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Der Autor

Achim Lichtenberger (*1970) studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Evangelische Theologie an den Universitäten Münster, Rom und Berlin (HU). 2001 wurde er an der Universität Tübingen in Klassischer Archäologie promoviert. Nach Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent in Münster und Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Cambridge, habilitiert er sich 2008 in Münster und wurde 2010 zum Professor für Klassische Archäologie an die Ruhr-Universität Bochum berufen. 2016 nahm er einen Ruf nach Münster an und ist seitdem Professor für Klassische Archäologie und Direktor des Archäologischen Museums an der Universität Münster. In den letzten Jahren hat er archäologische Ausgrabungen in Jordanien, Armenien und Israel durchgeführt. Neben der Feldarchäologie befassen sich seine Arbeiten mit antiker Landschaft, Münzkunde, Religion und Herrschaftsrepräsentation im östlichen Mittelmeerraum.
Achim Lichtenberger
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Umschlagabbildung: Olymp von Westen aus. © Pixabay.
1. Auflage 2021
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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Umschlagbild: Getty Images
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ISBN 978-3-17-039616-6
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Inhalt
1 1 Annäherung: Der präsente Unbekannte
2 1.1 Der Olymp heute
3 1.2 Der Beginn der wissenschaftlichen Erforschung
4 1.3 Der Name Olympos
5 2 Texte: Ambiguität: Der Berg-Himmel
6 2.1 Der Olymp Homers
7 2.2 Der Olymp nach Homer: Berg, Himmel, Jenseits
8 3 Bilder: Der homerische Göttersitz
9 3.1 Die Götterversammlung
10 3.2 Die Geburt der Athena
11 3.3 Die Einführung des Herakles in den Olymp
12 3.4 Die Rückführung des Hephaistos in den Olymp
13 3.5 Der Sturz des Hephaistos aus dem Olymp
14 3.6 Die Gigantomachie
15 3.7 Apotheosen
16 3.8 Die Geburt des Hermes
17 4 Geographie: Der makedonisch-thessalische Berg
18 4.1 Das Olymp-Gebirge
19 4.2 Orte und Siedlungen am Olymp
20 4.3 Kriegsschauplatz Olymp
21 4.4 Gab es einen Altar und Mysterien auf dem Olymp?
22 4.5 Das Zeus Olympios-Heiligtum auf dem Agios Antonios
23 4.6 Profitis Elias und Agios Dionysios
24 5 Ideologie: Der Berg im Dienste der Politik
25 5.1 Dion
26 5.2 Die Kulturpolitik der makedonischen Könige und Zeus Olympios
27 5.3 Thessalische Olympia
28 6 Olympoi: Die Vervielfältigung eines Berges
29 6.1 Berge namens Olymp
30 6.2 Olympos – Personifikation und Person
31 6.3 Olympos und die Werkstatt des Hephaistos
32 6.4 Olympische Landschaft in Syrien
33 6.5 Das Tempetal in der Villa Hadriana
34 6.6 Die Lokalisierung des Hades
35 7 »Heilige Berge«: Der einzigartige Berg
36 7.1 Berge als Kultstätten
37 7.2 Berge des Zeus und sein Geburtsort
38 7.3 Mons Argaios – ein Berggott
39 7.4 »Heilige Berge« in Italien
40 7.5 »Heilige Berge« im nordwestsemitischen Raum
41 7.6 Der Olymp – ein »Heiliger Berg«?
42 8 Epilog
43 Nachwort
44 Glossar
45 Anmerkungen
46 Bibliographie
47 Abbildungsnachweis
48 Register
1 Annäherung: Der präsente Unbekannte
Für wohl keinen Ort der Antike klaffen die tatsächliche Kenntnis von dem Ort und die Präsenz des Ortes in der Vorstellung der Menschen so weit auseinander wie beim Olymp, dem Sitz der griechischen Götter. Das begann bereits in der Antike, und auch heute weckt der Olymp Assoziationen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Am ehesten vergleichbar mit dem Olymp ist noch der Hades, die Unterwelt, die für die Menschen der Antike in der Vorstellung präsent und selbstverständlich ein realer Ort war, doch von der niemand wirklich wusste, wie sie aussah.1 Außer wenigen Heroen wie Herakles hat niemand den Hades besucht und ist wieder auf die Erde zurückgekehrt.2
Anders müsste es sich eigentlich mit dem Olymp verhalten, einem Gebirgszug an der Grenze von Makedonien und Thessalien gelegen; sein höchster Gipfel ist mit 2 918 m über dem Meeresspiegel der höchste Ort Griechenlands (
Abb. 1).3 Man kann zu ihm hingehen und ihn sehen, auch wenn seine Gipfel häufig von Wolken verhangen sind. Der Olymp ist eine sehr reale Gegebenheit, eine wichtige Landmarke der Topographie Nordgriechenlands, er ist die Grenze zwischen Thessalien und Makedonien in der antiken Landschaft Pieria (
Abb. 2). Das Olymp-Massiv war und ist für Reisende physisch erfahrbar und ein reales Hindernis, welches umgangen werden muss. Insofern war es geostrategisch präsent und stellte für Heere und Reisende eine wichtige, topographische Gegebenheit dar. 168 v. Chr. wurde hier das Ende des makedonischen Königreichs besiegelt, als die Römer unter dem Feldherren und Politiker Aemilius Paullus in der »Schlacht von Pydna« in der Enge der Küstenebene die Makedonen vernichtend schlugen. Geographische Kenntnisse waren dabei entscheidend. Dennoch bleibt die antike Vorstellung von dem Götterberg Olymp diffus, und es stellt sich
Abb. 1: Ansicht des Olympmassivs von Osten.
die Frage, ob der Olymp nicht ebenso wie der Hades ein irrealer Ort gewesen ist.
In der religiös-mythologischen Aufladung ist er dem Hades vergleichbar. Der Olymp war Sitz und Wohnort der Götter. Hier hatten die Unsterblichen ihre Paläste, hier hielten sie die Götterversammlung, von hier beobachteten sie das Tun und Treiben auf der Erde, und immer wieder verließen sie den Olymp, um mit Menschen auf der Erde in Interaktion zu treten. Der Olymp ist dabei ein exklusiver göttlicher Ort, den Menschen nicht zugänglich – Götter und Menschen treffen nur auf der Erde aufeinander.
Die literarischen Zeugnisse, die sich auf den Olymp beziehen, werden im zweiten Kapitel diskutiert; gleich zu Beginn seien zwei Stellen aus der Ilias, dem großen Epos des Homer, zitiert, aus denen deutlich wird, dass der Olymp der Sitz des Zeus und weiterer Götter ist. Die Lebenszeit Homers kann gegen 700 v. Chr. angesetzt werden, und seine Epen kondensieren und prägen die Vorstellungen der Griechen von ihren Göttern.4
Abb. 2: Siedlungen und Landschaften am Olymp.
Die erste Beschreibung des Olymps in der antiken Literatur findet sich gleich im ersten Buch der Ilias.5 Da heißt es über Thetis, die zu Zeus ging:
»Und stieg in der Frühe hinauf zum großen Himmel und zum Olympos und fand den weitumblickenden Kroniden, wie er entfernt von den anderen saß auf der höchsten Kuppe des vielgipfligen Olympos.« (Hom. Il. 1,497–499)
In diesem Text wird der Olymp als der Sitz des Zeus auf einem Berg mit vielen Gipfeln beschrieben, zugleich wird deutlich, dass er gedanklich dem Himmel angenähert ist. Diese Idealisierung und Distanzierung des Olymps findet sich auch in anderen Zeugnissen Homers. So heißt es in Homers Ilias als Hera in den Himmel fährt:
»Von selber dröhnten auf die Tore des Himmels, die die Horen hüten, Denen anvertraut ist der große Himmel und der Olympos, Bald zurückzuschieben die dichte Wolke, bald vorzulegen.« (Hom. Il. 5,749–751)
Hier sehen wir, dass der Olymp nicht als Berg vorgestellt ist, sondern dem Himmel gleichgestellt wird, seine Tore werden von den Horen, also den Göttinnen der Jahreszeiten, bewacht, welche die Wolken als Tore schieben. In den beiden Texten aus der Ilias wird der Olymp also unterschiedlich akzentuiert, einmal als Berg, einmal als himmlischer Göttersitz.
Zeus hielt auf dem Olymp Hof, und entsprechend ist der Olymp auch Namensgeber des wichtigsten Beinamens des Zeus, der Olympios war. Der Beiname Olympios im Singular ist fast nur für Zeus belegt.6 Gelegentlich konnte auch Herakles diesen Beinamen tragen (nach seiner Aufnahme in den Olymp),7 und es gibt wenige Belege für Göttinnen wie Hera in Olympia, Aphrodite in Sparta, die Erdgöttin Gaia in Athen, Demeter, Artemis in Eretria (abgeleitet von einem dortigen Olymp), die Geburtsgöttin Eileithyia in Olympia und Nike in Athen.8 Im Vergleich zu den hunderten Belegen für Zeus Olympios ist das wenig, und man kann die Belege als Ausnahmen werten, welche die Regel bestätigen, dass Zeus und der Olymp auf das engste miteinander verbunden waren. So überrascht es auch nicht, dass eines seiner wichtigsten Heiligtümer, das auf der mehrere hundert Kilometer entfernten Peloponnes gelegene Olympia, sich aus demselben Wortstamm ableitet. Die Götter insgesamt wurden auch als Olympische – nach ihrem Wohnsitz – bezeichnet.9
Dennoch, und das sei vorweggenommen, war die räumliche Inbesitznahme des Berges Olymp – sei es durch Besuche, sei es durch Bauwerke – in der Antike und in der gesamten Vormoderne unterentwickelt. Insofern ist er tatsächlich dem Hades vergleichbar als ein präsenter, aber eben doch auch unbekannter Ort.
Im Folgenden sollen Grundzüge der Geschichte des Bergs Olymp in der Antike behandelt werden. Dabei wird einerseits betrachtet, welche Vorstellung die Antike von dem Olymp als Sitz der Götter hatte, andererseits wird untersucht, wie der tatsächliche Ort in der Antike aussah und durch menschliche Aktivitäten gefasst war. Es geht also um ein zentrales Thema der Klassischen Archäologie, nämlich um das Verhältnis von Texten zu Monumenten. Zur Einführung in das Thema seien eine Photographie des Berges Olymps und ein Ausschnitt aus der Götterversammlung im Ostfries des Parthenon von Athen nebeneinandergestellt (
Abb. 3 und
Abb. 4).

Abb. 3: Die Gipfelregion des Olymps.
