Read the book: «Varius»
INHALT
IMPRESSUM 3
PROLOG 4
1 6
2 17
3 26
4 34
5 45
6 53
7 65
8 72
9 86
10 96
11 109
12 121
13 134
14 143
15 158
16 170
17 182
18 192
19 202
20 207
21 219
22 231
23 241
24 251
25 264
26 278
27 289
28 303
29 315
30 326
31 339
32 353
EPILOG 362
IMPRESSUM
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-242-3
ISBN e-book: 978-3-99107-243-0
Lektorat: Karin Taglang
Umschlagfoto: Maksim Prochan, Viorel Sima | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
PROLOG
Es war eine dunkle, sternenklare Nacht.
Wind wirbelte Blätter am Boden des Waldes auf und trug sie hinauf zu den Baumkronen. Die Luft war angenehm kühl, dunkle Schatten spiegelten sich auf der Oberfläche eines kleinen Waldsees. Das Wasser war schwarz und so tief wie ihre Verzweiflung.
Sie lag in der Hütte neben dem See. Eine alte, kleine Wanderhütte. Sie hatte Mühe, den Schmerzen zu trotzen, die aus ihrem Unterleib aufstiegen. Immer wieder wurde sie von Krämpfen heimgesucht, die ihren gesamten Körper erzittern ließen. Und der einzig klare Gedanke, den sie in jener Nacht fassen konnte, war, dass er sie verlassen hatte.
Er hatte sich gegen sie und ihr gemeinsames Kind und stattdessen für sein Volk entschieden.
Nun war sie allein, vollkommen hilflos in dieser Hütte, irgendwo im tiefen Wald.
Eine Wehe ließ sie erneut zusammenfahren und sie krallte sich mit der Hand an einem freistehenden Stuhl fest. Es brannte höllisch. Sie konnte kaum noch klar sehen, die dunklen Umrisse des Raums verschwammen vor ihren Augen.
Plötzlich hörte sie draußen Schritte, die über das kiesige Ufer zur Hütte rannten, in der sie lag. Panik lähmte ihre Glieder.
Sie hatte doch alles extra vorbereitet. Keiner durfte bei der Geburt dabei sein. Keiner durfte das Kind sehen! Keiner durfte seine Augen sehen, sonst wäre alles verloren!
Die einfache Holztür wurde aufgestoßen und eine schmale Gestalt trat ein.
Sie trug einen langen Mantel und das schwarze Haar fiel ihr ins Gesicht. ,,Ozea?“, krächzte die Gebärende. Die Gestalt senkte nur den Kopf und trat neben sie. Sie schob einen ihrer langen, dünnen Arme unter dem Mantel hervor und tastete nach ihrem Bauch.
„Es kommt“, murmelte sie.
Ihre Augen lagen unter den dunklen Wimpern verborgen, doch dann hob sie die Lider und ihre efeugrüne Iris kam zum Vorschein. Die Gebärende zuckte zusammen, als sie erneut eine Wehe durchfuhr.
Ozea hatte recht, das Kind würde in wenigen Augenblicken kommen.
Ihr wurde die Luft aus den Lungen gepresst. Ihre Kehle war staubtrocken und jeder Atemzug brannte im Rachen. Sie hielt die Luft an und tat alles Mögliche, um ihr Kind endlich zu sehen, es in den Armen zu halten.
Ozea nahm den kleinen Körper entgegen und wickelte ihn in ein Tuch. Sie murmelte beruhigende Worte, während die erschöpfte Mutter langsam wieder Luft bekam.
Ozea übergab ihr das Kind und sie hielt es in den Armen, wie sie sich es vorgestellt hatte. Es war ein wunderschönes Kind.
Dann legte Ozea den Mantel ab, sie wusste, was das bedeutete. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Du darfst uns nicht verraten. Ozea bitte, wir sind verloren“, flehte sie.
Die Dunkelhaarige sah sie aus schmalen Augen an, das helle Grün hatte sich verfinstert. Sie nahm das Kind wieder an sich und betrachtete es eine Weile.
Sie sog scharf die Luft ein.
Mit zitternden Fingern gab sie der Mutter ihr Kind zurück.
„Warum gibst du ihm keinen Segen?“, fragte diese ängstlich, obwohl sie es längst wusste.
Ozeas Blick war flüchtig. „Es sind die Augen deines Kindes. Sie sind nicht so, wie sie sein sollten, und das weißt du. Sie werden es jagen und sie werden es bekommen. Auch wenn du es beschützen willst, du wirst es niemals wie ein normales Kind behandeln können.“
Ozea zog die schwarzen Brauen zusammen. „Hüte es, solange du kannst. Liebe es, so sehr du nur kannst, denn eure gemeinsame Zeit ist begrenzt, das weißt du so gut wie ich. Sie werden es herausfinden, früher oder später finden sie jeden.“
1
Nell
15 Jahre später
Ich erwachte durch ein Klopfen an meiner Zimmertür.
Müde wälzte ich mich auf die andere Seite und blinzelte vorsichtig. Die Sonne schien zwischen den dünnen Vorhängen hindurch.
Ich kaute einen Moment lang auf meiner Unterlippe, dann legte sich in mir ein Schalter um. Ich schlug die Decke zurück, rannte zur Tür und öffnete sie schwungvoll.
Ozea machte einen Schritt zurück und musterte mich von oben bis unten.
„Du bist ja noch gar nicht umgezogen!“, tadelte sie und trat ein. Ich hastete zu meinem Schreibtischstuhl, auf dem das Kleid für den heutigen Tag schon darauf wartete, getragen zu werden. Dann verschwand ich ins Badezimmer, zog mich um und ließ mir von Ozea die Haare machen.
„Wie stellst du dir den kommenden Tag vor?“, fragte sie, während sie einzelne Strähnen aus meinem Zopf fummelte.
„Du meinst meinen Geburtstag?“, hakte ich nach und konnte kaum stillsitzen. „Nun ja, ich werde ganz viele Geschenke bekommen. Die Familie wird zusammen sein und wir werden Kuchen essen!“
Ozea lachte, dann ließ sie von mir ab. „Fertig!“
Ich drehte mich ein paar Mal vor meinem Spiegel, dann atmete ich tief durch.
„Genieß den Tag“, sagte Ozea und ihre Stimme klang ungewohnt fest. Ich nickte und lächelte ihr entgegen.
Ihre einst vollkommen schwarzen Haare waren von einzelnen, grauen Strähnen durchzogen. Ihre grünen Augen waren von einem dunklen Wimpernkranz umringt und ihr dünner Körper steckte in einem weißen Kleid.
Wir gingen zusammen nach unten, durchquerten einige Räume des großen Schlosses und kamen schließlich ins Esszimmer. Es war ein langer Raum mit hohen Fenstern und hellen Wänden.
Meine Mom stand neben dem Tisch und diskutierte leise mit einem hochgewachsenen, muskulösen Mann. Es war Lenn Ivy, der Anführer der Green Eyes und zufällig mein Vater. Ich schnappte einzelne Wortfetzen auf.
,,… Es ist ihr Geburtstag! …“
,,… Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren! …“
Ich fluchte innerlich. Nicht schon wieder dieses Thema.
Seit einiger Zeit verhielten sich Mom, Dad und auch Ozea immer merkwürdiger. Sprachen andauernd von diesem Thema und wenn ich sie darauf ansprach, machten sie dicht.
Ich hatte die Nase gestrichen voll von dieser Geheimnistuerei und eilte auf sie zu. „Können wir endlich essen?“
Mom zuckte zusammen und wandte sich lächelnd zu mir um. „Natürlich, mein Schatz, alles Gute zum Geburtstag!“
Dad wünschte mir das Gleiche und wir setzten uns.
Ozea hatte alles Mögliche vorbereitet. Es gab Süßes, Deftiges, Saures, allerlei Getränke und Obst. Ich machte mich über das Essen her und übersah die Blicke meiner Eltern dabei nicht. Irgendetwas war hier faul.
Als ich fertig war, legte ich das Besteck ordentlich ab und heftete meinen Blick auf Mom. Sie spürte es sofort und versuchte mich anzulächeln, scheiterte aber kläglich. „Gibt es Probleme im Volk? Rebellen? Werden wir von den Blue Eyes bedrängt? Oder sind es vielleicht die Red Eyes?“, zählte ich die Möglichkeiten auf. Dad stieß ein tiefes Lachen aus und lehnte sich zurück.
„Du bist so erwachsen geworden, meine Kleine“, murmelte er gedankenverloren. Ich rümpfte die Nase. „Das beantwortet aber nicht meine Frage.“
„Es ist alles in allerbester Ordnung!“, warf Mom schnell ein und lächelte.
„Hört auf, mir etwas vorzuspielen! Ich bin jetzt fünfzehn, verdammt! Sagt mir endlich, was los ist!“, rief ich und ballte die Hände zu Fäusten.
Mom senkte den Blick, sie sah plötzlich sehr müde und verzweifelt aus.
„Tut mir leid …“, murmelte ich, meinte es aber nicht wirklich ernst. Dad atmete tief ein und wieder aus. „Du weißt ja, dass es acht Völker gibt: die Blue Eyes, die Gray Eyes, die Purple Eyes, die Black Eyes, die Yellow Eyes, die Brown Eyes, die Red Eyes und uns, die Green Eyes“, fing er an. „Mit manchen sind wir verfeindet, mit manchen befreundet. Ich führe im Moment Krieg gegen die Blue Eyes, Gray Eyes und mit den Red Eyes waren wir noch nie befreundet. Die Lage ist sehr angespannt und deshalb habe ich mir gedacht“, er tauschte einen kurzen Blick mit Mom,,,dass wir so eine Art Austausch mit den Blue Eyes machen. Das heißt, ein Junge – wir haben ihn bereits bestimmt und er ist gestern hier angekommen – wird bei uns einen Austausch machen. Und wir möchten ihn dir heute gerne vorstellen.“
Ich war mir fast sicher, dass das nicht der Grund war, warum er seit Tagen mit Mom stritt, aber mein Interesse war geweckt. „Er ist also schon im Schloss?“, fragte ich und versuchte meine Aufregung zu unterdrücken.
Dad nickte und lächelte, es sah ziemlich gezwungen aus, aber ich hatte keine Lust, mir an meinem Geburtstag Gedanken über sein unechtes Lächeln zu machen. Deshalb nickte ich ebenfalls und sah ihn fragend an.
„Du willst ihn gleich sehen?“, riet er zwinkernd. Ich errötete und senkte den Kopf. Oh mann, warum ließ mein Dad einen Austausch mit einem Jungen aus einem Volk zu, gegen das er Krieg führte?
„Na komm“, mischte sich Ozea ein und erhob sich. „Ich stell dich ihm vor.“
„Aber ich muss mich zuerst umziehen!“, warf ich ein und sprang auf.
„Du siehst blendend aus“, meinte Mom. Ich rollte die Augen.
„Das Grün deiner Augen passt perfekt zu weißer Spitze!“, fügte sie hinzu.
„Aber das Kleid ist so eng … und ich will mich ja bewegen können.“ Ich rauschte aus dem Raum, bevor Mom noch mehr Einsprüche hervorbringen konnte.
Nachdem ich mich in eine lockere Jeans und ein weites T-Shirt geschmissen hatte, beeilte ich mich, wieder nach unten zu kommen. Mom und Dad waren nicht mehr im Esszimmer, nur Ozea lehnte an einer der hellen Wände.
Als ich eintrat, stieß sie sich ab und kam auf mich zu. „Du bist so schnell groß geworden“, hauchte sie und legte beide Hände an meine Wangen.
Ich blinzelte sie verwirrt an. Ozea war immer wie eine zweite Mutter für mich gewesen. Wenn Mom oder Dad keine Zeit für mich hatten – sie war immer da gewesen und hatte mich in allem unterstützt. Ich liebte sie wie einen Teil der Familie und das war sie für mich vor Geburt an.
„Warum sagst du das?“, meine Stimme zitterte leicht.
Ozea seufzte und ließ die Hände sinken. „Ich mache mir Sorgen um dich.“
„Warum?“
„Schwierige Zeiten stehen bevor. Ich bin die Seherin deines Vaters, ich habe die kommenden Dinge vorhergesehen.“
Meine Brust wurde eng. „Was wird passieren? Was hast du gesehen?“
Ozea schloss die Augen und presste die Lippen zusammen. „Dein Vater führt Kämpfe gegen drei Völker …“, hob sie an.
„Die Gray Eyes hat er fast besiegt, mit den Blue Eyes haben wir doch jetzt einen Austausch – da stehen die Chancen gut – und gegen die Red Eyes führt so gut wie jedes Volk Krieg“, versuchte ich, vielmehr mich selbst als sie zu überzeugen.
Ozea schüttelte den Kopf. „Dein Vater wird den Krieg nicht gewinnen. Lenn Ivy wird versagen!“
Ich zuckte zurück. Ihre Stimme war plötzlich laut geworden und ihre Augen funkelten wie tödliches Efeu. Der Schmerz saß tief. Wenn selbst Ozea, unsere Seherin, nicht an den Sieg glaubte, wer tat es dann?
„Ich möchte nicht, dass du es jemandem erzählst“, stellte sie klar. Ich nickte, ohne nachzudenken. Die dunkle Vorhersage würde nur Unruhe verbreiten und die Leute in Angst versetzen.
„Und jetzt geh und genieße den Tag, solange du die Möglichkeit dazu hast“, murmelte sie und verschwand mit eiligen Schritten.
Wie benebelt machte ich mich auf den Weg aus dem Schloss. Ozeas Worte zogen tiefe Furchen in meinem Kopf und hackten meine klaren Gedanken wie Staubkörner beiseite. Dein Vater wird den Krieg nicht gewinnen. Lenn Ivy wird versagen!
Ozea hatte Angst, große Angst, und das verhieß nichts Gutes. Auch ich hatte Angst. Angst um meine Familie, meinen Vater, dem ich nichts erzählen durfte. Wenn er wüsste, dass er keine Chance hatte, könnte er sich wenigstens noch geschlagen geben, aber das Wort einer Seherin war Befehl und stand in diesem Fall auch über dem des Anführers.
Als ich auf den großen Vorplatz des Schlosses trat, empfingen mich einige meiner Freunde. Sie wünschten mir alles Gute und wir alberten eine Weile herum. Aber ich war mit meinen Gedanken nicht vollkommen bei der Sache. Mit den Augen suchte ich den Platz ab, doch Ozea war nicht da. Wahrscheinlich hatte sie sich zurückgezogen und war beschäftigt.
Jemand stieß mir seinen Ellenbogen in die Seite und ich fuhr herum.
„Bist du dabei?“, lachte Liam und sah mich fragend an.
„B… bei was nochmal?“ Ich kam mir ein wenig blöd vor.
„Wir wollen nachher noch mit dem Neuen in den Wald gehen und ihm unsere Kräfte zeigen. Vielleicht können wir danach auch noch ein bisschen trainieren“, sagte er und hob dabei eine Braue. Seine hellgrünen Augen funkelten. Ich nickte zustimmend.
„Habt ihr ihn schon gesehen? Den Neuen, meine ich?“, fragte ich meinen besten Freund. Liam sah gut aus. Er hatte dunkle Haare, einzelne Sommersprossen auf der Nase und seine hellgrünen Augen waren ausdrucksstark. Aber zwischen uns war nichts – nicht mehr als tiefe Freundschaft jedenfalls.
Liam wurde ernst. „Wie kann man den denn übersehen?“
Er konnte ihn offensichtlich nicht leiden. Das fing ja gut an.
Doch er machte eine Bewegung mit dem Kinn und deutete so die Richtung an. Ich hauchte Liam einen Kuss auf die Wange und suchte mir einen Weg durch die vielen Menschen, die sich inzwischen vor dem Schloss versammelt hatten. Ich erspähte meinen Vater, er war gut einen Kopf größer als die übrigen Leute und stand neben meiner Mom. Als ich die beiden erreicht hatte, trat auch der Junge in mein Blickfeld, der bei ihnen war. Er war größer als Liam, allgemein größer als die meisten Jungs in seinem Alter, hatte dunkelblondes Haar, war muskulös gebaut und seine vollen Lippen hatten sich zu einem breiten Grinsen verzogen. Ich warf einen kurzen Blick auf seine Augen. Sie waren blau, natürlich, er kam ja auch von den Blue Eyes. Aber es war kein gewöhnliches Blau. Die Tiefe dieser dunklen Farbe sog mich förmlich auf und für einen kurzen Moment vergaß ich alles andere um mich herum.
„Ah, da ist ja meine kleine Prinzessin!“, rief Dad und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Meine Wangen fingen an zu glühen und meine Finger wurden schwitzig. Als ich Moms misstrauischen Blick sah, der auf meinem weiten T-Shirt lag, wurde mir übel.
„Luan, das ist meine Tochter Nellanyh!“, stellte Dad mich vor.
Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. Warum nannte er vor Fremden immer meinen ganzen Namen? Ich hasste diese acht Buchstaben. Normalerweise nannten mich meine Eltern Nelly, höchstens mal Lanyh. Unter Freunden war ich einfach nur Nell – und so sollte es auch sein.
„Hi“, sagte Luan und reichte mir seine Hand. „Nellanyh, ein schöner Name. Selten, aber schön“, fügte er hinzu. Seine Stimme war angenehm und weich. Ich hätte mich wahrscheinlich hineingelegt, wenn ich gekonnt hätte.
Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch.
„Nelly …“, Mom beugte sich vor und machte eine vielsagende Geste zu Luan. Ich lächelte flüchtig und legte meine Hand in seine.
Als wir uns berührten, stoben tausend Gefühle in mir auseinander und hinterließen ein einziges Caos. Schüchtern zog ich meine Hand wieder zurück und senkte den Arm.
„Wie lange er hier bleibt, ist noch nicht ganz klar“, versuchte es Dad mit einem Gespräch, ,,aber es werden auf jeden Fall mindestens vier Wochen sein“.
Ich biss mir auf die Lippe. Vier Wochen also.
„Wir lassen euch dann mal allein“, lächelte Mom, ich nahm es ihr aber nicht ab. „Ach und- Liam hat mir gesagt, dass ihr später noch in den Wald gehen wollt, seid bitte zurück bevor es dunkel wird.“
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Ich war fünfzehn, verdammt. Keine drei mehr.
„Das kenne ich“, sagte Luan plötzlich. Ich hob die Lider und blinzelte zu ihm auf.
„Wie alt bist du?“ Wow, das Erste, was ich zu ihm sagte und ich hatte keinen Sprachfehler ans Licht befördert. Ich war stolz auf mich.
Er grinste mich an und kleine Grübchen bildeten sich auf seinen gebräunten Wangen. „Sechzehn.“
„Ah“, war das Einzige, was mir dazu einfiel. Die Luft zwischen uns schien elektrisch aufgeladen und zum Explodieren gespannt. Mir war unglaublich heiß.
Plötzlich beugte sich Luan zu mir hinab. „Willst du mir das Schloss zeigen?“
„Auch draußen bleiben“, stammelte ich.
Er sog scharf die Luft ein und hob eine Braue. Erst jetzt wurde mir klar, was ich gerade von mir gegeben hatte. Mir war zum Heulen.
Dann grinste er auf einmal. „Klar, wir können auch draußen bleiben.“ Kurz darauf stieß er ein schnelles „Aahh“ aus und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ich habe ganz vergessen – alles Gute zum Geburtstag!“
Ich wurde rot. „Danke.“
Bevor Luan noch etwas erwidern konnte, zwängte sich Liam zu uns durch.
„Liz will sofort aufbrechen, die anderen sind auch dafür“, verkündete er den Vorschlag seiner Zwillingsschwester. Keinen Augenblick später stand sie neben mir und fiel mir um den Hals. Sie sah exakt so aus wie ihr Bruder Liam, nur eben die weibliche Variante.
„Oh Nell, alles, alles Gute!“, rief sie und erwürgte mich dabei fast.
Ich lachte und schob sie sanft von mir. „Danke!“
Dann wandte ich mich an Liam. „Okay, von mir aus können wir sofort aufbrechen.“
Er nickte und verschwand in der Menge. Liz und ich folgten ihm, Luan bildete den Schluss.
Unterwegs wurde ich von einigen Bekannten und Freunden meiner Eltern angesprochen, die mir gratulierten, und schließlich trafen wir auf Peroll. Er war der General der Armee meines Vaters und die beiden waren auch privat gut befreundet. Peroll war oft im Schloss und verbrachte Zeit mit Ozea und mir. Ich mochte ihn. Er hatte eine Glatze und einen stets ordentlichen, grauen Oberlippenbart. Als er mich erkannte, fasste er mich an der Taille an und hob mich hoch, als wäre ich nicht schwerer als eine Feder, und lachte. „Da bist du schon fünfzehn!“, rief er und setzte mich wieder ab. Dann beugte er sich hinunter und flüsterte: „Und nachher habe ich auch noch eine Überraschung für meine kleine, große Enkelin!“
Er nannte mich fast immer so und ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt. Da er selbst keine Kinder und so auch keine Enkel hatte, schien es ihn froh zu machen, mich so zu nennen, und in gewisser Weise war er auch so etwas wie ein Opa für mich.
Ich küsste ihn lächelnd auf die Wange und winkte ihm zum Abschied zu, bevor ich mich beeilte, den anderen zu folgen.
Als wir endlich unter uns waren, gesellte sich auch der Rest der Gruppe zu uns. Brian, Jess und Nara wünschten mir ebenfalls alles Gute, doch mein Blick fiel auf May. Sie war tatsächlich auch gekommen.
May war ein schlankes Mädchen mit hüftlangen, blonden Haaren. Sie zog jeden Jungen an sich, der sich ihr auch nur näherte. Aber sie sah nun mal wirklich gut aus, das konnte selbst ich nicht leugnen. Dazu kam, dass außer Jess keiner sie so wirklich leiden konnte – Jungs ausgeschlossen –, deshalb wunderte es mich auch, dass sie gekommen war.
