein, Mo.“

Rion hielt Leas Hand und blickte zu Mo auf.

„Bist du sicher, dass sie ihr dort helfen können?“

„Ja!“

Geralt nickte.

„Ich bin auch dafür. Ich habe schon von einigen wundersamen Heilungen gehört, die vom Orden der Heiler bewirkt wurden.“

Rion sah Geralt aus feuchten Augen an.

„Orden der Heiler?“

Geralt streichelte über Leas Wange.

„Ja, so nennen sie sich. Aber entschuldigt mich jetzt. Ich werde uns so schnell wie möglich nach Mesura bringen. Am besten sichert ihr die Möbel, die Fahrt wird holprig.“

Er warf noch einen besorgten Blick auf Lea und hetzte dann hinaus.

Mo nahm Lea den Armreif, den Dolch und auch die Kette ab und legte die Sachen in ihren kleinen Beutel. Diesen stellte er aufs Bett. Dann begann er, das Blut von Leas Gesicht zu waschen.

„Wie kommt sie an die Verletzungen? Und wo kommt das ganze Blut her? Sag mir jetzt bloß nicht, es hat mit dem Geflügelten zu tun, den Lea vorhin kurz erwähnte“, sagte Mo an Rion gewandt.

Rion hielt Leas Hand und ließ sie nicht aus den Augen, während er berichtete, was geschehen war.

Die Überfahrt dauerte fast drei Stunden. In dieser Zeit kamen alle Bewohner der Insel Kalmar mal herein, um nach Lea zu sehen. Sogar Jon stand eine kleine Weile am Tisch und rang nach Worten, bis er schließlich flüsterte: „Es tut mir leid.“

Rion schaute ihm nach, als er aus der Tür verschwand. Dort erschien nun Sander.

„Ich glaube, diese Worte haben ihm alles abverlangt“, meinte er.

Er kam herein und setzte sich aufs Bett. Von dort sah er abwechselnd zu Mo und Respa, die ihn mit seltsamen Blicken bedachten.

„Seht mich bitte nicht so an. Ich weiß selbst nicht, was mit mir geschehen ist.“

Respa nahm sich mal wieder kein Blatt vor den Mund.

„Entweder bist du ein Wiedergänger, von einer bösen Macht beseelt, um uns auszuspionieren oder noch Schlimmeres zu tun. Oder du hast einen göttlichen Segen erfahren, weil du noch eine Aufgabe erfüllen musst. Egal, was es ist, deinen angeborenen Schwachsinn hast du jedenfalls verloren.“

Sander musste lächeln.

„Zumindest du sagst ehrlich, was du denkst.“

Respa legte den Kopf schief.

„Freu dich nicht zu früh. Ich habe nämlich vor, herauszufinden, welche der beiden Möglichkeiten der Wahrheit entspricht. Und bis dahin werde ich dich nicht aus den Augen lassen.“

Rion keuchte erschrocken auf, als Lea erneut anfing zu krampfen. Der Anfall dauerte erheblich länger als der erste.

Sander stand an ihrem Kopf und hielt ihn mit beiden Händen fest. Rion und Mo fixierten ihre Arme und Beine, und Respa lag auf Leas Knien, um den Männern irgendwie zu helfen. Als es vorbei war, kehrte eine bedrückende Stille ein, bis Rion heftig mit der Faust auf den Tisch schlug.

„Warum wacht sie denn nicht auf? Verdammt!“

In diesem Moment kam Adaric in die Kajüte.

„Der Hafen ist in Sicht!“

Wenig später legte die Seeschlange am Hafen von Mesura an. Hafenarbeiter kamen herbeigelaufen und vertäuten das Schiff, während Matt und Jon die Planke auslegten. Geralt wartete nicht, bis diese lag, und sprang an Land. Er hielt nach dem Hafenmeister Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken. Von der Hafenwacht war auch nichts zu sehen. Er schnappte sich kurzerhand einen Arbeiter und schickte nach Berik.

Die anderen Hafenarbeiter bildeten eine schaulustige Traube, da die Besatzung, die nun das Schiff verließ, alles andere als normal aussah.

Rion kam von Bord. Er trug Melea auf seinen Armen und stellte sich neben Geralt.

„Und was nun?“

Geralt schaute in Leas Gesicht.

„Ich habe nach Berik geschickt. Ich hoffe, dass er uns Kutschen besorgen kann. Zu Fuß dauert es zu lange, außerdem ist der Weg zu beschwerlich. Das halten die Leute nicht mehr aus.“

Ein großer Mann mit kurzem rotem Haar eilte auf sie zu und blieb vor Geralt stehen. Er schaute in die erschöpften Gesichter, bis sein Blick an Lea hängenblieb.

„Geralt, was ist geschehen?“, fragte er.

Er zog ihn ein Stück beiseite und sprach leise mit ihm.

„Berik, hör mir jetzt gut zu. Kalmar wurde angegriffen, und wir mussten Hals über Kopf fliehen.“

Beriks Augen weiteten sich.

„Angegriffen? Von wem?“

Geralt packte seine Schulter.

„Das wissen wir nicht. Es waren seltsame Kreaturen. Auf unserer Flucht sahen wir unzählige fremde Schiffe, die auf Kalmar zuhielten.“

Der Blick des Hafenmeisters wurde ungläubig.

„Kreaturen? Bist du verrückt geworden?“

„Berik, ich beschwöre dich, schau in die Gesichter der Inselbewohner. Wir haben auch Beweise. Matt, bring mir mal die Kiste her.“

Matt kam mit der Kiste herbei, und die Männer gingen in die Hocke, um den neugierigen Arbeitern keinen Einblick zu gewähren.

„Sieh dir die Köpfe an, Berik. Hast du so etwas schon mal gesehen?“

„Seltsam sehen die Viecher aus, das muss ich zugeben. Aber die steuern keine Schiffe, oder?“

Geralt verdrehte genervt die Augen.

„Nein, natürlich nicht. Das war so eine Art Vorhut, sie haben uns zu Hunderten angegriffen. Und da waren auch noch andere Wesen. Aber wir haben keine Zeit, dir alles zu berichten. Also bitte, hilf uns einfach.“

„Also gut, Geralt. Was willst du von mir?“, fragte Berik seufzend.

„Ich brauche zwei große Kutschen, die uns zum Palast fahren. Ein Mann, der vorausreitet, wäre ganz gut, um uns anzumelden. Und außerdem ein paar Männer, die mein Schiff bewachen. Ich möchte nicht, dass jemand dort herumschnüffelt.“

Berik nickte und überlegte einen Augenblick.

„Also gut! Dafür schuldest du mir aber was.“

Er winkte einen Mann heran, der ein paar Schritte hinter ihnen gestanden hatte, und sprach leise mit ihm. Kurz darauf lief der Mann zu den Lagerhäusern und rief einige Arbeiter zu sich.

„Wir bekommen die Kutschen“, sagte Geralt an Rion gewandt.

Berik schaute wieder auf Lea und fragte besorgt: „Was ist mit ihr?“

„Lea wurde von einem dieser Viecher gebissen und wacht nicht mehr auf. Die Wunde ist schwer entzündet, und sie hat sehr hohes Fieber“, sagte Geralt mit feuchten Augen.

Berik legte eine Hand auf Leas Stirn und zog diese erschrocken zurück.

„Sie glüht ja! Du solltest dem Boten auftragen, dies zu erwähnen. Der Orden kann sich ihrer vielleicht annehmen. Ah, da kommt er ja schon.“

Ein rothaariger Junge kam auf einem großen braunen Hengst angaloppiert. Berik griff in die Zügel, als er vor ihnen zum Stehen kam.

„Das ist mein Sohn, Tanais. Er wird euch vorausreiten und melden, was ihr ihm auftragt. Ihr könnt ihm vertrauen.“

Geralt beobachtete, wie vier stämmige Pferde aus einem der Ställe geführt wurden, die an die großen Lagerhäuser grenzten. Einige Arbeiter zogen zwei große Planwagen herbei. Geralt winkte Matt heran und wies auf die Wagen.

„Geh mit den anderen schon mal zu den Kutschen. Vergesst die Kiste nicht.“

Danach wandte sich Geralt dem Jungen zu, der Lea mitleidig musterte.

Rion und er trugen ihm auf, was er den Wachen am Tor mitteilen sollte. Als alles geklärt war, warf Tanais einen traurigen Blick auf Lea und preschte in halsbrecherischem Tempo davon.

„Hoffentlich geht das gut. Er reitet wie ein Wahnsinniger“, meinte Rion kopfschüttelnd.

„Macht Euch keine Gedanken. Er ist der beste und schnellste Reiter, den ich aufzubieten habe. Obwohl, so schnell ist er bisher noch nie einem Auftrag nachgekommen. Das mag wohl an der schönen jungen Frau auf Euren Armen liegen“, meinte der Hafenmeister lächelnd.

Geralt zog Berik ein Stück zur Seite, um ihn vor Rions finsterem Blick in Sicherheit zu bringen. Er bedankte sich per Handschlag bei ihm.

„Du hast was gut bei mir“, sagte Geralt.

Rion und Geralt eilten zu den Kutschen und versuchten, es Lea so bequem wie möglich zu machen. Dazu legten sie den Boden mit einigen Fellen und Decken aus, die Geralt von Berik entgegennahm, der ihnen gefolgt war. Nachdem sie Lea auf den Boden gebetet hatten, ging es weiter in Richtung des Palastes.

Rion kauerte neben Lea und hielt ihre Hand.

„Wie lange wird die Fahrt dauern?“

Geralt, der ebenfalls auf dem Boden saß, hatte ihren Kopf auf seinen Oberschenkel gelegt und hielt Leas andere Hand.

„Wir werden in weniger als einer halben Stunde am Tor sein.“

Lea war vor einiger Zeit erwacht und musste zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie sich nicht mehr auf Geralts Schiff befand. Eine ganze Weile war sie durch den düsteren Saal gerannt und hatte panisch nach ihrem Vater und Geralt gerufen, jedoch ohne Erfolg. Ergebnislos verlief auch die Suche nach einem Ausgang. Es gab keine Tür, kein Tor – nicht einmal einen feinen Spalt in den Wänden. Diese bestanden aus schimmerndem Material, das Lea eher an Perlmutt erinnerte. Aber die Wände waren steinhart, wie sie nach mehreren Tritten und Faustschlägen feststellen musste.

Dann erschien in der Mitte ihres weitläufigen Gefängnisses plötzlich eine Tür, bestehend aus einem bläulich schimmernden Licht. Diese hatte sie mehrmals umrundet und ungläubig gemustert, bis sie schließlich hindurchgegangen war. Letztlich gab es keine andere Wahl, und tatsächlich fand sie sich auf der Seeschlange wieder. Ihre Erleichterung wich schierem Entsetzen, als sie ihren Vater umarmen wollte und einfach durch ihn hindurchfiel.

Weder er noch die anderen sahen, hörten oder spürten sie. Sie hatte wirklich alles versucht, um auf sich aufmerksam zu machen. Und nachdem ihr die Puste ausgegangen war und sie gerade tief durchatmen wollte, sah sie ihren Vater, der ihren Körper vom Bett hob und auf dem Schreibtisch ablegte.

Daraufhin hatte sie geschrien, getobt und versucht, in ihren Körper einzudringen, was aber nicht gelang. Denn jedes Mal, wenn sie ihren Körper berührte, verkrampfte dieser und zuckte unkontrolliert. Das ging so lange, bis sie von einem Sog erfasst wurde, der sie in den Saal zurückbrachte.

Die Tür war verschwunden. Nun lag sie zitternd in einer Ecke und versuchte zu begreifen, was mit ihr geschah.

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere

Königin Nalia

1

Die Bewohner eines kleinen Fischerdorfs am Rande der Hauptstadt waren in hellem Aufruhr. Inzwischen hatten sich alle am Strand vor der Königsklippe versammelt, um das eigentümliche Wesen zu sehen, das in der Nacht angespült wurde.

Die Größe der Kreatur entsprach einem Schweinswal, doch die Form erinnerte an eine Nacktschnecke ohne Fühler. Auch die immense Menge an Schleim, die das schiefergraue Tier absonderte, ließ eher auf diese Gattung schließen. Allerdings gab es wohl keine Schnecke mit einem Maul, das aus mehreren kreisrunden Kiefern bestand, die bis weit in den Schlund reichten. Bestückt waren diese mit handlangen und nach hinten gerichteten Zähnen.

Einige Stadtsoldaten waren bereits anwesend und hielten die Dörfler auf Abstand. Die Menschen staunten nicht schlecht, als drei große Planwagen und mehrere Reiter den Strand entlangkamen. Bei den Reitern handelte es sich um Soldaten der Königsgarde, und angeführt wurden sie von einem großen Mann in prachtvoller Rüstung.

Er ritt bis an die Wasserlinie, stieg aus dem Sattel seines dunkelbraunen Schlachtrosses und begrüßte den Hauptmann der Stadtsoldaten, indem er ihm wortlos die Hand gab.

„Und die Königin will es wirklich zum Palast schaffen lassen?“, fragte der Hauptmann.

„Ja. Sie möchte es von den Magiern und Alchimisten untersuchen lassen. Ihr kennt sie doch.“

Der Blick des Hauptmanns fiel auf die Planwagen, aus denen weitere Soldaten sprangen.

„Und wie sollen wir dieses Monstrum dahin bekommen?“

Die blaugrauen Augen seines Gegenübers funkelten amüsiert.

„Nun, Bigelis – schnappt Euch ein paar Männer und hievt es auf einen Wagen. Falls das nicht funktioniert, müsst ihr es wohl in mehreren Teilen abtransportieren. Was der Königin allerdings nicht gefallen wird.“

Der Hauptmann schaute ihn ärgerlich an, musste aber grinsen.

„Also gut, General Halldor! Für diese Drecksarbeit gibt es für die Männer und mich aber ein Fass Bier. Auf Eure Kosten, versteht sich.“

Halldor verdrehte leicht die Augen, schlug aber in die dargebotene Hand ein.

„Aber nur, weil du es bist, Vater“, sagte er leise.

Lauter fragte er dann: „Wo ist der Fischer, der das Wesen gefunden hat?“ Hauptmann Bigelis wies mit der Hand den Strand hinauf.

„Wir haben soeben alle ins Dorf zurückgeschickt. Warum?“

„Ich soll ihm den Dank der Königin aussprechen und ihm etwas geben.“

„Fragt im Dorf nach dem alten Froft, er fand es in der Morgendämmerung.“

Halldor verabschiedete sich und ritt mit seinen Männern zum Dorf.

Die Königin lief in ihren Gemächern nervös auf und ab.

Vergangene Nacht war sie mal wieder von schrecklichen Alpträumen heimgesucht worden. Nun wartete sie auf den obersten Heiler.

„Wie lange soll das noch so weitergehen?“, fragte sie sich.

In jeder Nacht der vergangenen zwei Jahre hatte sie ihren verschollenen Gemahl und dessen Jagdgesellschaft im Traum gesehen. Die Männer ritten im schnellen Tempo durch einen finsteren Wald. Blätter rieselten von den Bäumen, und Baumgeister beobachteten den Trupp von den Wipfeln aus.

Die Gesellschaft machte an den Ruinen einer alten Burg Rast. Nalia beobachtete ihren König und seine Männer, wie sie sich betranken. Irgendwann in der Nacht stolperte ihr Gemahl durch die Ruinen und begegnete einem magischen Geschöpf.

In der Erscheinungsform einer wunderschönen Frau verführte es ihn auf einem verwitterten Steinaltar. Sie saß auf seinem Schoß und drückte seine Arme nach unten, sodass sie über seinem Kopf lagen. Steinerne Hände krochen daraufhin aus dem verwitterten Stein und umschlossen seine Hand- und Fußgelenke, was er gar nicht zu registrieren schien. Auch nicht, wie sich das Gesicht des Geschöpfes drastisch veränderte. Die Haut wurde faltig und grau, das lange Haar änderte die Farbe von blutrot zu schlohweiß. Dann entblößte die Hexe faulige Zähne, drehte den Kopf zu Nalia und fixierte sie aus rot-weiß-marmorierten Augen. Währenddessen rammte sie eine Hand in den Brustkorb ihres Gemahls und entriss ihm, unter schrillem Gelächter, das Herz.

Nalia konnte jetzt noch den Blick der Hexe spüren. Tief im Inneren hörte sie ihr fürchterliches Lachen. Aber das war noch nicht das Ende des Traums. Denn auch wenn Alatheus kein Herz mehr besaß, erhob er sich und schlachtete seine Gefährten ab. Auch diese erhoben sich wieder.

Nalia lief es eiskalt den Rücken hinunter. Seit zwei Jahren ließ sie jetzt nach ihrem Gemahl suchen. Nicht dass er ihr sehr ans Herz gewachsen wäre, aber sie wollte ihm zumindest ein anständiges Begräbnis zukommen lassen. Sie glaubte nicht mehr daran, ihn je lebendig wiederzusehen.

Es klopfte an der Tür, und der oberste Heiler trat ein. Er fiel auf ein Knie und beugte sein Haupt.

„Kommt, Helimus. Setzen wir uns.“

Nalia setzte sich und wies mit der Hand auf den Sessel neben sich.

„Der Trank hat leider nicht gewirkt“, sagte sie seufzend.

„Was habe ich meinem Gemahl nur getan? Wieso quält er mich Nacht für Nacht?“

Helimus sah sie besorgt an.

„Ich werde weiter nach etwas suchen, das Eure Träume unterbindet. Vielleicht solltet Ihr auch mal darüber nachdenken, wieder zu heiraten. Es könnte dem Spuk ein Ende bereiten, und Ihr …“

Nalia funkelte ihn zornig an und unterbrach ihn.

„Kein Wort weiter! Bevor ich nicht weiß, was mit Alatheus geschehen ist, werde ich keinen Gedanken an eine neue Heirat verschwenden. Damit das klar ist!“

Ihre Hände zitterten leicht, was dem Heiler natürlich nicht entging.

„Habt Ihr heute schon etwas zu Euch genommen, Hoheit?“

Nalia seufzte erneut und erhob sich.

„Ich werde jetzt nach unten gehen und etwas essen. Bisher hatte ich noch keine Zeit dazu.“

Helimus stand ebenfalls auf und verbeugte sich.

„Ich werde Euch ein Stück des Weges begleiten, falls es Euch genehm ist.“

„Aber ja, kommt. Lasst uns gehen.“

Als sie an dem langen Flur mit den speziellen Gastgemächern vorbeikamen, bemerkte Nalia die nervösen Blicke des Heilers.

„Ihr braucht keine Furcht zu haben. Die Türen sind nicht böse“, sagte sie lächelnd.

Sie fuhr mit den Fingerspitzen über ein Türblatt, auf dem in prächtigen Farben Tiere verewigt waren. Auch magische Wesen schauten hinter Blättern oder Steinen hervor. Je länger sie hinsah, desto mehr entdeckte Nalia. Die Motive verändertensich unentwegt. Wo eben noch ein Hirsch gestanden hatte, saß nun ein Biber, und eine Eule hatte den Platz mit einem Eichelhäher getauscht.

Niemand wusste, wer diese Türen bemalt hatte, aber Gerüchten zufolge soll es eine Fee gewesen sein. Insgesamt gab es fünfzehn dieser Türen. Die Gemächer dahinter waren nur für ganz besondere Gäste. Diese suchten sich ihr Zimmer selbst aus, wodurch Nalia auf den Charakter des Besuchers schließen konnte.

Die Königin wandte sich Helimus zu, der an der gegenüberliegenden Wand verharrte.

„Nun kommt weiter. Ich werde Euch wohl nicht mehr davon überzeugen können, dass diese Türen ungefährlich sind.“

„In diesem Leben nicht mehr“, meinte der alte Heiler schmunzelnd.

Nalia ging in den Bankettsaal hinab und ließ sich ein verspätetes Frühstück bringen. Da sich Helimus unterwegs verabschiedet hatte, war sie wieder allein mit ihren Gedanken.

„Wer weiß, vielleicht hat er ja sogar Recht? Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Irgendwann werde ich einen neuen König wählen müssen“, dachte sie.

Nach dem Frühstück ließ sie ihr Pferd bringen und unternahm einen Ausritt. Dies tat sie jeden Morgen, um sich selbst zu überzeugen, dass alles in Ordnung war. Sie hatte stets ein offenes Ohr für die Menschen, die im und um den Palast arbeiteten. Immerhin sorgten diese Menschen dafür, dass täglich ihr Essen auf den Tisch kam.

Das Palastgelände war riesig. Mit dem Pferd würde sie eine gute halbe Stunde brauchen, um bis zum Tor zu kommen. Aber dahin wollte Nalia heute nicht. Sie ritt den Waldweg hinauf, weil es im Schatten der Bäume angenehm kühl war. Dann folgte sie dem rechten Weg zu den Nutzgärten.

Der Palast versorgte sich mit fast allem selbst. Es gab einige Obstplantagen, aber auch Gemüse und Getreide wurden angebaut.

In dem Teil des Geländes, den sie nun durchritt, gab es auch ein paar Weiden und einige Gehege, Ställe und Koppeln für Arbeitspferde, Schweine, Rinder, Kühe, Schafe und Hühner.

Nalia winkte zwei alten Frauen zu, die sich um die Kräutergärten kümmerten und unterhielt sich eine Weile mit ihnen, bevor sie schließlich zu den Stallungen ritt.

Sie stieg aus dem Sattel, ebenso ihre ewigen Begleiter. Die vier Wachen der Königsgarde nahmen hinter ihr Stellung auf und folgten ihr.

„Ist jemand hier?“, rief Nalia in den Stall hinein.

Sie band die Zügel an einer nahegelegenen Koppel fest. Als sie leises Gelächter vernahm, hob sie den Saum ihres Kleides an und ging durch das hohe Gras hinter die Stallungen. Dort erblickte sie bei den Zwingern zwei Burschen, die sich einen Spaß daraus machten, einen kleinen Welpen zu quälen. Sie stachen mit spitzen Stöcken auf ihn ein, während der arme kleine Kerl herzerweichend winselte.

Nalia traute ihren Augen nicht, wandte sich ihren Wachen zu und wies mit dem Kopf zu den Burschen.

„Wir sollten den jungen Männern die gleiche Behandlung zukommen lassen, findet ihr nicht auch?“

Die Wachen zückten grinsend die Schwerter und umkreisten die beiden Burschen. Kurz darauf quiekten die Jungs wie Ferkel, da ihnen die Männer abwechselnd in den Allerwertesten stachen.

Nalia ließ sie eine Zeitlang gewähren, bis sie schließlich sagte: „Das reicht vorerst.“

Missbilligend begutachtete sie die Jungs und trat näher an sie heran, worauf zwei Wachen die Burschen am Nacken packten und auf die Knie zwangen.

„Kniet gefälligst vor eurer Königin, ihr kleinen Bastarde“, brüllte der Hauptmann der Wache.

Nalia ging vor den beiden auf und ab und verschränkte die Hände auf dem Rücken.

Dann erst sah sie dem einen und dann dem anderen fest in die Augen. Die Burschen senkten direkt die Köpfe.

„Mmh, was mach ich nur mit euch? Wie kommt ihr dazu, meine Hunde zu quälen? Und dann auch noch einen, der sich nicht mal wehren kann.“

Wieder musste der Hauptmann einschreiten. Er verpasste jedem einen Schlag in den Nacken.

„Antwortet gefälligst!“

Einer der Jungs stotterte.

„Wir … er … er ist doch bloß eine Missgeburt. Der Meister kaufte einen Sack Welpen am Hafen, bemerkte aber nicht, dass einer von ihnen schwach und blind war.“

Nalia traute ihren Ohren nicht.

„Das gibt euch nicht das Recht, das arme Geschöpf zu quälen. Ich werde mit eurem Meister darüber sprechen, ob Burschen wie ihr überhaupt tragbar für mich sind. So, und nun zu eurer Bestrafung.“

Nalia sah den Hauptmann an.

„Was meint Ihr? Welche Strafe ist gerechtfertigt für solch eine Tat?“

„Nun, ich denke, wir sollten ihnen eine Hand abschlagen und sie vom Palastgelände jagen“, meinte er grinsend.

Der andere Bursche blickte ängstlich auf.

„Das könnt Ihr doch nicht zulassen, Herrin.“

Der Hauptmann verpasste ihm einen heftigen Schlag in den Nacken.

„Sie ist deine Königin, du Trottel.“

Er sah Nalia an und sagte nun todernst: „Beide Hände. Und im Alp Hain aussetzen.“

Die Königin bemerkte das schelmische Funkeln in seinen Augen. Zudem zuckten seine Mundwinkel verdächtig, als die Burschen zu wimmern anfingen. Sie musste sich sehr zusammennehmen, um nicht auch zu grinsen.

„Ich werde es mir überlegen. Zunächst sollen die beiden jeweils zehn Peitschenhiebe erhalten. Und wenn mir zu Ohren kommt, dass ihr auch nur eine Fliege erschlagen habt, dann seien euch die Götter gnädig.“

Nalia nickte ihren Wachen zu.

„Kümmert euch um die Bestrafung. Umgehend!“

Die Burschen wurden auf die Beine gezerrt, ihrer Hemden entledigt, und einer der Männer besorgte eine Lederpeitsche aus dem Stall. Während Nalia die Peitschenhiebe zählte, nahm sie das kleine Fellbündel, das sich gegen ihr Bein gedrückt hatte, auf ihre Arme.

Sie sah traurig in die weißen pupillenlosen Augen des schwarzen Welpen.

„Du siehst trotz deiner Behinderung kräftig aus. Du wirst deinen Weg finden, da bin ich mir sicher.“

Sie setzte ihn in einen freien Zwinger und stellte eine Schale Wasser hinein. Auf dem Weg zum Palast sprach sie noch einmal den Hauptmann an.

