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ALBERT DAMBLON

Gottesflüsterer

Annäherungen

an ein Geheimnis

ALBERT DAMBLON

Gottesflüsterer

Annäherungen

an ein Geheimnis


Gott ist im tiefsten unmodern.

(Robert Musil)

Inhalt

Auftakt

Kriegsfolgen

Das große Ja

Der tröstende Gott

Verlassenes Kind

Gottesgeschichten

Trotz allem

Der geschlagene Kannitverstan

Die Strafe folgt auf dem Fuß?

Eine Liebesgeschichte

Mit kindlicher Allmacht

Der leise Gott

Der ehrfurchtsvolle Schrecken

Zwei Ratzinger als Stoßdämpfer

Die Ewigkeitsversicherung

Das Angesicht

Hoch oben

Der Name des Schafes

Der gute Hirt

Tanz und Leben

Die Sehnsucht, Gott zu sehen

Der Schrei

Der fernnahe Gott

Der geduldete Halbmond

Gott ist da

Der eine und einzige Gott

Anfang und Ende

Fußwaschung in der Raststätte

Wer betet, erkennt Gott

Gebetsbedingungen

Quengelndes Gebet

An der Küste

Gottes Tiefschlaf

Der offene Himmel

Gottes Wohnung

Der andere Tempel Gottes

Mystik

Falsche Gleichung

Gottes Mathematik

Unterschiedliche Gottesbilder

Ein weiteres Gottesbild

Gnaden-Ort

Überfließende Barmherzigkeit

Am Gnadentropf Gottes

Gottes Markt

Bekenntnis

Meine Lebenswahrheit

Antwort auf die große Frage

Das vorweihnachtliche Geschenk

Weihnachten und Gott

Gott und Kind

Alles ist Geschenk

Nachklang

Quellenverzeichnis

Auftakt

Schon seit Wochen quälte mich die Hüfte. Dieses Mal versagte die Spritzkunst meines Orthopäden und die Schmerzen hielten mich fest im Griff. „Wir röntgen einmal. Besser ist besser.“ Nachdem ich aus der Strahlenkammer entlassen war, präsentierte er mir das Ergebnis. Sein Medizinerlächeln war verflogen. „Ja, die Aufnahme zeigt am Oberschenkelknochen eine Verdickung. Da sitzt etwas, das dort nicht hingehört.“ Der Arzt hielt die Aufnahme gegen das kalte Neonlicht. „Sehen Sie es auch?“ Er half mit seinem Stift nach, um mir die Konturen einer Ausbuchtung zu zeigen. Wie ein Kropf hatte sich am Knochen etwas Unbestimmtes festgekrallt. „Auf keinen Fall gehört es hier hin. Es kann alles Mögliche sein. Eine Ablagerung. Kalk. Ein altes Hämatom. Ich weiß es nicht. Dafür ist eine Röntgenaufnahme zu ungenau.“ Er hatte das durchsichtige Bild noch in seinen Händen. „Ich schicke Sie in eine radiologische Praxis. Knochenkrebs wollen wir auf jeden Fall ausschließen.“

Das für mich entscheidende Wort war gefallen. Knochenkrebs. Mich beschäftigte nur noch das Röntgenbild, auf dem ich jetzt deutlich einen Tumor sah. „Also, ich schicke Sie zum Kollegen Dr. Kranz. Er macht ein CT des Oberschenkels. Danach wissen wir exakt, um was es sich handelt.“ Im Moment wollte ich es gar nicht wissen. Mir gingen Menschen durch den Kopf, die ich seelsorgerisch betreut hatte und die qualvoll an Krebs gestorben waren. Brustkrebs, Hautkrebs, Darmkrebs, Magenkrebs, Prostatakrebs und Knochenkrebs, ich zählte innerlich die Krebsarten auf. Noch in der Praxis malte ich mir aus, wie es mir ergehen würde. Der Doktor munterte mich auf, aber ich überhörte ihn. „Es wird alles ganz harmlos sein. Sie hatten doch früher mit Kalkablagerungen zu tun.“

Auf dem Nachhauseweg kam dem Priester Gott in den Sinn. Auf der Straße, mitten im lebhaften Verkehr, schlich er sich wie von selbst an mein Ohr. Wie oft hatte ich die Gottesfrage an Krankenbetten gehört. Wie bedenkenlos hatte ich geantwortet. Jetzt stand ich selbst einen Schritt vor dem Abgrund, obwohl es nur ein Zebrastreifen war, den ich überqueren musste. Innerlich redete ich mir zu. „Du bist 47 Jahre alt.“ Besser hätte ich gefragt, weshalb lässt er dann Jüngere sterben? Gott lässt sterben, Gott lässt qualvoll sterben, Gott berücksichtigt kein Alter. Für ihn gibt es kein Warum. Was bilde ich mir ein, von ihm besonders beschützt zu sein.

Ein paar Wochen später lag ich beim Radiologen in der Röhre. Der enge Schlund machte mich nervös. Lebensangst schlug in Platzangst um. Den Bericht erhielt ich ein paar Tage später. „CT-morphologisch handelt es sich unter Berücksichtigung der bisherigen mikrobiologischen und zytologischen Ergebnisse um ein altes, abgekapseltes und am Rande verkalktes Serom.“ Die Auskunft im alten Gesundheitsbuch war eindeutig. „Serom: Wundflüssigkeit bildet eine Ausbuchtung und schließt sich ab.“ Der Radiologe punktierte sofort den lästigen Zuwachs und versprach mir, dass die Schmerzen innerhalb von Stunden verschwinden würden.

