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Kasimir Edschmid
Das rasende Leben: Zwei Novellen

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2022
EAN 4064066110383
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelblatt
DAS BESCHÄMENDE ZIMMER
DER TÖDLICHE MAI
DAS BESCHÄMENDE ZIMMER
Inhaltsverzeichnis
DEN ABEND war ich bei einem Freunde. Wir waren allein. Wir hatten uns in politischen Dingen ausgerast. Wir hatten Tee getrunken, der — ich glaube — sehr leicht nach dem Haar von Kamelen roch. Er sprach von einer Jagd in Turkestan. Darauf sagte ich einiges und beiläufig von Wintertagen bei Utrecht. Dann redeten wir lange wieder von Paris. Ich hatte gerade die Schattenspiele der Connards erwähnt und wollte anfangen, von dem merkwürdigen Effekt zu erzählen, als ich Wolfsberg ohne Bart am Square de Vaugirard traf ... da war mein Freund, der ganz ruhig gesessen hatte, wie unter einem lang zurückgehaltenen Entschluß rapid aufgestanden und hatte mich durch sein Bad in ein Zimmer geführt, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte.
Er hob den Arm. Zwei Lichter am Fuß der Wände füllten sich langsam mit prächtigem Licht und strichen in warmen Flutungen und Bündeln die honiggelben Seiten hinauf. Dann öffnete er das große Fenster nach der Straße und schob eine Jalousie vor das Loch. Sein Profil stand rasch, von Abenteuern zerfetzt, aber gütig, vor dem hellen Tuch ... dann waren nur seine Hände da, die grotesk waren in ihrer Röte und noch mehr wie sonst denen eines Matrosen ähnlich schienen, wo sie allein von Licht überspielt dastanden. Kraft, die in Weichheit gebändigt war, ging von allen seinen Bewegungen aus.
Dann öffnete er gegenüber zwischen zwei Schränken das Schiebefenster zum Garten. Sommerliche Nacht strich herein. Das Tuch lehnte sich tief aus der Füllung. Schatten überschaukelten den Teppich und an den Wänden zog ein Klappern hin. Es war ein melancholisches unangenehmes Geräusch. Als ich aufsah, lächelte der Freund, wies mit halbgedrehter Hand auf die Bilder, die die hohe und breite Mauer in einem Gurt durchschnürten, daß über und unter ihnen eine gleiche Fläche glänzender Tapete freiblieb. Sie hingen an Stricken, Bändern, Seidenkordeln und Tauen. Einige bedeckten sich fast völlig, manche überschnitten sich mit den Rahmen und bildeten in allen Stufen und Farben zusammenhängend ein eigentümliches Mosaik.
Wies auf die Bilder und sagte: „Es ist keines darunter, in dem nicht ein Erlebnis wühlte. Es ist eine Laune oder ein Experiment. Ich muß es abwarten. Ich habe sie hier aufgehängt ohne Auswahl, ohne Ordnung, je wie ich hierher zurückkehrte und wie es mir gefiel. Es liegen Jahre in manchem eingeschlossen und strömen sich aus.
Oft ist mein ganzes Zimmer hier voll von dem Frühling in Paris. Dieses Bild ist die Schaukelnde des Fragonard. Sie hat das eine Bein zurückgezogen, das andere zieht in dem trotzigen Aufschwung noch die Volute der losgeschnippten Pantoufle nach, und um diese graziöse Entblößung fällt das Schwebende der weiten Robe und der Duft der Farbe, der gleich einer Wolke darübersteht.
Ich kaufte es eines Abends an einem Tag, da wir morgens nach St. Germain gefahren waren. Es war der erste jener bezwingenden Tage, die aufquellen aus einer gleichgültigen Nacht und voll sind von der Zärtlichkeit des Blaus und der warmen Stille einer Verheißung. Wir standen auf den Dächern der Waggons, die starrten von Ruß. In den Gärten brachen die Mandelbäume auf. Wir liefen wie ganz junge Hunde die Quere durch den Park. Es gibt in dieser Zeit nur eine Seligkeit: fühlen, wie das Spiel der Muskeln um eine Freude herum erwacht. Wir lachten und liefen, sprangen über Hürden, öffneten eine Holztür mit Lilien ... und dann wußten wir erst, daß wir Eindringlinge seien: als wir gerade hineintraten in das Rondell.
