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Alexander Zaunkönig

Das wundertätige Unterröckchen. Wobei der Berggeist Rübezahl auch eine Rolle spielt.

Ein frivol- erotisches Märchen aus dem Jahre 1800

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Hinweise:

Statt der Vorrede:

Erstes Kapitel. Welches der Langeweile Tür und Tor öffnet:

Zweites Kapitel. Klärchen:

Drittes Kapitel. Worin mehr Edelmut als Wahrscheinlichkeiten enthalten ist:

Viertes Kapitel. Das sich mit einer Subskription endigt:

Fünftes Kapitel. Die Wölfin rächt sich an Klärchen:

Sechstes Kapitel. Worin eine Eigenschaft des Röckchens an den Tag kommt, die ihm zu keiner Empfehlung gereichen wird:

Siebentes Kapitel. Welches eine neue Person einführt:

Achtes Kapitel. Worin ohne Zweifel die Ohrfeige das treffendste ist:

Neuntes Kapitel. Chirurgische Operationen:

Zehntes Kapitel. Welches unter andern vom Schein-Schlafe spricht, und die Augen des Lesers vielleicht zu einem Wirklichen veranlassen wird:

Elftes Kapitel: Das hoffentlich mit all seinem Lärmen den Leser nicht aus der Ruhe stören wird, worin ihn das vorige Kapitel wiegte:

Zwölftes Kapitel. Woran man sehen kann, das Klärchens Siegeswille nicht weit her ist:

Dreizehntes Kapitel. Worin ich zwei Ritter in eine philosophische Unmäßigkeit geraten lasse:

Vierzehntes Kapitel. Welches sich mit keiner bloßen Ohnmacht endigt:

Fünfzehntes Kapitel. Mit welchem die Geschichte anfängt, wunderbarer, wenn auch nicht bewundernswürdiger zu werden:

Sechszehntes Kapitel. Worin der Name eines Luftschiffers vorkommt:

Siebzehntes Kapitel. Welches für die belustigung des Lesers sehr wenig tun wird:

Achtzehntes Kapitel. Dem der Leser eine Überschrift nach eigenem Gefallen geben mag:

Neunzehntes Kapitel. Worin die Hauptsache eine Reparatur ist:

Zwanzigstes Kapitel. Ein Abenteuer:

Einundzwanzigstes Kapitel. Worin unter anderem von einer Prachtausgabe die Rede ist:

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Welches eine Schenkung enthält:

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Dessen Trockenheit vielleicht durch wässrige Teile gemildert wird:

Vierundzwanzigstes Kapitel: Lauter Jammer:

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Worin eine Hypothese gewagt wird, die sich vor vielen ihrer Schwestern wenigstens durch ein bescheidnes Vielleicht auszeichnet:

Sechsundzwanzigstes Kapitel. Schnupftücher herbei:

Siebenundzwanzigstes Kapitel. Worin ein Geist erscheint, vor dem ich mich nicht fürchten würde:

Achtundzwanzigstes Kapitel. Welches unter anderem eine Preisfrage enthält:

Neunundzwanzigstes Kapitel, Szenen à la Louvet (Wahrscheinlich gemeint: Jean-Baptiste Louvet, genannt Louvet de Couvray, (* 12. Juni 1760 in Paris; † 25. August 1797 in Paris) war ein Politiker während der Französischen Revolution/Quelle Wikipedia):

Dreißigstes Kapitel. Stumme Personen treten auf:

Einunddreißigstes Kapitel. Worin ich mich mehr als Reumütig zeige:

Zweiunddreißigstes Kapitel. Worin der beste Stutzer (Zieraffe), der in ganzen Buche vorkommt, zum ersten Male auftritt:

Dreiunddreißigstes Kapitel. Unser bester Zieraffe hält Wort:

Vierunddreißigstes Kapitel. Worin Klärchen hoffen lässt, interessanter zu werden:

Fünfunddreißigstes Kapitel. Dessen Trauben ich mir für meinen künftigen Weinberg aufbitten möchte:

Sechsunddreißigstes Kapitel. Worin Vögel auffliegen, wie ich sie für mein künftiges Rittergut wünsche, wenn es die hohe Jagd haben sollte:

Siebenunddreißigstes Kapitel. So gehts, wenn man seinen Neigungen die Zügel lässt:

Achtunddreißigstes Kapitel. Worin zum Troste meiner Leserinnen wieder einmal ein hübscher Jüngling auftritt:

Neununddreißigstes Kapitel. Welches Sachen enthält, die wir uns vielleicht eingebildet haben:

Vierzigstes Kapitel. Worin gezeigt wird, dass ein Schriftsteller vor Andern etwas voraus habe:

Einundvierzigstes Kapitel. Worin eine alte Bekannte erscheint:

Zweiundvierzigstes Kapitel. Worin es donnert:

Dreiundvierzigstes Kapitel. Welches mit einer Leichenrede beschließt:

Vierundvierzigstes Kapitel. Das einen Mann aufstellt, der weniger gemein handelt, als er spricht:

Fünfundvierzigstes Kapitel. Worin das letzte der Anfang wichtiger historischer Notizen ist:

Sechsundvierzigstes Kapitel. Fortsetzung der Notizen:

Siebenundvierzigstes Kapitel. Worin des Mannes Benehmen anstößiger wird:

Achtundvierzigstes Kapitel. Das sich mit der Anzeige des schlechten Gehalts schließt:

Neunundvierzigstes Kapitel. Eine Rübezahl´sche Sommerlustbarkeit:

Fünfzigstes Kapitel. Welches in einer Note die Gewissenhaftigkeit des Herausgebers beurkundet:

Einundfünfzigstes Kapitel. Klärchens Wallfahrt:

Zweiundfünfzigstes Kapitel. Das eine große Veränderung anzeigt:

Dreiundfünfzigstes Kapitel. Der Himmel ist gar trübe, es scheint nicht Mond noch Stern:

Vierundfünfzigstes Kapitel. Worin die Sache immer toller wird:

Fünfundfünfzigstes Kapitel. In dem ein großes Unglück zum Vorschein kommt:

Sechsundfünfzigstes Kapitel. Worin die Frömmigkeit eines Betrugs, aber freilich etwas spät, an den Tag kommt:

Siebenundfünfzigstes Kapitel. Wozu eigentlich ein Kupfer gehörte:

Achtundfünfzigstes Kapitel. In dem ich, zur Ergötzung der Liebhaber von Rittergeschichten, Schwerter klirren lasse:

Anmerkung des Herausgebers:

Impressum neobooks

Hinweise:

Originaltitel: Das wundertätige Unterröckchen.

