Read the book: «Kampf der Welten»

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ADRIAN PLASS

KAMPF DER WELTEN

HEILIGE KÜHE, BLINDE FLECKEN UND VERSCHWENDETE SCHWACHHEIT

AUS DEM ENGLISCHEN

VON CHRISTIAN RENDEL


Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

1. Digitale Auflage 2012 Zeilenwert GmbH

ISBN 9783865064134

© 2012 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Originaltitel: War of the Worlds

Copyright © 2011 Adrian Plass

First published 2011 by Authentic Media Limited.

52 Presley Way, Crownhill, Milton Keynes, MK80ES

www.authentic.co.uk

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelgrafik: Simone Jacobs, Moers

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einführung

1 Tod

2 Gebet

3 Hinein ins chaotische, katastrophale, komische Niemandsland wahrer christlicher Hingabe

4 Fremdes Feuer

5 VerSchwendete Schwachheit

6 Der Elefant im Zimmer

7 Die Bibel lebendig werden lassen

8 Heilige Kühe

9 Die Innenwelt mit der Aussenwelt vereinen

10 Der spielerische Gott

11 Was unter dem Strich bleibt – eine positive Kreuzigung?

12 Nach Hause kommen

Anmerkungen

weitere Werke

Einführung

Themen sind merkwürdige, schwer fassbare Kreaturen. Im einen Moment stehen sie einem in völliger Klarheit vor Augen. Doch dann plötzlich beginnen sie zu flackern, wie Bertie Wooster es vielleicht ausdrücken würde, und sind verschwunden. Da ich diese Erfahrung die ganze Zeit über gemacht habe, während ich an diesem Buch schrieb, halte ich es für ratsam, zu versuchen, Ihnen zu erklären, worum es Kampf der Welten geht, bevor Sie den ersten vorsichtigen Schritt ins erste Kapitel wagen.

Ich möchte vorausschicken, dass fast alle Gedanken in diesem Buch das widerspiegeln, was mich in den zwei Jahren beschäftigt hat, die meine Frau und ich als Mitglieder der Gemeinschaft im Scargill House Conference Centre gleich außerhalb von Kettlewell in Nord-Yorkshire (der Heimat der Calendar Girls) verbracht haben. Für mich war es eine besondere Herausforderung, mich als »Autor vom Dienst« einer solchen Gemeinschaft anzuschließen. Meine Vortragsreisen kreuz und quer durch die Welt in den letzten fünfundzwanzig Jahren waren eine sehr angenehme, aber auch etwas isolierende Erfahrung. Wie würde ich wohl mit der Ethik der unvermeidlichen Selbstentblößung in einem bewussten Gemeinschaftsleben zurechtkommen? Es ist relativ einfach, Selbstbewusstsein auszustrahlen, wenn man vor einem Publikum aus Leuten steht, die eigens gekommen sind, um einen zu hören, weil sie die Bücher mögen, die man geschrieben hat. War es nicht denkbar, dass hier in dieser neuen, spannungsreichen Situation meine Fehler und Macken aufs Peinlichste unübersehbar werden würden?

Das andere war meine Wahrnehmung eines liebevollen, lachenden, leidenden, rätselhaften, merkwürdig einsamen und missverstandenen Gottes. Würde diese schwer errungene Empfindung im religiösen Hauen und Stechen des Lebens überleben können?

Nun, das Leben in Scargill erwies sich als herausfordernd in allen möglichen Hinsichten, mit denen ich nie gerechnet hätte, aber wir hätten es um nichts in der Welt missen mögen. Es war eine echte Freude für uns beide, uns Tag für Tag unter die Mitglieder der Gemeinschaft und die Gäste zu mischen und in diesen beiden Kontexten eine wichtige Rolle zu finden. Es ist zweifellos wahr, dass es Momente gab, in denen wir nur noch davonlaufen oder mit quietschenden Reifen zum Tor hinausfahren wollten. Ich glaube, ich liebe meine Privatsphäre viel zu sehr, als dass ich für den Rest meiner Tage so leben könnte. Aber dennoch beruhigt mich und wärmt mir das Herz, wie in der täglichen Begegnung mit einem Haufen (zumeist) liebenswerter Leute, die sich einfach nicht aus dem Weg gehen können, mein innerster Kern irgendwie intakt geblieben ist.

Und Gott? Nun, er ist der Grund für dieses Buch. Der enge, beständige Dienst unter allen möglichen Leuten während der letzten beiden Jahre hat mich noch sicherer gemacht, als ich es ohnehin schon war, dass Authentizität bei Einzelnen und bei Gemeinden unverzichtbar ist, wenn wir wirklich erleben wollen, wie der Heilige Geist übernatürlich in Männern und Frauen wirkt und sie ins Leben liebt. Damit das möglich wird, kann es sein, dass wir den Kampf auf uns nehmen müssen. Was für einen Kampf, und aus welchem Grund?

Der Kampf im Innern des Einzelnen ist ein Konflikt zwischen der Innenwelt und der Außenwelt. Jesus ruft Menschen nicht dazu auf, zu verleugnen, was sie fühlen und denken, was sie fürchten und wonach sie sich sehnen. Er ruft sie dazu auf, die Wahrheit zu sagen und eine Freiheit zu entdecken, die deshalb so umwerfend befriedigend ist, weil sie sich auf alles bezieht, was in uns steckt, nicht nur auf eine zensierte Version unserer selbst. Es ist ein Kampf zwischen der Kapitulation gegenüber der Schande der Unzu­länglichkeit und der Erkenntnis, dass das einzige unvollkommene Opfer, das Gott gerne von uns annimmt, unser mit Makeln behaftetes Selbst ist. Wir sind nicht dazu berufen, wunderbare Christen zu sein, sondern gehorsame Versager. Es kann sein, dass wir aufgefordert werden, mit Gott zusammenzuarbeiten, wenn er sich daranmacht, Aspekte unserer Persönlichkeit zu verändern. Aber in der Zwischenzeit gibt es Arbeit zu tun, und wenn wir möchten, wird er uns dazu gebrauchen.

Die Planeten, die in der Gemeinde gegeneinander Krieg führen, sind interessant, weil es Momente gibt, in denen sie sich merkwürdig ähnlich sehen. In beiden Welten werden Sie etwas sehen, was aussieht wie geistliches Feuer. In der einen Welt kommt dieses Feuer von Gott und hat echte Kraft. In der anderen ist es von Menschen gemacht und deshalb kraftlos und irreführend. Auf dem einen Planeten gibt es Worte und Musik und Verhaltensweisen und Behauptungen, die zu demonstrieren scheinen, dass seinen Bewohnern aufrichtig daran liegt, zu tun, wonach Gott von Herzen verlangt. In Wirklichkeit aber sind all diese Dinge hohl und praktisch bedeutungslos. Auf dem anderen Planeten aber sind sie gefüllt mit dem aufrichtigen Streben derer, die wissen, dass sie schwach sind und nichts tun können, die aber auch glauben, dass Gott stark ist und alles tun kann. In der einen Welt wird leidenden, verletzten Menschen gesagt, sie könnten Befreiung und Heilung finden, wenn sie zu treuen Bürgern werden. In Wirklichkeit aber wird ihnen nicht die Freiheit zugestanden, ihren Schmerz auszudrücken, sodass sie gezwungen sind, Heilung zu spielen wie Schauspieler auf einer Bühne. In der anderen Welt verbietet die Fürsorglichkeit den Menschen niemals den Mund. Im Gegenteil, sie schließt sie auf und begleitet sie genau so, wie sie sind, so lange, wie es nötig ist. Auf dem einen Planeten werden bedrohliche offene Räume rasch ausgefüllt, bevor Gott die Chance hat, hineinzukommen. Auf dem anderen gibt es große Bereiche, in denen Gott seine Muskeln strecken kann, so viel und wie er will.

Genug. Mein Thema fängt wieder an zu flackern. Es gibt in diesem Buch viel zu lachen und zu weinen. Ich hoffe, es macht Ihnen Freude. Womit sollen wir anfangen? Ich weiß: Nur, um uns ein wenig aufzuheitern, lassen Sie uns über das Thema »Tod« nachdenken.

1 Tod

Wie ich schon bei vielen Gelegenheiten gesagt habe, wird man, wenn man an der Oberfläche eines Christen kratzt, darunter im Allgemeinen ein menschliches Wesen vorfinden. Aber warum muss man dazu erst kratzen? Wovor fürchten wir uns, und welche Ängste werden durch diese Panzerschalen aus streng kontrollier­ten religiösen Übungen oder gedankenlosem, grundlosem Optimismus gelindert oder verborgen? Ist es vielleicht so, dass wir als Gemeinde Jesu das Grauen vor der unausweichlichen Dunkelheit genauso weit von uns schieben, wie es der Rest der Welt tut, nur dass wir dazu andere Mittel anwenden? Wir Möchtegern-Nachfolger Jesu werden wohl akzeptieren müssen, dass Leben und Tod unser Geschäft sind, besonders, wenn wir auf den Ruf Jesu im vierten Kapitel des Johannesevangeliums reagieren wollen, wo er uns aufruft, zu Arbeitern zu werden und ihm bei der Ernte zu helfen.

Fast niemand möchte gerne den Tod in die Arme schließen, aber in der rauen Welt der geistlichen Wirklichkeit werden wir es müssen.

Unterwegs zum Grab?

Fangen wir damit an, dass ich ein wenig darüber jammere, dass ich dem Moment meiner eigenen Begegnung mit dem Tod immer näher komme.

Verfasser christlicher Satire wissen, dass mit diesem Genre ein gewisses Risiko verbunden ist, besonders, wenn sie sich über die Notwendigkeit im Klaren sind, sich eine gewisse Schärfe zu bewahren. Mal gewinnt man, mal verliert man; so lehrt die Erfahrung. Aber wenn man darüber nachdenkt, geht es ja beim Risiko um nichts anderes. Und diese Sache mit dem Tod ist ein gutes Beispiel dafür.

Auf bestem Wege zu meinem dreiundsechzigsten Geburtstag stelle ich fest, dass in der langen Schlange der Sorgen, die meinem herrlichen Glaubensheldenleben unentwegt auf den Fersen ist, der Tod sich grinsend immer weiter nach vorne drängelt. Älterwerden ist eine Last. Ich will es nicht. Es gefällt mir nicht. Jetzt, wo ich endlich angefangen habe, die Aktivitäten in meinem Leben in eine halbwegs vernünftige Prioritätenfolge zu bringen, ist es doch wohl lächerlich, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt, sie in die Praxis umzusetzen. Hier ist ein albernes Gedicht, das etwas von meiner gegenwärtigen Angst ausdrückt.