„Hi, Nell“, trällerte sie, doch ihr Blick huschte gleich weiter zu Luan, der dicht hinter mir stand. „Bist du der Austauschschüler von den Blue Eyes?“, rief sie übertrieben und riss die Augen auf.
Luan trat neben mich und lächelte sie breit an. „Freut mich, dich kennenzulernen.“ Er reichte ihr die Hand.
Ich unterdrückte ein Augenrollen, als May ihre weißen Zähne zeigte und sich an ihn ranschmiss. „Ich liebe die Blue Eyes. Auch wenn unser Anführer diesen hirnrissigen Krieg gegen euch führt, weil er denkt, ihr seid böse.“
Ich ballte die Hände zu Fäusten. Was war bei der denn für ein Schalter ausgefallen? Sie beleidigte gerade in aller Öffentlichkeit meinen Vater! Eine Hand legte sich auf meine Schulter, ich fuhr herum.
Es war Liam. „Reg dich nicht auf. Sie wird sich nur freuen, wenn du jetzt auf sie losgehst“, murmelte er und seine grünen Augen funkelten verständnisvoll. Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete, hatte May Luan bereits mit sich gezogen und lief dicht neben ihm auf den Wald zu.
Mit steifen Schritten folgte ich ihnen.
Da ich heute Geburtstag hatte, durfte ich mir auch aussuchen, wo wir hingingen. Ich schlug den schmalen Pfad zur Waldlichtung ein, meinem Lieblingsort. Dort wuchs hohes Gras, man konnte die perfekten Sonnenuntergänge beobachten und es gab genug Platz, um mit Pfeil und Bogen zu üben. Da ich aus feinem Hause kam, wie es Mom immer nannte, gehörte es sich für mich eigentlich nicht, wie ein Junge zu schießen oder im Wald unterwegs zu sein. Ich ging auch nicht mit den anderen zur Schule, sondern wurde von Ozea im Schloss unterrichtet. Ich hasste es.
Seit meinem zwölften Geburtstag durfte ich zum Glück Bogenschießen und hatte diese Sportart schnell für mich entdeckt. Seither verbrachte ich jede freie Minute beim Training im Wald.
„Und, wie findest du es hier?“, fragte May engelsgleich und blickte mit großen Augen zu Luan auf. Er grinste schief. „Es ist wunderschön.“
Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, als er das sagte. Ihm gefiel dieser Ort genauso sehr wie mir.
„Das ist mein absoluter Lieblingsplatz!“, schwärmte May und hüpfte auf die Lichtung zu. Ihre langen Haare wellten sich leicht und die Sonne glitt über ihren Kopf hinweg, als könne sie kaum genug von ihr bekommen.
Ich presste die Lippen aufeinander. May verbrachte nie Zeit im Wald.
„Jaaaa“, Liz dehnte das Wort bewusst lang und zog mich hinter sich her. „Wir haben uns ja noch gar nicht richtig vorgestellt. Also das ist Nell, wie du sicher schon mitbekommen hast. Sie ist die beste Bogenschützin in ihrer Altersklasse und total begabt darin, ihren Mittelpunkt aufzurufen“, meinte sie zu Luan.
Ich errötete, als ich sah, wie sich seine Lippen erneut zu einem Lächeln formten. Es stimmte zwar, was sie sagte, ich war eine ziemlich gute Bogenschützin und den Mittelpunkt aufrufen konnte ich besser als die meisten. Das war das A und O des Trainings. Der Mittelpunkt war sozusagen die Quelle unserer Kräfte. Die Green Eyes hatten Efeu als Kennzeichen. Mit dieser Kraft konnten wir die verrücktesten Dinge anstellen. Aber es war mir mehr als unangenehm, dass Liz mich so hervorhob.
„Und das sind Jess, Nara und Brian. Wir gehen alle in dieselbe Klasse“, stellte Liz weiter vor. „Nur Nell hat das Glück, im Schloss unterrichtet zu werden – privat.“ Das letzte Wort betonte sie besonders und sah Luan dabei mit großen Augen an.
„Ich wüsste nicht, was das mit Glück zu tun hat“, stichelte May und schob sich neben den Blue Eye.
„Ist doch egal“, schaltete sich Liam ein und stellte auch sich und seine Zwillingsschwester vor.
„Und jetzt lasst uns endlich anfangen“, drängte Jess mit leuchtenden Augen. Bevor jemand etwas erwidern konnte, hob sie die Hände und richtete ihre Fingerspitzen auf einen der Bäume, der am Rand der Lichtung stand.
Mit konzentriertem Blick hob sie langsam die Arme und aus den Wurzeln des Baums schoss Efeu. Es wuchs und wuchs, schlängelte sich den Stamm hinauf und verharrte, als Jess die Arme wieder sinken ließ.
„Wow“, machte Luan und nickte anerkennend. Jess strahlte ihn an.
„Aber ich kann noch viel mehr“, behauptete May und stellte sich vor Jess.
Luan hob eine Braue. May lächelte süß. Dann drehte sie sich um und warf sich die langen Haare über die Schulter. Sie deutete mit dem Kinn auf eine kleine, blaue Blume, deren Blüten sie in voller Pracht präsentierte. May schloss langsam ihre Finger und richtete den Blick unverhohlen auf die kleine Blume. Die Blüten der Pflanze wackelten, dann knickte der Stiel ein. Das Blau wurde von einem modrigen Grau erstickt und schließlich löste sich die Blume in Staub auf. Mit einem arroganten Lächeln drehte sich May wieder zu uns.
Luan hatte schweigend zugesehen. Dann streckte er die Hand aus und deutete auf ihr Werk. „Das war echt gut! Nein, es war hervorragend.“
May kicherte und ihr Blick huschte über seine Schulter hinweg zu mir. Ohne, dass sie die Worte aussprach, konnte ich sie deuten.
Tja, das war’s dann wohl für dich.
2
Nell
Meine Lust auf diesen Tag schwand zusehends. Und als sich May auch noch bei Luan einhakte, wurde es mir endgültig zu viel.
„Ich geh wieder zurück“, flüsterte ich Liam ins Ohr, als Nara gerade versuchte, einen Schmetterling auf einer von ihr erschaffenen Efeupflanze landen zu lassen.
Er drehte sich zu mir um und seine Stirn lag in Falten. „Ich komme mit.“
Ich winkte ab. „Lass dir von mir nicht den Tag verderben.“
Er umfasste meine Handgelenke und beugte sich vor. „Hast du eigentlich vergessen, dass das dein Geburtstag ist und nicht Mays?“
Ich spürte seinen Atem an meiner Wange und schloss die Augen.
„Aber alle sehen sie an“, brach es plötzlich aus mir heraus. Liam gegenüber hatte ich mich immer geöffnet. Bei ihm waren selbst die verworrensten Geheimnisse in Sicherheit. „Sie ist der Mittelpunkt – sie war es schon immer. Ich bin nicht mal ihr Schatten. Alle sehen …“
„Schhh“, machte Liam und zog mich an sich. Ich spürte sein Herz unter meiner Wange schlagen und entspannte mich etwas.
„Es stimmt, alle sehen sie an, aber nur, weil sie sich in den Vordergrund schiebt. Und das tut sie, weil sie gegen dich sonst keine Chance hätte. Du hast nämlich einen gewaltigen Vorteil ihr gegenüber und dafür beneidet sie dich sogar im Schlaf“, redete er leise auf mich ein.
Ich schnaubte in seine Brust hinein. „Und welcher sollte das sein?“
Ich spürte seine Lippen, die sich neben meinem Ohr zu einem Grinsen formten. „Du bist die Tochter des Anführers unseres Volkes. Du bist Nell Ivy. Du bist nicht nur unter den Green Eyes, sondern auch unter allen anderen Völkern bekannt. Und das macht sie so wütend.“
Ich biss mir auf die Lippe und löste mich von ihm. „Und was soll mir das nützen?“, fragte ich skeptisch.
Er legte den Kopf schief. „Du musst diesen Vorteil nutzen. Versuche deine Eltern davon zu überzeugen, dass du mit uns in die Ausbildung gehst. Mit allen anderen Green Eyes zusammen. Wenn sie es nicht erlauben, was höchstwahrscheinlich der Fall sein wird, versuche sie wenigstens für das gemeinsame Training rumzukriegen.“
Ich seufzte und setzte mich in Bewegung. Liam folgte mir.
„Aber wie soll ich das anstellen?“, grübelte ich. Es war ja schließlich nicht so, als hätte ich das noch nie versucht. Da ich immer noch im Schloss unterrichtet wurde, ließ sich leicht schließen, dass meine Versuche nicht funktioniert hatten.
Liam legte mir einen Arm um die Schultern. „Darüber kannst du dir morgen den Kopf zerbrechen. Jetzt habe ich erstmal eine Überraschung für dich.“
Ich sah ihn von der Seite an und grinste, als ich seinen geheimnisvollen Blick bemerkte. Er wackelte mit den Brauen und wir fingen beide an zu lachen.
Als wir den Waldrand fast erreicht hatten, hörte ich hinter uns Stimmen, die stetig näherkamen. Ich drehte mich um und suchte mit den Augen die Bäume und Sträucher ab. Ich konnte deutlich Liz‘ und Brians Worte verstehen.
„Sie suchen uns“, bemerkte Liam trocken. Er sah mich an. Ich sah ihn an.
Wir brauchten uns nicht mit Worten zu verständigen und verließen zeitgleich den Pfad. Zusammen krochen wir durch das dichte Unterholz und gingen schließlich hinter einem breiten Brombeerstrauch in Deckung. Ich konnte mir nur schwer ein Kichern verkneifen. Liam ging es nicht anders. Als die verwirrten Gesichter von Liz und Brian auf dem Pfad erschienen, musste ich mir die Hand auf den Mund pressen, um nicht laut loszulachen. Es war vielleicht kindisch, sich mit vierzehn noch im Wald zu verstecken, aber das war mir in dem Moment egal. Ich fühlte mich auf einmal wieder in meine Kindertage zurückversetzt, in denen ich mich wöchentlich mit den Zwillingen im Wald verkrochen hatte und Mom das gar nicht lustig fand.
Doch schließlich konnte Liam nicht anders und wir beide brachen in lautes Gelächter aus.
Liz schob sich zu uns durch und boxte zuerst mich, dann ihren Bruder in die Seite, doch dann fiel sie mit ein in unser Gelächter. Als wir uns wieder beruhigt hatten, stolperten wir auf den Pfad zurück, auf dem auch schon die anderen warteten. Nara zog mir ein Blatt aus dem Haar und ich befreite Liz von einem Spinnennetz, das sich an ihrer Hose verfangen hatte.
„Musstet ihr unbedingt weglaufen?“, fragte May und musterte mich kühl. Liam warf mir einen vielsagenden Blick zu und nickte kaum merklich.
„Das war ziemlich kindisch“, feuerte sie hinterher.
Ein böses Lächeln hob meine Mundwinkel und mein Blick wurde kalt. „Ich weise nur ungern darauf hin, aber ist es nicht viel peinlicher, beim Singen unter der Dusche vom Nachbarn darauf hingewiesen zu werden, dass man sich woanders duschen soll?“, fragte ich und setzte eine unschuldige Miene auf. „Weil der Gesang nicht so vielversprechend ist?“, fügte ich hinzu.
May schnappte nach Luft und rote Flecken bildeten sich auf ihren Wangen.
Ich wechselte einen triumphierenden Blick mit Liam.
„D… das ist nicht wahr! Das ist nie passiert!“, keuchte sie und ihre Stimme überschlug sich. Ich beugte mich vor und mein Blick wurde hart.
„Was spielt es denn für eine Rolle, ob es wirklich geschehen ist oder nicht? Es ist immerhin viel lustiger, ausgedachte Lügen weiterzuerzählen als die langweilige Wahrheit.“
May starrte mich einige Augenblicke sprachlos an, dann presste sie die Lippen aufeinander, drehte sich um und stapfte ohne ein weiteres Wort davon. Unbeeindruckt sah ich ihr hinterher. Ich war überrascht von mir selbst, dass ich in der Lage war, so gemein zu sein – gut zu wissen.
„Musste das jetzt sein?“, murmelte Jess und wandte sich ebenfalls zum Gehen. Ich sah sie irritiert an.
„Sie macht mich seit Jahren runter und hat noch nie dafür bezahlen müssen!“, konterte ich. Jess verdrehte die Augen und eilte May hinterher. Empört stieß ich die Luft aus und schaute zu Brian und Nara.
Beide wichen meinem Blick aus.
„Wollen wir nicht erstmal das Geschenk überreichen?“, mischte sich Liz ein.
„Gute Idee!“, rief Liam und trat neben sie.
„Ich habe meiner Mom versprochen, bald wieder zu Hause zu sein. Ich muss ihr noch beim Putzen helfen“, warf Nara kleinlaut ein.
Brian stolperte hinter ihr her, als sie sich in Bewegung setzte. „Bei mir ist es auch so, sorry Nell, wirklich.“
Ich starrte den beiden hinterher und fühlte mich plötzlich elender als zuvor.
Luan pfiff leise durch die Zähne und näherte sich mir vorsichtig. „Das ist wohl nach hinten losgegangen.“
Liam fuhr herum und funkelte ihn an. „Kannst du dich da bitte raushalten, das wäre besser für alle Beteiligten!“
Luan hob unbeeindruckt beide Hände, verschwand dann aber ebenfalls.
Ich wollte nicht, dass er ging, brachte es aber nicht auf, ihm hinterher zu laufen. Mit zitternder Unterlippe ließ ich mich langsam am Stamm einer alten Buche hinabgleiten. So endete es immer, wenn ich versuchte, irgendwie normal zu sein, oder mich wenigstens zu integrieren. Tief in mir wusste ich auch, warum meine Eltern es nicht zuließen, dass ich mit den anderen Kindern in meinem Alter in die Ausbildung ging. Ich war anders. Das hatte ich von Anfang an gespürt. Aber ich wusste nicht, was an mir nicht so war, wie es sein sollte. Ich sah vollkommen normal aus, hellblonde, schulterlange Haare und blassgrüne Augen. Dass meine Augen grün waren, war besonders wichtig.
Zwischen den acht Völkern herrschten strenge Regeln. Die wichtigste war, dass sich die Menschen nur mit Ihresgleichen fortpflanzen durften. Wenn gegen das Gesetz verstoßen wurde und ein Kind auf die Welt kam, das nicht die reine Augenfarbe seines Volkes hatte, sondern zwei gemischte Farben, wurden die Eltern umgebracht und das Kind verschwand meist auch von der Bildfläche. Dies kam zwar nicht oft vor, aber Ozea hatte mir davon erzählt, dass solche Kinder als Mutanten bezeichnet wurden und meist das gleiche Schicksal wie ihre Eltern erlitten. Sie hatten keine Chance, sich zu verstecken, denn ihre Augenfarbe verriet sie überall. Dazu kam, dass Mutanten stärkere Kräfte hatten als normale Menschen. Sie übernahmen die des Vaters und die der Mutter und das machte sie gefährlich. Denn meistens konnten sie ihre Kräfte nicht kontrollieren und dadurch erregten sie zusätzliche Aufmerksamkeit.
Aber das war bei mir ja nicht der Fall. Meine Augen waren aus reinem Grün.
Jemand legte mir einen Arm um die Schultern und holte mich somit aus meinen Gedanken. Es war Liam.
Er lächelte mich sanft an und strich mir mit dem Daumen über die Wange. „Sie werden es bereuen“, sagte er leise. „Eines Tages werden sie es bereuen.“
Ich seufzte und legte meinen Kopf an seine Brust.
„Willst du jetzt trotzdem deine Überraschung aufmachen?“, fragte Liz. Sie schien viel aufgeregter als ich, denn sie wippte vor und zurück und fuhr sich mehrfach mit den Fingern durchs Haar.
„Natürlich“, sagte ich und bemühte mich, meine wirren Gedanken zu ordnen, doch sie schweiften immer wieder zu den Mutanten ab und dann tauchte plötzlich Luans Gesicht vor meinem geistigen Auge auf. Ich erschrak, als ich ihn sah. Etwas an ihm war anders, als ich es in Erinnerung hatte. Seine Augen waren nicht dunkelblau, sondern blau und von mehreren grellgelben Streifen durchzogen. Plötzlich stand er auf einer kargen Ebene. Er hob die Arme und Licht schoss aus seinen Fingern. Wenige Sekunden später befand er sich am Ufer eines Flusses und mehrere Wasserfontänen schossen über ihm empor. Mir stockte der Atem. Luan war ein Mutant?
Das konnte nicht sein! Seine Augen waren doch dunkelblau.
Und warum lebte er dann noch? Warum war er hier?
Meine Gedanken rasten. Was war nur los mit mir? Warum konnte ich nicht einfach so sein wie alle anderen? Wieso sah ich jetzt auch noch diesen Blue Eye in meinem Kopf? Das ergab alles überhaupt keinen Sinn.
„Hey.“ Ich nahm Liams Stimme nur leise und gedämpft war. „Hey Nell, alles okay?“
Ich zuckte zusammen und Luans Gesicht verschwamm. „Ja, alles gut.“ Ich bemühte mich um ein Lächeln und löste mich von ihm.
Liz hatte plötzlich einen langen Gegenstand in der Hand, der unter einer robusten Decke verschwand. Sie grinste breit und reichte ihn mir.
„Wir haben uns mit den anderen zusammengetan und sie gekauft. Aber die Spitzen sind aus Diamanten, die Liam und ich persönlich aus dem Wald geschlagen haben und–
„Jetzt verrate doch nicht gleich alles!“, schimpfte Liam und setzte eine gespielt beleidigte Miene auf. Liz biss sich auf die Unterlippe und verstummte.
Er grinste, als er sich wieder mir zuwandte. Ich schluckte und blickte auf die Decke in meinen Händen. Ohne zu zögern riss ich sie herunter und mir blieb die Spucke weg. Fünf Pfeile kamen zum Vorschein. Sie waren aus dunklem Holz und fühlten sich wunderschön glatt in meinen Händen an. Hinten waren sie jeweils mit drei weißen Federn verziert und ins Holz waren ein großes N und ein I eingraviert. Und die Spitzen … ich konnte es kaum glauben. Es waren tatsächlich fein geschliffene Diamanten, die in der matten Sonne glitzerten.
Ich starrte erst die Pfeile, dann die Zwillinge an.
Den Bogen und die Pfeile, die ich schon besaß, hatte ich mir unter langer Arbeit selbst gebaut. Aber sie waren nichts im Vergleich zu diesen Prachtstücken.
„Was … was“, stotterte ich und senkte den Blick.
Behutsam fuhr ich mit der Fingerkuppe an dem scharfen Diamanten entlang. „Das kann ich nicht annehmen“, hauchte ich.
Liz boxte mir in die Seite. „Klar kannst du. Und ein schlechtes Gewissen brauchst du auch nicht zu haben, denn wie gesagt haben Nara, Brian und Jess auch was dazugelegt.“ Die Worte klangen aus ihrem Mund so leicht und einfach, dass sich die Enge in meiner Brust in Luft auflöste.
Dann hoben sich meine Mundwinkel und ich fiel erst ihr, dann Liam um den Hals. „Danke, danke, danke!“, rief ich und drückte beide fest an mich. Sie wussten genau, was mir diese Pfeile bedeuteten und ich war ihnen unglaublich dankbar dafür.
Als wir später zurück zum Schloss kamen, waren die meisten der Gäste schon wieder gegangen. Peroll stand mit meinem Vater und einem weiteren Mann in Uniform neben dem Eingang und unterhielt sich leise mit den beiden. Meine Mom prostete mit Mason und Taylor, den Eltern von Liz und Liam, und einige Angestellte bedienten die letzten Gäste. Ich hielt Ausschau nach Ozea, doch sie war nach wie vor nicht zu sehen. Enttäuscht folgte ich den Zwillingen zum Buffet und wählte gebratene Kartoffeln, Gemüse und einen schmalen Fleischstreifen aus, sowie eine kalte Schorle. Wir setzen uns etwas entfernt der Menge an eine lange Bank und machten uns über das Essen her.
„Wo hattest du so plötzlich die Pfeile her?“, wollte ich kauend wissen. Liz wackelte mit den Brauen.
„Ich habe sie schon gestern in den Wald gebracht und in der Nähe versteckt.“
Ich nickte und legte mein Besteck ab.
Peroll kam an unseren Tisch und reichte mir ebenfalls einen langen Gegenstand, der unter einer groben Decke verborgen war.
Ich merkte, wie meine Knie zu zittern begannen, als ich den Stoff zurückzog. Mir entwich ein leises Wimmern, als ich den Bogen sah, der zum Vorschein kam. Er war aus genau dem gleichen, dunklen Holz wie die Pfeile und in ihn waren ebenfalls ein N und ein I eingraviert. Die Sehne war hell und schimmerte leicht. Er war einfach nur wunderschön. Auch Mom, Dad, Taylor und Mason hatten sich zu uns gesellt. Ich fiel allen um den Hals und weinte ein bisschen.
Der Tag ging viel zu schnell herum und als die Zwillinge aufbrechen mussten, färbte die Sonne den Horizont bereits blutrot. Es war ein fantastisches Schauspiel, das ich in dem Moment nur zu gern auf der Lichtung beobachtet hätte. Sobald sie gegangen waren, verabschiedete sich auch Peroll. Die Angestellten begannen, die Tische und das Essen wegzuräumen und ich folgte meinen Eltern ins Schloss.
„Luan wurde bereits ein bisschen im Schloss herumgeführt und ist jetzt auf seinem Zimmer. Aber ich fände es toll, wenn du noch einmal bei ihm vorbeischauen würdest“, sagte Dad, während er durch die langen Flure lief.
Ich fände es toll, wenn du noch einmal bei ihm vorbeischauen würdest, ja sicher. Doch ich gehorchte und schlug den Weg zu seinem Zimmer ein, das, wie mir Mom vorhin mitgeteilt hatte, direkt neben meinem lag. Was für ein Zufall.