Erschienen im Jahre 1800

Autor: Alexander Zaunkönig (Pseudonym)

Herausgeber: Edgar S. Schöberl

Kommentare, Übersetzungen, Umschlaggestaltung, Korrekturen, Bearbeitung: Edgar S. Schöberl

Copyright©2018 by Edgar S. Schöberl

Rechtliche Hinweise:

Dieses Werk wurde mehrfach Be- und Überarbeitet und ist in der vorliegenden Form ebenso wie alle anderen von dem Herausgeber veröffentlichten Bücher, einzelne Inhalte einschließlich eventueller Abbildungen, Übersetzungen, etc. rechtlich geschützt. Nachdruck oder Reproduktion jeder Art ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers möglich.

Statt der Vorrede:

Es ist mir zu Ohren gekommen, dass einige Emporkömmlinge von Kunstrichtern, ein anderer schon beim Durchblättern des Messkatalogs, etwas über eine vorgebliche Unanständigkeit des Titels dieses Büchleins zugeflüstert haben. Böse Menschen, in der Tat! Denn wollte ich auch annehmen, dass sie zu jung wären, um zu wissen, dass nichts auf der Welt der Unanständigkeit besser vorbaue, als eben ein Unterröckchen, so müsste ich ihnen als Kritikern doch zutrauen, dass sie ihren Boileau hübsch gelesen hätten.

Nicolas Boileau alias Despréaux oder Boileau-Despréaux (* 1. November 1636 in Paris; † 13. März 1711 ebenda) war ein französischer Autor, welcher ausdrücklich sagt: In einem frivolen Roman ist alles leicht zu entschuldigen; Es ist genug, dass laufende Fiktion amüsiert; zu viel Härte wäre dann außerhalb der Saison.

Erstes Kapitel. Welches der Langeweile Tür und Tor öffnet:

Zu jener Zeit, als noch Zauberer und Geister manchmal ein Wörtchen in die großen und kleinen Welthändel zu reden hatten, als nicht nur Tiere, wie heutzutage, aus fürstlichen und anderer Leute Gestalten spukten, sondern auch noch mitunter Menschen wohl oder übel eine hiergestalt annehmen mussten, damals behauptete das Schloss Weiherhorst in Schlesiens Gebirge ein furchtbares Ansehen.

Kein Reisender, dessen Fracht der Mühe eines Angriffs wert schien, zog so leicht unbehindert vorüber, wenn der Weiherhorster nicht durch auswärtige Fehden zur Abwesenheit genötigt wurde.

Auf dem Schlosse selbst ging es immer groß und herrlich her, sobald der Ritter zu Hause war. Man frühstückte, dinierte und aß festlich zu Abend da – jedoch unter andern Benennungen – so gut, wie vormals am Hofe französischer Prinzen.

Das Hübscheste für den Wirt vom Hause war dabei der Umstand, dass ihm alle Kostbarkeiten, welche in seinem Schlosse vergeudet wurden, fast so wenig kosteten, als den angeführten königlichen Abkömmlingen die ihrigen.

Ritter Weiherhorst suchte die Materialien dazu auf den Burgen schwächerer Nachbarn, in Hohlwegen, und überall zusammen, wo er nicht mit Gelde, sondern höchstens mit Blute bezahlen durfte, nicht sowohl mit seinem eignen, als dem seiner Knappen und Knechte. Der Letzteren besaß er so viele, dass es ihm auf das Leben von einigen vollends gar nichts angekommen sein würde, wenn nicht schon damals rüstige Männer ein einträglicher Handelsartikel gewesen wären.

Jeder fremde Ritter konnte eine gefällige Aufnahme in der Weiherhorst erwarten, sobald er brav zu zechen und mit lustigen Brüdern umzugehen verstand; den Handwerker ohne Zunft aber neckte und quälte beinahe alles, vom Burgherrn an, bis zum Turmwärter hinab oder hinauf, wie man will.

Es fehlte nicht an Mädchen und Frauen im Schlosse. Zwar war die Frau des Weiherhorsters beerdigt; allein die List des Herrn und seiner wohlabgerichteten Leute brachte von Zeit zu Zeit – dem Ausdrucke des Ritters nach – frische Ware auf die Burg, welche sie, wie gewöhnlich, bezahlt hatten.

In Achtung stand aber eigentlich nichts auf dem Schlosse, als was einen männlichen Körper trug. Daher kümmerte sich auch niemand um die Tochter des Raubritters.

Selbst das Weib, welchem die Aufsicht über Klärchen oblag, dachte nicht an sie und gefiel sich besser im Umgange mit jungen, raschen Knappen, als bei der Ausbildung des jugendlichen Gemüts. Ein Beweis, dass die französischen Gouvernanten, welche späterhin Mode wurden, ihre Art zu leben, nicht erfunden haben.

Zweites Kapitel. Klärchen:

Dem Weiherhorster blieb keine Zeit, an die Tochter zu denken.

Seine beiden Söhne betrachtete er als die einzigen, welche auf seine Vatersorge Anspruch machen könnten, daher erzog er sie zu einem Leben, wie das seinige.

Klärchen wuchs in der größten Natürlichkeit auf. Das weitläufige Schloss kam ihr zu enge vor, und sollte sie sich ja damit behelfen, so musste sie auf der Turmwarte sein. Von hier aus schaute sie gern in die finstern Wälder, die damals noch einen großen Teil des Gebirges dicht überzogen.

Ihr helles Auge entdeckte die Reisenden schon von weitem, aber sie hütete sich wohl, dem Turmwärter, der auf so etwas lauern musste, davon Nachricht zu geben.

Sie brachte vielmehr gewöhnlich eine Flasche mit, die er auf das Wohlsein der freundlichen Geberin leerte, und worüber er sein Geschäft, in der Regel vollkommen vergaß.

Auch machte sich Klärchen nicht selten den Schlossberg hinab und schwärmte zu Tagen in Wäldern und Dörfern herum. Wie ihr Vater Hass und Furcht rings umher gepflanzt hatte, so streute sie die Keime zu Wohlwollen und Zutrauen in jedes Herz, dem sie sich näherte.

