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Theodor Kirchhoff

Eine Reise nach Hawaii

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musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-7583-855-1

Inhaltsverzeichnis

Vorwort.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

1890.

Hawaii.

Den Tropen nahe liegst du da,

Hawaii, lichtumflossen.

Du Schmuck von Polynesia,

Dem Ocean entsprossen.

Am sonnigen Gestade glänzt

Das Meer mit blauen Wogen,

Die Bergesstirnen sind bekränzt

Von Iris' Farbenbogen.

Die laue Luft rauscht durch das Grün,

Warm strömt herab der Regen,

Und Blumen allerorten blühn

In Gärten und Gehegen.

Es schmücken Männer sich und Fraun

Das Haupt, die Brust mit Kränzen,

Daraus die Rosen leuchtend schaun

Und wilde Blumen glänzen.

Auf Mauna Loa's Gipfel weht

Von seiner eis'gen Warte,

Wenn blutrot er im Feuer steht,

Des Inselreichs Standarte;

Und unablässig wogt empor

Die Glut an Kraterwänden

Aus Kilauea's Höllenthor

Von Pele's Flammenhänden.

Hier Waldesgrün und Blumenrain,

Und ringsum Palmenbäume,

Und Lebenslust und Sonnenschein,

Musik und heitre Träume;

Dort in der Erde tiefem Schoß

Der Lava roter Schrecken,

Bereit, mit donnerndem Getos'

Den Riesenleib zu recken.

So prangst du, schönes Inselland,

Voll goldnen Lichts und Wonne, –

Ein Paradies am Höllenrand

Im Glanz der Tropensonne.

Laut ist dein Lob, du Feuerbraut,

In alle Welt erklungen.

Auch mir, der deine Pracht geschaut,

Hast du das Herz bezwungen.

Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Unsere Zeit ist so schnell lebend, daß mancher, in dessen Hände dies Buch gelangt, sagen wird, es sei diese Schilderung einer Reise nach dem schönen Inselland in der Südsee bereits veraltet. Im Reiche Kalakauas geht die Uhr des Fortschritts aber viel langsamer, als in Europa oder in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo zwei Jahre heute fast so viel bedeuten wie vor hundert Jahren zwei Menschenalter. Die biederen Insulaner sehen das Menschendasein gern von der gemütlichen Seite an, und wem das Glück zuteil wird, auch einmal seinen Fuß auf jenes Stück sonniger Erde zu setzen, dem werden diese Federzeichnungen von Land und Leuten in Hawaii wohl kaum verblaßt erscheinen.

Vom Ufer des blauen Léman sende ich diese Blätter in die weite Welt. Beim Betrachten des Dent du Midi in seinem silbernen Kleide und der idyllischen Umgebungen des Genfer Sees habe ich oft an mich die Frage gestellt, wem wohl der Preis der Schönheit gebühre, der herrlichen Schweiz oder der in meiner Erinnerung hier wieder neu aufgelebten sonnigen Inselwelt Hawaiis: eine müßige Frage, weil die Schönheit beider eigener Art ist.

Für solche, denen es nicht vergönnt ist über die Meere zu wandern und den Glanz fremder Zonen zu schauen, wurden diese Blätter geschrieben. Sie erbitten sich als Wegweiser nach einem der schönsten, noch wenig bekannten Erdenflecke einen wohlwollenden Empfang.

Montreux, im Mai 1890.

Theodor Kirchhoff

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Mit dem Dampfer Australia von San Francisco nach Honolulu. – Die »Oceanic«-Dampfschiffslinie. – Trennung von der civilisierten Welt. – Ein einsames Meer. – Der Mühlenteich. – Tropische Lüfte. – Privatstühle auf dem Verdeck. – Die Hospitalabgabe. – Die Insel Oahu. – Koko Head und Diamond Head. – Ankunft in Honolulu.

Am 7. Dezember 1887 fuhr ich auf dem stattlichen Dampfer Australia durch das goldene Thor hinaus in den großen westlichen Ocean, um dem Reiche Kalakauas einen Besuch abzustatten. Seit vielen Jahren hatte ich mich nach dieser Reise gesehnt. Ich empfand es als eine gerechte Anklage, daß mir, einem alten Californier, der fast jeden Winkel der gesegneten Küstenländer am Stillen Meere, von Panamá bis nach British Columbia, wiederholt besucht hatte, das »Paradies des Pacific«, welches doch eigentlich zu uns gehören sollte, nur ein geographischer Begriff geblieben sei. Drüben im Westen, nur etwa 2000 Seemeilen entfernt, lag der größte thätige Vulkan der Erde mit seinem blutroten tobenden Lavasee; Palmen, Tropenhaine, Zuckerpflanzungen, dunkeläugige Kanakamädchen, einen kaffeebraunen König, Aussätzige u.s.w. gab es dort zu sehn; liebenswürdige Landsleute, die in Honolulu und auf den »Inseln« wie Gott in Frankreich lebten, hatten mich schon öfters zu Besuch eingeladen. In der That, es war eine Schande, daß ich, dem durchaus nichts im Wege stand, die Welt nach Herzenslust zu durchstreifen, erst jetzt diese für meine Begriffe sehr kleine Reise unternahm. Aber so ist der Mensch! Das, was ihm am nächsten liegt, beachtet er am wenigsten, wie es z. B. Tausende in San Francisco giebt, denen die Naturwunder Kaliforniens nur aus Bildern und aus Anzeigen der Eisenbahngesellschaften bekannt geworden sind.

Der eiserne Schraubendampfer Australia, ein Schiff von 1715 Tonnen Gehalt, ist der sogenannte »local steamer« zwischen San Francisco und Honolulu, der jeden Monat einmal die Verbindung zwischen jenen Plätzen herstellt, während seine ebenfalls in Honolulu anlegenden Schwesterschiffe Zealandia, Alameda und Mariposa über Samoa und Aukland bis nach Sydney fahren. Die im Jahre 1875 am Clyde gebaute Australia, welche zur Zeit meiner Reise unter hawaiischer Flagge fuhr, jetzt aber das Sternenbanner trägt, gehört wie die anderen vorhin genannten Dampfschiffe dem berühmten californischen Zuckerkönige Claus Spreckels. Mitunter berühren die chinesischen Dampfer Honolulu, und sogenannte »tramp steamers« (Dampfschiffe, die keine bestimmte Linie innehalten) laufen dort ab und zu an. Auch werden Postsachen und Reisende gelegentlich von den Zucker-Schonern befördert. Die regelmäßige Verbindung zwischen San Francisco und den Sandwichinseln beschränkt sich aber auf die oben genannten vier Dampfer. Eine Fahrkarte, die Beköstigung eingeschlossen, von San Francisco nach Honolulu und zurück, gültig für drei Monate, kostet in der ersten Kajüte 125 Dollars.

Als wir in die endlose Weite des Oceans hinausfuhren, regte sich in mir ein berechtigtes Gefühl der Unzufriedenheit, weil ich zwei oder gar drei Wochen lang (bis der nächste Dampfer von San Francisco in Honolulu anlangen würde) die übliche Morgenzeitung mit Nachrichten aus aller Herren Ländern beim Frühkaffee entbehren mußte. Was konnte nicht alles während dieser Zeit auf unserem Planeten vorfallen? Es ist gewiß keine Kleinigkeit, vierzehn Tage lang darüber im Unklaren zu bleiben, ob der neue Weltkrieg zuerst in Bulgarien oder in der Champagne ausbrechen wird. Alle meine herrlichen Schlachtpläne mußten dabei vollständig wertlos werden! Sehr vernünftig verfuhr ein vor Jahren in Reykjavik in Island wohnender Deutscher, wo damals nur ein einziger Dampfer in zwölf Monaten aus Kopenhagen eintraf. Unser Landsmann erhielt bei dieser Gelegenheit jedesmal den ganzen letzten Jahrgang der Kölnischen Zeitung und las jeden Morgen beim Kaffee oder Isländischen Thee allemal die dem Datum entsprechende vorjährige Nummer der Kölnischen – war also genau ein Jahr in der Tagesgeschichte zurück. Auf der Australia gab es nur Frank Leslies'- und Harper's Wochenblatt zu lesen, deren neueste Nachrichten und nicht gerade Rafaelische Bilder mir nicht einmal den vorjährigen Jahrgang der Kölnischen zu ersetzen vermochten. Nur die jenen Blättern angehefteten Vulkan-Anzeigen fesselten mich durch ihren mir ganz neuen Inhalt.

Die Dampferfahrt war recht einförmig. Nicht ein bischen Seekrankheit stellte sich bei mir ein, um die Langeweile zu vertreiben, obgleich sich die Australia durchaus nicht immer im Gleichgewicht über die Wogenhügel dahin bewegte. Stürme, die mitunter auch das Stille Meer gewaltig aufrütteln, ereigneten sich während unserer Reise gar keine. Ich sehnte mich ordentlich nach einer luftigen Brise; aber der alte Okeanos stand damals mit Boreas und seinen Genossen augenscheinlich auf dem besten Fuß und wurde von diesen gar nicht in seinem Schlafe gestört. Das tierische Leben beschränkte sich auf einige große Seevögel mit langen scharfzugespitzten schwarzen Flügeln, von der Schiffsmannschaft Molly Hawks genannt, die uns unermüdet tagaus, tagein auf unserer Reise begleiteten. Wie diese Vögel es möglich machten, ohne wahrzunehmenden Flügelschlag halbstundenlang hin und her zu kreisen, in der Luft auf und ab zu steigen und oft dicht über die Wogen hinzugleiten, blieb mir lange Zeit ein Rätsel. Ein mitreisender irischer Naturforscher belehrte mich endlich zu meiner Freude, indem er mir mitteilte, daß sich die Molly Hawks lediglich durch ihren Geisteswillen (power of mind) fortbewegen. Welch eine Aussicht für zukünftige Reisende, wenn diese bei erstarktem Willen auf ihrem Koffer durch die Luft von San Francisco nach Honolulu reiten können, und das leidige Fahrgeld von 125 Dollars alsdann ein überwundener Standpunkt sein wird! Daß ich zu früh auf die Welt gekommen war, mußte ich bei diesem Gedanken schmerzlich empfinden. – Der Ocean zeigte so wenige Bewohner wie das Luftmeer. Walfische, nach denen wir oft ausschauten, bekamen wir gar keine zu Gesicht, kein Hai ließ sich blicken, und nur einmal erfreute uns eine Schar lustiger Delphine durch ihre unnachahmlichen Purzelbäume. Nie sah ich eine einsamere See. Ein einziges Segelschiff zog während unserer Reise in weiter Ferne an uns vorüber.