Vor seiner Tür blieb ich stehen und atmete tief durch. Dann strich ich meine Haare und das lange Shirt glatt und klopfte zaghaft. Um ehrlich zu sein, fand ich es schon ziemlich daneben von ihm, dass er die ganze Zeit mit May verbracht hatte. Immerhin war er in unserem Schloss zu Gast und hätte mir nicht gleich den Rücken zukehren und sich an meine Nicht-Freundin ranmachen müssen.
Die Tür wurde mit so viel Schwung geöffnet, dass ich instinktiv einen Schritt zurücktrat. Ich hob den Kopf und blickte in seine dunkelblauen Augen. Siehst du, sie sind ganz normal und haben keine gelben Streifen. Das vorhin musste reine Einbildung gewesen sein.
„Hi, Nell“, sagte Luan und lehnte sich lässig in den Türrahmen. Seine verwaschene Jeans saß ziemlich tief, sodass man einen Streifen gebräunter Haut zwischen dem Hosenbund und seinem T-Shirt sehen konnte. Ich starrte einige Augenblicke zu lang darauf, dann hob ich die Lider und zwang mich, ihn anzulächeln. Verdammt nochmal, warum brachte mich dieser Typ schon wieder aus der Fassung?
„Ich wollte … wollte nur mal kurz … vorbeischauen. Ob … ob alles okay ist“, stammelte ich und wurde rot. Mein T-Shirt schien auf einmal viel zu eng zu sein und ich konnte ihm nicht in die Augen sehen.
„Aha.“ Luan zog das Wort elend lang hin. Dann stieß er sich vom Rahmen ab und trat einen Schritt vor. Ich spürte seinen Atem auf meiner Stirn und biss mir auf die Lippe. Fest.
„Ich würde dich ja gerne hereinbeten“, fing er an.
Ich hob den Kopf.
Luan verzog gespielt das Gesicht. „Aber ich habe leider schon Besuch.“
Er trat wieder einen Schritt zurück und hinter ihm löste sich eine zierliche Gestalt aus den Schatten. Sie hatte hüftlanges, blondes Haar und eine unschuldige Miene aufgesetzt. Mein Herz setzte für einen kurzen Moment aus. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst und ich konnte sie nur anstarren. May verzog die vollen Lippen zu einem feinen Lächeln.
„Da war ich wohl schneller“, säuselte sie süßlich und legte einen ihrer dünnen Arme auf Luans breite Schulter. „Du weißt ja gar nicht, wobei du uns –.“
Ich lachte auf. Es klang irgendwie hysterisch und ich unterbrach sie damit. Heiße Tränen brannten mir in den Augenwinkeln und ich wandte mich schnell ab. Auf keinen Fall würde ich ihr gönnen, mich heulend wegrennen zu sehen.
„Sorry für die Störung, ich bin schon weg“, presste ich hervor und eilte an den beiden vorbei. Der Gang verschwamm vor meinen Augen und sobald ich meine Zimmertür hinter mir zugeknallt hatte, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Heiß rannen sie mir übers Gesicht, obwohl ich nicht einmal wusste, warum ich überhaupt weinte. Ich ließ mich mit dem Rücken an der Tür zu Boden sinken und verharrte dort.
3
Nell
Am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Bett.
Ich hatte keine Ahnung, wer mich letzte Nacht von der Tür bis unter meine Decke getragen hatte, aber es war mir eigentlich auch egal.
Langsam richtete ich mich auf und blinzelte. An meinem Schreibtisch lehnte eine Gestalt. Eine große Gestalt mit breiten Schultern und einem schiefen Grinsen. Ich erstarrte und zog mir die Decke bis unters Kinn.
„Was machst du hier?“, fragte ich und meine Stimme zitterte kein bisschen. Jetzt verspürte ich auch keine Scham mehr, wenn ich vor ihm sprach. Ich war einfach nur wütend.
Luans Grinsen wurde breiter, als er meinen Gesichtsausdruck sah. „Ich bin gestern nochmal rübergekommen. Da du noch nicht im Bett warst, die Sonne aber schon untergegangen war, habe ich dich bis dahin begleitet.“
Seine Mundwinkel hoben sich noch ein Stückchen, als er meine Fassungslosigkeit bemerkte. Okay, es war mir definitiv nicht egal!
„Du hast mich –.“
„In dein Bett getragen und dann habe ich dir noch eine Weile beim Schlafen zugeschaut.“ Er kam auf mich zu geschlendert.
Ich schnaubte. „Komm mir nicht zu nahe. Außerdem, wer gibt dir das Recht, mir beim Schlafen zuzusehen?“ Meine Wut stieg
„Ich gebe mir das Recht zu allem“, lachte er und setzte sich auf meine Bettkante.
„Runter da“, empörte ich mich und versuchte, ihn mit dem Fuß wegzuschieben. Vergebens. Ich knurrte und funkelte ihn warnend an. „Runter von meinem Bett, oder ich hole meinen Vater und dann war’s das mit deinem komischen Austausch.“ Und das meinte ich gewaltig ernst.
Doch Luan musterte mich nur unbeeindruckt. „Du siehst süß aus, wenn du schläfst“, sagte er leichthin.
Ich schnappte nach Luft. „Du bist krank.“ Ich startete einen neuen Versuch, ihn wegzuschieben, und schließlich erhob er sich.
„Eigentlich soll ich dich fürs Essen holen“, seufzte er, während er sich in meinem Zimmer umsah. Mit zwei langen Schritten war er bei meinem Kleiderschrank angelangt und öffnete die Tür.
„He!“, rief ich und sprang auf. Was erlaubte sich dieser Typ?
Luan nahm eines meiner Shirts heraus und warf es mir zu. „Zieh dich um und komm dann nach unten. Ich warte auf dich.“
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und ich starrte ihm hinterher.
War das gerade wirklich geschehen?
Ich schnaubte abermals und zog mich um. Das Oberteil, das er mir gegeben hatte, war auch noch mein liebstes.
Als ich im Esszimmer eintraf, blieb ich abrupt stehen.
Luan fläzte sich breitbeinig auf dem kleinen Sofa, das neben dem langen Tisch stand. Doch was mich noch viel mehr wunderte, war, dass weder Mom noch Dad da waren. Ozea und Peroll auch nicht.
„Die sind alle schon früh los und haben mir nur gesagt, ich soll dich wecken und aufpassen, dass du keine Dummheiten machst“, meinte Luan und deutete mit dem Kinn neben sich. „Setz dich – ich rutsche auch.“
Ich wandte ihm demonstrativ den Rücken zu und durchquerte den Raum. An meinem Platz ließ ich mich fallen und starrte auf den leeren Teller vor mir. Warum waren alle verschwunden?
Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Mom mich freiwillig mit diesem Irren zurückgelassen hätte.
„Sie haben mir nichts gesagt, nur, dass ich auf dich aufpassen soll.“ Luan stand plötzlich hinter mir.
Verdammt, warum er so leise?
Mein Nacken prickelte, als ich seinen Atem durch meine Haare hindurch spürte. Ich musste wieder an gestern Abend denken, an May, und mir wurde übel.
Ich schob den Teller von mir und drehte mich auf dem Stuhl zu ihm um.
„Und, war es schön mit May?“, fragte ich schnippisch.
Er grinste. „Willst du das wirklich wissen?“
Zwischen dem tiefen Blau seiner Augen leuchtete für eine Millisekunde etwas auf. Ich konnte es allerdings nicht deuten und der Moment war so schnell wieder vorbei, dass ich mir nicht mal sicher war, ob er überhaupt passiert war. Wut brodelte tief in mir auf, doch ich versuchte, sie zu unterdrücken. Eine kleine, neidische Nell war sicher nicht besonders erwachsen.
„Lass uns einfach nicht über sie reden, okay?“, versuchte ich es so kühl wie möglich.
Er hob eine Braue. „Uns?“
Ich stand auf und schob ihm den Stuhl in den Bauch – mit extra viel Schwung, doch er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Ach halt einfach den Mund“, knurrte ich und stapfte aus dem Raum. Er folgte dicht hinter mir.
„Wo willst du hin?“, fragte er, als wir auf den Vorplatz traten.
„In den Wald. Ich will den neuen Bogen testen.“
Ich hatte ihn zusammen mit den Pfeilen gestern noch zurück zur Lichtung gebracht. Heute musste ich unbedingt herausfinden, wie gut er war.
Den Pfad durch den Wald liefen wir schweigend nebeneinander her. Ein paar Mal hingen mir Zweige oder Gestrüpp im Weg und Luan schob sie für mich zur Seite.
Als wir die Lichtung erreicht hatten, hielt ich inne. Mein Blick glitt über das hohe Gras und blieb an einem wackelnden Brombeerstrauch hängen. Ich spürte, wie sich Luan hinter mir anspannte.
„Was ist?“, flüsterte er mit rauer Stimme, die fast wie Musik in meinen Ohren klang. Ich schüttelte den Gedanken beiseite und konzentrierte mich.
„Da ist ein Tier. Ich könnte es erlegen, wenn ich leise genug wäre, um an meinen Bogen und die Pfeile zu kommen.“
Enttäuscht ließ ich die Schultern sinken, als ich feststellte, dass das Tier direkt hinter dem Baum verharrte, in dem ich meine Waffen versteckt hatte. Unmöglich, so nah heranzukommen. Ich würde das Tier aufschrecken, bevor ich die Hälfte der Lichtung überquert hätte.
„Lass mich das machen“, meinte Luan entschlossen und schob sich an mir vorbei. „Ich besorg dir deinen Bogen und du versprichst mir ein ordentliches Mittagessen.“
Ungläubig sah ich ihm hinterher, als er den Schutz der Bäume verließ. Wie ein Löwe näherte er sich immer weiter dem Baum, bis er ihn schließlich erreicht hatte. Mit seinen langen Armen griff er zwischen die verworrenen Wurzeln und zog den Köcher samt Bogen hervor. Dann kam er wieder zurück und reichte mir beides. „Jetzt dein Job.“
Immer noch perplex schaute ich zu ihm auf. „Wie machst du das?“
Seine vollen Lippen verzogen sich zu einem frechen Grinsen. „Ich weiß, dass ich gut bin.“
Ich schnaubte und wandte ihm den Rücken zu. Das war zwar keine Antwort auf meine Frage, aber jetzt war ich an der Reihe. Das Tier war ein fettes Kaninchen, was ich schnell bemerkte, als es hinter dem Baum hervorkam. Mit wachsamen Augen sah es sich um, dann senkte es den Kopf und begann, Gras zu knabbern. Ich umfasste den Bogen fester und trat unter den Bäumen hervor. Geduckt schlich ich durch die langen Halme und blieb in sicherer Entfernung stehen. Ich zog einen der neuen Pfeile aus dem Köcher und spannte den Bogen. Plötzlich hob das Kaninchen den Kopf und blickte genau in meine Richtung.
Es öffnete leicht das kleine Maul, dann drehte es blitzartig um und sauste auf den Wald zu. Doch ich war schneller. Der Pfeil schoss in hohem Bogen durch die Luft und ich vernahm das satte Knacken, als er ins Fleisch meiner Beute traf.
„Wow!“, rief Luan und kam zu mir. „Nicht schlecht.“
„Weiß ich.“ Zufrieden sammelte ich das Kaninchen ein und Luan bot sich an, es zu tragen. Wir überquerten die Lichtung und ließen uns im Schatten der Bäume nieder. Es war ein heißer Vormittag und die Sonne brannte nur so auf uns hinab. Ich holte ein kleines Messer aus meiner Brusttasche und reichte es Luan. Er sah mich überrascht an.
„Damit, Tiere zu töten, hast du kein Problem, sie danach aufzuschneiden aber schon?“
Ich funkelte ihn wütend an. „Das ist etwas ganz anderes!“
„Finde ich nicht.“ Seufzend begann er, den Bauch des Kaninchens aufzuschneiden und die Eingeweide herauszuholen.
Ich wandte mich ab, als er Geruch von Tod zu mir hinüberwehte.
Nachdem Luan sein ordentliches Mittagessen zu einer kleinen Zwischenmahlzeit gemacht hatte, begaben wir uns auf den Rückweg. Ich probierte noch ein paar Schüsse aus und der Bogen war gigantisch. Da ich nicht riskieren wollte, dass er kaputt ging, nahm ich ihn mit zurück ins Schloss.
„Habt ihr bei euch eigentlich auch Training und verschiedene Klassen, in denen ihr ausgebildet werdet?“, fragte ich, während er mich über einen umgefallenen Stamm führte.
„Ja, alles was mit Schule zu tun hat, ist bei den Blue Eyes ziemlich ähnlich wie hier.“
„Und warum bist ausgerechnet du dieser Austauschschüler geworden?“
Er grinste mich an. „Weil ich eben so unwiderstehlich bin.“
Ich verdrehte die Augen und wartete auf eine richtige Antwort, doch sie blieb aus. Entweder Luan war ein ziemlich stark ausgeprägter Angeber oder er verheimlichte mir etwas. Ich konnte keins von beidem ausschließen.
„Kannst du mir mal deine Kräfte zeigen?“, fragte er nach einer Weile. „Ich meine, das was Jess gezeigt hat, war jetzt nicht wirklich krass. Das von May war schon besser …“ Er sah mich provokant von der Seite an. „Aber ich glaube, du hast noch mehr drauf.“
Ich errötete leicht. „Warum sollte ich besser sein als die anderen?“
Luan hielt mich an den Handgelenken fest und drehte mich zu sich um.
„Weil du anders bist“, flüsterte er und sah mich eindringlich an. Seine dunkelblauen Augen bekamen einen leichten Schimmer und mir drohte, mich in ihren Tiefen zu verlieren.
Als ich auf seine mehr als merkwürdige Aussage nicht reagierte, verzogen sich seine Lippen wieder zu diesem arroganten Grinsen. „Bist du noch da oder hab ich dich schon in meinen Bann gezogen?“, hörte ich seine tiefe Stimme neben meinem Ohr.
Gereizt entzog ich mich seinem Griff und wich seinen funkelnden Augen aus.
„Ich bin nicht anders!“, blaffte ich und zog die Brauen zusammen. Wie sehr ich es hasste, wenn die Leute mir sagten, ich sei nicht wie die anderen Kinder in meinem Alter. Ich wollte einfach normal sein!
So ganz verstand ich sowieso nicht, was an mir so anders war. Ich konnte nicht besonders gut mit Menschen, ja, das stimmte. Warum, wusste ich auch nicht und zu ändern war es ebenfalls nicht.
„Doch bist du, und das weißt du auch“, widersprach er. Als er den geringen Abstand zwischen uns zunichte gemacht hatte, wurde ich von einer plötzlichen Hitze umgeben, die eindeutig von ihm ausging. Ein leichter Schauder lief mir den Rücken hinab, ich bekam Gänsehaut.
Luans Augen wurden heller. Das tiefe Blau wurde von mehreren grellgelben Streifen abgelöst, die mich fast blendeten. Er sah mich eindringlich an und seine dichten Wimpern zuckten kurz. Mir blieb die Spucke weg. Luan war tatsächlich ein Mutant! Aber wie …?
Plötzlich riss er erschrocken die Augen auf und stieß mich nach hinten.
Ich kam aus dem Gleichgewicht und taumelte rückwärts, bis mir etwas Spitzes das dünne T-Shirt aufschlitzte und sich in meine Haut bohrte.
„Mist“, hörte ich Luan leise fluchen. Er legte mir eine Hand auf den Rücken und zog mir das stachelige Etwas aus der Haut. Ich zuckte zusammen und rieb mir die offene Stelle.
Er ließ die Ranke fallen und rümpfte die Nase.
Ich schluckte und suchte seinen Blick, er wich mir aus.
„Ich geh zurück ins Schloss“, knurrte er und drehte sich um.
„Warte!“, ich legte eine Hand auf seine Schulter, was ihn erschaudern ließ.
„Warte“, wiederholte ich leiser. Er drehte sich nicht zu mir um, als ich zu sprechen begann. „Deine Augen … du bist ein Mutant, stimmt’s?“
Seine Schultern bebten und ich konnte jeden einzelnen der durchtrainierten Muskeln spüren, die sich unter meinen Fingern anspannten.
„Du erzählst vollkommenen Schwachsinn“, fauchte er und zog seine Schulter vor, sodass meine Hand nach unten fiel. „Ich bin kein Mutant. Vielleicht solltest du dich lieber mal von einem Arzt untersuchen lassen.“ Mit diesen Worten fuhr er sich durchs Haar und stapfte in den Wald davon. Ich blieb verblüfft zurück.
Mit angestrengter Miene verstaute ich den Bogen und den Köcher in meinem Schrank, während ich darüber nachdachte, was im Wald passiert war. Nein, in einem war ich mir vollkommen sicher: Ich hatte mich nicht getäuscht. Ganz sicher nicht! Die gelben Streifen in seinen Augen waren wirklich da gewesen. Nur eins fand ich seltsam. Er schien es kaum selbst bemerkt zu haben, erst, als er meinen verwirrten Blick bemerkte. Und jetzt hasste er mich, oder was? Ich schnaubte und schlug die Schranktür zu. Dieser Typ war mir ein Rätsel – und ja, eigentlich konnte ich ihn überhaupt nicht leiden, aber verraten würde ich ihn trotzdem nicht. Vor allem, weil ich mich ihm irgendwie … verbunden fühlte. Es war dieser Schauder gewesen, der mich am ganzen Körper erfüllt hatte, und die Hitze, die von ihm ausgegangen war. Doch eine viel mächtigere Frage drängte sich in den Vordergrund: Wie war es möglich, dass er bei den Blue Eyes lebte? Warum lebte er überhaupt noch? Und warum um alles in dieser Welt machte mein Vater mit seinem Volk einen Austausch, wo er gerade Krieg gegen es führte?!
Mein Kopf rumorte und ich trat stöhnend zurück.
Nachdem ich eine Weile auf meinem Bett gesessen und auf den Boden gestarrt hatte, beschloss ich, zu Luan zu gehen und ihm zu versichern, dass ich ihn nicht verraten würde. Aber als Gegenleistung wollte ich Antworten. Und zwar einige.
Doch Luan war nicht da. Sein Bett war aufgewühlt, die Decke lag auf dem Fußboden und das Kissen war eingedrückt. Mit zitternden Lippen verließ ich das Zimmer und fragte mich, ob ihn May wieder besucht hatte.
Dieses kleine …
Plötzlich hörte ich Schritte auf dem Flur, schnelle Schritte, die sich rasch näherten. Liam bog um die Ecke und kam auf mich zugerast.
„Du musst kommen, sofort!“, rief er und packte meinen Ellenbogen.
„Was ist denn los?“, rief ich verwirrt, doch er hatte mich bereits mit sich gezogen.
Wir hasteten durch das Schloss, stürmten auf den Vorplatz und überquerten ihn. Ich ahnte, wo er hinwollte und meine Brust zog sich zusammen.
Sobald wir in den Wald eingetaucht waren, hob ich meinen freien Arm und ließ eine Efeuranke aus dem Boden wuchern. Liam kam fluchend zum Stehen und ließ mich los.
„Was ist passiert?“, fragte ich außer Atem. Er sah mich aus dunklen Augen an.
„Wir verschwenden Zeit, Nell. Du solltest einfach mit mir kommen.“
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und drückte die Schultern durch.
„Ich bewege mich keinen Zentimeter, bevor du mir sagst, was los ist!“
Liam schloss kurz die Augen und als er sie wieder öffnete, war das schöne Grün überschattet. „Es geht um deine Eltern. Sie wurden überfallen.“
4
Nell
Einen Moment lang konnte ich ihn nur anstarren, dann legte sich in mir ein Schalter um und ich stürmte los.
Liam fluchte abermals und folgte mir eilig. „Es ist weiter südlich bei der Pfadkreuzung passiert.“
Ich wusste sofort, wo wir hinmussten, und beschleunigte meinen Lauf. Meine Gedanken rasten unkontrolliert und hinterließen ein riesiges Chaos.
Keuchend und außer Atem erreichte ich die Pfadkreuzung.
Ich sog scharf die Luft ein, als ich den Wagen meiner Eltern sah. Er lag verkehrt herum und die Beifahrertür stand offen. Das schimmernde Blech schien zu dampfen und eine Hitzewelle schlug mir entgegen.
Plötzlich spürte ich wieder diesen leichten Schauder auf dem Rücken und eine warme Hand legte sich auf meine Schulter. Ich fuhr herum und erblickte Luan.
Seine Züge waren hart und verschlossen, doch seine Augen funkelten matt.
„Ich habe das Auto gefunden“, murmelte er.
Meine Unterlippe zitterte leicht und meine Hände schlossen sich automatisch. Mit unsicheren Schritten stolperte ich auf den Wagen zu. Liz stand daneben und musterte mich besorgt, als ich auf die Knie fiel.
Ich stützte mich auf den Handflächen ab und neigte den Kopf nach vorne, um ins Innere zu sehen. Die zerfetzten Sitze waren blutverschmiert und einige Haarsträhnen klemmten im Lenkrad.
Mehr war da nicht. Keine Mom, kein Dad und auch Ozea oder Peroll waren nicht da. Mit starrem Blick richtete ich mich wieder auf und stolperte zurück. Meine Haare fielen mir ins Gesicht, winzige Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. „Mom?“, hauchte ich. Meine Stimme klang heiser. „Mom!“
Keine Antwort – natürlich nicht.
Liz trat neben mich und fiel mir um den Hals. „Wir haben sie überall gesucht. Keine Spur von ihnen. Nichts!“
Ich löste mich von ihr und spürte die Tränen, die mir in den Augenwinkeln brannten. Ich hielt sie nicht auf und sie brannten sich wie Narben in meine Haut. Verzweifelt suchte ich mit den Augen die Umgebung ab, doch ich wusste, dass ich nichts finden würde.
„Wie … wie kommt das Auto in den Wald?“, fragte ich schluchzend und wandte mich den Jungs zu. Luan wich meinem Blick aus, was mich wütend werden ließ.
