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Kasimir Edschmid
Hamsun & Flaubert: Zwei Reden

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066116026
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelblatt
Hamsun
Flaubert
Hamsun
Inhaltsverzeichnis
Den Namen Hamsuns nennen, heißt von großer europäischer Literatur reden.
Er gesellt sich sofort zu Tolstoi, Wedekind, d’Annunzio, Giovanno Pascoli, zu Chesterton und Shaw, zu Strindberg und Barbusse und Flaubert. Er ist, in diesen Zusammenhängen, als nordischer Bruder Strindbergs ganz repräsentativ zu Hause in dieser Gemeinschaft der bedeutenden europäischen Köpfe.
Im verkleinerten Kreis der Romanciers aber gibt es außer Gorki und Anatole France niemand mehr neben ihm.
Er scheint sogar berufen, in diesem Triumvirat Deutschland zu vertreten, denn einen deutschen Roman hat es nie gegeben. Immer war das westeuropäische Gesicht am deutlichsten in Frankreich, da neigt sich Europa schon schön gegen das strahlende Afrika und den asiatischen, türkischen Eroberer.
Im Mittelalter brachten die Mauren orientalischen Einfluß nach Spanien, und spanische Troveres entzündeten erst feurig herüberreitend die Provence und den Norden Frankreichs, und die herrlichsten der deutschen Epiker, der Hartmann von Aue, der Gottfried von Straßburg und der von Eschenbach wären nie erstanden ohne Chrestien von Troies und Bennoit de St. More und den Herrn von Britanje.
Von den Amadis- und Rosenromanen bis zu Voltaire und Balzac und dem heutigen Anatole France ist der westeuropäische Roman stets in wundervoller Linie in Frankreich zu Hause gewesen und in seinen Büchern steht die Geschichte abendländischer Menschheit am deutlichsten und mit der besten Tradition geschrieben. Die letzte und zärtlichste Blüte ist Anatole France.
Das osteuropäische Gesicht ist in Rußland zu einer ungeheuerlichen und barbarischen Sonne aufgestanden und es scheint, als ob die müdere und abgeklärtere Geistigkeit Frankreichs in die Verteidigungsstellung käme. In Dostojewski und Gorki und dem in ihrer Mitte stehenden Tolstoi sind gewaltige geistige Spannungen in die neue Welt getreten, und Asien, das die Franzosen, die es von den Spaniern schon gekeltert übernahmen, in eine entzückende Europäischkeit gebunden und damit graziös überwunden hatten, bereitet von der anderen Seite der Halbkugel einen furchtbaren Einfall in Europa vor.
Zwischen diese europäischen Geistesspannungen sind die Deutschen gelagert, aber es gibt kein großes, hell beschienenes Gesicht, das sich unter ihnen zwischen den beiden, mitteleuropäisch, erhöbe.
Es wird es auch nie geben. Es gibt auch keine deutsche Politik, die von Antwerpen bis nach Bagdad langte.
Denn schließlich sind auch die Deutschen alle irgendwie Westeuropäer, was sogar die Antibolschewisten betonen, und haben durch den Schuß Christentum, der ihre eigentlich ausgesprochen heidnische Einstellung band und gestaltete, wahrlich für alle im Kulturablauf bis zum Absterben ihrer Rasse verbleibenden Jahrhunderte unter allen Umständen genug Asien im Blut.
Wenn im Umkreis der gottgewollten Jahrhunderte die führende Macht des Geistes bei Nachlassen der europäischen Energie einmal wieder Koreanern und Chinesen zufällt, wenn in Tibet ein Bergstamm ein neues gigantisches Pulver, in Timbuktu ein neuer Heiland eine neue große Idee entdecken und uns, bis dahin Müde und Morsche, ganz damit erledigen wird, dann ist es ja völlig gleich, unter welchen Umständen wir mit unserer Halbkugel untertauchen.
Bis dahin sollte man aber so stolz sein, mit erhobenen Nacken sich als westliche Europäer zu fühlen und sich keine falschen Sehnsüchte zu suggerieren.
Was den duldsamen asiatischen Russen mit ihrem sehr großen, aber sehr abscheulichen Satrapen Dostojewski gut ist, ist den Deutschen sicher nicht, noch viel weniger aber den romanischen Völkern bekömmlich. Sie haben in dem Empfinden der Volksmassen viel zu wenig Sinn für das Übersinnliche und gar keine Mystik und ohne Ausnahme noch viel zu viel innere Bereitschaft für Bankkonten und Sparkassenbücher und viel zu viel, Gott in seiner Langmut scheinbar immer noch wohlgefällige, Sehnsüchte nach Lärm und Militär und kriegerischen Fahrten.