Auf dem Weg nach Hause lief es sich bedeutend leichter und schneller als vor Wochen. Das Leben auf der Straße machte Spaß, und ich genoss es, den Zebrastreifen aufmerksam zu überqueren. Den Oberschenkel spürte ich schon nicht mehr. Irgendwie fing mein Leben wieder an. In drei Jahren würde ich meinen 50. Geburtstag feiern. Gott hatte ich verdrängt. Dabei durfte ich ihn nicht so einfach davonkommen lassen. Heute hatte ich gewonnen, aber wie werde ich reagieren, wenn ein Arztbericht anders schließen wird: „Die CT-Aufnahme und die zytologische Untersuchung ergaben einen schnell wachsenden Tumor. Sofortige operative Entfernung ist angezeigt.“ Eine solche Diagnose steht mir noch bevor. Während ich damals nach Hause hüpfte, schlichen andere Patienten tieftraurig von dannen. Ihnen galt das, was ich befürchtet hatte. In ihrem Interesse muss die Frage nach Gott wachgehalten werden. Vielleicht hätte ich sie anders stellen müssen. „Warum hat Gott mich jetzt verschont und die anderen ans Messer geliefert? Warum bin ich noch einmal davongekommen?“

Letztlich sind es die Fragen, die ich in meinem Beruf zu beantworten habe. Zumindest sind sie mir vertraut, obwohl alle meine Antworten bisher Versuche blieben. Als Prediger gehe ich sonntäglich mit Gott um, und ich tue so, als ob er mir vertraut wäre. Dabei bleiben die offenen Fragen: Wer ist überhaupt Gott, wie ist Gott und wo ist Gott? Was finde ich über ihn in der Bibel? Was erzählt Jesus von Gott? Jeder Schritt zum Ambo vermehrt die Fragen, deren Bearbeitung für einen Theologen Pflicht ist. Schließlich sollte die Theologie eine Antwort auf die Gottesfrage versuchen. Als ich die Stichwortzettel meiner gehaltenen Predigten auf das Thema ‚Gott‘ hin durchlas, fielen mir Lebensgeschichten ein. In ihnen passierte nichts Außergewöhnliches, mein Alltag verlief in normalen Bahnen. Trotzdem kamen sie mir in den Sinn, und ich bin davon überzeugt, dass sie mit Gott zu tun haben, ohne ihn ausdrücklich zu benennen. Die Predigten will ich aufschreiben, die Geschichten erzählen und die Bibel sprechen lassen, damit meine Beschäftigung mit Gott nachhaltig wird und ich mich gegen Ende meines Lebens nicht selbst vergöttern muss. Ich gebe zu, mein Gottesbild ist einseitig, aber welches Gottesbild ist das nicht. Gestrenge Dogmatik wird viele Aspekte vermissen. Bei mir hat es gereicht, um ein wenig zu glauben und zu hoffen.

Kriegsfolgen

Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Vielleicht lag er zehn, elf oder zwölf Jahre zurück. Ich war acht, neun oder zehn Jahre alt. Meine Mutter hatte einen Wunsch. Sie wollte unbedingt einmal nach Malmedy. Als Aachener hatte ich den Namen der belgischen Kleinstadt öfters gehört. Sie liegt jenseits des Hohen Venns. Dort sprechen die meisten Einwohner Französisch, nur wenige Deutsch. Von daher galt das Städtchen für mich als Ausland. In Malmedy waren der Krieg und die Grausamkeit der deutschen Besatzung unvergessen, und uns Deutschen fehlte dort nicht nur die Sprache, mit Vergebung konnten wir genauso wenig rechnen. Nachbarschaftlichen Respekt hatte Deutschland schon zu Kriegsbeginn verloren.

In der Stadt angekommen, suchte meine Mutter sofort eine bestimmte Adresse. Wie sie daran gekommen war, wusste ich nicht. Viele Straßen gab es im Zentrum nicht. Auf jeden Fall hing der Wunsch meiner Mutter nicht an der Stadt, sondern an der Straße und einer bestimmten Hausnummer. Sie musste gefunden werden. Vorher wollte sie nicht zurückfahren. Stotternd fragte sie sich durch und fand ihr Ziel, die rue la vaulx, eher eine Gasse, die von geduckten, schmalen Häusern gesäumt wurde. Mit zwei Stockwerken und manchmal mit einer Dachgaube zwängte sich ein Haus an das andere. Ohne Frage, sie waren in Ordnung und wirkten durch eine Schieferabdeckung sauber. Langsam zählte meine Mutter die Hausnummern ab. Dichte Gardinen und trübe, ungeputzte Scheiben verhinderten den Blick in das Wohnzimmer. Plötzlich blieb meine Mutter vor einem Häuschen stehen. Sie hatte auf dem Klingelschild einen Namen gelesen: „Hier ist es.“ „Was ist hier?“, fragte ich naiv. „Hier wohnt Eugen!“ „Du meinst, hier war Eugen zu Hause?“, ergänzte mein Vater. „Genau!“ Ich hörte nur Eugen. Ihn kannte ich nicht. Zu Hause war nie von ihm gesprochen worden. Ein Nachname fiel nicht. Ob Eugens Eltern noch leben, überlegte meine Mutter, ohne den Klingelknopf zu drücken. Mein Vater und ich standen mitten auf der Straße und beobachteten die Szene. Hinter den Tüllgardinen schien sich nichts zu rühren. Die schweren Vorhänge hingen ruhig, und Gummibäume rankten sich hoch. Alles blieb still. „Es scheint keiner zu Hause zu sein“, meinte mein Vater. „Ich wollte sowieso nicht klingeln.“ Ich verstand Mutter nicht. Zuerst wollte sie unbedingt nach Malmedy, dann fand sie, was sie suchte. Aber das reichte ihr.