Sechshundert Seemeilen vom goldenen Thor gelangten wir in den sogenannten Mühlenteich (mill pond), der sich bis in die Nähe der Sandwichinseln erstreckt. Die See wird dort nur selten von Winden aufgeregt und liegt fast bewegungslos da; daher der Name. Die Witterung wurde jetzt merklich wärmer, das Meer nahm eine tiefblaue Färbung an. Als wir uns dem Wendekreise des Krebses näherten, kamen leichte Sommerkleider zum Vorschein, viele Mitreisende, namentlich Damen, die ich bis jetzt noch nicht gesehen hatte, erschienen auf dem Verdeck mit abgehärmten Gesichtszügen und suchten ihre Stühle. Viele Reisende auf diesen Dampfern pflegen nämlich ihren eigenen Stuhl mitzunehmen, weil solche außerhalb der Kajüten nicht vorhanden sind. Die verschiedenen Sorten von Klappstühlen, Hängestühlen, Schlafstühlen, Ausziehstühlen u.s.w., welche man auf diesen Schiffen zu sehen bekommt, würden einen Möbelhändler in Entzücken versetzen. Die wunderbarsten Stühle sind allemal das Eigentum eines Engländers und kommen aus der Werkstatt eines Yankees. Jeder reisende John Bull schleppt seinen eigenen Stuhl von einem Ende der Erde nach dem anderen mit sich. Wehe dem, der sich unberufen auf einem solchen Privatstuhl niederläßt. Mit den Worten »if you please, Sir!« wird ihm bald seine Stuhlarmut klar gemacht, und der rechtmäßige Eigentümer läßt sich auf dem bequemen Sessel nieder, in welchem jener eben noch mit sinnigen Betrachtungen auf das unendliche Meer hinausschaute, oder sich in einen Räuberroman vertieft hatte. Daß die Engländer die seltsamsten Reiseanzüge tragen, wird jedem, der aus seinen heimischen vier Wänden einmal herausgekommen ist, nichts Neues sein. Aber praktisch sind unsere Vettern aus Altengland immer, sei es frühmorgens, wenn sie in weißen Flanellanzügen mit dem Riesenschwamm in der Hand ins Bad gehn, sei es bei Tage, wenn sie ihre karierten Joppen, ihre Pumphosen und Troddelmützen zur Schau tragen.

Das Verdeck war jetzt stets voll von Reisenden beiderlei Geschlechts, die entweder spazieren gingen oder Romane lasen, oder mit Bleigewichten nach dem Strich warfen, und sich in ähnlichen geistreichen Spielen ergingen. In der Kajüte wurde das Klavier von den schlechtesten Spielerinnen fast unausgesetzt gemißhandelt. Mitunter wurde dort, oder nach Dunkelwerden auf dem oberen Verdeck getanzt. Der funkelnde Sternenhimmel diente in letzterem Falle zur Beleuchtung, die laue Tropenluft fächelte die Wangen der Schönen, während die Maschine stampfte und der Dampfer rastlos weiter eilte. Im Rauchzimmer drehte sich die Unterhaltung beim Whist und Pokerspiel meistens um Leprosie, worüber der lustige Schiffsarzt uns gern Aufklärung verschaffte. Mehrere Mitreisende wären gern umgekehrt, als sie von der großen Gefahr des Aussatzes erfuhren, der sie in Honolulu ausgesetzt sein würden, wo diese ekelhafte Krankheit häufig von den Kranken auf die Gesunden durch die Moskitos übertragen wird.

Am sechsten Tage unserer Meerfahrt wurde die Hospital-Abgabe von zwei Dollars von jedem Reisenden eingefordert. Ich erfuhr, daß mich das Bezahlen dieser Abgabe durchaus nicht zu einem freien Unterkommen im Krankenhause in Honolulu berechtigte, daß dieselbe vielmehr ein bequemes Einkommen der hawaiischen Regierung ist, welche damit den Fremden einen Teil der Kosten für den Staatshaushalt auferlegt.

Die See ward jetzt unruhig und Scharen von Möwen umschwebten das Schiff, ein Beweis, daß Land in der Nähe war. Am Vormittage des 14. Dezembers stiegen blaue Wolken, die Berge der Sandwichinseln, aus dem Ocean empor. Bald darauf erhoben sich die beiden 1206 und 644 Fuß hohen grünen Bergkuppen von Koko Head auf der Insel Oahu (Oáchu)1 aus dem Meere und wurden mit Jubel begrüßt. Dann erschien der malerische, langgestreckte alte Kraterwall Diamond Head als überaus prächtige Landmarke des Hafens von Honolulu. Eine lange Berglinie, mit Schluchten, zahlreichen Gipfeln und schwarz-braunen Felszacken, auf welcher in dunklen Wolkenzügen ein doppelter Regenbogen leuchtete, schloß sich daran an, grüne Thäler erstreckten sich vom Gebirge bis ans Meer, am Strande lag ein Kokospalmenhain, die Landschaft war weit und breit mit grünen Bäumen bedeckt, zwischen denen zahlreiche weiße Wohnhäuser hervorlugten; davor breitete sich der blaue Meeresspiegel aus – ein wundervolles Bild!

Die Stadt Honolulu mit dem Punch-Bowl-Berge im Hintergrunde, die wie in einem großen Park dalag, der von Schiffen belebte Hafen mit seinen Landungsbrücken und Lagerhäusern, traten jetzt rasch näher heran. Ein von Kanaken gerudertes Boot brachte den Lotsen an Bord. Die braunen Ruderer, kräftige, muskulöse Gestalten, konnten als tüchtige Seeleute recht gut den Vergleich mit der Mannschaft der beiden Böte aushalten, welche bald darauf das im Hafen liegende englische Kriegsschiff Caroline und der V. St. Kriegsdampfer Vandalia nach der Australia sandten, um die für ihre Schiffe bestimmten Postsäcke in Empfang zu nehmen. Die Vandalen waren den Briten sowohl an Aussehen als an Seemannskunst augenscheinlich überlegen, was die auf das Sternenbanner schwörenden Reisenden der Australia mit Stolz erfüllte.

Nachdem ein Gesundheitsbeamter die in Reih und Glied aufmarschierten Reisenden oberflächlich betrachtet hatte, um festzustellen, ob nicht dieser oder jener unter uns mit den schwarzen Blattern behaftet sei, und dieser Punkt zur Zufriedenheit erledigt war, hinderte den Dampfer nichts mehr daran, in den Hafen einzulaufen. Innerhalb des Korallenriffs empfingen uns mehrere junge Kanaken, die aus einem Boote ins Meer sprangen und wie die Enten um unser Schiff herum schwammen. Wir warfen kleine Münzen in das Wasser, welche von den untertauchenden braunen Gesellen ohne Mühe erhascht wurden. Während die Männer unter den Reisenden dies zweifelhafte Vergnügen, ihr Geld fortzuwerfen, bald einstellten, fuhren mehrere englische, wissenschaftlich veranlagte Damen, die ihre Kenntnisse über den Körperbau der Kanaken bereichern wollten, noch eine Zeitlang eifrig damit fort, ihre Nickels in das Meer zu werfen. Im Hafen lagen die V. St. Kriegsschiffe Vandalia, Juniata und Mohican und der britische Kriegsdampfer Caroline friedlich nebeneinander. Bald hatten wir die von Menschen und Fuhrwerken förmlich wimmelnde Landungsbrücke erreicht, an welcher unser gutes Schiff nach einer Fahrt von 2100 Seemeilen, die genau sieben Tage gedauert hatte, wohlbehalten anlegte. Die braunen Zöllner waren außerordentlich zuvorkommend gegen die Reisenden und erlaubten denselben, den gastlichen Boden des Königreichs Hawaii zu betreten, ohne zuvor das Handgepäck einer kritischen Musterung zu unterwerfen. Mich zwischen blumenbehängten Kanaken und einem wahren Völkergemisch der Inselbewohner hindurch drängend, erhaschte ich bald einen der vielen Einspänner und fuhr schnell durch die Stadt nach dem Hawaiian Hotel, wo ich ein vortreffliches Unterkommen fand.

1. Die Insel Oahu, auf welcher Honolulu, die Hauptstadt des hawaiischen Königreichs, liegt, ist ungefähr 150 Q Kilometer größer, als die Insel Rügen.

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeine Notizen über die Sandwichinseln. – Statistisches. – Eine gemischte Bevölkerung. – Das Aussterben der Eingeborenen. – Der Volksstamm der Kanaken. – Schulcensus.

Ehe ich mit der Beschreibung des Königreichs Hawaii beginne und das interessante Leben in jenem entlegenen Tropenlande zu schildern versuche, will ich einige übersichtliche statistische Notizen voranschicken, um dem Leser einen Begriff von der geographischen Lage, der Größe und den Bevölkerungsverhältnissen des Inselreichs zu geben.

Die Sandwichinseln (von den Bewohnern gewöhnlich Hawaiian Kingdom oder kurzweg The Islands, amtlich Hawaiinei genannt) liegen zwischen 18° 50' bis 22° 20' nördl. Breite und zwischen 154° 53' bis 160° 15' westl. Länge von Greenwich, auf der Straße der Postdampfer, die von San Francisco nach Australien fahren. Die Entfernung von Honolulu nach San Francisco beträgt 2100, nach Aukland 3810, nach Sydney 4484 Seemeilen. Die Gruppe besteht aus acht größeren und vier kleineren Inseln, welche letztere aber nur als Felsklippen gelten können. Alle Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Stellenweise liegen Korallenriffe in geringer Entfernung vom Ufer; aber es sind die Korallenbildungen hier weit beschränkter, als in den Inselgruppen südlich vom Äquator. Sieben von den Hauptinseln sind bewohnt (Kahoolawe wurde vor einigen Jahren von seinen Bewohnern verlassen). Nur die vier größeren Inseln Hawaii, Maui, Oahu und Kauai haben eine Bedeutung für Handel und Ackerbau; auf den übrigen Inseln wird fast nur Viehzucht betrieben. Ungefähr 1/20 der Oberfläche des Königreichs, die auf 4 Millionen Acker geschätzt wird, ist kulturfähig.

Die Sandwichinseln wurden aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1542 zuerst von Juan de Gaetano, der den spanischen General Lopes Villalobos als Schiffsführer begleitete, während einer Reise von Neu-Spanien (Chile) nach den Molukken entdeckt und als »Königsinseln« (las islas del rey) bezeichnet, die 900 Leguas, ungefähr 2000 Seemeilen, von der mexikanischen Küste lägen.

Die Entdeckung ging aber ganz in Vergessenheit über, bis Kapitän Cook die Inseln am 18. Januar 1778 während einer Reise durch die Südsee nach Oregon in den Schiffen Resolute und Discovery zum zweiten Mal entdeckte und Sandwich Islands taufte. Außer den Nachrichten über die Königsinseln deutet noch sonst manches darauf hin, daß die Spanier lange vor Cook diese Inseln auf ihren Seefahrten zwischen den Philippinen und Panamá, besucht haben. Die Helme, welche die alten Häuptlinge trugen, sahen genau so aus, als wären sie nach spanischem Muster angefertigt worden; manche Waffenstücke, altes Eisen (auf den Hawaiischen Inseln kommen gar keine Metalle vor) und andere Gegenstände scheinen spanischen Ursprungs zu sein.

