Read the book: «Home Girl»

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Zum Buch

Naomi ist erst 14, hat aber schon mehr Enttäuschungen und Stress erlebt als die meisten Erwachsenen je erleben werden. Ihr Vater säuft, ihre Mutter hat sich umgebracht. Jetzt kommt sie schon wieder in eine neue Pflegefamilie. Die Goldings. Haben schon zwei Pflegekinder, ist doch immer dasselbe. Doch diesmal kommt alles anders: Colleen und Tony Golding sind schwarz und eigentlich ziemlich cool für Pflegeeltern. Sharyna und Pablo, ihre neuen Geschwister, sind sogar mehr als okay. Nur mit Kim und Nats, ihren Freundinnen, läuft es irgendwie nicht mehr ganz so gut, und langsam muss sich Naomi die Frage stellen, ob sie ihnen noch vertrauen kann. »Home Girl« erzählt von einer Jugend im Fürsorgesystem, von tiefen Verletzungen und enttäuschten Hoffnungen, von gerechter Wut und schlechten Entscheidungen, von Rassismus und verfehlter Politik, von falschen Freunden und davon, wie Fremde zu Familie werden und, trotz allem, nach Heim über Heim, ein Zuhause entstehen könnte.

Über den Autor

Alex Wheatle wurde 1963 in Brixton geboren und wuchs größtenteils in einem Kinderheim auf. Mit 16 gründete er ein Reggae Soundsystem und trat unter dem Namen Yardman Irie auf. Während der Brixton Riots wurde er verhaftet und verbrachte einige Zeit im Gefängnis, wo er seine Liebe zur Literatur entdeckte. Er hat mehrere von der Kritik gefeierte Romane veröffentlicht, bevor er sich der Jugendliteratur zuwandte. Er lebt mit seiner Familie in London.

Von Alex Wheatle erschienen bisher im Verlag Antje Kunstmann Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton (2018), Die Ritter von Crongton (2018) und Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann (2019).

ALEX WHEATLE

HOME GIRL

ROMAN

Aus dem Englischen von Conny Lösch

Verlag Antje Kunstmann

Für alle Kinder, die in Heimen oder Pflegefamilien leben oder gelebt haben

1
PLATZWECHSEL

»Das ist ein Perverser!«, schrie ich. Ich schnallte mich an und stellte dabei einen Grime-Sender im Radio ein. Ich wusste, sie hasste das. »Wieso glaubst du mir nicht?«

Louise sah mich an, als wollte sie mir eine runterhauen. Durfte sie aber nicht. Sie war meine Sozialarbeiterin. Und hatte Probleme, den Wagen anzulassen. Ihre Hände zitterten. »Er sagt, er hat nur mit deinem Handtuch vor dem Badezimmer gestanden«, sagte sie.

»Jedes Mal, wenn ich ins Bad bin, stand er da pädophil rum«, fauchte ich. »Ob ich mein Shampoo hab? Ist auch genug Schaum in der Wanne? Hab ich die Seife? Glaubt der, ich bin zu blöd, meine Sachen mit ins Bad zu nehmen? Ich sag dir, das ist ein Perverser mit großem Pimmel-P!«

Endlich ließ Louise den Motor an. Schnappte nervös nach Luft. Das machte sie immer, wenn ich in ihrer klapperdürren Anwesenheit Schimpfwörter benutzte. »Er … er sagt, er wollte dir nur helfen«, stammelte sie.

»Sperr die Ohren auf, Louise! Der hilft mir nicht. Ich weiß schon, auf was für einer Mission der sich befindet. Ich kann meinen Kram selbst mit ins Badezimmer nehmen.«

Louise ließ ihre Scheibe runter und zündete sich eine Kippe an.

Sie zog dran, als wollte sie das Ding in einem einzigen Zug killen. Sie schaute auf die Straße. Eine Getto-Tusse im schwarzen Hoodie führte einen Pitbull Gassi. Louise fuhr los. Wir waren im Osten von Ashburton, wo sogar die Köter erst mal argwöhnisch über die Schulter schauen, bevor sie um eine Ecke biegen. Ich sah zu, wie Louise ihren Qualm zum Fenster raus paffte. Ihre Stirnfalten sagten, dass sie jetzt am liebsten zu Hause wäre, Rotwein versenken und Bridget-Jones-Filme gucken würde. Sie verzog das Gesicht.

»Kann ich auch eine?«, fragte ich.

»Nein!«

»Wieso nicht? Du weißt doch eh, dass ich rauche.«

»Solange ich dabei bin, rauchst du nicht.«

»Du darfst eigentlich auch gar nicht mit mir in der Karre qualmen.«

Louise zog noch mal an ihrem Krebslutscher. Dann blies sie wieder Qualm aus dem Fenster und machte das Ding aus. Die übrige Hälfte legte sie ins Handschuhfach.

Zu meinen Füßen lag mein lädiertes Kuschelerdmännchen. Der Mund war eingerissen und dadurch breiter, an der linken Pfote fehlte eine Kralle, und ein Auge hing lockerer als das andere. Ich nahm es und legte es mir in den Schoß, streichelte es zweimal und lächelte es an.

Erinnerungen.

Dann warf ich Louise einen bösen Blick zu. Lily Allen rauschte mit Smile aus dem Autoradio. Kein Bass. Louise drehte leiser. Ich drehte wieder lauter, lauter als vorher. Louise wusste, dass sie das Spiel verlieren würde. Sie bedachte mich mit einem von ihren echt-jetzt-Blicken und schüttelte den Kopf.

»Wo bringst du mich hin?«, fragte ich.

»Weiß ich noch nicht.«

»Das weißt du nicht? Der Käsemond zeigt schon seine Löcher! Schöne Sozialarbeiterin bist du.«

»Hilft uns nicht weiter, wenn du überall, wo ich dich unterbringe, die kleine Miss Madam spielst. Mir gehen allmählich die Alternativen aus.«

»Ist nicht meine Schuld, dass du mich immer nur zu Freaks und Fummlern schickst.«

»Die Holmans in Ashburton nehmen seit über zwanzig Jahren Pflegekinder bei sich auf. Sie sind sehr zuverlässig. Niemand hat sich je über sie beschwert … bis heute Abend.«

»Die anderen hatten wahrscheinlich bloß zu viel Schiss, um was zu sagen«, meinte ich. »Die Alte wollte mich ständig umarmen. Was soll das? Andauernd hat sie sich mit ihrem ›Willkommen bei X-Factor‹-Lächeln vor mir aufgebaut.«

Ein Bild von meiner Mum platzte unaufgefordert in meinen Schädel. Ich erinnerte mich an ihr Lächeln. Ich versuchte es zu löschen, ging aber nicht. »Ist alles in Ordnung, Naomi?«, äffte ich meine Pflegemutter nach. »Heilige Affenscheiße! Irgendwann hab ich aufgehört mitzuzählen, wie oft sie mich das gefragt hat. Ich hab Haarausfall davon bekommen. Und dann er! Kim hat mich vor hinterhältigen Männern wie dem gewarnt. Alles, was du möchtest, Naomi, mein Schatz. Frag einfach. Ich weiß, was der wollte. Wäre er mir näher gekommen, hätte ich ihm das größte ›Einfahrt verboten‹-Schild aller Zeiten über den Schädel gezogen.«

»Bist du sicher, Naomi?«, fragte Louise. »Die beiden wollten nur nett sein. Und ich hab dir schon mal gesagt, hör nicht auf alles, was Kim sagt.«

Selbst jetzt glaubte mir Louise noch nicht. Die hatte nicht mehr alle Klöße im Gulasch. Was musste ich tun, damit diese Frau das Offensichtliche begriff?

»Neulich hab ich wieder Titanic geguckt«, sagte ich. »Ich muss immer heulen bei der Szene, wo Leo im Meer versinkt. Da kommt sie zu mir und umarmt mich, als hätte ich sie als Ersatzmutter gebucht. Ich hab ihr gesagt, sollte sie noch mal meine Komfortzone verschmutzen, brat ich ihr ne Pfanne über, sobald sie schläft. Wenn ich fertig mit der bin, hört sie die Vögel noch zwitschern, wenn sie sich am nächsten Tag die Krampfadern ziehen lässt. Ich sag dir, Louise, die gehören in die Klapse.«

Louise schwieg. Vielleicht hatte die Wahrheit ja endlich mal eine empfindsame Stelle bei ihr getroffen.

»Ich hab Hunger«, sagte ich. Das war nicht gelogen. Mein Magen knurrte. »Wo fährst du mit mir hin? Ich will nicht zum Alabama Chicken Cottage oder in die Mississippi Hen Hut. Bei denen schmecken die Hühner ranzig.«

Louise antwortete nicht. Sie hielt den Blick auf die Straße gerichtet. Zehn Minuten später bog sie auf den Parkplatz vom McD an der Ashburton Ring Road. Sie zog fünf Pfund aus ihrem Portemonnaie. Ich befreite sie davon, nahm mein Erdmännchen und war weg, bevor Louise auch nur das N von Naomi rausbrachte. Am Eingang vom McD drehte ich mich noch mal um. Louise schüttelte den Kopf, nahm ihr Handy aus der Tasche und gab eine Nummer ein. Sie fischte ihre halb gerauchte Kippe wieder aus dem Handschuhfach, zündete sie an und schaute aus dem Fenster.

Ich hatte gerade den letzten Krümel eines Quarter-Pounder mit Käse verdrückt, als Louise ihren dürren Arsch mir gegenüber parkte. Sie sah aus, als hätte sie sich für so einen Wohltätigkeitslauf angemeldet, ohne richtig fit dafür zu sein. »Kommt dein Typ heute nicht vorbei?«, fragte ich.

»Lass das, Naomi.«

»Vielleicht betrügt er dich ja, nagelt eine andere.«

»Naomi!«

»An deiner Stelle würde ich seine Eier in den Mixer stopfen, wenn er schläft.«

Ich trank meinen Schokomilkshake mit Strohhalm und versuchte den nächsten Kicheranfall zu blockieren. Gelang mir nicht so ganz. Ein Schokosprühregen spritzte über den Tisch auf Louise’ braune Lederjacke. Ein vorbeigehendes schwarzes Mädchen mit einem Tablett voll Burger und Fritten lachte laut los. Ich stellte meinen Shake ab und wischte mir mit dem Handrücken über Mund und Nase. Louise’ Augenbrauen legten sich um fünfundvierzig Grad um, außerdem passierte irgendwas Komisches mit ihren Lippen. Sie stand auf zwölf Zentimeter hohen Stöckelschuhen am Rand einer Klippe. Kann sein, dass ich zu weit gegangen war.

»Tschuldigung«, sagte ich.

Louise zog schnaufend und schnaubend zum Tresen ab. Wenig später kam sie mit einer Handvoll Servietten und einem Kaffee zurück. Ich hatte den Tisch sauber gewischt und lehnte mich mit meinem Erdmännchen zurück, klemmte es mir zwischen Arme und Bauch.

Louise tastete in ihrer Jeanstasche nach ihrem Telefon. Sie schloss die Augen und holte zwei Mal megatief Luft, betrachtete mich durchdringend. »Hättest du was dagegen, ein oder zwei Wochen lang bei einer schwarzen Familie zu wohnen?«, wollte sie wissen. »Ich dachte an eine in der zweiten Generation eingebürgerte westindische Familie. Ist nicht ideal, wäre aber auch nicht für lange. Nur bis ich was Passenderes für dich gefunden habe.«

»Eine schwarze Familie?«

Ich glaub mich laust der Affe! Was hat die denn genommen?

»Ja«, nickte Louise. »Wie gesagt, wäre nur für kurze Zeit. Die sind sehr gut. Und du hast ja auch schwarze Freundinnen, mit denen du dich sehr gut verstehst.«

Ich zuckte mit den Schultern. Mal was Neues. Könnte interessant werden. »Denke schon. Hauptsache keine Umarmer oder Fummler.«

Louise tippte in ihr Handy. Ich beobachtete jede einzelne Bewegung. Sie nahm ihren Kaffee und ging damit raus. Durchs Fenster behielt sie mich im Visier. Wozu eigentlich? Sie wird’s mir sowieso erzählen müssen.

Ich flitzte raus zu ihr. Louise kehrte mir den Rücken zu.

»Stell laut«, drängelte ich.

Louise ignorierte mich.

»Geht doch um mich, oder? Stell laut.«

Louise tat, wie ihr geheißen.

»Hallo? Hallo, Colleen, hier ist Louise. Gott sei Dank, du bist da.«

»Hi, Louise. Alles gut bei dir?«

»Nicht so ganz. Ich steck ein bisschen in der Klemme.«

»Ach, was ist denn los?«

»Kannst du mir einen großen Gefallen tun? Ich hab’s schon bei allen anderen versucht und mir gehen die Alternativen aus. Ich weiß, es ist spät, aber ich brauche wirklich deine Hilfe.«

»Ist nach acht …«

»Ich hab einen Notfall«, fiel ihr Louise ins Wort. »Ich brauche unbedingt eine Notbetreuung für ungefähr zwei Wochen, bis ich was Dauerhaftes gefunden hab.«

»Zwei Wochen sind kein Problem. Ich mach das freie Zimmer sauber. Wurde eine Weile nicht benutzt. Gibt’s was an dem Fall, das ich wissen sollte? Ich will keine Autoaggressiven zugeteilt bekommen, ohne dass du’s uns sagst. Der letzte Fall hat den Kindern echt Angst gemacht. Tony musste die Wände streichen.«

Louise schenkte mir einen besorgten Blick, bevor sie antwortete. Ich schnitt eine Grimasse.

»Nein, so was nicht«, erwiderte Louise. »Aber, äh, es gibt etwas, worüber wir reden sollten, wenn ich komme. Bei der Letzten wusste ich selbst nicht, dass sie autoaggressive Neigungen hat. Davon stand nichts in der Akte und sie hatte auch keine Narben an den Armen.«

»Ihr hättet euch mal die Beine anschauen sollen.«

»Inzwischen weiß ich das. Tut mir sehr leid, war mein Fehler.«

»Wer macht sich’s mit Rasierklingen?«, wollte ich wissen. »Taneka Taylor, die aus der Sondereinrichtung? Die war immer schon abwegig.«

Louise hielt das Telefon mit der Hand zu. »Jetzt nicht, Naomi.«

»Woher weißt du, dass sich dein Notfall nicht ritzt?« Colleen wollte es noch mal bestätigt haben.

»Ich kenne den Fall schon eine ganze Weile.«

»Ich bin kein scheiß Fall«, hob ich meine Stimme. »Ich hab einen Namen. Naomi Brisset.«

Louise schaute mich schräg von der Seite an. Jetzt stand sie wieder an der Klippe.

»Wie alt?«, fragte Colleen.

»Vierzehn.«

Louise bohrte Blicke in mich.

»Benimmt sich aber wie neunundzwanzig«, fuhr sie fort. »Da ist noch was, das du wissen solltest.«

»Oh? Was denn?«

»Sie ist ethnisch weiß. Normalerweise würde ich …«

Verdammte Scheiße, was ist denn ethnisch weiß? Und wieso redet Louise auf einmal so kariert?

Ich bedachte Louise mit einem meiner schönsten was-redest-du-für-eine-Scheiße-Blicken. Zehn Sekunden lang herrschte Schweigen.

»Kann ich dich gleich noch mal anrufen, Colleen?«, fragte Louise. »Dauert nicht lange.«

Fünf Sekunden lang richtete Louise ihren Scheinwerfer auf mich, ohne ein Wort zu sagen. Ihr Blick war verzweifelt. »Ist das wirklich okay für dich, wenn du vorläufig bei einer schwarzen Familie bleibst? Entweder das oder ins Heim. Mir wär’s lieber, du würdest bei einer Pflegefamilie unterkommen …«

»Ins Heim geh ich nicht noch mal!« Ich drückte mir mein Erdmännchen fest an den Bauch. »Ich kann die Leute da nicht ausstehen. Ich hasse die.«

»Hasst du sie wirklich, Naomi? Warst ganz schön nah ans Wasser gebaut, als du weg bist.«

»Wegen Kim und Nats. Das sind meine besten Freundinnen.«

»Hmmm«, brummte Louise. Sie war von Kim und Nats noch nie angetan gewesen. »Also, was hältst du davon, bei einer schwarzen Familie zu wohnen? Wird nicht für lange sein.«

»Haben die Kinder?«, fragte ich.

»Haben sie«, nickte Louise.

»Wie alt?«

»Sharyna ist zehn und Pablo sechs. Beide adoptiert. Früher waren sie auch im Heim.«

»Und warst du ihre Sozialarbeiterin?«

»Ja. Bitte antworte mir, Naomi. Ich hab nicht die ganze Nacht Zeit.«

»Willst wohl schnell nach Hause, bevor dein Freund keinen Bock mehr hat zu warten und sich eine andere schnappt?«

»Naomi!«

Ich dachte drüber nach. Eine schwarze Familie. Definitiv cooler als die Holmans. Vielleicht würden sie mich ja sogar kiffen lassen. Und die Mutter könnte mir Zöpfchen flechten, wie Solange Knowles welche hat. Oder meine Dance Moves aufpolieren. Vielleicht würden sie mir ein paar geile Schimpfwörter beibringen, solche wie die, mit denen die schwarzen Mädchen in meiner letzten Schule um sich geworfen haben.

Ich grinste. »Ja. Von mir aus können wir das so machen.«

»Bist du sicher? Ich hab nämlich keine Lust, mir noch mal vorwerfen zu lassen, ich hätte dich nicht nach deiner Meinung gefragt, bevor ich dich irgendwem zuteile.«

Da hatte sie recht.

»Denke schon«, sagte ich. »Es sei denn, du besorgst mir eine eigene Wohnung. Wenn ich alleine sein könnte, das wäre super. Weiß nicht, warum du dir immer gleich so ins Hemd machst, nur weil ich davon anfange. Wenn ich fünfzehn bin, lerne ich einen netten Jungen kennen und wir bauen uns was zusammen auf …«

Louise hatte wieder ihr echt-jetzt-Gesicht aufgesetzt.

