Read the book: «Wie Opas schwarze Seele mit einem blauen Opel gen Himmel fuhr»
Albrecht Gralle

Roman

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96140-085-0
© 2018 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Zitate aus:
Sadhu, Sundar Singh, gesammelte Schriften, hrsg. von Friso Melzer,
12. Auflage, Christliches Verlagshaus, Stuttgart, 1993
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelgrafik: fotolia channarongsds; fotolia amorroz;
fotolia Alexander Pokusay; shutterstock Jorgen Mus
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
www.brendow-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
1
René
Ich bin elf Jahre alt, eigentlich fast zwölf, und erzähle jetzt mal die Geschichte mit unserem Großvater. Ob alles haargenau so abgelaufen ist, kann ich nicht sagen, aber so ungefähr. Manchmal erfinde ich auch was dazu. Meine Mutter ist der Meinung, ich hätte eine blühende Fantasie, und Sven, mein großer Bruder, behauptet, ich hätte ein Gedächtnis wie ein Tesafilm, aber das würde nicht bedeuten, dass ich besonders schlau wäre, sondern nur, dass der ganze Dreck der Erinnerungen an mir kleben bleibt.
Jedenfalls, bevor mein Großvater zu uns kam, wusste ich nur, dass er humpelte, einen Revolver besaß und in Biberach wohnte. Ich stellte mir vor, dass Biberach eine Stadt wäre, in der viele Biber wohnen.
Einmal hatte ich in einer Zeitschrift einen Bilderwitz gesehen, aber nicht gleich gemerkt, dass es ein Witz war. Da saßen ungefähr zwanzig Biber auf Stühlen, und vorne stand ein Pastor und sagte: „Sicher haben Sie gemerkt, dass sich in die Einladung ein Druckfehler eingeschlichen hat. Es sollte Bibelstunde heißen.“
Auf jeden Fall war Biberach für mich die Stadt der Biber, und ich war ganz froh, dass wir da nicht hinfuhren. Ich fand, dass die Zähne der Biber ganz schön scharf aussahen, obwohl die Biber auf dem Bild ziemlich gläubig blickten.
Und nun war beschlossen worden, dass der Großvater aus Biberach zu uns ziehen sollte. Er war der Vater von meiner Mutter und war Witwer geworden (komisches Wort, hört sich an wie ein Beruf).
Und da wir ein Haus mit vielen Zimmern hatten und eine Wohnung daneben, die man herrichten konnte, wollte meine Mutter ihren Vater zu sich holen. Mein eigener Vater war vor zwei Jahren gestorben, und ich bekam allmählich das Gefühl, dass in unserer Familie alle Männer starben, weil der andere Opa, also der Vater meines Vaters, schon im Krieg gestorben war. Ich fragte mich, wann Sven, mein Bruder, und ich dran wären. Aber so richtig glaubte ich nicht daran, dass wir demnächst sterben würden. Ich fühlte mich noch ziemlich fit, hatte keinen Krebs (ein merkwürdiges Wort), und mein Herz schlug regelmäßig, außer, wenn ich beim Sportunterricht zufällig neben Leili stand. Na ja, es war nicht immer zufällig. Übrigens möchte ich mal sagen, dass sich Jungs schon mit elf verlieben können, nicht erst, wenn sie Stimmbruch haben. Eigentlich auch schon mit sechs. Ich muss es schließlich wissen.
Übrigens wohnten wir deshalb in einem Haus, weil Onkel Georg uns ein Haus geschenkt hat, als mein Vater gestorben ist. Er hat, glaube ich, drei davon. Außerdem ist er stinkreich. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass der Schuppen total auseinanderfällt. Das Haus sah von außen etwas hässlich aus, aber wir Kinder hatten zumindest ein eigenes Zimmer. Vorher hatten wir ziemlich eng zur Miete in einem Dreifamilienhaus gewohnt. Onkel Georg besserte auch die Witwenrente meiner Mutter auf. Trotzdem mussten wir einigermaßen sparsam leben.
Auf jeden Fall waren meine Geschwister und ich nicht gerade begeistert, plötzlich einen alten Mann im Haus zu haben.
„Der meckert nur den ganzen Tag an uns herum“, maulte mein Bruder.
„Ach was, er ist nicht ständig da“, sagte meine Mutter. „Er lebt im Prinzip in seiner eigenen Wohnung und kommt zum Essen rüber, aber damit er nicht so allein ist, zieht er eben zu uns. Wir haben dieses große Haus bekommen, da kann man auch mal ein Stück abgeben. Außerdem hat er ein Auto und fährt auch. Das ist ganz praktisch für mich, wenn ich größere Sachen einkaufen muss. Er ist auch gar nicht so hilflos und kann sich gut alleine beschäftigen. Was er braucht, ist nur etwas Familienanschluss.“
Familienanschluss! Ein komisches Wort, dachte ich. Das hört sich so an, wie wenn man eine Wasserleitung irgendwo anschließt oder ein neues Stromkabel verlegt. Übrigens gibt es viele seltsame Worte, manchmal auch welche, die wirklich gut klingen und was darstellen, zum Beispiel Wolkenbruch.
„Ich könnte ja den Führerschein machen“, sagte Sven zu meiner Mutter, „und dann fahre ich dich überallhin.“
„In der Zwischenzeit ist es ganz praktisch, jemanden zu haben, der fährt.“
„Warum machst du eigentlich nicht selbst den Führerschein?“, piepste Anna, meine kleine Schwester. Sie ist sieben, in der ersten Klasse und lernt ganze Wörter auf einen Schlag, obwohl sie noch nicht alle Buchstaben kennt. Meine Mutter sagte, die Kinder kämen ganz durcheinander. Vor zwanzig Jahren hätten sie auch schon mit diesem Mist angefangen. Ich hatte Glück, weil ich in der ersten Klasse jeden Buchstaben einzeln gelernt habe, und danach konnte ich eigentlich alle Wörter lesen, auch die, die ich gar nicht kannte, zum Beispiel Fatalismus. Zuerst dachte ich, es hätte was mit dem Wort Vater zu tun, aber jetzt weiß ich, dass es bedeutet: Ist sowieso alles egal.
Übrigens sieht meine Schwester Anna meistens niedlich aus. Sie flechtet sich (oder flicht sich? Egal). … Sie macht sich jedenfalls eine Menge kleiner Zöpfe in ihre blonden Haare, und die hüpfen dann hin und her, wenn sie durch die Gegend läuft. Als sie kleiner war, hat sie mir immer alles nachgemacht, das fand ich blöd. Inzwischen macht sie viele Sachen für sich selbst, seit sie ein Playmobil-Krankenhaus hat.
„Ich soll den Führerschein machen?“, stöhnte meine Mutter. „Das traue ich mich nicht. Bei dem Verkehr.“
„Aber deinen uralten Vater lässt du herumfahren“, meinte Sven.
Dazu sagte meine Mutter nichts.
„Was für ein Auto fährt er denn?“ Sven fing an, sich Gedanken zu machen.
„Ich glaube, einen Opel.“
„Und wie sieht Opa Elias überhaupt aus?“, fragte ich.
„Aber René, du hast ihn doch schon ein paarmal gesehen.“
„Höchstens einmal im Jahr vielleicht, aber ich hab vergessen, wie er aussieht. Ich weiß nur, dass er einen echten Revolver hat.“
„Typisch Jungs“, sagte meine Mutter. „Denken immer an Waffen!“
Meine Mutter holte den Schuhkarton aus dem Schrank, in dem sie alle Bilder aufbewahrte, und wühlte darin herum.
„Das ist er – na ja, vor sechzig Jahren.“
Ich schaute mir das Bild an. Es war noch schwarz-weiß. In der Mitte lehnte ein Mann an einem alten Opel, hatte eine Zigarre im Mund und schaute in die Ferne.
„Das war sein erstes Auto, ein blauer Opel“, sagte meine Mutter. „Er hat immer davon geschwärmt.“
„Aber das Auto ist doch gar nicht blau“, meinte Anna.
„Damals waren die Bilder alle schwarz-weiß!“, erklärte meine Mutter.
„Er raucht“, sagte ich und blickte meine Mutter an. Rauchen war bei uns zu Hause verpönt.
„Ich hoffe, dass er inzwischen nicht mehr raucht. In meiner Wohnung wird jedenfalls nicht geraucht. Das kann er bei sich tun.“
Auf dem Bild sah er ganz nett aus und lächelte leicht. Seine Haare waren dunkel, fast schwarz, ziemlich dicht und wirr, als ob er gerade einen Sturm hinter sich hätte.
„Er sieht gar nicht wie ein Großvater aus“, meinte ich. „Und der Name Elias passt eigentlich auch nicht zu ihm.“
Wir kannten uns bei den biblischen Figuren ganz gut aus, weil wir eine dicke Kinderbibel mit Bildern hatten und meine Mutter uns regelmäßig daraus vorlas. Jedenfalls sah der Prophet Elias in der Bibel viel wilder aus als mein Großvater. Er trug einen langen Mantel mit Gürtel und einen Bart, der ihm bis zur Brust reichte, und geraucht hat er auch nicht, höchstens, als er den Altar von Gott anzünden ließ. Vermutlich hatte er vorher Benzin darübergegossen und sein Feuerzeug heimlich angemacht. Und die Leute damals dachten, es sei Wasser gewesen, und wunderten sich, dass das Wasser brannte.
„Ist doch klar, dass Opa auf dem Bild nicht wie ein Großvater aussieht, weil er da noch kein Großvater war“, sagte mein Bruder und verdrehte die Augen nach oben.
„Ich hab noch ein neueres Bild.“ Meine Mutter wühlte weiter und zeigte auf das farbige Bild eines alten Mannes mit weißgrauen Haaren, der an einem Stock ging und ein rotkariertes Hemd anhatte. Das war schon besser.
„Was hat er denn so gemacht?“ , fragte Sven, „ich meine, beruflich?“
„Er war bei der Lufthansa.“
„Was?“ Mein Bruder blickte uns an. „Er war Pilot?“
„Nein“, lachte meine Mutter, „er war am Flughafen angestellt und für die Sicherheit der Flugzeuge verantwortlich.“
„Vielleicht kann er uns billig Flüge besorgen?“, überlegte Sven. „Er hat doch sicher noch Beziehungen! Ich finde, wir sollten ihn für eine Probezeit aufnehmen.“
„Das sagst du nur, weil er ein Auto hat und vielleicht Flüge …“
„Nein, ich verehre ihn aufrichtig!“, lachte Sven.