Die ganze Gegend besaß kein Hüttchen, worin sie eine fremde Gestalt gewesen wäre. Die Arme von Jung und Alt breiteten sich liebend nach ihr aus, und niemand blieb ohne Verwunderung darüber, dass ein solcher Vater solch ein Kind haben könne.

Freilich war es in einem Schlosse, wo alles drunter und drüber ging, wo das Zugreifen nach dem geraubten Gute, außer den Knechten, jedem freistand, dem Mädchen etwas leichtes, Wein, Speise und Geld für wohltätige Zwecke zu verwenden. Allein die Art, mit der sie es tat, die Bemühungen, welche sie sich machte, um die würdigsten Gegenstände für ihre Milde aufzufinden, dieses waren unleugbare Verdienste ihres Herzens.

Heute strich sie durch diesen Teil des Gebirges; ein andermal durchlief sie den entgegengesetzten, und fühlte sie am abend Müdigkeit, so erleichterten ihr doch die Schatten der andern von ihr geschaffenen Freude, welche vor ihr her flatterten, den Rückweg auf die Burg.

Selbst von den größten Gastmahlen des Weiherhorsters blieb sie weg, ohne vermisst zu werden. Sie verzehrte lieber mit Vertrauten, die sie überall antraf, die selbstgepflückten Blaubeeren, als die köstlichsten Speisen an der väterlichen Tafel. Sie trank lieber eines Bergstroms Kristallwasser aus der hohlen Hand, als die wohlschmeckendsten Weine, welche in den goldenen Pokalen ihres Vaters glänzten.

Drittes Kapitel. Worin mehr Edelmut als Wahrscheinlichkeiten enthalten ist:

Der Turmwächter zeigte Klärchen eines Morgens den Rauch, welcher noch aus den Trümmern der Hütten stieg, die ein Gewitter der vorigen Nacht, das sie verschlafen, zu Grunde gerichtet hatte.

Schnell stieg das Mädchen hinab, raffte alles Geld zusammen, was sie auffinden konnte, und jagte damit vom Schlossberge in das Tal. Atemlos eilte sie der Gegend zu, aus welcher sie den Rauch hatte steigen sehen. Sie wand sich, um den nähesten Weg zu verfolgen, durch das dichte Buschwerk und achtete der Dornen nicht, die an ihre feinen Hände und das noch zartere Gesicht schlugen.

Der Kummer der Abgebrannten und der Druck des eigenen unbefriedigten Herzens waren jetzt die einzigen Gefühle ihres Busens.

Ein Platzregen stürzte herab. Er hielt sie nicht auf.

Dieser und die Güsse der letzten Nacht hatten einen Bach, der sich in den Weg warf, so angeschwellt, dass er Gefahr drohte.

Klärchen achtete nicht darauf. Aber der Strom hob ihre Füße, und mit Mühe nur arbeitete sie sich an das jenseitige Ufer. Das bezwungene Hindernis gab ihr neuen Mut zur Fortsetzung ihres Weges, von dem sie jetzt durch kindliche Jammertöne abgezogen wurde.

Die Hilfe rufende, verzweiflungsvolle Stimme schallte hinter dem Berge hervor.

Klärchen eilte dem Schalle entgegen, als eine Wölfin – ein schreiendes Kind im Rachen – daher kam, welche beim Erblicken des Mädchens, gleichsam um abzuwarten, wo es hinauswollte, in einiger Entfernung stehen blieb.

Klärchen sah in dem Augenblicke nichts, als die Gefahr des Kindes. Mit einem vom nächtlichen Sturm herabgeschlagenen Baumaste stürzte sie über die Wölfin her, die grimmig das Kind fallen ließ und sich auf die Feindin warf, als eben ein Knabe herbeieilte, welcher die Wut des Tiers durch einige Streiche von dem Mädchen ab und zu sich herüberzog.

Klärchen schlug nun so kräftig auf den Kopf der Wölfin, dass sie von dem Knaben zurücktaumelte, und beide ihre Heldentat vollenden konnten.

Das Kind, welches ein Raub des Tiers gewesen war, schien noch völlig unversehrt. Mit Wonne hielten hierauf seine Retter einander in den Armen. Niemals waren sie so glücklich gewesen.

„Der Himmel segne Euch, Ihr lieben Kleinen!“, so erscholl jetzt eine sanfte Stimme neben ihnen. Sie wendeten ihre Augen auf die Seite, und fanden sich in Gesellschaft einer bejahrten Frau, welche einen Korb auf dem Rücken trug.

In den Zügen der so Unerwarteten lebten noch die Schatten verblichener Schönheit. Alles war edel an dem Weibe, und aufs äußerste reinlich.

,,Ich habe“, fuhr die Frau fort, „die schöne Tat beobachtet, und würde Euch beigesprungen sein, wenn ich Hilfe nötig geachtet hätte. So aber wollte ich gern das Gefühl Eurer Kraft, mithin Eures Wertes ungeschwächt in Euch erhalten. Kämpft ferner überall ohne Scheu gegen das Unrecht an. Euer gegenwärtiger Sieg ist zu süß, um Euch nicht zu neuem Streite anzufeuern. Deine Mutter, Klärchen, ist, wie ich weiß, gestorben: ich will deiner Mutters Stelle bei Dir vertreten, wenn Du gut bleibst, wie Du es bist. Zum Andenken trage ein kleines Geschenk von mir, dessen gute Eigenschaften Du einmal aus meinem Munde erfahren sollst.“

Hierauf setzte sie ihren Korb auf die Erde und zog aus ihm ein Unterröckchen von gemeinem Flanell hervor, das sich durch nichts als eine blendende Weiße, und die rote Schleife zum Zu- und Aufziehen auszeichnete.

„Gegen Dich, Fritz!“, sagte sie hierauf, indem ihr Gesicht ernster ward, „würde ich weniger karg sein, als ich es scheine. Auch Du solltest Dich nicht vergebens nach einer geringen Gabe umsehen, wenn ich Dir damit nützen könnte. Ich zweifle indes daran, daher nichts als dieses.“

Sie küsste des Knaben Brust, und sagte ihm, dass der dadurch entstandene rote Flecken bleiben, sobald er aber auf unrechte Taten ausginge, plötzlich eine schwarze Farbe annehmen, ja diese nie wieder ablegen würde, wenn einmal die Güte seines Herzens ganz aufhören sollte.