Das folgende Verzeichnis giebt die Größe der verschiedenen Inseln an, die höchste Bodenerhebung, welche sie über dem Meeresspiegel erreichen, und die Zahl ihrer Bewohner:


engl. Miles Bevölkerung Höchste Bodenerhebung:
(27. Dezember 1884) in engl. Fuß in Meter
Hawaii 4210 24991 13805 4200
Maui 760 15970 10032 3059
Oahu 600 28068 4032 1229
Kani 590 8035 4800 1463
Molokai 270 } 3500 1067
Lanai 150 } 2614 3000 915
Niihau 97 } 800 244
Kahoolawe 63 } 1450 442
67402 80578

Die Stadt Honolulu hatte am 17. Dezember 1866 eine Bevölkerung von 13 521 Köpfen. Am 27. Dezember 1884 zählte die Stadt 20487 Einwohner, die sich nach Nationalitäten folgendermaßen verteilen:


Eingeborene (Kanaken 40014
Mischlinge (half cast) 4218
Chinesen 17937
Amerikaner 2066
Kinder, die in Hawaii von Ausländern geboren wurden 2040
Japaner 116
Norweger 362
Briten 1282
Portugiesen (von den Azoren und der Insel Madeira). 9377
Deutsche 1600
Franzosen 192
Andere Weiße 418
Polynesier 956
80578

Die Stadt Honolulu hatte am 17. Dezember 1866 eine Bevölkerung von 13 521 Köpfen. Am 27. Dezember 1884 zählte die Stadt 20487 Einwohner, die sich nach Nationalitäten folgendermaßen verteilen:


Eingeborene (Kanaken) 9013
Deutsche 433
Mischlinge 2706
Franzosen 126
Chinesen 5225
Norweger 106
Amerikaner 1164
Polynesier 115
Briten 791
Japaner 48
Portugiesen 570
Andere Fremde (Neger u. s. w.) 190
Zusammen 20487 Einwohner.

Die obigen Zusammenstellungen sind aber, namentlich in Bezug auf die Fremdenbevölkerung, einer stetigen Veränderung unterworfen. Die Zahl der Japaner, von denen es nach dem Census von 1884 nur 116 im hawaiischen Königreiche gab, hat sich z. B. bis 1890 durch Zuwanderung auf ungefähr 8500 Köpfe vermehrt. Die Chinesen und Portugiesen sind auch zahlreicher geworden, während die eingeborene ungemischte Bevölkerung in schnellem Rückgang begriffen ist. Wie rasch die Zahl der letzteren abgenommen hat, wird das folgende Übersichtsverzeichnis veranschaulichen:


Census Gesamt-bevölkerung Fremde (kaukasischer Abstammung) Chinesen Mischlinge Eingeborene
1823 142 050 142 050
1832 130 313 130 313
1836 108 579 108 579
1853 73 138 2 119 71 019
1860 69 800 2 816 66 984
1866 62 959 2 968 1 206 1 660 57 125
1872 56 897 4 247 1 938 2 487 48 225
1878 57 985 4 581 5 916 3 420 44 088
1884 80 578 18 407 17 939 4 218 40 014

Am 30. Juni 1887 schätzte man die Einwohnerzahl der Sandwichinseln, mit Berücksichtigung der Eingewanderten, Abgereisten, Geburten und Todesfälle, die den letzten Census entsprechend abänderten, auf 84 574. Im Mai 1890 wurde die Bevölkerung des Königreichs auf rund 92 000 Seelen angegeben, davon Eingeborene und Mischlinge zusammen 45 000; Weiße (unter ihnen 3000 Amerikaner und 1500 Deutsche) 7000; Portugiesen 12 000; Chinesen 19 000; Japaner 8500; Südseeinsulaner 500. Die Einwohnerzahl von Honolulu hat sich seit 1885 nur um ein Geringes vermehrt.

Die Hauptursachen der entsetzlichen Abnahme der Bevölkerung der Kanaken sind Blattern, Masern, Aussatz, sittenloses Leben der Weiber, Vernachlässigung der Kinder durch die Mütter, ungezügelte Vergnügungssucht, und namentlich der zerstörende Einfluß der Zivilisation der Weißen auf alle Naturvölker. Die ersten weißen Ansiedler waren ein außerordentlich wüstes Volk. Abenteurer, rohe Seeleute, entflohene Sträflinge bildeten die Mehrzahl derselben. Ihrer lockeren Moral und ihrem schlechten Beispiel ist es in hohem Maße zuzuschreiben, daß die eingeborene Rasse so schnell ausstirbt. Unter dieser haben außerdem Epidemien schrecklich aufgeräumt. 1804 starben viele Tausende an einer auf den Inseln wütenden Pest. In Waikiki (einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Honolulu) wurden an einem Tage 300 Tote begraben! 1853 starben mehr als 8000 Menschen an Syphilis und Pocken. 1849 und 1850 rafften die Masern Tausende hin. Kapitän Cook schätzte die Bevölkerung der Sandwichinseln auf 400 000; wahrscheinlich zu hoch, weil er sich durch die vielen Neugierigen, die von allen Inseln herbeigeeilt waren, um die Schiffe zu sehen, täuschen ließ. Aber alle alten Seefahrer veranschlagten die Bevölkerung auf Hunderttausende, wenn auch bedeutend niedriger als Cook. Heute, nach hundert Jahren, sind nur noch 40 000 übriggeblieben! Daß das gänzliche Aussterben der Kanaken nur eine Frage der Zeit ist, muß jedem einleuchten, der die obigen Zahlen aufmerksam gelesen hat.

Besonders traurig ist dies, weil der Volksstamm der Kanaken den meisten Naturvölkern sowohl geistig als körperlich weit voransteht. Die Bewohner von Tahiti, Tonga und Samoa und die Maoris auf Neu-Seeland, welche letzteren mit Erfolg ein Menschenalter lang gegen die Engländer kämpften, gehören zu derselben Rasse. Die Eingeborenen der Sandwichinseln haben sich die neuere Kultur – leider auch deren Laster! – mit Ausnahme einiger nationaler Eigentümlichkeiten, namentlich in Nahrung und Gewohnheiten, erstaunlich schnell angeeignet. Sie kleiden sich wie die Weißen. Ihre Kinder schicken sie freiwillig zur Schule, wo jene die englische Sprache schnell bemeistern; im Parlament zeichnen sie sich als Redner aus; die Gebildeteren unter ihnen wissen so gut in der Politik Bescheid wie irgend ein Yankee; als Seeleute und verwegene Reiter haben sie eine Berühmtheit erlangt. Sie schwärmen für Musik; ihre Vorliebe für Blumen hat etwas Kindliches, das außerordentlich angenehm berührt; sie besitzen einen Schatz von alten Helden- und Göttersagen, worauf jedes Volk der Welt stolz sein könnte. Daß ein solcher Volksstamm nicht die sittliche Kraft besitzt, sich der von den Weißen erlernten Laster zu erwehren, ist tief zu bedauern. Schon der Besuch der Schulen beweist, wie viel Tüchtiges in den Kanaken steckt. Im Jahre 1886 wurden im Königreiche Hawaii 172 Schulen mit 300 Lehrern von 9016 Schülern besucht, die sich nach Nationalitäten folgendermaßen verteilen:


Hawaiier 5881
Portugiesen 1185
Mischlinge 1042
Norweger 55
Amerikaner 300
Chinesen 130
Engländer 191
Südsee-Insulaner 24
Deutsche 175
Japaner 33

zusammen 9016 Schüler, und zwar 5060 Knaben und 3956 Mädchen. 44 000 Kanaken und Mischlinge sandten also nahezu 7000 Kinder in die Schulen; 20 000 Chinesen nur 130 Kinder! – Der Census-Superintendent macht dazu die Bemerkung, daß volle 80 % der eingeborenen hawaiischen Bevölkerung (d. h. solche, die das 6. Lebensjahr überschritten haben) Schulbildung genossen haben. 2/3 der Schüler werden nur in der englischen Sprache unterrichtet, 1/3 in Hawaiisch; der englische Unterricht ist in rascher Zunahme begriffen. Die für höhere Lehrzweige eingerichteten »Colleges« stehen fast alle unter der Leitung geistlicher Lehrer, namentlich katholischer Priester. Diese vorzüglichen Lehranstalten würden auch in alten Kulturländern ein hohes Ansehen genießen.

2. Justus Perthes giebt den Flächeninhalt des Königreichs Hawaii auf 16940 Q Kilometer an, – fast so groß wie die Provinz Schleswig-Holstein (ohne Lauenburg). 6740 engl. Q Meilen, die Größenangabe der offiziellen hawaiischen Vermessung, sind = 17282 qkm. 1 qkm = 0,39 engl. Q Meile (square mile). 1,6093 Kilometer = 1 engl. Statute-Meile (16 Kilometer ungefähr = 10 engl. Meilen). 1 Meter = 3,28 engl. Fuß.

Drittes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Ein Königreich mit zwei Gasthäusern. – Das Hawaiian Hotel. – Erste Eindrücke in Honolulu. – Der Gegenseitigkeitsvertrag und seine Folgen. – Amerikanischer Einfluß und Gepflogenheiten. – Ein Paradies für Droschkenkutscher. – Straßenverkehr und Völkergemisch. – Léis-Kränze. – »Aloha!« – John Chinaman. – Das Musikchor des Herrn Berger. – Konzert in Queen Emma´s Square. – Kanaka-Reiterinnen.

Der Fremde, welcher eine Vergnügungsreise nach den Sandwichinseln unternommen hat, findet im Bereiche der Inseln nur zwei gute Gasthäuser, das allen vernünftigen Ansprüchen genügende Volcano-House auf der Insel Hawaii und das vorzügliche Hawaiian-Hotel in Honolulu. Wer sich längere Zeit in dieser Stadt aufhält, wird sich vielleicht ein möbliertes Zimmer mieten, ist aber alsdann auf die Restaurants angewiesen, die von zweifelhafter Güte sind. Die kleineren Kosthäuser sind nicht zu empfehlen. Will ein Reisender die Zuckerpflanzungen besuchen, oder Ausflüge nach den verschiedenen Inseln unternehmen, so ist er ausschließlich auf die Gastfreundschaft der Pflanzer angewiesen. Gasthäuser giebt es dort nicht. Die chinesischen Kosthäuser und Herbergen in einigen kleineren Plätzen verdienen nicht den Namen Gasthäuser und sind für einen civilisierten Menschen abscheulich. Es soll nun allerdings den von aller Welt abgeschlossen lebenden Pflanzern der Besuch eines gebildeten Europäers oder Amerikaners in früheren Jahren meistens recht angenehm gewesen sein. Die Gastfreundschaft der Pflanzer wurde aber nicht selten so mißbraucht, daß ein Fremdenbesuch ihnen heutzutage nur in Ausnahmefällen erwünscht ist. Seit von den sehr schreiblustigen Fremden, welche mit äußerster Gastfreundschaft aufgenommen wurden, insbesondere von Amerikanern, oft die entstellendsten Berichte über Hawaii in den Zeitungen veröffentlicht werden, sehn sowohl die Bürger Honolulus als die Pflanzer sich den hereingeschneiten Ausländer, der vielleicht Reisebriefe für ein Wochenblatt in Hangtown in Californien oder für eine Zeitung in Pike County in Missouri liefert, erst etwas genauer an, ehe sie ihn in ihre Familienkreise einführen, oder ihm ihre Gastfreundschaft anbieten. Scheint seine Bekanntschaft wünschenswert zu sein, so kann er sich auch heute noch gewiß nicht über einen kalten Empfang beklagen.