»Wie oft muss ich dir das noch sagen, Naomi?«, fragte sie. »Du bist minderjährig. Das Jugendamt ist für dich verantwortlich, bis du achtzehn bist.«

»Als ich mich um meinen Dad gekümmert hab, hat’s auch keine Rolle gespielt, dass ich minderjährig bin!«

Louise ging kopfschüttelnd weg. Sie drückte auf die Wahlwiederholung auf ihrem Handy. »Hallo, ich bin’s noch mal, Louise.«

Das Telefon war noch auf Lautsprecher geschaltet.

»Hallo, Louise.«

»Ich würde dich nicht drum bitten, wenn ich nicht verzweifelt wäre, Colleen, aber zwei Notpflegestellen sind im Urlaub und die dritte steht kurz vor einer Geburt. Ist doch kein Problem, dass der Fall weiß ist, oder? Sie heißt Naomi. Naomi Brisset.«

»Naomi«, wiederholte Colleen. »Schöner Name.«

Ich verzog den Mund zu einem Lächeln. Natürlich ist das ein schöner Name. Meine Mum hat ihn mir gegeben.

»Sag ihr, ich wurde nach Naomi Watts benannt«, sagte ich. »Die hat in King Kong mitgespielt und in einem Horrorfilm.«

Louise ignorierte mich. »Ist das für Tony auch okay, äh, du weißt schon?«, fragte sie.

»Natürlich«, erwiderte Colleen. »Er hat nichts dagegen. Ist okay.«

»Bist du sicher?«, fragte Louise noch mal. »Nur weil Tony immer ausdrücklich nur schwarze Pflegekinder haben wollte.«

»Er will allen Kindern helfen«, beharrte Colleen.

»Okay, Colleen«, Louise nickte. Sie atmete erleichtert aus. »Wir sind in circa einer halben Stunde da.«

»Warte mal, warte«, sagte Colleen. »Müssen wir bei der Ernährung auf irgendwas achten? Weißt du noch, letztes Jahr? Da hast du uns einen Jungen geschickt, der keinen Reis, keine Kartoffeln, kein Fleisch und nichts Gewürztes essen wollte.«

»Naomi ist beim Essen nicht pingelig. Ich bring ihre Akte mit.«

»Ich mag kein Hackfleisch«, rief ich. »Erinnert mich an Würmer. Also keinen Shepherd’s Pie. Ach, und keine Maccaroni Cheese. Die sehen auch aus wie Würmer, wie gelbe Würmer.«

Louise schenkte mir einen funkelnden Halt-den-Rand-Blick.

»Ich freue mich drauf, sie kennenzulernen«, sagte Colleen nach einer Pause. Wir gingen wieder rein zu McD. Louise trank ihren Kaffee und rutschte tiefer auf ihrem Stuhl. »Sieht aus, als würde sich Colleen freuen, dich kennenzulernen«, sagte sie.

»Warum auch nicht?«, grinste ich. »Bin doch sehr liebenswert.«

Fest umarmte ich mein Erdmännchen.

2
EINE NEUE HOFFNUNG

Wir rasten über die Ashburton Circular. Ich starrte aus dem Autofenster und schaute auf die Straßenschilder. Monk’s Orchard, Spenge-on-Leaf, Crongton, Notre Dame, Cranerley, Smeckenham. In Shrublands fuhren wir ab. Ich dachte an meinen Dad. Fragte mich, was er davon halten würde, dass ich bei einer schwarzen Familie wohnte. Ihm wär’s egal gewesen. Hat ja auch immer mit allen gesoffen. Einmal musste ich seinen Alkoholikerarsch bei Lord Jazzbo rauszerren, das ist eine Cocktailbar mit Samba am Donnerstag, Disco am Freitag und Reggae am Samstag. Da gab’s so ein Spezialgetränk, das hieß Rumwave. Dad hat es geliebt. Ich hab’s auch mal probiert, aber einen Monsterkater davon bekommen. War das letzte Mal, dass ich was Hochprozentiges getrunken hab.

Wir kamen in Shrublands an.

Blumen hübschten die Verkehrskreisel auf. Geländewagen parkten an den Rändern der breiten Straßen. Katzen schliefen auf Zaunpfosten. Die Hecken waren ordentlich gestutzt.

»Hier wohnen Schwarze?«, fragte ich.

»Ja, allerdings«, erwiderte Louise. »Die Goldings sind eine nette Familie. Die haben es zu was gebracht.«

»Mit Dragon Hip Pills haben die ihre Kohle aber nicht verdient, oder?«

»Nein! Ganz bestimmt nicht. Und fang bloß nicht so an, Naomi.«

»Schon gut, war bloß ein Witz.«

»Das will ich hoffen, Naomi.«

Louise’ Augenbrauen hatten sich verhärtet. Ich sah ihr an, dass der ganze Deal sie voll frustrierte.

»Du wirst nicht furchtbar lange hierbleiben, gib mir einfach ein bisschen Zeit«, sagte sie. »Ich kann dich sowieso nicht dauerhaft hierlassen. Da müsste ich mir bei der Verwaltung schon ein Bein ausreißen und eine Million Anträge ausfüllen.«

»Und wer reißt sich bei der Verwaltung ein Bein aus, wenn die Klos verstopft sind?«, fragte ich.

Louise schüttelte den Kopf. »Das willst du gar nicht wissen«, erwiderte sie.

Wir hielten draußen vor einem hübschen Haus. Der Rasen im Vorgarten war vorschriftsmäßig rasiert. Auf die weiße Haustür war eine goldene Zahl genagelt. Dreiundzwanzig. Louise drückte auf die Klingel. Ungelogen, innerlich war ich voll am Zittern. Ich trat ein paar Schritte zurück. Also auf ein Neues.

Die Tür öffnete sich. Eine gut aussehende Schwarze tauchte auf.

Mitte bis Ende dreißig. Mir gefielen ihre pfauenfarbenen Ohrringe.

»Schön dich zu sehen«, sagte Colleen. »Kommt bitte rein. Ich hab gerade Teewasser aufgesetzt.«

Zuerst hatte mir die Vorstellung gefallen, bei Schwarzen zu wohnen. Aber jetzt war ich mir nicht mehr so sicher.

»Naomi!«, rief Louise.

Ich stand auf der Stelle, musterte Colleen eine Weile, dann schlappte ich langsam auf die Tür zu. Sie hatte schulterlange braune Dreadlocks. Oh gut. Vielleicht können wir ja ein paar richtige Dancehall Tunes hören. Breit grinsend winkte sie uns ins Haus. »Was willst du trinken?«, fragte sie. »Heiße Schokolade? Orangen- oder Apfelsaft? Cola? Hast du Hunger?«

Sie machte mich verlegen. Ich zog mein Handy aus der Tasche, obwohl ich gar nicht wusste, was ich damit anfangen wollte. »Ich will Kaffee«, erwiderte ich. »Vier Löffel Zucker.«

»Drei Löffel Zucker«, mischte Louise sich ein. »Vergiss nicht, wir haben einen Deal …«

»Aber du hast nicht mit dem Rauchen aufge…«

»Nicht jetzt«, fiel mir Louise ins Wort.

Ich zog ein Fick-dich-Gesicht.

»Na komm, Naomi«, sagte Louise. »Lass uns reingehen, damit Colleen die Tür zumachen kann. Wird ganz schön frisch.«

Es war kalt. Ich wollte mit meinem Grime-Therapy-T-shirt angeben, aber ich musste die Kapuzenjacke drüber anlassen.

Ich ging in die Diele. Entdeckte zwei auf der dritten Treppenstufe parkende Kinder. Das jüngere, ein Junge, kicherte. Das musste Pablo sein. Das ältere Mädchen hatte das Gesicht zwischen den Händen, war wohl Sharyna. Hübsch. Sie beäugten jede einzelne Bewegung von mir. Ich betrachtete meine Umgebung. Ganz anders als bei Mum zu Hause. Die bernsteinfarbenen Wände sahen aus, als wären sie erst vor wenigen Tagen frisch gestrichen worden. Die Diele war schmutzfrei und ich roch Bodenpolitur. Den Schwarzen mit den dicken Melonenbacken auf dem Bild in dem Rahmen kannte ich nicht. Sie brauchten noch ein Foto daneben, weil seine ausgefahrene Posaune auf eins nicht draufpasste.

Am Ende der Diele befand sich die Küche. Ein schwarzer Mann saß dort am Tisch. Seine Schultern waren multiplex-breit. Auf den Unterarm hatte er einen Tiger tätowiert. Ich vermutete, das war Tony. Colleen lud Louise und mich ein, unsere Hintern zu parken. Tony stand auf und lächelte mich an. Ein Goldzahn. »Hi, ich bin Tony«, sagte er und streckte die Hand aus. Ich sah sie an, als wär’s eine ausgebüchste Anakonda. Meine Nerven zischten wie Würstchen auf einem zu hoch gedrehten Gaskocher. Ich schaute auf seinen Teller. Das Essen kannte ich nicht. Dann guckte ich schnell wieder auf mein Handy.

Colleen griff nach einer Keksdose oben auf einem Schrank und nahm den Deckel ab. »Möchte jemand was Süßes?«, fragte sie.

Louise nahm zwei Vanillecremekekse.

»Gibt’s keine mit Schokolade?«, fragte ich.

»Tut mir leid, Liebes«, erwiderte Colleen. »Ich denk morgen dran, wenn ich einkaufe.«

Louise zog meine Akte aus einer Ledertasche. Ein straff gespanntes Gummiband hielt die Mappe mit den unzähligen Unterlagen darin zusammen. Sie schob sie Tony zu, der sie ignorierte, einen Schluck von seinem Obstsaft nahm und sich erneut vorstellte. »Sag einfach Tone zu mir.«

Ich wusste nicht, was ich entgegnen sollte. Verührte Affenkacke! Das passiert hier wirklich gerade. Colleen setzte sich neben Tony. »Und ich bin Colleen«, lächelte sie. »Colleen Golding. Wir freuen uns, dass du bei uns bist.«

Die Holmans hatten dieselbe Scheiße abgesondert.

Ich schaute Colleen kurz an, dann konzentrierte ich mich wieder auf mein Handy. Ich versuchte ein Spiel hinzukriegen, aber es klappte nicht.

»Sharyna! Pablo!«, rief Colleen.

Pablo kam als Erster angeflitzt. Er kicherte immer noch. Dann folgte Sharyna in die Küche, als würden sämtliche Paparazzi der Welt hier auf sie warten. Voll das nervöse Grinsen und Seitenblicke. Sie hielt die Arme hinter dem Rücken und das Kinn hoch erhoben.

»Hi, Naomi«, grüßte sie mit erwachsener Stimme.

Ich setzte ein Lächeln ab. Ich fand ihre langen Zöpfchen toll. »Du weißt ja, wie ich heiße«, sagte ich. »Alles klar bei dir? Spitzenzöpfchen übrigens.«

»Danke«, erwiderte Sharyna.

Ich glaube, sie wurde ein bisschen rot, aber sicher war ich mir nicht.

»Darf ich vorstellen: Sharyna«, lachte Tony.

Louise schmunzelte und nahm noch einen Keks. Ich betrachtete die Falten um ihre Augen. Anscheinend hatten ein paar von den anderen in ihren Akten sie so gestresst, dass ihr Ballon kurz vorm Platzen war.

Colleen schenkte mir Kaffee ein. Sie lachte nervös. »Ist er so in Ordnung, Liebes?«

Ich probierte ihn. Hätte ein bisschen süßer sein können.

»Geht schon«, sagte ich. »Ein Schokokeks wäre dazu nicht verkehrt gewesen.«

Während die Erwachsenen redeten, Kekse futterten und meine Akte durchgingen, erlaubte ich Pablo und Sharyna, sich mein Handy anzuschauen. Dann wurden sie zum Geschirrspülen verdonnert. Als Pablo den letzten Teller abgetrocknet hatte, wandte Colleen sich an mich.

»Bist du bereit für einen Rundgang?«

Einen Rundgang? Das Haus ist ja ganz schön, aber der Buckingham Palace ist es nicht.

»Denke schon«, sagte ich.

»Dann mir nach«, erwiderte Tony. Er nahm meine Taschen.

Wir ließen Louise und Colleen in der Küche sitzen, Tony führte mich die Treppe hinauf in mein Zimmer, Sharyna und Pablo folgten uns. Ich hielt mein Erdmännchen ganz fest. Tony öffnete die Tür und ich trat langsam vor. Blieb lange im Türrahmen stehen. Betrachtete das Doppelbett. Das ist neu. Normalerweise bekomme ich kein Doppelbett. Tony kramte neben mir herum. Sharyna und Pablo blieben draußen im Flur.

Gar nicht mal schlecht. Mal sehen, wie sich mein Leben von hier aus weiterentwickelt.

Ich legte mein Erdmännchen sachte zwischen die Kissen. Dann sah ich mir die Möbel an. »Wo ist der Fernseher?«, fragte ich.

»Das letzte Mädchen, das bei uns war, hat nicht viel ferngesehen«, erklärte Tony. »Stattdessen hat sie jede Menge Psychothriller gelesen.«

Ich trat zum Fenster und schaute in den Garten. Gerade so konnte ich die Umrisse eines Schuppens erkennen. Ich dachte an Dad. Wenn er sein Leben in den Griff bekommen würde, könnte er auch in einem Haus wie diesem wohnen. »Seh ich aus, als würde ich lesen? Ich will einen Fernseher.«

»Wenn du das so sagst, wirst du keinen bekommen, junge Dame.«

Ich drehte mich um, nahm mein Erdmännchen und drückte es mir fest an die Brust. »Ich will einen scheiß Fernseher! Was stellt ihr euch vor, was ich hier oben machen soll? Tic Tac Toe an der Wand spielen?«

Sharyna und Pablo schlichen näher an die Tür heran. Ich laserte Tony meinen Blick in die Stirn, aber anscheinend hatte er sein Schutzschild aktiviert, denn er blieb ganz ruhig. Ich hörte zwei Paar Füße die Treppe heraufkommen. »Wenn du so mit mir sprichst, wirst du keinen Fernseher bekommen«, sagte Tony erneut.

Louise platzte ins Zimmer. Sie hatte Cremekekskrümel am Mund. Fast hätte ich losgekichert. »Alles in Ordnung?«, fragte sie, sah erst mich an, dann Tony.

»Alles prima«, erwiderte Tony. »Wir lernen uns nur kennen.«

Colleen kam reingestolpert und wäre fast gegen Louise gerannt.

»Stimmt was nicht?«, fragte sie.

»Nein«, sagte ich. »Hab mich nur gefragt, ob’s wohl möglich wäre, dass ich einen Fernseher ins Zimmer bekomme?«

Colleen und Tony wechselten Blicke. Tony schüttelte den Kopf und setzte meine Taschen ab. Er lächelte und sagte sanft: »Ich glaub, wir haben noch einen.«

»Äh, ja, der ist in meinem Zimmer«, sagte Colleen.

Tony schüttelte erneut den Kopf. Louise schaute ihn an. »Ich hole ihn«, bot er an.

Ich ließ die Großspurigkeit stecken. »Kann ich auch einen DVD-Player?«, bat ich. »Ich hab jede Menge DVDs dabei, die ich gucken will. Manchmal kann ich nicht schlafen. Ich hab Albträume.«

Das war nicht gelogen. Solange ich denken konnte, hatte ich schon Schlafprobleme. Tony lächelte irgendwie komisch.

»Nicht so großspurig, Naomi«, sagte Louise. »Kannst du dich an unser Gespräch über den richtigen Tonfall erinnern? Und ich glaube, es fehlt auch noch ein Wort.«

Louise legt immer wieder dieselbe Platte auf. Ich bin doch keine verfluchte Idiotin. Ich hab’s kapiert. Ich umklammerte mein Erdmännchen fester und verdrehte die Augen.

»Bitte, bitte und ein ganz besonders hübsches Bitte mit Glöckchen und rosa Einwickelpapier.«

»Kannst sehr gerne einen DVD-Player bekommen«, erwiderte Tony vornehm säuselnd. Ich warf ihm einen bösen Blick zu.

Tony ging aus dem Zimmer. Colleen lächelte nervös. »Muss ich heute Abend noch was von dir waschen?«, fragte sie. »Eine Schuluniform vielleicht?«

»Sie geht erst nächsten Montag wieder in die Schule«, erklärte Louise. »Donnerstag und Freitag hat sie frei, um sich besser an die neue Umgebung zu gewöhnen und eine Beziehung zu ihrer neuen Familie aufzubauen.«

»Dann sind wir tagsüber ja zusammen hier«, sagte Colleen. »Und können uns kennenlernen.«

»Hurra!«, sagte ich spöttisch. »Ganz schön viel auf einmal.«

Das hatte sie nicht verdient. Sie wollte nur nett sein. Lass sie doch.

Tony kam mit einem tragbaren Fernseher zurück und wartete, bis ich die Bücher vom Schreibtisch geräumt hatte. Den vornehmen Tonfall baute er wieder ab. »Danke schön«, sagte er.

»Wo ist der …?«

Sharyna kam mit einem DVD-Player hinterher, stellte ihn neben den Fernseher und schenkte mir ein wunderschönes Strahlelächeln. Wie hätte ich danach noch die Großspurige markieren sollen?

»Danke«, sagte ich. »Wie heißt du noch mal?«

»Sharyna.«

»Wenn die uns lassen, können wir ja ein paar Gruselfilme zusammen gucken.«

»Das wäre …«

Louise unterband Sharynas Begeisterung. »Sie ist erst elf«, warnte sie.

»Ich hab schon mit sechs Horrorfilme geschaut«, sagte ich. Das war nicht gelogen. Mum hatte sie auch geliebt. Wir hatten auf unserem schäbigen Sofa gesessen und Haribos dabei gefuttert. »Der neue Evil Dead ist obergeil.«

»Sharyna, willst du Naomi den Rest vom Haus zeigen?«

»Ja«, lächelte Sharyna. »Zuerst zeige ich ihr mein Zimmer.«

Eine halbe Stunde später saß ich in meinem Zimmer und fuhr Sharyna mit den Fingern durch die Zöpfchen. Sie hatte nichts dagegen. Wir verstanden uns super.