Jahrzehnte später stöberte ich im Fotoalbum meiner Mutter. Sie hatte es mir überlassen in der Hoffnung, dass ich die Schwarz-Weiß-Bilder einmal sortieren würde. Es gab viel zu entdecken, spannend jedoch wurde es, als mir ein Bild auffiel, auf dessen Rückseite mit Bleistift der Name „Eugen“ gekritzelt war. Der Eugen meiner Kindheitserinnerung? Ich wurde neugierig. Das Foto zeigte einen jungen Mann in Uniform, die ich von belgischen Zöllnern an der Grenze kannte. Vermutlich hatte man Eugen während seines Dienstes in der belgischen Armee fotografiert. Seine Spuren hatte sie damals in Malmedy gesucht. Jugendlich stolz hat er das rechte Bein vorgestreckt, mit dem linken steht er auf festem Grund. Sein Blick wandert in den Himmel, ohne sich darin zu verlieren. Die typische Schirmmütze spendet seinen Augen Schatten. Der junge Mann weiß, was er will. Für sein Vaterland Belgien hatte er zu kämpfen. Seine Geschichte ist weitergegangen, so wie die Weltgeschichte weitergegangen ist. Ein, zwei oder drei Jahre nach dem Foto brach der Zweite Weltkrieg aus. Belgien wurde von der deutschen Wehrmacht überrollt.

Ein paar Fotos weiter entdeckte ich eine junge Frau im Arm eines Soldaten. Es war meine Mutter, die zu Beginn des Krieges 19 Jahre alt war. Sie strahlte ihren Partner an. Mir schien, dass sie glücklich war. Das Liebespaar wollte im Moment seines Glücks den Krieg vergessen. Von Bombern und Panzern sah man nichts. Krieg war tatsächlich irgendwo anders. Ich hatte den deutschen Soldaten im Album doch schon gesehen. War es nicht der Belgier Eugen, jetzt in deutscher Uniform? Auf die Rückseite hatte meine Mutter mit Bleistift aufgeschrieben: „Mein Verlobter Eugen“. Also hatte sich meine Mutter im Krieg verlobt. Aber ihr Verlobter war nicht mein Vater, sondern Eugen. Eugen aus Malmedy. Sein Andenken hatte meine Mutter gesucht. Vor dem Krieg gehörte seine Heimatstadt zu Belgien. Deshalb wurde er selbstverständlich dort zum Wehrdienst eingezogen. Das erste Foto zeigte den belgischen Soldaten. Im Krieg annektierte Nazideutschland Belgien. Plötzlich wurden alle deutschsprachigen Belgier zu Reichsdeutschen. Nun hatten die jungen Männer für Deutschland zu kämpfen. Aus dem belgischen Soldaten Eugen wurde ein deutscher Unteroffizier. Er siegte, verlor und starb für ein Vaterland der Feinde. Welcher Friedhof war für ihn zuständig? Die Belgier mochten keine deutsche Leiche, und auf deutsche Erde gehörten keine toten Belgier.

„Hierhin wäre Eugen zurückgekehrt“, flüsterte meine Mutter vor einer engen Holztür in Malmedy. „Er wollte unbedingt wieder nach Hause.“ „Wer weiß, ob er als deutscher Soldat nach Belgien zurückgedurft hätte“, meinte mein Vater. Dann hörte ich das entscheidende Wort. „Ja, Eugen ist gefallen.“ Als Kind wusste ich nicht, was gefallen hieß. Ich war oft gefallen, aber bis auf ein offenes Knie und ein paar Schürfwunden an den Armen blieb nichts zurück. Eugen, das ahnte ich, war nicht wieder aufgestanden, um sich das Knie zu verbinden. Er war liegen geblieben, verreckt, tot. Gestorben ist ein falsches Wort, um diesen Tod zu beschreiben. Gerne hätte er weitergelebt in seinem Heimatstädtchen Malmedy, in dem winzigen Haus seiner Eltern. Und dann hätte er geheiratet. Ob meine Mutter daran dachte? Doch was interessierte den Krieg, ob ein Belgier oder ein Deutscher starb. Der Wahnsinnigste aller Diebe nahm keine Rücksicht. Auch an den Wünschen von Verlobten ging er vorbei. „Eugen ist gefallen“, wiederholte meine Mutter. Welche Gefühle sie bewegten, ahnte ich nicht. Dafür war ich zu jung. Schluchzte sie um ein verlorengegangenes Leben? War sie dankbar für ein anderes, neues Leben?

Ohne den Verlobten Eugen ist ihre Geschichte anders verlaufen. 1946 heiratete sie meinen Vater, 1947 wurde ich geboren. Es begann meine Geschichte.

Das große Ja

Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben. Dadurch, dass er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen. Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt (Eph 2,4–8).

Unsere Pfarrkirche ist eine Hochzeitskirche. Inzwischen habe ich mich an die aufwendigen Feiern gewöhnt, und mit dem häufig gesungenen Ave Maria kann ich leben.