„Wir haben keine Ahnung, Nell.“ Liam schüttelte den Kopf. „Die Straße ist hier ganz in der Nähe, es wäre also nicht schwierig gewesen, es hierher zu bringen.“
„Aber warum?“, fuhr ich ihn an. Plötzliche Verzweiflung überrollte mich. „Warum sollte jemand meinen Eltern wehtun, sie dann verschwinden lassen und ihr Auto verstecken? Ich versteh das nicht.“
Der Wald kam auf einmal immer näher, Dunkelheit und Leere legten sich wie ein schwarzes Tuch über mich. Ich konnte kaum noch atmen. „Wer tut so etwas?“, rief ich und fiel nach hinten. Dumpf landete ich auf dem harten Boden und ein eiserner Schmerz fuhr mir den Rücken hinauf. Ich hörte Liz‘ zitternde Stimme, als sie sich neben mich kniete und mich an sich drückte. Ich spürte Liam, der mir einen schweren Arm um die Schultern legte. Luan wandte sich ab und verschwand im Wald. Doch das alles verschwamm, als mir klar wurde, dass meine Eltern weg waren. Ozea weg war. Peroll. Und vielleicht … nein! Diesen Gedanken wollte ich nicht zu Ende bringen.
Doch mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich es bereits getan hatte.
Vielleicht würde ich meine Eltern nie wiedersehen.
Ich spürte einen eindringlichen Blick auf mir, als ich langsam wieder einen klaren Kopf bekam. Ruckartig öffnete ich die Augen und rechnete damit, noch immer im Wald zu liegen, doch unter mir spürte ich die weiche Matratze meines Bettes.
Verwirrt richtete ich mich auf und das Erste, was ich sah, war Liz.
Sie saß auf der Bettkante und ihre wunderschönen, grünen Augen flackerten ängstlich. Ich stöhnte leicht und massierte meine pochende Schläfe.
„Was ist passiert?“, murmelte ich und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Unter meinen glasigen Augen hatten sich zwei dunkle Ringe platziert, meine Haut war blass und meine Lippen trocken.
„Du warst plötzlich irgendwie weg. Also mit deinen Gedanken“, fing sie an. „Liam hat dich zurückgetragen und ich habe dir etwas Frisches angezogen.“
Als sie meinen unwohlen Blick bemerkte, huschte ein leises Lächeln über ihr Gesicht. „Mein Bruder war nicht dabei.“
Einer meiner Mundwinkel hob sich etwas und ich richtete mich halb auf.
„Was ist mit Luan?“
Liz verzog das hübsche Gesicht. „Wie kannst du bei all dem, was passiert ist, an ihn denken?“ Sie machte eine abfällige Geste. „Er ist abgehauen und hat sich nicht mehr blicken lassen.“ Sie legte ihre Hand auf meine und drückte sie.
„Wie geht es jetzt weiter?“ Ich wollte eigentlich gar keine Antwort.
„Mom und Dad sind da und haben schon die Wächter informiert. Nach deinen Eltern, Ozea und Peroll wird bereits gesucht, aber …“, sie sprach nicht weiter und ich wusste, was das hieß. Es sah nicht gut aus. Niemand konnte wissen, wo sie waren, ob sie noch lebten. Ob es überhaupt eine Chance für sie gab. Alles lag nun im Ungewissen.
Liz beugte sich zu mir hinab. „Sie werden sie finden. Ich glaube fest daran, und Liam auch. Alles wird gut, am Ende wird alles gut“, redete sie leise auf mich ein, als ich wieder anfing zu weinen.
Ich liebte sie dafür, dass sie für mich da war, und dass sie versuchte, die Situation so verträglich wie möglich zu machen. Aber es war sinnlos.
Kalte Schauer jagten mir über den Rücken, als mir bewusst wurde, dass jemand sie womöglich gehasst haben musste. Warum sonst klebte ihr Blut auf den Sitzen? Ich war mit meinen Nerven vollkommen am Ende.
Liz schob mir eine Strähne aus dem Gesicht und kniff mir leicht in die Wange. „Liam wartet vor der Tür. Er … er macht sich große Sorgen um dich und möchte dich sehen.“
Ich hob den Kopf und blinzelte die einzelnen Tränen fort. „Er kann reinkommen“, schniefte ich und zwang mich, nicht weiter zu heulen.
Liz nickte und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, dann erhob sie sich und eilte zur Tür. „Ich frag mal unten nach, ob es irgendwelche Neuigkeiten gibt.“ Dann drückte sie die Klinke nach unten und Liam quetschte sich an ihr vorbei.
Mit einem besorgten Schimmer in den Augen kam er zu mir und ließ sich auf meinem Schreibtischstuhl nieder. „Wie geht’s dir?“
Ich verzog das Gesicht. „Beschissen kommt dem glaube ich ziemlich nahe.“
Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte eine finstere Miene auf.
„Was ist?“, fragte ich und umarmte mich selbst, weil ich plötzlich fröstelte.
„Luan ist weg.“ Verbissen schüttelte er den Kopf. „Dieser Typ war mir von Anfang an nicht geheuer.“
Seine Worte versetzten mir einen leichten Stromschlag. „Glaubst du wirklich, dass er was mit der Sache zu tun hat?“
Liam sah mich überrascht an. „Natürlich, Nell. Das ist doch mehr als offensichtlich!“ Wütend erhob er sich und begann, im Zimmer auf und ab zu laufen. „Es ist meine Schuld. Hätte ich ihn nicht an dich herangelassen, wäre das vielleicht alles nicht passiert.“
Ich rollte mit den Augen. „Du kannst mich nicht immer beschützen, Liam.“
Plötzlich stand er direkt vor mir und sein Blick bohrte sich in meinen.
„Doch.“ Er beugte sich zu mir hinab und ich konnte seinen schnellen Atem auf meinen Lippen spüren. Das war eine ganz, ganz, ganz schlechte Idee. Ich schluckte und wollte ihn wegschieben, aber es war bereits geschehen.
Liam küsste mich.
Das musste aufhören, sofort. Liam war nur ein Freund. Ich hatte nie mehr als Freundschaft zwischen uns gewollt. Und ich dachte, ihm ging es genauso.
Ich spürte seine Lippen auf meinen und wie er den Kuss intensivierte.
Mir wurde immer unwohler. Mit letzter Beherrschung legte ich beide Hände an seine Brust und drückte ihn sanft von mir weg. Keuchend sah er mich an. Dann schien er zu merken, was er gerade getan hatte, und drehte sich weg.
„Tut mir leid, Nell. Ich wollte nicht –“
„Ist schon gut.“ Ich biss mir auf die Unterlippe und senkte den glühenden Kopf. Liam wandte sich wieder zu mir und ich spannte mich automatisch an.
„Es war ein Ausrutscher, okay? Können wir uns darauf einigen?“, fragte er hoffnungsvoll. „Liz – verdammt – Liz darf auf keinen Fall etwas davon erfahren.“ Ich hob beide Hände. „Von mir sicher nicht.“
„Gut“, er wandte sich ab. „Ich geh dann mal.“
An der Tür blieb er noch einmal stehen. „Wir finden sie, das verspreche ich dir.“
Ich seufzte erschöpft und lief zum Fenster. Auf dem Vorplatz entdeckte ich Liams Eltern. Mason brach gerade mit einem Suchtrupp in den Wald auf. Taylor erteilte Anweisungen und eilte dann auf Liz zu, die ihrem Vater folgen wollte.
In mir zog sich alles zusammen.
Plötzliche Wut übermannte mich und ich straffte die Schultern.
Mit den Augen folgte ich Liz und Liam, die sich einem weiteren Suchtrupp anschlossen und kurz darauf zwischen den dichten Bäumen verschwanden. Der gesamte Platz vor dem Schloss war mit Wächterwagen zugestellt, deren Fahrer sprachen in Funkgeräte oder erhielten Informationen daraus. Alles lief auf Hochtouren. Und dann sah ich auf einmal wieder Luan vor meinem geistigen Auge. Er lief durch den Wald. Er bewegte sich schnell und geschmeidig. Dann blieb er stehen und drehte sich ruckartig um. Sein finsterer Blick wurde von Schrecken abgelöst, als er mich direkt ansah.
Ich trat einen Schritt zurück und das Bild erlosch. Doch ich würde mich nicht wieder zurück in mein Bett verkriechen und heulen. Ich fing gar nicht erst damit an, mich über die erneute Einbildung zu wundern, denn ich wusste instinktiv, wo Luan war. Und ich würde ihn zur Rede stellen.
Von einer unbeschreiblichen Wut angetrieben, hetzte ich durch den Wald.
Bald hatte ich die Stelle gefunden, wo Luan in meiner Einbildung gestanden hatte. Ich war eine gute Fährtenleserin, deshalb fand ich seine Fußspuren schnell und folgte ihnen zielstrebig.
Schließlich fand ich mich auf der Lichtung wieder, verharrte aber im Schutz der dichten Bäume. Ich hatte mich nicht getäuscht. Luan war da, aber er war nicht allein. Flankiert von zwei stämmigen Männern hockte er auf der gegenüberliegenden Seite. Ich kniff die Augen zusammen, doch über diese Entfernung konnte ich weder etwas Genaues sehen, ganz zu schweigen davon, etwas zu hören. Ich musste näher heran und genau in diesem Moment ärgerte ich mich noch mehr darüber, dass er mir nicht gezeigt hatte, wie lautlos er sich bewegte. Vorsichtig umrundete ich die Lichtung und als ich auf einige Meter herangekommen war, hielt ich inne. Die fremden Männer hatten beide blaue Augen, ein Doppelkinn und einen behäbig wirkenden Körper. Ich hätte sie mit Leichtigkeit ausschalten können und das würde ich auch tun. Siegessicher tastete ich nach hinten, um Bogen und Pfeile hervorzuholen, doch ich griff ins Leere.
Meine Waffen lagen noch im Schloss in meinem Schrank. Ich fluchte laut. Beide Männer hoben den Kopf und starrten in meine Richtung. Dann erhob sich der rechte und stapfte mit schweren Schritten auf den Busch zu, hinter dem ich Deckung gesucht hatte.
Bevor ich fliehen konnte, hatte er die Blätter mit seinen dicken Armen zur Seite geschoben und starrte mich feindselig an. Vollkommen unerwartet packte er meine Handgelenke, hob mich hoch und zerrte mich gewaltsam aus meinem Versteck. Ich versuchte mich zu befreien – vergebens. Der Dickarm riss meine Arme hoch und presste sie mir auf dem Rücken zusammen. Ich unterdrückte einen schmerzverzerrten Schrei.
„Wer bist du?“, schnauzte der zweite und baute sich vor mir auf. Ich warf Luan einen kurzen Blick zu. Er hatte sich ebenfalls aufgerichtet und musterte mich leicht verbissen, leicht belustigt.
Moment mal … fand er das etwa lustig?
Ein sengender Schmerz strahlte von meiner Wange ab, als der Schnauzer mich schlug. Ich wimmerte leise.
„Hast du mich nicht verstanden?“, grollte er und schnaubte.
„Das reicht jetzt“, knurrte Luan finster und im nächsten Augenblick sackte der Schnauzer mit einem dumpfen Stöhnen zu Boden. Dickarm musste mich loslassen, als Luan auch auf ihn losging und ihn einfach ohne mit der Wimper zu zucken zusammenschlug.
Dann richtete er sich wieder auf und sah mich aus funkelnden Augen an.
„Hast du wirklich geglaubt, du könntest um die ganze Lichtung schleichen und uns belauschen, ohne dass ich es gemerkt hätte?“
Ich spürte die Hitze, die meine immer noch schmerzenden Wangen zum Glühen brachte und senkte die Lider, sodass mir die Haare vors Gesicht vielen.
„Wahrscheinlich.“
Luan näherte sich mir vorsichtig. „Und dann hast du auch noch Bert und Pert vergessen.“ Er schüttelte den Kopf und grinste. „Nicht besonders vorteilhaft.“
Ich sah ihn ungläubig an. „Und wer bitteschön sind Bert und Pert?“
Sein Grinsen wurde breiter. „Bert, der Bogen, und Pert, die Pfeile.“
Ich hob eine Braue und konnte ihn einen Moment lang nur anstarren.
„Wenn dann Perts“, verbesserte ich und musterte ihn unsicher.
„Gut, einigen wir uns auf Bert und Perts – neue, beste Freunde“, sagte er in Plauderstimme und ich hätte ihm sein überhebliches Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geprügelt. Mit letzter Beherrschung wandte ich mich den am Boden liegenden Männern zu. Schnauzer hatte eine üble Kopfwunde, aus der dunkelrotes Blut quoll, und Dickarm hatte seinen Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet. Beide lagen vollkommen leblos und starr vor mir.
„Sind sie …“
„Tot? Ja, das sind sie“, beendete Luan meinen Satz und schien sich nicht im Geringsten darum zu kümmern. „Ich habe kurzen Prozess mit ihnen gemacht.“
Mit zitternder Unterlippe sah ich zu ihm auf. Er hatte zwei Menschen gewaltsam umgebracht, und ihm war es egal?
Er zuckte mit den Schultern, als ob er meine Gedanken gelesen hätte, und klopfte sich Staub von der Jeans. „Wenn du wüsstest, wieviel mehr oder weniger unschuldiges Blut an meinen Händen klebt, dann würdest du mich verabscheuen.“
„Das tue ich jetzt schon“, presste ich hervor und wich zurück.
Luan hielt inne und sah mich an. „Jetzt weißt du es ja auch.“
Ich schluckte schwer und stolperte noch einen weiteren Schritt rückwärts.
Er richtete sich vollständig auf und legte den Kopf schräg. „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich bin hier nicht der Böse.“
Ich lachte auf. „Nicht? Es ist ja auch nicht so, dass du gerade zwei Menschen aus deinem eigenen Volk getötet hast.“
Luan schnaubte. „Wie kann man so klug aussehen und gleichzeitig so dumm sein?“ Er machte eine abfällige Kinnbewegung in Richtung der Leichen zu unseren Füßen. „Sie tragen Kontaktlinsen. In Wirklichkeit sind ihre Augen rot.“
Perplex starrte ich ihn an. Luan erwiderte meinen Blick kühl. „Wir können nicht hierbleiben. Ich bringe die beiden weg und du tanzt in dein kleines Schlösschen. Wenn sich der Trubel bei euch gelegt hat, kommst wieder genau hierher und ich lasse mich auf eine Fragestunde ein, okay?“, schlug er vor. Ich starrte ihn immer noch an.
Luan hob beide Brauen. „Erde an Nellanyh?“
Sofort hatte ich mich wieder gefangen. „Nenn mich nicht so.“
Schnippisch fügte ich hinzu: „Und woher weiß ich, dass ich dir vertrauen kann und du mich nicht kidnappen willst wie diese beiden?“
Ein Lächeln huschte über seine Lippen. „Weißt du nicht. Aber wenn du nicht kommst, wäre das echt ärgerlich, weil ich mir dann den gesamten Abend inklusive Nacht den Hintern abfrieren würde, während du im warmen Bettchen süße Träume träumst.“
Aha, jetzt wusste ich auch, dass er mich kidnappen würde, wenn ich nicht kam. Also sagte ich zu, ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich da einließ.
Wie beruhigend.
Als ich den Vorplatz des Schlosses erreicht hatte, kamen mir Liam und Liz entgegen. Beide hatten rote Flecken auf den Wangen und große Augen.
„Wo warst du?“, rief Liz und stürmte auf mich zu.
Überrascht stolperte ich ein paar Schritte rückwärts. „Im Wald, mir geht es gut.“
Sie löste sich von mir und musterte mich skeptisch. „Sag das nächste Mal bitte Bescheid, okay?“
Liam stellte sich neben sie. „Wir haben uns echt Sorgen gemacht.“
Ich seufzte und hob beide Hände. „Ja, ich melde mich das nächste Mal schriftlich ab.“
Seine Augen verdüsterten sich. „Die Lage ist ernst, Nell.“
Ich fuhr zu ihm herum. „Das weiß ich, Liam. Es sind übrigens immer noch meine Eltern, die verschwunden sind. Aber trotzdem brauche ich keinen Babysitter, und schon gar nicht zwei.“ Einen Moment lang schien er eine bissige Antwort geben zu wollen, dann schnaubte er nur und wandte sich ab.
Liz kaute misstrauisch auf ihrer Unterlippe herum. „Zwischen euch, da ist doch was“, fing sie an.
Ich senkte den Blick. „Alles wie immer.“
„Nell, ich kenne dich besser als du dich selbst. Was ist passiert, als ihr beide allein in deinem Zimmer wart?“ Sie sah mich eindringlich an.
Ich fluchte innerlich und hätte am liebsten einen Baum ausgerissen, so viel überschüssige Energie hatte ich. „Das ist doch egal, Liz. Hör bitte auf, danach zu fragen. Und bitte … bitte fühl dich nicht immer so verantwortlich für mich. Ich komme auch allein klar.“
Liz zuckte leicht zusammen und sah mich ungläubig an. „Nell …“
„Nein, nicht Nell“, ich schloss einen Moment die Augen. Wie sehr ich diese Situationen hasste, in denen man kurz davor war, etwas zu verraten, und man wusste, dass die Welt danach nicht besser aussehen würde.
„Ich habe Liam geküsst. Aber es war nicht mit Absicht. Es ist einfach so passiert. Und du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass zwischen ihm und mir mehr ist, als zwischen dir und mir. Wir sind und bleiben beste Freundinnen und –“
Liz sog scharf die Luft ein. Jetzt war ich es, die zusammenzuckte. Das war eigentlich nur die halbe Wahrheit, denn Liam hatte mich geküsst, nicht andersrum. Aber ich wollte ihn schützen und um jeden Preis verhindern, dass Liz auf ihn sauer war.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Warum? Warum küsst du meinen Bruder?“ Jedes einzelne ihrer Worte ließ mich schaudern.
„Du hast mir versprochen – an dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben –, da hast du mir versprochen, dass du ihn niemals mehr lieben wirst als mich.“ Ihre Stimme klang heiser und brüchig.
Ich streckte eine Hand nach ihrer aus, doch sie zog den Arm zurück.
„Aber das tue ich doch immer noch nicht. Ich liebe deinen Bruder nicht mehr als dich. Ihr seid beide immer wie Geschwister für mich gewesen. Es war ein Ausrutscher. Ich war so von Gefühlen überrumpelt … und Liam war in dem Moment zufällig da“, versuchte ich sie zu überzeugen.
Liz schnaubte, was für mich wie ein Messerstich in den Bauch war. Und dann ging sie, ohne ein weiteres Wort, mit langen Schritten über den Vorplatz davon. Ich sah ihr nach und fühlte mich auf einmal so hilflos und allein gelassen wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Mom war fort. Dad war fort. Ozea war fort. Peroll war fort.
Und jetzt auch noch Liam und Liz.
Mit unsicheren Schritten ging ich zurück in mein Zimmer und ignorierte die Wächter, die mich zu beruhigen versuchten. Irgendwann kam Taylor in mein Zimmer. Ich wusste nicht mehr, wie spät es war, auf jeden Fall war längst die Sonne untergegangen. Sie stellte mir eine Tasse Tee auf den Nachttisch und verschwand wieder.
Die Nacht war kalt und der Mond hinter einem schwarzen Vorhang verborgen. Nichts regte sich im Unterholz. Leiser Wind strich mir die Haare aus dem Gesicht und fuhr unter meinen dünnen Schlafanzug. Ich fröstelte. Doch innerlich – innerlich glühte mein ganzer Körper. Die Hitze versengte zuerst meinen Magen, fuhr durch meine Adern und entflammte alles, was sich ihr in den Weg stellte. Als sie bei meinen Lungen angelangt war, schnürte sie mir die Luft ab und ich hörte mich röcheln. Mein gesamter Körper wurde von einem Beben erfasst. Ich wusste, wo das Feuer hinwollte. Wo es mich am besten vernichten konnte. In meinem Herzen. Mit züngelnden Flammen griff es nach ihm, streckte sich und tobte, als es sein Ziel nicht zu fassen bekam. Einzelne Schweißperlen lösten sich von meiner Stirn und rollten mir übers Gesicht. Hinunter zu den Wangen, verklebten meine müden Wimpern und liefen mir in den Mund. Mein Körper würde verbrennen, doch nicht von außen, sondern qualvoll von innen. Und dann legten sich plötzlich zwei starke Arme um meine Taille und hoben mich hoch. Im nächsten Moment wurde ich an eine breite Brust gedrückt. Ich nahm einen vertrauten, warmen Geruch wahr, konnte ihn jedoch nicht einordnen. Meine Mundwinkel hoben sich leicht, als eine beruhigende Stimme in mein Ohr säuselte, eine Hand über mein Haar fuhr und es mir aus dem verschwitzten Gesicht schob. Ich murmelte etwas, was ich selbst nicht verstehen konnte, und dann begannen die schäbigen Umrisse der Bäume näher zu kommen. Sie rückten vor, wie von unsichtbarer Hand getrieben, und versperrten mir und wem auch immer den Weg nach draußen. Die Luft wurde erneut aus mir herausgepresst und ich keuchte. Die Hand fuhr meinen Rücken hinab und wieder hinauf, doch ich bekam immer noch keine Luft, nach der meine wunden Organe schrien. Äste und Zweige bogen sich zu mir hinab, griffen nach mir, schlugen mir ins Gesicht und kratzten mir die heißen Wangen auf. Und dann wurde alles schwarz und leer und still.
5
Nell
Ich spürte etwas Kaltes, Scharfes, das sich unter meine Haut schob, und erwachte. Grelles Licht stach mir in die Augen und nahm mir die Sicht, bis ich mich etwas daran gewöhnt hatte. Ein Kopf erschien und ich richtete mich blinzelnd auf. Ich erkannte Luan sofort. Doch ihm fielen die dunkelblonden Haare wirr in die Stirn, seine Wangen waren blasser als sonst und seine Augen hinter dichten Wimpern verborgen.
„Wo sind wir?“, murmelte ich und erschauderte, als ich hörte, wie rau meine Stimme klang. Plötzlich wurde mir der Gegenstand wieder aus der Haut gezogen und ich zuckte zusammen.
Eine Frau erschien. Sie hatte lockiges, rotes Haar und funkelnd rote Augen.
Rote Augen.