Louise streckte den Kopf zur Tür rein. »Kann ich dich kurz sprechen?«, fragte sie.

»Sicher«, erwiderte Sharyna.

Louise wartete, bis Sharyna die Tür zugemacht hatte. »Wirst du hier klarkommen?«

»Solange der nicht an mir rumfummelt.«

»Ich denke, dass du allmählich ein bisschen paranoid wirst.«

»Die sind alle gleich«, widersprach ich. »Kim hat mich vor Männern gewarnt, die Pflegekinder aufnehmen. Bei ihr haben es ganz viele versucht. Sie hat mir gesagt, dass ich denen nicht über den Weg trauen soll. Sieht man doch auch andauernd in der Zeitung und in den Nachrichten.«

Louise bedachte mich mit einem einwandfreien echt-jetzt-Blick. »Nicht alle Männer sind so wie in den Nachrichten«, sagte sie. »Und Kim kennt auch nicht alle. Sie ist kein allwissendes Orakel.«

»Orakel? Hör auf, Ausländisch zu reden. Wenn der was bei mir versucht, schneid ich ihm den Schwanz ab. Das lass ich mir nicht gefallen!«

Louise tätschelte mir die Schulter. »Ich denke nicht, dass das nötig sein wird. Hör endlich auf, alles zu glauben, was Kim sagt. Manchmal … dehnt sie die Wahrheit.«

»Genau wie Sozialarbeiter.«

Louise schüttelte den Kopf.

»Gib bloß mir nicht die Schuld, wenn du später heute Nacht noch einen Notruf kriegst«, setzte ich hinzu.

»Keine Angst. Mr Golding ist einer von den Guten.«

»Es gibt keine guten Männer, die Kinder in Pflege nehmen. Die haben alle … wie sagt man? Die führen alle was im Schilde.«

Louise stemmte die Hände auf die Hüften. »Meinst du, ich würde dich bei jemandem unterbringen, der nicht in Ordnung ist?«

»Du hast mich ja auch zu den Holmans geschickt. Das war der absolute Oberfummler, und ihr hab ich schon am ersten Tag an der lila Leggings und den pinken Turnschuhen angesehen, dass was nicht stimmt.«

»Hmmm.«

»Komm mir nicht mit hmmm«, sagte ich. »Das heißt, du denkst, ich rede Scheiße.«

Louise konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Wann kommst du wieder?«, wollte ich wissen.

»Mal sehen. Heute ist Mittwoch. Wir sehen uns Freitagvormittag.«

»Kriege ich kein Taschengeld?«, fragte ich. »Kann doch sein, dass mir diese Goldings was husten. Denk dran, wie der sich ins Hemd gemacht hat, wegen dem Fernseher.«

»Ich bin sicher, sie geben dir was.«

Ich hielt die Hand auf. »Und wenn nicht? Ich hab keinen Bock, Opfer von Sparmaßnahmen zu werden.«

»Sie werden dir geben, was sie für angemessen halten.«

»Und wenn nicht?«, wiederholte ich. »Außerdem ist das, was du angemessen findest, nicht dasselbe wie das, was ich angemessen finde.«

Louise bedachte mich erneut mit einem echt-jetzt-Blick, schüttelte den Kopf und nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche. Jede Menge Karten waren drin. Ich frage mich, was Sozialarbeiter bezahlt bekommen? Sie gab mir einen Zehn-Pfund-Schein.

»Gib’s nicht für Zigaretten aus«, ermahnte sie mich. »Kannst auch was davon zu den Schokokeksen beisteuern, die du haben willst.«

Ich steckte den Schein in das Reißverschlussfach meiner Reisetasche.

»Die Goldings sind gute Leute«, setzte Louise noch mal an. »Sie nehmen seit Jahren Kinder in Pflege.«

Affe fährt Ski! Merkt die nicht, dass sie sich wiederholt? Die wird schon senil.

»Dasselbe hast du auch über die Holmans gesagt«, behauptete ich.

»Ein oder zwei Wochen lang wird das hier gehen, bis ich was Passenderes gefunden habe.«

»Hast du schon gesagt.«

»Benimm dich.« Louise lächelte.

Sie machte die Tür auf, zögerte aber beim Rausgehen, schenkte mir ein weiteres Lächeln. Ungelogen, ich sah sie nicht gerne gehen. Wieso kann sie mich nicht bei sich aufnehmen? Ich würde ihr schön viele Scheine aus den Rippen leiern. Ich nahm mein Erdmännchen und setzte es mir auf den Schoß.

3
DAS BAD-PROBLEM

Es war schon voll spät. Ich saß mit meinem pinken Handtuch über den Schultern auf dem Bett. Colleen stand im Eingang, sah mich an.

»Er ist unten«, beharrte sie. »Du kannst in meinem Zimmer nachsehen, wenn du willst.«

»Vielleicht ist er ja bei Pablo oder bei Sharyna«, sagte ich. »Habt ihr einen Dachboden? Er kann doch auch da oben sein.«

»Tone!«, rief Colleen. »Ruf mal was, damit Naomi glaubt, dass du unten bist.«

»ICH BIN UNTEN, Naomi!«

»Siehst du«, sagte Colleen. Ungeduld nagte an ihren Wangen. Kim hatte gesagt, ich soll unbedingt meinen Fummler-Radar einschalten.

»Sofern mein Ehemann nicht gelernt hat, wie man seine Stimme in unterschiedliche Teile des Hauses transportiert, ist er unten«, versicherte mir Colleen.

»Bleibt er die ganze Zeit unten, solange ich dusche?« Ich wollte das bestätigt haben.

»Natürlich.«

»Versprich es.«

»ICH VERSPRECHE ES, NAOMI!«, brüllte Tony. »Mit Glöckchen und rosa Einwickelpapier.«

So eine Frechheit! Jetzt benutzt er meinen eigenen Text gegen mich. Immerhin hat er Humor. Kim hätte gefallen, wie entschieden ich darauf bestand, dass Tony unten parkte, solange ich mir den Mief vom Körper spülte. Ich nahm mein Erdmännchen und stand auf. Wortlos flitzte ich an Colleen vorbei in den Flur. Eine kurze Sekunde lang blieb ich stehen, um die Treppe runterzuschauen, dann ging ich ins Bad. Meine Nerven zischten und knisterten, als ich die Tür aufzog. Ich schloss die Augen, trat einen Schritt vor. War okay. Ein ganz normales Bad. Die Wanne war sauber. Ich roch irgendein Putzmittel, stieß eine große Lunge voll Atem aus und schloss die Tür hinter mir.

Ich stand nicht auf Bäder, aber ich musste nachdenken. Traurigkeit nagte an meinem Herzen. Der Tag war irre lang gewesen. Ich setzte mein Erdmännchen hinter den Duschschlauch, damit ich nicht runterschauen musste. Ich wünschte, es könnte lächeln. Ich schloss die Augen und ließ mir Wasser über den Kopf laufen.

Zweimal Abschrubben später klopfte jemand an die Tür.

»Alles klar, Naomi?«, fragte Colleen.

»Ist er noch unten?«, fragte ich.

»Ist er. Keine Angst. Er kommt erst rauf, wenn du fertig bist.«

Kurz nach elf lag ich im Bett, mein Erdmännchen neben mir. Müdigkeit packte mich. Colleen stand wieder an der Tür und sah mich an. »Wenn du was möchtest, dann sei nicht schüchtern und bitte drum. Und wenn du nachts Hunger oder Durst bekommst, dann gehst du einfach runter in die Küche und nimmst dir was.«

Ich nickte. »Lass das Licht an«, beharrte ich. »Und die Tür offen … aber nicht zu weit.«

»Du hast eine Lampe neben dem Bett auf dem Nachttisch.«

»Die will ich nicht. Lass das große Licht an.«

»Okay, dann gute Nacht.

»Kannst du mir morgen die Haare machen wie Alicia Keys oder Solange – das ist die kleine Schwester von Beyoncé.«

»Ich kann’s versuchen.«

»Und vergiss die Schokokekse nicht«, sagte ich mit einem Lächeln.

Louise bläute mir ewig ein, dass ich mehr lächeln sollte.

»Wird gemacht«, erwiderte Colleen.

Ich glaube, das geht hier. Colleen ist spitze.

Ich drehte mich zu dem Fenster um und umarmte mein Erdmännchen. Eigentlich sollte ich ihm einen Namen geben, aber was für einen? Ich hab ja niemanden, nach dem ich es benennen könnte. Mum kann ich es nicht nennen. Ich glaub nicht, dass sie zum Tier umgetauft werden will. Ich schloss die Augen, konnte aber nicht schlafen.

Später in der Nacht sah Colleen nach mir. Ich tat, als würde ich schlafen. Eine halbe Stunde später rollte ich aus dem Bett und schlich mich durch den Flur ans Schlafzimmer der Goldings. Das hatte ich in der ersten Nacht bei den Holmans auch gemacht. Ich wollte runterladen, was die über mich redeten.

Die Tür war nur angelehnt. Leise liefen die Nachrichten. Colleens Stimme: »… dass sie zu still wäre, kann man ja nicht gerade behaupten«, sagte sie. »Ich glaube, die kann ganz schön aufbrausen.«

»Das kannst du laut sagen«, sagte Tony. »Aber ich kann die Regeln nicht zu sehr schleifen lassen, bloß weil sie nicht lange bei uns bleiben wird.«

»Nein, kannst du nicht«, sagte Colleen. »Aber wie du sagst, es wird ja wohl nur für ungefähr eine Woche sein, bis Louise was anderes findet.«

»Länger geht es sowieso nicht«, sagte Tony. »Vergiss nicht, dass Louise gesagt hat, wenn sie länger bleibt, müssen wir alle möglichen Sonderanträge ausfüllen, wegen der Anti-Rassismus- und Anti-Diskriminierungsvorschriften.«

»So weit wird’s nicht kommen«, sagte Colleen. »Aber bist du sicher, dass du einverstanden bist? Vergiss nicht deinen Dad.«

Langes Schweigen. Im Fernsehen redete jemand über Konflikte in Nahost. Ich fragte mich, was das für ein Drama mit Tonys Dad war.

»Hauptsache, sie tut sich nichts an«, erwiderte Tony schließlich. »Um meinen Dad kümmern wir uns, wenn es so weit ist. Vielleicht wird das ja gar nicht nötig sein.«

»Ich hol mir noch einen Schlummertrunk«, sagte Colleen. »Willst du auch was?«

Ich hörte Tony lachen. »Pass bloß auf, dass Louise nichts von deiner nächtlichen Trinkerei mitbekommt«, sagte er. »Dann gibt’s gleich eine Inquisition durchs Jugendamt.«

Ich fragte mich, was eine Inquisition war. Ich hatte vielleicht ein paar Probleme, aber ich war nicht so irre, dass ich mir Stacheldraht um die Pulsadern wickeln würde. Dieser Tony kannte mich schlecht.

Leise schlich ich in mein Zimmer zurück, konnte aber immer noch nicht schlafen.

4
MORGENDLICHE EILE

Ich setzte mich im Bett auf und schaute mir das Kommen und Gehen meiner neuen Pflegefamilie an, die sich für einen neuen Arbeitstag bereit machte. Ich lachte, als Pablo in der Diele hockte und zwei verschiedenfarbige Socken anzog. Tony musste ungeduldig vor dem Badezimmer warten, bis Sharyna endlich fertig geduscht hatte. Ich hatte mein Stormzy-T-Shirt und meine pinke Jogginghose an – das war mein Schlafanzug – und beschloss, aufzustehen und runterzugehen. Mein Erdmännchen nahm ich mit. Gestern Abend hatte ich nicht richtig aufgepasst, aber jetzt sah ich die gerahmten Bilder an den Wänden neben der Treppe. Sie zeigten schwarze Frauen, die Wäsche in einem Fluss wuschen und Früchte in Körben auf den Köpfen trugen. Da war ein Foto von schwarzen Männern in zerrissenen Gefängnisklamotten, die schwer an Bahngleisen schufteten. Darunter stand: Wir bauen eure Häuser, wir bestellen eure Felder, und ihr habt nur Verachtung für uns. Ich hielt inne. »Die haben da in dem Land wohl keine Einkaufswagen und keine Waschmaschinen«, murmelte ich vor mich hin. Vielleicht konnten ja Angelina Jolie, David Beckham oder so jemand von einer Wohltätigkeitsorganisation was tun.

Ich fand Colleen in der Küche, wo sie Brote schmierte. Sie trug einen himmelblauen Morgenmantel und ein rot-gold-grünes Kopftuch.

»Guten Morgen, Liebes«, begrüßte mich Colleen. »Hast du gut geschlafen?«

»Nein«, erwiderte ich.

»Vielleicht in der zweiten Nacht. Ist immer schwer, in einem neuen Bett richtig zur Ruhe zu kommen.«

Da hatte sie nicht unrecht. Ich versuchte alle Betten zu zählen, in denen ich gepennt hatte, seit mich das Jugendamt in die Fürsorge genommen hatte.

Die Kühlschrankmagneten lenkten mich ab. Da war ein Rasta, der in einer Hängematte schlief. Er hatte einen fetten Joint im Mundwinkel. Dann war da ein Mann mit einem Sombrero und einem Zwirbelbart, Barack Obama, der sich an seine Frau schmiegte, und ein grinsendes Kamel aus Tunesien. Wo ist das? Ich überlegte, wie viele Magneten Dad an seinem Kühlschrank hätte haben können, wenn er nicht so viel gesoffen hätte.

»Ich will Kaffee«, sagte ich.

»Lass mich kurz die Sandwiches fertig machen, dann kümmere ich mich um dich.«

»Ich kann ihn mir selbst kochen«, bot ich an. »Ich bin ja nicht bescheuert.«

»Kaffee und Zucker sind im Schrank.«

Ich füllte den Wasserkocher und gab zwei Teelöffel Kaffee und drei Teelöffel Zucker in einen I-love-Washington-DC-Becher. Nachdem ich heißes Wasser draufgegossen hatte, starrte ich Colleen lange an. Sie beobachtete jede einzelne Bewegung von mir. Dann holte ich die Milch aus dem Kühlschrank, gab ein bisschen was in meinen Becher und rührte um. Colleens Scheinwerfer nervte. Der Kaffee kleckerte auf den Tisch. »Tschuldigung«, sagte ich. »Aber du wirst mir ein bisschen vertrauen müssen. Ich kann so was alleine. Ich hab mich ewig lange um meinen Dad gekümmert. Das Einzige, was ich nicht für ihn gemacht hab, war, ihm den Arsch abwischen.«

Colleen griff nach einem Lappen in der Spüle und beseitigte die Kleckerei. »Schon gut«, lächelte sie.

Ich setzte mich, probierte meinen Kaffee und beschloss, noch einen Löffel Zucker mehr zu nehmen. »Warum kümmerst du dich freiwillig um die Kinder von anderen?«, fragte ich.

Colleen packte Brote, Äpfel und Tetrapacks Saft in zwei Behälter und erwiderte: »Ich … ich konnte keine eigenen Kinder bekommen, deshalb …«

»Hat deine Kiste nicht funktioniert?«, fiel ich ihr ins Wort. »Ich kannte mal eine Frau, bei der war das auch so, die hat dann so einen Vierjährigen aus meinem alten Heim adoptiert. Bei der hat auch die Kiste nicht funktioniert. Als sich meine Freundin Kim endlich getraut hat, sie danach zu fragen, wollte sie aber nicht drüber reden. Kommt das, weil der Mann da was kaputt macht, wenn er sein Ding reinschiebt?«

»Äh, nein gar nicht«, erwiderte Colleen. Ich bin sicher, dass sie rot geworden ist. »Manche Frauen können aus gesundheitlichen Gründen keine Kinder bekommen.«

»Das Problem hatte meine Mum bei mir nicht«, sagte ich. »Sieht man ja, sie hat mich ja bekommen. Logisch. Aber ich erinnere mich, dass ihr eine Sozialarbeiterin gesagt hat, noch mehr sollte sie lieber nicht machen.«

»Ach, wirklich?«

»Ja, Mum war schwanger von dem Kerl, der bei uns im Gästezimmer gewohnt hat. War ein Ausländer, hatte aber was drauf. Er hat mir in Mathe geholfen und das Rohr unter der Spüle repariert. Manchmal hat er uns ein paar Scheine zugesteckt für die Gasrechnung. Ich konnte seinen Namen nicht aussprechen, deshalb hat Mum gesagt, ich soll ihn einfach Rafi nennen. Wenn Mum platt war, hat er mir Kaffee gemacht. Ganz starken. Ich musste immer voll viel Zucker reinmachen.

Hat ihm nicht gefallen, wenn Dad zu Besuch gekommen ist – da gab’s immer jede Menge Geschrei und Dresche. Deshalb hat mich das Jugendamt dann auch auf die Liste mit den Gefährdeten gesetzt.«

»Verstehe«, nickte Colleen.

»Eigentlich lief’s aber noch ganz okay, bis Mum das Baby von Rafi verloren hat«, fuhr ich fort. »Danach hat sie’s noch mal versucht, musste es aber abtreiben. Und das fand Rafi scheiße. Er ist in seiner komischen Sprache total hochgegangen und hat Mum sitzen lassen. Danach war sie voll neben der Spur. Ich glaub nicht, dass sie noch mal wieder durchgeblickt hat. Sie war immer ganz lange im Bad und hat nachgedacht. Du hast ja meine Akte gelesen und weißt, was passiert ist.«

Colleen nickte. Sie hatte aufgehört mit dem, was sie gemacht hatte, und stand jetzt still. Sie schenkte mir ihre gesamte Aufmerksamkeit. Erzählte ich zu viel? Ach, Pipapo & Co., steht ja sowieso alles in meiner Akte.

»Hast du schon die Schokokekse geholt?«, wechselte ich das Thema. »Vollkorn mit Schokoüberzug, Schokobutterkeks oder Schokostäbchen mag ich am liebsten. Ach, und diese Marshmallows mit dem Klecks Erdbeer drin.«

»Teekuchen«, erwiderte Colleen.