Das Bild zeigt ein Gebirge mit zahlreichen, dicht beieinanderliegenden Gipfeln. Dieses ist das Olympgebirge, mit dessen Topographie wir uns noch genauer beschäftigen werden. Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass es in seiner schroffen Morphologie durchaus charakteristische Züge aufweist, die – auch das sei vorweggenommen – nie in einer bildlichen Darstellung der Antike erscheinen. Wir besitzen keine antike Darstellung des Berges, welche die geographischen Charakteristika

Abb. 4: Ausschnitt aus dem Bild der Götterversammlung im Ostfries des Parthenon von Athen: Hermes, Dionysos, Demeter und Ares. Die Pfeile bezeichnen Steine, Mitte 5. Jh. v. Chr., London, British Museum.
prägnant in Szene setzt, doch gibt es einige Bilder, die durchaus die Vorstellung vom Olymp als eines Berges mitberücksichtigen. Das ist bemerkenswert, denn von einigen anderen Bergen, wie etwa dem Ararat in Armenien (
Abb. 5), dem Vesuv in Italien oder dem Mons Argaios in der heutigen Türkei (
Abb. 60–62) besitzen wir antike Darstellungen, die recht genau die morphologischen Charakteristika des jeweiligen Berges ins Bild setzen.10 Die frühesten dieser realistischen Bergdarstellungen, die wir kennen, stammen allerdings erst aus dem Späthellenismus (1. Jh. v. Chr.).11
Obschon auf dem Berg Olymp kaum archäologische Spuren zu finden sind und es kaum Darstellungen des Olymps in der Bildkunst gibt, kann die Archäologie dennoch dazu beitragen, die antike Vorstellung von dem Göttersitz besser zu verstehen. Es zeigt sich, dass er auf vielfältige Weise in archäologischen Zeugnissen präsent ist.
Schauen wir auf den Ausschnitt des Parthenonfrieses mit der Götterversammlung, die auf dem Olymp stattfindet, so sehen wir, dass dieser nicht zu den Bildern gehört, welche an die konkrete Topographie des Berges anknüpfen; allerdings können wir Aspekte sehen, die uns über die grundsätzliche Vorstellung vom Olymp Auskunft geben.
Abb. 5: Bronzemünze von Königin Erato und König Tigranes IV. von Armenien mir Ansicht des großen und des kleinen Ararat auf der Rückseite, ca. 2 v. Chr.–1 n. Chr.
Der Parthenon, eines der wichtigsten Denkmäler des klassischen Athens, wurde 447–438 v. Chr. gebaut und ist als Tempel der Athena Parthenos ein Monument der Bürgerschaft von Athen.12 Auf dem Parthenonfries konstituiert sich die Polis, also die Stadt Athen. Dargestellt ist der alle vier Jahre stattfindende Panathenäenzug, ein Festzug zu Ehren der Stadtgöttin Athena. Der Fries läuft oben an der Cella entlang. Der Panathenäenzug wird zweizügig – das heißt von zwei Seiten startend und gegenläufig – dargestellt. Auf der Ostseite, der als Eingang des Tempels wichtigsten Seite eines griechischen Tempels, gipfelt das Geschehen im Zielpunkt des Festzuges, nämlich der Übergabe eines neuen Gewands für die Stadtgöttin Athena an einen hohen Kultbeamten der Stadt, oder nach einer neuen Deutung in der Vorbereitung eines mythologischen Menschenopfers.13 In unserem Zusammenhang ist die genaue Bedeutung der Szene zweitrangig. Wichtiger ist das, wovon die Versammlung eingefasst wird. Denn umgeben ist diese Szene von einer Götterversammlung. Diese ist dem Geschehen vollkommen enthoben, und die thronenden Götter sind alle deutlich größer als die Sterblichen und die Heroen des Zuges. Untersuchungen zur Raum- und Zeitauffassung des Parthenonfrieses haben deutlich gemacht, dass es ein Hin und Her der Bewegungen gibt und auch Brüche. Insgesamt ist aber eine zeitliche und räumliche Einheitlichkeit zu beobachten, die durch den Auftritt der Götter durchbrochen wird.
Die Götter sind auf Sitzmöbeln in der Götterversammlung gezeigt, welche nur im Olymp gedacht sein kann. Sie sind dem Geschehen vollständig enthoben und scheinen nicht darauf zu reagieren, insbesondere nicht auf die Mittelszene, von der sie abgewandt sind. Ihre Anordnung erfolgt paarweise: von links nach rechts Hermes und Dionysos, Demeter und Ares (
Abb. 4), Hera (mit Iris) und Zeus. Dann folgen Athena und Hephaistos, Poseidon und Apollon sowie Artemis und Aphrodite (mit Eros). Die Götter sind durch Attribute behutsam gekennzeichnet, sitzen auf Hockern bzw. Zeus auf einem Thron. Bemerkenswerterweise fehlt bei dieser Götterversammlung eine Ortsangabe. Der Olymp ist hier nicht als Berg visualisiert bzw. konkretisiert – lediglich ein paar umherliegende Steine kann man vorsichtig auf den felsigen Olymp beziehen.14 Im Bild überwiegt, dass die Götter über allem und dem Menschlichen stehen; das Menschliche ist wiederum auf die Götter bezogen, die sich aber selbst genug sind.15
Stellt man die Photographie des Berges Olymp und die Darstellung der Götterversammlung im Olymp nebeneinander, so muss man feststellen, dass der Kontrast zwischen dem realen und dem vorgestellten Raum nicht größer sein könnte. Es ist eine banale Beobachtung, die aber formuliert werden muss: Ein Versuch, die tatsächliche Topographie des Olymps in das Bild der Götterversammlung zu integrieren, ist kaum unternommen worden. Der einzige, aber eben entscheidende Vergleichspunkt besteht in dem Charakteristikum des allem Menschlichen enthoben Seins.
1.1 Der Olymp heute
Mittlerweile wird der Olymp jedes Jahr von tausenden Bergsteigern erklommen. Es gibt Schutzhütten, Wanderwege und Karten, und das ganze Bergmassiv ist bis in den letzten Winkel mit modernster Technik vermessen.16 Trotz dieser Erschließung und Erforschung bleibt der Olymp doch ein zutiefst imaginärer Berg, der in der Populärkultur vielfältige Assoziationen erweckt, die sehr lose um das Thema »Sitz« und »göttlich« kreisen.

Abb. 6: Kratzbaum Modell »Olymp« der Firma Albert Kerbl GmbH.
So wirbt eine deutsche Friseursalonausstattungsfirma »Olymp« mit besonders qualitätvollen Friseurstühlen.17 Mit denselben Assoziationen, allerdings auf die in der westlichen Welt mit einer göttlichen Aura versehenen Hauskatzen bezogen, spielt eine Firma für Tierbedarf an, die ein Kratzbaummodell mit erhöhtem Katzensitz mit dem Namen »Olymp« anbietet (
Abb. 6). Weit hergeholt, aber im Kern noch erkennbar, ist die Wahl des Firmennamens »Olymp« für einen führenden Hersteller mobiler Toilettenkabinen (sog. Dixi-Klos) (
Abb. 7). Abgeschiedenheit und Sitzen mögen hier die Namenswahl beeinflusst haben. Noch loser wird die Bezugnahme auf den Berg Olymp bei der

Abb. 7: Mobile Toilettenkabine der Firma Olymp.
Herrenoberbekleidungsfirma Olymp, die ihren Firmennamen damit erklärt, dass Sie Hemden produziert, mit denen sich erfolgreiche Männer »im persönlichen Olymp« fühlen sollen.18 Die Übertragbarkeit und Universalität der Idee vom Olymp, die nicht an den nordgriechischen Berg gebunden ist, wird hier deutlich, wobei sie zusätzlich noch individualisiert wird. Der Olymp ist potentiell überall.19 Diese örtliche Übertragbarkeit des Olymps ist vielfach zu beobachten. Ein aktuelles Beispiel ist die erfolgreiche Jugendbuchreihe »Percy Jackson«, in der der Olymp kurzerhand nach New York verlegt wurde.20 Die Universalität des Olymps wird auch anhand eines weiteren Beispiels deutlich. Die japanische Firma Olympus ist bekannt für optische Geräte, darunter Kameras. Gegründet wurde die Firma 1919 in Tokyo unter dem Namen Takachiho Seisakusho.21 Der Takachiho mit dem Gipfel Takamagahara ist ein Berg, der in der japanischen Mythologie Ort der Götter und des Lichts ist. Da der für westliche Käufer sperrige Name Takachiho Seisakusho zu kompliziert war, wurde die Firma 1949 in Olympus umbenannt, was sicher dazu beitrug, dass die Firma heute ein Weltmarktführer für optische Geräte ist. Diese Übertragung unterstreicht die Wirkmächtigkeit und Anschlussfähigkeit der Olympidee.22
Die Beispiele zeigen, dass ähnlich wie in der Antike auch heute der Olymp Projektionsfläche von Vorstellungen des kollektiven Gedächtnisses ist, wobei diese Vorstellungen nicht zwingend etwas mit dem nordgriechischen Berg und seiner realen Topographie zu tun haben.
1.2 Der Beginn der wissenschaftlichen Erforschung
Die Erkundung und wissenschaftliche Erforschung des Olymps begannen bereits in der Antike. Die Vorstellung, die Homer von der Höhe des Berges hatte, dass man nämlich von ihm einen ganzen Tag herunterfalle,23 wurde später nüchterner gesehen. So berichtet Plutarch, ein Autor des 2. Jh. n. Chr., in seiner Biographie des römischen Feldherren Aemilius Paullus Folgendes:24
»Hier erhebt sich das Olymposgebirge zu einer Höhe von mehr als zehn Stadien. Das wird in einer Inschrift des Mannes bezeugt, der sie gemessen hat, folgendermaßen:
›Des Olympos Gipfel über dem Pythion Apollons
Hat eine heilige Höhe – sie ward nach dem Senkblei gemessen –
Von einer vollen Zehnheit von Stadien, darüber hinaus noch
Von hundert Fuß, vermindert um vier.