Ein seltsames Lächeln erschien auf ihren schmalen Lippen, als sie sich vorstellte. „Ich bin Amber Notker. Das, was du gerade gespürt hast, war ein kleiner Chip, den ich dir oberhalb deiner rechten Schulter eingepflanzt habe. Damit wirst du überall registriert.“
Ich zog die Brauen zusammen. „Warum registriert?“
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. „Das wird dir alles erklärt, wenn du erst einmal da bist.“
„Wo bin?“, hakte ich nach und sah Luan hilfesuchend an, doch er wich meinem Blick aus und drückte die Schultern durch.
Erst jetzt nahm ich meine Umgebung wirklich wahr. Ich lag auf einem wackeligen Stellbett, das an den Beinen befestigt war. Die Wände waren auch keine Wände, sondern ein mittelgroßer Kleinbus, in dem haufenweise medizinische Utensilien rumstanden. Luan saß auf einem Klappstuhl neben meinem Bett und erhob sich, als Amber Notker uns verließ und durch eine winzige Tür in den Fahrerraum glitt. Der Bus wackelte bedächtig und ich musste mich an der dünnen Matratze festkrallen, um nicht gegen Luan zu rutschen.
Mit finsterer Miene starrte er auf mich hinab und ich fühlte mich entblößt. Unwohl zog ich mir die Decke bis unters Kinn und starrte zurück, bis er leise fluchte und sich wieder hinsetzte.
„Wo sind wir?“, fragte ich abermals und jetzt klang meine Stimme schrill vor Angst. Luan stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Oberschenkeln ab und musterte mich aus schmalen Augen. „Auf dem Weg zum Lager.“
Nackte Verzweiflung kroch mir den Rücken hinauf, bis sich meine Nackenhaare aufstellten. „Lager?“, wiederholte ich.
„Ein Ort, an dem du dich zum ersten Mal in deinem Leben wahrhaftig sehen kannst“, sagte er mit rauer Stimme.
Meine Brust wurde eng. „Was soll das denn heißen?“
„Bitte, Nell“, meinte Luan und wirkte auf einmal erschöpft. „Tu einfach, was man dir sagt, und stell keine Fragen. Je weniger du weißt, desto besser stehen die Chancen, dass du überlebst.“ Seine Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, der die gesamte Fahrt über immer dicker wurde. Als der Wagen endlich langsamer wurde und schließlich anhielt, packte mich das Grauen erneut.
Amber Notker erschien wieder und reichte mir eine Cremedose.
„Schmiere dich damit ein, so gut es geht. Die Creme schützt deine Haut vor den feinen Lasern, die dich registrieren, sobald du das erste Abteil betrittst“, wies sie an und verschwand wieder.
Unsicher folgte ich ihrer Anweisung und bedeckte meine Haut mit der kalten Masse. Dann wurde ruckartig die Schiebetür des Busses aufgeschoben und ein breitschultriger Mann erschien.
Ich ging davon aus, dass er der Fahrer war. Der Mann reichte mir eine Hand und sah mich auffordernd an. Ich warf Luan einen kurzen Blick über die Schulter zu, er nickte stumm. Zögernd nahm ich die Hand des Fremden und stieg aus dem Bus. Luan folgte dicht hinter mir.
Vor mir tat sich eine riesige Anlage auf. Hohe Stahlbalken umschlossen ein quadratisches Gebäude. Die Wände waren schlicht weiß mit einem Stich ins Grau, weshalb es in der kargen Landschaft kaum auffiel. Der Block hatte keine Fenster, nur eine breite Tür, ebenfalls aus massivem Stahl, ermöglichte einen Zugang. Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen.
„Willkommen im ersten Abteil!“, flötete Amber Notker und machte eine einfache Handbewegung, woraufhin sich der Fahrer zurückzog. Der Kloß in meinem Hals war inzwischen so sehr angeschwollen, dass ich kaum noch Luft bekam.
Die Rothaarige setzte sich in Bewegung und Luan legte mir eine Hand auf die Schulter, um mir zu signalisieren, dass ich ihr folgen sollte. Sobald wir vor dem ersten Stahlbalken zum Stehen kamen, beugte sich Amber Notker über eine Sprechanlage und kommunizierte leise mit einer Männerstimme. Dann tippte sie eine Zahlenabfolge in ein Tastenfeld ein und ein leises Klicken war zu hören. Der Balken schob sich zur Seite und wir betraten eine weitere, offene Fläche. Der weiße Klotz wurde immer größer, je näher wir kamen, und als wir die Stahltür erreicht hatten, vollzog sich der gleiche Ablauf wie vor dem Balken. Die Tore wurden automatisch geöffnet und gaben den Blick auf einen riesigen Innenhof frei. Bevor ich die neue Umgebung überhaupt wahrgenommen hatte, eilten zwei Männer herbei und griffen nach meinen Oberarmen.
Luan stellte sich schützend vor mich. „Das ist nicht nötig“, knurrte er bestimmt. Doch keiner der Männer machte irgendwelche Anzeichen, mich loszulassen. Luan richtete sich zu seiner vollen Größe auf und seine Züge verhärteten sich.
„Jungs, Jungs“, mischte sich Amber Notker kopfschüttelnd ein. „Hört auf mit dem Unsinn und lasst sie los.“ Mit einem künstlichen Lächeln in meine Richtung fügte sie hinzu: „Mademoiselle kann sowieso keinen Schaden anrichten.“
Ich verkniff mir ein empörtes Schnauben, weil ich viel zu viel Angst vor allem hier hatte. Und das lag nicht nur an dieser Notker, sondern auch an Luan.
Ihn schien das alles hier größtenteils kalt zu lassen, was hieß, dass er wahrscheinlich wusste, wo wir waren, wusste, was sie hier mit mir vorhatten.
Es traf mich wie ein Schuss in die Brust. Seit ich den Wagen meiner Eltern gesehen hatte, war ich misstrauisch gewesen, hatte aber versucht, mir nichts Schlimmes einzureden. Ich wollte nicht glauben, dass Luan uns verraten hatte. Doch das hatte er. Und verdammt noch mal, ich kannte ihn nicht mal achtundvierzig Stunden. Oder doch?
„Welchen Tag haben wir?“, fragte ich mit belegter Stimme.
Amber Notkers Lächeln wurde breiter – und künstlicher. „Es ist der zweite Morgen nach deinem fünfzehnten Geburtstag.“
Ich konnte sie einen Moment lang nur anstarren, dann wurde mir so kalt, dass mein Körper zu vibrieren begann. „Woher wissen Sie, wann ich Geburtstag habe?“ Meine Stimme klang schrill.
Sie seufzte. „Ach Schätzchen, wir wissen so gut wie alles über dich.“ Sie beugte sich zu mir hinab und ihre roten Augen fixierten mich. „Und das, was wir noch nicht wissen, werden wir in den nächsten Tagen herausfinden.“
Mein letzter Funke Hoffnung verschwand nun endgültig und ich sackte innerlich zusammen. Die beiden Männer ließen mich los, blieben aber dicht neben mir und trieben mich voran.
Ein breiter Tunnel tat sich vor uns auf, der sich mehrfach teilte und in unterschiedliche Richtungen führte. Der rote Lockenkopf vor mir schien ein bestimmtes Ziel zu haben, denn er bewegte sich schnell und gekonnt durch die Flure. Schließlich hielt Amber Notker vor einer breiten Flügeltür an und drehte sich zu uns um. „Hier beginnt offiziell Abteil 1“, erklärte sie in Plauderstimme. „Aber hinter diese Tür wirst du leider erst morgen einen Blick werfen können.“
Wie schade.
Sie hob den Zeigefinger. „Jetzt wird dir erst einmal dein Zimmer gezeigt. Wir haben es extra schön eingerichtet, hoffentlich gefällt es dir.“ Sie nickte Luan auffordernd zu und öffnete eine der Flügeltüren so weit, dass sie gerade so hindurchpasste. Auf einem breiten Schild an der Wand stand in einfachen Buchstaben Abteil 1 – Säuberung.
Säuberung? Was zum Teufel sollte das heißen? Ich spürte einen leichten Schauder auf dem Rücken, als sich Luan an mir vorbeischob und hinter Amber Notker verschwand, ohne mir einen weiteren Blick zuzuwerfen.
Sobald die beiden verschwunden waren, ergriff der rechte Mann erneut meine Schulter und zog mich mit sich. Der andere verschwand in einer der vielen Türen. Unruhig sah ich zu meinem Begleiter auf. „Können Sie mir wenigstens sagen, was ihr von mir wollt?“
Stur blickte er geradeaus und ich gab auf. Die Leute hier – Amber Notker ausgeschlossen – waren wohl nicht sehr gesprächig.
Der Mann führte mich eine ganze Weile durch das Labyrinth aus Fluren und Treppen, Türen und Kreuzungen und schon bald gab ich den Versuch auf, mir den Weg zu merken. Schließlich gingen wir durch eine breite Glastür und erreichten einen Gang, auf dem deutlich mehr Trubel herrschte als in den übrigen. Wortlos öffnete Mr. Stumm eine kleine Tür, die kaum auffiel, und wir betraten ein schlichtes, weißes Zimmer. An einer Wand stand ein langer Schrank, ebenfalls weiß, und daneben befand sich eine Tür, die vermutlich in ein Badezimmer führte. Auf der anderen Seite befanden sich zwei Betten; weißes Laken, weiße Matratze. Ich merkte schnell, dass Amber Notker und ich etwas vollkommen anderes verstanden unter schön eingerichtet.
Das linke Bett war leer, doch in dem rechten lag eine Person.
„Deine Mitbewohnerin“, knurrte Mr. Stumm und ich hörte zum ersten Mal seine zutiefst beunruhigende, raue Stimme. Er nickte mir zu, verschwand ohne ein weiteres Wort und schloss die Tür hinter sich. Überdeutlich nahm ich das dumpfe Klicken war, als er einen Riegel von außen vorschob. Wir waren eingesperrt.
Meine schwitzigen Hände öffneten und schlossen sich unkontrolliert, als ich mich dem Bett näherte. Die Person war ein Mädchen, wie ich schnell bemerkte. Sie hatte langes, braunes Haar, das ihr über die Schultern fiel. Ihre geschwungenen Wimpern verbargen die Farbe ihrer Augen. Sie war schmal und etwas kleiner als ich. Behutsam setzte ich mich auf die Bettkante und zuckte zusammen, als sie ruckartig den Kopf hob.
Funkelnde, braun-grüne Augen kamen zum Vorschein.
Eine Mutante!
Als sie mich sah, erröteten ihre Wangen und sie schob sich eine Strähne hinters Ohr. „Hi.“ Ihre Stimme war leise und schüchtern.
„Hi“, erwiderte ich und versuchte ein vorsichtiges Lächeln.
„Ich bin Louana Cole. Aber alle nennen mich einfach Lou, das hört sich deutlich besser an“, stellte sie sich vor und erwiderte mein Lächeln.
„Ich bin Nellanyh Ivy. Aber ich hasse meinen Vornamen und alle nennen mich einfach Nell, das hört sich auch deutlich besser an“, erklärte ich.
Lou riss überrascht die Augen auf. „Du bist die Tochter des Anführers der Green Eyes?“
Jetzt war ich es, die rot wurde. „Ja, sozusagen.“
Sie rutschte vom Bett und fiel vor mir auf die Knie. Ihre langen Haare verbargen das blasse Gesicht, als sie den Kopf senkte und die Hände faltete.
„Nein, nein, bitte mach das nicht. Ich hasse das“, sagte ich flehend und berührte ihre Schulter.
Lou zuckte leicht zusammen, dann erhob sie sich wieder und setzte sich neben mich. „Tut mir leid.“
Ich schüttelte den Kopf. „Alles gut.“ Gedankenverloren sah ich mich um.
„Hast du eine Ahnung, wo wir sind?“, fragte ich nach einer Weile des Schweigens. Lous Züge wurden düster. „Wir sind im Lager für Mutanten. In Abteil 1, um genau zu sein.“
Ich sah sie irritiert an. „Aber ich bin kein Mutant.“
Sie hob den Kopf und ihr Mund verzog sich. „Natürlich bist du das. Wie alle, die sie hier gefangen halten.“
Einen Moment lang starrte ich sie an, dann sprang ich auf, raste zur Tür und stolperte in ein kleines Badezimmer. Ich eilte zum Spiegel und krallte mich am Waschbeckenrand fest, als ich mein Gesicht darin sah. Meine hellblonden, schulterlangen Haare waren zerzaust und fettig. Meine Wangen waren noch immer leicht gerötet und hoben sich merkwürdig von meiner Haut ab – sie war noch blasser als die von Lou. Doch meine Augen, oh Gott, meine Augen waren nicht blassgrün, wie ich sie kannte. Sie waren aus einem intensiven Grün, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, und ein hellblauer Ring ließ meine schwarze Pupille deutlich zur Geltung kommen. Mein Herz setzte für einen Schlag aus und überschlug sich dann mehrfach. Abermals spürte ich einen Schauder, als Lou neben mich trat.
„So war es bei mir auch“, sagte sie mit leiser Stimme. Heiße Tränen brannten in meinen Augenwinkeln und mein Kopf war vollkommen leergefegt.
Wie konnte das sein? Warum hatte ich plötzlich eine andere Augenfarbe – falsch, zwei Augenfarben? Ich war ein Mutant! Ein Kind, das nie hätte geboren werden dürfen.
„Aber wie …?“, schluchzte ich. „Warum jetzt? Wie so plötzlich?“
Lou trat vorsichtig näher zu mir heran. „Ich habe es vor zwei Tagen erfahren. Ich bin bei meiner Tante bei den Brown Eyes aufgewachsen. Mein gesamtes Leben bin ich davon ausgegangen, dass meine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen, weil es mir so immer erzählt wurde. Doch dann waren sie auf einmal da. Amber Notker und vier weitere Typen standen vor unserer Tür und haben mich einfach mitgenommen. Meine Tante war vollkommen machtlos gegen sie –“ Ihre Stimme brach. „Sie haben sie umgebracht, als sie mich beschützen wollte.“ Als ihr die ersten Tränen über die glühenden Wangen rollten, zog ich sie behutsam an mich und weinte mit ihr. „Ich weiß selbst kaum etwas“, schniefte sie in meine Schulter. „Aber das, was ich weiß, ist so grausam.“
Ich schob sie ein Stückchen von mir weg. „Ich muss es wissen – bitte“, sagte ich eindringlich.
Lou schluckte schwer. „Es gibt da diese Giftmischung. Sie nennt sich Mute Curse.“
„Stummer Fluch“, hauchte ich und wurde steif.
Sie nickte. „Mute Curse kann man ins Essen oder Trinken mischen. Sogar ins Wasser, denn es hat keine wirkliche Farbe. Und es bewirkt … nun ja, dass die Augenfarbe, je nach Mischung, eine gewollte, einfarbige Tönung behält und gleichzeitig schwächt es die Kraft der jeweiligen Augenfarbe.“
Die Luft blieb mir weg, bis sich ein Schalter in meinem Kopf umlegte.
„Meine Eltern oder Ozea haben es mir untergemischt?“, stockte ich.
Lou senkte schweigend den Kopf. „Nur die Wenigsten können sich dieses Gift leisten, es ist extrem teuer und es gibt auch nur wenige, die es herstellen.“
Sie schob sich eine Strähne hinters Ohr. „Ich habe keine Ahnung, woher es meine Tante hatte, aber …, aber bei dir … Ich kann mir vorstellen, dass diese Ozea es selbst gemischt hat. Immerhin ist sie doch die Seherin der Green Eyes.“
Ich stolperte zurück und stieß mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Heiße Tränen brannten in meiner Kehle. „ Aber das heißt, dass meine Mutter oder mein Vater gar nicht wirklich ein Green Eye, sondern ein Blue Eye ist …“
Mom? Nein! Das konnte nicht sein. Mom war durch und durch Green Eye, das merkte man an ihrer Art. Wie sie sich bewegte, wie gut sie mit Pfeil und Bogen umgehen konnte – sie war eindeutig eine Green Eye.
Dad? Ich hatte nie eine wirkliche Beziehung zu ihm gehabt, hatte sie nie gespürt. Aber auch er war kein Blue Eye, ausgeschlossen. „Aber … dann muss mein richtiger Vater bei den Blue Eyes leben“, stotterte ich und mein Hirn fühlte sich an wie eine einzige, klebrige Masse.
„Und Lenn Ivy ist gar nicht dein leiblicher Vater?“, fragte Lou verwirrt.
Ich konnte nicht auf ihre Frage antworten. Meine Umgebung begann sich zu drehen und hörte nicht mehr auf, auch als Lou mich zurück in das größere Zimmer führte und mir auf das schmale Bett half. Eine Weile lag ich dort, bewegungslos, und starrte an die weiße Decke. Irgendwann zog sich Lou leise zurück und ich verfiel einem düsteren Traum.
6
Nell
Ich erwachte ruckartig, als mich jemand an den Schultern packte und schüttelte. Vor Schreck fuhr ich hoch und schlug um mich, bis ich losgelassen wurde und mir die zerzausten Haare aus dem Gesicht schob. Vor mir stand der Typ, der mich hierher gebracht hatte. War es gestern gewesen, oder vorgestern? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte. Mit rasendem Puls zog ich mir die Decke über die nackten Beine und sah ihn misstrauisch an.
„Jetzt gesellt sich zu stumm auch noch brutal – keine gute Mischung.“
„Halt den Mund und zieh dich um!“, unterbrach er mich scharf.
Ohne ein weiteres Widerwort nahm ich die Sachen entgegen, die er mir hinhielt. Weiße Hose, weißes T-Shirt, weiße Schuhe, welch kreative Farbwahl. Hastig eilte ich an ihm vorbei und warf einen flüchtigen Blick auf Lous Bett. Decke und Kissen lagen ordentlich aufgeschüttelt da und von ihr fehlte jede Spur. Mit einem unguten Gefühl im Bauch zog ich mir die verschwitzten Sachen aus und die neuen über. Das grelle Weiß blendete mich förmlich, als ich meine Haare kämmte und mir eine Strähne hinters Ohr schob.
Als ich das Badezimmer wieder verließ, stand er an der Tür und musterte mich von oben bis unten. Dann brummte er in seiner unnatürlich rauen Stimme: „Nenn mich Dexter.“
Ich hob eine Augenbraue, verkniff mir aber einen dummen Kommentar und nickte. Dexter öffnete die Tür und platzierte seine schwere Hand auf meiner Schulter, als er mich den Gang hinabführte.
„Jetzt kannst du erst einmal etwas essen und danach darfst du einen Blick hinter die Flügeltür werfen.“ Er beugte sich zu mir hinab und ich spürte seinen Atem neben meinem Ohr. „Luan wird auch da sein.“
Ich konnte die Schmetterlinge in meinem Bauch nicht unterdrücken und ärgerte mich umso mehr darüber. Eigentlich sollte ich diesen Typen hassen. Immerhin hatte er mich verraten – meine Familie verraten.
Aber es war genau diese Familie, die dich dein ganzes bisheriges Leben lang angelogen hat. Sie wussten, was du warst, und haben es dir verheimlicht.
Mit versteinerter Miene lief ich den Gang entlang und versuchte, nicht auf die stechenden Blicke der Erwachsenen zu achten, die sich in meinen Rücken brannten. Schließlich hielt Dexter vor einer Flügeltür, die aussah wie jede andere in diesem verdammten Gebäude, und öffnete sie, um mich hindurchzuschieben. Ich zog meine Schulter vor und schaffte es, seinen Griff loszuwerden, aber nur, weil er es zuließ. Wir betraten einen großen Raum, der mit etlichen Stühlen und Tischen ausgestattet war. Die meisten waren leer, nur an drei von ihnen saßen jeweils zwei Leute, alle erwachsen, und unterhielten sich leise. Dexter wies mir einen Platz an der Wand zu und fragte mich, was ich essen wollte. Nachdem er einige Dinge aufgezählt hatte, entschied ich mich für einen Apfel und ein Glas Wasser. Beides holte er mir von einer Art Theke und schaute mir dann stumm beim Essen zu, was alles andere als schön war. Ich trank gerade den letzten Schluck aus, als ein Junge, grob mein Alter, den Raum betrat. Wie ich wurde er von einem erwachsenen Mann begleitet, der noch grimmiger wirkte als Dexter. Die Haare des Jungen waren weiß, er wirkte müde und war schmächtig. Doch mein Blick wanderte sofort weiter zu seinen Augen. Sie waren hellgrau mit violetten Punkten um die Pupille. Die beiden kamen direkt auf uns zu und setzten sich an unseren Tisch.
Der Junge sah mich verlegen an und wich dann meinem Blick aus.
„Das ist David“, stellte Dexter vor. „Er wurde am selben Tag eingeliefert wie du und ihr werdet wahrscheinlich zusammen durch die Säuberung sowie die Vorbereitungen gehen.“
Ich versuchte ein Lächeln. „Hi, ich bin Nell.“
David hob den Kopf und die violetten Punkte in seinen Augen begannen zu leuchten. Er hob kurz die Hand, bevor er sie wieder unter dem Tisch verschwinden ließ.
„Carter“, Dexter wandte sich an Davids Begleiter. „Ist Amber soweit?“ Carter nickte, immer noch die grimmige Miene im Gesicht.
„Gut.“ Dexter erhob sich und platzierte wieder seine Hand auf meiner Schulter. Diesmal versuchte ich nicht, sie abzuschütteln.
„Wir kommen nach, wenn der Junge etwas Anständiges gegessen hat“, rief uns Carter hinterher, als wir den Raum verließen.
Als wir unter uns waren, drehte ich den Kopf und sah Dexter von der Seite an. Um seinen Mund hatte sich ein angespannter Zug niedergelassen und er blickte stur geradeaus. „Was haben Sie damit gemeint, dass David und ich zusammen zur Säuberung und Vorbereitung gehen?“
Er hob eine Braue. „Wir sind plötzlich beim Sie?“
Ich verdrehte die Augen. „Dann eben du.“ Auch wenn es sich merkwürdig anfühlte, ihn so anzusprechen.