Ein Moment packt mich jedes Mal. Wahrscheinlich werde ich mich nie daran gewöhnen. Ich zucke zusammen, sobald sich die Brautleute ihr Trauversprechen geben. Diese Zusage lässt mich verstummen. Zwei junge Menschen schauen sich in die Augen, sie sprechen sich an und behaupten: „Ich nehme dich an und verspreche dir die Treue in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit. Ich will dich lieben, achten und ehren, solange ich lebe.“ Egal, was kommen wird, ich bleibe bei dir. Egal, was kommen wird, ich werde dich mögen. Egal, was kommen wird, ich werde zu dir halten. Keiner der beiden weiß, was kommen wird. Die gemeinsame Zukunft ist offen. 30, 40 und 50 Jahre können lang und schwer werden. Trotzdem versprechen sich die beiden die Treue, und sie meinen es ernst, sonst wären sie nicht in die Kirche gekommen. Denn es gibt heute andere Möglichkeiten, zusammenzuleben, ohne sich ausdrücklich die Treue versprechen zu müssen, und gleichzeitig erleben die Hochzeitspaare, wie in ihrer Umgebung Ehen geschieden werden. Aus diesen Gründen beeindruckt mich jedes Trauversprechen.

Dennoch vermute ich, dass jeder Mensch feste Zusagen für sein Leben braucht. Er ist auf das Ja anderer angewiesen. Deswegen nehmen Vater und Mutter ihre Kinder in den Arm, um ihnen zu zeigen: Ja, du bist gewollt, wir sind froh, dass du da bist, wir mögen dich. Oma und Opa machen es genauso. Ohne Anerkennung und ohne Zusage eines anderen erkrankt der Mensch. Die Seele spielt verrückt, und sie steckt den Körper an. Der Mensch geht buchstäblich ein ohne das Ja anderer Menschen.

Nach alter Lehre ist das Versprechen der Eheleute ein Bild für die unverbrüchliche Zusage Gottes zum Menschen. Für ihn ist der Mensch kein Zufallsprodukt der Natur oder der Geschichte, auch wenn es für uns manchmal so aussieht. Er ist von ihm gewollt und bejaht. Zwar kennt er mich durch und durch und könnte nein zu mir sagen, aber er verspricht mir trotzdem sein Ja, gleichgültig, was passiert. Sein Versprechen hält er, und er wird mir niemals untreu. Ich brauche diesen Gott, der mich absolut bejaht und mein ganzes Leben trägt.

Martin Walser schreibt: „Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem ‚bekennenden‘, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir.“ Ja, er würde mir fehlen. Gott würde den Menschen fehlen. Sein Ja braucht der Mensch. Gott sagt mir zu: Du bist mein geliebtes Kind. Ich verspreche dir die Treue, in guten und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit. Ich will dich lieben, achten und ehren in Ewigkeit. Sein Versprechen gilt nicht nur heute und morgen, Gott bejaht mich bis in die Ewigkeit.

Der tröstende Gott

Freut euch mit Jerusalem!

Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum! … Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost (Jes 66,10 f und 13).

An einem Sonntag half ich in einem Eifeldorf aus. Nach der Messe bedankte sich ein Mann bei mir. Sonntag für Sonntag ginge er in die Kirche. Aber in der Predigt würde er immer nur ausgeschimpft. Er sei nie getröstet nach Hause gegangen. Seit dem Gespräch habe ich gelernt, dass Menschen im Gottesdienst Trost erwarten. Deshalb versuche ich, in meinen Gottesdiensten Trost zu spenden.

Der Gott der Bibel ist oft ein tröstender Gott. Er hat ein Herz für die trostlosen, einsamen Menschen. Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröstet Gott die Menschenkinder. Er schenkt ihnen sogar einen Ort des Trostes. Seine himmlische Stadt Jerusalem ist keine autoritäre Vaterstadt. Als Mutter bietet sie trostbedürftigen Menschen ihre Brust an. Daran können sie sich sattsaugen. Die Muttermilch Jerusalems ist ein unübertroffener Trost.

Wir finden Zugang zu dem tröstenden Gott über unsere Muttersprache. In ihr sind Trost und Treue miteinander verwandt. Gott wird zum Tröster, weil er den Menschen treu ist. Wer also Trost sucht, liegt bei ihm richtig. Treu steht er zu seinem Versprechen. Jeder Gottesdienst feiert den getreuen Gott, damit die Menschen von ihm getröstet werden.

Trost ist nichts Spektakuläres. Er macht keine Toten lebendig und heilt keine Krankheit. Das Karzinom überwuchert den Trost. Getröstet jedoch lebt der Kranke weiter und kann den Kampf gegen Krebs und Tod aufnehmen. Getröstete Menschen wissen, was tröstet:

–„die Tränen des Arztes, als er von meiner sterbenden Tochter Abschied nahm“;

–„meine Tochter, als sie etwa mit vier Jahren nach der Scheidung von meinem Mann mit ihrem Hamster spielte. Sie kam zu mir und sagte: ‚Mutti, du brauchst nicht mehr zu weinen, mein Hamster weint auch nicht mehr‘“;

–„wie ein Freund mich herzlich und fest in die Arme genommen hat“;

–„die Anteilnahme von Türken beim Anblick meines behinderten Sohnes“.

Menschen, die trösten, vermitteln Gottes Trost. Ihre Anteilnahme verweist über das eigene Handeln hinaus. Auch einfache Worte und Zeichen im Gottesdienst können trösten. Eine Lesung aus der Heiligen Schrift öffnet das Herz. Oder es ist die Hand, die der Banknachbar zum Friedensgruß reicht, oder das Brot, das am Altar geteilt wird. Tröstlich ist es, am Schluss des Gottesdienstes gesegnet zu werden und dann nach Hause zu gehen. Trösten wir im Namen Gottes die nicht getrösteten Menschen.