Aus einem Bogengang ließ sich eine Schaukel nieder. Eine Dame saß darin. Sie trug ein dünnes hellrosa Kleid. Wir sahen sie vom Rücken. Ihre Arme umfingen die beiden Schnüre und zogen sie in einer lässigen Knickung zusammen, wobei sie sich etwas nach rechts lehnte. Ihre nach vorn vereinigten Hände mußten etwas halten, über das sie den Kopf senkte. Es war so still, daß man die Schaukel quietschen hörte, wenn die Dame am vorderen Auslauf sich mit dem einen Bein an einem in rotpunktierten Blüten stehenden Aprikosenbaum abstieß, während sie das andere hastig zurückzog. Dabei senkten sich jedesmal eine Handbreit Spitzen unter dem Brett augenblickslang über ein sehr zierliches Bein.
Dann hörte sie uns. Sie glitt von dem Holz. Ihr schmaler weißer Kopf senkte sich schräg. Sie raffte mit einer schützenden Bewegung die dünne und kurze Matinee. Damit gab sie sich noch mehr preis. Wieder erschien ihre Wade in dem glänzenden Strumpf und der noch hellere Schuh. Allein das merkwürdige war ... sie ward nicht rot, nicht verlegen, sagte nur mit einer Stimme, die kindlich war, anklagend, alles war und umschloß in Inhalt, Tiefe und Modulation dieses ‚Good morning‘ — nur dieses —, schritt langsam, ohne wieder herzusehen, in einen Seitenweg.
Wir zogen uns zurück.
Ein Erlebnis wie ein Pastell ... sagte einer.
Kindlich, dachte ich, niedlich, ästhetisch! Verstehen Sie! Es war kein Herr dazugekommen, niemand hatte gerufen, etwas gesagt, nur ein Geräusch: good morning.
Aber am Abend im aufheulenden Lärm des Boulevards kaufte ich dies Bild. Manchmal hörte ich den Klang der Stimme nachts im ganz Stillen, oft am Meer, im Orkan der Versammlungen, im Räderstampfen und in der Explosion der Dampfer. Jetzt im Augenblick rieche ich, physisch — Sie lächeln — ich rieche jeden Geruch jenes Morgens, das Feuchte vom Boden, das Arom der Luft zwischen den Knospen, den Aprikosenbaum und das Warme darüber. Sie sehen, mit welch wahnsinniger Intensität sich ein Erlebnis einfressen kann, das wir zuerst flach empfinden und leicht ablösbar wie die Spur des Atmens an einem Spiegel ... und das bleibt, stärker und nachwirkender wie das Ungeheuere im ersten Erblicken eines anderen Erdteils, wie verstörter Ehrgeiz und Tod der Schwester. — — —
Ich habe stets das gedacht, was mich retten konnte. Darum liebe ich jenes Bild. Es ist wenig daran. Eine alte Radierung, zwei alte Menschen, ganz dunkel, um die Köpfe nur ein wenig Licht. Ich dachte mir einiges Angenehme dazu. Es half mir. Ich lag damals immer zu Bett, krank und mutlos. Ein kleines Mädchen schenkte es mir, das abends in den Vorstädten geigte. Ich besinne mich vergeblich auf ihre Haltung. Ich weiß keinen Zug mehr von ihrem Gesicht. Aber ich weiß, wie sie das Bild auf meine Decke legte und ihren grauen baumwollenen Handschuh daneben, der irgendwo dunkler geflickt war. — — —
Der Goya da kam eines Morgens als Paket in graues Sackpapier eingeschlagen. Mag sein, daß ich mißmutig war. Riß es auf, und der Riß fuhr in ihn hinein, klaffend bis mitten in die Kampfszene. Genau zwischen Stier, der den Nacken zum Stoß einzieht, und Pferdebauch und gerade über den schnelleren Heft der Lanze.
Er kam von einem Brasilianer, mit dem ich eine Nacht fuhr von Kowno nach der Grenze. Es war Schneesturm. Er sagte mir mit Leidenschaft vieles von seiner Heimat: dem fürstlichen Meer des Amazonenstroms, den glühenden Nächten, die sie erträglicher machten durch das Genießen unzähliger Kannen sehr heißen Kaffees, und dem Gekreisch der Papageienherden.