„Das, was ich gesagt habe, meinte ich auch so“, war seine Antwort.
Nachdem wir etliche Türen und Gänge passiert hatten, blieb Dexter vor der Flügeltür stehen, die ich bereits kannte. Da er es erwähnt hatte, wusste ich auch, dass nun der nächste Tag war, doch das beruhigte mich keinesfalls.
Abteil 1 begrüßte mich mit einem trägen Plopp, als die Tür aufging und wir hindurchtraten. Vor mir tat sich ein Raum auf, der etwas größer war als der, in dem ich gefrühstückt hatte. An den Wänden standen kleine, silberne Tische, auf denen Spritzen lagen oder andere medizinische Utensilien verteilt waren, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Hinter einem Tisch in der Mitte des Raums saß Amber Notker und musterte mich aus ihren wachsamen roten Augen.
Und neben ihr stand Luan.
Seine dunkelblonden Haare wurden durch Gel zurückgehalten. Die breiten Schultern waren angespannt und seine Züge kühl, wie ich es von ihm nicht kannte. Und seine Augen … Die grell-gelben Streifen begannen zu glühen, als er mich sah, und hoben sich dadurch außergewöhnlich vom dunklen Blau ab, das sie umgab. Doch ihnen fehlte jeder Funke von Menschlichkeit oder Spott, wie ich es sonst gewohnt war. Ich suchte seinen starren Blick, doch als er es merkte, wandte er sich ab.
„Wie ich sehe, hast du die Laserstrahlen gut überstanden“, brach Amber Notker das unangenehme Schweigen. Ich drehte ihr den Kopf zu und sah sie an. „Die Creme von gestern, weißt du nicht mehr?“, fragte sie und kam um den Tisch herum auf mich zu.
Automatisch wich ich einen Schritt zurück und stieß gegen Dexters Brust. „Ja, ich erinnere mich.“
Sie lächelte breit. „Schön.“ Ein paar Augenblicke stand sie einfach da und musterte mich, dann klatschte sie in die Hände und ging zurück zum Tisch. „Wie du inzwischen bestimmt mitbekommen hast, befinden wir uns in Abteil 1, der Säuberung.“ Sie stützte sich an der Kante des Tisches ab und ihre roten Augen bekamen einen beunruhigenden Schimmer. „Die Säuberung bedeutet nichts weiter, als dass ich dich untersuchen werde und deinen Namen in eine Liste eintrage, in der alle Mutanten von A bis Z zu finden sind.“
Aha.
Amber Notker stieß sich mit den Handflächen ab und ging mit langen Schritten durch den Raum zu einem der Tische. Sie griff nach einem Blutdruckmessgerät und kam damit zu mir. Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf meiner Stirn, als sie es mir mit kalten Händen umlegte. Angestrengt starrte sie auf meinen Oberarm, dann hellten sich ihre Züge auf. „Sehr schönes Ergebnis.“
Zufrieden ging sie wieder und kam mit einer Spritze zurück.
Mir schwand langsam endgültig die Kontrolle.
Die Rothaarige reinigte meine Armbeuge, doch bevor sie mir etwas unter die Haut schob, dem ich absolut nicht vertraute, zog ich meinen Arm zurück.
„Ich will das nicht“, sagte ich mit zittriger Stimme.
Amber Notker hob eine Braue. „Was du willst, zählt hier nicht.“
Sie sah mich mit gespieltem Mitleid an. Mein Blick schweifte zu Luan, der immer noch stur an mir vorbeistarrte, und ich wurde wütend. „Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Ich weiß nicht, was ihr von mir wollt. Außerdem sind meine Eltern verschwunden und ich habe erfahren, dass mein Vater gar nicht mein Vater ist und habe mich bisher über nichts beschwert. Aber so langsam finde ich, sollten mir mal einige Fragen beantwortet werden.“ Meine Stimme überschlug sich fast und jetzt endlich sah Luan mich an. Ich hatte selbst keine Ahnung, warum ich plötzlich so mutig war und meine Gedanken laut ausgesprochen hatte, doch sobald ich die Angst in seinen Augen entdeckte, bereute ich es.
Ein Stich in meinem Arm ließ mich zusammenzucken.
Amber Notker, sie hatte mir die Spritze mit so viel Wucht in die Haut gerammt, dass dunkelrotes Blut hervorquoll und meinen zitternden Arm hinablief. „Nur, damit du es noch einmal aus meinem Mund hörst“, sagte sie kühl, „wir legen nicht besonders viel Wert darauf, was unsere Tester wollen“. Schwungvoll drehte sie sich zu Luan um. „Oder, was meinst du?“
Sein Blick flackerte, als er sie ansah, seine Augen dann jedoch an meinem Arm hängenblieben, der inzwischen vollkommen rot war. Die Wunde brannte wie Hölle. Ich presste zwei Finger darauf, doch es half nichts.
„Wir legen gar keinen Wert darauf“, presste Luan hervor und wandte sich ab.
Amber Notker lächelte süßlich. „Fein.“
Wütend sah ich sie an, doch sie hatte bereits das Interesse an mir verloren.
„Dexter, bring sie zurück auf ihr Zimmer. Carter wird gleich mit David hier auftauchen und vorher muss erst das ganze Blut entfernt werden“, wies sie an und erst jetzt merkte ich, dass mein Blut bereits eine kleine Lache zwischen meinen Füßen gebildet hatte.
„Ach, und Nellanyh“, Amber Notker drehte sich schwungvoll zu mir um.
„Morgen früh erfährst du die Ergebnisse deiner Blutwerte und je nachdem, wie sie ausfallen, wirst du dann morgen schon oder erst übermorgen in Abteil 2 gebracht.“
Ich spürte Dexters schwere Hand auf meiner Schulter, als er mich zu sich umdrehte und aus dem Raum führte, ohne dass ich einen letzten Blick zu Luan werfen konnte. Mein Begleiter führte mich mit schnellen Schritten den Flur entlang, ich kam kaum hinterher. Seine breite Brust verbarg mich fast vollständig, trotzdem entging mir nicht, wie mich die Erwachsenen musterten, an denen wir vorbeikamen.
Als wir das Zimmer erreicht hatten und eingetreten waren, sprang Lou sofort vom Bett auf. Mit vor Schrecken geweiteten Augen kam sie zu mir und starrte auf meinen blutverschmierten Arm. „Was haben sie mit dir gemacht?“ Ihre Stimme zitterte. Dann hob sie den Kopf und schaute an mir vorbei zu Dexter. Ihr Blick wurde kalt. „Ihr seid solche –“
Die Tür wurde aufgerissen und ein Beamter in Uniform erschien. „Lauffeuer in Abteil 5! Der Verantwortliche hat die Kontrolle verloren!“, rief er dröhnend. Dexter reagierte sofort. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte er Lou angewiesen, mich zu versorgen, und war ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer gerauscht, vergessen, abzuschließen hatte er jedoch nicht.
Überrumpelt sahen wir uns an, dann fing sie sich als Erste.
Hastig verschwand sie im Badezimmer und kam kurz darauf mit Klopapier wieder. „Was anderes gibt’s nicht“, murmelte sie, während sich das Papier mit meinem Blut vollsog.
Eine Weile standen wir schweigend so da, bis die Blutung endlich aufhörte und Lou die roten Fasern von meiner Wunde zog. Zu sehen war noch immer eine kleine Einstichstelle und es brannte unaufhörlich, doch wenigstens musste ich nicht mehr meine Finger darauf pressen und das Risiko, zu verbluten, ging damit wahrscheinlich auch unter.
Sie führte mich zum Bett und ich ließ mich erschöpft darauf nieder.
„Warum warst du heute früh schon weg, als ich abgeholt wurde?“, fragte ich schließlich. Lou versteifte. „Sie wollten mit mir über die Blutproben sprechen, die sie gestern genommen haben.“
Ich beugte mich vor. „Und?“
Sie drehte den Kopf und sah mich direkt an. Ihre grün-braunen Augen waren dunkel. „Es sieht nicht gut aus. Anscheinend hat die Lasercreme nicht gewirkt und ich habe zu viele Strahlen abbekommen. Ich muss heute Abend nochmal in den Behandlungsraum, damit Amber Notker mir irgend so ein Mittel spritzt, das mich von den Strahlungen befreien soll.“ Sie zuckte mit den Schultern.
Ich rutschte näher an sie heran. „Das wird schon“, versuchte ich sie etwas zu ermutigen, scheiterte aber kläglich.
Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken. Lou warf mir einen verwirrten Blick zu und ich erhob mich zögernd. Normalerweise kamen doch alle immer ohne Vorwarnung hereingepoltert … Mit einem kurzen Blick über die Schulter drückte ich die Klinke nach unten und wurde stocksteif.
Luan musterte mich aus besorgten Augen und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Wie geht’s dir?“, fragte er mit rauer Stimme und neigte den Kopf.
Meine Unterlippe begann zu zittern. „Was kümmerst du dich darum?“
Er hielt inne, dann ließ er die Hand sinken und schaute an mir vorbei in den Raum. Ich versuchte, ihm den Weg zu versperren, doch er schob mich einfach zur Seite und trat ein. Wütend stieß ich die Tür hinter ihm zu und stockte. „Dexter hat sie vorhin doch abgeschlossen?“
Luan grinste hinterhältig. „Ich kann Schlösser mit einem einfachen Gedanken knacken, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt.“
Okay, dieser Kerl war definitiv gruselig. Ich schnaubte und folgte ihm zum Bett, von dem Lou mir entgegenstarrte.
„Ich bin übrigens Luan Moor und du wirst mich ab jetzt öfter sehen, wenn du viel Zeit mit Nell verbringst“, erklärte er entschieden. Ich musterte ihn verwirrt.
Lou erhob sich eilig und trat an uns vorbei. „Ich bin im Gemeinschaftsraum.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und warf mir noch einen letzten, kurzen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. Dann war ich mit diesem undurchschaubaren Typen allein.
Mit steifen Schritten ging ich an ihm vorbei und lehnte mich gegen die Wand, da Luan fast das gesamte Bett einnahm. Ich senkte die Lider und dann konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. „Wenn du weißt, wo meine Eltern sind, dann sag es mir“, forderte ich ihn auf und bemühte mich um einen drohenden Unterton.
Er wurde ernst. „Warum sollte ich dir das verraten?“
Ich hob den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten. „Wo – sind – sie?“
Er hob unbeeindruckt eine Braue und seufzte tief. „Ich weiß es nicht genau, aber ich weiß, dass sie in Abteil 1 untergebracht sind. Beziehungsweise …“, er sprach nicht weiter und ich erhob mich. „Was?“
„Ich glaube nicht, dass alle vier noch leben. Die Red Eyes wollten nur zwei von ihnen.“ Ich starrte ihn an, während sich eine kalte Hand auf meine Brust legte und mir jeden Atemzug erschwerte.
Er suchte meinen Blick und seine gelben Streifen zogen mich in einem undurchdringbaren Bann.
„Ich will nichts Falsches sagen, aber ich denke, dass deine Mutter und eure Seherin noch leben, aber der Anführer der Green Eyes und dieser Peroll –“ Er schüttelte den Kopf.
Meine Knie gaben nach, ich sackte zusammen. Bevor ich jedoch mit dem Rücken am Boden aufschlug, hatte Luan plötzlich seine Arme um meine Taille gelegt und hob mich hoch, als wäre ich nicht schwerer als eine Feder. Heiße Tränen brannten in meiner Kehle, doch ich wollte nicht vor ihm weinen. Nicht vor ihm.
„Es ist okay“, hörte ich seine tiefe Stimme neben meinem Ohr.„Es ist okay, Nell. Du kannst es rauslassen.“
Verwirrt blinzelte ich zu ihm auf. Als sich unsere Blicke trafen, begannen die gelben Streifen in seinen wunderschönen Augen zu leuchten. Und als er dann auch noch beide Hände an meine Wangen legte, war es endgültig um mich geschehen. Leise wimmernd neigte ich den Kopf an seine Brust und die Tränen rollten mir über die Wangen, durchnässten den Stoff seines T-Shirts an der Schulter, doch das schien ihm egal zu sein.
„Warum?“, schluchzte ich verzweifelt. „Warum mussten sie sterben?“
Er fuhr mit der Hand sachte über meinen Rücken und ließ sie dann auf meiner Taille ruhen, um mich näher an sich heranzuziehen. Doch er gab mir keine Antwort. Eine Weile standen wir einfach schweigend zusammen, ich weinte in seine Schulter und er legte das Kinn auf meinen Kopf und gab tiefe Laute von sich, die wunderschön klangen.
„Vor ein paar Tagen im Wald, weißt du noch?“, murmelte er schließlich, als meine Tränen versiegt waren. „Als du mich zum ersten Mal als Mutant gesehen hast. Ich habe die Kontrolle über mich verloren. Du hast es tatsächlich geschafft, dass ich einmal die Kontrolle verliere.“
Ich lächelte matt und löste mich von ihm. „Danke. Für gerade eben“, meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Sein Blick füllte sich mit Wärme, die gleich darauf auf mich überging.
„Nein, du sollst dich nicht bedanken“, sagte er dann entschieden und ließ sich aufs Bett fallen. „Immerhin habe ich tatenlos zugesehen, wie dir Amber Notker eine Spritze in den Arm gerammt hat.“ Seine dunklen Wimpern senkten sich.
Nervös glitt ich neben ihm aufs Bett und konnte nicht verhindern, dass ich rot wurde. „Es gibt so vieles, was ich nicht verstehe.“
Luan drehte den Kopf und sah mich an. „Deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Bevor du überwiesen wirst, will ich dir einige Fragen beantworten.“
Mein Magen zog sich zusammen, aber ich versuchte, einen klaren Kopf zu behalten. „Peroll und Dad –Lenn –, sie sind wirklich fort? Für immer?“
„Ich nehme es stark an.“
In mir zerbrach etwas. Dunkelheit legte sich über mein Herz. Erneut griff die Kälte mit aller Kraft nach meiner Seele und zerrte unbarmherzig daran. Lenn war nie mein leiblicher Vater gewesen, das hatte ich erst vor weniger als 48 Stunden erfahren, doch er hatte mich immer wie seine eigene Tochter behandelt. Ich war sein Licht gewesen, seine Hoffnung. Und er meine. Jetzt wollte mir Luan erklären, dass er tot war? Einfach so? Ohne dass ich mich von ihm oder Peroll hätte verabschieden können? Mein Magen verkrampfte sich, ich schnappte nach Luft. Ich musste mich ablenken, musste auf andere Gedanken kommen, denn wenn ich jetzt keinen klaren Kopf behielt, wusste ich nicht, wie ich den nächsten Tag überleben sollte. Der Schmerz saß tief und das hässliche Loch in meinem Herzen würde sich nie wieder füllen, aber ich konnte nicht trauern. Nicht um Lenn und nicht um Peroll. Nicht jetzt und nicht hier. Ich hasste mich für diese Entscheidung, ich hasste es, dass ich meinen Schmerz unterdrückte und versuchte, nicht mehr daran zu denken, doch es musste sein. Der Tag würde kommen, an dem ich sie beide rächen würde, und dafür musste ich stark sein – sie hätten es so gewollt.
„Warum bin ich hier? Und was wollen sie von mir?“, wollte ich wissen.
Luan massierte sich die Schläfe. „Die Red Eyes machen gemeinsame Sache mit den Black und Blue Eyes. Zusammen haben sie dieses Lager gegründet, irgendwo im Nirgendwo. Sie suchen nach Mutanten aus allen Völkern und holen sie her, um an ihnen Tests durchzuführen.“
„Was für Tests?“, unterbrach ich ihn. Er ließ die Hand sinken und ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. „Sie testen die Stärke, die Kräfte und die verschiedenen Fähigkeiten der Mutanten. Ich weiß selbst nicht wirklich, was ihr Ziel ist, aber ich glaube, sie wollen uns als Waffen benutzen.“
Mir wurde kalt.
„Mit uns, den Mutanten, können die Red Eyes so gut wie jeden Krieg gewinnen. Die Besten von uns sind zu Dingen in der Lage, von denen normale Bürger nur träumen können“, fuhr er fort.
„Und warum bist du zu uns aufs Schloss gekommen und hast dich als ein Austauschschüler der Blue Eyes ausgegeben?“
Luan spannte die Schultern an. „Ich bin der Erste, der von den Red Eyes in den Außendienst geschickt wurde. Normalerweise kommen sie, sobald ein neuer Mutant entdeckt wird, immer mit großer Mannschaft an, weil natürlich keiner freiwillig mit ihnen geht. Bei dir ist es insofern schief gelaufen, dass ich eigentlich dein Vertrauen gewinnen sollte, um dich dann ohne großes Aufsehen ins Lager zu bringen. Aber dein Vertrauen hatte ich noch nie, das weiß ich nur zu gut und dann war da dein Fieber …“ Er brach ab.
Verwirrt sah ich ihn an. „Wann hatte ich denn Fieber?“
Er schüttelte den Kopf. „An dem Tag, als du mich mit den zwei Männern auf der Lichtung gesehen hast, haben wir ausgemacht, dass du in der Nacht zurückkommst, damit ich dir einige Fragen beantworte. Ich war da … und du auch, aber … du hattest hohes Fieber. Ich wusste nicht weiter und dann habe ich dich bis zur Straße getragen, an der Amber Notker bereits wartete. Ich hatte keine Wahl.“ Seine Stimme wurde flehend. „Ich konnte dich nicht einfach zurück zum Schloss tragen und dich vor die Tür legen. Und ich hatte auch keine Ahnung, dass Amber Notker auf uns warten würde. Sie haben dich mir einfach abgenommen und ich konnte nichts tun.“
Als sich die Fäden in meinem Kopf zusammengesponnen hatte, stieg Wut in mir auf. „Du hast mich also wirklich hintergangen – uns alle.“
Luan zuckte zusammen. „Ich hatte keine –.“
,,Man hat immer eine Wahl“, schnitt ich ihm das Wort ab.,,Du wolltest dich bei mir einschleimen und mich dann ausliefern.“
Ich fühlte mich entblößt und schnaubte. „Ist ja nicht ganz nach Plan gelaufen. Und was ist mit dem Auto? Als wir es gefunden haben, bist du abgehauen. Da hattest du deine Finger auch im Spiel, oder? Du wusstest, dass es die Red Eyes waren. Du wusstest es von Anfang an!“
„Nell …“.
„Hör auf.“ Ich beugte mich vor und sah ihn mit so viel Abscheu an, wie es nur ging. „Und du weißt sicher auch, warum meine Eltern überhaupt so plötzlich weg mussten, ohne mir Bescheid zu sagen, oder?“
Seine Schultern wurden steif. „Vom Lager aus wurde bei ihnen angerufen und gesagt, dass die Gray Eyes an der Grenze großen Ärger machen. Daraufhin sind sie losgefahren, völlig überstürzt … Aber davon wusste ich wirklich nichts. Das wurde mir erst erzählt, als ich im Lager angekommen bin.“
„Ich glaube dir kein Wort“, stieß ich hervor. „Dann war keiner mehr im Schloss, und du konntest in Ruhe … deine Arbeit zu Ende bringen.“
Meine Stimme überschlug sich mehrfach, so wütend und verletzt war ich.
Ich sprang auf, rannte zur Tür, öffnete sie und sah ihn auffordernd an.
„Verschwinde“, zischte ich. Luan sah mich flehend an, so verzweifelt hatte ich ihn noch nie zuvor gesehen. „Nell, ich hatte wirklich keine Ahnung, dass sie es so weit treiben würden und deine Eltern verletzen.“
„Verschwinde“, wiederholte ich lauter. Er stand auf und kam auf mich zu.
„Bitte, Nell … ich –.“
„Ich hasse dich, Luan Moor! Und weißt du was? Am Anfang, da habe ich dir sogar vertraut. Aber du hast Recht, jetzt ist es vorbei, jetzt ist alles vorbei.“
Mit Schwung packte ich seinen Oberarm und zog ihn nach draußen. Er sah mich überrascht an. Bevor ich noch einmal dieselbe Luft wie er einatmen musste, schlug ich die Tür zu und presste mich von innen dagegen. Ich wartete, bis er versuchte, sie aufzuschieben, aber es blieb still.
Keuchend trat ich einen Schritt zurück und starrte auf die Klinke. Fast wünschte ich mir, dass er zurückkam, unterdrückte den Gedanken aber so schnell wie möglich. Meine Wut auf Luan Moor, diesen Verräter, war so groß, dass ich mich fast übergeben musste.
Ein letztes Mal spürte ich den leichten Schauder auf meinem Rücken, dann entfernte sich Luan mit steifen Schritten und vor meiner Tür war keine Seele mehr.
7
Nell
Lou kam erst spät aus dem Gemeinschaftsraum zurück und ich hatte mich bereits bettfertig gemacht. Dexter war noch einmal dagewesen und hatte mir Schlafsachen und frische Unterwäsche gebracht. Letzteres war mir ziemlich unangenehm.
Ich hatte ihn nach dem Brand in Abteil 5 gefragt, doch er hatte sich verschlossen zurückgezogen.
Leise schlich Lou an mir vorbei, weil sie dachte, ich würde schon schlafen. Doch sie täuschte sich. Ich lag zwar mit geschlossenen Augen da, aber mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Ich ging den Nachmittag mit Luan noch einmal durch und schweifte bei der Tatsache ab, dass ich weder Mittag noch Abendbrot gegessen hatte. Mit dem Gedanken versank ich schließlich in einen leichten Schlaf.
Das Geräusch einer Dusche weckte mich.
Verschlafen richtete ich mich auf und sah mich im Zimmer um. Wie erstarrt hielt ich inne, als ich den stämmigen Mann erblickte, der vor der Badezimmertür stand. Er war etwas kleiner als Dexter, hatte aber genau wie er und Carter funkelnd rote Augen, die sich in meine Brust bohrten.
„Ich bin Logan“, stellte er sich höflicherweise vor. „Der Begleiter von Louana.“
„Ah“, machte ich und stand auf, nachdem ich mir ein Handtuch geschnappt hatte und es um meinen Körper presste. Logan folgte mir mit den Augen bis zur Badezimmertür, dann streckte er einen Arm aus.