»Genau. Die liebe ich auch. Hast du schon mal abgetrieben? Tut das weh?«

Colleen schaute mich komisch an und schluckte schwer. »Äh, nein. Und die Kekse hab ich auch noch nicht geholt. Hatte noch keine Zeit, aus dem Haus zu gehen. Willst du nachher vielleicht mitkommen?«

»Kannst du den Erdbeerjoghurt mit dem Erdbeer-Dip holen? Der schmeckt obergeil mit Schokokeksen.«

Pablo sauste in seiner Schuluniform, schwarze Hose und lila Pulli, in die Küche. An seiner Schulter hing eine blaue Nike-Tasche und dengelte ihm an die Knie. Seine Schnürsenkel, sein Gürtel und seine Hemdmanschetten waren offen. Suuupersüß. Colleen schüttelte den Kopf und lächelte. »Was soll ich nur mit dir anstellen? Komm her.«

Ich musste laut lachen. »Ich mach das schon«, bot ich an.

Ein bisschen unsicher wechselte Pablo Blicke mit Colleen, während ich ihm die Schnürsenkel zuband, den Gürtel feststeckte, den Riemen seiner Tasche kürzer zog und seine Ärmelknöpfe schloss. Er schenkte mir ein erstklassiges Lächeln. »Danke. Wie heißt du noch mal?«

»Naomi.«

»Danke, Nomi.«

Er rannte wieder raus. »Warte, Pablo«, schmunzelte Colleen. »Hast du nicht was vergessen?«

Pablo drehte sich um. Er grinste wie in einer Quizsendung und rannte noch mal in die Küche zurück. Colleen gab ihm seine Brotdose. »Du würdest deine Füße vergessen, wenn sie nicht an deinen Beinen dran wären! Hab einen schönen Tag. Nicht an den Baum auf dem Spielplatz treten und dem Hund unten an der Straße keine Grimassen schneiden, wenn du ihn siehst.«

Pablo lachte und flitzte mit Affenzahn durch die Diele. »Sharyna! Ich bin fertig. Du hast gesagt, ich soll mich beeilen, und jetzt bist du selbst nicht fertig!«

»Komme schon!«

Ich trank meinen Kaffee. Ich fragte mich, wie es wäre, wenn ich eine kleine Schwester oder einen Bruder hätte, um die ich mich kümmern könnte.

»Früher musste ich vor der Schule immer für meinen Dad Brote schmieren«, sagte ich. »Dann hab ich ihn geweckt und ihm gesagt, wo ich sie hingestellt hab. Wenn ich viel fluche, dann ist mein Paps schuld daran – morgens hat er immer erst mal die Luft verpestet. Dann ist er aufs Klo. Hätte genauso gut gleich sein Bett da reinstellen können. Manchmal musste ich in die Spüle pinkeln, so lange hat das gedauert. Und wenn ich aus der Schule gekommen bin, musste ich meistens erst mal das Klo putzen, weil Dad reingekotzt hatte. Wenn ich ihn nach Geld für Domestos gefragt hab, hat er mir da welches gegeben? Nein!«

»Nicht … schön«, sagte Colleen. Sie hatte ihre Mitleidsmiene aufgesetzt.

Ich hörte Schritte die Treppe runterstampfen. Tony trug eine blaue Latzhose über einem schwarzen T-Shirt. Seine dicken grauen Socken hatten Löcher. Ein Bleistiftstummel klemmte hinter seinem linken Ohr. »Morgen, Naomi«, grüßte er. »Morgen, Colleen. Sind die Sandwiches fertig?«

Ich warf einen Seitenblick auf Tony. Er küsste Colleen auf die Wange. Ich konnte mich nicht erinnern, dass Dad oder Rafi so was bei Mum am frühen Morgen gemacht hätten. »Fast«, erwiderte Colleen. »Apfel oder Orange?«

»Beides«, erwiderte Tony. Er setzte sich mir gegenüber. »Und wie war die Nacht?«

»Nicht so gut«, erwiderte ich. »Konnte nicht schlafen.«

»Das ist ganz klar, ist ja schon aufregend, in ein neues Zuhause zu ziehen.«

»Aufregend?«, wiederholte ich. »Was hast du denn genommen? Das ist nicht mein Zuhause hier. Ich hatte schon kein richtiges Zuhause mehr, seit … das ist nur ein Platz, wo ich vorübergehend meine müden Knochen ablegen kann. Nächstes Jahr um diese Zeit hast du schon vergessen, wer ich bin. Ich hab nicht den Blassesten, wo ich dann sein werde. Aber das bin ich ja gewohnt.«

Tony wechselte Blicke mit Colleen. »Wir tun beide, was wir können, damit du dich hier zu Hause fühlst, Naomi. Solange du hier bist.«

Ich dachte wieder an Dad. Dann stellte ich meinen Becher auf den Tisch, biss mir auf die Oberlippe und verschränkte die Arme.

»Ich muss los«, sagte Tony. »Habt einen schönen Tag, ihr beiden.«

Ich sah ihm aus dem Augenwinkel nach. Ich wusste, dass er’s gut machen wollte, aber Kims Warnungen wirbelten mir durch den Kopf.

»Sharyna!«, rief Tony.

Eine Minute später hörte ich die Haustür zuschlagen. Tonys Pick-up fuhr davon. Ich linste in meinen Kaffeebecher. »Tut der Sex mit ihm weh?«, fragte ich.

Colleen stellte eine Pfanne auf den Herd und wurde wieder rot.

»Äh, hm. Wenn, äh … wenn man sich in einer liebevollen Beziehung befindet, sollte Sex überhaupt nie wehtun.«

»Meine Freundin Kim sagt, es tut weh. Zieh dein Fickding aus mir raus, hat sie zu ihrem letzten Freund gesagt.«

»Ausdrucksweise, Naomi.«

»Tschuldigung«, sagte ich.

»Vielleicht … vielleicht war’s ja gar keine liebevolle Beziehung für deine Freundin Kim?«

Sozialarbeiter- und Sexualkundegequatsche.

»Konnte gar nicht mehr mitzählen, mit wie vielen Typen Kim was gehabt hat«, sagte ich. »Glaub nicht, dass sie auch nur in einen davon verliebt war. Jetzt hat sie eine Freundin. Darf ich noch Würstchen zu den Eiern?«, fragte ich. »Und Baked Beans, wenn du welche hast.«

»Selbstverständlich.«

»Machst du mir heute die Haare?«

»Wenn wir im Supermarkt waren.«

»Wann hattest du zum ersten Mal Sex?«

»Sind das wirklich Fragen, die man einer Erwachsenen stellt?«, fragte Colleen. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und fixierte mich. »Ich weiß, dass du Dinge erlebt hast, die ein Mädchen in deinem Alter nicht erleben sollte, aber du bist trotzdem erst vierzehn.«

»Louise sagt immer, ich soll erwachsen über so was reden«, sagte ich. Das war nicht gelogen.

Sie tat zwei dicke Würstchen in die Pfanne. Gut. Ich mag die dicken Fetten.

»Louise hat das gesagt?«

»Ja, hat sie«, erwiderte ich. Ich äffte Louise nach: »Natürlich darf man über Sex sprechen, vorausgesetzt man tut es auf erwachsene Weise.«

Colleen grinste etwas bemüht. »Okay«, sagte sie.

»Also, raus damit.«

Colleen holte tief Luft. »Ich war viel zu jung«, sagte sie. »Vierzehn.«

»Vierzehn«, wiederholte ich. »Bist du sicher, dass du noch nie abgetrieben hast? Jedenfalls warst du nicht die Jüngste, von der ich gehört hab. Ich kenne ein Mädchen, die hat sich schon mit dreizehn die volle Spermaladung abgeholt. Connie Richards. Die war ein Schwanzschwamm, hat sie aufgesogen. Die hat mit Typen gefickt …«

»Ausdrucksweise, Naomi.«

»Und sie war selbst schuld, dass sie genagelt wurde«, fuhr ich fort. »Sie hat mir gesagt, sie will ein Baby haben, damit sie sich um jemanden kümmern kann. Ihre Sozialarbeiterin hätte ihr lieber ein Kaninchen oder so schenken sollen. Aber irgendwie hat sie mir leidgetan. Ihre Mum war ständig weg und sie hat ewig auf ihre kleine Schwester aufpassen müssen. Der Typ, mit dem sie’s gemacht hat, hat echt abgewichst ausgesehen – bei Love Island hätte der keine Chance gehabt. Der hatte so kleine Vulkane um den Mund rum, und seine Haare waren so fettig, dass man Dinoschenkel drin hätte frittieren können. Keine Ahnung, wie sie’s über sich gebracht hat, dem die Zunge in den Hals zu schieben. Wenn ich fünfzehn bin, such ich mir auch einen, und der wird nicht so aussehen. Auf keinen Knall, Herr Fall. So notgeil bin ich nicht.«

Colleen wendete die Würstchen. Ich dachte, ich hätte ein Viertellächeln auf ihren Lippen gesehen. »Dreizehn … ist viel zu jung, um zu wissen, was man will«, sagte sie.

»Wie warst du denn drauf, als du dreizehn warst?«, fragte ich.

Colleen spülte sich die Hände ab, dann setzte sie sich zu mir an den Tisch. »Ich hab in einem Kinderheim gelebt«, packte sie aus.

»Kein Scheiß?«

Colleen nickte. »Mein Dad ist abgehaun. Meine Mum ist nicht alleine klargekommen. Kennt man ja, die Geschichte.«

»Hat sie dich auf den Rathausstufen abgelegt, oder wie? Ist meiner Freundin Bridget passiert. Die erzählt ständig davon. Das hat sie wirklich fertiggemacht, wenn sie zum Beispiel in einen verknallt ist, der sie nicht mit dem Arsch anguckt, will sie sich gleich umbringen. Blöde Kuh! Ist so eine East-Ender-Mama mit großer Klappe. Ich meine, wie zum Teufel kann die sich dran erinnern, dass sie im Alter von sieben Monaten auf den Stufen vor dem Rathaus von Ashburton abgelegt wurde?«

»Ich wurde nirgendwo abgelegt.«

»Was denn dann?«, wollte ich wissen.

»Ich war sechs, als ich ins Heim gekommen bin«, sagte Colleen. Sie machte einen Punkt und sah mich durchdringend an. Ich glaube, sie wollte wissen, ob sie mir ihren persönlichen Kram anvertrauen konnte. Ich grinste wie ein Clown auf der Party einer Fünfjährigen.

Es funktionierte.

»Mum hat mich an dem Tag ganz früh geweckt«, fuhr Colleen fort. »Sie steckte mich in die Wanne und wusch mir die Haare. Hat sie geföhnt, geflochten und kleine Bantu-Knots gemacht. Dann hat sie mir meine Sonntagsklamotten angezogen, wie für die Kirche – ein gelbes Kleid, weiße Socken und rosa Sandalen. Oh Gott, das gelbe Kleid hab ich geliebt. Ich sah so unschuldig aus wie ein Chormädchen.«

»Gelbes Kleid, weiße Socken und rosa Sandalen«, wiederholte ich. »Ich wette, da haben die Fummler Stielaugen gekriegt. Von denen gibt’s jede Menge in der Kirche – dahin gehen die chillen. Kim hat mich immer gewarnt. Sie hat gesagt, meistens sind das Leute, die man kennt, Onkel und ältere Cousins und so. Wenn er dir Süßigkeiten schenkt, will er was von dir. Hat Kim immer gesagt.«

Colleen bedachte mich mit einem Naomi-hat-nicht-mehr-alle-Gurken-im-Salat-Blick. Sie fuhr fort. »Bis heute weiß ich nicht warum, aber Mum hat ein Taxi bestellt. Es war nur eine halbe Meile bis zum Sozialamt. Wir hätten auch zu Fuß gehen können. Sie hatte lauter Ein-Pence- und Zwei-Pence-Münzen in einer Whiskyflasche. Die hat sie rausgeholt, in kleine durchsichtige Tütchen sortiert und in die Handtasche gesteckt. Damit hat sie die Taxifahrt bezahlt. Die weißen Handschuhe, die meine Mum an dem Tag getragen hat, werde ich nie vergessen. Sie hat sie auf dem Markt gekauft und immer gewaschen, als wär’s der Schlüpfer der Königin. Mum und ihre weißen Handschuhe. Du liebe Güte.«

»Ich hätte das Geld aus der Whiskyflasche für Make-up ausgegeben und wäre abgehauen«, schaltete ich mich ein. »Kim sagt, Wimperntusche lässt meine Augen glühen.«

»Make-up ist nicht das Einzige, was ein junges Mädchen schön macht«, sagte Colleen. »Viel wichtiger ist, was in ihr steckt.«

»Aber die Menschen können ja nicht in einen reinsehen, oder?«, erwiderte ich.

Nachdem ich meine Sachen abgewaschen und den Küchentisch abgewischt hatte, fuhr Colleen mit mir zum Supermarkt. Die Old-school-Mucke, die sie im Auto hörte, gefiel mir nicht, aber ich hielt die Klappe. Wenn ich sie besser kenne, bringe ich ihr bei, was guter Grime ist.

Den Einkauf erledigte hauptsächlich ich. Ich suchte Joghurts aus, Kekse, Crumpets, Fertiggerichte für die Mikrowelle und Sprudeldrinks. Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich hab die Dosen mit Ackee, Augenbohnen und Kidneybohnen, die Colleen eingepackt hat, ganz schön komisch beäugt. Danach waren wir noch Chinesisch essen. Ich hab mir Frühlingsrollen und Special Fried Rice reingeschaufelt, danach hat Colleen uns wieder nach Hause chauffiert und mir vor dem Fernseher im Wohnzimmer die Haare geflochten. Ich hatte einen Musiksender eingeschaltet.

»Freust du dich auf die Schule am Montag?«, fragte Colleen.

»Nein«, erwiderte ich. »Und Schule ist das auch keine. Das ist eine Sondereinrichtung für Jugendliche, die von der Schule geflogen sind oder besonderen Förderbedarf haben – so nennen die das. Wir haben keine Probleme, wir haben Förderbedarf. Manchmal sind mehr Erzieher da als Kinder. Prügeleien gibt’s trotzdem dauernd welche.«

»Wieso gefällt es dir nicht in deiner, äh, Einrichtung?«

»Weil mich die meisten anderen Mädchen nicht leiden können.«

Das war nicht gelogen.

»Kann ich gar nicht glauben«, sagte Colleen.

Wieder Sozialarbeitergequatsche.

»Ist aber so!« Ich hob die Stimme. »Die Einzigen, die mit mir reden, sind Kim und Nats. Kims Mum hat Probleme mit Drogen aus der Apotheke. Du weißt schon, den Pillen, die dir helfen, wenn dein Ballon kurz vorm Platzen ist oder du Einschlafprobleme hast. Die haben sie mega abgefuckt. Wenn es Montag war, dachte sie, es ist Samstag.«

»Ausdrucksweise, Naomi.«

»Tschuldigung … und Nats wurde vom Sohn der Freundin ihres Vaters vergewaltigt.«

Ich spürte, wie Colleens Finger steif wurden. Sie legte eine Endlospause ein. »Das ist schrecklich«, sagte sie.

»Dazu kam noch, dass ihre Ellies ihr nicht geglaubt haben. Die sind aber auch scheiß hirnblind.«

»Du benutzt schon wieder Schimpfwörter, Naomi.«

»Tschuldigung.«

»Manchmal können Menschen nichts dafür, wie sie sich verhalten«, sagte Colleen. »Umstände und Herkunft haben eine Menge damit zu tun.«

»Bei mir gibt’s keine Umstände«, sagte ich. »Ich bin normal.«

»Natürlich bist du das«, sagte Colleen.

»Meinst du, den Jungs werden meine Zöpfchen gefallen? Ich wette, Kim wird neidisch. Das bringt sie um, wenn mich die anderen länger angucken als sie.«

»Die sollten sich nicht wegen deiner Frisur für dich interessieren, Naomi.«

»Die schwarzen Mädchen in der Sondereinheit nehmen das super ernst. Die reden immer über Haare, ständig. Ich glaube, Nats hat so eine Anklebeperücke oder so … wie heißt das noch mal?«

»Extensions?«, schlug Colleen vor.

»Die nennen das Weave, aber für mich sieht’s aus wie eine Perücke«, sagte ich. »Bei einer Prügelei hat sie die mal verloren – eine Neue hat Kim beschimpft und Nats ist durchgedreht. War ein Schock für mich, weil Nats vorher so still war wie die Fußspitzen einer Ballerina.«

»Die Stillen fressen oft alles in sich rein«, sagte Colleen.

»Letztes Jahr sind sie mit uns schwimmen gegangen, aber von den schwarzen Mädchen ist keine mit. Die haben sich alle ins Hemd gemacht wegen dem Chlor, weil das angeblich die Haare kaputt macht. Tatsächlich kannst du Nats von Kim nur trennen, wenn ihre Betreuerin mit ihr zum Friseur geht.«

»Das war schon so, als ich jung war«, sagte Colleen. »Ich hatte nichts anderes im Kopf, als dass ich den größten Afro hab …«

»Warte kurz«, unterbrach ich ihren Redefluss.

Ich flitzte in die Diele und betrachtete mich im Wandspiegel. Ich nahm eins von den Zöpfchen und wickelte es mir um den Zeigefinger. Voll cool. Ich grinste breit, dann sprang ich wieder ins Wohnzimmer zurück. »Vielen Dank dafür«, sagte ich. »Du bist die Größte. Wie lange dauert’s noch, bis es fertig ist?«

»Um die zwei Stunden«, erwiderte Colleen. »Ich finde, es sieht süß aus.«

»Tut es«, lächelte ich. »Die Typen werden drauf abfahren. Aber ich wünschte, ich hätte längere Beine, und meine Titten könnten auch größer sein. Meine sind kleiner als die von Kim, was komisch ist, weil sie dünner ist als ich. Aber egal, bis ich fünfzehn bin, reifen sie bestimmt noch nach, und dann angele ich mir einen anständigen Typen – einen coolen Aknefreien.