„Schön“, sagte meine Mutter, „wie auch immer, ich werde ihn zu uns einladen, und dann werden wir ja sehen, ob es funktioniert. Aber wundert euch nicht, wenn er sich mit euch anlegt. Er redet ziemlich direkt. Ich will’s nur schon mal ankündigen.“
Das war dann also geklärt. Großvater würde kommen und uns Flüge besorgen, wenn wir uns mit ihm gutstellten.
„Hat er irgendwelche Hobbys?“, fuhr Sven mit seiner Fragerei fort. „Und wie alt ist er überhaupt?“
„Hm“, meinte meine Mutter. „Soweit ich mich erinnere, sammelt er Artikel von seltsamen Ereignissen, die er irgendwo liest. Und er schreibt gerne Leserbiefe an die Zeitung. Er ist jetzt …“, sie überlegte, „… bald einundneunzig.“
„Was?“, rief Sven aus. „So alt? Dann war er ja schon uralt, als du zur Welt gekommen bist.“
„Ja“, sagte meine Mutter, „ich war die Überraschung meiner Eltern. Keiner hat mehr mit mir gerechnet.“
„Aber einundneunzig! Das hört sich ja nach Friedhofsgemüse an!“
„Sven, also bitte! Du wirst dich wundern, wie fit er noch ist!“
„Geht er in die Kirche?“, fragte Anna.
Unsere Mutter zuckte mit den Schultern. „Er ist zwar evangelisch-lutherisch, aber mit der Kirche hat er nicht viel am Hut. Zu Hause gab es immer Streit wegen Glaubensfragen.“
„Er kann sich ja mal unseren Gottesdienst ansehen“, meinte meine kleine Schwester.
Dazu muss man wissen, dass wir keine Lutheraner sind, sondern zu einer Freikirche gehören, zu den Baptisten. Das ist derselbe Klub, zu dem auch Martin Luther King und der Präsident Jimmy Carter gehörten und übrigens auch Mahalia Jackson, diese dicke Gospelsängerin. Aber die kennt heutzutage kaum noch jemand.
Bei uns Baptisten geht es etwas familiärer zu. Es gibt keine feste Ordnung im Gottesdienst, und die Leute werden getauft, wenn sie es wollen, also eher ab zwölf, dreizehn und mehr. Wir haben keine Kirchensteuer und müssen unseren Pastor selber bezahlen. Aber wir sind auch evangelisch und glauben im Prinzip an dieselben Sachen wie die Lutheraner, nur nicht so förmlich, und im Gottesdienst singt auch der Pastor kein Solo auf drei Tönen.
Für mich waren die Baptisten zu der Zeit die einzige Kirche, die ich wirklich kannte, und ich war der Meinung, dass ich ein unwahrscheinliches Glück hatte, ausgerechnet zu der richtigen Kirche zu gehören. Obwohl ich selber noch nicht getauft war.
Jedenfalls, Großvater wurde immer interessanter für mich: Biber, Lufthansa, lutherisch, Raucher, Revolver, Leserbriefschreiber und Autofahrer.
2
Wenige Wochen später war es dann so weit. Ein Sprinter rauschte an, mit einigen Sachen von Opa. Sein Bekannter hatte sich angeboten, ein paar Möbel für ihn zu transportieren. Opa kam erst am nächsten Tag in seinem eigenen Wagen, einem alten VW Passat Combi und drei Koffern und noch ein paar anderen Kleinigkeiten.
„Wir haben seine Wohnung noch nicht ganz aufgelöst, falls er es sich überlegt und wieder zurückziehen will“, meinte meine Mutter.
„Oder falls wir es uns überlegen“, sagte Sven.
„Dann muss er wieder zurück zu den Bibern“, sagte ich.
„Zu den was?“
„Na ja“, meinte ich, „Biberach ist doch die Stadt, wo es so viele Biber geben soll.“
Sven tippte sich an die Stirn.
In dem Sprinter waren zwei Stühle, sein Schreibtisch, ein kleines Tischchen und ein gewaltiger Ohrensessel aus dunklem Holz, mit rotem Samt ausgeschlagen.
„Sieht aus wie ein Thron“, meinte Sven.
„Den Schreibtisch braucht er, um seine Leserbriefe zu tippen und seine Seltsamkeiten zu sortieren“, sagte meine Mutter.
Wir sahen uns den Schreibtisch an und bekamen große Augen. Er war massiv und schwarz lackiert.
Der Fahrer grinste: „Das Teil ist geleimt und muss als Ganzes runter. Besorgt euch schon mal ein paar Leute. Ich hab mir mit einem Freund zusammen fast den Rücken kaputtgehoben.“
Zum Glück war noch unser Nachbar da, der ein Gestell mit Rädern hatte.
Zu viert bugsierten sie den Schreibtisch auf ein dickes Brett und schoben ihn, in Decken gehüllt, vom Wagen auf das Fahrgestell. Das ging noch.
Aber man musste ihn ein paar Stufen zur Einliegerwohnung hochtragen.
„Jedenfalls“, meinte Sven mit hochrotem Gesicht: „Der Schreibtisch ist ein Argument, dass Opa bleibt.“
Den roten Thron dagegen konnten zwei Männer bequem tragen.
Es war Frühling, als Opa am nächsten Tag kam, und meine Mutter hatte ihm auf seinen Schreibtisch eine Vase mit den ersten Tulpen gestellt.
Er sah sich die Vase an, deutete mit seinem Stock darauf und sagte nur: „Was soll denn das Gemüse hier?“
„Ein Willkommensgruß, Papa!“
Neben der Vase lag ein bunter Zettel, auf dem „Grüß Gott“ stand.
„Ich kann mit Blumen nichts anfangen, außer mit der Tabakpflanze.“
„In unserer Wohnung wird nicht geraucht“, sagte sie. „In deinem Reich kannst du natürlich machen, was du willst und weiter deine Gesundheit ruinieren.“
„Danke für deine frommen Wünsche, Annika.“
Da wir in der Nähe von Tübingen wohnten, sprachen wir ein leichtes Schwäbisch. Meine Mutter sowieso, ich auch. Nur mein Bruder dachte, er sei etwas Besonderes, weil er Theologie studierte. Deshalb bemühte er sich, auch zu Hause Hochdeutsch zu sprechen. Mein Großvater hatte für das Schwäbische noch nie etwas übrig gehabt, dabei war seine Frau eine Schwäbin gewesen, und er hatte sein halbes Leben in Biberach verbracht. Er stammte aus der Nähe von Leipzig, aber das Sächsische hatte er auch nie für voll genommen.
Obwohl ich noch nicht erwachsen war, merkte ich bei diesem kurzen Schlagabtausch zwischen meiner Mutter und ihm, dass es nicht langweilig werden würde.
Mit seinem Stock dirigierte er die Möbel an die richtigen Plätze.
„Willst du vielleicht ein Bild an die Wand?“, fragte meine Mutter.
„Was für ein Bild?“
„Irgendein Bild, das dir gefällt. Ihr habt doch zu Hause auch Bilder an den Wänden gehabt.“
„Die hat deine Mutter ausgesucht. Ich überleg mir‘s noch“, sagte er und ließ sich mit Ächzen auf seinem roten Thron nieder. „Ganz schön anstrengend, so ein Umzug“, sagte er.
„Besonders für die Leute, die deine Sachen schleppen“, sagte Sven und grinste.
„Sei nicht so frech!“, polterte Opa los.
Für eine Sekunde war es still, dann sagte meine Mutter: „Ach, Papa, das hat doch Sven nicht so gemeint. Soll ich dir helfen, deine Koffer auszupacken?“
„Nee, nee, lass man. Das mach ich lieber selber.“
„Na gut“, sagte meine Mutter, „um halb eins gibt es Mittagessen. Wenn du dreimal klingelst, wissen wir, dass es jemand aus der Familie ist. Ich habe zur Feier des Tages Salzkartoffeln, Gemüse und Hackbraten gemacht.“
„Na wenigstens nicht diese ewigen Spätzle“, sagte er.
Daraufhin schwieg meine Mutter, und wir ließen ihn allein.
Bisher hatte mich mein Großvater nicht richtig bemerkt. Ein kurzer Gruß am Anfang, das war alles. Nachher, beim Essen, wurde das dann anders.
Es klingelte dreimal. Opa marschierte mit seinem Stock in die Essküche und setzte sich ohne zu fragen auf meinen Platz. Etwas mürrisch setzte ich mich neben ihn. Bevor wir mit dem Essen anfingen, gab es eine gewisse Unsicherheit, bis meine Mutter sagte: „Wir beten vor dem Essen immer.“
„Ja, das habe ich schon befürchtet“, kommentierte mein Großvater, „fromm wie deine Mutter.“
„Du bist doch lutherisch getauft“, hielt meine Mutter dagegen, „und Martin Luther hat sicher auch vor dem Essen gebetet.“
„Ist ja gut, Annika.“
„Schweine beten vor dem Essen auch nicht“, sagte Sven, dem es Spaß machte, unseren neuen Gast zu ärgern. Vielleicht wollte er ihn damit auch nur loswerden.
Großvater schoss unter seinen buschigen Augenbrauen einen Blitz in Svens Richtung und sagte mit scharfer Stimme: „Hör mal gut zu, mein Junge, ich habe einen Weltkrieg überlebt und muss mir von einem pickeligen Studenten nicht ans Bein pinkeln lassen. Ist das klar?“
„Also bitte, Sven!“ Meine Mutter war leicht rot geworden.
„Außerdem“, fuhr Opa fort, „sollten wir alle etwas mehr Respekt vor den Hausschweinen haben. Sie bringen sich wenigstens nicht gegenseitig um. Also sind sie dem Menschen in einer Hinsicht überlegen.“
„Ich bete jetzt!“ Meine Mutter senkte den Kopf und betete: „Alle guten Gaben …“
Wir aßen schweigend, bis Großvater sich herabließ und das Essen kommentierte: „Die Kartoffeln sind zu mehlig.“
Beim Nachtisch, einem Apfelkompott, befasste er sich eingehender mit uns Kindern.