„Würdet Ihr bitte einen Blick auf die beiden haben? Ich will wissen, was sie sonst noch so anstellen.“

Er verbeugte sich.

„Natürlich, Eure Hoheit. Es wird mir ein Vergnügen sein.“

Nalia ging über den großen Vorplatz des Hauptgebäudes, als laute und sehr schnelle Hufschläge sie innehalten ließen.

Ein rothaariger Junge und ein Torwächter zügelten ihre Pferde und sprangen aus den Satteln. Während der Wächter bereits kniete, kam der Junge zögerlich näher und sah sie aus großen Augen an. Zumindest so lange, bis er am Handgelenk gepackt und auf die Knie gezerrt wurde.

„Majestät, der Junge hat eine dringende Nachricht vom Hafen. Er beharrte darauf, zu Euch vorgelassen zu werden und sagte, es ginge um Leben und Tod.“

Nalia ließ die beiden aufstehen und betrachtete den zerzausten und verschwitzten Burschen.

„Er muss wie ein Dämon geritten sein“, dachte sie.

Sie trat einen Schritt auf den Jungen zu.

„Wie ist dein Name?“

„Tanais“, antwortete er leise.

„Nun, Tanais, was hast du mir mitzuteilen? Sprich!“

„Am Hafen hat ein Schiff angelegt, die Seeschlange. Der Kapitän und die Besatzung stammen von der Insel Kalmar. Der Kapitän und ein Mann namens Rion berichteten von fremdartigen Kreaturen, die sie angegriffen und die Insel eingenommen haben. Sie haben es gerade so geschafft, zu fliehen. Bei ihrer Flucht sahen sie noch viele fremde Schiffe, die nahe der Insel vor Anker gingen. Die Kalmarer sind auf dem Weg hierher und wollen mit Euch sprechen. Außerdem …“

Nalia hob eine Hand, woraufhin Tanais verstummte, und wandte sich einem Wachmann zu.

„Holt sofort Hauptmann Celvin her. Er soll ein paar Männer mitbringen.“

Nalia sah ihm nach, bis er im rechten Nebengebäude verschwand. Wenig später kam der Hauptmann mit Gefolge angelaufen, und die Männer fielen vor Nalia auf die Knie. Doch sie wedelte ungeduldig mit einer Hand.

„Erhebt Euch, Hauptmann, und hört zu. Es geht um die Insel Kalmar.“

Sie wandte sich wieder an den Jungen.

„Wann werden sie hier sein?“

„Ich schätze, dass sie bereits am Tor sind. Ich wäre ja schneller hier gewesen, aber ich wurde am Tor ziemlich lange aufgehalten.“

Er bedachte die Torwache mit einem gehässigen Seitenblick, was Nalia ignorierte.

„Gibt es sonst noch etwas zu berichten?“

Tanais nickte heftig.

„Ja, Hoheit. Eine junge Frau ist schwer verletzt. Rion trug sie und sagte, sie bräuchte so schnell wie möglich Hilfe. Und er weinte bei den Worten, Hoheit.“

Celvin schob sich vor den Jungen und griff nach seiner Schulter.

„Wie sah die Frau aus?“, fragte er atemlos.

Tanais bekam leuchtende Augen.

„Sie hat lange dunkelbraune Haare und bestimmt ein sehr schönes Gesicht, wenn sie nicht so viele Prellungen hätte. Außerdem war sie sehr schlank und groß.“

„Bei den Göttern“, flüsterte Celvin.

Er drehte sich zur Königin um und sah sie nervös an.

„Nehmt ein paar Männer mit und bringt die Leute auf schnellstem Wege hierher. Ich werde mich darum kümmern, dass sich Helimus persönlich der Frau annimmt.“

Einen Augenblick später war vom Hauptmann nichts mehr zu sehen, und Nalia wandte sich wieder Tanais zu. Sie nestelte an ihrem Gürtel und zog aus einem kleinen Fach, das auf der Innenseite eingenäht war, eine Silbermünze hervor.

„Das hast du sehr gut gemacht, Tanais“, sagte sie lächelnd und drückte ihm die Münze in die Hand.

Kurz darauf eilte Nalia durch den Palast zu den Krankenquartieren. Dort trug sie Helimus auf, ein Zimmer herrichten zu lassen und ihr zwei Männer mit einer Trage zu schicken. Außerdem sollte er sich bereithalten, wenn die junge Frau gebracht würde. Danach eilte sie zurück und fing unterwegs einen Diener ab. Ihm gab sie die Anweisung, im Nebengebäude einige Gästezimmer herrichten zu lassen und auch Essen und Getränke bereitzustellen. Dann schickte sie einen Boten los, der General Halldor holen sollte.

Als Lea die Augen öffnete, bemerkte sie sofort das dämmrige Licht und erhob sich langsam.

„In welcher Hölle des Schattenreichs bin ich hier nur gelandet?“, murmelte sie ängstlich.

Langsam näherte sie sich der Mitte ihres weitläufigen Gefängnisses. Von dort sah sie zuerst zur linken und dann zur rechten Wand. An beiden Wänden befand sich jeweils eine Tür, und diese waren vorhin definitiv nicht da gewesen. Beide leuchteten fahl, so wie die Tür, durch die Lea auf die Seeschlange gelangt war.

Unschlüssig, was sie tun sollte, trat sie von einem auf den anderen Fuß, bis sie wegen eines lauten Fauchens herumfuhr. Sie taumelte entsetzt zurück, da sich unmittelbar vor ihr ein flammendes Frauengesicht befand.

„Was willst du von mir?“, fragte Lea ängstlich.

Das Flammengesicht verharrte an Ort und Stelle.

„Hab keine Furcht vor mir, Melea. Ich will versuchen, dir zu helfen.“

„Hast du mich hierhergebracht?“

Die Feuerahnin kam nun etwas näher.

„Nein! Das Blut des toten Gottes hält dein Bewusstsein gefangen.“

Lea schüttelte unverständlich den Kopf.

„Was soll das heißen? Was für ein toter Gott?“

Die Flammenfrau sagte nichts, sondern wies mit einer feurigen Hand, die plötzlich auftauchte, zur rechten Tür. Dann verschwand sie einfach. Lea drehte sich langsam um und ging zu der Tür. Dort schaute sie auf ihre zittrige Hand, die bereits auf dem

Knauf lag.

„Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig.“

Lea drehte den Knauf und fand sich in einem großen, langgestreckten Raum wieder, der komplett mit Holz verkleidet war. An der Decke hingen Öllampen, die ein seltsames blaues Licht verströmten. Erstaunt besah sie sich die Lampen, die in dreieinhalb Metern Höhe leicht hin und her schaukelten.

„Ich bin auf einem Schiff.“

Am anderen Ende des Raumes bemerkte sie im Halbdunkel eine Bewegung. Sie ging an der Außenwand entlang in die Richtung.

„Tretet ein!“

Lea hätte fast aufgeschrien, als die Stimme in ihrem Kopf erklang.

Erschrocken hielt sie sich eine Hand vor den Mund und hockte sich hastig neben eine riesige Truhe, als es plötzlich heller wurde. Zwei große Feuerschalen standen da, und ihr Inhalt ging plötzlich in Flammen auf. Die Schalen flankierten einen großen, goldenen Thron. Leas Augen weiteten sich, als sie die seltsame Kreatur darauf betrachtete.

Das Wesen besaß einen fast menschlichen Körper, abgesehen davon, dass die dürren Arme und Beine viel zu lang waren. Der Kopf war nicht menschlich und wirkte viel zu groß, ebenso wie die giftgrünen und lidlosen Augen. Einen Mund gab es nicht, und dort, wo die Nase hätte sein sollen, befanden sich zwei kleine Löcher. Unter der milchig weißen Haut schimmerten grüne Adern.

Lea wandte fassungslos den Blick ab, da sie laute Schritte vernahm, und hielt unwillkürlich den Atem an, als Medon und ein weiterer Geflügelter den Raum betraten.

Die beiden knieten vor dem Thron nieder, und wieder erklang eine Stimme in ihrem Kopf. Diese besaß einen sehr sanften Klang. Dennoch bekam Lea eine Gänsehaut.

„Sprecht!“

Sie besah sich den zweiten Geflügelten und stellte fest, dass dieser um einiges breiter und größer als Medon war.

„Herr, mein Sohn hat schwere Wunden davongetragen, als er die Flüchtigen stellen wollte.“

Lange dürre Finger winkten den Verletzten zu sich.

„Komm zu mir, Medon. Lass mich sehen, was sich zugetragen hat.“

Er erhob sich stöhnend und kniete unmittelbar vor dem Thron wieder nieder. Lea beobachtete, wie das Wesen eine Hand auf den Kopf des Geflügelten legte, woraufhin er gequält aufstöhnte. Das war kein Wunder. Medon hatte heftige Verbrennungen erlitten, und das Wesen nahm keinerlei Rücksicht. Es drückte die Finger in das rohe Fleisch an Stirn und Schläfen, doch Medon gab keinen weiteren Ton von sich.

„Dass er überhaupt noch lebt“, dachte Lea.

Sie betrachtete entsetzt die Verletzungen, die er vom Feuer davongetragen hatte. Sein Rücken war eine große, blutende Wunde, und die gigantischen Schwingen waren zu schwarzen Klumpen geschmolzen. An Armen und Beinen gab es offene und nässende Brandwunden, bei den meisten konnte sie bis auf das rohe Fleisch sehen.

Lea löste sich schockiert von diesem Anblick, als das Wesen sagte: „Das Mädchen ist stark im Geiste und anscheinend sehr mutig. Aber sie wurde von einem Klyhrr gebissen und trägt somit mein Blut in sich. Sie wird noch in einer Bewusstseinsstarre sein.“

Das Wesen nahm die Hand von Medons Kopf.

„Was wünschst du von mir, Medon?“

Der Geflügelte blickte hasserfüllt auf.

„Rache!“

Das Wesen nickte zufrieden und legte seine Hand erneut auf Medons Kopf.

Dieser brüllte nun schmerzerfüllt und krümmte sich.

„Das kann nicht sein“, wisperte Lea völlig entsetzt.

Medons Körper wurde immer durchscheinender, als würde er sich auflösen. Es dauerte nicht lange, bis seine gepeinigten Schreie abrupt verstummten.

Lea starrte den grauen Nebel in der Gestalt des Geflügelten ungläubig an.

Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, als das Wesen sagte: „Finde das Mädchen. Dringe in ihr Bewusstsein ein, und du wirst deiner Rache freien Lauf lassen können.“

Als sich Lea bewusst wurde, was er da gesagt hatte, schlug sie eine Hand vor den Mund. Sie spürte den Schrei, der sich ihre Kehle hocharbeitete. Das Wesen lachte leise, und Lea spürte plötzlich seinen Blick. Doch als sie zu ihm schaute, starrte er immer noch Medon an.

Sie schüttelte sich unbehaglich und beobachtete den Nebel, der sich schnell verzog.

„Und nun zu dir, Oreus. Warum ist mein Heer noch nicht vollzählig?“

Der andere Geflügelte senkte den Kopf.

„Das Portal ist zusammengebrochen, Herr. Eure Hexer arbeiten fieberhaft daran, es wiederherzustellen, um die Armeen hierher zu holen. Aber es treffen immer mehr Schiffe von Euren Inseln …“

Lea verspürte einen Sog und fand sich wenig später im Saal wieder, wo sie schreiend auf die Knie fiel und wie ein kleines Kind auf den Boden trommelte.

„Wie lange dauert das denn noch? Verflucht noch mal“, regte sich Rion auf.

Sie standen seit geraumer Zeit vor den Toren zum Palast, und nicht nur er verlor langsam die Geduld.

„Solange wir keinen Befehl erhalten, Euch passieren zu lassen, werdet Ihr warten müssen“, sagte einer der Wachen.

„Meine Tochter liegt dort in der Kutsche, und …“

„Das habt Ihr uns schon ein Dutzend Mal mitgeteilt. Ohne entsprechende Order bleiben diese Tore geschlossen.“

Rion war drauf und dran, dem Mann an die Kehle zu gehen, weshalb Matt ihn am Arm packte und ein paar Schritte wegzog. In dem Moment sprang Geralt vom Wagen, und allein dessen Gesichtsausdruck reichte aus, Matt dazu zu bewegen, Rion loszulassen und stattdessen Geralt zu packen.

„Lass mich los! Ich hau die Idioten jetzt weg.“

Matt keuchte vor Anstrengung bei dem Versuch, Geralt festzuhalten. Doch der schien sein Gewicht gar nicht zu spüren. Während er hinter ihm herschlitterte, sah Matt zu den Wachen. Die sechs Männer starrten Geralt an, der jeden von ihnen um

mindestens eine Haupteslänge überragte. Zudem war er doppelt so breit und seine Oberarme so dick wie ihre Oberschenkel.

„Lass den Mist, Geralt! Die Jungs haben Schwerter und Hellebarden, und diese werden sie auch einsetzen.“

„Ich wickele denen ihre Scheißhellebarden um die Hälse, wenn sie nicht auf der Stelle die Tore öffnen.“

Geralt blieb verblüfft stehen, da die Männer eilig die Tore aufrissen.

„Geht doch“, murmelte er.

„Na, endlich! Ich sage den anderen Bescheid und bleibe dann bei Lea“, sagte Rion und lief zu den Wagen.

Matt atmete tief durch. Als er die Männer erblickte, die auf der anderen Seite der Tore soeben ihre Pferde zügelten, fragte er: „Ist das Celvin?“

„Er trägt den Umhang eines Hauptmannes, das kann er nicht sein.“

Der Mann, über den sie sprachen, war direkt aus dem Sattel gesprungen und stand nun seitlich zu ihnen, während er kurz mit einem Wachmann sprach. Dann kam er mit ausgreifenden Schritten zu ihnen.

„Er ist es tatsächlich“, meinte Geralt und umarmte Celvin kurz.

„Wo ist Lea? Geht es ihr gut? Was ist überhaupt passiert?“

„Wir werden dir alles erklären, aber Lea braucht unbedingt einen Heiler, und wir müssen zur Königin.“

Celvin rannte zu den Wagen und rief: „Lea! Lea, wo bist du?“

Sander zeigte auf den hinteren Wagen, woraufhin Celvin darin verschwand. Kurz darauf sprang er wieder heraus und rannte zu den Toren. Dort sprach er mit einem Mann zu Pferd, der wenig später davonpreschte. Celvin stieg ebenfalls auf sein Pferd.

„Ich bringe euch zum Palast!“

Die Insassen der beiden Kutschen wurden ziemlich durchgeschüttelt, da Celvin ein hartes Tempo vorgab. So gelangten sie schnell zum Palast, und nun standen die Kalmarer vor dem Hauptgebäude.

Die Fassade war in Grau gehalten, wie der gigantische Felsen, in den der Palast und die beiden Nebengebäude hineingebaut waren. Das Hauptgebäude ragte mehrere Meter heraus, sodass es aussah, als wäre es aus dem Felsen gewachsen. Weiße Balkone entlang der ersten und zweiten Etage hoben sich von dem tristen Grau ab und verliefen über die gesamte Breite von etwa dreißig Metern. Über den Balkonen gab es weitere drei Etagen. Zwischen den breiten Fensterfronten hatten Steinmetze fantastische Figuren in den Stein gemeißelt, tierische sowie menschliche.

Rion konnte sich nur schwer vom Anblick des Palastes lösen. Er war noch nie hier gewesen, und ihm waren bereits die Stallungen riesig erschienen, an denen sie vorhin vorbeifuhren. Aber dieser Anblick raubte ihm schier den Atem.

Kopfschüttelnd sah er zum Eingang, der über zwei riesige Flügeltüren verfügte, und fragte sich, ob hier Riesen ein und aus gingen.

„Welcher normale Mensch braucht Türen von vier Metern Höhe?“, murmelte er.

Die beiden Wachen rechts und links der Tore trugen silberglänzende Rüstungen und schwarze Umhänge. Sie waren mit Schwertern und Hellebarden bewaffnet. Bestimmt gaben sie eine imposante Erscheinung ab, doch neben den Toren wirkten sie ein wenig verloren, wie Rion fand.

Geralt wartete auf Celvin, der soeben sein Pferd an einen Stallburschen übergab und zu ihnen kam.

„Wie geht es weiter?“

Celvin deutete mit dem Kopf zum Eingangsportal, aus dem gerade sechs Soldaten der Königsgarde traten. Die Männer nahmen auf der Treppe Aufstellung. Kaum standen sie, kamen zwei ältere Männer mit einer Bahre herunter.

Geralt wollte zu Rion, als die Männer die Trage neben ihm ablegten, doch Celvin hielt ihn zurück.

„Keine Sorge! Sie gehören dem Heilerorden an und werden Lea direkt zu Helimus bringen. Er ist der Oberste und wird sich persönlich um sie kümmern.“

Während ein Heiler auf Rion einsprach und ihn dazu bewegte, Lea auf die Trage zu legen, sprach der andere mit Respa und Mo.

„Sind die Heiler wirklich so gut, wie man in der Stadt munkelt?“, fragte Geralt leise.

„Besser! Glaub mir, Lea wird wieder auf den Beinen sein, noch bevor die Sonne untergeht.“

Als die Heiler die Bahre aufhoben, musste Celvin Geralt erneut festhalten.

„Lass sie ihre Arbeit tun, Geralt!“

Lea wurde die Stufen hinaufgetragen. Oben angekommen, blieben die Männer vor einer hochgewachsenen Frau stehen. Sie machten Anstalten, die Trage abzusetzen, aber die Frau winkte ab und beugte sich über Lea. Sanft legte sie eine Hand auf ihre Stirn und sprach dabei mit den Heilern. Allerdings sehr leise, sodass die Kalmarer nichts mitbekamen. Kurz darauf eilten die Männer in den Palast.

Geralt stand vor den Stufen und bewunderte die schöne Frau, die dort oben stand. Ihre glatten schwarzen Haare reichten bis zur schlanken Taille, und die großen tiefblauen Augen schienen alles zu erfassen, was um sie herum geschah. Als sie ihn

ansah, zupfte jemand energisch an seinem Hosenbein, woraufhin er nach demjenigen schlug.

„Geralt!“, herrschte ihn eine leise Stimme an.

Doch er schaute lächelnd zu der Frau, da sie schmunzelte, was sie jedoch zu verbergen versuchte. Er kam nicht dazu, sich zu fragen, warum sie das tat, da er einen harten Schlag in die Kniekehle bekam. Unweigerlich fiel er auf ein Knie und blickte sich irritiert um, weil alle auf dem Boden knieten.

„Idiot“, raunte Celvin neben ihm.

„Erhebt Euch, bitte. Wer führt Eure Gruppe und wird mir berichten?“, fragte Nalia mit lauter und klarer Stimme.

Die Kalmarer standen auf. Bis auf zwei traten alle anderen zurück.

„Nun gut! Wie lauten Eure Namen?“

Rion kniff verwundert die Augen zusammen, da die Königin Geralt und ihn abwechselnd ansah, und sah sich nach rechts und links um.

„Na wunderbar“, murmelte er. Laut sagte er dann: „Mein Name lautet Rion, und der Mann neben mir heißt Geralt.“

Nalia nickte den beiden lächelnd zu.

„Ihr werdet mit mir kommen. Die anderen folgen bitte meinen Bediensteten. Sie werden Euch zu den Gasträumen im Nebengebäude führen. Sagt ihnen, was Ihr benötigt, sei es Kleidung, Nahrung oder ein Bad.“

Rion und Geralt eilten die Stufen empor, denn die Königin wandte sich direkt nach ihren Worten ab und verschwand im Palast. Zwei ihrer Leibwachen blieben direkt hinter ihr, die übrigen vier folgten Rion und Geralt.

3

Es ging durch lichtdurchflutete Säle. Treppen aus weißem und schwarzem Marmor führten auf Galerien, die von Statuen in menschlicher oder tierischer Gestalt getragen wurden. Auch sonst gab es Statuen zu bestaunen. Einige von ihnen stellten Wesen dar, die weder Rion noch Geralt jemals gesehen hatten. Staunend und mit immer größer werdenden Augen folgten sie der Königin durch einen langen Flur.

An der linken Wand hingen riesige Gemälde und Wandteppiche. Zu ihrer rechten Seite kam alle fünfzehn Meter eine Tür. Die Zwischenräume waren weiß getüncht, und bis auf Feuerschalen gab es keinerlei Wandschmuck, Statuen oder Derartiges. Was auch nicht nötig war, denn die Türen vereinnahmten einen sofort. Auf dem Weg zur nächsten Tür hätte man sowieso keinen Blick für etwas anderes gehabt. Selbst nachdem sie die Türen weit hinter sich gelassen hatten, schwirrten die unglaublichen Bilder noch in Rions Kopf herum.

Einige Abzweigungen, Treppen und Flure später erreichten sie dann schließlich einen großen Raum.

Es gab einen riesigen Schreibtisch, der vor einer Fensterfront mit bodentiefen Fenstern stand. Einige Schritte rechts davon stand ein Tisch mit zwölf schweren Eichenstühlen. Zehn Meter weiter befand sich ein Kamin, in dem man bequem ein Schwein hätte rösten können. Davor standen mehrere bequeme Sessel und ein tiefer Tisch.

„Kommt mit!“

Geralt und Rion sahen sich kurz an, bevor sie der Königin zur Kaminecke folgten.

„Nehmt bitte Platz und bedient Euch, während wir auf einen weiteren Gast warten.“

Die beiden setzten sich nebeneinander und begutachteten die Speisen, die auf dem Tisch standen. Es gab verschiedene Obstsorten, Brot, Fleisch und außerdem zwei Karaffen mit Wasser und Wein. Geralt schenkte ihnen Wein ein und nahm sich eine Hühnerkeule.

Rion trank seinen Becher in einem Zug leer, stellte diesen auf den Tisch zurück und lehnte sich angespannt in den Sessel. Er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, aber die Sorge um Lea machte dies unmöglich.

Nalia saß den beiden Männern gegenüber und beobachtete sie eingehend, wobei sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte, als sie Geralt ansah. Letztlich blieb ihr Blick an Rion hängen.

„Esst doch etwas. Ihr seht mitgenommen aus.“

Rion schüttelte den Kopf.

„Verzeiht mir, Eure Majestät, aber mir ist nicht nach essen zumute. Ich möchte zu meiner Tochter und wissen, wie es ihr geht.“

„Das kann ich verstehen. Aber Ihr könnt Euch gewiss sein, dass sie in guten Händen ist. Mein oberster Heiler kümmert sich persönlich um Eure Tochter.“

„Ich danke Euch, Hoheit.“

„Ich werde Euch zu ihr bringen. Doch zunächst gibt es einiges zu besprechen, sobald General Halldor hier eintrifft. Zuerst wird er mir verraten, wieso er mir noch nie von seinem Zwillingsbruder erzählt hat.“

Sie sah nun Geralt an, der sich prompt an einer Traube verschluckte und erbärmlich husten musste.

Rion schlug ihm mehrmals kräftig auf den Rücken und schüttelte verblüfft den Kopf, als er den Knochenberg erblickte, der sich auf Geralts Teller türmte.

Rion schielte zur Königin, die sichtlich amüsiert war.

„Der hungrige Mann neben mir ist Geralt. Er ist Händler der Insel Kalmar, mein Nachbar und Freund. Und mir wäre neu, dass er einen Bruder hat.“

„Nicht nur dir“, murmelte Geralt nachdenklich.

„Sobald der General eintrifft, werdet Ihr wahrscheinlich anders denken. Rion?“

„Ja, so lautet mein Name.“

„Und Eure Tochter, wie heißt sie?“

„Melea.“

„Ein sehr schöner Name, er passt zu ihr.“

Da Rion feuchte Augen bekam, wechselte Nalia das Thema.

„Unter den Kalmarern befand sich ein dunkelhäutiger Mann. Lebt er schon lange auf der Insel?“

„Sein Name lautet Mowanye. Er strandete vor sechzehn Jahren auf Kalmar. Sein selbstgebautes Floß war nur noch ein Trümmerhaufen, und er mehr tot als lebendig.

Durch Respas Hilfe kam er jedoch schnell wieder auf die Beine und …“

„Hätte die alte Kräuterhexe gewusst, dass er heilkundig ist und zudem ein Schamane, wäre er dies wahrscheinlich nicht“, unterbrach Geralt ihn, wobei er breit grinste.

Rion stupste ihn mit dem Ellenbogen an und schüttelte tadelnd den Kopf, doch die Königin lachte leise.

„Kräuterfrauen sind sehr eigen. Und was ihre Heilkünste angeht, da lassen sie sich absolut nichts sagen. Aber sie tun alles, um Leben zu erhalten, und würden niemals grundlos ein Leben nehmen.“

„Glaubt mir, Hoheit. Respa braucht kein Leben zu nehmen. Sie schafft es, dass man freiwillig von einer Klippe springt.“

Erneut stieß Rion ihn an, sah aber dann verwundert zur Königin, weil sie nun laut lachte.

„Ich freue mich schon darauf, Eure Kräuterfrau kennenzulernen. Aber jetzt noch mal zu Mowanye. Was hat er Euch berichtet? Wieso strandete er auf Kalmar, und wie kam es dazu?“

„Erst gestern Nacht erfuhren wir die ganze Wahrheit. Ihr solltet dringend mit ihm sprechen, denn Kalmar ist nicht die erste Insel, die von diesen Kreaturen eingenommen wurde. Mowanye ist der einzige Überlebende von der Insel Ruls, die ebenfalls von diesen seltsamen Kreaturen angegriffen wurde.“

„Ihr sagtet, er wäre vor sechzehn Jahren auf Kalmar gestrandet?“

„Ja, Hoheit.“

„Und erst gestern berichtete er Euch davon? Ich meine – glaubt ihr ihm, oder könnte es sein, dass er sich nur wichtigmachen wollte?“

„Ich glaube ihm! Denn er beschrieb Kreaturen, die wir auf dem Schiff zu sehen bekamen.“

„Von welchen Kreaturen sprechen wir hier?“

Es klopfte an der Tür, woraufhin Nalia ihren Wachen zunickte. Kurz darauf betrat ein großer Mann den Raum. Er trug eine beeindruckende Rüstung, deren Muskelpanzer seine breite und muskulöse Statur hervorhob.