Das nach amerikanischem Vorbild eingerichtete und geleitete Hawaiian Hotel, ein ansehnliches von zwei übereinander liegenden breiten Verandas umgebenes Gebäude aus »Concrete« (durch Cement verkittete zerschlagene Lava- und Korallensteine), ist das Hauptquartier aller Fremden, welche Honolulu besuchen. Da die Unsitte der Trinkgelder noch nicht nach Hawaii gedrungen ist, so kann man den Preis von drei Dollars den Tag für Wohnung und Beköstigung nebst freien Bädern in diesem vorzüglichen Gasthof nicht hoch nennen. Bei Tisch werden meistens californische Weine getrunken. In der Vorhalle hängen große blutrote Vulkanbilder, Landkarten der Inseln, Photographien hawaiischer Naturschönheiten u. s. w. Die Landkarten werden oft von Reisenden beschaut, die ihre geographischen Kenntnisse bereichern wollen, während die blutigen Vulkanbilder an Dantes Hölle erinnern. Im untern Raum des Gasthauses befinden sich kleine Spielzimmer, ein großer Billardsaal und ein prächtiger, ganz nach amerikanischem Muster eingerichteter Trinkstand (bar). Zu jeder Stunde des Tages und bis spät in die Nacht hinein findet man dort durstige Seelen und eifrige Spieler, welche sich bemühen, die Zeit auf anständige Weise tot zu schlagen. Abends ist in jenen Räumen oft ein dichtes Gedränge. Da man hier, wie allerwärts auf den Inseln, wo die gerichtliche Erlaubnis für den Ausschank (license) 1000 Dollars das Jahr beträgt, nicht für weniger als ¼ Dollar seinen Durst zu löschen vermag, (selbst ein kleines Glas Bier macht keine Ausnahme!) so regnet es an der »Bar«, die eine förmliche Silbermine ist, von größeren Silbermünzen – hawaiisches oder amerikanisches Geld. Kein Gentleman wird so knauserig sein, wenn er sich in dem riesigen, von vergoldetem Schnitzwerk und Säulen überreich eingefaßten Spiegel betrachtet, ohne Mittrinker ein Labsal hinter die Binde zu gießen. Das unter den Inselbewohnern arg eingerissene Traktieren würde jeder californischen Minenstadt zur Ehre gereichen.

Die Aussicht von einer der vorderen Verandas des Gasthauses ist außerordentlich malerisch. Tamarinden, Pfefferbäume, Bananen, Palmen und Mangos, eine große mit Schoten behängte Algeroba (Johannisbrotbaum) und fremdartiges Strauchwerk bilden ganz in der Nähe einen reizenden Park, aus welchem munteres Vogelgezwitscher erschallt. Daneben befindet sich ein vielbesuchter Rasenplatz für Lawn-Tennis-Spieler. Jenseits des Gartens liegt eine hohe, weißgetünchte Steinmauer, die den Raum einschließt, auf welchem der Königspalast steht. Eine Anzahl niedlicher Häuschen, die zum Gasthof gehören, liegen in der Nähe desselben. Von den Verandas an der Rückseite des Gebäudes gewahrt man in nicht weiter Entfernung die nackten, steilen Abhänge des alten Punch-Bowl-Kraters, hinter demselben eine meistens mit Wolken bedeckte und oft mit einem Regenbogen geschmückte vielgipflige Bergkette, den 2013 Fuß hohen Tantalus (Puu Ohia) und den 2447 Fuß hohen Olympus oberhalb des Manoathales. Im Vordergrunde des Bildes prangt ein reicher tropischer Pflanzenwuchs. Herrlich ist die Rundschau aus einem oben auf dem Gebäude stehenden kleinen Glashause (cupola). Zu Füßen liegt die Stadt, wie in einem Park, und ringsum breiten sich das Gebirge, malerische grüne Triften und Thäler, Landsitze, der Hafen und das blaue Meer aus.

Auf einer der breiten Verandas zur Zeit der Passatwinde in einem bequemen Schaukelstuhl zu sitzen, den blauen Rauch einer echten Habana emporzuringeln, sich von den weichen Lüften fächeln zu lassen, in die fremdartige Umgebung hinauszuschauen und die Insassen der jeden Augenblick anlangenden oder abfahrenden hübschen Einspänner zu mustern, ist ein beneidenswerter Zeitvertreib. Und wenn bei allen diesen Genüssen noch die Tonflut des trefflichen hawaiischen Orchesters von Queen Emma's Square herüberschallt, wenn vielleicht des Abends eine Tanzgesellschaft sich im Gasthause versammelt hat, die vielen großen bunten Papierlaternen reihenweise an den Verandas hängen, die elektrischen Glühlampen an den Säulen und zwischen dem Laub der Bäume und in den bunten und roten Blättern der Sträucher im tropischen Park glänzen, wenn Honolulus bräunliche und weiße Schönen – wahre junonische Gestalten! – in leichten hellen Gewändern und geschmückt mit den prächtigsten Rosen, sich einstellen, das braune niedere Volk, auf den Kieswegen dicht geschart, der Freude zuschaut, der König selber in bürgerlicher Kleidung erscheint, die Fremden sich vorstellen läßt und mit ihnen plaudert, so befindet man sich dort wie in einer neuen Welt.

Honolulu ist während der Tageszeit ein sehr lebendiger Ort. Der Verkehr beginnt aber erst nach neun Uhr morgens, da die Kaufleute hier selten zu einer früheren Stunde ihre Geschäftshäuser und Läden öffnen. Die Hauptstraßen sind den Tag über voll von Fuhrwerken und Menschen. Nach Dunkelwerden dagegen wähnt man bei der schlechten Straßenbeleuchtung, namentlich in den Seitengassen, wo die Häuser sehr zerstreut stehn, sich in einer weitläufig gebauten Vorstadt zu befinden. Sonntags herrscht in Honolulu die Stille des Kirchhofs. Die vielen Schänken und alle Geschäftshäuser sind geschlossen; nur die Kirchen erfreuen sich eines lebhaften Besuchs. Die »Bar« im Hawaiian Hotel ist am Tage des Herrn nur durch ein niedriges viereckiges Loch vom Keller aus zu erreichen, da die dorthin führenden Thüren sonntags alle verriegelt sind. Die Geschäftsstraßen und viele Nebenstraßen in der inneren Stadt sind schmal und auch nicht immer nach dem Lineal ausgelegt. Die neuen, außerhalb des Geschäftsteils liegenden Straßen, an denen die Wohnhäuser stehn, sind dagegen breit und gerade. Es befinden sich in der Stadt große Lagerhäuser und Kaufläden, eine Eisengießerei, mehrere Maschinenwerkstätten, Holzhöfe, zwei Banken, zahlreiche Kirchen und Schulen und stattliche Regierungsgebäude.

Die Bauart der Häuser an den Geschäftsstraßen ist ganz amerikanisch. Die vornehmeren Wohnhäuser sind im Villenstil erbaut, und fast alle aus Holz. Beim Bau der Geschäftshäuser, Kirchen und öffentlichen Gebäude haben Ziegel, Korallen- und Lavasteine vielfach Verwendung gefunden. Das Holz wird vom Puget Sund und aus Oregon und Kalifornien eingeführt, die Ziegel werden in San Francisco angefertigt, weil es auf den Sandwichinseln keinen dafür passenden Lehmboden giebt. Die alten Grashütten der Eingeborenen sieht man heute nur noch in entlegenen Plätzen auf dem Lande. Sie werden auch von dort durch die billig herzustellenden Holzhäuser schnell verdrängt.

Durch den Zollvertrag zwischen den Vereinigten Staaten und dem Königreiche Hawaii sind die Handelsbeziehungen des letzteren Reiches zu Amerika derartige geworden, daß man die Sandwichinseln heute, fast eine amerikanische Kolonie nennen kann. Aber jener Gegenseitigkeitsvertrag (reciprocity treaty), der 1876 geschlossen wurde, hat Hawaii weitaus den größten Vorteil gebracht. Man hat berechnet, daß dieses bis zum Jahre 1888 allein an Zoll für Rohprodukte 22 Millionen Dollars gespart hat. Dagegen erwarben die Vereinigten Staaten, und zwar vorwiegend San Francisco, den Löwenanteil am Einfuhrgeschäft. Fast die Hälfte aller Manufakturwaren, Kleidungsstücke u. s. w. und Massen von californischen Lebensmitteln werden von dort bezogen.3 Auf den Sandwichinseln zeigt sich infolge der günstigen Handelslage ein großartiger Aufschwung. Eisenbahnen, Telegraphen, Telephone, gute Straßen, Wasserwerke, neue Bauten, elektrische Beleuchtung u. s. w. werden in Menge angelegt. Die Schiffahrt hat sich fast verdoppelt.4

Als Ersatz für die dem Königreiche Hawaii gleichsam geschenkten Millionen ist der Einfluß der Vereinigten Staaten dort fast maßgebend geworden. Überall stehn die Amerikaner voran. In Regierungsangelegenheiten, im Handel, im bürgerlichen Verkehr u. s. w. geben sie den Ton an. In Honolulu zeigt sich dies ganz auffallend, und es ist dort fast alles nach californischem Vorbild zugeschnitten. Das Silbergeld ist amerikanisches oder gleichwertiges hawaiisches, das in San Francisco genau nach dem Münzfuß der Vereinigten Staaten geprägt wurde. Man rechnet wie in Kalifornien nach »Bit« (= 12 ½ Cents). Für die Weißen ist ein 2 Bit-Stück (¼ Dollar – ungefähr 1 Mark) eigentlich die kleinste gangbare Münze. Unter den Kanaken dagegen bilden 10 Cents Silberstücke (Dimes) und 5 Cents Nickels das übliche Kleingeld. Die Goldmünzen sind ausschließlich amerikanische; »Greenbacks« (Papiergeld der Vereinigten Staaten) haben in Honolulu Goldwert wie in Amerika.

Die Freimaurer und Odd Fellows besitzen in Honolulu ihre Logen, es giebt dort eine ansehnliche freie Bibliothek mit Lesezimmer, wo die besten englischen und amerikanischen Zeitungen und Monatsschriften ausliegen, sogar ein Gebäude der young men's Christian Association befindet sich in der Stadt, geradeso wie in San Francisco oder in einem größeren californischen Platze. Die Umgangsformen sind ganz californisch. Trotz des Völkergemisches in den Straßen und trotz der vielen neuen Eindrücke fühlt sich ein Californier in Honolulu schnell heimisch, zumal auch die englische Sprache dort im Verkehr fast ausschließlich gebraucht wird.

Auffällig sind die vielen Einspänner (cabs), welche die Straßen beleben und die jeden Augenblick vorüberfahren. Die Zahl dieser Droschken beträgt gegen 300 – eine größere Anzahl derartiger Fuhrwerke, als ich je in einem Platze von der Größe von Honolulu irgendwo in der Welt gesehen habe. Die Droschken werden sehr viel benutzt, weil das Gehen wegen der feuchtwarmen Luft hier außerordentlich schnell ermüdet. Nur wenige werden sich besinnen, vom Hafen nach dem Hawaiian Hotel zu fahren, statt den Weg zu Fuß zu machen, eine Entfernung, die man bequem in sieben bis acht Minuten zurücklegt. Selten sieht man in Honolulu jemand schnell gehen, und kommt es mitunter vor, so ist der rüstige Wanderer gewiß ein Fremder, der erst kurze Zeit in der Stadt war.