„Also, Sven. Was macht die Uni?“
„Hm“, überlegte er, „ich bin noch mit den Sprachen beschäftigt, Hebräisch und Griechisch, und mach was in Kirchengeschichte. Außerdem höre ich eine Einleitung zu den biblischen Fächern. Dann gibt es noch ein Seminar über Philosophie …“
„Sven ist stinkfaul“, sagte Anna, „aber schlau. Der kriegt ohne Lernen gute Noten. Das find ich gemein.“
„Stimmt“, nickte Sven. „Warum soll ich lernen, wenn man die Sachen von Anfang an kapiert?“
„Und du bist also das fleißige Lieschen?“, fragte Elias Anna.
„Nein, ich heiße Anna. Ich kapier die Sachen jedenfalls nicht gleich und muss das üben. Aber die meisten Wörter kann ich fast schon lesen …“
„Ja“, sagte ich. „Aaaaalllleeee meeeiiiine Eeeentchchchcheeen.“
„Blödmann! Wir lernen gleich ganze Wörter und nicht so doofe Buchstaben. Haustür kann ich schon auf einen Schlag lesen.“
„Und deine Lieblingsfächer?“
„Erdkunde. Und später will ich unbedingt Französisch lernen. Englisch kriegen wir dann sowieso.“
„Französisch kann ich auch noch“, meinte unser Großvater.
„Wirklich?“
„Ja, ich war im Krieg in Frankreich. Da lernt man das zwangsläufig. J‘espère que nous allons vivre bien ensemble.“
„Ich hoffe, dass wir … ähm …“, fing Sven an.
„… gut zusammenleben werden“, fuhr Opa fort.
Dann fragte Sven mit seiner freundlichsten Stimme: „Stimmt es, dass du bei der Lufthansa warst, Opa?“
„Ja.“
„Könntest du uns nicht einen Flug besorgen und …“
„Sven!“ Der strafende Blick meiner Mutter.
Opa richtete sich auf: „Ach so! Jetzt kapier ich’s, Annika! Hab mich schon gewundert, wie du die Kinder überredet hast, mich aufzunehmen. Du hast sie mit möglichen Flügen geködert, damit sie den Alten ertragen.“ Er stieß mit seinem Stock, der an der Wand gelehnt hatte, kurz auf, dass wir zusammenzuckten.
„Aber da habt ihr euch geschnitten. Aus Billigflügen wird nichts.“
Meine Mutter kniff ihren Mund zusammen und sagte: „Also Papa! Ich hab die Kinder mit nichts geködert. Das mit den Flügen war einfach eine Idee von Sven. Jungs sind nun mal so, dass sie alles Technische …“
Elias fuhr mit seiner Hand durch die Luft. „Erledigt, ich weiß Bescheid!“
Dann richtete sich sein Blick auf mich.
„Und du, René?“
Ich blickte auf. „Ich?“
„Ja, du. Du bist doch ziemlich patent und hast es bestimmt faustdick hinter den Ohren.“
Patent kannte ich nicht, ein seltsames Wort. Es hörte sich an, als ob man es in eine Schachtel legen konnte. Und was sollte Faustdick hinter den Ohren bedeuten?
„Ja“, sagte Sven, „er wäscht sich nicht gerne hinter den Ohren.“
Großvater Elias beachtete die Zwischenbemerkung nicht und fuhr fort: „Und wie läuft die Schule?“
Ich zuckte die Schultern. „Na ja, es geht.“
„René ist seit einem Jahr im Gymnasium“, sagte meine Mutter. „Im Uhland-Gymnasium.“
„Hoffentlich bleibt er dabei“, sagte Sven.
„Warum? Ist er nicht so intelligent wie du?“
„Das ist das Problem“, nickte Sven.
„Aber ich hab in Religion und in Musik eine Eins“, verteidigte ich mich.
„Das sind ja zentrale Fächer!“ Großvater hustete. Oder lachte er? Ich merkte, dass er vorher geraucht hatte, weil ich neben ihm saß.
„Und ich kann schon kleine Geschichten schreiben“, sagte ich schnell, „und ich habe ein Gedächtnis wie ein Tesafilm.“
„Aha“, brummte Großvater. „Kannst mir ja die eine oder andere Geschichte mal vorlesen. Kennst du Hermann Hesse?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Und ihr?“ Großvater blickte in die Runde.
Sven hatte den Kopf gesenkt, aber ich wusste, dass er mit seinem neuen Handy im Internet war und den Namen eingegeben hatte.
Plötzlich blickte er auf und sagte: „Hermann Hesse war ja ein deutscher Schriftsteller, 1877 in Calw geboren, Literaturnobelpreis 1946.“
„Donnerwetter!“, rief Opa Elias. „Schlaues Bürschchen …“
„Na ja“, meinte Sven, „man tut, was man kann.“
Großvater schwieg und griff in seine Westentasche. Wir schauten uns an und überlegten, was jetzt wohl kam.
„Schlaues Bürschchen“, wiederholte Anna kichernd.
Schließlich förderte er einen zerknitterten Zeitungsausschnitt zutage und sagte: „Übrigens, ich sammle schon seit Jahren merkwürdige Nachrichten.“
„Ja, ich weiß, Papa.“ Meine Mutter klang so, als habe sie das befürchtet.
Opas Stimme wurde lebhafter, als er weiterredete: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, was alles auf der Welt passiert. Die absurdesten Sachen. Ich gebe euch mal eine Kostprobe.“
Er strich das Papier glatt, zog seine Lesebrille aus seiner Brusttasche, setzte sie sich umständlich auf und las, während es irgendwo leise klapperte. Meine Mutter sagte mir später, das sei sein Gebiss, das nicht richtig festsaß.
„Friedrichshafen, zweiundzwanzigster März. Überschrift: Klassenarbeiten im Abfalleimer. Wie der Redaktion zugetragen wurde, befanden sich die korrigierten Arbeiten der Klasse 7 C des Hindenburggymnasiums nicht in der Schule, sondern in einer Mülltonne. Folgendes war geschehen: Einer der Lehrer, der auf dem Weg zum Unterricht war, hatte von seiner Frau den Müllbeutel in die Hand gedrückt bekommen, um ihn an der Straße zu entsorgen. Noch ganz in Gedanken, entsorgte er aber stattdessen die Aktentasche in der Mülltonne und kam mit dem Abfallbeutel in der Schule an. Durch das beherzte Eingreifen einiger Schüler der Klasse 7 C wurde die Tasche in der Mülltonne entdeckt und dem rechtmäßigen Besitzer ausgehändigt. Der Fall war das Tagesgespräch der Schule. Der Direktor versicherte unserer Zeitung, dass es ein einmaliger Fall von Verwechslung war und der Kollege ansonsten korrekt seine Arbeit ausführe.
Na? Was haltet ihr davon?“
Wir hatten schon während des Artikels gegluckst und gelacht.
„Hast du noch mehr Artikel von der Art?“
„Oh ja. Er hat mindestens vier oder fünf Leitzordner voll“, sagte meine Mutter.
„Sechs“, verbesserte Opa. „Jetzt bin ich aber müde und muss mich etwas hinlegen. Tut mir leid, dass ich in der Küche nicht helfen kann.“
„Tut es dir wirklich leid?“, fragte Sven.
„Ein bisschen.“ Er stand auf. „Jedenfalls, das sehe ich schon, werden wir interessante Gespräche führen. Und wundert euch nicht, wenn ich gelegentlich auf meiner Schreibmaschine tippe.“
Er wartete nicht ab, was wir dazu meinten, und humpelte davon.
Als die Haustür ins Schloss fiel, fragte Anna: „Und warum sammelt er diese … diese komischen Nachrichten?“
Meine Mutter zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Er fing vor zwanzig Jahren damit an, da war ich gerade noch zu Hause. Und am Anfang fanden wir es alle ganz lustig, aber mit der Zeit … na ja, ihr werdet es selbst sehen.“
„Habt ihr ihn denn nie gefragt, warum er das macht?“, meldete sich Sven.
„Natürlich. Aber er ist uns immer ausgewichen und hat so allgemein geredet, dass er es eben interessant fände, was es so alles gibt. Aber es muss etwas dahinterstecken, sonst würde er es nicht schon so lange machen.“
Sie dachte nach und sagte dann zu Sven: „Und bitte sei nicht so frech zu ihm. Er ist unberechenbar und kann jähzornig werden, wenn man ihn reizt.“
„Ja, ja, er hat ja auch schon einen Weltkrieg überlebt. Aber was soll ich machen, wenn er unverschämt wird? Wie hast du es nur zu Hause ausgehalten?“
„Die Berufstätigkeit der Männer ist ein Segen“, sagte sie, und ich verstand nicht ganz, was sie damit meinte. Aber sie fuhr gleich fort: „Sven! Er ist ein alter Mann. Du kannst ihn nicht ändern. Wir haben schon alles ausprobiert. Und bei dem Thema Glauben kann er manchmal direkt ausfallend werden. Am besten gar nicht groß darauf eingehen, dann beruhigt er sich.“
„Da würde ich mir an seiner Stelle verarscht vorkommen.“
„Also bitte, Sven, deine Wortwahl ist wirklich ordinär! Woher hast du das bloß?“
„Ich rede völlig normal. Du musst mal hören, was andere so sagen. Dagegen bin ich der reinste Musterknabe.“
„Aha!“
Mit diesem Kommentar beschlossen wir das Essen. Zum Glück war Anna mit dem Ausräumen der Spülmaschine dran. Um die Teller wegzuräumen, musste sie allerdings auf einen Stuhl steigen.
3
Mitten in der Nacht wurde ich wach. Es war, als ob in den Wänden Tiere wären, die hin- und hertrippelten. Vielleicht Mäuse? Sie trippelten eine Zeitlang, waren still, als ob sie lauschten, dann rannten sie wieder los.
Ich fand es ein bisschen eklig, dass Tiere in unserem Haus waren und Lärm machten. Warum hatte ich sie nicht früher gehört? Vielleicht nagten sie die Holzbalken an, und eines Tages würde dann das ganze Haus zusammenbrechen. Zum Glück stand mein Bett an der Wand, da war es am sichersten. Aber trotz der Mäuse schlief ich dann doch wieder ein.
Morgens, beim Frühstück, saß Opa fertig angezogen und rasiert wieder auf meinem Platz und ließ sich von meiner Mutter bedienen.