Du weißt, du wirst alt

Du weißt, du wirst alt, wenn eine attraktive Frau dich spielerisch anblinzelt, dich »junger Mann« nennt und dich mit einem perlenden kleinen Lachen fragt, ob du nicht ihr Kuschel­bärchen sein möchtest

Wenn die meisten Partys, auf die du gehst, Versammlungen leichenhafter oder übergewichtiger Leute sind, die den ganzen Abend über auf denselben Stühlen sitzen wie graue Statuen, sich an einem trostlosen Glas Wein festhalten und sich über den Wert ihrer Häuser und den Zustand ihrer Beine unterhalten

Wenn niemand einen Nachweis sehen möchte, dass du beim Eintritt in den Nationalpark Anspruch auf den Seniorenrabatt hast

Wenn Männer von Mitte dreißig mit schwarz geränderten Brillen und volltönenden Stimmen die Fingerspitzen aneinanderlegen und dir sagen, dass du immer noch viel zu bieten hast

Wenn du zutiefst fasziniert bist von dem Umstand, dass »Liebe« ein Anagramm für »Beile« ist

Wenn das Einzige, was du krachen lässt, deine Hosennähte sind

Wenn der Weg die Treppe hinauf eine Reise ins Unbekannte ist

Wenn du oben angekommen bist und dich in einem Badezimmer befindest und merkst, dass es jedes beliebige Badezimmer auf der Welt sein könnte

Wenn jeder andere im Universum glaubt, die meisten deiner Probleme ließen sich mit einer Tasse Tee lösen und alle übrigen mit einem Vollkornkeks

Wenn du dich von jungen Leuten mit langgestreckten Leibern und nach hinten gedrehten Schirmmützen, die wild auf Tennisbälle eindreschen, bedroht fühlst

Wenn du beim Anblick eines Kinderwagens anfängst, zu sabbern und zu gurren und Laute des Entzückens auszustoßen, bevor du dich vergewissert hast, dass auch wirklich ein Baby darin ist

Wenn deine Kinder dich zu überreden versuchen, dein Geld für dich selbst auszugeben anstatt für sie

Die undurchdringliche Mauer

So milde erheiternd diese grausigen Anzeichen des unausweich­lichen Untergangs sein mögen, ist doch der Tod eines Menschen, den wir lieben, im Allgemeinen etwas Furchtbares. Solch ein Verlust kann wie eine hoffnungslos hohe, feste und undurchdring­liche Mauer sein. Sie können sie nicht überwinden. Darüberklettern kommt nicht infrage. Sie können überhaupt nichts daran ändern. Was die Sache häufig noch schlimmer macht, sind die dämlichen Bemerkungen oder Verhaltensweisen von denen unter uns, die ihre eigenen Angst- und Unzulänglichkeitsgefühle einfach nicht in den Griff kriegen können oder wollen, wenn sie mit dem unsäglichen Schmerz eines Verlustes bei anderen konfrontiert werden. Sämtliche der wenig hilfreichen Bemerkungen in der nun folgenden Szene wurden freundlicherweise von den Leuten beigesteuert, die sie bei dieser oder jener Gelegenheit über sich ergehen lassen mussten. Es gibt noch andere, schlimmere Beispiele, die ich hier nicht verarbeitet habe. Manche davon würden Sie nicht glauben. Viele haben mehr Geschichten von Freunden, Bekannten und Mitgliedern ihrer Gemeinden erzählt, die allen Ernstes die Straßenseite wechselten, um der Peinlichkeit einer Begegnung mit solch frischer Trauer aus dem Weg zu gehen. Seien wir ehrlich. Die meisten von uns haben sich irgendwann in ihrem Leben schon einmal solche Rücksichtslosigkeiten zuschulden kommen lassen, weil wir einfach nicht wissen, was wir sagen oder wie wir uns verhalten sollen.

Und darum war es (meiner Meinung nach) das Risiko wert, »Bist du schon darüber hinweg?« öffentlich vorzulesen und aufzuführen. Bei der überwiegenden Mehrzahl derer, die einen Verlust erlitten haben, hat es eine befreiende Wirkung, nicht trotz, sondern gerade wegen der lustigen Momente, die aus dem Text entstehen. Hin und wieder reagiert auch jemand empört. Worum es aber geht, ist, dass die Szene eine Möglichkeit bietet, darüber zu reden, wie man auf hilfreiche Weise auf Leute zugehen kann, die von einem qualvollen Verlust betroffen sind. Hier sind nur einige der Vorschläge, die dazu gemacht wurden.

Ich möchte wirklich über die Person sprechen, die ich verloren

habe. Bitte frag mich.

Sei einfach da. Du musst gar nichts Besonderes tun.

Versuch nicht, mein Problem zu lösen oder meinen Schmerz mit hohlem religiösem Geschwätz oder falschem Optimismus zu verwässern. Das wird nicht funktionieren.

Hab keine Angst davor, mit mir zu lachen. Ich muss diese Muskeln in Bewegung halten.

Schau mir in die Augen, sonst muss ich am Ende noch dich trösten.

Versuche, keine Angst vor mir zu haben. Ich brauche dich.

Back mir einen Apfelkuchen.

Unsere Freundin Liz hat uns sehr geholfen, über diese Dinge nachzudenken. Liz war nach dem Tod ihres Mannes Ian am Boden zerstört. Er war ein origineller, kreativer, von Herzen freundlicher und äußerst gebildeter Mensch gewesen. Bridget und ich besuchten Liz zu Hause am ersten Jahrestag des Todes von Ian. Unter anderem unterhielten wir uns über die interessante Auswahl von Klischees, die Menschen in Trauer über sich ergehen lassen müssen. Am schlimmsten fand Liz das Klischee, das ich als Titel für diese Szene verwendet habe.

Bist du schon darüber hinweg?

Bist du schon darüber hinweg?

Nein, ich bin noch nicht darüber hinweg. Ich bin noch keinen Schritt vorwärtsgekommen. Mir ist es ergangen wie den beiden Jüngern auf der Straße nach Emmaus, die nur reglos dastanden und traurig aussahen. Falls ich mich doch ein unmerkliches Stückchen bewegt haben sollte, bin ich wohl eher darunter als darüber hinweg.

Sie ist nur ins Nebenzimmer gegangen.

Ins Nebenzimmer? Nur ins Nebenzimmer gegangen? Im Nebenzimmer war sie während der letzten acht Jahre. Im Nebenzimmer habe ich sie gepflegt und gefüttert, habe ihr vorgelesen und ihr beim Sterben zugesehen. Ich kann dir versichern, dass sie nicht mehr im Nebenzimmer ist. Sie ist in überhaupt keinem Zimmer. Ich habe nachgeschaut. Ich habe alles durchsucht. Sie ist irgendwo anders.

Die Zeit heilt alles.

Ihn hat sie nicht geheilt.

Weißt du, mein Onkel ist an genau derselben Krankheit gestorben.

Das tröstet mich sehr.

Wenigstens ist er jetzt im Himmel und hat glücklich seinen Frieden gefunden.

Menschenskind! Ich bewundere diese theologische Gewissheit. Hast du für dich selbst auch so viel Glauben wie für ihn?

Sie ist jetzt an einem viel besseren Ort.

Vielen Dank. Das hier war ein sehr schöner Ort, als sie noch da war. Sogar ein außerordentlich schöner Ort. Ich fürchte, mir ist nie klar geworden, wie schön er eigentlich war.

Ich weiß genau, was du empfindest.

Wirklich?

In gewissem Sinne ist es am besten so.

Am besten? Für wen ist es am besten? Für mich? Für dich? Für den Herzog von Edinburgh? Für Shirley Bassey? Es ist nicht am besten so. Es ist am schlimmsten so.

Er hat am Ende nicht gelitten.

Nein, und darüber bin ich froh. Aber ich. Ich habe gelitten.

Sie würde nicht wollen, dass du trauerst.

Okay, dann lasse ich es. Das heißt, eigentlich glaube ich, sie wäre vielleicht ein bisschen enttäuscht, wenn ich – völlig unbewegt bliebe. Was meinst du?

Du darfst dir keine Vorwürfe machen.

Ich darf nicht? Tue ich aber. Ich mache mir Vorwürfe. Ich mache mir alle möglichen Vorwürfe. Ich mache mir Vorwürfe, weil ich nicht drei Millionen Mal öfter gesagt habe, dass ich sie liebe. Weil ich nichts an den Kleinigkeiten an mir geändert habe, die ihr so viel bedeutet hätten. Ich mach mir Vorwürfe wegen Dingen, die ich getan und die ich nicht getan habe. Wegen Dingen, die ich begangen und die ich unterlassen habe, wegen allem Möglichen. Ja, ob ich nun darf oder nicht – ich mache mir Vorwürfe.

Er ist dir immer noch so nahe, wie er es je war.

Nein, ist er nicht.

Du wirst sie bald wiedersehen können.

Ach ja? Dann bestelle ich wohl besser für morgen die Milch ab.

Gethsemane, das Leiden und das Gebet um Befreiung

Die Auswirkungen von Tod und Katastrophen bekommen viele Menschen, auch Christen, auf vielerlei Weise zu spüren. Wie sollen gläubige Menschen in Bezug auf das Leid beten? Einen unwillkommenen Fingerzeig dazu könnte uns das geben, was Jesus im Garten Gethsemane erlebte. Eine der Äußerungen, die er dort tat, will mir seit einigen Monaten nicht mehr aus dem Kopf gehen. »Ich zerbreche beinahe unter der Last, die ich zu tragen habe.«

Sind das nicht schreckliche, einsame Worte? Der Erlöser der Welt, dieser Mensch, der auf geheimnisvolle Weise auch Gott war, zerbrach beinahe unter der Last der Angst und des Kummers, während ein paar Meter entfernt seine Freunde selig schlummerten. Mit anderen Worten, er war kurz davor, zu scheitern. Kein Wunder, dass er ein letztes Mal darum flehte, von dem Grauen, das ihn erwartete, befreit zu werden. »Mein Vater, wenn es möglich ist, so erspare mir diese schwere Stunde.«

Offensichtlich war es völlig legitim, dass Jesus darum bat, dass der Kelch des Leidens von ihm genommen werde, aber nur, weil er auch bereit war, die Möglichkeit zu akzeptieren, dass es nicht sein konnte. Und das konnte es auch nicht. Als Akt des Gehor­sams musste er unendliche Schmerzen und Demütigungen auf sich nehmen und die Trennung von seinem Vater ertragen, als er ihn am dringendsten brauchte. Die Lektion ist hammerhart und kompromisslos und klar. Wir dürfen Gott bitten, jeden Kelch des Leidens von uns zu nehmen, der uns nicht verlockend erscheint. Daran ist nichts verkehrt. Aber wenn dieser Kelch des Leidens für seine Pläne für uns, für andere oder für die ganze Welt uner­läss­­lich ist, dann sind wir aufgefordert, ihn zu leeren, auch wenn wir es zähneknirschend und nur aus purem Gehorsam tun. Es wird schwer sein. Natürlich wird es das. Wie Jesus selbst uns eines Tages bei einer geselligen Tasse Ambrosia (nicht Reis) in Erin­nerung rufen wird: Der Geist mag willig sein, aber das Fleisch ist schwach.

Waren Sie schon jemals kurz davor, unter Ihrem Kummer zu zerbrechen? Ich vermute, Sie haben es schon erlebt. Gott jedenfalls hat das erlebt. Wir stecken alle gemeinsam darin. Lassen Sie uns also versuchen, füreinander wach zu bleiben.

In guter Gesellschaft

Für die Jünger Jesu muss der Samstag nach seinem grauenhaften Tod ein dichter Nebel der Enttäuschung und Dunkelheit gewesen sein. Ich kenne den Schmerz, Menschen zu verlieren, die ich sehr liebe. Aber was die Jünger damals durchmachten, habe ich wohl beim Tod meiner Großmutter am besten verstanden, als ich sechs Jahre alt war.

Wie war es möglich, dass ein so helles Licht ausgelöscht wurde? Was bedeutete das überhaupt, dieses Ding, das Tod genannt wurde? Warum war mir ein so wichtiger Teil meines Lebens entrissen worden, ohne dass ich einen guten Grund dafür erkennen konnte? Wie sollte ich den schweren schwarzen Schatten, der sich in meinem Bauch eingenistet hatte, kaum dass ich die Nachricht hörte, je wieder vertreiben? Manchmal in den folgenden Wochen war es kein Schatten. Es war ein grausames Geheimnis mit scharfen Kanten, die sich erbarmungslos in die Normalität hineingefressen hatten. Noch heute, über fünfzig Jahre später, gibt es Momente, in denen sich diese Wunde öffnet. Der Hass gegen den Tod und das Grauen vor ihm gehören zu dem, was ich bin, und so wird es wohl für den Rest meines Lebens bleiben. Freilich kämpfen in dieser Frage keine Welten gegeneinander, soweit es mich betrifft. Ich brauche keine Seelsorge, um mir darüber hinwegzuhelfen, vielen Dank. Wie wir gesehen haben, besteht kaum ein Zweifel, dass auch Jesus den Tod hasste. Ich bin also in guter Gesellschaft.

Hier ist einer jener trauernden, seelenkranken Jünger, der sich im Nebel jenes schrecklichen Wochenendes verirrt hat.

Der Jünger, der den Sonntag fürchtete

Ich verstehe das nicht.