„Ein anderes Geschenk von mir“, fuhr sie fort, könnte Dir verderblich werden. Rübezahl…“

Kaum hatte sie den Namen gesprochen, als die Erde sich so stark zu bewegen begann, dass die Kleinen ihr Gleichgewicht verloren und niederfielen. Ein dumpfes Gemurmel fuhr unter dem Boden hin, und ein heftig vorüberrauschender Sturm schüttelte die Wipfel der Bäume.

Da die geängsteten Kinder sich wieder aufrichteten, fehlte die Frau, welche soeben noch zu ihnen gesprochen hatte.

Der rote Flecken auf der Brust von fritz war jedoch vorhanden, und Klärchen das Unterröckchen geblieben.

Die Ereignisse folgten einander zu schnell, als dass die Unerfahrenen sogleich ganz zu sich kommen konnten. Mit Wohlbehagen verweilten jedoch ihre Augen ein Paar Augenblicke bei den Andenken, die ihnen die verschwundene Frau zurückgelassen hatte.

Hand in Hand blieben sie so stehen, bis endlich Klärchen mit einem Male die Ursache einfiel, warum sie so früh aus der Burg geeilt.

„Leb wohl, Fritz“, sagte sie nun rasch, „ich muss weiter.“

Fritz wollte sie nicht loslassen.

„Siehst Du nicht Deine Wunden, Klärchen?“, sprach er: „Die muss ich der Mutter zeigen, die hat einen Balsam, der sie gewiss gleich heilen wird.“

Jetzt erst ward es Klärchen gewahr, dass die Wölfin sie verwundet hatte; da aber der Schaden ihr von keiner Bedeutung schien, so machte sie sich von dem Knaben los, mit dem Versprechen, auf den Nachmittag in seiner Mutter Hütte zu kommen, die ihr sehr gut bekannt war. Sie wusch sich ihre Wunden an einer Quelle und eilte den eingeäscherten Häusern zu.

Sie sah die Betrübten zum Teil auf den geretteten Trümmern ihrer Habe sitzend, die noch rauchenden Balken anstarren, zum Teil auch schon von Baumästen sich kleine Hütten bereiten, die bis zu der Herstellung des erlittenen Schadens ihnen Obdach gäben.

Sie verteilte das Geld, das sie noch besaß, unter die Leute; aber leider war ihr nicht viel geblieben. Der größte Teil war in dem Bache verloren gegangen, durch den sie sich mühsam gearbeitet hatte.

Viertes Kapitel. Das sich mit einer Subskription endigt:

Was Klärchen tun wollte und konnte, war geschehen, und nun machte sie sich auf den Weg zu dem Häuschen der Frau Strombergerin – Fritzens Mutter – mehr um zu erfahren, ob dem geraubten Kinde auch wirklich kein Schaden geschehen sei, als wegen ihrer Wunden.

Der Knabe stand schon am Wege, den sie nehmen musste.

Er sprang jauchzend hervor, als er sie vom weiten erblickte. Arm in Arm lief er hierauf mit ihr auf seine Mutter zu, die den Klärchen, der Retterin ihres Lebens, Hände und Kleider küsste; denn sicher hätte sie der Vorwurf, ihr jüngstes Kind dem Knaben allein vertraut zu haben, ins Grab gebracht, wenn des Mädchens Mut die Folgen ihrer Unvorsichtigkeit nicht wieder gut gemacht hätte.

Das Kind war ganz unbeschädigt.

Des Knaben leichte Fleischwunden lagen unter dem Verbande. Mit großer Ängstlichkeit untersuchte die Frau nun auch Klärchen, und entdeckte, wenn auch tiefere, doch zu ihrer und ihres ältern Sohnes Beruhigung und Freude, ebenso wenig gefährliche Beschädigungen an dem Mädchen.

,,Komm hübsch bald wieder, Klärchen“, sagte Fritz, als sie sich endlich gar nicht mehr wollte halten lassen.

Die Mutter vereinte ihre Bitten mit den Seinigen, und das ihr wo möglich seit heute noch lieber gewordene Kind auf dem Arme, führte sie die kleine Retterin einen ungewöhnlichen Pfad, wo der Bach ganz vermieden werden konnte.

Fritz hüpfte um Klärchen herum, pflückte ihr Blümchen, und trug ihr das Geschenk von der Alten bis an den Ort, wo sie einander gute Nacht wünschten. Hier wiederholte die Frau Strombergerin und ihr Knabe die Bitte um Wiederbesuch.

„Ja recht bald, Klärchen! Hörst Du?“, sagte Fritz, der um dieser Erinnerung willen noch einmal zurückgelaufen war, indem er ihr aufs freundlichste die Hände streichelte.

Klärchen hüpfte fort, und alles in ihrem Köpfchen und Herzchen hüpfte mit. Sie ward sich keines Gedankens bewusst. Aber eine ganze Menge unbestimmter Gefühle, voll Leben und Süßigkeit, sprangen empor in ihr und verrannen ineinander. Nie hatte ihr die Luft erquickender geschienen, nie die Natur so herzerhebend, und wie diesmal die rote Abendsonne aus den Fenstern der Burg zurückprallte, so hatte sie Klärchen niemals glänzen sehen.

Klärchen wunderte sich nicht wenig, als sie bei ihrem Eintritte in die Burg, die von ihr getötete Wölfin erblickte und einen Knappen daneben, welcher sich das Verdienst, sie erschlagen zu haben, zueignete.

Sie betrachtete das Tier genauer und fragte dann, in dem sie dem Knappen starr ins Auge blickte: „Also wirklich, hast Du das Tier umgebracht?“

Der entschlossne Ton des Mädchens brachte ihn sogleich um alle Frucht seiner Lüge. Seine Falschheit vollends darzustellen, erzählte Klärchen die Geschichte, welches sie vielleicht unterlassen haben würde, wenn sie nicht grade diesen Knappen als den grausamsten Menschen im ganzen Schlosse gekannt hätte. Sein Betrug brachte ihn ins Verließ.

Der Weiherhorster erkundigte sich den Tag darauf bei der Frau Strombergerin, wegen des Vorfalls mit dem Wolfe, und schloss bei seiner Rückkunft zum ersten Male in seinem Leben die kühne Tochter in die Arme. Er richtete ihr zu Ehren ein großes Fest aus, wozu viele meilenweit entfernte Gäste geladen wurden, bei dem die ausgestopfte Wölfin als Schaugericht des Mädchens Tapferkeit und wackere Gesinnung bezeugen musste.