„Der Kaffee kann ruhig ein bisschen stärker sein“, meckerte er. Meine Mutter tat so, als ob sie ihn nicht hörte, und fragte: „Wie hast du geschlafen, Papa?“
Er schlürfte lautstark seinen Kaffee und sagte: „Geht so. War eine Zeitlang wach und habe getippt.“
„Was hast du denn getippt, Opa?“, fragte Anna. „Schreibst du ein Buch?“
„Inzwischen könnte es fast ein Buch sein“, brummte er.
„Opa schreibt Briefe an die Zeitung“, sagte meine Mutter und holte ein neues Marmeladenglas. Sie sah ihren Vater an und fuhr fort: „Obwohl es mir schleierhaft ist, was du da schreibst. Du bist doch gestern erst angekommen …“
„… und hab gestern schon euer Käseblatt durchgelesen. Abgesehen von den zahlreichen Schreibfehlern gab es einiges zu bemerken. Wo ist eigentlich Sven?“
„Schon weg“, mampfte ich.
„Erst schlucken, dann reden, und jetzt das Ganze in einem richtigen Satz!“
„Wieso?“ Ich sah ihn erstaunt an. „Was denn für einen Satz?“
„Subjekt, Prädikat, Objekt, eben ein vollständiger Satz“, erklärte Opa, „nicht solche hingeworfenen Halbsätze. Also: Sven ist gegangen. Wohin? Zur Universität.“
„Aber Opa“, sagte ich, „das hört sich doch komisch an: Sven ist gegangen zur Universität. Es heißt doch: Sven ist zur Uni gegangen, und dann ist doch das Verb am Schluss!“ Ich merkte, wie meine Mutter kurz grinste, aber sofort wieder damit aufhörte.
Opa presste aus irgendeinem Grund die Zähne oder sein Gebiss zusammen und sagte: „Das weiß ich auch. Das liegt an dem zusammengesetzten Verb. Im Deutschen steht dann das Verb am …“
„Sven musste schon los“, sagte Anna und blickte ihren Großvater glücklich an.
„Falsch!“, grunzte Opa. „Müssen ist ein Hilfsverb und kann nicht allein stehen. Es heißt: Sven musste schon losgehen.“
„Aber wir sagen doch auch: Ich muss aufs Klo“, warf ich ein.
„Das ist Umgangssprache!“
„Sind wir hier in der Schule?“, fragte meine Mutter. „Also bitte, Papa!“
„Annika, du lässt hier viel zu viel durchgehen. Meine Enkel sollen richtiges Deutsch sprechen.“
„Was ist denn ein Werb?“, fragte Anna. „Ist das was aus der Werbung?“
„Das ist ein … ein Tuwort“, erklärte Opa. „Das richtige Sprechen bringe ich euch im Laufe der Zeit noch bei.“
„Auf die Art werden sie es nicht lernen. Und wenn du sie so anmachst, sagen sie lieber gar nichts, wenn du dabei bist.“
„Ich finde, Opa redet wie ein Ausländer“, sagte ich: „Sven ist gegangen zur Universität. Das ist ein ganz falsches Deutsch.“
„Zum Kuckuck!“, rief Opa und setzte seinen Becher etwas laut ab, sodass ein bisschen Kaffee danebenschwappte. „Ich lass mir von deinen Kinder nicht sagen, dass ich wie ein Ausländer rede!“
„Aber vorhin hat Opa gesagt …“, begann ich …
„Schluss jetzt, René. Er wollte damit etwas anderes klarmachen. Ihr könnt euch nach dem Essen von mir aus stundenlang über Grammatik unterhalten, aber nicht unbedingt in der Küche.“
„Was ist Gramaatik?“, fragte Anna.
„Wie die Sätze aufgebaut sind“, erklärte Opa.
„Das ist aber auch kein vollständiger Satz“, wollte ich sagen, aber ich kam nicht dazu, weil meine Mutter anfing zu husten, obwohl sie gar nicht erkältet war.
Danach verlief das Frühstück etwas ruhiger. Opa griff nach der Zeitung, und sein Kopf verschwand hinter den Blättern.
Obwohl Anna erst später Unterricht hatte, gingen wir zusammen los, weil wir dieselbe Richtung hatten. Sie traf sich dann mit einer Freundin im Pausenhof, bis ihre Stunde begann.
Wir hatten Religion. Das war ein Fach, wo ich ziemlich gut war.
Eigentlich gab es keine Geschichte in der Bibel, die ich nicht kannte. Herr Klinke, unser Religionslehrer, war auch ganz nett. Er war Pfarrer und musste in der Schule Unterricht geben. Vielleicht machte er es ja auch freiwillig. Meistens war es langweilig, aber ab und zu hatte er auch gute Ideen. Das Komische an ihm war, dass er die Worte so seltsam betonte. Plötzlich sagte er etwas ganz laut und dann wieder leise.
Meine Mutter meinte, das hinge mit dem Predigen zusammen. Manche Pfarrer denken, sie müssten irgendwie geschwollen daherreden. Jedenfalls war er diesmal guter Laune und vergaß alles Geschwollene.
„Heute machen wir mal ein Bibelquiz.“
Paul, dessen Vater bei der Bank arbeitete, meldete sich: „Kann man da etwas gewinnen?“
„Ja“, nickte Herr Klinke. „Das wirkt sich auf deine Gesamtnote aus. Also, passt auf. Ich erzähle euch Geschichten, und ihr müsst herausfinden, ob sie in der Bibel stehen oder nicht, und wenn ja, wie sie heißen. Seid ihr bereit? Mirka, leg deinen Schokoriegel weg, den kannst du in der Pause essen.“
„Aber ich hab noch gar nicht gefrühstückt.“
Herr Klinke seufzte: „Einen Bissen, damit du was im Magen hast, und den Rest später. Zustände sind das!“
Wir warteten, bis Mirka ihren Bissen geschluckt hatte, und hörten zu.
Herr Klinke holte ein paar Blätter aus seiner Tasche und ging beim Lesen auf und ab.
„Es war vor langer Zeit, da lebte in einem Dorf ein Hirtenjunge, der passte auf die Schafe und Ziegen auf, und er hatte sich eine Schleuder gebastelt, um damit wilde Tiere zu vertreiben, wenn sie näher kamen. Einmal hatte er sogar einen Löwen damit in die Flucht geschlagen. Weil der Junge oft stundenlang nichts zu tun hatte, übte er sich im Schießen und konnte im Lauf der Zeit ganz gut zielen …“
„David und Goliath!“, rief ich.
Herr Klinke blickte mich überrascht an, und ich hatte den Eindruck, dass er nicht gerade begeistert war.
„Ja“, sagte er, „René hat recht. Wer kennt noch die Geschichte?“
Gabriel aus Afrika, das genaue Land konnte ich mir nicht merken, meldete sich. Sven sagte mir später, dass es Eritrea hieß. Ich hatte herausgefunden, dass seine Eltern Christen waren, aber nicht evangelisch oder katholisch, sondern irgendwas anderes. Ich fand es komisch, dass ein Junge, der von so weit herkam, sich in der Bibel besser auskannte als der Rest der Klasse. Meine Mutter sagte, dass im Grunde die meisten Leute in Deutschland Heiden seien, obwohl sie als kleine Kinder getauft worden sind. Und man könnte sich von den Flüchtlingen heutzutage eine Scheibe abschneiden. Obwohl mir nicht klar wurde, was für eine Scheibe das sein sollte. Selbst die Muslims kennen ein paar biblische Figuren, sagte sie, weil Mohammed, ihr Prophet, die biblischen Geschichten geklaut hat.
Aber das habe ich den Kopftuchmädchen in meiner Klasse noch nicht erzählt, weil ich mir dachte, dass es nicht so gut ankommt.
„Gut“, nickte Herr Klinke. „Ich erzähle die Geschichte trotzdem weiter, und ihr beiden Schlaumeier passt genau auf, weil ich irgendwo einen Fehler einbauen könnte.“
„René ist nur so schlau, weil er in so einer komischen Kirche ist“, sagte Paul, „wo sie die Bibel auswendig lernen müssen, und wenn sie es nicht können, werden sie verhauen!“
„Das stimmt überhaupt nicht!“, rief ich. „Wir haben eine Kinderbibel zu Hause, und meine Mutter liest mir abends daraus Geschichten vor.“
„Ach, das Muttersöhnchen muss noch ins Bett gebracht werden“, krähte Paul.
Jetzt wurde ich ein bisschen wütend und schrie: „Und dein Vater betrügt die Leute und zieht ihnen das Geld aus der Tasche.“
„Ruhe!“, donnerte Herr Klinke dazwischen. „Vor fünfzig Jahren wussten fast alle Kinder in Deutschland noch, wie die Geschichten aus der Bibel heißen, das war ganz normal, weil die Eltern sie ihnen erzählt hatten. Ich finde es großartig, wie Renés Mutter das macht. Wir leben nämlich in einem christlichen Land, und ihr solltet euch schämen, dass ihr kaum noch wisst, was das ist.“
„Kinderbibel ist doch was für Babys!“, schrie Paul.
„Ruhe, hab ich gesagt, sonst werde ich sehr ungemütlich! Ich erzähle euch jetzt die Geschichte weiter. Das gehört zur Allgemeinbildung, aber das Wort kennt ihr wahrscheinlich nicht.“
Es stimmte. Ich fand, dass „Allgemeinbildung“ ein seltsames Wort war. Es klang nach einem Ersatzteil für Automotoren.
Herr Klinke nahm seine Wanderung wieder auf und erzählte von David, wie er seinen Bruder in der Hauptstadt besuchte und erfuhr, dass ein riesiger Soldat von den Feinden Israels sich über Gott lustig machte. Aber keiner unternahm etwas. Da meldete sich David. Er wollte gegen Goliath kämpfen. Alle lachten ihn aus, weil der Riese Goliath einen Panzer trug und schwer bewaffnet war. Aber David nahm seine Schleuder, zielte auf seinen Kopf, und der Riese fiel tot um.
Bisher war mir noch kein richtiger Fehler aufgefallen.
Auch als die Geschichte zu Ende war, hatte Herr Klinke sie richtig erzählt.
„Ich hab keinen Fehler entdeckt, Herr Klinke“, sagte ich.