Herr Jesus, wenn meine Worte an diesem dunklen, schmerzerfüllten Samstagabend zu dir aufsteigen, dann höre bitte, wie ich aus tiefstem Herzen zu dir schreie, dass ich nicht verstehe. Ich glaube, nicht ein Einziger von uns versteht es. Wir, deine Jünger, warten hinter diesen verschlossenen Türen wie die Toten, wie stumme Holz­balken, die man achtlos an die Wand gelehnt oder auf den Boden gelegt hat, da sie keinen Zweck mehr erfüllen. In unseren Köpfen brennen tausend Fragen, und eigentlich sind sie alle ein und dieselbe Frage. Warum ist die Blume nicht aufgeblüht? Warum hat sich der Wein in Wasser verwandelt? Warum sind unsere Wunden wieder aufgerissen worden? Warum hat sich Hoffnung in Verzweiflung gekehrt? Wo ist das Licht, das uns die Richtung weist? Wo bist du? Meister, wo bist du? Du bist nicht hier bei uns.

In Gethsemane hast du uns verboten, Schwerter zu gebrauchen, Herr Jesus. Steckt die Schwerter weg, hast du befohlen. Verteidigt euch nicht. Wenn du wolltest, könntest du deinen Vater anrufen, und er würde dir über zwölf Legionen von Engeln zur Verfügung stellen. Das hast du gesagt. Zwölf Legionen? Nun, warum hast du es dann nicht getan? Warum nicht? Wie sollen wir einfachen Leute begreifen, dass es in deiner merkwürdigen, auf den Kopf gestellten Sicht des Himmels und der Erde fruchtbarer ist, zu scheitern und zu sterben und deine Freunde im Stich zu lassen, als Erfolg zu haben und zu leben und über die allgegenwärtigen Mächte des Bösen zu triumphieren? Ich erinnere mich an etwas, was du einmal gesagt hast:

»Ein Weizenkorn, das nicht in den Boden kommt und stirbt, bleibt ein einzelnes Korn. In der Erde aber keimt es und bringt viel Frucht, obwohl es selbst dabei stirbt.«

Ein gutes Bild. Eine Wahrheit, die man sich einprägen und über die man immer wieder nachdenken sollte. Weizenkörner bringen tatsächlich viel Frucht hervor. Aber, Herr, du warst kein Weizenkorn. Du warst ein Mensch. Jetzt bist du tot. Und ein toter Mensch bringt keine Ernte lebendiger Menschen hervor. Oder doch?

Du bist im Grab, und wir, deine lebendigen Knechte, sind in Trauer begraben. Wir sehnen uns danach, dein Gesicht zu sehen. Wir sehnen uns nach deiner Stimme. Wie sollen wir weitermachen, jetzt, wo uns deine Weisheit und Kraft fehlen? Die Zukunft ist eine Wüste. Wenn die Nacht hereinbricht, werden wir versuchen zu schlafen, aber der Hohn des Morgens wird gewiss kommen. Herr Jesus, meine Augen füllen sich mit Tränen. Wie soll ich dem morgigen Tag ohne dich begegnen?

Klamm und scheußlich

Es wird Sie nicht überraschen zu hören, dass ich nicht nur den Tod verabscheue, sondern es auch schon immer gehasst habe, auf Beerdigungen oder Trauerfeiern zu gehen, besonders, wenn sie in solchen scheußlichen, teakholzinfizierten, scheunenähnlichen Bauten stattfinden, die von einer dunkelbraunen düsteren Atmosphäre gesättigt sind, wo man schon weiß, dass alles in zwanzig Minuten vorbei sein muss, weil sich draußen in dem herzlos blühenden Ziergarten bereits eine trübsinnige Schlange pinguinherdenähn­licher Grüppchen von Trauernden bildet. Ich weiß nie, was ich da denken oder fühlen oder tun soll. Es ist alles so klamm und scheußlich. Das Schlimmste ist vielleicht die Gewissheit, dass die meisten Menschen, die ich geliebt und verloren habe, fassungslos blinzeln oder sogar herzhaft lachen würden über das Missverhältnis zwischen dem, wie sie wirklich waren, und der Art und Weise, wie ihres Verlustes gedacht wird. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe noch nie die Neigung verspürt, an den Gräbern von Menschen, die ich liebe, herumzuhüpfen und Freuden- und Jubellieder zu singen. Wie ich schon gesagt habe: Der Tod macht mir Angst. Ich bin von ihm angewidert, genau, wie Jesus es war, und die Verheißung des Himmels ist ein wackeliges Floß, das mich bei solchen sturmgepeitschten Gelegenheiten nur mit Mühe und Not über Wasser hält.

Tatsache ist, dass ich, da ich nun einmal so schwer an der Zwillingskrankheit der Albernheit und Respektlosigkeit leide, dazu neige, mich inmitten der ernsthaftesten Zeremonien in allen möglichen bizarren Fantasien zu ergehen. Neulich zum Beispiel stand ich in einer Gruppe von vierzig oder fünfzig Trauernden, als der eingesargte Leichnam eines alten Freundes langsam in seine grausige Grube hinabgelassen wurde. Was für ein ordentliches und perfekt geformtes Behältnis, überlegte ich, für die grobgezimmerte Wirklichkeit des Todes. Ein Krampf inneren Widerwillens packte mich. Ich wendete meinen Blick ab und versuchte mich abzulenken, indem ich unauffällig die Gruppe der Umstehenden musterte. Während ich das tat, kam mir eine Frage in den Sinn. Wie wäre es, wenn einer dieser fürchterlich energiegeladenen, immer ungeduldigen Hochzeitsfotografen mit Sprungfedern statt Beinen damit beauftragt worden wäre, diese Veranstaltung der Nachwelt zu überliefern? Wie hätte er wohl diese schwarz gekleidete Schar organisiert und angesprochen?

Der Begräbnisfotograf

»Okay, die unmittelbaren Angehörigen des Toten bitte – nein, ich sagte die unmittelbaren Angehörigen, ja? Sie drei treten bitte zur Seite. Ja, Sie auch. Gehen Sie bitte aus dem Bild. Nein, Sie nicht! Sie! Sie kommen mit dazu! Hören Sie, kriegen wir das vielleicht hin? Ich habe heute noch drei Beerdigungen. Könnten Sie bitte – danke schön! Gut! Sehr schön! (KLICK! KLICK! KLICK!) Und nun die Freunde des Toten bitte. Wenn Sie zur Familie gehören, können Sie keine Freunde sein, oder? Nein, ich habe keine Zeit, darüber zu diskutieren. Freunde des Toten – hier drüben hin. Nein, Sie können jetzt gehen. Ja, gehen Sie nur! Die Freunde des Toten stellen sich bitte hinter dem Grab auf. Kommen Sie, zügig marschiert, fallen Sie ein! Bitte nicht wörtlich nehmen. Haha! Die Kleinen nach vorne. Die Großen nach hinten. An den Seiten bitte enger zusammenrücken. Machen wir es uns schön kuschelig! Gut so. (KLICK!) Entschuldigung, Leute, aber können wir das mit dem Grinsen vielleicht lassen? Schließlich ist das hier eine Beerdigung. Es lächeln immer noch einer oder zwei. Kommen Sie! Denken Sie doch an den lieben Entschlafenen, wie er kalt und tot in dieser Kiste liegt. Denken Sie an Tränen, denken Sie an Trauer, denken Sie traurig, traurig, traurig! So ist es besser. Das ist wunderbar! (KLICK! KLICK! KLICK!) Danke sehr! Und jetzt ein schönes großes Gruppenbild. Bitte alle aufstellen. Der Pfarrer in die Mitte. Eine ordentliche Portion Mitgefühl mit einem Schuss Hoffnung bitte, Herr Pfarrer. Sie kennen ja das Prozedere. Nein, ich möchte, dass Sie mitfühlend aussehen, nicht so, als ob Sie sich gleich übergeben müssten. Die Kirche in ihren besten Momenten, verstehen Sie. Eine schöne kräftige Mischung aus Würde und Empathie. Ja, gut! Oh, sehr schön! (KLICK! KLICK! KLICK!) Gut, ich glaube, das hätten wir. Könnte mir jemand noch einmal den Namen sagen? Nicht, dass ich Ihre Bilder am Ende an die Taufgemeinde vom letzten Dienstag schicke. Haha!«

Brief an Rob Frost

Beerdigungen sind düster und unbehaglich, aber sie sind nur ein Teil von alledem, was aus den Fugen gerät, wenn wir versuchen, uns mit dem völligen Verschwinden von Menschen abzufinden, die wir geliebt haben. Vielleicht gilt das besonders dann, wenn der betreffende Mensch eine außergewöhnlich lebhafte Persönlichkeit hatte. Man sieht sie nicht mehr, aber man bringt es auch nicht fertig, sie nicht zu sehen, wenn Sie wissen, was ich meine. Wahrscheinlich wissen Sie es nicht. Ich glaube, ich weiß es selbst nicht, aber ich weiß, es hat etwas Wichtiges zu bedeuten.

Wo wir gerade von lebhaften Persönlichkeiten reden: Vor ein paar Jahren wurde ich gebeten, bei der Trauerfeier für Rob Frost etwas zu sagen. Ich hatte Rob schon seit einigen Jahren gekannt, hauptsächlich als den mitreißenden Leiter von Easter People, dem Methodistenfestival, zu dem Tausende von Menschen an diversen Veranstaltungsorten quer durch Großbritannien strömen. Ich mochte Rob sehr gern. Leider war es mir wegen eines Terminkonflikts nicht möglich, selbst an der Trauerfeier teilzunehmen. Immerhin konnte ich einen Beitrag senden, den jemand anderes vorlas. Was für eine Form sollte ich dafür wählen? Nachdem ich mir darüber lange den Kopf zerbrochen hatte, beschloss ich, ihm einen Brief zu schreiben. Ich weiß nicht einmal, wer ihn dann letzten Endes vorlas. Ich war nicht dabei. Aber Rob war dort. Er hat ihn gehört.

Lieber Rob,

da Du jetzt im Himmel bist, kann ich so grob sein, wie es mir passt. Bevor ich Dir zum ersten Mal begegnete, sah ich in einer Zeitschrift ein Foto von Deinem Gesicht. Es sah Dir nicht besonders ähnlich, und ich weiß noch, dass ich fand, Du sähest aus wie ein Jahrmarktsbudenbesitzer. Später wurde mir dann klar, dass ich damit gar nicht so falschlag. Du und Jesus und der durchschnittliche Jahrmarktsbudenbesitzer, Ihr hattet schon immer ein wesentliches Merkmal gemeinsam: Ihr wolltet mit aller Kraft und Leidenschaft so viele Nieten einsammeln wie möglich. Du warst völlig versessen auf Jesus, nicht wahr, Rob? Ob Du in Hochstimmung warst oder völlig verzweifelt, erschöpft oder ausgeruht, voll guten Mutes oder tief enttäuscht, Du hast nie das Verlangen verloren, zu erleben, wie Menschen bewusst wird, dass Jesus das einzige Licht ist, das sie in jeder erdenklichen Dunkelheit brauchen.

Meine Erinnerungen an Dich sind wie Schnappschüsse.

Ich erinnere mich, wie ich einmal auf der Bühne saß, während Du sprachst. Du hattest mich gebeten, ein paar Kleinigkeiten parat zu haben, damit Du hin und wieder, wenn Dir der Dampf ausging, eine kleine Pause einlegen könntest. Nach der zweiten dieser Predigtstrecken wandtest Du dich vom Mikrofon ab und kamst zu mir in den hinteren Bereich der Bühne. Dein Gesicht war bleich und angespannt von der schieren Leidenschaft des Kommunizierens. Du schieltest beinahe vor Erschöpfung.

»Geh hin und mach was«, keuchtest Du, »ich bin völlig ausge­predigt …«

Ich weiß noch, wie ich zu einem Auftritt bei Lantern Arts reiste und bei meiner Ankunft erfuhr, dass meine Frau Bridget, die dort zu mir stoßen wollte, auf der Autobahn einen schweren Unfall gehabt hatte. Die liebevolle und praktische Anteilnahme, die Jacquie und Du mir an diesem Nerven zermürbenden Abend zeigtet, werde ich nie vergessen.