Zweieinhalb Stunden später war Colleen fast fertig mit meinen Haaren. Das Geräusch des Schlüssels in der Haustür war das Stichwort, auf das Colleen hin lockerließ. »Das ist Tony, der Sharyna und Pablo absetzt«, sagte sie. »Er muss noch mal weg, ein paar Sachen für die Arbeit besorgen, aber dann kommt er nach Hause. Ich fang lieber mit dem Abendessen an. Können wir das später fertig machen?«

Ich nickte. »Danke noch mal.«

Sharyna und Pablo kamen ins Wohnzimmer. »Uniform aus«, befahl Colleen. »Setzt euch gleich an die Hausaufgaben, wenn ihr welche habt.«

Sharyna und Pablo ignorierten ihre Mutter, musterten meine Haare. »Cool«, sagte Sharyna. »Sieht toll aus.«

Alles mögliche Gute durchströmte mich.

»Danke«, sagte ich.

Pablo umrundete mich zweimal. Er wirkte verwirrt.

»Was meinst du, Pablo?«, fragte Colleen.

Pablo antwortete nicht. Er latschte um mich herum und beäugte mich, als wär mir ein zweiter Kopf gewachsen. Beide Schnürsenkel waren offen. Sein Hemd hing ihm hinten aus der Hose, und an den Ärmeln hatte er blaue Buntstiftflecken.

»Und?«, fragte ich. »Wie viele Sternchen von zehn?«

Pablo lachte, legte sich die Hand auf den Mund und lachte wieder. Dann nahm er die Hand aus dem Gesicht und fragte: »Dürfen weiße Mädchen Zöpfchen haben?«

»Natürlich dürfen sie«, lächelte Colleen.

Sharyna lachte, aber ich musste dran denken, was wohl die älteren schwarzen Mädchen von meinen Zöpfchen halten würden.

Einige Runden Vier-Gewinnt gegen Pablo später servierte Colleen ein komisches Essen aus Grillhuhn, Reis, Yams, Kohl, grünen Bananen und Karotten. Es sah ganz anders aus als die Aufläufe, die ich für meinen Vater gekocht hatte. Servietten lagen ordentlich auf dem Tisch. Das war alles neu für mich. Ich nahm meine und schob sie mir oben in den Halsausschnitt meines Rihanna-T-Shirts. Pablo grinste, aber Sharyna verzog keine Miene. Tony und Colleen wechselten Blicke. Ich hatte Huhn, Kohl und Karotten auf dem Teller, konnte aber den Blick nicht von den grünen Bananen lassen. Für mich sahen die gar nicht grün aus.

»Ihr kocht Bananen?«, fragte ich.

»Die sind nicht wie gelbe Bananen«, erklärte Tony. »Das ist kein Obst, das ist ein Gemüse.«

»Für mich sehen die beide gleich aus«, sagte ich. »Ich ess Banane immer in Scheiben mit Vanillesauce. Hab ich für meinen Dad gemacht. Das hat er geliebt. Aber das hier sieht … also seid jetzt nicht beleidigt … total daneben aus.«

»Probier mal«, schlug Colleen vor.

Ich beäugte das Zeug erneut. Es dampfte. Ich werde meine Geschmacksknospen nicht quälen.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich will euch nicht beleidigen, aber das ist nichts für mich.«

Pablo kicherte. Sharyna schaute ihn an und ließ sich von seinem Kichervirus anstecken.

»Nomi, du musst dein Gemüse essen«, sagte Pablo mit Quietschestimme.

Aller Augen waren auf mich gerichtet. Ich stand auf, nahm eine Serviergabel und spießte ein Stück auf. Ich ließ es auf meinen Teller fallen und schnitt ein kleines Stück ab. Das spießte ich wiederum auf meine Gabel und hielt es mir vor die Nase. Dann steckte ich es in den Mund und kaute, dachte darüber nach und kaute noch mal. Ich schaute erst nach links, dann nach rechts.

»Ganz schön hart«, sagte ich. »Schmeckt überhaupt nicht wie echte Banane. Eher wie eine komische Kartoffel.«

Pablo platzte vor Lachen, spritzte Karotte und Huhn über seine Seite vom Tisch.

»Willst du auch mal die Yams probieren?«, schlug Tony vor, nachdem er Pablos Platz sauber gewischt hatte. »Schmeckt auch ein bisschen wie Kartoffel.«

»Ganz schön grau,« meinte ich.

»Probier’s doch«, drängte mich Colleen.

Ich spießte ein plattes Stück Yams auf, legte es mir auf den Teller und schnitt ein kleines Stück ab. Steckte es in den Mund und kostete.

»Ist hart«, sagte ich. »Wie eine harte Kartoffel.«

Wieder prusteten Pablo und Sharyna drauflos.

Zehn Minuten später hatte ich aufgegessen. Mein Teller war leer. Colleen grinste so breit wie die ganze Zeit noch nicht.

Ich half Tony beim Abspülen, während Colleen im Wohnzimmer mit Sharyna und Pablo ein Brettspiel spielte.

»Und? Was hast du heute gemacht?«, fragte Tony.

Standardpflegeelternfrage. Er gibt sich Mühe, also lass ich ihn. Aber mein Fummleralarm ist aktiviert, falls er auf die Idee kommen sollte, mir Süßigkeiten schenken zu wollen.

»Nicht viel«, erwiderte ich.

»Warst du draußen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Einkaufen.«

»Hast du bekommen, was du wolltest?«

»Ja.«

»Was habt ihr noch gemacht?«, fragte Tony.

Sieht man das nicht? Was muss ich denn noch alles tun? Den Kopf schütteln und ihm meine neuen Zöpfchen in die Fresse schleudern?

Ich zuckte mit den Schultern.

»Wir haben in dem neuen China-Buffet-Laden auf der High Street gegessen!«, rief Colleen aus dem Wohnzimmer.

»Super!« Tony lächelte. »Was hast du dir ausgesucht, Naomi?«

»Chinesisch«, erwiderte ich.

»Hast du mal einen von den Kräutertees da probiert?«

»Nein«, erwiderte ich. »Ich trinke keine Blumen.«

»Wir hatten beide Frühlingsrollen und Special Fried Rice«, ergänzte Colleen aus der Diele.

Die Konvo war echt öde.

»Ich geh nach oben und schau eine DVD«, sagte ich. Dann an Colleen gewandt: »Versprichst du mir, dass du morgen Vormittag meine Haare fertig machst?«

»Na klar.«

»Louise wird echt geschockt sein«, grinste ich.

Ich sauste an Colleen vorbei, die Treppe hoch.

Anderthalb Filme später kam ich wieder runter, um mir Saft zu holen. Ich ging am Wohnzimmer vorbei und sah Tony dort auf einem Kissen sitzen. Colleen parkte hinter ihm auf einem Sessel und massierte ihm die Schultern. Auch das hatte ich bei Mum nie gesehen, dass sie so was bei Rafi oder Dad gemacht hatte. Wahrscheinlich hatten sie sich zu viel gestritten und keine Zeit dafür gehabt.

»Alles okay?«, fragte Tony.

»Ja«, erwiderte ich. »Sharyna und Pablo sind in meinem Zimmer und gucken was.«

Tony und Colleen wechselten Blicke. Ich ließ sie.

Als ich ein großes Glas Cola runtergekippt hatte, saßen Sharyna und Pablo mit offenen Mündern links und rechts an Kissen gelehnt neben mir. Ich hatte das Licht ausgemacht und die Vorhänge zugezogen. Sie schauten sich einen krumm gebauten Typen mit nur einem Auge, einer weißen Weste voller Flecken und einer zerrissenen Jeans an, der mithilfe einer Bohrmaschine gruselige Schweinereien mit dem kleinen Zeh eines gefesselten Teenagermädchens veranstaltete. Die blonde Schnalle schrie und schrie noch mal, dann wurde sie bewusstlos. Geschieht ihr recht. Wieso hat sie auch Sex mit ihrem Freund auf dem Rücksitz von ihrem gebrauchten Honda haben müssen? Pablo legte sich die Hände vors Gesicht. Sharyna bohrte sich die Finger in die Wangen – ihre Augen waren groß wie braune Spiegeleier.

Jemand bewegte den Türknauf.

Mein Kopf drehte sich zur Tür. Tony feuerte Kanonenkugelblicke auf mich ab, dann marschierte er schnurstracks zum Fernseher, schaltete ihn aus und funkelte Pablo und Sharyna an. »Ab ins Bett!«

Ein breites Grinsen zeigte sich auf Pablos Gesicht. »Gute Nacht, Nomi.« Er stand auf und verzog sich zuckersüß in sein Zimmer.

Sharyna brauchte eine Weile, bis sie sich rührte. Sie stand vom Bett auf und starrte unter sich. »Wir beide unterhalten uns gleich noch, junges Fräulein.«

»Ja, Dad«, erwiderte Sharyna.

Tonys Blick feuerte jetzt wieder auf mich. Er sah aus, als hätte er lange keinen Kürbissaft mehr gehabt. »Denen war langweilig, also haben sie bei mir angeklopft und gefragt, was ich mache«, sagte ich. »Sie wollten gucken, was ich geguckt hab. Sie haben ja keinen DVD-Player im Zimmer. Dabei hättest du genug Kohle, um ihnen einen zu schenken.«

Tony warf die DVD aus, hielt sie in der linken Hand, während er den Player vom Fernseher abkabelte. Er fuchtelte in der Luft damit herum, als wär’s ihm total egal. »Das«, sagte er, »gehört sich nicht. Ganz offensichtlich kann man dir nicht vertrauen. Kinder von sechs und elf Jahren sollten so was nicht gucken.«

Tony verließ mein Zimmer mit der DVD in der Hand.

»Wo willst du hin mit meiner DVD?«, fragte ich. Ich sprang aus dem Bett und rannte Tony in den Flur hinterher.

»Irgendwohin, wo du sie nicht findest«, erwiderte er.

»Aber die gehört mir. Dein scheiß Name steht da nicht drauf!«

»Du bist zu jung, um dir so was anzuschauen.«

»Trotzdem gehört sie mir! Wer bist du, dass du mir meine Sachen abnehmen darfst? Hast du sie gekauft? Nein! Also gib sie mir wieder! Unverschämtheit!«

»Das ist mein Haus und du wirst dich an meine Regeln halten.«

»Ich hab nicht drum gebeten, herzukommen, du Arschgesicht! Scheiß auf deine verkackten Vorschriften! Gib mir die DVD zurück.«

»Hör auf mich zu beleidigen, junges Fräulein, sonst bekommst du sie nie wieder.«

»Das nennst du beleidigen? Halt schön die Luft an, ich hab noch gar nicht richtig angefangen.«

Pablos Zimmertür flog auf – ich konnte seinen halben Kopf und sein Grinsen sehen.

»Du kannst deine DVD wiederhaben, wenn du dich dafür entschuldigst, dass du sie kleinen Kindern gezeigt hast.«

»Dann gibst du sie mir nicht wieder?«, fragte ich.

»Ob du einen Tag oder zehn Jahre hier bist«, sagte Tony, »du musst lernen, dass es Grenzen gibt, Naomi. Lerne, was in Ordnung geht und was nicht.«

Ich kehrte Tony den Rücken zu, stampfte durch den Flur und bog in Tony und Colleens Schlafzimmer ab. Sie hatten DVD-Boxen auf dem Regal gegenüber vom Bett. Ich schnappte mir 24, die Hobbit-Trilogie und jede Menge andere. Beim Rausrennen fielen ein paar davon zu Boden. Tony stand immer noch im Flur. Colleen kam die Treppe rauf. »Sie hat den Kindern einen Horrorfilm gezeigt«, petzte Tony.

Colleen bedachte mich mit einem Warum-bin-ich-bloß-Pflegemutter-geworden-Blick, während Tony den Kopf schüttelte. »Sie muss lernen, dass es Grenzen gibt«, wiederholte er. »Auch wenn sie nur eine Nacht bleibt.«

Ich schob an ihnen vorbei in mein Zimmer. »Du hast was von mir und ich hab was von dir. Und du kriegst nichts davon zurück, bis ich nicht wiederbekomme, was mir gehört.«

Dann knallte ich die Tür hinter mir zu. Der Türrahmen vibrierte und ich ließ mich aufs Bett fallen. Ich suchte mein Erdmännchen und drückte es ganz fest.

Ein paar Minuten später klapperte jemand an meiner Tür.

»Ich bin’s, Colleen. Können wir reden?«

»Nein.«

»Wir haben Regeln, Naomi.«

»Na und?«

»Daran müssen sich alle halten«, beharrte Colleen. »Wir können Sharyna und Pablo nicht erlauben, Horrorfilme zu gucken. Die sind nicht … so groß wie du. Sie haben andere Erfahrungen gemacht als du. Kannst du das nicht verstehen? Wir wollen nicht, dass sie Albträume bekommen.«

Das verstand ich. Aber er hatte mein Eigentum einkassiert.

»Sag ihm, dass ich meine DVD wiederhaben will!«, schrie ich.

»Du bekommst sie zurück, wenn wir beide das Gefühl haben, dass du was draus gelernt hast«, sagte Colleen.

Die geben kein Stück nach. Die Holmans hätten mir schon längst was zu essen gemacht, mir einen süßen Kaffee aufgesetzt und Kohle für eine brandneue DVD gegeben. Das Ganze mit Zahnpastawerbungslächeln.

»Und er bekommt seinen Kram zurück, wenn er was draus gelernt hat«, fauchte ich.

»Wir unterhalten uns morgen«, sagte Colleen.

»Mit dem rede ich nicht«, erwiderte ich.

»Ich will mich wirklich nicht mit dir streiten, Naomi«, sagte Tony und kam hinter Colleen die Treppe rauf. »Aber Regeln sind Regeln.«

»Gute Nacht«, sagte Colleen.

»Gute Nacht«, wiederholte Tony.

»Gute Nacht, Nomi!«, rief Pablo aus dem Flur.

»Ab ins Bett!«

So süß.

Ich saß mit angewinkelten Knien auf dem Bett, schaukelte mit geschlossenen Augen vor und zurück. Das musste ich eine halbe Stunde lang gemacht haben, dann wurde es mir langweilig.

»Tony, du Arschgesicht«, flüsterte ich. »Du blödes verficktes Super-duper-Arschgesicht.«

Ich schloss die Augen.

Als ich mich um meinen Dad kümmern musste, war ich die Chefin gewesen. Ich konnte ins Bett gehen, wann ich wollte. Gucken, was mir gefiel. Machen, was ich wollte. Jetzt sagen mir Sozialarbeiter und irgendwelche Fremden, was ich machen soll.

5
EINE NEUE SAMMLUNG

Ich wälzte mich erst aus dem Bett, als Pablo, Sharyna und Tony aus dem Haus waren. Wartete, bis ich Tonys Truck abfahren hörte, dann zog ich die Vorhänge auf. Die Morgensonne zwang mich, die Augen zusammenzukneifen. Ich schaute hinaus in den Garten und hörte so ein nerviges Vogelgezwitscher in der Nähe. Hinten im Garten am Schuppen war ein Minifußballtor. Ein orangefarbener Ball lag in der Ecke vom Netz. Eine sauber gemähte Rasenfläche war auf drei Seiten von Blumen und Pflanzen umgeben.

Stufen führten von der Hintertür an einen kleinen Teich, der die Form einer Acht hatte. Sehr schick. Louise meinte ja, Arschgesicht ist Landschaftsgärtner oder so. Wenigstens ist er in seinem Job auf der Höhe. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, was hinter meiner alten Wohnung war – hab nie einen Fuß da rausgesetzt.

Ich schaute mir die DVDs aus Tonys Schlafzimmer an, die auf dem Boden verteilt lagen. Ich hob sie alle auf, setzte mich aufs Bett damit und ging sie durch. Die Verurteilten, Die glorreichen Sieben, Der Clou, Manche mögen’s heiß, Saturday Night Fever, Sarafina!, Babylon, Burning an Illusion. Affe hängt in den Seilen! Hat er auch was von diesseits der Jahrtausendwende?

Ich beschloss, Colleen zu suchen. Ich ging mit den DVDs raus in den Flur, sprang die Treppe runter und hörte die Waschmaschine. Das Geräusch kam aus dem Keller.

Ich öffnete die knarzende Tür und stieg eine kurze Treppe hinunter. Ich konnte getrockneten Matsch, Gras, Öl und Waschpulver riechen. Die Luft war feucht. Ich erinnerte mich an etwas aus meiner Vergangenheit. Es ließ mir das Blut gefrieren. »Du musst da nicht rein, Naomi.« Das war Dads Stimme. »Ich sehe doch, dass dich das fertigmacht. Wenn du willst, mach ich dir warmes Wasser in eine Schüssel, dann kannst du dich in deinem Zimmer waschen. Wenn du willst, kannst du dich immer da waschen.«

Ich schüttelte den Kopf und die Erinnerungsblase platzte.

Auf einer Seite des Kellers stapelten sich unzählige Gartengeräte und Werkzeuge. In einer Ecke entdeckte ich eine kaputte Schubkarre.

Ich kam unten an. Colleen war gerade dabei, Buntes von Weißem zu trennen. Sie trug ihr rot-gold-grünes Kopftuch. Pinke Slipper mit Monstergesicht umkuschelten ihre Füße.

»Oh, du hast mich erschreckt«, schmunzelte Colleen. »Willst du dein Frühstück?«

»Ich mach mir selbst was«, erwiderte ich.

Colleen schaute auf die DVDs in meinen Händen. »Hast du gut geschlafen?«

»Ja, besser als die Nacht davor.«

»Was möchtest du zum Frühstück?«

»Ich hätte gerne Speck und Rührei.«

»Gib mir noch ein paar Sekunden, dann …«

»Ich kann mir selbst Frühstück machen«, fiel ich ihr ins Wort.

»Ich bin sicher, dass du das kannst.«

»Für meinen Dad hab ich auch immer Frühstück gemacht«, sagte ich. »Jedenfalls wenn was im Kühlschrank war.«

Ich drehte mich um, wollte wieder die Treppe rauf. »Hätte ich fast vergessen«, sagte ich. Ich übergab die DVDs. »Hier, kannst du wiederhaben. Ist nichts dabei, worauf ich stehe. Ist alles ganz schön alt … tut mir leid wegen gestern Abend.«

»Danke, Naomi. Der Grund, warum …«

Bevor Colleen ihren Satz beenden konnte, hatte ich mich schon umgedreht und war wieder hochgelaufen. Ich wollte sie nicht beleidigen, aber so früh am Morgen war ich noch keinem Vortrag gewachsen. Und ich hatte echt Hunger.