„Ich habe ja auch nur gesagt, dass ich einen Fehler einbauen könnte …“
Paul meinte, mit einer Gummischleuder könnte man keinen Riesen töten, aber Herr Klinke malte eine Schleuder an die Tafel, so eine von damals, die hatte eine Schlinge, und man musste sie im Kreis drehen. Und dadurch bekam der Stein eine wahnsinnige Geschwindigkeit.
„Mein Vater sagt, dass die Geschichten in der Bibel alle erfunden sind“, fing Paul wieder an.
„Das stimmt nicht. Die Bibel lügt nicht“, rief ich.
„Du hast ja keine Ahnung“, meinte Paul, „außerdem ist dein Vater tot.“
„Aber ich habe einen Opa, der ist bei der Lufthansa, und der kann uns jederzeit Flüge besorgen.“
Dazu fiel Paul nichts mehr ein, und Herr Linke kam mit einer zweiten Geschichte. Diesmal handelte sie von einem Mädchen, das so arm war, dass es Zündhölzer auf der Straße verkaufte, und zum Schluss kam es irgendwie in den Himmel, das heißt, nachdem es erfroren war.
„Und?“, fragte Herr Klinke. „Wer kennt diese Geschichte?“
Henriette aus der dritten Reihe meldete sich und sagte: „Das ist ein Märchen von Hans Christian Andersen.“
Wir blickten alle zu ihr hinüber, denn Henriette sagte sonst kaum was. Ich schaute ein bisschen länger hinüber, weil Leili neben ihr saß.
„Stimmt. Das war keine biblische Geschichte. Außerdem gab es damals zu biblischen Zeiten noch keine Zündhölzer …“
„Höchstens Feuerzeuge“, sagte ich.
„Auch die gab‘s noch nicht“, meinte Herr Klinke.
„Aber wie hat dann der Prophet Elia die Sache mit dem brennenden Altar hingekriegt?“
„Gott hat seinen Blitz in den Altar geschleudert, und dann hat alles gebrannt.“
„Hat dann Gott auch letzte Woche das Haus in der Mozartstraße angezündet?“, fragte Paul.
„So kann man das nicht sagen.“
„Aber mein Vater hat gesagt, das ist höhere Gewalt, also ist es Gott gewesen.“
Es klingelte, und ich glaube, dass Herr Klinke irgendwie froh war, dass er die Stunde beenden konnte.
Wir hatten dann noch Gemeinschaftskunde und Erdkunde und die letzte Stunde war Sport.
Unsere Lehrerin ließ uns vor dem Hochsprung drei Runden um den Sportplatz drehen, und ich passte auf, dass ich mal neben Leili lief und ihr „Hallo, Leili!“ zurufen konnte. Sie blickte kurz hoch und lächelte mich an. Ich wusste aber nicht, ob es so ein höfliches Lächeln war oder eines nur für mich.
Als wir nach Hause gingen, hupte es plötzlich auf der Straße, und ich sah den VW Passat von Opa an der Straße stehen.
Ich ging zu ihm hin und fragte: „Wartest du auf mich?“
„Natürlich, mein Junge“, sagte er und lächelte.
Das kam mir komisch vor. Warum wollte er mich abholen? Und warum lächelte er? Irgendwie sah sein Lächeln merkwürdig aus. Und das war etwas, worin ich mich auskannte. Ich hatte nämlich für mich eine Lächeltabelle angefangen. Ursprünglich hatte ich sie aufgeschrieben, um Leilis Lächeln besser zu verstehen und hatte im Lauf der Zeit zehn verschiedene Lächeltypen herausgefunden:
| Lächeln 1: | ein harmloses Lächeln über irgendwas Nettes. |
| Lächeln 2: | ein gemachtes Lächeln, weil es von Erwachsenen erwartet wird, zum Beispiel, wenn Familienbilder gemacht werden oder weil es einfach höflich ist. |
| Lächeln 3: | teuflisches Lächeln, wenn du siehst, dass dein ärgster Feind eine richtig miese Pechsträhne hat. |
| Lächeln 4: | verliebtes Lächeln. Ein Mädchen lächelt dich an, weil es dich cool findet. |
| Lächeln 5: | Mutterlächeln, weil sie ein Baby im Arm hält. |
| Lächeln 6: | rätselhaftes Lächeln. Das Lächeln könnte alles bedeuten, du kommst nicht dahinter, warum der andere lächelt. |
| Lächeln 7: | Zerstreutes Lächeln, das eigentlich kein Lächeln ist, sondern nur gemacht wird, weil einem nichts Besseres einfällt. |
| Lächeln 8: | Spöttisches Auflachen (ein merkwürdiges Wort. Gibt es eigentlich auch ein Zulachen?). Wobei ich nicht weiß, ob Nummer acht noch ein Lächeln ist. |
| Lächeln 9: | Strahlendes Lächeln, echt oder manchmal auch unecht. |
| Lächeln 10: | Unnachahmliches, spezielles Lächeln von Leili |
Ich war mir ziemlich sicher, dass Opa Elias das Lächeln Nummer sechs aufgesetzt hatte, immerhin besser als Nummer drei. Jedenfalls fragte ich Opa, nachdem sein Lächeln Nummer sechs vorbei war: „Hast du Anna auch schon abgeholt?“
„Nein, die ist selbst gekommen, und da kam ich auf die Idee, dich abzuholen. Steig ein, Enkel!“
Ich stieg ein und nahm mir vor, aufzupassen.
Er fuhr an, und wir schwiegen. Bei einer roten Ampel kratzte sich Opa am Kinn und sagte beiläufig: „Ach, da fällt mir ein … Wer ist eigentlich diese Frau, die neben euch wohnt? Ich hab sie heute Morgen zufällig gesehen.“
„Rechts oder links von uns?“
„Wenn man vor eurer Haustür steht, rechts.“
„Ach so, das ist Frau Mergenthaler.“
„Und die … also die lebt mit ihrem Mann ganz allein in dem großen Haus?“
„Nee, die ist ganz allein. Ihr Mann ist vor einem Jahr gestorben, glaub ich. Ab und zu kommt ihre Tochter vorbei. Mama meinte, sie ist letzte Woche fünfundsiebzig geworden.
„Aha. Fünfundsiebzig“, murmelte Opa, „sieht aber aus wie sechzig.“
„Sechzig ist aber auch schon ziemlich alt“, sagte ich.
„Nicht für mich.“
Na ja, wenn man so alt wie Opa ist, dachte ich, dann kommen einem sechzigjährige Frauen wahrscheinlich wie junges Gemüse vor. Ich wartete darauf, dass noch irgendetwas kommen würde, aber es kam nichts. Opa war nur höflich und wollte sich nach einer alten Frau erkundigen.
Als wir zu Hause ankamen, war meine Mutter ganz gut gelaunt, weil Opa mich von der Schule abgeholt hatte. Sie dachte wohl, dass es lauter Freundlichkeit gewesen war, aber ich konnte das Lächeln Nummer sechs nicht ganz vergessen, das plötzlich verschwunden war, als ich zu ihm ins Auto gestiegen war, so als ob er es ins Handschuhfach gelegt hätte.
4
Zufällig sah ich nachmittags, als ich meine Hausaufgaben machte, wie Opa, der etwas in der Hand hielt, zu dem Nachbarhaus hinüberging und bei Frau Mergenthaler klingelte. Er hatte seine ausgebeulte Strickjacke ausgezogen und ein Jackett an. Ich sah, wie unsere Nachbarin aufmachte und wie Opa ihr eine Schachtel überreichte, die wie ein Geschenk aussah.
Komisch, dachte ich, Frau Mergenthaler hatte doch letzte Woche schon Geburtstag gehabt. Ganz schön nett von Opa, ihr zu gratulieren. Vielleicht war Opa doch gar nicht so schlimm, wie wir alle dachten.
Als wir gegen sechs Abendbrot aßen, wir waren tatsächlich alle einmal anwesend, was nicht jeden Tag vorkam, fehlte Opa. Zehn Minuten später klingelte er und setzte sich gut gelaunt an den Tisch.
Meine Mutter blickte ihn kritisch an, weil er dieses Jackett trug, und mir fiel auf, dass er irgendwie nach Zitronen roch.
„Warst du auf einer Veranstaltung?“, fragte sie.
„Auf einer Veranstaltung?“, sagte er stirnrunzelnd. „Wie kommst du denn darauf?“
„Na ja, dein Outfit. Du hast dich so … zurechtgemacht …“
„Auch in meinem Alter sollte man auf sein Äußeres achten.“
„Opa war bei Frau Mergenthaler“, platzte Anna heraus. Sie hatte ihn wohl auch gesehen. Ich hatte mich zurückgehalten, weil ich mir nicht sicher war, ob es Opa recht war, dass wir von seinem Besuch wussten.
„Bei Frau Mergenthaler?“, wunderte sich meine Mutter.
„Meine Güte, du tust geradeso, als ob es ein Weltwunder ist, wenn man mal die neuen Nachbarn begrüßt. Es ist doch einfach höflich, sich da mal vorzustellen. Ich bin schließlich nicht asozial!“
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, sagte sie.
„Im Übrigen hat sich Charl… Frau Mergenthaler ganz gut gehalten mit ihren fünfundsiebzig Jahren. Sieht aus wie sechzig.“
„Du bist ja gut informiert.“
„Na ja, sie hat erzählt, dass sie Geburtstag hatte, und da fragt man mal nach.“
Meine Mutter verstummte und war mit dem Essen beschäftigt. Als wir fertig gegessen hatten und in unsere Zimmer verschwanden, blieb ich noch kurz hinter der Küchentür stehen und hörte, wie meine Mutter sagte: „Du hast doch nicht etwa die Absicht, Frau Mergenthaler den Hof zu machen?“
„Was soll das heißen? Willst du mir verbieten, dass ich Frauen kennenlerne? Übrigens hat sie eine tadellose Figur!“
„Ich möchte nicht, dass Charlotte sich falsche Hoffnungen macht. Du weißt ja vermutlich, dass ihr Mann vor einem Jahr gestorben ist, und da ist man natürlich empfänglich für nette Worte und so weiter …“
Ich hörte, wie Opa auf den Tisch haute. „Das wird ja immer besser!“, polterte er.