Des Eumelos Sohn hat diese Messung vollzogen,
Xeinagores. Du Herrscher, sei gnädig und verleihe ihm Gutes‹
Allerdings behaupten die Geographen, daß weder die Höhe eines Berges noch die Tiefe eines Meeres zehn Stadien übersteige; aber Xenagoras scheint seine Messung nicht nur oberflächlich, sondern kunstgerecht und mit Hilfe von Instrumenten gemacht zu haben.« (Übersetzung: Konrat Ziegler)
Soweit Plutarch. Leider wissen wir nicht genau, wann dieser ansonsten unbekannte Xenagoras die Messung vorgenommen hat; es wird angenommen, dass er im ersten Drittel des 2. Jh.s v. Chr. lebte.25 Das Ergebnis von seiner Messung ist erstaunlich: ein Stadion sind 600 Fuß. Insgesamt ist die gemessene Höhe also 6 096 Fuß. Legt man einen griechischen Fuß von 30,7 cm zu Grunde, so ergibt sich eine Höhe von 1 871,47 m. Da natürlich nicht die absolute Höhe gemessen wurde, sondern die relative, muss die Höhe des Standortes noch einbezogen werden. Das Heiligtum von Pythion wird bei dem Dorf Selos am westlichen Fuß des Olymps lokalisiert.26 Zu dieser Ortslage muss man die rund 900 Höhenmeter des Standortes hinzurechnen und käme so zu einer Höhe des Berges von 2 771 m, was den heute gemessenen 2 918 m des höchsten Gipfels erstaunlich nahe kommt. Das Ergebnis ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass Xenagoras möglicherweise gar nicht den höchsten Gipfel Mytikas gemessen hat, sondern jenen Gipfel, vor dem er in Pythion/Selos genau stand, nämlich den Agios Antonios, der auf 2 817 m liegt (
Abb. 37). Wahrscheinlich hat Xenagoras mit einem Winkelmessgerät, der sogenannten Dioptra, die Höhe bestimmt.27 Auch mit diesem Gerät bleibt es eine herausragende Leistung, da zur Bestimmung der Höhe die Kenntnis der genauen Entfernung zum Fußpunkt des Berges fehlte. In der Antike gab es immer wieder Versuche, Berghöhen zu messen, uns liegt jedoch keine weitere Überlieferung zum Olymp vor.28 In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass in der Antike der Olymp nicht als der höchste bekannte Berg galt, sondern Kenntnis davon bestand, dass es höhere Berge gab.29
Plutarchs Bericht über Xenagoras ist das einzige Zeugnis für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Antike mit der Geographie des Olymps. Erwähnt wird der Olymp immerhin in dem Werk des alexandrinischen Geographen Klaudios Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.). Dort ist in seiner Geographie in Buch III Kapitel 12,16 der Breitengrad 39 Grad 20 Minuten für Olymp, Ossa und Pelion angegeben. Tatsächlich ist der Breitengrad aber 39 Grad 40 Minuten, eine Abweichung, die nicht gravierend und auf das Berechnungsverfahren von Ptolemaios zurückzuführen ist.30
Gibt es Hinweise darauf, dass der Olymp in der Antike bestiegen wurde? Auf einem Nebengipfel des Olymps, dem Agios Antonios, gab es in frühhellenistischer Zeit, im 3. Jh. v. Chr. ein Heiligtum des Zeus Olympios, welches in der Spätantike noch einmal für einige Zeit genutzt wurde.31 Dieses Heiligtum ist der einzige Hinweis für menschliche Präsenz auf dem Olymp in der Antike. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass Bergsteigen aus ästhetischen Gründen erst ein Phänomen seit dem 17. Jh. ist, und es für Menschen der Antike eigentlich nur zwei Gründe gab, einen Berg zu besteigen. Und das waren entweder wirtschaftliche Gründe im Kontext von Weidewirtschaft32 oder religiöse, wie wir an Bergheiligtümern anderenorts feststellen können.33 Daher können wir davon ausgehen, dass nur für die kurze Zeit der Nutzung des Heiligtums auf dem Agios Antonios der Olymp von Menschen besucht wurde, denn für Weidewirtschaft war die karge Gipfelregion nicht geeignet. Insgesamt gilt es zu berücksichtigen, dass Berge in der Antike Orte waren, die eine Andersartigkeit (Alterität) gegenüber der Stadt und der Zivilisation aufwiesen, und entsprechend nicht bevorzugte Aufenthaltsorte von Menschen waren.34 In Krisenzeiten konnten Bergregionen daher auch Rückzugsgebiete sein.35
Nach dem 2. Jh. n. Chr. fehlen weitere Quellen, die uns über eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Olymp berichten. In der Spätantike und im Mittelalter gibt es zwar Berichte darüber, wie der Gipfel des Olymps ausgesehen haben soll und welche geheimnisvollen Handlungen dort stattgefunden haben sollen, doch sind diese Berichte stark legendarischer Natur und gehen nicht auf eine tatsächliche Inaugenscheinnahme oder aufklärerische Auseinandersetzung mit dem Berg zurück, wie sie etwa Xenagoras oder Ptolemaios beabsichtigten.36 So gerät der nordgriechische Olymp für mehrere Jahrhunderte aus dem Fokus des Interesses.
Als unzugänglicher Ort war der Olymp unter osmanischer Herrschaft ein Rückzugsgebiet für die Klephten, je nach Perspektive Räuber oder Freiheitskämpfer, und wegen der unsicheren Lage wagten sich nur wenige westliche Forschungsreisende in die Gegend.37 Einer der frühesten Berichte stammt von dem englischen Arzt Edward Brown, in dessen 1673 erschienenem Reisebericht, der allerdings den Olymp nur aus einiger Entfernung beschreibt.38 Er erwähnt aber den Schnee auf dem Olymp, der, wie wir heute wissen, nur im August und September fehlt.39 Der Bericht von Brown ist für den Göttinger Theologen Johann Karl Volborth 1776 eine wichtige Quelle für seine geographisch-philologische Schreibtischarbeit zum Olymp.40 Brown erwähnt, dass der türkische Sultan Mehmed IV. (1648–1687) 1669 auf einen der Gipfel geritten sei.41 Der erste westliche Reisende der Neuzeit, der 1780 den Versuch einer Besteigung des Olymps unternahm, war Charles Sigisbert Sonnini, den Aufstieg jedoch kurz vor einem der Gipfel (wir wissen nicht genau, welcher) abbrach. Den von ihm erreichten Gipfel beschreibt er folgendermaßen:
»So lange wir noch Bäume und Stauden hatten, um uns daran zu halten, so lange konnten wir immer aufwärts kommen; allein in einiger Entfernung von dem Gipfel des Berges ist alle Vegetation erstarrt und die Natur bringt durchaus nichts mehr hervor. Dieser Gipfel ist ganz nackend und stellt eine mit Schnee und Eis bedeckte runde Wölbung vor, auf der es unmöglich ist, sich aufrecht zu halten oder gar zu gehen. Man darf sich nicht verwundern, dass die Griechen eine Bergspitze, die nie ein menschlicher Fuß betreten kann, zum Wohnort der Götter gemacht haben.«42 (Übersetzung: Achim Lichtenberger)
Trotz aufklärerischer Perspektive ist nicht zu übersehen, dass Sonninis Bericht von Phantastik durchsetzt ist, und man fragt sich, ob er überhaupt jemals den Gipfel gesehen hat oder er durch literarische Texte inspiriert war.43 Bemerkenswert ist das Motiv, dass der Gipfel nicht von Menschen betreten werden könne – eine Distanzierung, die bereits bei Homer angelegt ist.
Der nächste, der über den Olymp berichtet, ist der Griechenlandreisende William Martin Leake, der 1806 die Küstenebene und das Vorgebirge des Olymps besuchte und eine Beschreibung hinterließ, ohne aber den Olymp selbst bestiegen zu haben.44
Eine ausführliche Beschreibung des Olymps verdanken wir dem schottischen Diplomaten David Urquhart, der 1830 den Olymp besuchte.45 Mit der Hilfe eines Räuberhauptmanns klettert er im Olympgebirge, und Urquhart scheint sogar zu Nebengipfeln gelangt zu sein. Leider ist unklar, welche Gipfel er erreicht hat, da er in seinem Reisebericht Namen für die Höhen überliefert, die nicht mit den späteren Bezeichnungen übereinstimmen.46
Zu ungefähr derselben Zeit findet die erste nachweisbare Höhenmessung seit Xenagoras statt. Das englische Militär nimmt 1831 eine trigonometrische Höhenmessung vor und bestimmt die Höhe des Hauptgipfels mit 2 974 oder 2 973 m.47
Einen anschaulichen Bericht der Besteigung des Olymps im Jahr 1840 liefert uns der Philosoph und Schriftsteller Gustav von Eckenbrecher.48 Von Eckenbrecher ist von Larissa, also von Süden, aus aufgestiegen und beschreibt die Topographie und Vegetation des Olympgebirges. Er scheint entweder den Gipfel Agios Antonios oder den Skolio erreicht zu haben und berichtet:49
»Auf dem Gipfel (…) fand ich einen antiken Fußboden von Fliesen aus rothgebranntem Thon, die etwa 1 ½ Fuß im Quadrat und 2 Zoll Dicke hatten.«50
Leider gibt es keine weiteren Berichte zu diesem Befund, und es muss unklar bleiben, was von Eckenbrecher gesehen hat und aus welcher Zeit es stammte. Sollte von Eckenbrecher Funde auf dem Agios Antonios beschreiben, dann könnte er der Entdecker des dortigen hellenistischen Heiligtums sein.51
Ein Meilenstein in der wissenschaftlichen Erforschung des Olymps und seiner Umgebung ist die Arbeit des französischen Archäologen Leon Heuzey, der Grundlagenarbeiten zur Topographie Nordgriechenlands geschrieben hat. Sein auf Französisch verfasstes Buch »Der Berg Olymp und Akarnanien« von 1860 geht auf Reisen im Jahr 1855 zurück.52 Heuzey selbst scheint auch nur einen Nebengipfel des Olymps bestiegen zu haben, und seine Beschreibungen der konkreten Topographie des Berges sind streckenweise unklar. Sein Verdienst besteht darin, die literarischen Quellen ausgewertet, eine topographische Analyse des Umlandes gemacht und Ortslagen, wie das bereits erwähnte Pythion, identifiziert zu haben. Seine Arbeit bleibt bis heute der Ausgangspunkt für jede landeskundliche Beschäftigung mit dem Olymp.
Auch der berühmte Afrikareisende Heinrich Barth war 1862 am Olymp und hat den Nebengipfel Agios Elias bestiegen. Dabei musste er feststellen, dass es in der Nähe höhere Gipfel gab.53
Bis zur Jahrhundertwende fanden verschiedene Vermessungsexpeditionen in der Region statt, insbesondere durch österreichische Unternehmungen.54 Dennoch wagte man sich kaum in das Olympgebiet, das weiterhin fest in der Hand der Klephten war, weshalb eine exakte topographische Vermessung und weitere Erforschung bzw. Besteigung der Gipfel unterblieb. Diese erfolgte erst, als das Olympgebiet nach dem Balkankrieg 1912 an Griechenland fiel und Sicherheit in der Region einkehrte.