Und ich erinnere mich, wie ich einmal bei Easter People auf der Bühne in einem kleinen Halbkreis von Leuten saß, die während der Woche etwas beitragen würden. Du batest uns, einer nach dem anderen zu erklären, warum wir gekommen waren. Einer sagte, er sei dort, weil er erleben wolle, wie Jesus erhoben und angebetet würde. Ein anderer sprach davon, er hoffe zu erleben, wie das Reich Gottes zunehme. Der Dritte drückte sein Streben aus, den allmächtigen Gott verherrlicht zu sehen. Und so ging es weiter. Es hörte sich alles sehr beeindruckend an. Ich war als Letzter an der Reihe. Mir wollte nichts Rechtes einfallen. Es war eigentlich nicht mehr viel übrig, was ich noch hätte sagen können. Alle guten Sprüche hatten sich die anderen schon unter den Nagel gerissen.

»Und warum bist du hier, Adrian?«, fragtest Du.

»Wegen des Geldes«, erwiderte ich.

Du tatest so, als wärst Du entsetzt.

»Das will ich doch nicht hoffen!«, riefst Du. »Ich muss nachher mit Marian sprechen. Offenbar zahlen wir euch zu viel.«

Aber Du hast uns nicht zu viel gezahlt, Rob. Du hast uns auch nicht zu wenig gezahlt, aber darum ging es nicht. Keiner von uns hat je wegen des Geldes etwas für Dich getan. Wir haben es getan, weil Du eine der größten Gaben von allen hattest: die Fähigkeit, Menschen zu zeigen, dass Du sie wirklich schätztest. Dazu fallen mir jede Menge Schnappschüsse ein. Winzige Erinnerungen an Gesichter, die aufleuchteten, wenn Du jeden einzelnen Menschen so begrüßtest, als wäre er oder sie die wichtigste Person auf der Welt. Und weißt Du was, Rob? Das war es, was Dinge wie Easter People zu etwas so Besonderem machten. Denn diese Haltung sickerte herab und beeinflusste jeden Aspekt des Festivals. Bei Easter People gab es niemals Christen zweiter Klasse. Was für eine Leistung.

Nun bist Du also losgezogen, um auszukundschaften, ob all das, worüber wir reden, wirklich wahr ist. Wir beide hatten immer vor, mehr Zeit miteinander zu verbringen, nicht wahr, Rob? Hin und wieder einen Abend in einer jener gemütlichen Kneipen in Sussex zu verleben, von denen ich Dir immer erzählt habe. Das wird jetzt warten müssen, aber auf der neuen Erde wird das Bier bestimmt noch besser schmecken. Ich will Dich nicht länger aufhalten. Wahrscheinlich bist Du gerade mitten dabei, Gabriel zu überreden, bei irgendeiner himmlischen Großveranstaltung die Parkplatzorganisationen zu übernehmen. Danke für alles, was Du warst und bist, Rob. Ich werde Dich vermissen. Bis später. Mach’s gut, Kumpel. Alles Liebe, Adrian.

Was für eine Auferstehung?

Der physische Tod von Rob Frost oder irgendjemandem, den wir geliebt haben, kann eine unsäglich schmerzhafte Erfahrung sein. Was wird das für ein herrlicher Tag sein, wenn wir uns wiederbegegnen. Allerdings gibt es mehr als nur eine Art von Tod, und manchmal müssen wir uns entscheiden, ob wir auferstehen wollen oder nicht, und in welchem Sinne.

Ich bin Leuten begegnet, die von der plötzlichen Erkenntnis überfallen wurden, dass eine Ansicht oder ein Standpunkt, an die sie sich mit beiden Händen geklammert hatten, dabei war, ihnen durch die Erfahrung oder die Umstände entrissen zu werden. Das kann ein zermürbender Schock sein. Wie sollen wir mit der Aussicht umgehen, einen Teil von uns selbst zu verlieren, der in wesentlichem Maße die Identität ausmacht, die wir unserer Außen- und Innenwelt präsentierten? Eine entscheidende Frage ist das zum Beispiel für diejenigen, die routinemäßig die Authentizität des Glaubens bestreiten und dann Gott auf so unleugbare Weise begegnen, dass eine radikale Entscheidung getroffen werden muss. Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten, und beide haben mit einer Art Auferstehung zu tun.

Die erste Möglichkeit ist eine Art falscher Auferstehung. Es ist möglich, wegzugehen und Abstand zwischen sich und den Verlust und den Schmerz und das Risiko und die Möglichkeiten des Neuen zu bringen. Das kann man schaffen. Sie brauchen nur die Wahrheit in der tiefsten Grube zu begraben, die in Ihrem Herzen zu finden ist, und den Irrtum, von dem Sie sich bisher genährt haben, einer eiligen Wiederbelebungsmaßnahme zu unterziehen.

Saulus von Tarsus hat es auch einmal so gemacht, nicht wahr? Erinnern Sie sich an sein Zeugnis vor Agrippa in Apostelgeschichte 26? Dort schildert er, wie die Macht Gottes ihn von seinem Pferd stürzte und Jesus die folgenden denkwürdigen Worte sprach: »Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es ist sinnlos, dass du gegen mich ankämpfst.« Saulus hatte schon seit einiger Zeit verleugnet, was in seinem eigenen Herzen vor sich ging, aber an diesem lebensverändernden und weltverändernden Tag legte Gott ihm einen regelrechten Hinterhalt.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, sich nach der wahren Auferstehung auszustrecken, diese Änderung anzunehmen, das Risiko einzugehen, sich aufzumachen zum Licht. Dazu gehört eine Art Tod, und möglicherweise ist ein stattlicher Preis dafür zu zahlen. Aber darin stecken auch eine zweite Geburt und die Verheißung geistlicher Authentizität. Lohnt sich das? Ich werde Ihnen Bescheid sagen. Geboren werden tut weh.

Die meisten von uns haben nicht solche dramatischen und unausweichlichen Erfahrungen wie Saulus auf der Straße nach Damaskus. Viele stecken in der Verleugnung fest. Im Folgenden stelle ich Ihnen einen Mann vor, der diese Wahl treffen muss, von der ich gerade geredet habe. Alt oder neu? Falsch oder wahr? Was für eine Auferstehung soll es sein?

Der Mann, der beim letzten Abendmahl den Wein servierte

Ich war bei jenem letzten Abendmahl dabei.

Ich mische mich bei der Arbeit nicht in irgendwelche Dinge ein. Das habe ich noch nie getan. Ist nicht meine Art. Es ist schwierig genug, in einer Welt zu leben, geschweige denn in zwei oder drei, wie manche Idioten es tun. Meine Welt ist zu Hause. Da habe ich genug Probleme, ohne mich mit meinem aufgeblasenen Meister oder seinen gierigen Gästen oder irgendeinem dieser Bauern anzulegen, die ihre Brötchen im selben Haus verdienen wie ich. Wohlgemerkt, das soll nicht heißen, dass ich meinen Job nicht richtig mache. Das tue ich. Ich arbeite hart für meinen Lohn. Ich schiebe die Tische und Stühle hin und her, bediene an den Tischen, räume ab, tue alles, was von mir verlangt wird, solange es sich im Rahmen hält. Aber verlangen Sie nicht von mir, dass ich mich einmische. Regloses Gesicht, kaltes Herz. So bin ich nun einmal.

Vielleicht kündige ich. Gestern Abend, das war schon unheimlich, und auf unheimlich stehe ich nicht.

Also, stellen Sie sich Folgendes vor: Da kommt wieder einmal so ein religiöser Spinner daher und schindet bei meinem leichtgläubigen Meister genug Eindruck, dass er ihm für einen Abend seinen besten Raum überlässt. Da sitzt er nun also wie ein kleiner König, umgeben von dem verrücktesten Haufen durchgeknallter Jünger, den Sie im Leben gesehen haben, und mir fällt die Aufgabe zu, für den Weinnachschub zu sorgen. Kein Problem. Habe ich schon hundertmal gemacht.

Na schön. Ich werde es Ihnen sagen. Ich sage es nur einmal, aber ich werde es Ihnen sagen. Nach dem Essen hält der Rabbi seinen Kelch hoch. Ich fange an, ihn zu füllen. Wein fließt, wie Wein schon immer geflossen ist. In meinem Kopf wird alles dunkel. Schwärze verwandelt sich in ein kräftiges Rot. Das ganze Gebäude zittert. Die Welt reißt sich selbst entzwei. Es kracht, knarrt, donnert, ächzt. Millionen Tonnen Gestein zersplittern, brechen, zerbersten. Ich trudele durchs Chaos und suche nach einem Ort, wo ich landen kann. Eine Explosion des Lichts. Friede. Alles wieder normal. Der Kelch des Rabbis ist gefüllt.

Das war’s. Unheimlich. Ich kündige vielleicht.

2 Gebet

Es gibt wahrscheinlich keine richtigen oder falschen Arten des Betens. Wenn es von Herzen kommt, dann singt es. Allerdings ist es eine traurige Tatsache, dass viele Christen immer mehr Mühe mit dem Beten haben, je älter sie werden. Was sind das für Schlachten, die wir ausfechten müssen, wenn wir Boden für ehr­liche Kommunikation mit Gott gewinnen wollen? Eine Bitte meiner Tochter hat mich ins Nachdenken gebracht.

Die Sprache des Gebets

Während ich dies schreibe, hat Kate gerade zwei Drittel ihres ersten Jahres als Lehrerin für Tanz und Choreografie an einer katholischen Oberschule in Newcastle upon Tyne hinter sich. Kurz nach dem Beginn ihres Schuljahres fragte sie mich, ob ich ihr bei einem Beitrag zu einer Veranstaltung helfen könne. Thema war das Problem, durch Gruppendruck auf Abwege geführt zu werden. Zu der Präsentation sollte ein Gebet gehören, das eine ihrer Schülerinnen vortragen und das für alle verständlich sein sollte. Nachdem ich das folgende Gebet verfasst hatte, merkte ich, dass ich in meinem Bemühen um Worte und Sätze und Gedanken, die junge Leute ansprechen könnten, tatsächlich etwas geschrieben hatte, was eigentlich jeder Mensch sich ohne Weiteres aufrichtig zu eigen machen könnte.

Warum brauche ich so lange, um solche Lektionen zu lernen? Vor Jahren, als ich mit Kindern unterschiedlichen Alters in einer Heimsituation arbeitete, rief ich alle Kinder zusammen, um über ein kleines Transistorradio (kennen Sie die noch?) zu sprechen, das aus dem Mitarbeiterbüro entwendet worden war. Ich war mir absolut sicher, dass dieses »schwere« Verbrechen von einem unserer Jüngsten, einem achtjährigen Jungen namens Richard, verübt worden war. Dementsprechend achtete ich bei meiner Ansprache an die Gruppe darauf, dass mein Tonfall und meine Wortwahl sorgfältig auf diese Altersgruppe abgestimmt waren.

»Also«, sagte ich, wobei ich es vermied, Richard direkt anzusehen, und mich anhörte wie eine etwas strengere, aber warmherzig großmütterliche Version von Inge Meysel (kennen Sie die noch?), »ihr fragt euch sicher, warum ich euch alle zusammengerufen habe. Leider muss ich euch sagen, dass irgendjemand – irgendjemand – das kleine schwarze Radio aus dem Büro genommen hat, und ich glaube, die betreffende Person weiß, von wem ich spreche.« Ich machte eine eindrucksvolle Pause. »Ich möchte also, dass diese Person Folgendes tut: Sobald diese Versammlung beendet ist, möchte ich, dass du losgehst und das Radio von dort holst, wo du es versteckt hast, und es dann zu mir bringst und dich entschuldigst. Dann werden wir kein Wort mehr darüber reden. Wenn du das aber nicht tust – nun, dann werde ich zu dir kommen, und ich kann dir sagen, dass ich sehr, sehr böse sein werde. Sehr böse! Und das wird dir bestimmt nicht gefallen, oder?«

Schweigend defilierten sie hinaus, und zehn Minuten später klopfte es leise an der Bürotür. Herein stolperte ein hartgesottener achtzehnjähriger Junge namens Russ mit verlegener Miene und einem kleinen schwarzen Radio in der Hand. Meine Ansprache hatte gewirkt. Der richtige Todesfall, die richtige Wortwahl, der falsche Verdächtige. Hätte ich Russ für den Schuldigen gehalten, so hätte ich ihn nicht über eine öffentliche Versammlung zur Rede gestellt, und auf keinen Fall hätte ich eine so simple Methode angewandt.