Meine Mutter: „Nicht so laut, Papa!“
Opa: „Meine eigene Tochter will mir den Umgang mit tollen Frauen verbieten. Unglaublich! Was wäre denn dabei, wenn ich mich mit Charlotte befreunde?“
„Ach, ihr nennt euch auch schon beim Vornamen! Das ging ja schnell!“
„In meinem Alter macht man nicht viele Umwege, um zum Ziel zu kommen.“
„Und wie heißt dein Ziel?“
„Ich fange eine Beziehung mit einer netten Frau an, die einsam ist und sehr … anregend. Und wenn alles gut läuft, werde ich auch mit ihr Sex haben, wenn es das ist, was du befürchtest!“
Ich spürte förmlich, wie meiner Mutter die Worte fehlten. Es blieb ein paar Sekunden still, dann sagte sie: „Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht, dass du, dass du …“
„He! Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Annika. Ich bin nicht bereit, mich deinen säuerlich christlichen Moralvorstellungen unterzuordnen.“
Meine Mutter lachte kurz auf. Es war das Lächeln Nummer acht: spöttisches Auflachen.
„Funktioniert das überhaupt noch in deinem Alter?“, fragte sie.
„Soll ich jetzt in die Details gehen?“, begann Opa. „Es dauert natürlich etwas länger, bis das Blut in Wallung kommt und …“
„Hör auf“, seufzte sie. „Ich will das alles gar nicht wissen. So habe ich mir deinen Aufenthalt hier nicht vorgestellt.“
„Annika, beruhige dich. Es ist nichts Schlimmes passiert. Die Welt wird nicht untergehen, wenn ich eine Beziehung mit einer Frau beginne. Im Gegenteil, sei froh, dann gehe ich euch nicht auf die Nerven!“
Ich hörte, wie Stühle gerückt wurden, und schlich davon. Ich hatte genug gehört und war gespannt, wie sich die Geschichte mit Frau Mergenthaler und Opa weiterentwickeln würde.
Am nächsten Morgen wusste ich nicht, ob ich das Mäusegetrappel geträumt hatte oder nicht. Beim Frühstück sagte ich dann: „Bei uns gibt es Mäuse oder andere Tiere.“
„Was?“ Sven und meine Mutter blickten mich an. Anna war noch in ihrem Zimmer.
„Ich bin gestern Nacht davon aufgewacht. Da war so ein Trippeln.“
„Mich würde das nicht wundern“, meinte Sven. „Dieses Haus hätte im Grunde total überholt werden müssen.“
„Dann muss ich im Keller nachsehen, ob irgendwelche Packungen angeknabbert sind“, überlegte meine Mutter.
„Ich werde mal ein paar Mausefallen besorgen, dann sehen wir ja, ob es welche gibt. Oder es ist ein Marder oder ein Dachs. Die halten sich auch gerne in so alten Häusern auf.“
„Ein Dachs?“
„Ja. Warum nicht?“
Für mich waren Dachse fabelhafte Tiere. Wir hatten ein Buch, aus dem mir meine Mutter und früher auch mein Vater lange vorgelesen haben. Darin kam eine Flussratte vor, ein Kröterich, der dauernd angab und immer die neuesten Automodelle fuhr, es gab den langsamen, vorsichtigen Maulwurf, und es gab den Dachs. Das war der Chef von allen. Er wohnte im wilden Wald, und wenn es zu wild wurde, weil die Wiesel zu viel herumwuselten, sagte Herr Dachs zu der Ratte und dem Maulwurf: „Ich werde mal wieder eine Botschaft aussenden, damit im Wald Ruhe einkehrt.“
Gegen den Dachs kam niemand an. Er war es auch, der den Kröterich zur Besinnung brachte, aber nur für kurze Zeit. Die Angeberei konnte man ihm nicht austreiben.
Jedenfalls, ich fand es plötzlich großartig, dass ein Dachs bei uns wohnen sollte. Ich wollte ihn unbedingt sehen.
„Und … und was passiert, wenn der Dachs in die Mausefalle tritt?“, fragte ich.
„Der Dachs?“ Mein Bruder wischte meine Sorgen mit einer Handbewegung weg. „Der Dachs lacht nur über Mausefallen. Wenn er aus Versehen in eine hineintappt, beißt er mit seinen Zähnen das Ding durch.“
Ich war beruhigt und hätte es mir auch nicht anders vorstellen können.
„Ich weiß schon, René, warum du den Dachs magst“, sagte meine Mutter. „Du denkst an die Geschichten von der Ratte, dem Maulwurf und dem Kröterich, stimmt’s?“
Ich nickte, weil ich den Mund voll hatte.
„Trotzdem fände ich es nicht schön, wenn ein Dachs hier wäre. So ein Tier gehört doch in den Wald.“
Sven stand auf. „Das sollten wir ihm mal sagen. Aber vielleicht sind es ja Mäuse. Oder wir schaffen uns eine Katze an.“
„Nein! Keine Haustiere“, sagte meine Mutter. „Mir reichen drei Kinder und ein alter Mann.“
Diesmal war Opa nicht zum Frühstück erschienen. Und ich musste zur ersten Stunde, oder als vollständiger Satz: Ich musste zur ersten Stunde gehen.
Komisch. Obwohl Opa erst zwei Tage da war, hatte ich das Gefühl, dass immer etwas Aufregendes passierte, wenn er auftauchte.
„Oh nein!“, rief meine Mutter plötzlich.
„Was ist denn?“
Sie raschelte mit der Zeitung. „Sonst dauert es manchmal Wochen, bevor sie eine Nachricht in die Zeitung setzen, aber der Leserbrief von Opa ist schon drin.“
„Was schreibt er denn so?“
Sie antwortete nicht, sondern las: „Als eifriger Zeitungsleser, der erst vor kurzem hierhergezogen ist, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass in dem Artikel über das neue Straßencafé das Wort sitzen falsch gebraucht wurde. Es heißt nicht: Herr X ist auf seinem Stammplatz gesessen, sondern Herr X hat auf seinem Stammplatz gesessen. Ist gesessen wird zwar im süddeutschen Raum ab und zu gebraucht, ist aber falsch, genauso wie die bescheuerte Manie, das Genitiv-S im Deutschen mit einem Apostroph abzutrennen. Wir sind schließlich nicht in England! Werden Zeitungsartikel heutzutage überhaupt noch korrigiert? Falls Sie jemanden brauchen, der das gegen ein geringfügiges Taschengeld für Sie erledigt, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.“
„Das klingt, als ob Opa früher mal Lehrer gewesen wäre“, meinte ich.
„Ich glaube, er wäre gerne Lehrer geworden“, sagte meine Mutter, blickte auf die Uhr und rief in den Flur: „Anna! Wo steckst du denn? Frühstück!“
5
Wir waren alle überrascht, als Opa sagte, er würde am Sonntag mit uns zum Gottesdienst gehen. Meine Mutter schien hin- und hergerissen zu sein. Einerseits freute sie sich, andererseits fürchtete sie sich davor, dass Opa sich total danebenbenehmen würde.
„Wie kommt es denn, dass du mit uns zum Gottesdienst gehen willst?“, fragte sie vorsichtig beim Frühstück. „Du bist doch sonst bei den frommen Sachen eher zurückhaltend …“
„Ich bin eben noch nicht völlig verkalkt und durchaus bereit, Neues aufzunehmen. Außerdem kenne ich die Baptisten bisher nur aus dem Fernsehen und wollte mir mal ein eigenes Bild machen.“
„Ich wusste gar nicht, dass die Baptisten sooft im Fernsehen vorkommen.“
„Doch, doch. Zum Beispiel kam mal so eine Zeichentrickserie im Fernsehen, bei der die Figuren alle gelbe Gesichter haben und die Mutter mit so einer blauen Turmfrisur durch die Gegend läuft, die machten mit ihrer Kirche einen Ausflug ins Grüne. Ziemlich witzig.“
„Die Simpsons“, rief ich.
„Kann sein. Und George Clooney spielte mal einen ausgebrochenen Häftling. Auf seiner Flucht kamen er und seine Freunde an einem Fluss vorbei, wo Baptisten eine Taufe abgehalten haben. Der Film war sehr schräg.“
„Oh brother, where art thou“, sagte Sven. „Ein Kultfilm von den Coenbrüdern. Der Film ist echt der Hammer. Aber ganz so schräg geht es in unserer Kirche nicht zu. Übrigens gibt es auch eine abgefahrene Kirchenszene bei den Bluesbrothers …“
„Jedenfalls“, unterbrach ihn Opa, „wollte ich mir den Laden mal anschauen.“
„Willkommen, Papa!“, sagte Mama. „Aber ich bitte dich, dass du dich zusammenreißt und nicht irgendwelchen Blödsinn machst. Sei zurückhaltend und … und schau dir alles an.“
„Na, na, Annika“, meinte Opa. „Keine Panik. Ich werde euch schon nicht blamieren. Man sollte aber auch seine Gesinnung nicht verleugnen. Übrigens schmeckt der Kaffee diesmal verdammt gut, nur die Brötchen sind etwas hart.“
Um zwanzig vor zehn saßen wir alle in Opas Auto und fuhren los.
„Fährst du immer fast in der Mitte der Straße?“, fragte Sven.
„Ja, wenn es leer ist“, brummte Opa. „So kann ich sicher sein, dass ich nicht den Bordstein streife.“
„Hm“, meinte Mama. „Ich glaube, wir müssen mit dir mal zum Augenarzt.“
Darauf sagte Opa nichts und fuhr ein paar Zentimeter weiter nach rechts.
Unsere Kirche sieht eigentlich nicht so richtig wie eine Kirche aus mit Kirchenschiff und einem hohen Glockenturm. Klar, am Giebel ist ein kleines Steinkreuz befestigt, das schon, aber sonst ist sie eher modern gebaut, und die bunten Glasfenster gehen nach hinten raus auf den Parkplatz, weil es da Osten ist und die Sonne dann durch die Fenster scheint.
Anfangs fanden das alle gut, aber jetzt, mit der ganzen Technik und dem Beamer, der die Liedtexte an die Wand wirft, mussten wir Rollos befestigen, damit es nicht zu hell wurde.
Bei uns gibt es keine Kirchenbänke, sondern Polsterstühle. Es steht ein Altartisch vorne, der meistens mit Blumen geschmückt ist, und daneben die Kanzel auf der einen und das Klavier auf der anderen Seite.