Die Russen sind eine asiatische Kinderschar mit einer unbeschreiblichen gläubigen Naivetät des Empfindens und einer ungeheuerlichen Bereitwilligkeit zu leiden und zu dulden.
Die romanischen Westeuropäer hatten die asiatische Geisteswelle, die mit den blonden Mauren über die Pyrenäen mit herrlichen Kulturen stäubte, mit ihrem europäischen Geist überwunden.
Heute ist der Anprall des eroberersüchtigen russischen Geistes auszuhalten. Lüge man sich doch nicht vor, Figuren Dostojewskis zu sein. Die Deutschen sind wahrlich näher bei Maupassant, so wenig elegant sie sind, als bei den Nervenkavalkaden dieses Asiaten.
Jedenfalls hat der europäische Januskopf heut nur diese beiden Gesichter.
Die Aufgabe der Deutschen könnte sein, von beiden nehmend zu erstarken und einen neuen europäischen Typ heraufzuführen, der in diesem Sinne noch nicht existiert. Das wäre ein großes und bedeutendes Unternehmen. Jedenfalls kann man nicht, wie von Hirnliliputanern geglaubt wird, so wenig wie einem Körper das Herz, der Zeit ihre Kunst aus dem Leibe schneiden und für sich allein gut präparieren und besehen. Man sieht dann wahrhaftig nicht mehr wie etwas Muskulatur, aber von Seele keinen Fetzen.
Wenn man sagt, es gäbe keinen deutschen Roman, in dem das Schicksal und die Seelengefahr und das tödliche Glück unserer Erdstriche so genau und schön gezeichnet sei wie in dem der Russen und Franzosen, spricht man gegen die Mentalität der Deutschen, aber nicht gegen ihre Kunst, der an Liebe und Begeisterung für ihre Größe und ihr Unglück eine andere voranzusetzen nichts anderes als eine lächerliche Einfältigkeit wäre. Der Mangel von heute kann jede Berufung von morgen sein und, wo aus der mangelnden Tradition her die Gleichheitslinien des Typus fehlen, ist wahrlich wundervolle Größe chaotisch getürmt.
Seit Gottfried Keller hatte man jedenfalls keinen Roman, der, Keyserling vielleicht ausgenommen, repräsentativ für den Ausdruck der Zeit und der nationalen Größe sich auch einem europäischen Publikum als der wahrhaft deutsche zeigen könnte.
Die Deutschen schrieben viel zwar über die Bäche und die Berge der Heimat, über die Eheirrungen der einzelnen Gesellschaftsschichten, über den Tod, sei er in Bülz oder Venedig zu Hause, über die Liebe, sei sie die des Verfassers der Göttinnen oder des wilden Panizza oder die christliche des Herrn Röttger, über die Kaufleute, sei es in Hamburg oder in Rottach, sei es von Ludwig Thoma oder der Boy-Ed oder dem Thomas Mann . . . das alles blieben zum Teil erbärmliche, zum Teil hinreißende Sachen, aber: es blieben Monologe und Konversationen von einer Coupéseite zur anderen, es wurde keine europäische Unterhaltung und es gab wahrlich keinen einzigen Geiger, dessen Ton in das Orchester der europäischen Konzerte einen Klang gebracht hätte, an dessen Wehmut und Stolz, an dessen Zerrissenheit und barbarischer Sehnsucht, an dessen Größe und Verhaltenheit ein internationales Publikum wie unter einer magischen Berührung gar kein anderes Gefühl hätte haben können, als daß dies lediglich der deutsche Ton sein könnte und nichts anderes auf dieser schiefen Welt.
Diese Mission in diesem Sinne kommt den Deutschen heute nicht zu. Aber auch die germanische Repräsentation ist ihnen nicht zugefallen.
Sie sind von slawischen und romanischen Meeren zu sehr umfaßt, als daß sie nicht im rein Germanischen schon sehr zersetzt seien. Selbst Goethe stammt aus dem romanischen Bereich, und der große Imperialist Bismarck war zur Mehrzahl Slawe.