Zuvor wurde noch der deutsche Bergsteiger und Reisende Edward Richter 1911 am Olympmassiv von Klephten gekidnappt und kam erst nach mehrmonatiger Gefangenschaft und Zahlung eines hohen Lösegelds wieder frei. Sein Bericht ist ein anschauliches Dokument einer Zeit, in der die Grenze zwischen dem Osmanischen Reich und Griechenland südlich des Olymps lag, und hier Räuber operierten. So beschreibt er die Situation:
»Obwohl die meisten nach Konstantinopel fahrenden Schiffe am Fuße des Olymps vorüberziehen und obwohl Salonik in der Luftlinie nur etwa achtzig Kilometer entfernt ist, bildet das Olympgebirge doch ein Gebiet, das ›unbekannter als die meisten Gegenden Zentralafrikas‹ ist. Eine sehr geringe Anzahl von ›Europäern‹ (die Orientalen zählen sich selbst nicht zu den Europäern) hat dieses Gebiet betreten. Nur ein Geograph und zwei oder drei Geologen haben je einen Teil des Gebirges beschrieben. Der Grund der Unbekanntheit dürften die Schwierigkeiten sein, welche der Reisende zu überwinden hat: Gasthäuser in unserem Sinne gibt es dort nicht, die Straßen sind sehr schlecht, Wege sind nicht gebahnt, sondern nur ausgetreten, ferner erteilt die türkische Regierung (…) sehr ungern die Erlaubnis zum Betreten der fern von Verkehr liegenden Gebiete. Auch an der Schwierigkeit einer Verständigung mit der Bevölkerung und den Lokalbehörden dürften manche Dinge scheitern. Am meisten verhindert aber die große Unsicherheit den Besuch. Ist doch das Olympgebirge das berüchtigtste Räubernest Europas. Man kann aus diesem Grunde dort auch nur unter dem Schutz einer Bedeckung reisen, die, wenn die Erlaubnis erteilt ist, von den türkischen Behörden bereitwillig von Station zu Station mitgegeben wird.«55
Richter reiste mit einer österreichischen Karte, die jedoch ungenau war, und an deren Korrektur er arbeitete, als er entführt wurde und seine beiden türkischen Begleitsoldaten erschossen wurden. Nach seiner Freilassung aus der Geiselhaft hat sich Richter weiter um die Erforschung des Olymps verdient gemacht.56
Die Erstbesteigung des höchsten Gipfels des Olymps, des Mytikas, erfolgte durch zwei Schweizer Bergsteiger und einen griechischen Führer: Daniel Baud-Bovy, Fred Boissonnas und Christos Kakalos. Sie erreichten den Gipfel am 2. August 1913.57 Ein Jahr später, ohne Kenntnis der Erstbesteigung, erklommen Francis Farquhar und Aristides Phoutrides den dritthöchsten Gipfel Skala und brachten erstmals eine umfangreiche Photodokumentation von ihrem Aufstieg mit.58
Im Jahr 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde schließlich der Schweizer Geograph Marcel Kurz vom griechischen Ackerbauministerium mit einer exakten topographischen Aufnahme des Olympmassivs betraut. Vier Jahre später publizierte er das Werk »Le Mont Olympe« (1923) mitsamt zwei hervorragenden Karten, die bis heute grundlegend sind (
Abb. 37).59 Das Buch bietet außerdem zahlreiche Photographien, die eine visuelle Vorstellung des Gebirges erlauben. Darüber hinaus ist die Forschungsgeschichte aufgearbeitet. Eines der Fotos zeigt den mittlerweile friedlich gewordenen Räuberhauptmann, der einst Richter entführt hatte.
Das Buch von Kurz aus dem Jahr 1923 und die Arbeit von Heuzey aus dem Jahr 1860 sind bis heute die einzigen wissenschaftlichen Monographien zum Olymp.60 Aus archäologischer Sicht sind nur wenige Studien zu dem Berg erfolgt, ein archäologischer Survey des Gebirges hat noch nicht stattgefunden, und bislang wurden nur wenige archäologische Stätten identifiziert.61 Auch ansonsten haben sich die klassischen Altertumswissenschaften kaum mit dem Berg beschäftigt.62 Eine Studie zur bildlichen Darstellung bzw. zu den Raumvorstellungen des Berges fehlt, obschon es Untersuchungen zu Einzelaspekten wie etwa dem Bild der Götterversammlung gibt.63 Auch die Klassische Philologie und die Alte Geschichte ignorieren den Berg weitgehend.64 In den letzten Jahren sind zwar im Zuge des sogenannten spatial turn, der sich übergreifend mit kulturellen Aspekten von »Räumen« befasst, Berge in der Antike verstärkt ins Interesse der Kulturwissenschaften getreten, doch bleibt der Olymp weiterhin faktisch unbeachtet.65
1.3 Der Name Olympos
Ein nicht unwichtiger Aspekt der Erforschung des Olymps ist die Frage danach, was das Wort »Olympos« überhaupt bedeutet. Der Versuch einer Beantwortung der Frage ist allerdings fruchtlos. Denn die Wortbedeutung des Begriffs Olympos ist ungeklärt. Verschiedene Vorschläge wurden gemacht. So weist der Sprachforscher August Fick den Namen einer »vor-pelasgischen« Sprachstufe zu.66 Diese Herleitung macht es sich einfach, verlagert sie doch die Antwort in eine dunkle mythische Vorzeit. Der Religionswissenschaftler Martin P. Nilsson hält den Namen ebenfalls für vorgriechisch und möchte ihn auf ein ansonsten unbekanntes Wort für »Berg« zurückführen.67 Eine allgemein akzeptierte Deutung des Namens gibt es nicht.68 Bei der Überlegung, dass Olympos eine vorgriechische Bezeichnung für Berg sei, spielt die Verbreitung des Bergnamens in Mittelmeerraum eine Rolle (
Abb. 47). Der Name ist vielerorts für große Berge belegt,69 doch ist gerade die Verbreitung in Gebieten, die nicht im griechischen Kerngebiet liegen, wie etwa Zypern und Lykien, ein Hinweis darauf, dass keine gemeinsame Sprachform vorliegt, sondern dass die Verbreitung des Namens auf die Vorbildfunktion des nordgriechischen Berges zurückgeht, dessen Etymologie weiterhin unsicher bleibt.
Auch die antiken Etymologien des Namens Olympos vermögen keine überzeugenden Erklärungen zu liefern. Ein hellenistischer Text, der fiktiv dem Universalgelehrten Aristoteles zugeschrieben wurde und das byzantinische lexikalische Sammelwerk Etymologicum magnum möchten Olympos von dem griechischen Wort hololampes (»ganz leuchtend«) ableiten und verweisen auf eine Stelle in der Odyssee des Homer, welche den Olymp als strahlend hell beschreibt.70 Leider ist dies keine sprachwissenschaftlich akzeptable Etymologie, sondern eine gelehrte Spielerei mit einem Homerzitat, sodass die Bedeutung des Namens Olympos ungeklärt bleiben muss.71 Auch die mythologische Herleitung des Namens von einem Lehrer des Zeus namens Olympos, von dem Zeus laut dem griechischen Geschichtsschreiber Diodor (1. Jh. v. Chr.) den Beinamen Olympios übernommen habe,72 kann nicht überzeugen und ist wahrscheinlich eine von zwei Varianten der Vorstellung, dass Zeus einen Lehrer namens Olympos gehabt habe. Einen solchen soll es auch auf Kreta gegeben haben, und er wurde von Zeus getötet und bestattet. Auch dabei handelt es sich um eine sekundäre Aitiologie, also eine nachträgliche Erklärung des Namens.73 Dass der Berg nach einem weit hergeholten Beinamen des Zeus benannt wurde, ist eher unwahrscheinlich. Naheliegender ist, dass Zeus seinen Beinamen von dem Berg Olympos bekam, dessen Etymologie im Dunkeln bleibt.
2 Texte: Ambiguität: Der Berg-Himmel
Der Olymp ist in der Vorstellung der Griechen von Beginn der schriftlichen Überlieferung präsent.1 Schon bei Homer findet sich die Vorstellung, dass der Sitz der Götter auf dem Olymp lag. Dabei ist der Olymp als Berg, und zwar als ein konkreter Berg in Thessalien und Makedonien, gedacht. Zugleich können wir eine parallele Vorstellung beobachten. Bei Homer und insbesondere in der Folgezeit löst sich die Vorstellung vom Olymp als eines konkreten Berges in Nordgriechenland, und der Olymp bekommt eine übertragene Bedeutung und wird mit dem Himmel gleichgesetzt. Trotzdem bleibt die Vorstellung des Olymps als eines Berges bestehen, auch wenn diese nicht dominiert. Der Olymp ist also ein Berg-Himmel. Wir werden im Folgenden sehen, dass bereits Homer kein kohärentes, theologisch scharf abgegrenztes Bild des Olymps entwirft, sondern Ambiguität (Doppeldeutigkeit) den Olymp charakterisiert und daraus die panhellenische, gesamtgriechische Attraktivität des Olymps resultiert.
2.1 Der Olymp Homers
Wie üblich bei der Beschäftigung mit griechisch-römischer Kultur, stellt Homer den Ausgangspunkt dar. Das griechische Pantheon, die Welt der Götter und ihre Zuordnungen, wurde von Homer im späten 8. Jh. v. Chr. fixiert und geprägt. Der griechische Historiker Herodot schreibt im 5. Jh. v. Chr. in seinen Historien Folgendes über die griechische Götterwelt:
»Aber woher jeder einzelne Gott stammte oder ob sie schon immer alle da waren, wie sie aussahen, das wußten die Griechen sozusagen bis gestern und vorgestern nicht. Hesiod und Homer haben meiner Meinung nach etwa 400 Jahre vor mir gelebt, aber nicht mehr. Sie haben den Stammbaum der Götter in Griechenland aufgestellt und ihnen ihre Beinamen gegeben, die Ämter und Ehren unter sie verteilt und ihre Gestalt klargemacht. Die Dichter, die vor diesen Männern gelebt haben sollen, kamen meiner Meinung nach erst später.« (Hdt. 2,53) (Übersetzung: Josef Feix)
Soweit Herodot, der formuliert, wie sehr die von Homer und Hesiod überlieferten Vorstellungen prägend für das griechische Pantheon waren.2 Wir wenden uns damit dem zu, was Homer über den Olymp schreibt.
Der Olymp als Berg
Als expliziten Beleg dafür, dass der Olymp von Homer als Berg, und zwar als ein konkreter Berg in Nordgriechenland, aufgefasst wurde, kann man eine Stelle aus seinem Epos Odyssee nehmen. Darin wird berichtet, dass Otos und Ephialtes, zwei aufrührerische Söhne des Meeresgotts Poseidon, den Olymp stürmen und die unsterblichen Götter angreifen wollten:3
»Die drohten sogar den Unsterblichen auf den Olymp zu tragen,
das Getümmel des vieltobenden Kriegs,
und strebten, den Ossa auf den Olymp zu setzen und auf den Ossa
den blätterschüttelnden Pelion, damit der Himmel ersteigbar wäre,
und hätten es vollbracht, wenn sie zum Maß der Jugendreife gekommen wären. « (Hom. Ody. 11,313–317)
Hier wird zunächst deutlich, dass der Himmel (griechisch: ouranos) und der Olymp nicht identisch sind, denn die Berge, darunter der Olymp, werden aufgetürmt, um in den räumlich über dem Olymp vorgestellten Himmel zu gelangen. Dabei wird der Olymp als Berg gedacht, auf den man zwei weitere Berge, Ossa und Pelion, stapeln konnte. Ossa und Pelion sind zwei Berge südlich des Olymps, die durch literarische Quellen gut lokalisierbar sind. So zeigt sich, dass der Olymp nicht nur als Berg verstanden wurde, sondern als ein Berg, der ganz konkret in Nordgriechenland in einem bekannten topographischen Gefüge lag (
Abb. 2).4 Die prominente Erwähnung der Berge bei Homer rührt daher, dass alle drei Berge wichtige Landmarken der Küstenschifffahrt darstellten und in der geographischen Vorstellung der Griechen präsent waren.5
Weitere Beschreibungen und Beinamen des Olymps verweisen darauf, dass konkret an einen Berg gedacht wurde.6 So spricht Homer immer wieder von den »Häuptern« oder »Gipfeln« des Olymps, wenn er auf Griechisch die Olympoio karenon, die »Häupter des Olymps«, erwähnt. So heißt es in der Ilias über Apollon: »Und schritt herab von des Olympos Häuptern, zürnend im Herzen«7.