Ich war mal mit einem Freund in einer richtigen alten Kirche und war erstaunt, dass die Leute vor dem Gottesdienst alle total ruhig waren und besinnlich vor sich hin geschaut haben. Das ist bei uns anders. Es ist eher wie in einem Bienenstock, wo es summt und brummt, und erst, wenn dann das Klavier zu einem Vorspiel einsetzt, beruhigen sich die Leute allmählich. Einmal musste der Pastor aufstehen und sagen, dass die Gespräche aufhören sollten, weil man von der Musik kaum etwas hörte.
Das könnte aber auch an Karin gelegen haben, die noch nicht so gut Klavier spielen kann.
Ich konnte mit den Gottesdiensten bei uns nicht viel anfangen und fand sie meistens langweilig, obwohl sich alle immer viel Mühe gaben. Gut, manche Lieder sang ich gerne mit, und bei der Predigt gefielen mir besonders die Geschichten, die darin vorkamen. Hinterher traf ich mich oft mit ein paar Freunden, und wir spielten Tischfußball im Keller.
Als wir kamen, wurden wir natürlich gleich am Eingang begrüßt, und Opa sagte mehrmals, dass er der Vater von Annika sei, und der Typ am Eingang fand es total spannend, den Vater meiner Mutter kennenzulernen, und er meinte auch, eine gewisse Ähnlichkeit im Gesicht zwischen den beiden zu erkennen.
Meine Mutter verteilte das erzwungene Lächeln Nummer zwei und steuerte auf Sitzplätze im ersten Drittel zu.
„Wo gibt es denn die Liederbücher?“, fragte Opa.
„Du brauchst keine, weil der Text an die Wand geworfen wird“, flüsterte Mama.
„Dann müsste ich meine Fernsichtbrille aufsetzen“, flüsterte Opa, „die ich vergessen habe.“
Mir war bis dahin nicht klar, wie laut man flüstern konnte, aber es fiel nicht weiter auf, weil sich alle halblaut unterhielten.
Irgendwann setzte das Klavier ein, und der Geräuschpegel nahm ganz allmählich ab, und am Ende des Stücks waren dann alle ruhig.
„René“, flüsterte meine Mutter. „Hol für Opa ein Liederbuch, weil er seine Fernsichtbrille nicht dabeihat.“
„Aber er ist doch vorhin Auto gefahren“, flüsterte ich zurück. Meine Mutter nickte und seufzte gleichzeitig.
Also ging ich los und holte für Opa ein Liederbuch. Zum Glück standen die Nummern unterhalb der Texte an der Wand für die, die unbedingt ein Liederbuch brauchten.
„Wie bei Belsazar“, sagte Opa und deutete auf die Schrift an der Wand, und ich grinste, weil ich natürlich die Geschichte von König Belsazar kannte, wo bei einem Festmahl plötzlich eine Schrift an der Wand erschien. Wir hatten erst neulich das Gedicht von Heine auswendig lernen müssen: „Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh lag Babylon …“
„Ich hoffe, dass ich morgen noch lebe“, flüsterte Opa meiner Mutter ins Ohr.
„Wieso denn?“
„Weil Belsazar am nächsten Tag tot im Bett lag, nachdem die Schrift an der Wand erschienen war.“
Er lachte lautlos in sich hinein und fing gleich danach an zu husten.
Ich wunderte mich, dass er diese Geschichte überhaupt kannte, wo er sich doch gar nicht mit der Bibel beschäftigte.
Inzwischen hatten wir drei Lieder gesungen. Aber bis Opa ein Lied gefunden hatte, fing schon das nächste an.
„Das geht mir alles zu schnell“, murmelte er.
Nach der Kollekte wurde Opa von Reiner, der diesmal mit den Bekanntmachungen dran war, extra erwähnt, und alle drehten sich nach Opa um, der mit seiner rechten Hand allen zuwinkte. Ich hatte den Eindruck, dass sich Opa bisher gut amüsierte.
Weil wir einige Flüchtlinge aus dem Iran haben, wird der Predigttext bei uns immer auf Persisch vorgelesen und dann auf Deutsch.
Opa war zuerst überrascht und runzelte die Stirn. Dann murmelte er so laut, dass es fast alle hören konnten: „Man kommt sich hier vor wie im Orient!“
Einige drehten sich um.
Bei der Predigt schaute er mehrmals auf die Uhr und gähnte. Mama blickte starr geradeaus, als ob sie es nicht gemerkt hätte.
Bertram Giesecke, unser Pastor, ist eigentlich nicht schlecht. Er gibt sich große Mühe. Und damit die Leute bei der Predigt dranbleiben, stellt er oft zwischendurch Fragen, die er aber dann selbst beantwortet. Wahrscheinlich rechnet er gar nicht damit, dass jemand was sagt. Aber Opa kannte Bertram natürlich nicht. Mitten in der Predigt stellte er die Frage: „Und wie geht es euch so, wenn ihr einen schlechten Tag habt?“
Opa blickte überrascht auf. Und als niemand etwas sagte, rief er: „Entweder ich rauche eine Zigarette, oder ich mache den andern das Leben schwer. Das lenkt ab. Dann bin ich nicht der Einzige, dem es schlechtgeht.“
Es war eine Sekunde lang völlig still. Bertram blickte Opa überrascht an. Damit hatte er nicht gerechnet, und einige andere drehten sich auch zu Opa hin. Jemand prustete los.
Bertram sagte so was wie: „Vielen Dank. Ja, das kann schon mal vorkommen. Schauen wir einmal, was Paulus dazu meint.“
Und dann erklärte er, dass Paulus gerne Gott dankt, wenn es ihm schlechtgeht, weil ihm das hilft.
„Das ist doch der reinste Schwachsinn!“, rief Opa dazwischen und bekam von Mama einen kleinen Fußtritt. „Ich kann doch nicht danken, wenn ich nicht gut drauf bin. Da fällt mir das Fluchen schon leichter!“
Wieder bedankte sich Bertram für den Kommentar und sagte dann sehr deutlich, dass er jetzt gerne zu Ende predigen wollte. Nachher könnte man ja darüber reden. Er sagte dann noch, dass es tatsächlich funktioniert, wenn man für die unangenehmen Dinge dankt. Aber Opa schüttelte nur den Kopf und brummte wieder: „Der reinste Schwachsinn! Ich nenne das Gehirnwäsche!“
Eine Dame vor uns drehte sich empört um und zischte: „Können Sie bitte Ihren Mund halten. Ich möchte etwas von der Predigt verstehen!“
„Sie sollten dafür danken, dass ich sie störe. Dann können Sie das mal ausprobieren, was gerade gesagt wurde. Darum geht es doch hier!“
Daraufhin blieb sie stumm.
Wir haben die Angewohnheit, das Gebet manchmal freizugeben, sodass jeder, der gerne will, laut ein Gebet von seinem Platz aus beten kann. Opa blickte erschrocken auf, als einer neben ihm plötzlich laut betete.
Und ich zuckte zusammen, als Opa selbst damit anfing. Sein Gebet war relativ kurz. Er sagte ungefähr: „Gott, danke für das Frühstück und das saubere Wasser aus der Leitung. Danke, dass ich den verdammten Krieg überlebt habe und diese seltsame Predigt. Ich finde es nervend, wenn man bei Gebeten so herumlabert. Ich hoffe, dass ich meiner Familie nicht zu sehr auf die Nerven gehe. Amen.“
Es war wieder ein paar Sekunden still, weil alle etwas verblüfft nach diesem Gebet schwiegen. Normalerweise wurde nicht so ehrlich gebetet. Dann betete der Pastor, dass es gut ist, wenn wir auch für die alltäglichen Dinge dankbar sein können.
Hinterher, beim Kirchenkaffee, stand Opa neben einem Bistrotisch und unterhielt sich mit einer ganzen Reihe Leute, oder er wollte sich unterhalten, aber die meisten blickten in ihre Kaffeebecher, als ob eine geheime Botschaft auf dem Becherboden stand.
Er versuchte es mit Witzen, und ein paar lächelten höflich. Schließlich redete er so laut, dass man es überall hören konnte, und erklärte, dass immer mehr Leute nach Deutschland kämen, um sich ein sorgenfreies Leben mit unseren Steuergeldern aufzubauen.
Einer unserer Iraner, ich glaube, es war Ervin, fragte Opa, wo er denn ursprünglich herkäme.
„Aus Leipzig.“
„Und seit wann?“
„Ich bin neunundvierzig rübergekommen.“
„Dann sind Sie ja auch ein Flüchtling gewesen.“
Opa blickte Ervin etwas seltsam an und versuchte, wieder einen Witz zu erzählen.
„Ich will gar nicht wissen, welche von seinen Witzen er gerade zum Besten gibt“, sagte meine Mutter und setzte hinzu: „Gehen wir!“
Mit einem strahlenden Lächeln (Lächel Nummer neun, unecht) hakte sie sich bei ihrem Vater unter und sagte laut: „Ich muss jetzt meinen Vater mitnehmen. Er ist nämlich unser Chauffeur.“ Ein komisches Wort, weil es mich an einen alten Rolls Royce erinnerte und an einen Mann in Uniform mit Schirmmütze.
Opa ließ sich nicht gerne mitziehen, aber er sah es dann ein, und wir fuhren zurück.
„Meine Güte, sind die alle lahm!“, brummte er. „Es kommt beim Kaffeetrinken keine richtige Stimmung auf.“
„Ich glaube, die meisten waren bedient über deine seltsamen Aktionen“, meinte meine Mutter.
„Was denn für Aktionen?“
„Man kommt sich vor wie im Orient! Oder die merkwürdigen Antworten auf Pastor Bertrams Fragen! Und unsere Flüchtlinge haben sich auch über deine verletzenden Bemerkungen gewundert, wo du doch selbst ein Flüchtling warst.“
Aber das konnte er nicht ertragen: „Ich verbiete dir, mich in einen Topf mit den Iranern zu werfen.“
Das fand Anna jetzt wieder lustig. „Opa wird in einen Topf geworfen!“, sagte sie.