Auch die Engländer, die politisch festgehalten waren, haben keinesweg anständig Germanisches geschaffen. Ihre prärafaelitische Mystik schwimmt in verdammtem Parfüm, Shaw ist ein sozialistischer, Chesterton ein katholischer Kelte. Das Volk hat ungewöhnliches Weltgefühl und eine Linie in die europäische Tafel gezogen von Schärfe und Kontur wie kein Volk, aber über das Zivilisatorische hinaus grenzt ihre geistige Anmut an den Kitsch. Mit Staatsmännern, Shagpfeifen, Börsen, Hockey und Burburry-Mänteln erobert man vielleicht die Erde, aber nicht die geistige Größe. Die englischen Germanen sind berufen, in der Wirklichkeit der Tatsachen jene weltmännische Rolle zu spielen, die im Geistigen hier ohne Pause gesucht wird.
Diese Rolle ist nach Skandinavien gelegt worden, und es ist ein seltsames Verhältnis des Ausgleichs, wie sehr diese kleinen Länder, die politisch bedeutungslos sind, bei denen von Eroberung der Welt wenig die Rede sein kann, und die auch sonst abseits des weltlichen Getriebes liegen, geistig eine Rolle spielen, die in einem riesenhaften Verhältnis zu ihrer sogenannten Macht steht.
Hier hat das Germanische sich am geschliffensten und echtesten erhalten. Da ist sein Zentrum zurückgekehrt in den Norden, aus dem die Ströme der Völker seinerzeit ausgeflossen waren.
Da haben die Menschen noch die weißblonden Haare und die gereckte Kühnheit, die sie gegen die Gletscher und das Eis einst kämpferisch stellte. Sie sind voll vom Blutsaft der alten Traditionen, auf den Färöerinseln singt man noch die altnordischen Weisen, in Lappland lebt der alte Götterglaube noch. Dazu hat sich angesammelt, was die Wikingerfahrten aus südlicher Süße, von syrakusaner Himmeln und afrikanischen Sonnen mitgebracht haben, und die Tragik der lombardischen und keltischen Züge, die Schicksale jener nordischen Horden, die teils an den romanischen Mauern sich zerschlugen, teils neue Reiche bauten, hat sich erlesen in ihnen ausgereift. Es ist etwas müd äußerlich in den Gedanken des Nordens zurückgekehrt. Die imperialistischen Träume sind geträumt.
Die Rolle hat jedes Volk einmal gespielt, die Welt beherrschen zu wollen, selbst Holland und Portugal und Belgien schritten auf dem Regenbogen des Machtwahnsinns daher, aber die Vorsehung spielt ihr Ablösungsspiel mit immer erneuter Ironie, doch kein Volk hat den Blick, ihre Komödie zu durchschauen, und jedes rennt fanatisch und mit irrsinnigen Rufen, die alten Masken vorm Gesicht, auf die Kanonenrampe.
Schweden hat die Epochen seiner Eroberungen mit Karl dem Zwölften begraben, Dänemark führt keine Eroberungszüge mehr, um den Norden zu unterjochen. Von Norwegen stoßen keine Seeräuberheere mehr nach der Provence und Sizilien. Das ist vorbei.
Die Zeit der Maschinenschlachten und der Dutzendmillionenheere hat Resignation gebracht. Wenn Europa nicht stirbt, gibt es vielleicht einmal eine spätere Zeit, die auf diese Landreservate zurückgreift, um sie mit weiserem Hohn lächelnd gegen die aufgeblasenen Sieger von heute auszuspielen.
Vielleicht sind es dann geistige Waffen, mit denen sie siegen oder irgendein Instrument, das vorzieht, bei der Minderheit nur zu funktionieren. Vielleicht lernen sie die Sonne einzuwecken oder das Kohlenatom zu sprengen, um mit zweitausendmal mehr Dynamik in das europäische Konzert zu treten.
Zwei Jahrzehnte nach Neunzehnhundertzwanzig ist von all diesen Weltdingen bei ihnen kein Wort mehr fällig. Sie sitzen machtpolitisch auf dem Trockenen und wissen es nicht anders. Auch industriell sind sie nicht allzuglänzend eingerichtet, im Krieg hatten sie zum Teil kein Brot und wurden von Amerika wegen deutscher Sympathien schlecht behandelt, Norwegen ausgenommen, wo man die Deutschen gerne schlachtete, weil sie den Reedereien das Geschäft mit den Ubooten allzusehr erschwerten.