Vielleicht gibt es für unsere Versuche zu beten etwas Ähnliches zu lernen. Ich mag viele liturgische Gebete einfach deswegen, weil ich schön geschriebene Prosa mit Herz liebe. Aber es ist gewiss an der Zeit, uns von dem unbeholfenen, pseudofrommen Schwachsinn zu befreien, den wir in sogenannten offenen Gebetsgemeinschaften hinausblöken. Gott muss es ziemlich enttäuschend finden, dass auf die angeregtesten Diskussionen unter Christen häufig eine Gebetszeit folgt, in der an die Stelle normaler, herzlicher Kommunikation trübe Mantren und formelhafte Bitten treten, vorgetragen in künstlicher, leicht sonderbarer Sprache.

Es erfordert natürlich einige Übung, sich in diesem Bereich zu verändern. Abgesehen von allem anderen steht manchen Leuten dabei die meist unausgesprochene Frage im Weg, ob sie überhaupt daran glauben, dass der Gott, zu dem sie sprechen, tatsächlich existiert. Ein trivialer, aber möglicherweise nicht unwichtiger Punkt. Laut zu jemandem zu sprechen, den man nicht sehen kann, ist in dieser Hinsicht eine regelrechte Selbstentblößung.

Jedenfalls werden wir nicht locker lassen mit unseren Versuchen, Gott gegenüber so herzlich und gesprächig zu sein, wie wir es bei unseren Freunden sind, und abzuwarten, was dann passiert. In Matthäus 6 schlägt Jesus vor, dass wir uns in unsere Zimmer zurückziehen, damit wir unter vier Augen mit unserem Vater sprechen können. Gute Idee und ein sehr guter Ort, um sich im Normalsein zu üben.

Dies ist das Gebet, das ich für Kates Mädchen und ihre Schulveranstaltung geschrieben habe.

Ein Gebet darum, stark zu sein und nicht auf Abwege zu geraten

Gott, unser Vater, meistens wollen wir irgendwie gut sein, und wir wollen die richtigen Entscheidungen treffen, was wir tun und wie wir uns verhalten. Aber manchmal ist es richtig, richtig schwer. Was uns Angst macht, ist, dass wir uns womöglich am Ende doof vorkommen, wenn wir am Rand stehen, weil wir Nein gesagt und bei etwas nicht mitgemacht haben, wovon wir wissen, dass es schlecht für uns wäre. Wir haben es nicht gern, wenn über uns gelacht wird. Wir hassen es sogar, und es ist so schwer, wenn man das Gefühl hat, nicht mehr dazuzugehören. Kannst du uns bitte helfen? Kannst du uns helfen, stärker und tapferer zu sein, wenn wir diese schwierigen Entscheidungen treffen müssen? Tief im Innern wissen wir ja, dass davon abhängen könnte, was für den Rest unseres Lebens aus uns wird. Danke, dass du uns zuerst liebst und an unserer Seite stehst und uns sagst, dass es okay ist, so zu sein, wie wir sind, statt schwach und nachgiebig zu sein und uns so zu verhalten, wie andere Leute offenbar denken, dass wir uns verhalten sollten. Vielen Dank, lieber Vater. Amen.

Keine fröhlichen Gesellen?

Wo wir gerade davon sprechen, uns in unser Zimmer zurückzuziehen und mit Gott zu reden – es ist meine feste Überzeugung, dass wir in dieser privaten, familiären Situation alles sagen können, was wir auf dem Herzen haben. Ich sage das, weil ich aus trauriger Erfahrung weiß, dass wir manchmal einfach nicht das Vertrauen aufbringen, dass Gott tatsächlich bereit sein könnte, Mülleimern wie uns zuzuhören.

Zu glauben, dass es bei Gott für geschlagene Verlierer wie mich und unzählige andere Flüchtlinge aus dem Jammertal der Finsternis und der Probleme eine Million Neuanfänge gibt, gehört zu den Dingen, die für uns Menschen am notwendigsten und zugleich am schwersten sind. Ich schätze, eines der Probleme dabei ist, dass wir, wenn wir knietief durch irgendwelche exkrementellen Erfahrungen waten, es kaum schaffen, dem Gedanken Raum zu geben, dass ein eifriger Gärtner genau diese Exkremente vielleicht ganz anders betrachten und sie Dünger nennen würde. Ich bin kein Gärtner, aber ich habe gehört, dass man mit Dünger Dinge zum Wachsen bringen kann. Rosen zum Beispiel. Meine Lieblingsblumen.

Die Wege Gottes sind geheimnisvoll, um nicht zu sagen äußerst merkwürdig, aber die Geschichte seines Umgangs mit leidenden, sündigen Menschen ergibt eine interessante Lektüre. Manchmal heilt er den Verstand oder den Körper oder den Geist – oder alle drei. Manchmal tut er es nicht. Woran liegt das? Ach, was könnte ich für einen unglaublichen Bestseller schreiben, wenn der Herr mir eine unwiderlegbare Antwort auf diese Frage gäbe. Ich habe dazu den einen oder anderen Gedanken, und vielleicht haben Sie auch ein paar, aber mit Sicherheit sagen kann ich in diesem Zusammenhang nur eines. Tief in meinem Herzen oder in meinem Geist oder wo auch immer man sich der Dinge am sichersten ist, bin ich davon überzeugt, dass dieser barmherzige, spielerische, hart­näckige, einfallsreiche, leidende, freundliche Gott nicht will, dass irgendjemand in einem Gefängnis der Vergangenheit festsitzt und dass er immer auf der Suche nach Wegen ist, um Freiheit möglich zu machen. Es könnte also sein, dass sich ein Versuch lohnt. Es könnte einen Versuch wert sein, mit ihm offen und ehrlich darüber zu reden, was passiert ist und was Sie nötig haben. Ja, natürlich weiß er es ohnehin schon, aber wir haben es doch alle gern, wenn die Leute, die wir lieben, mit uns reden. Und wenn bei Ihnen alles mehr oder weniger in Ordnung ist, warum halten Sie dann nicht Fürsprache für jemand anderen? Sie würden vielleicht staunen.

Was wünschen Sie sich am meisten auf der Welt? Sagen Sie es Gott. Fällt es Ihnen sehr schwer, sich selbst zu vergeben? Willkommen im Club, und sagen Sie es Gott. Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Gott sich manchmal nicht blicken lässt? Sagen Sie ihm, wie sehr Ihnen das zu schaffen macht, und fragen Sie ihn, was es zu bedeuten hat. Das wird ihm nichts ausmachen. Falls Sie unsicher sind, ob Sie so mit Gott reden dürfen, so lesen Sie die Psalmen. Fangen Sie mit Psalm 88 an. Dann wird es Ihnen gleich besser gehen. Wer immer dieses lustige Liedchen geschrieben hat, war nicht gerade ein fröhlicher Geselle …

Noch eine letzte Bemerkung zu diesem Thema und allgemeiner zu den Welten, die im Kontext des christlichen Lebens einander bekämpfen. Kürzlich trafen Bridget und ich eine junge Frau von nicht ganz zwanzig Jahren. Sie sah aus wie jemand, der den Rest seines Lebens verschoben hat, bis irgendein großes Problem gelöst ist. Genauso war es auch, wie sich herausstellte. Rachels Vater war gestorben, als sie acht Jahre alt war. Dieses Ereignis und die Gefühle, die es in ihr hervorrief, waren bei ihr nie richtig verarbeitet worden. Sie kam aus einer kirchlichen Familie, die sicherlich sehr fürsorglich war, die aber ebenso sicherlich nicht der Versuchung widerstehen konnte, die negativen Auswirkungen von Rachels Verlust »reparieren« zu wollen.

Rachels Innenwelt war dunkel und voller Zorn und Enttäuschung, aber vielleicht vor allem voller Verwirrung. Was war los? Dieser Gott, von dem man ihr erzählt hatte, der sie doch angeblich liebte und sich um sie kümmerte und sich für jedes kleine Detail ihres Lebens interessierte, hatte ihr, als sie noch klein war, ihren Vater weggenommen. Warum? Warum hatte er sie so sehr im Stich gelassen, als sie ihn am dringendsten brauchte? Das war nicht richtig, es war nicht fair, und sie hätte ihm gerne genau gesagt, was sie von seinem verpfuschten, gedankenlosen Akt der Vernachlässigung hielt. Sie brauchte ihren Vater, hier und jetzt, damit sie mit ihm reden und ihn um seinen Rat bitten und sich in schwierigen Zeiten auf ihn stützen könnte.

Die Welt, die jene wohlmeinenden Leute präsentierten, die Rachel im Lauf der Jahre Ratschläge erteilt hatten, sah ganz anders aus.

Gott hat immer einen Plan, und obwohl wir es jetzt nicht verstehen können, wird das auch beim Tod von Rachels Vater so gewesen sein.

Aus solchen Tragödien kann Gutes entstehen, Dinge, die die Liebe zunehmen lassen. Du wirst schon sehen.

Gott hat ebenso gelitten wie sie selbst. Dieses Wissen wird ihr helfen, ihre Trauer zu verarbeiten.

Jesus ist unser Fels, und sie sollte auf ihm und in ihm ruhen.

Was mich wahnsinnig macht, ist, dass ich jedem dieser Gedanken zustimme und jedem, der bereit ist, sie zu hören, dasselbe sagen würde. Aber das ist genau der Punkt. Wenn etwas so Schlimmes passiert, muss erst einmal Zeit sein, damit der Leidende fühlen darf, was er fühlt, denken darf, was er denkt, sagen darf, was immer er zu Gott sagen möchte. So hatte ich es empfunden, als meine Großmutter starb. Dabei spielt es nicht die geringste Geige, ob der Schrei, den wir loslassen, theologisch fehlerhaft oder respektlos oder unlogisch oder einfach nur ein tränenreiches Gestammel ist. Das ist die Welt, in der wir uns befinden, und das ist die Welt, in der wir abgeholt werden müssen. Gott kommt damit klar. Ja, wie jedem guten Vater ist es ihm sogar lieber, wenn alles herauskommt, weil das für den Menschen, den er liebt, besser ist. Den Menschen da zu begegnen, wo sie sind, ist sozusagen seine Spezialität, wie Jesus bezeugen kann. Dieser Drang, Menschen zu »reparieren«, ist eine Krankheit der modernen Kirche. Wir können das nicht. Nur Gott kann es. Aber fällt uns das nicht unendlich schwer?

Die Balance halten

Die Balance zwischen ungeschminkter Ehrlichkeit und Vertrauen zu Gott zu halten kann eine trickreiche Sache sein. Aber »die Wahrheit wird euch frei machen«, wie Jesus so hilfreich sagte. Christliche Lieder sind häufig mit einem unverbrüchlichen Optimismus gesättigt, was eigentlich komisch ist, wenn man an die gegensätzlichen Stimmungen denkt, die in der Bibel zu finden sind. Aber es muss doch möglich sein, Verwundbarkeit mit Hoffnung und vorsichtigem Vertrauen zu verbinden. Mit dem folgenden Text habe ich es versucht. Er ist eine Ergänzung zu einer der schönsten Bitten im alten anglikanischen Gebetbuch. Was halten Sie davon?

Erhelle unsere Dunkelheit

Erhelle unsere Dunkelheit, so bitten wir dich, oh Herr,

im Namen deines Sohnes Jesus Christus,

denn wir wissen, es wird Nöte geben,

ehe wir das Licht des Morgens sehen.

Darum schütze uns, Herr, schütze uns, oh schütze uns

vor den Gefahren der Nacht.

Denn dass sie kommt, die Gefahr,

das war von jeher klar,

er hat es gesagt.

Des Sohnes Leiden und Bangen

hat gerade erst angefangen,

er hat es gesagt.

Fehlt es uns an Tapferkeit,

so kommen wir nicht weit,

das wissen wir, Herr, doch in dieser Nacht

spüren wir die Einsamkeit.

Erhelle unsere Dunkelheit …

Solange uns das Band

wie Kinder schließt Hand in Hand

zusammen,

werden wir dich erleben,

und Liebe wird Kühnheit uns geben zusammen.

Zusammen stehen wir heut,

und morgen ist noch weit,

doch manchmal wüssten wir gern

den Ausgang der Geschichte.