Der unverheiratete Teil der anwesenden Ritter spekulierte stark auf Klärchens künftigen Besitz, doch ließen sie noch nichts davon laut werden. Ein einziger nur, der seinem Alter nach schon zu der Erfahrung hatte gelangen können, dass die Bewerbung um ein Mädchen mit guter Aussteuer niemals zu früh geschieht, zog den Weiherhorster auf die Seite und pries sich an – oder, weil dies im eigentlichen Verstande nicht möglich war, ließ einen Mönch, den er bei sich hatte, in seinem Namen anpreisen, so dass er sie heiraten wollte, sobald sie die dazu gehörigen Jahre hätte.

Fünftes Kapitel. Die Wölfin rächt sich an Klärchen:

Die Erlegung des reißenden Wolfes musste Klärchen – die wie gesagt zeither kaum bemerkt worden war – in einem Schlosse, wo Kühnheit und Kraft allein Ansprüche auf Achtung gaben, zu einem bedeutenderen Platze erheben.

Oft, wenn sie an der Tafel fehlte, erkundigte sich ihr Vater jetzt nach ihr, und ihre Aufseherin kam dann nicht mehr mit der Antwort fort, dass das wilde Mädchen gar nicht zu hüten sei.

„Dich wird mein Turm hüten“, sagte der Ritter, „wenn Du mir meine Kläre nicht in Acht nimmst. Es ist Zeit, dass sie sittsam werde, und aufhöre, wie das Kind eines Knechts unter dem niedern Gesindel herumzutollen.“

Es war der dreizehnte Sommer, den Klärchen sah.

Ihre Figur besäß ganz noch den Charakter des Kindlichen. Ein Paar volle, rote Wangen deuteten auf die Gesundheit ihres wohlgebildeten Körpers, und die glänzende Klarheit der freundlichen schwarzen Augen verkündigten das Wohlsein ihrer Seele.

Ein Wölkchen zog jetzt darüber hin. Klärchens Wärterin, Frau Martha, fürchtete den Turm, darum durfte das Mädchen nicht anders mehr den Schlossberg hinunter, als in ihrer Gesellschaft, oder wenn der Weiherhorster zum Streit ausgezogen war.

Mehr den jemals begab sie sich daher mit ihre Fantasie auf die Wanderschaft, um die Gegenden wenigstens vor Augen zu haben, in die sie zu gehen verhindert wurde. Hier hing sie nicht selten dem Gedanken an die Geberin ihres Unterröckchens nach, so wie an den Umstand, der mit ihrem Verschwinden verknüpft war, und setzte sich daraus, je nachdem ihre Stimmung es zuließ, mancherlei heitere oder düstere Ereignisse der Zukunft zusammen.

Welch eine besondre Freude war es für das Mädchen, das Wachsen und Zunehmen des Kindes zu sehen, welches ihr gleichsam sein zweites Leben zu verdanken hatte.

Frau Strombergerin lehrte es Klärchens Namen zuerst, und diese wendete die wenigen Tage, welche ihr zum Durchstreifen der Gegend blieben, gemeiniglich zu dem Besuche des Kleinen an.

Wie schon bemerkt, fiel so etwas nur in Abwesenheit des Ritters vor.

An diesen Tagen hatte Frau Martha gewöhnlich alle Hände voll zu tun, und zwar mit Geschäften, die die Zeugen so viel als möglich scheuen. Sie wagte es dann wohl, Klärchen Urlaub zu geben, wenn sie Schweigen angelobte, welches sich letztere allezeit von Herzen gern gefallen ließ.

Sechstes Kapitel. Worin eine Eigenschaft des Röckchens an den Tag kommt, die ihm zu keiner Empfehlung gereichen wird:

Das Häuschen der Strombergerin war Klärchens Himmel.

Je seltner ihre Besuche dort wurden, um desto bedeutender auch, ihr und den guten Leuten.

„Bist lange ausgewesen, Klärchen!“, sagte Fritz mit einem Gesicht, auf dem die Freude die Wehmut überglänzte, und eben so antwortete Klärchen: „Wär gern gekommen, wenn ich gedurft hätte.“

„Wirklich?“, erwiderte der Knabe.

„Freilich!“, antwortete das Mädchen.

Solche und ähnliche Gespräche fielen gemeiniglich vor, und je öfter dies geschah, desto interessanter wurden sie den beiden.

Ihre Hand in Fritzens ging Klärchen oft durch Blumen und Schnee, unter dem Sommer- wie unter dem Winterhimmel, und das Andenken an jenen Augenblick, in dem sie nach überwundener Gefahr einander in die Arme schlossen, erregte ihnen eine lebhaftere Freude, je mehr die Zeit sie von ihm entfernte.

In der ersten Periode von Klärchens Einschränkung ihrer Ausflüge hatten der Knabe und das Mädchen einander immer viel, sehr viel zu sagen, wenn sie zuweilen lange nicht beisammen gewesen waren. In der Folge aber hörte dies auf. Je länger die Zeit der Entbehrung gewährt hatte, desto stiller gingen sie nebeneinander her; desto heimlichere Spaziergänge wählten sie.

Eines Tages, als sich von beiden kein Wörtchen losarbeiten wollte, waren sie eben auf den Platz geraten, wo sie die Wölfin getötet hatten.

Ihre Einbildungskraft beschäftigte sich überaus tätig mit den glücklichen Gefühlen nach der vollbrachten Tat, und, wie damals, sanken sie einander in die Arme.

,,Ich bin Dir allezeit recht gut gewesen, Fritz“, sagte das Mädchen nach einer Pause, „aber heute hab ich Dich gewiss noch weit lieber, als sonst.“

„Ach Klärchen“, sprach der Knabe, „wenn ich doch immer so Dich festhalten könnte, wenn ich doch aufs Schloss mit Dir dürfte!“

„Oder ich in Eurer Hütte bleiben, da ist's viel besser, als auf unserm unfreundlichen Berge.“

„Wenn Du oben bist, Klärchen, ach, dann ist die Hütte bei weitem nicht so hübsch, als Du sie findest.“

Unter diesen und ähnlichen Schmeicheleien, die wahr und warm aus beider Mund und Augen flossen, sanken sie nebeneinander ins hohe Gras und hielten sich fest umschlungen. Ein schöner Traum schien ihre Sinne zu umnebeln, als Fritzen zuerst eine äußere Empfindung auf seiner Brust, die nicht gerade Schmerz zu nennen war, aber doch etwas unangenehmes mit sich führte, halb zu sich selbst brachte.