Verlassenes Kind

Das Kind war inzwischen zwölf Jahre alt. Es besuchte die Quinta des ehrwürdigen Gymnasiums und hatte sich dadurch Selbstständigkeit erworben. Jeden Morgen zog es allein durch die Innenstadt, um das Portal der Schule zu erreichen. Taxi Mami war in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unbekannt. Ihm machte der Fußweg nichts, weil es morgens viel zu sehen gab. Das Kind fühlte sich wohl in seiner Haut. Es war kein Überflieger, jedoch solider Durchschnitt in seiner Klasse.

Seine Eltern hatten sich bisher geweigert, einen Fernseher anzuschaffen. Damals war er noch lange nicht in jedes Wohnzimmer vorgedrungen. Immer dann, wenn das Kind um einen Apparat bettelte, schaltete der Vater auf pädagogisch stur. „Wer weiß, wie Fernsehen deine Schulentwicklung beeinflusst. Du sollst in Ruhe lernen.“ Also blieb der mögliche Fernsehtisch leer. Für die Mutter war er eine Anrichte, um die Orchideen zu platzieren. Doch dann entwickelte sich ein eigenartiger Brauch. Ein Schwager hatte seiner Familie einen Fernseher gekauft. Stolz präsentierte er ihn, alle sollten ihn bewundern. Zur großen Samstagabendschau im Deutschen Fernsehen gingen die Eltern regelmäßig dorthin. Wie Frankenfeld und Kulenkampff nisteten sie sich bei Onkel Ludwig und Tante Eva ein.

Jedes Mal blieb das Kind allein zu Hause. Für einen harmlosen Fernsehabend war es angeblich zu jung. Deshalb musste es zu Bett gehen. Was sollte es auch alleine in einem leeren Wohnzimmer! Gegen 19 Uhr 30 appellierte der Vater zum ersten Mal. „Mach dich bettfertig. Du weißt, wir fahren zu Onkel Ludwig.“ Das Kind stellte sich störrisch. Ein Appell reichte nicht. Zehn Minuten später wiederholte der Vater ihn mit genauso wenig Erfolg. Jetzt wurde es ernst. „Nun mach aber endlich. Ich möchte den Anfang von Frankenfeld mitbekommen. In zwei Minuten bist du im Bett, oder es setzt was.“ Das Kind wehrte sich schüchtern. „Ich will nicht allein bleiben.“ „Ach jammere nicht. Du bist doch nicht allein. Onkel Ludwig wohnt ein paar Straßen weiter und um zehn sind wir wieder zu Hause!“ „Nein, ich kann nicht schlafen, wenn ich alleine bin.“ „Nun stell dich nicht so an. Zwei Stunden, länger sind wir nicht weg. Zwölf Jahre bist du. Ein Gymnasiast hat doch keine Angst. Du gehst jeden Morgen allein zur Schule.“ „Ich kann aber wirklich nicht schlafen.“ „Schluss jetzt, ab ins Bett, Augen zu und dann bis morgen früh!“

Das Kind beugte sich. Es hörte noch, wie die Eltern abfuhren, dann lag es wach in seinem Bett. Es grübelte. Jeden Samstagabend bekam es Panik, ohne den Grund zu wissen. Mit vielen Gedanken und offenen Augen wälzte es sich hin und her. Hoffentlich passierte den Eltern nichts. Von nächtlichen Unfällen auf eisglatten Straßen las es viel in der Zeitung. Die Kirchenglocke schlug. Erst halb neun. Bis zehn waren es noch anderthalb Stunden. Das Kind würde ja gerne schlafen, aber die Augen fielen nicht zu. Und je mehr es daran dachte zu schlafen, desto wacher wurde es. Zwischendurch ging es einmal zur Toilette, obwohl es gar nicht musste. Wieder zurück ins Bett, das weich und warm war; daran lag es nicht, darin fühlte sich das Kind wohl. Nur Einschlafen gelang nicht. So lag es mit offenen Augen und starrte zur Decke. Der Spalt zwischen den Gardinenschals ließ das kalte, weiße Mondlicht in sein Zimmer. Schattenspiele an der Wand erzeugten manche Fantasien. Zauberfeen, Riesen und Drachen kämpften miteinander. Das Kind schloss die Augen, um sich vor den Trugbildern zu schützen, nicht um zu schlafen. Es zählte den Glockenschlag der Kirchturmuhr. Immerhin schlug es schon neun. Die Hälfte des Alleinseins war bereits überstanden, denn die Eltern kamen immer pünktlich zurück. Ein weiterer Einschlafversuch brachte nichts. Hellwach stand das Kind auf und schlich zum Fenster. Vorsichtig schob es den Vorhang ein wenig zur Seite. Vielleicht bog der graue Käfer des Vaters um die Ecke. Dann hätte sich alles gelöst. Nichts tat sich auf der Straße. Sie war menschenleer. Kein Auto fuhr vorüber. Erst recht war weit und breit kein grauer VW zu sehen. Das Kind kroch mutlos ins Bett zurück. Die Eltern hielten doch zu ihm. Es war nur der Samstagabend, der Probleme machte. Das Kind stand wieder auf, lief durch die dunkle Wohnung und sprach mit sich selbst, um seine Angst zu verjagen. Nichts nutzte, das Kind blieb allein und fühlte sich verlassen. Deshalb gab es seinen Kampf auf. Starr und steif zog es sich zurück ins Bett, und sein Herzklopfen war wie ein Zeitzeichen.