Das Fahren in den Droschken verursacht eine nicht unbedeutende Ausgabe. Eine kleine Entfernung kostet allerdings nur 10 Cents, aber es bezahlt selten jemand weniger als ¼ Dollar an den Kutscher. Nach 11 Uhr des Nachts soll doppeltes Fahrgeld berechnet werden, was aber meistens schon um 10 Uhr geschieht. Dabei herrscht die für den Kutscher außerordentlich nette Einrichtung, daß zwei Personen, die in demselben Wagen sitzen, doppelte, drei Personen dreifache Taxe u. s. f. bezahlen müssen. Mache ich eine Spazierfahrt allein, so kostet es z. B. einen Dollar, lade ich einen Freund ein, mitzufahren, so kostet mich das Vergnügen zwei Dollars. Wer einen Besuch macht und spät nach Hause fährt, den kostet das Hin- und Herfahren so viel, als ginge er in New Jork oder in San Francisco in die Oper. Ich will noch erwähnen, daß ein Droschkenkutscher in Honolulu durchschnittlich 8 Dollars, mitunter sogar bis 20 Dollars den Tag einnimmt, und daß diese Rosselenker wohl die am besten gestellten Kutscher in der Welt sind. Mein Leibkutscher, ein rothaariger Irländer, mit dem ich sehr vertraut wurde, erzählte mir, daß er mit Leichtigkeit 100 Dollars den Monat, nach Abzug aller Unkosten und aller Ausgaben für seinen Lebensunterhalt, erübrige.5

Das Getriebe in den Straßen, besonders am Hafen, am Fischmarkt und dort, wo sich größere Volksmengen zusammenfinden, ist außerordentlich mannigfaltig. Die verschiedenen Volksarten der Inselbewohner treten sofort ins Auge. Alle möglichen Hautschattierungen, von weiß bis zur Schwärze des Ebenholzes sind dort vertreten; Kanaken, Chinesen und Weiße bilden die überwiegende Mehrzahl. Die Kanaken, namentlich die Weiber (Wahinis) unter ihnen, lieben es, sich mit Blumenkränzen und mit Laubgewinden zu behängen, was namentlich beim Abschied vor einer Reise geschieht. Aber auch in den Straßen Honolulus sieht man oft Kanaken, die mit Blumen geschmückt sind. Kränze, in denen weiße und rote Rosen miteinander abwechseln, große Gewinde aus Farnblättern und Epheu, andere Kränze, worin rote, scharlachene, dunkelblaue und strohgelbe wilde Blumen in das grüne Laub geflochten sind, Léis genannt, hängen sich die Frauen gern um Hals und Brust, oder sie tragen Halsschnüre aus kleinen roten und braunen oder aus größeren gelben Beeren. Die Männer schmücken oft ihren Hutrand mit breiten Muschelbändern, worin kleine weiße und braune Muscheln geschickt aneinander gereiht sind, und knüpfen baumwollene rote Bandana-Taschentücher lose um den Hals. Südfrüchte der mannigfachsten Art werden auf offener Straße auf großen Verkaufstischen feilgeboten; in den Schaufenstern gewahrt man allerlei hawaiische Seltenheiten. Die an den Straßenecken stehenden Polizisten sind fast ausschließlich Kanaken.6 Die stattlichen, in dunkelblaue Röcke, weiße Beinkleider und weiße Mützen gekleideten Männer sind die Liebenswürdigkeit selber und grüßen die Fremden oft recht vertraulich. Die Polizeimannschaft, welche den Frieden auf den Inseln aufrecht erhält, ist ungefähr hundert Köpfe stark. »Aloha!« (Alócha), oder »Aloha, nui, loa!« (d. h. ich grüße dich – groß – sehr), den hawaiischen Nationalgruß, vernimmt man oft. Dieselben Worte sieht man häufig auf den Deckeln der Albums, auf Bildern, Fächern, Briefpapier u. s. w., sowie auch in den Wohnungen über der Thür und in den Zimmern in Zusammenstellungen von Moos und Blumen, und sonst noch an vielen anderen Orten. Das Wort Aloha – eigentlich der Frieden – hat eine sehr vielseitige Bedeutung, z. B.: guten Tag, ich danke, ich küsse dich, Liebe, Zueignung, Gruß, Freundschaft und alles was süß ist u. s. w.

Die Kanakafrauen tragen meistens lose Gewänder aus billigem Baumwollenstoff, Holoku genannt, (nach Art der in Amerika bekannten Mutter-Hubbard-Kleider) und sehen, mit Ausnahme der Blumen- und Epheukränze, durchaus nicht malerisch aus. Hellfarbige Gewänder tragen sie am liebsten, obgleich auch schwarze Kleider bei ihnen keine Seltenheit sind. Das rabenschwarze Haupthaar lassen sie in der Regel frei im Nacken herabfallen. Ihre breiten, sinnlichen Gesichter können auf Schönheit keinen Anspruch machen. Geistig aufgeweckter als die Frauen sehen die meistens bartlosen Männer aus, die auch körperlich kräftig entwickelt sind. Stattlichere Männergestalten als die Kanaken (das Wort Kanake bedeutet ein Mensch), kann kein Volk der Welt aufzeigen.

Fast so häufig als die Kanaken sieht man in den Straßen Honolulus den arbeitsamen John Chinaman in seiner Nationaltracht, der die Eingeborenen längst wirtschaftlich überflügelt hat, und der sich auch hier von den Weißen, wie überall wo er mit ihnen zusammentrifft, nicht mehr zurückdrängen läßt. Im Königreiche Hawaii haben sich die bezopften Asiaten ganz eingebürgert; ungefähr jeder dritte Mensch in Honolulu ist ein Chinese. Auf den Pflanzungen haben sie sich als Arbeiter beinahe unentbehrlich gemacht, in der Stadt sind sie in fast allen Geschäften vertreten. Chinesische Läden, in denen alles Mögliche feil geboten wird, findet man in jeder Hauptstraße. Es giebt in Honolulu chinesische Möbel- und Teppichhändler, Uhrmacher, Handwerker aller Art u. s. w. Das Waschgeschäft ist selbstverständlich ganz in ihren Händen. Im Hawaiian Hotel sind sämtliche Aufwärter und Köche Chinesen; sogar in der »Office« hat ein Zopfträger die Oberleitung. In der »Chinesenstadt«, dem eigentlichen Mongolenquartier, das einen ansehnlichen Stadtteil bildet, sieht es merkwürdigerweise ziemlich reinlich aus. Die Ursache davon ist der Umstand, daß jenes Stadtviertel vor einigen Jahren (18. April 1886) fast ganz niederbrannte, und weil dort alles seit dem Wiederaufbau noch ziemlich neu ist. Auch sind die Straßen dort breiter, als z. B. in der Chinesenstadt in San Francisco, so daß sich der Schmutz nicht in ihnen anzusammeln vermag. Sonst ist die Chinesenstadt in Honolulu ein genaues Ebenbild von der in San Francisco.

Eine sehr angenehme Unterhaltung gewähren in Honolulu die Konzerte der auch auswärts durch ihren Besuch in San Francisco berühmt gewordenen Royal Hawaiian Band, die jeden Sonnabend Nachmittag und sonst bei festlichen Gelegenheiten in Queen Emma's Square stattfinden. Alle Klassen der Bevölkerung finden sich dort zusammen, mit Ausnahme der Mongolen, denen die Musik der Weißen und ihrer Zöglinge, der Kanaken, ein Greuel ist. In dem kleinen, mit tropischen Bäumen bewachsenen Park sitzen Männer und Frauen aller Hautschattierungen friedlich auf den Bänken neben einander, oder spazieren dort auf und ab. Braune, schwarze und weiße Kinder jagen sich auf den Rasenplätzen und zwischen den Bäumen hin und her. Draußen vor der Einfriedigung halten die Privatfuhrwerke der wohlhabenderen Weißen. Damen und Herren der feinen Welt sitzen dort stundenlang auf den weichen Polstern in ihren Wagen und lauschen den Klängen des Orchesters. Einspänner, mit Fremden darin, rollen schnell vorbei, Reiter und Reiterinnen jagen, oft im wilden Galopp, die Straße entlang. Die Kanakafrauen sitzen nach Art der Männer hoch zu Roß. Um den Gürtel haben sie eine breite rote oder gelbe Schärpe gewunden, das lange bunte Gewand hängt rechts und links fast bis auf die Hufe der Pferde herab und weht beim schnellen Ritt wie eine Doppelfahne, die über den Schweif des Rosses hinausreicht, malerisch hinterher. Kunstreiterinnen ähnlich sitzen diese braunen Frauen und Mädchen, mit fliegendem schwarzen Haupthaar, wie aus Erz gegossen fest im Sattel auf ihren wilden Rennern.

Inmitten des kleinen Stadtparks spielt in einem offenen Pavillon das Musikchor von 33 weiß gekleideten Kanaken, welche der Berliner Kapellmeister Herr Berger vortrefflich eingeschult hat. Es ertönen deutsche, amerikanische und andere Musikstücke; mitunter erklingen in Solo und Chor hawaiische, deutsche oder amerikanische Nationallieder. »Die Wacht am Rhein«, dort unter Palmen ertönend, machte auf mich einen eigentümlichen Eindruck. Prasselt dann ganz unerwartet einer von den in Honolulu im Winter sich nicht selten plötzlich einstellenden tropischen Regenschauern durch das Grün, so löst sich die Zuhörergesellschaft hastig auf, und Herr Berger ist gezwungen die in den Tagesblättern angezeigten Musikstücke ohne ein bewunderndes Publikum zu Ende spielen zu lassen.

3. Im Jahre 1876 betrug die Einfuhr des Königreichs Hawaii 1 811 770 – die Ausfuhr 2 241 041 Dollars; 1888 belief sich die Einfuhr auf 4 540 887 Dollars, wovon 3 454 000 Dollars auf die Vereinigten Staaten fallen, die Ausfuhr auf 11 903 398 Dollars, davon Zucker 10 818 000 Dollars. 99% von der Ausfuhr erhalten die Vereinigten Staaten, und 76 % von der Einfuhr werden von dort bezogen.

4. 1877 vermittelten 181 Schiffe mit 120 907 Tons den Handels- und Personenverkehr des Königreichs Hawaii mit dem Auslande; 1886 waren es 302 Schiffe mit 219 688 Tons – darunter 220 amerikanische, 29 hawaiische, 38 britische, 8 deutsche und 7 anderer Nationalität.

5. Durch eine Pferdebahn, mit deren Bau in Honolulu im Mai 1888 begonnen wurde, wird der Straßenverkehr eine große Umwandlung erleiden, und es werden die guten Tage für die Droschkenkutscher dort wohl bald vorüber sein. Für elektrische Straßenbeleuchtung war Zur Zeit meiner Abreise bereits alles vorbereitet.

6. Seit der letzten großen Revolution, die vornehmlich von fünf Deutschen niedergeschlagen wurde, sind viele Ausländer, namentlich Deutsche, bei der Polizeimannschaft angestellt worden.

Viertes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Der Palast des Königs. – Das Regierungsgebäude. – Ein hawaiisches Museum. – Die Wohnungen der Reichen. – Der Tropenschmuck Honolulus. – Das Hospital der Königin. – Nach Waikiki. – Diamond Head und ein Kokospalmenhain. – Die Villa am Meere. – Die Badeanstalt. – Schwimmende Kanaken. – Die Goldfischteiche. – Eine hawaiische Kinderschule und ein Chinesenladen.