Rühreier und drei Scheiben Speck später setzte Colleen sich zu mir an den Küchentisch. Ich schaute sie an, kippte mir noch mehr braune Sauce auf meinen Teller. Ein großes Glas Cola stand daneben.

»Danke noch mal, dass du die DVDs zurückgegeben hast«, sagte Colleen. »Und dass du dich entschuldigt hast. Ich wollte sagen, der Grund, warum wir Sharyna keinen DVD-Player in ihrem Zimmer erlauben, ist, dass wir nicht noch mehr Ablenkungen für sie wollen. Ist so schon schwer genug, sie abends dazu zu bringen, den Fernseher auszumachen.«

»Ihr habt doch auch einen DVD-Player im Zimmer«, wandte ich ein. »Sogar Blu-ray. Und Pablo hat nicht mal einen Fernseher.«

»Tony und ich müssen ja auch keine Hausaufgaben machen«, sagte Colleen. »Und wir lernen auch nicht lesen. Als wir angefangen haben, Pflegekinder aufzunehmen, bekamen sie immer alles, was sie wollten, in ihr Zimmer. Spiele, Fernseher, alles. Aber man lernt aus der Erfahrung.«

»Die beiden haben bei mir angeklopft«, sagte ich. »Und ich wollte ihnen zeigen, dass wir Freunde sind. Ich wollte nicht, dass sie Angst vor mir haben … manchmal passiert mir das.«

Colleen nickte. »Das verstehe ich«, sagte sie.

»Gut, dass wir uns da einig sind«, sagte ich.

»Ist nur so, ich glaube nicht, dass sie schon mal irgendwas dieser Art gesehen haben …«, Colleen stammelte, »wie das, was du ihnen gestern gezeigt hast. Sharyna hatte eine ganz schlechte Nacht.«

»Aber Pablo fand’s toll«, verteidigte ich mich. »Er hat sich weggeschmissen vor Lachen.«

»Ich glaube nicht, dass es ihm gefallen hat, Naomi. Kinder in seinem Alter tun manchmal so, als würden sie etwas toll finden.«

Wieder Sozialarbeitergequatsche.

»Horrorfilme haben mir nie was ausgemacht«, sagte ich. »Hab sie geguckt, seit ich sechs war. Mum ist immer zum Woodside Market und hat welche gekauft, für eins fünfzig das Stück. Später, wenn Dad weggetreten war und ich nicht in die Schule konnte, weil ich mich um ihn kümmern musste, hab ich sie nachmittags geguckt. Und Kim im Heim kennt so einen Koreaner, der DVDs verkauft. Er will fünf Pfund für eine, aber Kim gibt ihm nur drei. Die kann gut handeln.«

»Nicht jedes Kind ist wie du, Naomi. Viele bekommen Albträume.«

»Ich bin kein Kind!«, protestierte ich.

Hätte nicht laut werden sollen. Louise lag mir ständig deshalb in den Ohren.

Ich senkte meinen Ton. »Hatte Sharyna wirklich einen richtigen Albtraum?«

»Nein, aber sie hat sehr lange gebraucht, bis sie eingeschlafen ist«, sagte Colleen. »Ich musste ihr lange vorlesen.«

»Sie hätte was sagen sollen. Dann hätte ich’s ausgemacht.«

»Das wird sie nicht machen, Naomi. Sie will, dass du sie für cool hältst.«

Dagegen konnte ich nichts sagen. Warum hätte Sharyna nicht so cool sein wollen wie ich?

Ich trank den Rest meiner Cola. Colleen sah mir zu, wie ich mir die Lippen leckte und das Glas auf den Tisch stellte. »Wann kommt Louise dich abholen?«, fragte sie.

»Um zwölf«, erwiderte ich. »Sie geht mit mir mittagessen. Hab sie seit Monaten gefragt, ob wir nicht mal zu dem TGI in Cranerley gehen können, aber so viel will sie nicht lockermachen. Sag ihr nicht, dass ich’s gesagt hab, aber Louise ist Baronin Billo. Kims Sozialarbeiterin ist mit ihr zu TGI, und als Nats fünfzehn geworden ist, war sie mit ihrer bei Harvester. Aber Louise macht mit mir auf Getto, wir gehen immer nur zu McD oder Zubaretti’s Fish and Chips an der Ashburton High Street.«

»Soll ich dir schnell die Haare fertig machen, bevor du los musst?«

»Na klar … ich meine, ja bitte! Will nicht raus und aussehen, als hätten sie mich bei Fluch der Karibik nicht mehr genommen.«

»Okay. Dann geh duschen, danach steh ich dir zur Verfügung.«

Ich spülte schnell noch die Pfanne, den Teller und mein Glas und trocknete ab. Als ich alles in den Schrank geräumt hatte, merkte ich, dass Colleen mich beobachtete. »Danke, Naomi«, sagte sie.

Bei den Lokalnachrichten ging gerade die Mittagsschicht zu Ende. Wieder ein Bandenmord in Crongton. Sie hatten einen fünfzehnjährigen Brother mit dem Spitznamen Joe Grine gefunden, er hatte abgestochen im Crongton Stream in der Nähe von Gulley Wood gelegen. Affe kniet auf Nagelbrett! Ashburton ist schon toxisch genug, aber so wie die sich in Crongton bekriegen, hätte ich echt keinen Bock, dort zu wohnen.

Ich schnappte mir die Fernbedienung und zappte durch die Musiksender. Zu viel Werbung. Es klingelte. Colleen ging hin.

In der Diele hörte ich Louise. Ich drehte die Lautstärke runter und spitzte die Ohren, um was von der Konvo mitzuschneiden. »Tut mir leid, bin spät dran«, sagte Louise. »Hatte noch einiges an Papierkram abzuarbeiten. Alles in Ordnung? Gab’s Probleme?«

Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen und hielt mir den Mund zu.

»Äh, na ja«, räumte Colleen ein. »Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit wegen Naomis DVD-Sammlung. Sie hat Pablo und Sharyna erlaubt, bei einem Film mitzugucken.«

Meine Mad-Killer-Driller-DVD erfreute sich allgemein keiner großen Beliebtheit.

»Oh«, erwiderte Louise. »Die hätte ich ihr abnehmen sollen. Leider scheinen ihre Freundinnen auch drauf zu stehen.«

»Sie war ein bisschen ungehalten, als Tony sie ihr weggenommen hat«, sagte Colleen. »Woraufhin sie in unser Zimmer gegangen ist und einige unserer DVDs einkassiert hat, aber heute Morgen hat sie sie zurückgegeben und sich entschuldigt. Also alles wieder in Ordnung.«

»Gut«, sagte Louise.

»Kaffee?«, bot Colleen an.

»Das wäre wunderbar. Wo ist sie?«

Affe sitzt auf Blubberblasen! Die sind so scheiß höflich miteinander, wundert mich, dass sie sich nicht gegenseitig die Ärsche abwischen.

»Im Wohnzimmer«, erwiderte Colleen.

Ich schaltete den Fernseher aus, sprang mit einem Satz vor Louise in die Diele und flitzte in die Küche. Dort schaltete ich den Wasserkocher ein.

»Kaffee, Louise?«

Louise antwortete nicht. Und vergaß sich zu setzen. Stattdessen blieb sie ganz still stehen, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete meine Frisur.

»Wie viele Sternchen von zehn?«, fragte ich, zwirbelte ein Zöpfchen zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Das ist … schick, Naomi.«

»Hat mir Colleen gemacht. Bringt auf jeden Fall mal Abwechslung zwischen meine Schultern.«

»Ja … tatsächlich mal was anderes«, sagte Louise. Endlich parkte sie ihr Hinterteil.

»Kekse?«, bot Colleen an.

»Heute nicht«, erwiderte Louise. Sie musterte meine Zöpfchen, als würde Tarzan sich von einem zum anderen schwingen. »Ich will mir so kurz vor dem Mittagessen nicht den Appetit verderben.«

»TGI?«, schlug ich vor.

Warum es nicht wenigstens versuchen, sie kann ja nur Nein sagen.

»Fang nicht wieder davon an«, erwiderte Louise. »Das ist zu teuer.«

Baronin Billo ist zurück. Zu ihrem nächsten Geburtstag schenk ich ihr eine Cap, auf der das steht.

»Kim ist mit ihrer Sozialarbeiterin schon da gewesen.«

»Ich bin aber nicht Kims Sozialarbeiterin.«

»Das hab ich gemerkt!« Ich hob die Stimme. »Die ist nämlich nicht geizig und lässt ihr Portemonnaie nur ab und zu mal Luft schnappen.«

»Hmmm?«, erwiderte Louise. »Bin ich dir nicht großzügig genug?«

»Wenn du’s wärst, wären wir schon längst auf dem Weg zu TGI.«

Keine Ahnung, was Colleen von unserem Schlagabtausch hielt. Sie stand mit verschränkten Armen da. Aber hey-de-ho, so reden Louise und ich nun mal miteinander.

»Du bist wohl nie zufrieden, oder?«, fuhr Louise fort.

»Doch, wenn du mit mir zu TGI gehst.« Ich kicherte.

Und machte Louise Kaffee. Ein Löffel Zucker und nicht zu viel Milch. Sie nahm einen Schluck und betrachtete erneut meine Frisur. Ich glaube nicht, dass sie die gerne auf meinem Passfoto gesehen hätte.

»Also, wohin fahren wir?«, wollte ich wissen. Sie nahm sich einen Vanillecremekeks, bevor sie antwortete.

»Monk’s Orchard.«

»Monk’s Orchard? Wozu denn das? Da sind lauter ausländische Nannys, Typen mit Strass am Kragen und alte Ladys mit dürren kleinen Kötern.«

»Es gibt dort ein sehr schönes Café«, erklärte Louise. »Das Friar’s Tuck.«

Ich verzog das Gesicht. »Das Friar’s Tuck? Ich esse in keiner Kirchenkantine. Diese scheiß Kirchen-Brüder sind die schlimmsten Fummler. Die haben nur deshalb so weite schwarze Kutten an, damit sie ihre erigierten …«

»Ausdrucksweise, Naomi«, fiel mir Colleen ins Wort.

»Tschuldigung«, sagte ich.

»Es ist in keiner Kirche, Naomi«, sagte Louise. »Es ist ab von der High Street. Die machen da auch tollen Nachtisch.«

Ich dachte drüber nach. Louise warf noch einen Blick auf meine Zöpfchen. »Na schön«, gab ich nach. »Aber wenn mich eine von den kleinen Graurücken blöd anguckt, kick ich ihr den Krückstock weg und mache Salami aus ihrem dürren Schoßhund.«

Ich schwöre, ich hab Colleen kichern hören. Sie gab sich Mühe, schnell wieder ernst zu gucken.

»Ich bin sicher, die werden nichts sagen«, behauptete Louise.

Eine Stunde später bogen wir in Monk’s Orchard in eine ruhige Straße ab und gingen zu Friar’s Tuck. Eine fette braune Katze lag faul auf dem Fensterbrett und beäugte mich. Das Café war klein, hatte nur acht Tische. Hauptsächlich waren Graurücken da und verkosteten Tee, verknusperten Kuchen und lösten Kreuzworträtsel. Wir setzten uns ans Fenster und ich nahm eine Speisekarte, schaute fünf Minuten durch. »Ich nehme den Pie mit Huhn und Pilzen, dazu Erbsenpüree, Pommes und eine große Cola.«

Louise zog ihre Jacke aus, legte sie auf den Stuhl neben sich und musterte erneut meine Haare. »Wessen Idee war das denn mit der neuen Frisur?«, wollte sie wissen. »Deine?«

»Ja. Colleen hat’s heute fertig gemacht.«

»Dann hat also weder Tony noch sie das vorgeschlagen?«

»Nein, war meine Idee. Mal was anderes, oder? Kim wird vor Neid sterben. Sie wollte die Haare immer schon haben wie die schwarzen Mädchen. Nats hat Glück, die ist schwarz und kann sich die Haare selbst machen. Einmal haben Kim und ich die Schule geschwänzt und sind in so einen Salon in Ashburton. Du weißt schon, wo die Friseure tageweise einen Stuhl mieten. Wir wollten uns Zöpfchen machen lassen, aber Kim hat vorher Schiss bekommen. Ich wär rein.«

»Ich finde, bei schwarzen Mädchen sieht das gut aus, aber …«

»Aber was? Bei mir nicht? Sharyna fand’s supertoll. Und Pablo auch. Willst du nicht bestellen?«

»Äh, doch, aber du darfst deine Identität nicht aufgeben, Naomi.«

»Meine Identität?«, fragte ich. »Wusste gar nicht, dass ich eine habe. Was hab ich denn für eine Identität?«

Louise rutschte auf ihrem Stuhl herum. »Na ja, äh«, stammelte sie. »Die Sache ist die, Naomi, wenn du eine andere ethnische Identität übernimmst, läufst du Gefahr, die eigene zu verlieren. Beim Jugendamt gibt es alle möglichen Vorschriften, die Eltern in der Notpflege untersagen, Einfluss auf die kulturelle Identität der Kinder zu nehmen.«

»Die was untersagen?«, fragte ich. »Keine Ahnung, wovon du redest mit deinem ganzen kulturellen Kauderwelsch. Ich will einfach nur salonfähig aussehen. Sagst du mir nicht immer, dass ich mehr auf mein Erscheinungsbild achten soll?«

»Ja, das sage ich, Naomi, aber …«

»Aber was?«, widersprach ich.

Louise sog lange Luft ein. »Du könntest etwas von dir selbst verlieren, die wahre Naomi Brisset«, sagte sie. »Zum Beispiel würdest du doch von einem schwarzen Jungen, der keine Ahnung von Schottland hat, auch nicht erwarten, dass er einen Kilt trägt?«

»Was ist denn ein Kilt? Ein kariertes Kondom oder was? Ich denke, du hast nicht mehr alle Klöße im Gulasch, Louise. Die wahre Naomi Brisset will Zöpfchen so wie Solange Knowles und Alicia Keys. Findest du nicht, dass die megageil aussehen? Kim und Nats finden das auch.«

»Doch, die sind beide sehr attraktiv.«

»Warum machst du dir dann ins Hemd wegen meinen Zöpfchen? Wenn wir dieses Jahr einen guten Sommer kriegen, seh ich zu, dass ich braun werde. Ich würde gerne aussehen wie Rita Ora.«

»Rita Ora ist nicht braun, Naomi.«

»Bist du sicher? Ich finde, die sieht braun aus. Entweder von der Sonne, oder sie hat sich so eine Power-Sonnenbank ins Schlafzimmer gestellt und schläft nachts drauf.«

Eine Kellnerin kam und nahm unsere Bestellung auf. Louise entschied sich für einen langweiligen Salat. Wozu soll das gut sein, wegen einem Salat bis nach Monk’s Orchard zu fahren? Ich bestellte absichtlich den teuersten Nachtisch – Tiara-Sue. Ihr Portemonnaie brauchte eine Abspeckkur.

»Am Samstag kommt eine neue Pflegefamilie aus dem Urlaub zurück«, sagte Louise. »Die Hamiltons. Ich dachte, vielleicht passt du ganz gut zu denen. Die haben eine neunzehnjährige Tochter. Sie studiert an der Uni und könnte einen guten Einfluss auf dich haben.«

»Weiß nicht«, sagte ich. »Ich will erst mal sehen, wie’s mit Colleen läuft. Die ist super. Wusstest du, dass sie selbst im Heim war?«

»Ja, weiß ich. Aber was ist mit Tony? Verstehst du dich denn auch mit ihm?«

»Ungelogen«, erwiderte ich, »der kann schon ganz schön arschgesichtig sein. Macht voll auf Mann-im-Haus. Erinnert mich ein bisschen an Rafi. Rafi wollte mir auch Vorschriften machen. Aber ich hab keine Angst vor Tony und ich glaub auch nicht, dass er ein Fummler ist. Er ist schön unten geblieben, als ich geduscht hab. Und ich mag Sharyna und Pablo, kann mich um die beiden kümmern. Vielleicht fragen mich Tony und Colleen ja, ob ich babysitten will, wenn sie mal in den Urlaub wollen? Wo wohnen denn diese Hamiltons?«

»Spenge-on-Leaf«, erwiderte Louise. »In einem tollen Haus.«

»Spenge-on-Leaf«, wiederholte ich. »Das ist doch, wo die Reichen wohnen. Kim hat mir erzählt, sie ist mal mit einem von da zusammen gewesen. Sie dachte, er ist zwanzig …«

»Du sollst nicht immer alles glauben, was Kim dir erzählt«, sagte Louise.

»Willst du sagen, dass sie lügt?«

»Äh, nein … egal, die Hamiltons wohnen an einem Hang und haben eine wunderschöne Aussicht.«

»Eine wunderschöne Aussicht«, wiederholte ich. »Wenn ich eine schöne Aussicht will, guck ich mir Postkarten an.«

»Hmmm.«

»Du sollst nicht hmmm machen, wenn ich was sage«, sagte ich. »Im Heim war so ein Junge aus Swim Lanka. Schöne schwarze Haare hatte der. Früher hatte er in einem Haus am Strand gewohnt, aber so wie er’s erzählt hat, war’s wohl eher eine Hütte – zum Kacken musste er nach draußen. Still war der. Würdest du nicht glauben, was der für eine Scheiße hinter sich hatte. Die schöne Aussicht hat ihm nicht viel geholfen. Tatsächlich hat sie seiner kleinen Cousine sogar das Leben gekostet. Er hat mir ein Bild von ihr gezeigt – sie hatte …«

»Das ist was anderes.« Louise schnitt mir wieder das Wort ab.

»Diese Hamiltons …«, fragte ich. »Was sind die von Beruf?«

»Tim, Mr Hamilton, ist Architekt. Er hat Aufträge im ganzen Land und darüber hinaus. Seine Frau Susan arbeitet ehrenamtlich im Jugendzentrum in der South Smeckenham Road und hat viel Erfahrung im Umgang mit Kindern jeden Alters. Sie ist jetzt seit fast einem Jahr in der Kindernothilfe.«

»Was macht ein Architekt?«, fragte ich.