Endlich wurde ein Schlüssel im Schlüsselloch gedreht. Die Haustür knarrte. Flurlicht fiel in die Diele. Die Eltern warfen einen flüchtigen Blick ins Kinderzimmer, das gehorsame Kind tat so, als ob es schlief. Ein paar Minuten später war es tatsächlich eingeschlafen.

Gottesgeschichten

Josua sagte zum ganzen Volk: Wenn es euch nicht gefällt, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stroms dienten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen. Das Volk antwortete: Das sei uns fern, dass wir den Herrn verlassen und anderen Göttern dienen. Denn der Herr, unser Gott, war es, der uns und unsere Väter aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat (Jos 24,15–17).

Vor einiger Zeit berichtete mir ein Bekannter von seiner Herzoperation. Er hatte einige Bypässe und eine neue Herzklappe erhalten. Ihm stand noch die Angst im Gesicht geschrieben. Ja, die Angst sei schlimmer als das Drum und Dran zur Operation. Wie ein kleines Kind habe er Angst gehabt. Aber im Nachhinein sei er fest überzeugt, „der da oben“ habe ihn nicht allein gelassen. „Der da oben“ habe ihm geholfen. Er wiederholte es, ohne den da oben wäre er jetzt nicht mehr. Das Wort „Gott“ sprach er nicht aus. Immerhin hatte der Mensch mit dem da oben eine positive Erfahrung gemacht. Er habe ihn ins Leben zurückgeholt. Viele halten kritisch dagegen, das sei doch naiv. Die Medizin und die Kunst des Chirurgen hätten ihn am Leben gehalten. Falls ich so argumentiere, sind auch die gegenteiligen Geschichten über Gott naiv. In ihnen wird Gott mit dem Tod verbunden. Als mein Mann starb, erzählt die Witwe, hat der da oben uns allein gelassen. Dabei brauchte ich meinen Mann noch. Ich könnte wieder auf die Medizin verweisen. Vielleicht waren die Ärzte überfordert.

So steht Geschichte gegen Geschichte, Geschichten der Freiheit gegen Geschichten der Unterdrückung, Geschichten der Angst gegen Geschichten des Mutes. Der Mensch muss sich entscheiden, welcher Geschichte er vertraut und welche er erzählt. Stimmt er der Gottesgeschichte vom Leben zu, oder ist die Gottesgeschichte vom Sterben ihm näher? Gott und das Leben oder Gott und der Tod?

Das Volk Israel muss sich in Sichem zwischen verschiedenen Geschichten entscheiden. Da stehen die Götter der Amoriter neben dem Gott, der das Volk Israel aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit hat. Diese Geschichte ist das Fundament des jüdischen Glaubensbekenntnisses. Keine andere hat Israel so bestimmt wie die Befreiungstat Gottes. Gott führt aus der tödlichen Unterdrückung zum Leben, weil er kein Gott des Todes ist. Daran glauben die Israeliten und davon lassen sie sich nicht abbringen, gleichgültig, welche Geschichte sie mit Gott erlebt haben oder noch erleben werden.

Die Freiheitsgeschichte Israels ist keine Glaubensgeschichte eines einzelnen Menschen, der am Herzen operiert worden ist. Sie dreht sich um ein ganzes Volk. Eine solche Geschichte brauchen Menschen, um gegen den Tod an das Leben zu glauben. Deshalb erzählen sie sich die Geschichte, Sabbat für Sabbat. Welche Gottesgeschichte erzählen wir?

Trotz allem

Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Röm 8,38 f).

Trotz aller Zweifel

trotz aller Angst

trotz aller Schmerzen

trotz aller Schuld

trotz aller Trauer

trotz aller Hoffnungslosigkeit

der Resignation trotzen

und dem Leben

mutig und scheu

zulächeln

(Alexander Jehle)

Mit vielen finde ich mich in dem Gedicht wieder. Zeile für Zeile buchstabiere ich es durch.

Zweifel bestimmt oft das Leben. Man zweifelt an sich selbst und an der Welt.

Wie schnell kommt Angst auf.

Angst und Zweifel lassen schuldig werden, aber Schuld darf keiner öffentlich eingestehen, sonst gibt er sich eine Blöße.

Trauer verfolgt mich ein Leben lang. Ich bin traurig über verpasste Gelegenheiten und über Abschiede.

Hoffnungslos sind viele in der Welt. Haben wir überhaupt eine Zukunft? Sie steht in den Sternen.

Über Schmerzen lässt sich nur jammern.

Der Dichter hält dagegen: „Der Resignation trotzen und dem Leben mutig und scheu zulächeln.“

Ich würde gerne dem Leben mutig, nicht überheblich, eben scheu wie ein Reh zulächeln. Nein, es nicht kalt und unbarmherzig auslachen, es warmherzig anlächeln.

Paulus schreibt ebenfalls ein Gedicht. Der Apostel dichtet ein Plädoyer, das Gott vor Gericht verteidigen könnte. Dabei sieht er manches genauso düster wie der Dichter. Er gebraucht nur andere Worte aus der Sprache seiner Zeit. Da sind böse, finstere Mächte, die den Menschen bedrohen. Selbst Engel können zu Dämonen werden. Zukünftiges jagt Angst und Schrecken ein, und das Gegenwärtige ist noch belastender. Was mich jetzt aus der Bahn wirft und mein Leben auf den Kopf stellt, ist eine Last. Durch sie wird der Mensch überwältigt. Undurchschaubares überrennt ihn. Ach wäre schon alles vorbei. Schmerzen, Trauer und Schuld haben Gewalt, das Leben eines Menschen zu zerstören.