Die Pluralform »Häupter« zeigt, dass Homer eine Vorstellung davon hatte, dass der Olymp mehrere Gipfel hatte. In dieselbe Richtung deutet auch eine Begebenheit, von der uns Homer in der Ilias berichtet: Wir befinden uns in der Situation kurz vor einem Streit zwischen Hera und Zeus. Schon vorher wurde Zeus von Thetis angegangen, für ihren Sohn Achill Partei zu ergreifen. Da heißt es über Thetis:
»Und stieg in der Frühe hinauf zum großen Himmel und zum Olympos und fand den weitumblickenden Kroniden, wie er entfernt von den anderen saß auf der höchsten Kuppe des vielgipfligen Olympos«. (Hom. Il. 1,497–499)
Dieselbe Formulierung und dasselbe Abseitssitzen des Zeus finden sich immer wieder in der Ilias und Zeus beruft auf der höchsten Kuppe des vielgipfligen Olympos die Götterversammlung ein.8
Eine eher allgemeine Spezifizierung des Olymps im Sinne eines Berges erfolgt über die griechische Bezeichnung makros oder megas, »groß«, was insgesamt 17 Mal für den Olymp belegt ist. Die Bezeichnung aganniphos, »stark beschneit« findet sich zweimal in der Ilias, und ein weiteres Mal nur »beschneit« (niphoeis) wird er in dem Epos genannt.9 Der Olymp ist auch heute die meiste Zeit des Jahres schneebedeckt; und daher lässt Homers Charakterisierung auf tatsächliche Kenntnis der klimatischen Gegebenheiten schließen. Es ist allerdings bemerkenswert, dass Homer in der Odyssee genau das Gegenteil behauptet, um den überweltlichen Charakter des Olymps als Göttersitz herauszustellen.10 So heißt es in dem Text, nachdem Athena mit Nausikaa im Land der Phäaken gesprochen hat:
»Als sie so gesprochen hatte, ging sie hinweg, die helläugige Athene,
zum Olymp, wo sie sagen, daß der Sitz der Götter ist, der wankenlose immer.
Weder von Winden wird er erschüttert noch auch von Regen je benetzt,
noch auch naht Schnee ihm, sondern Himmelsheitre ist durchaus ausgebreitet,
wolkenlos, und ein weißer Glanz läuft darüber hin. Auf ihm erfreuen sich die seligen Götter alle Tage. Dort ging die Helläugige hin, nachdem sie der Jungfrau Weisung gegeben hatte.« (Hom. Ody. 6,42–46)
Auch weitere Beschreibungen bei Homer lassen eindeutig darauf schließen, dass Homer an einen Berg dachte, wenn er vom Olymp sprach: »Glänzend« (aigläeis) ist der Olymp in der Ilias und in der Odyssee.11 »Spitz« (akros) ist eine Position auf dem Olymp, wo Ares in der Ilias sitzt,12 und »steil/hochgelegen« (aipys) ist der Berg wiederholt in der Ilias.13 In der Ilias verlässt Hera die »Spitze« (rion) des Olymps und Zeus bindet eine Kette um die »Spitze« (rion).14 Polyptychos (»schluchtenreich«) ist der Olymp in der Ilias15, und an die zerklüftete Landschaft scheint auch andernorts in der Ilias gedacht zu sein, wenn die Schluchten (ptychai) des Olymps genannt werden.16
Alle diese Beschreibungen und Charakterisierungen können problemlos mit der realen Topographie des Berges in Einklang gebracht werden, und es ist jeweils der Berg als Sitz und Aufenthaltsort der Götter gedacht.
Dass der bei Homer genannte Olymp der makedonisch-thessalische war, kann sowohl an der bereits besprochenen Stelle mit den benachbarten Bergen Ossa und Pelion gesehen werden als auch aus einer berühmten Stelle der Ilias, welche einen Flug der Hera beschreibt.17 In der Ilias wird der Weg der Hera vom Olymp zur Insel Lemnos beschrieben:
»Here aber schwang sich hinab und verließ die Kuppe des Olympos,
schritt über Pierien hin und die reizende Emathie
und stürmte über der rossepflegenden Thraker beschneite Berge,
über die obersten Gipfel, und berührte nicht die Erde mit den Füßen.
Vom Athos aber schritt sie auf das Meer, das wogende,
und gelangte nach Lemnos, der Stadt des göttlichen Thoas.« (Hom. Il. 14,225–229)
Diese Wegbeschreibung ist ein bemerkenswertes Zeugnis, da mit Pieria, Emathie, Thrakien, Athos und Lemnos eine eindeutige geographische Einbettung des Olymps in die nordgriechische Landschaft stattfindet (
Abb. 8). Darüber hinaus ist die Stelle von besonderem Interesse, da wir einiges über die zeitgenössische Raumauffassung erfahren. Hera fliegt, aber sie fliegt nicht Luftlinie, wie wir das heute mit dem Blick auf eine Landkarte machen würden. Vielmehr fliegt sie über das Land und überquert das Meer an der engsten Stelle. Diese Route folgt der Küstenschifffahrt und ist zudem Zeugnis einer linearen Raumauffassung, die sich – vergleichbar einem heutigen U-Bahn-Plan – an Strecken und nicht an den absoluten Relationen des tatsächlichen Raums orientiert.18

Abb. 8: Der Flug der Hera vom Olymp zur Insel Lemnos.
So viel zu den homerischen Zeugnissen, die eine topographisch-naturräumliche Spezifizierung des Olymps als Berg vornehmen. Dabei wurde deutlich, dass der Olymp konkret als ein Berg gedacht war, der in Nordgriechenland lag.
Der himmlische Olymp
Nun müssen wir uns der Frage zuwenden, inwiefern Olymp und Himmel identisch sind. Diese Frage ist von Bedeutung, da in nachhomerischen Quellen die beiden Begriffe faktisch synonym verwendet werden und wir feststellen können, dass die Vorstellung eines himmlisch-überweltlichen Charakters des Olymps bereits bei Homer ausgeprägt ist. Es gibt also schon bei ihm diese Ambiguität: Der Olymp ist sowohl als Berg vorgestellt als auch als überweltlich-himmlischer Ort.19
Es gibt Zeugnisse, die Himmel und Olymp sehr eng miteinander verbinden.20 So heißt es über die Meeresgöttin Thetis in der Ilias, als sie Zeus (den Kroniden) aufsuchte:
»Und stieg in der Frühe hinauf zum großen Himmel und zum Olympos und fand den weitumblickenden Kroniden, wie er entfernt von den anderen saß auf der höchsten Kuppe des vielgipfligen Olympos«. (Hom. Il. 1,496–499)
Ähnlich klingt es auch anderenorts in der Ilias,21 und im Zusammenhang mit der Ankunft Heras im Olymp heißt es:
»Von selber dröhnten auf die Tore des Himmels, die die Horen hüten,
Denen anvertraut ist der große Himmel und der Olympos,
Bald zurückzuschieben die dichte Wolke, bald vorzulegen.« (Hom. Il. 5,749–751)
Dies ist eine bemerkenswerte Charakterisierung, die möglicherweise auf die tatsächliche Beobachtung und Anschauung der Wolken in den Gipfeln des Olymps zurückzuführen ist. Allerdings bedeutet das noch nicht zwingend eine Gleichsetzung von Himmel und Olymp, denn der Himmel scheint den Olymp zu umgeben, so auch in einer anderen Stelle der Ilias:
»wenn vom Olympos eine Wolke zieht in den Himmel
aus dem Äther, dem göttlichen, wenn Zeus einen Sturmwind ausspannt.« (Hom. Il. 16,364–365)
Eine Rede des Zeusbruders Poseidon kann als weiteres Zeugnis für eine solche Vorstellung herangezogen werden, wenn er sagt:
»Denn drei Brüder sind wir von Kronos her, die Rheia geboren:
Zeus und ich und als dritter Hades, der über die Unteren Herr ist.
Dreifach ist alles geteilt, und jeder erhielt seinen Teil an Ehre.
Ja, da erlangte ich, das graue Meer zu bewohnen immer,
als wir losten, und Hades erlangte das neblige Dunkel,
Zeus aber erlangte den Himmel, den breiten, in Äther und Wolken.
Die Erde aber ist noch allen gemeinsam und der große Olympos.« (Hom. Il. 15,187–193)
Auch bei der bereits besprochenen dramatischen Episode mit der Auftürmung der Berge Pelion, Ossa und Olymp durch Otos und Ephialtes, um den Himmel zu erstürmen, wird eine Unterscheidung zwischen Himmel und Olymp deutlich.22
Insbesondere in den letzten beiden zitierten Passagen der Ilias wird zwischen Olymp, einer Zwischenschicht »Äther« und dem Himmel unterschieden, wobei der Olymp, wie auch aus anderen Textzeugnissen Homers deutlich wird, in den »Äther« hereinragt und der »Äther« wiederum in den Himmel. Unterhalb von »Äther« und Olymp ist die Luft (aer).23
Dann wieder gibt es Texte, bei denen Olymp und Himmel mehr oder weniger gleichgesetzt erscheinen, so etwa in der Ilias:
»Und sie stiegen heraus auf das Ufer und schwangen sich in den Himmel
und fanden den weitumblickenden Kroniden, und um ihn saßen die anderen
alle versammelt, die seligen Götter, die immer seienden.
Und sie (Thetis) setzte sich neben Zeus, den Vater, und Platz machte ihr Athene.
Und Here legte ihr einen goldenen schönen Becher in die Hand
und erfreute sie mit Worten, und Thetis trank und reichte ihn zurück.
Und ihnen begann die Reden der Vater der Männer und der Götter:
›Gekommen bist du zum Olympos, Göttin Thetis (…)‹.« (Hom. Il. 24,97–104)
Hier scheint eine Gleichsetzung oder zumindest ein sehr enges Beieinander von Olymp und Himmel vorzuliegen.
Das Verhältnis zwischen Himmel und Olymp bleibt diffus, und auch eine andere Stelle zeigt dies. Am Beginn des achten Gesangs der Ilias fordert Zeus die anderen Götter zum Seilziehen heraus, um seine Autorität zu sichern. Derjenige, der sich gegen ihn stelle, habe keine Chance:24
»›Dann wird er erkennen, wieweit ich der Stärkste bin von den Göttern allen!
Wenn aber – auf! Versucht es, Götter! Daß ihr alle es wißt:
Hängt ein Seil, ein goldenes, auf, herab vom Himmel,
und alle faßt an, ihr Götter, und alle Göttinnen!