„Setzt Euch zu uns, Halldor!“

Er verbeugte sich vor der Königin und wandte sich den beiden Männern zu. Allerdings stockte er mitten in der Bewegung, als er Geralt die Hand reichen wollte, um sich vorzustellen.

„Wer seid Ihr?“, fragte Halldor verblüfft.

Geralt schaute nicht weniger verwirrt drein und erhob sich langsam.

„Unglaublich. Wieso siehst du aus wie ich?“

„Also, wenn, dann siehst du aus wie ich“, meinte Halldor.

Rion betrachtete die beiden abwechselnd mit großen Augen.

„Zwei von der Sorte? Das überlebe ich nicht!“

Nalia lachte laut auf. Als Halldor ihr einen undefinierten Blick zuwarf, sprach sie: „Also, ich wäre froh, wenn ich einen weiteren Mann mit Halldors Fähigkeiten in meinen Reihen hätte.“

„Danke, Eure Hoheit.“

„Ihr habt mir nie von Eurem Bruder erzählt, Halldor“, fuhr sie fort.

„Ich weiß nichts von einem Bruder. Was jedoch nicht heißt, dass ich keinen haben könnte. Ich wurde bereits als Baby adoptiert. Meine Zieheltern konnten selbst keine Kinder bekommen und haben mich aus dem städtischen Waisenhaus geholt.“

„Auch ich war im Waisenhaus. Ich bin mit sechs Sommern von dort abgehauen und durch einen glücklichen Zufall dem damaligen Händler von Kalmar begegnet. Er nahm mich bei sich auf. Dies ist zweiundzwanzig Sommer her“, erzählte Geralt.

„Lasst mich raten. Ihr zählt ebenfalls achtundzwanzig Sommer?“

„Ja! Ich …“

Die Königin unterbrach das Gespräch.

„Ich werde nachher meinen Sekretär beauftragen, sich die Unterlagen des Waisenhauses anzusehen. Vorher gibt es allerdings wichtigere Dinge zu klären.“

Die vermeintlichen Brüder ließen sich nicht aus den Augen, bis Nalia ihren General ansprach.

„Die Bewohner von Kalmar mussten Hals über Kopf fliehen. Die Insel wurde von eigenartigen Kreaturen angegriffen.“

„Angegriffen? Von wem?“

„Rion und Geralt werden uns berichten, was geschehen ist.“

Halldor legte seinen Helm neben den Sessel, als er sich setzte.

Geralt betrachtete den Mann immer noch erstaunt. Die Ähnlichkeit war einfach unglaublich. Es war fast so, als würde er in einen Spiegel schauen. Abgesehen davon, dass sein Gegenüber die dunkelblonden Haare kurzgeschoren trug und er seine schulterlang.

„Würdet Ihr uns berichten, was sich zugetragen hat, Rion?“

Rion nickte und schloss kurz seine Augen, bevor er zu erzählen begann.

„Wegen des aufziehenden Unwetters erschien es uns sicherer, in die Schutzhöhle zu gehen, die sich im Gebirge befindet. Das heißt, alle Kalmarer, bis auf Respa und ihren Sohn. Die beiden wollten nicht mit, und gutes Zureden war zwecklos. Während die anderen schon vorausgingen, lief ich zu meinem Haus zurück. Ich wollte nachsehen, ob meine Tochter dort war und noch einmal die Fensterläden und Türen kontrollieren. Melea war nicht da, und so sicherte ich mein Haus ab und ging auch nochmal zu Geralts Haus hinüber, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Da unsere Häuser direkt am Strand der kleinen Bucht liegen, konnte ich zwischen den Felsen hindurch aufs Meer hinaussehen.“

Erneut schloss Rion die Augen und schüttelte leicht den Kopf.

„Habt keine Scheu, sprecht weiter.“

„Habe ich nicht. Ich kann nur selbst kaum glauben, was ich in den vergangenen Stunden sah.“

„So geht es mir auch, aber du sahst diese Dinge nicht allein“, sagte Geralt.

Er löste sich von Halldors Anblick und sah die Königin an.

„Rion sah seltsame Lichter im Meer. Er beobachtete dies vom Strand aus und ich von einer Klippe. Bei den Lichtern handelte es sich um grüne und goldene Bögen. Es war kein Wetterleuchten, falls Ihr das denken solltet. Dazu war das Leuchten zu beständig. Zudem bildete es eine fast kreisrunde Fläche, und der Ursprung des Lichts befand sich definitiv unter Wasser.“

„Was wolltet Ihr auf der Klippe?“, fragte Nalia.

„Ich bin seit Kindesbeinen auf dem Meer unterwegs und habe bereits etliche Stürme aufziehen sehen. Aber so etwas wie gestern sah ich noch nie.

Die Wolken kamen wie aus dem Nichts und zogen sich von allen Seiten über Kalmar zusammen. Der heftiger werdende Wind wechselte ständig die Richtung, und als wir an der Schutzhöhle ankamen, lief ich weiter zur Klippe, um mir einen Überblick zu verschaffen. Ich wollte sehen, was auf uns zukam. Allein der Anblick des Unwetters raubte mir den Atem. Die Wolken verdunkelten die untergehende Sonne vollständig und ballten sich zu einer brodelnden schwarzen Wand zusammen, die auf die Insel zuhielt. Tja, und dann entdeckte ich das Leuchten im Meer und musste zweimal hinsehen, um zu glauben, was ich dort erblickte.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort oben stand und aufs Meer starrte. Aber in dem Moment, als das Leuchten plötzlich erlosch, riss mich eine heftige Bö fast von den Füßen. Dies weckte mich sozusagen aus meiner Starre, und ich lief so schnell wie möglich zurück. Auf dem Weg zur Schutzhöhle machte ich kurz bei Mowanye Halt. Ich hatte gesehen, dass Melea bei ihm war und nahm sie mit in die Schutzhöhle, die sich einige Schritte unterhalb seiner Höhle befindet.“

„Ich kam kurze Zeit nach den beiden dort an und sprach mit Geralt über das, was ich am Strand beobachtet hatte. Wider Erwarten hielt er mich nicht für verrückt und erzählte mir stattdessen von den gleichen Beobachtungen. Und so kamen wir überein, Wachen einzuteilen, was gar nicht so einfach war. Die anderen glaubten uns natürlich nicht, doch letztendlich teilten wir die Männer in zwei Gruppen auf. Jon, Matt und ich gingen zur Klippe, um die erste Wache zu übernehmen.

Es war eisig kalt geworden, Schnee und Eisregen peitschten auf uns ein. Und je später es wurde, umso schwieriger war es, Jon und Matt zum Bleiben zu bewegen. Es tat sich nichts im Meer, aber dafür wurde es stetig kälter. Letztlich überredete ich die beiden, auszuharren und lief zurück, um ein paar Decken zu holen. Als ich an Mos Höhle vorbeikam, sah ich Geralt und meine Tochter bei ihm.“

Rion atmete zitternd durch, bevor er weitersprach.

„Ich war darüber wenig begeistert, da ich Melea eindringlich gebeten hatte, in der Schutzhöhle zu bleiben. Ich wollte sie natürlich mitnehmen, doch ich hielt inne, als ich Mo sagen hörte: ‚So wie meine Heimat werden diese Kreaturen auch diese Insel einnehmen. Und zwar noch heute Nacht.‘“

Rion erzählte Mowanyes Geschichte, woraufhin einen Moment lang angespanntes Schweigen herrschte.

„Nach so vielen Jahren – warum erzählte er ausgerechnet vergangene Nacht seine Geschichte?“, fragte Nalia schließlich.

„Melea und ich ließen ihm keine andere Wahl. Nicht bei dem, was kurz zuvor geschehen war.“

„Wieso? Was ist denn passiert?“, fragte Rion alarmiert.

Geralt hatte eigentlich nicht vorgehabt, davon zu erzählen, weil es noch unglaublicher war als der Umstand, dass Kalmar angegriffen wurde. Aber ihm blieb nun keine andere Wahl, weil ihn auch die Königin auffordernd ansah. Und so erzählte er von Mos Ritual, bei dem er inmitten eines Lagerfeuers stand. Von den Feuerkugeln, die der Schamane als Ahnen betitelte, und letztlich von dem Ahnen, der in Lea gefahren war.

„Seid ihr irre? Wie konntet ihr mir das verschweigen?“, ­regte sich Rion auf.

Nalia hob beschwichtigend eine Hand.

„Ich sah keine Verbrennungen an ihr.“

„Weil sie keine erlitten hat, wieso auch immer. Ich konnte keine fünf Schritte an diese Wesen herangehen, so viel Hitze strahlten sie aus. Doch Lea stand inmitten einiger Ahnen, und es machte ihr überhaupt nichts aus. Sie wurde allerdings zweimal bewusstlos, nachdem dieses Wesen in sie eingedrungen war. Und beim ersten Mal, als sie die Augen aufschlug, blieb mir fast das Herz stehen, da sie wie glühende Kohlen glommen. Es dauerte jedoch keine drei Herzschläge, bis sie erneut ohnmächtig wurde. Als sie dann erwachte, war alles wieder normal. Das heißt, sie war natürlich völlig schockiert und wollte wissen, wer die Flammenfrau wäre, die sie nun in sich trug.“

„Flammenfrau?“

Geralt nickte und richtete seinen Blick wieder auf die Königin, da er befürchtete, Rion würde ihn mit seinen Blicken aufspießen.

„Lea sah keine Feuerkugeln, so wie Mo und ich. Sie war oder ist der Meinung, flammende Gesichter gesehen zu haben. Und jenes, das sie verschluckt hat, war wohl das Antlitz einer Frau.“

„Verflucht noch mal, wann wolltet ihr mir das erzählen?“

„Rion, wie du selbst mitbekommen hast, überschlugen sich danach die Ereignisse.

Bisher blieb einfach keine Zeit dafür.“

„Und nach Mowanyes Geschichte seid Ihr dann von der Insel geflohen“, unterbrach Nalia die beiden.

„Nein, nicht sofort“, antwortete Rion mühsam beherrscht.

„Mo beharrte zwar darauf, dass wir sofort von der Insel runter müssten, doch ich konnte nicht so recht glauben, was er von den Kreaturen berichtet hatte. So schnappte ich mir ein paar Decken und lief wieder zur Klippe, wo ich dann eines Besseren belehrt wurde. Matt kam mir auf halbem Weg entgegen, völlig entsetzt und aufgebracht. Er stammelte die ganze Zeit etwas von einem Monstrum, das die Felsen emporkriechen würde. Kurz darauf kamen wir bei Jon an, und ich legte mich neben ihn auf den Felsen, da die Böen noch heftiger geworden waren.

Derweil entzündete Matt im Windschatten ein paar Fackeln, aber ich erkannte bereits im Lichtkegel von Jons Fackel, dass er mit ‚Monstrum‘ nicht übertrieben hatte. Ich konnte zunächst nur Teile des Kopfes sehen, und dies war ausreichend, um mein Herz für einen Moment aussetzen zu lassen.

Die Kreatur besaß ein riesiges Rundmaul mit wulstigen Lippen. Mehrere Reihen mit nach hinten gerichteten Zähnen, die bis weit in den Rachen reichten. Mit den Lippen vermochte es sich am Felsen festzusaugen, und wahrscheinlich besaß es an der Körperunterseite ebenfalls etwas, womit es sich festsetzen konnte. Genau konnten wir es nicht sehen, auch nicht, als wir in schneller Folge sechs Fackeln hinabwarfen. Aber was wir sehen konnten, war die Größe des Wesens. Und die betrug gute acht Meter, bei einem Umfang von etwa zwei Metern.“

„Besaß es Schuppen wie ein Fisch und glänzte es silbergrau?“

Rion schüttelte den Kopf.

„Nein, die Haut glänzte und schien glatt zu sein, wie die eines Aals, und es war dunkelgrau.“

Halldor nickte der Königin zu.

„Passt ziemlich genau auf das Wesen, das vergangene Nacht angespült wurde.“

„Eines der Biester wurde hier angespült?“, fragte Geralt schockiert.

„Was sollte die Fangfrage?“, hakte Rion nach.

„Verzeiht, aber ich muss sichergehen, dass …“

„Wie ging es weiter?“, unterbrach Nalia ihren General.

„Das Wesen kam nur langsam vorwärts. Wir hatten kein Bedürfnis zu erfahren, wie schnell es sich auf ebenem Boden fortbewegt. Und deswegen nahmen wir die Beine in die Hand. Wir liefen zu den Höhlen, und nach endlos erscheinenden Diskussionen, weil uns mal wieder keiner glaubte, traten wir die Flucht an. Allein von der Insel runterzukommen war nervenaufreibend und …“

„Wurdet Ihr angegriffen?“, fragte Halldor dazwischen.

„Wir nicht, aber Respa und Safrax. Lea und ich wollten die beiden holen, da sie nicht in die Höhle mitgekommen waren“, antwortete Geralt.

„Wieso wart Ihr beide allein?“, hakte Nalia nach.

Geralt schaute kurz zu Rion, der daraufhin betrübt den Kopf hängen ließ.

„Zwischen Gebirge und Wald fließt ein Bach, der sich aufgrund des Unwetters zu einem wilden Sturzbach entwickelt hatte. Es erschien uns unmöglich, rüberzukommen, und wir überlegten fieberhaft, wie wir alle heil auf die andere Seite bekommen sollten.“

Geralt atmete tief durch und schüttelte dann den Kopf.

„Lea dauerte dies wohl zu lange. Wir bemerkten sie erst, als sie bereits in der Mitte des reißenden Stroms stand, bis über die Hüften im Wasser. Mit nichts außer einem langen Ast arbeitete sie sich langsam voran. Sie hörte natürlich nicht auf uns, als wir nach ihr riefen.“

Wieder warf er einen kurzen Blick zu Rion, der aber nach wie vor zu Boden sah.

„Rion kam fast um vor Sorge und wollte ihr nach, was ich jedoch verhinderte.“

„Wieso?“, wollte Halldor wissen.

„Er kann nicht schwimmen. Dies musste ich ihm leider mit einem Kinnhaken ins Gedächtnis rufen. Und während Adaric und Jon auf ihn aufpassten, eilte ich Lea hinterher. Sie hatte fast das andere Ufer erreicht, wie ich verblüfft feststellte, als mich irgendein Ast oder Stamm unter Wasser traf. Es riss mich von den Füßen, und ich prallte wohl mit dem Kopf gegen einen Stein. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist Leas angestrengte Miene, während sie verzweifelt versuchte, meinen Kopf über Wasser zu halten. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, wo wir waren – an der kleinen Brücke, die über den eigentlich ruhigen Bach führte. Sie war komplett überspült, und ich fühlte den Sog, der mich unter die Holzplanken ziehen wollte, was Lea jedoch irgendwie verhinderte. Und jetzt fragt mich bloß nicht, wie sie das geschafft hat. Das frage ich mich nämlich auch noch. Auch wenn sie meine Hüften mit ihren Beinen umschlossen hielt, war die Strömung unbeschreiblich stark. Sie trug unser Gewicht nur mit einem Arm, mit dem sie einen Pfosten des Brückengeländers umklammerte. Mit der freien Hand hielt sie meinen Kopf über Wasser.“

„Sie rettete Euer Leben. Was ist daran so amüsant?“, fragte Nalia, weil Geralt wieder lächelte.

„Ihre Begrüßung, als ich erwachte. Sie meinte, ich würde nicht nur treten wie ein Ochse, ich wäre auch noch so schwer wie einer. Und erst da fiel mir auf, dass sie sich nicht nur mit einem Arm festhielt. Lea hangelte sich von Pfosten zu Pfosten und zog uns langsam Richtung Ufer.“

„Von welcher Statur ist Eure Tochter?“, fragte Halldor verblüfft.

Rion reagierte nicht auf ihn, und so war es Nalia, die antwortete.

„Sie ist schätzungsweise ebenso schwer wie ich und vielleicht ein paar Zoll größer.“

„Unglaublich! Sie muss eine unfassbare Willenskraft haben.“

„Einen unfassbaren Dickschädel, das trifft es eher“, meinte Geralt grinsend.

„Mit meiner Hilfe gelangten wir dann recht schnell ans Ufer, und in dem Moment fand ich die Situation nicht so amüsant. Jetzt tut es mir unendlich leid, dass ich Lea so angebrüllt habe. Aber wie dem auch sei – nach einer Weile tauchten am anderen Ufer Fackeln auf. Nachdem wir ein Seil gespannt hatten, kam Rion herüber. Es kam zu einem heftigen Streit zwischen Lea und ihm, und dann zwischen ihm und mir, worauf ich aber nicht näher eingehen werde. Letztlich kamen Rion und ich überein, dass ich mit Lea vorausgehe, und so liefen wir zur großen Bucht. Noch bevor wir Respas Haus erreichten, fanden wir ihren Sohn. Dazu sei gesagt, dass Safrax ein Holzbein trug. Er verlor sein Bein vor einigen Jahren nach einem Unfall mit einem Stechrochen. Das Gift des Tiers kostete ihn nicht nur sein Bein. Mit den Jahren wurde er immer sonderlicher, und Respa konnte ihn kaum noch allein lassen. Wie dem auch sei, Lea kam zuerst bei Safrax an. Sie drehte ihn auf den Rücken und wandte sich sogleich ab, um sich zu übergeben. Auch mein Magen rebellierte beim Anblick seines zerfleischten Gesichtes und dem aufklaffenden Loch, wo mal seine Kehle gewesen war.

Ich zog Lea hastig auf die Füße, in dem Moment, als der tosende Sturm eine kurze Pause einlegte, und wir hörten Respa schreien. Ich konnte nicht so schnell reagieren wie Lea losrannte. Ich folgte ihr natürlich, und hinter Respas Hütte erblickten wir die Alte. Sie schlug mit Safrax’ Krücke auf etwas ein, das vor ihr auf dem Boden lag, und schrie dabei wie von Sinnen, bis Lea ihr in den Arm fiel. Sie schob Respa einige Schritte zurück, und ich besah mir derweil die Kreatur, die leblos am Boden lag. Allerdings hatte Respa den Schädel zu Brei geschlagen, und so fielen mir nur die glänzende Fischhaut und die Hände des Wesens auf. Sie waren bestimmt anderthalb Mal größer als meine, schon ohne die langen schwarzen Krallen. Ich beleuchtete es mit einer Fackel, die ich jedoch schnell wegdrehte, als Lea zu mir kam. Denn in einer Pranke hielt die Kreatur noch Safrax’ Kehle.“

„Bei den Göttern“, flüsterte Nalia schockiert.

„Waren da noch mehr von diesen Kreaturen?“

„Laut Respa, ja. Ich konnte auch einige Spuren im Sand sehen, die in Richtung der Häuser führten. Also drängte ich die beiden Frauen, weiterzugehen, doch Respa wehrte sich mit Händen und Füßen. Mehr als einmal bekam ich die Krücke an den Kopf. Letztlich schaffte es Lea, die alte Hexe zu überzeugen, indem sie sich ebenfalls stur stellte. Lea sagte, wenn Respa nicht mitkäme, würde sie ebenfalls bleiben. Dies wollte die Alte allerdings nicht, und so nahm ich Respa auf den Rücken. Wir liefen so schnell wie möglich zur kleinen Bucht. Dort lagen mein Beiboot und Rions Fischerboot vertäut, und mit denen wollten wir auf mein Schiff übersetzen.

Die anderen waren in der Zwischenzeit dort angekommen. Allerdings fehlte nun von Rion jede Spur. Ich wies die Männer an, die Boote fertigzumachen, während ich nach ihm suchen würde. Aber Lea war mal wieder schneller gewesen als ich. Ich fand die beiden an ihrem Haus, nur fünfzig Schritte vom Steg entfernt. Die beiden hatten sich zu meiner Erleichterung vertragen.

Nachdem Lea noch schnell ein paar Sachen zusammengepackt hatte, liefen wir zu den Booten.

In der Bucht war der Wellengang zwar heftig, aber wir kamen mit den Rudern recht schnell voran, bis Getica plötzlich über Bord ging. Und wieder einmal kamen jegliche Reaktionen zu spät, um Lea davon abzuhalten, hinterherzuspringen. Auch Adaric, Geticas Gemahl, und ich sprangen ins Wasser, um den beiden Frauen zu helfen. Von ihnen fehlte jedoch jede Spur. Auch mit Matts Unterstützung und unzähligen Tauchgängen fanden wir sie nicht. Panik machte sich breit, und Rion wurde dieses Mal von Jon niedergeschlagen, da er mal wieder vergessen hatte, dass er nicht schwimmen kann. Dann brüllte Jon plötzlich ‚Hai‘. Im Licht der Fackeln erkannte ich eine große Rückenflosse, und ich traute meinen Augen kaum, als ich sah, wer sich daran festhielt.“

„Wie meint Ihr das?“, fragte Nalia und starrte ihn aus großen Augen an.

„Der Hai brachte Lea bis an den Rand des Bootes und …“

„Du meinst, er verfolgte sie?“

„Nein, Halldor, es ist so, wie ich es sagte. Er brachte Lea, und sie hielt Getica in einem Arm und rief Adaric zu, dass er sie hochziehen soll und dass sie nicht mehr atmen würde. Danach streichelte sie den Hai unter dem Auge und bedankte sich bei ihm.“

„Das zweite Leben, das sie in der Nacht rettete, oder?“

„Ja, Hoheit! Mo und Adaric konnten Geticas Lungen vom Wasser befreien.“

„Unglaublich! Wie viele Sommer hat Melea schon gesehen?“

„Siebzehn, fast achtzehn“, antwortete Geralt.

„Und der Hai, was hat es mit ihm auf sich?“

„Als wir endlich das Schiff erreichten, brachte ich Lea in meiner Kajüte unter, wo sie sich ausruhen sollte. Bevor ich ging, erzählte sie mir von dem Hai, dem sie am Morgen wohl schon mal begegnet war. Wichtiger ist jedoch die Kreatur, die Getica aus dem Boot gezogen hatte. Lea hatte dies mitbekommen und war ihr hinterhergesprungen.“

Geralt schüttelte seufzend den Kopf.

„Hättet Ihr nicht ebenso reagiert, wenn Ihr dies mitbekommen hättet?“, fragte Nalia.

„Sicher! Ich wurde von Getica aber auch nicht aufs Übelste betrogen, so wie Lea. Und das hatte sie erst wenige Stunden zuvor erfahren.“

„Betrogen? Inwiefern?“

„Lea ist eine fantastische Taucherin, und sie besorgt Getica die schönsten Muscheln und Korallen, die sie zur Fertigung ihres Schmucks benötigt. Diesen verkaufe ich an verschiedene Händler hier am Markt. Doch vor zwei Tagen kam ich nicht bis zum Markt, da mich eine Baronin zuvor abfing. Sie hatte mitbekommen, dass ich dem Hafenmeister Einblick in die Schmuckschatulle gewährte. Er kaufte ein Armband für seine Gemahlin bei mir. Sie kam daraufhin hinzu, besah sich jedes einzelne Teil und fragte, ob ich mit acht Silbermünzen für alles einverstanden sei. Meine Sprachlosigkeit interpretierte sie wohl falsch, also gab sie mir zehn Silbermünzen, woraufhin mir fast die Augen aus dem Kopf fielen. Auf dem Markt hätte ich mit Glück vielleicht ein Silberstück bekommen, was die gute Baronin ja nicht wissen musste“, sagte Geralt schmunzelnd, wurde aber direkt wieder ernst.

„Ich gab Getica das Geld und nahm mir vor, Lea zu fragen, wie viel sie davon abbekommen hatte. Denn Lea verdient dreißig Prozent vom Gewinn, und ich wollte verhindern, dass sie übers Ohr gehauen wird.“

„Dann hattet Ihr bereits die Vermutung, dass es so kommen würde?“

„Versteht mich nicht falsch, Hoheit. Getica ist eine wirklich nette Frau. Aber wenn es um Geld geht, dann hört bei ihr alle Freundschaft auf. Und so war es leider auch bei Lea. Anstatt drei Silbermünzen bekam sie nur eine, und das Schlimme für sie waren nicht die beiden unterschlagenen Münzen. Für Lea brach eine Welt zusammen, weil sie Getica als Freundin angesehen hatte. Mir zieht sich jetzt noch das Herz zusammen, wenn ich an die Tränen zurückdenke, die sie wegen der blöden Ziege vergossen hat. Und wisst Ihr, was Lea letztlich meinte? Sie sagte tatsächlich, Getica habe sich wahrscheinlich nur verrechnet.“

„Oh Mann. Diese Getica werde ich mir mal vornehmen. Das darf doch wohl nicht wahr sein.“

„Ihr haltet Euch zurück, General. Denn zuerst werde ich mich mit der Dame unterhalten“, sagte Nalia verärgert.

Sie trank einen Schluck Wein und schaute Geralt wieder an.

„Was hat Melea über die Kreatur berichtet, die Getica aus dem Boot gezerrt hatte?“

Geralt erzählte nun, was Lea ihm in seiner Kajüte offenbart hatte und berichtete auch gleich weiter. Von den Angriffen der aalähnlichen Wesen, dem Biss, den sich Lea zugezogen hatte. Dann kam der Angriff des Geflügelten, Sanders wundersame Auferstehung und auch dessen geistige Genesung. Und letztlich die Beobachtungen von den Kreaturen, die zu Dutzenden das Ufer Kalmars erreichten, und die unzähligen Schiffe.