Unter den Gebäuden Honolulus fällt der Palast des Königs (Iolani Palace – gewöhnlich kurzweg The Palace genannt) sofort ins Auge. Derselbe steht inmitten eines von einer hohen Steinmauer ringsum eingeschlossenen geräumigen Platzes, der mit tropischen Gewächsen und hübschen Gartenanlagen geschmückt ist. Das große zweistöckige Gebäude, mit der langen Doppelreihe von hohen Fenstern und der breiten Freitreppe, sieht vornehm aus. Der Bau desselben hat eine halbe Million Dollars gekostet. Die prächtigen Säle und Gemächer und die weite Vorhalle würden jedem Fürstenpalaste der alten Welt zur Zierde gereichen. Der Palast Iolani wird elektrisch beleuchtet. An den Eingangspforten zum Palasthofe spazieren die mit preußischen Gewehren bewaffneten kaffeebraunen Posten, die Waffenröcke und weiße mit Messing beschlagene Tuchhelme tragen, selbstbewußt auf und ab. Die stolzen Krieger sind die Vertreter des aus 75 Mann und einigen Dutzend Lieutenants, Hauptleuten und Generälen bestehenden Heeres des großen Kalakaua. Das dem Palaste gegenüber liegende Regierungsgebäude (government building) ist wie jener ein stattlicher Steinbau. Im Erdgeschoß tagt das aus Weißen und Kanaken zusammengesetzte hawaiische Parlament. Komisch wirkt es, an den Thüren im Regierungsgebäude dieses Duodezstaats in goldenen Lettern die Worte Department of the Interior – Department of finance – Department of Attorney General u.s.w. zu lesen. Im oberen Stockwerk befindet sich ein ansehnliches Museum, worin allerlei geschichtliche Erinnerungen: Altertümer, Kriegswerkzeuge, Ruderböte u. dergl. m., Aufnahme gefunden haben. Interessant sind die Zeichen königlicher Macht und Würde, darunter ein aus goldgelben und blendend roten Federn verfertigter Helm, ein Seitenstück zu dem im Palast aufbewahrten, ganz aus goldgelben Federn angefertigten berühmten Krönungsmantel (Mano). Jeder von den zu Tausenden getöteten schwarzen Jiwi-Vögeln (molio nobilis), die schwer im Gebirge zu fangen und jetzt fast ausgerottet sind, konnte für diese Prachtstücke nur zwei kleine kaum einen Zoll lange goldgelbe Federbüschel liefern, die der Vogel an den Seiten der Brust trägt; die blendend roten Federn wurden von einem kleineren Vogel (drepanis coccinea) gewonnen. Während der Regierungszeit von neun Königen wurde stetig an jenem Mano gearbeitet, der wie ein goldener Mantel aussieht und erst unter Kamehameha IV. (Kaméchamécha) fertig wurde. Der Mantel hat eine Länge von 4 Fuß und ist auseinandergefaltet unten 11 ½ Fuß breit. Die Federn, welche glatt über- und aneinander liegen, wurden auf ein feines Netzwerk kunstvoll befestigt.

Im Museum befinden sich ferner plastische Landkarten der Inseln und Vulkane, Mineralien, Korallen, Muscheln, Lavastücke und mancherlei Seltenheiten. Unter den letzteren hat auch das Kriegshorn Kamehamehas des Großen einen Platz gefunden, welches der Sage nach von Oahu bis nach Hawaii, eine Entfernung von 150 engl. Meilen (241 km), deutlich zu vernehmen war. Auf dem freien Platze vor dem Regierungsgebäude steht die Kolossalbildsäule Kamehamehas I., des großen Eroberers und Gründers des Königreichs Hawaii, der 37 Jahre (1782 bis 1819) regierte. Die riesige fast schwarze Figur, die einen Speer in der Faust hält und nur mit einem vergoldeten Schurz, Mantel und Helm, eine vorzügliche Nachahmung der vorhin erwähnten goldgelben Vogelfedern, bekleidet ist, wurde in Mailand angefertigt.

Die Wohnungen der wohlhabenderen Bürger Honolulus liegen an den sich mehrere englische Meilen weit vom Mittelpunkte der Stadt, teils am Meere entlang, teils ins Land hinaus erstreckenden Straßen. Fast jedes dieser Landhäuser, unter denen sich prächtige Bauten befinden, ist von Palmen und anderen tropischen Bäumen umgeben. Man sieht zahlreiche Tamarinden-, Pfeffer- und Mangobäume, Bananen, Eukalypten und Algerobas. Die Schoten, welche an den Zweigen der Algerobas hängen, dienen als Futter für Pferde; auch liefern jene großen Bäume ein vortreffliches Brennholz. Die schönsten Tropenbäume sind unstreitig die in Honolulu in Menge wachsenden Königspalmen. Nie wird man müde, die hohen und schlanken, gleichsam künstlich gedrechselten lichten Stämme mit dem keulenartigen Unterbau, dem hellgrünen Aufsatz und den prächtigen Wipfeln zu betrachten. Besonders schön ist auch der unter dem Namen Pride of India (Melia Azedarach) hier eingebürgerte, aus den Tropen der alten Welt stammende Baum, der eine breite Krone von dunkelgrünen glänzenden Blättern trägt, die sich im Frühling mit rötlich-violetten, dem Flieder ähnlichen Blüten dicht bedeckt, sowie der aus Westindien eingeführte Baum Ponciana Regia, der strahlende orangenfarbene Blüten mit langen Staubfäden trägt. Bedenkt man, daß im Jahre 1820 kaum ein Baum an der Stelle wuchs, wo jetzt Honolulu steht, und daß es damals dort nur kleine Anpflanzungen von Taro gab, so ist die Menge der prächtigen Bäume, welche jetzt die Stadt schmücken, um so mehr bemerkenswert.

In den Gärten blühen Rosen von wunderbarer Größe und Farbenpracht. Es fehlt aber diesen hawaiischen Lieblingstöchtern der Flora der herrliche Duft der californischen Rosen. Heliotrope, Nelken, Jasmine, Reseda, Passionsblumen, Oleander, Fuchsien, Geranien u.s.w. bilden einen reizenden Schmuck jener Gärten. Allerliebste Landhäuser, mit breiten Verandas, sind nicht selten von schimmernden Blumen und von Epheu dicht überrankt. Die geräumigen, hohen Gemächer der vornehmeren Villen sind mit kostbaren Möbeln, Gemälden, Bildsäulen, Teppichen, Nippsachen, Blumen, tropischen Topfpflanzen u.s.w. ausgestattet, und fast in jedem Prunkzimmer eines dieser Häuser hängt ein mit blutroten Farben gemaltes Bild des Lavasees.

Honolulu liegt wie in einem großen tropischen Garten, der im herrlichsten Grün prangt. Trotz der häufigen Regenschauer müssen aber alle Gärten regelmäßig bewässert werden. Bleibt der Regen im Sommer längere Zeit aus, so trocknet der Boden außerordentlich schnell, und dichte Staubwolken erfüllen dann die Luft. Ohne künstliche Bewässerung wäre den Pflanzen hier im Sommer nur ein kümmerliches Dasein beschieden, und es würden die prächtigen hellgrünen Rasenplätze aus weichem Bermuda-Gras (maniania) bald ganz verdorren. Unter den Bäumen müssen die Königspalmen am meisten bewässert werden. Auch während meines Aufenthalts in Honolulu im Dezember und Januar sah ich fast täglich, trotz der häufigen Regengüsse, die an langen Gummischläuchen befestigten Drehbrausen in voller Thätigkeit, geradeso als befände ich mich in Kalifornien. Die schönsten Alleen von Dattel- und Königspalmen gewahrt man in den Anlagen beim Hospital der Königin. Die Dattelpalmen, welche am Wege nach dem Krankenhause in einer langen Doppelreihe stehn, haben ihre buschigen Blätterkronen zu einem schattigen Gang verbunden, der außerordentlich malerisch aussieht. Das Hospital, welches zahlreichen Kranken, fremden sowohl als einheimischen, Aufnahme gewährt, befindet sich in vorzüglichem Zustand. Die reinlichen Zimmer mit den vor ihnen liegenden luftigen Verandas, die milde Luft und die tropische Umgebung dieser Heilanstalt sind für die Kranken gewiß die beste Arzenei.

Der beliebteste Erholungsplatz in der Nähe von Honolulu ist die nur eine Wegstunde östlich von der Stadt in einer überaus malerischen Gegend nahe am Meeresufer liegende Ansiedelung Waikiki. Für das billige Fahrgeld von 25 Cents kann man zu verschiedenen Tagesstunden in einem Omnibus auf einer vortrefflichen Landstraße dorthin gelangen, falls man es nicht vorzieht, in einer Droschke für den sechs- und zehnfachen Preis hinauszukutschieren. Oft wurden in Honolulu meine Ohren durch das barbarische Getute des Waikiki-Kutschers beleidigt, der sein Horn blies, während er in den Straßen auf- und abfuhr und Reiselustige zur Omnibusfahrt einlud. An manchem sonnenhellen Morgen fuhr ich dort hinaus. Hübsche Landhäuser, tropische Gärten und Parkanlagen, ausgedehnte Bananenfelder erfreuten unterwegs das Auge mit anmutigen, stets wechselnden Bildern.

Die Lage von Waikiki ist hochromantisch. Namentlich ist es der in der Nähe liegende längst ausgebrannte Krater Diamond Head (Leahi), der das Auge durch seine schöne Form entzückt. Der Berg führt den Namen Diamond Head, weil man in früherer Zeit glaubte, es könnten dort Edelsteine gefunden werden. Eine Länge von zwei engl. Meilen (3 1/5 km) und eine Breite von einer engl. Meile hat der langgestreckte steil abfallende Kraterberg, der im Innern 400 bis 500 Fuß tief ausgehöhlt ist. Sein höchster Punkt (762') liegt an der dem Meere zugewendeten schmäleren Südseite. Die malerische Gestaltung dieses Berges, dessen Abhänge vielfach von Regenrillen durchfurcht sind, seine Lage und seine Umgebung sind ganz einzig in ihrer Art. Im Vordergrunde liegt ein ansehnlicher Hain von zerstreut wachsenden Kokospalmen, deren schlanke Stämme teils senkrecht, teils in schräger Lage bis zu einer Höhe von hundert Fuß emporstreben. Die Kanaken, welche die dicht unter der Blätterkrone hängenden großen Nüsse pflücken wollen, klettern an den Stämmen, die etwa zwei Fuß dick sind und bis zur Krone gar keine Äste haben, wie die Affen hinauf, indem sie ihre Füße an die einander gegenüber liegenden Seiten des Baumes setzen und ihre Hände so gebrauchen, daß sie sich nicht rückwärts überschlagen, – ein halsbrechendes Kunststück, das ihnen der geschickteste Turner nicht nachzumachen vermöchte. Der mit seiner Längenseite frei hervortretende, nahe am blauen Meere liegende Kraterberg, mit dem Kokospalmenhain im Vordergrund, bildet ein echt tropisches Landschaftsbild, das man nie müde wird, zu betrachten.