Doch werdet ihr nicht vom Himmel auf den Boden niederziehen
Zeus, den höchsten Ratgeber, auch nicht, wenn ihr noch so sehr euch mühtet.
Doch sobald auch ich dann im Ernste ziehen wollte:
Mitsamt der Erde zöge ich euch hinauf und mitsamt dem Meer;
und das Seil bände ich dann um die Spitze des Olympos,
und in der Schwebe hinge dann das alles.
Soweit bin ich überlegen den Göttern, überlegen den Menschen!‹
So sprach er, und die waren alle stumm in Schweigen,
von dem Wort betroffen, denn sehr gewaltig hatte er gesprochen.« (Hom. Il. 8, 17–29)
Diese Episode unterstreicht in eindrücklicher Weise die Zwischenstellung des Olymps zwischen Himmel und Erde. Wir sehen also, dass es in den homerischen Epen ein Nebeneinander von Vorstellungen gibt, die einerseits den thessalisch-makedonischen Berg Olymp als Sitz der Götter identifizieren. Andererseits gibt es auch ein universalistisches Verständnis, welches den Olymp in einen weit entfernten, überirdischen, himmlischen Raum versetzt. Diese Ambiguität des Olymps, die bereits bei Homer angelegt ist, ist prägend für die nachfolgenden Jahrhunderte griechisch-römischer Kulturgeschichte. Gerade weil Homer keine Klarheit herstellt, müssen wir davon ausgehen, dass die Ambiguität widerspruchsfrei ausgehalten wurde.25 Es ist wohl gerade diese Universalisierung des nordgriechischen Berges, die eine Integration des Göttersitzes in lokale griechische Götterwelten ermöglichte, und so den Olymp zu einem Bezugspunkt machte, der jenseits der Lokalität des nordgriechischen Berges lag.26 Nun wenden wir uns den Textstellen zu, die uns etwas mehr darüber mitteilen, wie man sich den Göttersitz bzw. die Göttersitze auf dem Olymp vorzustellen hat.
Wie wohnten die Götter?
Aus dem vorangegangenen ist deutlich geworden, dass der Olymp der Göttersitz war und die Götter hier wohnten.27 Weitere Homerstellen verfestigen dieses Bild. So gibt es zahlreiche Stellen, in denen der Olymp explizit als athanaton hedos, als »Sitz der Unsterblichen« bezeichnet wird.28 Konkretisiert wird dieses Bild des Sitzes durch Erwähnungen, dass die Götter dort auf dem Olymp ihre domata (Häuser) haben.29
Besonders lebendig wird die Vorstellung von dem Leben in den Häusern auf dem Olymp am Ende des ersten Gesangs der Ilias, wo es um einen Streit während einer Götterversammlung im Zeuspalast auf dem Olymp geht. Gerade hat sich Hera, die Gattin des Zeus, für die Trojaner eingesetzt, als es zu einem finalen Machtwort des Göttervaters kommt. Dieser hat keine Lust mehr, mit seiner Frau weiter verbal zu händeln, und droht ihr eheliche Gewalt an:30
»Da antwortete und sagte zu ihr der Wolkensammler Zeus:
›Unbändige! Immer mußt du ›denken‹, und ich kann dir nicht entgehen!
Ausrichten aber kannst du dennoch nichts, und immer nur ferner
Wirst du meinem Herzen, und das wird dir noch schrecklich sein!
Doch wenn dieses so ist, so wird es mir eben so lieb sein!
Aber setz dich nieder in Schweigen und gehorche meinem Wort!
Kaum werden dir sonst helfen, so viele da Götter sind im Olympos,
Wenn ich dir nahe komme und die unberührbaren Hände an dich lege!‹
So sprach er. Da fürchtete sich die Kuhäugige, die Herrin Here,
Und sie setzte sich schweigend nieder und bändigte ihr Herz.
Und aufgebracht waren im Haus des Zeus die Götter, die Uranionen.
Doch unter ihnen begann Hephaistos, der kunstberühmte, mit den Reden,
Seiner Mutter zu Gefallen, der weißarmigen Here:
›Wirklich! Heillose Dinge sind das und nicht mehr erträglich!
Wenn ihr zwei der Sterblichen wegen derart streitet
Und vor den Göttern ein Gezänk aufführt! Und gar keine Freude
Wird mehr sein an dem guten Mahl, wenn das Gemeinere obsiegt!
Der Mutter rede ich zu, wenn sie es auch selbst erkennt,
Unserem Vater zu Gefallen zu sein, dem Zeus, daß nicht wieder
Der Vater streite und uns das Mahl zusammenwerfe.
Denn ist er gewillt, der Olympier, der blitzeschleudernde,
Uns von den Sitzen zu stoßen – er ist ja der bei weitem Stärkste.
Aber gehe du ihn an mit freundlichen Worten!
Gleich wird uns dann der Olympier wieder gnädig sein!‹
So sprach er und sprang auf, und den doppelt gebuchteten Becher
Legte er seiner Mutter in die Hände und sagte zu ihr:
›Ertrage es, meine Mutter! Und halte an dich, wenn auch bekümmert!
Daß ich dich nicht, so lieb du mir bist, vor meinen Augen
Geschlagen sehe. Dann könnte ich dir, so bekümmert ich bin,
Nicht helfen. Denn schwer ist es, dem Olympier entgegenzutreten!
Denn auch ein andermal schon, als ich dir beizustehen suchte,
Ergriff er mich am Fuß und warf mich von der göttlichen Schwelle.
Den ganzen Tag lang trug es mich, jedoch mit untergehender Sonne
Stürzte ich herab auf Lemnos, und nur wenig Leben war noch in mir.
Dort pflegten mich Männer der Sintier alsbald, den Herabgestürzten.‹
So sprach er. Da lächelte die Göttin, die weißarmige Here,
Und lächelnd nahm sie mit der Hand den Becher von dem Sohn.
Der aber begann, den anderen Göttern rechtshin allen
Den süßen Nektar auszuschenken, aus dem Mischkrug schöpfend.
Und unauslöschliches Gelächter erhob sich unter den seligen Göttern,
Als sie sahen, wie Hephaistos durch das Haus hin keuchte.
So speisten sie damals den ganzen Tag bis zur untergehenden Sonne,
Und für ihren Mut war kein Mangel an dem gebührenden Mahl,
Und auch nicht an der Leier, der gar schönen, die Apollon hielt,
Und auch nicht an den Musen, die wechselnd mit schöner Stimme sangen.
Als aber untergegangen war das strahlende Licht der Sonne,
Da gingen sie, sich niederzulegen, ein jeder in sein Haus,
Wo für einen jeden das Haus der ringsberühmte Hinkende,
Hephaistos, gefertigt hatte mit kundigem Sinn.
Zeus aber ging zu seinem Lager, der Olympier, der blitzeschleudernde,
Wo er auch vormals zu schlafen pflegte, wenn ihm der süße Schlaf kam.
Dort stieg er hinauf und schlief, und bei ihm die goldthronende Here.« (Hom. Il. 1,560–611)
Hier wird einerseits sehr menschlich das Leben der Götter beschrieben. Andererseits ist aber auch klar, dass die Götter weit entfernt sind und insbesondere Zeus eine außerordentliche Macht hat, die ihn nicht nur von den Menschen, sondern auch von den anderen Göttern absetzt. Trotzdem wird das Leben auf dem Olymp recht menschlich dargestellt, man streitet sich, trinkt, freut sich an Musik und Gesang, sitzt auf Stühlen in einem weiträumigen Haus und legt sich gemeinsam zu Bett. Hier werden die olympischen Paläste und das Leben in ihnen nach menschlichem Vorbild gezeichnet, auch wenn die Distanz zu ihnen betont wird, wenn Hephaistos davon berichtet, wie er von Zeus aus dem Olymp gestoßen wurde und einen ganzen Tag lang auf die Erde stürzte.
Unter den homerischen Vorstellungen vom Olymp ist bemerkenswert, dass die Götter in ehernen, also Häusern aus Bronze wohnten. In der Ilias werden die Häuser von Hephaistos und Zeus anschaulich beschrieben.31 Das Motiv des »ehernen Hauses« ist von der Forschung nur wenig beachtet.32 Ein berühmtes Vergleichsbeispiel für ein Haus aus Metall ist der sagenhafte dritte Apollontempel in Delphi, von dem der kaiserzeitliche Autor und Griechenlandreisende Pausanias im 2. Jh. n. Chr. berichtet:
»Betreffs des dritten Tempels, daß er aus Bronze gemacht wurde, darüber braucht man sich nicht zu wundern, insofern nämlich Akristios für seine Tochter ein bronzenes Gemach herstellen ließ und in Sparta noch heute das Heiligtum der Athena Chalkioikos besteht und in Rom das wegen seiner Größe und sonstigen Ausstattung bewundernswerte Forum ein bronzenes Dach besitzt. So wäre es wohl nicht unwahrscheinlich, daß auch ein Tempel für Apollon aus Bronze gemacht worden sein soll.« (Übersetzung: Ernst Meyer) (Paus. 10,5,11)
Wie ein solches »ehernes Haus« ausgesehen haben kann, wird aus einer anderen Stelle bei Pausanias deutlich. Als er nach Sparta kommt, beschreibt er den Tempel der Athena folgendermaßen:
»Hier ist ein Heiligtum der Athena gebaut mit Beinamen Poliouchos und Chalkioikos; den Bau des Heiligtums begann, wie sie sagen, Tyndareos. Nach seinem Tode wollten dann seine Söhne das Gebäude neu ausbauen, und dafür sollte ihnen die Beute von Aphidna als Grundlage dienen. Da aber auch diese es unvollendet ließen, errichteten die Lakedaimonier viele Jahre später sowohl den Tempel wie das Kultbild der Athena aus Bronze; Gitiadas, ein Einheimischer, führte es aus. (…) In Bronzereliefs dargestellt sind hier viele Taten des Herakles, aber auch vieles von dem, was er freiwillig leistete, und von den Taten der Söhne des Tyndareos unter anderem der Raum der Töchter des Leukippos und Hephaistos, wie er seine Mutter von den Fesseln befreit.« (Übersetzung: Ernst Meyer) (Paus. 3,17,2–3)
Aus dem Text wird ersichtlich, dass nicht der ganze Tempel aus Bronze errichtet war, vielmehr ist es so zu verstehen, dass das Gebäude an den Wänden reich mit Bronzereliefs geschmückt war. Solche archaischen Bronzereliefs wurden in Olympia und anderenorts gefunden und geben uns einen Eindruck davon, an welche Form der Ausstattung gedacht war.33 Ehern meint hier etwas sehr Wertvolles, etwas, das zu dem Ausstattungsluxus der aristokratischen Elite gehörte, das in der homerischen Lebenswelt auch tatsächlich vorhanden war. Es greift also zu kurz, das Motiv des ehernen Hauses als literarischen Gemeinplatz abzutun, der lediglich allgemein Vorstellungen von ewiger Dauer hervorrufen sollte.34
In der Odyssee wird insgesamt eher allgemein von den im Olymp lebenden Göttern gesprochen, konkrete Bauten werden nicht genannt. Insgesamt ist der Olymp in der Odyssee weniger stark göttlicher Handlungsraum als in der Ilias. In der Ilias ist die Vorstellung, dass die Götter in Häusern auf dem Olymp wohnten, ausgeprägt.35 Neben den domata wird auch einmal der Begriff oikoi für die Häuser genannt.36 Megaron findet sich als Begriff für die Götterwohnungen zweimal in der Ilias.37 Megaron leitet sich von griechisch megas, »groß« ab und bezeichnet einen großen Saal.38 Es entsteht der Eindruck, dass jeder der olympischen Götter ein eigenes Haus auf dem Olymp hatte und dort geradezu eine göttliche Wohnsiedlung vorgestellt ist.