Eine kleine Weile sagte niemand etwas, bis Nalia nachfragte.

„So wie es aussieht, habe ich gleich noch ein paar Gespräche vor mir. Vor allem diesen Sander werde ich mir ansehen. Wie kann es sein, dass ein Mann mit dem Gemüt eines Sechsjährigen plötzlich von dieser Krankheit geheilt ist? Zumal er hätte tot sein müssen, bei dem, was Ihr mir erzählt habt.“

„Und es ist wirklich keine Wunde zu sehen?“, fragte Halldor.

„Nein, sein Nacken ist vollkommen unversehrt. Und wir alle haben gesehen, wie der Geflügelte seine langen Zähne hineingeschlagen hat. Es tropfte sogar Blut auf uns herab.“

„Und Melea musste dies hautnah erleben. Die junge Frau tut mir unglaublich leid“, sagte Nalia leise.

„Ihr habt ein paar von den Biestern eingesammelt, die Euch zu Dutzenden angriffen.

Wo ist die Kiste?“, wollte Halldor wissen.

„In den Kutschen war zu wenig Platz, deshalb ließ ich sie auf mein Schiff zurückbringen.“

Halldor wandte sich der Königin zu.

„Ich würde gerne einen kleinen Trupp hinschicken, um das Schiff zu bewachen.“

Danach sah er Geralt an.

„Nichts gegen die Hafenarbeiter, aber unter ihnen gibt es einige, die ihre Nasen gerne in verschlossene Kisten stecken.“

Nalia winkte einen Wachmann heran.

„Lauft zu Hauptmann Celvin! Er soll zwei Dutzend Mann zum Hafen schicken. Sie sollen niemanden an Bord der Seeschlange lassen.“

Der Mann eilte davon, und Nalia rief den Nächsten herbei.

„Ich möchte unverzüglich mit Mowanye und Sander sprechen. Sie sollten sich im Gästehaus befinden. Fragt die Diener, wo sie die beiden Männer einquartiert haben.“

Während sie auf die Ankunft der beiden Männer warteten, löcherte Nalia die beiden Kalmarer mit weiteren Fragen. Die waren mehr als froh, als die Königin und Halldor zwei neue Opfer fanden. Allerdings wurden die folgenden Gespräche nicht nur für Rion zur Zerreißprobe. Auch Geralt bekam Atemnot, als Mo von seinen Visionen berichtete und in mindestens jedem zweiten Satz Meleas Name fiel. Doch im Gegensatz zu Rion konnte er sich beherrschen und brüllte Mo nicht unentwegt an, oder wollte ihm gar an den Hals gehen. Letztere Aktion veranlasste Nalia dazu, Rion vor die Tür zu setzen.

„Das war definitiv zu viel für ihn“, murmelte Geralt, als Rion von drei Wachen hinausgebracht wurde.

„Kein Wunder! Hätte ich gewusst, worum es hier geht, hätte ich ihn erst gar nicht an diesen Gesprächen teilhaben lassen“, sagte Nalia.

„Selbst ich bin völlig schockiert, wie muss es dann ihm ergehen? Er ist Meleas Vater!“

Halldor nickte dazu, wobei er Geralt beobachtete. Der verbarg sein Gesicht hinter den Händen und schüttelte alle naselang den Kopf.

Nun beugte sich Halldor vor und musterte Mo eindringlich.

„Ihr sagtet, Eure Visionen lassen keinen Zweifel zu. Wieso denkt Ihr das?

Ich meine, es sind Visionen der Zukunft! Was macht Euch so sicher, dass wir sie nur auf diese Weise beschreiten können?“

„Weil ich nicht allein mit diesen Visionen bin.“

„Respa?“, fragte Nalia direkt.

„Ja, Eure Hoheit!“

„Ich werde später mit ihr reden. Und jetzt seid so freundlich und wartet einen Moment draußen. Ich muss mich kurz mit General Halldor besprechen und komme gleich nach. Richtet Rion aus, dass ich ihn gleich zu seiner Tochter bringen werde.“

Eine Wache kam herbei und führte die beiden Männer hinaus.

„Ihr zieht doch wohl nicht tatsächlich in Erwägung, den Herrscherrat einzuberufen?“, fragte Halldor.

„Doch, das tue ich durchaus.“

„Hoheit, Ihr …“

„Habt Ihr den Männern zugehört, General?“

„Ja!“

„Und Ihr glaubt ihnen nicht!“

„Doch. Aber ich halte es für unnötig, deswegen den Rat einzuberufen. Schon gar nicht Torgulas.“

Nalia sah ihn nachdenklich an.

„Überstürzt nichts, Hoheit. Lasst mich mit Gento sprechen und eine Schiffsflotte aussenden, die sich ein Bild von der Lage machen“, sagte Halldor.

„Also gut, Halldor.“

Er atmete erleichtert auf, bis Nalia aufstand.

„Schickt Schiffe aus! Aber was meine Entscheidung wegen des Rates anbelangt – diese werde ich fällen, sobald ich Melea einen Besuch abgestattet habe. Ich hoffe, sie ist wach und kann mir ein paar Fragen beantworten.“

3

Halldor schnappte sich seinen Helm und lief eilig zur Tür, aus der Nalia bereits hinaus war.

„Ich würde auch gerne zu Lea und sehen, wie es ihr geht“, sagte Geralt.

„Eigentlich wollte ich Euch mit Halldor und meinem Sekretär in die Stadt schicken. Ich hätte gerne die seltsamen Fische, damit meine Alchimisten diese untersuchen können. Außerdem muss Halldor zu meinem Flottenkommandanten. Und in derZwischenzeit wird mein Sekretär herausfinden, ob mein General einen Bruder hat.“

Geralt und Halldor sahen sich kurz an und grinsten zeitgleich, worauf die Königin meinte: „Eigentlich bedarf es nur einer schriftlichen Bestätigung seitens des Waisenhauses. Denn was ich sehe, lässt nur einen Schluss zu. Damit meine ich nicht nur eure äußerliche Ähnlichkeit.“

„Haben wir noch einen kleinen Moment Zeit? Ich möchte wirklich nur sehen, ob alles in Ordnung ist.“

Halldor warf der Königin auf Geralts Frage hin einen Blick zu.

„Also gut, ich kann Euch ja verstehen. Aber wirklich nur einen Moment, denn Halldors Auftrag duldet keinen Aufschub.“

Rion bekam alles nur mit einem Ohr mit. Seine Sorge um Lea und die Geschehnisse, von denen er erst vorhin erfahren hatte, machten ihm sehr zu schaffen. Und dann noch Mo mit seinen seltsamen Visionen.

„Meine Tochter soll ein Bündnis der Königsreiche herbeiführen? Der ist doch irre. Wie soll sie das bewerkstelligen?“, dachte er kopfschüttelnd.

„Und wie war das mit dem Feuerwesen? Ist das Ding jetzt wirklich in ihr?“

Er schaute zu Mo, der sicherheitshalber Abstand zu ihm wahrte, was auch gut war. Rion hätte ihn am liebsten erwürgt.

Er wäre fast in einen Leibwächter gelaufen, da Nalia und somit ihre Wachen unvermittelt stehengeblieben waren.

„Bevor wir weitergehen möchte ich, dass sich Geralt und Rion ein Zimmer aussuchen. Dort könnt ihr Euch nachher frisch machen und ausruhen.

Außerdem werde ich Euch frische Kleidung bringen lassen. Und falls Ihr sonst noch Wünsche habt, sagt es bitte der Dienerschaft.“

Nalias Wachen traten zurück, sodass sie die beiden Männer ansehen konnte.

„Wir sollen hier im Palast bleiben?“, fragte Geralt verblüfft.

„So ist es am einfachsten. Denn ich werde mit Sicherheit noch einige Fragen an Euch haben. Also, sucht Euch eine Tür aus.“

Geralt zuckte mit den Schultern.

„Als wir vorhin hier vorbeikamen, wäre ich am liebsten direkt durch diese Tür gegangen. Sie zieht mich irgendwie magisch an.“

Er drehte den Knauf und warf einen Blick in den Raum dahinter. Nalia nickte Rion aufmunternd zu, woraufhin er mit dem Kopf auf die Tür vor ihm deutete.

„Gut! Die Diener werden frisches Wasser und Getränke für Euch bereitstellen, solange wir noch unterwegs sind.“

Sie wandte sich Mo zu und sagte: „Ihr könnt Euch erst mal zurückziehen. Ich werde später nach Euch und Respa schicken lassen.“

„Dürfte ich auch kurz zu Melea? Ich würde gerne …“

„Du wirst dich von meiner Tochter fernhalten, verdammt!“

Rion hatte nicht laut gesprochen, dennoch kamen zwei Wachen herbei und bauten sich vor ihm auf.

„Ihr seht selbst, dass das momentan keine gute Idee ist.“

Mo nickte der Königin zu und folgte einem Wachmann.

Sie ging daraufhin wortlos weiter und führte die Männer durch einige Flure zu den Krankenquartieren. Gerade als sie eine Tür öffnen wollte, kam ein älterer Mann heraus.

„Hoheit!“

Er fiel auf die Knie.

„Helimus hat mich soeben beauftragt, Euch zu holen.“

„Wie geht es meiner Tochter?“, fragte Rion.

Der Heiler blickte betrübt auf, woraufhin Rion versuchte, an den Wachen vorbeizukommen.

„Sagt schon!“

„Das werden wir gleich herausfinden“, sagte Nalia.

Der Heiler erhob sich und wich zur Seite, als die Königin das Krankenzimmer betrat. Doch nach zwei Schritten blieb sie schockiert stehen, denn so hatte sie ihre Heiler noch nie gesehen. Abgesehen vom Obersten waren noch drei weitere aus dem Orden im Raum, wobei alle vier mehr als erschöpft wirkten.

„Halt!“

Gleichzeitig mit dem Gebrüll des Wachmannes wurde Nalia sanft an den Schultern gepackt und einen Schritt nach vorne geschoben. Sie hob hastig eine Hand, da ihre Wachen ebenfalls an ihr vorbei wollten.

„Lasst ihn! Der Mann will nur zu seiner Tochter.“

Rion kniete bereits neben dem Bett und hielt Meleas Hand, schaute aber zu den Heilern hinüber.

„War sie schon wach?“

Keiner der vier antwortete.

„Was ist geschehen?“, fragte Nalia.

„Ich habe ihre zahlreichen Wunden geheilt, was anfangs auch reine Routine war.

Eine angebrochene Rippe, Hautabschürfungen und etliche Prellungen heilten problemlos, auch das Fieber verschwand. Aber eine Wunde will sich einfach nicht schließen. Zu viert haben wir es versucht, jedoch erfolglos. Und dass sie nicht erwacht, hängt wahrscheinlich mit dieser Wunde zusammen.“

Nalia wurde erneut einen Schritt voran geschoben. Wieder musste sie ihre Wachen davon abhalten, das Krankenzimmer zu stürmen.

„Was wollt Ihr damit sagen?“, fragte Geralt, der sich neben Rion hockte.

Sie hob eine Hand in seine Richtung und wandte sich Helimus zu.

„Ist es die Bisswunde am Oberarm?“

„Ja, Hoheit!“

„Mowanye berichtete, dass diese Tiere wahrscheinlich über Gift verfügen, welches sie durch den Biss abgeben. Könnte dies die Heilung der Wunde abwehren und Melea daran hindern zu erwachen?“

„Wir wissen von dem Gift und haben alles Erdenkliche versucht, um es aus ihrem Körper zu verbannen. Aber von uns kommt keiner dagegen an, was nur einen Rückschluss zulässt: Das Gift ist magischen Ursprungs! Die junge Frau befindet sich in einer Bewusstseinsstarre, und wenn uns nicht schnell etwas einfällt, dann …“

„Was?“, hakte Rion aufgebracht nach, da Helimus nicht weitersprach.

„Dann wird …“

„Dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass Melea den Weg ins Leben zurückfindet“, unterbrach Nalia den obersten Heiler.

„Seid Ihr auch eine Heilerin?“

„Nein, Geralt. Meine Fähigkeiten liegen auf einem anderen Gebiet.“

Sie ging ans Kopfende des Bettes und berührte mit den Fingerspitzen Leas Stirn.

„Ich vermag es, in das Bewusstsein anderer Wesen einzudringen.“

„Wie meint Ihr das?“, fragte Rion flüsternd.

„Stellt Euch vor, Ihr könntet in den Kopf eines anderen Menschen eindringen und dessen Erinnerungen, Gedanken und Gefühle erforschen.“

Seine Augen weiteten sich ungläubig.

„Das ist unmöglich!“

Nalia musste lächeln.

„Nein, ist es nicht. Ich besitze diese Fähigkeit. Und ich kann versuchen, Melea zu helfen, indem ich ihr den Weg zurück zeige.“

„Einen Weg zurück?“

„Manchmal verirrt sich der Geist eines Menschen in seinem Innersten. Oder er zieht sich zurück, weil er etwas Schreckliches erlebt hat. Dann ist es für denjenigen oft schwierig, den Weg in die Realität zurückzufinden. Wenn eine der Varianten auf Melea zutrifft, sollte es für mich kein Problem sein, sie zu finden und in die Realität zurückzuführen. Falls aber Magie eine Rolle spielt und das Blut des Wesens einen Zauber der Bewusstseinsstarre hervorruft, dann wird es ein wenig komplizierter.“

„Wie sollte Blut so etwas zustande bringen können?“

„Magie macht vieles möglich, Geralt.“

„Was meint Ihr mit komplizierter?“, fragte Rion.

„Nun ja, es könnte sein, dass Melea in ihrem eigenen Geist gefangen gehalten wird. Zum Beispiel in einer ihrer Erinnerungen. Sie darin zu finden, ist sehr zeitaufwendig.“

„Zeit, die wir nicht haben“, sagte Helimus.

„Denn selbst wenn Ihr die junge Frau dazu bewegt aufzuwachen, so tobt in ihrem Körper immer noch das Gift.“

„Sobald wir die Kiste vom Hafen haben, werden sich Valamar und die Alchimisten mit den Tieren befassen. Sie werden ein Gegengift finden.“

„Was macht Euch da so sicher?“

Nalia blickte in Rions feuchte Augen und lächelte ihm aufmunternd zu.

„Valamar ist ein Meistermagier. Wie ich eben schon sagte – Magie macht vieles möglich.“

Geralt streichelte sanft über Leas Wange und flüsterte: „Du bist stärker als das verfluchte Gift. Also kämpf gefälligst dagegen an. Und wenn ich nachher zurückkomme, will ich irgendeine Frechheit hören und dein freches Grinsen sehen.“

Er erhob sich, klopfte Rion auf die Schulter und sagte zur Königin: „Ich will auf dem schnellsten Weg zum Hafen und die Kiste holen. Habt Ihr ein Pferd für mich?“

„Halldor wird Euch eines zur Verfügung stellen.“

Geralt nickte, eilte zur Tür und sah Halldor an, der unter dem Rahmen stand.

„Los, beeilen wir uns!“

Auf das Nicken der Königin hin wandte sich der General ab. Sie lauschten den schweren Schritten der beiden Männer, die sich im Laufschritt entfernten. Als sie verhallt waren, trat Nalia an Rion heran und legte eine Hand auf seine Schulter.

„Darf ich bitte hierbleiben?“, fragte er leise.

„Nein, tut mir leid. Ich erwarte drei meiner Heiler. Wir wollen gleich einen neuen Versuch unternehmen, die Wunde zu schließen“, sagte Helimus.

„Aber sagtet Ihr nicht vorhin, Ihr hättet bereits alles Erdenkliche versucht?“

„Das heißt aber nicht, dass wir aufgeben.“

„Ich halte es ebenfalls für sinnvoll, wenn Ihr Euch ein wenig zur Ruhe begebt“, meinte Nalia.

„Ich werde keine Ruhe finden, solange es meinem Mädchen schlecht geht.“

„Ihr werdet Melea keine Hilfe sein, wenn Ihr vor Erschöpfung zusammenbrecht.“

„Und uns auch nicht! Wir haben mit Eurer Tochter wahrlich genug zu tun“, sagte Helimus, wobei er leicht lächelte.

„Kommt, Rion. Ich bringe Euch zu Eurem Zimmer.“

Widerwillig folgte er Nalia aus dem Krankenzimmer. Helimus stand seufzend auf, um die Tür zu schließen. Dabei bemerkte er die rauchige Erscheinung nicht, die hinter dem Kopfende des Bettes emporschwebte. Der dunkelgraue Dunst zerfaserte, und es bildeten sich fünf Auswüchse, die wie lange Finger anmuteten. Diese krochen über das Kissen zu Leas Kopf. Und während Helimus noch einen Blick auf den Flur warf, riss Lea Augen und Mund auf. Sämtliche Muskeln verkrampften. Ihr gesamter Körper zuckte unkontrolliert, als der unheilvolle Nebel durch Augen, Nase und Mund in ihren Körper drang.

„Verflucht, nicht schon wieder.“

Helimus warf die Tür hinter sich zu und eilte zum Krankenbett.

„Ich muss noch einige Dinge in die Wege leiten, bevor ich zu Eurer Tochter gehe und den Versuch wage, in ihren Geist vorzudringen.“

„Ich möchte gerne dabei sein, wenn Ihr dies tut.“

„Ihr werdet vor der Tür warten müssen, Rion“, sagte Nalia.

„Sie ist meine Tochter, und ich will bei ihr sein. Ist das denn so schwer zu begreifen?

Verflucht noch mal“, brüllte er plötzlich.

Nalia musste mal wieder ihre Wachen davon abhalten, Rion anzugehen.

„Es erfordert absolute Konzentration, so etwas zu tun. Und es kann für Melea und auch für mich sehr gefährlich werden, sollte ich unerwartet aus ihrem Geist herausgerissen werden.“

Rion schüttelte verständnislos den Kopf und atmete tief durch.

„Verzeiht, Hoheit. Ich kenne mich mit derlei Dingen nicht aus.“

„Ich verstehe Euch. Glaubt mir bitte, wir tun wirklich alles, was in unserer Macht steht, um Melea zu helfen.“

„Ich danke Euch …“

Nalia unterbrach ihn, indem sie dazwischen sprach: „Ich muss nun wirklich los. Also, geht bitte in Euer Zimmer, macht Euch frisch, ruht Euch aus und esst etwas. Ich werde Euch nachher abholen, wenn ich zu den Krankenquartieren gehe.“

Rion wusste gar nicht, wie ihm geschah, als Nalia die Tür öffnete und ihn kurzerhand in den Raum schubste. Er zuckte ein wenig zusammen, da die Tür hinter ihm recht laut ins Schloss krachte.

Nalia blieb davor stehen und streichelte dem Wassermann über die Schwanzflosse. Dann ging sie zu der Tür, die Geralt ausgewählt hatte und murmelte: „Wer hätte das gedacht?“

Einen Moment lang betrachtete sie die gefiederte Seeschlange, dann eilte sie los.

Rion stand immer noch an der Tür und sah sich mit großen Augen um.

„Das Zimmer ist halb so groß wie mein Haus“, schoss es ihm durch den Kopf.

Der Raum maß fünfzehn Meter in der Länge und sieben in der Breite. Der Schlafbereich befand sich rechts von ihm und vereinnahmte ein Drittel des Zimmers. Allein das Bett war so groß, dass eine vierköpfige Familie darin Platz finden würde. Daneben stand ein kleines Tischchen mit einer Öllampe. Dann gab es einen Schrank, aus dem man ein weiteres Zimmer hätte machen können, und zwei Truhen, in die er sich bequem reinlegen könnte. Ein großer Kamin zierte die Wand vor ihm. Davor standen vier große Sessel.

Langsam ging Rion nach links und bestaunte die Fensterfront von fünf Metern Breite. Die Fenster reichten vom Boden bis unter die drei Meter hohe Decke. An der rechten Seite gab es eine Tür, die zum Balkon hinausführte. Es zog ihn jedoch zur linken Seite, wo es einen abgetrennten Bereich gab.

Vorsichtig, als hätte er Angst davor, dass ihn etwas anspringen könnte, schob Rion einen schweren Vorhang beiseite und warf einen Blick in den separaten Raum. Dort stand ein langer Tisch mit zwei eingelassenen Waschschüsseln. Ein großer Wasserkrug stand daneben auf einem Tischchen, auf dem auch weiße Tücher, Seife und Rasiermesser lagen.

Er schob den Vorhang nun ganz zur Seite und erblickte direkt den großen Badezuber zu seiner Rechten. Am Ende des Raums entdeckte er eine hölzerne Abdeckung auf dem Boden. Seine Überlegungen, welchem Zweck diese wohl diente, waren hinfällig, als er den Deckel anhob. Wegen des bestialischen Gestanks ließ er den Holzdeckel direkt wieder fallen und flüchtete ins Zimmer zurück. Er ging zur Balkontür, zog den Riegel zurück und wollte gerade hinausreten, als es vernehmlich klopfte. In der Annahme, die Königin sei zurück, eilte er durchs Zimmer und riss die Tür auf.

Ein alter, runzliger Mann ohne Haare und ein schwerbepackter Junge von vielleicht dreizehn Sommern schoben sich an ihm vorbei. Der Mann ging in die Richtung des Kamins, und der Junge schleppte einen großen Sack zum Bett.

„Kommt doch rein“, murmelte Rion und schloss die Tür.

Der Alte neigte sein Haupt, als Rion auf ihn zuging.

„Verzeiht die Störung, mein Herr. Die Königin beauftragte uns, Euch einige Kleidungsstücke zu bringen. Mein Name lautet Poro, und der Junge heißt Lenas.“

Der Junge kam herbei, musterte Rion von allen Seiten und lief wieder zum Bett. Dort hatte er den Inhalt des Sackes verteilt und sortierte nun Kleidungsstücke aus. Dies tat er recht zügig. Letztlich packte er ein paar wenige Sachen wieder ein.

Rion warf einen Blick aufs Bett, auf dem nun Hosen, Hemden und zwei Umhänge lagen.

„Das sollte als Erstausstattung reichen.“

Völlig verblüfft schaute Rion die beiden abwechselnd an, bis Lenas auf seine Stiefel zeigte.

„Oh, da hast du wohl Recht, mein Junge.“

Rion schaute kurz an sich hinunter.

„Lenas ist der Meinung, Eure Stiefel hätten ihren Dienst getan, mein Herr. Er wird Euch gleich neue bringen“, sagte Poro lächelnd.

„Nennt mich bitte nicht so. Mein Name ist Rion.“

Er sah Lenas an und fragte: „Kannst du nicht sprechen?“

„Niemand weiß, wieso er nicht spricht. Auch die Heiler nicht. Lenas ist bereits sein halbes Leben hier und hat bisher nicht ein Wort gesprochen.“

Der Junge schnappte sich den fast leeren Sack und ging zur Tür.

„So, bis auf die Stiefel sind wir hier erst mal fertig.“

Rion sah die beiden verwundert an.

„Soll ich die Sachen nicht anprobieren?“

Poro schüttelte lächelnd den Kopf.

„Glaubt mir, sie werden passen, Lenas hat einen Blick dafür.“

Nachdem sie gegangen waren, stand Rion wieder allein im Zimmer und betrachtete seine Stiefel.

„So schlimm sehen die doch gar nicht aus“, dachte er.

Wenig später wühlte er in den Kleidungsstücken und murmelte erstaunt vor sich hin.

„Das sind ja alles neue Sachen.“

Er entschied sich für eine dunkle Lederhose und ein Hemd in der gleichen Farbe. Seine vor Dreck und Blut starrenden Klamotten warf er auf einen Haufen neben das Bett. Dann begab er sich hinter die Abtrennung, wusch sich ausgiebig, und nachdem er sich auch noch rasiert hatte, zog er die neuen Sachen an. Verwundert stellte er fest, dass sie wirklich perfekt passten.

Die anderen Sachen legte er ordentlich zusammen und verstaute sie im Schrank. Da er jetzt nichts mehr zu tun hatte, begann er damit, im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Hoffentlich kann ihr dieser Heiler helfen“, murmelte er vor sich hin.

„Und was, wenn nicht?“, schoss es ihm durch den Kopf.

„Wird die Königin dann wirklich in Leas Geist eindringen? Wie soll das vonstattengehen? Mit Magie? Oh Mann, bloß keine Magie. Ich hasse Magie, sie führt zu nichts Gutem.“

Am Kamin blieb Rion stehen und schaute zur Tür.

„Ich halte diese Warterei nicht aus. Ob Geralt schon zurück ist?“

Er ging zu Geralts Zimmer, doch sein Klopfen blieb ungehört.

„Verdammt, er ist bestimmt mit seinem Bruder unterwegs. Falls Halldor denn sein Bruder ist.“

Missmutig kehrte er in sein Zimmer zurück, wo er von Lenas erwartet wurde. Er stand mitten im Raum, schaute ihn ernst an und reichte ihm ein zugeschnürtes Bündel. Rion nahm es entgegen und blickte Lenas verdattert nach, als der zur Tür hinausging.

„Danke“, rief er ihm nach.

„Seltsamer Junge“, dachte er und setzte sich auf einen Sessel.

Dort packte er seine neuen Stiefel aus und bekam große Augen. Solche Stiefel hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht besessen. Sie bestanden aus schwarzem Büffelleder, waren unglaublich weich und passten wie angegossen. Rion ging ein paar Schritte auf und ab und schüttelte verwundert den Kopf.

„Wie macht der Junge das nur? Nur durch Ansehen eines Menschen zu wissen, welche Kleidung er braucht … unglaublich.“

Seufzend setzte er sich wieder und hoffte auf weitere Ablenkung, doch die kam nicht. So wurde das Warten zur Tortur.