„Sie ist gerade duschen“, sagte er mit hochgezogenen Brauen.
Ich konnte den Typen jetzt schon nicht leiden. Aber wenigstens sorgte er sich mehr oder weniger um Lou. Mit einem steifen Lächeln entfernte ich mich rückwärts Richtung Zimmertür. Diese wurde plötzlich geöffnet und ich stieß mit dem größtenteils nackten Rücken gegen Dexters Brust. Erschrocken fuhr ich herum und sah zu ihm auf.
Er grinste. Oh mein Gott, Dexter hatte, seit ich ihn das erste Mal gesehen hatte, nie auch nur den Ansatz eines Lächelns zustande gebracht.
„Überrascht?“, zwinkerte er mir zu, als hätte er meine Gedanken gelesen.
Mit ernsterer Miene wandte er sich an seinen Kollegen. „Wann ist Lou fertig? Nell muss sich heute schnell fertigmachen, Amber hat die Ergebnisse der Blutproben bereits und will vorankommen.“
Logan nickte und klopfte an die verschlossene Badezimmertür. „Beeilst du dich bitte?“, rief er mit tiefer Stimme, die aber bei weitem nicht an die von Dexter rankam.
Die Dusche wurde abgestellt und kurz darauf kam Lou heraus. Ich kannte keinen Menschen, der sich so schnell abtrocknen und umziehen konnte. Doch Lou sah wunderschön aus. Ihre langen, braunen Haare, die bei meiner Ankunft noch etwas fettig gewesen waren, fielen ihr locker über die Schultern. Ihre Wangen waren leicht gerötet und ihre Augen funkelten. „Morgen!“, grüßte sie und lächelte mich an. Es war seltsam, sie so fröhlich zu sehen, an einem Ort wie diesem.
Ich umarmte sie kurz und flüsterte ihr ins Ohr: „Alles wird gut.“
Sie nickte und löste sich von mir. Ich hatte nicht vergessen, was heute für sie anstand und ich hoffte inständig, dass es gut ausgehen würde.
Lou schob sich an mir vorbei und verließ mit Logan das Zimmer.
Ich schnappte mir die weißen Sachen vom Bett und trat in das aufgewärmte Badezimmer. Die Scheiben der Dusche waren beschlagen und ich stieg eilig hinein.
Nachdem ich mich in Rekordzeit geduscht und fertiggemacht hatte, entdeckte ich ein kleines Täschchen auf dem schmalen Regal an der Wand. Verwirrt nahm ich es an mich und entdeckte einfaches Tages-Make-up, das ich eilig auftrug, weil ich nicht davon ausging, dass Lou es von zu Hause mitgebracht hatte und deshalb böse auf mich wäre, wenn ich es benutzte. Dann sah ich das Foto. Es steckte ganz unten und war zerknittert, trotzdem konnte ich die junge Frau darauf erkennen. Ich nahm das Papier ganz heraus und nahm es genauer in Augenschein. Die Frau darauf hatte kurzes braunes Haar sowie dunkelbraune Augen. Sie war hübsch. Auf der Rückseite stand: Schutzengel sind Schutzengel und Göttinnen sind Göttinnen, aber eine Mom ist Schutzengel und Göttin in einem.
Tränen brannten mir in den Augenwinkeln, als ich an meine Mom dachte. Sie fehlte mir so sehr, dass man es niemals hätte in Worten beschreiben können. Ich konnte mir denken, wer die junge Frau auf dem Foto war.
Es war Lous Mom und auch wenn ich versuchte, dagegen anzukämpfen, beneidete ich sie dafür, dass sie ein Bild von ihr hatte. Denn ich hatte nichts, was mich an meine Mom erinnerte, außer spröde Gedanken, aber die waren dunkel und neblig.
Dexter signalisierte mir mit einem groben Klopfen, dass wir aufbrechen mussten, und ich versteckte das Foto wieder in der Tasche.
Sobald ich hinter Dexter den Raum betrat, in dem ich gestern schon gewesen war, schweifte mein Blick zu Luan. Er lehnte mit der Hüfte an Amber Notkers Schreibtisch und musterte mich von oben bis unten. Dann schnellten seine Augen wieder gen Norden und blieben kurz an meinen Lippen hängen, bevor er mich eindringlich ansah. Mein Blick begann zu flackern und nur mit letzter Überwindungskraft konnte ich seinem Bann engleiten. Ich richtete meine volle Aufmerksamkeit auf die Rothaarige, die auf mich zukam.
„Die Tests von gestern sind hervorragend. Genau genommen hast du etwas in deinem Blut, was mich sehr interessiert. Deshalb würde ich jetzt gerne noch einmal Blut abnehmen, allerdings an der Stelle, an der ich dir deinen Erkennungschip eingesetzt habe. Wenn sich diese Probe als positiv herausstellt, ist so gut wie sicher, dass du M-1 in dir trägst“, erklärte sie schnell und schien aufgeregt wie ein kleines Kind an Weihnachten, das kurz davor war, das größte Geschenk auszupacken.
„Und was genau ist M-1?“, fragte ich unsicher und blickte von Amber Notker zu Luan und wieder zurück.
Sie lächelte mich breit an. „M-1 ist schlicht und einfach die Abkürzung für Muster-1. Das ist eine Blutgruppe, die nur äußerst selten auftritt.“
„Und was heißt das?“ Ich fühlte mich ziemlich vor den Kopf gestoßen, als Amber Notker eine Spritze oberhalb meiner rechten Schulter unter die Haut schob und weißes Blut zum Vorschein kam.
Meine Unterlippe begann zu zittern.
„Keine Sorge. Alle Mutanten haben weißes Blut. Lou hat es dir bestimmt noch nicht erzählt, das liegt daran, dass sie es heute erst selbst erfahren hat. Aber eine weitere Auswirkung des Mute Curse ist auch, dass das Blut rot bleibt und nicht seine tatsächliche Farbe annimmt“, sagte Amber Notker, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Wahrscheinlich konnten das alle hier.
Nachdem sie mir das Blut abgenommen hatte und es in ein kleines Gläschen umgefüllt hatte, nahm sie ein Klemmbrett und einen Stift von ihrem Schreibtisch und begann, mit der Spitze leicht gegen ihr Kinn zu tippen.
„Zu deiner Frage von gerade eben“, meinte sie. „Wie schon gesagt bin ich ziemlich sicher, dass du M-1 hast. Wenn ich es nachweisen kann, und das werde ich, kannst du sofort in Abteil 2 gebracht werden. Dexter wird dich begleiten und dort wirst du in die erste Vorbereitungsphase eingeteilt.“
Ich zog die Brauen zusammen und verstand weniger als die Hälfte von dem, was sie mittlerweile von sich gegeben hatte- und das war eine Menge.
„Dexter wird dich jetzt in den Gemeinschaftsraum bringen. Ich muss leider wieder zurück zu Lou und noch einmal ein paar Testes durchführen“, sagte sie mit leicht gekränkter Stimme und kritzelte etwas auf das Klemmbrett.
„Wie geht es Lou?“, fragte ich und sah sie eindringlich an.
Amber Notker verzog das Gesicht. „Sie wird leider nicht mit dir umziehen können. Die Spritze, die ich ihr gestern Abend gegeben habe, hat sie nicht gut aufgenommen. Durch die vielen Strahlen auf ihrer Haut fließt das Blut langsamer und ihr Herz ist bereits ins Stocken gekommen. Ich musste sie in die obere Etage verlegen und dort wird sie gerade behandelt.“
Ich riss die Augen auf. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Ich kannte Lou nicht lange, aber trotzdem hatte sich ab dem ersten Moment etwas zwischen uns geregt, eine leise Freundschaft.
Ich musste wieder an das Foto ihrer Mom denken und meine Kehle schnürte sich zu. Ich würde ihr das Foto bringen. Jetzt. Sofort.
Entschlossen sprang ich auf und rannte zur Tür, kam aber nicht weit, da Dexter seine kräftigen Arme um meine Taille schlang und mich festhielt.
„Du kannst sie später besuchen“, raunte er in seiner tiefen Stimme, die mir inzwischen fast vertraut war. „Erst gehen wir in den Gemeinschaftsraum.“
Ich biss mir auf die Lippe und nickte. Etwas anderes hätte er sowieso nicht zugelassen. Dexter ließ mich los und öffnete mir die Tür.
„Wenn ich die Ergebnisse deines Tests habe, komme ich vorbei“, rief uns Amber Notker hinterher, während wir den Raum verließen.
Dexter lief an meiner Rechten und zu meiner Linken fand sich Luan ein. Ich hob das Kinn, damit ich neben ihm nicht wie eine Zwölfjährige wirkte und blickte stur geradeaus. Luan begann zu grinsen und ich fuhr herum.
„Was ist?“ Er hob unschuldig die Arme.
Wütend funkelte ich ihn an. „Warum kommst du überhaupt mit?“
Sein rechter Mundwinkel hob sich und das arroganteste Lächeln erschien, das ich je gesehen hatte. „Weil du dich in meiner Anwesenheit wohl fühlst.“
Ich schnaubte verzweifelt und wandte mich an Dexter. „Kannst du es ihm sagen?“
Dexter wischte sich über den Mund, um ein Grinsen zu verbergen, scheiterte aber kläglich. In mir brodelte es und ich war kurz davor, zu explodieren.
„Ich denke, es wäre besser, wenn ich euch beide für ein paar Stunden allein lasse“, sagte er mit erhobenen Brauen.
„Für ein paar Stunden?“, fragte ich perplex.
Er zuckte mit den Schultern. „Wir können das Ganze auch etwas abkürzen, aber ich muss noch eine Trainingseinheit vorbereiten und hole dich dann in einer halben Stunde wieder ab.“
Ohne noch einmal in mein empörtes Gesicht zu blicken, drehte er ab und verschwand hinter der nächsten Ecke.
„Der Gemeinschaftsraum ist eine Minute von hier“, meldete sich Luan zu Wort. Ich holte tief Luft und folgte ihm mit steifen Schritten. Selbst eine Minute war schon zu viel.
Als wir durch eine halb offene Glastür in einen riesigen Raum traten, fiel mir sofort der weiße Haarschopf auf, der mir ziemlich bekannt vorkam. Mein Rücken wurde von unregelmäßigen Schaudern heimgesucht und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Doch plötzlich ahnte ich es, als hätten sich zwei Magnete gefunden und angezogen. Immer, wenn andere Mutanten in der Nähe waren, bekam ich diese Schauder auf dem Rücken … Es musste also eine Art Verbindung zwischen uns allen geben und da hier haufenweise Mutanten rumsaßen, waren die Schauder so stark und unregelmäßig.
Luan führte mich zu einem runden Tisch, der ganz in der Nähe von Davids stand. Vorsichtig warf ich einen Blick in seine Richtung und sah, dass er nicht allein war. Ein Mädchen saß bei ihm. Sie hatte dunkelbraune Haare, die ihr leicht wellig über die schmalen Schultern fielen. Als sie den Kopf drehte und mich ansah, erkannte ich ihre Augen. Sie waren schwarz und braun. Sie trug also die Kräfte der Black und Brown Eyes in sich.
Erst, als ich mich leicht vorbeugte, merkte ich, dass sie gar nicht mich ansah, sondern Luan. Mein Magen zog sich zusammen, als ihre Augen zu schimmern begannen und sie anfing zu lächeln. Langsam sah ich Luan von der Seite an und mein Herz setzte einen Schlag aus. Er lächelte zurück Und obwohl ich diesen Typen eigentlich abgrundtief hasste, ärgerte es mich, dass er sie anlächelte, und zwar nicht arrogant, sondern offen und … sexy? Ohne zu überlegen rammte ich ihm meinen Ellenbogen in die Seite. Er zuckte kaum zusammen, wandte den Blick aber ab und als er mich ansah, verschwand sein Lächeln. Ich schluckte schwer. „Kennst du sie?“, fragte ich mit geblähten Nasenflügeln und machte eine schnelle Kopfbewegung in die Richtung des Mädchens.
„Felicity? Ja, ich kenne sie ziemlich gut“, sagte er und lehnte sich zurück. Sein Blick ruhte auf meinen Lippen, während er sprach. „Sie ist so alt wie ich, also ein Jahr älter als du. Wir sind zusammen mit meinem Bruder eingeliefert worden, als wir zehn oder elf waren.“
„Moment mal“, ich schob mir eine Strähne hinters Ohr und war froh, dass er endlich den Blick von meinen Lippen hob und mir in die Augen sah. „Du hast einen Bruder?“
Luan zuckte mit den Schultern. „Klar.“
„Klar?“, wiederholte ich. „Warum hast du mir nichts von ihm erzählt?“
„Warum hätte ich das tun sollen, du hasst mich doch.“
Darauf konnte ich nichts erwidern, denn zwei dünne Arme schoben sich in mein Sichtfeld und vor Luan. Gleich darauf wurde ich vom starken Duft eines Parfums eingehüllt und bekam kaum noch Luft, weil es so intensiv war.
„Hey“, erklang eine helle Stimme. „Ich habe dich gesucht.“
Ich beugte mich zur Seite, um etwas sehen zu können, und bereute es gleich darauf. Die bildhübsche Felicity schaute Luan tief in die Augen und ihre Lippen waren nur wenige Zentimeter von seinem Mund entfernt, der sich zu einem warmen Lächeln verzogen hatte.
„Hat sich ja gelohnt“, erwiderte er.
Einige Strähnen glitten von ihren Schultern und berührten Luans Kinn. Sein Lächeln wurde breiter, als er sie zwischen zwei Finger nahm und begann, sie einzudrehen. Mir wurde übel und bevor ich mitansehen musste, wie dieses Model ihre vollen Lippen auf seinen Mund presste, erhob ich mich und stieß den Stuhl schwungvoll nach hinten. Felicity schnellte herum und musterte mich aus ihren schimmernden Augen.
„Wer ist sie?“, wollte sie mit erhobenen Brauen wissen.
Luan seufzte und erhob sich ebenfalls. „Ein stacheliger Kaktus, der nach Aufmerksamkeit lechzt, und um es genauer zu beschreiben, die Mutante, die aus unserem hübschen Duett ein langweiliges Trio macht.“
Mir fiel die Kinnlade herunter und ich konnte ihn nur anstarren. Felicity verzog den Mund, als hätte sie auf etwas Saures gebissen.
Und Luan – Luan grinste.
8
Nell
„Sie hat M-1?“, schlussfolgerte Felicity ungläubig und musterte mich dabei, als sei ich ein stinkendes Insekt. Luan nickte und verschränkte die Arme vor der Brust, sodass sein schwarzes T-Shirt über seinen Oberarmen spannte. Meine Gedanken drifteten kurz ab und ich stellte fest, dass alle männlichen Mutanten nur schwarz trugen und alle weiblichen nur weiß. Irgendwie langweilig …
Doch ich wurde schnell und hart zurück in die Realität katapultiert.
„Es ist noch nicht bewiesen, aber Amber Notker ist hin und weg von ihr“, murmelte Luan und setzte eine gelangweilte Miene auf.
Felicity stöhnte und fing an, ihre Schläfe zu massieren. „Na super. Ein Krüppel am Bein hat uns gerade noch gefehlt.“
Ungläubig stieß ich die Luft aus. „Ich stehe gerade neben dir, falls du es noch nicht mitbekommen hast“, fuhr ich sie an.
Sie verzog die vollen Lippen zu einem herablassenden Grinsen. „Nicht doch so aufregen, Kleine. Du bekommst schon rote Ohren.“
Meine Hände begannen so stark zu zittern, dass ich sie zusammenballte. „Ich bin keine Kleine“, knurrte ich finster und hielt ihrem Blick stan. Felicity warf sich mit so viel Schwung die Haare über die Schultern, dass ihre Spitzen gegen meine Wange schlugen. Es brannte höllisch, doch ich ließ mir nichts anmerken.
„Komm nachher auf mein Zimmer. Ich wurde in die 11 einquartiert“, sagte sie zu Luan. „Dann kann ich dir sagen, warum ich hier bin.“ Mit einem letzten, herablassenden Blick auf mich drehte sie sich endlich weg und stakste mit schwingenden Hüften aus dem Gemeinschaftsraum. Ich blieb vor Wut kochend zurück und starrte auf die Stelle, an der sie verschwunden war, als könne ich sie dadurch stolpern lassen. Luan machte neben mir ein tiefes Geräusch und ich löste meinen Blick von der Tür.
„Was war das denn?“, fragte er und musterte mich finster.
Ich schnaubte. „Sie hat angefangen, mich grundlos zu beleidigen.“
„Ach bitte, sei nicht kindisch, Nell.“ Er winkte ab und schüttelte den Kopf. Da dieses Gespräch immer sinnloser wurde, und ich sowieso keine Chance gegen ihn hatte, wechselte ich das Thema.
„Wo ist meine Mom?“
„Nell –.“
„Wo ist sie?“
Luan seufzte. „Deine Stimmungsschwankungen sind echt nicht auszuhalten. Und da könntest du sowieso nicht einfach reinspazieren.“
Zum ersten Mal, seit ich hier war, konzentrierte ich mich auf meinen Mittelpunkt. Ich spürte Energie, die mein Blut durchströmte. Ich spürte meine gewohnten Kräfte, aber auch eine neue, unbekannte Kraft. Sie ließ mich schneller atmen, machte mich stärker und mutiger.
„Das ist eine ganz, ganz schlechte Idee“, warnte Luan und spannte die Schultern an. Ruckartig drehte ich ihm den Kopf zu. Ich spürte den Mittelpunkt, der in mir tobte wie ein Tornado und endlich freigelassen werden wollte. Meine gesamte Energie ballte sich in meinen Händen und ich fixierte mein Ziel.
Ich würde mich nicht aufhalten lassen, auch nicht von ihm. Ich wollte zu meiner Mom, es war mein gutes Recht. Ich musste sie sehen.
Ich hob die Arme und die Energie schoss aus meinen Handballen ins Freie. Von der unglaublichen Wucht wurde ich nach hinten geschleudert, fing mich aber wieder, bevor ich zu Boden ging. Die Mutanten im Raum hoben die Köpfe und musterten mich feindselig, doch das war mir egal. Erneut rief ich den Mittelpunkt auf und ließ meine Kräfte zum zweiten Mal frei. Eine Wasserfontäne schoss aus meinen Händen auf Luan zu, doch bevor sie ihn erreicht hatte, hob er beide Arme und erhellte den Raum mit einem Lichtblitz. Geblendet ging ich zu Boden und verlor die Kontrolle über meine Energie, die nun in unregelmäßigen Abständen aus mir herausschoss. Mein ganzer Körper bebte und zitterte. Ich hörte aufgeregte Schreie und um mich herum brach Chaos aus. Stühle wurden umgestoßen und die Leute verließen hektisch den Raum. Ich hob den Kopf und sah Luan über mir. Er hielt beide Arme erhoben und Energie knisterte über seinen Handballen.
„Bring deinen Mittelpunkt unter Kontrolle“, befahl er.
Ich schüttelte schwer atmend den Kopf. „Nein.“
„Bring deinen Mittelpunkt unter Kontrolle oder ich werde es tun!“ Jetzt fauchte Luan und seine Brust bebte.
„Nein!“ Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre es mir nicht gelungen, wieder zur Ruhe zu kommen. Die Energie in meinem Körper machte es mir unmöglich, aufzuhören.
Er presste die Lippen aufeinander. „Nell, ich will dir nicht wehtun, aber wenn du nicht tust, was ich dir sage, wird es so kommen.“
Ich schüttelte erneut den Kopf. Tränen hatten sich in meinen Augenwinkeln gebildet, während ich vor ihm auf dem Boden kauerte. „Ich glaube nicht, dass du ein Problem damit hättest, mir wehzutun.“
Ich sprang auf und ließ die gestaute Kraft frei. Wasserfontänen fluteten den Raum und zwei Efeuranken fraßen sich um Luans Beine.
Doch er schleuderte sie einfach weg und baute sich vor mir auf. „Ich habe versucht, es zu verhindern, aber du willst anscheinend wirklich nicht auf mich hören.“
Plötzlich schossen Lichtblitze an seinen Armen hinab und blendeten mich. Kurz darauf spürte ich einen stechenden Schmerz in der linken Schulter. Ich taumelte rückwärts, bis ich mit der Hüfte gegen einen Tisch stieß. Verzweifelt nahm ich wahr, wie sich Luans Energie durch mich hindurchbiss und meine Gedanken verschleierte. Ich begann zu glühen, aber nicht von außen, sondern von innen. Es fühlte sich an, als würden meine Adern durchtrennt und Eingeweide von innen ausgekocht werden. Nach Atem ringend taumelte ich und fiel wieder zu Boden. Den Schmerz des Aufpralls nahm ich kaum wahr und als sich die Energie einen Weg zu meinem wild schlagenden Herzen durchgebahnt hatte, wurde alles schwarz um mich herum.
***
Mit einem fernen Tosen im Kopf erwachte ich aus meiner Ohnmacht.
Blinzelnd öffnete ich die verschleierten Augen und krümmte mich, als ein eiserner Schmerz von meiner linken Schulter ausstrahlte. Eine kräftige Hand legte sich auf die gesunde Schulter und drückte mich sanft zurück ins Kissen. Dexters Gesicht erschien. Seine Stirn war gekräuselt und die roten Augen hatten einen merkwürdigen Glanz.
Dann spürte ich einen wohligen Schauder auf dem Rücken und war wenig überrascht, als kurz darauf auch Luans Gesicht erschien. Seine sonst gebräunte Haut war blass und unter seinen besorgten Augen lagen dunkle Ringe.
„Was ist passiert?“ Meine Stimme klang rau und war fast eine Konkurrenz für Dexters.
Er lächelte und ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bett fallen. „Du hast gegen Luan gekämpft und dann musste er dich ruhigstellen, bevor du dir oder anderen ernsthaften Schaden zugefügt hättest“, erklärte er stumpf.