»Er entwirft Gebäude.«

»Er entwirft Gebäude? Dann sind die weiß, richtig? Ich hab noch nie gesehen, dass Schwarze Gebäude entwerfen – nicht mal im Fernsehen.«

»Äh, ja, die sind weiß. Die Goldings sind als Übergangslösung wunderbar, aber meinst du nicht, es wäre auf lange Sicht passender, wenn du bei deinesgleichen unterkommst?«

»Kommt drauf an, ob sie okay sind«, erwiderte ich. »Ein Architekt und eine aus der Jugendhilfe? Klingt nicht so cool.«

Louise bedachte mich mit einem ihrer echt-jetzt-Blicke.

»Also dann, Miss Brisset«, schmunzelte sie, »was wäre deiner Meinung nach denn cool?«

Ich dachte drüber nach. Die Kellnerin kam mit unserem Essen.

»Danke«, lächelte Louise.

Ich schnappte mir meine Cola und pumpte das halbe Glas ab, bevor ich antwortete. »Wieso kannst du mich nicht bei interessanten Leuten unterbringen?«, fragte ich. »Mir ist scheißegal, was die für eine Farbe haben. Grime DJs, Wrestler, Clowns, Schauspieler, Sänger, Dancehall Queens … oder bei der Frau, die neulich bei Big Brother so abgedreht ist. Die braucht jemanden, der sich um sie kümmert.«

»Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert, Naomi.«

»Das kann ich schon selbst!«, erwiderte ich mit erhobener Stimme.

Ich nahm meinen Pie in Angriff. »Hab ich das nicht schon gemacht, bevor ihr in mein Leben geplatzt seid, mir alle möglichen langweiligen Vorschriften diktiert und mich in sämtliche Postleitzahlenbezirke geschickt habt?«, fragte ich.

Kopfschüttelnd stocherte Louise in ihrem Salat.

Als Louise aufgegessen hatte, beugte sie sich zu mir vor und senkte die Stimme auf ein Flüstern. »Du weißt ja, was zu dieser Zeit im Jahr bevorsteht …«

»Natürlich. Der April. Ich hab ja noch alle Klöße im Gulasch, Louise. Darf ich noch eine Cola?«

»Nein, du hast genug gehabt. Wenn du so alt bist wie ich, hast du keine Zähne mehr.«

»Das ist ja wohl noch mindestens ein Jahrtausend hin.«

»Naomi! Versuch ausnahmsweise mal, kurz ernst zu bleiben. Du weißt, wovon ich rede.«

Ich dachte an Mum. Das Bad in unserer alten Wohnung platzte mir in den Erinnerungsschädel. Es war schrecklich. Ich wollte nicht über sie reden. Zog mich nur total runter.

»Es ist jetzt fast vier Jahre her«, sagte ich. »Kommt mir vor, als wär’s erst gestern passiert.«

Louise setzte ihren schönsten besorgten Sozialarbeiter-Blick auf.

»Möchtest du nicht was machen, um dich an sie zu erinnern?«

»Was soll ich denn machen?«. Wieder hob ich die Stimme. »Sie ist tot. Wir haben sie verbrannt. Ich kann keine Blumen an eine … wie nennt man das? Das Ding, das aussieht wie eine alte Kanne.«

»Eine Urne«, half mir Louise auf die Sprünge.

»Ich kann keine Blumen an eine Urne legen«, wiederholte ich. »Das ist einfach total verkehrt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Mums Asche da wirklich reinpasst. Ich meine, so wie meine Mum gebaut war, hätte sie bei Ashburtons Next Topmodel keine Chance gehabt.«

Louise legte sich die Hand auf den Mund, um sich das Schmunzeln zu verkneifen, aber ich hatte gar nicht witzig sein wollen.

»Ich werde nicht schlau aus dir, Louise«, sagte ich. »Hast du nicht immer gesagt, ich soll versuchen, zu vergessen, was mit meiner Mum passiert ist, und an die Zukunft denken? Jetzt erzählst du mir, ich muss mich an sie erinnern. Entscheide dich, verdammt noch mal! Ich krieg schon Kopfschmerzen davon!«

»Ich dachte nur, vielleicht willst du …«

»Nein, will ich nicht. Kannst du knicken. Ich will mich nicht an sie erinnern.«

So meine ich das gar nicht. Ich denke jeden Tag an sie. Aber weil ich sowieso rund um die Uhr an sie denke, muss ich auch ständig dran denken, wie sie gestorben ist. Alles war rot.

»Okay, ich verstehe, was du sagen willst«, sagte Louise. Sie streckte die Hand aus und drückte mir die Schulter. Sie hatte immer noch ihre »Sozialarbeiterin auf Fortbildungskurs«-Miene drauf. »Gibt dir Colleen Essen, das dir schmeckt?«, fragte sie.

»Ja, wir waren gestern einkaufen«, erwiderte ich. »Hab auch probiert, was die Schwarzen essen. Macht satt. Ich hatte so eine hartes Bananending und so was Kartoffeliges.«

»Hat man dir eine Alternative angeboten? Oder dich gefragt, was du möchtest?«

»Ja, Colleen ist spitze. Sie hat mir meine Cottage-Pies und Kartoffelpüree gekauft. Und Perlen für meine Haare. Sie hatte heute nur noch keine Zeit, sie reinzumachen.«

Wieder begutachtete Louise meine Frisur. »Ach was?«

»Das kann ich nicht einfach so lassen«, sagte ich. »Irgendwie muss das noch aufgeglamt werden. Die Perlen müssen auf jeden Fall noch rein, bevor ich wieder in die Einrichtung schiebe.«

»Ist das eine gute Idee?«, fragte Louise.

»Glaub mir, wenn Kim das sieht, will sie ne Wiederholung an sich selbst. Aber wer soll das machen? Die wohnt bei keinen Schwarzen, nur ich! Nats kann ihr vielleicht Zöpfchen machen. Nats würde alles für Kim machen.«

Louise schüttelte den Kopf. Sie trank von ihrem Wasser und sah mich streng an. »Also, Miss Brisset«, sagte sie. »Mr Holman. Hat er dich wirklich belästigt?«

Ich ließ mir Zeit mit der Antwort.

Übergriffig ist er nie geworden, aber mir hat nicht gefallen, wie er mich immer angeglotzt hat. Mit dem stimmt was nicht. Der braucht dringender Therapie als ich.

Ich wich Louise’ verärgertem Blick aus. »Darf ich noch ne Cola?«

»Erst wenn du mir sagst, was mit Mr Holman war. Die Wahrheit, Naomi. Und nicht Kims Version.«

Ich sah Louise in die Augen.

Sie hatte einen doppelten echt-jetzt-Blick drauf.

»Er wollte … nur nett sein«, erwiderte ich. »Aber das ist mir auf die Nerven gegangen. Ich sitze vor der Glotze, er setzt sich neben mich und fragt, alles in Ordnung? Ich geh aufs Klo, alles in Ordnung? Ich mach mir ein Schinkensandwich, er kommt in die Küche, alles in Ordnung? Ich renne in mein Zimmer nach oben und er fragt, alles in Ordnung? Ich bin sicher, wenn ich geschlafen hab, stand er daneben, hat geglotzt und gewispert, alles in Ordnung? Das hat mich irregemacht. Hab schon überlegt, ob ich ihm den Fitnesssaft-Mixer überziehen soll, den die da in der Küche stehen haben. Ich wollte einfach nur, dass er mich verdammt noch mal in Ruhe lässt und ins Krankenhaus fährt. Da kann er die Patienten den ganzen scheiß Tag lang fragen, ob alles in Ordnung ist! Und sie war auch total komisch.«

»Hat er dir nachspioniert oder sonst was gemacht, was dir unangenehm war?«

Ich warf einen Seitenblick auf mein leeres Glas. »Eigentlich nicht«, gab ich zu. »Aber das ist ein echter Dr. Strange. Ich wollte da nicht bleiben. Nicht bei denen.«

Jetzt hatte Louise ihre Blue-Bloods-Miene drauf.

»Und was war mit Mrs Holman?«

»Ich konnte sie nicht leiden.«

»Es muss einen besseren Grund geben, Naomi. Du kannst Menschen nicht ablehnen, nur weil du sie ein bisschen komisch findest.«

Ich verschränkte die Arme. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus dieser Konvo.

»Muss ich einen Bericht schreiben?«, fragte Louise.

Ich nahm meine Serviette vom Tisch und wischte mir den Mund. »Eigentlich nicht. Wenn’s dich in den Fingern juckt, dann mach ruhig, aber mir ist das egal. Hauptsache ich muss nicht wieder da hin.«

Louise bedachte mich mit einem erstklassigen echt-jetzt-Blick.

»Hmm. Du hättest Mr Holman sehr viele Unannehmlichkeiten bereiten können.«

»Hab ich aber nicht … darf ich noch eine Cola, bevor wir gehen?«

»Nein, ich muss später noch woandershin, wenn ich dich zu Hause abgesetzt hab.«

»Baronin Billo!«

»Ich denk nur an deine Zähne, Naomi.«

6
DIE SONDEREINRICHTUNG

Das Wochenende verlief undramatisch. Die meiste Zeit hing ich mit den Kids ab. Sharyna fand Karate Kid toll, aber für mich war er ein bisschen lahm. Ich fand’s nicht super, am Montag wieder in die Einrichtung zu müssen, und der Tag kam viel zu schnell.

Ich trug meine schwarze Jeans, einen schwarzen Rollkragenpulli, und meine himmelblauen Adidas umschmeichelten meine Zehen. Bevor wir aus dem Haus gingen, passte ich extra auf, dass ich Pablo die Schnürsenkel band. Dann setzte ich mich zu Sharyna und Pablo in Colleens Wagen. »Danke, Nomi«, sagte Pablo. Er saß hinten neben mir und grinste mich an. Vorne fehlten zwei Zähne. Echt süß. Wenn ich schon achtzehn wäre, würde ich genau so einen Jungen wie ihn adoptieren. Das ganze Theater mit dem Schwangerwerden, so wie bei Mum, wollte ich nicht. Scheiß drauf. Aber man will welche, die noch klein sind, sonst haben sie zu viele Probleme. Ich grinste zurück.

»Anschnallen«, befahl Colleen. Sie ließ den Motor an, und im trostlosesten Radiosender der Welt lief was, wozu die Graurücken in Monk’s Orchard bestimmt gerne die Krückstöcke geschwungen hätten. Ich nahm mir wieder vor, Colleen hinsichtlich des Radiosenderthemas endlich mit Grime vertraut zu machen.

Sie brauchte nur zehn Minuten bis zur Junior School von Sharyna und Pablo. Sharyna checkte noch mal ihre Haare im Rückspiegel und drückte ihrer Mum ein Küsschen auf die Wange, dann stieg sie aus dem Wagen. Pablo war schon total süß durchs Schultor geflitzt, bevor die Füße seiner Schwester überhaupt den Gehweg berührt hatten.

»Hast du seine Tasche?«, fragte Colleen.

»Ja«, erwiderte Sharyna. »Ich geb sie bei seinem Lehrer ab.«

»Danke, Sharyna.«

»Tschüs, Mum, tschüs, Naomi.«

»Tschüs, Sharyna«, rief ich.

»Das macht er jeden Tag«, lachte Colleen, als sie wieder losfuhr. »Vor zwei Wochen hat er seinen rechten Schuh im Auto vergessen. Keiner hat’s gemerkt, bis ich ihn abholen wollte. Er dachte, er hätte ihn in der Schule vergessen, dabei lag er hinten im Wagen. So ist Pablo.«

Ich schmunzelte und fingerte an einem Zöpfchen rum. Ungelogen, die Nervenenden in meinem Bauch schlugen eine wilde Kissenschlacht.

»Alles klar, Naomi?«, fragte Colleen. »Du warst den ganzen Morgen so still.«

»Ich stell mir nur vor, wie langweilig es in der Einrichtung wird«, log ich.

»So schlimm wird’s schon nicht werden.«

Sozialarbeitergerede.

»Doch, es wird so schlimm wie eine Zombieweltherrschaft«, sagte ich. »Wenigstens sehe ich Kim und Nats wieder. Das letzte Mal ist fast zwei Wochen her.«

»Sind das deine besten Freundinnen?«

Ich dachte drüber nach.

»Ich hab keine besten Freundinnen«, sagte ich. »Das sind bloß die Einzigen, die überhaupt mit mir reden. Für die anderen existiere ich gar nicht. Die finden mich komisch.«

»Wenn du willst, kannst du sie mal zu uns einladen.«

Ich musste laut loslachen. »Hahaha! Auf keinen Fall! Kim klaut dir dein Portemonnaie, noch bevor du gesagt hast, dass sie sich setzen darf. Und Nats geht sowieso nicht gerne zu fremden Leuten nach Hause. Da ist sie ganz komisch. Einmal war ich übers Wochenende bei meiner Nan, und Nats ist den ganzen Weg von Notre Dame nach Ashburton gekommen, um mich zu besuchen. Eigentlich hat sie Kim gesucht. Hat sich wahnsinnige Sorgen gemacht.«

»Wir alle können Freundinnen gebrauchen, die sich Sorgen um uns machen«, sagte Colleen.

Ich nickte. »Als sie bei meiner Nan vor der Tür stand, hab ich gesagt, wenn sie Kim gefunden hat, soll sie zur Beruhigung ein paar von den Stresspillen ihrer Mum einwerfen. Reinkommen wollte sie nicht. Sie hat einfach draußen im Regen gewartet, bis ich mich fertig gemacht hatte, damit ich ihr bei der Suche helfe, das wollte sie.«

»Kann ich verstehen«, sagte Colleen. »Sie hat verzweifelt ihre Freundin gesucht.«

»War wohl so«, gab ich ihr recht. »Kim taucht immer mal wieder ab. Manchmal muss ich ganz alleine sein und nachdenken, sagt sie immer zu Nats. Nee, Nats hat echt ständig Angst, verlassen zu werden.«

»Wie sind die Lehrer in der Einrichtung?«, fragte Colleen.

»Langweilig. Pro Tag sind immer nur ein oder zwei Lehrer da. Aber jede Menge Erzieher. Wir haben nicht viele normale Unterrichtsstunden. Wir haben Gespräche und so. Persönliche Entwicklung nennen die das. Normalerweise endet es damit, dass alle sich beschimpfen und prügeln … bist du nie von der Schule geflogen?«

Colleen hielt den Blick auf die Straße gerichtet. »Äh … doch, bin ich.«

»Echt?! Weshalb? Hast du dich geprügelt? Nee, du bist nicht der Typ, der anderen auf die Fresse haut. Hast du geklaut? Darf ich nach vorne kommen?«

»Natürlich.«

Colleen fuhr ran. Ich sprang auf den Beifahrersitz vorne und Colleen fädelte sich wieder in den Verkehr.

»Hast du zu viel geschwänzt?«, bohrte ich weiter.

»Nein.«

»Das Schullabor angezündet?«

»Bestimmt nicht.«

»Dich von einem Lehrer angrapschen lassen? Oder einem Typen aus den oberen Klassen?«

Colleen verengte den Blick und guckte streng.

»Was denn dann?«, wollte ich wissen.

Colleen sagte kurz gar nichts, dann schluckte sie einen dicken Wurm. »Ich hab mich geprügelt.«

»Geprügelt?«, wiederholte ich. »Kein Scheiß? Du?«

»Ja, ich, Naomi.«

Ich musterte Colleen von den Augenbrauen bis zu den Fußspitzen. »Du bist aber doch keine Straßenbitch«, sagte ich. »Und siehst auch nicht so aus. Was für ein Trauma hat dich denn überrollt?«

»Lass uns das Wort Bitch mal streichen«, meinte Colleen. »Mein Dad war bestimmt nicht der beste der Welt und meine Mum auch nicht. Aber Hunde waren sie keine.«

»Tschuldigung.«

Schweigend fuhr sie ungefähr eine halbe Meile weiter. Das schlechte Gewissen piesackte mein Gehirn.

»Ich war vierzehn«, fing sie erneut an. »Und noch kleiner als jetzt.«

»Als Hobbit würde ich dich nicht bezeichnen«, sagte ich.

Colleen lächelte. »Ich war neu an der Schule – an der Smeckenham Girls«, erzählte sie, »und ging mit einem Fünfzehnjährigen von der gemischten Coloma School in derselben Straße. Ich fand, er war das Schärfste, was ich je in einem Basketballtrikot gesehen hatte. Aber in dem Alter ist das normal.«

»Du bist mit dem gegangen, das heißt, ihr wart zusammen, habt euch die Zungen in die Hälse geschoben und unten rumgefingert, richtig?«

»Äh, ja.«

»Hat er dich entkorkt?«, wollte ich wissen.

»Hat er was?«, fragte Colleen.

»Dich entkorkt«, wiederholte ich. »Dir deine Jungfräulichkeit genommen?«

»Nein. Das war nur … egal, jedenfalls hatte er neben mir noch eine andere, von der ich nichts wusste. Und wie es das Schicksal wollte, ging sie auch auf die Smeckenham Girls. Als ich das mitbekommen hatte, hab ich sofort Schluss gemacht. Aber die andere hat mich nicht in Ruhe gelassen, hat mich dauernd als Schlampe oder Nutte beschimpft, als alles Mögliche.«

»Was für eine Ober-Bitch. Hast du ihr die Hirnmasse aus dem Schädel geschüttelt? Sie gezwungen, der Kanalisation Blut zu spenden?«

»Ausdrucksweise, Naomi.«

»Tschuldigung … hast du …?« Mir fiel nichts ein, was kein Schimpfwort war. »Hast du ihr eine verpasst? Sie fertiggemacht? Sie verdroschen?«

Colleen ließ sich Zeit mit der Antwort. »Mit den Beschimpfungen bin ich noch klargekommen«, sagte sie. »Hab versucht, sie zu ignorieren.«

»Und wieso ist das Pulverfass dann doch explodiert?«, wollte ich wissen.