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere

Bewusstseinsstarre

1

Geralt schlenderte über das Deck der Seeschlange und blickte über die Reling. Von Halldor war noch nichts zu sehen. Sie hatten die Kiste an vier Soldaten übergeben, mit dem Auftrag, diese so schnell wie möglich in den Palast und zu den Alchimisten zu schaffen. Danach war Halldor direkt weitergeritten, um mit dem Flottenkommandanten zu sprechen. Nun wartete Geralt auf dessen Rückkehr.

Unruhig ging er weiter und sammelte dabei ein paar Speere und Fackeln ein, die auf dem Deck herumlagen. Nach einem weiteren Blick über das Hafengelände öffnete er die Luke und verstaute die Sachen im Lagerraum. Eigentlich wollte er direkt wieder nach oben, ging dann aber doch in seine Kajüte. Der Schreibtisch stand noch in der Mitte. Er strich mit den Fingerspitzen über eine trockene Blutspur, bis seine Hand gegen die Holzschüssel stieß, aus der blutiges Wasser schwappte. Er packte sie und warf sie mit einem wütenden Schrei gegen die Wand. Kurz darauf ließ er den schweren Eichentisch folgen, der krachend in der Mitte auseinanderbrach.

Schwer atmend ließ sich Geralt aufs Bett sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. Eine Weile saß er so da, bis er Schritte auf der Treppe hörte. Hastig wischte er sich übers Gesicht und atmete ein paarmal tief durch, als auch schon Halldor in der Tür stand. Der schaute sich ein wenig entsetzt um.

„Was ist denn hier passiert?“, fragte er.

Er musterte Geralt und bemerkte dessen gerötete Augen, überging diese aber. So wie Geralt die Frage nicht gehört zu haben schien.

„Was meinst du? Bist du bereit dazu, einen großen Bruder zu bekommen?“

„Denkst du wirklich, wir seien Brüder?“, fragte Geralt nach.

„Gewissheit werden wir gleich erhalten, wenn wir den Sekretär am Waisenhaus treffen. Aber ich glaube, wir können uns den Weg sparen.“

Er reichte Geralt seine Hand und zog ihn auf die Füße.

„Frag mich nicht, wieso. Aber ich spüre einfach, dass wir Brüder sind.“

„Mir geht es ebenso. Nur eine Sache siehst du absolut falsch.“

„Und die wäre?“

„Ich bin definitiv der Ältere von uns beiden“, meinte Geralt grinsend.

„Ganz sicher nicht!“

„Und ob!“

„Um dies endgültig zu klären, werden wir wohl doch zum Waisenhaus müssen.“

„Na, dann komm endlich.“

Geralt griff nach einem Sack, der auf dem Boden stand. Seines Wissens nach gehörte er Mowanye. Der würde die Sachen darin mit Sicherheit noch brauchen.

Wenig später saßen sie auf ihren Pferden und ritten auf schnellstem Weg zum Waisenhaus. Dort war vom Sekretär noch nichts zu sehen. Wieder einmal hieß es warten für Geralt. Jetzt fehlte nicht nur der Sekretär, sondern auch Halldor, der sich auf die Suche nach dem alten Mann begeben hatte.

Er setzte sich auf die alte und verwitterte Steintreppe, die ins Gebäude führte. Seine Gedanken kreisten mal wieder um Lea.

„Hätte ich doch nur den Mund aufbekommen, als ich ihr den Armreif schenkte. Ich Idiot!“

Zusammen mit dem Geschenk wollte er ihr eigentlich einen Antrag machen, doch in dem Moment hatte er kein Wort herausbekommen. Jetzt war es dafür zu spät, denn nachdem Rion den Armreif entdeckt hatte, konnte der sich wohl denken, was Geralt mit diesem Geschenk bezweckte. Kaum war Lea einen Moment nicht dagewesen, hatte er ihn darauf angesprochen. Und letztlich war Rion ihm an den Kragen gegangen.

„Wenn sie meine Tochter wäre, hätte ich wahrscheinlich auch so reagiert“, dachte Geralt missmutig.

Es gab eine Zeit, in der er seine Wirkung auf Frauen schamlos ausgenutzt hatte. Und Rion wusste von den dutzenden Frauen, die in seinem Leben bereits eine Rolle gespielt hatten. Aber das war seit etlichen Monden vorbei, was Rion ihm jedoch nicht glaubte. Aus diesem Grund hatte er ihm verboten, Lea einen Antrag zu machen. Allerdings hatte er ihm die Möglichkeit eingeräumt, sich zu beweisen.

„Wie soll ich das nur anstellen?“, fragte er sich leise.

„Was?“

Geralt blickte erschrocken auf und sah Halldor an, der lächelnd vor ihm stand.

„Wie lange stehst du schon da?“, fragte er misstrauisch.

„Eine Weile.“

Geralt erhob sich seufzend.

„Mach dir keine Sorgen. Helimus ist der beste Heiler, den es in den Reichen gibt.

Und unsere Königin hat ebenfalls unglaubliche Fähigkeiten. Melea wird es schaffen, Bruder.“

Geralt nickte, geriet aber ins Stocken. Seine Augen weiteten sich.

„Bruder?“

„Ja, jetzt ist es amtlich. Ich habe einen kleinen Bruder.“

„Ist bekannt, wer unsere Eltern sind?“

„Nein. Man fand uns auf dieser Treppe, eingewickelt in einem weißen Bärenfell. Bei mir lag ein Zettel, auf dem stand Erstgeborener.“

„Den hast du mir bestimmt abgenommen“, meinte Geralt.

Halldor klopfte ihm lachend auf die Schulter.

„Komm, lass uns etwas essen gehen.“

„Sollten wir nicht lieber in den Palast zurückkehren?“

„Nalia wird niemanden zu Melea lassen, solange die Heiler mit ihr beschäftigt sind.“

„Vielleicht ist Lea in der Zwischenzeit aufgewacht und …“

„Auch dann wird Nalia erst mal niemanden zu ihr lassen, abgesehen von Meleas Vater.“

Halldor schob Geralt vorwärts.

„Na, komm!“

Kurz darauf saßen sie in einem guten Gasthaus. Während sich Halldor durch eine Fleischplatte arbeitete, löcherte er Geralt nochmal mit Fragen über die vergangene Nacht. Nach seinem Mahl begann Geralt, Fragen zu stellen. So erfuhr er, dass Halldor bereits als Baby von einem jungen Ehepaar adoptiert worden war. Sein Ziehvater Bigelis tat damals seinen Dienst in der Stadtgarde und hatte sich mittlerweile zum Hauptmann der Stadtsoldaten hochgearbeitet. So war es kein Wunder, dass sein Ziehsohn ebenfalls den Weg eines Soldaten eingeschlagen hatte. Er bewies ein außergewöhnliches Talent mit dem Schwert, und in Dingen wie Strategie und Truppenführung machte ihm schon bald niemand mehr etwas vor. So arbeitete er sich sehr schnell hoch. Zuerst bei den Stadtsoldaten, und später in der Königsgarde. Nun war er mit seinen achtundzwanzig Sommern bereits General der königlichen Truppen.

„Wie hast du das alles in dieser kurzen Zeit geschafft?“

Halldor zuckte mit den Schultern.

„Eigentlich war es nie mein Ziel gewesen, General zu werden. Aber die Königin hielt es für angemessen. Ich ritt fast zwei Sommer lang durch Mesu, auf der Suche nach unserem verschollenen König. Auf diesem Wege habe ich einige Söldnerbanden

hochgenommen, die den Bauern und Lehnsherren das Leben schwergemacht hatten. Ich fand heraus, dass die Söldnerbanden für den gleichen Anführer arbeiteten. Ihn verfolgte ich einen halben Sommer quer durchs Reich. Zeitgleich suchten meine Männer und ich weiter nach unserem König. Wir gingen jedem noch so kleinen Hinweis nach, der zu seinem Verbleib führen konnte. Doch wir fanden weder ihn noch seine Männer.“

„Was wurde aus dem Anführer der Söldner?“

Halldor grinste schief.

„Die Geschichte ist fast aus dem Ruder gelaufen, als wir sein Lager aufspürten. Mit dreißig Bewaffneten marschierte ich dort ein. Allerdings wurde es brenzlig für uns, da wir nicht mit sechzig Söldnern gerechnet hatten. Aber wir haben es geschafft, nicht zuletzt durch die gute Ausbildung meiner Männer. Leider hatten wir auch einige Opfer zu beklagen.“

Halldor trank einen Schluck Bier, bevor er weitererzählte.

„Von meinen Männern überlebten nur neunzehn, von denen sechs schwer verletzt waren. Darunter auch ich.“

„Und die Söldner?“

„Dreiundzwanzig überlebten die Schlacht, acht waren sehr schwer verwundet, sodass wir ihnen an Ort und Stelle den Gnadenstoß gaben. Die anderen legten wir in Ketten und brachten sie nach Mesura, unter ihnen auch der Anführer. Sie sitzen nun im Kerker und erwarten das Urteil der Königin.

Ich bin seit zwei Monden wieder hier, und die Königin ernannte mich für meine Verdienste zum General.“

„Zu Recht. Du bist ein Held.“

Halldor winkte ab und sah zum Eingang, als die Tür aufgestoßen wurde. Er stand direkt auf und ging dem Soldaten der Hafenwacht entgegen, der eilig auf ihn zuschritt.

Geralt folgte ihm und bekam mit, wie Halldor eine kleine Schriftrolle zusammenrollte und unter seine Armschiene schob.

„Wir müssen schnellstmöglich zum Palast.“

Mit diesen Worten war er auch schon aus der Tür. Er nahm von einem Soldaten die Zügel seines Pferdes entgegen und stieg direkt auf den Rücken des kraftstrotzenden Hengstes. Von dort aus schaute er ungeduldig zur Tür des Gasthauses, durch die soeben Geralt heraustrat. Der bedachte ihn mit einem äußerst verärgerten Blick.

„Was ist los?“

„Ich habe gerade dein Mahl bezahlt und rechne noch nach, wie viele Tage ich dafür gearbeitet habe.“

Halldor musste grinsen.

„Das nächste Mal bezahle ich.“

Geralt saß noch nicht ganz im Sattel, als Halldor auch schon lospreschte.

Vor dem Palast trennten sich zunächst ihre Wege. Halldor hetzte die Stufen des mittleren Gebäudes hinauf, und Geralt ging ins linke Nebengebäude. Er wollte Mo seine Sachen geben und ließ sich von einem Diener zu dessen Zimmer führen.

Mo, Respa und Sander saßen an einem kleinen Tisch beisammen und unterhielten sich leise, als Geralt hinzukam.

Mo nahm dankend seinen Beutel entgegen und wies mit der freien Hand auf einen Stuhl.

„Gibt es schon etwas Neues von Lea?“, fragte Geralt angespannt.

Mo sah ihn verwundert an.

„Ich habe gehofft, dass du uns Neuigkeiten bringst.“

„Nein, ich war mit meinem Bruder unterwegs.“

„Ich wusste gar nicht, dass du einen Bruder hast“, sagte Sander verwundert.

„Ich bis heute auch nicht. Aber auf der anderen Seite, wenn ich darüber nachdenke …“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich weiß auch nicht, es ist irgendwie schwierig zu erklären. Als er vorhin zur Besprechung kam fühlte es sich an, als würde ich einem alten Freund begegnen, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe.“

„Es ist offensichtlich, dass ihr Zwillinge seid. Und zwischen Zwillingen soll es eine sehr tiefe Bindung geben“, meinte Mo.

Respa horchte auf und blickte Geralt fast schon entsetzt an.

„Zwillinge? Bloß nicht noch einer von der Sorte.“

Geralt musste laut lachen. Er wusste, dass sie es nicht so meinte. Sie konnte es jedoch nicht lassen, ihn zu sticheln. Seitdem er sich bei einer gewissen Dame vor etlichen Jahren etwas eingefangen hatte und sie ihn daraufhin behandeln musste, ließ sie keine Gelegenheit dazu aus.

„Und wie geht es dir?“, fragte er Sander.

„Wenn ich das nur wüsste. Die beiden hier stellen mich auf den Kopf und fragen mich Dinge, von denen ich noch nicht mal wusste, dass es so etwas überhaupt gibt.“

Geralt sah Mo und Respa abwechselnd an, aber die beiden beachteten ihn gar nicht. Ihre Blicke waren auf den armen Sander geheftet.

„Ich will dann auch nicht weiter stören.“

Geralt bekam noch nicht mal eine Antwort, als er sich verabschiedete und die Tür hinter sich schloss.

Nalia ließ die Nachricht sinken, die Halldor ihr überreicht hatte.

„Von wann ist der Bericht?“

„Die Nachricht muss Gento erreicht haben, nachdem ich bei ihm war. Ein Bote brachte sie mir eine Stunde später. Ich kam damit sofort zu Euch.“

„Dann ist es also gewiss. Irgendwer sammelt da draußen seine Truppen und wird früher oder später angreifen.“

„Davon ist auszugehen.“

„Kennt Ihr die Kapitänin der Feindbrecher?“

„Ja! Sie neigt nicht dazu, zu übertreiben. Das heißt, alles, was sie dem Flottenkommandanten in ihrem Bericht niedergeschrieben hat, entspricht der Wahrheit.“

„Sind noch andere Schiffe von uns in der Nähe von Kalmar?“

„Nein. Die Feindbrecher war auf Patrouillenfahrt, und zu unserem Glück segelte sie vor Kalmar. So, wie ich Fanya kenne, schrieb sie direkt den Bericht und schickte diesen dann per Möwe zu Gento.“

„Wann wird die erste Flotte bei ihr eintreffen?“

„Gento gab sofort den Befehl, zwölf Schiffe klarzumachen, als ich noch bei ihm war. Ich schätze, sie sind bereits auf dem Weg, werden aber nicht vor Einbruch der Nacht dort ankommen.“

„Ich hoffe, Fanya ist schlau genug, sich von den feindlichen Schiffen fernzuhalten.“

„Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, mit einem der Schiffe in Kontakt zu treten, wird sie sich sicherlich zurückgezogen haben. Sie kann froh sein, dass sie nur in einen Pfeilhagel geriet und ihr Schiff nicht versenkt wurde.“

„Schickt einen Boten zu Gento! Ich will, dass er auch die übrigen Schiffe bereit machen lässt. Außerdem soll er die anderen Küstenstädte benachrichtigen. Wir werden unsere gesamte Flotte brauchen.“

Während ihrer Worte zog Nalia eine Schublade auf und beförderte einige in Leder gebundene Schriftrollen auf den Tisch. Sie entrollte eine und nahm eine Schreibfeder in die Hand.

„Auf dem Kamintisch steht ein Krug Wein. Seid so gut und holt uns zwei Kelche.“

Halldor erhob sich direkt und warf dabei einen Blick auf das Pergament, welches bereits beschrieben war. Nalia kritzelte noch zwei Sätze unter den Text und setzte ihr Siegel darunter, bevor sie aufsah.

„Ich war nicht untätig und habe die Nachrichten an die Herrscher bereits vorbereitet.“

Halldor nickte und ging zum Tisch, um zwei Kelche mit tiefrotem Wein zu füllen. Als er zum Schreibtisch zurückkehrte, verstaute Nalia die Schriftrollen bereits in einem Beutel und wollte damit zur Tür.

„Halt!“

Sie blieb abrupt stehen und bewegte sich keinen Zoll. Halldor bekam einen hochroten Kopf.

„Oh … ich meinte … wartet bitte.“

Nalia wandte sich ihm zu und sah ihn amüsiert an. Er räusperte sich leise.

„Euer Wein, Hoheit.“

Sie nahm Halldor einen Kelch ab, setzte diesen an die Lippen und drückte ihm kurz darauf den leeren Kelch wieder in die Hand.

„Darf ich nun gehen, General Halldor?“, fragte sie lächelnd.

Er glotzte den leeren Kelch verblüfft an, zuckte dann aber mit den Schultern und leerte den anderen ebenfalls in einem Zug. Nachdem er die beiden Kelche auf dem Schreibtisch abgestellt hatte, nickte er Nalia zu.

„Jetzt dürft Ihr!“

Halldor eilte ihr nach, als sie zur Tür lief.

„Ich werde Botschaften an die Herrscher der geeinten Reiche schicken. An den Zwergenkönig, den Elfenkönig und an Torgulas ebenfalls.“

Halldor blieb kurz stehen und lief dann wieder hinter ihr her.

„Torgulas? Wollt Ihr ihn wirklich einbeziehen?“

„Mir graut es ebenfalls, allein bei dem Gedanken. Aber es gibt zwei Gründe, wieso ich ihm eine Nachricht zukommen lasse. Einer davon sind dreiundneunzig feindliche Schiffe vor Kalmar. Laut Fanya nähern sich weitere Segel am Horizont. Zudem dürfen wir diese blutrünstigen Kreaturen nicht vergessen, von denen wir heute zu hören bekamen.“

„Und der zweite Grund?“, fragte Halldor.

„Ihr wart dabei, als Mowanye von seinen Visionen berichtete.“

„Ich war anwesend und hörte dem Mann auch genau zu. Was aber nicht heißt, dass ich ihm Glauben schenke.“

Nalia blieb abrupt stehen und blickte in die graublauen Augen ihres Generals. „Mowanye hat nicht gelogen, Halldor. Er sah diese Dinge. Und nicht nur er. Mit Respa habe ich mich zwar noch nicht unterhalten, aber eines könnt Ihr mir glauben – ein Schamane und eine Hexe mit fast den gleichen Visionen, das kann kein Zufall sein.“

„Ihr kennt Euch besser mit solchen Dingen aus. Verzeiht mir, Hoheit.“

„Es gibt nichts zu verzeihen. Sagt mir lieber, was mein Sekretär herausgefunden hat.“

Halldor grinste breit.

„Nun, ich habe einen kleinen Bruder.“

Nalia ergriff seine Hand und drückte diese sanft. Aus dem Grinsen wurde ein verträumtes Lächeln.

„Das freut mich für Euch, Halldor. Wir sollten dies feiern, wenn es die Zeit erlaubt. Aber jetzt haben wir erst mal einiges zu tun.“

Sie eilte weiter und rief ihm über die Schulter zu: „Schickt Gento bitte umgehend eine Nachricht wegen der Flotte.“

Halldor lächelte immer noch. Bis er die amüsierten Blicke der Leibwachen auffing, die Nalia hinterherliefen. Daraufhin machte er auf dem Absatz kehrt, um seinem Auftrag nachzukommen.

Die Königin eilte etliche Stufen hinauf und folgte einem ansteigenden Gang, der sich durch die Königsklippe zog. Hier gab es keinen Prunk, nur blanken Felsen. Alle fünf Meter beleuchteten Feuerschalen den Weg.

Von solchen Gängen gab es einige. Sie führten zu den Gemächern der Alchimisten und Magier, zu Alchemie- und Forschungshöhlen. Auch eine große Bibliothek gab es hier oben. Diese Abzweigungen ließ sie jedoch alle hinter sich, denn sie wollte zu ihrem Meistermagier.

Valamars Höhlen lagen hoch über dem Palast. Die Erbauer des Palastes hatten nicht nur die drei Gebäude in die Klippe integriert. Darüber befanden sich noch vier weitere Etagen, die jedoch nicht ausgebaut waren. Die vielen Höhlen sollten in Notzeiten als Schutz dienen. Hier war es stets kühl, sodass man über längere Zeit Lebensmittel lagern konnte, um zum Beispiel eine Belagerung auszusitzen. Zudem waren Gänge und Höhlen so angelegt, dass sie mit wenigen Soldaten zu verteidigen wären. Da es aber schon sehr lange Frieden gab, hatten sie die Höhlen umfunktioniert und den Alchimisten und Magiern zur Verfügung gestellt. Weit ab von den Palastbewohnern konnten sie hier oben ihren Experimenten und Forschungen nachgehen, ohne jemanden zu gefährden.

Nalia trat in eine große Höhle ein.

„Valamar, seid Ihr hier?“, rief sie.

Der Magier kam unvermittelt aus einem Seitengang und beugte ein Knie.

„Ich bin hier drüben, meine Königin.“

Er trug eine graue Robe, in deren viel zu langen Ärmeln seine Hände verschwanden.

„Was kann ich für Euch tun?“

Seine Ketten klimperten leise. Ein paar Funken stoben auf, als sich die Anhänger berührten. Das veranlasste Nalia zu einem Stirnrunzeln, doch sie ging an ihm vorbei und hielt auf einen dunklen Gang zu, der von zwei Wachen versperrt wurde. Die Männer traten hastig zur Seite, um ihre Königin passieren zu lassen.

„Kommt, Valamar. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich muss den Rat einberufen, und das auf schnellstem Wege.“

Der Magier schaute ihr verwundert nach, bis sie von der Dunkelheit verschluckt wurde. Dann keuchte er entsetzt auf und beeilte sich, ihr zu folgen.

„Ihr wollt doch nicht die Garlitze wecken? Eure Hoheit, ich bitte Euch. Es gibt auch noch andere Boten.“

Die Königin reagierte nicht auf seine Worte und eilte weiter, bis sie ihr Ziel erreichte. Die lichtdurchflutete Höhle war mit Käfigen, hohen Regalen und drei Experimentiertischen ausgestattet. Mehrere Durchbrüche sorgten für Tageslicht und einen fantastischen Ausblick aufs Meer.

Nalia wartete ungeduldig auf Valamar, der nun endlich bei ihr ankam. Etwas außer Atem und seine Robe ordnend blieb er im Höhleneingang stehen.

„Valamar, wir haben wirklich keine Zeit. Ich brauche sechs Boten. Also beeilt Euch! Oder soll ich die Beschwörungen selbst sprechen?“

Seine Augen weiteten sich.

„Wieso sechs Boten? Für den Rat brauchen wir maximal zwei.“

Die Königin seufzte genervt.

„Ich brauche sechs. Eure Neugier muss vorerst warten, denn wie ich schon sagte – es eilt!“

Valamar rang nervös die Hände.

„Eure Hoheit! Wie Ihr wisst, verlangen sie nach Fressen, sobald sie erwachen. Und ich habe hier nicht so viele Ziegen.“

„Beginnt mit der Beschwörung! Die Ziegen sind bereits auf dem Weg hierher.“

Valamar sah sie noch einen Augenblick lang erschüttert an, dann verschwand er im hinteren Bereich der Höhle. Die Königin folgte ihm langsam und betrachtete die versteinerten Wesen an der Rückwand.

Die Garlitze wiesen Ähnlichkeit mit Bären auf. Sie waren jedoch größer und wuchtiger und besaßen kein Fell. Stattdessen hatten sie silberschimmernde Haut, die sich auch über die großen Schwingen spannte.

Valamar nahm eine Kette ab, an der ein fingerlanger grüner Kristall hing, und ging zum ersten Garlitz. Er befand sich auf Augenhöhe und drückte den Kristall gegen die Stirn des Wesens.

Der Magier flüsterte düstere und unverständliche Worte, die durch die Höhle hallten. Und jeder, der sie vernahm, bekam sofort eine Gänsehaut.

Nalia beobachtete Valamar genau. Auf seinem haarlosen Kopf bildeten sich Schweißtröpfchen, und beim fünften Garlitz begann seine Stimme zu zittern. Aber er führte die Beschwörungen bis zum Ende durch, was Nalia erleichtert aufatmen ließ. Valamar neigte schon mal dazu, etwas tollpatschig zu sein.

Nalia richtete ihre Augen auf den ersten Garlitz in der Reihe, dessen Verwandlung bereits begonnen hatte. Die Statue bekam feine Risse. Steinstaub rieselte zu Boden, und es knackte vernehmlich, als er eine Vorderpfote anhob. Der Stein platzte ab.

Das Meckern einiger Ziegen hallte zu ihnen. Valamar drehte sich um und eilte hinaus.

„Den Göttern sei Dank, gerade noch rechtzeitig“, hörte Nalia den Magier rufen.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf und ging ebenfalls in die andere Höhle. Dort standen drei Soldaten, jeder hatte vier Ziegen bei sich.

„Bindet je zwei Tiere an den Eisenringen fest!“

Dabei wies sie mit der Hand zu den Durchbrüchen.

„Danach geht auf Eure Posten zurück“, wies Nalia die Männer an.

Es dauerte einen Moment, weil sich die Tiere sträubten und an den Stricken zerrten, die um ihre Hälse lagen. Aber alle Gegenwehr nutzte nichts. Kaum waren die Männer draußen, kam der erste Garlitz aus der angrenzenden Höhle. Er ging steif und ungelenk, aber er witterte sein Futter und schnappte sich die erste Ziege. Die anderen Ziegen sprangen panisch durcheinander, und Nalia musste tief Luft holen. Es war wahrlich kein schöner Anblick, die armen Tiere in Todesangst zu sehen. Die magischen Wesen nahmen jedoch kein totes Fleisch an, und so blieb ihr keine andere Wahl.

Der Garlitz hatte die Ziege fast vertilgt. Knackende und berstende Geräusche erklangen, als seine starken Kiefer den Kopf zermalmten.

Von der Ziege blieb absolut nichts übrig, ebenso wenig von der zweiten, die er genauso schnell verschlang. So erging es auch den anderen Tieren, nachdem die übrigen Garlitze herbeigekommen waren.

Sichtlich zufrieden setzten sich die geflügelten Boten auf die Hinterbeine und warteten auf ihre Aufträge.

Nalia ging zum ersten und zog eine Lederrolle aus ihrem Beutel, die mit einem grünen Band verschnürt war. Sie streichelte dem Garlitz über den Kopf, als er diesen senkte, und flüsterte den Empfänger in sein aufgestelltes Ohr. Dann hielt sie ihm die Lederrolle hin, die er vorsichtig zwischen die Zähne nahm. Auf diese Weise verteilte sie auch die anderen Rollen und trat ein paar Schritte zurück. Jedem Einzelnen sah sie noch einmal in die grünen leuchtenden Augen.