Der Verteidiger vermeidet das banale Motto: Kopf hoch, es wird schon alles gut. Immer nur lächeln, nein, er legt ein überraschendes Bekenntnis ab:

Ich, Paulus, kenne alles, was euch bedroht. Lasst euch nicht irremachen! Nichts auf der Welt kann euch von der Liebe Gottes trennen, nichts. Selbst wenn ihr zweifelt und ihr euch fragt, ob es Gott überhaupt gibt, ihr werdet von der Liebe Gottes nicht getrennt. Selbst wenn ihr den Glauben verliert, Gott lässt euch nicht los. Ein tröstlicher Gedanke!

Der geschlagene Kannitverstan

Ich war gerade in die Untertertia versetzt worden. Die Klassen hatten damals noch lateinische Namen. Dadurch erhielten wir Schüler eine besondere Aura. Wir gingen nicht in die dritte Klasse, sondern wir waren Tertianer. Ein humanistischer Hauch umwehte die Klasse. Der Stundenplan war verteilt und die Lehrer benannt worden. Wie in den vorherigen Klassen bekamen wir Oberstudienräte, die in der Nazizeit studiert und als Offiziere an der Front des Zweiten Weltkriegs gedient hatten. Sie waren entsprechend alt, für uns Kinder vielleicht zu alt. Aber wir hatten uns an die alten Herren und an ihre Kriegserfahrungen gewöhnt, so dass wir ihnen manches Gute abgewinnen konnten. Dem Oberstudienrat für das Fach „Englisch“ brauchten wir nur das Stichwort „Krieg“ zu liefern. Die Stunde war mit seiner britischen Kriegsgefangenschaft gelaufen, ohne dass eine einzige Vokabel abgefragt wurde. Aus diesem Grund waren wir überrascht, als wir auf dem Stundenplan einen unbekannten Namen lasen. Ein Studienassessor trat bei uns seine erste Stelle an. Er sollte uns in Deutsch unterrichten, einem Fach, das nicht meine Stärke war. Gerade deswegen freute ich mich. Ich erhoffte mir neue Lernerfolge.

Voller Spannung erwarteten wir die erste Deutschstunde. Forsch betrat der Herr Studienassessor das Klassenzimmer. Sein Haar streng gescheitelt, die Krawatte formgerecht gebunden, so schritt er zum Pult. Der graue Anzug saß. Sein Gesicht verriet weder Angst vor der Klasse noch Freude, sein Fach vor uns zu vertreten. Seine kantige Nase passte zu einem Dreißigjährigen. Wir wussten gar nicht, wie wir ihn begrüßen sollten. Bisher waren wir gewohnt „Guten Morgen, Herr Oberstudienrat“ in die Klasse zu schreien. Studienassessor war für unsere Lippen etwas fremd. Da wir aber das Jahr 1968 noch nicht erreicht hatten, zwangen wir uns zum Titel. Ich vermute, dass „Assessor“ mehr gezischt wurde. Auf jeden Fall legte er sofort los. Ohne groß zu warten, hatte er ein Buch herausgeholt und die Geschichte „Kannitverstan“ von Johann Peter Hebel aufgeschlagen. Herr Studienassessor las vor, und in rasantem Tempo versuchte er die Geschichte zu interpretieren. Der Weg durch die Erzählstruktur ging mir zu flott, und ich flüsterte meinem Nebenmann zu: „Kannitverstan“. Der Lehrer ließ sich nicht beirren und machte in zügigem Tempo weiter. „Kannitverstan“, wiederholte ich, wahrscheinlich zu laut. Und als mein Banknachbar zu lachen anfing, stürzte der Studienassessor auf mich zu und verpasste mir eine schallende Ohrfeige. Ich hatte gar keine Zeit, mich zu ducken. Dafür war der junge Lehrer anders als die Kriegsveteranen zu flink. Die rechte Backe schwoll rot an, schmerzte, und ich bewahrte Haltung, ohne mich für seine Erklärung zu interessieren. Mir passierten seine Überraschungsangriffe noch zweimal. Die Untertertia hatte verstanden, dass der Lehrer auf Probe ein Schülerschläger war.

Ich schien ihn zu ärgern, oder er pflegte seine Abneigung zu mir. Umgekehrt konnte ich nach den Attacken keine Sympathie für ihn aufbringen. An gewissen Stellen fiel mir immer wieder eine Bemerkung ein, ironisch, lustig oder einfach nur störend. Auf jeden Fall hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Vermutlich spürte der sogenannte Pädagoge, dass wir Gegner geworden waren. Den Kampf wollte er von Anfang an für sich entscheiden. Das Schuljahr war erst einen Monat gelaufen, da holte er mich am Beginn einer Deutschstunde nach vorne, postierte sich breit vor die Klasse und kündigte mit scharfer Stimme an: „Damit deine Störungen endlich unterbunden werden“ – ich hatte dieses Mal gar nicht gestört –, „bekommst du am Beginn jeder Stunde eine Ohrfeige. Vorsorglich. Jede Stunde. Es braucht kein Grund vorzuliegen. Vorsorge ist besser als Nachsorge.“ Ehe ich mich versah, hatte ich die erste Ohrfeige der neuen Serie. „Setzen!“ Der Studienassessor hat seinen Plan durchgesetzt.