Er vermutete ein Insekt auf der Stelle. Beim Untersuchen jedoch entdeckte er, dass die Spur vom Kusse jener Alten merklich ins Schwarze überging. Jetzt gedachte er ihres Ausspruchs und machte dem Mädchen den Vorfall bekannt.

Auch Klärchen bemerkte nun eine Veränderung. Das Unterröckchen, welches sonst federleicht und ohne den geringsten Zwang über ihren Hüften hing, schmiegte sich drückend an sie an, und ob sie schon nicht wusste, von welcher Ursache diese Wirkung sich herschrieb, da die Geberin des Rocks, die versprochene Aufklärung über dessen Eigenschaften noch schuldig geblieben war, so schloss sie doch aus der Veränderung an Fritz, dass er einem großen Fehler sehr nahe sein müsse.

Ist er es, dachte sie ferner, so bin ich's ebenfalls, da wir beide vollkommen gleich gehandelt haben, daher zeigt die Veränderung meines Rocks wohl auch eine Vergehung an, der ich in Begriff war, mich schuldig zu machen.

Sie offenbarte Fritz die Begebenheit, mit diesen ihren Nöten begleitet, und beide sprangen so schnell von der Stelle auf, als ob sie da eine Natter gesehen hätten. Sogleich erhielt das Röckchen die gehörige Weite und der Fleck seine rote Farbe wieder.

Aber der angenehme Gang, den ihre Gefühle zuvor nahmen, war gestört.

Nun beobachteten beide die Andenken, welche die Alte ihnen zurückgelassen, mit großer Aufmerksamkeit und bemerkten sonach, dass, sobald ihre Hände wieder ineinander lagen, der Flecken auf Fritzens Brust aufs Neue zu jucken, und Klärchens Röckchen sich zu verengen anfing. Umarmten sie einander, dann ward die Veränderung so stark, als sie es gewesen war, wie sie im Grase beisammen saßen.

Die Hände herabhängend, schlichen sie daher mit traurigen, aufeinander fest gerichteten Augen, zu Fritzens Mutter, welche Klärchen zum Fortgehen ermahnte, damit sie noch vor Abend auf die Burg kommen möchte.

Klärchen war wunderlich zu Mute. Fritz hätte ihr so gern zum Lebewohl die Hand gereicht, sie ihm ebenfalls; allein es blieb bei einem gegenseitigen, laugen und traurigen Blicke, weil das Händereichen doch zu den verpönten Handlungen zu gehören schien.

Wie aber nur das mit einem Male so geworden ist?, dachte Klärchen. Nur erst seit heute geht's uns so fatal. Sonst konnten wir einander die Hände halten, so lange wir wollten, und nun soll das was Unrechtes sein!

In ihrem ganzen Leben hatte Klärchen das Köpfchen nicht so voll, und auch nicht so kraftlos auf der Seite hängen gehabt. Tausend Gedanken liefen in ihr durcheinander. Sie wusste weder was ihr Röckchen, noch was sie selbst wollte.

So kam sie erst lange nach Sonnenuntergang auf der Burg an.

Siebentes Kapitel. Welches eine neue Person einführt:

Klärchen sang noch mit Frau Martha – beide andächtig, wie der Chorschüler auf der Straße – ein Abendlied, als eine Schaar von Reitern in die Burg zog, die kein Ende nehmen wollte.

Dennoch würde das Mädchen mit der vorigen Andacht den Gesang fortgesetzt haben, wenn Frau Martha nicht ein größeres Interesse an den Reitern genommen, und mitten in der Strophe aufgehört hätte, um die Ankommenden zu beschauen.

Klärchen blieb und betrachtete mit stiller Wehmut das Unterröckchen, das sich so unartig gegen ihre Neigung auflehnte. Es war noch so rein und weiß, als ob es eben erst von der Bleiche käme. Sie besaß es schon drei Jahre und doch passte es ihr, ungeachtet sie allen ihren Kleidungsstücken seitdem so merklich entwachsen war, dass sie sie hatte ablegen müssen, immer noch wie angemessen.

Es musste zugleich mit ihr gewachsen sein, anders ließ sich's nicht erklären.

Noch lange nicht war sie mit ihren Gedanken darüber auf's reine, als Frau Martha zur Tür hereinstürzte und Klärchen mit dem Beinamen Braut begrüßte. Die Überbringerin der Nachricht wusste sich vor Freude nicht zu lassen.

Sie küsste dem Mädchen mit großer Lebhaftigkeit die Hände und konnte vor Verwunderung kaum zu sich kommen, dass Klärchen so gleichgültig oder vielmehr verdrießlich bei einer Anrede blieb, die ihr in derselben Lage so viel Vergnügen gemacht hätte. Klärchen nahm es anfangs für einen Scherz, der ihr missfiel; da Frau Martha aber umständlich erzählte, wie alles im Hause von der Sache voll sei, und wie prächtig die Angekommenen angetan wären; da fing sie an es zu glauben, und fragte in dem Tone, in dem sich ein Großer bei einem Kleinen, welchem er durch ein paar Worte einige Ehre erzeigen will, nach dem Wetter erkundigt, nach dem Namen des Bräutigams, als der Vater in das Kämmerlein trat und ihr gebot, sich ein wenig mit Pracht anzukleiden, da noch diesen Abend ihre Verlobung sein solle.

Damals galt das türkische Hausregiment auch unter den Christen.

Die Tochter durfte nicht den leisesten Einwurf gegen die Wahl des künftigen Gatten, die ihr Vater traf, hervorbringen – am wenigsten galt eine Einwendung in Schlössern, wo es so wild herging, wie auf der Weiherhorst. Darum wagte es Klärchen nicht einmal, nach dem Namen des Mannes zu fragen, dem sie ihr ganzes Leben widmen sollte.

Der Vater empfahl die Eile und ging.

Wusste Klärchen vorhin wenig von sich selbst, so wusste sie jetzt gar nichts. Selbst die Frage an Martha, wer der Bestimmte sei, hatte sie eine Zeit lang aus dem Gesichte verloren. Sie fand sie aber endlich doch wieder; Martha suchte die Antwort mit wahrer Kabinettspolitik, durch allerlei künstliche Wendungen zu umschiffen.