Um dieses Bild weiter zu konkretisieren, sei zunächst aus der Ilias zitiert. Der Kontext der Erzählung sind die Kämpfe vor Troja, bei denen die Götter sich bis auf Eris, die Göttin des Streits, zurückgezogen haben:
»Denn sie allein von den Göttern war bei den Kämpfenden,
die anderen Götter waren nicht bei ihnen, sondern in Ruhe
saßen sie in ihren Hallen (megara), wo einem jeden
die schönen Häuser (domata) erbaut waren in den Falten des Olympos.« (Hom. Il. 11,75–77)
Eine andere Passage, in der lebendig das Leben in diesen Häusern beschrieben wird, steht in der Ilias. Die Situation ist, dass Thetis zu Hephaistos auf den Olymp kommt, um ihn um neue Waffen für ihren Sohn Achill zu bitten:
»Zu dem Haus (doma) des Hephaistos aber kam die silberfüßige Thetis,
dem unvergänglichen, bestirnten, hervorstrahlend unter den Unsterblichen,
dem ehernen (chalkeon), das er selbst gemacht hatte, der Krummfüßige.
Und sie fand ihn, wie er sich schwitzend um die Blasebälge herumbewegte,
geschäftig, denn Dreifüße, zwanzig im ganzen, fertigte er,
rings an der Wand zu stehen der guterstellten Halle (megaron).
Und goldene Räder setzte er einem jeden von ihnen unter den Fuß,
daß sie ihm von selbst zum Versammlungsplatz der Götter liefen
und wieder ins Haus zurückkehrten, ein Wunder zu schauen.
Ja, die waren soweit vollendet, nur die Ohren waren noch nicht
angesetzt, die kunstreichen, die fügte er eben an und schlug die Bänder.
Während er sich damit abmühte mit kundigem Sinn,
indessen kam zu ihm heran die Göttin, die silberfüßige Thetis.
Da lief heraus und sah sie Charis mit dem glänzenden Stirnband.
Die schöne, die zur Frau hatte der ringsberühmt Hinkende.
Und sie wuchs ihr ein in die Hand, sprach das Wort und benannte es heraus:
›Warum, langgewandete Thetis! Kommst du zu unserem Haus,
Ehrwürdige und Liebe? Früher kamst du nicht häufig!
Aber komm herein! Daß ich dir Bewirtungen vorsetze.‹
So sprach sie und führte sie herein, die Hehre unter den Göttinnen,
und ließ sie niedersitzen auf einem Stuhl (thronos) mit silbernen Nägeln,
einem schönen, kunstreichen, und darunter war ein Schemel für die Füße.
Und sie rief Hephaistos, den kunstberühmten, und sagte die Rede:
›Hephaistos! Komm doch heraus! Thetis verlangt etwas von dir!‹«
Die Antwort des Hephaistos, der sich überschwänglich freut, sei übergangen und weiter geht es im Text:
»Sprach es, und vom Amboshalter stand auf die schnaufende Ungestalt,
hinkend, und unten regten sich die dünnen Schenkel.
Die Blasebälge stellt er weg vom Feuer, und alles Gerät,
mit dem er gearbeitet, sammelte er in einem silbernen Kasten.
Und mit einem Schwamm wischte er sich ab das Gesicht und die beiden Arme
und den Nacken, den starken, und die behaarte Brust,
tauchte in den Rock und ergriff den Stab, den dicken, und ging hinaus,
hinkend, und ihn stützend, den Herrn, liefen Dienerinnen,
goldene, die lebenden Jungfrauen glichen.
Die haben drinnen Verstand im Innern und drinnen auch Stimme
und Kraft, und wissen von den unsterblichen Göttern her die Werke.
Die keuchten, den Herrn unterstützend, daher, der aber schleppte
sich hin, wo Thetis war, und setzte sich auf einen schimmernden Stuhl (thronos),
wuchs ihr ein in die Hand, sprach das Wort und benannte es heraus:
›Warum, langgewandete Thetis, kommst du zu unserem Haus,
Ehrwürdige und Liebe? Früher kamst du nicht so häufig! Sage, was hast Du
im Sinn?‹« (Hom. Il. 18,369–392. 410–426)
Wir können uns das Haus des Hephaistos so vorstellen, dass es mehrere Räume hatte, darunter ein Megaron, einen großen Saal, der mit Prachtobjekten (Dreifüßen) geschmückt war.39 Wahrscheinlich ist dieser Saal auch jener, in den Charis die Thetis hereinführt und auf einem Thron Platz nehmen lässt.40 Möglicherweise ist auch an Höfe gedacht, denn Hephaistos verlässt seine Werkstatt und geht unterstützt von seinen goldenen Roboterfrauen in das Haus.41
Es ist in der Forschung umstritten, ob die in den homerischen Epen geschilderte und beschriebene Lebenswelt eine des 8. Jh.s v. Chr., also der Lebenszeit Homers, ist, oder ob einige Dinge auch in ältere Zeit, in die ägäische Bronzezeit des 2. Jahrtausends v. Chr., zurückverweisen.42 Auch für die bei Homer beschriebene Architektur und Ausstattung des Palasts des Hephaistos lassen sich archäologische Befunde als Vergleichsbeispiele anführen, die sowohl aus der Lebenszeit Homers als auch aus
Abb. 9: Zeichnerische Rekonstruktion des Megarons des sogenannten Nestorpalasts in Pylos, 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.
älterer Zeit stammen. Noch aus der ägäischen Bronzezeit stammt der sogenannte Nestorpalast in Pylos (auf der Halbinsel Peloponnes).43 Er wird in die zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. datiert und besitzt ein Megaron mit Thron, einen Hof und mehrere angrenzende Wirtschaftsräume (
Abb. 9).44 Ein solches Gebäude könnte in der Beschreibung Homers gemeint sein. Näher an die Lebenszeit Homers kommen wir mit dem Heroon von Lefkandi auf der Insel Euböa.45 Dieses langgestreckte Bauwerk mit halbrundem Abschluss stammt aus dem späten 10. Jh. v. Chr. Es ist ein Grabbau, welcher der zeitgenössischen Hausarchitektur der Aristokratie nachempfunden ist. Das Heroon weist in seiner Ausstattung zahlreiche Bezüge zu homerischen Bestattungssitten und Ausstattungsluxus auf. Architekturtypologisch ist wichtig, dass es auch hier mehrere Räume gibt, von denen einer ein besonders großer Saal ist. Aus dem 8. Jh. v. Chr. stammt ein Hofgebäude in dem Ort Zagora auf der Insel Andros, das um einen Innenhof (H 21) angelegt ist, und in einem der größeren Räume (H 19) ebenfalls eine rechteckige Herdstelle aufweist.46 Auch solche Häuser der lokalen Oberschicht könnten die bei Homer vorgestellte Architektur reflektieren.
Dass die Hausarchitektur der Götter im Olymp in Beziehung zu der tatsächlichen Hausarchitektur der griechischen Aristokraten steht, wird in der Odyssee sogar deutlich ausgedrückt. Dort wird der Palast des Helden Menelaos in Sparta beschrieben und mit dem Palast des Zeus auf dem Olymp verglichen:
»Schau, Nestor-Sohn, du mein Herzen Geliebter!
Das Funkeln von dem Erz rings in den hallenden Häusern,
und von dem Gold und Bernstein und Silber und Elfenbein!
So mag der Hof des Zeus, des Olympiers, sein im Inneren,
wie dieses unendlich Viele hier. Heilige Scheu faßt mich, wenn ich es sehe.« (Hom. Ody. 4,71–74)47
Durch Ilias und Odyssee bekommen wir eine gute Vorstellung davon, dass die Götter als im Olymp wohnend gedacht sind. Die Vorstellung von den Palästen der Götter ist dabei konkret an Verhältnissen der zeitgenössischen Lebenswelt – sicher ins Übertriebene gesteigert – orientiert.
2.2 Der Olymp nach Homer: Berg, Himmel, Jenseits
Damit wenden wir uns nun den nachhomerischen Zeugnissen zu. Beginnen wir mit dem griechischen Dichter Hesiod, der im frühen 7. Jh. v. Chr. schrieb. Bei ihm finden wir weitgehend dieselbe Vorstellung vom Olymp wie bei Homer. Hesiod sieht den Olymp gleichermaßen als konkreten nordgriechischen Berg wie auch in einer überweltlich himmlischen Sphäre.48 Ein wichtiger Aspekt, der bei Hesiod neu dazukommt, ist, dass die Musen, die Göttinnen der Künste, in der am Olymp gelegenen Landschaft Pieria geboren wurden und am Olymp leben:
»Gut, dann will von den Musen ich anfangen, die ihrem Vater
Zeus im Olymp den machtvollen Sinn mit Gesängen erfreuen,
wenn sie, die Stimmen harmonisch vereint, von Gegenwart, Zukunft
und von Vergangenheit künden; die lieblichen Töne entfließen
unermüdlich dem Mund. Da lacht der Palast des gewaltig
donnernden Vaters Zeus, wenn die Göttinnen lilienklare
Stimmen weithin verströmen; es hallt der Olymp mit verschneitem
Haupt und die Häuser der Ewigen. Unter den herrlichsten Klängen
Preisen im Sang sie zuerst vom Urbeginn an die gerühmte
Sippe der Götter, die Gaia dem weiten Uranos schenkte,
und die aus ihnen entsprossenen, die Götter, die Gutes uns spenden;
dann aber preisen sie Zeus, den Vater der Götter und Menschen,
(wenn sie beginnen den Sang, die Göttinnen, oder ihn enden,)
Wie er der höchste der Ewigen sei und an Stärke der größte.
Schließlich singen vom Stamm der Menschen und starken Giganten
Rühmend die Mädchen, den Sinn des Zeus im Olymp zu erfreuen,
Töchter des agisschüttelnden Zeus, die olympischen Musen.
Diese gebar Mnemosyne, die Herrin am Hang des Eleuther,
ihm sich vereinend, dem Vater Kronion im Lande Pierien,
als ein Vergessen des Bösen, als Trost bei Not und bei Sorge.