Gleichlaufend mit der Küste zieht sich, etwa sechs englische Meilen (9 bis 10 km) landeinwärts, eine schöngeformte vielgipfelige Bergkette hin. Wolken lagern darauf, Regenbogen schmücken dieselbe zur Winterszeit fast an jedem Tage. In dem Landstrich zwischen der Küste und dem Gebirge liegen zwischen den grünen Bäumen zahlreiche hübsche Wohnungen, darunter der weiße Villenpalast von Claus Spreckels. Der König Kalakaua, die Königin Kapiolani und viele reiche Bewohner Honolulus besitzen ländliche Wohnungen bei Waikiki. Ich hatte während einer Spazierfahrt nach Waikiki das Glück, von dem Eigentümer einer nahe am Meere liegenden Villa gastfreundschaftlich aufgenommen zu werden. Die Lage der Wohnung, mit der Aussicht auf das sich bis nach Honolulu vor uns ausbreitende Ufer, war wunderbar schön. Unter einem weiten, von Blättern dicht überrankten Gitterwerk saß ich wie in einem smaragdenen Saale, lauschte dem Rauschen der Wogen, die über das Korallenriff brandeten, und dem Gesänge der Vögel im grünen Laubwerk, atmete die vom Dufte der Jasminen erfüllte milde Luft mit vollen Zügen ein, betrachtete das wundervolle Strandgemälde und schlürfte behaglich den kalten perlenden Sekt. Aber diese Freude war nicht ungetrübt. Ab und zu stellte sich ein bissiger Moskito ein, und anregende Gespräche über Haifische und Aussätzige überzeugten mich, daß selbst im hawaiischen Paradiese die kleinen Teufel nicht fehlen, welche uns armen Sterblichen allerwärts das Erdenglück verbittern. Zu anderen Zeiten besuchte ich die prächtigsten Palmenhaine, die jedem Fremden offen stehn, oder ich wanderte durch den weitläufigen Kapiolani-Park. Nach Herzenslust kann man dort in den tropischen Anlagen umherschweifen und die Aussicht auf den Diamond Head, den hohen Kokospalmenhain und das weite blaue Meer genießen, oder auf einer einsamen Bank Platz nehmen und sich in den Inhalt eines lieben Buches ungestört vertiefen.

Die meisten Fremden besuchen Waikiki, um dort bei der Badeanstalt ein Seebad zu nehmen. Dasselbe liegt innerhalb des Korallenriffs, durch welches die in diesen Gewässern unangenehm zahlreichen Haifische vom Badegrund fern gehalten werden. Höchst selten gelangt eine von jenen Seehyänen durch eine schmale Öffnung in dem Riff, nach der Badestelle, wo sie aber nie lange verweilen wird. Ein molligeres Seebad, als das bei Waikiki, giebt es nirgends in der Welt. Es ist ein wahrer Hochgenuß, in dieser Flut umherzuschwimmen, die nicht zu kalt und nicht zu warm und so blau ist, wie das Mittelmeer bei der Insel Capri. Ein Hauptvergnügen ist es, den badenden Kanaken zuzuschauen. Männer, Frauen und Kinder tummeln sich dort, wie der Herrgott sie geschaffen hat, nebeneinander in der blauen Salzflut. Manche von ihnen nehmen ein Brett mit in die Wogen, stellen sich auf dasselbe und lassen sich so durch die hochaufschäumende Brandung treiben, andere stürzen sich ohne ein Brett in die Brandung, schwimmen wie die Fische im Wasser umher und tauchen unter, als befänden sie sich in ihrem ureigenen Element. Je wilder die Brandung tobt, um so lieber ist es ihnen. Die Frauen wetteifern mit den Männern in Schwimmkünsten. Verläßt eine von den braunen Seejungfern die Salzflut, so trocknet sie sich nicht etwa erst ab, ehe sie sich anzieht. Das ist in Hawaii ein überwundener Standpunkt. Sie wirft nur ein loses Baumwollengewand über den Kopf und wandert barfüßig von dannen, ohne sich um die kaukasischen Zuschauer im geringsten zu kümmern.

In der Nähe der Badeanstalt befindet sich eine Anzahl kleiner Teiche, die ganz voll von Goldfischen sind. Für den verwöhnten Gaumen der Kanaken sind diese ein beliebtes Gericht. Man verspeist sie roh – ohne Pfeffer und Salz! Rohe Fische sind ein Leckerbissen, den die kaukasischen Feinschmecker noch nicht entdeckt haben. In einen lebendigen Aal, Hecht oder Karpfen hineinzubeißen, soll so gut schmecken wie ein Gericht Austern in der Schale. In geringer Entfernung von den Goldfischteichen liegt an der Landstraße ein Chinesenladen, und nicht weit davon eine Kanakenschule. In der Schule werden die wie die Gänse barfuß herumlaufenden kaffeebraunen Kinder von einer Yankeeschoolarin in den Anfangsgründen der Wissenschaften, nämlich im Lesen, Schreiben und Rechnen, unterrichtet. Während der Zwischenpausen jagen sie sich und spielen miteinander, genau so wie die Kinder in einer deutschen Dorfschule. Den Fremden betteln sie gern deren überflüssige fünf-Centstücke ab, wofür sie im Chinesenladen sofort Kandy kaufen. Der schlitzäugige John, der Eigentümer des Ladens, hatte nebst den Lebensbedürfnissen für die erwachsenen Mongolen einen großen Vorrat von Süßigkeiten, Crackers, Nüssen u.s.w. auf Lager, womit er einen einträglichen Handel trieb. Die braunen Kleinen kamen stets in hellen Haufen zu mir gelaufen, sobald sie meiner bei Waikiki ansichtig wurden, und John lächelte, jedesmal wenn er mich kommen sah, so sanft, wie Bret Harte's weltberühmter Heathen Chinee es beim Pokerspiel zu thun pflegte.

Fünftes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Ausflug nach dem Pali. – Das Nuuanuthal. – Kanaken und Chinesen auf der Landstraße. – Auf dem Pali im Regen. – Ein Stück hawaiischer Geschichte. – Kamehameha der Große und die Schlacht auf dem Pali. – Hawaiische Lieder und Sagen.

In allen englischen Reisebüchern steht der etwa sieben englische Meilen (11 km) von Honolulu entfernte Pali (der Abgrund) als die größte Sehenswürdigkeit dieser Stadt verzeichnet. Infolge jener Anzeige haben die John Bulls, welche sich auf der Durchreise zwischen San Francisco und Sydney meistens nur einen halben Tag in Honolulu aufhalten, nichts eiligeres zu thun, als, gleich nachdem sie ihren Fuß auf den Boden der Insel Oahu gesetzt, in einem Wagen nach dem Pali zu kutschieren, ohne die Hauptstadt des Kanakenreiches nur eines Blickes zu würdigen. Selbstverständlich zog es auch mich wie mit magnetischer Kraft nach dem Pali. Einem Yankee aus Connecticut, der eine Reise um die Welt machte und mit einem 6 ¼ Fuß langen hageren Körper ausgezeichnet war, ging es wie mir, und da man über Naturwunder gern an Ort und Stelle mit jemandem seine Meinung austauscht, so mieteten wir zwei uns für die bescheidene Summe von acht Dollars zusammen einen Einspänner, versahen uns trotz des goldenen Sonnenscheins, wegen der auf dem Pali fast jeden Tag vorkommenden Regengüsse, mit Gummimänteln und befanden uns an einem Vormittage auf der nordwärts nach dem Gebirge durch das anmutige Nuuanuthal führenden Landstraße.

Der südliche Teil des Nuuanuthales gehört zum Weichbilde der Stadt Honolulu und wird meistens von wohlhabenden Bürgern bewohnt. Zahlreiche zwischen Palmen und anderen tropischen Bäumen hervorlugende Landhäuser, die von Rasenplätzen und Blumenbeeten umgeben waren, erregten meinen Neid auf die glücklichen Bewohner jener Heimstätten. Die palastartige Villa des Bankiers Bishop liegt an dieser Straße inmitten eines parkähnlichen tropischen Gartens von überraschender Schönheit. Verwahrloste, von Kanaken bewohnte Häuser, vor denen sich die halbnackten Kinder im Staub und Schmutz herumbalgten, und wo die Weiber im schlotterigen Mutter-Hubbard-Anzug gaffend in der Thüre standen, Portugiesenkneipen und Häuser von zweifelhaftem Ruf drängten sich ab und zu wie freches Gesindel zwischen die hübschen Landhäuser. Die Landstraße, an der zahlreiche Telephondrähte hinliefen, führte in der Nähe des Punch-Bowl-Berges vorbei, dessen fast 500 Fuß hohen Gipfel ich kurz vor meiner Heimfahrt nach San Francisco bestieg.

Es begann jetzt ab und zu kräftig zu regnen; dann brach die Sonne wieder hell durch das Gewölk, und die über dem Gebirge hängenden Wolken schmückten sich mit einem prächtigen doppelten Regenbogen. Als wir weiter kamen, vermochte unser bereits sehr ermüdete Gaul den leichten Wagen kaum noch durch den vom Regen durchweichten Boden der bergan laufenden Landstraße zu ziehen, so daß wir zwei Vergnügungsreisenden, um vorwärts zu kommen, meistens neben dem Gefährt durch den tiefen rötlichen Lehm spazieren mußten.

Wir begegneten vielen Eingeborenen, Männern und Frauen, die meisten von ihnen Arbeiter, die von den an der Nordseite der Insel liegenden Zuckerpflanzungen kamen und nach der Stadt ritten. Die Frauen saßen ohne Ausnahme nach Art der Männer auf ihren Kleppern. Auch Scharen von Mongolen begegneten uns, von denen viele große Bündel auf den beiden Enden einer langen Bambusstange auf der Schulter trugen. Sie alle gingen zu Fuß, denn die furchtsamen Chinesen haben eine heilige Scheu vor Pferden. Ihre Gliedmaßen vertrauen sie höchst ungern nicht einmal der sanftmütigsten Rosinante an, bei der man alle Rippen unter der Haut zählen kann. Unserem Wagen wichen die Zopfträger meistens hurtig bis in den Graben aus. Die Kanaken riefen uns oft ein freundliches »Aloha!« zu, und wir erwiderten kräftig ihren Gruß. Die braunen Reiterinnen unterwarfen unsere Gestalten und Gesichter einer strengen Musterung. Daß mein Reisebegleiter, der 6 ¼ Fuß hoch aufgeschossene hagere Yankee, besondere Gnade vor ihren Augen fand, merkte ich bald zu meinem Verdruß.

Einige hundert Schritt vom Pali, der das obere Ende des Nuuanuthales abschneidet, ließen wir unser Gefährt seitwärts von der Landstraße auf einer Wiese stehn und stiegen, dann zu Fuß die Schlucht hinauf, wo wir an einem Schutzgeländer endlich im strömenden Regen, unser Ziel erreicht hatten. Wir standen jetzt auf dem eigentlichen Pali, einem etwa 800 Fuß tiefen Abhange auf der Höhe des 1207 Fuß über dem Meere liegenden Gebirgspasses, der hier die Bergkette, welche sich von Südosten nach Nordwesten durch die Insel Oahu zieht, durchschneidet. Der linker Hand hoch aufsteigende, scharf zugespitzte Konahuaui Pik (3106 Fuß) und Abstürze bis 1400 Fuß tief, im Westen eine halbmondförmige grüne Bergkette, nordwärts die von Reitern und Fußgängern belebte, sich im Zickzack wie ein rotes Band hinabschlängelnde Straße, vereinzelte vulkanische Kegel, die aus einem weiten Thalkessel aufragten, jenseits desselben in der Ferne die von weißer Brandung umsäumte nordöstliche Küste der Insel Oahu, mit einigen dort liegenden Zuckerpflanzungen, dahinter das unendliche blaue Meer – das alles vereint bildete ein malerisches Bild, das bei hellem Sonnenschein unzweifelhaft noch sehr an Schönheit gewonnen hätte. Im klatschenden Regen und unter einem mit schweren Wolken verhängten Himmel, der über das ganze Panorama, mit alleiniger Ausnahme des blauen Meeres, einen grauen Schleier deckte, konnte ich mich aber für die Aussicht nicht begeistern, die auch unter einer günstigeren Beleuchtung schwerlich den ihr in englischen Reisebüchern gespendeten Weltruf verdient. Mein Yankeefreund befand sich in der denkbar übelsten Laune und verstieg sich sogar zu der Behauptung, daß der Pali sich an Großartigkeit mit den Weißen Bergen in Connecticut gar nicht vergleichen ließe. Obgleich ich dies nun keineswegs unterschreiben möchte, erlebte ich hier doch wieder einmal die alte Geschichte, daß eine zu hoch gespannte Erwartung in der Wirklichkeit meistens eine Enttäuschung zur Folge hat.