Aber in all diesen prächtigen germanischen Figuren ist die Erinnerung ihrer mythischen Vergangenheiten noch wach, ihre Träume sind belastet mit der reinen Größe der Jahrhundertfahrten, und die Edda und die Zaubersprüche haben sich nicht verloren bei dieser direkten Rasse.
Vor allem stehen sie der Mystik näher, ihre langen weißen Nächte und die Herbheit der Landschaft und die Größe der unsterblichen Meere verweben sie in höher gespannte Zusammenhänge.
Der nordische Mensch ist ein nüchterner Kostgänger, gut und sehnig gewachsen, voll beispielloser Körperkultur, aber in dem Leben des Geringsten unter ihnen nähert sich irgendeine Stelle schon dem Übersinnlichen.
Ihnen strömt das mystische Element aus der Nähe der unheimlichen Erdpole und aus der götternahen Schwere ihres nördlichen Blutes zu.
Bei den Franzosen erschöpft sich das Mystische in den Kathedralen oder in legendärer Katholischkeit, die Italiener pirschen sich darin bereits über den Eros in die glatte Sinnlichkeit, bei den Deutschen schwält es durch das Grüblerische zu der lodernden Ekstase. Die Slawen haben es bis in die Fingerspitzen der Nerven gezogen und haben sich damit bis in die Geisteskrankheit begeben mit der Form, wie sie dem Dämon des Leids sich fatalistisch schenken.
Bei den Nordländern ist eine wundervolle Brechung des Lichtes. Da scheinen Athleten und sachliche Sportsleute wie vor einem übersinnlichen Gestrahl zu scheuen, es dringt in ihr Blut und sie haben alle für ihr ganzes Leben eine Zweigespaltenheit, indem ihre Härte immer gegen das Verschleiernde in ihnen kämpft.
Sie sind wie gegen ihren Willen einbezogen in Zusammenhänge jenseits ihrer Welt. Sie stehen immer zur Hälfte in der unwirklichen Existenz der langen geheimnisvoll weißen Nächte des Sommers. Sie besitzen fast alle ein Geringes vom zweiten Gesicht.
Wenn ihre nördlich gefahrenen Schiffer aus der Zone der höheren Wendekreise zurückkehren, dann sehnen sie sich wie Verschmachtende nach dem Dunkel, sie haben wochenlang keine Nächte gehabt und konnten nicht schlafen und sie begehren das Dunkel mit Inbrunst wie man nach Geliebten aus ist, sie haben das Verlangen nach Nacht, um sich vor der übergroßen Helligkeit dahinein zu verkriechen.
So ist die Seele aller nordischen Menschen durchschienen, sie haben alle den Drang nach etwas auszubrechen, was außerhalb ihrer täglichen Welt ist. Es ist, als sei der Nordpol mit sagenhaften magnetischen Kräften auf sie gerichtet und ziehe sie in Richtungen, wohin sie nicht wollten, und wohin es sie dennoch dunkel verlangt.
Das ist die Spaltung in dem nordischen Menschen, sein Konflikt, sein tragischer Schnitt. Nach Überlieferung der Geheimlehre der Vorzeit ist der Raum, in dem wir leben, mit einem anderen unsichtbaren Raum ausgefüllt, und in den Häusern und Straßen und Landschaften leben andere uns nicht erreichbare und erfühlbare Kreaturen der Götter. Das ist das Sinnbild des nordischen Menschen. Das Gerüst seines Körpers ist nur zum Teil sein Bau. Wie von ultravioletten Strahlen erzeugt, die nicht gesehen werden können, aber dennoch wirklich sind, ist in ihm ein anderes Doppelleben, von dem er selbst nicht viel weiß.
Dies andere Leben ist der Schlüssel seines Geheimnisses und erklärt die Unbegreiflichkeit seines Wesens und seiner Schicksale und ist der schöne Reiz all seiner Untergänge. Es ist das Furchtbarste und das Herrlichste an ihm. Die nordischen Menschen tragen alle den geheimnisvollen Kranz unsichtbar, wie die antiken todgeweihten Jünglinge. Was sie auch tun und denken, ist nur ein wacher Traum, denn plötzlich tritt ihre gespenstische andere Seelenhälfte an die Stelle der sichtbaren ruhigen und klaren und fährt das Schiff ihres Daseins in den Nebel, und Sein und Nichtsein tauscht sich erschreckend aus.