Colleen holte tief Luft. »Eines Nachmittags bin ich ihr in der Schule im Gang begegnet. Ich war auf dem Weg zum Hauswirtschaftsunterricht – wie nennt man das heutzutage? Lebensmitteltechnik, oder? Genau. Wir wollten an dem Nachmittag einen Victoria Sandwich Cake backen. Meine Tasche war schwerer als sonst.«

»Und dann?«

»Sie hat eine Bemerkung gemacht.«

»Was hat sie gesagt?«, fragte ich.

»Wir fingen an zu streiten, beschimpften uns gegenseitig. Dann hat sie gesagt, wenigstens ist meine Mutter keine Irre, du scheiß Schlampe! Da bin ich durchgedreht.«

»Die hätte ich aufgespießt an so einem Ding, an dem man fette Truthähne grillt. Unverschämtheit!«

»Ich hab sie an den Haaren gepackt und versucht, sie ihr vom Schädel zu reißen«, fuhr Colleen fort. Ihre Augen wurden größer und sie hörte auf zu blinzeln. »Andere sind mir auf den Rücken gesprungen, aber ich hab nicht losgelassen. Sie hat geschrien … ich hab so lange zugepackt, wie ich konnte, und sie mit dem Kopf über den Boden gezerrt. Ich erinnere mich, dass ein Krankenwagen kam. Überall waren Mehl und Eier. Mein Fläschchen mit der Vanilleessenz und den Kristallzucker hatte ich verloren. Die Lehrer haben mich weggezerrt, aber ich hab mich gewehrt, wollte unbedingt meine Vanilleessenz wiederfinden. Ich war echt sauer, weil ich meinen Kuchen nicht backen konnte.«

»Da wäre ich auch sauer gewesen«, warf ich ein.

»Ich … ich wusste zu der Zeit nicht mal, wo meine Mum überhaupt lebte«, fuhr Colleen fort. Schließlich blinzelte sie. »Aber irgendwie … irgendwie wollte ich den Kuchen für sie backen. Ganz schön dumm.«

»Das ist nicht dumm«, warf ich ein. »Du hattest Probleme.«

Colleen versuchte, ein Lächeln hinzubekommen. »Ich bin aufs Klo gerannt«, fuhr sie fort. »Ewig lange wollte ich nicht rauskommen. Mir kam es vor, als würden eine Million Menschen vor der Kabine stehen.«

Ich drückte Colleens Schulter und schenkte ihr ein ganz besonderes Lächeln. Das Lächeln, das Dad immer von mir bekommen hatte, wenn er mal nüchtern nach Hause gekommen war. »Ich hab auch immer was für meinen Dad gebacken. Einmal wollte ich ihm so kleine Cupcakes machen, voll hübsch verziert, aber das beschissene …«

»Ausdrucksweise, Naomi.«

»… aber das Gas wurde uns abgestellt, bevor sie durch waren. Keine Kohle für Gas im Haus. Musste zwei Tage warten, bis ich sie fertig backen konnte. Ich war echt sauer auf Dad, weil er abends seinen Kumpels in der Kneipe auch noch die Hälfte davon geschenkt hat. Am nächsten Morgen hab ich ihm das mitgeteilt, indem ich ihm meinen Porridge über die Jeans gekippt hab. Auf jeden Fall hat es die Megabitch, mit der du dich geprügelt hast, voll verdient.«

Colleen dachte darüber nach. Ihr Gesichtsausdruck schaltete zurück in den Pflegemutter-Modus. »Nein, Naomi«, sagte sie. »Ich war nicht im Recht. Ich hab sie für alles büßen lassen, was in meinem Leben schiefgelaufen war. Hab sie dafür büßen lassen, dass meine Mutter mich verlassen hat, und noch für viele andere Probleme, die ich damals hatte.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich hätte ihr trotzdem auch eine reingehaun.«

Fünfzehn Minuten später setzte Colleen mich an meiner Sondereinrichtung ab. Sie gab mir einen Fünf-Pfund-Schein fürs Mittagessen und sagte, sie würde mich um 15.30 Uhr abholen. Ich sah ihr nach, wie sie davonfuhr, und winkte zum Abschied, dann ging ich über den Parkplatz zum Eingang. Ich drückte auf den Summer der Sprechanlage und schnitt Grimassen in die Überwachungskamera, die mich von hoch oben an der Wand ins Visier nahm. »Ich bin’s! Naomi. Was ist los mit dir? Erkennst du mich nicht? Lass mich rein.«

Der Summer ertönte. Ich stieß die Tür auf. Im Empfangsbereich, gleich rechts neben der Tür, stand ein L-förmiges beigefarbenes Sofa mit bunten Kissen. Alte Teenagerzeitschriften lagen verteilt auf einem Beistelltisch. Hinter einem Tresen parkte Marie auf einem Hocker, stierte auf einen Computerbildschirm und einen Überwachungsmonitor. Für eine Frau von neununddreißig hatte sie sich nicht schlecht aufgeschraubt, aber ihr Rouge erinnerte ein bisschen zu sehr an Tomatenketchup, und mit ihren Fingernägeln hätte sie kugelsichere Westen aufschlitzen können. Ihr Leo-Print-Oberteil fand ich aber geil. »Guten Morgen, Liebes«, grüßte sie. »Freut mich, dass du wieder bei uns bist. Musstest du schon wieder umziehen? Dir ist bestimmt schon ganz schwindlig von der ständigen Umzieherei … Kim hat dich vermisst.«

»Schon okay, Marie«, erwiderte ich, bevor ich rechts in einen Gang abbog. Ich wollte mich auf keine lange Konvo mit ihr einlassen. Marie erzählte gerne mal ausführlich von Love Island, wohin sie in den Urlaub fahren wollte, wo sie mit ihrem neuesten Freund tanzen war und was für Cocktails sie sich letzten Freitag reingetan hatte.

»Die sind alle im Wohnzimmer«, rief Marie. »Richard hält einen Vortrag.«

Richard hält immer Vorträge.

Die Wohnzimmerwände hingen voller Poster, die vor Drogen warnten, vor noch mehr Drogen und einem ganzen Alphabet an Geschlechtskrankheiten. Mir kroch das dermaßen in den Schädel, dass mir der Appetit auf Bananen verging.

Ein Fernseher stand in der Ecke, und darüber hing ein weiteres Plakat mit der Aufforderung, Mobbing sofort zu melden. Richard stand mitten im Raum. Er trug ein hellblaues Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine schwarze Jeans. Wäre er nicht klein wie ein Hobbit, wäre er ja ganz sexy. Ich meine, Hermione hat sich auch nie in einen ihrer zwergwüchsigen Professoren verknallt, oder?

Meine Klassenkameraden pennten in Sesseln oder auf Riesenkissen: drei schwarze und zwei weiße Jungs, ein schwarzes Mädchen, ein gemischtes und zwei weiße. Kim trug orangefarbene Leggins, einen Mini-mikro-Jeansrock, ein Kung-Fu-T-Shirt und zur Krönung obendrauf orangefarbene hochstehende Haare. Ein silberner Stecker zierte ihre Nase, und ein goldener Ring glänzte an ihrer Unterlippe. Sie war hübsch und musste sich nicht mal dafür anstrengen. »Naomi! Du bist total abgetaucht«, begrüßte sie mich. »Wo warst du?«

Alle im Raum schauten mich an. Ich kam mir echt komisch vor.

»Bin umgezogen«, erwiderte ich und spielte mit einem von meinen Zöpfchen. »Hatte Probleme, da wo ich zuletzt war.«

»Ich krieg nie so viele Tage frei, wenn die mich verlegen«, maulte Kim. »Wieso ziehst du nicht wieder zu uns? Hast du nicht schon alle Pflegefamilien von ganz Ashburton und Umgebung durch? Zieh wieder bei uns ein, Schwester.«

»Ich …«

»Können wir uns die Begrüßungen und Gespräche bis zur Pause aufheben?«, bat Richard höflich.

»Wir reden später«, sagte Kim. »Wer hat dir die Haare geflochten?«

»Meine neue Pflege…«

»Mädchen!« Richard hob die Stimme. »Also, wo war ich?«

Nats zeigte auf meine Zöpfchen. »Sieht gut aus«, sagte sie. »Ich … ich hab schon gedacht, du gehst auf eine andere Schule.«

»Noch nicht«, erwiderte ich.

Nats guckte ein bisschen enttäuscht. Sie hatte immer noch ihren Anorak an, trug dazu eine himmelblaue Jogginghose und pinke Sneaker. Ihre Extensions schlängelten sich bis über die Ellbogen.

»Demnächst spritzt sie sich noch Steroide in den Arsch, damit sie aussieht wie wir«, fauchte Cassandra, eine schwarze Sechzehnjährige, die zusammengerollt auf einem Kissen vor Nats lag. Sie hatte braune Zöpfchen und dazu passenden braunen Lippenstift. Ihre Augenbrauen waren auftätowiert. Sie warf mir einen superfiesen Blick zu und zog die Oberlippe hoch. Ein kalter Windhauch Angst durchfuhr mich.

»Trink was Kühles, Cass«, tat Kim sie ab.

Cassandra zog wieder die Oberlippe hoch und betonierte ihre Augenbrauen. Ich versuchte sie von meinem Schirm zu löschen.

»Keine Angst wegen Cass«, sagte Kim. »Sieht super aus. Vielleicht lass ich mir die Haare auch so machen, wenn sie ein bisschen mehr gewachsen sind.«

»Wer hat dich gebeten, dich einzumischen?«, bellte Cassandra.

»Wer bist du denn?«, brüllte Kim. »Ich kann mich nicht erinnern, von dir auf die Welt gesetzt worden zu sein, also sag mir nicht, was ich machen soll. Ich misch mich ein, wo ich will.«

Nats setzte sich um, direkt neben Kim.

»Meinst du, dich will jemand als Mutter!«, knisterte Cassandra. »Ich würd mich umbringen, wenn ich aus dir rausgekommen wär.«

Dieselbe Einrichtung, dieselben Themen, derselbe Hickhack.

Und schon ging’s ab.

Kim stürzte sich auf Cassandra, wurde aber von Richard und einem weiteren Erzieher zurückgehalten. In den nächsten zehn Minuten kochte und brodelte der Streit weiter, es wurde geschubst und gestoßen. Jedes dritte Wort war ein Schimpfwort. Ich starrte zu Boden und spielte mit meinen Zöpfchen. Was sollte ich sonst machen? Nats versuchte Kim zu beruhigen, indem sie ihr die Schultern tätschelte und sie umarmte. Richard stand mit ausgebreiteten Armen mitten im Raum.

»So. Jetzt, wo wir uns alle wieder beruhigt haben, mache ich weiter, wo ich stehen geblieben war.«

Ich war die Einzige, die ihm zuhörte, weil die anderen alle in ihre Handys tippten.

»Wir müssen lernen, Meinungsverschiedenheiten ruhig zu lösen«, fuhr Richard fort. »Wenden wir Gewalt an, tut es uns häufig hinterher leid.«

»Mir wird es nicht leidtun«, fiel ihm Cassandra ins Wort.

»Viel besser ist es, man diskutiert offen und ehrlich über die vorliegenden Probleme«, fuhr Richard fort.

Ultimatives Sozialarbeitergequatsche.

»Ich will mal ganz ehrlich sein, Richard«, unterbrach ihn Kim. »Dein Vortrag ist der langweiligste, den du je gehalten hast. Wann zeigst du uns den Film?«

Alle Blicke richteten sich auf Richard, außer der von Cassandra. Ihr schiefer Seitenblick zu mir war inzwischen chronisch. Ungelogen, meine Nerven verkrallten sich in meinem Bauch.

»Okay«, erklärte Richard sich bereit. »Aber bitte schaut zu und denkt darüber nach, warum eine kleine Meinungsverschiedenheit völlig außer Kontrolle geraten kann. Versucht, etwas daraus zu lernen.«

»Jetzt leg endlich den scheiß Film ein«, verlangte ein Typ hinten im Raum.

»Wenn hier weiter geflucht wird, nehm ich die DVD aus dem Player raus«, ermahnte ihn Richard.

»Mach die scheiß DVD an«, hob ein weiterer Typ die Stimme. »Das ist der einzige Grund, warum ich heute überhaupt hier aufgeschlagen bin.«

Die Klasse beruhigte sich, schaute den Film. Er handelte von zwei Vierzehnjährigen, die sich wegen eines gefundenen Smartphones verkrachten, und endete damit, dass einer den anderen abstach. Während des gesamten Dramas schielte mich Cassandra von der Seite an. Allmählich wird mir das zombiemäßig unheimlich. Was hab ich der denn getan? Versuch nicht hinzuschauen. Bleib bei Kim und Nats.

Richard wollte im Anschluss an den Film wieder diskutieren, aber weder er noch seine Mitarbeiter leisteten großartig Widerstand, als wir beschlossen, stattdessen lieber zwanzig Minuten früher Pause zu machen. Ich folgte Kim und Nats in die Kantine. Wir kauften uns jede eine Portion Pommes, einen Schokoriegel und eine Dose Cola, dann parkten wir uns an einen Tisch. Cassandra und ihre Schwester Yoanna setzten sich auf die andere Seite weiter hinten im Raum. Ich konnte den Hass in ihren Blicken spüren.

»Ist das jetzt auf Dauer dein neuer Platz?«, wollte Nats wissen. »Kommst du dann nicht mehr hierher?«

»Nein«, erwiderte ich. »Ist nur vorläufig, für eine Woche oder so.«

»Wie ist das denn so?«, fragte Kim. »Bei Schwarzen wohnen?«

»Das Essen ist anders«, erwiderte ich. »Und die sind ein bisschen strenger. Man muss am Tisch essen und so. Als ich angekommen bin, hatte ich keinen Fernseher im Zimmer. Da musste ich erst mal protestieren.«

»Unverschämtheit«, sagte Kim. »Was ist mit dem Vater? Ist doch hoffentlich kein Schwanzophiler, oder? Behalt den im Auge, Naomi. Ich sag dir, die meisten Pflegeväter sind Pädos – deshalb nehmen die überhaupt nur Pflegekinder auf. Über Mr Holman hast du dich beschwert, oder?«

»Äh, so ungefähr.«

»Was soll das heißen, ungefähr? Du hast mir erzählt, er hat angeklopft, wenn du dich im Bad oder im Schlafzimmer umgezogen hast. So fangen die immer an, Naoms.«

»Hat er ja gar nicht gemacht«, versuchte ich aufzuklären, bevor Kim ihren Redeschwall abspulte.

»Die sind immer erst mal nett zu dir«, startete sie auf ein Neues. »Total höflich, der ganze Scheiß. Kaufen dir Süßigkeiten, stecken dir Kippen zu und lassen dich harten Alkohol trinken. Manche kaufen dir sogar kleine Geschenke, Ohrringe und Parfüm. Weißt du noch, der, der mir ein Handy gekauft hat? Das war der ultimative Kinderficker! Die wollen, dass du ihnen vertraust. Aber unter der Oberfläche von dem Ganzen wollen sie dir bloß ihre dreckigen Finger unter die Wäsche schieben. Das wollen die, Naoms. Die achten nicht mal auf saubere Finger. Die waschen sie nicht mal, wenn sie auf dem Klo waren. Die schieben dir einen rein, das macht sie an, und dann schieben sie dir noch einen rein. Melde das mit Holman bloß deiner Sozialarbeiterin. Scheiß Kinderficker. Wenn der im Knast landet, treten die ihn da so lange, bis keine Wichse mehr in ihm drin ist.«

»Mach ich«, nickte ich.

»Und lass nicht zu, dass sich dein neuer Pflegevater, wenn du unter der Dusche stehst, auch nur ansatzweise in der Nähe aufhält. Vielleicht versucht er durchs Schlüsselloch zu gucken oder so«, warnte Kim.

»Schon gut«, gelang es mir einzuwerfen. »Ich hab ihn schon gewarnt. Der weiß schon, dass er sich mit mir besser nicht anlegt. Er muss unten bleiben, wenn ich dusche.«

»Gut!«, sagte Kim. »Ich weiß immer noch nicht, wieso du dich überhaupt in Pflegefamilien unterbringen lässt. Dem solltest du endlich ein fettes Ende machen. Wie heißt deine Sozialarbeiterin noch mal?«

»Louise«, erwiderte ich.

»Schmeiß sie raus, hättest du längst machen sollen«, beharrte Kim. »Klatsch ihr die Lohnsteuerkarte ins Gesicht und entlass sie aus deinem Leben.«

»Die ist … in Ordnung«, brachte ich raus.

»Bist besser dran, wenn du dich an uns hältst«, sagte Kim. »Wie oft muss ich dir das noch funken?«

»Es …«, fing Nats an. Sie stammelte. »Vielleicht … vielleicht funktioniert es ja gut mit den Neuen. Man weiß nie, nicht alle Pflegeeltern sind …«

»Auf jeden Fall sehen deine Haare megageil aus«, fiel Kim Nats ins Wort. »Wie bei den schwarzen Sängerinnen. Siehst echt superduper damit aus. Die Typen werden sich ganz schön die Hälse nach dir verrenken.«

»Danke.«

Nats starrte Kim an. Sie schien nicht glücklich.

Nach zwei Wochen ohne Kim und Nats wusste ich immer noch nicht so ganz, wie ich in die Beziehung der beiden passte. Ich kam mir ständig vor wie das fünfte Rad am Wagen – ich war nur nützlich, wenn ich wirklich gebraucht wurde.

»Alicia Keys«, lächelte ich und wickelte mir ein Zöpfchen um den Finger.

»Mach dir nichts draus, was die anderen sagen«, riet Kim. Sie hob die Stimme. »Soweit ich weiß, gibt es kein Gesetz, das weißen Mädchen Zöpfchen verbietet.«

Kim streckte eine Hand aus und tastete, wie sich meine Zöpfchen anfühlten. »Muss ewig gedauert haben«, sagte sie.

»Ungefähr fünf Stunden alles zusammen«, erwiderte ich.

The free sample has ended.

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02 October 2024
Volume:
280 p. 1 illustration
ISBN:
9783956143731
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