„Habt ihr eure Aufträge verstanden?“, fragte sie.

Wie auf ein Kommando erhoben sich die magischen Wesen auf die Hinterbeine und senkten kurz die Häupter.

„Überbringt die Lederrollen. Und wartet auf eine Botschaft für mich. Erst wenn ihr diese erhalten habt, kehrt hierher zurück, und ihr werdet eure Belohnung erhalten. Nun macht euch auf den Weg. Die Zeit drängt!“

Die Garlitze sprangen aus den Durchbrüchen. Nalia wandte sich Valamar zu, der fragte: „Erklärt Ihr mir jetzt, was geschehen ist?“

Sie nickte und setzte sich in Bewegung.

„Ja, auf dem Weg nach unten. Ihr müsst einige Menschen kennenlernen, darunter einen Schamanen und eine Hexe. Es geht um die Beschwörung der Elemente, Zukunftsvisionen und die Gabe, mit Tieren zu sprechen. Des Weiteren werden wir ein fremdartiges Wesen begutachten.“

Nalia ging bereits durch den dunklen Gang und ließ einen sehr verwirrten Magier zurück.

„Valamar! Wollt Ihr nun mit mir kommen?“, ertönte Nalias Stimme.

Valamars Augen weiteten sich, als ihm die Worte der Königin so langsam klar wurden. Er eilte ihr nach.

Auf dem Weg in den Palast versuchte sie, ihm so viel wie möglich zu berichten von dem, was sich zugetragen hatte. Als sie schließlich im Bankettsaal ankamen, blieb sie stehen.

„Wisst Ihr schon, über welches Gift die Tiere verfügen, die ich Euch hinaufschicken ließ?“, fragte sie.

„Die Alchimisten arbeiten fieberhaft daran, bisher jedoch ohne Erfolg. Sobald sie etwas herausfinden, werden sie Euch umgehend in Kenntnis setzen.“

„Gut! Geht nun zu Mowanye und nehmt auch Respa mit hinzu. Lasst Euch alles über ihre Visionen berichten. Dann seht Euch bitte auch den jungen Mann an. Es muss eine Erklärung für seine wundersame Heilung geben.“

Valamar verbeugte sich und eilte davon, bis die Königin rief: „Die drei wurden im Gästehaus einquartiert, nicht im Thronsaal.“

Kurz blieb er stehen, murmelte etwas Unverständliches und lief in die richtige Richtung. Nalia sah dem Magier kopfschüttelnd hinterher. Er wirkte verwirrt, was nach diesen Nachrichten wohl kein Wunder war. Dann setzte auch sie sich in Bewegung.

2

Lea wanderte unruhig durch den Saal, in der Hoffnung, dass ihr jemand helfen würde. Es war ihr egal, von wem diese Hilfe kam, ob von den Heilern oder von der Königin.

„Verflucht, kann sich nicht noch einmal eine Tür öffnen? Ich will wissen, was die mit mir machen?“, dachte sie aufgebracht.

Sie war vorhin durch eine weiße leuchtende Tür gegangen und hatte das Gespräch zwischen ihrem Vater, dem Heiler und der Königin mitbekommen. Sie fragte sich zwar, wie es möglich sein sollte, in den Geist eines anderen Menschen vorzudringen, aber dies rückte in den Hintergrund, als sie die schwarze Tür sah. Nach ihrem Besuch in der Realität war sie plötzlich dagewesen. Und allein der Anblick bescherte Lea ein äußerst ungutes Gefühl.

Im Gegensatz zu den anderen Türen, die mitten im Saal erschienen und wahrscheinlich magischen Ursprungs waren, befand sich diese in einer Wand. Dennoch war es keine normale Tür, auch wenn sie auf den ersten Blick den Anschein erweckte. Zum einen tauchten Türen nicht urplötzlich auf, und zum anderen – bewegten sie sich nicht. Denn egal, zu welcher Wand Lea schaute – es dauerte keinen Herzschlag, bis diese Tür darin auftauchte.

„Sie hat etwas mit dem dunklen Nebel zu tun, der in meinen Körper eingedrungen ist“, dachte Lea.

Wieder lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Sie wusste genau, was es mit dem Dunst auf sich hatte, verdrängte diesen Gedanken jedoch.

„Und was ist, wenn die Königin diese Tür für mich erschuf?“

Ganz langsam ging Lea zur Tür und griff zögernd nach dem Knauf.

„Ich öffne die Tür. Wache auf, und dieser Alptraum hat ein Ende“, murmelte sie und drehte den Knauf.

„Du wirst nie mehr erwachen. Aber bevor ich dir dein Herz herausreiße und es vor deinen sterbenden Augen verspeise, werde ich zu deinem schlimmsten Alptraum.“

Lea starrte Medon an, der lässig an einer Reling lehnte.

„Das kann nicht sein“, flüsterte sie völlig entsetzt.

Er lachte böse und stand von jetzt auf gleich vor der Tür. Lea knallte sie hastig zu. Sie rannte in die hinterste Ecke und kauerte sich zitternd auf den Boden.

„Schon bald wirst du zu mir kommen“, hallte seine Stimme durch den Saal.

„Ich hätte niemals von Kalmar fortgehen sollen“, meinte Celvin.

Rion schaute seinen Sohn an.

„Ich habe es nie gutgeheißen, dass du fortgegangen bist. Aber nun sehe ich, was aus dir geworden ist. Ich bin stolz auf dich, Hauptmann.“

Celvin musste lächeln, als sein Vater ihn so nannte, doch die Laune hielt nicht lange an.

„Sagte die Königin, wann sie zu Lea möchte?“

„Nein. Sie wollte noch etwas erledigen und mich dann abholen.“

Es klopfte an der Tür. Beide sahen erwartungsvoll hin.

„Herein“, rief Rion und seufzte leise, als Geralt hereinplatzte.

„Ihr werdet es nicht glauben. Ich habe tatsächlich einen Bruder.“

Rion musterte Geralt, der sich ebenfalls umgezogen hatte. Er trug ein weißes Hemd, das vorne mit Bändern zugeschnürt war, eine schwarze Lederhose und schwarze Lederstiefel. Seine langen, dunkelblonden Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz

zusammengebunden.

„Lass mich raten. Es ist General Halldor.“

Geralt nickte Celvin grinsend zu.

„Hat dir Rion davon erzählt?“

„Nein, es war allerdings nicht schwer, das zu erraten.“

„Hast du Halldor nie von seinem Doppelgänger erzählt?“, fragte Rion.

„Sicher habe ich das. Aber Halldor dachte wohl, ich würde ihn auf den Arm nehmen.“

Celvin drehte sich etwas, sodass er Geralt ansehen konnte, der sich zu ihnen setzte.

„Wie hat er es denn aufgenommen, dass er nun einen Bruder hat?“

„Es wird für ihn ebenso seltsam sein wie für mich“, meinte Geralt achselzuckend.

„Aber sagt mir lieber, ob es Neuigkeiten von Lea gibt. Ist sie mittlerweile erwacht?“

„Nein, wir warten auf …“

Rion sprang auf die Füße, als Nalia plötzlich den Raum betrat. Nach einem kurzen Blick zu Celvin, der auf ein Knie ging, tat er es ihm nach. Geralt stand derweil vor seinem Sessel und wunderte sich ein wenig über das amüsierte Funkeln in Nalias Augen, bis Celvin ihm zuraunte: „Du stehst vor der Königin!“

Hastig kam er zwischen den Sesseln hervor und wollte gerade auf die Knie gehen, als die Königin lächelnd abwinkte.

„Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal“, meinte sie.

Dann sprach sie zu Rion und Celvin gewandt.

„Erhebt Euch!“

„Ist meine Tochter erwacht?“

„Nein, leider nicht. Deshalb werde ich gleich versuchen, in ihren Geist vorzudringen.“

„Haben die Alchimisten etwas herausgefunden, Hoheit?“, fragte Celvin.

„Bisher habe ich noch keine Rückmeldung erhalten.“

„Darf ich Euch zu meiner Schwester begleiten?“

„Schwester?“

Nalia sah von Celvin zu Rion und wieder zurück.

„Ich wusste zwar, dass Ihr Verwandtschaft auf Kalmar habt, aber nicht, dass es sich um Rion und Melea handelt. Wieso habt Ihr mir denn nichts gesagt, Hauptmann?“

„Na ja … immer, wenn ich zu Euch wollte, um mit Euch zu sprechen, wart Ihr unterwegs.“

Nalia seufzte kopfschüttelnd.

„Ich wäre auch gerne dabei“, sagte Geralt.

„Ich brauche absolute Ruhe. Daher werdet Ihr vor der Tür warten müssen. Vielleicht wäre es für Euch angenehmer, hierzubleiben. Es wird einige Zeit dauern.“

„Ich warte vor Leas Tür“, sagte Rion direkt.

„So wie ich“, setzte Geralt hinzu.

„Und ich!“

Nalia sah die drei der Reihe nach an und nickte.

„Also dann, meine Herren. Lasst uns gehen!“

Wenig später stand die Königin an Leas Krankenbett und atmete tief durch.

„Bitte überanstrengt Euch nicht, Hoheit“, sagte Helimus.

„Das sagt der Richtige. Ihr seht entsetzlich aus. Sobald ich hier fertig bin, werdet Ihr Euch mindestens einen Tag freinehmen. So, und jetzt setzt Euch und sorgt einfach nur dafür, dass ich nicht gestört werde. Es kann für die junge Frau und mich gefährlich werden, sollte ich aus der Trance gerissen werden.“

Helimus stellte einen Stuhl direkt neben die Zimmertür und setzte sich.

„Viel Glück, Eure Hoheit.“

Nalia atmete noch einmal tief durch und legte dann die Fingerspitzen auf Meleas Schläfen. Sie konzentrierte sich mit geschlossenen Augen auf das zarte Pochen darunter und wisperte in Gedanken Meleas Namen.

Nalia mochte es nicht, in den Gedanken anderer Menschen zu forschen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Sie musste Meleas Geist finden und wollte in den letzten Erinnerungen der jungen Frau forschen, weil sie sich dort wahrscheinlich verfangen hatte.

Um in die Erinnerungen eines Wesens zu gelangen, musste sie sehr tief in dessen Geist eindringen. Für gewöhnlich benutzte sie dazu ein Geflecht, das einer stark verästelten Wurzel ähnelte. Und jede noch so feine Wurzel war eine Erinnerung. Doch in Meleas Geist gab es ein solches Geflecht nicht.

Verwundert schaute Nalia einen langen Flur entlang, der sich irgendwo im dämmrigen Licht verlor.

„Was ist das hier?“

Zögernd ging sie los, blieb jedoch schon bald wieder stehen und hielt den Atem an. Dabei beobachtete sie verblüfft eine Tür, die sich in der rechten Wand manifestierte.

Langsam berührte sie das helle Eichenholz und tippte gegen den silbrig leuchtenden Türknauf.

Sie schaute noch einmal den Flur hinauf, aber es blieb bei dieser einen Tür.

„Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als nachzusehen, wohin sie führt“, dachte sie und drehte den Knauf.

Prompt erlitt sie Atemnot. Panik ergriff Nalia, als sie einen großen Hai erblickte, der auf sie zu schwamm. Zudem überkamen sie heftige Schmerzen in Augen und Schläfen, sodass sie eiligst in den Flur zurück flüchtete. Schwer atmend starrte sie die Tür an, dann ihr triefend nasses Kleid.

„Bei den Göttern“, wisperte sie.

Etwas Vergleichbares hatte sie noch nie erlebt. Aber ihr war bewusst, dass sie soeben in einer von Meleas Erinnerungen gewesen war. Rion hatte ihr von der Geschichte mit dem Hai berichtet. Auch Mowanye wusste etwas darüber zu erzählen, da sich Melea ihm anvertraut hatte. Allerdings hätte Nalia diese Erinnerung als Außenstehende sehen müssen und nicht als Melea. Wenn sie in Erinnerungen eintrat, schwebte sie neben der Person. So konnte sie alles beobachten und sogar die Gedanken des anderen auffangen.

„Das gibt es nicht. Es ist einfach unglaublich“, murmelte sie.

Als sie aus dem Augenwinkel ein Flackern bemerkte, schaute Nalia nach links. Und starrte eine weitere Tür an, die sich fünf Schritte von ihr entfernt manifestierte.

„Da bin ich aber mal gespannt.“

Vorsichtshalber holte Nalia tief Luft, bevor sie die Tür öffnete. Sie fand sich an einem wunderschönen Sandstrand wieder. Sie spürte Wasser und feinen Sand zwischen den Zehen, da Melea durch seichtes Gewässer ging. Und immer wieder schaute sie zu Geralt, der neben ihr herlief.

„Was ist mit dir? Du bist so schweigsam“, fragte sie ihn schließlich.

Geralt blieb abrupt stehen, kramte in seinem Beutel, den er am Gürtel trug, und holte etwas heraus. Allerdings hielt er den Gegenstand in seiner geschlossenen Hand, sodass nichts davon zu sehen war.

„Ich habe auf dem Markt etwas entdeckt und musste direkt an dich denken. Aber jetzt bin ich mir nicht sicher, ob es dir gefällt.“

Er lächelte verunsichert, als er Meleas Hand nahm.

„Schließe bitte deine Augen.“

Da es dunkel wurde, war Melea wohl seiner Bitte nachgekommen. Nalia fühlte etwas Kühles, das um ihr oder vielmehr Meleas Handgelenk gelegt wurde. Dann drückte Geralt sanft ihre Finger.

„Ich hoffe, er gefällt dir.“

Lea öffnete ihre Augen, und Nalia betrachtete den Armreif, den die junge Frau nun am Gelenk trug. In den silbernen Reif waren zwei Seeschlangen aus Gold eingelassen. Sie standen ein wenig über, und ihre Köpfe überkreuzten sich mittig. Die Schlangen waren unglaublich detailgetreu. In Feinarbeit hatte der Schmied halbrunde Schuppen und die gespaltenen Zungen herausgearbeitet. Des Weiteren verfügten die Schlangen über dunkelgrüne Augen aus winzigen Smaragden.

„Das hat ein Meister angefertigt. Es wird eine Kleinigkeit gekostet haben“, dachte Nalia.

„Ich kann das unmöglich annehmen, Geralt.“

Er beugte sich hinab, bis er mit Lea auf Augenhöhe war.

„Gefällt er dir nicht?“

„Doch, er ist wunderschön, aber viel zu wertvoll. Der Reif muss ein Vermögen gekostet haben.“

Geralt lächelte erleichtert.

„Der Armreif gehört dir. Und ich will keine Widerrede hören.“

„Aber …“

„Nein“, unterbrach er sie.

Lea schüttelte verständnislos den Kopf.

„Womit habe ich ein solches Geschenk verdient?“

Geralt druckste eine Weile herum und betrachtete dabei eingehend seine Stiefel.

„Oh je, so schwer kann das doch nicht sein“, dachte Nalia.

„Nun ja, eigentlich wollte ich …“

Er wurde jäh unterbrochen, als Rion an der Baumgrenze auftauchte und nach den beiden rief.

„Was ist denn los bei euch? Das Essen wird nicht besser, je länger es über dem Feuer hängt.“

Melea und Geralt beeilten sich, zu ihm zu kommen und gingen dann schweigsam zum Haus. Nalia fand sich im Flur wieder.

„Was für ein Trottel. Warum sagt er ihr denn nicht, was er empfindet?“

Sie ging den Flur weiter entlang. Nach dreißig Schritten erschien eine neue Tür.

„Wozu der große Abstand? Die zweite Tür befand sich doch nur wenige Schritte neben der ersten.“

Sie wunderte sich zwar über diesen Umstand, drehte aber den Knauf und fand sich in eiskaltem Wasser wieder. Ihr Atem ging schwer, die Muskeln in Armen und Beinen brannten wie Feuer. Sie hörte Melea, wie sie Geralts Namen rief.

„Und ich dachte, er hätte übertrieben, als er diese Geschichte erzählte“, dachte Nalia.

Melea umklammerte Geralt tatsächlich mit den Beinen und einem Arm, um zu verhindern, dass er unter die Brücke gezogen wurde. Nalia spürte die unfassbare Erschöpfung der jungen Frau, aber auch den unbändigen Willen, Geralt auf gar keinen Fall loszulassen.

Nalia beobachtete mit einer Mischung aus Unglauben und Faszination, wie die beiden es schließlich ans Ufer schafften. Dort machte Geralt seinem Ärger darüber, dass Melea sich derart in Gefahr gebracht hatte, Luft. Doch dann umarmte er sie fest und trug sie auf eine Anhöhe, wo der Boden einigermaßen fest war. Er selbst ging wieder zurück zum reißenden Bach, und Nalia lauschte Meleas Gedanken. Allerdings war es schwierig, einen Sinn darin zu finden, da Melea völlig durch den Wind war. Ihre Gedankengänge überschlugen sich förmlich, bis sie ihren Vater erblickte.

„Der ist ganz schön wütend“, dachte sie.

Rion kam die Anhöhe hinauf und Nalia keuchte schockiert auf, als er Melea auf die Füße zerrte und ihr eine Ohrfeige verpasste. So heftig, dass sie zu Boden ging. Entsetzt sah Melea auf, genau in dem Moment, als Geralt ihren Vater von den Füßen riss. Auch Geralt ging zu Boden, warf sich direkt auf Rion, schüttelte ihn durch und brüllte ihn an.

„Was hast du getan? Bist du wahnsinnig geworden, wie konntest du sie nur schlagen?“

Nalia warf die Tür ins Schloss und rieb ihre schmerzende Wange.

„Na warte, wenn ich dich in die Finger kriege“, regte sie sich auf.

„Das gibt’s ja wohl nicht.“

Sie ging weiter, und wieder waren es mehrere Schritte, bis sich erneut eine Tür manifestierte. Was sie dahinter erlebte, war für Nalia fast mehr als sie ertragen konnte. Dies lag nicht nur an dem kaltherzigen Geflügelten und den furchtbaren Dingen, die er getan und gesagt hatte. Vielmehr machten Nalia die unfassbaren Schmerzen und Gefühle von Melea zu schaffen.

Sie lehnte an der Wand neben der Tür und rieb sich fröstelnd über die Arme.

„Bei allen guten Göttern“, wisperte sie schockiert.

Sie schluckte hart, doch der dicke Kloß im Hals blieb.

„Schrecklich, was sie durchgemacht hat. Es würde mich nicht wundern, wenn sich ihr Geist aufgrund dieser Erlebnisse zurückgezogen hat.

Nalia richtete sich auf und ging dreißig Schritte bis zu einer weiteren Tür. Diese unterschied sich von den anderen, denn sie bestand nicht aus hellem, sondern aus fast schwarzem Holz. Und der Knauf funkelte auch nicht silbern – er schimmerte blutrot.

„Eine Tür schaffe ich noch.“

Nalia spürte, wie allmählich ihre Kräfte schwanden. Sie musste sich beeilen. Deshalb ignorierte sie das ungute Gefühl, das ihr diese Tür vermittelte und öffnete sie. Sofort überkam sie ein eisiger Schauer, als sie in einen düsteren Saal hineinsah. Es herrschte nur dämmriges Licht, sodass sie den Saal nicht überblicken konnte.

„Melea, bist du hier?“, fragte sie laut.

Nalia spürte, dass sie nicht allein war und rief in den Saal hinein.

„Ich bin hier, um dir zu helfen. Auch wenn du mich nicht kennst, so bitte ich dich, herauszukommen und …“

„Ihr seid die Königin von Mesu“, wurde sie unterbrochen.

Verwundert legte Nalia den Kopf schief.

„Woher weißt du das?“

Sie sah eine schattenhafte Bewegung, einige Meter von ihr entfernt.

„Ich schaffe es nicht, zu Euch zu kommen. Sobald ich einen Schritt auf Euch zugehe, entfernt Ihr Euch um zwei Schritte“, sagte Melea.

„Ich werde wohl für immer hier festsitzen.“

Nalia hörte pure Verzweiflung in der Stimme der jungen Frau.

„Nein, das wirst du nicht. Kannst du mich sehen, Melea?“

„Ja!“

Nalia streckte ihren rechten Arm in die Richtung aus, in der sie die Bewegung gesehen hatte.

„Du musst dich jetzt ganz fest auf meine Hand konzentrieren.“

Die Königin atmete schwer vor Erschöpfung, konnte und wollte aber nicht aufgeben.

„Stell dir vor, wie du sie ergreifst. Du darfst an nichts anderes denken. Und dann komm auf mich zu. Sieh nur meine Hand an.“

Nalia bemerkte wieder eine schattenhafte Bewegung. Wenig später konnte sie Meleas Konturen erkennen.

„Das machst du sehr gut. Gleich hast du es geschafft“, sagte Nalia keuchend.

Melea war noch fünf Schritte entfernt, als plötzlich ein fauchender Feuerball aus ihrer Brust heraus und auf Nalia zuschoss. Entsetzt schrien beide Frauen auf. Nalia warf sich auf den Boden, um nicht getroffen zu werden. Doch die Flammenkugel flog nicht über sie hinweg – sie verharrte vor ihrem Gesicht. Nalia sah zu Melea, die verzweifelt aufschrie. Als ob sie jemand an einem Seil zurückzog, stolperte sie rückwärts. Melea stemmte sich zwar dagegen, aber alle Gegenwehr half nichts.

„Nein, komm zurück“, rief Nalia.

Die Feuerkugel kam näher. Nalia stand schnell auf und wich zurück. In dem Moment formte sich ein Gesicht in den Flammen, und eine Frauenstimme schrie: „Jetzt noch nicht!“

Arme aus lohendem Feuer formten sich. Ehe Nalia reagieren konnte, prallten Hände gegen ihren Brustkorb. Sie wurde nicht nur aus der Tür geschleudert, sondern auch aus Meleas Geist.

Für einen kurzen Moment erwachte sie in der Realität, bevor ihr schwarz vor Augen wurde und sie in jemandes Arme fiel.

3

„Warum hast du das getan? Sie wollte mir helfen!“, schrie Lea das Feuerwesen an.

Dieses schwebte vor ihrem Gesicht.

„Medon hätte sie getötet, was ich nicht zulassen konnte. Du hättest das sicherlich auch nicht gewollt. Aber ‚er‘ kommt! Er ist bereits auf dem Weg. Du musst durchhalten.“

Lea schüttelte unverständlich den Kopf.

„Wen meinst du?“

„Morkson“, wisperte die Flammenfrau und verschwand.

„Bleib hier! Und sag mir, was los ist, verdammt“, schrie Lea.

Mit der Faust schlug sie wütend auf den Boden und traf dabei etwas Glitschiges.

Lea starrte die Kreatur an. Sie keuchte erstickt auf, weil sich plötzlich der gesamte Boden bewegte. Zu Dutzenden kamen die aalähnlichen Wesen auf sie zugeschlängelt. Hastig sprang sie auf die Füße.

Lea rannte zur anderen Seite des Saals, wo sie sich an die Wand kauerte. Mit zittriger Hand fuhr sie sich übers Gesicht und bemerkte sofort die feuchte Wärme an der Wange.

„Verdammt!“

Sie betrachtete ihre aufgeplatzten Fingerknöchel und beobachtete einen Blutstropfen, der zwischen ihren Füßen auf den Boden fiel. Dort begann der Tropfen, Blasen zu werfen, als würde er kochen.

„Was zum Henker …“

Lea unterbrach sich selbst, als sich plötzlich ein winziges Aalwesen in ihrem Blut wand. Wenig später war vom Blut nichts mehr da, dafür hatte das Wesen seine Länge verdoppelt. Und es wuchs noch weiter. Lea erhob sich und ging rückwärts an der Wand entlang. Keine drei Schritte später rutschte sie auf einem anderen Wesen aus. Indem sie wild mit den Armen ruderte, verhinderte sie einen Sturz. Sie bekam etwas zu fassen, das sich an der Wand befand. Als sie jedoch sah, worum es sich handelte, ließ sie den Knauf hastig los. Sie starrte die schwarze Tür einen Moment lang fassungslos an, bevor sie sich abwandte und drei Schritte nach vorne stolperte. Mit einem Aufschrei sprang sie direkt wieder zurück und sah sich leise wimmernd um.

Die Tiere kamen von allen Seiten und ließen absolut keine Lücke, durch die Lea hätte fliehen können. So blieb ihr nur noch ein Ausweg.

„Ich werde ganz leise hindurchschlüpfen und mich irgendwo verstecken“, dachte sie.

Nalia schlug die Augen auf und wusste sogleich, was geschehen war. Sie schreckte hoch. Dies führte jedoch zu heftigem Schwindel und dröhnenden Kopfschmerzen, weshalb sie erst mal stöhnend ihre Schläfen massierte.

„Nicht so hastig, meine Königin. Lasst es langsam angehen.“

Nalia blickte auf und schaute Helimus verwirrt an, der auf ihrer Bettkante saß.

„Wie komme ich hierher?“

Er überging ihre Frage und reichte ihr einen Kelch mit Wasser.

„Wie fühlt ihr Euch?“

Nalia nahm den Kelch entgegen.

„Wenn ich sage gut, werdet Ihr mir wahrscheinlich nicht glauben.“

Sie legte eine Hand auf ihren Bauch, weil sich ihr Magen lautstark meldete. „Aber Ihr werdet zufrieden sein, wenn ich Euch sage, dass ich einen Bärenhunger habe.“

Helimus sah sie ernst an.

„Das ist kein Wunder. Ihr habt seit fast zwei Tagen nichts mehr zu Euch genommen.“

Der Kelch fiel Nalia aus der Hand.

„Was sagt Ihr da?“, fragte sie entsetzt.