Von nicht geringem Interesse sind die geschichtlichen Ereignisse, die sich einst auf dem Pali und in der Nähe desselben abspielten. Um dieselben verständlich zu machen, muß ich den Leser bitten, sich in das vergangene Jahrhundert, in die Zeit Kamehamehas des Großen, zurückzuversetzen. Dieser war, als Kapitän Cook zuerst auf der Insel Hawaii landete, eben erst dem Knabenalter entwachsen; doch soll er Zeuge der Ermordung jenes berühmten Seefahrers (1779) gewesen sein. Später war er ein warmer Freund des Kapitäns Vancouver und blieb den Weißen stets zugethan. Nach dem Tode seines Oheims Kanaliopuu gelangte Kamehameha in Kohala, der nordöstlichen Landschaft auf der Insel Hawaii, zur Herrschaft. Zunächst unternahm er es, diese Insel, welche damals in ein halbes Dutzend und mehr kleine Reiche zerstückelt war, seiner Macht zu unterwerfen. Dabei hatte er bereits den Plan ins Auge gefaßt, alle Inseln unter seinem Scepter zu vereinigen und ein großes Inselreich Hawaii zu gründen.

Auf den verschiedenen Inseln herrschten zu jener Zeit eine Menge sogenannter Könige, manche von ihnen Tyrannen von der allerschlimmsten Sorte. Der geringste Verstoß gegen die lächerlichsten Gebräuche, eine Unachtsamkeit gegen einen König oder einen Priester wurde mit dem grausamsten Tode bestraft. Ließ jemand z.B. zufällig seinen Schatten auf die geheiligte Person eines solchen Königs fallen, so wurde er sofort umgebracht. Den Missethätern stieß man die Augen aus, Arme und Beine wurden ihnen entzweigebrochen, sie wurden erdrosselt, verbrannt, mit Knüppeln totgeschlagen u.s.w. Namentlich solche, die sich gegen das Tabu vergingen, d.h. irgend eine geheiligte Person oder Sache nur anrührten, waren unrettbar verloren. Sie wurden sozusagen auf die schwarze Liste gestellt und später, wenn der Vorrat von Kriegsgefangenen vielleicht nachließ, ohne eine Ahnung von der über ihrem Haupte schwebenden Gefahr zu haben, plötzlich zum Tode fortgeschleppt und den Göttern geopfert. Es gab dies eine so prächtige Gelegenheit, sich seiner Feinde zu entledigen, als je in Venedig in der guten alten Zeit gäng und gäbe war, wo man bekanntlich nur nötig hatte, den Namen irgend eines unbequemen Menschen auf ein Stück Papier zu schreiben und dies in eine für solche Mitteilungen bestimmte kleine Öffnung in der Wand des Dogenpalastes zu werfen, um jenen der Gerechtigkeit (?) zu überliefern. Ein hawaiischer König oder Priester konnte irgend einen Gegenstand mit Tabu bezeichnen: Götzenbilder, Schiffe, Schweine, Bäume, Felsen, Quellen, Männer, Frauen u.s.w. Unkenntnis eines Tabu war keine Entschuldigung. Die Kriege arteten in förmliche Raubzüge und Schlächtereien aus. Die Könige waren schlimmer noch als die alten Raubritter. Sie bekriegten einander und ihre Unterthanen fast fortwährend, die Ansiedler in den Thälern kämpften gegen die Bergbewohner, alle Schluchten und Wälder waren voll von Räubern. Die mit den Königen eng verbundenen Priester thaten diesen entsetzlichen Zuständen allen möglichen Vorschub.

Um Ordnung in die heillose Wirtschaft zu bringen, fiel Kamehameha im Jahre 1789 zunächst über Keoua, den mächtigen König von Hilo, her, der so eine Art hawaiischer Quitzow war. Keoua leistete wackeren Widerstand. Hätte er nicht während eines Kriegszugs nach der Landschaft Kau den dritten Teil seines Heeres (400 Mann) durch einen Aschenregen des Vulkans Kilauéa verloren, so wäre die Entscheidung vielleicht zweifelhaft gewesen. Als Keoua sich endlich ergab, ließ Kamehameha ihn, wie es heißt aus Versehen, totschlagen. Unter den auswärtigen Feinden Kamehamehas waren Kahekili, der König von Oahu, und dessen Sohn Kalanikupule, gewöhnlich Kalani genannt, weitaus die gefährlichsten Gegner. Kalani unternahm sogar Streifzüge nach der Insel Hawaii, raubte die schöne Kupule, Kamehamehas Schwester, aus dessen Lager und nahm sie zur Gattin. Die Kämpfe verbreiteten sich mit wechselndem Erfolg über alle Inseln, wobei bald dieser bald jener König für oder gegen Kamehameha stritt.

Kamehameha, der, wie früher erwähnt wurde, viele Freunde unter den Weißen hatte, suchte zuletzt mit diesen ein Bündnis zu schließen. Weiße Abenteurer und Halsabschneider gab es damals genug auf den Sandwichinseln, und jenen schien ein frischer fröhlicher Krieg der rechte Zeitvertreib. Es gelang Kamehameha denn auch ohne viele Mühe, eine ansehnliche Schar Weiße anzuwerben, die mit Feuerwaffen versehen waren und sich unter den Befehl eines Engländers mit Namen John Young stellten, mit deren Hilfe der Eroberer unwiderstehlich wurde. Die große Insel Hawaii fiel jetzt ganz in seine Gewalt. Im Jahre 1790 erlitt Kalani eine schwere Niederlage bei Wailuku auf der Insel Maui. Viele Hunderte seiner Krieger wurden bei dem in einer engen Felsschlucht stattfindenden Kampfe in Abgründe hinuntergestürzt. Der dort fließende Iáo-Bach war so voll von Erschlagenen, daß er weit aus seinen Ufern trat, weshalb diese Schlacht den Namen Kepaniwai (d.h. aufgedämmtes Wasser) führt. Nie zuvor hatte sich Kamehamehas Feldherrntalent in solchem Glänze gezeigt. Er eroberte nun schnell ganz Maui und brachte in den nächsten Jahren auch die Inseln Lanai und Molokai unter seine Botmäßigkeit.

Während Kamehameha seine Macht immer mehr stärkte, verzettelten die Könige von Oahu die ihrige mit nutzlosen Kämpfen gegen Kauai. Es war im Februar 1795, als Kamehameha der Große endlich mit einem Heere von 16000 Mann bei Honolulu landete, um Oahu zu erobern. Kalani trat ihm, in Gemeinschaft mit den ihm jetzt verbündeten Kriegern von Kauai zur Entscheidungsschlacht im Nuuanuthale entgegen. Seine bis auf 5000 Mann zusammengeschmolzene Kriegsmacht wurde am Tage vor der Schlacht durch 3000 Überläufer unter dem Verräter Kaiana, dem ersten Unterbefehlshaber im Heere Kamehamehas, verstärkt. Das enge Thal hatte Kalani ungefähr drei englische Meilen (5 km) von Honolulu durch einen querüber aufgeführten sieben Fuß hohen Steinwall verschanzt; aber Kamehameha schritt, trotz der niederträchtigen Verräterei eines so ansehnlichen Teils seiner Truppen, sofort zum Angriff. Von den weißen Seeleuten, die unter dem Befehl des vorhin genannten Engländers Young standen, wurde aus drei Geschützen, welche einem gestrandeten Schiffe entnommenen waren, eine Bresche in den Steinwall geschossen und dieser erstürmt. Die Überläufer ergriffen die Flucht, nachdem die Hälfte von ihnen, worunter der Verräter Kaiana, gefallen war; die Krieger von Oahu und Kauai hielten aber wacker stand. Zuletzt zog sich Kalani mit 300 Häuptlingen nach der Palischlucht zurück, wo diese Heldenschar, die sich nicht ergeben wollte, nach fürchterlichem Kampfe bis auf den letzten Mann fiel. Kalani, von Feinden umringt, wurde als einer der letzten von Young getötet. Die Königin Kupule, Kamehamehas Schwester und Kalanis Gemahlin, und viele Frauen Oahus sahen diesem Verzweiflungskampfe von einer nahen Felskuppe zu und ermunterten die Streitenden durch Zuruf und Gesang.

Nach dem Untergänge Kalanis und seiner Heldenschar rückte das siegreiche Heer Kamehamehas bis an das Ende der Palischlucht vor, wo die 1500 Überläufer, welche dem Blutbad entronnen waren, Schutz gesucht hatten. Damals war noch kein Abstieg nach der Nordseite der Insel aus den steilen Felsen gesprengt worden, und die Flüchtlinge steckten an dem Abhang wie in einer Falle fest. Von den wegen des Verrats und der ungeheuren Verluste gegen ihre früheren Waffengenossen aufs äußerste ergrimmten Kriegern Kamehamehas wurden jene auf dessen Befehl samt und sonders in den Abgrund getrieben. Noch heute findet man Schädel am Fuße des Pali, die stummen Zeugen des entsetzlichen Gerichts, das der hawaiische Napoleon dort über die Verräter verhängte. Die zahlreichen Gefangenen wurden im Heiau (Tempel) bei Waikiki den Göttern geopfert, ihre Köpfe auf den Steinwällen des Tempels aufgespießt.)7

Mit der Schlacht auf dem Pali war der Widerstand der zahlreichen kleinen Häuptlinge oder Könige auf den hawaiischen Inseln gegen Kamehameha vollständig gebrochen. Der Engländer John Young erhielt als Lohn für seine Dienste die Stellung eines Gouverneurs der Insel Oahu, und Kamehameha verlegte seinen Regierungssitz, der während der letzten Jahre in Lahaina auf der Insel Maui gewesen war, endgültig nach Honolulu. Die beiden Inseln Kauai und Niihau unterwarfen sich etwas später, und die Inselgruppe hat seitdem ein einziges Königreich gebildet. Der Sieger erließ strenge Gesetze gegen Mord, Raub, Diebstahl und andere Verbrechen, er ordnete das Recht des persönlichen Eigentums u.s.w. und führte in unglaublich kurzer Zeit gesittete Zustände in seinem Reiche ein. Kamehameha der Große, von den Walfischfahrern der »Napoleon des Pacific« genannt, hatte die Absicht, auch noch Tahiti zu erobern, gab diesen Plan aber wieder auf. Auf gebrechlichen Kanoes einen Kriegszug gegen eine Insel, die 2380 Seemeilen von Honolulu entfernt liegt, zu unternehmen, mochte selbst diesem mutigen Manne etwas zu gewagt erscheinen. Kamehameha war ein Krieger von herkulischer Stärke und besaß einen furchtlosen, eisernen Willen. Sein Feldherrntalent war bedeutend. Der Name Kamehameha bedeutet: ein Mann, der in einsamer Größe dasteht. Von seinen Landsleuten wird er als der tapferste Held, als der weiseste und gerechteste Herrscher aller Länder und Zeiten hoch verehrt – der Stolz und der Ruhm Hawaiis!

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Age restriction:
18+
Release date on Litres:
13 November 2024
Volume:
220 p. 1 illustration
ISBN:
9788075838551
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Bookwire
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