Sie erzählte viel von dem Reichtum und Glanze des Schlosses, das ihr künftiger Wohnsitz werden sollte: von dem Zwerge, der ihr zu Gebot stehe, von den Kostbarkeiten, mit welchen sie geschmückt werden würde, und damit sie ja so lange wenigstens, bis sie Klärchens Fantasie von den Schätzen trunken gemacht hätte, die ihrer warteten, die Frage in Vergessenheit brächte, redete sie beim Ankleiden unaufhörlich fort und belästigte Klärchen so schnell mit einer Menge von Fragen, dass die Arme kaum mit antworten fertig werden konnte.

Vergebliche Mühe. Klärchen unterbrach sie geradezu mit der Wiederholung der Frage: „Wer ist er?“

,Ja nu“, antwortete Frau Martha, „wer so viel schöne Sachen hat, der muss doch wohl ein wackerer Ritter sein. Ein Mann in seinen besten Jahren ist er dazu. Ein …“

Klärchen fragte mit starker Stimme dazwischen nach dem Namen.

„Darüber – ja darüber, mein Fräulein, werdet Ihr Euch am meisten wundern. Die Überraschung mit dem Namen ist eben der Spaß bei der Sache, ha ha ha! Nun, das wird ein recht freudiges Erstaunen geben, wenn Euch der alte gute Bekannte als seine Braut begrüßen wird, ha ha ha!“

Klärchen drohte, nicht einen Schritt aus der Kammer zu tun, bevor sie den Namen nicht hörte, und geriet in außerordentliche Unruhe, als der Ritter vom Kynast, prächtig geschmückt, an des Vaters Hand hereintrat, und diesen Überfall mit einer Neigung zu ihr entschuldigte, die sich schlechterdings nicht länger bezähmen ließe.

Achtes Kapitel. Worin ohne Zweifel die Ohrfeige das treffendste ist:

Klärchen vernahm bei der Tafel, dass ihr Mut den ersten Funken der Liebe in die Brust des Kynasters geworfen habe, wie er sich selbst (für einen so durchaus prosaischen Mann immer noch poetisch genug), ausdrückte.

Sie beugte aber der Verlobungsszene durch die Erklärung vor, dass eine Übelkeit sie befallen habe, welche ihr das Bett aufzusuchen gebiete.

Alle Anwesende glaubten es, denn in der Tat hatte die sonst rotwangige Schöne, mit einem Male ein so bleiches Ansehen bekommen, als ob sie das Glück einer französischen Pension genösse.

Der Bräutigam versuchte ihr beim Abschiede, als Unterpfand seiner Liebe, einen keuschen Kuss aufzudrücken; aber ihre gute Natur siegte für diesen Augenblick: er erhielt eine Ohrfeige, welche ihm wenigstens den Trost geben konnte, dass die Kräfte der Kranken noch immer nicht sehr gelitten hätten. Der Vater wollte zürnen, aber die edle Seele des nachsichtigen Bräutigams ließ den misshandelten Körper im Stiche und bat den Weiherhorster, dass er die unsanfte Ohrfeige als eine Wirkung der Krankheit gelinder beurteilen möchte.

Frau Martha, bei der unter den vielen Ahnungen, mit denen sie behaftet war, auch zuweilen eine aufstieg, welche keiner Seifenblase glich, sondern in der Tat etwas zur Folge hatte, sah das ganze Ereignis von weitem mit an; und es ahnte ihr, dass die ganze Heiratsgeschichte schieflaufen werde. Zu ihrem Leidwesen; denn von innen und außen kannte sie das Schloss – der Kynast genannt – dessen Ruinen noch bis auf diesen Tag in der Nähe von Warmbrunn gesehen, und von Weisen und Narren, so wie auch solchen Leuten, die keins von beiden sind, besucht werden.

Sie wusste, dass es dort außer dem Prunk, wovon sie Klärchen vorgeredet hatte, auch Männer gab, welche solche Weiber in Ehren hielten, denen an ihrer Ehre nicht sonderlich viel gelegen war.

Ja. Sie hatte sogar schon die Fähigkeit einiger, ihr Unterhaltung zu machen, geprüft. Wie ein geistlicher Herr aus der ödesten Pfarrei nach einem höheren Kirchenamt, so wünschte sie sich daher von der Burg Weiherhost auf die Burg Kynast.

Was durch Zureden zu bewirken war, das versuchte sie diesen Abend noch an dem Fräulein; aber vergebens. Klärchen warf weinend die Kleider von sich, legte sich ins Bett und stellte sich schlafend, mochte auch Martha reden, was sie wollte. Selbst die Erinnerung machte keinen Eindruck auf das Mädchen, dass sie dem lieben Gott die letzte Hälfte des Lieds noch abzutragen hätten.

Sie spielte die Schlafende nach wie vor.

Neuntes Kapitel. Chirurgische Operationen:

Klärchen hatte indes ganz andere, wenn auch nicht angenehmere Dinge vor, als zu schlafen.

Grausam wie ein Naturforscher in der Wirklichkeit, riss sie in Gedanken dem Ritter vom Kynast jedes einzelne Glied vom Gesichte, und stellte es neben das Bild, das sich stets zwischen ihr Auge und andere Gegenstände einschob, nämlich Fritzens.

Ei, wie schlecht kam da nicht die dicke, bucklige, weinrot- glänzende Nase des Ritters gegen des Jünglings Nase weg, die mit griechischer Kühnheit aus ein paar sanft gerundeten Wangen hervortrat, wie schlecht zumal, wenn Klärchen die ziegelroten Backen, in denen sie sich beinahe verlor, zugleich mit betrachtete. Die breiten, langen Lippen des Herrn vom Kynast, von seinem Knebelbarte überschattet, nahmen sich ebenfalls sehr traurig aus gegen Fritzens schmale Rosenstreifen, woran sich ein Kinn, glatt wie Klärchens, anschloss.

So groß aber auch zwischen diesem allen der Unterschied sich zeigte, so war er doch unbedeutend, wenn das Mädchen die Augen des Ritters neben Fritzens Augen legte. Nein, so etwas Unausstehliches ließ sich nicht lange mitansehen. Die kleinen, grauen, toten, mit Rot umzogenen Sehwerkzeuge des Kynasters, wie sollten die es anfangen, um gleich des Jünglings großen, blauen, lebendigen, mit jedem Momente Klärchen das Wörtchen Liebe zuzurufen?

Des Ritters ergrauende Haare würdigte sie nicht einmal eines besondern Anschauens, da es ihr schon ahnte, wie armselig sie den blonden, schimmernden Locken ihres Freundes gegenüber stehen müssten. Auch vergaß sie einige Warzen in der Vertiefung zwischen des Kynasters runder Stirn und der Nase in Anschlag zu bringen, weil schon ohne diese Verzierung, der sanfte Übergang von Fritzens Stirn zu dessen Nase schön genug war, um jene Hässlichkeit ganz darzustellen.