„Ihr wart am Abend des vorgestrigen Tages bei dem Mädchen. Und Ihr wart fast drei Stunden lang in ihren Geist vertieft, bevor Ihr schreiend zusammengebrochen seid und bewusstlos wurdet.“

Nalia sah ihn noch einen Moment schockiert an. Dann sprang sie aus ihrem Bett. Auf dem Weg zu ihrem Ankleidezimmer hielt sie jedoch inne und wandte sich ihm noch einmal zu.

„Ich habe nicht von Alatheus geträumt.“

„Immerhin eine gute Nachricht.“

„Was ist mit Melea?“, fragte Nalia alarmiert.

„Vier meiner besten Heiler sind bei ihr und versorgen ihre Wunden, soweit dies möglich ist.“

„Wunden?“

Helimus seufzte anhaltend und blickte kopfschüttelnd zu Boden.

„Kleidet Euch erst mal an, dann können wir …“

„Sprecht!“

„Es ist uns ein Rätsel, aber Melea erleidet immerzu neue Verletzungen. Angefangen von heftigen Prellungen bis hin zu tiefen Kratzspuren und sogar den einen oder anderen Knochenbruch.“

„Bei den Göttern! Ich muss …“

„Ihr werdet Euch erst mal von der letzten Reise in Meleas Geist erholen. In Eurem derzeitigen Zustand werdet Ihr nämlich nicht weit kommen. Das wisst Ihr auch.“

„Wir müssen etwas tun.“

„Die Alchimisten sind noch nicht so weit. Das Gift dieser Biester ist mit nichts zu vergleichen, was wir bisher kannten. Also ist es derzeit an uns Heilern, dem Mädchen zumindest Linderung zu verschaffen.“

Helimus bemerkte Nalias feuchte Augen, auch wenn sie sich von ihm abwandte und im Nebenraum verschwand. Von dort erscholl ihre Stimme.

„Sagt dem Pagen, er soll mir den obersten Magier herschaffen, und zwar sofort. Und dazu möchte ich General Halldor sehen. Und die Herren Rion und Geralt.“

Helimus erhob sich, als sie noch hinzufügte: „Ach ja, und Hauptmann Celvin.“

„Meine Königin, mit Geralt wird es leider ein Problem geben.“

Nalia kam ins Schlafgemach zurück und setzte sich auf einen Stuhl, um ihre Schuhe anzuziehen.

„Wieso?“

„Als Ihr aus Eurer Trance erwacht seid, habt Ihr mehrmals laut geschrien. Na ja, und da die Wachen Euch nicht zu Hilfe eilen wollten, schlug Geralt zwei Männer nieder und stürmte ins Zimmer. Er fing Euch auf, bevor Ihr auf den Boden aufschlagen konntet.“

Die Königin musste sich ein Lächeln verkneifen.

„Ah ja. Was geschah dann? Jetzt lasst Euch doch nicht jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen.“

„Als er Euch neben das Mädchen aufs Bett legte, kamen weitere Wachen herein und verhafteten ihn.“

Nalias Augen verengten sich.

„Auf wessen Befehl hin?“

„Auf Befehl des Kommandanten der Königswache. Er ließ ihn in den Kerker schaffen.“

Nalias Augen sprühten vor Zorn.

„Er hat was? Holt Geralt da raus und bringt mir Kommandant Sarus! Was denkt der sich?“

Helimus verbeugte sich und eilte hinaus, bevor ihr noch etwas einfallen konnte. Im Vorraum rief er vier Diener herbei und schickte sie los, um Sarus, Rion, Valamar und Halldor in den Audienzraum zu holen. Er selbst eilte zu Celvin, um mit ihm zusammen Geralt aus dem Kerker zu befreien.

Nachdem Nalia sich fertig angekleidet und frisch gemacht hatte, begab sie sich in den großen Audienzraum, der direkt an ihre Gemächer grenzte. Die großen Flügeltüren waren geschlossen, trotzdem hörte sie aufgeregte Stimmen auf dem Flur und atmete tief durch.

„Lass sie herein“, sagte sie zu ihrem Diener.

Sie setzte sich in ihren Sessel, da sie noch immer etwas wackelig auf den Beinen war. Als endlich alle versammelt waren, sah sie jeden Knieenden eindringlich an. Bis ihr Blick am Kommandanten der Königsgarde hängenblieb. Dieser stand mit hoch erhobenem Haupt hinter den anderen und drängte sich nun zwischen Rion und Geralt hindurch nach vorn. Nalias Gesicht verhärtete sich. Wie so oft gaffte er sie anzüglich an.

„Erhebt Euch bitte“, sagte sie freundlich an die übrigen Anwesenden gewandt.

Ihre Stimme nahm einen verärgerten Unterton an, als sie den Kommandanten ansprach.

„Erstattet Bericht, wieso Ihr einen meiner Gäste in den Kerker einquartiert habt.“

Sarus verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

„Eure Hoheit! Dieser Kerl hat zwei meiner Männer niedergeschlagen und drang in einen Raum ein, obwohl der Zutritt von Euch untersagt wurde. Da Ihr nicht ansprechbar wart, habe ich ihm das zukommen lassen, was er für dieses Verhalten verdiente.“

Nalia waren eben schon etliche Prellungen aufgefallen, die Geralts Gesicht zierten.

„Und was habt Ihr ihm zukommen lassen?“, fragte Nalia mühsam beherrscht. Auf Sarus’ Gesicht erschien ein süffisantes Lächeln.

„Nun ja, ich ließ ihn halt in den Kerker werfen.“

Geralt verzog verächtlich das Gesicht und sagte halblaut: „­Feigling!“

Daraufhin drehte sich Sarus zu ihm um und herrschte ihn an.

„Haltet den Mund. Ihr wurdet nicht gefragt, oder soll ich Euch gleich wieder abführen lassen?“

Geralt wollte aufbegehren, wurde aber von Rion am Arm gepackt. Halldor legte eine Hand auf die Schulter seines Bruders. Nalia fiel auf, wie sehr der General die Kiefer aufeinanderpresste. Sie sah in seinen Augen, wie zornig er war.

„So wütend habe ich ihn noch nie gesehen“, dachte Nalia.

„Tretet vor, Geralt! Berichtet mir bitte, was geschehen ist.“

Er räusperte sich leise und kam nach vorn.

„Wir haben eine lange Zeit vor der Tür gewartet, Eure Hoheit, und wurden allmählich nervös. Es zerrte an den Nerven, drei Stunden lang dort zu stehen und nicht zu wissen, was vor sich ging. Als wir dann Eure Schreie hörten, wollten uns die Wachen den Zutritt verwehren. Die beiden Männer beharrten darauf, dass Ihr unter keinen Umständen gestört werden wolltet. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ihr zum Spaß geschrien hattet. Ich dachte, es sei etwas Schlimmes passiert und verschaffte mir Zugang, indem ich die beiden niederschlug. Als ich ins Zimmer kam, sah ich Euch wanken und fing Euch auf, bevor Ihr zu Boden stürzen konntet. Der Heiler kann das bestätigen, denn auch er wollte Euch zu Hilfe eilen, aber ich war eben

schneller.“ Geralt grinste Helimus entschuldigend an. Nalia konnte sich nur mit Mühe ein Lächeln verkneifen. Sie nickte Geralt zu.

„Erzählt weiter! Was geschah dann?“

Geralt wurde ernst und drehte den Kopf zu Sarus.

„Dann kam der da, mit vier Wachen, und ließ mich in den Kerker werfen. Er scheute auch keine Mühen, mich persönlich in meiner Zelle aufsuchen.

Er befahl drei Männern, mich festzuhalten, bevor er auf mich einprügelte. Seine Soldaten taten dies nur widerwillig, aber er drohte ihnen wegen Befehlsverweigerung mit dem Strang.“

Kommandant Sarus verfiel in lautes Gelächter.

„Das werdet Ihr ihm doch nicht abnehmen, Eure Hoheit?“

Nalias Gesicht verfinsterte sich zusehends.

„Wer waren die Wachen, die mit Euch unten waren?“

Sarus hob abwehrend die Hände.

„Ich war nicht bei diesem Verrückten. Das bildet der sich ein.“

Geralt machte drohend einen Schritt auf ihn zu.

„Klar! Und die Wunden habe ich mir selbst geschlagen, oder was?“

Nalia erhob die Stimme.

„Genug jetzt! Hauptmann Celvin, habt Ihr von den Männern diesbezüglich etwas gehört?“

„Bisher nicht, meine Königin. Ich werde jedoch nicht lange brauchen, um in Erfahrung zu bringen, wer dabei war.“

Die Königin nickte und hatte durchaus bemerkt, dass Celvin keinen Zweifel daran ließ, wem er glaubte.

„Holt sie hierher!“

Celvin verbeugte sich und verließ eilig den Raum. Halldor baute sich mit verschränkten Armen vor Sarus auf. Der Kommandant schaute zu Boden.

„Ich habe noch einiges zu tun, Hoheit. Ihr entschuldigt mich bestimmt.“

„Nein, Sarus, Ihr werdet bleiben“, sagte Nalia.

Er wurde zunehmend nervöser, trat von einem Fuß auf den anderen und zupfte unablässig an seinem Umhang.

„Noch habt Ihr Gelegenheit, die Wahrheit zu sagen, Sarus.“

„Das habe ich, Hoheit“, sagte er empört.

„Nun, das will ich für Euch hoffen.“

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Celvin mit drei Männern der Königsgarde zurückkehrte. Sie fielen vor der Königin auf die Knie und Nalia befragte sie. Und alle drei bestätigten Geralts Aussage.

Nalia lächelte, als sie sich an den Kommandanten wandte.

„Sarus, ich enthebe Euch sämtlicher Titel. Des Weiteren werdet Ihr vorerst in einem anderen Quartier unterkommen. Zumindest so lange, bis ich eine Entscheidung getroffen habe, wie ich mit Euch weiter verfahre.“

Nalia nickte den drei Soldaten zu, die immer noch vor ihr knieten.

„Führt ihn ab und bringt ihn in die gleiche Zelle, in der Geralt verharren musste.“

Sein grauer Bart zitterte, als er die Königin anflehte.

„Eure Hoheit, dass könnt Ihr doch nicht tun. Nicht in dieses finstere Loch.“

„Oh doch, ich kann! Geralt hat absolut vorbildlich gehandelt, im Gegensatz zu Euren Männern. Die hätten mich sehr wahrscheinlich verrecken lassen, wäre etwas Ernsthaftes passiert. Und das nur, weil sie falsch ausgebildet wurden.“

Halldor baute sich vor Sarus auf.

„Ich werde Euch später einen Besuch abstatten“, sagte er leise und drehte sich zu den Wachen um.

„Abführen!“

Die Männer nahmen Sarus in die Mitte und brachten den feisten Mann hinaus.

„Geralt, ich möchte mich bei Euch entschuldigen und bedanken.“

„Bedanken? Wofür?“

„Ihr habt mich vor dem harten Steinboden bewahrt.“

Er grinste und verbeugte sich galant. Nalia musste lächeln, als Halldor ihn zurückzog und Geralt die Sicht auf sie versperrte. Sie wurde jedoch sofort wieder ernst.

„Was gibt es Neues von unseren Schiffen, General?“

„Es ankern etwa einhundertfünfzig Schiffe vor Kalmar. Wir kommen allerdings nicht nahe genug heran, um festzustellen, wie sie bewaffnet sind. Denn sobald sich unsere Schiffe nähern, greifen die Aalwesen an. Die Biester besitzen Saugnäpfe an den Unterseiten und haben keinerlei Probleme, auf unsere Schiffe zu kommen. Zudem überfliegen große Kreaturen mit riesigen Schwingen unsere Flotte. Die Beschreibung passt zu dem Wesen, das die Seeschlange angegriffen hat.“

Die Königin atmete tief durch.

„Solange diese Kreaturen nicht angreifen, soll sich die Flotte ruhig verhalten und Abstand wahren. Valamar und ich werden uns etwas einfallen lassen, wie wir die feindlichen Schiffe auskundschaften können. Aber darüber sprechen wir später noch einmal. Kommt in einer Stunde hierher.“

Nalia entließ Halldor. Der eilte direkt aus dem Audienzraum, wahrscheinlich, um Sarus einen Besuch abzustatten.

„Und nun zu Euch, Valamar. Habt Ihr etwas über die Elementarzauber in Erfahrung bringen können?“

Der Magier kam zögernd näher.

„Ich habe mit Mowanye und Respa gesprochen. Und wenn ich ehrlich bin, verstehe ich so einiges nicht. Es ist eine Beschwörung dafür notwendig, soviel ist schon mal sicher. Allerdings unterscheiden sich die Rituale der beiden völlig, ebenso die Wesen, von denen sie die Visionen erhalten. Mowanye möchte heute Abend ein Ritual durchführen, und ich darf ihm dabei zusehen. Vielleicht bringt dies etwas Licht ins Dunkel.“

Nalia nickte dazu.

„Das halte ich für eine sehr gute Idee.

Geralt, Ihr habt mir doch erzählt, Melea würde eines dieser Feuerwesen in sich tragen.“

„Ja, das stimmt.“

Die Königin versuchte, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen, was ihr nicht so recht gelingen wollte. Ihre Stimme bebte ein wenig, als sie weitersprach.

„Wie Ihr wisst habe ich versucht, Melea zu helfen. Ich fand sie auch und schaffte es fast, sie zurückzuführen. Aber ich wurde von diesem Feuerwesen daran gehindert, es griff mich an. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es mich nicht verletzen wollte, so hat es mich doch ziemlich unsanft aus Meleas Geist geworfen.“

Begeisterung schwang in Valamars Stimme mit.

„Das ist ja unglaublich! Wie sah es aus? Besaß das Feuer eine bestimmte Form, oder …“

„Valamar, wir können uns später darüber unterhalten.“

Sie wandte sich wieder Geralt zu.

„Wäret Ihr so freundlich, Mowanye und Respa hierherzubringen? Ich möchte mit den beiden darüber sprechen, bevor ich erneut versuche, Melea in die Realität zurückzuholen.“

Geralt setzte sich sofort in Bewegung.

„Ich werde die beiden holen.“

Nalia wandte sich nun wieder an Valamar.

„Gibt es schon Nachrichten aus den anderen Reichen?“

„Nein, Eure Hoheit. Ich war aber auch schon seit drei Stunden nicht mehr oben. Ich habe mit einem meiner Lehrlinge und den Herren Rion und Jon das Wesen begutachtet, welches am Strand gefunden wurde.“

„Was habt Ihr herausgefunden?“

„Rion und Jon sind sich sicher, dass es der gleichen Art angehört wie das Wesen, das sie auf Kalmar sahen. Es ist sehr faszinierend. Ihr solltet Euch selbst ein Bild davon machen.“

„Das werde ich. Und Ihr solltet nachschauen, ob der eine oder andere Garlitz zurückgekehrt ist.“

Er verbeugte sich.

„Ja, Eure Hoheit.“

Da der Magier keine Anstalten machte zu gehen, sah Nalia ihn noch einen Moment lang vielsagend an. Schließlich verdrehte sie die Augen.

„Jetzt!“

Valamar schaute verdutzt zu ihr auf, bis sich seine Augen ein wenig weiteten.

„Oh, natürlich! Ich bin schon unterwegs.“

Helimus, der neben der Königin Aufstellung genommen hatte, bat darum, ebenfalls gehen zu dürfen. Und als auch er aus der Tür war, schaute Nalia den verbliebenen Gast an.

„Kommt, Rion. Lasst uns zum Kamin gehen, dort ist es ein wenig gemütlicher.“

Nalia erhob sich und sprach zwei Wachen an, die an der Flügeltür standen.

„Schickt mir Inyan herein. Ihr dürft die Türen von draußen bewachen.“

„Aber, Hoheit …“

„Raus!“

Rions Augenbrauen hoben sich wegen des ungewohnt harten Tons, den die Königin bei dem Wort anschlug. Auch die beiden Leibwachen schauten verdutzt drein, bevor sie schließlich dem Befehl nachkamen. Kaum waren sie draußen, kam ein Diener herein.

„Hoheit?“

„Inyan, sei so gut und bring uns etwas zu essen und einen Krug Wein.“

Er verbeugte sich und eilte wieder hinaus. Nalia ließ sich in der Kaminecke nieder.

„Wollt Ihr nicht mit mir sprechen?“

Rion stand immer noch an Ort und Stelle, ging aber nun zu ihr und setzte sich seufzend in einen Sessel.

8. Mond, im 988. Jahr der Barriere

Der Dunkle

1

Geralt traf vor dem Palast auf seinen Bruder, der sich gerade von einem Botenreiter verabschiedete. Halldor kam zu ihm, packte ihn bei den Schultern und sah ihn ernst an.

„Das nächste Mal, wenn du eingekerkert wirst, lässt du nach mir schicken. Ich habe erst vorhin von der Sache erfahren. Wenn ich davon gewusst hätte, wäre Sarus bereits einen Kopf kürzer. Ich konnte den fetten Sack noch nie leiden.“

Geralt grinste.

„Ich hoffe nicht, dass es ein nächstes Mal gibt. Aber wenn, dann werde ich dich beim Wort nehmen. Du hättest allerdings mal nach mir fragen können. Wir waren ja schließlich an dem Abend verabredet.“

Halldor zuckte mit den Schultern.

„Ja, das stimmt schon. Allerdings ging ich davon aus, dass du bei deiner Verlobten bist. Ich hörte, sie sei immer noch nicht erwacht und dachte, du wärst bei ihr.“

„Lea ist nicht meine Verlobte. Zumindest noch nicht. Zuerst einmal muss ich ihren Vater davon überzeugen, dass ich der Richtige für sie bin.“

Geralt wandte sich zum Gehen.

„Ich muss los und einen königlichen Auftrag erledigen. Wir sehen uns später.“

Halldor schaute ihm kopfschüttelnd nach.

„Vielleicht sollte ich mal mit Rion sprechen.“

„Wann habt Ihr das letzte Mal geschlafen? Ihr seht schrecklich aus.“

Rion schaute die Königin aus geröteten Augen an.

„Wenn ich ehrlich bin – keine Ahnung.“

„Und wann habt Ihr zuletzt etwas gegessen?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Auch da muss ich passen.“

Nalia schüttelte tadelnd den Kopf.

„Bevor ich den nächsten Versuch unternehme, Eurer Tochter zu helfen, möchte ich, dass Ihr ausgeruht und bei Kräften seid.“

Er sah sie fast schon erschrocken an.

„Aber ich …“

Nalia hob eine Hand, und Rion verstummte.

„Ich möchte keine Widerrede hören.“

Mit beiden Händen fuhr sich Rion übers Gesicht. Er hatte wirklich schon lange nicht mehr geschlafen.

„Ein Bad und eine Rasur wären auch angebracht.“

Sie lachte leise, da er sie nun schockiert ansah.

„Keine Sorge, noch laufe ich vor Eurem Geruch nicht weg. Ich möchte einfach nicht, dass Ihr den Kopf in den Sand steckt und die Hoffnung aufgebt. Denn egal, was kommt – wir werden Melea helfen. Sie wird erwachen. Und wenn es so weit ist, müsst Ihr für sie da sein, Rion, und zwar im Vollbesitz Eurer Kräfte. Also, werdet Ihr auf mich hören? Essen, Schlafen und ein Bad?“

„Ja, Eure Hoheit. Wann werdet Ihr es erneut versuchen? Was ist mit diesem Wesen?“

Die Königin überlegte kurz.

„Nach dem Abendmahl. Und was das Wesen angeht, so hoffe ich, dass mir Euer Freund helfen kann.“

Rion lehnte sich im Sessel zurück.

„Ihr meint Mowanye. Ja, ich schätze, er kennt sich wohl als Einziger damit aus. Es ist ja schließlich auch seine Schuld, dass sie dieses Wesen in sich trägt.“

„Da muss ich Euch widersprechen, Rion. Ich kenne mich zwar nicht so gut mit Elementarwesen aus, aber eines weiß ich. Man muss sich ihnen öffnen, sie können sich keinem Wesen aufzwingen. Und zudem muss man die Fähigkeit besitzen, ihren elementaren Kräften zu trotzen.“

Er sagte nichts dazu. Nalia bemerkte dennoch, wie sehr es in ihm arbeitete.

„Rion, darf ich Euch etwas Persönliches fragen? Etwas, das mir auf der Seele brennt?“

„Natürlich!“

„Aus welchem Grund habt Ihr Melea geschlagen?“

„Ich … woher wisst Ihr das?“

Seine Augen wurden feucht, weil er Lea direkt vor sich sah. Wie sie zusammengekrümmt auf dem Boden lag und ihn traurig ansah.

Rions schmerzverzerrtes Gesicht sagte Nalia mehr, als er mit Worten hätte ausdrücken können.

„Auf der Suche nach Melea durchschritt ich ein paar ihrer Erinnerungen. Und diese war eine äußerst schmerzhafte Erinnerung. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.“

„Als Geralt und Lea von den Wassermassen mitgerissen wurden, kam ich vor Sorge fast um. Mo, Jon und ich rannten mit Fackeln am Ufer entlang und brüllten uns die Seelen aus dem Leib, auf der Suche nach den beiden. Aber wir fanden sie einfach nicht. Und als wir die überspülte Brücke erreichten und ich sah, mit welch brutaler Kraft das Wasser dagegen donnerte, dachte ich …“

Rion schaute betrübt auf seine zitternden Hände.

„Ich dachte, ich hätte mein kleines Mädchen verloren.“

„Dann war es Sorge, die Euch dazu verleitete?“

Rion wischte eine Träne ab, bevor er aufblickte.

„Als Geralt auf der anderen Seite des Baches auftauchte und uns zurief, dass alles in Ordnung sei, wurde ich unbeschreiblich wütend. Der Dickschädel meiner Tochter hatte mich schon oft an den Rand des Wahnsinns gebracht, aber in dieser Nacht wurde ich meiner Wut nicht Herr. Es war das erste Mal, dass mir die Hand ausrutschte. Und es tut mir wahnsinnig leid. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.“

Auch Nalia standen Tränen in den Augen. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm.

„Rion, bitte tut mir den Gefallen und sagt es ihr. Genau so, wie Ihr es mir erzählt habt. Sie wird es verstehen.“

Rion nickte.

„Wie viele Sommer hat Melea schon erlebt?“

Rion blickte auf Nalias Hand.

„Siebzehn Sommer.“

Nalia lächelte und zog ihre Hand wieder fort.

„Dann sollte ich sie wohl nicht mehr Mädchen nennen, das könnte ins Auge gehen. Hat sie ihre Starrköpfigkeit von Euch oder von ihrer Mutter geerbt? Wobei mir einfällt – wo ist ­eigentlich ihre Mutter?“

„Ich weiß nicht genau, wo sich ihre Mutter aufhält. Sie hat uns verlassen, als Lea noch sehr jung war. Tja, und von wem sie ihre Sturheit hat? Die ist wohl auf meinem Mist gewachsen.“

Rion lächelte ein wenig. Er fühlte sich besser, nachdem er über diese Geschichte gesprochen hatte.

„Ich verspreche Euch, dass ich mit ihr reden werde. Das heißt, falls ich die Gelegenheit dazu erhalte.“

Rion blickte betreten zu Boden. Er machte sich so wahnsinnige Sorgen um Lea.

„Das werdet Ihr, Rion. Aber nun geht in Euer Gemach und esst endlich etwas.“

Sie sah tadelnd auf das unangetastete Tablett auf dem Tisch.

„Ich werde Euch sofort etwas bringen lassen und den Diener beauftragen, mir Bescheid zu geben, wenn Ihr nichts zu Euch nehmt. Und wehe, Ihr erscheint heute Abend unausgeschlafen und in diesem desolaten Zustand zum Essen. Dann könnt Ihr was erleben.“

Rions Augen wurden immer größer. Er stand hastig auf und verließ das Audienzzimmer.

Wenig später kamen Geralt, Respa und Mowanye bei der Königin an. Nalia begrüßte sie freundlich und setzte sich mit ihnen ebenfalls an den Kamin. Dort berichtete sie von ihrem Erlebnis mit dem Feuerwesen, woraufhin erst mal Schweigen herrschte.

Nalia sah zuerst Mowanye und dann Respa erwartungsvoll an. Aber es war Geralt, der zuerst etwas fragte, wobei er etwas verwirrt wirkte.

„Was sagte das Wesen zu Euch? ‚Noch nicht‘?“

„Genau genommen sagte es: ‚Jetzt noch nicht‘“, sagte Respa.

Nalia nickte.

„Ja, so ist es. Was haltet Ihr davon?“

Mowanye rieb sich übers Kinn und beugte sich etwas vor.

„Der Feuerahne will Melea nichts Böses und hatte sicherlich einen Grund, Euch aus ihrem Geist zu verbannen. Es wäre denkbar, dass er auf ein bestimmtes Ereignis wartet, bevor er Lea zurücklassen kann.“

Respa nickte zustimmend.

„Ich sehe das ebenso. Es wird einen Grund geben, warum der Geist so gehandelt hat.“

Nalia schüttelte verständnislos den Kopf.

„Worauf wartet es? Und was kann ich dem Wesen entgegensetzen, wenn ich erneut versuche, Melea zu helfen?“

Mo sah sie erschrocken an.

„Ihr solltet Euch das noch einmal überlegen. Der Ahne wird Lea beschützen, bis das eingetreten ist, worauf er wartet.“

Die Königin stand auf und lief nervös ein paar Schritte hin und her. Dann rang sie mit den Händen und blickte in die kleine Runde.

„Ich fürchte, wir haben nicht mehr allzu viel Zeit. Je länger ich warte, desto schwieriger wird es, Melea aus diesem Zustand zu befreien. Deshalb werde ich heute Abend noch einmal versuchen, zu ihr durchzudringen. Melea kennt mich jetzt und sie weiß, dass ich ihr helfen will.