Neun volle Nächte wohnte ihr bei der allweise Herrscher
Zeus, und fern von den Göttern bestieg er ihr heiliges Lager.
Als nun das Jahr verstrich, bei schwindenden Monden die Zeiten
Flohen und viele Tage vollendet waren im Kreislauf,
hat neun Mädchen von gleichem Sinn sie geboren, die einzig
Singen im Busen bewegt – sie tragen ein Herz ohne Sorgen –,
hoch auf verschneitem Olymp in der Nähe des obersten Gipfels.
Schimmernde Tanzplätze haben sie dort und schöne Paläste,
nahe bei ihnen bewohnen auch Himeros und die Chariten
Häuser im Glanz; dem Mund entströmen liebliche Lieder,
tanzend rühmen sie laut Gesetzte und sorgende Obacht
aller Götter, sie lassen gar liebliche Lieder entströmen.
Prunkend in heiligem Tanz und mit herrlichen Stimmen, so eilten
sie zum Olymp hinauf; rings jauchzte die bräunliche Erde
über den Sang, es erhob sich ein zartes Geräusch von den Füßen,
als sie zum Vater schritten. Dieser ist König im Himmel,
selbst gebietet er nun dem flammenden Blitz und dem Donner,
da er den Vater Kronos bezwungen an Kraft. Und den Göttern
gab er für jedes klug eine Ordnung und wies die Bereiche.
Dies nun sangen die Musen, die hoch im Olymp in Palästen,
wohnen, die neun von Zeus, ihrem mächtigen Vater, gezeugten
Töchter: Euterpe, Kleio, Thaleia und Melpomene,
Erato und Terpsichore, Polymnia und Urania
Und Kalliope – sie steht von allen am höchsten in Ansehn,
denn sie gesellt sich achtbaren Königen schützend zur Seite.« (Hesiod, Theogonie 36–80) (Übersetzung: Luise und Klaus Hallof)
Hesiod lokalisiert den Palast des Zeus auf einem als verschneiten Berg vorgestellten Olymp und beschreibt das wohltuende Wirken der Musen im Palast. Die Musen selbst wohnen in Palästen in der Nähe des obersten Gipfels, wo sie auch Tanzplätze haben. Nordöstlich der Gipfelregion des Olymps liegt eine kleine Hochebene, die heute als »Musenplateau« bezeichnet wird (
Abb. 10).49 Ihr Name ist modern, doch passend an die Beschreibung Hesiods angelehnt. Der von Hesiod ausgebreitete Mythos der Vereinigung von Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, und die Zeugung der Musen am Olymp wird später auf dem hellenistischen Marmorrelief des Archelaos thematisch aufgenommen (
Abb. 34).

Abb. 10: Das sogenannte Musenplateau auf dem Olymp. Im Hintergrund der Gipfel Stefani (Zeusthron).
Die bei Homer bereits angelegte Gleichsetzung von Olymp und Himmel (ouranos), die auf eine Universalisierung des Olymps hinausläuft, findet sich dann auch bei dem griechischen Dichter Pindar, der im 6./5. Jh. v. Chr. wirkte, und im 6. und 5. Jh. v. Chr. bei den sogenannten Vorsokratikern sowie bei dem Tragödiendichter Sophokles.50 Der etwas ältere Tragödiendichter Aischylos erwähnt den Olymp nur einmal.51 Der Dramatiker Euripides setzt ebenfalls Olymp und Himmel gleich, und in seinen Werken spielt der Olymp eine größere Rolle als bei den übrigen Tragikern. Gelegentlich, etwa bei dem Komödiendichter Aristophanes, ist noch von dem konkreten Berg die Rede, doch dominiert nun immer mehr der überweltliche Olymp.52
Blicken wir auf die Folgezeit und die Art und Weise, wie der Olymp wahrgenommen und vorgestellt wurde, so ist bemerkenswert, dass einerseits der überweltliche Olymp dominiert.53 Andererseits kann man beobachten, dass am nordgriechischen Berg eine Fokussierung auf die Geographie und den Naturraum des Olymps stattfindet. Auf diese Weise wird der Olymp geradezu säkularisiert, verweltlicht und seiner mythologisch-religiösen Bedeutung beraubt. So ist etwa im Kontext der Perserkriege und des Einmarschs des Perserkönigs Xerxes (486–465 v. Chr.) nach Griechenland 480 v. Chr. bei Herodot zu lesen wie Xerxes das südlich des Olymps gelegene Tempetal bestaunte:
»Als Xerxes von Therma aus die thessalischen Berge erblickte, den Olympos und den Ossa, die gewaltig hoch sind, und als er erfuhr, dass mitten zwischen ihnen eine enge Schlucht liege, durch die der Peneios strömt, und hörte, dass dort der Weg nach Thessalien führe, da wollte er gern hinfahren und die Mündung des Peneios ansehen; denn er wollte mit dem Heer den Weg weiter im Inneren durch das obere Makedonien einschlagen (…).« (Hdt. 7,128) (Übersetzung: Josef Feix).
Es ist bemerkenswert, dass Herodot, der sonst immer wieder lokale Kulte und religiöse Verhältnisse beschreibt, hier die mythologische Bedeutung des Bergs Olymp mit keinem Wort erwähnt.54
Eine ähnlich nüchterne Beschreibung, bei der jeder Hinweis auf den Sitz der Götter fehlt, können wir einige hundert Jahre später bei Pausanias im 2. Jh. n. Chr. lesen, der Folgendes über Löwen in Thrakien berichtet:
»Diese Löwen streifen auch oft in das Gebiet um den Olymp; von diesem Gebirge schaut die eine Flanke gegen Makedonien, die andere gegen Thessalien und den Fluß Peneios. Hier bezwang Pulydamas einen Löwen im Olymp, ein großes und wehrhaftes Tier, ohne mit einer Waffe ausgerüstet gewesen zu sein. Er machte sich an dieses Wagnis in Nacheiferung der Taten des Herakles, da auch von Herakles erzählt wird, daß er den Löwen in Nemea so bezwungen habe.« (Paus. 6,2,5,5) (Übersetzung: Ernst Meyer)
Auch hier ist erstaunlich, dass der nordgriechische Berg Olymp nicht mit dem Göttersitz in Verbindung gebracht wird, sondern ausschließlich ein nüchterner Jagdbericht abgelegt wird.55
Diese säkularisierte Betrachtung des Olymps ist allerdings ein Nebenzweig der Vorstellungen über den Olymp. Denn es kommt seit dem 5. Jh. v. Chr. und verstärkt im Hellenismus und in den nachchristlichen Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit zu einer Entwicklung, in der der Olymp mit dem Himmel gleichgesetzt wird und dieser himmlische Olymp, der weiterhin als Berg gedacht ist, Sitz der Götter ist. Parallel dazu ist der tatsächliche makedonisch-thessalische Olymp ein realexistierender Berg, doch wird die Verbindung dieses realen Berges in der Literatur nur vergleichsweise locker auf den Göttersitz bezogen.
Spätestens in der Kaiserzeit wird der Olymp dann auch zum jenseitigen Seelensitz bzw. zu einem Ort, in dessen Nähe Seelen im Jenseits verweilen.56 So heißt es in der griechischen Gedichtsammlung Anthologia Palatina in einem Grabepigramm des Dichters Philippos von Thessalonike (1. Jh. n. Chr.):
»Der Sarkophag hier umfängt des Aetios heilige Reste,
der ein Ehrenmann und Meister der Redekunst war.
Nieder zum Hades entglitt nur der Leib, zum Olympos die Seele
Wo sie Freuden genießt ewig im Kreise des Zeus
Und der anderen Seeligen. Unter den Menschen unsterblich
Aber zu machen vermag weder das Wort noch ein Gott.« (Anth. Palat. 7,362) (Übersetzung: Dietrich Ebener)
Ähnlich auch die Grabinschrift eines unbekannten Dichters:
»Ich, Soterichos, der ich Armeen aufstellte, liege
Hier in dem Grab, hinterließ den lieben Kindern die Früchte
Meiner Bemühung. Wie Nestor führte ich Reiterschwadronen;
Niemals erwarb ich mir Schätze durch unrechtes Handeln.
Deswegen sehe ich auch nach meinem Tode den Glanz des Olympos.« (Anth. Palat. 7,678) (Übersetzung: Dietrich Ebener)
Diese Vorstellung des Seelensitzes findet sich auch in einem weiteren kaiserzeitlichen Grabepigramm für die verstorbene Prote. Dort wird zwar zwischen Olymp und Elysium (einer Art Paradies) unterschieden, doch sind die beiden eng räumlich benachbart.
»Du bist nicht gestorben, Prote, sondern übergegangen an einen besseren Ort,
und Du bewohnst die Inseln der Seligen in Heiterkeit
dort in den Elysischen Feldern springst Du in Freude
Du blühst und Du bist sanft, Du ermangelst alles Schlechten:
weder Kälte ist dir lästig, noch weht Wärme Krankheit zu Dir,
Du hast keinen Hunger und keinen Durst; und Du ersehnst nicht
die Menschen aus Deinem fernen Leben; Du lebst nämlich ohne Beschwerde
im reinen Licht des Olymp, der benachbart ist.« (App. II 461) (Übersetzung: Achim Lichtenberger)
Der Olymp als jenseitiger und überirdischer Seelensitz findet sich auch in kaiserzeitlichen und spätantiken Steinepigrammen im griechischen Osten.57 Die Vorstellung, dass der Olymp ein jenseitiger Seelensitz ist, kann vielleicht als eine Art privater Vergöttlichung (Apotheose) verstanden werden.58 Nach dem Modell der Vergöttlichung von Herrschern, wird dies auch für andere Menschen reklamiert. Die Universalisierung des Berges und die Loslösung von einem konkreten nordgriechischen Berg sind die Voraussetzungen dafür, dass der Olymp offen wurde für Verstorbene. Verwandt mit diesen Vorstellungen sind die Herrscherapotheosen, die allerdings eher auf die Vorbilder von Halbgöttern und Heroen zurückgehen, welche in den Olymp aufgenommen wurden; der berühmteste ist Herakles.59 Auch die Apotheose des römischen Kaisers war als Aufnahme in den Olymp unter die Götter gedacht, wie die Satire des Seneca auf die »Verkürbissung« des Kaisers Claudius (41–54 n. Chr.) belegt. Bei dieser kommt Claudius zunächst im Himmel bzw. Olymp an, ihm wird dann aber die Aufnahme unter die Götter verwehrt.60 Seneca überzieht den Kaiser mit Spott, wenn er statt zu einem Gott, zu einem Kürbis wird, der keinen Zugang zum Olymp hat.
In der Zeit nach Homer verschwindet die Vorstellung vom Olymp als einem Berg nie vollständig, doch wird sie immer stärker überlagert von der Idee, dass der Olymp ein überweltlich-himmlischer Ort ist, losgelöst von Nordgriechenland. Daran anknüpfend kann der Olymp in der Kaiserzeit dann im Rahmen einer Privatapotheose zum Seelensitz werden.
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