Erhelle unsere Dunkelheit …

In Kontakt bleiben

Manchmal brauchen wir ein ganzes Leben, bis uns bewusst wird, dass es Gott, wie viel wir auch gesündigt und wie viele Fehler wir auch gemacht haben mögen, viel lieber ist, wenn er von uns hört, als wenn wir ihn meiden wie die Pest. So war das früher auch im Bankwesen.

Meine Frau und ich sind seit über vierzig Jahren bei derselben Bank in der High Street. Meine Güte, wie sich da die Dinge verändert haben! Bis vor zwei Jahrzehnten war der örtliche Bankfilialleiter noch viel autonomer und hatte viel bessere Chancen, annähernd so etwas wie ein Freund der Familie zu werden. Als meine Frau Bridget und ich in unseren von Armut gebeutelten Zwanzigern und frühen Dreißigern waren (im Gegensatz zu unseren von Armut gebeutelten frühen Sechzigern), hatten wir eine Reihe Nerven zermürbende Begegnungen mit freundlichen, groß­väterlichen Bankangestellten, die uns mit Strenge oder Ermutigung begegnen konnten, je nachdem, wie es der Anlass (oder unsere grauenhaft schlampig geführten Finanzen) erforderten. Bridget weinte dabei oft, was sich immer als nützlich erwies, während ich mich mit angemessener Reue und Bußfertigkeit in einem bühnenreifen langsamen, ernsthaften Nicken übte.

Diese hilfsbereiten Herren trugen uns unweigerlich immer wieder denselben Gesichtspunkt vor. Irgendetwas lässt sich immer arrangieren, solange Sie mit uns in Kontakt bleiben. Die Probleme mit unserem abgemagerten Bankkonto vergrößerten sich und wurden tatsächlich noch problematischer, wenn wir uns vor dem Thema versteckten und womöglich gar (oh, welche Schuldgefühle) einen anderen Weg durch die Stadt nahmen, nur, um nicht an der Bank vorbeizukommen. Jene etwas unbehaglichen Gespräche im Büro des Bankleiters führten immer zu einem Ergebnis, einem Plan, einem Weg vorwärts oder zumindest zu einer Erleichterung des Drucks der nahenden Katastrophe.

Wie gesagt, die Erfahrung lehrt, dass dasselbe für unsere Begegnungen mit Gott gilt. Solange wir in Kontakt bleiben, lässt sich irgendetwas arrangieren. Wenn ich weiß, dass ich kurz davor bin, einer Versuchung zu erliegen, dann tobt höchstwahrscheinlich gerade ein kleiner Kampf in mir. Wenn ich dann mit meinem Dilemma zu Gott oder zu einem seiner Repräsentanten gehe, entgeht mir vielleicht die Möglichkeit, mich voller Wonne in das zu stürzen, was mich da so verführerisch lockt. Andererseits ist da ein Teil von mir, der wirklich ein gehorsames Kind Gottes sein möchte. Was soll ich tun? Nun, wie ein Freund mir einmal sagte, ist das Leben größtenteils ein Abwägen zwischen dem, was wir nicht wollen, und dem, was wir wirklich nicht wollen. Ob es mir passt oder nicht, wenn ich ehrlich in meine Seele hineinschaue, werde ich wissen, was was ist.

Stellen Sie sich also folgende Frage:Was würde Sie dazu bringen, den göttlichen Bankleiter besuchen zu wollen? Wäre es deshalb, weil er Sie liebt oder weil Sie ihn lieben? Und wo ist er? Vielleicht lassen wir uns hier ein bisschen zu sehr hinreißen. Schließlich ist Gottes Liebe doch ewig und unveränderlich. Macht es da wirklich etwas aus, wenn Sie sich seine Sichtweisen und Pläne nicht zu eigen machen? Er würde doch trotzdem noch dasselbe für Sie empfinden, oder nicht?

Wenn Sie gleichzeitig deprimiert und herausgefordert werden wollen, werfen Sie einen Blick auf 2. Samuel 11-18, die Geschichte des Königs David (eines Mannes nach dem Herzen Gottes!) der Ehebruch mit Batseba beging und dann erbarmungslose Pläne zur Ermordung ihres Mannes Uria schmiedete. Wann hätte er diesem Verfall Einhalt gebieten können? Was passierte, weil er es nicht tat? Warum blieb er nicht in Kontakt, und was waren die Folgen?

Gebet in Aktion

Hier ist ein Bursche, der, wie die meisten von uns, über das Beten noch eine Menge lernen muss. Irgendwie hat er Gott per Telefon erreicht.

Gott: Hallo, hier Gott, was kann ich für dich tun?

Bill: Wow! Ist er wirklich Gott? Ich meine – du weißt schon, der Gott?

Gott: Ja, hier ist Gott. Ganz ehrlich – der Gott.

Bill: Tut mir leid, weißt du, die Sache ist die, wir haben in der Kirche immer so ein Lied mit den Kindern gesungen, das Gebet sei wie ein Telefon, aber ich habe noch nie gehört, dass jemand tatsächlich –

Gott: Nein, nun ja, normalerweise ist das nicht so, aber diesmal schon. Also, was kann ich für dich tun?

Bill: Das ist irre! Ich dachte immer, du würdest dich anhören wie – du weißt schon – Morgan Freeman.

Gott: Tut mir leid, dich zu enttäuschen. Wir konnten uns seine Gagen nicht leisten. Wie wer höre ich mich denn an?

Bill: Na ja, eigentlich klingst du ein bisschen so wie meine Frau.

Gott: Ja, nun, das ist normal. Wahrscheinlich deine beste Chance, wenigstens halbwegs direkt von mir zu hören. Also – was kann ich für dich tun?

Bill: Ach so, ja. Okay. He, warte mal einen Moment, ich schätze, genau genommen bete ich doch jetzt, stimmt’s?

Gott: Nun ja, du redest mit mir, wenn du das meinst.

Bill: Ach so. Okay. Gut! Gut. Herr, ich möchte dich einfach fragen, ob du mir in deiner großen Gnade einfach helfen könntest, einfach einen Weg zu finden, um einfach –

Gott: Moment, Moment. Entschuldigung. Warum hast du die Augen zugemacht? Warum redest du in so einem albernen, salbungsvollen Tonfall? Und warum ist bei dir alles einfach einfach einfach, obwohl du doch offensichtlich ein Problem hast?

Bill: Was? Äh, ja, ich habe meine Augen zugemacht, weil wir das normalerweise so machen, wenn wir beten. Und ich habe in diesem gewissen Tonfall gesprochen, weil es bei uns üblich ist, in diesem gewissen Tonfall zu sprechen, wenn wir beten. Und das mit dem einfach einfach einfach, äh, na ja, keine Ahnung. Es ist nun einmal einfach so, dass ich das einfach so mache, wenn ich einfach – bete.

Gott: Rede einfach mit mir.

Bill: Gut. Okay. Gut. Gut. Also, es geht um meinen Sohn Paul.

Gott: Oh ja, ich kenne Paul. Netter Kerl.

Bill: Oh! Findest du? Na ja, du musst ja auch nicht mit ihm zusammen – jedenfalls, warum ich dich bitten wollte, ist Folgendes: Ich wünsche mir, dass er und ich eine bessere, tiefere Beziehung zueinander haben, und ich dachte einfach – ich meine – ich dachte, wenn ich einfach – wenn ich jeden Tag eine volle Stunde für ihn beten würde, dann würdest du vielleicht, weißt du …

Gott: Hör mal, geh mit ihm runter auf den Spielplatz und –

Bill: Ich meine, ich weiß, ich bin nicht gerade der beste Beter aller Zeiten, aber wenn du einfach den Heiligen Geist ins – ins …

Gott: Besorge ihm einen neuen Kricketschläger und ein paar Knieschützer, und nimm dir ein bisschen Zeit –

Bill: Weißt du, ins Herz meines Gebets eindringen lassen und unsere Beziehung durch deine Erlöserkraft verwandeln würdest, dann verspreche ich dir, würde der Lobpreis deines Namens nie mehr von meinen Lippen weichen.

Gott: Doch, würde er. Jedenfalls, was du tun solltest, ist, hinunter auf den Spielplatz zu gehen und ihm zu zeigen, dass –

Bill: Erhöre mich, Herr, wenn ich zu dir rufe, und spende jenen Frieden, der uns Ruhe in deinem Schoße verschaffet!

Gott: Oh bitte! Bitte kein Pseudo-Luther-Deutsch! Und meinen Schoß kannst du aus dem Spiel lassen. Hör zu, ich habe deine Worte gehört, und ich habe dir deutlich geraten, dir eine Stunde Zeit zu nehmen, um mit Paul Kricket zu spielen, anstatt dieselbe Zeit damit zu verbringen, in einem komischen Tonfall mit mir zu reden und Dinge zu versprechen, die du nicht halten kannst. Ich kann nicht Kricket mit ihm spielen. Das kannst nur du. Was dir offenbar nicht klar ist, ist, dass mir ebenso viel daran liegt –

Bill: (singt ausgelassen) Dies ist der Tag, dies ist der Tag, den der Herr gemacht, den der Herr gemacht. Lasset uns freun, lasset uns freun und Gott dankbar sein, und Gott dankbar sein! Dies –

Gott: (als Bill zu singen beginnt) Oh nein, nicht das! Bitte nicht dieses Lied! Jedes andere, aber nicht dieses! (Legt auf und geht)

Bill: (als er merkt, dass niemand mehr da ist) Oh! Wie schade.

Frau: (kommt herein) Was machst du denn da?

Bill: Ich habe mit Gott tele – ich meine, ich habe gebetet, dass Paul und ich besser miteinander auskommen und –

Frau: Ich sage es dir doch. Geh mit ihm auf den Sportplatz und spiel etwas mit ihm. Das ist das, was er braucht. Mach nicht so eine große geistliche Sache daraus. Das sage ich dir die ganze Zeit.

Bill: (nachdenklich) Weißt du was? Du hörst dich überhaupt nicht wie Morgan Freeman an.

Etwas Albernes zum Schluss

Wie wär’s, wir beenden diesen Abschnitt mit etwas noch Albernerem? Vielleicht ist es ja sogar albern genug, um tatsächlich etwas zu bedeuten. Meine Frau und ich saßen neulich im Auto, als im Radio ein anglikanischer Gottesdienst begann. Darin kam eine Reihe von Gebeten vor, vorgelesen von einem Bischof, der offensichtlich an der weitverbreiteten anglikanischen Krankheit der Alliteration litt. Das brachte uns zum Lachen, und wir beschlossen, uns auch so ein Gebet auszudenken. Hier ist es.

Alliteratives Gebet

Wir gedenken all derer, die deprimiert und desillusioniert oder von Dunkelheit und Düsternis umfangen sind. Ja, wir beten für alle, die an dutzenderlei Dingen leiden, die mit D anfangen. Dante-Fetischismus, Darmträgheit, Domino-Niederlagen, Dehydrierung, Dyspepsie, Dyslexie, Disco-Musik, Dieter Bohlen, Dusseligkeit, Debilität, Dauerwerbesendungen, dreist ergaunerte Dissertationen und Dirk Niebel …

Tischgebete bei Konferenzen

Durch die Abfassung dieses kleinen literarischen Wunderwerks inspiriert, habe ich beschlossen, mich im Schreiben meiner eigenen Version jener langwierigen Gebete zu versuchen, die in christlichen Tagungsstätten vor den Mahlzeiten gesprochen werden, wobei man bemüht ist, Gott für absolut jedem zu danken, der an der Zubereitung der Mahlzeiten beteiligt war. Es ist ein bisschen langatmig, aber – das ist ja nun wirklich nichts Neues.