Obwohl, da fällt mir ein – sie wusste von Anfang an, wer ich bin, obwohl sie mich nie zuvor gesehen hat. Hat jemand eine Erklärung dafür?“

Als Antwort bekam sie nur allgemeines Schweigen und Schulterzucken. Sie seufzte innerlich.

„Vielleicht sollten wir das alles etwas sacken lassen. Ich gebe am heutigen Abend, bei Sonnenuntergang, für alle Kalmarer ein großes Essen.

Es wäre nett, wenn Ihr das den anderen ausrichten würdet. Und danach werden wir uns noch einmal unterhalten. Vielleicht fällt Euch oder mir noch etwas ein.“

Damit verabschiedete Nalia die drei und lehnte sich einen Moment in ihrem Sessel zurück. Sie genoss die kurze Entspannung, die allerdings nicht lange währte. Die Tür öffnete sich, und ein Wachmann meldete Valamar an.

Der Magier hielt sich allerdings nicht lange mit Warten auf und stürmte in den Raum.

„Hoheit, Ihr müsst sofort mitkommen“, rief er völlig außer Atem.

Nalia sprang alarmiert auf.

„Was ist passiert, Valamar?“

„Es ist sozusagen eine Nachricht eingetroffen.“

Nalia verdrehte die Augen.

„Ja, und? Dann gebt sie mir!“

Valamar wurde noch nervöser.

„Hoheit, bitte kommt mit. Ich fürchte einen Aufstand, wenn ich ihn durch den Palast führe.“

Nalia setzte sich in Bewegung. Auf dem Weg zu den Höhlen versuchte sie in Erfahrung zu bringen, was den Magier derart aus der Fassung gebracht haben könnte. Sie blieb jedoch erfolglos. Er meinte nur, sie würde ihm sowieso nicht glauben und dass sie sich selbst ein Bild machen müsse. Als sie endlich ankamen, verstand Nalia, was er meinte.

Mit dem Rücken zu ihr stand eine große Gestalt mit einem sehr breiten Kreuz. Er war in einen Kapuzenmantel gekleidet. Der Mantel aus schwarzem schwerem Leder war durchzogen mit blutroten Adern. Solch ein Leder hatte Nalia noch nie zuvor gesehen und sie fragte sich, von welchem Tier es wohl stammte. Doch sie widmete sich wieder der Gestalt und schüttelte sich, um ihre Gänsehaut loszuwerden.

„Als ich vorhin hierherkam, stand er bereits dort und streichelte den Garlitz.

Er sagte, er wäre die Nachricht an die Königin, und dass er von seinem Vater geschickt wurde“, flüsterte Valamar neben ihr.

Nalia bekam große Augen und blickte wieder zu der Gestalt, die sich nun langsam umdrehte.

„Wer seid Ihr, und wie kommt Ihr hierher?“, fragte sie.

Der Mann wandte sich vollends zu ihr um. Von seinem Gesicht waren nur die Mundpartie und sein kräftiges Kinn sichtbar, alles andere lag im Schatten der Kapuze.

„Mein Vater sandte mich zu Euch. Und da Ihr in Eurer Botschaft klargemacht habt, wie sehr die Zeit drängt, bin ich mit dem Garlitz hierhergekommen. Anfangs sträubte er sich etwas, einen Reiter zu tragen, doch letztlich hat es funktioniert, wie Ihr ja seht. Ach ja, mein Name lautet Morkson.“

Unwillkürlich trat Nalia einen Schritt zurück. Sie hatte schon einiges über Torgulas’ dunklen Sohn gehört, und dies waren wahrlich keine angenehmen Geschichten. So sollte er zum Beispiel einer Gruppe Söldner, die in Torgulas’ Reich eingedrungen waren, die schlimmsten Dinge angetan haben. Von zwei Dutzend Männern ließ er einen unversehrt. Ihm gab er den Auftrag, in den geeinten Reichen zu berichten, was sich zugetragen hatte. Dies sollte als Warnung an alle anderen Abenteuerlustigen dienen, die sich in Torgulas’ Reich wagten. Nachdem der Söldner seinen Auftrag erfüllt und an den Königshöfen von den schockierenden Methoden berichtet hatte, die seinen Kameraden den Tod brachten, nahm er sich das Leben.

Nalia war damals nicht dabei gewesen, als der Söldner seinen Bericht zum Besten gab. Aber der Gemütszustand ihres Gemahls verriet ihr, dass es mehr als schockierend gewesen sein musste.

Morkson schien ihre Gedanken zu erraten.

„Keine Sorge, Königin. Ich habe nicht vor, jemandem etwas zuleide zu tun. Es sei denn, man lässt mir keine andere Wahl.“

Morkson sprach mit einer tiefen, aber nicht unangenehmen Stimme, wie Nalia beiläufig auffiel. Sie straffte sich etwas, bevor sie einen Schritt auf ihn zuging.

„Seid gegrüßt, Prinz Morkson. Ich gebe am Abend ein Essen für die Überlebenden der Insel Kalmar und lade Euch hiermit ein, daran teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit werden sich bereits einige Fragen klären, die Ihr ohne Zweifel haben werdet. Und bis dahin habt Ihr Gelegenheit, Euch von der langen Reise zu erholen.“

Morkson nickte und wandte sich zu den Regalen um.

„Dürfte ich mir eines oder zwei von diesen Büchern ausleihen?“

Nalia wies mit einer Hand auf Valamar.

„Da müsst Ihr Euch mit meinem obersten Magier auseinandersetzen, dies ist sein Reich.“

Nalia blickte Valamar an, der Prinz Morkson mit halboffenem Mund angaffte. Auch Morkson wandte sich ihm zu, woraufhin er den Mund zu einem feinen Lächeln verzog. Dann ging er zu einem Bücherregal.

„Nun, oberster Magier, wäre es in Ordnung für Euch? Ihr werdet sie natürlich unversehrt zurückerhalten.“

Valamar schüttelte leicht den Kopf.

„Verzeiht, was sagtet Ihr? Ich war wohl nicht ganz bei der Sache.“

Nalia atmete tief durch.

„Prinz Morkson möchte sich ein paar Eurer Bücher ausleihen. Das sollte wohl kein Problem darstellen, oder?“

Sichtlich nervös ging der Magier zum Prinzen.

„Nein, natürlich nicht. Wählt aus, was Euch gefällt und zeigt mir die Bücher. Ich werde sie Euch dann geben. Zum Schutz vor Dieben und Feuchtigkeit habe ich die Regale mit einigen Zaubern belegt.“

Morkson trug wieder das leichte Lächeln auf den Lippen, als er sich selbst ein Buch aus dem Regal nahm. Dieses schlug er auf, und nach einem Moment nickte er zufrieden, während Valamar ihn entgeistert anstarrte.

„Wie habt Ihr das gemacht?“, keuchte er.

Morkson zuckte mit den Schultern und nahm ein weiteres Buch, wobei Valamar ihn genau beobachtete.

„Kein Spruch, keine Handbewegung, keine magische Entladung. Verflucht, wie stellt der Kerl das an?“, dachte er.

Valamar streckte eine Hand nach dem Regal aus und spürte sofort die Energie seines Zaubers, der seine Bücher schützen sollte. Er hielt jedoch nicht inne, weil er wissen wollte, was mit seinem Zauber nicht stimmte.

Morkson packte ihn hart am Unterarm, bevor er das Regal berühren konnte, und schüttelte den Kopf.

„Das würde ich nicht tun, Euer Zauber funktioniert. Es würde Euch die Hand kosten, wenn Ihr ihn vorher nicht aufhebt.“

Valamar versuchte, unter Morksons Kapuze zu schauen.

„Wie macht Ihr das? Wieso könnt Ihr den Zauber umgehen?“

Der Prinz lächelte nur und senkte den Kopf, um den Blicken des Magiers auszuweichen. Er wollte nicht riskieren, dass dieser vollends die Fassung verlor.

Nalia trat derweil von einem Fuß auf den anderen.

„Wenn die Herren dann so weit wären, würde ich mich gerne wieder meinen Terminen widmen.“

Sie wandte sich ab und verschwand in den Gängen, gefolgt von ihren Wachen und Morkson. Zurück blieb ein ziemlich verwirrter Magier.

„Wie hat er das angestellt? Das gibt’s doch nicht!“

Valamar grübelte noch eine Zeitlang, allerdings ergebnislos. Also machte er sich daran, die Zauber zu lösen und in seinen Büchern nach stärkeren Bannzaubern zu suchen.

Die Königin führte ihren Gast zu den besonderen Gemächern und ließ ihn ein Zimmer auswählen.

„Wenn Ihr etwas braucht, wendet Euch vorerst an einen der Diener. Ich werde Euch natürlich noch einen persönlichen Kämmerer und zwei Wachen zuteilen.“

„Wachen sind nicht nötig. Ich habe nicht vor, Euch etwas anzutun.“

Nalias Gesicht verfinsterte sich.

„Sie sind auch eher zu Eurem Schutz. Denn ich weiß nicht, wie manch einer auf Eure Anwesenheit reagieren wird. Ich werde Euch zum Abendmahl abholen lassen. Nun muss ich mich verabschieden, ich habe noch einige Termine.“

Morkson lächelte und verschwand mit einem Reisesack in seinem Zimmer.

„Hatte er den eben auch schon?“, murmelte Nalia verblüfft.

Sie trat zur Tür und fuhr mit den Fingerspitzen über die verschlungenen Symbole, die sich zu bewegen schienen. Es war die einzige Tür auf dem Flur, die nicht mit bunten Farben bemalt war. Sie hatte sich schon immer gefragt, wieso der Künstler diese Tür ausgelassen hatte. Die seltsamen Symbole darauf sah sie jetzt zum ersten Mal. Sie verursachten bei ihr ein heftiges Schwindelgefühl. Die verschlungenen Linien bildeten ein wirres Muster, das sich stetig veränderte.

Nalia schüttelte den Kopf und bewegte sich rückwärtsgehend von der Tür weg.

„Alles in Ordnung, meine Königin?“, fragte ein Leibwächter.

„Zwei Wachen sollen sich an dieser Tür postieren. Falls er sein Zimmer verlässt, sollen sie ihn begleiten und schützen.“

Nach einem kurzen Blick zur Tür eilte Nalia davon.

2

Melea krachte mit dem Rücken voran gegen den Hauptmast und schlug hart auf den Planken auf, wo sie benommen liegen blieb.

Medon machte sich seit geraumer Zeit einen Spaß daraus herauszufinden, was ein menschlicher Körper aushalten konnte. Dabei ging er immer brutaler vor, denn er hatte natürlich mitbekommen, wie ihre Wunden auf wundersame Weise verheilten.

Lea wusste nicht, wie lange er nun auf sie einprügelte, sie trat und durch die Gegend schleuderte. Sie war bereits mehrere Male bewusstlos geworden. Inzwischen hatte sie es aufgegeben, vor ihm davonzulaufen. Dazu fehlte ihr einfach die Kraft.

Erneut wurde sie emporgehoben. Trotzig sah sie in Medons eiskalte Augen.

„Dank der Heiler werden wir noch eine Menge Spaß miteinander haben.“

Er drückte ihr einen harten Kuss auf die Lippen, und Lea trat kraftvoll zu. Dabei landete sie wohl einen glücklichen Treffer, denn Medon keuchte schmerzerfüllt auf und schleuderte sie von sich. Ihre Landung war allerdings alles andere als glücklich. Sie krachte mit der rechten Seite auf die Reling und hörte das Brechen von mindestens einer Rippe, bevor sie auf den Planken aufschlug. Dabei entdeckte sie die offenstehende Luke, und auf diese robbte sie leise wimmernd zu. Bereits dreimal hatte sie den Versuch unternommen, dort runter zu kommen. Medons Körperbau würde es ihm nicht erlauben, ihr unter Deck zu folgen. Gerade, als sie den Abstieg erreichte, packte er sie am Nacken und warf sie die Stufen hinunter. Zweimal überschlug sie sich auf dem Weg nach unten und blieb benommen liegen.

„Geschafft“, wisperte sie.

Stöhnend drehte sie sich auf den Rücken und richtete sich etwas auf, um die Treppe hinaufzusehen. Aber sie hörte nur, wie Medon brüllend etwas zertrümmerte.

„Verschwinde, du Scheusal. Hier kommst du nicht rein“, rief Lea wütend.

„Wir sind noch lange nicht fertig, kleine Schönheit“, drang seine grollende Stimme zu ihr.

Lea traute ihren Augen nicht, als sich die Wände des Treppenaufgangs verschoben. Zudem rieselten Späne und Holzstaub auf sie herab, da sich die Decke hob.

„Nein“, keuchte sie erstickt, in dem Moment, als Medon die Stufen hinabgepoltert kam.

Sofort packte er Lea an den Haaren und zerrte sie in die Kajüte. Dort warf er sie aufs Bett und riss ihr das Nachthemd vom Leib.

Während der ganzen Tortur hatte sie nicht einen Schmerzensschrei von sich gegeben, doch jetzt schrie sie. Voller Entsetzen beobachtete Lea, wie er die Schnallen seines Brustpanzers öffnete und sprang vom Bett. Allerdings kniete er vor der Tür, sodass sie sich unter dem zertrümmerten Tisch verkroch.

Als Nalia im Audienzzimmer ankam, war Halldor bereits anwesend. Er stand an einem Fenster und starrte aufs Meer hinaus.

„Gut, dass Ihr hier seid. Es gibt einiges zu besprechen.“

Nalia setzte sich in ihren Sessel und winkte ihren Leibdiener herbei.

„Melf, bring uns bitte ein paar Erfrischungen. Und man soll Hauptmann Celvin ausrichten, dass ich ihn sprechen möchte.“

Er verneigte sich und verschwand lautlos, um seine Aufträge auszuführen.

„Halldor, setzt Euch bitte zu mir.“

Er nahm neben Nalia Platz, zog seine Lederhandschuhe aus und legte diese auf den Tisch.

„Gibt es Neuigkeiten von unseren Schiffen?“, fragte sie.

Halldor sah sie sehr ernst an.

„Ja, es kam vorhin eine Möwe mit Nachricht von Kapitänin Fanya. Sie bittet um weitere Flotten zur Unterstützung, weil immer mehr fremde Schiffe auftauchen.“

Nalia trommelte nervös mit den Fingern.

„Was schlagt Ihr vor, Halldor? Ich bin in solchen Dingen ziemlich unerfahren.“

Der General schielte auf ihre Finger, die unablässig auf die Armlehne trommelten. Kurzerhand legte er seine Hand auf ihre.

„Am wichtigsten ist es, Stärke zu zeigen. Euer Gemahl ist seit zwei Sommern verschollen, und das Wohl des Landes liegt nun in Eurer Hand. Aber Ihr seid nicht allein. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Euch zu helfen. In allen Belangen.“

Nalia überlegte kurz, ob sie ihm ihre Hand entziehen sollte, beließ sie aber an Ort und Stelle.

„Ich danke Euch, Halldor. Ich werde Eure Hilfe gerne annehmen und auch brauchen.“

„Wir müssen einen Plan erstellen, um die Sicherheit des Volkes zu gewährleisten. Das ist das Erste, was zu tun wäre. Das heißt, wir müssen Eure Kommandanten zusammenrufen“, sagte er.

Nalia bekam plötzlich einen ganz trockenen Mund, als er ihre Hand leicht drückte.

„In Ordnung. Kümmert Euch darum!“

„Ja, Hoheit.“

Halldor sah sie seltsam an, senkte aber dann betreten den Blick.

„Wollt Ihr mir etwas sagen, General?“

Es klopfte an der Tür, woraufhin Halldor hastig seine Hand zurückzog.

Die Königin wartete, bis Melf und die anderen Diener die Tabletts abgestellt hatten.

„Danke. Ihr könnt nun gehen.“

Melf verbeugte sich.

„Hauptmann Celvin wartet draußen.“

„Dann schickt ihn herein!“

Nalia bedachte Halldor mit einem Seitenblick, und wandte sich schnell Celvin zu.

„Erhebt Euch, Hauptmann, und gesellt Euch zu uns. Ich möchte, dass Ihr Euch mit General Halldor und einigen anderen Gedanken macht, wie wir unsere Truppen am sinnvollsten einsetzen können. Zuerst müssen wir jedoch einen neuen Kommandanten der Königsgarde ernennen. Hat jemand einen Vorschlag zu machen?“

Halldor beugte sich vor.

„Der Hauptmann der Stadtwache dient Euch seit zwanzig Sommern. Ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser für dieses Amt geeignet wäre. Er ist ein guter Anführer, fantastischer Schwertkämpfer, und er kennt die Stadt wie kein anderer.“

Nalia überlegte einen Moment.

„Ist er nicht Euer Ziehvater?“

Er senkte den Blick.

„Ja, meine Königin. Aber das schmälert nicht seine Fähigkeiten.“

Celvin sprang Halldor bei.

„Hoheit, ich kann die Worte von General Halldor nur bestätigen. Wenn einer diesen Posten verdient hat, dann Hauptmann Bigelis.“

Die Königin sah von einem zum anderen.

„In Ordnung, ich vertraue auf Euer Urteil. Dann brauchen wir jetzt wohl einen neuen Hauptmann der Stadtwache.“

„Ich werde Kommandant Bigelis fragen, ob er jemanden für diesen Posten hat.“

„Ja, tut das. Am besten Ihr nehmt General Halldor mit. Ich möchte alle Kommandanten und Hauptmänner zu einer Besprechung hier versammelt haben, und zwar in einer Stunde.“

Celvin verbeugte sich und ging aus der Tür. Halldor blieb unschlüssig davor stehen und drehte sich noch einmal zu ihr um.

„Auf ein Wort, Eure Hoheit?“

Nalia war ebenfalls auf dem Weg zur Tür gewesen und blickte zu ihm auf. „Sicher.“

„Ich habe mich gefragt, ob Ihr mir die Ehre erweist, Euch zum Abendmahl begleiten zu dürfen?“

Die Königin lächelte breit, schüttelte aber den Kopf.

„Es wäre mir eine Freude, General. Aber für heute muss ich Euch leider absagen. Wir haben einen neuen Gast.“

Halldor schaute betreten zu Boden und wollte sich der Tür zuwenden, doch Nalia fügte schnell hinzu: „Aber morgen Abend wäre ich noch frei.“

Halldor verbeugte sich lächelnd und mit leuchtenden Augen.

Draußen wurde er von Celvin erwartet, der ihn fragte, ob etwas geschehen sei. Halldor schüttelte daraufhin grinsend den Kopf und lief einfach los. Celvin versuchte, mit ihm Schritt zu halten.

„Hat dir die Königin mitgeteilt, wer heute angereist ist?“

Halldor zuckte mit den Schultern.

„Nein. Wieso?“

„Meine Soldaten sind wenig begeistert davon, vor seiner Tür stehen zu müssen. Ich muss sie stündlich ablösen lassen.“

Halldor hob verwundert die Augenbrauen.

„Ja und, wer ist es nun?“

„Sagt dir der Name ‚Morkson‘ etwas?“

Halldor blieb unvermittelt stehen.

„Der ‚Morkson‘?“

„Ja, genau der.“

Ungläubig schüttelte Halldor den Kopf.

„Verfluchter Mist! Was will er hier?“

Der Hauptmann zuckte mit den Schultern.

„Das musst du unsere Königin fragen. Oder ihn. Er wird heute Abend an der Tafel sitzen.“

Halldor warf die Hände in die Luft.

„Bei allen gütigen Göttern. Was kommt als nächstes?“

„Ich fürchte, nichts Gutes, mein Freund. Wir müssen die anderen zusammentrommeln. Kümmerst du dich um den Flottenkommandant und deinen Vater?“

Halldor schritt wieder schneller aus.

„Ja, ich bin schon unterwegs. Bis später!“

Halldor machte sich zunächst auf den Weg zu seinem Vater, um ihn darauf vorzubereiten, dass er bald umziehen würde und neue Uniformen brauchte. Celvin schickte einige Boten los, um sämtliche Hauptmänner und Kommandanten zusammenzutrommeln.

Derweil war Valamar bei der Königin. Während sie vor ihm auf und ab ging, erhielt er einige Anweisungen.

„Sendet Nachrichten an alle Stadthalter, Lords und Lehnsherren. Sie sollen ihre Truppen zusammenziehen und sich bereithalten. Des Weiteren brauchen wir Späher mit Flügeln, oder welche mit Kiemen und Flossen. Schaut in Euren schlauen Büchern nach, welche Wesen sich dafür eignen und wie wir sie zu unseren Gunsten einsetzen können. Wir müssen mehr über die Fremden erfahren und wissen, womit wir es zu tun haben.“

Valamar spielte nervös mit seinen unzähligen Anhängern.

„Die Nachrichten zu versenden sollte kein Problem darstellen, meine Königin. Aber die Späher … nun ja. Ich komme nicht mehr an meine Bücher heran.“

Nalia stockte mitten im Schritt.

„Was soll das heißen? Wieso kommt Ihr nicht mehr an Eure Bücher heran?“

Valamar senkte den Blick.

„Ich habe einen starken Zauber angewandt, und jetzt sind die Regale von einer Pflanze überwuchert. Sie will mich verschlingen, sobald ich dem Regal zu nahe komme. Außerdem schießt sie Pfeile ab, die ein Schlafgift enthalten.“

Nalia war kurz davor, ihren Magier am Kragen zu packen und durchzuschütteln.

„Valamar, seid Ihr von allen guten Göttern verlassen? Seht zu, dass Ihr das in den Griff bekommt. Und zwar sofort!“

Der Magier eilte aus dem Raum. Die Königin brauchte einige Zeit, um sich zu beruhigen. Dieser Mann war einfach unfassbar.

Wenig später stand Nalia inmitten der Männer, die ihre Soldaten, Truppen und Schiffe befehligten. Sie hatte es zumindest geschafft, Halldors Vater zum Kommandanten der Königsgarde zu ernennen und ihn gebeten, einen Ersatz für ihn als Hauptmann der Stadtwache zu finden. Bis dahin würde Celvin diese Aufgabe mit übernehmen, da es noch einen weiteren Hauptmann der Königsgarde gab. Dies war bislang das einzige Mal gewesen, dass sie zu Wort gekommen war. Nachdem Halldor die Fakten über den vermeintlichen Feind aufgezählt hatte, wurde es laut im Audienzraum. Die Männer diskutierten und schrien sich gegenseitig an. Jeder wusste besser als der andere, was wie zu tun sei.

Nach einer Weile wurde ihr die Schreierei zu viel und sie bat mehrmals um Ruhe, worauf niemand reagierte. Auch dass sie auf ihren Stuhl stieg, interessierte keinen. Doch alle verstummten und sahen sie fast schon erschüttert an, als Nalia brüllte.

„Ruhe, verdammt noch mal!“

Sie sah jedem Einzelnen kurz in die Augen, bevor sie erbost sagte: „Na also! Wenn ich dann die ungeteilte Aufmerksamkeit der Herren habe, dann würde ich euch gerne etwas mitteilen.“

Sie wartete, bis sich alle Männer ihr zugewandt hatten.

„Wir haben keine Zeit für solche Streitereien. Ich will, dass ihr mit Ruhe an diese Sache herangeht und mir eure Vorschläge unterbreitet. Und jetzt raus hier, ich erwarte morgen Mittag einen ersten Bericht.“

Als sich die Türen hinter den Männern schlossen, holte Nalia tief Luft und sah zu ihrem Diener, der neben der rechten Tür stand.

„Melf, ich würde mich gerne etwas frisch machen und andere Kleidung anlegen.“

Er verbeugte sich.

„Es ist bereits alles bereitgestellt, meine Königin.“

Nalia rang sich ein Lächeln ab.

„Danke, Melf. Wenn ich dich nicht hätte.“

Der Diener verbeugte sich erneut und wies mit einer Hand auf ihr Gemach. Einige Zeit später kehrte Nalia erfrischt und in einem neuen Kleid in den Audienzraum zurück.

„Melf, sag der Dienerschaft, sie mögen die Gäste in den Empfangssaal bringen. Und sie sollen Prinz Morkson nicht vergessen.“

„Ja, Eure Hoheit.“

Nalia warf noch einen Blick in den Spiegel, bevor sie auf den Balkon hinaus trat. Die Sonne ging bereits unter und verwandelte den Himmel in ein rotes Inferno.

Kurz schaute sie in den Raum zurück, wo sich derzeit niemand aufhielt, und zog dann eine goldene Kette aus ihrem Ausschnitt. Daran baumelte ein Anhänger, bestehend aus einem violett schimmernden Stein in Form einer Träne.

„Ich brauche dich heute Abend, alte Freundin“, flüsterte sie.

Nalia schloss ihre Augen und murmelte eine kurze Beschwörungsformel. Die Luft um sie herum begann zu flimmern. Vor ihr wurde eine schemenhafte Gestalt sichtbar, die mit jedem Wort an Substanz gewann, bis zuletzt eine Frau vor ihr stand. Sie neigte ihr Haupt vor der Königin und blickte dann zu ihr auf, da sie einen Kopf kleiner war. Zudem besaß sie eine zierliche Statur, aber Nalia wusste, dass der Schein trog. Diese Frau würde es mit einem halben Dutzend ihrer Leibwachen aufnehmen und die Männer binnen weniger Herzschläge aufs Kreuz legen, ohne außer Atem zu geraten.

„Seid gegrüßt, Wächterin.“

„Was kann ich für Euch tun, meine Herrin?“

Nalia erzählte ihr von dem gefährlichen Gast, worauf die silbergrauen Augen der Wächterin einen tiefen Fliederton annahmen. Nalia schaute sie verwundert an, weil sie ihre weißblonden Haare zu einem strengen Zopf zusammenband. Dann legte sie ihre Hand auf den Schwertknauf.

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750 p. 1 illustration
ISBN:
9783903861749
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