Die starren, buschigen Augenbrauen des Herrn vom Kynast hielt sie ebenfalls nicht der Mühe wert, sie erst mit den Wölbungen zu vergleichen, welche sich mit weicher Anmut über ihres Freundes Augen hinzogen. Überhaupt hatte sie so vollkommen genug an der Zergliederung seines Gesichts, dass sie den übrigen Körper des Zerstückelns nicht würdigte, sondern ihn im Ganzen neben Fritzens stellte.

Auch diese Mühe war unnötig. Die schlanke gerade Figur des Jünglings, mit ihren passenden schönen Gliedern, verhielt sich zu der Gestalt des Ritters, wie ein warmer- heiterer Maimorgen, zur kalten- stürmischen Dezembernacht. Sah Klärchen ihren Bräutigam von vorn an, so stieß sich ihr Blick unangenehm an dem dicken Bauch; wollte sie sich für dieses Begegnis an seinem Rücken schadlos halten, so kam sie aus dem Regen in die Traufe: denn, allen Schönheitslinien Hohn sprechend, sprang ihr ein abscheulicher Höcker entgegen. Die Beine mochte sie von vorn oder hinten besehen, immer blieben sie krumm und dünne.

„Was!“, sprach sie voll Ärgers zu sich selbst: „Ich – der jeder Bach sagt, dass mein Gesicht im Range sogleich nach der heiligen Jungfrau ihrem kommen muss – sollte in meinem sechszehnten Jahre diesen Unhold von fünfzigen heiraten; ich, die ich den achtzehnjährigen Fritz kenne, der mir so gut ist. Daraus wird nun und nimmermehr etwas. Nein, lieber ins Grab, als auf den hässlichen Kynast!“

So geschwind ich auch aus Billigkeitsliebe den Leser über diese nächtlichen Betrachtungen des Mädchens hinschlüpfen lasse, so glaube man doch ja nicht, dass Klärchen mit gleicher Schnelligkeit dabei zu Werke ging. Das arme Ding brauchte, weil es dazwischen immer weinen musste, eine ganze Nacht dazu, und doch wusste sie, als die Zeit zum Aufstehen gekommen war, immer noch nicht, was sie anfangen sollte.

Erst als sie schon die Sporen ihres Vaters und noch eines Mannes – wahrscheinlich des Bräutigams – über den Saal nach ihrer Kammer klirren hörte, erst dann geriet sie auf den Gedanken, so lange das Bett zu hüten, bis der Mann vom Kynast die Weiherhorst wieder verlassen hätte.

Zehntes Kapitel. Welches unter andern vom Schein-Schlafe spricht, und die Augen des Lesers vielleicht zu einem Wirklichen veranlassen wird:

Die Ritter fanden Klärchen schlafend, wenigstens glaubten sie die Kleine so zu finden, weil sie sich nicht anders benahm, wie den Abend zuvor gegen die Frau Martha.

Sie beschlossen daher, die Sache abzuwarten, ließen Wein in die Kammer bringen und bestimmten dabei die einzelnen Punkte ihres Kontrakts, wie viel z. B. einer dem andern – im Fall einer Fehde – Hilfsmannen zuschicken, was der Herr vom Kynast Klärchen für ein gewidmetes Gut aussetzen solle, und das mit der größten Genauigkeit.

Martha kam einige Mal herein und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, dass das Fräulein auch gar nicht erwachen wollte.

„Ob ich sie wohl wecke?“, sagte sie endlich.

Der Vater sprach dafür, der Kynaster dagegen, indem er meinte, dass die Krankheit vielleicht gerade durch diesen Schlaf sich heilen könne.

Am besten würde diese Heilung wohl geschehen sein, wenn der Tod den Ritter selbst, auf der Stelle geheilt hätte; denn dass er in eigner Person die Krankheit war, das wissen wir bereits.

Die Ritter konnten wegen einer verabredeten Jagd den Schlaf nicht – wie sie es vorhin beschlossen – abwarten, weil Klärchen in Rücksicht auf sie, grade denselben Beschluss gefasst hatte. Sie verließen daher – mit nicht unterdrücktem Unwillen – das Gemach.

Erst als Klärchen die Pferde den Berg hinabtrotten hörte, erst dann hing sie den Schlaf an den Nägel, und verließ das ihr niemals lästiger gewordene Bette.

Frau Martha konnte, sobald sie den hinwegreitenden- rüstigen Knappen vernahm – mit dem sie in der vorigen Nacht eine zwar ziemlich einförmige, doch ihr deshalb keineswegs langweilige Unterhaltung gehabt hatte – nicht mehr vom Sessel aus zusehen, und wechselte – weil sie die Ursache von des Mädchens Krankheit erriet – mit Drohen und Bitten ab. Klärchen hörte auf beides nur wenig.

Sie sann vielmehr über ihre Lage nach, und brachte soviel heraus, dass der verstellte Schlaf nichts als ein leidiges Linderungsmittel sei, welches den Ausbruch des bevorstehenden Übels nur aufschieben, nicht verhindern könne.

Nichts blieb ihr übrig, als ihre Tränen – und Martha mochte ihr sagen, so oft sie wollte, dass es auf dem Kynast ganz andere und freudigere Beschäftigungen für sie geben werde, als sich rote Augen zu weinen. Sie weinte noch fort, da die Ritter schon zurückkamen.

Sogleich wollte sie das Bette wieder aufsuchen, aber Martha setzte sich dagegen.

Sie meinte, dass es die schlechteste Lebensart (oder wie man's damals nannte) verraten würde, wenn sie sich ferner so träge gebähre. Während eines Gezankes hierüber, traten schon der Weiherhorster und der Herr vom Kynast in die Kammer, der zwar lispelnden, aber nicht ihren Bräutigam liebenden Braut.

Der Weiherhorster, der so gar einfältig nicht war, und die Tränen in Klärchens Augen bis zu ihrem Quell verfolgte, schloss, als sie sich von dem Kynaster abwendete, einen wilden Blick auf sie; gebot ihr mit Strenge, sich eilig anzukleiden, und ging nebst seinem ihr so verhassten Begleiter wieder hinweg.

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140 p. 1 illustration
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9783742744074
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