Ich lachte matt und schloss die Augen. Ja sicher. Luan musste mich ruhigstellen, weil ich sonst eine Gefahr für mich und andere gewesen wäre. In Wirklichkeit hatte mich Felicity zur Weißglut getrieben und Luan hatte seinen Teil dazu beigetragen.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Luan und sobald ich seine tiefe Stimme hörte, fühlte ich mich wohler.
Ich öffnete die Augen und sah ihn an. „So, wie ich wahrscheinlich aussehe“, erwiderte ich.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und die vollen Lippen öffneten sich leicht. „Du hast ganz schön viel Power.“
Ich hob eine Braue und ließ sie dann wieder sinken, weil mir keine Antwort darauf einfiel. Ihm schien es zu genügen, denn er setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.
„Ich lass euch dann mal allein“, mit einem Schnaufen stand Dexter auf und klopfte sich den nicht vorhandenen Staub von der Hose.
Nachdem er das Zimmer verlassen hatte, biss ich mir auf die Unterlippe und wich Luans Blicke aus. Nach einer Weile des peinlichen Schweigens brach er die Stille. „Es tut mir leid.“ Jetzt schaute ich ihn an und erschauderte, als ich ihn so verzweifelt sah. „Ich habe echt Mist gebaut. Mal wieder. Und ich habe deine Gefühle verletzt, deinen Stolz – ich habe dich verletzt und deshalb dürfte ich gar nicht hier sein. Du hast jemand bessern verdient als mich, der hier jetzt sitzt und …“ Er hob den Kopf und sah mir tief in die Augen. Sofort war ich wieder von den grell-gelben Streifen gebannt und konnte den Blick nicht abwenden.
„Liam sollte jetzt hier sein. Er sollte deine Hand halten, dir die Augen öffnen damit du endlich verstehst, wie dumm ich bin.“
Der Gedanke an meinen besten Freund versetzte mir einen tiefen Stich. Ich senkte den Kopf und war hin- und hergerissen, was ich dazu sagen sollte. Ich konnte Luans Handeln nachvollziehen, jeder hätte das Gleiche getan und eigentlich war ich diejenige, die sich entschuldigen musste, denn ich war durchgedreht ohne Rücksicht auf Luan. Ich musste endlich anfangen, mich nicht mehr wie ein kleines Mädchen zu verhalten.
„Und was ist, wenn ich das nicht will?“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Luan zog die Brauen zusammen und sah mich verwirrt an.
Ich schluckte. „Wenn ich es okay finde, dass du jetzt hier bist und nicht er?“
Sein Blick flackerte. Einen Moment lang sah er mir einfach nur tief in die Augen, aber dann schüttelte er den Kopf. „Ich bin ein Idiot“, knurrte er.
„Ein Vollidiot“, verbesserte ich und versuchte ein Lächeln. „Aber ich bin nicht besser.“
„Du solltest mich hassen, Nell. Das ist das einzig Richtige im Moment. Das wird dir einige unangenehme Situationen ersparen.“
Mit aufkommender Verzweiflung sah ich ihn an. „Ich hasse dich aber nicht. Ich weiß, dass ich es sollte. Du bist gemein und doof und ich kenne dich überhaupt nicht. Ich sollte dich hassen und ich weiß, dass ich das gestern zu dir gesagt habe, aber es stimmt nicht. Ich kann nichts dagegen tun.“
Vorsichtig richtete ich mich auf und suchte seinen Blick. Als er mir wieder und wieder auswich, streckte ich eine Hand aus und umfasste sein Kinn. Die schüchterne Berührung ließ ihn erschaudern und endlich sah er mich an.
„Ich hasse dich nicht“, wiederholte ich und ließ die Hand sinken. „Ich weiß, was du getan hast. Ich weiß, dass du meine Familie und mich verraten hast und ich weiß, dass du mit Felicity … eine gewisse Verbindung hast. Und ja, ich weiß auch, dass du sie sicher liebst und sie dich auf jeden Fall liebt und dass ich das nicht schön finde, aber es ist dein Leben und ich habe darin nichts verloren.“
Luan beugte sich vor und legte eine Hand an meine Wange, die sofort zu glühen begann. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, als er sprach. „Ich liebe Felicity nicht.“
Diese vier Worte genügten mir. Ich glaubte ihm, ich glaubte ihm voll und ganz, obwohl ich mein Leben gerade überhaupt nicht verstand. Alles passierte so schnell. Einem Ereignis folgte das nächste und wenn ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, musste ich mich schon wieder mit neuen beschäftigten. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz, verstand so gut wie gar nichts. Ich vermisste meine Familie und meine Freunde, gleichzeitig hatte ich keine Ahnung, was ich von Luan halten sollte. Von meinen unkontrollierbaren Gefühlen für ihn.
Er öffnete leicht den Mund und sein Atem kitzelte meine angespannten Lippen. „Weißt du, was ich jetzt gerne tun würde?“, fragte er, während sein Daumen in kreisförmigen Bewegungen über meine Wange strich.
„Was denn?“, meine Stimme überschlug sich fast.
Er legte den freien Arm um meine Taille, um mich noch ein Stück näher an sich heranzuziehen. „Ich würde dich sehr gerne … berühren.“
Ich schluckte. „Das machst du doch schon.“
„Stimmt.“
Mein Herz begann zu rasen, als er den Kopf leicht schräg legte und dann stockte es, als er mich losließ. „Wir sollten die Zeit sinnvoller nutzen.“
Verwirrt sah ich ihn an, dann wurde ich wieder rot und nickte.
„Was du noch nicht weißt, ist, dass Felicity und ich bisher die einzigen Mutanten im Lager waren, die M-1 haben“, begann Luan und setzte sich auf den Stuhl, auf dem zuvor Dexter gesessen hatte. „Jetzt hat Amber Notker eine ziemlich sichere Spur, dass du es auch hast, und das ist wie zehn Geburtstage auf einmal.“
Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen das Bettgestell und begann, an meinen Haarspitzen zu fummeln. „Das geht Felicity natürlich gewaltig gegen den Strich.“
„So kann man es auch sagen.“
„Und warum ist sie hier?“, wollte ich wissen.
Er hob eine Braue. „Das weiß ich selbst nicht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie mich sehen wollte. Immerhin kennen wir uns seit knapp sechs Jahren und haben in der Zeit einiges durchgemacht. Sie ist zurzeit noch in Abteil 10, aber wird wahrscheinlich bald, genau wie ich, in den Außendienst gehen.“
Mein Gehirn war immer noch komplett überfordert. „Und dein Bruder? Wo ist er?“, fragte ich und ließ meine Haare in Ruhe.
Luan holte tief Luft. „Zurzeit in Abteil 9. Er hat kein M-1 und wird deshalb Tag für Tag von den Red Eyes erniedrigt. Er … er war der Grund, warum ich der Sache zugestimmt habe, dich hierher zu bringen. Hätte ich mich geweigert, für die Red Eyes zu arbeiten oder wäre ich nicht mit dir zurückgekommen, hätten sie ihm schlimme Sachen angetan“, sagte er verbissen und voller Abscheu.
Ich riss die Augen auf. Verstand ich das gerade richtig?
„Aber dann ist ja alles gar nicht deine Schuld. Du kannst nichts dafür, dass ich jetzt hier bin. Du wolltest nur deinen Bruder beschützen. Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
Er schnaubte. „Weil es nichts geändert hätte. Eigentlich sollte ich froh sein, dass du mich gehasst hast. Das machte alles einfacher.“
„Ach ja?“, schnappte ich und sah ihn wütend an. Nur er war in der Lage, meine Gefühle von jetzt auf gleich explodieren zu lassen.
Zaghaft klopfte jemand an die Tür und ich hob den Kopf. „Ja?“
Die Tür wurde geöffnet und Lou kam herein. Logan blieb vor dem Zimmer stehen und verschwand aus meinem Sichtfeld, als die Tür zufiel, doch ich wusste, dass er immer noch direkt davorstand.
Besorgt schob ich die Decke zurück und erschauderte, als meine nackten Füße den kalten Boden berührten. Dann stand ich entschlossen auf und eilte auf Lou zu. Sie sah vollkommen erschöpft aus. Ihre Haare waren wieder fettig und hingen strähnig vor ihrem blassen Gesicht. Über den braun-grünen Augen lag ein matter Schimmer, ihre Lippen waren trocken und aufgeplatzt.
„Was ist passiert?“, fragte ich und führte sie zu ihrem Bett.
Lou fasste sich an die Kehle, als würde es ihr Schmerzen bereiten, zu sprechen. „Wir können nicht zusammen in Abteil 2 untergebracht werden. Ich muss hier bleiben.“
„Ich weiß“, murmelte ich und drückte ihre Hand. Mit gläsernem Blick sah sie zu mir auf. „Ich soll nur ein paar Sachen holen, aber dann muss ich wieder in die obere Etage.“
Ich bat sie, sich auszuruhen, und verschwand im Bad, um die Tasche mit dem Foto ihrer Mom zu holen. Als ich kurz in den Spiegel sah, erblickte ich hinter mir Luan. „Ich gehe dann mal …“
„In Raum 11“, beendete ich vielsagend seinen Satz. Er seufzte nur und verließ das Zimmer. Ich trat wieder zu Lou und reichte ihr die Tasche. „Ich habe das Foto gesehen“, sage ich leise. „Die Frau darauf ist deine Mom?“
Sie nickte müde und kramte, bis sie das Papier gefunden hatte und sich an die Brust presste. „Sie hieß Amy.“
„Hieß?“, wiederholte ich, während mir eisige Schauder über den Rücken jagten.
„Mom ist an einer Lungenentzündung gestorben. Ist schon etwas länger her.“
„Lou, das … das tut mir so leid.“
Sie verzog den Mund. „Das ist lieb, ändert aber nichts.“
Ich nickte stumm und umarmte sie lange und fest.
Als sie von Logan wieder in die obere Etage begleitet wurde, kam Dexter zurück. Wir gingen zusammen essen, unterhielten uns aber kaum. Danach musste ich wieder in den Behandlungsraum und Amber Notkers Miene nach zu urteilen, gab es etwas Tolles zu erzählen.
„Bevor ich die Neuigkeiten verkünde“, trällerte sie und wurde etwas ernster. „Nach dem kleinen Zwischenfall im Gesellschaftsraum hast du keine Schmerzen mehr?“
Ich rieb mir die linke Schulter, sie tat aber kaum noch weh.
„Schön, schön“, meinte die Ärztin. „Und wegen deiner Mom: Wenn du umquartiert wurdest, kannst du sie vielleicht heute Abend noch sehen.“
Ich sah sie erstaunt an und mein Herz begann zu rasen. „Danke!“
Amber Notker machte eine wegwerfende Handbewegung und räusperte sich. „Luan kann jetzt leider nicht hier sein, da er zusammen mit Felicity an einem neuen Auftrag arbeitet, aber er wird es ebenfalls noch heute erfahren.“ Sie verschränkte die Arme vor der schmalen Brust und schien kaum stillhalten zu können. Es war seltsam, sie in so einer Situation zu sehen.
„Wir haben endlich unsren dritten Achat!“, rief sie laut und drehte sich einmal, was fast albern aussah. Außer ihr und mir war nur noch Dexter im Raum. Als ich ihm einen verwirrten Blick zuwarf, blickte er mich nur ehrfürchtig an.
„Das heißt jetzt was genau?“, versuchte ich die Lage zu erfassen.
Sie strahlte. „Mutanten mit M-1 bezeichnen wir als Achate. Sie sind unglaublich vielfältig und bunt, eben wie die außergewöhnlichen Steine“, erklärte sie. „Und du bist ab heute die Dritte im Bunde. Luan, Felicity und du, ihr drei werdet ein unschlagbares Trio, eines, das keines der acht Völker je gesehen hat.“
Ich sah sie regungslos an. Dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was hier vor sich ging, schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Luan und ich wäre wahrscheinlich gerade so aushaltbar. Aber Felicity? Das könnte umständlich werden. Es war verrückt, denn ich kannte sie noch keine 24Stunden und hatte kaum mit ihr geredet, aber dieses Mädchen war auch so schon anstrengend genug.
„Aber wir müssen bei der Sache bleiben“, mahnte sich Amber Notker selbst und hob die Brauen. „Dexter wird dich jetzt in Abteil 2 begleiten und dir dein neues Zimmer zeigen. Da Lou leider noch in Abteil 1 bleiben muss, wirst du dir erstmal mit David eins teilen müssen.“
David? Erst nach kurzer Überlegung fiel mir der Typ mit den violett-grauen Augen wieder ein, der mit Felicity zusammen an einem Tisch gesessen hatte.
„Und meine Mom?“, hakte ich nach. Amber Notker spitzte die Lippen.
„Wie gesagt, wahrscheinlich wird sie heute Abend auf dein Zimmer gebracht.“
Nachdem sie Dexter die neuen Schlüssel zugesteckt hatte, führte er mich zu meinem alten Zimmer zurück, damit ich meine Sachen packen konnte. Ich beeilte mich und verließ das Zimmer mit einem letzten Blick auf Lous Bett. Mir war plötzlich kalt geworden und das lag nicht an dem dünnen T-Shirt. Dexter führte mich eine gefühlte Ewigkeit durch die verzweigten Gänge und schließlich gelangten wir an einen Tunnel, der von zwei Wärtern versperrt wurde. Er zeigte die Schlüssel, die ihm Amber Notker gereicht hatte, und sagte ausdruckslos: „Achat.“
Die beiden Männer musterten mich kurz und angespannt, dann ließen sie uns in den Tunnel hinein. Er war mit grellen Lichtern erhellt und ich musste die Augen zusammenkneifen, weil es so blendete. Am Ende des Tunnels traten wir durch eine weitere Tür und ich hörte Dexters raue Stimme über mir. „Willkommen in Abteil 2.“
Ich erschauderte leicht und sah mich um. Es sah eigentlich genauso aus wie in den Gängen von Abteil 1. Überall liefen konzentrierte Red Eyes herum, manchmal erkannte ich auch einen Black Eye. Doch es gab etwas, was anders war, das merkte ich sofort. Die Türen von einigen Räumen standen offen und die Zimmer dahinter waren viel größer als die in Abteil 1. Außerdem waren es insgesamt weniger Türen und Räume und auch die Gänge erschienen mir ein bisschen übersichtlicher.
Dexter führte mich gar nicht allzu lange herum und schon bald blieb er vor einer schmalen Holztür stehen. „Dein neues Zimmer“, verkündete er. „Du wirst es dir diesmal mit David teilen, aber du kennst ihn ja jetzt schon halbwegs.“
Vorsichtig lugte ich an seiner Schulter vorbei, als er die Klinke nach unten drückte. Wir traten in einen Raum, der fast die gleiche Größe hatte wie der, den ich mir mit Lou geteilt hatte. An einer Wand stand ein breites Regal, an der anderen zwei Betten. Wieder führte eine zweite Tür in das abgetrennte Badezimmer.
Ich ließ den Blick zurück zu den Betten schweifen, neben denen jeweils ein Stuhl stand. Auf einem von ihnen saß David. Er hatte den Kopf erhoben und musterte mich aufmerksam, während sein Blick jeder einzelnen meiner Bewegungen folgte.
„Deine Mom wird bald hergebracht“, meldete sich Dexter von hinten.
Ich nickte stumm und ließ mich etwas steif auf mein neues Bett fallen.
„Ihr habt gute zehn Minuten, ich bin vor der Tür“, er warf mir einen vielsagenden Blick zu und verschwand kurz darauf.
„Wir sind jetzt also neue Zimmer… Gefährten?“, versuchte ich ein einfaches Gespräch anzufangen und sah ihn von der Seite an. Er drehte mir den weißen Schopf zu und die ungewöhnlichen, grau-violetten Augen richteten sich abermals auf mich. Als er nichts erwiderte, versuchte ich es weiter.
„Du bist aber kein Achat, oder?“
David zog die Brauen zusammen. „Achat?“
Ich war froh, dass er überhaupt sprach, auch wenn es nicht besonders viel war, und erklärte ihm, was ich von Amber Notker erfahren hatte. Er hörte aufmerksam zu, unterbrach mich kein einziges Mal und ich begann langsam, ihn irgendwie zu mögen.
Sobald ich geendet hatte, klopfte eine schwere Hand gegen die Tür und kurz darauf erschienen Dexters breite Schultern. Hinter ihm trat auch Carter ein, Davids Begleiter. Ich spürte sie, auch wenn sie hinter den beiden Männern noch nicht zu sehen war. Ich spürte sie und mein Herz begann zu rasen.
„Wir gehen etwas essen“, teilte Carter David mit und die beiden verließen den Raum. Als sie auf dem Gang verschwunden waren, konnte ich sie endlich sehen. Ich sprang auf und rannte zu meiner Mom, schlang ihr beide Arme um den Hals und drückte sie an mich. Sie erwiderte meine Umarmung mindestens genauso fest und stürmisch und ich vergrub leise schluchzend mein Gesicht in ihrer Schulter. Eine Weile standen wir einfach so da und hielten uns in den Armen. Ich genoss ihren warmen Atem an meiner Wange und ihre beruhigende Hand, die langsam über mein Haar strich. Als wir uns voneinander lösten, konnte ich kleine Tränen in ihren Augen erkennen. Mir selbst rannen sie nur so übers Gesicht und ich versuchte gar nicht erst, sie aufzuhalten – ich wollte es gar nicht.
„Ihr habt eine halbe Stunde, dann muss deine Mom wieder in ihr Zimmer“, erklang Dexters raue Stimme neben mir. Sein eiserner Blick verriet mir, dass ich mich fügen musste, deshalb nickte ich.
Nachdem er noch einmal meine Mom gemustert hatte, verließ er abermals das Zimmer und wir waren allein. „Mom …“
„Lass uns erstmal setzen“, unterbrach sie mich und ich erschauderte leicht, als ich ihre ungewohnt heisere Stimme hörte. Wir ließen uns auf meinem Bett nieder und sie nahm meine zitternden Hände in ihre. „Wie geht es dir?“
„Gut …“ Auf einmal hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte, deshalb hörte ich einfach nur zu, was sie mir erzählte.
„Weißt du … Ozea hat dir sicher auch erzählt, dass Lenn …, dass er den Krieg nicht gewinnen wird, oder?“
Ich nickte verwundert.
Sie atmete tief durch. „Aber damit war nicht gemeint, dass er den Krieg gegen die Gray Eyes oder gegen irgendein anderes Volk verlieren wird.“ Sie beugte sich vor und suchte meinen Blick. „Damit war gemeint, dass er den Krieg um dich nicht gewinnen wird. Er wird dich verlieren und“, sie wurde leiser, „so ist es nun auch gekommen.“
Ich blinzelte heftig. Der Blick meiner Mom brach mir fast das Herz. Ihre Augen waren dunkel vor Kummer, Schmerz und Verzweiflung.
„Er ist nicht mein Dad“, meine Stimme klang unwirklich. „Warum habt ihr mich die ganze Zeit angelogen?“
Sie drückte meine Hände. „Uns ging es immer nur darum, dich zu beschützen. Hättest du gewusst, dass du ein Mutant bist, wäre das zu gefährlich gewesen.“
„Warum?“ Ich biss mir auf die Lippe. „Ich wäre doch nicht so dumm gewesen und hätte mich selbst verraten.“
Mom schüttelte nur den Kopf. Ich fluchte leise und versuchte, mich zu konzentrieren. „Stimmt es, dass Lenn und Peroll … das sie tot sind?“
Sie schien förmlich in sich zusammenzusacken. „Ja. Beide sind sie … nicht mehr unter uns.“
„Aber Ozea lebt noch?“, fragte ich. Sie nickte. Auch wenn Lenn nicht mein Vater und damit nicht ihr richtiger Mann gewesen war, hatte sie ihn dennoch geliebt – und ich auch. Verdammt, er war für fünfzehn Jahre lang mein Dad gewesen. Wäre es möglich gewesen, hätte ich getrauert. Hätte mich auf ihrem Schoß zusammengekauert und hätte geweint, bis keine Träne mehr übrig war. Ich wäre in dieser dunklen Phase ertrunken wie ein hilfloses Kleinkind im offenen Meer. Aber ich konnte nicht. Ich konnte jetzt nicht trauern, auch wenn ich nichts lieber getan hätte. Ich musste weiterhin einen klaren Kopf bewahren, sonst würde ich durchdrehen. Und das würde nichts leichter machen – im Gegenteil.
„Die Red Eyes wollen sie aus irgendeinem Grund unbedingt lebendig. Vielleicht, weil sie eine so kluge Seherin ist und ihnen in vielen Bereichen hilfreich sein könnte“, meinte Mom. Sie wirkte trübsinnig und erschlafft, aber ich merkte auch, wie sie versuchte, ihren Kummer zu unterdrücken.
Für mich.
Ich stieß die angehaltene Luft aus. Die Frage lag mir seit der Sekunde auf der Zunge, in der ich erfahren hatte, dass Lenn nicht mein Dad war.
„Wer ist mein Vater?“
Mom begann ruckartig ihre Stirn zu massieren. „Das ist unwichtig.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das finde ich aber nicht.“
„Er hat uns im Stich gelassen, als ich kurz vor dem Entbinden war. Er hat sich gegen uns und für sein Volk entschieden! Er will von uns nichts wissen. Nicht einmal hat er nach dir fragen lassen. Nicht einmal habe ich wieder seinen Namen gehört. Nicht einmal habe ich ihn gesehen, seit er mich sitzenlassen hat!“, schrie sie plötzlich und ich sah sie erschrocken an.
„Mom, bitte“, fing ich an. „Es ist doch nur ein Name.“
Jetzt war sie es, die den Kopf schüttelte. „Dieser Name hat schon genug Schaden angerichtet, aber –“ Sie beruhigte sich ein wenig und seufzte. „Aber du hast Recht. Du sollst ihn wenigstens von mir hören anstatt von jemand anderem.“ Als sie mich ansah, funkelten ihre wunderschönen, grünen Augen wie geschliffene Smaragde. „Dein Vater ist Talis Water. Der Anführer der Blue Eyes.“
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