Der Sturm brach sich an der Böschung, drückte mit blödsinnigen Stößen auf den langen Leib des Zuges. Wir wurden warm und zogen zusammen das Fenster herunter. Sofort zerbrach es. Die Scheibe spritzte uns ins Gesicht. Wir bluteten mit vielen kleinen Wunden. Der Wind knallte das andere Fenster hinaus, die Rahmen krachten. Schnee stopfte uns den Mund voll, wenn wir sprechen, rufen wollten, wir würgten, konnten nicht atmen. Pse! lachte der Brasilianer. Mehr hörte ich nicht.
Hagel klatschte uns gegen das Gesicht, das anschwoll, schmolz daran, und fror im gleichen Augenblick in einer Maske von Eis wieder vor. Wir sahen aus, als hätten wir Gesichter aus Glas oder von roter Gelatine. Denn wir bluteten sehr und lachten.
Es ist auf dem Bild des Stierkampfs nur die unterste Reihe der Zuschauer zu erkennen. Doch es scheint: eine Welle von Wut und Ekstase sei das Amphitheater in einer Kaskade hinuntergestürzt und habe sich in diesem Parkett bäumend gestaut.
Es ist eine schwere Lache Blut auf dem Bild.
Der Stich liegt auf einem alten gelben Papier, das vor Leidenschaft knistert, wenn die Sonne durch das kleine Fenster in einer Säule darauf steht.
Ich denke gern an diese Nacht.
Aber ich liebe noch mehr jenen Sommer, in dem alle Tage waren wie jene Nacht.“ (Er hob mit steifem Arm eine breite, weißgerahmte Radierung heraus, daß die Schnur sich straff ins Zimmer spannte, und blieb, sie auf der hohlen Hand wiegend — die andere in der Tasche — stehen.) — „Man kann nicht anders empfinden: Alles ist hier bezwungen von dem bleichen Weg. Sei es, daß er zwischen dunklen Hügeln in einer geheimnisvollen Biegung läuft, ... ob dämmrige, schwere Fischerhäuser nebenan der Düne liegen mit verglasten Luken und dann der Spuk der Telegraphenstangen ihn begleitet bis zu dem Kreuz auf dem Hügel ... mag sein, daß das alles die geballte Atmosphäre gibt von Trauer, Unheil und ganz schwachem süßem Licht am Horizont ... ganz groß und so, daß er all dies missen könnte, ist nur der lange weiße Gang des Wegs, der sich langsam mit unheimlichem Wollen, steigend, verblassend, in den grauen Himmel über den Dünen wie in ungeheure, frevelhafte Übersinnlichkeiten hinausschraubt.
Es ist ein Sujet aus Bornholm von dem jungen Radierer Georgi. Ich traf ihn auf einem Petroleumsegler von Kopenhagen nach den Faeroers. Wir waren die einzigen Passagiere. Und die einzigen Fremden (wenn wir einen kleinen Botaniker, der nach drei Tagen von einem unmöglichen Hügel abstürzte, nicht rechnen) auf den Faeroers von Anfang Juli bis in den Oktober hinein, der schon Eis brachte von Island her.
Wir lebten jeder in einem anderen Fischerdorf. Er zeichnete. Ich schrieb, nein ich fischte, schoß mit einem siebenendigen Kugellazo nach Vögeln und liebte die breiten Mädchen. Meistens war Sturm. Er kam und man fühlte ihn rund oder blau und so stets wie als könne man ihn packen irgendwo. Oft schien es, er flösse aus einer immer breiteren metallenen Hülse, dann stieg er auf der See hoch gleich einem Segel und überschwemmte in einer plastischen Strömung den Strand.
Häufig lagen wir einen ganzen Tag auf einer Klippe, die in rechtem Winkel hinabsauste zum Meer. Wir hatten die Köpfe in den Arm gewühlt. So raste der Wind. Ganz hell, fast weiß war der Himmel. Wir konnten nicht aufstehn. Er hätte uns hinuntergeweht. Ganz sacht vielleicht, spielend wie ein Stück Tuch, locker es aufhebend, kreisend, rasch senkend und dann aufs Wasser legend. Wer weiß! Zeitweis hielt ich mit aller Kraft (er machte eine Parade als zerknackte er etwas im Armgelenk) einen Block vor den andern, auf den er Striche setzte. Wie hinter einer Barrikade verschanzt und in atemloser Eile. So raste der Wind.