Einen Monat lang begann für mich jede Deutschstunde mit einem Schlag ins Gesicht, mehr oder weniger heftig. Ich gewöhnte mich an den Schmerz und an die gerötete Haut, nicht an die grundlose Ohrfeige. Weshalb er mit der vorausschauenden Strafmaßnahme irgendwann aufhörte, habe ich nie verstanden. Ruhiger war ich nicht geworden. Mir wurde Deutsch verhasst, und meine Leistungen nahmen rapide ab. Mir graute es vor dem Deutschlehrer, der mich mit Gewalt in Schach hielt. Als Schüler war es mir ein Rätsel, wie Menschen andere Menschen mit Schlägen unterdrückten. Wie schon gesagt, das Jahr 1968 stand erst vor der Tür. Deshalb beschwerte ich mich weder beim Klassenlehrer noch erzählte ich meinen Eltern davon. Ich nahm es hin und war froh, als wir in der Obertertia wieder einen Veteranen als Deutschlehrer bekamen. Der Herr Studienassessor war versetzt worden. Meine Wangen denken oft an „Kannitverstan“.

(Ein deutscher Handwerksbursche zieht nach Amsterdam. Dort bewundert er ein großes schönes Haus. Er redet einen Vorübergehenden an.)

„Guter Freund“, redete er ihn an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?“ Der Mann aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte und zum Unglück gerade so viel von der deutschen Sprache verstand als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz und schnauzig: „Kannitverstan!“, und schnurrte vorüber ….

(Der Handwerksbursche beobachtet einen prächtigen Leichenzug. Er bittet einen Teilnehmer um Erklärung.)

„Das muss wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein“, sagte er, „dem das Glöcklein läutet, dass Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht?“ „Kannitverstan“, war die Antwort. Da fielen unserm guten Tuttlinger ein paar große Tränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichtum? …“ (Johann Peter Hebel).

Die Strafe folgt auf dem Fuß?

Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus (Jona 3,3b–10).

Ninive ist eine Großstadt. Der Autor übertreibt, wenn er drei Tage ansetzt, um die Stadt zu durchqueren. Aber trotz aller orientalischen Erzählfreude ist Ninive eine riesige Stadt, wie es die Ausgrabungen beweisen. Ihr Durchmesser betrug vier Kilometer, und sie hat alles gehabt, was eine Großstadt ausmacht. In ihr befand sich eine gigantische Bibliothek mit über 25 000 Bänden aus Tontafeln. Sportstadien und Theater gehörten selbstverständlich dazu. Auch vor Gott war sie eine große Stadt, wie die Bibel ausdrücklich betont. Gott hat es mit den großen Städten. Meistens machen sie Probleme, nur eine ist seine Heilige Stadt, Jerusalem, die direkt mit dem Himmel verbunden ist. Dagegen pflastert Ninive den Weg zur Hölle. In einer Stadt mit so vielen Ablenkungsmöglichkeiten droht dem Menschen schnell die ewige Strafe.

Jona wird vielleicht drei Tage gebraucht haben, um vom einen Ende der Stadt zum anderen zu kommen. Abwechslung hatte er genug. In der Bar an der Ecke trank er seinen Espresso, in der Trattoria aß er seine Pizza. Eine Vorstellung im Theater lohnte sich, und im Sportstadion fand gerade ein wichtiges Spiel der Orientliga statt. Auf dem Marktplatz lässt sich viel Zeit verplaudern, und Gott ist schnell vergessen. Wie jede Stadt hatte Ninive Häuser für Gott reserviert, aber sie standen meistens leer. Nur zu besonderen Gelegenheiten füllten sie sich. Auch in unserer Zeit sind Gotteshäuser besucht, sobald geheiratet, getauft und beerdigt wird. Doch die Tradition hat sich inzwischen überholt. In Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München bleiben mehr als die Hälfte der neugeborenen Kinder ungetauft.

Gott liegt im Clinch mit den Großstädten. Ninive ist ein Beispiel für eine gottlose Stadt. Trotz allem sorgt sich Gott um die Städte. Er gibt Ninive eine Chance und schickt einen seiner besten Leute. Aber Jona denkt anders als Gott. Er klärt nicht auf und wirbt wenig um Einsicht. Im Namen Gottes droht er den Bürgerinnen und Bürgern die Zerstörung ihrer Stadt an. Von Kindesbeinen an hat er gelernt, manchmal hilft nur drohen. Durch die Drohung Jonas kommen die Ninivaner auf die richtige Spur. Falls ihr so weitermacht, setzt es Prügel. Wie kleine Kinder haben sie Angst vor der Strafe.

Die Einwohner von Ninive verstehen nicht, dass es sich mit Gott besser leben lässt und er dem Leben erst Sinn gibt. Sie unterwerfen sich dem alten Erziehungsschema. Gott droht für sie wie ein Übervater. Aber er verlässt die Rolle, in die wir ihn bis heute hineinzwängen. Er macht sich zum Sünder und bereut seine Drohung. Sein göttliches Herz wendet sich gegen das übliche Muster. Verheißt seine Reue nicht, dass er den falschen Dreischritt Drohen – Strafen – Bessern durch einen Zweischritt Lieben und dann Bessern ersetzen will?

Gott liebt den Menschen in den Himmel, um das Höllentor geschlossen zu halten. Statt Strafe anzudrohen, hätte Jona besser mit dem Himmel geworben. Der Himmel spricht für sich, zumindest hoffe ich darauf.

So legt euch denn, ihr Brüder,

In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott! mit Strafen,

Und lass uns ruhig schlafen

Und unsern kranken Nachbarn auch!

(Matthias Claudius, Abendlied)

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122 p. 5 illustrations
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9783429062385
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