„Überhaupt“, meinte meine Mutter, „wusste ich gar nicht, dass du öffentlich beten kannst, Papa. Ich stelle es mir schwierig vor, zu einem Gott zu beten, den es deiner Meinung nach gar nicht gibt.“
„Das habe ich nur getan, um einen guten Eindruck zu machen, weil mich alle bei der Predigt ein bisschen dumm angeschaut haben.“
„Das nennt man übrigens rhetorische Fragen“, meinte Sven ein bisschen angeberisch. „Wenn niemand eine Antwort erwartet.“
„Ja, ich bin nicht blöd, Sven“, schimpfte Opa. „Aber dieser Pastor blickte sich um, als ob er auf eine Antwort wartete. Auf jeden Fall haben mich die Leute auf mein Gebet hinterher angesprochen und fanden es ganz gut. Ich habe ihnen den Witz erzählt, wo ein Taxifahrer in den Himmel kommt und begeistert aufgenommen wird, weil bei seinem Fahrstil die Leute regelmäßig anfingen zu beten.“
„Na ja, vielleicht hast du es nicht gemerkt, aber die haben mehr aus Höflichkeit gelacht! Und wir müssten eigentlich jetzt auch beten, denn du fährst ohne deine Fernbrille.“
Mama machte eine Pause und sagte dann noch: „Du benutzt also das Gebet, um einen guten Eindruck zu machen?“
„Ich passe mich nur an. So wie ein Forscher im Urwald sich einem exotischen Stamm anpasst und seine Bräuche mitmacht.“
„Aha!“
Ich fand es witzig, mir vorzustellen, dass ich zu einem Stamm von Wilden gehörte, die ein Forscher untersucht und aus lauter Freundlichkeit ihr abscheuliches Essen probiert oder ihre merkwürdigen Tänze mitmacht.
6
Sven
Was René so erzählt hat, stimmte nicht immer genau. Manches bekam er auch nicht mit. Klar, eine Sache war ja nicht zu übersehen: Ich war bei Opa auf Krawall gebürstet. „Die Auseinandersetzung des jungen Mannes mit einer männlichen Figur“ oder so ähnlich. Seine Art, Bemerkungen zu machen, klangen so aggressiv, dass ich mich nicht zurückhalten konnte. Und wie er schon aussah! Er hatte mehr graue als weiße Haare, und das in seinem Alter. Das konnte nicht echt sein. Ich ging davon aus, dass er sie färbte. Und dann diese ekligen Haarbüschel, die aus seinen Ohren wuchsen! Er hatte sich auf jeden Fall auf mich eingeschossen.
Und ich habe mir zum x-ten Mal überlegt, dass es vielleicht doch nicht so gut war, während des Studiums zu Hause zu leben. Aber ein Zimmer ist teuer, und Mama ganz allein mit den beiden Kleinen zu lassen, fand ich auch nicht so gut. Na ja, ich werde die Zeit mit Opa überleben. Aber nach der Zwischenprüfung suche ich mir mal ein Zimmer in Tübingen. Es wird wohl auf eine WG hinauslaufen.
Neulich, beim Mittagessen nach dem spektakulären Gottesdienst mit ihm, sagte er plötzlich: „Sag mal, Sven, du bist doch ein schlaues Kerlchen, kannst wahrscheinlich logisch denken und bildest dir deine eigene Meinung. Immerhin studierst du ja Theologie. Ich schätze dich so ein, dass du nicht einfach alles nachplapperst wie ein Papagei, oder?“
Ich nickte und überlegte gleichzeitig: Vorsicht, Sven, irgendetwas plant der Alte! Dann sagte ich langsam: „Ja, ich betrachte mich nicht als Papagei, da hast du recht … Worauf willst du hinaus?“
Anna kicherte und wiederholte ihr neues Lieblingswort: „Schlaues Kerlchen!“
„Na ja, ist doch klar“, fuhr Opa fort. „Es geht um die Sache mit Gott. Die biblischen Geschichten − das ist doch Kinderkram. Der Turmbau zu Babel klingt wie ein Märchen. Die unterschiedlichen Sprachen waren doch schon längst vorher da, ganz abgesehen von den angeblichen Wundern, die Jesus vollbracht haben soll.
Aber diese Schöpfungsgeschichte ist doch einfach ein Witz für Leute, die ihren Grips gebrauchen. Es kann doch nicht sein, dass ein intelligenter Junge wie du diese läppischen Geschichten für bare Münze hält und an so einen Gott glaubt, der über allem schweben soll. Ich vermute mal, dass euch im Studium euer Kindergartenglaube erst mal ausgetrieben wird.“
Ich war verblüfft, dass er so direkt den Glauben angriff. Selbst meine Mutter sagte nichts. Wahrscheinlich, weil ihr nichts einfiel. Aber das kam mir gerade recht. Jetzt konnte ich ihm mal zeigen, dass sein plumper Atheismus mich nicht gleich aus der Bahn warf.
„Also, Opa“, begann ich meinen Gegenangriff, „wenn ich dich richtig verstanden habe, dann bist du der Meinung, dass Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und Gustav Heinemann alles Idioten waren, weil sie an Gott glaubten?“
Opa brauste wie erwartet auf: „Das hab ich nicht gesagt …“
„Aber das ist die Folge von dem, was du gesagt hast.“
„Zieh dich nicht auf ein paar große Männer zurück. Keine Ahnung, warum die an diesen Mist geglaubt haben. Ich hab dich nach deiner Meinung gefragt.“
Gut, das hatte ihn schon mal leicht verunsichert, und ich fuhr fort: „Reg dich doch nicht auf, Opa, ich wollte nur sagen, dass Leute, die an Gott glauben, nicht zwangsläufig Idioten sein müssen.“
Jetzt könnte das Argument ganz gut passen, dass seine Anschauung von vorgestern sei, und ich sagte: „Deine Argumente, Opa, sind ehrlich gesagt ziemlich dünn, weil du immer noch im 19. Jahrhundert lebst. Inzwischen gibt es die vergleichende Religionswissenschaft und die Tiefenpsychologie, und die haben erkannt, dass die scheinbar läppischen Geschichten in der Bibel tiefsinnige Erzählungen über den Glauben sind. Die Bibel ist eben kein Biologiebuch, Opa, das weiß doch jeder, der ein bisschen gebildet ist. Die Bibel erzählt in Form von Geschichten etwas über die Beziehungen zwischen Gott und uns. Die Schöpfungsgeschichte sagt mit bildreichen Worten, dass es kein Zufall ist, wie die Welt entstand. Dahinter steht Gott. Also, ehrlich, Opa, ich hätte von dir etwas mehr Allgemeinbildung erwartet. Deine Argumente klingen nach unterstem Niveau und …“
Ich hörte mit Reden auf, weil Opa lospolterte: „Willst du etwa Nietzsche für dumm erklären?“
„Natürlich ist er dumm“, sagte ich so cool wie möglich. „Er hat sich in etwas hineingesteigert mit seinem Gott-ist-tot-Quatsch. Ist ja auch nicht zufällig, dass er wahnsinnig geworden ist. Es gibt heute kaum noch militante Atheisten, weil du nicht beweisen kannst, dass es Gott nicht gibt. Außerdem, Opa, du weißt ja: Wer schreit, hat meistens unrecht.“
Jetzt hatte ich ihn! Er schoss Blitze aus seinen Augen und knurrte: „Ich lasse mich von einem windigen Studentenarschloch nicht beleidigen!“
„Ich finde, dass du uns beleidigt hast, weil du es nicht aushältst, dass intelligente Leute an Gott glauben. Und das mit dem Arschloch, das nimmst du zurück!“
Es war kurz still, alle hielten den Atem an. War natürlich von mir auch nicht gerade nett, aber ich hatte ja nichts zu verlieren. Wenn es ihm bei uns nicht gefiel, würde er wieder gehen. Und außerdem hatte er nicht das Recht, mich unflätig zu beschimpfen.
Opa blickte konzentriert auf seinen Teller, dann räusperte er sich und sagte: „Gut. Das Arschloch nehme ich zurück. Aber dass man sein Leben damit verbringt, an einen unsichtbaren Gott zu glauben, den keiner beweisen kann, das ist … das ist einfach Zeitverschwendung.“
„Für dich vielleicht, aber nicht für uns. Was hältst du von folgendem Gedanken, Opa?“, fing ich wieder an und dachte an die Geschichte mit Blaise Pascal und seinem Gottesbeweis.
„Wenn ich sterbe und dann feststelle, dass es Gott nicht gibt oder dass alles aus ist nach dem Tod, dann habe ich wenigstens sinnvoll gelebt. Aber wenn du stirbst und dann feststellst, es geht weiter, und du triffst auf Gott, der dich nach deinem Leben fragt, wie du es gelebt hast, dann siehst du wirklich alt aus. Das muss dann wirklich blöd für dich sein.“
„Ich habe selten jemanden getroffen“, sagte Opa, und ich merkte, wie er versuchte, noch eins draufzusetzen, „der so eingebildet ist wie du, aber − na ja, so ist man eben mit zwanzig …“
Er stand auf und griff nach seinem Stock. „Eine tolle Familie!“, grunzte er.
Meine Familie war zwar geschockt, aber ich rieb mir im Stillen die Hände, weil ich dachte, dass ich die Runde gewonnen hatte. Seltsam fand ich nur, dass ich ein angedeutetes Lächeln in seinen Mundwinkeln sah, als er an mir vorbeihumpelte, das ich mir nicht erklären konnte. Es war nur kurz über sein Gesicht gezuckt, aber ich hatte es bemerkt und war verwirrt, weil es überhaupt nicht zu seiner Laune passte. Erst viel später sollte ich es verstehen. Als die Tür ins Schloss fiel, fing Mama an und sagte: „Also, wirklich, Sven! Ihn so vorzuführen war eine Umdrehung zu heftig.“
„Ich lass mir doch von ihm nicht mit seinem billigen Atheismus den Glauben madig machen …“, sagte ich.
„Ich … versteh dich ja und … und finde es gut, dass du so schlau bist, aber er regt sich dann dermaßen auf, dass man um seine Gesundheit fürchten muss.“
„Ja, dann soll er sich das nächste Mal zusammenreißen und nicht so dumpfbackige Argumente verbreiten.“
Meine Mutter seufzte, aber ich fand es toll, dass ich dem Alten mit seinem überheblichen Getue mal gezeigt hatte, was Sache war. Selbst Anna fand das, obwohl sie alles etwas anders ausdrückte und sagte: „Opa hat Arschloch gesagt!“
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