Herr, wir danken dir für all diejenigen, die uns dieses Essen serviert haben, wie auch für diejenigen, die es vorbereitet und gekocht haben. Wir denken auch an die, die die Lebensmittel hierhergeliefert haben, und an all diejenigen, die sie für den Transport eingepackt und in die Fahrzeuge geladen haben. Wir danken dir für diejenigen, die die Rohzutaten an den Ort transportiert haben, von dem aus sie geliefert wurden, und für diejenigen, die diese Zutaten auf die Schiffe oder Lastwagen verladen haben, damit sie von denen ausgeliefert werden konnten, denen gegenüber wir soeben unsere Dankbarkeit ausgedrückt haben. Wir beten für diejenigen, die jene Lastwagen lenkten und jene Schiffe steuerten, wir beten für ihre Familien, ihre Freunde und ihre Nachbarn. Wir denken an die, die in fernen Ländern diese Lebensmittel überhaupt erst angebaut haben, diejenigen, die sie gepflückt und geerntet haben, ihre Familien, ihre Kinder, die Lehrer, die ihre Kinder unterrichten, und die Leiter der Schulen, auf die diese Kinder gehen. Wir danken dir für all die Dinge, die die Kinder in jenen Schulen zu essen bekommen, für die Menschen, die dort die Mahlzeiten vorbereiten und kochen, und für die guten Leute, die die Lebensmittel in die Schule bringen, damit sie dort zubereitet werden können. Wir möchten dir danken für die Regierungen der Länder, in denen sich diese Schulen befinden, für all jene, die Regierungsverantwortung tragen, für alle Menschen, die sie lieben, und alle, die ihnen Liebe entgegenbringen, für das Essen auf ihrem Tisch und natürlich für diejenigen, die es vorbereiten und kochen. Wir denken auch – Kellner, dieses Essen ist ja fast kalt. Wer ist dafür verantwortlich?

3 Hinein ins chaotische, katastrophale, komische Niemandsland wahrer christlicher Hingabe

Nur nicht die Nerven verlieren

Kriegen Sie es manchmal mit der Angst zu tun? Ich schon. In der Welt echten geistlichen Engagements bleibt das nicht aus. Hier sind zwei Beispiele für Situationen, in denen ich tiefe Furcht empfunden habe. Die eine ist leicht zu verstehen, die andere ist ein bisschen seltsam, aber wahrscheinlich noch bedeutungsvoller. Die erste steht im Zusammenhang mit einer Reise nach Kanada im Herbst 2009. Bridget und ich waren im August desselben Jahres nach Yorkshire gezogen, und vom Tag unserer Ankunft an hatte es eine Serie von Problemen gegeben, die wir hatten aushalten oder überwinden müssen, besonders im Zusammenhang mit unserer engsten Familie. Wir waren uns sicherer, am richtigen Ort zu sein, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt unseres Lebens, und es wurde uns zur Gewohnheit, dass einer von uns murmelte: »Nur nicht die Nerven verlieren«, wann immer sich diese zermürbenden Schwierigkeiten ergaben. Wir Christen geben uns ein wenig zu leicht der angenehmen Vorstellung hin, alle Katastrophen seien Beweise dafür, dass wir auf der richtigen Spur und deshalb ständigen Angriffen des Teufels ausgesetzt seien. Gegen Ende des Jahres jedoch gewann dieses überstrapazierte Argument eine beängstigende Relevanz.

Bridget fuhr mich die M 25 entlang in Richtung Flughafen Heathrow, wo ich meine Maschine nach Toronto besteigen würde. Wir hatten bereits beschlossen, dass Bridget wegen der belastenden Familienprobleme ihre Beteiligung an dieser Tour würde absagen müssen. Doch als wir uns der Ausfahrt Heathrow näherten, passierte noch etwas anderes.

Ich habe gehört, dass die meisten schweren Unfälle auf Autobahnen durch osteuropäische Lkws verursacht werden, die nicht mit Spiegeln ausgestattet sind, in denen ihre Fahrer es sehen könnten, wenn andere Autos sie überholen. Genau das passierte uns. Ein markerschütternder Aufprall am Heck unseres Wagens schleuderte uns herum, gefolgt von drei weiteren krachenden Schlägen gegen die Beifahrertür, als der riesige Lastwagen uns gegen die Leitplanke am Rand der Autobahn rammte.

Es wurde still. Ich sah zu Bridget hinüber. Sie schien unverletzt zu sein. Sie sah mich an. Soweit ich es sagen konnte, war auch ich physisch unbeschadet davongekommen. Ich erinnere mich nicht, in diesem Moment irgendetwas gesagt zu haben, aber Bridget behauptet, ich hätte fünf Worte gesagt.

»Nur nicht die Nerven verlieren.«

Das Auto hatte Totalschaden, und wir zitterten am ganzen Leib, aber dank Gottes Gnade verloren wir nicht die Nerven. Ich bekam am nächsten Tag ein Flugzeug nach Kanada, und wir blieben an dem Ort, an den wir berufen waren.

Das zweite Angsterlebnis ist jüngeren Datums, aber es steht in einem engen Zusammenhang mit dem ersten.

Als ich einmal nachts nicht schlafen konnte, stand ich leise auf und ging ans Fenster. Es war dunkel, und wenn ich sage dunkel, meine ich stockfinster. Unsere Gegend in den Yorkshire Dales gilt offiziell als einer der »dunkelsten« Flecken auf den britischen Inseln. In dieser Nacht waren die Sterne von schweren Wolken verdeckt, und es war pechschwarz draußen. Vereinzelte Laute und Rufe und wilde Schreie hallten mir aus der erbarmungslosen Welt der Wälder und Wiesen, die unser Haus umgibt, entgegen. All das machte mir nichts aus. Etwas in meiner merkwürdigen Seele hatte schon immer einen Hang zu der Süße der Nacht.

Nein, was in diesem Moment einen Schatten des Grauens wie einen Stein durch mein ganzes Wesen sacken ließ, war ein erneutes Bewusstsein, dass Christ sein, Jesus nachfolgen, sich in eine Welt begeben, die in weltlicher Hinsicht immer nur so sicher ist, wie Gott es zulässt, eine sehr, sehr beängstigende Sache ist. Da gibt es einen letzten Schritt, den man gehen muss, einen Akt der Zustimmung, der ja sagt zu einer Dunkelheit, die sich nur vertreiben lässt, indem man durch diese dichte Wolke wandert, um nach einem einzigartigen und einzigartig offenbarenden Licht zu suchen. Es gibt keinen Ostersonntag ohne Karfreitag. Manchmal ängstigt mich das zu Tode. In jener Nacht versetzte es mich in Schrecken. Das tut es immer noch, aber ich glaube nicht, dass ich zurückgehen kann, und stillzustehen wäre mir viel zu langweilig. Es könnte eine ziemlich aufregende Reise werden. Ich darf nur nicht die Nerven verlieren. Ich bete, dass Sie es auch nicht tun.

Helfer statt Konsumenten

Im Lauf der letzten zehn Jahre hat uns diese Reise an manche neuen und unerwarteten Orte geführt. Bridget und ich haben ein wunderbares Geschenk bekommen. Gott hat es uns ermöglicht, eine kleine, aber praktische Rolle bei der Arbeit von Hilfsorganisationen in aller Welt zu spielen. Wir sind durch die Straßen des Landes in Bangladesch gegangen, konnten sehen, was für AIDS-Kranke in Afrika getan wird, und haben in jüngerer Zeit auch Reisen nach Süd- und Mittelamerika gemacht, wo wir Projekte besuchten, die von Toybox unterstützt werden, dem britischen Hilfswerk für Straßenkinder.

Warum ist das ein so willkommenes Geschenk für uns? Nun, es hört sich vielleicht ziemlich erbärmlich an, aber obwohl unsere Aufgaben im Vergleich zu dem, was ständig von den Männern und Frauen an den Frontlinien dieser großartigen Unternehmungen geleistet wird, eher bescheiden sind, hat man uns immerhin einen halbwegs klar umrissenen Job gegeben. Wir gehen hin, wir machen uns Notizen über alles, was wir sehen, und dann kommen wir wieder zurück und schreiben Bücher über unsere Reisen oder zeigen Filme und Fotos von den Menschen und Orten, die wir besucht haben. Ganz allgemein können wir so unsere immer wieder aufgefrischte Leidenschaft dafür, denen in aller Welt zu helfen, die unter Armut, Vernachlässigung und Grausamkeit leiden, an andere Menschen weitergeben. Ich hoffe, wir sind eine kleine Hilfe. Wir versuchen es zumindest.

Aber lassen Sie uns darüber keinen Unsinn reden. Meine Frau und ich neigen ebenso sehr dazu, der Selbstsucht zu frönen, wie jedes andere mühselig kämpfende Christenpaar auch. Tatsache ist jedoch, dass wir schon immer lieber Helfer als Konsumenten im Leib Christi sein wollten. Dadurch, dass wir eine so klar umrissene Verantwortung haben, wird das erheblich leichter für uns. Doch wie wir alle wissen, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, werden uns unsere Verantwortungen nur selten in so hübsch verpackten Portionen zugeteilt, und sie sind meistens nicht in unserem unmittelbaren kirchlichen Umfeld angesiedelt, sondern außerhalb davon. Nicht nur das, sondern viele dieser »Jobs für Gott« sind auch eher unspektakulärer Natur. Die Leute sind manchmal von Erweckungen enttäuscht, weil sie darauf hinauslaufen, die alte Dame, die ein paar Häuser weiter wohnt und ihr Haus nicht mehr verlassen kann, zweimal in der Woche zu besuchen statt nur einmal. Pech. Das ist der Weg Jesu. Es kommt auf die kleinen, aber feinen Dinge an. Mag sein, dass es nicht in die Welt passt (oder auch nicht in weite Teile der Kirche, fürchte ich), aber da ist der Heilige Geist, und wenn wir unserem Herrn treu sein wollen, sollten wir genau da auch sein.

Die Anforderungen, die Jesus an unser Leben stellt, scheinen enorm zu sein. Wie können wir damit fertig werden? Wodurch lohnt es sich, sich hineinzuhängen und die Dinge anzupacken, die ständig unseren Weg kreuzen? Was sind die Ursachen für geistliche Verstopfung? Wenn Jesus leibhaftig wiederkäme und mein Dorf oder meine Stadt besuchte, wo wird er die meiste Zeit verbringen? Erwarten Sie nicht von mir, dass ich all diese Fragen beantworte. Ich bin ein Suchender, genau wie Sie. Falls Sie mir je auf der Straße begegnen, sprechen Sie mich an, damit wir uns darüber unterhalten können. Aber hier ist ein Gedanke.

Seit unserer ersten Reise nach Bangladesch mit World Vision bin ich zu einer Erkenntnis oder Schlussfolgerung gekommen, die ich noch nie wirklich klar ausdrücken konnte. Sie erinnert mich an ein kleines Gedicht, das ich schrieb, nachdem ich Constantine Fitzgibbons Biografie über Dylan Thomas gelesen hatte. Irgendwie hatte ich eine kleine Vision aus den Augen verloren, die mir wichtig gewesen war.

Früher wusste ich, wozu Gedichte gut sind

Ich habe es vergessen

Es hatte damit zu tun, wie man sein

Oder wie man fühlen kann

Es bedeutete so viel

Die Worte bleiben

Aber das Wissen ist verschwunden

Wie ein Gedicht, das nie wirklich stimmte

Meine Schlussfolgerung aus Bangladesch, die sich noch einmal verstärkte, als wir nach Sambia reisten, um uns die Arbeit unter AIDS-Kranken anzuschauen, betrifft die Art und Weise, wie Gott in der Welt eingreift oder auch nicht eingreift. In den Slums von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, haben wir gesehen, wie kleine Mädchen vor der unmittelbaren Aussicht bewahrt wurden, in die Prostitution zu geraten. Familien wurde geholfen, aus der Armut emporzusteigen. Ganze Kommunen wurden mit sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Schulbildung ausgestattet. Wir waren tief beeindruckt davon, wie Menschen aller Altersstufen in Sambia im Zusammenhang mit den entsetzlichen, Familien zerreißenden Auswirkungen von HIV/AIDS unterstützt und konstruktiv aufgeklärt wurden. In den letzten Jahren sind wir nach Mittel- und Südamerika gereist und haben gesehen, wie das Hilfswerk Toybox Organisationen unterstützt, die präventiv unter Straßenkindern arbeiten und Unterkünfte für sie bereitstellen. Es gibt unzählige wunderbare Projekte, geplant und getragen von engagierten Mitarbeitern, die sich ganz der Aufgabe widmen, die Liebe Gottes durch praktisches Dienen auszudrücken.

All das ist gut und schön, aber ich werde nie den Moment vergessen, als Bridget und ich auf zwei klapprigen alten Stühlen vor einer windschiefen Hütte in einem sambischen Dorf saßen und auf eine Frau namens Rois warteten. Sie litt an Aids im letzten Stadium, und man half ihr gerade aus ihrer Hütte, damit wir sie kennenlernen konnten. Sie war wirklich sehr krank, und ihre Prognose war düster. Teure retrovirale Medikamente standen nicht zur Verfügung. Rois würde vermutlich innerhalb von zwei Wochen tot sein und zwei elternlose Kinder zurücklassen. Sie hatte nur noch drei Dinge, auf die sie hoffte. Sie hoffte, im Himmel etwas Besseres zu finden als das, was sie auf der Erde erlebt hatte. Dass die guten Frauen von World Vision und anderen Hilfsorganisationen sie bis zu ihrem Tod weiterhin besuchen würden, um sie zu trösten und ihr einfache Medikamente zu bringen. Und dass jemand sich um ihre Kinder kümmern würde, wenn sie nicht mehr da war.

An jenem sonnigen Morgen setzte man sie auf einen alten Maissack auf dem gelben Staub des Bodens, und wir alle schauten einander an. Ein Schwall von Panik stieg mir plötzlich in der Kehle auf und drohte mir physisch den Hals zuzuschnüren. Hier war etwas völlig verkehrt, hier passte etwas nicht, etwas, das eine ganze Dimension meiner bisherigen Erfahrung in Abrede stellte. Es war ein radikales Unbehagen, das ich erstmals während unserer Reise nach Bangladesch empfunden hatte und das seither immer intensiver geworden war. Lassen Sie mich versuchen, es wenigstens einmal in klare Worte zu fassen.

In den Ländern, die wir für World Vision und Toybox be­reist haben, gibt es Menschen aller Altersstufen, die unter extremer Armut, unter Krankheiten und Vernachlässigung leiden. In den schlimmsten dieser Situationen tut Gott, soweit wir sehen können, nichts für diese Leute, es sei denn, es geschieht durch seine Anhänger oder durch Leute, die für andere Hilfsorganisationen als die christlichen arbeiten. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich glaube an Wunder. Das habe ich schon immer getan. Aber Gott verhindert nicht, dass in den Straßen der Slums kleine Mädchen unter herzzerreißenden Umständen umkommen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Manna vom Himmel fällt, um hungrige Kinder zu speisen, keine Wellen göttlicher Heilung, die durch die aidsverseuchten Dörfer rollen, die wir besucht haben. Mutter Teresa hat es kurz und bündig so ausgedrückt: In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind die einzigen Hände, die Gott hat, unsere Hände.

Indessen finden in reichen Wohlstandsländern wie dem unseren Bibelabende und Gebetstreffen und Lobpreisveranstaltungen statt, bei denen Nachfolger Jesu die Tatsache bejubeln, dass Gott seinen privilegierten Knechten hilft, indem er für ihre Hypothekenraten sorgt, ihre Krankheiten heilt, ihre Autos bezahlt, ihre Ehen arrangiert, maßgeschneiderte »Zufälle« für sie passieren lässt und ihnen Parkplätze vor dem Supermarkt frei hält. Es sieht so aus, als ob in diesen Gegenden der Welt Gott zu Menschen spricht, den Menschen zuhört, die Menschen mit allem versorgt, was sie brauchen, und ganz allgemein hinter den Leuten herräumt.

Tut er das? Können diese beiden gegensätzlichen Welten tatsächlich auf demselben Planeten existieren? Hat Gott beschlossen, die Verlierer aufzugeben und sich auf diejenigen zu konzentrieren, die etwas aus sich gemacht haben? Ich halte das für äußerst unwahrscheinlich. Aber was verstehe ich schon davon?

Nur eines weiß ich ganz sicher. Als ich Rois gegenübersaß und Gott im Stillen fragte, wo ich hier, wo weit und breit keine Steckdose zu sehen war, meinen Glauben einstöpseln sollte, da kam mir ein Vers aus dem ersten Kapitel des Jakobusbriefs in den Sinn: »Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten.«

Rois hatte so gut wie nichts. Was hätten Sie oder ich noch, wenn alle unsere materiellen Annehmlichkeiten hinweggefegt würden? Was für eine Welt möchten wir bewohnen? Die, in der Gott ist, oder eine andere, unterhaltsamere Sphäre?

In diesem Zusammenhang ist es immer wieder interessant, zu sehen, auf was für Dinge Christen schockiert reagieren. Der amerikanische Redner und Schriftsteller Tony Campolo gebrauchte einmal bei einem christlichen Festival ein Schimpfwort und forderte dann seine Zuhörer auf, sich zu fragen, ob dieses eine Schimpfwort sie mehr schockierte als die Tatsache, dass in der Zwei-Drittel-Welt Millionen von Menschen an Hunger, Malaria und Aids sterben. Letztes Jahr zur Erntezeit wies unser Pfarrer Peter Yorkstone darauf hin, dass das Wort Ernte für verschiedene Menschen in aller Welt eine sehr unterschiedliche Bedeutung hat. Angesichts meiner eingefleischten Neigung, jeden interessanten oder amüsanten Gedanken so lange auszudehnen, bis er reißt, war es fast unvermeidlich, dass mir dazu so etwas wie das Folgende einfiel. Der letzte Zweizeiler vor dem Refrain spricht von der mageren Ernte, die Kindern in Mittel- und Südamerika und anderen ähnlich verarmten Teilen der Welt vergönnt ist.

Ernte

Wir pflücken, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen stehen in des Himmels Hand.

Das Lamm führ’n wir zum Schlachter, bevor es alt und zäh, und lassen es uns schmecken mit Knoblauch und Porree.

Wir schießen kleine Robben, der Schnee wird rot vom Blut, die Mäntel aus ihren Fellen, die wärmen uns so gut.

Wir sammeln Plastikreste vom Müllberg vor der Stadt, verkaufen sie und werden zweimal pro Woche satt.

Alle gute Gabe kommt her von Gott geschwind, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, dass wir die Reichsten sind.

Der herrliche Leib

Ja, wir müssen sicherlich großzügiger werden mit unserer Anteilnahme und unserem Bargeld. Allerdings gibt es auch positive Bewegungen in christlichen Kreisen in Ländern wie dem unseren. Zum Beispiel tun sich Gemeinden viel stärker zusammen, als sie das früher taten. Zumindest ist das in Großbritannien so, wo übergemeindliche Initiativen in unseren Dörfern, Ortschaften und Städten inzwischen sehr verbreitet sind. Ein Zyniker könnte das wohl als Ergebnis einer panischen Erkenntnis betrachten, dass winzige Grüppchen von Gläubigen sich eben zusammentun müssen, um eine Versammlung von nennenswerter Größe zu ergeben. Aber ich glaube, es steckt noch mehr dahinter. Einer der unerwarteten Vorzüge der sinkenden Besucherzahlen in unseren Kirchen ist, dass oftmals den Leuten, die noch übrig bleiben, ihr Glaube im Allgemeinen und Jesus im Besonderen wirklich am Herzen liegen.

Ja, schon gut, Sie müssen mich nicht daran erinnern, dass es zu diesen beiden optimistischen Einschätzungen auch Gegenbeispiele gibt. Ich höre immer noch von Gemeinden, deren Mitglieder davon überzeugt sind, dass sie den einzig wahren Weg zum Himmel gefunden haben und den Gedanken nicht ertragen können, ihre makellose Reinheit durch Kontakte mit Außenstehenden zu besudeln. Und freilich, es gibt noch Überreste von Versammlungen, die sich an ihre gewohnten Sitzplätze, ihre Routine und ihre konfessionellen Vorlieben klammern würden, auch wenn Jesus selbst erscheinen und sie auffordern würde, irgendetwas ein wenig anders zu machen. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Die Anzeichen sind positiv.

Das warnende Wort, das ich (mit der tiefen Demut, die jede meiner Äußerungen prägt) einwerfen möchte, ist, dass Einheit unter Christen nicht erfolgreich von den Leitenden verordnet werden kann, es sei denn, ihre Anhänger sind gründlich informiert und aufrichtig willens, sich aufzumachen und eine Vision zu verfolgen, die sie in eine abenteuerliche Welt jenseits der kleinen Inseln der Geborgenheit ihrer persönlichen Vorlieben führen könnte.

Ist es in Ordnung, verschiedene Gottesdienstformen und Methoden zu haben? Wie kann es sein, dass Christen sich Prioritäten zu eigen machen, in denen »unsere Gepflogenheiten« ganz weit oben auf der Liste stehen, Jesus dagegen irgendwo unten, etwa auf gleicher Höhe mit der Anordnung der Stühle und dem Kaffeedienst? Was könnte man gegen diese Situation tun? Und noch eine Frage. Wie würde die Einheit der Kirche im besten Falle aussehen?

Ich denke, letzten Endes kommt es bei dieser und anderen Fragen der Vorwärtsbewegung in der Kirche darauf an, Prioritäten zu setzen. Neulich abends war ich bei der Sitzung der sogenannten Dekanatssynode in einer hiesigen anglikanischen Gemeinde. Ich habe nicht vor, zu erklären, was das bedeutet, nicht zuletzt des­wegen, weil ich selbst keinen Schimmer habe. Es mag genügen, dass dazu Geistliche und Laien aus den Gemeinden in der Umgebung gehören. Als ich mich zu der Dame neben mir hinüberlehnte, um sie zu fragen, worum es eigentlich ging, gab sie eine, gelinde gesagt, staubtrockene Antwort.

»Eine Dekanatssynode«, sagte sie, wobei sie die Hand seitlich gegen den Mund legte, sodass es niemand sonst hören konnte, »ist eine Ansammlung von Anglikanern, die herumsitzen und darauf warten, dass sie nach Hause gehen können.«

Eine Übertreibung – oder etwa nicht? Ich bin auch Anglikaner, und ich bin unglaublich lebhaft und wach. Sie sollten mich einmal sehen!

Meine ernsthafte Frage ist folgende: Wenn Gott seine Gemeinde anschaut, besonders in unserem Teil der Welt, sieht er dann einen Haufen Christen, die herumsitzen und darauf warten, dass sie nach Hause gehen können? In beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts gab es Beispiele erstaunlicher Tapferkeit und Hingabe an die Pflicht unter Militärkaplanen. Das waren Leute, die sich nicht damit zufriedengaben, einfach nur hinter den Front­linien zu bleiben und zu predigen. Sie waren entschlossen, an den Nöten und Strapazen der Männer teilzuhaben, die dort in Schlamm und Kugelhagel und höchster Todesgefahr lebten. Manche von ihnen, wie Geoffrey Studdert Kennedy, ein berühmter Kaplan im Ersten Weltkrieg, wurden für herausragende Akte der Tapferkeit und des Heldentums ausgezeichnet, die sie in der Hölle, die Niemandsland genannt wurde, vollbrachten.

Und das ist, wenn ich das sagen darf, genau der Ort, wo wir Christen sein sollten. Das wird für jeden von uns etwas anderes bedeuten, und es kann durchaus sein, dass konfessionelle Einheit dabei die geringste Rolle spielt. Aber wenn wir glauben, wir würden unserer Verantwortung gerecht, indem wir hinter den Front­linien herumsitzen und darauf warten, dass wir nach Hause gehen können, dann irren wir uns. Es lohnt sich, uns einmal folgende Fragen zu stellen:

Was ist für mich das Niemandsland? Welchen Teil meiner Komfortzone müsste ich räumen, damit ich Jesus an Orte folgen kann, an denen ich etwas verändern kann? Welche Erfahrungen machte Elia, als er mitten in geistliche Kämpfe hineingeriet? Sie können seine Geschichte in 1. Könige lesen, wenn Sie möchten. Es könnte sein, dass Ihnen das jede Lust nimmt, als Christ zu dienen. Andererseits …

Ist es Furcht oder Trägheit oder noch etwas anderes, was einem aufopferungsvollen Dienst für Gott im Wege steht?

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
221 p. 3 illustrations
ISBN:
9783865064134
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